Die gerettete Spur der lesenden Hand: Hektor Haarkötter, Marbach und die heimliche Wissenschaft der Notizzettel

Hektor Haarkötter hat auf den Antiquariatsfund mit einem Hinweis reagiert, der die Sache aus dem Bereich des bibliophilen Staunens herausführt. Wer dieses Exemplar von Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ aufschlägt, sieht zunächst ein ungewöhnlich benutztes Buch: Unterstreichungen, Randzeichen, eingeklebte Zeitungsausschnitte, zugeschnittene Lexikonartikel, datierte Fundstücke, erklärende Zettel. Man kann das als Marotte eines eifrigen Lesers betrachten.

Haarkötters „Notizzettel – Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert“ macht eine andere Lesart möglich. Das scheinbar Private gehört zu einer alten Kulturtechnik: Gedanken werden ausgelagert, aufbewahrt, verschoben, neu kombiniert, in andere Zusammenhänge getragen. Der Zettel ist bei Haarkötter keine Nebensache des Denkens. Er ist eine seiner Formen.

Damit ändert sich der Status des Fundes. Der unbekannte Leser hat de Mans Buch nicht bloß kommentiert. Er hat es als Denkmedium benutzt. Das gedruckte Werk wurde zur Grundfläche, auf der Nachrichten, Begriffe, Personen, politische Meldungen, Rezensionen und kulturkritische Splitter ihren Platz fanden. Was im Feuilleton, im Lexikon, in der Agenturmeldung oder im Reader’s-Digest-Artikel vereinzelt erschien, erhielt im Buch eine neue Nachbarschaft. Die Klebestelle wurde zur Denkoperation. Der Randstrich wurde zum Index. Der Ausschnitt wurde zum Argument.

Haarkötters Hinweis ist deshalb so produktiv, weil er das Exemplar in eine Genealogie des Notierens stellt. Leonardo da Vinci, Lichtenberg, Wittgenstein: Bei ihnen entsteht Denken nicht als glatter Durchmarsch zum fertigen Werk, vielmehr in Skizzen, Listen, Heften, Zetteln, Abschriften, Umstellungen, Verwerfungen, Wiederaufnahmen. Das de-Man-Exemplar gehört nicht in diese Reihe der großen Namen. Sein unbekannter Leser bleibt namenlos. Aber seine Praxis zeigt im Kleinen, was Haarkötter im Großen beschreibt: Denken braucht Träger, Zwischenformen, Ablagen, Reibungsflächen. Es braucht Orte, an denen ein Gedanke liegenbleiben darf, bis er später eine neue Verbindung eingeht.

So wird aus einem Antiquariatsfund ein Fall für die Soziologie des Lesens. Es geht nicht um die Exzentrik eines Sammlers. Es geht um eine materielle Praxis der Selbstbildung. Der Leser arbeitet über fast zwei Jahrzehnte hinweg an einem Buch weiter, das für ihn offenbar zu einem Ordnungsinstrument der Gegenwart wurde. De Man liefert die Begriffe. Die Zeitung liefert Ereignisse. Das Lexikon liefert Namen und Erläuterungen. Der Leser bringt alles zusammen. Er schafft eine private Wissenschaft aus Papier.

Marbach hebt Bibliotheken von Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf, weil in ihnen die Lesespuren erhalten bleiben. Der Satz ist entscheidend. Die Bibliothek eines Autors besteht nicht allein aus Titeln. Sie besteht aus der Art, in der diese Titel benutzt wurden. Aus Knicken, Beilagen, Bleistiftstrichen, eingeklebten Zeitungsausschnitten, Signaturen, Datierungen, Nummerierungen, Widerreden. Die Bibliothek ist ein Denkraum mit erhaltenen Griffspuren. Wer solche Bestände bewahrt, rettet keine Bücherwand. Er rettet Wege des Lesens.

Vom Zettel zum Buchkörper

Haarkötter erzählt die Geschichte des Notizzettels als Geschichte eines Denkens, das sich nicht sofort schließen will. Der Zettel ist beweglich. Er kann abgelegt, umsortiert, aufgeklebt, abgeschrieben, überarbeitet, vergessen, wiedergefunden werden. Er entzieht sich der fertigen Form. Gerade darin liegt sein Reiz. Er ist Vorstufe und Eigenform zugleich.

Der unbekannte de-Man-Leser arbeitet ähnlich, nur mit einer anderen materiellen Ordnung. Sein Zettel wandert nicht in einen Kasten. Er wandert ins Buch. Seine Zeitungsausschnitte sind keine losen Belege. Sie bekommen ihren Ort durch die Seite, auf der sie liegen. Ein Artikel über „Kinofreudigkeit der Jugend wächst mit Phantasiearmut“ gehört zum Kapitel über das Massenhirn. Ein Reader’s-Digest-Text über „Das Transistorradio – eine Weltmacht“ wird zur Fortschreibung der öffentlichen Meinung im Zeitalter kleiner Geräte. Lexikonartikel zu historischen Figuren ergänzen Stellen, an denen de Man Begriffe, Namen, Stile, Epochen, Kunstformen aufruft. Die Beilage ist kein Anhang. Sie ist ein Eingriff in die Argumentation.

So entsteht ein Buchkörper mit Gedächtnis. Das gedruckte Werk bildet die erste Schicht. Die Lektüre legt eine zweite darüber. Der Leser klebt seine Zeit in den Text hinein. Er macht aus de Mans Kulturkritik eine Zeitleiste, ohne eine Zeitleiste zu zeichnen. Jeder Ausschnitt trägt ein Datum, einen Ort, eine Stimme, eine Zeitung, einen Druckzustand, eine Vergilbung. Das Buch altert nicht allein. Es akkumuliert Gegenwart.

Die Notiz als Sozialform

Unter soziologischen Gesichtspunkten ist diese Lektüre eine Sozialform. Ein einzelner Mensch sitzt mit einem Buch allein, doch seine Seiten füllen sich mit Stimmen. Camus, Fridolin Tschudi, Fedor Stepun, Robert Jungk, Werner Spies, Agenturmeldungen, Lexikonartikel, Rezensionen, Zeitungskommentare, politische Meldungen, technische Nachrichten. Das Buch wird zur Gesprächsrunde ohne Teilnehmerliste. Der Leser führt die Stimmen nicht vor. Er arrangiert sie.

Haarkötters Buch macht deutlich, dass Notieren nie bloß Speichern bedeutet. Notieren heißt auswählen. Notieren heißt auf einen künftigen Gebrauch hin festhalten. Notieren heißt dem eigenen Denken eine Außenfläche geben. Der unbekannte Leser betreibt genau dies. Er macht sein Lesen sichtbar, ohne es für ein Publikum zu verfassen. Er produziert eine Privatöffentlichkeit. Niemand war eingeladen, doch die Spuren sind lesbar geblieben.

Gerade darin liegt der Reiz solcher Exemplare. Sie dokumentieren einen Zwischenraum. Weder sind sie veröffentlichte Werke, noch private Gedanken ohne Form. Sie stehen zwischen Selbstgespräch und Archiv. Zwischen Lektüre und Kommentar. Zwischen Alltag und Theorie. Zwischen Buchbesitz und Wissensarbeit.

Lichtenbergs Nachbarschaft

Haarkötters Passagen zu Lichtenberg führen besonders nah an den de-Man-Leser heran. Lichtenbergs Sudelbücher tragen bereits im Namen den Schein des Unordentlichen, doch ihre Unordnung ist eine hochproduktive Form. Ein Gedanke wird eingetragen, später gelesen, vielleicht weitergeführt, vielleicht stehen gelassen. Die Notiz ist offen für Wiederkehr. Sie muß ihren Endzustand nicht kennen.

Der unbekannte Leser hat keine Sudelbücher geführt, jedenfalls kennen wir keine. Aber sein Exemplar von „Vermassung und Kulturverfall“ übernimmt eine vergleichbare Funktion. Es ist ein Sudelbuch auf fremdem Papier. Der gedruckte Text gibt die Ordnung vor. Der Leser arbeitet mit dieser Ordnung, gegen sie, an ihr entlang. De Man liefert die Kapitel. Der Leser liefert die Welt.

Lichtenberg notierte nicht nur fertige Einsichten. Er notierte Denkbewegungen. Auch das de-Man-Exemplar zeigt Bewegung. Es zeigt, wie ein Mensch über Jahre hinweg zurückkehrt, ergänzt, bestätigt, irritiert, nachschlägt. Die Lektüre ist nicht abgeschlossen, weil das Leben um das Buch herum nicht abgeschlossen ist. Neue Zeitungsartikel verlangen ihren Platz. Neue technische Entwicklungen suchen ihren Begriff. Neue politische Meldungen scheinen einen alten Satz zu aktualisieren. Aus der Seite wird ein offener Schauplatz.

Wittgenstein und das Problem des Zusammenhangs

Noch näher führt Haarkötters Wittgenstein-Kapitel. Wittgenstein notiert im kleinen Heft, überträgt in größere Notizbücher, diktiert, läßt abschreiben, schneidet aus Typoskripten, fügt an anderer Stelle ein, verändert Reihenfolgen. Seine Philosophie entsteht aus Verfahren der Verschiebung. Sie ist kein gerader Weg vom Gedanken zum Buch. Sie ist ein Gelände aus Wiederaufnahme, Abbruch, Neuordnung, Versuch.

Haarkötter beschreibt damit ein Problem, das auch im de-Man-Fund sichtbar wird: Zusammenhang ist nicht einfach vorhanden. Er muß hergestellt werden. Manchmal durch Logik, manchmal durch Nachbarschaft, manchmal durch Leim. Der unbekannte Leser klebt eine Zeitungsspalte an eine Buchseite, weil er dort eine Verbindung erkennt. Diese Verbindung muß nicht begründet werden, um wirksam zu sein. Sie steht im Material. Sie ist eine These aus Papier.

Wittgenstein konnte einen Gedanken an anderer Stelle neu aufscheinen lassen. Der de-Man-Leser tut das mit fremden Texten. Er bewegt nicht eigene Sätze durch Hefte, er bewegt fremde Zeitungsausschnitte durch ein Buch. Er schafft eine Ordnung des Wiedererkennens. Was in der Zeitung als Tagesmeldung erschien, wird im Buch zum Symptom, zum Beispiel, zum historischen Echo.

Leonardo und das unfertige Ganze

Haarkötter stellt Leonardo als eine Figur des nicht fertig werdenden Denkens dar. Blätter, Skizzen, Entwürfe, Beobachtungen, anatomische Studien, Maschinen, Wasser, Licht, Körper, Bewegung. Der Notizzettel ist bei Leonardo kein Randmedium. Er ist die Form, in der Weltzugriff möglich wird. Das Ganze bleibt offen, weil die Welt offen bleibt.

Auch der de-Man-Leser baut kein abgeschlossenes System. Er legt kein Register vor, das alle Bezüge endgültig ordnet. Er arbeitet additiv. Ein Fund kommt hinzu. Ein Ausschnitt ergänzt eine Passage. Ein Begriff wird nachgetragen. Ein Datum wird vermerkt. Das Werk bleibt in Gebrauch. Gerade darin liegt seine intellektuelle Qualität. Es ist kein fertiges Manuskript. Es ist ein fortgesetzter Zugriff auf Gegenwart.

Das unterscheidet diesen Band von der üblichen Vorstellung einer gelesenen Ausgabe. Normalerweise gilt ein Buch nach der Lektüre als erledigt. Hier wird es mit jeder Wiederkehr aktueller. Es nimmt Jahre in sich auf. Es wird nicht veraltet, weil der Leser es veralten läßt und zugleich aktualisiert. Der alte Text und die neue Zeitung liegen zusammen. Aus dieser Reibung entsteht Erkenntnis.

Marbach und die Gerechtigkeit gegenüber der Spur

Der Hinweis auf Marbach ist deshalb so wichtig, weil er die private Randnotiz aus der Sphäre des Beliebigen herausholt. Das Deutsche Literaturarchiv bewahrt Bibliotheken, Nachlässe, Manuskripte, Zettel, Korrekturfahnen, Lesespuren. Dort ist längst bekannt, dass ein Buch mit Strichen, Zeichen und Einlagen eine Quelle sein kann. Nicht jedes Exemplar verdient Archivschutz. Aber manche Exemplare werden durch ihre Benutzung singulär.

Bei berühmten Schriftstellerinnen und Schriftstellern fällt uns diese Einsicht leicht. Ein Randstrich von Thomas Mann, eine Notiz von Hannah Arendt, eine Anstreichung von Ernst Jünger, ein Zettel von Hans Blumenberg: Schon die Herkunft adelt die Spur. Schwieriger wird es beim namenlosen Leser. Da fehlt der Nimbus. Da fehlt die Biographie. Da fehlt der Marktwert der Signatur.

Doch gerade der namenlose Leser ist soziologisch interessant. Er zeigt keine Ausnahme des Genies. Er zeigt eine Kulturtechnik. Er steht für jene gebildete Lektürepraxis, die nicht automatisch in Archiven landet, weil sie keinen berühmten Absender trägt. Seine Spuren sind vielleicht noch aussagekräftiger für eine Epoche, weil sie den Alltag der intellektuellen Aneignung zeigen. Nicht das Werk eines Autors, vielmehr die Arbeit eines Lesers.

Gert Scobel und das Altpapier der Denkbiographien

Hier kehrt Gert Scobels Bücherproblem zurück. Die Bücher, die heute beim Umzug, beim Erbfall, beim Rückzug aus großen Wohnungen verschwinden, sind oft keine bloßen Drucksachen. Sie können solche Leseapparate enthalten. Arbeitsbibliotheken, die über Jahrzehnte gewachsen sind, tragen kleine Spuren von Denkbiographien. In ihnen steht, was jemand markierte, worüber er stolperte, was er für wichtig hielt, welche Zettel er einlegte, welche Zeitungsausschnitte er aufbewahrte.

Bibliotheken können diese Massen nicht übernehmen. Antiquariate können sie oft nicht verwerten. Familien können sie nicht unterbringen. Das ist die praktische Lage. Aber die praktische Lage löst die kultursoziologische Frage nicht auf. Wie erkennt man in der Masse der alten Bücher jene Exemplare, die eine Lektürepraxis dokumentieren? Wer sieht hin? Wer entscheidet? Wer bewahrt wenigstens eine Probe?

Scobel spricht über Bücher als analoge Anker in einer digitalen Umwelt. Haarkötter liefert die Theorie des Zettels als Denkmedium. Der de-Man-Fund liefert das Objekt, an dem beides zusammenkommt. Ein gedrucktes Buch wurde zum Anker. Die eingeklebten Zettel wurden zu Denkbrücken. Der unbekannte Leser wurde zum Archivar seiner eigenen Gegenwart.

Das digitale Notieren und der Verlust der Widerstände

Haarkötters Kapitel über das Notieren im digitalen Zeitalter verschärft die Frage. Digitale Medien simulieren Zettel, Notizbücher, Pinnwände, Klebezettel, Karteikästen. Sie holen das alte Spiel der kleinen Speichereinheiten auf Bildschirme. Doch sie verändern den Charakter der Notiz. Das Digitale ist kopierbar, durchsuchbar, verschiebbar, flüchtig, abhängig von Plattformen, Geräten, Dateiformaten, Strom, Programmlogiken. Es wirkt leicht, manchmal zu leicht.

Der analoge Zettel hat Widerstand. Er muß geschnitten, geschrieben, geklebt, abgelegt werden. Er nimmt Platz ein. Er vergilbt. Er zwingt zur Auswahl. Er ist nicht überall zugleich. Diese Beschränkung erzeugt Form. Der unbekannte Leser von de Man konnte nicht unendlich viele Links speichern. Er mußte entscheiden, welcher Ausschnitt in das Buch gehört. Die Langsamkeit war kein Defekt. Sie war Teil der Erkenntnis.

Digitale Notizen können unzählige Gedanken aufnehmen, doch sie drohen in ihrer Menge unsichtbar zu werden. Das analoge Buch mit Einlagen zeigt seine Arbeit sofort. Man schlägt es auf, und die Lektüre tritt einem entgegen. Papier ragt heraus. Kleberänder verfärben sich. Randstriche führen das Auge. Die Materialität ist kein Beiwerk. Sie ist Orientierung.

Der Leser als Kurator seines eigenen Denkens

Der unbekannte Leser hatte kein Archivprogramm. Dennoch kuratierte er. Er entschied, was aufgehoben wurde. Er entschied, wo es hingehörte. Er schuf Nachbarschaften. Seine Auswahl machte de Mans Buch zu einem neuen Objekt. Der ursprüngliche Text blieb erhalten, doch er wurde in ein Geflecht aus Aktualisierungen eingespannt.

Haarkötters Notizzettel-Theorie erlaubt, diesen Vorgang präzise zu fassen. Notizen sind keine Vorformen des eigentlichen Denkens. Sie sind Denkakte. Auch die eingeklebten Zeitungsausschnitte sind keine Illustrationen. Sie sind Operationen. Der Leser denkt, indem er montiert. Er schreibt, indem er klebt. Er argumentiert, indem er platziert.

Diese Einsicht verändert den Blick auf private Bibliotheken. Ein Exemplar mit Marginalien ist nicht beschädigt, falls die Spuren lesbar und intentional sind. Es kann zur Quelle werden. Es enthält nicht nur den Text des Autors. Es enthält die Arbeit des Lesers an diesem Text. Die Buchseite wird zum Treffpunkt zweier Zeiten: der Zeit der Veröffentlichung und der Zeit der wiederholten Lektüre.

