Kleine Tagungen mit direkten Gesprächen ohne langatmige Reden oder die Kunst der ungehaltenen Rede – Wie kann man mit Konferenzen dauerhaft wirken?

Der Soziologe André Kieserling hat im Wissenschaftsteil der FAZ einen sehr wichtigen Beitrag geschrieben über die Notwendigkeit von intelligenten Tagungsorganisationen für die geisteswissenschaftliche Forschung – und das gilt eigentlich für jede wissenschaftliche Disziplin.

So verweist er auf Überlegungen, die die amerikanische Ethnologin Margaret Mead bereits gegen Ende der sechziger Jahre publizierte. Ihr Buch beginnt mit einer Kritik der wissenschaftlichen Großtagung, an der sie zwei Schwächen hervorhebt.

„Die eine liege im Vorrang der schriftlichen vor der mündlichen Kommunikation: Es würden Texte, die nach Länge und Dichte eigentlich für den Buchdruck bestimmt seien, einem zugleich wehrlosen und überforderten Publikum vorgelesen, mitunter gefolgt von einer Kritik des Vortrags, die ihm an Dichte, und oft auch an Länge, keineswegs nachstehe. Gebunden an diese Vorlagen, könnten die Redner aber weder aufeinander noch auf das Publikum reagieren. Eine zweite Schwäche liege darin, dass die Einladungspolitik einer Art von Proporzdenken folge. Die Wissenschaftler würden nicht als lernfähige Individuen eingeladen, sondern als Gruppenvertreter, die dann etwa ihr eigenes Fach oder die Lehrmeinung ihrer eigenen Schule zu repräsentieren hätten. Belohnt werde damit aber gerade nicht die Offenheit des Urteils, sondern die Treue zu einer bereits eingenommenen Position. Kein Wunder, so Mead, dass es dann oft bei der Wiederholung von schon Bekanntem bleibe und die offiziell doch gerade gesuchten Annäherung der verschiedenen Lager nicht recht vorankomme“, erläutert Kieserling.

Kleine Konferenzen organisieren

Mead plädiert für kleine wissenschaftliche Konferenzen. Vorteil: Dort gibt es kein passives Publikum und man steigt direkt in das Gespräch ein. Aber auch diese Form der wissenschaftlichen Tagung hat nach Ansicht von Kieserling Schwächen:

„Als Wissenschaftsgeselligkeit mag sie das gegenseitige Kennenlernen der Personen und vielleicht auch ihre Gewöhnung an fachliche oder nationale Besonderheiten erleichtern, aber sie hat keine greifbaren Erträge, und damit sind auch breitere Rückwirkungen auf den Forschungsprozess ausgeschlossen.“

Die kleine Gruppe um den Philosophen Hans Blumenberg umging dieses Problem, indem sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf intelligente Weise verband. Die eigentliche Innovation der berühmten Tagungsreihe „Poetik und Hermeneutik“ lag in der Idee der ungehaltenen Rede.

„Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese ‚Vorträge‘, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute“, führt André Kieserling aus.

Blumenberg war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator und die Tagungsbände „Poetik und Hermeneutik“ haben die Geisteswissenschaften dauerhaft und nachhaltig beflügelt. Wie müsste das heute organisiert.

Plädoyer für die gesellige Disputation in einer digitalen Akademie

Ich selbst habe in einer Kolumne für die Netzpiloten mal die Gründung einer digitalen Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit ins Spiel gebracht – ich bin da näher am Konzept von Mead. Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. 

Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens. 

Akademische Krawalle vonnöten 

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Aufklärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried. „Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus. 

Social Web im 17. Jahrhundert ohne AGB-Diktatur 

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen.

„Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt – müsste Professor Lutz Becker zusagen. Genau sein Wissenschaftskonzept an der Hochschule Fresenius.

„Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt.

