Scheininnovationen und Digi-Labs überdecken Defizite der Digitalisierung

Um bei den Digitalthemen in der ersten Liga zu spielen, reicht es für Unternehmen wohl nicht aus, entsprechende Talente oder Startups an Bord zu holen.

„Auch in der Führung muss Kompetenz in Sachen Digitalisierung präsent sein“, fordern Jürgen und Heribert Meffert in ihrem Opus „Eins oder Null“.

Dabei gehe es vor allem um die erste Ebene, die Geschäftsführung und das Aufsichtsgremium, sowie um die zweite Führungsebene.

„Die IT muss als neue Kernkompetenz im Unternehmen verstanden werden, der CDO sollte ein einflussreiches Wort im Führungsgremium mitsprechen – dann klappt es auch mit der Digitalisierung.“

Für die Kulisse passiert gerade eine Menge. Aber ändert sich wirklich etwas in den Führungsetagen?

„Digi-Labs, Innovation-Hubs, Digitalfabriken oder wie immer die deutschen Unternehmen ihre Ableger nennen, sind in den vergangenen Jahren ein fester Teil der deutschen Firmenlandschaft geworden. Ob Daimler, Lufthansa, Thyssenkrupp oder Deutsche Bank – jeder, der zeigen will, dass er die Zukunft anpackt, hat inzwischen ein Labor gegründet. Rund 100 sind es mittlerweile und noch deutlich mehr, wenn man zugekaufte Startups oder IT-Ausgründungen miteinbezieht. Tendenz steigend“, schreibt Capital.

Das Monatsmagazin hat mit der Hamburger Managementberatung Infront Consulting über Monate Dutzende von Laboren besucht. Bislang sind die Ergebnisse ernüchternd: Wirklich Geld habe noch niemand verdient, auch die nicht, die schon länger dabei sind.

„Es fällt auf, dass bisher betriebswirtschaftlich eigentlich fast nichts erreicht wurde“, zitiert Capital Julian Kawohl, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat. „Kein Unternehmen hat durch sein Lab signifikantes Neugeschäft aufgebaut.“

Was fehlt, sei die Bereitschaft der Konzerne, wirklich im großen Stil Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Noch stünden die Labs unter Welpenschutz, heißt es in der Studie.

Controller und die Sucht nach der kurzfristigen Rendite

Noch sei die Begeisterung bei den CEOs hoch. Noch werden die Units von dem verführerischen Parfüm des Neuen umgeben.

„Das aber könnte sich ändern, wenn die Controller kommen und Nachweise für wirtschaftlichen Erfolg verlangen“, schreibt Capital und hätte vielleicht die systemischen Defizite der Deutschland AG stärker unter die Lupe nehmen sollen.

Viele Konzerne und mittelständische Unternehmen leben von der Substanz. Sie setzen nicht auf neue Technologien, sondern auf höhere Preise und Scheininnovationen.

Wachsende Konzentration in wichtigen Branchen und eigentumsrechtliche Verflechtungen schädigen die Innovationskraft, um Zukunftsthemen wie die Kreislaufwirtschaft, die Mobilitätswende und den Klimaschutz zu stemmen. Wir bescheiden uns lieber mit Dumping-Kapitalismus, mahnt Wolfgang Neef, ehemaliger Vizepräsident der Technischen Universität Berlin. Rendite-Geilheit rückt an die Stelle der Qualitätsproduktion.

Value-Engineering statt Qualitätsproduktion

Die Studenten von Neef berichten, dass in der Firma Siemens professionelle Ingenieurarbeit, die ihre Zeit braucht und nicht mit billigsten Mitteln arbeitet, als „Over-Engineering“ geschmäht werde. Es soll stattdessen um „Value-Engineering“ gehen, also Ingenieurarbeit, die primär den Unternehmenswert an der Börse im Blick hat und möglichst geringe Kosten aufweist.

