Lahmes Internet, fragwürdiger Lobbyismus und bräsige Digitalpolitik #GroKo

„Im Moment haben wir ja das Problem, dass die Telekommunikationsunternehmen auch ihre 100 oder 200 Mbit/s-Anschlüsse nicht loswerden“, erklärte die Internetexpertin der CSU, Dorothee Bär zu den Digitalplänen der kommenden Bundesregierung. Bär sei ohne Zweifel sehr sachkundig, bemerkt Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne.

„Das aber macht ihre Aussage zugleich erstaunlich, skandalös und unerstaunlich. Erstaunlich ist, dass Bär den angeblich mangelnden Verkaufserfolg als eigentliches Problem hinstellt. Denn bisher kann nur eine Minderheit der deutschen Haushalte das angeblich ungewünschte Produkt überhaupt kaufen, und das fast nur in größeren Städten. In der wichtigsten Breitbandstatistik des zuständigen Ministeriums ist ernsthaft ‚größer 50 Mbit/s‘ die schnellste Internetkategorie. Ironie der Realität: An drei zufällig ausgewählten Standorten von Bärs Geburtsstadt Bamberg (Moosstr. 10, Vogtstr. 2, im Gewerbegebiet Am Börstig 25) beträgt die von der Telekom angebotene Maximalgeschwindigkeit 16 Mbit/s (Stand 13. Februar 2018). Tja, warum nur kaufen so wenig Leute 100 Mbit/s“, fragt sich Lobo.

Skandalös an Bärs Aussage sei, dass sie exakt die Perspektive der Konzerne übernimmt, die neben der Politik eine große Mitschuld an der Breitbandmisere tragen. „Ihre Formulierung verschiebt nämlich die Verantwortung für die schlechte Breitbandversorgung auf die Kunden. So blendet sie aus, dass neben der erwähnten Verfügbarkeit auch Preis, Upload-Geschwindigkeit, Drosselung und Vertragsbedingungen eine erhebliche Rolle beim Verkauf spielen“, so Lobo.

Unerstaunlich an Bärs Aussage sei schließlich ihre Existenz, denn die regierende Politik kommuniziert im Digitalbereich auffällig konzernnah. „Die Politiker tun das oft auch, wenn es den Bevölkerungsinteressen erkennbar entgegensteht. Die Telekom erklärte 2017, dass 100 Mbit/s derzeit ausreichen, was zufällig auch der für sie flächig erreichbaren Maximalgeschwindigkeit entsprach. Dorothee Bär gibt dieser Argumentation politische Rückendeckung, als sei sie Interessenvertreterin der Telekom.“

So kann der Magenta-Laden immer noch genügend Geld aus den Daten-Leitungen quetschen, da andere Geschäftsmodelle nach wie vor nicht funktionieren.
Das ist heute unser Problem und das war in den vergangenen Jahren das Problem in der Digitalpolitik. Erinnert sei an die „Studie“ des Ifo-Instituts, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums konstatierte, dass die Nachfrage für schnelles Internet einfach zu gering sei.

Dabei dürfte selbst den Spitzenökonomen in München klar sein, dass besonders in Fragen der Infrastruktur das Angebot die Nachfrage schafft.

„Ohne Highspeed-Internet können Unternehmen digital nicht aufrüsten und fallen im globalen Wettbewerb zurück. An neue webbasierte Geschäftsmodelle ist in einem solchen Umfeld gar nicht erst zu denken“, so Manager Magazin-Redakteurin Müller.

Die teutonische Breitband-Müdigkeit von Spitzen-Politikern und Top-Managern wirkt sich fatal auf die Volkswirtschaft aus.

