Drushiba und die deutsche Angst: Was Inese Lībiņa-Egnere in Stuttgart über den Staat im Netz sichtbar machte @ineselibina #Zukunftswerkstatt

Deutschland diskutiert Digitalisierung oft wie ein Risiko, Lettland wie eine Notwendigkeit. Dieser Unterschied war in Stuttgart auf der KOMI-Zukunftswerkstatt mit Händen zu greifen, als Inese Lībiņa-Egnere, Justizministerin von Lettland, den Abend auf ein Wort zuspitzte: „Drushiba“ – Sicherheit. Und damit auf die Frage, die in deutschen Debatten gern umschifft wird: Wie baut man einen Digitalstaat, der Vertrauen nicht behauptet, sondern produziert?

Im Gespräch mit Dirk von Gehlen vom SZ-Institut wirkte Lībiņa-Egnere nicht wie eine Missionarin der Technik, sondern wie eine Juristin, die aus einer politischen Erfahrung spricht: Dort, wo Verwaltungen und Gesellschaften unter Druck stehen, wird aus „Digitalisierung“ kein Modernisierungsprojekt, sondern ein Stabilitätsversprechen. Das Netz ist dann nicht Ornament – es ist Infrastruktur. Und Infrastruktur ist nur so gut wie ihr Sicherheitsmodell.

Vertrauen als Betriebssystem

Die leitende Diagnose, die Lībiņa-Egnere formulierte, ist so schlicht, dass sie in Deutschland fast provokant klingt: Digitale Transformation scheitert selten an fehlender Technologie. Sie scheitert, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht mehr nachvollziehen können, wie Technologie gestaltet, abgesichert und eingesetzt wird. Vertrauen ist in dieser Sicht keine Stimmung, sondern ein Systemzustand: messbar in Konsistenz, Nachvollziehbarkeit, Rechtsklarheit, IT-Sicherheit.

Genau an dieser Stelle kippt die Debatte aus der Technikfolie ins Politische. Wer Vertrauen herstellen will, muss nicht nur Services entwickeln, sondern Regeln und Verfahren so entwerfen, dass sie im Alltag verlässlich funktionieren. Der Staat wird nicht digital, weil er Apps ankündigt. Er wird digital, wenn er seine eigenen Prozesse so ordnet, dass Sicherheit und Komfort nicht gegeneinander ausgespielt werden – sondern sich gegenseitig ermöglichen.

Der Abschied vom Dokument

Der unterschätzte Kulturbruch des Digitalstaats beginnt dort, wo Deutschland bis heute am stärksten an seiner Vergangenheit hängt: beim Dokument. Lībiņa-Egnere beschrieb einen Wandel weg von der dokumentzentrierten Verwaltung hin zu datenorientiertem Denken. Das klingt nach Verwaltungsdeutsch, ist aber in Wahrheit eine Kampfansage an ein stilles Glaubenssystem: die Idee, dass Papier automatisch mehr Wahrheit enthält als Daten.

Am Beispiel des lettischen Unternehmensregisters wurde diese Logik konkret. Nicht Menschen sollen Dokumente in Schleifen hin- und herschieben; der Staat verwaltet Daten, gleicht sie ab, erzeugt Ergebnisse. Wo der Datenhaushalt konsistent ist, verliert die Verwaltung Zeitfresser: Rückfragen, Widersprüche, doppelte Prüfungen. Nach ihren Angaben lassen sich Gründungen heute in wenigen Minuten erledigen – inklusive digitaler Unterschrift. Geschwindigkeit entsteht hier nicht aus Hast, sondern aus Prozessklarheit.

Für Deutschland liegt die Zumutung weniger in der Zahl als in der Konsequenz: Zeit ist oft der Preis für Unklarheit – und Unklarheit wird gern als „Sorgfalt“ etikettiert.

Justiz als Prozess, nicht als Software

Besonders sensibel wird der Umbau dort, wo der Rechtsstaat seine Autorität gewinnt: in der Justiz. Lībiņa-Egnere sprach über die elektronische Akte nicht als IT-Rollout, sondern als Neuordnung eines gesamten Verfahrensflusses – von Polizei über Staatsanwaltschaft bis Gericht, Verteidigung und Vollstreckung. Die Botschaft lautet: Wer nur Akten digitalisiert, digitalisiert Papier. Wer Prozesse neu baut, digitalisiert Rechtsdurchsetzung.

Das hat eine politische Nebenwirkung, die im deutschen Diskurs gern verdrängt wird: Prozesse sind Macht. Akten sind Besitzstände. Sobald Verfahren durchgängig werden, schrumpfen die Grauzonen, in denen Zuständigkeiten verschwimmen, Informationen versanden, Verantwortung sich verteilt. Der Digitalstaat zwingt zur Entscheidung darüber, wer wofür zuständig ist – und wer wofür haftet. Das ist unbequem. Und genau deshalb ist es ein Test auf Regierungsfähigkeit.

Die deutsche Standardfrage: „Ist das nicht gefährlich?“

Dirk von Gehlen stellte die Frage, die in Deutschland reflexhaft kommt, sobald Digitalisierung konkret wird: ob das nicht gefährlich sei – Automatisierung, Daten, Abhängigkeit. Lībiņa-Egnere antwortete mit der einzigen Reihenfolge, die in solchen Gesprächen zählen sollte: Sicherheit zuerst. Ohne Cybersicherheit keine Skalierung, ohne Aufklärung kein Vertrauen, ohne Vertrauen kein legitimer Einsatz.

Dann folgte der Satz, der die deutsche Papierromantik trifft: Vielleicht ist es gar nicht so sicher, alles analog zu belassen. Fax, unverschlüsselte Kommunikation, Medienbrüche, Aktenkopien, die in Schubladen und E-Mail-Postfächern leben – das gilt hierzulande als „bewährt“, ist aber häufig schlicht unprofessionell abgesichert. Der Vergleich entlarvt den Fehler: Nicht „digital“ ist riskant, sondern schlecht gebaut – egal ob digital oder analog.

Netzpolitisch ist das die Kernumkehr: Datenschutz und Digitalisierung sind keine Gegensätze. Sie sind Verbündete, wenn Sicherheit als Architektur verstanden wird und nicht als Ausrede, Entscheidungen zu vertagen.

Souveränität ist Strom, nicht Symbolik

Der Abend bekam eine zweite Ebene, sobald die Ministerin von der Lage Lettlands sprach: EU- und NATO-Außengrenze, Erfahrung mit Desinformation, Eingriffen über soziale Netzwerke, dem ständigen Bewusstsein, dass Sicherheit nicht abstrakt ist. In diesem Kontext bedeutet Souveränität nicht „Europa“ als Begriff, sondern Alltag: Strom, Kommunikation, belastbare Netze, nicht sabotierbare Infrastruktur. Digitale Resilienz ist dann kein Innovationsprogramm, sondern ein Schutzmechanismus.

Das erklärt auch die baltische Nüchternheit bei Themen, die in Deutschland schnell ins Kulturkampfhafte kippen: digitale Identität, Zwei-Faktor-Authentifizierung, elektronische Signatur, digitale Behördengänge. Wenn digitale Verwaltung Standard ist, muss sie verständlich sein – auch für Ältere, auch für Menschen ohne Technikaffinität. Der Staat darf digitale Kompetenz nicht voraussetzen wie ein Luxusgut; er muss sie organisieren wie einen Zugang.

KI: Gegenwart, nicht Zukunft

Im Subtext lief eine weitere Verschiebung: Künstliche Intelligenz wird nicht mehr als futuristische Option diskutiert, sondern als Bestandteil realer Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse. Lībiņa-Egnere insistierte auf Verantwortung – nicht als moralische Pose, sondern als Frage, ob Systeme Vertrauen stärken oder still untergraben. Der politische Satz dahinter: Wer KI einsetzt, übernimmt Verantwortung für die Bedingungen der Entscheidung – Datenqualität, Transparenz, Kontrolle, Rechtsmittel.

Auch hier zeigt sich ein europäischer Unterschied: Die Frage ist nicht, ob KI kommt. Die Frage ist, ob demokratische Institutionen den Mut haben, sie so zu gestalten, dass Bürgerrechte nicht hinter Effizienz verschwinden.