So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen und die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – hatte Thomasius auch 😉

Info-Krieg, Dox oder #Hackerangriff? Gespräch mit @janotta_a

Daten von Politikern, Netz-Aktivisten, Prominenten und Journalisten sind wohl akribisch gesammelt, recherchiert und teilweise aus geklauten Accounts generiert worden. Das treibt zu Zeit einige politische Protagonisten auf die Palme. Im Zentrum des Empörungssturms steht der Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm. So äußerte sich Wolfgang Kubicki von der FDP am Wochenende :

„Ein Präsident, der erst erklärt, man wisse seit Anfang Dezember von den Vorgängen, um jetzt zurückzurudern und zu sagen, man wisse es eigentlich erst seit dem 3. Januar, der muss sich fragen lassen, ob er der richtige Mann an dieser Position ist.“

Thomas Oppermann von der SPD der „Bild am Sonntag“, es sei „empörend, dass gestohlene Daten tagelang im Netz präsentiert werden und die zuständige Behörde nichts unternimmt, um die Betroffenen zu informieren und zu schützen“. Er rief Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dazu auf, zu handeln. Der befragt nun seine Sicherheitsbehörden und will wohl bis Mitte der Woche die Öffentlichkeit über den Fall informieren.

Aus dem Bundestag werden Forderungen nach einem besseren Schutz durch die Sicherheitsbehörden laut. „Das Bundeskriminalamt ist zwar für den physischen Schutz meiner Wohnung zuständig“, sagte der netzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jens Zimmermann, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „aber im digitalen Bereich hört mein Schutz auf, sobald ich das Netzwerk des Bundestags verlasse und eine private Mail-Adresse verwende. Da müssen wir umdenken.“ Abgeordnete müssten sorgsamer mit ihren persönlichen Informationen umgehen. Doch das reiche nicht: „Behörden sollten jede digitale Information schützen, die ich als Abgeordneter austausche, egal über welchen Kanal.“ Zimmermann sagte weiter, er sei „definitiv dafür, dass wir den Etat für Sicherheit im Netz erhöhen“. Allerdings sei es nicht einfach, genügend Fachleute zu finden.

„Ähnlich, wenn auch vorsichtiger, äußerte sich der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion Patrick Schnieder: ‚Es muss uns etwas wert sein, dass wir unsere Demokratie, Mandats- und Amtsträger, umfassend schützen, also auch im Netz. Wir werden die Vorgänge jetzt parlamentarisch aufklären und anschließend überlegen, wo wir sicherheitstechnisch die Behörden aufrüsten müssen'“, berichtet die FAS.

Ist mit dieser Auffassung der Fall richtig bewertet worden? Oder muss sich die Politik vielleicht generell stärker mit den Methoden des Infokrieges im Netz beschäftigen – und der geht von Einzeltätern, politischen Gruppierungen und staatlichen Institutionen aus. Auch Geheimdienste zählen dazu.

All das werde ich gleich mit dem Hacker und Sicherheitsexperten Adrian Janotta erörtern. Eure Fragen und Diskussionsbeiträge bitte über die Youtube-Chatfunktion posten:

Paradoxe Interventionen gegen staatliche und private Datenkraken @digitalnaiv @winfriedfelser

Wenn Big Data-Algorithmen ohne meine Zustimmung anfangen, mich zu klassifizieren und zu stigmatisieren, automatisch meine Bonität herabstufen, einen Wechsel der Krankenversicherung wegen meines vermeintlich exakt berechneten Gesundheitszustandes verhindern oder Personalberatern die Abweisung meiner Stellenbewerbung empfehlen, dürfte es zu heftigen Gegenreaktionen der Netzgesellschaft kommen. Das schrieb ich vor einigen Jahren für ein längeres Big Data-Stück: „Das wird noch eine Weile beobachtet und irgendwann reagiert die Gesellschaft“, meint der Systemtheoretiker Gerhard Wohland. Es folgen Störungen des Systems, die bis zu Boykott und Ausstieg reichen können. 

