Vodafone, privilegierte Spiegel-Autoren und die Entdeckung des Sozialvampirs

Basic Thinking-Blogger Christian Wolf wundert sich über die vodafonistische Wutrede von Spiegel-Kolumnistin Silke Burmester und das nicht zu knapp:

„Hier geht es schließlich nicht um einen abgeschlossenen Vorgang – der Anschluss ist ja noch nicht geschaltet. Vielmehr soll dem ein wenig nachgeholfen werden. Und zwar in eigener Sache. Was eignet sich da besser, als die wöchentliche Kolumne bei einem der größten deutschen Nachrichtenportale – inklusive empörter Leser als Claqueure.“

Was trotz aller berechtigten Kritik am Kunden-Service deutscher Telko-Unternehmen vor allem bleibt, sei eine Journalistin, die ihre privilegierte Position erstaunlich ungeniert zum persönlichen Vorteil ausnutzt.

„Ich wette, Vodafone schaltet den Anschluss nun innerhalb weniger Tage (unter Mithilfe der Telekom) frei. Gratulation schon einmal im Voraus, Frau Burmester. Ich freue mich wirklich für Sie“, frotzelt Wolf, der an der Unabhängigkeit der Spiegel-Kolumnistin zweifelt.

Sie würde ja eigene Interessen instrumentalisieren und ihre reichweitenstarke Kolumne für schnöde materielle Ziele einsetzen. Ok. Also das Verlangen nach einem Telefonanschluss ist ja auch wirklich anmaßend. Da liegen doch Parallelen mit den gesponserten Luxusreisen eines hochrangigen Ex-Politikers förmlich auf der Hand.

Das Schöne am Social Web-Leben ist allerdings, dass für diese Service-Hotline-Wutreden „privilegierte“ Autoren gar nicht mehr nötig sind. Pünktlich zu Halloween gibt es nämlich eine gar nicht mehr so überraschende Entdeckung, die das Unternehmen Genesys gemacht hat – übrigens ein Anbieter für Technologien in der Kundenkommunikation – die müssen es ja wissen. Es ist der Sozialvampir.

Zu dieser Jahreszeit denkt man unweigerlich an dunkle, kalte Nächte, in denen blutsaugende Kreaturen wie dereinst Klaus Kinski in Nosferatu oder Graf von Krolock in Tanz der Vampire bei Vollmond in unsere Schlafzimmer schleichen.

Nun gibt es eine moderne, besonders bösartige Variante dieser Blutsauger, die keinesfalls Schlafzimmer betreten und denen man auch nicht mittels Knoblauch oder Kreuzzeichen zu Leibe rücken kann: Die Rede ist vom „Sozialvampir“, einer Web-Weiterentwicklung des Trolls, der in den sozialen Netzwerken à la Facebook entstanden ist. Und diese Spezies quält ausschließlich Unternehmen.

Dieser Sozialvampir will Blut sehen: Am besten die Hauptschlagader der Unternehmen. Diese Vampire hinterlassen tödliche Bisswunden in dem Markenauftritt der Anbieter. Kaum glaubt man, sie losgeworden zu sein, stehen sie erneut von den Toten auf. Und sie jagen ihre Opfer auf den sozialen Kommunikationswegen – ob Facebook, Twitter oder Kundenforen.

Der Sage nach werden von Vampiren Gebissene desgleichen zu Vampiren. Im Unterschied dazu sind Sozialvampire Geschöpfe, die das Unternehmen selbst hervorgebracht hat. Es sind Kunden, die sich gegen das Unternehmen wenden und sich daran gütlich tun. Doch warum entwickelt ein Kunde soziale Reißzähne? Warum will er den Firmen sprichwörtlich an die Gurgel gehen? Ursache ist meist ein schlechter Kundenservice, liebwerteste Basic Thinking-Blogger. Jeder Kunde ist enttäuscht, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt werden. Doch enttäuschte Kunden wenden sich üblicherweise relativ geräuschlos vom Unternehmen ab. Die Verwandlung in einen Sozialvampir ist komplexer.

Sozialvampire sind durch Frustration und ein Gefühl der Kränkung getrieben und fühlen sich alleingelassen. Mit folgenden Fragen kann man sehr schnell herausfinden, auch Vodafone, ob und wie Unternehmen selbst zum Sozialvampirismus beigetragen haben. in

Wie einfach ist es für Kunden, zu einem Wettbewerber zu wechseln? Je schwieriger es ist, einen anderen Anbieter zu finden, umso mehr sind die Kunden darauf angewiesen, Probleme über den Service des alten Anbieters zu lösen.

Kümmern sich die richtigen Personen um die Probleme der Kunden? Je länger es dauert, eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten, umso mehr tragen Anbieter zur Unzufriedenheit bei. Der Grad der Unzufriedenheit steigt drastisch, wenn mehrere Gespräche erforderlich sind.

Wie gut ist der Kundenservice erreichbar? Unternehmen sollten an alle nur möglichen Kontaktpunkt denken und keine Diktate für den Kundendialog vorschreiben. „Ich möchte als Kunde aus meinem jeweiligen Kontext heraus entscheiden, wie ich mit meinem Dienstleister kommunizieren möchte“, fordert beispielsweise Andreas Bock, verantwortlich für Social Media Sales & Service Internet bei der Telekom Deutschland. Siehe auch: Über die mangelhafte Warteschleifen-Ästhetik im Kundenservice – Das „Bitte-nicht-anworten@“-Syndrom.

Wie schlüssig ist der Service? Ein Kunde, den Ihr Unternehmen einmal wie eine Lichtgestalt und ein anderes Mal wie einen Fürsten der Dunkelheit behandelt, wird sich vor allem an das schlechte Erlebnis erinnern.

Fazit: All diese Faktoren können einen unzufriedenen Kunden in einen wütenden Kunden verwandeln. Doch ein wütender Kunde hat noch nicht das Stadium des „digitalen Untoten“ erreicht. Denn ein Sozialvampir setzt noch eine Eigenschaft voraus – Kenntnis der sozialen Netze.

Per Definition leben Sozialvampire in sozialen Medien – sie scheuen nicht das Licht der Netzöffentlichkeit – im Gegensatz zu den Unternehmen. Es wäre also fatal, darauf zu setzen, dass die besonders verärgerten Kunden keinen Zugang zu sozialen Medien haben, denn:

Der Trend zu sozialen Medien ist allgegenwärtig. Immer mehr Menschen kommunizieren über Twitter, Facebook und Kundenportale. Das verschafft den sozialen Netzen großen Zulauf.