Die deutsche Infrastruktur des Misstrauens

Was bleibt nach so einem Gespräch? Kein Handbuch, kein baltischer Bauplan, keine peinliche „Best Practice“-Folklore. Übrig bleibt eine Diagnose über Deutschland: Hier wird Skepsis oft mit Verantwortung verwechselt. Perfektion wird als Vorbedingung behauptet, obwohl sie in komplexen Systemen ein Mythos ist. So entsteht eine Infrastruktur des Misstrauens: Jede Lösung muss zuerst die Angst vor der Lösung entkräften, während die Risiken der alten Welt im Hintergrund weiterlaufen.

Lībiņa-Egnere erzählte das Gegenmodell: nicht perfekt, nicht ohne Widerstand, nicht ohne Korrekturen – aber früh genug begonnen, um lernen zu können. Der eigentliche Maßstab ist damit nicht Tempo, sondern Lernfähigkeit. Ein Digitalstaat ist nicht die Summe seiner Tools. Er ist die Fähigkeit, Verfahren so zu bauen, dass Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und Alltagstauglichkeit gleichzeitig gelten.

Sicherheit – „Drushiba“ – war an diesem Abend kein Schlusswort. Es war die Erinnerung daran, dass Netzpolitik längst nicht mehr über das Netz spricht. Sie spricht über den Staat: wie er handelt, wie er erklärt, wie er schützt. Und ob er im digitalen Raum noch als Rechtsstaat erkennbar bleibt – nicht als nostalgischer Abdruck, sondern als lebendige Form.

Siehe auch:

https://www.linkedin.com/pulse/der-zweifel-ist-das-programm-ki-popper-und-die-aufkl%C3%A4rung-gunnar-sohn-9rwge/?trackingId=UOEuZiTAR5CFH9anTSPKFg%3D%3D

KI im Mittelstand: Der Reifegrad entscheidet über die Rendite

Der Sprung auf 20 Prozent ist erst der Anfang

Rund jedes fünfte mittelständische Unternehmen setzt inzwischen KI ein – hochgerechnet knapp 780.000 Betriebe. Das ergibt eine Analyse von KfW-Research. In sechs Jahren hat sich die Nutzung damit etwa verfünffacht. Wer darin schon den Durchmarsch sieht, verwechselt Verbreitung mit Durchdringung. Denn die Zahlen zeigen zugleich eine klare Spreizung: Große Mittelständler (50+ Beschäftigte) liegen bei 36 Prozent, kleine Unternehmen bei 19 Prozent. Wissensbasierte Dienstleistungen und FuE-intensives Verarbeitendes Gewerbe liegen vorn.

Das klingt nach einer klassischen Diffusionsgeschichte: Erst die großen, dann die kleinen; erst die wissensnahen, dann die übrigen. Doch die eigentliche Erklärung sitzt tiefer.

KI als Reifegradtest – nicht als Toolfrage

Entscheidend ist weniger die Unternehmensgröße als der innere Zustand des Unternehmens: Innovationskraft, digitale Routine, Datenfähigkeit. Dort, wo weder Hochschulabsolventen beschäftigt noch Innovationsaktivitäten betrieben werden, liegt die KI-Nutzung bei 8 Prozent. Mit Digitalisierungsstrategie steigt sie auf 35 Prozent, mit kontinuierlicher eigener Forschung und Entwicklung auf bis zu 38 Prozent.

Damit wird KI zum Reifegradtest: Wer seine Prozesse, Daten und Kompetenzen nicht organisiert hat, kann die Technologie zwar einkaufen, aber nicht produktivieren. Die Voraussetzungen sind handfest: auswertbare Daten, ausreichende Rechenleistung, Know-how. Fehlt eines davon, bleibt KI entweder Pilot oder Spielzeug. Siehe dazu auch die KI-Compass von Convidera. https://www.ki-compass.ai/insights/blinder-fleck-digitalisierung

Was Zukunftsmacher anders machen: Architektur statt Leuchtturm

An genau dieser Stelle ergänzt die Zukunftsmacher-Studie die volkswirtschaftliche Diagnose um eine betriebliche Anleitung. Sie beschreibt Unternehmen, die KI nicht als „Projekt“ behandeln, sondern als Bestandteil des Transformationsportfolios. Im Durchschnitt fließen rund 30 Prozent des gesamten Investitionsbudgets in Digitalisierung; etwa jeder fünfte Euro davon wird gezielt für KI reserviert. Entscheidend ist die Normalisierung: KI wird nicht mehr als Sonderausgabe, sondern als Betriebsmittel geführt.

Noch wichtiger: Die Studie verschiebt den Fokus weg von Tools hin zu Organisationslogik. Erfolgreiche Unternehmen denken fünf Faktoren als System:

People first (Akzeptanz, Kompetenz, Beteiligung)

Data Excellence (Datenqualität, Verantwortlichkeiten, integrierte Systeme)

Platform Strategy (skalierbare Architektur statt isolierter Piloten)

Agile Scaling (schnell validieren, dann konsequent in die Breite)

Value Focus (Use Cases nach Wertbeitrag priorisieren)

So entsteht das Zielbild einer sogenannten „AI-infused Company“: KI ist tief in Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle integriert, ohne den Menschen aus dem Zentrum zu drängen.

Produktivität: Mikrogewinne sind da – der Makrohebel noch nicht

Die Zukunftsmacher-Zahlen konkret: 64 Prozent der Befragten berichten von messbaren Effizienzgewinnen, teils bis zu 80 Prozent – besonders dort, wo Standardisierung, Wiederholbarkeit und Datenintensität zusammenkommen. Im Schnitt nennen Unternehmen rund 22 Prozent Produktivitätssteigerung; bis 2028 erwarten sie einen Wertbeitrag von 31 Prozent.

Der bisherige Wachstumsbeitrag von KI ist allerdings noch gering. Das liegt nicht an fehlenden Effekten, sondern an fehlender Breite. Aus volkswirtschaftlicher Sicht zählt nicht der spektakuläre Einzelfall, sondern die flächige, intensive Nutzung – inklusive neuer KI-basierter Geschäftsfelder. Als Orientierungsmarke steht im Raum: Bis 2037 könnte das BIP um 12,8 Prozent höher liegen, wenn die Diffusion im Unternehmenssektor tatsächlich voranschreitet – breit, intensiv und begleitet von Infrastrukturinvestitionen.

Das ist der Kern: Produktivität entsteht nicht dort, wo KI demonstriert wird, sondern dort, wo sie Routine wird.

Die stille Infrastruktur: Daten, Plattformen, Kompetenzen

Wer KI skalieren will, muss zuerst das Unsichtbare bauen: Datenhaushalt, Governance, Rollen, Lernsysteme. Die Studie benennt die klassischen Bremsen nicht technisch, sondern organisatorisch: fehlende Ressourcen, mangelnde Beteiligung, Kompetenzlücken. Das passt zur KfW-Logik: Nicht die Branche, nicht die Größe entscheidet – sondern ob ein Unternehmen Transformation ganzheitlich führt.

Man kann es auch so sagen: KI ist weniger eine Software-Entscheidung als eine Führungsentscheidung. Sie verlangt Priorisierung (welche Use Cases zuerst?), Standardisierung (welche Daten- und Prozessbasis?), und Befähigung (wie wird aus Skepsis Alltagstauglichkeit?). Ohne diese Trias bleibt der „KI-Euro“ ein Kostenblock; mit ihr wird er Kapital.

Was jetzt zählt – für Unternehmen und Politik

Für Unternehmen lautet die unbequeme Konsequenz: Wer KI „einführen“ will, ohne Datenarbeit, Plattformlogik und Kompetenzaufbau mitzudenken, kauft sich bestenfalls punktuelle Automatisierung. Der Maßstab sollte nicht heißen „Haben wir KI?“, sondern: Welche Entscheidungen, welche Prozesse, welche Produkte laufen durch KI nachweislich schneller, besser oder günstiger – und wie skaliert das?

Für die Wirtschaftspolitik folgt daraus: Diffusion ist kein Appell, sondern eine Standortaufgabe. Infrastruktur (Compute, Netze, sichere Datenräume), Qualifizierung (vom Facharbeiter bis zur Führung), und praktikable Leitplanken (Governance, Standards) sind nicht Begleitmusik, sondern Bedingung dafür, dass aus 20 Prozent Nutzung eine produktivitätswirksame Mehrheit wird.

