Steigende Ölpreise sind für viele Unternehmen erst einmal ein Warnsignal: höhere Produktionskosten, teurere Transporte, noch mehr Druck auf eine ohnehin fragile Konjunktur. Doch Krisen folgen selten nur einer Logik der Belastung. Sie zwingen zur Anpassung – und setzen dadurch oft genau jene Modernisierung frei, die im Alltag vertagt wird.
Der Punkt ist geopolitisch: Öl ist nicht nur ein Rohstoff, sondern ein Stressmesser für eine Welt, in der Handelsrouten, Lieferketten und Energieflüsse wieder politisch werden. Wer jetzt nur über Mehrkosten klagt, übersieht die eigentliche Frage: Welche Volkswirtschaft kann aus dem Preisdruck einen Vorsprung bauen?
Bernhard Steimel formuliert das prägnant: „Höhere Preise setzen auch Innovationsimpulse frei.“ Genau darin liegen Chancen für eine technologieorientierte Industrie wie Deutschland – bei Effizienz, bei neuen Energiemärkten, bei Resilienz als Geschäftsmodell.
Was Pivi Scamperle in der #ZPNachgefragtWeek beschreibt, ist keine neue Mode, kein weiches Thema für schöne Sonntagsreden, kein schmückendes Beiwerk des Employer Branding. Es ist ein Befund. Mentale Gesundheit scheitert in Organisationen selten am Wissen. Sie scheitert am Alltag: an Tempo, Dauerveränderung, Informationsflut, hybrider Vereinzelung und an einer Führung, die oft Gutes will, aber zu wenig in wirksame Praxis übersetzt. Ihre Session „Von Insight zu Impact: Moving Leadership – mentale Gesundheit im Alltag wirklich umsetzen“ war deshalb so relevant, weil sie den Blick weg vom Appell und hin zur konkreten Arbeitswirklichkeit lenkt. Das Format: 45 Minuten, Barcamp-Länge. Das Thema aber reicht tief in die Anatomie der modernen Organisation hinein.
Die Krankheit sitzt nicht im Menschen allein, sondern im Takt der Arbeit
Wir reden in Deutschland noch immer zu oft so, als sei psychische Belastung vor allem ein individuelles Problem. Dann soll der einzelne achtsamer werden, resilienter, gelassener, digital kompetenter. Das greift zu kurz. Denn ein Mensch kann nicht dauerhaft gesund bleiben, wenn das System, in dem er arbeitet, krankmachende Rhythmen erzeugt. Wer ständig zwischen Kanälen springt, auf Signale reagiert, Kontexte wechselt, in Meetings sitzt und zugleich lernen soll, mit immer neuen Werkzeugen umzugehen, dessen Nervensystem lebt nicht mehr in Spannung, sondern in Alarm. Genau diese Lage beschreibt Scamperle: eine hybride Wissensarbeit mit hoher Besprechungsdichte, parallelen Kommunikationskanälen und unsichtbarem Dauerstress, auf die sich nun noch der Druck der KI-Transformation legt.
Damit verändert sich auch der gesundheitspolitische Blick. Mentale Gesundheit ist dann kein Randthema des betrieblichen Wohlbefindens mehr, sondern eine Frage von Arbeitsgestaltung, Prävention und Führungskultur. Scamperle erinnert daran, dass psychische Erkrankungen bereits einen erheblichen Anteil am Krankheitsgeschehen ausmachen und mit langen Ausfallzeiten verbunden sind. Wer das im Unternehmen noch immer als persönliche Schwäche oder private Baustelle missversteht, verwechselt Ursache und Symptom. Nicht der Mensch allein ist erschöpft. Erschöpft ist oft die Logik, nach der gearbeitet wird.
Führung beginnt nicht beim Motivationsspruch, sondern bei Klarheit
Der stärkste Gedanke dieser Session liegt in ihrer Nüchternheit. Scamperle setzt nicht auf Strohfeuer-Programme, nicht auf einmalige Kampagnen und nicht auf jene ritualisierte Empathie, die im Ernstfall folgenlos bleibt. Sie spricht von Micro-Interventionen, von Echtzeit-Feedback, Team-Agreements, Priorisierung, Lern-Check-ins und Gesprächsformaten, die Belastung früh sichtbar machen. Das klingt klein. In Wahrheit ist es groß. Denn Gesundheit entsteht im Betrieb selten durch das spektakuläre Angebot, sondern durch die tägliche Entlastung an den entscheidenden Stellen: bei Rollen, Regeln, Ruhezeiten, Übergaben, Zuständigkeiten und Erwartungen.
Hier liegt auch der eigentliche Führungsauftrag. Führung heißt in solchen Zeiten nicht, noch mehr Druck sprachlich freundlich zu verpacken. Führung heißt, Orientierung zu geben. Was ist wirklich wichtig? Was ist Experiment und was Standard? Welche Reaktionsgeschwindigkeit wird erwartet, welche gerade nicht? Wo darf gelernt, gefragt, gezweifelt, auch einmal nicht gewusst werden? Psychologische Sicherheit ist in diesem Zusammenhang kein Modewort. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen in Unsicherheit nicht verstummen, sondern handlungsfähig bleiben. Scamperle beschreibt sie folgerichtig als gelebte Alltagshaltung: Fragen stellen, Fehler ansprechen, Zweifel äußern, ohne Bloßstellung und ohne Angst vor Abwertung.
