Kanzler in der Klangschale: Friedrich Merz und das große Ertragen-Müssen-Retreat @bundeskanzler @WolfLotter @PeterUnfried – Anregungen für die heute-show

Wolf Lotter öffnet die Tür zum Stuhlkreis

Wolf Lotter schrieb auf X: „Ich würde Friedrich Merz gerne in ein Mind-Retreat einladen. Es ist wichtig, dass sich der Bundeskanzler wieder spüren kann. Wer kommt noch mit?“
Das war natürlich keine Seminaranmeldung, sondern eine Diagnose in Miniatur: Wenn ein Bundeskanzler erklärt, kein Amtsvorgänger habe je so etwas ertragen müssen, dann fehlt nicht nur historische Einordnung, sondern womöglich auch ein sicherer Raum mit Filzmatte, Atemkarte und einem zertifizierten Menschen, der fragt: „Friedrich, wo im Körper sitzt die Kommentarspalte?“

Modul 1: Den inneren Kanzler abholen

Da helfen auch die mehr oder weniger originellen Einfälle des politischen Personalmanagements zur Erheiterung des Regierungspersonals nicht weiter. Etwa die „ganzheitlichen“ oder, wenn das Honorar in Richtung Tagessatzdelirium steigt, holistisch genannten Konzepte, die in speziellen Motivationsseminaren eingeimpft werden.

Die lieben Kolleginnen und Kollegen stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein transformativer Tag, und ich bin bereit, meine Führungsverletzlichkeit zu integrieren. Just great.“

Merz steht daneben, blickt streng auf die Mitte des Kreises und fragt, ob das auch mit Richtlinienkompetenz geht.

Modul 2: Ertragen, aber IHK-zertifiziert

Das eigentliche Retreat beginnt natürlich nicht einfach. Es wird eröffnet. Von einem zertifizierten Facilitator, der früher Moderator hieß, bevor man merkte, dass „Facilitator“ besser klingt, wenn man für acht Stunden Stuhlkreis einen Betrag aufruft, für den andere Menschen eine Einbauküche kaufen.

Das Seminarthema lautet: „Kein Kanzler musste so etwas ertragen – Resilienztraining für Spitzenkräfte unter Kommentarspaltendruck“.

Zunächst sollen alle Teilnehmenden auf Karten schreiben, was sie belastet. Die Minister schreiben: „Koalitionsausschuss“, „Haushalt“, „Umfragen“, „Presse“. Merz schreibt: „Herabwürdigung“. Dann schaut er ernst in den Raum, als habe er gerade den Begriff für eine neue Bundesbehörde erfunden.

Der Facilitator nickt bedeutungsvoll. „Danke, Friedrich, dass du das in den Raum gegeben hast.“

Modul 3: LEGO® SERIOUS PLAY® für die verletzte Staatskunst

Dann kommt der Höhepunkt: LEGO® SERIOUS PLAY® – IHK-zertifiziert angeleitet von irgendwelchen Facilatoren, die mit dieser Mischung aus Sakralton und Unternehmensberatung sprechen, bei der man nie weiß, ob gleich ein Teamziel formuliert oder ein kleiner Kult gegründet wird.

Aufgabe: „Baue dein Ertragen.“

Merz greift zu grauen Steinen. Natürlich zu grauen. Daraus entsteht ein Sockel namens Verantwortung. Darauf ein Turm namens Zumutung. Obenauf eine rote Sirene: Social Media. Daneben ein kleines Männchen, allein, aufrecht, leicht beleidigt. „Das bin ich“, sagt Merz. „Und das hier ist die hypernervöse Öffentlichkeit.“

„Sehr stark“, sagt einer der Facilitatoren. „Was braucht dein Modell, um wieder in die Selbstwirksamkeit zu kommen?“

Merz überlegt. Dann steckt er eine goldene Krone oben drauf.

Modul 4: Konkurrenz belebt die Kanzlerseele

Natürlich wäre es nicht marktwirtschaftlich, das Ertragen allein LEGO® zu überlassen. Wenn schon Mind-Retreat, dann bitte technologieoffen. Die Republik braucht Wettbewerb im Bereich Kanzler-Wellness.