Die Pointe ist leise: Deutschlands KI-Zukunft entscheidet sich nicht bei Schaufenster-Reden von selbsternannten KI-Experten, die wie Pilze aus dem Boden schießen, sondern in der Organisation. Wer dort investiert, erlebt keinen Hype, sondern eine neue Betriebsnormalität. Und erst diese Normalität wird sich – zeitverzögert, aber messbar – in den großen Zahlen niederschlagen.

Als Schlusspunkt passt deshalb der Blick auf die Praxisbühne: In der ZP Nachgefragt Week (Zukunft Personal) setzt die Session von Bernhard Steimel am Di., 24. Feb. 2026, 14:00–14:45 genau dort an, wo die meisten KI-Initiativen tatsächlich entscheiden werden – beim Faktor Mensch. „People First – Wie Miele, KUKA & Co. KI in ihre Organisationen bringen“ adressiert die typischen Bruchstellen jenseits der Technologie: fehlende Akzeptanz, unklare Verantwortlichkeiten, Prozesse „von gestern“ und Skills-Lücken. Und sie benennt die HR-Hebel, die 2026 den Unterschied machen: Rollen- und Operating-Model-Design, systematischer Kompetenzaufbau, Governance sowie ein Change-Design, das KI menschenzentriert verankert statt toolgetrieben zu überstülpen. Wer den Mittelstand in die Breite KI-fähig machen will, wird genau hier ansetzen müssen – nicht bei der nächsten Software, sondern bei der organisatorischen Übersetzung in den Alltag.

So gelingt KI-Adoption im Lernen: Governance, Communities und konkrete Use Cases #ZPPersonalNachgefragtWeek

Wer derzeit in Unternehmen über Künstliche Intelligenz spricht, landet schnell bei Effizienz: schneller schreiben, besser recherchieren, weniger Routine, mehr Output. Doch genau in diesem Versprechen steckt ein Risiko, das in vielen Organisationen noch erstaunlich selten konsequent mitgedacht wird: KI kann Arbeit beschleunigen – und zugleich Lernprozesse aushöhlen. Nicht als Randphänomen, sondern als systemischer Nebeneffekt.

Die Session der Zukunft Personal Nachgefragt Week am Mittwoch, 25. Februar 2026 (13:00–13:45 Uhr) nimmt diesen Widerspruch zum Ausgangspunkt. Unter dem Titel „KI im Lernen – Fortschritt mit Nebenwirkungen?!“ treffen Prof. Dr. Anja Schmitz (Hochschule Karlsruhe), Jan Foelsing (New Learning Lab) und Nadine Vöhringer (Festo) aufeinander – Wissenschaft, Beratungspraxis und Unternehmensrealität in einer Diskussion, die weniger nach „Tool-Einführung“ fragt als nach der eigentlichen Führungsaufgabe: Wie steuert Learning und Development die KI so, dass Produktivität nicht gegen Kompetenzaufbau getauscht wird?

Produktivität gewinnt – Lernen verliert?

Die Forschungslage, die Schmitz skizziert, ist in ihrer Ambivalenz bemerkenswert: Auf der Leistungsseite lassen sich Produktivitäts- und Qualitätsgewinne nachweisen – selbst bei anspruchsvolleren kognitiven Aufgaben. Auf der Lernseite zeigt sich ebenfalls ein Potenzial: KI kann Feedback leichter akzeptierbar machen, Lerninhalte hyperpersonalisiert „im Moment of Need“ zuspielen und Lernprozesse adaptiv begleiten. Dazu kommt ein psychologisch nicht zu unterschätzender Effekt: Wer im Dialog mit einem Assistenten bleibt, bleibt länger am Inhalt – und genau diese Zeit ist eine harte Währung des Lernens. Lektorat_KI-im-Lernen_Transkript

Doch das andere Bild gehört ebenso zur Realität. Schmitz verweist auf Befunde, die den Preis der Entlastung beschreiben: Cognitive Offloading senkt die geistige Anstrengung – und damit oft auch die Verarbeitungstiefe. Der Mechanismus ist verführerisch, weil er sich wie Fortschritt anfühlt: weniger Mühe, schnelleres Ergebnis. Und gerade deshalb ist er gefährlich, wenn Organisationen Lernen nur noch am Output messen.

Hinzu kommt der schleichende Prozess des Skill Decay: Fähigkeiten, die man einmal beherrschte, werden nicht gebraucht – und verschwinden. Was nach „historischer Normalität“ klingt (wer kann heute noch nach Sternen navigieren?), bekommt im Wissens- und Dienstleistungskontext eine neue Brisanz: Wenn zentrale Kernkompetenzen erodieren, kann die nächste Krise nicht mehr „weggepromptet“ werden.

Noch subtiler sind die Effekte, die Schmitz als Illusion of Mastery und Ghost Learning beschreibt: Weil ein Ergebnis plausibel wirkt, entsteht der Eindruck, man habe die Fähigkeit selbst erworben – während tatsächlich die Technologie den Hauptteil geleistet hat. Das Ergebnis ist paradox: Performance ohne Kompetenz wird möglich. Für Unternehmen, die sich gerade unter Effizienz- und Transformationsdruck neu aufstellen müssen, ist das kein Komfortproblem, sondern ein strategisches Risiko. Lektorat_KI-im-Lernen_Transkript

Die zweite Nebenwirkung: Vertrauen und Qualitätsverlust

Ein weiteres Motiv der Session: die Qualität dessen, was in Organisationen zirkuliert. Schmitz nennt eine Zahl, die aufhorchen lässt: Ein relevanter Anteil der Befragten überprüfe KI-Ergebnisse nicht, sondern nutze sie „durchreichend“ weiter. Die Folge ist das, was im Netz längst einen Namen hat: „AI-Slop“ – Inhalte, die appetitlich aussehen, aber wenig Substanz besitzen; „leere Kalorien“, die Kommunikation füllen, ohne Wissen zu nähren. Lektorat_KI-im-Lernen_Transkript

Damit verschiebt sich der Fokus: Es geht nicht nur um individuelle Lernpsychologie, sondern um organisationales Wissensmanagement. Wenn der Output steigt, die Verlässlichkeit aber sinkt, verliert das Unternehmen doppelt – es produziert mehr, lernt weniger und muss später teurer korrigieren.

Warum KI-Upskilling nicht als Kurs funktioniert

An dieser Stelle setzt Jan Foelsing an – und räumt mit einer verbreiteten Illusion auf: Dass KI mit einem „Zwei-Tage-Training“ eingeführt sei. Sein Bild ist eingängig: KI sei kein neuer Hammer, den man kurz erklärt, sondern ein Schweizer Taschenmesser mit sehr vielen Möglichkeiten. Entsprechend müsse Upskilling als Prozess gedacht werden – mit klaren Rahmenbedingungen und zugleich Experimentierfähigkeit. Lektorat_KI-im-Lernen_Transkript

Foelsing wird in der Session einen Vierklang darstellen, der sich in Projekten bewährt habe:

  • Foundation: ein verlässlicher „Single Point of Truth“ (was ist erlaubt, was nicht, welche Standards gelten).
  • Explorationsräume: Orte, an denen Mitarbeitende miteinander lernen, ausprobieren, vergleichen – weil Standard-Trainings der Entwicklungsgeschwindigkeit nicht folgen.
  • Trusted Guides: Rollen wie AI Coaches / Ambassadors, die nicht nur Tool-Wissen, sondern Lernbegleitung liefern.
  • Integration: Hilfen, die Routinen verankern – von Assistenten über Performance Support bis zu Micro-Resources.

Das entscheidende Argument folgt danach: Adoption ist erst der Einstieg. Der eigentliche Mehrwert entsteht, wenn KI nicht nur bestehende Prozesse beschleunigt, sondern hilft, sie neu zu denken. Sonst, so Foelsing, beschleunigt man lediglich „kaputte Prozesse“ – und produziert schneller kaputte Ergebnisse.