Man könnte auch sagen: Eine gesunde Organisation braucht einen ruhigen Puls. Sie braucht Phasen der Konzentration, der Reflexion, der Regeneration. Sie braucht nicht nur Aktivität, sondern Takt. Wer rund um die Uhr sendet, fordert, triggert und beschleunigt, darf sich über Erschöpfung nicht wundern. Der Körper meldet sich, der Schlaf leidet, die Konzentration sinkt, die Reizbarkeit wächst. Und irgendwann verlässt die Leistung den Raum, lange bevor die Person es tut.
KI ist nicht nur Werkzeug, sondern ein Stresstest für Kultur
Besonders klug ist an Scamperles Analyse, dass sie die KI-Frage nicht technisch verengt. Sie sagt ausdrücklich, sie sei keine KI-Expertin. Und gerade deshalb trifft sie den Kern. Denn die Belastung durch KI entsteht in Organisationen derzeit weniger durch den Algorithmus als durch die Art seiner Einführung. Lernstress, FOMO, Jobangst, Kompetenzzweifel, Autonomieverlust, Werkzeugchaos: Das alles sind keine Nebengeräusche, sondern psychische Realitäten in Teams. Wer neue Systeme einführt, ohne Transparenz, Kompetenzaufbau und Mitgestaltung zu organisieren, produziert nicht Fortschritt, sondern Verunsicherung.
Die Antwort darauf ist bemerkenswert pragmatisch. Scamperle empfiehlt keine große Wartehaltung, bis irgendwann die perfekte Governance von oben vorliegt. Sie empfiehlt, im Team jetzt Regeln zu schaffen: Was darf KI? Was darf sie nicht? Wo braucht es Review? Wo gilt Rot, Gelb, Grün? Ihre Beispiele sind bestechend einfach: KI für Entwürfe, Zusammenfassungen und Routinen ja; sensible Kommunikation nur mit Rücksprache; Personalentscheidungen, Gesundheitsdaten und sicherheitskritische Anwendungen tabu. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Gesundheits- und Führungsprävention in übersetzbarer Form. Halt entsteht nicht durch Abstraktion, sondern durch konkrete Vereinbarung.
HR muss vom Verwalten ins Begleiten kommen
Auch HR kommt in diesem Bild eine andere Rolle zu. Nicht mehr Content verwalten, Systeme administrieren, Maßnahmen addieren. Sondern moderieren, klären, befähigen, entlasten. Scamperle beschreibt HR als Instanz, die Verantwortlichkeiten zwischen Team, Führungskraft und Organisation neu sortieren, Gesprächsleitfäden entwickeln, kollegiale Fallberatung ermöglichen und Prozesse von Leistungsbeurteilung bis Rückkehrgespräch neu denken kann. Das ist richtig. Denn mentale Gesundheit wird nicht dadurch wirksam, dass man sie moralisch aufwertet. Sie wird wirksam, wenn sie in Prozesse übersetzt wird.
Darin steckt ein grundlegender gesundheitspolitischer Satz: Prävention ist kein Plakat, sondern Strukturarbeit. Wer weniger Fehlzeiten, mehr Bindung und eine belastbare Leistungsfähigkeit will, muss die Verhältnisse bearbeiten, nicht nur die Befindlichkeiten kommentieren.
Genau deshalb lohnt der Blick auf die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg. Dort lässt sich lesen, ob aus der Einsicht nun tatsächlich ein Markt der Wirkung wird. Mehrere Sessions greifen das auf, was Scamperle systemisch angelegt hat. Wenn Robin Freitag über „Digitale Dauerablenkung: Wie wir Fokus und mentale Gesundheit schützen“ spricht, wird die Reizüberflutung des Arbeitsalltags konkret. Wenn Barbara Gerhards „Arbeiten ohne Ärger und Stress“ thematisiert, dann geht es um jene emotionale Entzündung, die in überlasteten Systemen fast zwangsläufig entsteht. Wenn OpenUp erklärt, mentale Gesundheit sei kein Feelgood-Thema, sondern Business-Faktor, dann wird ausgesprochen, was viele Unternehmen noch immer scheuen: psychische Stabilität ist kein Benefit, sondern Produktivitäts-, Bindungs- und Kostenfrage.
Besonders aufschlussreich ist, dass Hamburg die Debatte nicht bei der inneren Verfassung stehen lässt. Vorträge zu gesunder Führung, zu Burnout und Stress als Systemproblemen, zu Wirksamkeitsmessung im BGM, zu Kostenfallen im Gesundheitsbudget und zum Schritt „vom Werttreiber zum Business Case“ zeigen, dass sich die Diskussion verschiebt: weg vom gut Gemeinten, hin zum steuerbaren, evaluierbaren, verantwortlichen Handeln. Genau dort beginnt Seriosität. Gesundheitspolitik im Unternehmen braucht nicht mehr Rhetorik, sondern mehr Evidenz, mehr Führungsfähigkeit und mehr Ordnung im Alltag.
Und doch gehört noch etwas anderes dazu: der Mensch als Ganzes. Auch das spiegelt das Hamburger Programm. Bewegung als Hebel mentaler Gesundheit, Schlaf als Schlüssel zur Regeneration, personalisierte Gesundheitsdaten, Firmenfitness, Lernräume, Kulturfragen, Inklusion. Das ist dann schlüssig, wenn es nicht in eine neue Maßnahmensammlung zerfällt. Der entscheidende Punkt bleibt: Starke Teams entstehen nicht durch Einzelaktionen, sondern durch Systeme, die den Menschen nicht verbrauchen, sondern tragen.
Pivi Scamperles Session gibt dafür den richtigen Takt vor. Nicht erst reden, bis alles geregelt ist. Nicht beschwichtigen, wo Klarheit nötig wäre. Nicht individualisieren, was strukturell verursacht wird. Gesundheit im Unternehmen beginnt dort, wo Arbeit wieder atmen kann: in klaren Regeln, in vernünftigen Rhythmen, in psychologischer Sicherheit, in guter Führung. Hamburg kann daraus eine Messebotschaft machen. Oder mehr noch: eine überfällige betriebliche Wirklichkeit.