Eine neue Aufmerksamkeit für alte Bücher

Was folgt daraus? Kein Rettungsprogramm für jedes Regal. Keine Sakralisierung des Altpapiers. Aber eine neue Aufmerksamkeit. Alte Bücher sollten nicht nur nach Titel, Zustand und Marktpreis betrachtet werden. Man muß fragen, ob sie geführt wurden. Ob sie Spuren tragen. Ob Beilagen vorhanden sind. Ob Randnotizen ein Muster bilden. Ob ein Band über Jahre hinweg als Arbeitsinstrument diente.

Für Antiquariate, Stadtarchive, Literaturhäuser, Universitäten, lokale Geschichtsvereine und digitale Sammlungen könnte daraus ein eigenes Feld entstehen: Archive der Marginalien. Kleine, exemplarische Bestände, in denen nicht der berühmte Name zählt, sondern die dokumentierte Leseform. Solche Sammlungen würden zeigen, wie Menschen des 20. Jahrhunderts ihre Welt mit Büchern, Zetteln und Zeitungen ordneten.

Der de-Man-Fund wäre ein idealer Fall. Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ gibt den kulturkritischen Rahmen. Der unbekannte Leser liefert zwei Jahrzehnte Nachkriegsbeobachtung. Haarkötter liefert die Theorie des Zettels. Scobel liefert die Gegenwartsfrage: Was verlieren wir, sobald diese Bücher verschwinden? Marbach liefert die institutionelle Erinnerung daran, dass Lesespuren bewahrenswert sein können.

Die zweite Autorschaft

Am Ende steht die zweite Autorschaft des Lesers. Sie bleibt anonym, aber sie ist real. Der Leser schreibt keinen neuen Text im üblichen Sinn. Er fügt, markiert, ordnet, datiert, erklärt. Er arbeitet mit fremden Sätzen, doch seine Auswahl ist eigen. Seine Platzierung ist eigen. Sein Zeitraum ist eigen. Das Buch wird unter seinen Händen zum Denkraum.

Vielleicht ist genau dies die bedrohte Kultur der Marginalien: eine Welt, in der Lesen nicht im Kopf verschwindet, sondern Spuren hinterläßt. Eine Welt, in der ein Buch nicht allein konsumiert wird, sondern über Jahre begleitet. Eine Welt, in der Zeitung, Lexikon, Gedicht, Rezension und politischer Kommentar in ein gedrucktes Werk einziehen dürfen. Eine Welt, in der ein namenloser Leser zur Institution werden kann.

Hektor Haarkötters „Notizzettel“ zeigt, dass Denken oft klein beginnt: auf einem Zettel, am Rand, auf der Rückseite, in einer Liste, in einem Heft, in einer Abschrift. Gert Scobels Bücherfrage zeigt, wie leicht diese kleinen Anfänge entsorgt werden. Das Exemplar von Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ zeigt, was dabei verlorengehen kann: nicht bloß ein Buch, auch nicht allein eine Sammlung von Ausschnitten, vielmehr eine über Jahre geführte Praxis des Verstehens. Ein unbekannter Leser hat seine Zeit in ein Buch eingetragen. Wer solche Spuren achtlos wegwirft, verliert die leise Handschrift des Denkens.

Mitmachen! Mittelstandsumfrage 2026 startet: Wirtschaftspolitik, KI-Praxis und Finanzierung im Realitätscheck

Mit der Mittelstandsumfrage 2026 startet ein neues Online-Lagebild für Unternehmerinnen und Unternehmer, Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sowie leitende Entscheiderinnen und Entscheider in Deutschland. Ziel ist ein belastbarer Überblick darüber, wie Unternehmen die aktuelle wirtschaftliche Lage einschätzen, welche Folgen die Stagnation im Alltag auslöst und wie weit Digitalisierung und Künstliche Intelligenz bereits in der Praxis angekommen sind.

Die Umfrage knüpft an zwei Beobachtungen an, die derzeit auffällig zusammenlaufen: Erstens zeigen Stimmungsindikatoren, dass Skepsis kein Randphänomen mehr ist. Zweitens verdichtet sich im aktuellen Geschäftsklima der kleineren Unternehmen das Bild von Unsicherheit, Investitionsaufschub und Finanzierungshürden. Die Mittelstandsumfrage 2026 bringt beides zusammen – Stimmungs- und Handlungsseite – und fragt konsequent aus der Perspektive der Betriebe.

Wer kann mitmachen?

Mitmachen können Entscheiderinnen und Entscheider aus Unternehmen mit Tätigkeit in Deutschland – vom Soloselbständigen über Kleinst- und mittelständische Betriebe bis zu größeren Unternehmen.

Datenschutz und Veröffentlichung

Die Ergebnisse werden ausschließlich aggregiert ausgewertet und veröffentlicht; es geht um Muster, Trends und Prioritäten, nicht um Einzelfälle. Nach Abschluss der Feldphase werden die Resultate redaktionell eingeordnet und auf ichsagmal.com publiziert.

Viele Debatten kreisen um große Erzählungen. Uns interessiert die Entscheidungslage in den Betrieben: Was wird vertagt, wo klemmt Finanzierung, wie realistisch ist KI-Einsatz, welche Unsicherheiten blockieren? Daraus entsteht ein Lagebild, das sich an der Praxis messen lassen muss.

Die Online-Umfrage läuft bis zum 8. Juli.

Der Kunde als Verdachtsfall: Wo „PayPal“ draufsteht und Sucharbeit drinsteckt

Der Handel hat eine neue Tonlage entdeckt. Sie klingt nach Formular, nach Mahnabteilung, nach schlecht gelüftetem Hinterzimmer und nach dem Triumph eines Menschen, der endlich eine Frist gefunden hat, mit der er wedeln kann. Drei Tage. Vier Tage. Zahlungseingang. Provision. Plattform. Systemfehler. Dann gleich: Inkasso. Und, falls das Publikum noch nicht ausreichend beeindruckt ist: Strafanzeige.

So schnell geht das inzwischen. Eben noch klickte jemand auf „Bestellen“. Sekunden später begann kein Kauf, dieser kleine zivilisierte Vorgang aus Angebot, Annahme, Zahlung, Lieferung. Es begann ein psychologisches Experiment. Der Käufer wird in ein Labyrinth geschickt. Die Plattform sagt: PayPal. Der Händler sagt: Suchen Sie bitte die Mail. Die Mail sagt: Schicken Sie Geld an irgendeine Adresse. Das Design schweigt. Die Nutzerführung versteckt sich unter dem Teppich. Am Ende steht da einer und ruft: Betrug!

Aus eigener Prozessverwahrlosung wird eine Anklageschrift

Man muss das bewundern. Diese Entschlossenheit, aus eigener Prozessverwahrlosung eine moralische Anklage gegen den Kunden zu drechseln. Die Plattform ist unklar? Der Bezahlweg wirkt wie aus der Frühzeit des Versandhandels? Die Schaltfläche fehlt, die andere Anbieter seit Jahren als Mindestmaß digitaler Hygiene betrachten? Egal. Schuld ist der Mensch, der nicht innerhalb der gewünschten Frist die richtige E-Mail aus dem Postfach kratzt, den Betrag händisch überweist und nebenbei errät, welche Gebühr gerade dem Antiquariat, der Plattform, dem Zahlungsdienst oder dem Weltgeist missfällt.

Das ist der neue Charme des kleinen Onlinehandels, jedenfalls dort, wo er sich für besonders kultiviert hält. Außen: Bücher, Geschichte, Gelehrsamkeit, Papier, Widmungen, handschriftliche Briefe, verblichene Umschläge. Innen: eine Tonlage wie beim säumigen Mieter im Inkassoroman. Ausgerechnet jene, die vom kulturellen Kapital leben, kommunizieren mit Kunden gelegentlich wie Pförtner einer Strafkolonie.

Eine Bezahlschaltfläche wäre billiger als die Drohkulisse

Dabei wäre alles einfach. Wer PayPal anbietet, muss PayPal anbieten. Nicht eine Schnitzeljagd. Nicht eine nachgelagerte Privatliturgie. Nicht: Erst klicken, dann warten, dann Mail suchen, dann Adresse kopieren, dann Betrag korrigieren, dann Gebühr bedenken, dann hoffen, dass niemand schon mit dem Strafgesetzbuch raschelt. PayPal heißt: bezahlen. Sofort. Sichtbar. Eindeutig. Der Rest ist Nostalgie mit Drohkulisse.

Besonders köstlich wird es, sobald der Anbieter den schwarzen Peter an die Plattform weiterreicht. ZVAB, AbeBooks, System, Provision, Kreditkarten, alles ganz furchtbar, alle leiden, der Händler leidet, die Welt leidet, der Server leidet. Nur der Kunde soll gefälligst funktionieren. Er soll das Geschäftsmodell verstehen, die Plattformarchitektur durchdringen, die Provisionslogik würdigen, die Fristen beachten und am Ende dankbar sein, dass man ihn noch nicht in Ketten zur Packstation führt.

Die Strafanzeige als Ersatz für Kundenservice

Die Sprache verrät alles. Wer nach wenigen Tagen mit Inkasso und Strafanzeige hantiert, will keinen Vorgang klären. Er will Macht ausüben. Er will den Kunden kleinmachen. Aus einer offenen Zahlung wird ein Charakterurteil. Aus einer Verzögerung wird Absicht. Aus einem Bedienungsproblem wird Kriminalität. Die kaufmännische Nachricht verwandelt sich in eine Anklageschrift. Das Buch ist noch nicht einmal versandt, da steht der Käufer schon im imaginären Amtsgericht.

Man kann dagegen einwenden: Kleinhändler haben es schwer. Plattformen sind brutal. Provisionen laufen. Zahlungswege sind kompliziert. Alles richtig. Nur rechtfertigt das keine Kundenbeschimpfung. Wer verkaufen will, muss Abläufe beherrschen. Wer Plattformen nutzt, muss ihre Schwächen abfedern. Wer eine Frist setzt, muss verständlich erklären. Wer Geld erwartet, sollte Zahlung erleichtern. Wer mit Strafanzeige droht, weil ein digitaler Bezahlprozess aussieht wie ein Faxgerät mit Burn-out, hat das Problem nicht beim Kunden gefunden.

Antiquarische Bildung mit Inkassovokabular

Die alte kaufmännische Tugend hieß einmal Verbindlichkeit. Heute tarnt sich Gereiztheit als Geschäftsbedingung. Der Händler glaubt, er verteidige seine Ordnung. Tatsächlich dokumentiert er den Verfall seiner Umgangsformen. Ein Kunde bestellt ein Buch. Der Anbieter liefert Verdacht. Das ist der eigentliche Skandal. Nicht der Betrag. Nicht die Provision. Nicht die Plattform. Der Skandal ist der Ton, diese kleine sadistische Freude daran, aus jedem Missverständnis sofort ein Delikt zu machen.

Und so steht am Ende ein Lehrstück über die Gegenwart des Handels. Digitalisierung ohne Design. Plattformökonomie ohne Verantwortung. Antiquarische Bildung mit Inkassovokabular. Der Kunde als Störer. Die E-Mail als Falle. Die Frist als Keule. Die Strafanzeige als Servicebaustein.

Solche Fälle nicht dramatisieren, sammeln

Man sollte solche Fälle nicht überbewerten. Man sollte sie sammeln. Denn in ihnen zeigt sich, wie dünn die Lackschicht der Dienstleistung geworden ist. Ein Klick, eine unklare Zahlungsstrecke, eine verspätet gefundene Mail, und schon tritt unter dem Furnier des freundlichen Handels der Kommissarton hervor. Kaufen heißt dann nicht mehr: Ich nehme Ihr Angebot an. Kaufen heißt: Bitte beweisen Sie binnen Fristablauf, dass Sie kein Täter sind.

Das KI-Institut als deutscher Beruhigungsapparat: Erst das Schild, dann die Zuständigkeit

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch. Mein Lieblingsbild 🙂

Deutschland reagiert auf technologische Grenzfragen gern mit einer vertrauten Geste: Man gründet etwas. Eine Stelle, ein Zentrum, ein Institut, einen Beirat, eine Plattform. So entsteht der Eindruck von Bewegung, noch ehe geklärt ist, wer dort arbeiten soll, welche Befugnisse bestehen, welche Modelle geprüft werden dürfen, welche Rechenleistung verfügbar ist und welcher operative Zugriff im Ernstfall greift.

Nun steht ein deutsches AI Security Institute im Raum. Der Anlass ist real. Künstliche Intelligenz verändert die Cyberlage. Anthropic hat mit „Claude Mythos Preview“ ein Modell angekündigt, das Schwachstellen in Software finden kann. In den richtigen Händen schützt es Systeme. In den falschen Händen beschleunigt es Angriffe. BSI-Präsidentin Claudia Plattner spricht nach einem Bericht von Table Berlin von einem Paradigmenwechsel bei Cyberbedrohungen. Großbritannien hat mit seinem AI Security Institute bereits gezeigt, dass solche Modelle vorab getestet, bewertet und in Szenarien geprüft werden können.

Die deutsche Antwort droht trotzdem wieder in ein Verwaltungsformat zu kippen. Ein Institut beim BSI, womöglich mit Beteiligung der Bundesnetzagentur, zunächst klein ausgestattet, in bestehende Zuständigkeiten eingepasst, mit dem Versprechen internationaler Anschlussfähigkeit. Das klingt vernünftig. Gerade darin liegt das Problem.

Die Stellenanzeigen verraten das Problembewusstsein

Die Personalfrage ist der blinde Fleck der Debatte. Wer soll ein solches Institut tragen? Wer soll Frontier-Modelle testen, Red-Teams führen, autonome Agentensysteme bewerten, Exploit-Ketten simulieren, Schwachstellen in Code und Modellverhalten erkennen, Benchmarks entwickeln und mit OpenAI, Anthropic, Google DeepMind, Mistral oder Aleph Alpha auf fachlicher Ebene verhandeln?

Solche Leute fallen nicht aus einem Organigramm. Sie entstehen nicht durch einen Kabinettsbeschluss. Sie bewerben sich auch nicht automatisch auf Stellen, deren Sprache bereits erkennen lässt, dass der öffentliche Sektor oft kaum beschreiben kann, welche digitale Kompetenz er überhaupt sucht.

Ein Blick auf die Personalnachfrage der Verwaltung reicht. Digitale Kompetenz taucht zwar häufiger in Stellenanzeigen auf. Doch bei KI und Machine Learning bleibt das Bild eng. Die einschlägigen Ausschreibungen liegen überwiegend im Hochschul- und Forschungsbereich. In der Breite der Verwaltung ist aus KI-Kompetenz bislang kein durchgängiges Anforderungsprofil geworden. Das ist kein Randbefund. Es ist der Kern des Problems.

Die Verwaltung sucht zu selten die Leute, die sie für die digitale Sicherheitslage bräuchte. Damit zeigt sie, dass das Problembewusstsein noch nicht tief genug reicht. Man spricht von KI-Sicherheit, findet aber im eigenen Personalapparat keine ausreichende Sprache für KI-Fähigkeiten. Man will ein Institut gründen, bevor klar ist, wie man die wenigen Menschen gewinnt, die ein solches Institut überhaupt handlungsfähig machen.

Der öffentliche Dienst konkurriert nicht mit sich selbst

Hinzu kommt die Arbeitsmarktlage. Dem öffentlichen Dienst fehlen Hunderttausende Beschäftigte. Gleichzeitig konkurriert der Staat bei KI-Sicherheit nicht mit Landesämtern, Kommunen oder anderen Bundesbehörden. Er konkurriert mit den bestbezahlten und technologisch attraktivsten Arbeitgebern der Welt. Wer Exploit-Forschung, Modellprüfung, KI-Sicherheitsarchitektur und Cyberabwehr wirklich beherrscht, kann bei Tech-Konzernen, spezialisierten Sicherheitsfirmen, Forschungsinstituten oder Start-ups arbeiten. Dort gibt es Geld, Tempo, Geräte, Modelle, Daten, Rechenleistung und eine Kultur, die technische Exzellenz nicht erst in eine Laufbahngruppe übersetzen muss.

Ein deutsches AI Security Institute im unteren zweistelligen Stellenbereich wäre in dieser Lage keine Antwort auf das britische Vorbild. Es wäre eine Geste. Großbritannien konnte Wirkung entfalten, weil politischer Zugriff, Top-Recruiting, fachliche Autonomie und frühe Nähe zu den relevanten Entwicklerkreisen zusammenkamen. Dort geht es um Reputation, Modellzugang, persönliche Netzwerke, Veröffentlichungen und operative Tests. Deutschland darf daraus nicht die Lehre ziehen, ein ähnliches Schild an eine bestehende Behörde zu hängen. Das wäre institutionelle Mimikry.

Regulierung prüft keine Angriffsketten

Die Bundesnetzagentur kann regulieren. Das BSI kann beraten, zertifizieren, warnen, koordinieren und technische Standards setzen. Beide Rollen sind wichtig. Doch KI-Sicherheit im engeren Sinne verlangt mehr. Sie verlangt Laborfähigkeit, Angriffssimulation, Zugriff auf Modelle, Testumgebungen, Geheimschutz, Rechenkapazität, Codekompetenz, Red-Teams, schnelle Beschaffung, internationale Kontakte und die Bereitschaft, unter Unsicherheit zu urteilen.

Ein Institut, das vor allem aus der Logik des AI Act gedacht wird, wird Anbieter betreuen, Pflichten erklären, Verfahren ordnen und Berichte schreiben. Das kann hilfreich sein. Es löst aber nicht die Frage, wie der Staat auf KI-gestützte Angriffe reagiert, die nicht aus dem Bereich regulierter Anbieter kommen.

Der Gegner wartet nicht auf Konformitätsbewertungen. Kriminelle Gruppen lesen keine Leitfäden, bevor sie KI-Systeme für Schwachstellensuche nutzen. Staatlich geduldete Akteure richten sich nicht nach Meldefristen. Desinformationsnetzwerke fragen keine Aufsicht, bevor sie synthetische Inhalte in Umlauf bringen. Wer KI-Sicherheit aus der Perspektive von Regulierung baut, bereitet sich auf einen Gegner vor, der am Verfahren gar nicht teilnimmt.

