Die neue Teilung der Wirtschaft: Warum Testo wächst, während der Mittelstand digital an Höhe verliert – Livetalk auf LinkedIn um 12 Uhr @KfW_Research @bertschek_irene

Deutschland redet über KI wie über Wetter. Mal hell, mal dunkel, viel Stimmung, wenig Substanz. Die neue Gemeinschaftsstudie von KfW Research und dem ZEW Mannheim räumt mit diesem Nebel auf. Sie zeigt, wie der digitale Rückstand im Mittelstand aussieht, was er kostet und weshalb einige Unternehmen trotzdem nach vorn marschieren. Im Zentrum stehen zwei Namen. Irene Bertschek, Digitalökonomin am ZEW Mannheim und an der Universität Gießen, hat den Zusammenhang von Digitalinvestitionen und Produktivität vermessen. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, hat die Lage des Mittelstands auf den Tisch gelegt. Zusammen liefern beide das Protokoll einer Spaltung.

Acht Milliarden weniger Mut

Die erste Zahl ist ein Warnsignal mit Nachhall: Der deutsche Mittelstand investierte zuletzt nur noch 23,8 Milliarden Euro in seine Digitalisierung. Das sind 8,1 Milliarden Euro weniger als in der Vorperiode, preisbereinigt sogar 8,6 Milliarden. Parallel fiel der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben von 35 auf 30 Prozent. Fünf Prozentpunkte weniger Aktivität, mitten in einer Phase schwachen Produktivitätswachstums. Das ist keine Delle. Das ist ein Rückzug.

Schumacher zeichnet dazu das größere Bild. Deutschland verliert bei den IT-Investitionen den Anschluss an die führenden Länder. Im europäischen Vergleich liegt das Land bei der Nutzung von KI auf Rang 9, bei Online-Verkäufen auf Rang 17, bei digitalen Kompetenzen oberhalb des Basisniveaus sogar auf Rang 23. Für eine Industrienation, die ihre Stärke aus Präzision, Tempo und Export zieht, ist das kein Schönheitsfehler. Es ist eine Gefahr für das Geschäftsmodell des Landes.

Irene Bertschek und die harte Logik des Digital-Kapitals

Irene Bertschek untersucht nicht Modewörter, sie untersucht Wirkung. Grundlage ihrer Arbeit ist das KfW-Mittelstandspanel von 2017 bis 2022, die wichtigste repräsentative Erhebung für Unternehmen bis 500 Millionen Euro Jahresumsatz. Ihr Ergebnis passt in einen Satz und verändert die ganze Debatte: Je höher der digitale Kapitalstock eines Unternehmens, desto stärker der Produktivitätseffekt jeder weiteren Investition. Wer bereits digital aufgestellt ist, holt aus dem nächsten Euro mehr heraus als der Rest.

Die Rechenbeispiele sind klein im Komma und gewaltig in der Wirkung. Steigt das digitale Kapital eines Unternehmens um zehn Prozent, erhöht sich die Produktivität im Durchschnitt um 0,159 Prozent. In der Spitzengruppe der bereits stark digitalisierten Unternehmen führt derselbe Impuls zu 0,808 Prozent mehr Produktivität. Fünfmal so viel Hebel aus derselben Bewegung. Digitalisierung arbeitet also wie Zinseszins. Wer einen Sockel besitzt, baut Höhe auf. Wer keinen Sockel besitzt, tritt auf der Stelle.

Noch schärfer wird das Bild beim Rückstand zu den Besten der Branche. Zehn Prozent mehr digitales Kapital verringern diese Produktivitätslücke im Durchschnitt um 0,139 Prozent. Bei den Unternehmen mit dem höchsten digitalen Kapitalstock schrumpft die Lücke um 0,542 Prozent. Das heißt: Die Vorreiter holen aus jedem zusätzlichen digitalen Euro nicht nur mehr Tempo, sie schließen auch schneller zum oberen Ende der Wertschöpfung auf. Die Nachzügler bleiben im Gegenwind hängen.

