
Man wird nicht mehr überrascht, nicht mehr herausgefordert, nicht mehr beleidigt durch Gedanken, nicht mehr überwältigt durch Kunst, nicht mehr genötigt, sich zu strecken, sich zu verrenken, sich lächerlich zu machen vor dem Höheren, Größeren, Komplizierteren. Nein. Man wird abgeholt.
Wie ein Kind mit Wechselwäschebeutel.
Wie ein Dreijähriger, der mit Apfelstückchen in der Brotdose vor der Kita steht und noch nicht weiß, dass draußen schon die Fördermittel warten, die Antragslyrik, die Workshopkultur, der moderierte Kreis, der Impuls, die Feedbackrunde, das niedrigschwellige Angebot.
Abgeholt werden die Leute dort, wo sie sind.
Wo sind sie denn?
Im Sandkasten der eigenen Voraussetzungslosigkeit offenbar. Im Schlammloch der kulturellen Unterforderung. Im warmen Matsch der Zumutungsfreiheit. Dort stehen sie also, die Leute, und frieren, oder sie frieren nicht, sie sind ja dort, wo sie sind, jedenfalls müssen sie da abgeholt werden, von Leuten, die wissen, wo man selbst schon ist, nämlich weiter. Viel weiter. So weit, dass man zurückgehen kann. Großzügig. Herablassend. Pädagogisch lächelnd.
Abholen heißt: Ich weiß, dass du nicht kannst.
Abholen heißt: Ich senke den Gegenstand, bis er in deine Tasche passt.
Abholen heißt: Die Sache hat keinen eigenen Anspruch mehr, sie bekommt eine Zielgruppe.
Das ist das Ekelhafte daran.
Nicht die Freundlichkeit. Nicht die Vermittlung. Nicht die Geduld. Sondern diese verschmierte, sozialarbeiterisch parfümierte Vorannahme, dass zwischen Mensch und Gedanke erst ein Betreuungsvorgang geschaltet werden muss. Früher hieß das Lesen. Heute heißt es Zugang schaffen. Früher hieß es Denken. Heute heißt es Resonanzraum. Früher hieß es Kunst. Heute heißt es Format.
Und immer diese Haltung.
Haltung einfordern.
Als müsste man Hühner aufrichten.
Schon das Wort: Haltung. Man hört das Federvieh. Legehennenhaltung. Bodenhaltung. Freilandhaltung. Massentierhaltung. Kulturhaltung. Diskurshaltung. Förderantragshaltung. Die Haltung muss stimmen, heißt es, und sofort wird es eng, sofort riecht es nach Erziehungsanstalt, nach Konformitätsprüfung, nach dem kleinen ideologischen Maßband an der Wirbelsäule. Steh gerade. Denk richtig. Fühl angemessen. Sei betroffen, aber nicht hysterisch. Sei kritisch, aber konstruktiv. Sei offen, aber nicht störend. Sei auf Augenhöhe.
Auf Augenhöhe!
Das Lieblingswort aller, die gerade eine Leiter wegtreten.
Auf Augenhöhe begegnen sich inzwischen Intendanten und Publikum, Kuratorinnen und Quartier, Verwaltung und Kreativszene, Antragsteller und Jurys, Erwachsene und Erwachsene, Erwachsene und Kinder, Kinder und Hunde, Hunde und Hühner. Alle auf Augenhöhe, alle flach, alle waagerecht, alle in dieser großen demokratischen Haltungsgymnastik, in der niemand mehr oben sein darf, außer natürlich denen, die definieren, was Augenhöhe gerade bedeutet.
Denn Augenhöhe ist ja nie wirklich Augenhöhe.
Es ist der Moment, in dem der Mächtige in die Hocke geht und dafür Applaus erwartet.
Wie lieb.
Wie zugänglich.
Wie partizipativ.
Und dann Achtsamkeit.
Achtsamkeit ist die Watte, in die der Abholvorgang eingepackt wird. Achtsamkeit heißt: Bitte nicht merken, dass hier gerade Niveau abgesenkt wird. Bitte atmen. Bitte spüren. Bitte die Zumutung als Verletzung interpretieren und die Verletzung als Ressource. Achtsamkeit ist das Beruhigungsspray auf dem brennenden Haus der Begriffe. Es zischt kurz. Dann riecht alles nach Lavendel und Kapitulation.
Man müsse die Menschen mitnehmen.
Noch so ein Satz.
Mitnehmen wohin?
Zur Sache etwa?
Nein, zur Akzeptanz der eigenen Mitgenommenheit. Das Mitnehmen ist schon das Ziel. Der Prozess prozessiert. Die Vermittlung vermittelt Vermittlung. Das Gespräch führt zum Gespräch über Gesprächsformate. Die Kunst wird zum Anlass für Beteiligung, Beteiligung zum Anlass für Dokumentation, Dokumentation zum Anlass für Evaluation, Evaluation zum Beweis, dass man Menschen erreicht habe, die man vorher liebevoll als unerreicht erfunden hat.