Deutschland hat schon Zentren

Wer ein deutsches AI Security Institute fordert, sollte zuerst auf die Landkarte der vorhandenen Sicherheitsarchitektur schauen. Dort herrscht kein institutioneller Mangel. Deutschland hat ein BSI, ein BKA, eine Bundespolizei, Nachrichtendienste, das Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, eine Cyberagentur, einen Cyber Innovation Hub, Schwerpunktstaatsanwaltschaften, Landeszentren, CERT-Strukturen und seit 2011 das Nationale Cyber-Abwehrzentrum in Bonn.

Gerade das Cyber-Abwehrzentrum ist für die KI-Debatte aufschlussreich. Es ist keine eigenständige Behörde. Es ist eine behörden- und institutionenübergreifende Plattform. Dort arbeiten BSI, BKA, Bundespolizei, Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst, Militärischer Abschirmdienst, Bevölkerungsschutz und Bundeswehr-Cyberkommando zusammen. Dazu kommen Partner aus Ländern, Justiz und Finanzaufsicht. Der Auftrag klingt genau nach dem, was in jeder neuen Gründungsdebatte versprochen wird: Informationen schnell austauschen, ein gemeinsames Lagebild erzeugen, Schutzmaßnahmen koordinieren, im Krisenfall Handlungsfähigkeit sichern.

Das alles ist sinnvoll. Es beantwortet aber nicht die Frage, die jetzt bei KI-Sicherheit gestellt werden muss. Ein Lagebild testet kein Frontier-Modell. Eine Koordinierungsrunde simuliert keine agentische Angriffskette. Eine Plattform ersetzt kein Red-Team, keine eigene Rechenleistung, keinen frühen Modellzugang, kein Spitzenpersonal und keine Eingriffsfähigkeit im Ernstfall.

Die Gründung eines weiteren Instituts droht daher am Kern vorbeizugehen. Deutschland hat bereits Orte der Koordination. Was fehlt, ist eine Einheit, die KI-Sicherheit technisch beherrscht und operativ anschlussfähig macht: mit Modellzugang, Red-Teams, Rechenkapazität, Cyberlage, Sicherheitsfreigaben, internationaler Reputation und schneller politischer Rückendeckung.

Das Cyber-Abwehrzentrum zeigt also nicht, dass ein neues AI Security Institute überflüssig wäre, weil alles schon gelöst ist. Es zeigt etwas anderes: Deutschland ist im Gründen und Koordinieren geübt. Der Engpass liegt bei Personal, Tempo, Zugriff und Entscheidungsfähigkeit. Genau daran würde ein kleines, regulierungsnahes KI-Institut scheitern.

Die Verwaltung kann Verfahren, der Gegner kann Tempo

Das Grundproblem reicht tiefer. Die öffentliche Verwaltung ist auf Rechtssicherheit, Zuständigkeit und Nachvollziehbarkeit gebaut. Das ist ihre Würde und ihre Grenze. Digitale Sicherheitslagen verlangen zusätzliche Fähigkeiten: kleine interdisziplinäre Teams, kurze Entscheidungswege, experimentelle Verfahren, technische Risikobewertung, iterative Tests, schnelles Lernen, Fehlertoleranz und operative Verbindung zu Cyberabwehr und Nachrichtengewinnung.

Genau daran scheitert Verwaltung immer wieder. Digitalisierung wird oft als Technikprojekt verstanden, obwohl sie Organisationsumbau verlangt. Stellenanzeigen werden aus alten Vorlagen fortgeschrieben. Digitalkompetenz erscheint als Zusatz, nicht als Kernanforderung. Weiterbildung bleibt häufig Schulung, nicht Kompetenzaufbau. Zuständigkeiten schützen den Bestand, während Angreifer quer zu allen Zuständigkeiten handeln.

Ein AI Security Institute im klassischen Behördenmodus würde diese Schwächen erben. Es würde über Risiken sprechen, während andere Risiken erzeugen. Es würde Modelle bewerten, zu denen es zu spät Zugang bekommt. Es würde Berichte verfassen, während Angriffe laufen. Es würde sich an Regulierung binden, während Gegner die Lücken zwischen Regulierung, Cyberabwehr und operativer Sicherheit nutzen.

Die Cyberagentur liegt näher als ein neues Amt

Deutschland muss KI-Sicherheit anders denken. Nicht als neue Kleininstitution, die in eine bestehende Behördenlogik eingefügt wird. Eher als sicherheitspolitische Fähigkeit, die Cyber, KI, autonome Systeme, Desinformation, Hardware, Lieferketten und kritische Infrastruktur zusammenführt.

Dafür liegt die Cyberagentur näher als ein weiteres Amt. Sie ist auf forschungsnahe Sicherheitsfragen ausgerichtet, arbeitet projektbezogen und denkt in längeren technologischen Linien. Ihre Debatte über aktive Cyberabwehr zeigt, worauf es ankommt: Resilienz allein reicht nicht. Der Staat muss Bedrohungen antizipieren, Angriffsmuster erkennen und im Ernstfall auch Strukturen unterbrechen können.

Diese Logik muss auf KI-Sicherheit übertragen werden. Ein deutsches AISI müsste Teil einer operativen Sicherheitsarchitektur sein. Es müsste mit BSI, Bundeswehr, Nachrichtendiensten, Forschung, Rechenzentren, Unternehmen und europäischen Partnern verbunden sein. Es müsste testen, angreifen, prüfen, simulieren, veröffentlichen, warnen und im Krisenfall unterstützen können.

Dafür braucht man keine zusätzliche Abteilung mit höflichem Mandat. Dafür braucht man eine Einheit mit SprinD-ähnlicher Beweglichkeit, eigenem Budget, Sonderwegen beim Recruiting, Zugriff auf Rechenleistung, Modellzugang, Red-Teams, technischer Autorität und politischer Rückendeckung.

Die Illusion der kleinen Lösung

Die deutsche Debatte tut so, als gehe es um die institutionelle Adresse. BSI oder Bundesnetzagentur? Eigenständig oder angegliedert? Klein beginnen oder später wachsen? Diese Fragen sind nicht unwichtig. Sie verdecken aber die härtere Frage: Gibt es im öffentlichen Sektor überhaupt genügend Menschen, die das können, und gibt es eine Struktur, die diese Menschen anzieht?

Der bisherige Befund spricht dagegen. Die Verwaltung fragt digitale Spitzenkompetenz zu selten systematisch nach. KI-Kompetenz ist kein breites Personalprogramm. Der öffentliche Dienst steht unter massivem Personaldruck. Die Konkurrenz um KI- und Cybersicherheitsexperten ist global. Die technologischen Fähigkeiten der Modelle wachsen schneller als die Zuständigkeitspläne.

Ein deutsches AI Security Institute, das diese Lage ignoriert, wäre kein Sicherheitsinstrument. Es wäre ein politischer Beruhigungsapparat.

Noch eine Institution löst den Ernstfall nicht

Deutschland braucht kein weiteres Schild an einer Behördentür. Deutschland braucht technische Handlungsfähigkeit. Wer KI-Sicherheit ernst nimmt, muss bei Personal, Zugriff, Tempo und Eingriffsfähigkeit beginnen. Nicht bei der Frage, welches Ressort den Namen bekommt.

Der Plan eines deutschen KI-Instituts kann nur überzeugen, falls er vom Ernstfall her gedacht wird: Welche Modelle testen wir? Welche Angriffsszenarien simulieren wir? Welche Infrastruktur steht bereit? Welche Talente kommen? Welche Befugnisse greifen? Welche Verbindung besteht zur Cyberabwehr? Welche Entscheidungen können innerhalb von Stunden fallen? Ohne diese Antworten bleibt das Institut eine deutsche Spezialität: viel Zuständigkeit, wenig Zugriff. Das Resümee ist bitter: Noch eine Staatsinstitution, die nicht eingreifen wird, wenn es darauf ankommt, da die Regulierung ihr im Weg stehen wird.

Der Geist braucht keine Schonfrist vor der Maschine: Eine Replik auf Daniel M. Feige und Arnd Pollmann @ArndPollmann @DanielMFeige @philomagde

Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge – Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.

Daniel M. Feige, Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, und Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin, haben unter dem Titel „Digitale Entgeisterung“ eine Warnschrift gegen den Einzug generativer KI in die Geisteswissenschaften vorgelegt. Der Text will Bildung verteidigen. Er will Lesen, Denken, Schreiben, Gespräch, Urteilskraft und geistige Anstrengung retten. Dagegen wäre wenig einzuwenden. Doch seine Diagnose bleibt auf einem Stand stehen, der der gegenwärtigen technischen, didaktischen und sozialen Lage kaum gerecht wird.

Das Erstaunliche ist weniger die Sorge. Sorge gehört zum Geschäft der Aufklärung. Erstaunlich ist das Niveau der technischen Beschreibung. Noch immer wird von „Halluzinationen“, „Täuschungsmaschinen“ und simulierten Denkprozessen gesprochen, als stünden wir bei den ersten öffentlichen Versuchen mit generativen Sprachmodellen. Das klingt nach Hochschulfeuilleton im Jahr 2023. Die Studierenden sind vielerorts längst weiter. Sie experimentieren mit KI-Systemen, vergleichen Modelle, prüfen Quellen, lassen sich Gegenargumente liefern, bauen Gliederungen um, trainieren Präsentationen, korrigieren eigene Schwächen, schreiben schlechtere Prompts und bessere zweite Fassungen. Sie wissen meist sehr gut, dass ein Sprachmodell irren kann. Sie lernen nur schneller als manche Lehrenden, dass der pädagogische Gewinn gerade aus dieser Fehleranfälligkeit entstehen kann.

Die Halluzinationsrhetorik ist zu bequem geworden

Der Begriff der Halluzination war am Anfang brauchbar, weil er ein Problem sichtbar machte: Große Sprachmodelle erzeugen plausible Ausgaben, die faktisch falsch sein können. Inzwischen taugt dieser Begriff immer seltener zur Analyse. Er ist zu einer intellektuellen Ausweichbewegung geworden. Wer „Halluzination“ sagt, muss sich mit der Architektur der Systeme, mit Retrieval-Augmented Generation, Tool-Nutzung, Quellenprüfung, Modellvergleich, Agentenarchitekturen, multimodalen Schnittstellen, Feedbackschleifen und didaktischer Einbettung oft gar nicht mehr beschäftigen.

Dabei beginnt an dieser Stelle die Wissenschaft. Ein System, das plausible Fehler produziert, ist in der Lehre kein pädagogischer Totalschaden. Es ist ein Prüfstand. Studierende können an solchen Fehlern lernen, was Quellenkritik heißt, was Begründung heißt, was argumentative Kohärenz heißt, was ein Beleg leistet und was eine Behauptung kaschiert. Wer diesen Prüfstand aus der Universität verbannt, schützt nicht das Denken. Er konserviert Prüfungsformate, die schon lange vor ChatGPT geistig erschöpft waren.

Die Klage über fingierte Argumente und erfundene Quellen trifft einen realen Punkt. Aber sie trifft vor allem eine alte Schwäche der Hochschuldidaktik. Wer Hausarbeiten verlangt, die unter Zeitdruck, mit schwacher Betreuung und schematischen Bewertungskriterien entstehen, darf sich über simulierte Wissenschaftlichkeit kaum wundern. Die Maschine macht sichtbar, was im Seminarbetrieb ohnehin vorhanden war: Oberflächenroutine, Zitatmechanik, Sekundärliteraturtheater, Klausurwissen auf Abruf. Generative KI hat diese Praxis nicht erfunden. Sie hat sie automatisierbar gemacht.

Bildung scheitert nicht an KI, sie scheitert an schlechter Didaktik

Feige und Pollmann setzen Bildung gegen Output. Darin liegt zunächst ein richtiger Impuls. Bildung ist Prozess, Übung, Irritation, Gespräch, Selbstkorrektur. Doch aus dieser richtigen Beobachtung folgt nicht, dass KI diesen Prozess zerstört. Es folgt, dass die Didaktik endlich prozessfähig werden muss.

Wer KI lediglich als Abkürzung betrachtet, denkt vom alten Prüfungsregime her. In diesem Regime zählt das fertige Produkt: Klausur, Essay, Hausarbeit, Note. Genau dort wirkt KI wie Betrugsinstrument. Dreht man die Didaktik um, verändert sich der Gegenstand. Dann zählt die Entwicklung eines Gedankens: erste These, Gegenrede, Quellenprüfung, Modellkritik, mündliche Verteidigung, Überarbeitung, Transfer in ein Projekt, Reflexion des eigenen Vorgehens. Ein Sprachmodell wird in diesem Setting nicht zum Ersatz des Denkens. Es wird zum Widerpart, Sparringspartner, Störer, Korrektiv, Stichwortgeber, manchmal auch zum peinlichen Lieferanten von Unsinn, an dem man die eigene Urteilskraft schärft.

Die Aufgabe der Geisteswissenschaften läge also nicht darin, künstliche Intelligenz aus dem Bildungsprozess herauszuhalten. Ihre Aufgabe läge darin, neue Formen der geistigen Arbeit zu entwickeln. Wer heute noch so tut, als bestehe die Alternative aus analoger Reinheit hier und technokratischer Verflachung dort, unterschätzt die historische Lage.

„Herkunft gleich Zukunft“ ist der eigentliche Skandal

In Deutschland entscheidet Herkunft noch immer viel zu häufig über Zukunft. Wer aus einem bildungsfernen Elternhaus kommt, wer in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder in einem anderen abgestempelten Sozialraum aufwächst, trägt früh ein Etikett. Schule und Hochschule reden dann gern von Begabung, Leistung, Bildungsaspiration. Oft meinen sie damit Milieu, Adresse, Codes, Sprachstil und die Fähigkeit, sich in institutionellen Räumen so zu bewegen, als gehörten sie einem selbstverständlich. Etwa in Salem.

Genau hier wird die KI-Debatte sozialpolitisch. Individualisierte Lernsysteme können ein altes Versprechen neu operationalisieren: Förderung nach Bedarf, Tempo, Vorwissen, Fehlerprofil, Interesse und Lebenslage. Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirektor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), spricht in diesem Zusammenhang von „Losgröße 1“. Im Bildungsbereich heißt das: Ein System markiert nicht einfach eine falsche Antwort. Es erkennt Fehlkonzepte, schlägt individuelle Wege vor, bleibt dran, motiviert, wiederholt, variiert, erklärt anders, wechselt Medium und Schwierigkeit.

Das ist kein Ersatz für Lehrende. Es ist eine Entlastung von jener Gleichmacherei, die im deutschen Bildungssystem seit Jahrzehnten als Gerechtigkeit ausgegeben wird. Dreißig Lernende in einem Raum, ein Tempo, ein Arbeitsblatt, eine Klausur, eine Note: Das ist keine Bildungsgerechtigkeit. Es ist industrielle Formatierung.

KI kann diese Formatierung aufbrechen. Sie kann jenen helfen, die keinen Akademikerhaushalt als Nachhilfesystem im Rücken haben. Sie kann Übungsräume schaffen, in denen niemand ausgelacht wird. Sie kann in Bewerbungstrainings, Sprachförderung, Mathematik, wissenschaftlichem Schreiben und Projektarbeit jene Wiederholung leisten, für die im realen System oft niemand Zeit hat. Wer in der Geisteswissenschaft dazu nur „Betrug“ und „Täuschung“ ruft, übersieht die demokratische Chance.

Herbert W. Franke war weiter als manche Gegenwartsdiagnose

Der Wissenschaftler, Schriftsteller und Computerkunst-Pionier Herbert W. Franke hat früher als viele andere verstanden, dass technische Medien Lernprozesse radikal individualisieren können. Bei ihm war der Computer kein Feind der Bildung, vielmehr ein Instrument, um komplexe naturwissenschaftliche und mathematische Inhalte variabel, anschaulich und individuell zugänglich zu machen. Franke dachte in Lernpfaden, Rückmeldungen, Visualisierungen, Simulationen und Anpassung an den einzelnen Lernenden. Das ist Jahrzehnte her.

Interview mit dem Wissenschaftler Professor Herbert W. Franke

Gerade deshalb wirkt manche aktuelle KI-Kritik aus den Geisteswissenschaften so sonderbar alt. Sie verteidigt Bildung gegen Maschinen, als hätten wir es mit Rechenautomaten zu tun, die kleine Textfabriken betreiben. Franke dachte längst über hyperindividualisierte Lernarchitekturen nach, über Schule, Hochschule und berufliche Bildung. Heute haben wir die technischen Mittel, solche Konzepte im großen Maßstab zu erproben. Die angemessene Frage lautet also: Wie bauen wir Bildungsumgebungen, in denen KI individuelle Lernwege eröffnet und menschliche Lehrende jene Aufgaben übernehmen, die Gespräch, Konflikt, Wertung, Ermutigung und intellektuelle Zumutung im besten Sinn verlangen?

Lernen durch Lehren statt Prüfungsfolklore

Der Umbau beginnt bei den Rollen. Zusammen mit Professor Lutz Becker wurde für digitale Lehre ein Konzept ausgezeichnet, das auf „Lernen durch Lehren“ setzt. In solchen Formaten sind Studierende keine passiven Empfänger von Stoff. Sie werden zu Produzenten, Vermittlern, Kritikern und Gestaltern. An der Hochschule Fresenius ließ sich etwa in der Wirtschaftsethik zeigen, wie viel tiefer Studierende in eine Materie eindringen, sobald sie selbst erklären, moderieren, argumentieren und Verantwortung für das Lernsetting übernehmen.