Siehe auch:
Terminübersicht ZP Nord – Gesundheit & mentale Gesundheit
25. März 2026 10:00–10:30 „Mentale Gesundheit ist kein Feelgood-Thema – sie ist ein Business-Faktor“ 11:10–11:30 „Gesunde Führung: Warum Burnout und Stress Systemprobleme sind“ 11:40–12:20 „Gesundheitsförderung nicht nur gut gemeint, sondern nachweislich wirksam“ 12:00–12:20 „Betriebliche Gesundheitsförderung neu denken … Brustkrebsfrüherkennung“ 12:15–12:35 „BIO AGE – Gesundheit als strategischer Erfolgsfaktor“ 12:50–13:10 „Schlaf als Schlüssel zur Longevity“ 16:00–16:30 „Ausgebucht statt abgesagt: Wie ihr die Nutzungsrate eurer Mental-Health-Angebote erhöht“ 16:50–17:10 „Mental Health & Wellbeing als Führungsaufgabe“ pdf ZP Nord Geundheit
26. März 2026 10:00–10:30 „Vom Werttreiber zum Business Case“ 10:20–10:45 „Ihr Unternehmen verbrennt Geld: Die Kostenfalle im Gesundheitsbudget“ 10:25–10:35 „Personalisierte Gesundheitsempfehlungen als datenbasiertes Tool“ 10:40–11:10 „Arbeiten ohne Ärger und Stress“ 11:35–12:15 „Leistungsfördernde Unternehmenskultur und gesund bleiben“ 11:40–12:05 „Employer Branding trifft Gesundheit“ 12:00–12:30 „Digitale Dauerablenkung: Wie wir Fokus und mentale Gesundheit schützen“ 12:50–13:15 „Unsichtbare Krise: Wie mentale Belastung ganze Firmen lahmlegt“ 13:15–13:35 „Betriebliche Gesundheitsförderung neu denken … Brustkrebsfrüherkennung“ 14:05–14:25 „Gesunde Führung: Warum Burnout und Stress Systemprobleme sind“ 14:40–15:10 „Secure Work. Strong People – Das Live-Finale“ 14:50–15:15 „Fit im Kopf, stark im Job“
Als ich Billy Joel vor knapp drei Jahren im Madison Square Garden sah, war das kein gewöhnlicher Konzertabend, sondern eine Begegnung mit einem musikalischen Kosmos, der seit Jahrzehnten den Soundtrack für Sehnsucht, Melancholie und Großstadtromantik liefert. Der Garden wirkte tatsächlich wie das Wohnzimmer des „Piano Man“, ein Ort, an dem jede Wendung, jede vertraute Melodie, jede kleine ironische Brechung ihren Platz hatte. Ein Jahr später, in der Bonner Harmonie, stellte sich dieses Gefühl überraschend noch einmal ein. „All About Joel“ schaffte das Kunststück, Songs nicht wie Erinnerungsstücke auszustellen, sondern die Gegenwart eines Künstlers aufzurufen, dessen Musik sich dem Altern mit bemerkenswerter Sturheit widersetzt.
Die meisten Tribute-Shows scheitern an einem Missverständnis. Sie glauben, Nähe entstehe durch Nachahmung. Dann werden Gesten kopiert, Grimassen einstudiert, Requisiten geschniegelt, bis am Ende nur eine etwas ratlose Wachskabinett-Version des Originals auf der Bühne steht. „All About Joel“ wählt den intelligenteren Weg. Thomas Matiszik versucht nicht, Billy Joel zu spielen. Er singt diese Songs, als hätte er begriffen, dass in ihnen bereits alles steckt, was man braucht: Witz, Zärtlichkeit, Kränkung, Größenlust, Müdigkeit, Hoffnung. Das Ergebnis ist erfreulich frei von Maskerade.
An seiner Seite sitzt mit Marius Ader ein Pianist, der diese Musik nicht als Pflichtübung behandelt, sondern als das, was sie ist: präzise gebauter, rhythmisch hellwacher, harmonisch oft raffinierter Pop. Dazu kommt eine Band, deren Klasse sich schon in ihren Biografien andeutet. Auf der Bühne stehen Maurizio de Matteis am Bass, Stefan Turton am Schlagzeug, Benedikt Zöller an der Gitarre und Michael Hennig am Saxophon. Die Harmonie verweist dabei auf Verbindungen zu Formationen wie Cool Chocolate, Central Park Band, Mind2Mode, ReCartney und Floydside of the Moon. Das klingt nicht nach Feierabend-Nostalgie, sondern nach Leuten, die wissen, was sie tun.
Lieder mit offenen Fenstern
Billy Joel war immer dann am besten, wenn seine Songs mehr wussten als ihre eigene Oberfläche. „Vienna“ klingt zunächst wie Trost und ist in Wahrheit auch eine kleine Ermahnung gegen die Hast. „Honesty“ wirkt wie eine Ballade und enthält doch eine ganze Theorie der zwischenmenschlichen Erschöpfung. „Leningrad“ trägt Geschichte in sich, ohne in Gedenkton zu verfallen. Und „Piano Man“ ist längst größer geworden als die Bar, aus der es einmal herausgeschrieben wurde.