Und es gibt einen Automatismus: Je mehr Mittel das Marketing in soziale Kampagnen steckt, umso mehr Kunden finden sich auf sozialen Kommunikationsplattformen ein, die diese Kommunikationswege als eine Art Kundenservice betrachten. Da helfen dann die berühmten Hochglanzbroschüren-Sprüche des Marketings nicht mehr weiter.

Es spricht sich herum, dass Beschwerden auf Twitter, Facebook und Co. nicht ohne Wirkung bleiben. Warum sollte ein ansonsten zufriedener Kunde nicht zum Sozialvampir mutieren, wenn er damit „lauter“ auf sein Anliegen aufmerksam machen kann?

Spiegel-Kolumnen sind für diese Effekte gar nicht mehr nötig. Ein Kolumnist hat aber das gute Recht, seine eigene Lebenswirklichkeit – auch die Begegnungen mit der Hotline-Hölle – publizistisch zu verarbeiten. Und eine Telefonanschluss ist heutzutage mit Sicherheit keine Privileg mehr. Mehr zu den Selbstverständlichkeiten in der vernetzten Service-Ökonomie in meiner morgigen The European-Kolumne.

Ob über diese Fragen in der Service-Welt wirklich Klarheit herrscht, verhandeln wir bei unserem nächsten Blogger Camp am 28. November von 18,30 bis 19,00 Uhr. Thema: “Einfachheit: Bin ich zu doof oder ist es die Technik?” Und von 19,00 bis 19,30 diskutieren wir über „Neue Konzepte der vernetzten Kommunikation – von virtuellen Messen bis zur Kundenberatung via Google Hangout“.

Die erste Session läuft in Zusammenarbeit mit dem Smart Service-Blog. Mit dabei ist auch Andreas H. Bock, Autor des Buches „Kundenservice im Social Web“. Vielleicht stößt ja ein Vertreter von Vodafone dazu. Wir senden aber live ohne Autorisierung und Sprachregelung – sozusagen eine Disputation mit Kontrollverlust.

Lesenswert auch der Beitrag von Ityx-Manager Andreas Klug: iService: der nächste Wandel kommt bestimmt:

„Smart Grid, Smart Cars, Taxiruf als App: eine moderne, vernetzte Service-Ökonomie beginnt klassische Domänen des telefonischen Kundenservice zu verdrängen. Alltägliche Transaktionen lassen sich durch Smartphone-Apps und lernfähige Software erledigen. Diese Entwicklung wird Call Center verändern. Die nächste Technologiewelle rollt. Und sie wird unser Kommunikationsverhalten grundlegend verändern. Der Tarifwechsel beim Telekommunikations-Provider, die An- und Ummeldung von Stromzählern, Fragen zur Bedienung von Elektronik-Produkten: Konsumenten entwickeln ihre eigene Vorstellung von Service-Ökonomie. Als Treiber dieses Trends gelten Smartphones und Tablet-PCs, die es den Konsumenten ermöglichen, jederzeit und überall online zu sein.“

Zalando und die Heizdeckenverkäufer des Social Web

Auf der Versandhandelstagung NEOCOM waren sich die Experten nach Beobachtungen von Smart Service-Blogger Bernhard Steimel einig: Social Media taugt nicht als Verkaufsinstrument. Und selbst Zalando, der aktuelle Star des Online-Handels, stellt klar, dass Social Media im Marketing-Mix keine tragende Rolle spielt.

„Auf Social Commerce will derzeit niemand eine Zukunftswette abschließen. Nachdem einige Misserfolgsmeldungen die Runde machen, scheint die erste Euphorie-Welle verpufft und man will zur Tagesordnung übergehen“, so Steimel.

Es handelt sich wohl um ein großes Missverständnis im Umgang mit sozialen Netzwerken. Die liebwertesten Gichtlinge der Heizdecken-Verkaufsabteilung sollten mehr über die Worte „Social“, „Partizipation“, „Kultur der Beteiligung“, „Offenheit“, „Liquid Democracy“ und „Open Data“ nachdenken, bevor sie ihre Couponing-Orgien im Social Web fortsetzen und sich über die kollektive Nichtbeachtung im Netz wundern. Das Couponing-Syndrom brachte ja Acquisa-Chefredateur Christoph Pause bei der Netzintelligenz-Runde des Blogger Camps ins Spiel.

Die aalglatten Verkaufsmanager hängen immer noch an der Marketing-Ideologie des 19. Jahrhunderts, wie Steimel in seinem Blog ausführt:

„Das von Elmo Lewis im Jahre 1898 entwickelte AIDA-Modell bildet noch heute die Basis der meisten Marketing-Programme und Kampagnen. Es basiert auf der Idee, durch gezielte Information Konsumenten Schritt für Schritt zum eigenen Produkt zu führen. Jedoch spiegelt das Modell immer weniger den tatsächlichen Kaufentscheidungsprozess wider.“

Laut einer McKinsey-Studie aus dem Jahre 2009 werden zwei Drittel der Informationen im Kaufprozess durch Empfehlungs-Kommunikation bestimmt und nur noch ein Drittel durch die Hersteller-Kommunikation.

Und das wird sich weiter verschieben zugunsten der Kunden verschieben. Beispiel E-Plus-Base…..

„Unsere Untersuchungen bestätigen den Trend und untermauern die Bedeutung des sozialen Filters bei Kaufentscheidung. Damit verlieren die Marken die Kontrolle über die Kundeninteraktion und damit über die Marken-Wahrnehmung und die Kaufentscheidung“, erläutert Unternehmensberater Steimel.

Wie social beispielsweise der „Star des Online-Handels“ wirklich ist, der fast auf keiner Folie bei Tagungen über Trends der digitalen Wirtschaft fehlt, kann man an der ZDF-Zoom-Reportage betrachten:

Es werden zwar Millionen für die Suchmaschinen-Optimierung, für Adwords-Kampagnen und Fernsehwerbung ausgegeben. Wer hinter die Kulissen der bunten frauenkreischenden Zalando-Welt blickt, entdeckt Arbeitsverhältnisse, die ich nicht als sozial werten kann. Man braucht sich nur die Container in dem Logistik-Zentrum und den Kommandoton der Vorarbeiterin anschauen, um sich einen Eindruck von der „Unternehmenskultur“ zu verschaffen.

