
Nach 220 Jahren Verlobung wird et ärns
Manche Hochzeiten kommen plötzlich. Diese hier nicht. Nach ungefähr 220 Jahren Verlobung dürfen Hänneschen und Bärbelchen nun also endlich vor den Traualtar. In Köln ist das keine private Angelegenheit zweier Puppen, sondern ein Eingriff ins Brauchtumsgefüge. Man könnte auch sagen: Wenn Hänneschen heiratet, wackelt kurz der Alter Markt.
Die Antwort lautet: Erst einmal wird gefeiert. Dann geht alles schief.
„Nä, dat fängk jo jot aan.“
Der schönste Abend vor dem schlimmsten Morgen
Am Vorabend der Trauung trennen sich die Wege. Die Männer ziehen in die Altstadt, mit Bauchladen, Durst und der bekannten männlichen Zuversicht, dass man schon irgendwie wieder nach Hause findet. Die Frauen feiern derweil ihre eigene Runde und reden über das, was nach dem weißen Kleid kommen könnte: Ehe, Alltag, Kinder, Kochtöpfe, Erwartungen, Enttäuschungen. Das klingt schwerer, als es gespielt wird. Huhmann schreibt keine Volkshochschulkomödie über Rollenbilder, sondern lässt die alten Figuren in eine Gegenwart geraten, in der man nicht mehr jede Eheweisheit unbesehen durchwinkt.
Der Bräutigam hat die Braut vorher im Kleid gesehen. Unglück, sagt der Aberglaube. Im Hänneschen Theater ist Aberglaube kein psychologisches Motiv, sondern ein dramaturgischer Türöffner: Einer tritt falsch ein, und schon poltert die ganze Nacht hinterher.
Hänneschen verschwindet. Schäl schält. Gamaschen-Tünn bekommt seinen finsteren Nutzen. Und aus dem Junggesellenabschied wird eine Rettungsaktion.
„Wat fott es, es fott — außer dä Brüdigam, dä muss widder her.“
Huhuuuu! — Ein Gespräch auf Kölner Niveau
Der Abend hat seine besten Momente dort, wo er gar nicht viel erklären will. Der Uhu oder die Eule ruft: „Huhuuuu!“ Das Publikum antwortet: „Huhuuuu!“ Noch einmal. Wieder Antwort. Ein drittes Mal. Wieder der Saal. Dann fliegt das Tier davon und bedankt sich für das „tiefgehende Gespräch“.
Das ist keine große Allegorie, kein Nachtvogel aus dem Unterbewusstsein, kein Orakel auf Kölsch. Es ist einfach ein Witz, der funktioniert, weil der Saal funktioniert. Drei Rufe, drei Antworten, ein trockener Abgang. Mehr braucht ein gutes Hänneschen-Moment nicht. Die Pointe sitzt, weil sie dem Publikum vertraut. Köln muss man an solchen Stellen nicht bitten mitzumachen; Köln macht mit, wenn der Takt stimmt.
Und an diesem Abend stimmt er oft.
Der Saal spielt mit, als stünde er auf der Besetzungsliste
Überhaupt ist das Publikum an diesem Abend keine höfliche Geräuschkulisse. Es singt. Es schunkelt. Es reagiert schnell, manchmal schneller, als man in einem Stadttheater mit rotem Samt erwarten würde. Im Hänneschen Theater aber gehört diese Unmittelbarkeit zum Vertrag. Wer hier lacht, lacht nicht diskret in die Faust. Wer ein Lied erkennt, hält sich nicht zurück wie im Liederabend. Hier wird der Saal zum Verstärker der Bühne.
Das kann leicht kippen in Heimeligkeit. Tut es aber nicht, weil Huhmann die Figuren nicht nur auf bekannten Knöpfen herumdrücken lässt. Sie gönnt ihnen Widerspruch. Die Frauenrunde ist nicht bloß Gegenprogramm zum Männerausflug. Sie ist ein Ort, an dem Bärbelchens Hochzeit nicht nur gefeiert, sondern auch befragt wird. Was heißt das eigentlich: heiraten? Wird aus Liebe sofort Zuständigkeit? Aus Romantik Hausarbeit? Aus Treue Gewohnheit?