Trotzdem versuchen die Datenkraken, unser Handeln zu beeinflussen oder sogar zu steuern. Wenn Menschen das durchschauen, passiert allerdings genau das Gegenteil. Solche Dinge bleiben eben nicht geheim. Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Eine Haltung wie Ich-hab-nichts-zu-verbergen-Denkhaltung einzunehmen wie Dieter Bohlen, ist dabei die schlechteste Variante im Umgang mit den Datensystemen – egal, ob sie privat oder staatlich organisiert sind.

Aber hilft der Ausstieg aus den Systemen weiter?

Da finde ich paradoxe Interventionen besser. Mit Winfried Felser habe ich das mal ausführlich erörtert:

Wer aussteigt, kann keine parasitären Stinkbomben in den Systemen mehr zünden. Ordnungssysteme wie Google oder Facebook hassen Störenfriede und Parasiten. Sie wollen Ruhe in ihren Systemen haben.

„Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt, dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Deshalb ist es wichtig, als parasitärer Störenfried auf Facebook zu bleiben. Der Parasit kann seinen Wirt veredeln, aber auch töten. Diese Option sollte man nutzen.

Wie soziale Netzwerke die öffentliche Meinung in politischen Fragen beeinflussen

Die sozialen Netzwerke sind für junge Leute mittlerweile die wichtigste Quelle politischer Informationen – und für ältere Anhänger der AfD. Das ergeben Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Interessant ist dabei der Ansatz, welche Faktoren heute das Zustandekommen von öffentlicher Meinung beeinflussen. Sind es immer noch die klassischen Massenmedien oder welchen Anteil haben die privatisierten Öffentlichkeiten der sozialen Medien? Das treibt mich ja nun schon seit einigen Jahren um – mittlerweile auch als Hochschuldozent in der Vorlesungsreihe über digitale Medien. Der Allensbacher Meinungsforscher Thomas Petersen hat dazu einen sehr interessanten Gastbeitrag in der FAZ geschrieben. Wie nährt beispielsweise die Blasenbildung im Internet die Rechtspopulisten in Deutschland?

Das Internet ermögliche es viel mehr als die traditionellen Medien, einerseits Gleichgesinnte zu finden und andererseits Informationen und Meinungsäußerungen auszublenden, die der eigenen Position widersprechen. „Es leuchtet ein, dass die Möglichkeit, sich mit der Auswahl unter Tausenden Informationsquellen das Weltbild gleichsam maßschneidern zu lassen, zu einer Zersplitterung der Öffentlichkeit führt, zumal dies auch noch durch die Algorithmen der Internetportale unterstützt wird“, so Petersen. Die konstruierten Wahrheiten driften auseinander und es gelingt immer weniger, eine gemeinsame Grundlage für politische Debatten zu finden. Für solche Entwicklungen schwirren unterschiedliche Begriffe in wissenschaftlichen Diskursen herum: Blase, Echokammer oder gar „political homophily“. In analogen Zeiten nannte sich das „looking-glass perception“.

Der Nachweis von Medienwirkung gehöre zu den schwersten Aufgaben der Kommunikationswissenschaft überhaupt, betont Petersen. Gleiches gilt übrigens auch für die Medienpolitik und die Medienaufsicht. Dort forscht man nach den Machtfaktoren und der Vielfalt. Facebook und Co. werden dabei als Intermediäre unter die Lupe genommen – bislang sind die empirischen Befunde noch recht dürftig. Petersen verweist auf den südkoreanischen Sozialforscher Young Min Baek, der 2012 vor einer Parlamentswahl überprüfte, ob Personen, die einer Minderheitsmeinung anhingen, eine stärker in Richtung auf ihre eigene Position verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung aufwiesen, wenn sie häufig die sozialen Medien nutzten. „Tatsächlich deuteten seine Forschungsergebnisse auf einen solchen Effekt hin, wenn auch nur schwach.

