
Der Gotthard ist nur die Garderobe
Peter Sloterdijk gönnt Nietzsche im Deutschlandfunk einen schweizerischen Auftritt. Der Satz „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“ erscheint bei ihm im Licht des Gotthards, des Tunnelbaus, der Kunst, Hindernisse zu durchbohren. Das ist ein hübsches Aperçu und darf es auch bleiben. Mehr muß es gar nicht leisten. Im selben Gespräch fällt nämlich der reichere Zugriff, als Sloterdijk die kritische Nietzsche-Ausgabe dafür lobt, den „unterirdischen Bereich“ von Nietzsches Arbeit an sich selbst freizulegen. Von da an verschiebt sich der Blick fast von allein: Nietzsches Landschaft liegt nicht nur im Granit. Sie liegt vor allem in der Korrektur. Der Berg gibt dem Satz seine Garderobe, das Manuskript seinen Ernst.
Wer von hier aus auf Sloterdijks neues Buch „Der Fürst und seine Erben“ blickt, liest es mit einem etwas feineren Instrument. Dieses Buch will den großen Mann im Zeitalter der gewöhnlichen Leute neu befragen, und es tut das mit jener Lust an Höhe, Genealogie und historischer Maskenkunde, die Sloterdijk seit langem auszeichnet. Schon die Motti zeigen, wohin die Reise geht: Burckhardts Satz „Größe ist, was wir nicht sind“, dazu Nietzsches Nachlaßwort von den Königen, die den Völkern nicht mehr als Idealbild, vielmehr als „Mittel ihres Nutzens“ erscheinen. Das ist präzise gewählt. Die Gegenwart liebt ihre Autoritären nicht wegen ihrer Würde, vielmehr wegen ihrer Dienstleistung.
Wie aus einem Jünger ein Satyr wird
Die angenehmste Überraschung liegt dort, wo Nietzsche sich selbst verbessert. Auf dem Titelblatt von „Ecce homo“ steht in schöner Selbstbeherrschung: „Wie man wird, was man ist.“ Das klingt geschniegelt, fast höflich. Im Vorwort folgt zunächst die programmatische Fassung: „Ich bin ein Jünger des Philosophen Dionysos, ich bin durchaus kein Christ.“ Man spürt die Pose. Dann greift Nietzsche ein. Der „Jünger“ verschwindet. An seine Stelle rückt die weit bessere Wendung: „lieber noch ein Satyr“. Damit ändert sich alles. Der Jünger trägt Lehre mit sich herum. Der Satyr trägt Luft, Musik, Unfug und Grazie. Der eine möchte sich erklären, der andere möchte schillern. Mit einer einzigen Revision tauscht Nietzsche Doktrin gegen Stil.
Hier beginnt die eigentliche Philosophie dieser Blätter. Nietzsches Sprengstoff sitzt nicht im Auftritt allein. Er sitzt in der Fähigkeit, den eigenen Auftritt noch im letzten Augenblick umzurangieren. Zwischen der ersten Formulierung und der zweiten liegt kein bloß philologischer Zwischenfall. Dort liegt ein Begriff von Größe. Groß wäre, wer die Macht besitzt, den eigenen Satz vor seiner Verhärtung zu bewahren. Das Streichungszeichen hätte unter solchen Bedingungen mehr Rang als das Zepter. Der Fürst verlangt nach Zustimmung. Die Korrektur verlangt nach Takt. Der Fürst liebt den Vollzug. Die Korrektur liebt die Verwandlung.
Die Lampe auf dem Helm
Gerade an dieser Stelle rückt Sloterdijk dem eigenen Gegenstand näher, als es eine bloße Rede von Fürsten vermuten läßt. Im Deutschlandfunk beschreibt er sein frühes Lebensgefühl mit dem Bild eines Grubenarbeiters, der die Lampe auf dem Kopf trägt und sich sein eigenes Licht vor sich her wirft. Später erinnert er sich an die alte rote Olivetti, an den Kugelkopf, an die Freude, Zeile für Zeile ein Stück entstehen zu sehen. Solche Sätze verraten den Schriftsteller in ihm. Nicht der Mann des Thrones spricht hier, vielmehr der Mann der Fassung. Autorität erscheint in diesem Bild nicht als Herrschaft von oben, eher als Vorangehen auf Sicht.
Darum wirkt Sloterdijk immer dann am überzeugendsten, wenn er den großen Figuren nicht einfach verfällt, vielmehr ihre Anziehung durch Stil, Atmosphäre und Selbsttechnik hindurch liest. Im Radio nennt er Nietzsche nach Heine und Goethe die „Kulmination der deutschen Sprache“. Das trifft, nur kulminiert diese Sprache nicht dort, wo sie geschniegelt in Bronze auftritt. Sie kulminiert dort, wo sie sich im rechten Augenblick selbst ins Knie schießt und damit besser wird. Genau diese Kunst verbindet den späten Nietzsche mit dem besten Sloterdijk: die Lust an Form, die nie völlig auf Kosten der Selbstironie geht.