Festo: Von Digital Mindset bis Learning Agent

Wie ein Unternehmen versucht, genau diese Brücke zu schlagen, zeigt Nadine Vöhringer. Festo arbeitet mit einem Digital-Skills-Framework, das Basiskompetenzen (u. a. Kommunikation & Kollaboration, Data Literacy, Security) und AI & Automation strukturiert – über allem steht das Digital Mindset: Neugier, Offenheit, Selbstvertrauen, Experimentierbereitschaft. Ohne diese Ebene, so der Tenor, werden Maßnahmen zu Programmen ohne Wirkung.

Konkreter wird es bei den Instrumenten: Personas vom Digital Starter bis zum Co-Creator, flankiert von Datenpunkten auf Individual-, Team- und Organisationsebene. Ein Beispiel ist DIMIKO, ein Voice-/Interview-Bot zur Selbsteinschätzung, der Feedback zusammenfasst und erste nächste Schritte empfiehlt. Dazu kommen kurze, regelmäßig getaktete Formate (15-Minuten-Lernbeats), Community-Ansätze und Digital Champs als Multiplikatoren, die nicht passiv auf Anfragen warten, sondern aktiv Use Cases identifizieren und Lernräume öffnen. Für Fortgeschrittene: ein AI & Automation Lab als Hackathon-Format – Teilnahmebedingung: eigener Use Case, Ziel: MVP. MVP steht hier für „Minimum Viable Product“ (deutsch sinngemäß: kleinstmöglicher funktionsfähiger Prototyp). Gemeint ist nicht ein „fertiges Produkt“, sondern eine erste, lauffähige Version, die den Use Case bereits so abbildet, dass man sie testen, vorführen und iterativ verbessern kann.

Am Horizont steht bei Festo ein Gedanke, der über klassische Lernplattformlogik hinausgeht: ein Learning Agent, integriert dort, wo Arbeit passiert (Teams/M365), der intern verfügbare Inhalte und externe Quellen zusammenführt und personalisiert begleitet – nicht als „Kurskatalog“, sondern als Arbeits- und Lerncompanion.

Worum es in 45 Minuten wirklich geht

Die Session ist damit mehr als eine Bestandsaufnahme. Sie ist eine Einladung, die KI-Debatte im Lernen von zwei Seiten zu führen: Potenziale heben – Erosion verhindern. Und sie macht deutlich, warum das keine Nebenaufgabe ist, sondern zur Kernagenda von L&D gehört: Wer KI nur als Effizienzmaschine einführt, riskiert Kompetenzverlust im großen Stil. Wer sie als Lern- und Transformationshebel gestaltet, kann den Schritt von der Polykrise zum Polypotenzial schaffen – und damit genau jene Zukunftsfähigkeit, die viele Unternehmen gerade suchen.

Termin & Format
Mi, 25. Feb. 2026 | 13:00–13:45 Uhr
Zukunft Personal Nachgefragt Week – Session „KI im Lernen – Fortschritt mit Nebenwirkungen?!“
Mit: Prof. Dr. Anja Schmitz, Jan Foelsing, Nadine Vöhringer |

53 Kerzen für Miliana – in Gedanken entzündet

Sag – hast du sie gesehen?
Nicht die Miliana auf Fotos, nicht die auf Urkunden, oder in Mails.
Ich meine sie – so wie sie war.
Die, die plötzlich lachen konnte,
mit einem Blick, der ganze Räume wärmte.

Ich habe manchmal Angst, dass ich vergesse,
wie sich ihre Stimme anhörte,
wenn sie meine Ironie durchschaut hat
und dann einfach nur leise den Kopf schüttelte.
Nicht vorwurfsvoll. Sondern mit diesem Blick.
Diesem Blick, der am 6. Mai 2019 verschwand.

Aber wenn ich die Augen schließe –
dann sehe ich sie manchmal noch.
Ganz kurz.
So wie sie war,
bevor sie ging.

Heute wäre sie 53 geworden.
Ich sehe sie vor mir, wie sie in der Küche zaubert –
mit Hingabe, Ruhe und diesem besonderen Funkeln in den Augen.
Am Tisch: die engste Familie, ein paar liebe Cousinen, vielleicht alte Freunde.
Goran Bregović läuft im Hintergrund, leise, dann wieder laut – ganz wie sie.
Der Duft ihres Essens zieht durchs Haus – kein Menü, sondern ein Geschenk.
Der Wein ist auf den Punkt, das Lächeln echt, die Stimmung warm.
Und sie – in ihrem Element, voller Herz, voller Leben.

Ich bin heute nicht bitter.
Nur etwas leer.
Und das vergeht nicht.
Es war schön, solange es dauerte.
Viel zu kurz.
Aber es war.

Ich wünschte, ich könnte dich heute umarmen.
Nicht, um dich zurückzuholen.
Sondern nur,
um dich noch einmal zu sehen,
so wie du warst –
the way you were before.

Das „mmmmmh“-Regime: Eine kleine Feldstudie über Menschen, die dich ohne Satzbau entwerten

Der Laut als Machtdemonstration

Das Geräusch kommt, bevor überhaupt ein Gedanke zu Ende gedacht ist. Ein gedehntes „mmmmmh“, als würde da jemand tief in den Brunnen der Vernunft blicken, dabei ist es nur der Deckel: Du liegst falsch, und ich bin zu erhaben, es auszusprechen. Danach ein „tztztz“, dieser Zungenklick, der nicht argumentiert, sondern etikettiert. Du wirst nicht widerlegt, du wirst abgewertet. Und das Beste: Es bleibt völlig unbewiesen, weil es ja nur ein Geräusch war. Wie praktisch, wenn man geistig gern schießt, aber nie die Fingerabdrücke auf der Waffe haben will.

Das ist keine Klugheit, das ist Geräusch-Herrschaft. Die akustische Variante des Augenbrauenhochzugs. Eine Form von Überlegenheit, die keine Verantwortung trägt, weil sie nirgendwo richtig steht. Sie hängt wie schlechte Luft im Raum und man wird sie nur schwer wieder los.

Die Andeutungstäter und ihr Lieblingssport: Korrigieren ohne Risiko

Widerspruch wäre ehrlicher. Aber Widerspruch könnte scheitern. Also wird nicht widersprochen, sondern suggeriert. Da wird „interessant“ gesagt und „lächerlich“ gemeint. Da wird „puh“ gehaucht und so getan, als hätte man gerade ein komplexes Gegenargument in der Lunge sortiert. Da kommt „nur zur Einordnung“, als wäre dein Satz ein falsch aufgehängtes Bild, das die semantischen Hausmeister des Richtigen jetzt mit Handschuhen wieder gerade rücken.

Streber bleiben Streber, auch wenn sie jetzt „Meeting“ sagen

Man erkennt sie wieder, nur das Klassenzimmer wurde umdekoriert. Früher waren das die Schüler, die sofort den Finger heben, wenn jemand einen kleinen Fehler macht. Heute sind es dieselben Typen im Büro: Sie sagen ständig „rein formal“ und nutzen Meetings vor allem, um andere zu korrigieren. Es ist das gleiche Verhalten wie früher – nur als Job.

Diese Sorte Mensch redet nicht, sie nimmt ab. Gespräche sind bei ihnen Prüfungen. Sätze sind bei ihnen Unterlagen. Du sprichst, und sie scannen dich. Nicht auf Wahrheit, sondern auf Abweichung. Sobald etwas zu frei klingt, wird es eingefangen, glattgezogen, entmutigt. Der Sinn des Austauschs ist nicht Austausch, sondern Disziplin. Die Welt soll nicht verstanden werden, sie soll korrekt aussehen.

Die Ermahnung als Handseife der Macht

Besonders fettig wird es, wenn die Ermahnung kommt. Ermahnung ist Macht, die nach Hygiene riecht. „Bitte sachlich bleiben“, sagt die Person, die gerade mit „mmmmmh“ die emotionalste Handgranate geworfen hat: den Hinweis, dass du nicht ernst zu nehmen bist. „Ton macht die Musik“, sagt sie, und ihr Ton ist das Geräusch, das ein Aktenordner macht, wenn er dir über den Schädel gezogen wird.

Das Geniale daran: Wer ermahnt, stellt sich automatisch auf die Seite des Guten. Du bist dann nicht einfach anderer Meinung, du bist unsachlich, unhöflich, problematisch. Die Diskussion wird zur Moralveranstaltung.

