
Warum der Mittelstand mit Ausbildung allein nicht produktiver wird – und weshalb die neue Technologie die Kluft zwischen Vorreitern und Nachzüglern noch vergrößern könnte
Die Pressekonferenz von KfW Research und ZEW Mannheim hat einen Zusammenhang freigelegt, der in der deutschen Digitaldebatte gern zerlegt wird, obwohl er nur zusammen verstanden werden kann: Der Mittelstand leidet nicht an einem einzelnen Defizit, sondern an drei gleichzeitig. Es fehlt an Investitionen in Digitalisierung und KI. Es fehlt an digitalen Kompetenzen. Und es bremst eine alternde Unternehmerschaft, die bei Nachfolge, Risiko und Zukunftsausgaben oft vorsichtiger agiert, als es die technologische Lage erlaubt. Aus diesem Dreiklang wächst die Produktivitätslücke.
Dirk Schumacher hat diesen Befund in seiner KfW-Präsentation mit der Nüchternheit eines Chefvolkswirts formuliert, was ihn nur noch eindringlicher macht: Das Produktivitätswachstum in Deutschland sinkt seit Jahren, die Digitalisierungsaktivitäten im Mittelstand verlieren „deutlich an Schwung“, und die Unterschiede zwischen Vorreitern und Nachzüglern sind signifikant. Deutschland ist bei der Anwendung digitaler Technologien allenfalls europäisches Mittelfeld; bei höheren digitalen Kompetenzen ist das Bild noch magerer. Wer daraus nur ein Bildungsproblem macht, verharmlost die Lage. Wer daraus nur ein Finanzierungsproblem macht, ebenso.
Die eigentliche Nachricht aus Frankfurt: Die Lücke wächst nicht trotz, sondern wegen der Zurückhaltung
Die neue KfW-ZEW-Lagebeschreibung ist vor allem deshalb so brisant, weil sie einen falschen Trost zerstört. Deutschland digitalisiert sich schnell an der Spitze und zu zögerlich in der Fläche. Der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben sank zuletzt auf 30 Prozent. Die gesamten Digitalisierungsausgaben des Mittelstands fielen auf 23,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig konzentrieren sich diese Ausgaben auf größere und ohnehin stärkere Unternehmen. Die Spitze investiert, der Rest taktiert.
Die zweite Zahl ist fast noch aufschlussreicher. Das digitale Kapital ist extrem ungleich verteilt: Die oberen 25 Prozent der mittelständischen Unternehmen verfügen im Schnitt über 156.600 Euro an Digital-Kapital; bei den unteren 50 Prozent liegt der Bestand bei durchschnittlich unter 50 Euro. Das ist keine normale Streuung mehr. Das ist eine tektonische Verwerfung im Mittelstand. Wo Kapitalstock fehlt, fehlen nicht nur Computer und Software. Dort fehlen Erfahrung, Prozesse, Anschlussfähigkeit, Lernkurven.
Digitalkapital wirkt wie Zinseszins
Genau das belegt die ZEW-Studie mit einer Klarheit, die wirtschaftspolitisch unerquicklich ist. Ein um zehn Prozent höherer digitaler Kapitalstock geht im Durchschnitt mit 0,159 Prozent höherer Produktivität einher. In der Gruppe der bereits am stärksten digitalisierten Unternehmen steigt dieser Zusammenhang auf 0,808 Prozent. Digitalisierung belohnt also nicht alle gleich. Sie belohnt jene stärker, die schon investiert haben.
Noch wichtiger ist der zweite Befund: Ein höherer Digitalisierungsgrad hilft Unternehmen, zu den produktivsten Firmen ihrer Branche aufzuschließen. Aber auch hier gilt: Je größer der vorhandene Kapitalstock, desto stärker der Effekt. Digitalisierung wirkt damit wie Zinseszins. Wer früh beginnt, profitiert überproportional. Wer zu spät kommt, verliert nicht nur Niveau, sondern Abstand. Die wachsende Produktivitätslücke ist deshalb kein Betriebsunfall des Marktes. Sie ist die logische Folge asymmetrischer Investitionen.