Laut Handelsblatt ist das national und international kein Einzelfall. Statt Produkte zu erfinden, würden sich Firmen im Zahlenjonglieren üben: Statt Wissenschaftler einzustellen, Forschungslabore einzuweihen oder neue Geschäftsfelder zu gründen, baut man die Finanzabteilung aus, in der dann neue Tricks zur internationalen Steuerarbitrage ausgebrütet werden. Laut einer Studie des MIT setzen die meisten Konzerne nicht mehr auf langfristige Grundlagenforschung und angewandte Forschung, sondern konzentrieren ihre Ausgaben auf kurzfristige Ziele. Ein immer größerer Anteil der Patentanmeldungen dient nicht mehr dem Schutz von Innovationen, sondern soll die Anwendung innovativer Technologien durch Konkurrenten blockieren.

Solche Effizienzdogmatik führt zur Sparsamkeit der Geisteskraft, so der Duktus der aphoristischen Schrift „Kritik der grotesken Vernunft“ aus der Feder von Lars Hochmann:

„Jede Gesellschaft hat die Unternehmen, die sie verdient.“

Das muss aber nicht zur fatalistischen Gegenwartsrestauration führen.

„Zukünfte zu gestalten, bedeutet: die Wirklichkeit aufheben lernen“, so Hochmann, der mit seiner Aussage gut zur Programmatik der D2030 Initiative passt. Denn: „Unternehmen sind von Menschen gemacht und damit immer auch anders machbar.“

Ausführlich in meiner Netzpiloten-Kolumne nachzulesen.

Effizienzdogmatik in der Praxis: Microsoft streicht zehn Prozent der Stellen in Deutschland

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Über die digitale Entmündigung der Unternehmen #CIOKurator #CIODebatte

Sind Unternehmen wirklich noch Herr ihrer IT? Axel Oppermann bezweifelt das. IT und digitale Prozesse seien zwar elementar für bestehende und neue Geschäftsmodelle. Dennoch werde sich die IT-Wertschöpfungstiefe reduzieren.

„Aktuelle Beispiele sind Cloud-Computing und Analytics; in naher Zukunft werden es Microservices, Business-Process-Services sowie KI- und AI-Systeme sein“, schreibt Oppermann in einem CIO-Kurator-Beitrag.

Eine Vielzahl von Unternehmen werde nicht mehr in der Lage sein wird, die eigentlichen Kernleistungen zu produzieren – vergleichbar mit der Automobilbranche. „Besonders die polypolistischen und monopolistischen Strukturen der IT-Industrie werden eine solche Abhängigkeit verstärken. Der Public Cloud Markt ist auf dem Weg zum Oligopol“, so Oppermann.

CIOs, IT-Verantwortliche, Einkäufer, CFOs und Geschäftsführer haben es in den vergangenen 20 bis 25 Jahren nicht geschafft, sich von den IT-Herstellern zu emanzipieren. Auch der Paradigmenwechsel in Richtung Cloud-Computing konnte nach Auffassung von Oppermann nicht genutzt werden, um eindeutig vorhandene Asymmetrien abzubauen.

„Durch die sich wandelnden Geschäftsmodelle der IT-Anbieter wird es zunehmend zu einer noch größeren Abhängigkeit – und nicht nur in Einzelfällen – zu einer digitalen Entmündigung der Anwenderunternehmen kommen.“

Schöner Stoff für die Fortsetzung unserer CIO-Debatte 🙂

Wer macht mit? Führe dazu Audio- und Video-Interviews.

Siehe auch:

#FutureHubs Exzellente Diskurse über die Zukunft #D2030

Ein großes Dankeschön an alle, die bei den FutureHubs mitgemacht haben.

#Schumpeter, Nachhaltigkeit und der Wandel des Unternehmertums #KönigvonDeutschland Utopie-Podcast

Eine neue Folge des Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland, den ich zusammen mit Lutz Becker produziere. Wir sprachen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Pfriem u.a. über Bundesverkehrsminister, über die Notwendigkeit einer neuen Ökonomie mit mehr demokratischer Beteiligung, über Skeptiker als solidere Optimisten, über Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Professor Pfriem bietet übrigens im Wintersemester an der Schumpeter School of Business and Economics in Wuppertal ein Schumpeter-Seminar an. Thema: Schumpeter, Nachhaltigkeit und der Wandel des Unternehmertums.

Hört, kommentiert und teilt bitte unsere neues #KönigvonDeutschland Interview.

