Wenn die Kunst aus dem Rahmen fällt: Ein Sammelband, der die alte Frage wieder unter Strom setzt

Autonomie ist ein schönes Wort, solange es in Seminaren herumliegt. Dort glänzt es wie ein geerbtes Silberbesteck der deutschen Ästhetik: Kant hat es poliert, Schiller hat es aufgedeckt, Adorno hat es gegen den Alltag verteidigt. Sobald man das Wort aber aus der Vitrine nimmt und an die Gegenwart hält, wird es unerquicklich lebendig. Dann sitzt auf einmal nicht nur der Staat mit am Tisch, nicht nur der Markt, nicht nur die Moral, nicht nur der Aktivismus, sondern auch die Maschine, dieses freundliche Rechenungeheuer, das Bilder ausspuckt, als hätte es nachts bei Rembrandt, Duchamp und Instagram hospitiert. Genau in diesem Moment kommt Stefan Oehms Sammelband „Kann Kunst autonom sein?“ zur rechten Zeit. Er versammelt die Frage nicht als Museumsstück, sondern als Streitfall. Und das ist schon mehr, als viele Ästhetikbände leisten, die am Ende klingen, als habe man ihnen die Luft mit einem Philosophiekompressor ausgeblasen. Der Band ist breit angelegt, interdisziplinär, nicht frei von den üblichen Unebenheiten des Formats, aber klug genug, die Autonomie nicht als Besitzstand, sondern als Konfliktzone zu behandeln. Das Spektrum reicht von KI-Kunst über philosophische und soziologische Kritik, Ökologisierung, Musik und Literatur bis hin zu grundsätzlichen begrifflichen und historischen Erkundungen.

Die beiden stärksten Pole dieses Buches liegen für mich nicht zufällig weit auseinander und sprechen doch ständig miteinander: Klaus Honnef mit seiner historischen Genealogie der Kunstautonomie und Oliver Ruf mit seinem medienästhetischen Blick auf die Gegenwart der KI. Der eine seziert die lange Emanzipationsgeschichte der Kunst aus Kult, Hof, Akademie und Salon; der andere zeigt, dass dieselbe Frage heute unter digitalen Bedingungen erneut aufspringt, nur dass der Gegner nicht mehr allein der Fürst oder die Académie heißt, sondern Datensatz, Interface, Rechenleistung und Modell. Zwischen beiden Texten verläuft eine unsichtbare Leitung. Und genau über diese Leitung schießt der Strom des ganzen Bandes.

Vom Altar zum Atelier, vom Hof in den Rauch der Cafés

Honnef beginnt mit einer wohltuenden Unverschämtheit: Kunst ist nicht autonom. Punkt. Oder genauer: Sie ist es nie ganz, sondern nur relativ, nur historisch, nur unter Bedingungen. Das ist der erste gute Satz seines Kapitels und vielleicht der beste Ausgangspunkt des ganzen Buches. Denn damit ist der Kitsch vom Tisch, der Autonomie gern als metaphysische Adelung behandelt. Honnef erzählt stattdessen eine Sozialgeschichte der Freiheit. Künstler waren zunächst keine freien Geister, sondern Handwerker unter Aufsicht. Die Kirche schrieb Zwecke vor, Verträge regelten Gold und Ultramarin, Höfe lockten mit Rang und Versorgung, bezahlten aber mit Unfreiheit. Selbst die Renaissance erscheint bei ihm nicht als Explosion des Genies, sondern als mühsam errungene Lockerung der Fesseln: mehr Spielraum, neue Auftraggeber, wachsendes Selbstbewusstsein, Akademien, Diskurse, Märkte. Freiheit tritt hier nicht als Offenbarung auf, sondern als allmählicher Kompetenzgewinn.

Das ist präzise, historisch satt und wohltuend frei von Sonntagsrhetorik. Honnef zeigt, wie aus Kultbildern Kunstwerke wurden, wie sich ein künstlerisches Feld ausbildete, wie Museen, Kritik, Handel und Sammler jenes komplexe System schufen, das später den Nimbus der autonomen Kunst verwaltete und zugleich ökonomisch verwertete. Er beschreibt, wie sich der alte Glanz des Sakralen in säkularisierter Form auf das Museum übertrug, dieses moderne Heiligtum mit Tempelfassade, und wie Kunsthandel, Sammler und Institutionen am Ende ein autonomes System im soziologischen Sinn bildeten. Das ist stark beobachtet. Denn tatsächlich ist die moderne Kunstfreiheit nie nur die Freiheit des einzelnen Künstlers gewesen. Sie war immer auch die Freiheit eines Apparats, der Kunst als eigenen Wert, als eigenes Spiel, als eigene Währung beglaubigt.

Besonders gut wird Honnef dort, wo er den französischen Knoten aufzieht: Académie, Salon, Manet, symbolische Revolution. Seine Manet-Lektüre hat Wucht. Das „Frühstück im Grünen“ erscheint nicht als bloßer Skandal hübscher Leute, sondern als Frontalkollision mit der akademischen Ordnung. Nicht die nackte Frau war der eigentliche Affront, sondern die malerische Unbotmäßigkeit selbst: Flächigkeit statt Illusion, Farbe statt Regelgehorsam, Bild statt Abbild. Manet malt nicht gegen die Gesellschaft als Tribun, sondern gegen eine falsche Vorstellung von Malerei. Genau daraus gewinnt Honnef seine vielleicht treffendste Einsicht: Kunstautonomie entsteht nicht zuerst durch Botschaft, sondern durch eine Praxis, die ihre Maßstäbe in der Kunst selbst sucht. Darin liegt die Würde dieses Kapitels. Es nimmt die Werkfrage ernst.

Wo Honnef nobel bleibt, lachen die Inkohärenten

Und doch hat Honnefs Geschichte, bei aller Gelehrsamkeit, einen blinden Fleck. Sie ist die Geschichte der Autonomie von oben und aus der Mitte: Altar, Hof, Akademie, Salon, Museum, Kritik. Was ihr fehlt, ist die Autonomie im Gelächter. Die Straßenbahnversion der Freiheit. Die Pariser Rückseite der feinen Revolte.

Hier drängen sich die Inkohärenten ins Bild, diese anarchische Truppe um Jules Lévy, das Chat Noir, die Hydropathen und Fumisten, die in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts aus der Modernisierung von Paris eine explosive Ästhetik des Absurden machten. Man muss sich die Szene vorstellen: Haussmann hat die Stadt geschniegelt, Achsen gezogen, Quartiere zerschnitten, Fassaden gleichgerichtet, den Boulevard zur Choreographie der Ordnung gemacht. Aus dieser überdrehten Urbanistik, aus der Dressur der Sichtachsen, aus der Glätte der neuen Paris-Maschine wächst ihre Gegenkunst wie Schimmel an einer frisch gestrichenen Wand. Alles, was geschniegelt ist, ruft das Obszöne des Zufalls hervor. Alles, was zu ordentlich ist, weckt den Drang, Unsinn zu treiben. Genau darin liegt die historische Pointe. Die Inkohärenten sind keine Fußnote; sie sind die Gassenkinder der Moderne.

Bei ihnen war fast alles erlaubt, nur der Ernst nicht. Preise wurden verlost. Man zeigte Köpfe ohne Gesichter, betende Schweine, bizarre Dingpaarungen, monochrome Witze, frühe Parodien auf die Mona Lisa, also schon vor Duchamps Schnurrbart den Verdacht, dass Kunst auch mit Ironie, Montage und Herabsetzung arbeiten kann. Das ist nicht bloß ein lustiges Kuriositätenkabinett. Es ist eine andere, viel schmutzigere Genealogie der Autonomie. Während Honnef die noble Emanzipation der Kunst aus kirchlicher und akademischer Bevormundung nachzeichnet, führen die Inkohärenten vor, dass Freiheit auch heißen kann, die Zumutung des Sinns selbst anzugreifen. Nicht Freiheit zum Werk, sondern Freiheit zur Sabotage. Nicht nur Malerei aus Malerei, sondern Spott aus Überdruss. Ohne Haussmanns geordnete Schnitte, ohne die Gleichförmigkeit der Boulevards, ohne die neue Pariser Disziplin wäre diese Inkohärenz womöglich nie mit solcher Vehemenz aufgetreten. Sie ist die obszöne Schwester von Honnefs Manet: weniger edel, weniger heroisch, aber vielleicht moderner.

Damit wird auch Honnefs Manet-Geschichte noch einmal schärfer. Die Revolte gegen die Akademie hatte eben zwei Gesichter: hier die malerische Wahrheit der Fläche, dort die Lachsalve gegen jede Wahrheit, die geschniegelt auftritt. Der Salon des Refusés und das Kabarett des Chat Noir gehören tiefer zusammen, als es die offizielle Kunstgeschichte lieb hat. In dem einen Raum wird die Malerei autonom, im anderen die Zumutung, dass Kunst überhaupt kohärent sein müsse.

Oliver Ruf und die Maschine, die nicht bloß Werkzeug sein will

Oliver Ruf setzt an einem ganz anderen Punkt ein und trifft doch denselben Nerv. Sein Kapitel trägt den schönen, leicht sperrigen Titel „Medien-Affizierung. Kunst – ästhetische (Post-)Autonomie – ‚Künstliche Intelligenz‘“. Das klingt zunächst nach einem Wort, das seine eigenen Schuhe zubindet. Der Text selbst ist besser als sein Titel. Ruf geht klugerweise nicht der Kinderfrage nach, ob KI „auch Kunst kann“. Er behandelt KI-Kunst vielmehr als Brennglas. Durch dieses Brennglas werden alte ästhetische Fragen plötzlich wieder heiß: Wer produziert? Wer entscheidet? Wo sitzt Autorschaft? Was heißt Schöpfung, wenn der Produktionsprozess auf verteilten Instanzen beruht? Und was bleibt von der Autonomie, wenn das Werk durch und durch medial affiziert ist? Ruf öffnet den Begriff der Autonomie dabei nach innen und außen zugleich: nicht bloß als Unabhängigkeit von fremden Verwendungsansprüchen, sondern als besondere Weise, wie ästhetische Erfahrung sich konstituiert, wie Kunst wahrgenommen, zugerichtet, affiziert wird. Das ist sein stärkster Gedanke. Autonomie ist für ihn keine Festung, sondern eine Blickbewegung.

Ruf ist besonders überzeugend, wenn er die WDR-Diskussion von 1970 aufruft, jenen herrlich verqualmten, halb außer Kontrolle geratenen Podiumsabend mit Wieland Schmied, Max Bense, Max Bill, Arnold Gehlen und Joseph Beuys. Das Fernsehen konnte damals noch Formate hervorbringen, in denen Denken nicht geschniegelt daherkam, sondern unter Scheinwerferhitze und Rauchdruck miteinander rang. Ruf liest diese Diskussion als Vor-Szene unserer Gegenwart. Und er hat recht. Denn dort stritten nicht nur Männer mit starken Eitelkeiten. Dort prallten zwei Modelle des Schöpferischen aufeinander: hier Beuys mit der Erweiterung des Kunstbegriffs, mit dem Satz, jeder Mensch sei ein Kreativer; dort Bense als Vertreter kybernetischer Rationalisierung, flankiert von Bill und Gehlen, skeptisch gegenüber jeder Weitläufigkeit, die nach Weltpädagogik klingt. Wer dieses Gespräch heute hört, vernimmt bereits die Frage, die später an die KI gestellt wird: Braucht Kunst ein einmaliges schöpferisches Subjekt, oder reicht ein Verfahren, eine Disposition, ein offenes Werk? Ruf zeigt, wie dicht dieser alte Streit an die Gegenwart heranrückt.

Sein Kapitel gewinnt noch einmal, sobald man den von ihm geöffneten Zeithorizont ernst nimmt und die Linie zurück zu Max Bense und zur frühen Computerkunst zieht. Dann wird sichtbar, dass die heutige Debatte nicht in Kalifornien geboren wurde, sondern eine längere europäische Vor- und Untergeschichte besitzt. Bense und die Stuttgarter Schule wollten die Kunst aus der subjektiven Willkür befreien, sie rationalisieren, messen, semiotisch und informationstheoretisch modellieren. Aus Birkhoffs Formel für Ordnung und Komplexität wurde bei Bense eine „exakte“ Mikroästhetik, gespeist aus Shannon und Wiener, also aus Kommunikationstheorie und Kybernetik. Das war nicht einfach technikgläubig; es war der Versuch, dem Ästhetischen eine neue Grammatik zu geben. Herbert W. Franke gehört in diesen Horizont der frühen Computerkunst ebenso wie Noll, Nees und Nake. Die Maschine wird hier zum Studioinstrument, aber nie ganz zum Souverän. Sie generiert, variiert, permutiert, sie produziert Muster und Überraschungen, doch sie ersetzt nicht die Entscheidung, wann aus einem Ergebnis ein Werk wird.

Gerade an dieser Stelle hätte Ruf noch böser werden dürfen. Denn die Geschichte von Bense und Franke ist nicht nur eine Vorgeschichte der KI-Kunst, sondern auch ihr Dementi. Die frühe Computerkunst zeigt nämlich mit einer fast komischen Deutlichkeit, woran alle Maschinenkunst hängt: an Modellen, an Parametern, an den Vorentscheidungen ihrer Zeit. Die Programme spiegeln Geschmack, Imaginäres, ästhetische Konventionen. Und ihr Zufall ist kein wirklicher Zufall, sondern mathematisch erzeugte, also kontrollierte Unberechenbarkeit. Die Maschine improvisiert nicht, sie exekutiert ein Gerüst. Selbst dort, wo die frühe Computerkunst das Subjekt entthronen wollte, blieb am Ende der Moment des Geschmacks, der Auswahl, des Abbruchs, des „So ist es gut“ beim Menschen. Genau deshalb wirkt die Gegenwart mit ihren neuronalen Netzen weniger revolutionär, als ihre Reklame behauptet. Sie ist eine gigantische Ausweitung desselben Problems. Das Programm produziert Varianten; die Zurechnung des Gelingens bleibt unerquicklich menschlich.

Ruf kommt diesem Punkt sehr nahe, wenn er von der Prozessualität spricht, vom „offenen Werk“, von der Medien-Affizierung, davon, dass Kunst und Autonomie dank KI in Bewegung bleiben. Das ist richtig. Und doch steckt die eigentliche Pointe noch tiefer: KI zerstört die Autonomie der Kunst nicht. Sie entzaubert nur eine ohnehin schiefe Vorstellung von ihr. Sie zeigt, dass Kunst nie rein war, sondern immer schon aus Material, Technik, Überlieferung, Wahrnehmung, Macht und Verfahren bestand. Die Maschine demaskiert den Mythos vom absoluten Ursprung. Mehr nicht. Aber das ist schon eine Menge.