Wie offen hat denn das Zalando-Management auf die ZDF-Undercover-Reportage reagiert? Diese Frage habe ich Zalando kurzerhand auf Facebook gestellt und darum gebeten, die Antwort im Lichte der Netzöffentlichkeit zu posten – also schön social.

Eigentlich wollen die Unternehmen weiter in Ruhe ihr Ding machen und nicht von Konsumenten gestört werden.

Man merkt das auf Konferenzen bei kritischen Zwischenfragen oder eben auch bei öffentlichen Diskursen, die nicht nach den Regeln der Schönwetter-Propaganda des Marketings ablaufen. So wird das nichts im Social Web.

Vielleicht brauchen die Heizdeckenverkäufer in den Top-Etagen auch eine „Industrialisierung der Fantasie“, wie es Thomas Sedlaczek in einem Beitrag für die erste Printausgabe des Online-Debattenmagazins „The European“ zum Ausdruck brachte: Gehandelt werde nicht mehr mit Gegenständen, sondern mit Gefühlen.

Wie sich die Unternehmenskultur ändern sollte, ist auch Thema meiner morgigen Service Insiders-Kolumne. Über Meinungsäußerungen würde ich mich wieder sehr freuen. Per Mail (gunnareriksohn@gmail.com), über Blogkommentare oder vielleicht auch spontan über einen Live-Hangout. Das würde morgen so gegen 10 Uhr gehen.

Wie Schein und Sein in der Wirtschaftswelt auseinander fallen, kann man übrigens sehr schön an den neuen Ergo-Skandalen ablesen. 

Vernetzungsintelligenz im Kundendienst: Smarte Apps statt inkompetente Beratung #bcn

Ob zu Land, auf dem Wasser oder in der Luft, vernetzte Services sind in Deutschland ein Fall für den Dilettanten-Stadl, so mein Einstieg für die Service Insiders-Kolumne, die ausnahmsweise mal wieder am Montag veröffentlicht wurde (eigentlich erscheint sie ja regelmäßig am Freitag).

Statistisch sind wir schon längst eine Dienstleistungsökonomie und keine reine Industrienation mehr. Trotzdem fallen die Investitionen für perfektes Service-Design immer noch kläglich aus, wie Andreas Klug von der Kölner Softwarefirma Ityx beim virtuellen Blogger Camp bemerkte.

Wer als Kunde via Post, Telefon, Fax, Chat oder Social Web mit Unternehmen in Berührung kommt, wird unversehens in die Buchbinder-Wanninger-Warteschleifen-Groteske von Karl Valentin katapultiert:

„Einen Moment bitte, ich verbinde Sie mit der Verwaltung, gell.“

Eine Vernetzung in der Kundenkommunikation findet nur selten statt. Da weiß die eine Hand nicht, was die andere macht.

Von einer in sozialen Netzwerken gelebten Kultur der Offenheit, Beteiligung und des Dialogs auf Augenhöhe sind die Service-Organisationen so weit entfernt, wie der Papst von der Abschaffung des Zölibats.

„Dabei bieten die im Social Web gebotenen Technologien immer mehr Möglichkeiten, eine Enterprise 2.0-Organisation auf die Beine zu stellen, um intelligenter, personalisierter und direkter mit den Kunden in Kontakt zu treten“, sagte Netzwerkexperte Bernd Stahl von Nash Technologies beim Vorbereitungsgespräch auf das Blogger Camp.

Auch im Laufe der ersten Session des virtuellen Blogger Camps ist nicht nur über die Untiefen des Rundfunkstaatsvertrages und dem Angebot von Bundeswirtschaftsminister Rösler zur Novelle des Gesetzes gesprochen worden, sondern auch über die debilen Gesprächsformen der Firmen in sozialen Netzwerken diskutiert worden, die Acquisa-Chefredakteur Christoph Pause sehr treffend als Social Couponing-Phänomen bezeichnete. Kommt ab der 28. Sendeminute:

„Um von der Servicewüste in die blühenden Landschaften der digitalen Vernetzung zwischen Unternehmen und Verbrauchern zu kommen, müssen die Investitionen für Kundendienste deutlich steigen. Nach einer IBM-Studie sind im vergangenen Jahr rund 500 Milliarden Dollar in den USA in Marketing gesteckt worden. Nur 20 Milliarden wurden für das so genannte Kunden-Beziehungsmanagement aufgebracht. Und gerade einmal ein Betrag von acht bis neun Milliarden wurde direkt in den Kundenservice gesteckt. Verbraucher sind anscheinend für viele Firmen leider immer noch ein unangenehmes Anhängsel“, kritisiert Klug.

Apps als Kundenversteher

Es fehle der Mut, neue Weg zu beschreiten.

„Warum gibt es keine Smartphone-App ‚Ich will einen Stromanschluss haben’. Ich tippe den Dienst an und werde durch ein Menü geführt. Im Dialog mit der App wird sofort festgestellt, was ich als Kunde möchte. Einen Anschluss anmelden, kündigen oder ummelden, Kontodaten abgleichen, den Zählerstand fotografieren, einen Dauerauftrag einrichten, Umzug organisieren oder einen Anbieterwechsel vornehmen“, so Klug.

Das Ganze stehe gebündelt in einer virtuellen Akte jederzeit zur Verfügung und kann personalisiert verarbeitet werden.

„Es wird mir ein Preis vorgeschlagen und der Makler sorgt dafür, dass ich am nächsten Tag einen Stromanschluss habe. Mit Künstlicher Intelligenz kann man diese Daten auslesen und punktgenau bearbeiten wie bei der Anfertigung eines Maßanzuges. Das muss kein Servicemitarbeiter mehr machen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass viele Mitarbeiter im Kundendienst solche Dinge schlechter bearbeiten als Maschinen. In der App-Economy könnte man den Kunden sehr viel mehr bieten, um das Warteschleifen-Syndrom vom Tisch zu fegen“, erklärte Klug in dem Live-Hangout mit Hannes Schleeh, Dirk Elsner, Frank Schulz, Andreas Prokop und Robert Redl.

Gleiche Effekte erzeugt man mit der sozialen Intelligenz der vernetzten Kunden über Chats, selbsterklärende Youtube-Videos, öffentliche Dialogformen in Live-Hangouts, Foren, kompetente Facebook-Teams, Twitter-Nachrichten und smarte Web-Services. Unternehmen und Kunden sparen sich dann Zeit und Ärger.