Ausbildung und Start-up-Kooperationen sind richtig – aber sie tragen den Kapitalstock nicht ins Haus
Professorin Irene Bertschek, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“, hat in ihrer Präsentation zu Recht darauf hingewiesen, dass Investitionen in Digitalisierung mit besseren und regelmäßig aktualisierten Digitalkompetenzen verbunden werden müssen. Auch Kooperationen mit digitalen Start-ups könnten helfen, technologisches Know-how in Unternehmen zu holen. Das ist richtig. Aber in der Diskussion wurde ebenso deutlich, dass diese Instrumente für sich genommen keine Investitionswende auslösen. Bertschek räumte ausdrücklich ein, das seien „begleitende Maßnahmen“; das Wichtigste seien „die Investitionen in die Technologie“.
Genau darin liegt der ökonomische Kern. Kompetenzen verbessern die Fähigkeit, Technologie zu nutzen. Sie schaffen aber noch keinen technologischen Kapitalstock. Start-up-Kooperationen können Wissen importieren. Sie ersetzen aber keine Datenarchitektur, keine Automatisierungstiefe, keine Integration in Einkauf, Produktion, Vertrieb und Service. Wer glaubt, mit ein paar Schulungsprogrammen und etwas Gründungsromantik lasse sich die Investitionsschwäche des Mittelstands therapieren, verwechselt Voraussetzung und Ursache.
Bertschek hat den zweiten Teil des Problems ebenso offen benannt. Natürlich könne es passieren, sagte sie, „dass auch bei der KI jetzt diese Produktivitätslücke noch größer wird“. Wenn die Vorreiterunternehmen stark investieren und „der große Bulk an wenig Digitalisierten“ nicht nachkommt, werde sich die Lücke weiter vergrößern. Man hätte es kaum präziser sagen können. KI ist kein sozialdemokratischer Produktivitätsbooster. Sie verteilt ihren Ertrag nicht automatisch gleichmäßig.
Ob KI nivelliert oder spaltet, entscheidet sich am Zugang
Die vielleicht klügste Antwort des Tages kam von Dirk Schumacher. Er hat die Warnung nicht relativiert, sondern erweitert. Ja, KI könne die Unterschiede vergrößern. Aber sie könne sie auch „nivellieren“. Entscheidend sei, „wie wird der Zugang zu diesen Foundational Models sein?“ Wenn jedes Unternehmen mit vertretbarem Aufwand auf leistungsfähige Modelle zugreifen und daraus spezialisierte Lösungen bauen könne, dann ließe sich Produktivität auch in der Breite heben. Wenn dagegen Abschottung, knapper Zugang und hohe Gebühren dominieren, nehme die Volkswirtschaft „einen ganz anderen Pfad“.
Darin steckt eine ordnungspolitische Pointe, die über diese Pressekonferenz hinausweist. KI ist kein Naturereignis. Ob sie die Kluft zwischen Vorreitern und Nachzüglern verbreitert oder verkleinert, hängt nicht nur von der Technologie selbst ab, sondern von ihrer Verfügbarkeit, ihren Preisen, ihrer Integrierbarkeit und der Fähigkeit des Mittelstands, daraus anwendungsnahe Lösungen zu bauen. Wer also fragt, ob KI die Lücke vergrößert, muss zugleich fragen, wem der Zugang gehört und wer ihn sich leisten kann.
Die Alterung der Unternehmerschaft ist kein Randthema, sondern ein Investitionshemmnis
Hinzu kommt ein Faktor, der in vielen Innovationsdebatten wie ein ungebetener Gast behandelt wird: Demografie. Schumacher hat auch hier keinen Nebel erzeugt. Das Nachfolgeproblem, sagte er, sei „leider ein empirischer Fakt“. Die Alterung der Unternehmerschaft werde „at the margin wahrscheinlich auch zu weniger Digitalisierungsaktivitäten führen“. Gerade deshalb sei das aber kein Argument, bei der Digitalisierung kürzerzutreten. Im Gegenteil: Weil die Investitionsneigung durch Alterung und ungelöste Nachfolge sinkt, werden die übrigen Hebel umso wichtiger.
Auch hier zeigt sich: Die Produktivitätslücke des Mittelstands ist eben nicht nur technologisch, sondern strukturell. Wer eine alternde Unternehmerlandschaft, knappe Nachfolger, steigende Unsicherheit und schwache Investitionen zusammendenkt, versteht, warum Appelle an Lernbereitschaft allein ins Leere laufen. Ein Unternehmen digitalisiert nicht, weil es dazu moralisch ermuntert wird. Es digitalisiert, wenn Kapital, Führung, Kompetenz und Zukunftsperspektive zusammenkommen.