Der Rest des Bandes: viel Theorie, einige gute Widerhaken

Dass dieser Sammelband mehr will als die Gegenüberstellung von Freiheitsgeschichte und KI-Debatte, ist sein Verdienst. Markus Ambach rückt die moderne Dekontextualisierung ins Licht, Frauke Kurbacher fragt philosophisch nach der Freiheit der Kunst, Uta Karstein verfolgt die Krise der Autonomie bis in neue Arbeitsbündnisse hinein, Nina Tessa Zahner bringt die Ökologisierung ins Spiel. Dazu kommen Musik und Literatur, Bertrams Paradigma, Feiges Verteidigung, Oehms Kritik am notorisch unscharfen Gebrauch des Kunstbegriffs. Man liest das nicht alles mit derselben Lust. Aber als Chor funktioniert es. Denn aus vielen Richtungen hört man dieselbe Nachricht: Kunstautonomie ist weder Fetisch noch Schrott. Sie ist eine historisch gewachsene, ständig bedrohte und ständig umgebaute Betriebsform des Ästhetischen.

Autonomie ist kein Zustand, sondern eine schlechte Angewohnheit der Freiheit

Am Ende bleibt von Kann Kunst autonom sein? weniger eine Antwort als eine produktive Unruhe. Honnef zeigt, dass Autonomie nie vom Himmel fiel, sondern durch Kirchenportale, Höfe, Akademiesäle, Salons, Museen und Märkte hindurchgegangen ist. Ruf zeigt, dass sie auch im Zeitalter der KI nicht verschwindet, sondern ihre Adresse wechselt. Die Inkohärenten lehren nebenbei, dass man Freiheit nicht nur in der Noblesse der Malerei findet, sondern auch im Gelächter, in der Montage, in der Attacke auf den Ernst. Und Bense samt früher Computerkunst beweisen, dass die Maschine schon lange vor den heutigen Modellriesen im Atelier stand, allerdings nicht als Genie, sondern als hochbegabter Assistent mit Rechenschieberseele.

Der Sammelband von Stefan Oehm ist mit 445 Seiten kein Leichtgewicht und will es nicht sein. Er hat die üblichen Schwächen seiner Gattung, manche Strecke ist trocken, manche Passage zieht den begrifflichen Mantel enger, als gut für sie ist. Aber dort, wo dieses Buch wirklich bei sich ist, gelingt ihm etwas Seltenes: Es macht eine klassische Frage wieder unerquicklich gegenwärtig. Vielleicht ist das die brauchbarste Definition von Kunstautonomie, die man aus dieser Lektüre mitnehmen kann. Nicht Reinheit. Nicht Abschottung. Nicht die Pose des unberührbaren Werks. Sondern die Fähigkeit der Kunst, unter wechselnden Bedingungen ihre eigene Form von Ungehorsam zu entwickeln. Mal als Flächigkeit bei Manet, mal als Pissoirschock bei Duchamp, mal als Pariser Gelächter im Chat Noir, mal als Rechenbild aus Stuttgart, mal als algorithmisch induzierte Sinnesreizung auf dem Display. Autonom ist Kunst nicht dann, wenn sie sich von der Welt fernhält. Autonom ist sie in dem Augenblick, in dem sie sich von keiner Instanz das letzte Wort diktieren lässt.

Als die Freundschaft noch auf den Oberarm zielte: 40 Jahre nach dem Kinostart von „Stand by Me“

Vierzig Jahre nach seinem Kinostart wirkt „Stand by Me“ nicht wie ein Film, der gealtert wäre, sondern wie einer, der im Gedächtnis nachgereift ist. Rob Reiners Verfilmung von Stephen Kings Novelle „The Body“ stammt aus dem Jahr 1986, erzählt aber vom Spätsommer 1960 und damit von einer Welt, in der Jungenfreundschaften noch körperlich verhandelt wurden: mit Schubsen, Beleidigungen, Mutproben, Rangkämpfen, Geheimcodes, schlechtem Benehmen und jener abrupten Loyalität, die nur Kinder kennen. Wer den Film einmal wirklich in sich hineingelassen hat, sieht beim Wiedersehen nicht bloß vier Jungen auf dem Weg zu einer Leiche. Er sieht die eigene Herkunft.

Ich war 25, als ich „Stand by Me“ im Kino sah. Ein gutes Alter für einen solchen Film: jung genug, um den Geruch der eigenen Kindheit noch in der Nase zu haben, alt genug, um zu ahnen, dass dieses Gelände bereits hinter einem lag. Der Film traf mich damals nicht als amerikanische Coming-of-Age-Geschichte, sondern als Wiedererkennung. Oregon lag auf der Leinwand, aber in meinem Kopf liefen andere Karten ab: Kreuzberg, Neukölln, der Chamisso-Platz, die Fidicinstraße, später die Gropiusstadt, Baustellen, Brachen, Bunker, Straßenfußball, Cliquen. Die Topographie war eine andere, der Ton derselbe.

Der Ernst des Unfugs

Die Größe von „Stand by Me“ liegt darin, dass der Film den Kinderquatsch nie von oben herab behandelt. Bei Erwachsenen landet das meiste unter der Rubrik Albernheiten. Kinder wissen es besser. Das Hauen auf den Oberarm, sobald einer zusammenzuckt. Der Tritt in den Hintern, wenn der andere gerade nicht aufpasst. Das Austesten der Verteidigungsfähigkeit. Das Anrempeln, Verspotten, Foppen. In solchem Tun steckte eine eigene Grammatik. Nähe wurde nicht erklärt, sondern ausgeteilt. Zugehörigkeit musste man aushalten können.

Genau deshalb blieb mir der Film nicht im Kino sitzen, sondern ging mit nach Hause und von dort weiter ins Leben. Später, mit meinen vier Kindern – zwei eigenen, zwei Stiefkindern –, tauchte diese alte Grammatik in neuer Form wieder auf. Nicht als Kopie, schon gar nicht als Erziehungsmethode, sondern als Familienenergie. Auf einer Florida-Tour mit meiner ersten Frau und den beiden eigenen Kindern nahmen diese Rituale zeitweise den Rang eines Naturgesetzes an. Einer war unaufmerksam, schon saß der Schlag auf dem Oberarm. Einer drehte sich weg, schon kam der Tritt in den Hintern. Dazu die üblichen Vergeltungen, Überfälle, Hinterhalte, aus denen am Ende legendäre Schlachten mit Wasserballons wurden. Solche Ferien geraten Erwachsenen später leicht zum Anekdotenmaterial; Kinder machen daraus ihr Archiv. Dort bleibt nicht die Hoteladresse hängen, sondern der Hinterhalt am Pool, der geglückte Wurf, das Gelächter und die Kameradschaft.

„Stand by Me“ versteht von all dem mehr als viele pseudo-pädagogische Abhandlungen. Der Film zeigt, wie sich Zuneigung tarnt. Nicht als sanfte Mitteilung, sondern als robuster Umgang unter Gleichrangigen. Einer wird gedemütigt, einer prahlt, einer spielt den Trottel, einer den Starken. Dahinter läuft eine viel tiefere Bewegung: Niemand will allein zurückbleiben.

Oregon in Kreuzberg, Maine in Neukölln

Darum sprang der Film bei mir sofort an die eigene Kindheit zurück. Micha und Bonny waren da, kaum dass Gordie, Chris, Teddy und Vern den Bildschirm betreten hatten. Mit ihnen kehrten jene Nachmittage zurück, in denen ein Stadtviertel ein ganzer Kontinent sein konnte. Das Murmelspiel am Chamisso-Platz war damals kein harmloser Zeitvertreib. Es war Unterricht in Verlust und Gewinn, in Zielen, Zögern, Berechnen. In der Hand lagen Kugeln, kleine Universen aus Glas, und mit ihnen ein erster Begriff davon, dass man Glück haben kann oder eben nicht.

Später verlagerte sich der Kosmos. Neukölln, Fritz-Erler-Allee, zwölfter Stock, Fernheizung statt Kohleofen, eigenes Bad, neue Aussicht und unten jene wilden Gärten und Baustellen, die für Kinder mehr versprachen als jeder Spielplatz. Höhlen, Unterbauten, Feldzüge, Mutproben. Der alte Bunker am Otto-Wels-Ring war kein Baudenkmal, sondern Prüfstand. Wer sprang, gehörte dazu. Wer stehenblieb, musste mit seinem Ruf leben. Dazu die großen Spiele gegen benachbarte Cliquen, die frühen Lektionen aus Straßenfußball und Vereinssport, das ständige Messen, das ständige Improvisieren.

Auch der Unfug hatte seine Institutionen. Zauberkönig in der Hermannstraße lieferte die Infrastruktur des Aufruhrs: Juckpulver, Stinkbomben, Scherzartikel, all das unnütze Zeug, das in Wahrheit ungeheuer nützlich war, weil es Phantasie und Gemeinsinn stiftete. Dazu Kokeleien mit Schwarzpulver, Basteleien, Knallkörper, Gerüche, aufgescheuchte Mecker-Opas. Heute würde man den Kopf schütteln oder gar das Gespräch suchen – im Nebenzimmer.

Vier Jungen und die Zumutungen der Welt

Reiners Film bleibt deshalb so präzise, weil er den Jungen nichts erlässt. Die Familienverhältnisse sind beschädigt, die Hierarchien brutal, die Zukunftsaussichten ungleich verteilt. Einer gilt als hoffnungslos, weil sein Name bereits verdorben ist. Einer wird im eigenen Haus kaum wahrgenommen. Einer kompensiert Kränkung mit Lärm. Einer stolpert hinterher und bleibt dennoch unverzichtbar. So entsteht keine sentimentale Clique, sondern eine fragile Republik der Gekränkten.

River Phoenix gab dieser Republik ihre Eleganz und ihre Traurigkeit. Sein Chris Chambers trägt schon als Junge das Wissen, dass Herkunft ein Urteil sein kann, lange bevor man sich dagegen verteidigen lernt. Wil Wheatons Gordie blickt bereits aus der späteren Schrift in diese Tage zurück. Gerade dadurch gewinnt der Film seine eigentliche Form: Nicht Abenteuerkino, sondern Erinnerungskunst. Die Leiche, nach der die Jungen suchen, liegt am Ende weniger in den Wäldern als am Rand ihrer Kindheit. Auf dem Weg dorthin merken sie, dass man nicht als derselbe zurückkehrt.

Darin steckte für mich immer mehr Wahrheit als in vielen Filmen, die das Erwachsenwerden mit feierlicher Pose ausstatten. „Stand by Me“ kennt den Dreck unter den Fingernägeln, das peinliche Gerede, den billigen Mut, die Scham nach der Prahlerei. Gerade deshalb erreichen seine stillen Momente eine Schärfe, die noch Jahrzehnte später trifft. Wenn diese Jungen einander beistehen, dann ohne große Begriffe. Sie tun es, weil die Welt draußen bereits kalt genug ist.

Von Herrn Menne zu Ben E. King

Vielleicht rührt mich der Film auch deshalb so nachhaltig, weil er nicht beim Kinderlärm stehenbleibt. In seinem Innersten arbeitet bereits das spätere Schreiben. Aus Gordie wird ein Autor; aus dem erlittenen und erlebten Material wird Sprache. Auch in meinem Leben stand irgendwann eine solche Schwelle. Da war Herr Menne, mein Deutschlehrer, der den Zugang zu Büchern, zum Schreiben, zum Denken öffnete. Nicht als feierlicher Erweckungsmoment, sondern als plötzliche Entdeckung, dass Worte mehr können als nacherzählen. Sie können retten, ordnen, aufheben. Sie können den Lärm der Herkunft so in Form bringen, dass daraus etwas anderes wird als bloße Nostalgie.

Darum ist „Stand by Me“ für mich nie nur eine Reise in die Vergangenheit gewesen. Der Film erinnert daran, woher das Schreiben seine Energie nimmt. Nicht aus Glätte, nicht aus Wohlverhalten, sondern aus Reibung, Schmerz, Komik, Trotz, Verlust. Die Murmeln von damals, die Sprünge über Bunkerschluchten, die Stinkbomben, die Knallereien vom Balkon, die kleinen Demütigungen und großen Bündnisse unter Jungen: All das liegt nicht hinter der Sprache, sondern in ihr.

Und dann läuft am Ende Ben E. Kings „Stand by Me“. Kaum ein Filmtitel sitzt so genau. Das Lied sagt nichts Kompliziertes, gerade darin liegt seine Macht. Bleib bei mir. Mehr braucht eine Freundschaft nicht, mehr verlangt eine Kindheit von ihren Verbündeten nicht, mehr erhofft man sich später von Familie oft ebenfalls nicht. Keine Erlösung, keine Vollkommenheit, keine ununterbrochene Harmonie. Nur dies: nicht zu verschwinden, wenn es unerquicklich wird.

Beim Wiedersehen mit „Stand by Me“ kehren deshalb nicht nur Filmszenen zurück. Da sind Micha und Bonny. Da ist der Lehm am Chamisso-Platz. Da sind Kreuzberg und Neukölln, die Gropiusstadt und ihre Brachen. Da sind die Streiche, das Juckpulver, die Stinkbomben, das Schwarzpulver, die großen Pläne und der halbgare Unsinn. Da ist die Florida-Reise mit den Kindern, bei der der Tritt in den Hintern fast schon zur Urlaubschoreographie gehörte. Da ist das Gelächter, das nur Familien und Cliquen hervorbringen, wenn sie für Stunden denselben Wahnsinn teilen.

Die bittere Nachricht hat der Film von Anfang an mitgeliefert: Solche Zeiten kehren nicht zurück. Die gute Nachricht liegt gleich daneben. Sie verschwinden nicht vollständig. Sie bleiben in Gesten, in Sätzen, in Reflexen, in der Art, wie einer den anderen aufzieht, beschützt, prüft, besänftigt. Sie bleiben auch in den Filmen, die einem rechtzeitig begegnet sind.

Vierzig Jahre nach dem Kinostart ist „Stand by Me“ darum kein Denkmal der Achtziger und auch kein bloßes Jugendstück nach Stephen King. Wer ihn wieder ansieht, schaut nicht nur zurück. Er hört auch, was von damals noch in ihm spricht.