Genau das ist der Gegenentwurf zur Klausurpädagogik. Wer Wissen auswendig lernen lässt, um es in neunzig Minuten abzufragen, muss sich nicht wundern, dass KI als Abkürzung erscheint. Wer dagegen Projektarbeit, Rollenwechsel, Quellenprüfung, reale Fallstudien, öffentliche Präsentation, Peer-Kritik, Portfolio-Arbeit und mündliche Verteidigung verbindet, bekommt eine andere Lernkultur. Dann wird KI zum Werkzeug innerhalb eines anspruchsvolleren Settings. Sie kann vorbereiten, irritieren, Material liefern, Gegenthesen formulieren, Fehler erzeugen, Alternativen zeigen. Der Mensch muss auswählen, prüfen, verantworten, erklären.

Das wäre geisteswissenschaftliche Bildung auf der Höhe der Zeit. Nicht die Verteidigung alter Formate mit Platon-Zitat und Angstvokabular, vielmehr eine Praxis, die den Begriff der Mündigkeit in die technische Gegenwart überführt.

Der falsche Gegensatz von Geist und Werkzeug

Feige und Pollmann haben recht, dass Bildung nicht im Besitz fertiger Inhalte aufgeht. Doch sie unterschätzen, dass geistige Prozesse immer schon an Medien, Werkzeuge, Institutionen und Praktiken gebunden waren. Buchdruck, Zettelkasten, Bibliothek, Seminar, Tafel, Exzerpt, Fußnote, Edition, Tonband, Datenbank, Suchmaschine: Der Geist trat nie nackt auf. Er arbeitete immer mit Apparaturen.

Friedrich Kittler, Professor für Medienwissenschaft, hätte die Vorstellung einer reinen Geisteswissenschaft ohne technische Bedingung vermutlich in die Nähe gepflegter Selbsttäuschung gerückt. Medien speichern, übertragen, sortieren und formatieren, was später als Denken erscheint. Die generative KI macht diese Medialität unübersehbar. Sie beendet nicht den Geist. Sie nimmt ihm seine Unschuld.

Die geisteswissenschaftliche Antwort kann daher nicht in technischer Abstinenz liegen. Sie muss in Medienkompetenz, Modellkritik, Quellenpraxis, epistemischer Demut und didaktischer Erfindungskraft liegen. Wer Studierende ernst nimmt, muss ihnen zeigen, wie man KI produktiv nutzt und wo man ihr widerspricht. Wer nur warnt, überlässt die Praxis den Plattformen.

Empathische KI als didaktischer Ernstfall

Wahlsters Überlegungen zur empathischen KI zeigen, wie weit die Debatte inzwischen ist. Es geht nicht um Maschinen mit Seele. Es geht um Systeme, die Emotionen erkennen, Verhalten anpassen und multimodal reagieren können. In Bildungskontexten bedeutet das: Ein System erkennt Frustration, Überforderung, falsche Sicherheit, Langeweile, Scheu oder wiederkehrende Fehlkonzepte. Es passt Aufgaben, Ton, Tempo, Visualisierung und Rückmeldung an. Das ist keine metaphysische Behauptung über Bewusstsein. Es ist angewandte Didaktik.

Wer hier nur „Simulation“ ruft, verfehlt den praktischen Punkt. Auch Lehrende arbeiten mit Modellen ihrer Studierenden. Sie schließen aus Tonfall, Blick, Schweigen, Fehlern und Nachfragen auf Verstehen oder Nichtverstehen. Sie irren dabei oft. Empathische KI kann solche Prozesse ergänzen, dokumentieren, variieren und skalieren. Sie darf nicht autonom über Bildungswege verfügen. Sie muss transparent, prüfbar, korrigierbar und begrenzbar sein. Doch ihre pauschale Abwertung zeugt weniger von Humanismus als von fehlender technischer Phantasie.

Die Geisteswissenschaften müssen ihr eigenes Curriculum befragen

Die eigentliche Krise liegt im Curriculum. Viel zu oft wird die Ausbildung in den Geisteswissenschaften noch über Kanon, Seminarreferat, Textzusammenfassung, Hausarbeit und Klausur organisiert. Das kann funktionieren, sobald Lehrende brillant sind und Studierende bereits über hohe Selbststeuerung verfügen. Für viele andere bleibt es eine soziale Sortiermaschine.

Die Zukunft geisteswissenschaftlicher Bildung verlangt radikal andere Formate. Studierende sollten Theorien in realen Projekten anwenden, Modelle vergleichen, digitale Archive auswerten, KI-generierte Argumente sezieren, eigene Forschungsfragen entwickeln, öffentliche Debatten führen, Lehrmaterialien produzieren, Podcasts, Essays, Dossiers, Ausstellungen und Simulationen erstellen. Sie sollten lernen, dass Denken im Medium geschieht und dass jedes Medium eigene Verzerrungen produziert.

Das bedeutet auch: Die Prüfungsordnung muss fallen, wo sie Bildung verhindert. Die Klausur als Herrschaftsform des schlechten Gedächtnisses hat ausgedient. Wer weiterhin Stoff abfragt, der in Sekunden verfügbar ist, trainiert nicht Urteilskraft, er trainiert Anachronismus.

Die Studierenden als Vorhut

Viele Studierende haben längst verstanden, dass KI weder Erlöser noch Dämon ist. Sie nutzen sie pragmatisch. Sie testen Grenzen. Sie wissen, dass ein Modell Unsinn produzieren kann. Sie merken zugleich, dass es beim Strukturieren, Übersetzen, Zusammenfassen, Gegenargumentieren und Üben hilft. Die Hochschule sollte aus dieser Praxis lernen, statt sie unter Generalverdacht zu stellen.

Der pauschale Betrugsverdacht ist pädagogisch armselig. Er sagt mehr über das Misstrauen der Institution gegenüber ihren eigenen Formaten aus als über die moralische Verfassung der Studierenden. Wer Lernprozesse so organisiert, dass Betrug rational erscheint, hat ein Designproblem. Wer Lernprozesse so gestaltet, dass sichtbare Entwicklung, mündliche Verteidigung, Quellenkompetenz, Projektverantwortung und Reflexion zählen, nimmt der bloßen Textabgabe ihre Macht.

Der Geist verliert sich nicht durch KI, er zeigt sich an ihr

Die Geisteswissenschaften haben keine Schonfrist verdient. Sie haben eine Aufgabe. Sie müssen die neue technische Bedingung des Denkens analysieren, kritisieren, gestalten und didaktisch produktiv machen. Das gelingt nicht mit kulturpessimistischer Vokabelverwaltung. Es gelingt durch Experimente.

Man darf von Wissenschaftlern mehr Kreativität verlangen. Gerade von jenen, die für Philosophie, Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie sprechen. Wer heute über generative KI schreibt, sollte nicht bei Halluzinationen stehenbleiben. Er sollte fragen, wie sich Lesen, Schreiben, Argumentieren, Prüfen, Forschen und Lehren verändern müssen. Er sollte die Universität nicht als Schutzraum alter Routinen denken, vielmehr als Labor neuer Lernarchitekturen.

Die entscheidende Bildungsfrage lautet nicht, ob KI den Geist aus den Geisteswissenschaften treibt. Die entscheidende Frage lautet, ob die Geisteswissenschaften genug Geist aufbringen, um ihre eigenen Formen zu erneuern. Herkunft darf in Deutschland nicht länger Zukunft bedeuten. Das lässt sich mit Sonntagsreden über Bildung nicht durchbrechen. Es braucht individualisierte Lernkonzepte, projektförmige Lehre, „Lernen durch Lehren“, empathische Systeme, intelligente Tutoren, neue Prüfungsformen und Lehrende, die keine Angst davor haben, ihre Autorität neu zu begründen. Die Maschine nimmt der Bildung nichts weg, was lebendig war. Sie entlarvt, was bereits tot war. Genau darin liegt ihre produktive Zumutung.

Exkurs: Der Think Tank Innovation als Gegenprobe

Wie eine produktive Gegenbewegung aussehen kann, zeigt das Whitepaper „Die große Transformation: Fünf Thesen zur Neuerfindung von HR und Organisationen“ des Think Tank Innovation der Zukunft Personal. Dieses Papier ist nicht am Schreibtisch aus Angst vor der Maschine entstanden. Es ist selbst ein Experiment: Design-Thinking, digitale Kleingruppen, KI-generierte Einsichten, Deep-Search-Marathons, Podcast-Gespräche, Expertinnen- und Experteninterviews, Delphi-Methode. Menschliche und künstliche Intelligenz wurden nicht gegeneinander ausgespielt, sie wurden in einen Arbeitsprozess gezwungen.

Gerade darin liegt die eigentliche Lehre für Hochschule und Geisteswissenschaften. Wer KI nur als Störfall betrachtet, bleibt im Modus der Abwehr. Der Think Tank Innovation dreht die Perspektive um: KI-Literacy wird zur Basiskompetenz, weil Teilhabe an Arbeit, Bildung und Organisation künftig davon abhängt, menschliches Denken und maschinelle Verarbeitung produktiv zu verbinden. Lernen erscheint dort nicht als isolierte Veranstaltung, nicht als Seminarblock, nicht als Prüfungsstoff, vielmehr als integriertes Lernökosystem.

Besonders folgenreich ist die These von der „Befreiung des Lernens“. Bildung wird dort nicht als Herkunftsprivileg begriffen, sondern als hyperindividualisierter Prozess. KI-basierte Tutoren können Lernstand, Tempo, Motivation, Fehlkonzepte und Entwicklungspotenziale genauer adressieren, als es standardisierte Klassen- und Prüfungsformate je konnten. Damit bekommt die soziale Frage der Bildung eine technische Zuspitzung: Herkunft darf nicht länger Zukunft bedeuten. Wer individualisierte Lernarchitekturen ernst nimmt, muss die alte Gleichmacherei des Bildungssystems angreifen.

Für die Geisteswissenschaften ist das kein Randthema. Auch dort braucht es Lernökosysteme, Projektarbeit, Rollenwechsel, Quellenkritik mit KI, öffentliche Argumentation, mündliche Verteidigung, kollaborative Wissensproduktion und formative Rückmeldung. Das Whitepaper spricht von einer Organisation als hybridem Lernsystem. Genau so müsste man auch die Universität neu denken: als Gefüge aus Studierenden, Lehrenden, Texten, Archiven, digitalen Werkzeugen, KI-Agenten, Projekten und öffentlichen Resonanzräumen.

Der entscheidende Unterschied liegt im Mut zur Praxis. Während manche akademische KI-Kritik noch die alte Textabgabe gegen die Maschine verteidigt, arbeitet der Think Tank Innovation bereits mit der Maschine am Gegenstand. Das ist wissenschaftlich angreifbar, methodisch offen, manchmal riskant. Aber es ist näher an der Wirklichkeit der kommenden Bildungs- und Arbeitswelt als das gepflegte Klagen über Halluzinationen.

Gegen die Vision als Ersatzreligion: Eine wissenschaftstheoretische Replik auf Jochen Andritzky und Daniel Stelters Ruf nach dem großen Ziel @thinkBTO @JAndritzky

Der Satz klingt wie eine Küchenweisheit aus der politischen Strategieberatung: „Ohne Ziel ist alles Wurscht.“ Er lebt von seiner Robustheit. Er immunisiert sich gegen Widerspruch, weil kaum jemand ernsthaft behaupten möchte, Politik brauche keinerlei Richtung. Doch genau darin liegt seine Schwäche. Er verwechselt Richtung mit Erkenntnis, Zielbild mit Steuerungsfähigkeit, Pathos mit institutioneller Leistung. Aus einem richtigen Befund wird ein falscher Trost.

Daniel Stelter und Jochen Andritzky sprechen über ein Land, das in struktureller Schwäche steckt. Die Exporte fallen, Investitionen gehen zurück, Industrieproduktion stagniert, Sozialbeiträge steigen, die demographische Rechnung wird unerbittlich. Der Sachverständigenrat liefert dafür Zahlen, Simulationen, Reformvorschläge. Andritzky liest darin ein Symptom: Deutschland verliere sich im Klein-Klein. Es brauche ein Bild, ein Ziel, eine Vision. Die Wirtschaftsweisen, so der Vorwurf, operierten auf der Ebene der Maßnahmen, während der politische Entwurf fehle.

Das ist elegant formuliert, analytisch aber ein wenig unterbestimmt. Denn „Vision“ ist kein wirtschaftswissenschaftlicher Begriff. Sie ist auch keine Kategorie der Wissenschaftstheorie. Sie bezeichnet weder eine Hypothese noch ein Modell, weder ein Instrument noch einen überprüfbaren Mechanismus. Sie ist ein Motivationsmedium. Damit kann sie nützlich sein. Als Ersatz für Theorie, Verwaltung, Gesetzgebung und Vollzug wird sie zur Nebelmaschine.

Der erkenntnistheoretische Fehler der Zielverliebtheit

Karl Popper hätte an diesem Punkt angesetzt. Sein Einspruch gegen utopisches Denken war nie ein Plädoyer für Ziellosigkeit. Popper war kein Apologet politischer Trägheit. Er war ein Denker der Korrektur. Die offene Gesellschaft lebt für ihn davon, dass Irrtümer sichtbar werden dürfen, dass Macht begrenzt bleibt, dass Politik reversibel angelegt ist. Nicht der Mangel an Visionen bedroht die Demokratie zuerst, gefährlicher ist die Überzeugung, eine politische Klasse wisse, wohin die Geschichte zu laufen habe.

In der Wissenschaftstheorie gilt eine einfache Unterscheidung: Eine Aussage gewinnt an Erkenntniswert, sobald sie riskant wird. Sie muss scheitern können. „Deutschland braucht eine Vision“ scheitert nie. Bei Erfolg reklamiert sie die geistige Urheberschaft. Bei Misserfolg erklärt sie, die Vision sei falsch vermittelt, unzureichend umgesetzt, von Gegnern sabotiert oder zu wenig radikal verfolgt worden. Eine solche Formel besitzt keine falsifizierbare Struktur. Sie ist politischer Weihrauch.

Das unterscheidet sie von einer Reformhypothese. Wer sagt, eine bestimmte Änderung im Steuerrecht erhöhe die Investitionsquote um eine nachprüfbare Größenordnung, setzt sich der Widerlegung aus. Wer sagt, eine beschleunigte Planfeststellung verkürze Genehmigungszeiten messbar, riskiert Kontrolle. Wer sagt, eine Neuordnung der Sozialversicherung dämpfe den Beitragssatzpfad, kann anhand von Modellannahmen, Datengrundlagen und realer Wirkung kritisiert werden. Genau diese Trockenarbeit wirkt neben dem Wort „Vision“ klein. In Wahrheit ist sie der Ort, an dem Politik überhaupt erst rational wird.

Deutschland hat Ziele im Überfluss

Die Diagnose eines Zielmangels unterschlägt einen offensichtlichen Befund: Deutschland ist nicht arm an Zielbildern. Klimaneutralität, digitale Verwaltung, Bildungsrepublik, gleichwertige Lebensverhältnisse, Resilienz, soziale Gerechtigkeit, technologische Souveränität, Fachkräftesicherung, bezahlbares Wohnen, nachhaltige Finanzen — das Land ist seit Jahren mit Zielvokabular tapeziert. Kaum ein Koalitionsvertrag, kaum eine Regierungserklärung, kaum ein Strategiedokument kommt ohne Zukunftssprache aus.

Das Problem liegt an anderer Stelle. Ziele werden formuliert, ohne Prioritätenkonflikte auszutragen. Gesetze werden beschlossen, ohne Vollzugskapazitäten zu sichern. Förderprogramme entstehen, ohne ihre Transaktionskosten für Antragsteller und Verwaltung ernsthaft zu kalkulieren. Behörden bekommen Aufgaben, Personalstellen, Berichtspflichten, Digitalisierungsversprechen und politische Erwartungsüberhänge gleichzeitig auf den Tisch. Am Ende entstehen politische Kulissen mit administrativem Staub dahinter.

Die deutsche Krise ist deshalb weniger eine Krise der Imagination. Sie ist eine Krise der Umsetzungsarchitektur. Es fehlt an Gesetzesqualität, Zuständigkeitsklarheit, Datenzugang, Ex-post-Evaluation, Ressortdisziplin, Verwaltungsdigitalisierung, Beschleunigungsrecht, Haftung für Verzögerung und einer Kultur, die schlechte Programme beendet. Das klingt weniger erhebend als „Visionen braucht das Land“. Dafür trifft es den Kern.

Max Weber und die Zumutung der Folgen

Max Weber hätte den Ruf nach Visionen vermutlich mit Misstrauen gehört. Politik als Beruf ist bei ihm kein Seminar zur Weltrettung, kein spirituelles Projekt der Selbstvergewisserung. Politik bedeutet, in Machtverhältnissen zu handeln und für Folgen einzustehen. Gesinnungsethik kann den inneren Glanz eines Ziels feiern. Verantwortungsethik fragt, was daraus wird, sobald es in Institutionen, Haushalte, Behörden, Parlamente, Gerichte, Interessenverbände und Lebensläufe gerät.

Der Gegensatz ist für die heutige Reformdebatte entscheidend. Eine Vision kann mobilisieren, aber sie trägt keine Lasten. Sie genehmigt keine Stromtrassen, saniert keine Brücken, digitalisiert keine Ausländerbehörde, verkürzt keine Gerichtsverfahren, verbessert keine Mathematikleistung, stabilisiert keine Pflegeversicherung. All dies verlangt die Prosa der Verantwortung: Zuständigkeit, Frist, Finanzierung, Messung, Sanktion, Korrektur.

Weber hätte wohl gefragt: Wer trägt die Verantwortung für die Nebenfolgen der Vision? Wer benennt die Verlierer? Wer beziffert die Übergangskosten? Wer entscheidet bei Zielkonflikten? Wer sagt den Bürgern, welche Ansprüche künftig sinken, welche Subventionen enden, welche Privilegien gestrichen werden, welche liebgewonnenen Lebenslügen nicht länger finanzierbar sind?