„Wir wollen, wir werden, es gilt, es muss, wir möchten, es soll.“

Die „geeigneten“ Maßnahmen der Bundesregierung

Die Inflation der Unverbindlichkeiten im „Vertrag“ der Großen Koalition zur digitalen Agenda vor vier Jahren hatte „zielgerichtet“ mit „geeigneten Maßnahmen“ die Wirkung eines Wackelpuddings, den man an die Wand nagelt. Was Unionsparteien und SPD für die digitale Infrastruktur in Deutschland planten, knüpft nahtlos an die Bund-Online-Projekte der vergangenen Jahre an: Sie wurden zu Tode verwaltet. Fehlgeburten mit Lutschpastillen-Wirkung, die mangels zentraler Zuständigkeit und politischem Nachdruck in den verschiedensten Ressorts mit minimaler Sauerstoffzufuhr am Leben erhalten werden. Ab und zu erfährt der Netz-Patient eine Reanimation, bevor er seine letzten Bits und Bytes aushaucht.

Völlig außer Acht bleibt die Korrelation zwischen Digitalisierung, Netzausbau und Arbeitsplätzen – übrigens auch in der von der Großen Koalition so geliebten Industrie: Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Schon 2013 gab es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zwischen Maschinen und Produkten. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir konsequent in den Breitbandausbau investieren.

Die Digitalisierung in Deutschland krankt nach Meinung des Technologieexperten Roman Friedrich an einem Wirrwarr von Einzelmaßnahmen. Es versickere jedwede Initiative in irgendwelchen Gremien.

„Da gibt es hier einen Gipfel und dort einen Gipfel. Dann gibt es eine D21-Initiative, die sich tot gelaufen hat. Das Thema Breitband und Digitalisierung hätte es verdient, zur Chefsache erklärt zu werden“, sagte mir Friedrich vor vier Jahren im Interview.

Selbst die anfänglich eingeplanten vier bis fünf Milliarden Euro würden für den Breitbandausbau nicht ausreichen. Es sei nicht ersichtlich, wie wir den Rückstand in der Digitalisierung mit den Plänen der neuen Bundesregierung aufholen können. „Es sind Lippenbekenntnisse und keine klaren Ziele. Der Breitbandausbau auf 50 Mbit/s ist noch nicht einmal zu tief gegriffen. Im Gegenteil. Diese Geschwindigkeit benötigen wir für einen modernen Standort. Mit einer entsprechenden politischen Unterstützung ist mehr möglich. Das sehen wir in anderen Ländern“, weiß Analyst.

Strukturschwache Gebiete brauchen dezentrale Cloud-Arbeitsplätze

Die digitale Revolution bezieht sich dabei gar nicht so sehr auf den Konsumenten. Viel entscheidender sei die Anbindung eines jeden Unternehmens an Breitband.

„Um die Wirtschaftskraft vor allem des Mittelstandes zu erhalten, braucht man die digitale Autobahn. Wir können sonst unsere ökonomische Dynamik nicht ausreichend entfalten. Dabei geht es um innovative Geschäftsmodelle, um die richtigen Dienste und um nachfragestimulierende Applikationen. Ohne die entsprechende technologische Grundlage wird das nicht erreichbar sein“, meint Friedrich.

Auch das Märchen von der zu geringen Nachfrage nach schnellem Internet, was von Wirtschaftsforschern im Auftrag der Bundesregierung in die Welt getragen werde, ist nur ein weiterer Beleg für das mangelhafte Verständnis der politischen Akteure für die Relevanz der digitalen Infrastruktur:

„Wir haben schon jetzt Engpässe. Unsere politische Elite und auch viele klassische Wirtschaftsführer verstehen nicht, was zurzeit im Markt passiert. Die digitale Revolution ist mindestens so relevant wie die Energiewende.“

Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren.

Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.
Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern.

Die Prioritäten in der Regierungspolitik werden falsch gesetzt, was man an der lärmenden und lächerlichen Maut-Debatte in der vergangenen Legislaturperiode sehr schön ablesen konnte. Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, in den Köpfen der politischen Akteure ein Umdenken zu bewirken.