Fred Schruers beschreibt in seiner Biografie einen Soundcheck im Madison Square Garden, an einem Montagnachmittag, in einer noch leeren Halle. Joel kommt auf die Bühne, überprüft die Einstellungen, macht Witze, hört alles, wiederholt ungern etwas ein zweites Mal. In dieser Szene steckt viel von dem, was ihn ausmacht. Da ist einer, der den Apparat des Starruhms beherrscht und ihm zugleich nicht restlos traut. Einer, der vor Tausenden spielen kann und dennoch jene leise Unsicherheit bewahrt, aus der seine besten Lieder überhaupt erst entstehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie noch immer nicht geschniegelt wirken. Sie haben Risse. Und gerade deshalb Glanz.
„All About Joel“ versteht genau diesen Punkt. Diese Band spielt die großen Titel nicht wie polierte Museumsstücke, sondern wie Lieder, in denen weiterhin Leben zirkuliert. Das ist ein erheblicher Unterschied. Man hört nicht bloß Bekanntes wieder. Man merkt, wie gut diese Stücke gebaut sind, wie elegant sie sich winden, wie beiläufig sie Wahrheiten transportieren, für die andere drei Alben und ein Manifest bräuchten.
Frongasse statt Seventh Avenue
Bonn ist nicht New York. Das ist kein Mangel, sondern an diesem Abend sogar ein Vorteil. Billy Joels Musik verträgt die Arena, gewiss. Aber sie gewinnt oft dort, wo man ihr näher kommt als in der monumentalen Geste. In der Harmonie kann ein Klavier noch atmen. Ein Saxophon darf hier mehr sein als Effektbeleuchtung. Und ein Refrain muss nicht gegen die Entfernung ankämpfen, sondern erreicht den Raum mit jener Selbstverständlichkeit, die gute Songs immer besitzen.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Abends. Man muss nicht nach Manhattan fliegen, um für zwei Stunden an jenen Ort versetzt zu werden, an dem Pop nicht aus Pose, sondern aus Handwerk, Gefühl und Erzählkunst entsteht. Die Harmonie verspricht New Yorker Piano-Magie, handgemachte Livemusik und womöglich sogar eine besondere Setlist eigens für Bonn. Selten klang eine Ankündigung so vernünftig.
Ein Freitagabend mit besseren Aussichten
Am 27. März steht also wieder alles bereit: die Rückkehr dieser Band in einen Club, der für sie mehr geworden ist als nur eine Adresse, und ein Repertoire, das sich seit Jahrzehnten nicht klein kriegen lässt. Wer wissen möchte, wie weit Songs tragen können, wenn sie von den richtigen Leuten gespielt werden, dürfte an diesem Abend eine ausgesprochen angenehme Antwort erhalten. Beginn ist um 20 Uhr in der Harmonie Bonn. Der Veranstalter sagte mir, dass es noch Tickets gibt. Na dann. Sieht man sich?
Es hat etwas Rührendes, wie in Deutschland Weltwirtschaft gemacht wird: Ein Kanzler kommt aus China zurück, sagt in Volkmarsen etwas über Work-Life-Balance, und irgendwo in Peking laufen die Klickzähler heiß. Aus dem Video wird ein Hashtag, aus dem Hashtag eine Diagnose, aus der Diagnose eine Forderung. Wenn man das Land lieben will, muss man seine Symbole ertragen. Diesmal heißt das Symbol: die eine Stunde.
Richard David Precht liefert Hank den perfekten Gegner: rhetorisch stark, ökonomisch unterkomplex. Müllmänner, Bestatter, keine zusätzlichen Tonnen, keine zusätzlichen Leichen – also auch kein Wachstum. Hank kontert: Doch, es gibt Knappheit, es gibt offene Stellen, eine Stunde mehr verbessert die Dienstleistung oder spart Personal. Das ist alles nicht falsch. Nur trifft es das Problem genauso wenig wie Prechts Polemik.
Denn die Debatte tut so, als wäre „Arbeit“ eine homogene Flüssigkeit, die man in beliebige Gefäße gießen kann: eine Stunde mehr hier, zehn Prozent mehr dort, und schon steigt der Pegelstand der Wertschöpfung. In der Realität ist Arbeit aber kein Wasser, sondern ein Gemisch aus Qualifikation, Koordination, Nachfrage, Gesundheit, Technologie – und zunehmend: aus der Fähigkeit, in volatilen Märkten überhaupt steuerbar zu bleiben.
Wenn Kommunen Entsorgungshelfer suchen, ist die Frage nicht nur, ob der vorhandene Müllmann länger arbeitet. Die Frage ist, warum der Job unattraktiv ist, warum Schichten, Löhne, Routendesign, Gerätepark, Digitalisierung der Tourenplanung, Führung und Personalausstattung nicht zusammenpassen. Eine Stunde mehr kann kurzfristig flicken. Sie ist aber kein System.
Robinsons Insel – und unser Festland
Hanks Robinson-Beispiel ist klassisch, gerade deshalb sehr fraglich: Auf Robinsons Insel ist jede zusätzliche Stunde potenziell ein zusätzlicher Fisch. Auf unserem Festland hängt der zusätzliche Fisch daran, ob es überhaupt einen Markt gibt, ob die Lieferkette steht, ob Energiepreise kalkulierbar sind, ob Maschinen laufen, ob Teams koordiniert sind, ob Fehlzeiten explodieren, ob Prozesse so bürokratisch sind, dass man die Stunde vor allem mit internen Schleifen verbringt.
