
Meine Exkursion vom 23. bis 26. August 2026 führt mich an einen Ort, der für die junge Bundesrepublik einmal eine ungewöhnliche Nebenadresse hatte: Villa La Collina, Cadenabbia, Comer See. Konrad Adenauer kam zwischen 1957 und 1966 sechzehnmal nach Cadenabbia, vierzehn Aufenthalte verbrachte er in der Villa auf dem Hügel. Das Kanzleramt reiste gewissermaßen mit. Akten mussten aus Bonn herangeschafft werden, Kommunikationsverbindungen eingerichtet, Gesprächspartner empfangen werden. Urlaub und Regierungsgeschäft ließen sich bei Adenauer ohnehin schwer trennen.
Fast siebzig Jahre später reist eine andere politische Technologie an den Comer See. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zu einem Seminar über Künstliche Intelligenz eingeladen. Am ersten Seminartag, dem 24. August, führt Teresa Holley zunächst durch die Geschichte des Hauses. Danach übernehmen Michael Bücker, Professor für Data Science, Mathematik und Wirtschaftsinformatik an der FH Münster, und die Kommunikationsexpertin Kerstin Bücker. Der Vormittag gehört den technischen Grundlagen, der Nachmittag den Anwendungen in Kommunikation und politischer Arbeit. Später steigen wir hinunter zur Villa Carlotta. Nach dem Abendessen folgt ein Programmpunkt, den Adenauer vermutlich ohne jede didaktische Einführung verstanden hätte: Boccia.
So geraten an einem einzigen Tag das erste Kanzleramt der Bundesrepublik, Large Language Models, italienische Adelsgeschichte, Marmorskulpturen, kommunale Verwaltung und eine beleuchtete Bocciabahn miteinander ins Gespräch.
Adenauers italienische Nebenadresse
La Collina heißt schlicht „der Hügel“, und wer vom See hinaufgeht, erfährt die Bedeutung des Namens in den Beinen. Lange Treppen ziehen sich durch den Garten. Oben tritt die Straße akustisch zurück. Zwischen Bäumen erscheint der Comer See. Die Berge schließen ihn ein, als hätten sie beschlossen, diesem Wasser keine belanglose Umgebung zu gestatten.

Die Villa entstand 1899. Später gehörte sie einer französischen Adelsfamilie. Adenauer fand hier ab den fünfziger Jahren genau jene Mischung aus Rückzug und Erreichbarkeit, die ihm lag. Er gärtnerte, ging spazieren, arbeitete, empfing Gäste und spielte Boccia. Cadenabbia nahm ihn seinerseits in Besitz. 1957 ernannte ihn der Ort zum Ehrenbürger.
An der Uferpromenade steht heute eine markante Figur Adenauers. Hut, Anzug, leicht vorgeneigter Körper, eine Bocciakugel in der Hand. Zu seinen Füßen liegen weitere Kugeln. Kein Kanzler hinter einem Rednerpult, kein Staatsmann in zeremonieller Pose. Cadenabbia zeigt seinen deutschen Ehrenbürger beim Spiel.
Das passt erstaunlich gut zu seiner Geschichte an diesem Ort. Die Villa war Rückzugsraum und politischer Arbeitsort zugleich. Gesprächspartner aus Politik, Diplomatie und Öffentlichkeit kamen hierher. Der Ortswechsel veränderte die Form des Gesprächs. Ein Treffen in einem Garten über dem Comer See folgt anderen sozialen Regeln als eine Unterredung in einem Bonner Dienstzimmer.
Seit 1977 gehört La Collina der Konrad-Adenauer-Stiftung. Rund 2.000 Gäste kommen jährlich, 70 bis 80 Konferenzen und Bildungsveranstaltungen finden hier statt. Internationale Politik, Sicherheit, politische Kommunikation und europäische Fragen haben damit eine Adresse behalten, die bereits in Adenauers Zeit politische Bedeutung besaß.
Um neun Uhr beginnt die Zeitreise
Der Seminartag startet um neun Uhr mit der Geschichte der Villa. Eine Viertelstunde später wechseln wir vom ersten Bundeskanzler zu neuronalen Netzen, Sprachmodellen und Daten. Dieser Übergang wirkt weniger gewaltsam, als man zunächst erwarten könnte. Denn beide Themen handeln von Infrastruktur politischer Arbeit.