Um 11:45 Uhr wollen wir darüber in einem Live-Talk noch einmal reden.

Siehe auch:

Deutsche Digitalpolitik: Rückwärts gewandt und von Lobbyismus geprägt – Hilft da eine neue Behörde?

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Müll und Monopole – Kauft Remondis das DSD? Interview mit Eric Rehbock vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung in Bonn

Gespräch mit Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer vom bvse

Erfrischend unkompliziertes Interview mit Eric Rehbock, dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse) – die Stimme des Mittelstandes in der Recyclingwirtschaft. Abstimmung des Termins lief prima. Großer Dank an den Pressesprecher Jörg Lacher.

Hier die Variante auf YouTube – nicht jeder mag Facebook 😉

Gespräch hat Nachrichtenwert! Ausführlicher Bericht folgt.

Update: Diskussion auf Twitter

Neun Minuten #TechNews #9vor9 #CIOKuratorLive @axelopp @Digitalnaiv

Wir haben ein wenig überzogen 😉

Jeden Dienstag – wichtige Technews für die Woche. Diesmal mit Axel Oppermann und Stefan Pfeiffer von ciokurator.com

Themen:

FAZ: Kniefall vor Amazon statt Qualitätsjournalismus

Bitkom-Alarmismus

GroKo-Digitalpolitik ohne Revolution

Axel O. Presse-Show:

Multi Cloud Studie

45 Prozent der Firmen wählen aus Kostengründen mehr als einen Cloud-Anbieter

40 Prozent wollen mit mehreren Cloud-Anbietern Risiken minimieren

78 Prozent der Entscheidungsträger in der IT-Branche geben an, dass ihre Unternehmen nach Wegen suchen, mithilfe künstlicher Intelligenz Probleme der Multi-Cloud-Verwaltung zu lösen

http://blog.wiwo.de/look-at-it/2018/02/06/multi-cloud-45-prozent-der-firmen-waehlen-aus-kostengruenden-mehr-als-einen-cloud-anbieter/

https://www.xing.com/news/insiders/articles/multi-cloud-45-prozent-der-firmen-wahlen-aus-kostengrunden-mehr-als-einen-cloud-anbieter-1175708?xng_share_origin=web

Chip-Markt

Broadcom erhöht (feindseliges) Angebot für Qualcomm auf 121 Milliarden Dollar

https://www.japantimes.co.jp/news/2018/02/06/business/chip-wars-broadcom-raises-hostile-bid-qualcomm-121-billion-quest-top/#.Wnlu5pOdWi5

https://uk.reuters.com/article/us-qualcomm-m-a-broadcom/broadcom-unveils-121-billion-best-and-final-offer-for-qualcomm-idUKKBN1FP1KX

Und Apple wird mutmaßlich in 2018 iPhone Lineup auf Intel setzen; und Qualcomm ersetzen

https://uk.reuters.com/article/uk-apple-qualcomm-intel/qualcomm-shares-fall-as-reports-say-apple-may-scrap-its-chips-idUKKBN1FP22K

Hätten wir auch noch aufgreifen können:

Arbeiter, Mittelklasse, Oberschicht: Wie Facebook seine Nutzer einteilen will

Jobkiller-Prognosen im Rennen um Aufmerksamkeit #FutureWatchDe #DLD18 #wef18

Volkswirtschaftliche Effekte von Innovationen zu prognostizieren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Den Wirtschaftsforschungsinstituten gelingt es ja nicht einmal, die Entwicklung des BIP-Wachstums vorherzusagen, obwohl diese „Rechenschieber-Ökonomen“ mit rund 50 Millionen Euro vom Bund finanziert (alimentiert) werden. Dann kommen noch Drittmittel der Länder und anderer Träger hinzu. Aber das sollten wir mal gesondert näher beleuchten.