Es reiche nach Auffassung von Robert Redl nicht aus, einen Neukunden wie eine neue Limousine mit Blaskapelle zu empfangen und ihn später wie einen Störfaktor zu behandeln, wo eine Kündigung nur über den Hintereingang möglich ist.

Jedenfalls ist es wohl reiner Zufall, ob man von Servicemitarbeitern gut oder schlecht beraten wird, wie Vera Bunse in einem Blogpost schreibt:

„Fazit aus dreißig Jahre Erfahrung mit der Telekom, geschäftlich wie privat: Wenn man mit den Jungs vom rosa Riesen telefoniert, kommt es – immer noch – darauf an, wie fit und motiviert der Gesprächspartner ist. Vermutlich hätte ich ebenso gut noch n-mal ohne Ergebnis telefonieren können. Natürlich fühle ich mich gelinde veräppelt, aber wenn am 15. meine Netzanbindung wirklich ein bisschen schneller wird, will ich nicht allzusehr meckern. Nur, liebe Telekom: Service geht anders, eine Trefferquote von etwa 12 : 1 ist sehr, sehr mager.“

Vera hat übrigens auch einen sehr schönen Beitrag über die neuen Formatmöglichkeiten über Live-Hangouts veröffentlicht und dabei auch das virtuelle Blogger Camp gewürdigt: „Videostreams: Die besseren Talkshows“.

Die spannende Frage, wie künftig Live-Hangouts und sonstige Videostreams medienrechtlich zu würdigen sind, war Gegenstand der zweiten Session des virtuellen Blogger Camps:

Rechtsanwalt Thomas Schwenke, der auch Teilnehmer des Hangouts war, hat das schön komprimiert zusammenfasst: „Googles Hangout on Air – Drohen Abmahnungen bei fehlender Rundfunklizenz?“

Meine medienpolitische Würdigung des Rundfunkstaatsvertrages folgt in der Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Bis zum IT-Gipfel am 13. November wird das bloggende Quartett einen Vorschlag für die Novelle des Rundfunkstaatsvertrages vorlegen und vorher sicherlich in weiteren Hangout-Sessions verhandeln. Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Einladungen zu den Live-Hangouts laufen wieder über Hannes Schleeh.

Schnauze halten, lieber Kunde und andere Zurechtweisungen

Ob dieser Bonner Laden mit dem Charme einer ländlichen Bahnhofskneipe jetzt eine Abmahnung von Jack Wolfskin erhält, entzieht sich meiner Phantasie. Der Name des Geschäftes hat aber noch eine andere Bedeutung. Hier schlummert nämlich neben Tierfutter, Kinderspielzeug und sonstigem 1-Euro-Billig-Schnickschnack auch ein Paket-Shop von GLS. In meiner morgigen Kolumne für „The European“ berichte ich von einer kleinen Erlebnistour durch das Niemandsland der Dienstleistungsökonomie.

Hauptakteure: E-Plus, DHL, Postbank, GLS und FlexGas. Sie sind die Helden meines Service-Alltags, die mich mit ihren Höflichkeitsfloskeln überschütten und dennoch als Foltermethode auf mich einwirken. Belehrungen, Zurechtweisungen und Lügen scheinen zum Kundendienst zu gehören, wie das Weihwasser zum scheinheiligen katholischen Gottesdienst. Hier nur ein kleiner Auszug meines morgigen Opus:

Oh ja. Die liebwertesten E-Plus-Base-Gichtlinge sind wahre Weltmeister im mobilen Kundenservice. Schlappe drei Monate brauchte der Handy-Gigant, um eine profane Vertragsumstellung zu realisieren. Zwischendurch sind wir vom Kundenservice per E-Mail beschuldigt worden, die eingereichten Unterlagen in einer zu schlechten Qualität kopiert zu haben. Als Reaktion auf meine öffentlichen Empörungsbekundungen gab dann das Social Media-Team von Base auf Facebook zu, dass die Digitalisierung im eigenen Hause zur Unlesbarkeit führte. An unseren Kopien lag es nicht. Wie erfreut war ich, als zwei Schreiben von Base in unserem Briefkasten lagen.

Meldet Base nun den Vollzug der Vertragsübernahme für unsere beiden Kinder? Weit gefehlt. Beide Briefe richten sich an meine Tochter Katko. In einem Schreiben bedauert Base die Unstimmigkeiten, weist uns aber noch daraufhin, dass wir die bis zur Umschreibung entstandenen Kosten und eventuelle Zahlungsrückstände termingereicht ausgleichen müssen. Ah ja. Termingerecht. Was passiert eigentlich mit Kunden, die das nicht termingerecht machen? Die bekommen dann wohl termingerecht eine Mahnung. Da geht dann alles ganz fix. Die Kundenservice-Lüge wird von Base mit keiner einzigen Zeile erwähnt. Und Erstattungsbeiträge für Bürokratie-Irrsinn lassen sich wahrscheinlich juristisch nur schwer durchsetzen. Im zweiten Schreiben gibt es für Katko dann noch einen Willkommensgruß:

„Ab sofort können sie entspannt telefonieren.“

Witzischkeit kennt keine Grenzen….Die Vertragsübernahme meines Sohnes Constantin schmort immer noch in der Warteschleife von Base. Ihr liebwertesten Gichtlinge bei DHL, GLS, FlexGas, Postbank und E-Plus, lest die Zeilen von Bill Price, Autor des Buches „The Best Service Is No Service“.

„Man sollte vor allen Dingen ‚dumme Kontakte’ vermeiden. Sie sind für das Unternehmen schädlich und für Kunden sehr ärgerlich.“

Wenn die Intelligenz der Service-Organisation dafür nicht Sorge tragen kann, schafft es vielleicht eine Portion Künstlicher Intelligenz. Das wollen wir zumindest in unserem virtuellen Blogger Camp am Freitag verhandeln: Vernetzte Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz.