Adenauer musste Akten, Telefonverbindungen und Mitarbeiter nach Italien bringen. Heute genügt ein Rechner. Das Archiv kann in einer Cloud liegen, der Assistent in einem Sprachmodell, die Recherche in einem agentischen System. Die Entfernung zwischen Bonn und Cadenabbia hat technisch fast jede Bedeutung verloren. Der Vormittag beginnt deshalb mit einer Frage, die angesichts des inflationären Gebrauchs des Kürzels KI dringend geworden ist: Was ist künstliche Intelligenz überhaupt?
Nicht jedes Programm, das sortiert oder automatisiert, verdient diese Bezeichnung. Klassische Software führt Regeln aus, die Menschen programmiert haben. Moderne KI gewinnt Muster aus Daten. Bei großen Sprachmodellen entsteht daraus ein System, das Sprache mit einer verblüffenden Sicherheit erzeugen kann, obwohl seine Arbeitsweise mit unserem alltäglichen Begriff von Wissen wenig gemeinsam hat.
Das Sprachmodell schlägt in seinem Kern das jeweils wahrscheinlich folgende Wort vor. Danach folgt das nächste. Und das nächste. Aus dieser statistischen Architektur entstehen Texte, Analysen, Zusammenfassungen und Dialoge, die längst den Eindruck eines Gesprächspartners erzeugen. Der Eindruck ist mächtig. Er verführt zugleich zu einem Denkfehler: sprachliche Sicherheit und faktische Sicherheit fallen auseinander.
Damit verändert KI eine alte kulturelle Übereinkunft. Wir haben gelernt, Sicherheit im Ton mit Wissen zu verbinden. Wer flüssig spricht, Begriffe beherrscht, Zusammenhänge herstellt und auf Einwände reagieren kann, erhält einen Vertrauensvorschuss. Das Sprachmodell imitiert genau diese Oberfläche. Der Mensch muss deshalb eine Fähigkeit neu trainieren, die ihm die perfekte Formulierung beinahe abgewöhnt: Misstrauen.
Aus dem Chatbot wird ein Akteur
Nach der Kaffeepause wird aus dem vertrauten Chatfenster ein komplexeres Gebilde. Die Entwicklung führt zu KI-Systemen, die Werkzeuge benutzen. Ein Sprachmodell kann eine Internetsuche starten, Datenbanken durchsuchen, Kalender lesen, E-Mails vorbereiten oder Software ansteuern. Damit entsteht die agentische KI: ein System erhält eine Aufgabe, zerlegt sie in Schritte, wählt passende Werkzeuge und verarbeitet deren Ergebnisse weiter.
Dieser Übergang verändert die Dimension der Debatte. Ein Textgenerator schreibt etwas. Ein Agent tut etwas. Für Verwaltungen und Unternehmen öffnet sich damit ein riesiges Feld. Aktenbestände können erschlossen, interne Regelwerke abgefragt, Sitzungsvorlagen analysiert und komplexe Dokumentensammlungen über semantische Suche zugänglich gemacht werden. Das Sprachmodell muss dafür kein vollständiges Verwaltungsarchiv aufnehmen. Ein vorgeschaltetes System sucht jene Textpassagen heraus, die zur jeweiligen Frage passen, und reicht sie als Kontext weiter.
Das klingt technisch. Die politischen Folgen sind unmittelbar. Wer früher Stunden brauchte, um eine Vorlage zu lesen, Streitfragen zu markieren und daraus fünf Fragen für eine Ausschusssitzung zu formulieren, kann diesen ersten Durchgang heute in Minuten erzeugen. Ein komplizierter Verwaltungstext lässt sich für Bürger übersetzen. Aus einem Thema können unterschiedliche Fassungen für Presse, Facebook, Instagram oder TikTok entstehen. Eine Kampagne lässt sich vorbereiten, bevor die erste Agentur überhaupt ein Angebot geschrieben hat.