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Und natürlich:

Der Leibniz-Brief und die Verschwörung der Bücher

Der erste Zeuge spricht französisch

Der teuerste Antiquariatsverkauf des Jahres 2025 war kein Buch. Er war ein Brief. Schon das ist ein besserer Anfang, als ihn sich jede Literatursoziologie ausdenken könnte. Denn plötzlich liegt die Sache offen da: Am höchsten bezahlt wird im Reich der alten Drucke nicht notwendig der große Text, sondern die größte Nähe. Ein vierseitiger, französisch geschriebener Brief von Gottfried Wilhelm Leibniz an den schottischen Juristen Thomas Burnett brachte 38.000 Euro. Erst danach treten die üblichen Titanen auf die Bühne: Tolkiens „The Lord of the Rings“ mit 34.400 Euro, Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“ mit 30.000 Euro, Pierre Louÿs’ „Les Chansons de Bilitis“ mit 29.400 Euro und Evelyn Waughs „Brideshead Revisited“ mit 28.800 Euro. Danach folgen die Freimaurer-Konstitutionen von James Anderson in zwei spektakulären Exemplaren und „The Velveteen Rabbit“, jener zarte Kindheitsklassiker, der nur deshalb so teuer wird, weil er als Kindheitsklassiker normalerweise kaputtgeliebt wird. Man hat also schon in den ersten Positionen eine kleine Summa des Antiquarischen vor sich: Geist, Mythos, Dekadenz, Luxus, Korrektur, Geheimorden und Unschuld. Es fehlt eigentlich nur noch ein Giftmord.

Leibniz steht oben, weil er im Antiquariat nicht als Name gehandelt wird, sondern als Temperatur. Der Brief von 1710 ist kein Andenken an einen Denker, sondern Denken im Vollzug. Leibniz kommentiert darin britische Politik unter Königin Anne und religiöse Kontroversen seiner Zeit; man sieht dem Text noch an, daß er nicht für die Ewigkeit geschniegelt wurde, sondern aus der Gegenwart kommt, aus einer Stunde, in der Europa noch nicht kommentiert, sondern geschrieben wurde. Genau darum sind Autographe so gefährlich für die Nüchternheit. Sie zerstören die bequeme Distanz zum Klassiker. Plötzlich ist da nicht „Leibniz“, diese marmorne Kopfgeburt der Philosophiegeschichte, sondern ein Mann, der Feder hält, urteilt, sich sorgt, elegant formuliert und auf Papier mit derselben Selbstverständlichkeit Weltpolitik betreibt, mit der andere Leute Einkaufszettel schreiben.

Auch die übrigen Spitzenstücke der ZVAB-Liste leben von dieser Intimität des Materials. Tolkien erscheint nicht bloß als kanonischer Fantasy-Autor, sondern als Erstausgabenensemble in rotem Maroquinleder mit goldgeprägtem Ring-Motiv, mit originalen Karten und in einer Erhaltung, die das Buch fast zum liturgischen Gerät erhebt. Wilde ist nicht bloß Wilde, sondern Exemplar Nummer 63 von 250, auf Van-Gelder-Papier, signiert von eigener Hand, tiefgrün in Saffianleder gebunden. Pierre Louÿs wird von François-Louis Schmied und Georges Barbier in eine Art französischen Prunkzustand überführt, in dem Text, Einband, Papier und Illustration eine gemeinsame Intrige eingehen. Und Waughs „Brideshead Revisited“ erscheint als signierter Korrekturabzug vom April 1945, also als Roman in einer jener seltenen Minuten, in denen das Werk noch atmet, noch nicht ganz erstarrt, noch verwundbar ist.

Am Bahnhof Zoo lernte man sehen

Wer diese Preise nur von oben betrachtet, vom Podium der Summen herab, versteht nichts. Der wahre Unterricht beginnt nicht bei 38.000 Euro, sondern im Staub. In West-Berlin der achtziger Jahre, in jener sonderbaren Stadt, die halb Frontstadt, halb Theaterkulisse, halb intellektuelle Überlebensübung war, konnte man diesen Unterricht noch an zwei sehr verschiedenen Orten erhalten. Abends bei Nicolaus Sombart in Charlottenburg, morgens in der Heinrich-Heine-Buchhandlung am Bahnhof Zoo. Die erste Adresse war ein Salon, die zweite eine Prüfung.

Bei Sombart war alles Bühne: Bücherstapel, leere Weingläser, Zigarrenrauch, ein Dandy als Hausherr, Gespräche, die mehr ansetzten, als sie abschlossen. Jacob Taubes saß in der Ecke und sprach über Paulus und Eschatologie, Sombart inszenierte die Abende wie ein Regisseur des geistigen Verfalls, und wer dort eintrat, trat weniger in ein Wohnzimmer als in eine fortlaufende Aufführung ein. Das war glänzend, eitel, anregend, geistreich, erschöpfend. Man sprach von Zweifeln, als seien sie eine Währung. Man redete mit jener leidenschaftlichen Ironie, die nur Städte hervorbringen, die sich ihrer eigenen Randlage bewußt sind. Aber der eigentliche Punkt lag vielleicht darin, daß solche Salons Begriffe lieferten, während die Antiquariate am nächsten Morgen den Wirklichkeitstest übernahmen.

Denn dann kam der Bahnhof Zoo: der dreckige Ort, die düsteren Ecken der Gesellschaft, das ganze unerquicklich wahre West-Berlin, und mitten darin jene Heinrich-Heine-Buchhandlung, in der Bücher nicht geschniegelt in Regalen standen, sondern in „undurchdringlichen Bergen“ lagerten. Ein Eldorado, wie es in Ihrer Erinnerung heißt, für die subtile Jagd nach antiquarischen Kostbarkeiten. Hans Brockmann, der Inhaber, war keiner jener Buchhändler, die bloß verkaufen. Er taxierte. Drei Besuche brauchte es, bis die Aufnahme gelang: Foucault beim ersten, Deleuze beim zweiten, Baudrillard beim dritten Mal. Es war ein Initiationsritus. Wer dort kaufte, bewies nicht Kaufkraft, sondern Blick. Und vielleicht ist das bis heute die eigentliche Voraussetzung des Antiquarischen: nicht Geld, sondern Urteil. Nicht Appetit, sondern Nerven und Durchhaltevermögen.

Ein Fund aus Leipzig: 1929 als Geheimbund

Jahre später fällt dann jener Band in die Hände, der auf den ersten Blick weit bescheidener wirkt als der Leibniz-Brief oder Tolkiens Ring in rotem Leder, in Wahrheit aber tiefer führt: „Aus Wissenschaft und Antiquariat. Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Buchhandlung Gustav Fock G.m.b.H.„, Leipzig 1929. Das Titelblatt allein besitzt schon die schöne Feierlichkeit einer versunkenen Republik des Ernstes. Und dann die Namen: Fritz Haber, Gustav Radbruch, Wilhelm Ostwald, Hans Vaihinger, Ernst Steinmann, Hugo Steiner-Prag, Johannes Wolf, Thaddäus Zielinski und viele andere. Chemie, Recht, Philosophie, Bibliothekswesen, Buchkunst, Musikwissenschaft, Klassische Philologie und Antiquariat versammeln sich hier nicht zufällig, sondern in einer Ordnung, die heute fast utopisch wirkt. Das Buch ist keine Festschrift im üblichen Sinn. Es ist ein Gesellschaftsroman der Gelehrsamkeit in Leinen.

Schon die Inhaltsübersicht verrät den Anspruch: Willy Hellpach über die Treue zum Buch, Wilhelm Ostwald über Vergangenes und Künftiges, Gustav Radbruch über den Juristen und das Buch, Fritz Haber über das Buch in der Chemie, Hans Vaihinger über die Weltanschauung des wissenschaftlichen Antiquars. Man versteht auf einen Schlag, was ein Antiquariat einmal war. Nicht bloß Verkaufsort, nicht bloß Lagerhaus des Gedruckten, sondern ein Scharnier zwischen Disziplinen, ein Umschlagplatz des Geistes, ein Nebenzimmer der Wissenschaft selbst. Der Fund ist darum nicht nur ein schönes altes Buch. Er ist der Beweis dafür, daß der Buchhandel einmal eine intellektuelle Infrastruktur war.

Steinmann eröffnet die Ermittlungsakte Michelangelo

Und dann Ernst Steinmann. Schon der Titel seines Beitrags hat den rechten Klang: „Rariora und Curiosa der Michelangelo-Literatur.“ Das ist kein Aufsatz mehr, das ist ein Ermittlungsverfahren. Steinmann beginnt mit dem Satz, kein Künstler der italienischen Renaissance habe die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen so dauerhaft auf sich gezogen wie Michelangelo; von keinem könne man sagen, daß er schon bei Lebzeiten eine eigene Literatur in solcher Fülle hervorgebracht habe. Damit ist der Fall eröffnet. Von nun an geht es nicht mehr um Michelangelo allein, sondern um die Bücher, Broschüren, Reden, Varianten, Legenden, Drucke und Druckfehler, die sich wie eine zweite, schattenhafte Haut um ihn gelegt haben.

Das erste Indiz heißt Benedetto Varchi. Dessen „Due lezzioni“ von 1549, bei Lorenzo Torrentino gedruckt, stehen am Anfang dieser Michelangelo-Literatur. In der ersten Vorlesung wird eines der berühmtesten Sonette Michelangelos erläutert; in der zweiten wird die Frage verhandelt, ob Plastik oder Malerei die vornehmere Kunst sei. Luca Martini übernimmt es, das Büchlein mit empfehlenden Worten an den alten Meister nach Rom zu senden. Michelangelo dankt mit einem Satz, der in jeder Geschichte des Kommentars eingerahmt gehören müßte: Das Sonett stamme zwar von ihm, aber der Kommentar sei direkt vom Himmel gefallen. Steinmann hebt zugleich hervor, daß Varchis Büchlein deshalb so wichtig sei, weil es zum ersten Mal Licht auf Michelangelos Verhältnis zu Tommaso Cavalieri werfe. Schon hier zeigt sich das Entscheidende: In der Michelangelo-Literatur stehen nie nur Kunstfragen auf dem Spiel. Immer geht es auch um Nähe, Deutung, Diskretion und das, was man später Überlieferungspolitik nennen würde.

Dann kommt Condivi, und mit Condivi beginnt die Freude der Bibliophilen erst richtig. Die Vita Michelangelos von 1553, schreibt Steinmann, existiert in zwei verschiedenen Fassungen, obwohl sie mit demselben Titelblatt und sonst nahezu unverändert erschien. Die Forschung hatte das übersehen. Gori, der 1746 eine zweite Ausgabe veranstaltete, wußte davon nichts. In der zweiten Fassung wurden Passagen nachgeschoben, unter anderem über Julius III. und sogar über Dürers anatomische Versuche. Nur das Victoria and Albert Museum und das British Museum besaßen beide Fassungen. Steinmann selbst erwarb die zweite, vollständigere Fassung 1912 in der Libreria Loescher in Rom; die erste, seltenere, brachte ihm später sein Freund John Marshall ins Haus, ohne zu ahnen, daß er ihm damit genau jenes Exemplar schenkte, das er nicht mehr zu finden hoffte.

Leichenreden, Eifersüchteleien, fromme Verbrechen

Steinmann ist am besten, wenn er die Literatur nach Michelangelos Tod wie ein Kommissar durchsucht, der aus jedem Druck einen Zeugen macht. Da sind Tarsias Leichenrede, Salviatis Orazione, Varchis Orazione funerale, die Giunti-Drucke zum Leichenbegängnis, ja selbst zwei verschiedene Titelblätter derselben florentinischen Totenfeier, einmal auf den 28. Juni, einmal auf den 14. Juli datiert, weil die Feier verschoben werden mußte, während ganz Florenz in Bewegung war. Solche Dinge lesen sich bei Steinmann nicht wie bibliographische Kleinarbeit, sondern wie die Akten eines Falles, bei dem jedes Titelblatt lügt, zögert oder verrät. Er besitzt die beiden Varianten, und man merkt zwischen den Zeilen die stille Genugtuung des Mannes, der weiß, daß eine falsche Datierung manchmal mehr über eine Epoche sagt als ein Dutzend offizieller Chroniken.

Dann Vasari. Auch er wird bei Steinmann nicht zur Ehrenfigur, sondern zum Konkurrenten. Vasari überarbeitet 1568 das Leben Michelangelos in seinen Vite, nicht zuletzt aus Eifersucht auf Condivi, der sich als der eigentliche Herold des Ruhms Michelangelos aufgespielt hatte. Um sein besonderes Verhältnis zum Meister zu beglaubigen, publiziert Vasari Briefe Michelangelos und veranstaltet sogar eine Sonderausgabe der Vita mit prächtigem Giunti-Signet. Steinmann gelang es, ein tadelloses Exemplar mit breitem Rand und dem Porträt Michelangelos zu erwerben. Schon diese Episode zeigt, wie unerquicklich menschlich die große Kunstgeschichte sein kann: Ruhm erzeugt immer Nebenkriegsschauplätze, und Biographen sind oft bloß stilistisch gehobene Rivalen.

Am schönsten aber ist die Geschichte der Ausgabe von 1623, die Michelangelo Buonarroti der Jüngere, der pietätvolle Großneffe, von den Gedichten seines Ahnherrn besorgte. Steinmann referiert das mit bewundernswerter Kälte. Der Herausgeber habe nicht nur vollendet und verbessert, sondern ganze Beziehungen umfrisiert. Tommaso Cavalieri verschwand aus den Sonetten, Freundschaftsgedichte wurden in Liebesgedichte an Frauen verwandelt, und der wahre Michelangelo wurde, um den Argwohn frommer Augen zu vermeiden, einem Phantom geopfert. Erst viel später, mit Cesare Guasti und Karl Frey, wurde dieser gefälschte Text philologisch wieder eingeholt. Das ist keine Kleinigkeit der Editionsgeschichte. Das ist ein klassischer Fall von moralischer Kosmetik mit literarischen Leichen im Keller.

Der Sammler als Detektiv

Von da an wird Steinmann immer mehr zur großen Figur seines eigenen Essays. Er jagt Gianottis Dialoge, erwirbt Daellis Michelangelo-Dokumente, klagt über unauffindbare Nozze-Publikationen, spottet über moderne Luxusdrucke, lobt Horne und die Merrymount Press, blättert im Inventar von Michelangelos römischem Haus und hält am Ende im British Museum ein venezianisches Exemplar der Gedichte Vittoria Colonnas in der Hand, das Michelangelo selbst besessen haben muß. Das Schöne an diesem Text ist nicht nur sein Wissen. Es ist seine Bewegung. Steinmann sitzt nie bloß an einem Schreibtisch; er verfolgt Spuren, vergleicht Fassungen, rettet Randnotizen, erkennt Fälschungen, registriert Eifersucht, Besitz, Verlust, Wiederauftauchen. Er ist Kunsthistoriker und Jäger zugleich, ein Mann, der die Literatur um Michelangelo nicht nur studiert, sondern bewohnt.

Und genau darin berührt sich der Leipziger Fund von 1929 mit der ZVAB-Liste von 2025. Auf der Oberfläche trennen sie fast hundert Jahre und sehr unterschiedliche Marktwerte. In der Tiefe gehören sie in dieselbe Ordnung. Der Leibniz-Brief ist teuer, weil er Nähe konserviert. Tolkien ist teuer, weil Mythos in Material übergeht. Wilde, Louÿs und Waugh sind teuer, weil sie als Objekte in einer singulären Verfassung auftreten. Der Antiquariatsband ist kostbar, weil er eine ganze Epoche des geistigen Verkehrs bewahrt. Und Steinmanns Michelangelo-Essay ist der Beweis, daß der eigentliche Schatz des Antiquariats nie bloß in der Seltenheit liegt, sondern in der Dichte der Geschichten, die an einem Objekt haften.