Emoji-Pädagogik und andere digitale Ohrfeigen

Im Gruppenchat wird daraus eine Kunstform. Da wird nicht geantwortet, da wird markiert. Ein Smiley als Handschuh, damit die Ohrfeige nicht so rot aussieht. Ein Zwinker-Emoji als Köder: Ich weiß mehr, aber ich gönn’s dir nicht. Falls du dich wehrst, war ja nur Spaß. So entsteht eine Kommunikation, die wie ein Escape Room funktioniert. Du suchst ständig den Ausgang, und sie stellen dir Hinweise hin, die keine sind, aber sehr nach Überlegenheit riechen.

Die Andeutung ist digital noch feiger, weil sie schneller ist. Ein „lol“ ersetzt ein Argument. Ein „hm“ ersetzt Verantwortung. Ein „tja“ ersetzt Empathie. Und wenn du fragst, was genau gemeint war, kommt der Klassiker: Man habe doch gar nichts gesagt. Stimmt. Und genau das war der Angriff.

Das Pusteröhrchen: Wie man Geräusche wieder zu Sätzen zwingt

In der Schule gab es dafür das passende Gegenmittel: das Pusteröhrchen. Nicht aus Mordlust, sondern aus Gleichgewichtssinn. Ein kleiner Stich, ein klares Signal: Wer hier mit Nebel arbeitet, bekommt einen Hauch zurück. Heute ist das Pusteröhrchen sprachlich. Heute schießt man keine Papierkügelchen, heute schießt man Klarheit.

Man sagt: Sag’s als Satz. Sag, was du meinst. Leg’s auf den Tisch. Denn in dem Moment, in dem sie wirklich aussprechen müssen, was vorher nur „mmmmmh“ war, passiert etwas Wunderbares: Sie riskieren plötzlich selbst etwas. Sie können dann nicht mehr gleichzeitig schlagen und unschuldig gucken.

Und falls sie sich wieder in die Metaebene retten wollen, in diese kleine pastorale Zone aus „Ich will ja nur helfen“ und „nicht falsch verstehen“, dann bleibt ein letzter, sauberer Schuss: Ich rede gern über das Thema. Nicht über deine Geräusche dazu.

Angreifer skalieren, Verteidiger verwalten #Zukunftswerkstatt #Stuttgart


Hans-Wilhelm Dünn warnt auf der KOMI-Zukunftswerkstatt in Stuttgart vor trügerischer Sicherheit – und fordert Resilienz-Architektur sowie digitale Souveränität

Cybersicherheit ist keine klassische IT-Disziplin mehr, sondern eine sicherheitspolitische Kernfrage. Im Smarter-Service-Interview auf der KOMI-Zukunftswerkstatt in Stuttgart skizziert Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrats Deutschland e.V., warum Deutschland seine digitale Verwundbarkeit unterschätzt – und weshalb Regulierung allein keine Handlungsfähigkeit im Ernstfall erzeugt.

Dünn beschreibt eine wachsende Asymmetrie: Angreifer agieren mit industrieller Skalierung, während Verteidigung in Behörden und Unternehmen häufig in Zuständigkeiten, Prozessen und Budgetzyklen steckenbleibt. Die Folge seien Ketteneffekte, die weit über einzelne Unternehmen hinausreichen – von Energie und Telekommunikation bis hin zu Wasser, Gesundheit und Produktion.

Im Zentrum steht dabei der Ruf nach einem Umbau der Sicherheitsarchitektur: Weg von fragilen Zentralitäten, hin zu verteilter Resilienz. „Wir müssen von der zentralen in die dezentrale Ausbreitung gehen – Inseln bauen“, so Dünn mit Blick auf Rechenzentren und Energieversorgung. Digitale Souveränität bedeute vor allem Kontrolle über die eigenen Abhängigkeiten – technisch, organisatorisch und strategisch.

Kernaussagen aus dem Interview:

  • Resilienz statt Reaktion: Cybersicherheit muss wie Brandschutz gedacht werden – als Standard, nicht als Krisenmaßnahme.
  • Dezentralisierung als Schutzprinzip: Redundanz und „Inseln“ reduzieren die Wirkung von Nadelstichen und Kaskaden.
  • Hybrid denken: Schutz braucht Zusammenspiel von Cyberabwehr, Krisenmanagement, physischer Sicherheit und Desinformationsresilienz.
  • Souveränität durch Fähigkeiten: Deutschland müsse eigene Erkenntnis- und Abwehrfähigkeiten stärken – statt struktureller Abhängigkeit von Partnerhinweisen („Five Eyes“).

Der vollständige Beitrag im Smarter-Service-Magazin: https://www.smarter-service.com/2026/02/10/komi-zukunftswerkstatt-cybersicherheit-als-staatsraeson/

Anna Maria und die Kunst der zweiten Stimme

Ein Schild in Palma erinnert an eine Mystikerin – und daran, dass Mallorca auch aus Kommentaren besteht

An einer dunklen Steinmauer in Palma hängt ein Schild, das nichts verkaufen möchte: keine Aussicht, kein „Must-see“, keine Verheißung von Authentizität. Es nennt einen Namen und ein Datum – Sor Anna Maria del Santíssim Sagrament (Valldemossa 1649 – Palma 1700) – und fügt drei Zuschreibungen hinzu, die wie eine kleine Programmschrift wirken: erste mallorquinische SchriftstellerinMystikerinLul·lista. Das Schild vermerkt zudem ihren Ort: das Kloster Santa Caterina de Siena, wo sie lebte und starb – und wo sie ihren Kommentar zu Ramon Llulls „Llibre d’amic e amat“ verfasste. Mehr steht nicht da. Aber es reicht, um die Insel kurz aus der Gegenwart herauszudrehen und in eine Tradition zurückzustellen, die Mallorca gern verschweigt: die Tradition der geduldigen Auslegung.

Llull: Ein Text, der wie ein Gebet denkt

Ramon Llulls „Buch vom Freund und der Geliebten“ ist, bei allem Titelzauber, kein romantisches Stück. Es ist verdichtete Spiritualität: kurze Prosaminiaturen, die Liebe als Erkenntnisweg behandeln, als Bewegung zwischen Nähe und Entzug, zwischen Sehnsucht und Ordnung. Man kann diese Texte wie Gebete lesen – und zugleich wie Denkübungen, die den Geist schärfen sollen. Llull schreibt nicht, um zu erzählen; er schreibt, um eine Haltung zu erzeugen.

Gerade deshalb ist das Werk so kommentierwürdig. Es ist offen genug, um darin zu wohnen, und streng genug, um einen nicht in beliebiger Innerlichkeit versinken zu lassen. Wer Llull liest, merkt schnell: Hier ist jemand, der Mystik nicht als Nebel, sondern als Disziplin versteht.

Der Kommentar als Lebensform

Und genau hier beginnt Anna Marias eigentliche Modernität. Ein Kommentar ist kein Beipackzettel; er ist eine zweite Stimme, die sich an einen Text bindet, um sich an ihm zu üben. Kommentieren heißt: nicht nur zustimmen, sondern mitdenken, nachsprechen, widersprechen, verdichten, klären. Im klösterlichen Kontext ist der Kommentar zudem Praxis: ein Rhythmus aus Lesen, Wiederholen, Auslegen – eine Methode, aus Sprache Erfahrung zu machen.

Dass Anna Maria im Kloster Santa Caterina de Siena einen Kommentar zu Llull schrieb, lässt sich daher als mehr begreifen als als gelehrte Beschäftigung. Es ist ein Hinweis darauf, wie Llullismus auf Mallorca funktionierte: nicht als museale Verehrung eines großen Namens, sondern als Weiterverarbeitung – als geistige Technik, die in der Zelle weiterlebte. Anna Maria stellt sich damit in eine Tradition, die im Mittelalter begann und im 17. Jahrhundert nicht einfach fortlief, sondern sich veränderte: Llulls knappe Strenge trifft auf barocke Innerlichkeit, auf die religiöse Erfahrungsdichte einer Zeit, die mit Heilsgewissheit ebenso vertraut war wie mit Heilsangst.

Ihr Kommentar wird so zur Schnittstelle: zwischen einem mittelalterlichen Denker, der Systeme baute, und einer Frau, deren Schreibraum eine Klosterzelle war. Zwischen öffentlicher Gelehrsamkeit und privater Arbeit am Text. Zwischen Autorität und Aneignung.

