#Notizzettel für das Autorengespräch Gumbrecht: Siegen, Gracián, breite Gegenwart

Vorbereitung auf das Autorengespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht nach der Lesung in der Buchhandlung Böttger. In Bonn stand noch die Aura der Lesung im Raum, die Namen leuchteten, die Anekdoten hatten Schwung. Im Zoom aus Stanford könnte nun etwas anderes interessieren: nicht noch einmal die große Galerie, sondern die Frage, welche Form geistigen Lebens aus all diesen Begegnungen hervorging.

Denn Gumbrechts Erinnerungen an Siegen lesen sich nicht wie Universitätsgeschichte, sondern wie das Protokoll eines improvisierten Hochspannungsfeldes. Friedlich Kittler erscheint dort als Gast, dessen Auftritt wie ein Funke des Geistes wirkte; Habermas als Figur, die einer provisorischen Bühne erst Rang verlieh; Luhmann als Denker, dessen Präsenz sofort Nachahmung, Kopierlust und theoretische Disziplin erzeugte; Lyotard schließlich als Auslöser einer Gesprächsform, in der sich für einige Tage ein wirkliches Denkkollektiv bildete. Siegen war in diesem Sinn keine Schule. Siegen war eine Serie von Ereignissen. Genau das macht den Ort heute wieder interessant.

Darin liegt wohl der produktivste Faden für ein Autorengespräch: nicht die übliche Frage, wie es war, Foucault, Luhmann oder Kittler erlebt zu haben, sondern was damals überhaupt noch möglich war. Offenbar konnte eine Universität, die institutionell kaum vorbereitet schien, für kurze Zeit eine Bühne geistiger Intensität werden. Diese Konstellation läßt sich von heute aus kaum unschuldig betrachten. Denn die Frage steht im Raum, ob solche Verdichtungen überhaupt noch einmal herstellbar sind oder ob sie an eine Epoche gebunden waren, in der intellektuelle Autorität, physische Anwesenheit und theoretische Neugier anders zusammenspielten als heute.

Besonders ergiebig wäre es, den Siegener Faden an Lyotard entlang weiterzuspinnen. Gumbrecht beschreibt sehr präzise, wie Lyotard die Postmoderne nicht als nächste Epoche verstand, sondern als Ende einer epochemachenden Zeitlichkeit überhaupt. Daraus führt später fast direkt der Weg zur „breiten Gegenwart“, also zu jenem Chronotop, in dem das historische Weltbild seine Selbstverständlichkeit verliert. Man könnte den ganzen Böttger-Abend im Rückblick als Vorstudie auf diesen Gedanken lesen: Foucault, Lyotard, Luhmann, Kittler stehen dann nicht bloß für große Namen, sondern für verschiedene Weisen, Zeit, Wissen und Gegenwart neu lesbar zu machen.

Kittler wäre dabei nicht einfach als Heroe der Medienwissenschaft aufzurufen, sondern als Grenzfigur. Gumbrecht hebt seine Kühnheit hervor, historische Gemengelagen in Entwicklungslinien zu bündeln, deren mythographische Geschlossenheit Einwände fast zum Verstummen bringt. Das war seine Stärke und seine Gefahr. Gerade deshalb ist der jetzige Kittler-Text ein guter Anlass, nicht nur über Aufschreibesysteme zu sprechen, sondern über den Preis solcher Zuspitzungen. Bei Luhmann lag die Macht anders: in der Konsequenz der Abstraktion, in einem Denken, das kein Manuskript brauchte, weil es sich entlang eigener deduktiver Linien entfaltete. Kittler bannte, Luhmann sog ein, Lyotard öffnete, Foucault verdichtete. Vier ganz verschiedene Produktionsweisen von Gegenwart.