So gesehen war die subtile Jagd in West-Berlin keine Jugendepisode, sondern die Vorschule dieses Blicks. In Sombarts Salon lernten die Begriffe sprechen; bei Brockmann am Bahnhof Zoo lernte das Papier zurückzusehen. Und irgendwann hält man dann einen Leipziger Band von 1929 in der Hand, schlägt Steinmann auf, und plötzlich ist alles wieder da: Leibniz unter Königin Anne, Michelangelo in Florenz, Vasari in Eifersucht, Tommaso Cavalieri in der Zensur, Heine als Kartonporträt im Laden, Foucault und Deleuze als Eintrittskarte in eine geheime Bruderschaft. Man betritt das Antiquariat, um Bücher zu finden, und merkt zu spät, daß man in Wahrheit in ein Komplott geraten ist. Das Papier war nie unschuldig. Es hat nur sehr lange geschwiegen.

Der wirksamste Tankrabatt ist der nicht gefahrene Kilometer

Politik am Symptom statt an der Ursache

Man kann einen angespannten Ölmarkt nicht mit Wunschdenken bekämpfen. Wer den Verbrauch nicht senkt, kuriert nicht die Ursache, sondern verteilt nur nachträglich die Folgen. Preisdeckel, Tankrabatte, Übergewinnsteuern, neue Meldepflichten für Tankstellen – all das mag politisch nach Handlungsfähigkeit aussehen. Ökonomisch bleibt es oft ein Umweg. Denn solange die Nachfrage nach Sprit hoch bleibt, bleiben auch Absatz und Margen der Mineralölwirtschaft hoch. Der Staat kann hinterher abschöpfen, regulieren, kontrollieren und kompensieren; er kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Anfang immer derselbe Vorgang steht: Es wird zu viel Öl verbrannt.

Gerade deshalb ist die deutsche Debatte unerquicklich. Sie kreist mit Vorliebe um Symptome, meidet aber den naheliegendsten Hebel. Wer über Spritpreise spricht, ohne über die Senkung des Verbrauchs zu reden, redet am Kern vorbei. Das eigentliche Problem steht nicht an der Zapfsäule. Es sitzt morgens im Auto – oft auf Strecken, die sich vermeiden, verlagern oder ersetzen ließen.

Der größte Hebel fährt jeden Morgen zur Arbeit

Rund 32 Millionen Menschen fahren in Deutschland täglich mit dem Auto zur Arbeit. Selbst bei sehr kurzen Distanzen von unter 5 Kilometern wird noch erstaunlich oft das Auto benutzt. Das ist nicht nur verkehrspolitisch unerquicklich, sondern energieökonomisch irrational. Denn der tägliche Pendelverkehr bindet riesige Mengen an Treibstoff, obwohl ein beträchtlicher Teil dieser Wege entweder digital, per Fahrrad oder mit dem E-Bike ersetzt werden könnte.

Die Rechnung ist aufschlußreich. Bei einer jährlichen Fahrleistung von rund 11.230 Kilometern pro Person ergibt sich für Arbeitswege eine Gesamtfahrleistung von rund 360 Milliarden Kilometern im Jahr. Würde man diese Strecke durch dezentrales Arbeiten und eine Verlagerung kurzer Wege auch nur halbieren, entfielen 180 Milliarden Kilometer. Das wäre keine symbolische, sondern eine volkswirtschaftlich relevante Größenordnung.

Homeoffice ist kein Kulturkampf, sondern Energiepolitik

Die Pandemie hat gezeigt, dass Deutschland zu weit mehr räumlicher Flexibilität fähig ist, als seine Präsenzrituale vermuten lassen. Homeoffice ist keine exotische Ausnahme mehr, sondern in vielen Branchen gelebte Realität. Umso erstaunlicher ist die Schärfe, mit der nun wieder gegen dezentrale Arbeit polemisiert wird – als sei körperliche Anwesenheit im Büro an sich schon ein Produktivitätsbeweis.

Dabei ist die Frage viel schlichter. Wo Arbeit digital erledigt werden kann, ist jeder vermiedene Pendeltag ein unmittelbarer Beitrag zu geringerer Nachfrage nach Sprit, zu geringeren Kosten für Haushalte und Unternehmen und zu weniger Emissionen. Niemand behauptet ernsthaft, daß Pflege, Produktion, Handwerk oder Logistik ins Homeoffice verlegt werden könnten. Aber gerade deshalb wäre es vernünftig, dort umso entschlossener umzusteuern, wo es sofort möglich ist.

Jeder nicht gefahrene Kilometer spart bares Geld

Auch in der reinen Verbrauchsrechnung ist der Effekt erheblich. Werden 180 Milliarden Kilometer vermieden und legt man einen durchschnittlichen Pkw-Verbrauch von 7,4 Litern je 100 Kilometer zugrunde, ergibt sich eine Einsparung von rund 13,3 Milliarden Litern Kraftstoff pro Jahr. Bei 8 Litern je 100 Kilometer wären es sogar 14,4 Milliarden Liter. Das ist keine Fußnote, sondern ein Einschnitt in die Nachfrage, den auch Ölkonzerne spüren würden.

Genau darin liegt der entscheidende Punkt. Alles, was den Verbrauch nicht senkt, beläßt die Mineralölwirtschaft in einer komfortablen Lage. Die Empörung über Preistreiberei läuft ins Leere, wenn die Gesellschaft gleichzeitig darauf beharrt, ihre Routinen nicht zu ändern. Wer morgens weiter dieselben Wege fährt, stabilisiert am Ende genau jenes Geschäftsmodell, über dessen Preise er sich abends empört.

Klimapolitik mit sofortiger Wirkung

Hinzu kommt der klimapolitische Effekt. Nach meiner Rechnung ließen sich durch die Halbierung der Pendelkilometer rund 25,38 Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Selbst wenn man je nach Datengrundlage und Methodik leicht abweichende Emissionsfaktoren ansetzt, bleibt die Richtung eindeutig: Das Einsparpotential ist enorm. Und es wäre sofort wirksam – ohne langwierige Genehmigungsverfahren, ohne milliardenschwere Subventionsprogramme, ohne den Aufbau neuer Behördenapparate.

Genau das macht dezentrales Arbeiten so interessant. Es ist einer der seltenen klimapolitischen Hebel, die kurzfristig, kostengünstig und ohne technologisches Warten greifen können. Man muß nicht erst auf eine vollständig neue Fahrzeugflotte, auf synthetische Kraftstoffe oder auf den perfekten Infrastrukturausbau hoffen. Man kann schlicht weniger fahren.

Kurze Wege anders organisieren

Zu dieser Vernunft gehört auch, die kurzen Strecken neu zu denken. Wer unter fünf Kilometer zur Arbeit zurücklegt, braucht in aller Regel keinen Verbrennungsmotor. Hier läge ein zweiter sofortiger Hebel: mehr Fahrrad, mehr E-Bike, mehr sichere Infrastruktur für genau diese Distanzen. Das wäre weder Verzichtsrhetorik noch Ideologie, sondern gesunder Menschenverstand.

Arbeitgeber könnten dabei eine größere Rolle spielen, als sie bislang wollen. Wer hybride Arbeitsmodelle ermöglicht, spart seinen Beschäftigten Zeit und Kosten. Wer sichere Fahrradabstellplätze, Duschmöglichkeiten oder Zuschüsse für E-Bikes anbietet, senkt den Pendelverkehr zusätzlich. Die Debatte muß deshalb raus aus der moralischen Aufladung und hinein in die nüchterne Organisation von Arbeit und Mobilität.

Was jetzt belohnt – und was jetzt wirkt

Viele der derzeit diskutierten Maßnahmen leiden an demselben Fehler: Sie lindern Preiseffekte, ohne den Verbrauch ernsthaft zu senken. Damit werden am Ende ausgerechnet jene Akteure geschont, die von hoher Nachfrage und knappen Märkten profitieren. Was als Entlastung gedacht ist, kann sich so als Stabilisierung eines teuren und klimaschädlichen Status quo erweisen.

Wirksam wäre dagegen eine Politik, die den Verbrauch tatsächlich reduziert: dezentrale Arbeit dort, wo sie möglich ist; Verlagerung kurzer Wege aufs Rad; digitale Infrastruktur statt Präsenzdogma; betriebliche Anreize statt bloßer Appelle. Das wäre kein kulturpolitisches Projekt, sondern vernünftige Wirtschafts- und Energiepolitik.

Der nicht gefahrene Kilometer ist der bessere Kilometer

Der Satz, an dem sich eine ernsthafte Wirtschafts- und Energiepolitik heute messen lassen muß, lautet daher nicht: Wie machen wir den Sprit etwas billiger? Er lautet: Wie machen wir ihn überflüssiger? Alles, was den Verbrauch nicht senkt, belohnt am Ende nur die Ölkonzerne für ihre Preistreiberei. Alles, was Wege vermeidet, trifft das Problem an der Wurzel.

Der wirksamste Tankrabatt ist deshalb der nicht gefahrene Kilometer. Und der klügste Kilometer ist der, der gar nicht erst entsteht.

Die Ökonomie der verlorenen Zeit

Dass die Marcel Proust Gesellschaft ihr Zürcher Symposium vom 11. bis 13. Juni dem Thema „Marcel Proust und die Ökonomie / Marcel Proust et l’économie“ widmet, ist mehr als eine glückliche Zuspitzung. In der Einladung ist von einem wichtigen, bislang aber nur selten systematisch untersuchten Aspekt von Prousts Leben und Werk die Rede; schon die angekündigten Vorträge über den homo oeconomicus, den Gefühlshaushalt, die Börse, die Kurtisane, den rollenden Luxus und den Wert der Liebe zeigen, dass es hier nicht um eine äußerliche Anheftung geht, sondern um eine innere Kategorie der Recherche. Organisiert wird das Symposium von Thomas Klinkert (Universität Zürich) und Jürgen Ritte (Université Sorbonne Nouvelle, Paris) in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der Universität Zürich.

Geld als Gesellschaftssprache

Proust unter ökonomischem Vorzeichen zu lesen heißt zunächst, sich von einer alten Verharmlosung zu lösen. Zu gern hat man die Recherche als Roman der Erinnerung, der Eifersucht, der Krankheit, der Kunst und der Salons betrachtet, mithin als ein Werk von erlesener Nutzlosigkeit. In Wahrheit ist diese Welt von Geld durchzogen, nur eben nicht in der groben Sprache der Rechnung, sondern in der feineren des Milieus. Besitz erscheint als Herkunft, Erbschaft, Heirat, Anlage, Name, Zutritt. Schon biographisch steht Proust in einem Gefüge, in dem Vermögen und Bildung einander tragen: auf der einen Seite der gesellschaftliche Aufstieg des Vaters, auf der anderen ein mütterliches Milieu aus Wohlstand, Geschäftssinn und Finanzverstand; selbst Horace Finaly, der Proust später bei Geldanlagen beriet, gehört zu diesem Hintergrund. Geld ist hier nicht bloß Mittel, sondern diskrete Infrastruktur einer Lebensform.

Der Preis der Distinktion

Freilich ist Geld bei Proust fast nie nur Geld. Es wird umgemünzt in Rang, Stil, Eleganz, Sicherheit des Auftretens, in die Magie des Namens und die Grausamkeit des Ausschlusses. Gerade darin liegt die Modernität seines Blicks. Die eigentlichen Unterschiede verlaufen nicht allein zwischen arm und reich, sondern zwischen altem Adel und neuem Vermögen, zwischen legitimer Souveränität und angestrengter Distinktion. Besonders scharf erfasst Proust jene Welt des Geldes, die bereits in die Sphäre der Aristokratie hineindrängt und eben deshalb den Abstand umso demonstrativer markiert. Luxus ist bei ihm keine Komfortfrage, sondern eine Zeichensprache. Der Blick, der Gang, die Bekanntschaft, der Familienname, die Art der Einladung — alles wird zum sozialen Emblem. Nicht Besitz allein trennt, sondern die Fähigkeit, ihn in Selbstverständlichkeit zu verwandeln.

Gegen die falsche Wertlehre

Von hier aus wird auch die berühmte Norpois-Szene lesbar. Sie ist nicht nur eine Satire auf den diplomatischen Banausen, sondern eine kleine Theorie des falschen Werturteils. Norpois misst Literatur an Karrierefähigkeit, gesellschaftlicher Brauchbarkeit und jenem Erfolg, den das Bürgertum so gern mit Qualität verwechselt. Bezeichnenderweise wird diese verfehlte Ästhetik durch ein kulinarisches Gleichnis gespiegelt: hier das teure, exotische, misslungene Gericht, dort die schlichte, gelungene Komposition. Proust setzt dem Prestigedenken der Zutaten die Form der Verbindung entgegen. Wert entsteht nicht durch Kostbarkeit, sondern durch Struktur, Dauer und Durchdringung. Was der Markt rasch belohnt, interessiert ihn nur am Rand; was ihn beschäftigt, ist die langsame Bildung von Zusammenhang. Die Recherche ist, wenn man so will, das Gegenteil eines spekulativen Geschäfts: ein Werk des langen Garens.

Zeit als Kapital

Am tiefsten berührt das Ökonomische bei Proust jedoch die Zeit. Denn die verlorene Zeit ist in einem doppelten Sinn verloren: als vergangene Zeit und als verschwendete Zeit, als auf Gesellschaften, in Gewohnheiten, in Eitelkeiten vertane Lebenssubstanz. Gerade darin zeigt sich die eigentliche Radikalität des Romans. Er behandelt Zeit nicht bloß elegisch, sondern beinahe buchhalterisch — nicht im Sinn des Rechnens, wohl aber im Sinn der Frage, was aus einem Leben geworden ist. Die unwillkürliche Erinnerung ist deshalb mehr als ein psychologisches Wunder; sie ist eine Rückgewinnung. Erst die Kunst verwandelt, was zerstreut und unfruchtbar schien, in Dauer. Proust ist in diesem Punkt antiökonomisch und ökonomisch zugleich: antiökonomisch, weil er den platten Nutzenkalkül lächerlich macht; ökonomisch, weil er unerbittlich fragt, welcher Ertrag aus dem Erlebten zu ziehen sei.