Eine erste Schriftstellerin – und warum das nicht klein ist

Das Schild nennt Anna Maria die „erste mallorquinische Schriftstellerin“. Diese Formel wirkt heute wie ein Etikett, ist aber in ihrer historischen Konsequenz alles andere als klein. Denn Schreiben im Kloster bedeutet nicht: Schreiben im Abseits. Es bedeutet: Schreiben unter Bedingungen, die Öffentlichkeit anders organisieren – über Handschrift, Überlieferung, über geistliche Netzwerke, über das langsame Wandern von Texten. Der Kommentar ist in diesem Milieu kein Nebenprodukt, sondern eine legitime Form, sich Autorität zu erarbeiten: nicht durch Originalitätsgesten, sondern durch Präzision.

Man könnte sagen: Anna Maria wählt nicht die Pose der Schöpferin, sondern die Rolle der Auslegerin – und trifft damit eine Form, die ihre Zeit ernst nimmt. Wer Llull kommentiert, stellt sich bewusst unter einen Text, aber nicht unterwürfig. Man akzeptiert das Gefälle – und nutzt es, um sich daran aufzurichten.

Wintertage im Hotel Eden, Ausflüge nach Valldemossa und Sóller – und abends Paella in La Miranda

Port de Sóller als Winterquartier

Wir haben Mallorca nicht „bereist“, wir haben es bewohnt – zumindest für ein paar Tage. Unser Quartier war das Hotel Eden im Port de Sóller, dort, wo die Bucht den Rhythmus vorgibt und der Winter die Insel in einen ruhigeren Aggregatzustand versetzt. Keine Hochsaison-Gesten, kein touristisches Dauerlächeln. Stattdessen Licht, das länger bleibt als erwartet, und eine Gelassenheit, die sich wie eine zweite Haut über den Ort legt.

Port de Sóller ist im Winter nicht leer, sondern entlastet. Man hört wieder, was sonst untergeht: Schritte auf Holz, Stimmen aus den Cafés, das Klirren von Geschirr, das kurze Aufatmen einer Tür, die ins Warme fällt. Von dieser Basis aus haben wir Tagesausflüge gemacht – und sind abends immer wieder in den Hafen zurückgekehrt, als hätte er eine eigene Gravitation.

Tagesausflug 1: Valldemossa und der andere Mallorca-Winter

Valldemossa ist im Winter eine Art Gegenentwurf zum Hafen: enger, steinerner, kontemplativer. Dort, in der Kartause, wird Geschichte nicht erzählt, sie liegt einfach herum – in Korridoren, Zellen, Innenhöfen. Und genau dort, zwischen Mauern und feuchter Kühle, bekommt die berühmte Episode mit George Sand und Frédéric Chopin eine physische Plausibilität.

Sie kamen mit der Hoffnung auf ein heilendes Klima und fanden einen Winter, der ihnen unerquicklich erschien: feuchte Luft, kühle Räume, eine Umgebung, die dem unverheirateten Paar skeptisch begegnete. Sand hat das später in ihrem Bericht scharf festgehalten – nicht ohne Übertreibung, aber mit der Präzision der Enttäuschten. Chopins Krankheit machte den Aufenthalt zur Daueranspannung; selbst das Klavier wurde zum Symbol der Reibung zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Und doch: Wer heute bei Sonne durch Valldemossa geht, merkt, wie sehr das Urteil über einen Ort auch von den Bedingungen abhängt, unter denen man ihn erlebt. Dass wir nach Port de Sóller zurückfahren konnten – ins warme Licht, ins bewohnte Heute –, ist ein Luxus, den Sand und Chopin in dieser Form nicht hatten.

Tagesausflug 2: Sóller – Wanderung durchs Tal der Zitrusfrüchte

Ein zweiter Tag gehörte Sóller selbst, dem Tal hinter dem Hafen, das wie ein aufgeschlagenes Buch zwischen den Bergen liegt. Die Wanderung beginnt dort, wo das Städtische ausfranst: an Trockenmauern, an Wegen, die von Generationen geglättet wurden, an Plantagen, die der Landschaft Struktur geben.

Dann Orangen – nicht als Dekoration, sondern als Selbstverständlichkeit. Zitronen, die in der Wintersonne fast zu leuchten scheinen. Mandelbäume, je nach Woche noch karg oder schon mit jenem zarten Weiß-Rosa, das den Frühling ankündigt, bevor er offiziell da ist. Der Duft ist das eigentliche Souvenir: Zitrus, kühl, klar, mit einer Spur Bitterkeit. Und immer wieder diese unaufdringliche Freundlichkeit der Menschen – ein Nicken, ein Gruß, kein Theater.

Ramon Llull: Die Insel als Denkraum

Mallorca ist nicht nur Landschaft, Mallorca ist auch Idee. Wer nach einer Wanderung mit Zitrusduft in der Kleidung auf die Klarheit des Winterlichts schaut, versteht besser, warum die Insel eine Figur wie Ramon Llull hervorbringen konnte: Philosoph, Mystiker, Sprach- und Systemarbeiter – ein Mann, der nicht beim Eindruck stehen blieb, sondern nach Ordnung suchte.

Llulls Denken passt erstaunlich gut zu dieser Jahreszeit. Der Winter macht die Insel nicht spektakulärer, sondern deutlicher: Linien statt Schleier, Struktur statt Überwältigung. Als wolle Mallorca sagen, was Llull gewusst haben muss: Dass Klarheit nicht kalt ist – sondern eine Form von Wahrhaftigkeit.

La Miranda: Die große Pfanne und die richtige Wärme

Und dann, am Abend, zurück im Hafen: La Miranda. Das leuchtende Schild über der Tür ist weniger Reklame als Versprechen. Drinnen warmes Licht, Holz, Stimmen, ein Service, der nicht animiert, sondern willkommen heißt.

Die Paella kommt in der großen Pfanne – ein Moment, der fast still macht. Rotgoldener Reis, tief in Fond und Safran verankert, Muscheln wie dunkle Klammern am Rand, Garnelen obenauf, Zitronenspalten als präziser Eingriff in die Fülle. Der Reis trägt das Gericht, nicht umgekehrt: Körnig, aber saftig, konzentriert, ohne schwer zu wirken. Man schmeckt Meer, Würze, Zeit – und diese seltene Sicherheit, dass hier jemand kocht, um zu treffen, nicht um zu beeindrucken.

Rückkehr ins Hotel Eden: Winter als Einladung

So entsteht eine kleine Dramaturgie, ganz ohne Planungsaufwand: morgens los, tagsüber Insel – abends Hafen. Hotel Eden als ruhige Basis, Valldemossa als historische Gegenfolie, Sóller als Landschaftserlebnis, La Miranda als kulinarischer Schlusspunkt.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Mallorca viele Winter hat. Sand und Chopin erlebten einen, der ihnen die Insel verschloss. Wir erleben einen, der sie öffnet: sonnig, freundlich, kulinarisch präzise. Vielleicht ist das die eigentliche Reiseerkenntnis: Orte ändern sich – aber noch mehr ändern sich die Bedingungen, unter denen wir sie lesen. Und manchmal reicht ein Tag zwischen Orangen und Mandelbäumen und ein Abend mit Paella, um zu begreifen, dass Winter auf Mallorca kein Urteil ist, sondern eine Einladung.

Maskenspiel mit Gelb

Eine fiktive Glosse, geschrieben so, als säße Hugo von Hofmannsthal heute wieder im Sommer in Salzburg und führte – mit jener höflichen Bosheit, die er den Masken zutraute – Protokoll über das, was man nicht auf der Bühne sieht.

Ich bin, wider alle Biologie, wieder da. Und kaum bin ich da, ist es wieder da: dieses sonderbare Gemeinwesen, das im Juli und August seine eigene Wirklichkeit auswechselt wie andere Leute das Tischtuch. Die Stadt ist dann nicht Stadt, sondern Behauptung: dass Kunst möglich sei, obwohl ringsum alles nach Verordnung riecht. Ein Sommerstaat. Ein Operettenhof. Ein religiöses Fest der Zuständigkeiten.

Man spielt Jedermann, selbstverständlich. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie zuverlässig man daneben ein anderes Stück aufführt – ein Stück ohne Programmheft, ohne Premierenfeier, doch mit großem Ensemble: „Der Prozess“. Und ich meine nicht Kafka, sondern die schönere, neuere Tragikomödie: das Verfahren als Moral, die Ausschreibung als Liturgie, die Anhörung als Hochamt.