Visionäre Rede hat die Tendenz, diese Fragen in die Zukunft zu verschieben. Verantwortungspolitik holt sie an den Anfang.

Hayeks Wissen und der blinde Fleck der Planung

Auch Friedrich August von Hayek ist hier hilfreicher als manche moderne Strategieliteratur. Sein Wissenstheorem trifft die Visionsempfehlung im Innersten. In modernen Gesellschaften ist relevantes Wissen dezentral verteilt. Unternehmen, Beschäftigte, Kommunen, Ingenieure, Pfleger, Lehrer, Gründer, Finanzierer, Kunden und Verwaltungen verfügen über situatives Wissen, das kein politisches Zentrum vollständig aufnehmen kann.

Daraus folgt keine Marktromantik. Es folgt eine Warnung vor zentraler Selbstüberschätzung. Ein Staat kann Rahmen setzen, öffentliche Güter bereitstellen, Eigentumsrechte sichern, Wettbewerb schützen, Infrastruktur bauen, Bildung organisieren, soziale Risiken abfedern. Aber er kann die Zukunft nicht wie ein Architekt entwerfen, ohne einen Großteil des relevanten Wissens zu verlieren.

In dieser Perspektive wird das „Klein-Klein“ neu lesbar. Es ist nicht automatisch Ausdruck geistiger Enge. Es kann die demokratische Form sein, mit verstreutem Wissen umzugehen. Reformen sind dann Experimente unter Unsicherheit. Sie brauchen Versuchsräume, Rückkopplung, Wettbewerb der Lösungen, statistische Auswertung, lokale Abweichung, Korrekturmöglichkeiten. Die Vision dagegen liebt die Totale. Sie sieht das Land von oben. Die Realität arbeitet von unten zurück.

Kant gegen die ästhetische Moral der großen Worte

Kant wird in politischen Sonntagsreden gern als Lieferant hoher Maßstäbe bemüht. Doch sein Denken hilft gerade gegen den moralischen Überschwang des Zielbildes. Der kategorische Imperativ ist keine Einladung zur großen Pose. Er fragt nach der Verallgemeinerbarkeit einer Maxime. Übertragen auf Reformpolitik heißt das: Eine politische Forderung muss so beschaffen sein, dass sie auch von jenen als Regel akzeptiert werden könnte, die ihre Kosten tragen.

Hier zerbricht manche Vision. Sie spricht im Namen des Ganzen, behandelt aber die Belasteten als Fußnoten. Sie liebt die Zukunft, doch die Rechnung kommt in der Gegenwart an. Sie formuliert Generationengerechtigkeit, ohne die impliziten Schulden der Sozialversicherung ehrlich zu ordnen. Sie verspricht Transformation, ohne die Transformierten nach ihren Anpassungskosten zu fragen. Sie verlangt Verzicht, während ihre Wortführer sich mit moralischer Rendite bezahlen.

Kantisch betrachtet genügt es nicht, ein Ziel edel zu finden. Entscheidend ist die Maxime des Handelns. Darf Politik Bürger mit immer neuen Versprechen gewinnen, deren Finanzierung späteren Jahrgängen aufgebürdet wird? Darf ein Staat Ansprüche ausweiten, obwohl er weiß, dass ihre künftige Deckung unsicher ist? Darf man Reformen mit Symbolik überziehen, um die Härte der Verteilungsfrage zu verbergen? Das wären die eigentlichen Prüfsteine.

Helmut Schmidt und die Abneigung gegen politisches Parfüm

Helmut Schmidt steht quer zur heutigen Zukunftsrhetorik. Er war kein Feind langfristiger Orientierung. Sein Denken war geprägt von Kant, Marc Aurel, Pflichtbegriff, Maß, Urteilskraft. Doch daraus entstand kein Hang zum großen Entwurf. Schmidt misstraute der politischen Schönrednerei. Er sah Politik als Handwerk unter Druck, als Bewährung vor Tatsachen, als Kunst des Entscheidens bei unvollständigem Wissen.

Sein Pragmatismus war anspruchsvoller, als viele seiner Kritiker begriffen. Er bestand nicht aus Opportunismus, vielmehr aus sittlich gebundener Sacharbeit. Die Verbindung von privater und öffentlicher Moral, die Orientierung am kategorischen Imperativ, die Skepsis gegenüber bloßem Wortgepränge: All das führte zu einem Politikverständnis, das den Ernst der Lage nicht mit der Größe der Rede verwechselte.

Schmidt hätte vermutlich wenig Geduld mit der Vorstellung gehabt, Deutschland brauche vor allem mehr Zukunftsbilder. Er hätte nach Strompreisen gefragt, nach Verteidigungsfähigkeit, nach Rentenformeln, nach Haushaltszahlen, nach Produktivität, nach Exportmärkten, nach Bildungsleistungen, nach dem Zustand der Verwaltung. Er hätte gefragt, welches Gesetz geändert werden muss, wer zuständig ist, wie lange es dauert, was es kostet, wo die Gegenfinanzierung steht und welche Nebenfolgen absehbar sind.

Das ist keine Verengung des Politischen. Es ist seine Zivilisierung.

Die schlechte Romantik des Befreiungsschlags

Der Begriff „Klein-Klein“ erfüllt in solchen Debatten eine rhetorische Funktion. Er diskreditiert die Detailarbeit, bevor sie geprüft wurde. Er setzt das Kleine mit dem Unbedeutenden gleich. Doch Staaten scheitern selten daran, dass ihnen Leitsätze fehlen. Sie scheitern daran, dass Finanzierungsregeln, Genehmigungsverfahren, Personalplanung, föderale Zuständigkeiten, IT-Systeme, Anreizstrukturen und Rechtsfolgen nicht zusammenpassen.

In der Ökonomie entscheidet der Grenznutzen, nicht die Schönheit des Leitbildes. Eine Reform der Sozialversicherung besteht aus Parametern. Beitragssätze, Bemessungsgrundlagen, Renteneintrittsalter, Nachhaltigkeitsfaktoren, Steuerzuschüsse, Kapitaldeckung, Leistungsversprechen. Diese Parameter mögen prosaisch wirken. Doch dort entscheidet sich, ob ein System tragfähig bleibt.

Wer dieses Feld als Klein-Klein abwertet, verkennt den Aggregatzustand moderner Staatlichkeit. Die großen Fragen liegen im Detail. Ein halber Prozentpunkt Beitragssatz, ein Jahr längere Lebensarbeitszeit, eine veränderte Indexierung, ein digitaler Verwaltungsprozess, eine beschleunigte Ausschreibung, eine bessere Datenbasis: Das alles besitzt mehr politische Substanz als viele Zukunftsreden.

Reformpolitik als Wissenschaft vom Irrtum

Die Alternative zur Vision ist nicht Ziellosigkeit. Sie heißt lernende Reformpolitik. Eine solche Politik beginnt mit Problemdefinition. Sie trennt Diagnose, Zielkonflikt, Instrument, Wirkungshypothese und Evaluation. Sie unterscheidet zwischen Wertentscheidung und Tatsachenbehauptung. Sie macht Annahmen sichtbar. Sie baut Korrekturmechanismen ein. Sie erlaubt regionale Experimente. Sie begrenzt Programme zeitlich. Sie zwingt Ministerien, Erfolgskriterien vorab zu benennen. Sie veröffentlicht Daten maschinenlesbar. Sie schafft unabhängige Wirkungskontrolle. Sie streicht Maßnahmen, die scheitern.

Das wäre Popper für die Gesetzgebung. Der politische Betrieb liebt dagegen Programme, die nie sterben. Jede Maßnahme bekommt eine Zielerzählung, ein Logo, eine Taskforce, eine Konferenz, eine Förderlinie, eine Evaluation nach Aktenlage. Scheitert sie, wird sie fortgeschrieben. Der Irrtum bekommt Haushaltsmittel.

Eine offene Gesellschaft darf so nicht regieren. Sie muss Fehler sichtbar machen, Verantwortliche benennen, Experimente beenden, neue Versuche zulassen. Wissenschaftstheoretisch ist das anspruchsvoller als Visionen. Politisch ist es unbequemer. Wirtschaftlich ist es produktiver.

Das Land braucht Sachverstand, Vollzug und gute Gesetze

Die treffendere Parole lautet daher anders: Ohne Vollzug ist alles Theater.

Deutschland braucht nicht den nächsten Aufguss der großen Erzählung. Es braucht bessere Gesetze, die mit Verwaltungspraxis, Personalbestand, IT-Architektur, Rechtsweg und Haushaltswahrheit zusammen gedacht werden. Es braucht einen Gesetzgeber, der vor der Verabschiedung fragt, ob eine Kommune, eine Mittelstandsverwaltung, ein Sozialversicherungsträger, ein Gericht oder ein Unternehmer die Regel überhaupt anwenden kann. Es braucht einen Staat, der weniger verspricht und mehr erledigt.

Sachverstand ist dabei kein Dekor. Er ist Schutz vor Selbstbetrug. Der Sachverständigenrat mag in seinen Empfehlungen technisch wirken. Aber diese technische Kälte ist kein Mangel. Sie ist eine demokratische Tugend. Sie zwingt zur Rechenschaft über Annahmen. Sie ersetzt das Zukunftsbild durch die Rechnung.

Das mag weniger begeistern. Es könnte dem Land helfen.

Die offene Gesellschaft braucht keine Erlösungsformel

Poppers Lehre für die deutsche Reformdebatte ist hart: Misstraut allen, die den Mangel an Zukunftsbildern beklagen, bevor sie den Mangel an institutioneller Leistungsfähigkeit beheben. Misstraut jeder Vision, die nicht in prüfbare Reformschritte übersetzt wird. Misstraut politischen Heilswörtern, die aus Zielkonflikten moralische Prüfungen machen. Misstraut dem Glanz des Großen, wo die Arbeit am Konkreten aussteht.

Eine Demokratie ist kein Monument, das nach einem Entwurf errichtet wird. Sie ähnelt eher einem Labor unter öffentlicher Beobachtung. Ihre Würde liegt nicht im perfekten Plan, sie liegt in der Fähigkeit zur Korrektur.

Daran gemessen ist der Satz „Ohne Ziel ist alles Wurscht“ zu bequem. Er erklärt das Fehlen politischer Leistung aus dem Fehlen politischer Imagination. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil. Deutschland hat sich an große Worte gewöhnt, weil die mühselige Reform der Institutionen ausbleibt.

Ohne gute Gesetze, ohne Verwaltung, ohne Finanzierung, ohne Kontrolle, ohne Mut zur Korrektur ist nicht alles Wurscht. Dann ist alles Vision.

Der Zauberer am Rand des Abgrunds: Lübeck als Herkunft, Gericht und Geisterstadt #ThomasMann

Am 6. Juni 1875 wurde Thomas Mann in Lübeck geboren. Günter Rüther erinnerte an dieses Datum mit Heinrich Manns Wort vom Bruder als geistiger Macht gegen die Gewalt der Gegenwart. Das klingt zunächst wie eine Geburtstagsformel für den Festkalender der Kulturnation. Bei Thomas Mann aber ist jede Festformel gefährdet, weil sie sofort in ihre Gegenseite kippt. Wer ihn feiern will, gerät an einen Autor, der Feiern in Rituale der Selbstprüfung verwandelte. Wer von Größe spricht, stößt auf Müdigkeit. Wer vom Werk spricht, landet bei Krankheit, Familie, Abhängigkeit, Angst.

Lübeck war für ihn Herkunft und Bühne, Modell und Wunde. Die Stadt der Kaufleute, Senatoren, Kontore, Speisesäle und streng gefügten Lebensläufe blieb ihm eingeschrieben, auch nachdem er längst fort war. In den „Buddenbrooks“ wurde sie zum Weltmodell. Die Mengstraße, das Bürgerhaus, die Firma, die Familienchronik, der Verfall unter dem Anschein der Ordnung: Aus einer Hansestadt wurde eine Physiognomie des alten Europa. Man liest diese Prosa bis heute, weil sie keine Heimatmalerei betreibt. Sie zeigt Bürgerlichkeit als Theaterform, Disziplin als Kostüm, Kultur als letzten Luxus vor dem Ende.

Der junge Thomas Mann hatte Lübeck verlassen. Der Schriftsteller kehrte lebenslang dorthin zurück, in Sätzen, Masken, Namen, Gesten. Die Stadt wurde für ihn kein verlorenes Paradies. Sie wurde ein Instrument. Mit ihr konnte er Herkunft messen, Rang prüfen, Schuld verteilen, Verfall rhythmisch ordnen. Lübeck taucht darum nicht bloß als Ort auf. Lübeck ist bei ihm eine moralische Temperatur.

Der Bruderblick und die Gewalt der Gegenwart

Heinrich Manns Satz von der geistigen Macht gewinnt seinen eigentlichen Ernst erst aus dem Jahrhundert, das beide Brüder durchlebten. Thomas Mann war nicht von Anfang an der demokratische Redner des Exils. Er kam aus anderen Tonlagen, aus einer konservativen Ästhetik, aus Distanz zur Massenpolitik, aus dem Glauben an Kunst als Gegenreich. Gerade deshalb ist sein später Weg zur öffentlichen Rede gegen Hitler und zur Verteidigung der Demokratie keine bequeme Legende. Er musste sich selbst überwinden, ehe er dem Zeitalter antworten konnte.

Die Gewalt der Gegenwart war bei ihm kein abstrakter Gegner. Sie nahm ihm Deutschland, Publikum, Besitz, Sprache als selbstverständlichen Resonanzraum. Der Exilant Thomas Mann sprach aus Kalifornien in die deutsche Nacht hinein. Die Rundfunkreden wurden zu einer Form der Gegenwartskorrektur. Da saß einer weit entfernt und redete in ein Land, das ihn ausgebürgert, gelesen, verachtet, gebraucht hatte. Seine Sätze hatten keine Divisionen hinter sich. Sie hatten nur Rhythmus, Ironie, Bildung, Zorn, Skrupel. Vielleicht meinte Heinrich genau dies: eine Macht, die nicht befiehlt, die länger arbeitet als Befehle.

Doch Thomas Mann blieb auch in dieser Rolle ambivalent. Er war kein einfacher Heiliger der Demokratie. Er blieb der Autor, der Repräsentation liebte, Rang kannte, Form verlangte, Widerspruch schlecht ertrug. Gerade das macht ihn groß für die Literatur. Die reine Figur wäre langweilig. Thomas Mann interessiert, weil er sich nie ganz von dem löste, was er bekämpfte: Autorität, Inszenierung, Verführung.

Der späte Ruhm und die Angst vor dem Verstummen

Die letzten Jahre am Zürichsee zeigen einen Mann auf dem Gipfel seiner öffentlichen Geltung und am Rand innerer Erschöpfung. Nach außen war er Nobelpreisträger, Weltname, Gewissensfigur, der berühmteste deutsche Schriftsteller seiner Zeit. Innen arbeitete die Angst, er könne nicht mehr schreiben. Essen wurde ihm zur Last. Rauchen und Kaffee blieben als kleine, schädliche Behagen. Der Körper verweigerte dem Stilisten die Mitarbeit.

Diese Spannung gehört ins Zentrum jeder späten Thomas-Mann-Betrachtung. Der Ruhm schützte ihn nicht vor dem Abgrund. Er machte ihn sichtbarer. Der alte Autor war längst Denkmal, doch in den Tagebüchern, Erinnerungen und Stimmen der Familie erscheint er als Patient der eigenen Form. Er wusste, wie man einen Satz hält. Er wusste weniger gut, wie man den Körper hält, wenn Kraft, Appetit und Zukunft schwinden.

Die letzte Krankenhausszene

In den Erinnerungen aus dem Familienkreis erscheint der letzte Besuch im Zürcher Krankenhaus als Szene fast lautloser Nähe. Der Kranke liegt im Bett, hört genau zu, antwortet mit geschlossenen Augen. Das wirkt nicht wie Abwesenheit. Es ist der haushälterische Umgang mit letzter Energie. Sehen kostet. Sprechen kostet. Nähe kostet. Beim Abschied öffnet er noch einmal die Augen und nickt. Dann folgt die trügerische Entwarnung: Besserung, Aufstehen, Heimkehr. Am nächsten Morgen stehen die großen Schlagzeilen da: Thomas Mann ist tot.

Der König stirbt, die Familie atmet

Mit diesem Tod starb für die Familie kein Privatmann. Es starb ein Zentrum. Wer im Haus Mann lebte, lebte im Kraftfeld eines Zauberers. Sprache, Arbeit, Blick, Schweigen, Ironie, Bedürftigkeit, Glanz: alles zog an. Die Kinder, Enkel, Frauen, Sekretäre, Freunde kreisten um einen Autor, der die Welt in Form brachte und dabei auch seine Nächsten formte.

Darum konnte die Trauer eine dunkle Mischung enthalten: Schmerz, Erschütterung, Befreiung. „Der König ist tot“ — dieser Satz klingt grausam, trifft aber eine seelische Wirklichkeit. Ein großer Vater gibt Schutz und nimmt Raum. Er gewährt Namen und überschattet Lebensläufe. Sein Tod kann wie Verrat empfunden werden und zugleich wie Entlassung.

Das macht die Szene am Grab so schwer. Die Zurückbleibenden weinen nicht bloß um einen geliebten Menschen. Sie lösen sich von einer Ordnung, die sie hervorgebracht, gebunden, beschädigt und erhöht hatte. Der Zauber war für einen Moment aufgehoben. Später würde er weiterwirken, in Archiven, Büchern, Briefen, Deutungen, Häusern, Filmen, Stiftungen. Aber am Grab in Kilchberg gab es diesen Atemzug: Jetzt ist er fort. Jetzt beginnt ein Leben ohne seine unmittelbare Macht.