Der Exkurs zu Gracián könnte im Gespräch dann fast heimlich das Zentrum bilden. Denn Gracián taucht bei Gumbrecht nicht als hübsches Bildungssignal auf, sondern an einer hochinteressanten Stelle: Ulrich Schulz-Buschhaus bringt mit Sätzen aus dem Handorakel eine Wendung in Debatten, die sich sonst vielleicht allzu reibungslos auf der Ebene reiner Argumente bewegt hätten. Mit einem Mal steht der Verdacht im Raum, dass Denken nie ganz ohne körperliche Materialität, ohne Imaginationsüberschuss, ohne rhetorische Haltung auskommt. Das ist nicht nur ein philologischer Einfall. Es ist ein Angriff auf die Illusion, Theorie könne rein werden. Dass Sloterdijk in seinem neuen Buch die Gumbrecht-Übersetzung des Handorakels ausdrücklich als glänzend nennt, gibt diesem Seitenweg zusätzlich Gewicht.

Damit verschiebt sich das Gespräch fast automatisch von der Theorie zur Lektüre. Und vielleicht liegt genau dort die angenehmste Überraschung. Wenn Gumbrecht sich selbstironisch nicht als leidenschaftlichen Leser, nicht als souveränen Stilisten und nicht einmal als Naturtalent des Unterrichtens beschreibt, dann ist das kein Defizit, sondern ein Schlüssel. Denn plötzlich stellt sich nicht mehr die ehrfürchtige Frage nach dem Gelehrtenleben, sondern die viel interessantere nach der Technik des Umgangs mit Texten.

Hier lohnt die kleine Parade der Lektürefiguren. Bazon Brock fragt Sloterdijk, wie man ein solches Lesepensum bewältigt; Brock selbst hält schon den Weg von Seite zwei auf Seite drei für tollkühn, während Sloterdijk seine Methode „inhalatorisch“ nennt. Peter Weibel scannt, Brock vergleicht das Lesen mit dem Verzehr einer Mahlzeit, Jakob Taubes arbeitet mit seinem berühmten Handauflegen und jagt dem einen Satz nach, in dem sich das Ganze verdichtet. Brecht sucht nicht das Werk als Ganzes, sondern das Brauchbare, Bearbeitbare, Verwertbare. Barthes erklärt mit aristokratischer Frechheit, ein Buch sei nicht dazu da, vollständig gelesen zu werden; man müsse Teile entnehmen, Schriftproben ziehen. Herder macht aus der kursorischen Lektüre ein methodisches Verfahren, einen Durchlauf, in dem Verbindung vor Vollständigkeit geht. Und Feyerabend verspottet die akademische Pädagogik, indem er aus der Abschlussprüfung den Lieblingswitz macht.

Das alles ist mehr als eine hübsche Reihe von Anekdoten. Es ergibt eine verdeckte Anthropologie des Lesens. Vielleicht lesen Gelehrte nie „ganz“, sondern immer selektiv, körperlich, taktisch, inhalatorisch, per Handauflegen, im Durchlauf, im Zugriff auf den Satz, der bleibt. Vielleicht wäre genau hier eine produktive Annäherung an Gumbrecht möglich: nicht ihn nach seinem Lesepensum zu fragen, sondern nach seiner Art, Aufmerksamkeit zu organisieren. Welche Texte liest man auf Zukunft, welche auf Ton, welche auf Präsenz, welche auf begriffliche Brauchbarkeit? Und wie verhält sich diese Praxis zu einem Autor, der später mit der „breiten Gegenwart“ gerade jene Zeitform beschrieben hat, in der lineare Bildungserzählungen schwächer werden?

Auch das Bonn-Projekt ließe sich von hier aus eleganter ansteuern. Nicht als Standortfrage, nicht als Verwaltungsnotiz, eher als Problem der späten Form. Was kann einer wie Gumbrecht heute noch stiften: eine Schule, eine Gesprächsszene, eine Folge von Interventionen, einen Ort konzentrierter Lektüre? Nach Siegen wäre Bonn vielleicht weniger als Institution interessant denn als Möglichkeit, noch einmal einen Resonanzraum zu schaffen, in dem Denken nicht nur stattfindet, sondern sichtbar wird.

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