Neulich nun wurde, so verlautete es, eine gelbe Karte gezeigt. Die Festspielstadt hat den Barock hinter sich gelassen und ist im Sportjournalismus angekommen – man muss das als Fortschritt würdigen. Gelb ist das perfekte Drohmittel unserer Zeit: nicht endgültig, nur öffentlich. Nicht Strafe, eher Vorahnung. Eine Farbe wie ein Räuspern.

Weshalb Gelb? Weil hier, wie in allen höfischen Gebilden, nicht das Falsche das Schlimmste ist, sondern das Unabgestimmte. Man wirft einander nicht vor, dass man etwas gedacht habe – das wäre privat. Man wirft einander vor, dass man es zu früh gesagt habe. Dass ein Name ins Licht gehalten wurde, ehe das Licht offiziell eingeschaltet war. Dass die Reihenfolge der Verkündung nicht eingehalten wurde, diese feinste aller Rangordnungen.

Denn in solchen Häusern gilt eine Wahrheit, die ich früher unter dem Titel „Maske“ behandelte und die heute „Governance“ heißt:
Wahr ist nicht, was stimmt. Wahr ist, was autorisiert ist.

Da gibt es oben einen Kreis, der gern „Gremium“ genannt wird, als sei das ein Naturphänomen wie Nebel. Dieser Kreis spricht in Sätzen, die sich nicht festnageln lassen: „Das kann man so nicht stehen lassen.“ „So geht es nicht.“ „Man muss ein Zeichen setzen.“ Das „man“ ist die Plüschdecke der Macht: Sie wärmt den Sprecher und lässt niemanden greifen.

Und darunter, in einer Zone, die man früher „Künstler“ nannte und heute „künstlerische Leitung“ – wobei schon das Wort „Leitung“ verrät, wie sehr man inzwischen an Rohre denkt –, darunter also sitzt jemand, der offenbar glaubte, ein Fest sei noch immer auch ein Ort der Entscheidung. Und nun erfährt er, dass in der Festspielstadt Entscheidungen nicht getroffen, sondern abgewickelt werden: über Kanäle, Stufen, Zustimmungen, Gegenzeichnungen, Flurgespräche, „kurze Abstimmungen“.

Einmal, so heißt es, standen sieben Stühle bereit. „Finalrunde“ stand darüber, dieses hübsche Wort, das die letzte Auswahl wie ein Sportturnier aussehen lässt. Und irgendwo im Halbdunkel winkte ein achter Stuhl aus einer Zeitung heraus – ich nenne sie nicht; sagen wir: Sie trägt gern Krönchen. Ob dieser achte Stuhl wirklich dazugehört habe, darüber entbrannte plötzlich eine Erregung, als hätte jemand beim Hochamt die Hostie selbst gebacken.

Dann fiel das große Wort: Unwahrheit. Das ist, im Kulturbetrieb, ein besonders nützliches Wort, weil es zugleich moralisch klingt und doch meist organisatorisch gemeint ist. Unwahrheit heißt hier oft: Du hast die Dramaturgie des Apparats missachtet. Du hast die falsche Stelle gewählt, um das Richtige zu sagen. Du hast die Hierarchie der Veröffentlichung verletzt, also die eigentliche Verfassung.

Worüber man dabei kaum spricht – und das ist das Komische –, ist die Kunst. Die Kunst ist in diesen Debatten wie der Kronleuchter: teuer, glitzernd, selbstverständlich da, aber selten Thema. Man redet über Vertrauen, über Verfahren, über beschädigte Abläufe – und nur am Rand, wie über eine empfindliche Zimmerpflanze, über das Programm. Dabei wirkt ausgerechnet das, was nach außen hin angekündigt wird, plötzlich einmal so, als sei es nicht bloß Dekoration des Sommers: riskant, sperrig, anspruchsvoll, mithin unerquicklich für alle, die Kultur gern als Beruhigungsmittel führen.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Skandal: dass die Kunst sich an einem Punkt wieder einbildet, sie dürfe stören.

Denn die Festspielstadt liebt das Störungsfreie. Sie liebt den Glanz, der nicht kratzt, die Bedeutung, die nicht widerspricht. Sie liebt die Tradition, weil Tradition zuverlässig ist – sie kommt jedes Jahr wieder und stellt keine Fragen. Aber wenn Fragen auftauchen, dann kommen sie selten von der Bühne. Sie kommen von der Eitelkeit.

Ach, diese Eitelkeit. Sie ist hier kein Laster, sie ist ein Baustoff. Und wie jeder Baustoff wird sie verarbeitet: zu Cliquen, zu Klüngeln, zu Karrieren. Die Clique ist der warme Raum, in dem man sich gegenseitig bestätigt, dass man recht hat. Der Klüngel ist die Abkürzung, die alle kennen und keiner zugibt. Die Karriere ist das Märchen, in dem Macht sich als Verantwortung verkleidet.

Das alles ist nicht neu. Neu ist nur die Sprache, in der es geschieht: früher sagte man „Hof“, heute sagt man „Stakeholder“. Früher sagte man „Gunst“, heute sagt man „Vertrauen“. Früher sagte man „Intrige“, heute sagt man „Kommunikationsproblem“. Die Substanz bleibt: Man verletzt einander nicht mit Worten, sondern mit Prozeduren.

Und nun, da Gelb gezeigt wurde, beginnen alle das Spiel, das die Festspielstadt so hervorragend beherrscht: das öffentliche Ungefähre. Man lässt offen, wie ernst es ist. Man lässt offen, was folgen könnte. Man lässt offen, wer eigentlich gekränkt ist – und gerade damit stellt man sicher, dass alle gekränkt sind. Es ist eine Form von Nebelkrieg, der so höflich geführt wird, dass man ihn für Wetter halten könnte.

Dabei steht im Hintergrund ein viel soliderer Gegner als jedes verletzte Ego: Beton. Die Festspielstadt ist, man hört es bereits, im Begriff, sich umzubauen. Sanierungen, Sperren, Schließungen, Kosten. Das sind die Momente, in denen künstlerische Biographien sehr schnell in Projektpläne übersetzt werden. Dann braucht man weniger Genie als Termintreue, weniger Vision als Risikomanagement, weniger Bühne als Baustellenkoordination.

Die Kunst hat in solchen Phasen eine gefährliche Eigenschaft: Sie ist nicht berechenbar. Und das ist, für Apparate, der eigentliche Affront.

So sitze ich also, fiktiv lebendig, und sehe dem Maskenspiel zu. Es hat, wie jedes gute Stück, einen Chor: Er singt nicht, er stempelt. Er ruft nicht „Weh!“, er sagt „so kann es nicht bleiben“. Und das Publikum? Es applaudiert, wie es immer applaudiert. Denn die Festspielstadt hat ihr Publikum darauf dressiert, dass selbst das Lächerliche würdig zu wirken hat, solange es im richtigen Ton vorgetragen wird.

Am Ende bleibt die gelbe Karte als Emblem eines Systems, das sich gern für Kunst hält, aber in Wahrheit ein Ritual der Macht ist – mit Sommerfrack und Protokoll. Und ich, der ich einst glaubte, man könne mit Theater eine Stadt zu sich selbst erheben, muss nun feststellen: Die Stadt hat das Theater so gründlich gelernt, dass sie es auch dort spielt, wo niemand Eintritt bezahlt.

Das ist unerquicklich. Und, in seiner vornehmen Lächerlichkeit, leider sehr gelungen.

Die Räder über dem Meer: Ramon Llull in Miramar

Wer am 6. Februar 2026 durch Valldemossa geht, erlebt zunächst das Übliche: Stein, Schatten, eine sorgfältig kuratierte Langsamkeit. Und doch ist diese Langsamkeit hier nicht bloß Kulisse, sondern – historisch betrachtet – ein Medium des Denkens. Denn oberhalb des Ortes, dort wo die Tramuntana zum Meer hin abrupt abfällt, hat ein Mallorquiner im 13. Jahrhundert einen der kühnsten Versuche unternommen, Vernunft als Verfahren zu entwerfen: Ramon Llull.