Der Markt der Gefühle

Damit rückt auch jene Sphäre in den Blick, die das Zürcher Symposium mit gutem Grund als Gefühlshaushalt, als Wert der Liebe oder als venale Dimension der Beziehung zu Albertine beschreibt. Bei Proust sind Affekte niemals unschuldig. Liebe ist Hingabe und Besitzanspruch, Verzückung und Verwaltung, Verheißung und Drohung des Verlusts. Eifersucht ist die Buchhaltung des Herzens. Selbst wo das Gefühl sich am reinsten gibt, arbeitet im Hintergrund eine Logik des Tauschs, der Exklusivität, der Verfügbarkeit. Das ist nicht Zynismus, sondern Präzision. Proust macht die Intimität nicht geringer, sondern genauer, indem er zeigt, wie tief sie in eine Ordnung des Begehrens eingelassen ist, die fortwährend rechnet, ohne je aufzugehen.

Die Kurtisane und die Moralökonomie der Gesellschaft

Besonders deutlich wird diese Verflechtung an der Figur der Kurtisane. Sie ist bei Proust nicht nur Ware in einer zynischen Tauschordnung, sondern eine Schlüsselfigur sozialer Wahrheit. Die Gesellschaft verachtet sie, während sie sich zugleich von ihr formen lässt. In den Notizen zu Rachel erscheint sie geradezu als Schule des Takts, der Sensibilität, der Verfeinerung, ja als Instanz einer kulturellen Erziehung, zu der der Adel aus eigener Kraft oft nicht mehr fähig ist. Das ist die eigentliche Unverschämtheit dieser Figur: dass ausgerechnet dort, wo die offizielle Moral nur Venalität erkennen will, Formen von Zartgefühl, Geschmack und Bildung hervorgebracht werden. Die Kurtisane entlarvt damit eine Gesellschaft, deren Würde von ihr zehrt, während sie sie verachtet.

Glanz und Unterbau

Eine ökonomische Lektüre Prousts hat noch einen weiteren Vorzug: Sie zwingt dazu, unter die glänzenden Oberflächen zu sehen. Die Welt der Guermantes, der Equipagen, Diners und Empfänge ruht auf einem Unterbau aus Diensten, Löhnen, Mieten, langen Arbeitszeiten und sozialer Ungleichheit. Die in den Materialien versammelten Preis- und Lohndaten aus dem Paris der Belle Époque erinnern daran, dass hinter jeder Form mondäner Leichtigkeit eine andere Zeit steht: die verkaufte Zeit der Kutscher, Kellner, Arbeiter, Haushaltshilfen und Briefträger. Gerade dadurch verliert Proust nichts von seiner Eleganz. Im Gegenteil: Sie gewinnt Schärfe. Denn nun erscheint die Gesellschaft nicht mehr als schwebendes Dekor, sondern als System, dessen feinste Oberflächen auf unsichtbarer Arbeit beruhen.

Gegen den homo oeconomicus

Vielleicht liegt hier die eigentliche Pointe des Zürcher Themas. Prousts Werk handelt von Wert, aber es glaubt nicht an die letzte Autorität der Berechnung. Es zeigt, wie Vermögen in Prestige, Prestige in Illusion, Liebe in Besitzgier, Zeitverlust in Erkenntnis und Erkenntnis schließlich in Kunst umschlagen kann. Das Ökonomische ist bei ihm allgegenwärtig, aber nie souverän. Gerade darin untergräbt Proust den homo oeconomicus: nicht, indem er ihn widerlegt, sondern indem er ihn in eine Welt versetzt, in der die höchsten Werte dort entstehen, wo jede Rechnung scheitert. Was am Ende zählt, lässt sich nicht bilanzieren. Es muss erinnert, erlitten, geformt werden. Und vielleicht ist das die präziseste Definition jener Ökonomie, die Proust wirklich interessiert: nicht die des Rechnens, sondern die des Verwandelns.

You Can’t Judge a Book by it’s Cover oder: Die Geste des HerausGebens

Auftakt: Transit als Denkform

Bahnhof.
Kaffeehaus.
Rollendes Gepäck.
Ein Satz kommt an, ein anderer fährt schon ab.

So beginnt dieser außergewöhnliche Band des Merve Verlags nicht als Buch im stillen Sinn, nicht als abgeschlossene Form, sondern als Durchgang. Als Stimmenlage. Als Arrangement von Ankünften, Abfahrten, Einschüben, Aufnahmen, Übertragungen. Nicht das Buch liegt vor uns, sondern eine Schaltung: Theorie im Transit, Denken mit Nebengeräusch, ein Verlag, der sich als Milieu hörbar macht. Im Buchobjekt „You Can’t Judge a Book by it’s Cover“ werden Stimmen, Geräusche, Autoren, Verfahren und Verlagspraxis so montiert, dass die Reihe selbst zu sprechen beginnt.

Foucault: Das Buch als Räumlichkeit

Foucault spricht zuerst, oder genauer: der Raum spricht durch ihn. Man lebe nicht in einem „neutralen und weißen Raum“, nicht auf dem Rechteck eines Papiers, sondern in Passagen, Métros, Cafés, Kinos, Hotels, in hellen und dunklen Zonen, in porösen und harten Regionen. Das ist mehr als eine Theorie der Räume. Es ist bereits eine Verlagsästhetik. Denn auch Merve dachte das Buch nie als leere Fläche, sondern als soziales Klima, als Passage.

Die verlegerische Operation: Umlegen, umlagern, neu verkoppeln

Dann die verlegerische Geste selbst: Verlegen heiße, so Hanns Zischler, „wo anders hinlegen“. Ein Autor wird seinem eigenen Zusammenhang entzogen und neben andere Texte gelegt; ein Aufsatz wird umgelagert, ein Titel neu gesetzt, eine Nachbarschaft hergestellt, die es vorher nicht gab. Und Diedrich Diedrichsen bringt dafür die schönste Formel: „Aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen.“ Genau das ist Merve. Kein Heiligtum des Werks, sondern eine Kunst der neuen Verkettung. Nicht Bewahrung im klassischen Sinn, sondern produktive Umlagerung. Der Verlag als Montage-Tisch, als Mischpult, als Stelle, an der Theorie ihre Nachbarn wechselt.

Die Serie spricht: Jubiläum als Stimmenkomposition

Deshalb ist dieser Band so merkwürdig und so genau: Er feiert im Jahr 1995 nicht einfach 25 Jahre Verlag, sondern stellt die Feier selbst unter das Gesetz der Serie. Nicht Festschrift, sondern Stimmenkomposition. Nicht Jubiläumston, sondern Zuggeräusch. Nicht Rückblick, sondern Rückkopplung. Die Reihe erscheint als mosaikartige Struktur, als ein Feld unterschwelliger Gemeinsamkeiten, als Bündel von Nebenwurzeln: Foucault neben Deleuze, Virilio neben Baudrillard, Techno neben Philosophie, Kybernetik neben Ethik, Pop neben Theorie. Man könnte sagen: Hier wird nicht das Werk gefeiert, sondern die Anschlussfähigkeit. Nicht der einzelne Autor glänzt, sondern die Funken springen zwischen den Bänden.

Taubes: Sprache, Übertragung, Relais

Jacob Taubes setzt einen Grundton: Sprache, in weitem Sinn, sei „ununterbrochen ein Abbilden von einer Sprache auf die andere Sprache“. In diesem einen Satz steckt die ganze geheime Mechanik des Verlags. Denn Merve übersetzt nicht bloß aus dem Französischen oder Amerikanischen ins Deutsche. Merve übersetzt Denkweisen in Reihen, Gespräche in Taschenbücher, Stimmen in Schnitte, Milieus in Formate, Theorie in Umlauf. Taubes sagt Sprache und meint schon Übertragung; Merve hört Übertragung und macht daraus Programm. So werden Leser zu Machern, Theorien zu Materialien, Bücher zu Werkzeugkästen, Brücken, Labels, Rückkopplungen. Das Buch ist nicht Endpunkt, sondern Relais.

Heinz von Foerster: Entscheidungen im Unentscheidbaren

Heinz von Foerster öffnet den Abgrund mit heiterer Nüchternheit: Der Ursprung des Universums sei „prinzipiell nicht beantwortbar“. Wenn einer erkläre, wie das Universum entstanden sei, erfahre man etwas über ihn, nicht über den Ursprung. Das ist als kosmologischer Satz brillant; als verlegerischer Satz ist er noch besser. Denn auch ein Verlagsprogramm hat keinen absoluten Grund. Warum dieser Text jetzt? Warum dieser Autor? Warum diese Serie? Warum diese riskante Nachbarschaft? Es gibt keine letzte Begründung. Es gibt nur Entscheidungen im Unentscheidbaren. Und gerade dort beginnt Stil. Gerade dort beginnt Herausgeben. Nie sagen: Das kenne ich schon. Immer wieder: noch einmal sehen, noch einmal hören, noch einmal riskieren.

Baudrillard: Der ungeöffnete Schirm

Baudrillard kommt wie ein trockener Blitz. Kein Trost, kein System, eher eine kleine Parabel, die sich sofort ins Nervensystem frisst: ein Mensch geht im Regen spazieren und trägt den Schirm unterm Arm. Man fragt ihn, warum er ihn nicht aufspanne. Er antwortet: „Ich möchte nicht am Ende meiner Möglichkeiten fühlen.“ Das ist der Satz, an dem die ganze Pose der Souveränität kippt und zugleich glänzt. Nicht Unvermögen, nicht Nachlässigkeit, sondern die kalte Verweigerung des verfügbaren Schutzes. Die Möglichkeit ist da, aber sie soll nicht eingelöst werden. Der Schirm bleibt Potential. Vielleicht ist das überhaupt eine Figur des Merve-Denkens: Die Apparate sind da, die Systeme sind da, die Diskurse sind da — aber interessant wird es erst dort, wo man sie nicht einfach benutzt, sondern gegen ihre beruhigende Funktion kehrt. Baudrillard bei Merve war nie Dekoration; er war Störsender.

Szeemann: Erinnerung als Zirkulation

Harald Szeemann spricht vom Medium im Hinblick auf das „Überleben einer Person in der Erinnerung“. Das klingt archivalisch, ist aber bei Merve gerade nicht museal. Denn Erinnerung heißt hier nicht Konservierung, sondern Fortsetzung unter veränderten Bedingungen. Eine Stimme bleibt nicht, weil sie bewacht wird, sondern weil sie wieder auftaucht, neu montiert wird, in andere Zusammenhänge gerät, von anderen aufgenommen wird. Nicht das Monument, sondern die Zirkulation rettet. Nicht die Vitrine, sondern die Weitergabe. Darum die kleine Form, das Taschenbuch, die sparsame Machart, die hohe editorische Präzision: gebundene Energie, bereit, an anderer Stelle wieder freigesetzt zu werden.

Heiner Müller: Demokratismus der Elemente

Heiner Müller nennt es einen „Demokratismus in der Ästhetik“: Licht, Ton, Kostüm, Bühnenbild, Text — keine Hierarchie. Auch dieser Band funktioniert genau so. Hier herrscht keine alte Oberhoheit des Autors. Das Geräusch ist nicht Beiwerk. Der Schnitt ist nicht bloß Technik. Der Titel ist nicht Verpackung. Die Reihe ist nicht Verwaltung. Alles arbeitet gleichberechtigt am Sinn. Daher ist „You Can’t Judge a Book by it’s Cover“ im tiefsten Sinn auch Theater: eine Inszenierung der Gleichrangigkeit von Elementen. Verlag nicht als Büro, sondern als Bühne des Arrangements.

Hannes Böhringer: Wiederholbarkeit des Glücks

Und Hannes Böhringer setzt die schöne Schranke: Das Subjekt des Vergnügens sei stumm, es könne nur ausrufen, wie schön das sei, und es wiederholen. Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit dieses Bandes. Er will nicht endgültig auslegen, nicht alles hermeneutisch stillstellen. Er will den richtigen Ton treffen, die Wiederholbarkeit eines Impulses, die kleine Sprechfaulheit des Glücks, die man nur künstlich, nur als Mimesis, nur als Form noch einmal aufrufen kann. Der Verlag komponiert also nicht nur Begriffe; er komponiert Wiederholbarkeit. Er sucht die Tonart, in der Widerspruch und Anklang zusammen möglich bleiben.

Deleuze: Das Gras wächst aus der Mitte

Und dann Deleuze, fast am Ende, fast wie eine Regieanweisung für alles Vorangegangene: nicht die Wurzel, sondern das Gras; nicht die Herkunft, sondern die Mitte; nicht der Stammbaum, sondern das Rhizom. „Die Herbe … pousse durch den Milieu“ — das Gras wächst durch das Milieu. Dieser Satz könnte über dem ganzen Merve-Projekt stehen. Denn auch dieser Band wächst aus der Mitte heraus: aus dem Dazwischen der Stimmen, aus der Gegenwart, aus einer Aufmerksamkeit für Querverbindungen, Übergänge, plötzliche Singularitäten. Nicht von oben verordnet, nicht aus einer Lehrmeinung entwickelt, sondern mittendrin, im Lärm, im Café, im Gespräch, am Bahnsteig, im kleinen Format, mit großer Wachheit.

Die Geste des HerausGebens: Gabe an die Gegenwart

So wird die „Geste des HerausGebens“ sichtbar. Nicht als noble Gönnerpose. Nicht als kuratorische Eitelkeit. Sondern als eine Gabe an die Gegenwart. Mit der Publikation eines Buches, heißt es, setze man „etwas in die Welt“, gebe, ja schenke der Welt etwas. Der Satz ist schlicht und maßlos zugleich. Denn schenken heißt hier nicht besänftigen, sondern zusetzen. Etwas in Umlauf bringen, das andere Umläufe stört. Eine Stimme hörbar machen, die noch keinen Ort hatte. Ein Denken so klein formatieren, dass es reisen kann. Ein Buch so setzen, dass es keine Ruhe gibt.

Schluss: Eine Serie von Übergängen

Am Ende bleibt nicht das Cover.
Am Ende bleibt auch nicht der Autor als Statue.
Am Ende bleibt eine Serie von Übergängen.

Foucault: Raum.
Taubes: Übertragung.
von Foerster: Unentscheidbarkeit.
Baudrillard: der ungeöffnete Schirm.
Szeemann: Erinnerung.
Müller: Gleichrangigkeit.
Deleuze: Gras aus der Mitte.

Und Merve?
Merve ist die Stelle, an der diese Stimmen einander nicht erklären, sondern aussetzen.
Ein Verlag als Passage.
Ein Band als Schaltkreis.
Ein kleines Buchobjekt, das mehr weiß als sein Umschlag.

https://ichsagmal.com/tag/peter-gente

Fundgrube: Seite über Heidi Paris.

Die Freiheit der Wissenschaft nach dem politischen Ernstfall

Sabine Dörings neues Buch „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ ist ein Eingriff in eine Debatte, die sich in Deutschland zuletzt allzu oft im Alarmismus erschöpft hat. Mal wird die Universität als von Gesinnungsaktivisten gekaperte Anstalt beschrieben, mal als notorisch reformunwilliges Machtkartell, das sich gegen gesellschaftliche Ansprüche abschottet. Die Philosophin Döring geht einen anderen Weg. Sie versucht, den Begriff der Wissenschaftsfreiheit von beiden Übertreibungen zu befreien: von der nostalgischen Vorstellung einer je unpolitischen Universität ebenso wie von der progressiven Versuchung, wissenschaftliche Geltung an moralische und politische Passung zu binden. Der Gegenstand ihres Buches ist nicht bloß der äußere Schutz der Wissenschaft. Es geht um die Eigenlogik einer Praxis, die auf Wahrheit, Rechtfertigung und Revision angewiesen bleibt.