Nach dem Mittagessen zeigt Kerstin Bücker diese Welt aus der Perspektive praktischer Kommunikation. Jetzt wandern Vorlagen, Texte und Szenarien durch die Modelle. Prompts werden präziser, Ergebnisse besser, Aufgaben komplexer. Das Prinzip ist schnell erkennbar: Je genauer Rolle, Ziel, Adressat, Format und Material beschrieben werden, desto brauchbarer wird die Antwort. Das Seminarprotokoll zeigt die Spannweite von E-Mails und Pressemitteilungen über Kampagnenplanung bis zur Aufbereitung von Sitzungsvorlagen.
Doch mit jeder gewonnenen Minute wächst eine neue Verantwortung. Jemand muss wissen, ob das Ergebnis stimmt. Jemand muss Quellen prüfen. Jemand muss erkennen, ob ein Modell eine plausible Geschichte erfunden hat. Die neue Arbeit beginnt dort, wo die alte Arbeit scheinbar verschwindet.
Politische Kommunikation bekommt einen zweiten Autor
Gerade bei Politik wird das heikel. Ein Sprachmodell kann Bürgerreaktionen formulieren, Reden vorbereiten, Einwände antizipieren und Inhalte für verschiedene Zielgruppen variieren. Das spart Zeit. Es verändert zugleich die Herkunft politischer Sprache. Wer spricht, wenn eine Politikerin einen perfekt formulierten Text vorliest, dessen erster Entwurf von einer KI stammt? Wie viel Bearbeitung verwandelt maschinell erzeugte Sprache wieder in persönliche Sprache? Wann wird Assistenz zur Delegation?
Der Seminartag liefert darauf keine fertige Doktrin. Interessanter ist die Verschiebung der Fragen. Vor wenigen Jahren lautete die Debatte: Kann eine KI einen brauchbaren Text schreiben? Diese Frage hat sich erledigt. Heute lautet sie: Welche Teile unserer Kommunikation wollen wir einer Maschine überlassen, und wer trägt die Verantwortung für das Resultat?
Eine weitere Verschiebung betrifft die Bürger selbst. KI stärkt ihre Möglichkeiten gegenüber Institutionen. Eine komplizierte Anfrage, ein Widerspruch oder ein Auskunftsersuchen lässt sich heute mit digitaler Unterstützung formulieren. Verwaltungsexpertise verliert damit einen Teil ihres sprachlichen Schutzwalls. Gleichzeitig kann eine einzelne Person Hunderte präzise Fragen produzieren und eine kleine Behörde mit einem Aufwand konfrontieren, für den früher eine ganze Arbeitsgruppe nötig gewesen wäre. Genau diese neue Asymmetrie zieht sich durch die Diskussion des Nachmittags. KI demokratisiert Fähigkeiten und industrialisiert zugleich ihre Anwendung. Das ist eine explosive Kombination.
Europa und die Rechnung hinter der Wolke
Dann kommt das Gespräch auf digitale Souveränität. Auch dieser Begriff verliert schnell seine beruhigende Oberfläche. Ein eigenes Interface, ein Server im eigenen Haus oder eine interne Wissensdatenbank schaffen Kontrolle über wichtige Teile einer Anwendung. Die leistungsfähigsten Modelle, Chips und Rechenzentren stammen weiterhin überwiegend aus den USA oder Asien. Europa verfügt über einzelne Anbieter und Forschungsprojekte, doch die Größenordnungen amerikanischer Hyperscaler bewegen sich in einer anderen finanziellen Liga. Die technische Diskussion führt deshalb rasch zu Kapital, Energie, Halbleitern und globalen Lieferketten.
Damit bekommt die scheinbar immaterielle KI plötzlich wieder Gewicht. Rechenzentren brauchen Land. Chips brauchen Fabriken. Modelle brauchen Strom. Jede Anfrage hat Kosten, auch dort, wo die Oberfläche den Eindruck kostenloser Magie erzeugt. Vielleicht ist dies eine der interessantesten Veränderungen unserer digitalen Kultur: Die Benutzeroberfläche wird immer einfacher, während die Infrastruktur dahinter immer gigantischer wird. Ein Prompt kann aus sechs Wörtern bestehen. Seine Beantwortung hängt an einer weltweiten Industriekette.