Open Service statt Sumpf der Formulare: Was E-Plus und Co. noch lernen müssen

Open Government, Open Innovation, Open Development, Open Data oder Open Source – an vielen Stellen des Internets sprießen Projekte wie Pilze aus dem Boden, um die Weisheit der Vielen im Netz für Bürgerbeteiligungen, für die Entwicklung und Verbesserung von Produkten oder Software zu nutzen. Offenheit und Transparenz sind dafür die Grundvoraussetzung – mit Abschottung und Maueraktiken kommt man nicht weit. Anders sieht es in der Dienstleistungsbranche aus. Von Open Service ist wenig zu hören. Im Kundendialog liebt man die Eins-zu-Eins-Beziehung per Telefon, Fax, Brief oder E-Mail. Siehe meine heutige Service Insiders-Kolumne unter dem Titel „Die Internet-Ausdrucker im Kundenservice – Marmortafel-Bürokratie statt One-Hand-Prinzip“.

Selbst wenn Serviceärgernisse von Kunden aus der analogen Welt ins Social Web gehoben werden, gibt es verzweifelte Versuche bei den Anbietern, die verärgerten Verbraucher so schnell wie möglich wieder in das Tal den abgeschlossenen Kosmos der klassischen Kommunikation abzudrängen. Ein netzöffentlicher Dialog könnte die Schwächen im Management zu schnell offenlegen. Etwa bei meiner Disputation mit E-Plus (Base) über das Bürokraten-Regime des Mobilfunkunternehmens bei einer profanen Umstellung des Kontos zur Überweisung der Smartphone-Gebühren. Ausführlich beschrieben in dem Blogpost „E-Plus (Base) und die Koberer der Reeperbahn: Wie man Herrengedecke vertickt und Vertragsänderungen blockiert“.

Auch nach diesem Hilferuf im Social Web ist der Fall immer noch nicht gelöst. Anfang Juli hatten wir alle Unterlagen für unsere beiden nun volljährigen Kinder per Post an E-Plus geschickt. In beiden Fällen behauptete der Kundenservice, die Kopien seien nicht lesbar.

Eine Dame des Social Media-Teams gab letztlich zu, dass der Fehler bei Base liegt:

„Ohne nun genaue Details zu diesem Vorgang zu kennen gehe ich davon aus, dass weniger die Qualität der Kopien, als eher ein Fehler bei der Digitalisierung des Schriftverkehrs in unserem Hause Auslöser für diese hin und her sein könnte. Die gesamte eingegangene Post wird sofort gescannt und digital an die Serviceabteilung übermittelt. Ist die Qualität aufgrund eines technischen Defektes schlecht, kann es tatsächlich zu Lesbarkeitsproblemen kommen“, so die Facebook-Antwort von Base-Mitarbeiterin Kathrin.

Nachdem ich mich weigerte, von einem Mitarbeiter telefonisch kontaktiert zu werden, schrieb die Social Media-Dame, dass die Kollegen die Vertragsänderung nun durchführen würden, da es dem Kundenservice gelungen sei, die Kopien lesbar aufzubereiten. Eine Bestätigung werde allen Beteiligten schriftlich zugehen. Dieses Posting wurde am 20. September auf Facebook veröffentlicht. Ein entsprechender Brief ist bis heute (Stand: 24. September) nicht eingetrudelt.

Aber davon abgesehen, ist die Base-Mitteilung auf Facebook ein klarer Beweis für die unwahre Behauptung, dass der Fehler beim Kunden lag. Auf meine Frage, warum denn der Base-Kundenservice offensichtlich gelogen habe, dass die Kopien von mir in unleserlicher Form eingereicht wurden, blieb ebenfalls unbeantwortet.

Vernetzte Services oder das One-Hand-Prinzip sind bei Firmen wie E-Plus noch nicht so richtig auf der Tagesordnung. Belegt wird dies durch eine Studie der Hochschule Bremerhaven zur Nutzung von Social Media im Kundenservice:

„Nur etwa 19 Prozent der Führungskräfte können sich vorstellen, dass sich ihre Mitarbeiter frei im Web 2.0 bewegen und den Kundensupport für das Unternehmen übernehmen“, schreibt der Smart Service-Blogger Bernhard Steimel.

„Kurzfristige Ziele für Umsatz, Absatz und Gewinn rangieren fast immer vor den Zielen im Kundenservice. Und bislang blieben diese Verhaltensweisen ja auch weitestgehend unentdeckt. Das zieht sich durch alle Branchen. Erst wenn ein Kunde sich massiv beschwert – oder noch besser- das Unternehmen ans Licht der Öffentlichkeit zerrt und diese Praktiken aufdeckt, gibt es eine Chance, dass Prozesse und Konditionen verändert werden. Früher mussten Kunden warten bis sich Frontal21 oder Tageszeitungen der Sache annahmen. Über Social Media geht das viel einfacher ohne Umweg über die Massenmedien“, so die Erfahrung von Harald Henn vom Beratungshaus Marketing Resultant.

Ähnlich sieht das bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk: „Neue Verträge gibt es schnell und unbürokratisch, alles Weitere ist dann ein zäher Sumpf.“

Nach Meinung von Social Media-Coach Daniel Backhaus gibt es häufig einen Bruch zwischen dem Engagement in sozialen Netzwerken und der realen Organisation von Unternehmen. Wenn Kunden etwa aus einer Web 2.0-Umgebung auf die normale Homepage eines Anbieters stoßen, erleben sie Angebote, die von Formularen geprägt sind. Ein öffentlicher Dialog finde auf den Firmen-Websites nicht statt. Nachzulesen in dem von Andreas H. Bock herausgegebenen Buch „Kundenservice im Social Web“ (O’Reilly-Verlag).

Das virtuelle Blogger Camp wird sich am Freitag mit dieser Thematik beschäftigen: „Vernetzte Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz“ – von E-Plus kann gerne ein Vertreter im Hangout On Air mitmachen. Das gilt natürlich auch generell für alle Interessierte.

Einen richtig guten Kundenservice leistet übrigens die Katholische Kirche……auch nicht: „Im Auftrag des Bischofs muss ich Sie mit diesem Brief auch über die Wertung des Kirchenaustritts unterrichten und über die Folgen, die dieser in kirchenrechtlicher Hinsicht nach sich zieht“, heißt es da nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung – und es folgt die Liste der Drohungen: kein Sakramentenempfang und kein Patenamt, die Hochzeit in Weiß nur noch mit Sondergenehmigung, und die kirchliche Beerdigung droht auch auszufallen.

Warum uns Hirnforscher krankmachen – Über neuro-pseudo-wissenschaftliche Meinungsmanipulation

Im Neuro-Psycho-Zeitalter sind wir scheinbar umgeben von pathologischen Phänomenen.