Erika Mann tritt aus dem Schatten

Unter den Figuren dieses Nachlebens steht Erika Mann besonders klar im Licht. Sie war Schauspielerin, Kabarettistin, politische Kämpferin, Exilantin, Rednerin, Regisseurin des väterlichen Ruhms. In der Erinnerung wird sie oft zur strengen Tochter am Schreibtisch des Vaters verkleinert. Doch bei den Filmprojekten trat eine andere Erika hervor. Da konnte sie eingreifen, verhandeln, zuspitzen, verbessern, retten. Da war sie nicht bloß Wächterin des Werks. Da arbeitete sie in der Welt.

Man spürt an den Erinnerungen der Beteiligten, wie sie bei solchen Produktionen auflebte. Kritik war für sie kein bloßes Nein. Kritik wurde Tätigkeit, Zugriff, Tempo. Sie konnte einem Regisseur Angst machen und ihn dann entwaffnen. Sie konnte dem Vater abends erklären, was ein Film leisten konnte und was nicht. Sie übersetzte Literatur in Machbarkeit, ohne den Vater zu verraten. Genau darin lag ihre Kunst: Sie wusste, wo Verehrung endet und Arbeit beginnt.

Doch auch Erika trug die Kosten dieses Hauses im Körper. Die Erzählungen von Abstürzen, Erschöpfung, nächtlicher Benommenheit gehören nicht in die Rubrik Klatsch. Sie zeigen, wie teuer die Disziplin war. Das Haus Mann war kein Museum aus Geist. Es war ein Ort von Fürsorge, Abhängigkeit, Überforderung, Medikamenten, Alkohol, Arbeit, Loyalität. Katia erkannte die Zeichen sofort. Die Familie hatte ihre eigenen Diagnosen, lange bevor die Öffentlichkeit von Größe sprach.

Die „Buddenbrooks“ als deutsch-deutsche Frage

Nach Thomas Manns Tod wurde sein Werk politisches Gelände. Besonders deutlich zeigte sich das an den „Buddenbrooks“. Der Wunsch, eine Verfilmung in deutsch-deutscher Koproduktion entstehen zu lassen, hatte etwas fast Utopisches: Lübeck, Thomas Mann, die Familie, der Verfall des Bürgertums, verhandelt von Ost und West gemeinsam. Literatur sollte über die Grenze greifen, die Politik bereits verfestigt hatte.

Die Bemühungen scheiterten. Mit der DEFA in Babelsberg ließen sich offenbar sachliche Absprachen treffen. Das kulturpolitische Ja aus Bonn blieb aus. Erika Mann erkannte die Temperatur sofort. Wer mit ostdeutschen Partnern fair verhandelte, konnte im Westen rasch unter Verdacht geraten. Eine Karteikarte beim Staatsschutz, halb Scherz, halb Warnung: So klang der Kalte Krieg im Nachlass Thomas Manns.

Auch bei seiner Beisetzung war diese deutsche Teilung anwesend. Delegationen kamen, Kränze wurden getragen, Staaten wollten Anteil an einem Toten. Die Erinnerung an den übergroßen DDR-Kranz, der nicht durch die Kirchentür passte, wirkt fast wie eine Szene aus einem späten Roman über Symbolpolitik. Die Bundesrepublik kam mit kleinerem Kranz hinein. Die DDR blieb mit ihrer Monumentalität draußen. Ein ganzes Zeitalter steht in diesem Bild: die Konkurrenz um Erbe, Größe, Legitimität.

Thomas Mann konnte sich nicht mehr wehren. Er wurde verteilt. Der Westen beanspruchte den bürgerlichen Klassiker, der Osten den antifaschistischen Humanisten. Beide wollten ihn haben, beide mussten ihn verkürzen. Seine eigentliche Unruhe passte zu keiner Staatsdeutung. Der Lübecker Kaufmannssohn, der konservative Ästhet, der Exilredner, der Demokrat, der Familienmonarch, der Kranke, der Ironiker: Er blieb zu viel für jedes Programm.

Die Macht, die nach dem Tod weiterarbeitet

Heinrich Manns Satz klingt nach diesem Gang durch die letzten Jahre weniger feierlich, dafür wahrer. Eine geistige Macht gegen die Gewalt der Gegenwart: Das ist kein Triumphwort. Es ist eine Prüfung. Gewalt der Gegenwart heißt bei Thomas Mann nicht allein Diktatur, Krieg, Exil. Sie heißt auch Ruhm, Familie, Alter, Krankheit, politische Vereinnahmung. Gegen all das steht das Werk, aber es steht nicht rein davor. Es ist davon durchzogen.

Darum bleibt Thomas Mann gegenwärtig. Nicht als Marmorbüste, nicht als Pflichtlektüre, nicht als Kalenderheiliger des Bildungsbürgertums. Er bleibt gegenwärtig, weil seine Literatur zeigt, wie Menschen sich in Formen retten und an Formen zugrunde gehen. Seine Sätze kennen den Glanz der Ordnung und den Moder darunter. Sie kennen das Bürgerhaus und den Abgrund. Sie kennen die Musik und die Müdigkeit. Sie kennen die Sehnsucht nach Disziplin und den Wunsch, endlich losgelassen zu werden.

Lübeck gab ihm die Urszene. Das Exil gab ihm die Weltbühne. Kilchberg gab ihm das letzte Zimmer. Danach begann das Nachleben: Familie, Filme, Akten, Feiern, Misstrauen, Kränze, Rechte, Deutungen. Der Zauberer war tot. Der Zauber blieb nicht gehorsam. Er wanderte weiter, durch die Korridore der Erinnerung, durch deutsche Archive, durch jede Generation, die wieder glaubt, Gegenwart sei mächtiger als Geist.

Thomas Mann widerspricht dieser Anmaßung bis heute. Nicht laut. Nicht einfach. Mit einer Sprache, die selbst dann noch Form sucht, wenn der Körper schon aufgibt.

Alexander Scheers „HEROES“ verwandelt die Kölner Philharmonie in einen Resonanzraum aus Bowie-Songs, Brecht-Spuren, Döblin-Rhythmus und Standing Ovations

Am Ende steht Köln. Wirklich. Kein höflicher Applaus, kein dankbares Abwinken, keine kultivierte Konzertsaalroutine. Die Kölner Philharmonie erhebt sich, jubelt, ruft, feiert. Standing Ovations für Alexander Scheer und seine Band, für einen Abend, der aus David Bowies Werk keine Reliquienschau macht, keine komfortable Reise durch große Refrains, kein Popmuseum mit Goldkante. „HEROES“ ist lauter, klüger, wilder. Ein literarischer Rockabend, in dem Bücher wie Verstärker wirken, Sätze in Songs kippen und Bowie wieder als der gefährlich bewegliche Künstler erscheint, der aus jeder Lektüre eine neue Maske, aus jeder Stadt einen Sound, aus jeder Figur eine Fluchtlinie gewinnen konnte.

Schon der Zugriff ist glänzend unverschämt. Bowie wird nicht über Frisuren, Kostüme, Poster und die bekannte Pop-Ikonographie betreten. Scheer öffnet die Bibliothek. Grundlage ist jene Liste von 100 Büchern, die Bowie selbst als prägend für Leben und Werk auswies. Auf die Frage nach der einsamen Insel, erzählt Scheer, habe Bowie geantwortet: seine Bücher. Er habe gelesen, gelesen, gelesen. Er sei mit einer mobilen Bibliothek gereist, ein Künstler zwischen Stadt, Hotelzimmer, Schiff, Bahn, Bühne, Schlaflosigkeit und Lektüre. Wer Bowie so hört, hört ihn anders. Seine Songs erscheinen nicht als fertige Klassiker. Sie werden zu Klangräumen, in denen Homer, Dante, Anthony Burgess, James Baldwin, Christopher Isherwood, Alfred Döblin, Christa Wolf, Soul-Geschichte, Funk, Comics, Brecht und Berlin weiterarbeiten.

Dann geht es los, und zwar nicht im Ton des Seminars. „Rebel Rebel“ trifft auf Anthony Burgess. „A Clockwork Orange“ schneidet in den Abend wie ein Messer mit Neonrand. Burgess’ brutale Zukunftssprache, die Gewalt, der Slang, die kaputte Lust am Exzess: Scheer liest das mit jenem körperlichen Zugriff, der ihn als Schauspieler und Sänger so gefährlich macht. Er referiert nicht über Bowie. Er wirft sich hinein. Die Band zieht an, die Philharmonie verliert die Distanz. Aus Literatur wird kein Vorprogramm für Musik. Literatur wird Zündstoff.

Keine Gedenkfeier, ein Angriff mit Gitarren

Viele Bowie-Abende scheitern an Ehrfurcht. Sie stellen die Ikone in die Mitte und tanzen im Sicherheitsabstand um sie herum. Scheer macht das Gegenteil. Er geht nah heran, manchmal zu nah, also genau richtig. Er lässt Bowie nicht als marmorne Figur im Popgedächtnis stehen. Er jagt ihn durch Burgess, Baldwin, Isherwood, Döblin, Brecht, Christa Wolf und die Berliner Jahre. Er singt nicht aus der Pose des Bewahrers. Er singt wie jemand, der diese Songs noch einmal in Gefahr bringen will.

Die Band ist dabei der entscheidende Motor. Sie spielt Bowie nicht glatt, nicht museal, nicht im Komfort einer Tribute-Routine. Sie lässt die Songs atmen, dröhnen, schmutzen, glänzen. Der Abend hat Druck. Man hört Glam, Soul, Theater, Kabarett, Berlin, elektrischen Staub, auch diese eigentümliche Kälte der späten Siebziger, als Bowie aus dem amerikanischen Rausch heraus in eine Stadt ging, die aus Mauern, Leerräumen und Beobachtung bestand. Die Musiker wissen, dass Bowie immer dann am größten war, als er unbequem wurde, schwer zu greifen, nervös, riskant. Genau diesen Zustand holen sie zurück.

Scheer besitzt für dieses Programm die richtige Mischung aus Größenwahn und Genauigkeit. Er kann überdrehen, ohne peinlich zu werden. Er kann singen, als müsse er sich gegen eine ganze Popgeschichte durchsetzen. Er kann erzählen, als sei jede Anekdote gerade eben hinter der Bühne gefunden worden. Er kann Literatur mit Rock verbinden, ohne dass daraus ein Deutschleistungskurs mit Verstärker wird.

Vor allem begeht er nicht den Kardinalfehler vieler Bowie-Interpreten: Er versucht nicht, Bowie sauber nachzubilden. Er nähert sich ihm über Energie. Über Sprünge. Über Lesefieber. Über eine Stimme, die manchmal kratzt, manchmal schillert, manchmal ins Schauspielerische kippt und dann wieder direkt in den Song fährt. Das passt zu Bowie, diesem großen Bastler seiner selbst, der jede Identität als vorläufige Bühne behandelte.

James Baldwin bringt Feuer in die Glamour-Maschine

Ein harter Schnitt führt zu James Baldwin. Aus „The Fire Next Time“ wird ein Text gelesen, der den Abend aus jeder reinen Pop-Seligkeit herausreißt. Baldwin schreibt über Herkunft, Gewalt, Rassismus, falsche Versprechen, über das Gefängnis der Geschichte. Neben Bowie bekommt das Gewicht. „Young Americans“, Soul, Funk, Philadelphia, Luther Vandross, schwarze Musikgeschichte: Plötzlich hört man nicht mehr allein den Verwandlungskünstler, man hört auch den Aneigner, Bewunderer, Grenzgänger, Getriebenen.

Scheer macht daraus keine moralische Abrechnung und keine Entlastung. Er hält die Spannung aus. Bowie war kein Heiliger, und dieser Abend braucht keinen Heiligenschein. Gerade dadurch gewinnt er an Kraft. Pop entsteht hier aus Berührung, Übernahme, Risiko, Irrtum, Eleganz, Instinkt. Baldwin gibt dem Abend eine politische Schärfe, die nie plakatiert wirkt. Die Musik verliert nichts von ihrer Verführung. Sie bekommt einen dunkleren Resonanzboden.

Die große Kunst des Abends liegt darin, dass er diesen Übergängen vertraut. Ein Song folgt keinem Text wie eine Illustration. Ein Text erklärt keinen Song wie ein Programmheft. Beides stößt aneinander. Manchmal knallt es. Manchmal gleitet es ineinander. Manchmal entsteht für Sekunden jene eigenartige Bowie-Chemie, in der Lesestoff, Körper, Sound und Pose eine neue Figur hervorbringen.

Berlin ist kein Mythos, Berlin ist ein Geräusch

Dann Berlin. Natürlich Berlin. Bowie, Iggy Pop, Hauptstraße, Hansa, Mauer, Fahrrad, Kneipen, Theater, Ost und West, die ganze große Schwarzweiß-Legende. Doch „HEROES“ macht daraus keine Retro-Tapete. Scheer führt Berlin über Bücher ein: Christopher Isherwood, Alfred Döblin, Brecht, Christa Wolf. Diese Stadt wird nicht dekoriert, sie wird gelesen.

Da ist Isherwoods Nachtleben, dieses Taumeln zwischen Verführung und Absturz. Da ist Döblins Alexanderplatz mit Kälte, Dampf, Rammen, Gedränge, sozialem Lärm. Da ist Christa Wolfs Frage nach dem gelebten Augenblick. Da ist Brecht, den Bowie im Berliner Ensemble suchte. Berlin erscheint als literarischer Aggregatzustand. Es ist Asphalt, Bühne, Abhörraum, Studio, Transit, Fluchtpunkt.

Döblin passt zu Bowie, weil seine Sprache selbst Musik ist. Sie hämmert, montiert, schiebt, stößt, bremst, rast weiter. „Berlin Alexanderplatz“ klingt wie eine frühe Großstadtplatte. Neben Bowies Berlin-Songs wird klar: Diese Stadt war für Bowie kein Requisit. Sie war ein Aufnahmegerät. Sie zeichnete Schritte, Angst, Weite, Mauerhall und innere Flucht auf.

Brecht, Bowie und die verschwundene Loge

Berlin kommt an diesem Abend auch über eine Szene, die man nicht mehr vergisst: Bowie als Zuschauer im Berliner Ensemble. 1976 und 1977, so erzählt Scheer, sei Bowie in Ost-Berlin gewesen, um Brecht-Stücke zu sehen. Im Ganymed, gegenüber und um die Ecke vom Theater, habe er gesessen, an jenem Tisch, an dem später die Techniker aus dem Berliner Ensemble und vom Deutschen Theater nach Dienstschluss weitertranken, redeten, spotteten, lästerten. Über ihnen, im Stuck, sollen Mikrofone der Staatssicherheit gesteckt haben. Aus der Anekdote wird ein kleines Theater im Theater: Bowie in Ost-Berlin, Brecht auf der Bühne, die DDR im Abhörmodus, Popgeschichte unter barocken Decken.

Scheer erzählt das mit jenem Tempo, das den Abend trägt: Recherche, Halbwitz, Spionagefilm, Kneipenerinnerung, Rockarchäologie. Gab es eine Stasi-Akte über Bowie? Er sei im Archiv gewesen, sagt er, habe gesucht, gefragt, gegraben. Dann das Foto: Bowie in einer Loge des Berliner Ensembles, 1977, schwarzweiß, lange gesehen, später verschwunden in Kartons, als das Archiv umgeräumt wurde. Gefunden hat Scheer es nicht. Gefunden hat er eine andere Spur: Reinhard Kleists Comic über Bowies Berliner Jahre, in dem genau diese Loge wieder auftaucht, links und rechts das irritierte BE-Abo-Publikum, in der Mitte der fremde Star, der Brecht sehen will.

Das ist eine der schönsten Verschiebungen des Abends. Bowie wird nicht als Popstar vor die Mauer gestellt, er wird in einen Theaterraum gesetzt. Er schaut Brecht. Er schaut Ost-Berlin. Er schaut eine Kunst, die aus Verfremdung, Lied, Szene, politischem Blick und kalter Beleuchtung besteht. Wer danach „Heroes“ hört, hört auch dieses Theater mit. Man versteht besser, weshalb Bowie in Berlin nicht bloß einen Ort fand, an dem er anonymer leben konnte. Er fand eine Stadt der Bühnen, Masken, Überwachungen, Grenzgänge und Rollenwechsel.

Brecht war für Bowie keine Bildungstrophäe. Der Einfluss reichte tiefer: Song als Szene, Figur als Versuchsanordnung, Maske als Erkenntnisinstrument. In Scheers Abend wird daraus keine akademische These. Es wird eine Bühnenenergie. Man sieht Bowie in der Loge, man sieht das irritierte Publikum, man ahnt den Stuck mit den Mikrofonen, man hört die Band. Plötzlich ist Berlin wieder da: halb real, halb erfunden, halb überwacht, halb befreit.

Christa Wolf im Bowie-Verstärker

Der überraschend intime Teil des Abends gehört Christa Wolf. „Nachdenken über Christa T.“ steht auf Bowies Liste, und Scheer macht daraus keine Bildungsgeste. Er erzählt, dass er genau dieses Buch im Regal seiner Mutter fand, mit ihrem Namen und der Datierung Juni 1976. Scheer wurde am 1. Juni 1976 geboren. Auf einmal berührt Bowies Kanon ein deutsches Wohnzimmer, eine Mutter, eine Geburt, eine persönliche Vorgeschichte. Der Weltstar landet nicht kleiner, er landet näher.