Um vier Uhr übernimmt das 17. bis 19. Jahrhundert
Der Weg am Nachmittag führt zur Villa Carlotta. Nach Stunden mit Modellen, Tokens, Agenten und Trainingsdaten ist der Ortswechsel fast komisch. Die Villa antwortet auf die digitale Gegenwart mit Marmor, Öl, Holz, Stoff, Gold und einer verschwenderischen Menge europäischer Geschichte.





In einem Saal begegnet mir Marchese Giorgio Antonio Clerici im schweren Ornat. Auf einem anderen Bild kämpft eine ganze antike Welt über die Wand. Marmorbüsten stehen zwischen Vorhängen und Wandbespannungen. Eine geflügelte Figur beugt sich über den Körper einer Frau. In weiteren Räumen folgen Empire-Möbel, Globen, Porzellan, Spiegel, kostbare Tische und eine gedeckte Tafel, deren Ordnung vermutlich mehr Personal erforderte als manche heutige Kommunikationsabteilung. Nach dem KI-Seminar sieht man diese Räume anders.
Auch das 17. bis 19. Jahrhundert erzeugte Medienwirklichkeiten. Ein Porträt war politische Kommunikation. Kleidung, Pose, Raum, Rahmen und Symbolik teilten dem Betrachter mit, wie eine Person gesehen werden wollte. Ein Adeliger benötigte dafür Maler, Handwerker, Material, Zeit und Geld. Heute lässt sich eine entsprechende Inszenierung in Sekunden erzeugen.
Adenauer wartet mit der Kugel
Am Abend kehren wir nach La Collina zurück. Nach dem Essen gehen wir zur Bocciabahn. Adenauer spielte hier regelmäßig. Die Einführung am Morgen hatte seinen Tagesrhythmus beschrieben: arbeiten, Gespräche führen, spazieren, Boccia spielen, wieder arbeiten. Die Bahn gehört bis heute zum Haus. Also spielen wir.

Nebren einer Lampe entsteht sofort jene eigentümliche Mischung aus Gelassenheit und Ehrgeiz, die Boccia hervorruft. Jeder hat nach zwei Würfen eine Theorie über Boden, Winkel, Geschwindigkeit und Technik. Die Kugel eines anderen liegt selbstverständlich nur deshalb besser, weil der Untergrund an dieser Stelle günstiger war. Der Tag endet damit auf denkbar analoge Weise.
Ein paar Stunden zuvor haben wir darüber gesprochen, wie KI-Systeme selbständig Werkzeuge auswählen, Aufgaben zerlegen und digitale Prozesse ausführen. Jetzt steht ein Mensch mit einer schweren Kugel in der Hand und muss selbst entscheiden, wie viel Kraft er einsetzt. Vielleicht passt La Collina deshalb so gut zu diesem Seminar.
Adenauer hatte den Ort gewählt, weil Entfernung produktiv sein kann. Das politische Zentrum blieb in Bonn, doch Denken und Entscheiden konnten zeitweise an einen anderen Ort wandern. Heute wird der Arbeitsplatz selbst beweglich. Akten, Modelle, Wissensbestände und digitale Assistenten begleiten uns überallhin. Das ausgelagerte Kanzleramt von damals brauchte Personal, Fahrzeuge, Telefonleitungen und Aktenkoffer. Unser digitales Gepäck passt auf einen Laptop. Die entscheidende Veränderung betrifft allerdings weniger das Gepäck als den Mitreisenden.
Zum ersten Mal nehmen wir Werkzeuge mit, die Texte formulieren, Fragen entwickeln, Quellen suchen, Pläne entwerfen und zunehmend Handlungen ausführen können. Wir beginnen, Arbeit an Systeme zu delegieren, deren Fähigkeiten während ihrer Benutzung weiter wachsen. Dann rollt wieder eine Bocciakugel über den Sand. Sie wird langsamer. Sie nähert sich dem Pallino. Alle schauen hin. Für einige Sekunden braucht niemand Künstliche Intelligenz.