Wie verhält es sich mit den Arbeitsplatzprognosen in der digitalen Sphäre? Zu den bekanntesten Glaskugel-Wissenschaftlern zählt der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey, der 2013 als Co-Autor der Studie „The Future of Employment“ davor warnte, dass die Digitalisierung 47 Prozent der Industriejobs in den USA gefährde.

Auf der Digitalkonferenz DLD in München hat Frey jetzt ein paar Thesen nachgelegt,die der Netzökonom Holger Schmidt dokumentiert. Beispiel: „Neue Stellen für Hochqualifizierte werden nur in den Städten geschaffen“. Das sei gut für die Städte, schlecht für die Regionen, in denen sie fehlen. Puh. Was für eine Aussage. Der Trend könnte sich allerdings auch umdrehen, wenn ländliche Regionen anfangen, in Co-Working-Angebote und superschnelles Internet zu investieren.

Auf LinkedIn habe ich auf die Thesen von Frey reagiert. Wichtigste Aussage des KI-Experten Stefan Holtel: Nicht Jobs werden wegfallen, sondern Tätigkeiten. Was sich nachhaltig ändern wird, sind die Arbeitsplatzprofile.

„KI und Robotertechnik werden in Verbindung mit der digitalen Transformation eine große Rolle spielen. Die Aussage, in 15 Jahren wird die Hälfte aller Arbeitsplätze wegfallen, macht sich für die Presse gut. Das ist aber keine seriöse Herangehensweise“, kritisiert Holtel.

Dazu gibt es einige interessante Kommentare.

Etwa von Christian M. Bartels:

„Ich sehe sehr viele Parallelen zur Automatisierung durch Industrieroboter in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es gab massive Streiks, weil die Belegschaften ganzer Fertigungsstraßen durch Roboter ersetzt wurden. Die Voraussagen und Befürchtungen aus dieser Zeit waren mit denen aus den genannten heutigen Studien sehr ähnlich. Können wir nicht die historischen Befürchtungen, Vorhersagen und Fakten auf 2018 übertragen, um dadurch genauere Aussagen zu treffen als die erwähnten Aufmerksamkeitsstudien?“

Oder:

Auf Facebook:
Lama Alpaqqa:

„Solange weder Führungskräfte noch HR-Abteilungen präzise Anforderungsanalysen erstellen, können sie ja weder klare Einstellungsprofile generieren noch ein sauberes Lastenheft für die Automatisierung von Jobs liefern. Dass der Fachkräftemangel zu weiten Teilen auf mangelnder Personalentwicklung, unvaliden Jobkriterien und eben diesem Mangel beruht, ist eine Binse. Aber viele Firmen halten ihre eigene HR-Abteilung noch immmer für das 5. Rad am Wagen und wenn man hinschaut auf welchen Methoden dort noch immer Entscheidungen getroffen werden, dann ist das vordergründig gerechtfertigt, aber leider eben auch ursächlich für den größten Teil der Organisationsprobleme. IT lindert keines der Problem sondern schafft zusätzlichen Bedarf an Kompetenz, die dort aber nicht vorhanden ist mangels methodischer und statistischer und nicht zuletzt psychologischer Expertise. Wie immer wird auch dort der Kompetenzmangel mittels Hierarchie, Verwirrung und Nebelkerzen elegant verschleiert. In der Folge kommen die Berater und versuchen die „Kommunikationsprobleme“ aufzulösen. Nach Jahren sind die entscheidenden Personen dann so weit aufgestiegen, dass der Mangel systemische Relevanz hat und von den ehemaligen Verursachern durch M&A oder Restrukturierungen bis zur Unkenntlichkeit pulverisiert. Da ist KI oder IT dann ein Problem für andere…“

Das sind mal ein paar Reaktionen, die ich herausgesucht habe.

Ich möchte das Thema vertiefen und suche Kenner der Materie für Live-Videos via Skype. Bitte bei mir melden. Aktion läuft unter dem Hashtag #FutureWatchDe