Die Frage aus Christa Wolfs Text, ob man jetzt, in diesem Augenblick, ganz und gar lebe, trifft diesen Abend direkt ins Herz. Denn genau darum geht es auf dieser Bühne: um Gegenwart. Nicht um Bowie als Archiv, nicht um Berlin als Souvenir, nicht um große Platten als Reliquien. Scheer und seine Band holen das Material in die Gegenwart zurück. Sie lesen, spielen, reißen, lachen, schwitzen, singen. Und der Saal reagiert. Man spürt, wie die Philharmonie allmählich aus ihrer Bestuhlung herauswächst.

Gerade diese Christa-Wolf-Passage schützt den Abend vor der reinen Rockpose. Scheer lässt einen persönlichen Faden aufblitzen, ohne ins Private zu kippen. Ein Buch aus Bowies Liste liegt plötzlich nicht fern in einem kanonischen Kosmos, es liegt in einem Familienregal. Die große Pop-Erzählung wird durchlässig. Man kann Bowie hören, ohne sich vor ihm zu verbeugen. Man kann ihn lesen, ohne ihn zu mumifizieren.

„Ashes to Ashes“ und der Osten im Bild

Der Abend liebt auch die komische Übersteuerung. Scheer zeigt Bowie und Iggy Pop in Ost-Berlin, beschreibt Wasserbecher, schlechte Zigaretten, alte Juwel, graue Nachmittage, den Osten als Bild und Geruch. Das ist lustig, fast slapstickhaft, und kippt doch nie ins Billige. Denn hinter dem Witz liegt ein präziser Blick auf die Absurdität der historischen Kulisse. Bowie und Iggy, zwei Gespenster des Westens, sitzen plötzlich in einer DDR-Szene, die aussieht, als habe jemand die Farben aus der Welt gedreht.

Dann fährt „Ashes to Ashes“ hinein, und die Komik bekommt Tiefe. Major Tom ist nicht mehr der glitzernde Raumfahrer. Er ist Rückkehrer, Junkie, Phantom, ein Rest aus alten Mythen. Scheer singt diese Bowie-Wiedergänger nicht brav. Er lässt sie taumeln. Hier zeigt sich erneut, wie gut das Konzept des Abends funktioniert: Die Bücher und Anekdoten sind keine Zwischenstücke. Sie laden die Songs neu auf.

Dante, Mars und der große Umweg zu „Heroes“

Auch Dante gehört in diesen Kosmos. Der dunkle Wald aus der „Commedia“ erscheint bei Scheer nicht als sakrale Hochkultur. Er wird zu einem Bild für Absturz, Orientierungslosigkeit, Neuaufbruch. Bowie passt genau dorthin. Kaum ein Popkünstler hat den Irrweg produktiver gemacht. Kaum einer hat sich so oft verirrt, um daraus ein neues Album, eine neue Figur, eine neue Stimme zu gewinnen.

Danach kann der Abend sogar Fran Lebowitz und den Mars verkraften, kann Witze reißen, kann wieder hochdrehen, kann den Rock’n’Roll-Kompressor anwerfen. Diese Beweglichkeit ist seine große Qualität. Er behandelt Bowie nicht als lineare Biographie, eher als Netzwerk aus Stimmen, Lektüren, Städten, Körpern und falschen Fährten. Man folgt nicht einem Lebenslauf. Man folgt einer Schaltung.

Der Umweg zu „Heroes“ führt dann über Alberto Denti di Pirajno und „A Grave for a Dolphin“. Diese Geschichte vom Mädchen, dem Meer, dem Delfin, der Liebe und dem Tod könnte leicht ins Kitschige kippen. Scheer riskiert sie trotzdem. Er liest sie aus, gibt ihr Glanz, fast zu viel Glanz, und gerade daraus entsteht der Sog. Denn plötzlich bekommt die berühmte zweite Strophe von „Heroes“ eine andere Herkunft. Das Lied steht nicht allein an der Berliner Mauer. Es kommt auch aus einer maritimen Liebesphantasie, aus einem Buch, aus Phosphoreszenz, Körperlicht, Tod und Verwandlung.

Der Saal hebt ab

Dann „Heroes“. Natürlich wartet der Abend darauf. Natürlich weiß jeder, dass es kommen muss. Doch der Song hat sich durch die vorangegangenen Texte verändert. Er ist nicht mehr bloß das Denkmal an der Mauer, nicht mehr Karaoke der großen Gefühle, kein Pflichtmoment für Bowie-Verehrer. Er trägt nun Burgess, Baldwin, Brecht, Döblin, Christa Wolf, Dante, Berlin, Ost-West-Komik, Delfin-Mythos und Banddruck in sich.

Genau deshalb funktioniert dieser Schluss. Scheer und seine Band spielen „Heroes“ nicht wie ein Heiligtum. Sie spielen es als Gegenwart. Als einen Augenblick, in dem sich alles bündelt: Lesen, Lieben, Fliehen, Scheitern, Wiederauftauchen. Der Refrain ist groß, weil er nicht glatt ist. Er verspricht keine Rettung für immer. Er verspricht einen Tag. Einen Moment. Einen elektrischen Zeitraum, der reicht, um aufzustehen.

Dass die Kölner Philharmonie jubelt und sich erhebt, ist deshalb keine Zugabe-Geste aus Gewohnheit. Der Abend hat sich diese Reaktion erspielt. Er beginnt mit Büchern und endet als kollektive Entladung. Zwischen Burgess und „Rebel Rebel“, Baldwin und Soul, Döblin und Berlin-Krach, Christa Wolf und Bowies gelebter Verwandlung entsteht ein Sog, der weit über die übliche Pop-Erinnerung hinausreicht.

Bowies Bibliothek bleibt geöffnet

Als der Jubel losbricht und die Kölner Philharmonie aufsteht, wirkt es nicht wie der übliche Dank für einen gelungenen Abend. Es ist die Reaktion auf eine Verwandlung. Scheer und seine Band haben Bowie nicht zurückgeholt, als könne man einen Toten mit ein paar großen Refrains beschwören. Sie haben gezeigt, wie seine Kunst arbeitete: lesen, hören, aufnehmen, verwerfen, verwandeln, weiterspielen.

Die Philharmonie wurde dabei nicht zum stillen Lesesaal. Sie wurde zu einem Resonanzraum, in dem Bücher und Songs einander hochtrieben. Burgess gab „Rebel Rebel“ die grelle Kante. Baldwin legte Glut unter die amerikanische Seele. Döblin brachte den Berliner Asphalt zum Dröhnen. Christa Wolf öffnete eine intime Kammer. Brecht stellte Bowie in die Loge und Ost-Berlin ins Halbdunkel der Beobachtung. Und dann kam „Heroes“, nicht als Museumshymne, nicht als Pflichtstück, vielmehr als der Augenblick, in dem all diese Spuren zusammenliefen.

Bowie stand an diesem Abend nicht als Denkmal im Raum. Er saß zwischen den Regalen, in der Loge des Berliner Ensembles, am Tisch im Ganymed, im Studio an der Mauer, in den Sätzen seiner Lieblingsbücher. Alexander Scheer stand im Strom dieser Überlieferung und ließ ihn durch die Band fahren. Köln erhob sich, weil aus Popgeschichte wieder Gegenwart geworden war.

Die nächsten Termine:

09.06.2026

Berlin

Berliner Ensemble Tickets

30.06.2026

Dresden

Konzertsaal im Kulturpalast Dresden Tickets

05.11.2026

Bochum

Schauspielhaus Bochum Tickets

06.11.2026

Bochum

Schauspielhaus Bochum Tickets

Von Bochum in die Betriebe: Christine Skropke von Secunet rückt Cybersicherheit aus der Spitzenforschung in die Berufsschulen, Werkhallen und Personalabteilungen

Cybersicherheit wird in Deutschland gern als Sache der Spezialisten behandelt. Ministerien, Bundeswehr, Nachrichtendienste, große Rechenzentren, Sicherheitsbehörden, Hochschulen, Forschungslabore. Dort vermutet man die Abwehrkräfte des digitalen Staates. Christine Skropke von Secunet, die auch im Vorstand von AFCEA Bonn engagiert ist, verschiebt diese Vorstellung. In ihrem Gespräch auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn spricht sie über Resilienz, europäische Koordination, sichere Kommunikation und das Sicherheitsökosystem 2030. Der politisch interessanteste Teil liegt beim Personal.

Ihre Botschaft lautet: Cybersicherheit muss in die Breite. In Unternehmen, Verwaltungen, Kommunen, Kliniken, Schulen, mittelständischen Betrieben und Rechenzentren. Dort wird jeden Tag entschieden, ob Systeme geschützt bleiben. Beim Einspielen eines Updates. Beim Erkennen verdächtiger Zugriffe. Beim Absichern eines Netzwerks. Beim Verstehen von Verschlüsselung. Beim Umgang mit Datenräumen. Beim ordentlichen Betrieb eines Servers. Das klingt kleiner als Cyberkrieg. Es ist sein täglicher Unterbau. Wer Netze im Normalbetrieb nicht beherrscht, wird sie in der Krise nicht retten.

Bochum zeigt, was akademische Exzellenz leisten kann

Skropke verweist auf die Ruhr-Universität Bochum als einen der herausragenden deutschen Orte für Cybersicherheit. Das ist kein bloßes Standortlob. Bochum verfügt mit dem Exzellenzcluster CASA und dem Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit über eine gewachsene Forschungslandschaft, die internationale Sichtbarkeit besitzt. CASA steht für „Securing the Digital Society“ und arbeitet an der Absicherung digitaler Gesellschaften unter realistischen Angriffsszenarien. Das Horst-Görtz-Institut gehört zu den großen und traditionsreichen Einrichtungen für IT-Sicherheit in Europa.

Interessant ist, wie konkret die Bochumer Ausbildung angelegt ist. In den Studienangeboten zur IT-Sicherheit geht es nicht um abstrakte Digitalisierung, vielmehr um Schwachstellen in Computernetzen, Handys, Autos und anderen vernetzten Systemen. Studierende beschäftigen sich mit Angriffsmethoden, Schutz gegen Hackerangriffe, kryptographischen Verfahren, Verschlüsselung, Implementierung und der Schnittstelle zwischen Mensch und IT-Sicherheit. In den Masterprogrammen kommen Berufsbilder hinzu, die unmittelbar in die Sicherheitswirtschaft, kritische Infrastruktur und öffentliche Verwaltung führen: Security Engineer, Penetration Tester, Incident Response Specialist, IT-Forensiker, Sicherheitsberater, Datenschutzverantwortliche.

Bochum zeigt damit die Spitze der Ausbildungspyramide. Dort entstehen Fachleute für Kryptographie, Systemanalyse, Forensik, Netzwerksicherheit und Forschung. Doch Skropkes eigentlicher Hinweis beginnt unterhalb der Universität. Spitzenforschung schützt keine kommunalen Netze, falls vor Ort niemand weiß, wie man Systeme härtet, Angriffe erkennt, Sicherheitsupdates prüft oder einen Notbetrieb stabil hält.

Die Berufsschule wird zum Sicherheitsort

Die Konsequenz aus Skropkes Diagnose führt in die berufliche Ausbildung. Cybersicherheit darf nicht erst im Masterseminar beginnen. Sie muss im Ausbildungsbetrieb, in der Berufsschule und in der Abschlussprüfung auftauchen. Der Ausbildungsberuf Fachinformatiker bietet dafür bereits einen Ansatz. Seit der Neuordnung der IT-Berufe gibt es neben Anwendungsentwicklung und Systemintegration auch die Fachrichtungen Daten- und Prozessanalyse sowie Digitale Vernetzung. Gerade die Digitale Vernetzung enthält Sicherheitsbezüge: vernetzte Systeme planen, errichten, betreiben, sichern, Ausfälle vermeiden, Daten gegen unerlaubte Zugriffe schützen.

Das ist die Eintrittsstelle für Skropkes Forderung. Cybersicherheit ist in der Ausbildung angelegt, aber noch kein eigenständiger beruflicher Schwerpunkt mit der nötigen Wucht. Datenschutz und Datensicherheit stehen bereits in den Ordnungen. Auch Schutz gegen unerlaubte Zugriffe gehört zum Profil. Doch die neue Lage verlangt mehr Praxis, mehr Verbindlichkeit, mehr Prüfung und mehr sichtbare Spezialisierung.

Skropke spricht deshalb von einem Ausbau des Fachinformatikers in Richtung Cybersicherheit. Langfristig denkt sie an einen eigenen Ausbildungsberuf. Das ist ein Signal an Industrie- und Handelskammern, Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe, das Bundesinstitut für Berufsbildung, die Kultusministerkonferenz und die zuständigen Ministerien. Wer Cybersicherheit in die Fläche bringen will, muss Ausbildungsordnungen, Rahmenlehrpläne, Prüfungsanforderungen und betriebliche Ausbildungspläne anpassen.

Der Fachinformatiker als Schutzberuf

Der Fachinformatiker galt lange als IT-Beruf für Systeme, Software, Daten, Prozesse und Netzwerke. In der neuen Sicherheitslage wird er zum Schutzberuf. Nicht jeder Absolvent muss Kryptograph werden. Nicht jeder muss Angriffe forensisch auswerten. Doch jeder sollte Grundfragen der Cybersicherheit im beruflichen Reflex haben: Wie werden Zugänge abgesichert? Wie erkennt man verdächtige Aktivitäten? Wie werden Updates geprüft und eingespielt? Wie trennt man Netze? Wie schützt man Daten? Wie reagiert man bei einem Vorfall? Wie dokumentiert man technische Änderungen? Wie hält man ein System arbeitsfähig, falls Teile ausfallen?

Diese Fragen gehören in Projektarbeiten, Prüfungen, betriebliche Lernaufgaben und Berufsschulunterricht. Eine Abschlussprüfung, in der Cybersicherheit verlässlich vorkommt, wäre ein klares Signal. Noch wirksamer wäre eine Fachrichtung oder Zusatzqualifikation, die Unternehmen erkennen lässt: Diese Person kann digitale Systeme nicht bloß betreiben. Sie kann sie schützen.

Die Kammern haben hier eine zentrale Rolle. Sie begleiten Ausbildungsbetriebe, organisieren Prüfungen, wirken an der Ordnung der Berufe mit. Doch Verantwortung liegt auch bei den Betrieben. Ohne Ausbilder, die Sicherheitsinhalte praktisch vermitteln, bleibt jede Reform schwach. Ohne Berufsschulen mit aktueller Ausstattung bleibt jeder Rahmenlehrplan blass. Ohne reale Übungsumgebungen bleibt Cybersicherheit Theorie.

Personalmanagement entdeckt die Cyberreserve

Damit rückt das Thema in die Personalabteilungen. Unternehmen müssen wissen, wer ihre Netze wirklich versteht. Wer kann eine Störung eingrenzen? Wer kennt die kritischen Systeme? Wer weiß, welche Updates eingespielt wurden? Wer kann im Notbetrieb arbeiten? Wer spricht mit Dienstleistern, Behörden und Management? Wer entscheidet, falls ein Angriff läuft?

Personalmanagement darf IT-Sicherheit nicht als reine Technikfrage behandeln. Es muss kritische Rollen erkennen, Nachwuchspfade aufbauen, Weiterbildungen planen, Ausbilder qualifizieren und Schlüsselpersonen binden. Für große Konzerne heißt das: Sicherheitsarchitektur und Personalstrategie gehören zusammen. Für den Mittelstand heißt es: Ein gut ausgebildeter Fachinformatiker mit Sicherheitsprofil kann wichtiger sein als das nächste Hochglanzprodukt aus dem Beratungsmarkt.

Skropkes Gedanke passt damit in die größere Debatte über Gesamtverteidigung. Die Personalfrage wird nicht allein durch Reservisten, Wehrdienst und Arbeitszeit gestellt. Sie stellt sich auch durch digitale Abhängigkeit. Ein Krankenhaus braucht Menschen, die Netze sichern. Ein Energieversorger braucht Menschen, die Systeme verstehen. Eine Kommune braucht Menschen, die Angriffssignale ernst nehmen. Ein Maschinenbauer braucht Menschen, die Produktionssysteme schützen. Ein Logistiker braucht Menschen, die Datenflüsse stabil halten.

Von der Universität zum Berufskolleg

Bochum liefert den akademischen Beweis, dass Deutschland Cybersicherheit auf höchstem Niveau kann. CASA, Horst-Görtz-Institut, Studiengänge zur IT-Sicherheit, Kryptographie, Netzwerksicherheit, Mensch-Technik-Fragen, Systemanalyse: Das ist eine beachtliche Grundlage. Doch die Sicherheitsarchitektur der Republik endet nicht im Forschungsverbund. Sie muss bis ins Berufskolleg, in den Ausbildungsbetrieb und in die kleine IT-Abteilung eines Landkreises reichen.

Von Bochum in die Betriebe: Diese Formel beschreibt den notwendigen Transfer. Forschung muss in Produkte, Gründungen, Standards, Lehre, Ausbildung und tägliche Praxis wandern. Skropke weist darauf hin, dass Deutschland Talente besser halten und zurückholen muss. Viele gut ausgebildete Cyberexperten gehen in internationale Märkte, weil dort Kunden, Kapital und Karrierewege schneller verfügbar sind. Startups brauchen deshalb nicht nur Finanzierung. Sie brauchen frühe Kunden. Der Staat, kritische Infrastruktur und große Unternehmen können Ankerkunden sein.

Auch das ist Personalpolitik. Talente bleiben dort, wo sie Wirkung sehen. Wer Cybersicherheit als Berufsfeld stärken will, muss attraktive Aufgaben, verlässliche Ausbildungswege, öffentliche Nachfrage und sichtbare Karrierepfade schaffen.