Wer sich durch unbedachte Einkäufe verschuldet, leidet unter Kaufsucht. Wer nicht an Verhütung denkt, unterliegt der Sexsucht. Wer an Gesprächen nicht teilnimmt, krankt an sozialen Phobien. Ständige Grübeleien über Nichtigkeiten weisen auf Angststörungen hin. Und folgt man der monokausalen Analyse des Autors Manfred Spitzer produziert der übermäßige Konsum von digitalen Medien Heerscharen von Internetsüchtigen mit der Tendenz zur Hirnschrumpfung.

Vielleicht leiden die selbsternannten Neuro-Experten selbst unter einer speziellen Form von pathologischer Schnappatmung im Verbund mit einer interneuronal-molekularen Dysbalance.

Natürlich beeinflusst die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Selbst Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, räumte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Dann sollten die Neuro-Fanatiker den Ball vielleicht etwas flacher halten in ihrem spekulativen Hirn-Biotop.

Ob sich unser Bewusstsein verändert und wir zu Abziehbildern von Computerprogrammen degradiert werden, ist ein höchst unterhaltsamer Ansatz für Debatten auf Bild-Niveau. Das hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückte. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht. Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen.

„Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Maschinen in vielen Teildisziplinen stärker und besser sind als Menschen. Angefangen bei der Muskelkraft. Heute käme niemand auf den Gedanken, mit einem Industrie-Roboter sich im Armdrücken zu messen“, erläutert Systemingenieur Bernd Stahl von Nash Technologies. Beim Schach oder bei Quizsendungen würde es ähnlich aussehen. Gegen IBM-Watson sei kein Kraut gewachsen. Ob das Internet vergesslich oder dumm macht, hänge nicht mit dem Internet zusammen, sondern liegt an dem, der es benutzt. „Hier wabert viel Spekulatives und man begibt sich auf wackeligen Grund“, so Stahl.

Ob nun Dinge analog oder digital vorliegen, ist in erster Linie nur eine Zustandsbeschreibung. Und Internet-Nutzer nach höchst fragwürdigen Kriterien als krankhaft abzustempeln, ist diskriminierend und anmaßend.

„Die Spitzer-Debatte verläuft eigentlich so wie sie in solchen Fällen immer läuft. Wir müssen verstehen, dass es in Deutschland noch immer ganz viele Menschen gibt, die vor der digitalen Welt eine riesengroße Angst haben. Diese Menschen suchen sich diejenigen, die ihnen kontinuierlich bestätigen, dass man davor Angst haben muss. Es hat viel damit zu tun, dass wir in den Medien seit sehr langer Zeit nur die negativen Aspekte des Themas beleuchten. Ein gutes Beispiel ist hier die Diskussion um Facebook, die in der Regel nur aus der Sicht des Datenschutzes und der Privatsphäre diskutiert wird. Wenn man den Menschen aber sagt, dass beispielsweise Jugendliche bei Facebook geschlossene Gruppen nutzen um ihre Hausaufgaben gemeinsam zu machen, gibt es immer ein großes Erstaunen. Wir haben eine sehr starke Fokussierung auf die vermeintlichen Gefahren der digitalen Welt. Solange man aber in diesem Gedankengebäude verharrt und nicht weiter darüber nachdenkt, ist man gefangen in der ‚Spitzer-Ideologie‘“, sagt der Gaming-Experte Christoph Deeg.

Das Buch „Digitale Demenz“ sei nach seiner Ansicht kein wirklich gut geschriebenes und schon gar kein wissenschaftliches Werk.

„Vernetzt Euch“, die Losung des Blogger Camps in Nürnberg, ist wohl die beste Antwort auf hirnrissige Thesen, die von Hirnforschern und digitalen Skeptikern durch die Gegend geblasen werden.

Vielleicht übertragen omnipräsente Persönlichkeiten wie Manfred Spitzer auch nur ihre eigenen Ängste, Visionen oder Wünsche auf die ganze Gesellschaft und instrumentalisieren dafür die Neurowissenschaft. Seine Wenn-Dann-Denkweise unterschätzt die Komplexität des Gehirns und die vielfältigen Möglichkeiten des Digitalen.
Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für Service Insiders.

Am Mittwoch hatte ich mich in meiner The European-Mittwochskolumne ja auch schon zu Spitzer ausgelassen: Der digitale Kaputtmacher.

In ausführlicher Form wird das wohl in Buchform in Zusammenarbeit mit Christoph Deeg weitergehen. Ein Verlag hat schon Interesses bekundet. Mal schauen, wie schnell wir das auf die Beine stellen.

Wer noch mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen 🙂

Kann das Internet oder kann das weg? Wäre eigentlich ein schöner Buchtitel.

Lesenswert auch: Deutschlands gestörtes Verhältnis zum Netz.

Gekaufte Likes sind Müll

Im wahrsten Sinne des Wortes. Nach einem Bericht des Spiegels, der schon Ende Juli erschienen ist und den ich durch einen freundlichen Hinweis eines Blogger-Freundes erst jetzt wahrgenommen habe, gibt es beim Müllkonzern „Duales System Deutschland (DSD)“ – besser bekannt unter dem Label „Der Grüne Punkt – eine wundersame Vermehrung der Fans auf der Facebook-Präsenz des Unternehmen. So schreibt der Spiegel:

„Mülltrennung scheint sich auch international wachsender Beliebtheit zu erfreuen, selbst im fernen Bangladesch, wo diese durchaus deutsche Art des Umweltschutzes eigentlich noch nicht allzu viele Nachahmer gefunden hat. Fans hat das als ‚Grüner Punkt‘ bekanntgewordene ‚Duale System‘ aber dennoch in Bangladesch. Viele Fans. Zumindest auf der Facebook-Seite des Kölner Unternehmens. Auffallend viele der mehr als 10 000 Facebook-Anhänger (aktuell ist übrigens eine Schrumpfung zu registrieren: es sind nur noch 9.225 Müllfreunde. Stand: 28. August 2012, 10:30) des Dualen Systems hatten als Heimatort Dhaka angegeben. Bemerkbar machen sich die exotischen Mülltrennfetischisten indes kaum: Ein eigens in englischer Sprache bereitgestelltes Video über die Kaffeekapselentsorgung hatte zuletzt gerade mal 30 Abrufe – und auch die kamen fast ausschließlich aus Europa. Eine mögliche Erklärung der merkwürdigen Freundschaftsbande zwischen Rheinland und indischem Subkontinent: Die vermeintlichen ‚Freunde‘ könnten mit Barem angelockt worden sein.“

Nach Recherchen des Spiegels führt die Spur zum Freunde-Verkäufer Fandealer in Thüringen. Hier konnte man beispielsweise Fan des Dualen Systems werden – und darüber hinaus von Hunderten anderer Firmen.