Man kann Llull leicht falsch einsortieren: als Mystiker, als Missionar, als mittelalterlichen Vielschreiber. Alles stimmt – und verfehlt doch den Punkt. Entscheidend ist nicht, dass er glaubte, sondern wie er glauben wollte: nicht über Ekstase allein, sondern über Struktur, über Kombination, über eine Methode, die Streit in eine Art Rechenaufgabe verwandeln sollte. Das klingt modern, nicht weil Llull „Computer“ geahnt hätte, sondern weil er einen Gedanken vorwegnimmt, der die Moderne durchzieht: dass Erkenntnis nicht nur gefunden, sondern hergestellt werden kann – durch Regeln.

Miramar: Schule, Labor, Balkon

1276 gründet Llull – unter der Herrschaft Jaume (Jakob) II. – im Kloster/Monasterio von Miramar bei Valldemossa eine Missionarsschule. Der Zweck ist bemerkenswert nüchtern: Franziskaner sollen Arabisch lernen und zugleich die lullistische Kunst studieren, um in islamischen Gebieten argumentieren zu können. Eine päpstliche Bestätigung aus dieser Zeit belegt die Gründung und Zielsetzung; die Vita coetanea schreibt Llull eine maßgebliche Rolle bei der Initiative zu.

Die Zahl hat etwas Symbolisches und etwas Praktisches: dreizehn Brüder, die in einem begrenzten Setting eine universale Ambition einüben. (Und die Topographie liefert das passende Bild dazu: Miramar liegt an der maritimen Flanke der Tramuntana, ein „Balkon“ über dem Mittelmeer – schön, ja, aber vor allem: exponiert. Wer hier denkt, denkt gegen Wind und Weite an; Universalität wird nicht behauptet, sie wird erzwungen.

Llull selbst hält sich nach den gängigen Angaben mehrere Jahre dort auf (bis etwa 1279). Später wird Miramar verlassen (um 1295), und Llull beklagt diesen Verlust in seinem Desconhort: Der Mann der Methode trifft auf die Unzuverlässigkeit der Institution.

Die „Kunst“ als Algorithmus ohne Maschine

Llulls berühmte Ars ist im Kern eine Kombinatorik von Grundbegriffen. Man ordnet zentrale Prädikate und Relationen, setzt sie in systematische Paarungen und Dreiergruppen, prüft die resultierenden Aussagen – und gewinnt so Argumentationsketten, die sich nicht auf Eingebung, sondern auf Durchlauf stützen. In moderner Sprache: eine endliche Symbolmenge, Regeln der Verknüpfung, ein Verfahren zur Generierung und Prüfung von Sätzen.

Darin liegt der Grund, warum Llull heute gern als Vorläufer programmatischen Denkens aufgerufen wird: Nicht weil er „programmierte“, sondern weil er Denken als ausführbaren Prozess begriff – als etwas, das man in Schritte zerlegen und wiederholen kann. Eine aktuelle KI- und Informatik-Perspektive beschreibt Llulls kombinatorische Kunst ausdrücklich als Prozess von Analyse und Rekonstruktion und stellt sie in Beziehung zu späteren formalen Verfahren.

Der Clou (und die Ambivalenz) liegt in Llulls Ziel: Diese Maschine aus Begriffen sollte nicht nur elegant sein, sondern bekehrungsfähig. Vernunft als Missionsinstrument – ein Projekt, das heute fremd wirkt und zugleich vertraut, weil wir die Verfahrensgläubigkeit behalten haben, nur die Theologie ausgetauscht: Damals sollte die Methode zur Wahrheit führen, heute soll sie zur Optimierung führen.

1485: Von der Denkmühle zur Druckpresse

Miramar ist nicht nur ein Denk-Ort, sondern später auch ein Medien-Ort. Im 15. Jahrhundert lassen sich dort Lullisten nieder und richten eine Druckerei ein; 1485 erscheint das erste gedruckte Buch auf Mallorca. Ein einschlägiger Bericht nennt als ersten Inkunabeldruck aus dieser Presse Jean Gersons Tractatus de regulis mandatorum, datiert auf den 20. Juni 1485.

Damit bekommt Llulls Projekt, ohne sein Zutun, eine zweite Existenzform: Die Methode, ursprünglich als Debattier- und Missionsinstrument gedacht, wird Teil einer Infrastruktur, die Reproduzierbarkeit zur kulturellen Norm macht. Zwischen den Rädern der Begriffe und den Rädern der Druckpresse liegt weniger Abstand, als man denkt.

Der Erzherzog und die Erinnerung als Bauform

Im 19. Jahrhundert tritt eine andere Figur auf die Bühne der mallorquinischen Erinnerungspolitik: Erzherzog Ludwig Salvator erwirbt Miramar 1872, lässt die Kapelle bzw. das Oratorium wiederherstellen und setzt Llull durch Monumente ins Landschaftsbild zurück; für die Restaurierung wird in Darstellungen häufig 1877 genannt.

Man kann das als Romantik abtun. Aber in Wahrheit ist es eine Fortsetzung der lullistischen Idee mit anderen Mitteln: Auch hier wird ein System gebaut, das Bedeutung stabilisiert – diesmal nicht über Logik, sondern über Architektur, Aussichtspunkte, Gedenkzeichen.

Und über allem liegt die Tramuntana als kulturelles Gelände: Seit 2011 ist die Serra de Tramuntana als Kulturlandschaft UNESCO-Welterbe – Terrassen, Wasserwerke, Trockensteinmauern, eine über Jahrhunderte entwickelte „Technik“ der Landschaft. Genau in dieser Kulisse wirkt Llull weniger wie ein Exot als wie ein konsequenter Bewohner: Einer, der Ordnung nicht als Gegensatz zur Natur verstand, sondern als deren lesbare Grammatik.

Von Bruno über Leibniz bis heute

Wer inspirierte sich an Llull? Nicht wenige – und nicht zufällig gerade jene, die an der Grenze zwischen Vorstellungskraft und Formalisierung arbeiteten.

  • Giordano Bruno verbreitete und kommentierte Llulls ars magna und seine Kombinatorik; Llull wird hier zur Scharnierfigur zwischen Gedächtniskunst, Philosophie und Formexperiment.
  • Athanasius Kircher übernimmt den Gedanken kombinatorischer Geräte; einschlägige Darstellungen nennen Llull ausdrücklich als einen wichtigen Einfluss auf Kirchers eigene Wissensmaschinen.
  • Leibniz schließlich zieht aus Llulls Projekt zentrale Aspirationen: die Idee elementarer Begriffsbausteine und eine Methode ihrer Kombination – Grundmotive seiner characteristica universalis und des Traums, Streitfragen durch Kalkül zu entscheiden.

Und „bis heute“? Llull ist in der Gegenwart weniger ein Ahnherr als ein Wiederkehrer: in Ausstellungen über „Denkmaschinen“, in Debatten über formale Logik und KI, in der Kunst, die mit Permutation und Regelspiel arbeitet, und in einer Informatikgeschichtsschreibung, die sich daran erinnert, dass „Rechnen“ einmal bedeutete, Begriffe rotieren zu lassen, nicht nur Zahlen.

Valldemossa, ein Schluss

Wenn man nach einem Tag in Valldemossa zurückblickt, bleibt vielleicht ein paradoxes Gefühl: Diese Gegend wirkt wie der Inbegriff des Unberechenbaren – Fels, Wind, Lichtwechsel. Und doch war sie Schauplatz eines Denkens, das dem Unberechenbaren mit Methode begegnen wollte.

Llulls Versuch, Wahrheit durch Kombination zu erzwingen, wirkt aus heutiger Sicht anmaßend. Aber er ist auch eine frühe Selbstbeschreibung Europas: der Glaube, dass man mit genügend Symbolen, genügend Regeln und genügend Geduld das Fremde nicht nur verstehen, sondern überzeugen könne. Dass daraus später Rechenmaschinen, Logiken, Programme wurden, ist kein gerader Stammbaum – eher eine Reihe von Familienähnlichkeiten. Doch Miramar, dieser Balkon über dem Meer, macht die Pointe sichtbar: Nicht die Technik ist das Moderne an Llull, sondern die Idee, dass Denken formalisiert werden darf – und dass genau darin seine Gefahr und seine Verheißung liegen.