„Jede Jeck es anders — un manche sin et och noch noh der Huhzigg.“
Bärbelchen wartet nicht nur schön herum
Bärbelchen ist in diesem Stück keine Puppenbraut im Wartestand. Sie bekommt keine grelle Emanzipationsrede, die wie aus einem anderen Theater hereingeweht wäre. Besser: Sie handelt. Sie zweifelt, will, sucht, rettet. Huhmann modernisiert das Hänneschen nicht mit Presslufthammer und Warnweste, sondern mit kleinen Verschiebungen. Die Figuren bleiben kenntlich, aber sie stehen nicht mehr ganz dort, wo sie vor fünfzig Jahren gestanden hätten.
Das ist die Kunst dieses Abends. Er erlaubt sich neue Fragen, ohne den alten Tonfall zu verraten. Es wird getrunken, getrickst, getarnt, gesungen, gerettet. Und zwischendurch blitzt auf, dass selbst ein Dorf aus Holz- und Stoffköpfen nicht in der Zeit stehen bleibt.
„Et Hätz es us Holz? Kann sin. Kloppe deit et trotzdem.“
Tünnes als Antonia, Schäl als Schäl — die Ordnung der Unordnung
Natürlich braucht ein solcher Abend seine Unordnung. Der Schäl muss schäbig sein dürfen. Tünnes muss gutmütig bleiben, auch wenn die Lage gefährlich wird. Wenn er als liebliche Antonia verkleidet Trude Herrs „Ich will keine Schokolade“ ins Spiel bringt, ist das mehr als eine Nummer zum Wiedererkennen. Es gehört zu dieser kölschen Theatermechanik, in der Verkleidung nicht verdeckt, sondern freilegt. Einer spielt eine andere, und plötzlich ist die Wahrheit ein bisschen näher.
Die Wendungen kommen mit Tempo, aber nicht wahllos. Der verschwundene Bräutigam ist kein bloßer Vorwand, sondern der Motor des Abends. Erst als Hänneschen weg ist, zeigt sich, wer wen braucht, wer wen verrät, wer wen sucht und wer im entscheidenden Moment mehr kann als nur Sprüche klopfen.
Am Ende steht der Saal
Dass am Schluss geheiratet wird, kann niemanden ernsthaft überraschen. Alles andere hätte vermutlich eine Bürgerversammlung zur Folge. Aber Huhmann lässt diese Hochzeit nicht billig fallen wie Konfetti. Sie muss erst durch die Nacht, durch Schnaps, Aberglauben, Betrug, Verkleidung und Rettung hindurch. Danach ist sie nicht weniger romantisch, sondern rheinischer: Man weiß, was alles schiefgehen kann, und macht es trotzdem.
Die Standing Ovation am Ende wirkt deshalb nicht wie Pflichtapplaus für eine Lokalheilige. Sie ist Zustimmung zu einem Eingriff, der riskanter ist, als er auf den ersten Blick aussieht. Hänneschen und Bärbelchen zu verheiraten heißt, an einer kölschen Dauereinrichtung zu rütteln. Huhmann rüttelt kräftig genug, dass es Spaß macht, aber nicht so grob, dass einem die Figuren aus der Hand fallen.
Das Hänneschen Theater zeigt mit „Endlich Huhzigg“, dass Tradition nicht dadurch lebendig bleibt, dass man sie in Ruhe lässt. Man muss sie gelegentlich stören, besingen, austricksen, retten und am Ende mit dem ganzen Saal hochleben lassen.
„Huhuuuu!“ ruft der Uhu.
„Huhuuuu!“ ruft Köln zurück.
Und dann wird geheiratet. Oder auch nicht.