Also folgt am Nachmittag das Modul CaDA Chancellor Clarity®. Hier baut der Kanzler seine Kommunikationsstrategie aus 1.846 Teilen, von denen zwölf nicht ganz passen. Der Chef-Facilitator erklärt, das sei kein Konstruktionsfehler, sondern „ein wertvoller Resonanzimpuls“.

Danach Mould King Meaning Mining®: Ein ferngesteuerter Bagger fährt durch ein Modell des Kanzleramts und hebt verschüttete Sinnressourcen aus. Gefunden werden: ein Reformnarrativ, zwei alte Wahlkampfversprechen und ein sehr kleiner Stein mit der Aufschrift „Demut“.

Bei COBI Conflict Bricks® bauen die Teilnehmenden historische Belastungsszenarien nach: Eierwurf, Misstrauensvotum, Talkshowrunde, Parteitag nach schlechten Umfragen. Merz betrachtet die Modelle und sagt: „Ja, aber Social Media gab es damals nicht.“ Daraufhin wird ein schwarzer Sonderstein auf den Tisch gelegt. Alle schweigen betroffen.

Modul 5: BlueBrixx, Pantasy und die große Brandmauer-Meditation

BlueBrixx Inner Governance® bietet anschließend einen besonders realitätsnahen Baukasten: Man baut eine Brandmauer, verschiebt sie, nennt sie Dialogfläche, baut sie neu, erklärt sie zur strategischen Öffnung und veröffentlicht danach ein Positionspapier, in dem steht, dass alles immer schon genauso gemeint war.

Bei Pantasy Purpose Play® wird es nostalgischer. Jeder baut eine kleine Bühne, auf der die eigene Führungsfigur endlich den Applaus bekommt, den sie draußen im Land nicht zuverlässig erhält. Merz entscheidet sich für ein Set namens „Der Kanzler erklärt die Lage“. Es enthält ein Rednerpult, drei Mikrofone, sieben mahnende Gesichtsausdrücke und einen Bürger, der noch überzeugt werden muss.

Modul 6: Knetmasse für das Deutschlandtempo

Gestresste Regierungsmitglieder können ihren Frust danach in albernen Rollenspielen abbauen. Der Bundeskanzler spielt einmal den Bürger. Der Bürger spielt die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit sagt: „Das dauert mir zu lange.“ Daraufhin wird das Rollenspiel wegen mangelnder konstruktiver Haltung der Wirklichkeit abgebrochen.

Managementaufgaben werden anschließend mit Knetmasse nachgestellt, weil man ja alles etwas spielerischer angehen will. Aus einem blauen Klumpen entsteht die Schuldenbremse, aus einem roten die Koalitionsdisziplin, aus einem schwarzen das Deutschlandtempo. Leider bleibt das Deutschlandtempo am Tisch kleben.

„Das ist ein gutes Bild“, sagt der Facilitator.

„Das ist kein Bild“, sagt Merz. „Das ist Regierungserfahrung.“

Finale: Bitte einmal den Kanzlerkern aktivieren

Am Ende sitzen alle wieder im Kreis. In der Mitte liegt ein Flipchart mit der Frage: „Was will dein Ertragen dir sagen?“

Die Antworten lauten: „Abgrenzung“, „Selbstfürsorge“, „Narrativarbeit“, „toxische Kommentarspalten“, „mehr Ich-Zeit im Kanzleramt“. Jemand schlägt eine Klangschale an. Jemand anderes dokumentiert den Prozess in Miro. Ein dritter fragt, ob man die Erkenntnisse als LinkedIn-Carousel aufbereiten könne.

Merz schließt die Augen. Atmet ein. Atmet aus. Spürt kurz in sich hinein. Dort findet er, sauber abgelegt zwischen Pflichtgefühl und Kränkung, den Satz, mit dem alles begann: Kein Kanzler musste so etwas ertragen.

Dann öffnet er die Augen und sagt: „Ich beschwere mich nicht darüber. Aber so ist es.“

Der Facilitator lächelt. „Das war sehr kraftvoll, Friedrich.“

Draußen wartet die nächste Pressefrage. Drinnen werden die Steine sortiert. Und irgendwo schreibt Wolf Lotter vielleicht schon den nächsten Satz: Wer kommt noch mit?

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.