In neuen Allensbacher Forschungsergebnissen ist eine Tendenz zur Blasenbildung bei Anhängern der AfD festzustellen. Jetzt werden viele Leserinnen und Leser gähnen und kommentieren, dass das ja nun keine Überraschung sei. Man muss es aber empirisch belegen.

Einen Anhaltspunkt sieht Allensbach in der Veränderung des Informationsverhaltens. 2009 sagten noch 72 Prozent der Befragten in einer Allensbacher Repräsentativumfrage, dass sie sich in der Lokalzeitung über Politik und aktuelle Ereignisse informierten. Heute ist der Anteil auf 64 Prozent gesunken. Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen habe an Bedeutung verloren: „Vor einem Jahrzehnt sagten 83 Prozent, sie nutzten es als Informationsquelle, in der aktuellen Umfrage waren es noch 76 Prozent. Parallel ist der Anteil derjenigen, die sich – auch – über die sozialen Netzwerke informieren, auf 23 Prozent gestiegen, 2013 waren es noch neun Prozent“, so Petersen. Klingt immer noch nicht weltbewegend. Der Effekt wird deutlicher, wenn man sich die jüngere Altersgruppe näher anschaut. Hier sind es schon 53 Prozent, die sich vor allem über soziale Netzwerke informieren.

Gesellschaftliche Sonderrolle der AfD-Anhänger

Die Einflüsse der sozialen Netzwerke auf die Meinungsbildung der Bevölkerung werden deutlich wachsen, prognostiziert Petersen. Und das die AfD als Internetpartei punkten kann, lässt sich an den folgenden Daten ablesen: Petersen spricht von einer gesellschaftlichen Sonderrolle der AfD-Anhänger. „Sie sagten nämlich zu 34 Prozent, und damit deutlich häufiger als die Anhänger aller anderen Parteien, dass sie sich über soziale Netzwerke politisch informieren. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil es sich bei den AfD-Anhängern zwar nicht, wie manchmal angenommen wird, überwiegend um ältere Bürger handelt, doch besonders jung ist die Anhängerschaft der Partei auch nicht. Der Schwerpunkt liegt in den mittleren Altersgruppen. Da aber Junge eine viel größere Affinität zu den sozialen Netzwerken aufweisen als die Angehörigen der mittleren Altersgruppen, würde man bei dieser Frage eher bei den Anhängern der Grünen einen großen Anteil derer vermuten, die sich auf diesem Weg über Politik informieren. Doch die Grünen nehmen in dieser Hinsicht mit 26 Prozent lediglich den zweiten Platz ein“, schreibt Petersen.

Die Bindung der AfD-Anhänger an die sozialen Netzwerke ist also besonders stark. Lässt sich daraus eine verzerrte Wahrnehmung des Meinungsklimas in Deutschland ableiten? Einiges spricht dafür. Generell gelingt es der Bevölkerung recht gut, das allgemeines Meinungsklima unabhängig von der eigenen politischen Meinung abzuschätzen. Beim Aufkommen der Rechtspopulisten ist ein gegenteiliger Trend in Richtung Blasenbildung erkennbar.

In einer der jüngsten Allensbach-Umfragen sagten 29 Prozent der Befragten, sie seien mit der Politik Merkels einverstanden, während sich 42 Prozent nicht einverstanden zeigten.

Anhänger der AfD, die sich in Blogs, Internetforen oder sozialen Medien über Politik informieren, sagten zu 83 Prozent, sie glaubten, die meisten Menschen seien mit der Politik Merkels nicht einverstanden. Bei denen, die nur die traditionellen Medien nutzten, waren es 70 Prozent. Je mehr die allgemeine Einschätzung und das persönliche Erlebnis auseinanderklaffen, desto eher stützt sich die Meinungsbildung auf Sekundärerfahrungen, die man zu einem großen Teil den Medien und heute verstärkt den sozialen Medien entnimmt. Beim Urteil über Merkel ist zumindest der Effekt von Facebook und Co. ganz gut ablesbar. Um den Rechtspopulismus zurückzudrängen, sollten nicht nur wohlfeile Reden geschwungen werden, sondern auch die Aktivitäten im Social Web verbessert werden. 