„Wer sich ein bisschen was dazuverdienen möchte, meldet sich auf der Plattform an, hinterlegt sein PayPal-Konto und klickt sich fortan durch die angebotenen Marken. Pro Klick werden mindestens zwei Cent gutgeschrieben. Das ist der Deal – und zugleich ein neues Geschäftsmodell in der Facebook-Ära, in der es längst neue Währungen gibt: Der Einfluss von Menschen und Marken in der digitalen Welt bemisst sich nach der Zahl ihrer Fans bei Facebook, Followern bei Twitter oder Abrufen bei YouTube. Seit Anbieter wie Klout diesen Einfluss messen und melden, geben sich viele Firmen und selbst große Konzerne einem wahren Zahlenwahn hin“, so der Spiegel.

Früher landeten ja in entfernten Ländern eher die stinkenden Plastik-Abfälle. Jetzt hat sich wohl der Wind gedreht und man exportiert eher die Liebe zur Mülltrennung – zumindest virtuell. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass man auf diese Angebote, die wie Schweinebauch-Anzeigen angepriesen werden, wirklich eingeht. Praktisch sind allerdings die Paketpreise, wie ich vor ein paar Wochen zum Angebot eines anderen Anbieters schrieb:

Mensch Meier, könnte man diese Angebote zum Schleuderpreis auch noch in Mengen von 100.000 oder vielleicht sogar 1.000 000 erwerben mit einem Fischpaket noch oben drauf? Oder wenigstens ein leckeres Aalbrötchen? Ansonsten sollten Sie sich auf ihre Stars, Sternchen und Weltmarken beschränken, liebwertester Meier.

Wie geht man aber nun in der Müllbranche mit dem Thema um? Ist das jetzt auch ein Trittbrettfahrer-Problem? Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Mülltonnen-Verschwörung im vergangenen Jahr.

Damals sprach man von Betrügern, Manipulatoren und Tricksern, die den Heiligen Stuhl des Müllsammel-Imperiums um den Ruhm ihrer Recycling-Großtaten bringen. Bin gespannt, zu welchen Formulierungen man jetzt kommt.

Und ein Tipp an die Manager des Grünen Punktes. Ihr solltet die Facebook-Präsenz auch in indischer Sprache anbieten – zumindest Hindi.

Das würde mir gefallen.

Siehe auch:

Sag mir, wie viele Fans und Follower Du hast, und ich sage Dir…? Vom Nutzen der Fliegenbein-Zählerei.

Und dann noch ein Hinweis an die Redakteure der WAZ-Gruppe: Der Grüne Punkt ist das Logo des Müllkonzerns „Duales System Deutschland“. Not more. Es ist kein Symbol für die Getrenntsammlung im Allgemeinen. Siehe: Der Grüne Punkt und die Goldbärchen von Thomas Gottschalk #derwesten

Siehe auch:
Klickbetrug bei Facebook? Viele Klicks selbst auf leere Anzeigen.

Maschen gegen die Netz-Monopolisten

Wie gestern angekündigt, beschäftige ich mit den von Sascha Lobo zu recht geforderten Alternativen zu den Web-Monopolisten. Nicht nur herumnörgeln, sondern konstruktive Vorschläge zur Weiterentwicklung des Netzes machen. Hier der Versuch im Debattenmagazin „The European“. Auszug:

Für den Systemingenieur Bernd Stahl liegt die Lösung in dezentralen Strukturen, die für mehr Konkurrenzdruck sorgen könnten.

„Immer mehr Leute denken über sogenannte Mesh-Networks nach. Es wäre eine Renaissance des ursprünglichen Internet Spirits“, so Stahl von Nash Technologies.

Internet ohne Kontrollpunkte

Personalisierte Cloud-Dienste unterliegen dann keinem Diktat mehr von Algorithmen oder moralinsauren Web-Konzernen. Ähnlich sieht das Felix Stadler von der Zürcher Hochschule der Künste. Anstatt auf eine zentrale und zentralisierte Infrastruktur zu vertrauen, die Vernetzung organisiert, werde eine neue Generation von Plattformen entwickelt, die auf dem Prinzip der Maschen (engl.: mesh) beruht. Eine gemeinsame Infrastruktur soll durch die Vernetzung vieler einzelner lokaler Netze entstehen, die Daten untereinander weiterreichen. Damit würden die zentralen Kontrollpunkte des Netzes entfallen und man stärkt das emanzipatorische Potenzial des Netzes.

Virtuelle Assistenzsysteme wirken dann als Stützpfeiler und nicht als Heilige Inquisition. Sie befreien mich von ärgerlichen Routinearbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Der Rest wird bestimmt durch die eigene Intuition und die kann man auch künftig nicht perfekt vorhersagen.

Unendlich viel wichtiger als die nächste stirnfaltige Beschwerde über Google & Co. wäre es, die Schaffung einer nichtkommerziellen digitalen Öffentlichkeit auf die politische Agenda zu setzen, die nicht den Regeln der Börsen folgt. Das nötige Geistkapital für eine Anti-Monopol-Strategie sei in der deutschen Forschungslandschaft vorhanden, so der Netzwerkspezialist Bernd Stahl. Das Ganze könnte sogar noch mit einer Verbesserung der Netzqualität angereichert werden:

„Mein Traum ist ein Social Media Dial Tone. Darüber ist noch nicht viel gesprochen worden. Einen Dial Tone kennt jeder von uns aus dem Telefon – es geht um den Wähl-Ton. Er garantiert den ständigen Zugriff auf Dienste, unabhängig vom Operator und vom Aufenthaltsort meines Kommunikationspartners sowie ohne Ausfälle, die bei Skype, Twitter, Facebook oder Apps an der Tagesordnung sind. Beim Social Media Dial Tone stürzt nichts ab. Keine Mehrfachkonten. Keine separaten Social Media-Inseln. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter einer Haube. Wieso muss der Wildwuchs-Spaghetti der Entwickler dem Internet-Nutzer eins zu eins zugemutet werden? Es geht darum, aus sozialen Netzwerken echte Services zu generieren: vernetzt, hochverfügbar, flexibel und unabhängig vom Endgerät“, erklärt Stahl.