Sicherheit in der Fläche entscheidet über Resilienz

Skropke spricht über Resilienz bis in die Bevölkerung hinein. Dabei geht es um Warnübungen, Zivilschutz, Desinformation, Schulen, Volkshochschulen, Seniorenbildung und regionale Initiativen. Doch im Cyberraum bekommt dieser Gedanke eine besondere Schärfe. Jede Kommune, jede Schule, jedes Krankenhaus, jeder Mittelständler, jeder Energieversorger ist Teil der digitalen Sicherheitslage. Ein Angriff trifft nicht nur Server. Er trifft Termine, Zahlungen, Lieferungen, Patientenakten, Produktionsabläufe, Verwaltungsverfahren, Mobilität und Vertrauen.

Deshalb reicht ein kleiner Kreis akademischer Spezialisten nicht aus. Deutschland braucht Menschen mit beruflicher Praxis, die Cybersicherheit in die Fläche tragen. Sie sitzen in Stadtwerken, Landratsämtern, Maschinenbaubetrieben, Kliniken, Schulen, Rechenzentren, Softwarehäusern, Logistikunternehmen und bei Dienstleistern. Sie sind die erste Linie im digitalen Alltag.

Europa braucht gemeinsame Sprache

Skropke lenkt den Blick zudem nach Europa. Deutschland liegt geografisch im Herzen des Kontinents und wäre im Krisenfall Drehscheibe. Kommunikation muss über Grenzen hinweg funktionieren. Nationale Regelungen und unterschiedliche technische Standards dürfen in der Krise nicht zum Hindernis werden. Skropke spricht deshalb über Interoperabilität, also die Fähigkeit verschiedener Systeme und Organisationen, miteinander zu arbeiten.

Im Cyberraum betrifft das die Zusammenarbeit von nationalen Behörden und europäischen Stellen. Die Europäische Agentur für Cybersicherheit, die ENISA, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und weitere nationale Behörden müssen Lagebilder teilen, Daten bündeln und Vertrauen aufbauen. Skropke spricht sich eher für einheitliche europäische Regeln aus als für Richtlinien, die in jedem Land anders umgesetzt werden.

Auch das hat eine Personaldimension. Interoperabilität entsteht nicht nur durch Technik. Menschen müssen gemeinsame Begriffe, Verfahren und Kommunikationswege kennen. Wer europäisch zusammenarbeiten soll, braucht Ausbildung, Sprachen, Vertrauen und Übung.

Ein Ausbildungsberuf als Signal

Ein eigener Ausbildungsberuf für Cybersicherheit wäre mehr als eine neue Zeile im Verzeichnis der Berufe. Er wäre ein Signal, dass Deutschland die digitale Verteidigung der offenen Gesellschaft in die berufliche Normalität holt. Nach mehr als drei Jahrzehnten Cybersicherheitsbranche wäre das keine voreilige Forderung. Es wäre eine Anpassung an die Lage.

Der Weg dorthin muss sorgfältig sein. Neue Berufe brauchen klare Tätigkeitsprofile, Nachfrage in Betrieben, Ausbildungsfähigkeit, Prüfungsordnungen, Berufsschulkapazität und Anschluss an Weiterbildung. Vielleicht führt der erste Schritt über eine vertiefte Fachrichtung im Fachinformatiker. Vielleicht über bundesweit anerkannte Zusatzqualifikationen. Vielleicht über ein Stufenmodell aus Grundausbildung, Spezialisierung und Fortbildung.

Entscheidend ist, dass Cybersicherheit nicht in Zertifikatswelten zerfasert. Die berufliche Bildung braucht anerkannte, belastbare Wege.

Das Sicherheitsökosystem beginnt im Stundenplan

Christine Skropkes Beitrag zur AFCEA-Debatte zeigt eine neue Spur. Sicherheit entsteht nicht allein durch Programme, Plattformen und Behördenreformen. Sie entsteht auch im Stundenplan der Berufsschule, in der Ausbildungsordnung, im Prüfungsausschuss, im Betrieb, im Rechenzentrum, im kommunalen IT-Amt und im Personalgespräch.

Ein Staat ist digital nur so widerstandsfähig wie die Menschen, die seine Netze betreiben. Die akademische Spitze in Bochum ist ein Kapital. Die berufliche Breite entscheidet darüber, ob dieses Kapital im Alltag wirkt.

Wer das Sicherheitsökosystem 2030 ernst nimmt, muss daher auch fragen, was in der Ausbildung zum Fachinformatiker geprüft wird. Genau dort beginnt die alltägliche Cyberabwehr der Republik.

Der gelbe Faden zwischen Schelling, Moskau und Berlin: Harald Korten, Arsenij Gulyga und die verdrängte Zukunft eines philosophischen Gesprächs

Zwischen den Seiten der „Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie“ liegt ein gelber Beileger. Er kündigt den 16. Deutschen Kongress für Philosophie an, Berlin, 20. bis 24. September 1993. Das Rahmenthema lautet „Realität und Interpretation“. Für sich genommen klingt das nach Kongressbetrieb, nach Sektionen, Kolloquien, Vorträgen, akademischer Selbstverständigung. Im Rückblick erhält dieses Blatt ein anderes Gewicht. Es gehört in die frühen neunziger Jahre, in jene Phase nach dem Ende der Sowjetunion, in der Deutschland, Russland und Europa ihre geistigen Beziehungen neu zu ordnen begannen.

Unter den angekündigten Vorträgen findet sich Arsenij Gulyga mit dem Thema „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Dieser Titel wirkt heute wie eine Nachricht aus einer anderen Zeit. Damals konnte man die russische Idee noch als Gegenstand eines philosophischen Gesprächs auffassen, als Thema der europäischen Geistesgeschichte, als Frage nach Traditionslinien zwischen deutscher Klassik und russischem Denken. Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist jeder solche Begriff belastet. Gerade deshalb lohnt der Blick auf den damaligen Zusammenhang. Er zeigt keine heile Welt. Er zeigt einen Faden, der später riss und der auf kultureller Ebene neu geprüft werden muss.

Kortens genaue Lektüre

Der innere Kern dieses Fundes ist Harald Kortens Beitrag „Neue Schellingiana: Quellen, Dokumente und Interpretationen“. Korten sichtete 1992 neue Literatur zu Schelling: Quellen, Editionen, Dokumente, Interpretationen. Am Anfang steht Guligas „Schelling. Leben und Werk“, aus dem Russischen übertragen von Elke Kirsten, erschienen 1989 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.

Korten eröffnet seine Besprechung mit einem Satz Schellings aus dem März 1854: „Hen kai pan, ich weiß nichts anderes, sagte seinerzeit Leßing. Ich weiß auch nichts anderes.“ Diese briefliche Äußerung Schellings an seinen Sohn und späteren Herausgeber K. F. A. Schelling gehört neben weiteren Briefen an Söderholm und Turgenev zu den bisher unveröffentlichten Quellen, die Guliga in seiner deutsch vorliegenden Biographie „Schelling. Leben und Werk“ zugänglich gemacht hat. Damit ist Kortens Ausgangspunkt präzise gesetzt. Das Buch bringt Material in die Schelling-Forschung ein, es richtet sich zugleich an ein breiteres Publikum und muss sich an der schwierigen Aufgabe messen lassen, Schellings Werkweg darzustellen.

Korten referiert den Aufbau des Buches mit Genauigkeit. In acht Abschnitten folgt Guliga den verschiedenen Epochen und Themenschwerpunkten von Schellings Philosophieren: Jugend und Studienzeit, erste philosophische Werke, „Philosophie der Natur“, „Transzendentalphilosophie“, „Identitätsphilosophie“ und „Philosophie der Kunst“. Die Phase nach 1809 wird unter Überschriften wie „Die Freiheit und das Böse“, „Mythos als Seinsform“ und „Götterdämmerung“ behandelt.

Anerkennung und Kritik bleiben bei Korten in Balance. Er würdigt das erzählerische Geschick, mit dem Guliga Werkdarstellung, einzelne Theoreme, biographische Details und geistesgeschichtliche Zusammenhänge verbindet. Zu den geschlossensten Partien zählt für ihn der knappe Abriss zu den Grundzügen des „Systems des transzendentalen Idealismus“. Die Ausführungen zur Naturphilosophie vermitteln nach seiner Einschätzung eine erste Vorstellung, verbleiben aber oft im Grundsätzlichen. Breiten Raum nehmen Poetik und Ästhetik ein. Das Spätwerk erscheint Korten selektiv und eher an der Oberfläche dargestellt. Einen systematischen Gesamtüberblick versucht Guliga aus seiner Sicht nicht zu geben.

Auch die Ausstattung des Bandes bewertet Korten differenziert. Zeittafel und Auswahlbibliographie runden den Band ab. Dass in der Bibliographie unverzichtbare Standardwerke von Walter Schulz und Xavier Tilliette fehlen, trägt für ihn zum zwiespältigen Gesamteindruck bei. Zugleich hält Korten fest, dass gute Gesamtdarstellungen von Schellings Leben und Werk selten sind. Guligas gut lesbare Einführung soll nach seiner Lesart nicht an Ansprüchen gemessen werden, die sich angesichts dieser Forschungslage immer weiter steigern.

Der eigentliche Einwand betrifft die fehlende innere Leitlinie. Schellings Denken erscheint vielgestaltig, wechselhaft, von verschiedenen Motiven und Interessen durchzogen. Nach Korten hätte der Satz „Hen kai pan“ als philosophische Achse dienen können. Da Guliga keinen einheitlichen Gesichtspunkt wählt, drohen Leben und Werk in einzelne Problemkomplexe auseinanderzufallen. Die Darstellung setzt jeweils neu von außen an, ohne im inneren Vollzug des Schellingschen Denkens dauerhaft Fuß zu fassen. Das ist Kortens zentrale Diagnose.

Ein sowjetischer Philosoph mit Berliner Erfahrung

Arsenij Gulyga war für diese deutschsprachige Schelling-Rezeption keine Randfigur. Geboren 1921 in Moskau, gestorben 1996 in Moskau, studierte er von 1938 bis 1942 Philosophie und Germanistik an der Moskauer Universität. Von 1942 bis 1954 leistete er Militärdienst. Zwischen 1946 und 1948 arbeitete er als Kulturreferent bei der sowjetischen Militärkommandantur in Berlin. Er war an der Errichtung des Künstlerklubs „Die Möwe“ beteiligt. Die Begegnungen mit Karl-Heinz Martin, Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling und Ernst Busch wurden für ihn prägender als die Vorlesungen über Klassenästhetik in Moskau.

Seit 1956 arbeitete Gulyga am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er publizierte zu Hegel, Herder, Kant, Schelling und zur klassischen deutschen Philosophie. Am Wissenschaftskolleg zu Berlin lautete sein Forschungsthema 1991/92: „Die deutsche philosophische Klassik als Grundlage des russischen Denkens im XIX. und XX. Jahrhundert.“ Diese Formulierung erklärt, weshalb Kortens Rezension und der gelbe Kongressbeileger zusammengehören. Gulyga war Vermittler einer Denktradition, die von deutscher Klassik in russische Philosophie hineinführt.

Sein Bericht „Zur geistigen Situation in Rußland“ zeigt die andere Seite dieser Vermittlungsarbeit. Gulyga beschreibt die Folgen der Oktoberrevolution für die russische Philosophie als Geschichte der Vertreibung, Verfolgung und ideologischen Erstarrung. Berdjajew, Bulgakow und Iljin mussten Russland verlassen. Florenskij und Gustav Spät starben als Häftlinge. Losew wurde inhaftiert und schwieg über Jahrzehnte. Die Philosophie geriet unter bürokratische Kontrolle. Der dogmatische Marxismus zerlegte das Denken in dialektischen und historischen Materialismus, in Grundzüge, Stufen und Lehrformeln.

Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt Gulygas Arbeit zur deutschen Klassik Bedeutung. Sie gehört zu einer Phase der Wiederaneignung verdrängter Traditionslinien. In seinem Bericht spricht er über die Wiederentdeckung der Geschichte der Philosophie, über die Reihe „Das philosophische Erbe“, über Übersetzungen von Platon, Hume, Leibniz, Kant, Hegel und Schelling, über eine Kant-Renaissance und über die späte Rückkehr russischer Idealisten wie Solowjew und Fedorow. Die Perestroika erscheint in diesem Text auch als geistiger Öffnungsprozess.

Diese Passagen muss man heute vorsichtig lesen. Begriffe wie nationale Wiedergeburt, russische Tradition oder russische Idee haben seitdem politische Wandlungen erfahren. Bei Gulyga stehen sie in einem anderen Zusammenhang. Sie richten sich gegen ideologische Verarmung, gegen Zensur, gegen die Trennung Russlands von seiner eigenen philosophischen Vergangenheit und vom europäischen Denkprozess.

Der Beileger als Verbindungslinie

Der gelbe Beileger zum Deutschen Kongress für Philosophie ist daher kein bloßes Fundstück am Rand. Er verbindet Kortens Rezension mit Gulygas philosophischer Rolle. Der Kongress von 1993 wollte über „Realität und Interpretation“ sprechen. Das Programm nennt Themen wie technische Realität, Umweltethik, Selbstorganisation, Information, Computerwelten, mentale Modelle, Symbol und Sprache, politische Utopien, Europa als philosophische Herausforderung und Realismusdebatten. Es ist ein Programm der Übergangszeit nach 1989.

In dieser Umgebung steht Gulygas Vortrag „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Korten hatte kurz zuvor Guligas Schelling-Biographie in die deutschsprachige Forschung eingeordnet. Der Kongress nahm denselben Autor als Gesprächspartner für eine größere europäische Fragestellung auf. Dort die Rezension, hier die Einladung. Dort Quellenkritik, hier Kulturdiagnose. Beide Dokumente zeigen eine Phase, in der das Gespräch zwischen deutscher Philosophie und russischer Geistesgeschichte neu möglich schien.

Wichtig ist dabei die Maßhaltung. Korten macht aus Guliga keinen Meisterinterpreten Schellings. Er hebt die Lesbarkeit und die neuen Quellen hervor, benennt die Schwächen der Darstellung, kritisiert die fehlende systematische Achse und die selektive Behandlung des Spätwerks. Gerade diese Genauigkeit macht seinen Text brauchbar. Er zeigt, wie kulturelle Vermittlung in der Wissenschaft funktioniert: durch Lektüre, Einordnung, Kritik und das Ernstnehmen eines Autors, auch dort, wo man ihm widerspricht.

Der Faden von 1993

Aus heutiger Sicht liegt die These nahe, dass der Faden von 1993 nicht einfach verlorengehen darf. Das heißt nicht, politische Wirklichkeit zu beschönigen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bleibt die Zäsur, vor der alle kulturellen Kontakte neu geprüft werden müssen. Auch darf die russische Geistesgeschichte nicht als Schutzraum gegen politische Verantwortung missbraucht werden.

Gleichzeitig wäre es falsch, russische Philosophie, Literatur, Musik und Kunst vollständig mit der Politik des russischen Staates gleichzusetzen. Gerade Gulygas eigener Bericht erinnert daran, wie viele russische Denker Opfer von Verfolgung, Exil, Zensur und geistiger Disziplinierung wurden. Wer heute nach kulturellen Wegen der Annäherung fragt, muss mit solchen Unterscheidungen beginnen. Solowjew, Fedorow, Losew, Florenskij oder Berdjajew gehören nicht in ein staatliches Besitzregister. Sie gehören in eine europäische Konfliktgeschichte des Denkens.

Schelling bietet dafür einen passenden Bezugspunkt. Sein Werk ist schwer auf eine Formel zu bringen. Korten zeigt, wie problematisch jede Darstellung wird, die keinen inneren Gesichtspunkt findet. Gerade darin liegt die produktive Spannung. Schelling zwingt zur Arbeit an Übergängen: Natur und Geist, Freiheit und Böses, Mythos und Vernunft, Kunst und Philosophie, System und Geschichte. Wer Gulygas Schelling liest, liest auch einen russischen Versuch, diese deutsche Denkbewegung für ein anderes geistiges Milieu zu erschließen.

Eine Aufgabe der Lektüre

Der gelbe Beileger, Kortens Rezension und Gulygas Lebensweg ergeben zusammen keine große Versöhnungserzählung. Sie zeigen einen historischen Augenblick. Anfang der neunziger Jahre konnte ein sowjetisch-russischer Philosoph mit Berliner Nachkriegserfahrung, deutscher Klassik und Schelling-Forschung in einem deutschen Kongressprogramm als Gesprächspartner erscheinen. Ein Bonner Philosoph las seine Biographie genau, fair, kritisch. Eine Fachzeitschrift bewahrte beides in der Ordnung des akademischen Papiers auf.

Nach 2022 liest sich diese Konstellation anders. Der Faden ist beschädigt, aber sichtbar. Eine spätere Annäherung kann nicht mit großen Gesten beginnen. Sie müsste bei kommentierten Lektüren, Übersetzungen, Editionen, Seminaren, Musik, Theater, Archivarbeit und dem genauen Umgang mit belasteten Begriffen einsetzen. Sie müsste die Ukraine und Ostmitteleuropa in jede Diskussion einbeziehen. Sie müsste imperiale Deutungen offenlegen. Sie müsste zugleich jene russischen Stimmen freihalten, die selbst gegen Verfolgung, ideologische Gewalt und geistige Verengung stehen.

Harald Korten liefert dafür kein Programm. Seine Rezension ist bescheidener und gerade deshalb brauchbarer. Sie zeigt, wie ein Gespräch beginnt: mit einem Buch, einer Quelle, einem Zitat, einer Prüfung der Darstellung, einer Kritik der Lücken. Der gelbe Beileger zeigt den größeren Horizont: Berlin 1993, „Realität und Interpretation“, Gulyga und die Frage nach der russischen Idee im Verhältnis zum deutschen Idealismus. Zwischen beidem liegt der Faden, den man heute wieder aufnehmen kann, vorsichtiger als damals, genauer, ohne Illusionen, aber mit dem Bewusstsein, dass Europa auch aus solchen Lektüren besteht.