Was die Hidden Champions den Zögerern voraus haben

Die Zukunftsmacher-Studie des Smarter-Service-Instituts liefert das Gegenbild zum zögerlichen Teil des Mittelstands (der Autor dieses Beitrags hat an der Studie mitgearbeitet). Dort sprechen Hidden Champions und führende Familienunternehmen nicht über KI als hübsches Zusatzmodul, sondern als Investitions- und Wettbewerbsfrage. Im Durchschnitt fließen dort rund 30 Prozent des Investitionsbudgets in Digitalisierung; jeder fünfte Digitalisierungs-Euro geht bereits in KI. Die Unternehmen berichten im Schnitt von 22 Prozent Produktivitätssteigerung durch KI. Und die Studie hält ausdrücklich fest: Je stärker Unternehmen in Digitalisierung und KI investieren, desto höher ist ihr Reifegrad; rund 37 Prozent des Investment-Ertrags entstehen durch Fortschritte in der digitalen Maturity.
EDAG formuliert die Konsequenz ohne Schonung: „Wer nicht integriert, verliert Wettbewerbsfähigkeit.“ Der Engineering-Dienstleister investiert einen signifikanten Teil seines EBIT in digitale Transformation und erzielt bereits 20 bis 30 Prozent Zeitersparnis in ersten Projekten. Internorm sagt dasselbe in pragmatischerem Ton: KI werde dort eingesetzt, wo sie „sofort Wirkung“ zeige; entscheidend sei das Zusammenspiel von Datenbasis, Mindset und Fehlerkultur. Das Unternehmen investiert rund ein Prozent des Umsatzes in Digitalisierung und arbeitet seit Jahren an Forecasting, Lager- und Einkaufsoptimierung. MIWE wiederum macht aus dem industriellen Alltag eine Lektion in Produktivitätsökonomie: Digitale Assistenten verarbeiten täglich Millionen SAP-Datensätze; die Firma berichtet von 10 bis 20 Prozent Performancegewinnen im Materialmanagement und 20 bis 25 Prozent Produktivitätssteigerung in der Produktion. ACO schließlich bringt die Demografiefrage auf eine prägnante Formel: „KI ersetzt keine Jobs – sie verhindert, dass uns Know-how verloren geht.“
Diese Sätze erklären den Unterschied besser als jede Förderbroschüre. Die Vorreiter warten nicht, bis Kompetenzen perfekt, Prozesse ausdefiniert und Risiken restlos abgefedert sind. Sie investieren, um Kompetenzen aufzubauen, Prozesse zu verbessern und Risiken zu beherrschen. Die Nachzügler behandeln Digitalisierung dagegen noch immer wie ein vertagbares Projekt. Die einen bauen Kapitalstock auf. Die anderen pflegen Bedenken.
Weniger Digitalfolklore, mehr Investitionsrealismus
Die wirtschaftspolitische Konsequenz liegt damit offen zutage. Deutschland muss die Produktivitätsfrage des Mittelstands endlich als das behandeln, was sie ist: als Zusammenspiel von Kapital, Kompetenz und Demografie. Bertschek hat recht, wenn sie auf Digitalkompetenzen und Start-up-Kooperationen pocht. Schumacher hat recht, wenn er den Primat der Technologieinvestition und die Gefahr einer größeren KI-Kluft hervorhebt. Die Zukunftsmacher zeigen, dass beides nur trägt, wenn Unternehmen tatsächlich investieren, integrieren und skalieren.
Der deutsche Mittelstand steht damit vor einer unbequemen Wahrheit. KI wird die Schwachen nicht automatisch mitziehen. Sie wird jene belohnen, die vorbereitet sind: mit Kapital, mit Können, mit Führung und mit dem Mut, aus der Vorsicht auszubrechen. Wer weiter zu wenig investiert und darauf hofft, Schulung allein werde den Rückstand heilen, verwechselt pädagogischen Trost mit ökonomischer Realität. KI verzeiht keinen Investitionsstau.