Abgeholt, mitgenommen, beteiligt, empowered, gesehen.
Und am Ende?
Am Ende steht ein Mensch vor einem Gedicht und darf nicht mehr scheitern.
Das ist die eigentliche Barbarei.
Denn Scheitern gehört dazu. Nicht alles verstehen. Sich blamieren. Zwei Seiten lesen und nichts begreifen. Wieder anfangen. Einen Satz zehnmal lesen. Einen Namen nachschlagen. Sich ärgern. Sich unterlegen fühlen. Sich diesem Unterlegensein aussetzen. Nicht sofort bedient werden. Nicht sofort vorkommen. Nicht sofort gespiegelt werden. Nicht sofort sagen dürfen: Da finde ich mich aber nicht wieder.
Ja, vielleicht findest du dich nicht wieder.
Sehr gut.
Vielleicht bist du nicht der Maßstab.
Vielleicht ist das der Anfang von Bildung.
Einstein hat 1905 niemanden dort abgeholt, wo er war. Joyce hat niemanden abgeholt, Joyce hat einen Brocken hingeschmissen, groß, unhandlich, wahnsinnig, komisch, überfordernd, und wer wollte, konnte sich daran die Zähne ausschlagen. Hölderlin holt auch niemanden ab. Hölderlin steht da. Patmos steht da. Der Satz steht da. Die Götter stehen da oder sind weg, die Schrift glüht, die Bibel fehlt, der Leser schwitzt. Das ist keine Servicepanne. Das ist Literatur.
Die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist nicht zu überbrücken wie eine Baustelle mit gelben Schildern. Sie ist auszuhalten.
Aushalten.
Auch so ein verlorenes Wort.
Nicht: Haltung einfordern.
Sondern: den Anspruch aushalten.
Nicht: Menschen abholen.
Sondern: ihnen zutrauen, dass sie gehen können.
Nicht: auf Augenhöhe blabla.
Sondern: anerkennen, dass manche Gegenstände größer sind als wir, älter, härter, klüger, fremder. Dass man den Kopf heben muss. Dass man nicht alles auf Kinderhöhe herunterbrechen kann, ohne es zu zerbrechen.
Das Peinlichste sind Erwachsene, die im Umgang mit Kindern deren Manieren übernehmen. Dieses Hocken, dieses Überbetonen, dieses falsche Staunen: Du hast ja ein ganz tolles Bild gemalt! Und jetzt wird die ganze Kultur so angesprochen. Bürgerinnen und Bürger, liebe Zielgruppen, ihr habt ja schon ganz tolle Erfahrungen gemacht! Die Oper kommt zu euch! Die Philosophie kommt zu euch! Der Roman kommt in einfacher Sprache zu euch! Der Gedanke zieht sich die Schuhe mit Klettverschluss an!
Nein.
Man muss nicht brutal sein. Man muss nicht kalt sein. Man muss nicht die alte Bildungskeule schwingen und dann zufrieden den Staub von Goethe pusten. Vermittlung ist nötig. Lehrer sind nötig. Erklärungen sind nötig. Geduld ist nötig. Aber das alles ist etwas anderes als Abholen. Gute Vermittlung verrät den Anspruch nicht. Sie baut eine Treppe, aber sie sägt nicht am Berg herum.
Die Abholer aber sägen.
Sie sägen und lächeln.
Sie nennen es Zugang.
Sie nennen es Teilhabe.
Sie nennen es Haltung.
Und während sie sägen, wundern sie sich, dass oben nichts mehr steht.
Mir ist der Begriff #abholen auch seit Langem ein Dorn im Auge. Zu Hauf verwendet im Management, wenn es wieder einmal darum geht die da unten irgendwo hinzuzwingen, weil sie es selbst nicht tun/verstehen,können.
In den meisten Fällen liegt es aber an der Intransparenz der Führung, die natürlich immer Argumente hat, warum relevante Informaionen und Wissen nicht frühzeitig geteilt werden können (meist ist es schlicht Angst vor Machtverlust oder die Inkompetenz mit Feedback und Vielfalt umzugehen) – Den Menschen dahinter mache ich nur begrenzt Vorwurf, da sie von Beginn ihrer Karriere dazu konditioniert werden – und die „Vorangegangenen“ achten penibel darauf, dass sich da nichts ändert.
„Die können das noch nicht“ ist in meinen Augen zu erst ein Versagens-Eingeständnis der jeweiligen Führungskraft, die es versäumt hat, SICH und das Team genau darauf vorzubereiten.
Luzider, kluger Beitrag!
BOOM! Treffer.
Und wie viele vor ihm, traf es auch Unschuldige: Jene, die aus Sorge oder Angst vor Veränderungen lieber verharren, als mitzuarbeiten, das gemeinsame Ziel zu erreichen.
Aber ich denke, es geht in diesem Text weniger ums Abholen, mehr um dessen inflationäre Verwendung, geronnen zu Verlogenheit? In diesem Fall reiche ich noch eine weiter Granate rüber…