Siehe auch: Nicht naiv Testballons jagen – Was die Gaulands und Salvinis verbreiten, sind keine Entgleisungen, es ist kalkuliert. Sie instrumentalisieren oder bekehren zu wollen ist zwecklos

ÖFFENTLICHE MEINUNG IN DER DIGITALEN WELT – ZUR DISKUSSION

Habt Ihr weitere Befunde zu den veränderten Kräfteverhältnissen bei der Herausbildung von öffentlicher Meinung?

Siehe auch: Nicht naiv Testballons jagen – Was die Gaulands und Salvinis verbreiten, sind keine Entgleisungen, es ist kalkuliert. Sie instrumentalisieren oder bekehren zu wollen ist zwecklos

#2018 – Das Jahr der Livestreaming-Projekte: Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung #MediaCampNRW @digitalnaiv @MediaLabNRW @tknuewer

Folgt man den Prognosen von Thomas Knüwer, so erlebten wir in diesem Jahr einen Niedergang der Videobegeisterung und des Livestreamings:

„Auch hier würde ich mir einen Punkt geben. Nur mein Ex-Arbeitgeber ‚Handelsblatt‘ strunzt noch mit seinem neuen Videostudio. Ansonsten aber scheinen mir die Bewegtbildaktivitäten der Verlage bestenfalls zu stagnieren, eher rückläufig zu sein. Und Live-Streaming – gibt es das eigentlich noch? In der Welt des Marketing werden weiterhin Videos produziert, doch auch hier scheint mir die Quantität deutlich gesunken zu sein. Marken realisieren, dass sie angesichts der insgesamt hohen Webvideo-Qualität nur mit wirklich guten Ideen eine Chance haben, im Web Zuschauer zu finden.“

Ich weiß nicht, auf welcher Datenbasis diese Aussage beruht. In dieser apodiktischen Form sind die Aussagen aber falsch. Nur noch das Handelsblatt strunzt mit einem neuen Videostudio? Quatsch. Die taz investiert kräftig in Videoformate und hier vor allem in Livestreaming („gibt es das eigentlich noch?“): „Wir stellen in der Redaktion fest, dass wir durch unsere Live-Berichte neue Leserinnen und Zuschauer gewinnen, die sich zuvor nicht für die taz interessierten und die nun mit Leidenschaft das Projekt der taz unterstützen“, schreibt taz-Reporter Martin Kaul in einem Gastbeitrag für das djv-Magazin „journalist“.

Es sind keine mit großem Budget produzierten Sendungen, keine aseptischen Studio-Aufsager, sondern Berichte mit dem Smartphone: Unformatiertes und rohe Zeugnisse der Geschehnisse. Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung.

Das ist für den Journalismus essentiell und auch für die Unternehmenskommunikation. Es gehe darum, so Kaul, etwas Relevantes, das geschieht, zu begleiten und sofort zu zeigen. „Das heißt: die Bilder des Geschehens auszuwählen, die Protagonisten, die Stimmung, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die aber doch für etwas stehen.

Das muss nicht immer die Weltsensation sein, eine Katastrophe oder Überraschung. Es können auch weniger spektakuläre Ereignisse genutzt werden, um das Live-Geschehen zu transportieren. Das gilt für Kongresse, Konferenzen, Messen, Workshops, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Interview oder Talk-Runden. Charmant sei dabei, etwa via Periscope, eine direkte Kommunikation mit den Zuschauern zu ermöglichen, schreibt Kaul. Das ist nicht nur charmant, das ist die Essenz der Live-Berichte. Die unverfälschte Interaktion mit der Netzöffentlichkeit, die Möglichkeit zur Live-Diskussion über Chats oder sonstige Kommentarfunktionen ohne Freigabeschleifen. Einen weiteren Pluspunkt sehe ich in Möglichkeiten, hinter die Kulissen schauen zu können. Kaul sieht es gar als Chance, ein besseres Verständnis für die Produktionsweisen des Mediengeschäftes zu vermitteln und Vertrauen in den Journalismus wiederherzustellen. Das sei einer der Gründe, weshalb die taz die Live-Formate für interessant und ausbaufähig einstuft. Und das gelte nicht nur für Demonstrationen, Großveranstaltungen und politische Auseinandersetzungen. Live-Formate haben generell das Potenzial, die Welt authentisch zu zeigen und mit Zuschauerinnen und Zuschauern in direkten Kontakt zu treten.