Und noch etwas unterschlägt die Robinson-Mathematik: Die Produktivität je Stunde ist keine Konstante, die man beliebig mit mehr Stunden multipliziert. Wer länger arbeitet, arbeitet nicht automatisch gleich produktiv. Müdigkeit ist keine Ideologie, sondern Biologie. Mehr Stunden können die Stundenproduktivität senken, Fehlerquoten erhöhen und Krankheitstage nach oben treiben – dann wird aus der „Wohlstandsstunde“ eine teure Stunde, die man später mit Ausfällen, Fluktuation und Reibungsverlust bezahlt. Das ist die Ironie: Die Stunde, die den Wohlstand retten soll, kann ihn bei falscher Anwendung unterminieren.
Der eigentliche Skandal heißt nicht Work-Life-Balance
Man kann Hank zugestehen: Deutschland ist kein Land der 9-9-6-Askese. Und wer nur auf Stunden schaut, findet Länder, die mehr arbeiten und dadurch mehr Output pro Kopf haben. Aber das führt zur falschen politischen Moral: als sei der Wohlstand vor allem eine Frage der Sitzfleischbereitschaft. Das ist bequem, weil es Verantwortung verschiebt. Wer „mehr Stunden“ ruft, muss weniger über Standortpolitik reden, weniger über Kinderbetreuung, weniger über Steuer- und Abgabenkeile, weniger über überlastete Verwaltungen, weniger über Investitionsschwäche, weniger über die Tatsache, dass wir in vielen Organisationen nicht an zu wenig Arbeit scheitern, sondern an zu viel unproduktiver Arbeit.
Die Stunde ist ein Ersatzkrieg. Er wird geführt, weil er so herrlich einfach klingt. Er ist der politische Cousin der Diätidee: Iss einfach weniger und alles wird gut. In der Arbeitswelt lautet sie: Arbeite einfach mehr und alles wird gut.
KI als Ausrede – und als Chance
Hank streift am Ende noch die KI: Ob sie kompensatorisch wirkt, stehe „in den Sternen“. Genau da liegt der nächste Denkfehler der Stundenfraktion. KI ist keine Wolke über Robinsons Insel. KI ist ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – Koordination, Suchkosten, Dokumentationslasten, Qualitätskontrolle, Training und Wissenszugriff massiv verändert. Sie kann die berühmte „eine Stunde“ auf zwei Arten schlagen: indem sie dieselbe Arbeit schneller macht oder indem sie neue Arbeit überhaupt erst ermöglicht, weil Menschen nicht mehr in administrativen Nebenkriegsschauplätzen versinken.
Aber KI ist auch das Gegenteil einer Ausrede. Denn KI fordert Organisation: Datenqualität, Governance, Qualifizierung, Change. Wer nur die Stunde erhöht, ohne diese Grundlagen zu bauen, betreibt analoges Nachbessern im digitalen Strukturwandel. Das ist, als würde man bei Gegenwind stärker rudern, während das Segel eingerollt bleibt.
Wo Merz, Söder, Hank – und ja, auch Precht – danebenliegen
Precht liegt falsch, weil er Knappheit und Dynamik ignoriert und aus guten Bildern falsche Schlüsse zieht. Hank liegt falsch, weil er aus richtiger Volkswirtschaftslehre eine politische Monokausalität baut. Merz und Söder liegen falsch, weil sie aus einer Standortfrage eine Moralfrage machen. Und alle zusammen liegen falsch, weil sie so tun, als wäre die Zukunft des Wohlstands ein Wettbewerb um die längste Anwesenheit.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Deutschland braucht nicht zuerst mehr Stunden. Deutschland braucht mehr Wertschöpfung pro Stunde und pro eingesetztem Kopf, weniger krankmachende Reibung, bessere Vereinbarkeit, klügere Arbeitszeitmodelle, höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Integration, bessere Führung, weniger Bürokratie – und eine KI-Strategie, die nicht nach Tool aussieht, sondern nach Betriebssystem.
Wenn man unbedingt ein Bild aus der Entsorgungswirtschaft nehmen will: Der Wohlstand kippt nicht, weil die Müllmänner zu früh Feierabend machen. Er kippt, wenn die Tonne größer wird, die Route chaotischer, das Fahrzeug alt, die Planung analog, die Regeln unübersichtlich, die Krankenquote hoch – und die Politik glaubt, man müsse nur den Fahrer eine Stunde länger im Kreis fahren lassen.
Wer die Arbeitswelt dieser Jahre verstehen will, sollte nicht nur auf Konjunktur, Energiepreise und Zinsniveaus schauen. Er sollte auch auf Fehlzeiten, psychische Erschöpfung und die wachsende Fragilität betrieblicher Leistungsfähigkeit blicken. Die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg trifft deshalb einen wunden Punkt der Unternehmenspraxis. Denn ausgerechnet in ökonomisch angespannten Zeiten kehrt eine alte Frage mit neuer Härte zurück: Ist betriebliches Gesundheitsmanagement eine entbehrliche Begleitmusik der guten Jahre – oder längst ein nüchtern zu kalkulierender Produktionsfaktor?
Genau an diesem Punkt setzt mein Gespräch mit Oliver Walle im Messe-TV-Studio auf der Zukunft Personal Nord an. Unter dem Titel „Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten – Sparmaßnahme oder bewusste Investition in die Belegschaft?“ geht es um eine Entscheidung, die in vielen Unternehmen noch immer falsch gerahmt wird. Gesundheit wird dort allzu oft als freundliche Zusatzleistung behandelt: sympathisch, kommunikativ dankbar, im Zweifel aber kürzbar. Dabei spricht vieles dafür, dass gerade diese Sichtweise teuer wird – nicht nur kulturell, sondern betriebswirtschaftlich.