Der Canyon im Mittelstand

Wie tief die Kluft bereits ist, zeigen die Bestände. Die obersten 25 Prozent der mittelständischen Unternehmen verfügen im Schnitt über 156.600 Euro digitalen Kapitalstock. Die untere Hälfte liegt bei weniger als 50 Euro. Diese Zahl muss man zweimal lesen. Weniger als 50 Euro. Auf der einen Seite Unternehmen mit Datenbasis, Systemen, Erfahrung und Lernkurve. Auf der anderen Seite Betriebe, in denen Digitalisierung in unregelmäßigen Schüben auftaucht und wegen der schnellen Abschreibung digitalen Kapitals fast ebenso rasch wieder verpufft.

Auch nach Unternehmensgröße zeigt sich die neue Klassengesellschaft. Bei Mittelständlern mit mehr als 50 Beschäftigten haben 63 Prozent Digitalisierungsvorhaben abgeschlossen. Bei Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten sind es 27 Prozent. Noch konzentrierter wirkt das Geld: Die größten zwei Prozent der Unternehmen vereinen 41 Prozent der gesamten Digitalisierungsausgaben auf sich. Der Rückstand ist damit kein diffuser Eindruck. Er ist messbar, konzentriert und strukturell.

Was Testo begriffen hat

Testo ist in dieser Landschaft kein Zufallstreffer, kein Ausreißer, kein glücklicher Einzelfall. Das Unternehmen zeigt, wie ein Mittelständler die Richtung wechselt, bevor der Markt ihn dazu zwingt. Seit rund 70 Jahren ist Testo im globalen Markt für digitale Messlösungen unterwegs, vor allem in Heizung, Lüftung, Klima, Food und Pharma. Die Studie „Die Zukunftsmacher“ beschreibt, was den Unterschied ausmacht: Testo hat früh Softwarekompetenzen aufgebaut und vor rund sieben Jahren ein eigenes Solutions-Geschäft entwickelt. Aus dem Hersteller von Messgeräten wurde ein Anbieter von Hardware, Software und Services. Genau dort beginnt eine andere Form von Wertschöpfung.

Das Unternehmen wächst trotz Bürokratie, Fachkräftemangel und Standortlasten jährlich um fünf bis neun Prozent. Das Wachstum hängt nicht an einem einzelnen Gerät. Es hängt an der Fähigkeit, Messdaten in Entscheidungen zu verwandeln. Frittieröl-Sensoren sagen Wechselzeitpunkte voraus. In der Lebensmittelindustrie laufen Bakterienerkennung und Predictive Analytics. Im Handwerk erleichtert KI die Auswertung von Messdaten, etwa bei komplexen Installationen wie Wärmepumpen. Aus einem Wert auf dem Display wird ein Eingriff in den laufenden Betrieb des Kunden. Dort verdient die Zukunft ihr Geld.

Das Frittieröl als Lehrstück der Netzökonomie

Das Beispiel aus der Großküche wirkt unscheinbar. Eben darin steckt seine Wucht. Früher maß ein Gerät die Ölqualität, ein Mitarbeiter entschied nach Erfahrung, Sicherheitsreserve oder Bauchgefühl. Heute kann Testo aus der laufenden Messung einen datenbasierten Service bauen: Sensorik erfasst den Zustand des Öls, Modelle berechnen den optimalen Wechselzeitpunkt, der Betreiber spart Material, sichert Qualität und gewinnt einen klaren Rhythmus im Prozess. Das ist die eigentliche Verschiebung. Das Produkt endet nicht mehr beim Verkauf. Es läuft beim Kunden weiter, Tag für Tag, als Empfehlung, Steuerung und Service.

Der Mittelstand hat über Jahre Geräte verkauft und Service als Beilage geführt. Testo dreht die Gewichte um. Der Service wird zum Träger der Kundenbeziehung. Die Daten werden zum Rohstoff weiterer Angebote. Das Messgerät wird zur Eintrittskarte in ein laufendes Geschäftsmodell. Wer diesen Übergang beherrscht, entkommt dem Preiswettbewerb der alten Industrie. Wer ihn verpasst, liefert Hardware mit schmaler Marge und hofft auf Stückzahl.

KI als Betriebsmittel, nicht als Bühneneffekt

Testo investiert rund zehn Prozent seines Budgets in Digitalisierung; etwa 30 Prozent davon fließen in KI. Die Erträge tauchen intern bereits sichtbar auf: automatisierte Auftragsbearbeitung, intelligentes Wissensmanagement, ein zentrales Contact Center, Effizienzgewinne von acht bis 15 Prozent in der Softwareentwicklung. Dazu kommen eine interne KI-Akademie, ein AI-Enabler-Team, eine geprüfte Toolbox und klare Leitplanken für dezentrale Umsetzung. Führungskräfte wurden zuerst geschult. Alle Mitarbeitenden sollen ein Mindestzertifikat erreichen. Diese Architektur erklärt, weshalb Testo aus KI mehr zieht als viele größere Unternehmen aus ihren Pilotprojekten.