Der politische Hintergrund dieses Buches ist bekannt, aber er darf nicht mit dessen Inhalt verwechselt werden. Döring war Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium und verlor ihr Amt in der Fördermittelaffäre. Patrick Bahners hat im FAZ-Einspruch-Podcast mit Klaus Ferdinand Gärditz darauf hingewiesen, dass dieser Fall womöglich einmal die Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftssoziologie beschäftigen werde. Das ist als Kontext wichtig, weil Döring die Affäre später selbst als Beispiel für die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit deutet. Für die Qualität des Buches ist jedoch entscheidender, dass es sich nicht in einer nachträglichen Rechtfertigung erschöpft. Es ist breiter, systematischer und intellektuell ambitionierter als ein bloßes Buch nach einem Sturz aus dem Amt.

Aktivismus als ambivalente Machtform

Der stärkste begriffliche Zug des Buches liegt in der Verschiebung der Frage. Döring behandelt Wissenschaftsfreiheit nicht allein als Abwehrrecht gegen den Staat. Sie fragt vielmehr, ob nicht auch nichtstaatliche Akteure, inneruniversitäre Milieus, wirtschaftliche Interessen, digitale Öffentlichkeiten und politische Erwartungskulturen in die Autonomie wissenschaftlicher Prozesse eingreifen. „Bedrohlich“ seien, so Döring, „alle Machtwirkungen“, die wissenschaftliche Rationalität durch „normative Setzungen, Erwartungsdruck oder Sanktionierungsmechanismen“ überlagern. Für diese Konstellationen wählt sie den weiten Begriff des „Aktivismus von unten“. Schon diese Begriffswahl verrät die Stoßrichtung des Buches: Nicht nur Verbote und Gesetze gefährden freie Forschung, sondern auch moralischer Druck, institutionelle Konformität und die politisch codierte Umstellung von Gütekriterien.

Döring ist dabei klug genug, Aktivismus nicht pauschal zu denunzieren. Ihre historische Skizze über den Aktivismus an Universitäten gehört zu den instruktivsten Partien des Bandes. Die Universität erscheint dort nicht als unberührter Schutzraum, sondern als ein seit dem Vormärz politisch aufgeladener Ort. Die Paulskirchenverfassung, die Wissenschaftsfreiheit erstmals ausdrücklich garantierte, war selbst Ergebnis einer hochpolitischen Bewegung. Auch später blieb die Hochschule eine Arena politischer Selbstverortung: im nationalen Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts, im akademischen Illiberalismus des Kaiserreichs, in der entpolitisierten Nachkriegszeit, in der Studentenbewegung der sechziger Jahre und in den identitätspolitischen Mobilisierungen der Gegenwart. Dörings Pointe lautet deshalb nicht, Politik habe an der Universität nie etwas zu suchen gehabt. Ihre Pointe lautet, dass aus der historischen Verflechtung von Wissenschaft und Politik noch keine normative Erlaubnis folgt, die Maßstäbe der Wissenschaft politisch umzucodieren.

Die Universität als Ort der Wahrheit, nicht der Gesinnungsprüfung

Daraus entwickelt Döring ihre leitende These. Auf dem Campus bedürfe es einer „strikten funktionalen Trennung“ zwischen dem Schutzraum epistemischer Praktiken und den Räumen politischer Artikulation. Beides sei schützenswert, beides dürfe gedeihen, aber keines dürfe das andere gefährden. Das ist der normative Kern des Buches. Er richtet sich gegen rechts wie gegen links, gegen populistische Wissenschaftsfeindschaft ebenso wie gegen die moralische Präventivdisziplinierung von Forschung. Man muss diese Trennung nicht in jeder Formulierung teilen, um ihre analytische Kraft zu sehen. Döring erinnert mit Nachdruck daran, dass Wissenschaft nicht einfach die lautere oder sozial wünschbarere Meinung ist, sondern eine institutionalisierte Form öffentlichen Vernunftgebrauchs mit eigenen Standards.

Besonders stark wird das Buch dort, wo es die epistemischen Funktionen von Aktivismus ernst nimmt. In der Tradition Mills kann freie Meinungsäußerung dazu beitragen, dass Wahrheitsansprüche nicht zu „dead dogma“ erstarren. Aktivismus kann blinde Flecken sichtbar machen, Kritik erzwingen, Trägheit aufbrechen. Döring ist hier deutlich differenzierter, als es manche ihrer öffentlichen Leser vermuten dürften. Sie verteidigt Wissenschaft nicht durch Abschottung, sondern durch die Fähigkeit, Irritationen aufzunehmen, ohne die eigenen Prüfmaßstäbe preiszugeben. Produktiv ist Aktivismus dort, wo er wissenschaftliche Rechtfertigungsprozesse herausfordert; gefährlich wird er dort, wo er an ihre Stelle treten will.

Pandemie und die Überforderung der Wissenschaft

Zu den besten Kapiteln des Buches gehören die Seiten über die Pandemie. Döring analysiert dort eine doppelte Fehlentwicklung. Einerseits wurde wissenschaftliche Expertise öffentlich delegitimiert; andererseits übertrug die Politik normative Verantwortung an Wissenschaftler und Institutionen, indem sie Maßnahmen als bloße „Folgen der Wissenschaft“ darstellte. Daraus entstand jene eigentümliche Überhöhung von Experten, die sie zugleich politisch verwundbar machte. Der entscheidende Satz des Buches lautet: „Wissenschaft muss beraten dürfen, ohne zu entscheiden; Politik muss entscheiden, ohne sich hinter Expertise zu verstecken.“ Präziser lässt sich der liberale Rollenunterschied kaum formulieren. Dörings Kritik zielt damit weder auf Wissenschaft noch auf Beratung, sondern auf die politische Selbstentlastung, die normative Konflikte als technische Notwendigkeiten tarnt.

Daran schließt ihre Medienkritik an. Döring beschreibt das Phänomen der „false balance“ als eine fatale Verwechslung von Neutralität und Parität. Wenn methodisch gebundene Expertise und spekulative, ideologisch motivierte oder bewusst irreführende Positionen formal gleichbehandelt werden, entsteht keine Ausgewogenheit, sondern Desinformation. Die Öffentlichkeit verlernt dann, zwischen Gründen und bloßer Sichtbarkeit zu unterscheiden. Das ist eine der überzeugendsten Passagen des Buches, weil sie Wissenschaftsfreiheit nicht als Standesinteresse, sondern als Bedingung einer vernünftigen Öffentlichkeit verteidigt.

Die heikle Zone: Identitätspolitik und ideologisierte Wissenschaft

Am umstrittensten dürfte Döring dort werden, wo sie innerwissenschaftliche Formen der „Anti-Wissenschaft“ beschreibt. Dazu zählt sie nicht nur offene Pseudowissenschaft und verschwörungsideologische Gegenordnungen, sondern auch subtilere Formen ideologisch motivierter Forschung, in denen Standards „selektiv gebeugt“ werden, wo politische oder moralische Zielsetzungen dies opportun erscheinen lassen. Hier nennt sie ausdrücklich bestimmte Strömungen intersektionaler und postkolonialer Theorie. Der kritische Punkt liege nicht im moralischen Anliegen als solchem, sondern in einer Begründungsstruktur, die die Frage nach Wahrheit und Rechtfertigung durch die Frage nach sozialer Position, Identität oder Machtlage ersetzt. An die Stelle universeller Rationalität trete dann eine positionsabhängige Bewertungslogik.

Hier zeigt sich zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Die Stärke liegt im Mut zur Unterscheidung. Döring benennt ein reales Problem: Wissenschaft gerät unter „präventiven Rechtfertigungsdruck“, wenn moralische Sensibilität zum Kriterium epistemischer Zulässigkeit selbst wird. Die Schwäche liegt in der Weite des Aktivismusbegriffs. Nicht alles, was unter moralischem oder identitätspolitischem Vorzeichen auftritt, folgt derselben Logik; nicht jede normative Aufladung wissenschaftlicher Debatten ist schon ein Angriff auf Wissenschaftsfreiheit. Döring weiß das selbst und baut Sicherungen ein, wenn sie betont, nicht jede Abweichung vom Mainstream sei illegitim. Dennoch bleibt der Eindruck, dass das Buch diagnostisch stärker ist als soziologisch fein. Als Streitschrift ist das wirkungsvoll. Als Theorie kostet es Präzision.

Der Fall Döring als Illustration, nicht als Zentrum

Erst vor diesem Hintergrund gewinnt die Fördermittelaffäre ihren Platz im Buch. Sie steht nicht am Anfang, sondern als Beispiel für ein allgemeineres Problem: die politische Instrumentalisierung bestehender Regeln durch Verwaltung und Exekutive. Genau hier ist die knappe Einordnung durch Bahners und Gärditz hilfreich. Bahners rahmt den Fall im Einspruch-Podcast als Vorgang von über den Tag hinausreichender Bedeutung. Gärditz, Professor für Öffentliches Recht in Bonn, liest ihn als Beispiel strategisch missverständlicher amtlicher Kommunikation und als Lehrstück über die Grenzen des Quereinstiegs. Staatssekretärsämter seien Leitungsfunktionen, sagt er; man brauche dafür Verwaltungs- und Politikerfahrung, um „auf diesen beiden Klaviaturen“ spielen zu können. „Für Freigeister ist da gar nicht so viel Raum.“ Das ist nicht bloß eine Bemerkung über Personal. Es ist eine institutionelle Ergänzung zu Dörings eigener Theorie der Rollendifferenz.

Gerade weil Bahners und Gärditz den politischen Fall knapp, aber treffend rahmen, wird deutlicher, was Dörings Buch eigentlich leistet. Es ist kein Buch nur über eine Affäre. Es ist ein Buch über die Bedingungen, unter denen Wissenschaft in liberalen Demokratien frei bleiben kann: gegen populistische Delegitimierung, gegen moralische Übercodierung, gegen administrative Lenkung und gegen eine Öffentlichkeit, die zwischen Kritik und Gleichmacherei nicht mehr sauber unterscheidet. In diesem Sinn ist „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ mehr als ein zeitgebundener Debattenbeitrag. Es ist eine interventionistische Theorie der Universität im Zeitalter politischer Dauererregung.

Kleines Resümee

Dörings Buch ist streitbar, manchmal scharfkantig, gelegentlich überdehnt, aber fast nie unerquicklich banal. Sein Ertrag liegt in der Wiederherstellung von Grenzlinien, die in den vergangenen Jahren absichtlich oder fahrlässig verwischt worden sind: zwischen Wissenschaft und Meinung, zwischen Beratung und Entscheidung, zwischen moralischem Anliegen und epistemischer Geltung. Nicht jede These überzeugt im Detail. Doch der Kern des Buches ist stark: Wissenschaftsfreiheit ist nicht bloß Schutz vor Verboten, sondern Schutz einer Praxis, die nur dann gesellschaftlich nützlich bleibt, wenn sie nicht vorab auf politische und moralische Eindeutigkeit verpflichtet wird. Genau deshalb verdient dieses Buch eine ernsthafte Lektüre — nicht nur als Dokument eines Falls, sondern als Diagnose einer Ordnungskrise der Wissenschaft selbst.

Siehe auch:

Der tote Frosch der Debattenkultur

Das Froschgleichnis ist schnell erzählt und genau deshalb so beliebt: Angeblich springt der Frosch aus heißem Wasser sofort heraus, bleibt im langsam erhitzten Wasser aber so lange sitzen, bis er gar ist. Mit diesem Küchenmärchen erklärt man dann gern die gesellschaftliche Trägheit angesichts der Klimakrise. Das ist nicht nur biologischer Unsinn, sondern auch rhetorischer Komfortmüll. Denn die Metapher tut so, als sei die Katastrophe vor allem ein Wahrnehmungsproblem. Als hätten wir es mit zu wenig Temperatursinn zu tun und nicht mit Interessen, Besitzständen und organisierter Verantwortungslosigkeit. Der Frosch ist das Alibi-Tier der Leute, die ungern Ross und Reiter nennen. Und deshalb ist es so ermüdend, ihm schon wieder im „Philosophie Magazin“ zu begegnen.

Ronald Düker eröffnet seinen Text „Den Frosch zum Springen bringen“ tatsächlich mit genau diesem alten Sumpfbestand der Debattenprosa. Da sitzt er also wieder, der Frosch, auf Seite neunzig der Gegenwart, und muss den Deutschen erklären, was schleichende Gefahr ist. Als hätte es für das Problem der Klimakrise nicht längst genug Bilder gegeben: brennende Wälder, vertrocknete Flüsse, überflutete Städte, Hitzetote, Ernteausfälle. Nein, es muss wieder die Amphibie sein, das Maskottchen des feuilletonistischen Erkenntnisnotstands.

Und natürlich bleibt es nicht beim Frosch. Kaum ist das Tier im Topf versenkt, geht es auch schon los mit dem eigentlichen Lieblingssport des gebildeten Krisendiskurses: dem Gerede über Narrative. Fünf Philosophen, ein Soziologe und eine Aktivistin untersuchen, was uns am Handeln hindert. Die Antwort lautet dann sinngemäß: zu viel Apokalypse, zu viel Angst, zu viel Lähmung, zu wenig motivierende Erzählung. Man müsse, so die Stoßrichtung, weg vom düsteren Untergangssound und hin zu Erfolgsgeschichten, Möglichkeitssinn und aktivierenden Perspektiven. Als sei die Atmosphäre eine sensible Leserschaft, die nur dann mitmacht, wenn der Ton freundlich genug gesetzt ist.

Das ist der Moment, in dem man unwillkürlich böse wird. Denn die Klimakrise ist kein Problem des Framings. Sie ist kein Kommunikationsseminar mit schwierigem Publikum. Sie ist auch nicht daran gescheitert, dass die Erzählung zu negativ war. Sie scheitert an Industrien, Interessen, Bequemlichkeiten, Profiten, Wahlzyklen, Lobbyarbeit, an der sehr materiellen Entscheidung, die Dinge lieber weiterlaufen zu lassen. Aber kaum wird es unangenehm konkret, flüchtet ein bestimmtes Milieu sofort in den weich gepolsterten Plural der „Narrative“. Dann ist nicht mehr von Macht die Rede, sondern von Geschichten. Nicht mehr von Verantwortung, sondern von Wahrnehmung. Nicht mehr von Schuld, sondern von psychologischer Aktivierung. Das Haus brennt, und im Salon fragt jemand, ob „Brand“ nicht ein bisschen zu apokalyptisch klingt.