Wie sehr sich der Ton in dieser Debatte verändert hat, zeigte schon Walles Auftritt im vergangenen Jahr bei „Zukunft Personal Nachgefragt“. Dort sprach er über hohe Krankenstände, Überlastung, psychische Erkrankungen und Depressionen – also über eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr mit den Routinen des klassischen Feelgood-Managements beschwichtigen lässt. Bemerkenswert war dabei, dass Walle den Blick nicht auf tagespolitische Reizwörter verengte, sondern auf den tieferen Strukturwandel der Arbeitswelt. Er beschrieb Gesundheit ausdrücklich auch als Generationenthema: Jüngere Beschäftigte, so sein Befund, bringen ein ausgeprägteres Bewusstsein für die eigene Gesundheit und für Work-Life-Balance mit. Das sei positiv, erhöhe aber zugleich den Druck auf Unternehmen, Arbeit anders zu organisieren, Aufgaben gerechter zu verteilen und Führung neu zu denken. Gesundheit erscheint bei Walle damit nicht als Privatangelegenheit der Beschäftigten, sondern als Prüfstein betrieblicher Ordnung.
Noch interessanter wurde es dort, wo Walle die Debatte aus dem moralischen in ein analytisches Register verschob. Die Frage sei eben nicht nur, dass Fehlzeiten hoch seien, sondern warum sie hoch seien – und was sich daraus lernen lasse. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen und Indikatoren, die Unternehmen helfen können, Entstehungsbedingungen von Fehlzeiten präziser zu erkennen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen symbolischem und strategischem Gesundheitsmanagement: Wer nur Maßnahmen addiert, verwaltet Symptome; wer Belastungen analysiert, kann Organisation gestalten. Das ist die Stelle, an der BGM den Status einer netten Begleitmaßnahme verliert und zur Managementaufgabe aufrückt.
Walle sprach zudem über die Rolle der Digitalisierung mit einer Nüchternheit, die dem Thema guttut. Vor der Pandemie, so seine Beobachtung, seien digitale Lösungen im Gesundheitsbereich vielerorts noch mit erheblichem Misstrauen betrachtet worden, nicht zuletzt wegen datenschutzrechtlicher Vorbehalte. Seitdem habe sich viel verschoben. Heute existiere eine deutlich reifere Landschaft digitaler Anwendungen, nicht mehr nur oberflächliche Apps, sondern Instrumente mit größerem Tiefgang, gerade auch im Bereich psychosozialer Gesundheit. Weil psychotherapeutische Versorgung häufig knapp sei, stellte Walle die Frage, ob digitale Plattformen Menschen in frühen Belastungsphasen auffangen, informieren und weitervermitteln können, bevor aus Belastung Erkrankung wird. Das ist ein Gedanke, der für Unternehmen ökonomisch ebenso relevant ist wie sozialpolitisch: Prävention wird hier nicht als Imageversprechen, sondern als Infrastruktur verstanden.
Hinzu kam bei Walle ein zweiter, oft unterschätzter Punkt: die Verbindung von Gesundheit, Sozialversicherung und Abgabenlast. Wenn Behandlungskosten steigen und die Systeme der sozialen Sicherung unter Druck geraten, dann ist Gesundheit eben nicht nur ein Thema individueller Fürsorge, sondern auch eine Größe für die Finanzierung von Arbeit selbst. In dieser Perspektive wird deutlich, warum Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten gerade nicht an den Rand gehört. Es berührt Produktivität, Ausfallkosten, Fachkräftesicherung und mittelbar die Tragfähigkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Ton mag sachlich sein, die Konsequenz ist es nicht weniger: Wer Gesundheit im Unternehmen vernachlässigt, produziert Folgekosten, die am Ende an anderer Stelle mit größerer Härte zurückkehren.
Das Gesundheitstage-Dilemma
In dieses Bild fügt sich auch der Rückblick auf die Zukunft Personal Nord 2025 mit bemerkenswerter Klarheit ein. Dort haben Bastian Schmidtbleicher und Fabian Maisch von Moove das Thema Gesundheit entschieden aus der Sphäre bloßer Zusatzangebote herausgelöst. Ihre zentrale Botschaft lautete sinngemäß: Gesundes Arbeiten ist keine freundliche Dreingabe des Personalmanagements, sondern Teil der Unternehmensstrategie. Genau darin lag die Pointe ihres Auftritts. Sie wandten sich gegen die verbreitete Versuchung, betriebliche Gesundheit mit sichtbaren, aber strukturell schwachen Einzelmaßnahmen zu verwechseln. Der Obstkorb, so die Stoßrichtung, senkt keine Fehlzeiten; ein Gesundheitstag ersetzt keine Strategie. Gesundheit wird dann zum unternehmerischen Faktor, wenn sie professionell aufgebaut, differenziert geplant und mit der realen Arbeitswelt der Belegschaft verbunden wird.
Besonders einprägsam war das von Schmidtbleicher und Maisch beschriebene „Gesundheitstage-Dilemma“. Unternehmen, so ihre Beobachtung, veranstalten Gesundheitstage oft in bester Absicht, erreichen damit aber vor allem jene Beschäftigten, die ohnehin gesundheitsaffin sind. Die eigentlich relevanten Gruppen – etwa Mitarbeitende in besonders belasteten Tätigkeiten, in der Produktion, in Schichtsystemen oder mit sehr spezifischen Beanspruchungen – werden dadurch häufig gerade nicht systematisch adressiert. Was oberflächlich wie ein Engagement für Gesundheit aussieht, bleibt dann in Wahrheit eine Maßnahme ohne saubere Zielgruppenlogik. Der Einwand von Moove war deshalb nicht, man solle weniger tun, sondern intelligenter: weg von der Maßnahme, die für alle irgendwie passt, hin zu einem System gesunder Arbeit, das unterschiedliche Bedarfe, Belastungen und Lebenslagen ernst nimmt.