Man könne ungeschnitten am Ort des Geschehens sein, so Kaul. Und da sei auch ok, wenn es mal wackelt:

„Im Leben, lehrt uns das Leben, wackelt es ja auch“, resümiert Kaul.


Für mich war 2018 jedenfalls DAS JAHR der Livestreaming-Projekte. Noch nie konnte ich so viele interessante Live-Formate für Kunden entwickeln: Für IBM (spannende Talks, Konferenzen, HR-Festival auf der re:publica und das Livestudio auf der Cebit), für die Bundeszentrale für politische Bildung (#StreamingKonferenz – größte Konferenz für politische Bildung, die je stattgefunden hat: 46 Sprecherinnen und Sprecher, 40 Konferenzschaltungen, 31 Standorte von Tiflis bis Berlin sowie Bonn, rund 20 Stunden Videomaterial, 12 Stunden Livestreaming mit Moderation, 4 Außenreportagen in Bonn und rund 30.000 Abrufe der Videos am Ende des Projekttages; dann das Festival Politik im freien Theater in München mit Talks, Theaterkritiken um Mitternacht, Blick hinter die Kulissen; Formate, mit denen man Akteure hautnah erleben und politische Botschaften direkt debattieren konnte), für die IHK-Koblenz, für die Fachmesse Zukunft Personal Europe mit Keynotes und dem Studio Z, für den Weiterbildungstag mit spannenden Einblicken in die Welt der Bildungsträger), für Colloquium European Societies in digital Age, für die Zukunftskonferenz in Essen, für die Next Economy Open als virtuelles Konferenzformat für wirtschaftswissenschaftliche Diskurse, für den Finanzdienstleister SKP auf der Caravan Messe in Düsseldorf mit einem elftägigen Livestreaming-Marathon und unterhaltsamen Interviews von Joey Kelly bis Manuel Andrack.

Die auf der Caravan-Messe gemachten Erfahrungen verarbeitete ich für meine monatliche Netzgedanken-Kolumne im prmagazin (Ausgabe Oktober 2018). Hier als kleiner Service die komplette Printversion:

Live ist live, so lautet das PR-Credo von Lars M. Heitmüller, Leiter Marketing und Kommunikation bei S-Kreditpartner in Berlin.

„Das Gefühl, live dabei zu sein und etwas just in dem Moment zu sehen, in dem es passiert, gibt dem Zuschauer ein ganz anderes Gefühl als sich mit zeitlichem Abstand geschnittenes Video-Material aus der Konserve anzuschauen.“ Es passt zur Dialogform in Echtzeit, die wir im Social Web immer mehr einfordern. Die Grundlage für seine Strategien zieht Heitmüller aus dem Cluetrain Manifest, dass schon 1999 das Ende der Geheimnisse proklamierte. „Die vernetzten Märkte wissen über die Produkte der Unternehmen mehr, als die Unternehmen selbst. Ob die Nachricht gut oder schlecht ist, sie wird weitergegeben.” Der Tod der One-Voice-Policy und wesentlicher Gatekeeper sei also keine neue Erkenntnis. „Aber Social Media und die Pluralität der Plattformen haben dazu beigetragen, dass dies offensichtlich wird. Das Live-Zeitalter lebt von der Pluralität der Perspektiven und Kompetenzen. Eine künstliche Verkürzung auf eine ‚regulierte‘ Stimme passt nicht mehr in die Zeit“, betont Heitmüller gegenüber dem prmagazin. Kunden seien zunehmend genervt, wenn sie primär als Rezipienten von Werbung verstanden werden. „Transparentes und dialogorientiertes Verhalten von Unternehmen wird hingegen geschätzt. Man will teilnehmen und mitwirken“, so der Kommunikationsexperte aus der Sparkassen-Finanzgruppe. Als ein Baustein sieht er Livestreaming-Formate.