Der Text referiert pflichtschuldig Hans Jonas, Tugendethik, Naturwissenschaft plus Ethik, dazu Carla Hinrichs mit ihrem Bericht über Aktivismus und Staatsgewalt, und Sighard Neckel mit dem Hinweis, dass Kapitalismus und Klimapolitik keine glückliche Ehe führen. Das ist alles nicht falsch. Im Gegenteil: Es ist oft sogar vernünftig. Nur liegt gerade darin das Problem. Die Vernünftigkeit wird hier in Watte gepackt. Alles ist bedacht, ausgewogen, eingeordnet, anschlussfähig. Sogar die Verzweiflung kommt geschniegelt daher. Auf der nächsten Seite stehen die Bücher geschniegelt im Studio-Licht gleich mit dabei, als hätte man für die Katastrophe noch schnell einen Produkttisch aufgebaut. Die Welt geht zugrunde, aber bitte in ordentlicher Auslage.

Und dann diese deutsche Sehnsucht, aus jeder historischen Zumutung am Ende doch noch einen inneren Arbeitsauftrag zu machen. Wir brauchen mehr Möglichkeitssinn. Mehr Achtsamkeit. Mehr moralische Beweglichkeit. Vielleicht sogar mehr Erfolgsgeschichten. Immer dieser pädagogische Restoptimismus, als wäre die Lage am Ende doch ein Fall für bessere Selbstbeschreibung. Nein. Vielleicht brauchen wir nicht noch ein anderes Narrativ. Vielleicht brauchen wir endlich weniger Ausreden. Weniger semantische Kosmetik. Weniger Debattenhygiene. Weniger Topfmetaphern.

Der Frosch springt übrigens. Nur die Debatte bleibt sitzen. Sie bleibt sitzen, sortiert Gefühle, prüft Tonlagen, kalibriert Hoffnung, wägt Erzählweisen ab und ist von ihrer eigenen Sensibilität so beeindruckt, dass sie das Entscheidende beinahe elegant übersieht: Es fehlt nicht an Bildern. Es fehlt an Konsequenzen.

Darum wäre der erste kleine Fortschritt vielleicht ganz schlicht: den Frosch beerdigen. Endgültig. Mit nassem Kranz und ein paar würdevollen Worten. Er hat lange genug für Texte gearbeitet, die nicht sagen wollen, wer hier eigentlich den Herd aufgedreht hat.

Warum Deutschland die Arbeitswelt von morgen mit den Reflexen von gestern behandelt

Das erläutert Jesko Dahlmann in seiner vorzüglichen Arbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte“ (erschienen im Metropolis-Verlag). Schumpeter spricht vom methodologischen Individualismus, der vom Handeln Einzelner ausgeht, um kollektive und gesellschaftliche Phänomene nachvollziehen zu können. Nur die Detailuntersuchung könne beachtenswerte Ergebnisse ergeben. Ökonomen besäßen die unglückliche Neigung, viel zu häufig zu aggregieren und auf diese Weise wichtige Unterschiede zu verschleiern. „Hütet Euch vor Durchschnitten“, sagte Schumpeter gern. Schumpeters Entrepreneur unterscheidet sich deutlich vom so genannten Homo Oeconomicus der traditionellen Wirtschaftswissenschaft. Der Schumpetersche Unternehmer unterläuft das rein ökonomische Kalkül. Es geht ihm nicht um Zweckrationalität, sondern um das Schaffen des Neuen selbst.

91 Prozent der befragten Unternehmen analysieren nicht systematisch, welche Berufe durch KI und Automatisierung in wenigen Jahren verändert oder ersetzt werden. Sie stellen, wie es auf der Zukunft Personal Nord hieß, weiter „nach heutigen Bedarfen“ ein. Eine zweite Zahl macht die Sache noch deutlicher: null Prozent der Befragten sagten, sie fokussierten sich im Recruiting vor allem auf das, „was kommen mag“. Man muss diese beiden Sätze nebeneinanderlegen, um zu verstehen, woran dieses Land leidet. Es fehlt nicht zuerst an Technologie. Es fehlt an Zukunftsverhalten.

Lutz Raphael hat diesen Zustand historisch vorbereitet, lange bevor er auf einer HR-Messe als Zahl erschien. In „Jenseits von Kohle und Stahl“ beschreibt er den Strukturwandel Westeuropas zwischen 1970 und 2000 als Rückgang des industriellen Sektors, als Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, als Ausbreitung computergestützter Datenverarbeitung in allen Bereichen der Unternehmen und als tiefen Eingriff in Berufsbiographien, Lebenspläne und gesellschaftliche Selbstbilder. Mitte der siebziger Jahre, so Raphael, bildeten Industriearbeiter noch die größte Berufsgruppe; heute arbeiten die meisten Menschen in Dienstleistungsberufen. Der „Abschied vom Malocher“ war daher kein Milieuwechsel am Rand, sondern eine Änderung der gesellschaftlichen Statik. Flexibilität wurde zum „Zauberwort der Epoche“.

Die große Verwechslung

Das Problem beginnt in dem Augenblick, in dem man diesen Wandel für abgeschlossen hält und zugleich so tut, als könne man ihn mit den Werkzeugen der alten Republik verwalten. Genau davor warnt Raphael. Wer solchen Basisprozessen folgt, gerät leicht in die „Rhetorik vom quasi naturhaften Sachzwang“, mit der Politik ihre pragmatischen Ziele vergoldet. Das ist der Satz, an dem die Gegenwart hängen bleibt. Denn die deutsche Mitte betreibt genau diese Verwechslung: Sie redet über Zukunft, aber sie organisiert Gegenwart. Sie verteidigt die klassische Industriepolitik, als ließe sich die soziale Grammatik der Bundesrepublik noch einmal um Pendler, Schichtpläne, Standorttreue und dieselben Loyalitätsformen herum stabilisieren. Was auf den ersten Blick vernünftig wirkt, ist in Wahrheit die teuerste aller politischen Gewohnheiten: die Verlängerung des Vergangenen ins Unpassende.

Diese Verwechslung reicht tief. Sie beginnt in der Sprache und endet in der Haushaltsordnung. Eine Politik, die weiterhin Wegstrecken subventioniert, statt Nähe zu fördern, die Pendelroutinen belohnt, statt Selbständigkeit, Gründung und neue Wissensmilieus systematisch freizusetzen, verteidigt keine soziale Balance. Sie konserviert die Logik einer Ökonomie, deren Zentrum sich längst verschoben hat. Wer heute noch so spricht, als sei die industrielle Vollbeschäftigung der natürliche Zustand des Landes, ignoriert, dass die Republik längst anders arbeitet: verteilter, digitaler, weiblicher, dienstleistungsnäher, wissensintensiver, prekärer, internationaler.

Die Geschichte von unten, nicht von oben

Raphaels Pointe liegt darin, dass er die Geschichte dieses Umbaus nicht aus der Sicht der Gewinner erzählt. Er wählt bewusst die Perspektive „von unten“, weil nur so die „Kosten des Fortschritts“ sichtbar werden: sozialer Abstieg, wachsende Ungleichheit, Marginalisierung und der Verlust von Anerkennung. Das ist kein methodischer Luxus. Es ist die Voraussetzung dafür, die Krise der liberalen Demokratie überhaupt zu verstehen. Raphael sagt ausdrücklich, die Vorgeschichte dieser Krise führe in jene Jahrzehnte des industriellen Umbruchs zurück, in denen soziale „Beziehungsgleichheit“ erodierte. Wer heute die Wut der Gegenwart beklagt, ohne die Kränkungsgeschichte der Arbeit mitzudenken, kommentiert Symptome und übersieht die Ursache.

Damit wird verständlich, warum die Parteien der Mitte ihre einstigen Milieus zwar noch rhetorisch umwerben, politisch aber kaum noch erreichen. Sie haben den industriellen Arbeiter nicht verraten; sie haben ihn überlebt und es nicht bemerkt. Die neue soziale Wirklichkeit besteht nicht aus der Rückkehr der alten Fabrikordnung, sondern aus einer pluralen Arbeitswelt, in der industrielle Produktion, private Dienstleistungen und öffentliche Dienste nebeneinanderstehen, sich überlagern und neue Abhängigkeiten bilden. Wer dafür noch immer nur industriepolitische Antworten kennt, liefert kein Programm. Er liefert Nachlassverwaltung.

Die Falle der Routine

Der Ökonom Joseph Schumpeter hat den Kapitalismus nicht deshalb ernst genommen, weil er Stabilität produziert, sondern weil er Routinen sprengt. Seine berühmten „neuen Kombinationen“ waren nie ein dekorativer Innovationsbegriff. Sie markierten den Punkt, an dem eine Volkswirtschaft sich aus ihrer eigenen Trägheit befreit. Deutschland tut im Moment das Gegenteil. Es organisiert die Verteidigung der Routine mit einer Inbrunst, die fast schon wieder modern wirkt: im Subventionston, im Standortpathos, im Misstrauen gegen Selbständigkeit, in der nervösen Abwehr von Gründungsrisiken und in der tief sitzenden Vorstellung, dass Sicherheit aus Verlängerung erwächst.

Dabei liegt die Ironie offen zutage. Ausgerechnet in der alten Industrie war Innovation oft dort am stärksten, wo sie nicht aus nostalgischer Härte, sondern aus institutioneller Beweglichkeit entstand. Raphael erinnert daran, dass in den westdeutschen Automobilwerken wichtige Zukunftsentscheidungen zwischen 1975 und 2000 auf Betriebsvereinbarungen beruhten und dass die Vereinbarungen von 1998 massive Arbeitszeitverkürzungen nutzten, um Massenentlassungen zu verhindern. Schon in den achtziger Jahren, schreibt er, kamen wirtschaftswissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis, dass mitbestimmungsbasierte Produktionsmodelle Produktivitätsvorteile gegenüber der Konkurrenz verschaffen konnten. Das ist der Punkt, den der gegenwärtige Debattenbetrieb lieber übersieht: Selbst im industriellen Kern war Erfolg nicht die Belohnung starrer Routinen, sondern das Ergebnis institutioneller Intelligenz.

Deutschland denkt zu klein

Auf der Zukunft Personal Nord war dieses Problem in einer einzigen Zahl lesbar. Neun von zehn Unternehmen planen ihre Berufe nicht von morgen her. Sie schließen Löcher. Sie antizipieren nicht. Und Tim Verhoeven formulierte dazu den Satz, der weit über HR hinausreicht: Der operative Druck sei so groß, dass man sich auf die Jetzt-Situation fokussiere; das könne einem „in ein paar Jahren auf die Füße fallen“. Darin steckt eine Beschreibung des ganzen Landes. Deutschland arbeitet im Präsens. Es rekrutiert im Präsens. Es investiert im Präsens. Es streitet im Präsens. Und es hält diese Gegenwartsfixierung für Realitätssinn, obwohl sie längst zu einem Strukturdefekt geworden ist.

Das Problem hat eine institutionelle Seite. Ideen entstehen nicht im luftleeren Raum. Keine Ideen ohne materielles Fundament, ohne räumliche Strukturen, ohne Kommunikationsprozesse, ohne politische Interessen, ohne Geld. Das ist mehr als ein kulturgeschichtlicher Hinweis. Es ist eine Diagnose der Bundesrepublik. Das Land verfügt über Ministerien, Verbände, Förderbanken, Beratungshäuser, Forschungsinstitute, Stiftungen, Beiräte und Kommissionen. Aber es produziert zu wenig strategisches Denken, das den Ernst der Lage annimmt. Es besitzt Apparate, aber zu wenig Denkform.

Das Denken des Undenkbaren

Deshalb lohnt der Blick auf Herman Kahn, jene schillernde Figur der amerikanischen Zukunftsindustrie, der das „Denken des Undenkbaren“ popularisierte. Der Satz ist hier nicht wegen des Kalten Krieges interessant, sondern wegen seiner intellektuellen Zumutung. Kahn sagte einmal, er sei nicht da, „um Sachprobleme zu erörtern, sondern um Sie zum Denken anzuregen“. Genau das fehlt in Deutschland. Zu viele Sachprobleme, zu wenig Denken. Zu viele Verwaltungseliten, zu wenig strategische Phantasie. Zu viel Beschäftigung mit dem Wahrscheinlichen, zu wenig Bereitschaft, das Notwendige auszusprechen, bevor es alternativlos wird.

Wer das für eine intellektuelle Spielerei hält, sollte den zweiten, fast vergessenen Gedanken aus Herman Kahns „Zukunft des Unternehmens“ lesen. Dort heißt es, die Aufgabe bestehe darin, Institutionen nicht nur in ihrer spezifischen Funktion zu erhalten, sondern „in der Funktion, eine Gemeinschaft zu bilden“; und von einer Institution werde erwartet, „die Führung zu übernehmen“: vom Management der Wirtschaft. Das klingt heute fast unanständig. Denn es setzt voraus, dass Management mehr sein könnte als Quartalsrhetorik. Es setzt voraus, dass CEOs nicht nur Märkte, sondern Übergänge organisieren, dass sie Bildung, Ausbildung, Umschulung, Gesundheitsfragen, Stadtentwicklung und regionale Talente nicht länger als Nebensachen behandeln. Kahn stellt die Frage, ob eine postindustrielle Gesellschaft nicht postunternehmerisch werde, wenn Unternehmen in ihren traditionellen Bereichen verharrten. Man muss diesen Satz nur leicht verschieben, um ihn auf Deutschland zu richten: Wenn die politische Mitte in ihren traditionellen Denkmustern verharrt und die Unternehmensspitzen die neue soziale Infrastruktur der Arbeit nicht als ihre Sache begreifen, dann wird das Land postinnovativ.

Die neue Front verläuft mitten durch die Organisation

Für CEOs und Personalmanagement ist das keine abstrakte Warnung. Es geht um den Kern der Organisation. Wer weiterhin so einstellt, als müsse er nur aktuelle Lücken füllen, produziert das Fachkräfteproblem von morgen selbst. Wer Selbständigkeit, Ausgründung und hybride Erwerbsformen nicht als Teil des eigenen Ökosystems liest, wird Talente an flexiblere Milieus verlieren. Wer Weiterbildung mit Kurskatalogen verwechselt, statt Lernfähigkeit zur strategischen Infrastruktur zu machen, wird in einer Wissensökonomie nur noch reagieren. Und wer gesellschaftliche Veränderungen als politische Außenwelt betrachtet, obwohl sie längst im Betrieb ankommen, wird überrascht werden von den Formen des Rückzugs, der inneren Kündigung und der stillen Abwanderung.