Gleiches gelte für die Vernetzung von Cloud-Diensten, die bislang nur als Silos angeboten werden. Es lohnt sich also, über Alternativen zu Google, Apple, Facebook und Amazon nachzudenken. Dann muss man sich auch weniger Gedanken machen über den Preis der Daten, den wir für Kostenlos-Dienste zahlen müssen.

Was es mit dem Social Media Dial Tone auf sich hat, erläutert Bernd Stahl in einem Blogpost.

Woz warnt vor Benutzungsbestimmungen der Cloud-Dienste #AGB-Diktatur

Apple-Mitgründer Steve Wozniak warnt nach einem Bericht von Giga.de vor den populären Cloud-Diensten. Auch bei Woz stehen die Benutzungsbestimmungen im Zentrum der Kritik. Die habe ich ja als AGB-Diktatur bezeichnet:

“Ich mache mir sorgen darum, dass alles in die Cloud wandert”, so Wozniak. “Ich glaube, das wird entsetzlich werden. Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren viele schreckliche Probleme haben werden.” Mit der Cloud besäßen die Benutzer überhaupt nichts mehr, “das hat man schon beim Anmelden weggegeben”, so Woz.

“Ich möchte, dass ich das Gefühl habe, dass mir Sachen gehören. Viele Leute glauben: ‘Oh, das ist doch alles letztendlich auf meinem Computer’, aber ich sage, dass, wenn wir immer mehr ins Web und auf die Cloud übertragen, wir immer weniger Kontrolle darüber haben werden”, erklärt der Weggefährte von Steve Jobs.

So werden höchst sinnvolle Dienste ad absurdum geführt. Im Endergebnis ist das nicht anderes als maschinengesteuerter Paternalismus der zu politisch fragwürdigen Netzsperren führt. Die Regeln setzen bigotte Konzerne nach Gutherrenmanier. Solange Wettbewerb herrscht, relativiert sich die Moralkeule, die in den unlesbaren Geschäftsbedingungen eingemeißelt wird. Ich kann ja mit den Füßen abstimmen und den Anbieter wechseln. Was aber passiert, wenn auch das nicht mehr möglich ist?

Wenn ich als Kunde von Web-Konzernen keine Wahlfreiheit mehr habe und sich die Firmenlenker als Zensor meiner Daten in Szene setzen, kann von einer Wahrung meiner Privatsphäre keine Rede mehr sein. Und das ist wesentlich kritischer als die stümperhaft personalisierten Werbeeinblendungen, die man mir auf irgendwelchen Websites an den Kopf knallt. Im Prinzip müssten die Cloud-Anbieter die gleichen Regeln verfolgen wie Hersteller von PCs. Hier kann ich ja auf meiner Festplatte Daten speichern, ohne das die PC-Firma irgendwelche Eingriffsmöglichkeiten hat. Und ob das kriminelle oder sittenwidrige Handlungen sind, kann nur die Justiz entscheiden und sonst keiner, schon gar nicht die Moralprediger von Microsoft, Google oder Apple.

Siehe auch:

Die AGB-Diktatur – Plädoyer für politische Netzneutralität.

PORNO-VERBOT IN MICROSOFT-CLOUD.

Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur.

Die Machtanmaßung der Web-Zensoren: Wie Google & Co. Weltpolizei und Justitia spielen

Die Titelstory der Zeit passt sehr schön zu meiner gestrigen Kolumne im Debattenmagazin „The European: „Wie Facebook, Google und Co. die Welt zensieren“. Giovanni di Lorenzo geht auch auf den jüngsten Zensurfall bei Facebook ein. Der Zuckerberg-Konzern entfernte einige Seiten des Zeitmagazins, da man wohl mit den angedeuteten Penisdarstellungen nicht einverstanden war.

Das ist Zensur, liebwerteste Facebook-Gichtlinge. Das ist AGB-Diktatur. Und deshalb mein Plädoyer für politische Netzneutralität. Und ich verstehe die Verwunderung von di Lorenzo über die Friedhofsruhe im Internet. Die Aufregung in netzpolitischen Debatten ist regelmäßig groß, wenn irgendein Netzanbieter beim Datentransfer gegen die Grundsätze der Netzneutralität verstößt. Aber wie steht es um die politische Netzneutralität bei Diensten, ohne die ein Netzleben gar nicht möglich ist?

Wenn ich als Kunde von Web-Konzernen keine Wahlfreiheit mehr habe und sich die Firmenlenker als Zensor meiner Daten in Szene setzen, kann von einer Wahrung meiner Privatsphäre keine Rede mehr sein. Und das ist wesentlich kritischer als die stümperhaft personalisierten Werbeeinblendungen, die man mir auf irgendwelchen Websites an den Kopf knallt.

Die liebwertesten Silicon Valley-Gichtlinge spielen Weltpolizei und Justitia, ohne sich an die Gepflogenheiten demokratischer Rechtsstaatlichkeit zu halten. Mit dieser AGB-Diktatur geht meine informelle Selbstbestimmung flöten. „Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Und auch Stahl wundert sich, dass dieses Thema nicht ganz oben auf der Netzpolitik-Agenda steht. Wenn wir über Freiheit und Privatheit debattieren, sollten wir nicht nur den Staat im Auge behalten und kritisch auf Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrechte, Zensursula und Staatstrojaner reagieren. Mindesten genauso penetrant sind die privaten Kontrolleure, die uns mit ihrer Spießer-Moral bedrängen und steuern wollen.

Denkbar ist nach Auffassung von Matthias Schwenk sogar, dass sich die Politik auf die Seite der großen Technologie-Konzerne schlagen wird, weil ihr der gläserne und damit leicht zu überwachende Bürger gerade recht kommt. Und ich kann mich seinem Appell nur anschließen, politisch wachsam und aktiv zu bleiben, damit weder Politik noch Konzerne den Eindruck bekommen, sie hätten es mit einer Herde dummer Schafe zu tun.

Und auch wenn Twitter jetzt wieder den Account eines britischen Journalisten nach öffentlichen Protesten entsperrt hat, zählt diese Sperrung unter die Kategorie Zensur. Da können die Twitter-Bosse Rechtfertigungs-Eiertänze aufführen wie sie wollen. Es geht um den Zugang zur Netz-Öffentlichkeit und der kann nicht durch AGB-Dikatoren beschränkt werden.