Caesar hört Flöte
Der reizvollste Übergang von Nietzsche zu Sloterdijks Fürstenbuch liegt freilich an einer Stelle, die fast zu schön ist, um nur zufällig zu sein. In der Rubikon-Szene läßt Sloterdijk Bacchus alias Dionysos nach Art der Satyrn flötenspielend am Ufer sitzen, „wie beiläufig Überschreitungsmusik übend“. Caesar, so liest er Sueton, handelt seine Karriere mit den ihn begleitenden Göttern aus; der Gott führt den Akt des Hinübergehens aus, Caesar gliedert sich in die Bewegung ein. Am Ufer der Macht sitzt also ausgerechnet ein Satyr-Gott und macht Musik zum Übergang. Man muß nur den Satz aus Ecce homo danebenlegen, um zu merken, wie tief dieser Faden reicht. Der Satyr ist bei Nietzsche keine Laune. Er ist eine Gegenfigur zur steifen Würde. Und bei Sloterdijk wird ausgerechnet dieser Satyr zum heimlichen Begleiter des großen Mannes.
Das hat Charme, weil es das ganze Buch leise irritiert. Der Fürst und seine Erben untersucht die Rückkehr der Verkörperung, die Hartnäckigkeit der Spitzenfigur, die Trauer der Demokratien um ihre Königsfunktion. Doch mitten in diese Grammatik der Höhe spielt plötzlich Dionysos am Ufer Flöte. Damit steht eine andere Wahrheit im Raum. Die Geschichte der Größe läßt sich nicht allein aus dem Ernst der Entscheidung lesen. Sie verlangt nach Theater, Maske, Musik, Verführung. Der Satyr sitzt am Rand jeder Souveränität und erinnert sie daran, daß jede Herrschaft, die sich ganz ernst nimmt, bereits zur Karikatur neigt.
Warum die Gegenwart Endfassungen liebt
Von hier aus gewinnt auch Sloterdijks Diagnose des „autokratischen Kraftfelds“ eine eigene Schärfe. Die neuen starken Männer faszinieren nicht nur, weil sie Macht verkörpern. Ihr Reiz liegt tiefer. Sie geben sich als Endfassungen aus. Kein Zögern, kein Widerruf, kein Rücklauf, keine Selbstkorrektur. Der öffentliche Mensch tritt auf wie ein Satz, an dem nichts mehr geändert werden darf. Genau darin liegt sein Trost für die Erschöpften. Wer sich nach Unwiderruflichkeit sehnt, wählt den Mann, der aussieht wie eine endgültige Fassung auf zwei Beinen.
Nietzsche steht dazu in einem fast komischen Gegensatz. Seine Manuskriptseiten sehen aus wie eine Schule gegen die Endgültigkeit. Überall Eingriffe, Rettungen, kleine Demütigungen des ersten Einfalls. Wer das einmal gesehen hat, liest auch das Dynamit anders. Es ist kein Sprengkörper der Selbstvergötterung. Es ist das Ergebnis einer Disziplin, die den ersten schönen Satz nicht gelten läßt, nur weil er schön ist. Gerade darin liegt seine Modernität. Der Satz detoniert nicht, weil er laut ist. Er detoniert, weil er redigiert wurde.
Die verführerischere Form von Größe
Vielleicht wäre das der freundlichste Gedanke, den man Sloterdijk zurückgeben könnte. Sein helvetisches Nietzsche-Aperçu behält seinen Witz. Doch neben dem Gotthard tritt ein zweiter Nietzsche ins Bild: der Mann mit dem Bleistift, der sich vor Pathos nicht drückt und es im entscheidenden Augenblick um eine Nuance verrückt. Wer aus dem Jünger einen Satyr macht, weiß mehr über Geist als viele Erzieher der Menschheit. Denn eine gute Maske verrät oft mehr Wahrheit als ein schlechtes Bekenntnis.
Darum sollte man Sloterdijks Buch vielleicht mit einer kleinen Umstellung lesen. Nicht zuerst als Fürstenspiegel, eher als verdeckte Meditation über Formen der Souveränität. Die grobe Form trägt Krone, Uniform, Pose und Entscheidungswucht. Die feinere Form trägt Feder, Streichung, Nuance und Selbstverzögerung. Jene erste Form regiert leichter. Diese zweite Form hält länger. Am Ende erweist sich der Satyr als die kultiviertere Gestalt. Er kennt die Musik der Überschreitung und die Grazie der Rücknahme. Vielleicht liegt genau dort die verführerischere Form von Größe. Nicht im Mann, der keinen Satz zurücknimmt. Im Autor, der noch im Augenblick des Triumphes eine kleine schwarze Linie ziehen kann.