Sozialwissenschaftlicher Spiritus rector unserer Bonner Alma Mater #Schumpeter #BestofStartups

Der fünfte Ideenmarkt #BestofStartups der IHK-Bonn/Rhein-Sieg in der CampusMensa in Poppelsdorf war nicht nur eindrucksvoll bestückt mit Gründerideen, sondern beförderte auch klare Bekenntnisse der beteiligten wissenschaftlichen Institutionen zum Unternehmertum ans Tageslicht. Etwa von Professor Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn. Traditionell werde die Universität nicht mit dem Thema Unternehmertum verbunden. Er wolle einen Gründergeist bei Hochschullehrern und Studierenden verankern und macht das sogar zur Chefsache.

„Die Gesellschaft muss von unterschiedlichen Talenten bespielt werden. Wir müssen den jungen Menschen helfen, den richtigen Lebensweg zu finden“, so Hoch.

Und das könne eben auch der Weg in die Selbständigkeit sein.

An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist man da schon ein wenig weiter, wie der Rektor Professor Hartmut Ihne in seinem Statement darlegte:

„Wir machen seit 13 Jahren den Business-Campus gemeinsam mit dem Rhein-Sieg-Kreis und der Kreissparkasse Köln. Wir haben auch eine Reihe anderer Formate entwickelt, um das Gründertum in verschiedenen Facetten zu fördern – in der Forschung, Lehre und im Transfer.“

Man neige leider in den Bildungseinrichtungen dazu, Menschen für die Angestelltentätigkeit oder für die Beamtenlaufbahn auszubilden. Das könnte an Hochschulen anders praktiziert werden. Wissenschaftler seien zwar formal Angestellte, aber sie sind nach ihrer Mentalität eher Unternehmer:

„Sie suchen etwas, sie gehen Risiken ein, probieren etwas aus, sie scheitern oder sie sind erfolgreich. Deshalb sollte man an Hochschulen viel stärker das Unternehmertum stimulieren. Wir müssen ein Umfeld erschaffen, wo junge Menschen angeregt werden, nicht nur wissenschaftliche Unternehmer zu werden, sondern auch ökonomische Unternehmer, die der Welt etwas Neues zur Verfügung stellen. Und das ist ein Stück unserer Mission“, proklamiert Ihne.

Bescheidene Unternehmensgründungen

Das sei eine Kultur, die man braucht in diesem Land, um die relativ bescheidenen Unternehmensgründungen etwas zu intensivieren. Das wäre auch bitter nötig: Die Anzahl der Existenzgründer ist im vergangenen Jahr laut KfW-Gründungsmonitor auf einen neuen Tiefstand gesunken. Mit 672.000 Personen haben 91.000 weniger eine neue selbstständige Tätigkeit begonnen als im Jahr 2015.

Das wäre doch ein schöner Anlass für Professor Hoch, für Professor Ihne, für die IHK, für die Stadt Bonn und für den Rhein-Sieg-Kreis eine Schumpeter-Akademie oder ein Schumpeter-Gründer-Lab aus der Taufe zu heben, um dynamische Unternehmerinnen und Unternehmer hervorzubringen. Die Erinnerung an Schumpeter soll hier keine Totenbeschwörung sein und erst recht keine Totenklage, um uns die geistige Gestalt Joseph Schumpeters vor unser inneres Auge zu rufen. Wir sollten diese Institution schaffen, weil Schumpeter „mehr als irgendein anderer Anspruch darauf erheben darf, als sozialwissenschaftlicher Spiritus rector unserer Bonner Alma Mater zu gelten“, so der Soziologe Gottfried Eisermann, der seine Bonner Antrittsvorlesung im Jahr 1962 Schumpeter widmete.

Gottfried Eisermann würdigt Schumpeter

Eisermann weist auf wichtige Erkenntnisse im Werk des Nationalökonomen hin, der 1925 dem Ruf auf den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaften als Nachfolger von Heinrich Dietzel an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität folgte. Schumpeter warnte vor den Routine-Unternehmen, die eigentlich nur aus geschulten Spezialisten-Truppen bestehen. Konkret meinte er angestellte Manager und ihre bezahlten Vollzugsorgane in großen Konzernen, die zu wachsenden Spannungen in der Gesellschaft führen und Ressentiments gegen den Kapitalismus nähren. Wir könnten das mit aktuellen Beispielen gut belegen.

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.