Deutschlands Krise ist daher keine Krise des Fleißes. Sie ist eine Krise der institutionellen Vorstellungskraft. Die Republik hat sich daran gewöhnt, ihre Zukunft über Routinen zu stabilisieren: mehr vom Bekannten, etwas effizienter, etwas digitaler, etwas grüner. Aber die vernetzte Ökonomie verlangt etwas anderes. Sie verlangt die Fähigkeit, industrielle Stärke mit Wissensdichte, Gründungsdynamik, Selbständigkeit, Bildungsmobilität und regionalen Kompetenznetzen zu verbinden. Sie verlangt politische Entscheider, die nicht nur Arbeitsplätze zählen, sondern Übergänge bauen. Sie verlangt CEOs, die nicht nur Unternehmenswerte verkünden, sondern gesellschaftliche Infrastruktur mitdenken. Und sie verlangt ein Personalmanagement, das nicht länger Nachschub organisiert, sondern Zukunft.

Kein Naturereignis

Lutz Raphael hat gezeigt, dass der Strukturwandel nie ein Naturgesetz war, sondern ein historischer Prozess mit Gewinnern, Verlierern, Gegenkräften, Korrekturen und falschen Erzählungen. Schumpeter wusste, dass sich Systeme nur erneuern, wenn sie den Mut zur Kombination des Unvereinbaren aufbringen. Herman Kahn verstand, dass Gesellschaften an dem Punkt stumpf werden, an dem sie aufhören, das Undenkbare zu denken. Die Zukunft Personal Nord hat mit ihren Zahlen einen Satz beigesteuert, der alles zusammenfasst: Deutschland stellt nach heutigen Bedarfen ein.

So beginnt der Verlust des Anschlusses nicht mit dem großen Zusammenbruch. Er beginnt mit der kleinen, vernünftig klingenden Fortsetzung des Alten.

Warum Deutschland die Arbeitswelt von morgen mit den Reflexen von gestern behandelt

91 Prozent der befragten Unternehmen analysieren nicht systematisch, welche Berufe durch KI und Automatisierung in wenigen Jahren verändert oder ersetzt werden. Sie stellen, wie es auf der Zukunft Personal Nord hieß, weiter „nach heutigen Bedarfen“ ein. Eine zweite Zahl macht die Sache noch deutlicher: null Prozent der Befragten sagten, sie fokussierten sich im Recruiting vor allem auf das, „was kommen mag“. Man muss diese beiden Sätze nebeneinanderlegen, um zu verstehen, woran dieses Land leidet. Es fehlt nicht zuerst an Technologie. Es fehlt an Zukunftsverhalten.

hat diesen Zustand historisch vorbereitet, lange bevor er auf einer HR-Messe als Zahl erschien. In „Jenseits von Kohle und Stahl“ beschreibt Lutz Raphael, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier, den Strukturwandel Westeuropas zwischen 1970 und 2000 als Rückgang des industriellen Sektors, als Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, als Ausbreitung computergestützter Datenverarbeitung in allen Bereichen der Unternehmen und als tiefen Eingriff in Berufsbiographien, Lebenspläne und gesellschaftliche Selbstbilder. Mitte der siebziger Jahre, so Raphael, bildeten Industriearbeiter noch die größte Berufsgruppe; heute arbeiten die meisten Menschen in Dienstleistungsberufen. Der „Abschied vom Malocher“ war daher kein Milieuwechsel am Rand, sondern eine Änderung der gesellschaftlichen Statik. Flexibilität wurde zum „Zauberwort der Epoche“.

Die große Verwechslung

Das Problem beginnt in dem Augenblick, in dem man diesen Wandel für abgeschlossen hält und zugleich so tut, als könne man ihn mit den Werkzeugen der alten Republik verwalten. Genau davor warnt Raphael. Wer solchen Basisprozessen folgt, gerät leicht in die „Rhetorik vom quasi naturhaften Sachzwang“, mit der Politik ihre pragmatischen Ziele vergoldet. Das ist der Satz, an dem die Gegenwart hängen bleibt. Denn die Parteien der Mitte betreiben genau diese Verwechslung: Sie reden über Zukunft, aber sie organisieren Gegenwart. Sie verteidigen die klassische Industriepolitik, als ließe sich die soziale Grammatik der Bundesrepublik noch einmal um Pendler, Schichtpläne, Standorttreue und dieselben Loyalitätsformen herum stabilisieren. Was auf den ersten Blick vernünftig wirkt, ist in Wahrheit die teuerste aller politischen Gewohnheiten: die Verlängerung des Vergangenen ins Unpassende.

Diese Verwechslung reicht tief. Sie beginnt in der Sprache und endet in der Haushaltsordnung. Eine Politik, die weiterhin Wegstrecken subventioniert, statt Nähe zu fördern, die Pendelroutinen belohnt, statt Selbständigkeit, Gründung und neue Wissensmilieus systematisch freizusetzen, verteidigt keine soziale Balance. Sie konserviert die Logik einer Ökonomie, deren Zentrum sich längst verschoben hat. Wer heute noch so spricht, als sei die industrielle Vollbeschäftigung der natürliche Zustand des Landes, ignoriert, dass die Republik längst anders arbeitet: verteilter, digitaler, weiblicher, dienstleistungsnäher, wissensintensiver, prekärer, internationaler.

Die Geschichte von unten, nicht von oben

Raphaels Pointe liegt darin, dass er die Geschichte dieses Umbaus nicht aus der Sicht der Gewinner erzählt. Er wählt bewusst die Perspektive „von unten“, weil nur so die „Kosten des Fortschritts“ sichtbar werden: sozialer Abstieg, wachsende Ungleichheit, Marginalisierung und der Verlust von Anerkennung. Das ist kein methodischer Luxus. Es ist die Voraussetzung dafür, die Krise der liberalen Demokratie überhaupt zu verstehen. Raphael sagt ausdrücklich, die Vorgeschichte dieser Krise führe in jene Jahrzehnte des industriellen Umbruchs zurück, in denen soziale „Beziehungsgleichheit“ erodierte. Wer heute die Wut der Gegenwart beklagt, ohne die Kränkungsgeschichte der Arbeit mitzudenken, kommentiert Symptome und übersieht die Ursache.

Damit wird verständlich, warum die Parteien der Mitte ihre einstigen Milieus zwar noch rhetorisch umwerben, politisch aber kaum noch erreichen. Sie haben den industriellen Arbeiter nicht verraten; sie haben ihn überlebt und es nicht bemerkt. Die neue soziale Wirklichkeit besteht nicht aus der Rückkehr der alten Fabrikordnung, sondern aus einer pluralen Arbeitswelt, in der industrielle Produktion, private Dienstleistungen und öffentliche Dienste nebeneinanderstehen, sich überlagern und neue Abhängigkeiten bilden. Wer dafür noch immer nur industriepolitische Antworten kennt, liefert kein Programm. Er liefert Nachlassverwaltung.

Die Falle der Routine

Joseph Schumpeter hat den Kapitalismus nicht deshalb ernst genommen, weil er Stabilität produziert, sondern weil er Routinen sprengt. Seine berühmten „neuen Kombinationen“ waren nie ein dekorativer Innovationsbegriff. Sie markierten den Punkt, an dem eine Volkswirtschaft sich aus ihrer eigenen Trägheit befreit. Deutschland tut im Moment das Gegenteil. Es organisiert die Verteidigung der Routine mit einer Inbrunst, die fast schon wieder modern wirkt: im Subventionston, im Standortpathos, im Misstrauen gegen Selbständigkeit, in der nervösen Abwehr von Gründungsrisiken und in der tief sitzenden Vorstellung, dass Sicherheit aus Verlängerung erwächst.

Dabei liegt die Ironie offen zutage. Ausgerechnet in der alten Industrie war Innovation oft dort am stärksten, wo sie nicht aus nostalgischer Härte, sondern aus institutioneller Beweglichkeit entstand. Raphael erinnert daran, dass in den westdeutschen Automobilwerken wichtige Zukunftsentscheidungen zwischen 1975 und 2000 auf Betriebsvereinbarungen beruhten und dass die Vereinbarungen von 1998 massive Arbeitszeitverkürzungen nutzten, um Massenentlassungen zu verhindern. Schon in den achtziger Jahren, schreibt er, kamen wirtschaftswissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis, dass mitbestimmungsbasierte Produktionsmodelle Produktivitätsvorteile gegenüber der Konkurrenz verschaffen konnten. Das ist der Punkt, den der gegenwärtige Debattenbetrieb lieber übersieht: Selbst im industriellen Kern war Erfolg nicht die Belohnung starrer Routinen, sondern das Ergebnis institutioneller Intelligenz.

Deutschland denkt zu klein

Auf der Zukunft Personal Nord war dieses Problem in einer einzigen Zahl lesbar. Neun von zehn Unternehmen planen ihre Berufe nicht von morgen her. Sie schließen Löcher. Sie antizipieren nicht. Und der HR-Analyst Tim Verhoeven formulierte dazu den Satz, der weit über HR hinausreicht: Der operative Druck sei so groß, dass man sich auf die Jetzt-Situation fokussiere; das könne einem „in ein paar Jahren auf die Füße fallen“. Darin steckt eine Beschreibung des ganzen Landes. Deutschland arbeitet im Präsens. Es rekrutiert im Präsens. Es investiert im Präsens. Es streitet im Präsens. Und es hält diese Gegenwartsfixierung für Realitätssinn, obwohl sie längst zu einem Strukturdefekt geworden ist.

Das Problem hat eine institutionelle Seite. Ideen entstehen nicht im luftleeren Raum. Der Think-Tank-Band in den angehängten Unterlagen bringt diesen Zusammenhang in einen bemerkenswert schlichten Satz: Keine Ideen ohne materielles Fundament, ohne räumliche Strukturen, ohne Kommunikationsprozesse, ohne politische Interessen, ohne Geld. Das ist mehr als ein kulturgeschichtlicher Hinweis. Es ist eine Diagnose der Bundesrepublik. Das Land verfügt über Ministerien, Verbände, Förderbanken, Beratungshäuser, Forschungsinstitute, Stiftungen, Beiräte und Kommissionen. Aber es produziert zu wenig strategisches Denken, das den Ernst der Lage annimmt. Es besitzt Apparate, aber zu wenig Denkform.

Das Denken des Undenkbaren

Deshalb lohnt der Blick auf Herman Kahn, jene schillernde Figur der amerikanischen Zukunftsindustrie. Der Ein-Mann-Think-Tank popularisierte „Denken des Undenkbaren“. Kahn sagte einmal, er sei nicht da, „um Sachprobleme zu erörtern, sondern um Sie zum Denken anzuregen“. Genau das fehlt in Deutschland. Zu viele Sachprobleme, zu wenig Denken. Zu viele Verwaltungseliten, zu wenig strategische Phantasie. Zu viel Beschäftigung mit dem Wahrscheinlichen, zu wenig Bereitschaft, das Notwendige auszusprechen, bevor es alternativlos wird.

Wer das für eine intellektuelle Spielerei hält, sollte den zweiten, fast vergessenen Gedanken aus Herman Kahns „Zukunft des Unternehmens“ lesen. Dort heißt es, die Aufgabe bestehe darin, Institutionen nicht nur in ihrer spezifischen Funktion zu erhalten, sondern „in der Funktion, eine Gemeinschaft zu bilden“; und von einer Institution werde erwartet, „die Führung zu übernehmen“: vom Management der Wirtschaft. Das klingt heute fast unanständig. Denn es setzt voraus, dass Management mehr sein könnte als Quartalsrhetorik. Es setzt voraus, dass CEOs nicht nur Märkte, sondern Übergänge organisieren, dass sie Bildung, Ausbildung, Umschulung, Gesundheitsfragen, Stadtentwicklung und regionale Talente nicht länger als Nebensachen behandeln. Kahn stellt die Frage, ob eine postindustrielle Gesellschaft nicht postunternehmerisch werde, wenn Unternehmen in ihren traditionellen Bereichen verharrten. Man muss diesen Satz nur leicht verschieben, um ihn auf Deutschland zu richten: Wenn die politische Mitte in ihren traditionellen Denkmustern verharrt und die Unternehmensspitzen die neue soziale Infrastruktur der Arbeit nicht als ihre Sache begreifen, dann wird das Land postinnovativ.

Die neue Front verläuft mitten durch die Organisation

Für CEOs und Personalmanagement ist das keine abstrakte Warnung. Es geht um den Kern der Organisation. Wer weiterhin so einstellt, als müsse er nur aktuelle Lücken füllen, produziert das Fachkräfteproblem von morgen selbst. Wer Selbständigkeit, Ausgründung und hybride Erwerbsformen nicht als Teil des eigenen Ökosystems liest, wird Talente an flexiblere Milieus verlieren. Wer Weiterbildung mit Kurskatalogen verwechselt, statt Lernfähigkeit zur strategischen Infrastruktur zu machen, wird in einer Wissensökonomie nur noch reagieren. Und wer gesellschaftliche Veränderungen als politische Außenwelt betrachtet, obwohl sie längst im Betrieb ankommen, wird überrascht werden von den Formen des Rückzugs, der inneren Kündigung und der stillen Abwanderung.

Deutschlands Krise ist daher keine Krise des Fleißes. Sie ist eine Krise der institutionellen Vorstellungskraft. Die Republik hat sich daran gewöhnt, ihre Zukunft über Routinen zu stabilisieren: mehr vom Bekannten, etwas effizienter, etwas digitaler, etwas grüner. Aber die vernetzte Ökonomie verlangt etwas anderes. Sie verlangt die Fähigkeit, industrielle Stärke mit Wissensdichte, Gründungsdynamik, Selbständigkeit, Bildungsmobilität und regionalen Kompetenznetzen zu verbinden. Sie verlangt politische Entscheider, die nicht nur Arbeitsplätze zählen, sondern Übergänge bauen. Sie verlangt CEOs, die nicht nur Unternehmenswerte verkünden, sondern gesellschaftliche Infrastruktur mitdenken. Und sie verlangt ein Personalmanagement, das nicht länger Nachschub organisiert, sondern Zukunft.

Der Anschluss ist kein Naturereignis

Lutz Raphael hat gezeigt, dass der Strukturwandel nie ein Naturgesetz war, sondern ein historischer Prozess mit Gewinnern, Verlierern, Gegenkräften, Korrekturen und falschen Erzählungen. Schumpeter wusste, dass sich Systeme nur erneuern, wenn sie den Mut zur Kombination des Unvereinbaren aufbringen. Herman Kahn verstand, dass Gesellschaften an dem Punkt stumpf werden, an dem sie aufhören, das Undenkbare zu denken. Die Zukunft Personal Nord hat mit ihren Zahlen einen Satz beigesteuert, der alles zusammenfasst: Deutschland stellt nach heutigen Bedarfen ein.

So beginnt der Verlust des Anschlusses nicht mit dem großen Zusammenbruch. Er beginnt mit der kleinen, vernünftig klingenden Fortsetzung des Alten. Kleine Botschaft an Lars Klingbeil und Co.