Das passt exakt zu Bertscheks Befund. Erst der Grundstock, dann der Ertrag. Erst die digitale Substanz, dann die Rendite. Viele Mittelständler investieren so, als könne man Produktivität per Einkaufsliste bestellen. Testo investiert wie ein Unternehmen, das die Kette verstanden hat: Datenqualität, Softwarekompetenz, Rollen, Lernprozesse, Produkte, Services. Ein Glied fehlt, die Wirkung bricht. Eine geschlossene Kette, die Wirkung skaliert.

Dirk Schumacher und die zweite Chance des Mittelstands

Schumacher sieht in KI nicht nur eine Kraft der Verschärfung. Er spricht auch über eine Chance zur Angleichung. Wenn jedes Unternehmen auf Knopfdruck Zugang zu den großen Sprach- und Wissensmodellen erhält, könnte sich Produktivität auf breiter Front anheben. Entscheidend ist für ihn der Zugang: Bleiben diese Modelle offen genug, bezahlbar genug und anwendbar genug für konkrete betriebliche Probleme? Gelingt es der deutschen Wirtschaft, daraus spezifische Edge Solutions zu bauen? Dann könnte KI den Abstand zwischen Vorreitern und Nachzüglern teilweise verringern. Wird um diese Modelle ein teurer Schutzwall errichtet, wächst die Kluft weiter.

In diesem Gedanken steckt die politische Brisanz der ganzen Debatte. Deutschland braucht nicht bloß mehr KI. Deutschland braucht einen Mittelstand, der mit ihr arbeiten kann. Bertschek nennt dafür die Voraussetzungen: kontinuierliche Investitionen, laufende Aktualisierung der Digitalkompetenzen, mehr digitale Bildung in Schule, Ausbildung und Studium, Kooperation mit digitalen Start-ups. Schumacher ergänzt den finanzpolitischen Blick: Gerade kleinere und mittlere Unternehmen verfügen oft über zu geringe Mittel, deshalb bleibt Förderung ein Hebel. Beide sprechen über dieselbe Aufgabe aus zwei Blickwinkeln. Das Land braucht Masse im Fortschritt, nicht nur Leuchttürme am Rand.

Die eigentliche Lehre

Was unterscheidet Testo von vielen anderen Mittelständlern? Nicht ein Tool. Nicht ein Workshop. Nicht eine schöne Präsentation über KI. Testo hat den Messwert in ein Geschäftsmodell verwandelt. Das Unternehmen verkauft keine Hardware mit digitalem Anhängsel. Es übersetzt Daten in Entscheidungen, Entscheidungen in Services, Services in Bindung, Bindung in Ertrag. Darin liegt der Vorsprung.

Die Zahlen dazu stammen nicht aus einer Werbebroschüre, sie stammen aus der wichtigsten Mittelstandsanalyse des Landes. 23,8 Milliarden Euro Digitalisierungsausgaben im Mittelstand, acht Milliarden weniger als zuvor. 35 Prozent aktive Unternehmen, jetzt nur noch 30. Ein oberes Viertel mit 156.600 Euro digitalem Kapitalstock. Eine untere Hälfte mit weniger als 50 Euro. Zehn Prozent mehr Digital-Kapital bringen im Durchschnitt 0,159 Prozent Produktivität, in der Spitzengruppe 0,808 Prozent. Zehn Prozent mehr Digital-Kapital verkleinern die Produktivitätslücke um 0,139 Prozent, in der Spitzengruppe um 0,542 Prozent. Auf dem Papier wirken diese Werte klein. In der Wirklichkeit entscheiden sie über Marktanteile, Investitionskraft, Löhne, Resilienz und am Ende über die Frage, wer in diesem Land die industrielle Zukunft schreibt. Testo hat darauf bereits eine Antwort gegeben. Viele andere haben noch nicht einmal mit dem Satz begonnen.

Darüber sprechen wir mit Testo um 12 Uhr auf LinkedIn.

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