Ebenso interessant war der zweite Akzent des Moove-Gesprächs: der Mut zum ersten, aber richtigen Schritt. Schmidtbleicher und Maisch beschrieben, wie Unternehmen beim Thema BGM oft zwischen Überforderung und Aktionismus schwanken. Entweder wird die Aufgabe so groß gedacht, dass man gar nicht beginnt, oder man kauft isolierte Maßnahmen ein und wundert sich über mangelnde Wirkung. Ihr Gegenentwurf war eine doppelte Logik: Gesundheit müsse erlebbar werden, also konkret im Alltag der Mitarbeitenden auftauchen; zugleich müsse sie strategisch verankert werden, damit sie nicht in Willkür und Einzelaktionen zerfällt. Dafür brauche es keine perfekte Großarchitektur von Beginn an, wohl aber Struktur, Daten und Prioritäten.
Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang auch ihr Verweis auf gesetzliche Pflichten und analytische Grundlagen. Statt sich in symbolischen Formaten zu erschöpfen, solle man mit dem beginnen, was ohnehin erforderlich und nützlich ist – etwa mit einer ernsthaft betriebenen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Genau dort, so die implizite Botschaft, beginnt vernünftiges Gesundheitsmanagement: nicht bei der Inszenierung, sondern bei der Analyse. Wer herausfindet, was im Unternehmen tatsächlich los ist, weiß auch besser, welche Maßnahmen als Nächstes sinnvoll sind. Für eine Wirtschaft, die sich mehr und mehr auf Kennziffern, Wirksamkeit und ESG-Fähigkeit verpflichtet, ist das keine Nebenbemerkung, sondern das Zentrum der Sache.
Am Ende läuft all dies auf eine einfache, aber folgenreiche Einsicht hinaus: Gesundheit ist keine sentimentale Reserve des Personalwesens. Sie ist ein Kosten-, Kultur- und Kapazitätsthema. Gerade in Krisenzeiten spart der kluge Betrieb deshalb nicht an Gesundheit, sondern an Illusionen. Wer Betriebliches Gesundheitsmanagement für verzichtbaren Komfort hält, wird früher oder später mit steigenden Ausfällen, sinkender Bindung und wachsendem organisatorischem Verschleiß bezahlen. Wer es dagegen als bewusste Investition in Leistungsfähigkeit und Stabilität versteht, handelt nicht moralisch überhöht, sondern ökonomisch präzise.
Weitere Gesundheitssessions auf der Zukunft Personal Nord
Wer das Thema in Hamburg weiter vertiefen will, findet über Walles Auftritte hinaus weitere Sessions, die den Gesundheitsbegriff in unterschiedliche Richtungen öffnen. Dazu gehört am 26. März die Session „KI verantwortungsvoll gestalten: Ihr Kompass für BGM mit Zukunft“. Hier geht es um die Frage, wo Künstliche Intelligenz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement tatsächlich Entlastung, bessere Auswertungen und individualisierte Angebote ermöglicht – und wo gut gemeinte Anwendungen in wenig wirksame oder ethisch heikle Praxis umschlagen.
Ebenfalls am 26. März rückt im BBGM-Forum der strategische Zusammenhang von Gesundheit, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung in den Mittelpunkt. Die Session „Personal- und Organisationsentwicklung strategisch mit BGM verknüpfen – und attraktive Fördermittel nutzen“ ist deshalb interessant, weil sie BGM ausdrücklich nicht als Sammelbecken einzelner Maßnahmen versteht, sondern als Hebel für Wandel, Steuerung und Umsetzungsfähigkeit. Gerade der Verweis auf Förderlogiken und Krankenkassen-Insights macht deutlich, dass Gesundheit auch finanzierungs- und steuerungsseitig professioneller gedacht wird.
Zusammen ergeben diese Formate nur einen kleinen Auszug, aber einen bezeichnenden. Sie zeigen, dass Gesundheit auf der Zukunft Personal Nord nicht mehr als randständiges Wohlfühlthema verhandelt wird. Sie wird als Steuerungsfrage, als Digitalisierungsfrage, als Führungsfrage und als Investitionsfrage behandelt. Genau das macht das Thema in diesem Frühjahr so interessant.
Das Messe-TV-Studio von Sohn@Sohn findet Ihr neben der Keynote Stage.
Wenn Spitzenverbände über den Verlust von Industriearbeitsplätzen klagen, klingt es jedes Mal, als habe jemand nachts die Werkstore abgeschraubt. Ein Schock aus heiterem Himmel. Ein böser Zauber namens „Deindustrialisierung“. Und selbstverständlich: niemand in der Wirtschaft kann etwas dafür.
Nur blöd, dass dieser Zauber seit Jahrzehnten dieselbe Handschrift trägt – die der eigenen Mitglieder.
Autoländ. Man muss schon wirklich sehr, sehr dumm sein, um nicht zu merken, was da läuft.
Wolf Lotter hat das auf X in ein Wort gegossen: „Autoländ.“ Und in einen Satz, den man als Triggerwarnung vor jede Verbandspressekonferenz hängen sollte: „Man muss schon wirklich sehr, sehr dumm sein, um nicht zu merken, was da läuft.“ Der Ton ist derb. Der Befund ist präzise.
Die Kritiker der Elche
Die Empörung über Arbeitsplatzverluste wirkt besonders überzeugend, wenn man sie von jenen hört, die die Wertschöpfung seit Jahren selbst ausdünnen. Die deutsche Industrie – vor allem die Autoindustrie – hat nicht „plötzlich“ Fertigung verloren. Sie hat sie systematisch neu verteilt: erst nach Osteuropa, dann nach Asien, später überall dorthin, wo Kosten, Tempo und Skalierung besser passten als daheim.