Sie können können Unternehmen dabei unterstützen, Communities aufzubauen und eine Vertrauensbeziehung zu wichtigen Stakeholder zu entwickeln und zu pflegen. „Livestreaming senkt die Kommunikationsschwelle nicht nur in Richtung des Kunden, sondern auch nach innen. Wer bringt Dinge am besten auf den Punkt? Wer spricht am unterhaltsamsten? Live-Formate wecken ungeahnte Kommunikationstalente in allen Teilen des Unternehmens. Mitarbeiter bekommen eine Bühne und können sich als Markenbotschafter wirkungsvoll positionieren. Ideal für das Employee Empowerment wie für das Employer Branding: Es sollte die neue Lieblingsplattform aller Personalleiter sein. Schließlich hat Livestreaming die Kraft, die ganze heterogene Kraft eines Unternehmens sichtbar zu machen. Das stärkt die Kultur der Organisation“, meint Heitmüller.

Frei nach dem Motto: “Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß”: Unternehmen besitzen eine Vielzahl von bedeutenden Informationen und Kompetenzen, die im Alltag oft unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Livestreaming könne einen Beitrag dazu leisten, diese zu heben und sichtbar zu machen, resümiert Heitmüller. 

Solche Live-Formate sind nicht nur für die Unternehmenswelt ein probates Mittel. Gleiches gilt für den Journalismus. Das machte Jay Rosen in einem Beitrag für die FAZ deutlich. „Brief an die deutschen Journalisten“ heißt das Opus:

„Ich werde derjenigen deutschen Redaktion eine Goldmedaille verleihen, die als erste ihre Schwerpunkte in der Berichterstattung öffentlich macht. Ich stelle mir eine Live-Funktion vor, die online frei zugänglich ist, ein redaktionelles Produkt, das wöchentlich oder bei wichtigen Ereignissen aktualisiert wird. Die Punkte auf dieser Prioritätenliste sollten das Ergebnis gründlicher Überlegungen und sorgfältiger Recherchen sein – und natürlich müssen sie die Realität spiegeln und bei den Bürgern ankommen. Wenn jemand in aggressivem Ton fragt: ‚Und was ist Ihre Agenda?‘, schicken Sie ihm einfach den Link. Wenn er nicht zufrieden ist, bitten Sie ihn um Verbesserungsvorschläge. Das böte unter anderem den Vorteil, dass die Notwendigkeit echter redaktioneller Vielfalt sofort sichtbar würde.“

Selbst Redaktionskonferenzen könnten ab und zu im Live-Modus mit Beteiligung der Leserschaft ablaufen. Auch das erhöht die Bindung. Soweit die Netzgedanken-Kolumne. Meine Erfahrungswelt widerspricht der Jahresprognose von Thomas Knüwer. Der Punkt geht definitiv an mich – so unbescheiden möchte ich das mal ausdrücken. Und die nächsten Aufträge für 2019 liegen schon vor. Es geht weiter mit Live-Formaten – hoffentlich auch im Journalismus.

Das ist übrigens dann auch mein Sessionvorschlag für das #MediaCampNRW am 12. Januar in Oberhausen: Ungeschnitten und direkt – Der diskrete Charme des Livestreamings.

Man hört, sieht und streamt sich 2019 . Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 🙂

Siehe auch: Das Ende der Videobegeisterung im Marketing und bei Medien, meint @TKnuewer

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