Und wenn dann im Inland die Zulieferkette knirscht, wird das Mikrofon gesucht: „Standort retten!“ „Industrie schützen!“ „Arbeitsplätze sichern!“ – als sei das Ergebnis einer globalen Einkaufs- und Produktionslogik ein Verwaltungsfehler im Wirtschaftsministerium.
Die Fertigungstiefe: erst ausgedünnt, dann beweint
Der Trick ist alt und wirkt noch immer: In Deutschland bleibt das Hochglanz-Narrativ – Entwicklung, Premium, Ingenieurskunst. Die harte Wertschöpfung wandert schrittweise ab. Nicht als moralische Verfehlung, sondern als Kalkulation.
So wurde es in meinen Recherchen schon vor über zehn Jahren von Brancheninsidern beschrieben: Zuerst die „verlängerte Werkbank“ in billigere Regionen. Dann Low-Cost-Standorte im Ausland, zunächst nur als Produktionsstätten, während Verwaltung und Entwicklung offiziell „zu Hause“ bleiben. Dann die zweite Stufe: Automatisierung und Roboter, um auch hier die Kosten zu drücken. Und wenn das ausgereizt ist, folgt die dritte Stufe: Entwicklungsumfänge wandern mit – nicht aus Bosheit, sondern weil die Einkaufsvorgaben längst global sind.
Wer diese Stufen selbst baut und anschließend die Trümmer „Globalisierung“ nennt, betreibt Etikettenschwindel.
Global Sourcing: Heimatliebe im Marketing, Target Cost in der Praxis
In den Gesprächen mit Praktikern tauchten seit Jahren dieselben Begriffe auf. Einkaufsvorgaben heißen „Global Sourcing“. Das bedeutet: Lieferanten kommen nur noch zum Zug, wenn sie zu Kosten anbieten, die nicht mehr zur deutschen Lohn- und Abgabenrealität passen.
Dazu kommen jene hübschen Instrumente, die in keinem Sonntagsinterview vorkommen, aber jede Kalkulation dominieren: „Target Cost Squeeze“, „Quick Savings“, jährliche Preisabschläge als Dauerforderung. Das Geschäft läuft dann so: Der Preisnachlass wird im deutschen Altgeschäft abgezogen, die Produktion wandert später in einen billigeren Standort. Die Rendite am Altstandort sinkt mit jedem „gewonnenen“ Auftrag, bis sie nicht mehr existiert. Dann folgt die nächste Pressemeldung: „Leider müssen wir Kapazitäten anpassen.“
Krokodilstränen, industriell gefertigt.
Neue Jobs – nur nicht hier
Und dann kommt die Pointe, die niemand laut sagen will: Wenn neue Jobs entstehen, entstehen sie oft dort, wo investiert wird – und investiert wird nicht aus Sentimentalität. Wenn ein deutscher Konzern tausende Stellen aufbaut, kann das sehr gut in einem Land passieren, das näher an osteuropäischen Kostenstrukturen liegt, näher an neuen Lieferketten, näher an Förderkulissen – kurz: näher an dem, was Einkauf und Standortplanung seit Jahren verlangen.
Das ist nicht „Verrat“. Das ist Strategie. Nur ist es unerquicklich, wenn dieselbe Strategie später als Schicksal verkauft wird.
Die Verbände und das Ritual der Unschuld
Verbände spielen dabei eine Doppelrolle. Sie sind Lautsprecher der Klage – und Schutzschirm der Erzählung, dass „wir“ eigentlich alles richtig gemacht hätten, nur „die Politik“ nicht. Dabei gehört zur Wahrheit, dass die industrielle Wertschöpfung in Deutschland nicht nur durch Energiepreise oder Bürokratie unter Druck gerät, sondern auch durch Entscheidungen, die in Konzernzentralen und Einkaufsabteilungen getroffen werden.
Wer jahrelang die Fertigungstiefe reduziert, Lieferanten global gegeneinander ausspielt und Entwicklungsarbeit dorthin verlagert, wo sie ein Bruchteil kostet, sollte beim Wort „Standorttreue“ wenigstens kurz stocken.
Und Baden-Württemberg? Das Musterländle als Monokultur-Falle
Baden-Württemberg ist dafür ein Lehrstück. Ein Land, das vom Mittelstand lebte, hängt stark an Auto und Maschinenbau – also an Branchen, in denen Globalisierung nicht „passiert“, sondern organisiert wird. Wenn die Autoindustrie umstellt, trifft es zuerst die Zulieferer. Wenn Investitionen ausweichen, bleiben die Netze zurück. Und wenn die Region Kaufkraft verliert, leidet der Rest gleich mit.
Dann kommen die Verbände und entdecken plötzlich die Heimat – ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Mitglieder seit Jahren global rechnen.
Weniger Klage, mehr Geständnis
Industriearbeitsplätze verschwinden nicht einfach. Sie werden verlagert, automatisiert, kleingerechnet, ausgedünnt, neu zugeschnitten – oft lange bevor die Öffentlichkeit es merkt.
Wer darüber reden will, sollte mit Ehrlichkeit beginnen: nicht mit Jammern, sondern mit einem Geständnis über die eigene Rolle im Drehbuch. Sonst bleibt es beim Autoländ-Ritual: Erst global optimieren, dann national beklagen.
Es gehört zu den kleinen Zumutungen des digitalen Zeitalters, dass es selbst dort zu zählen beginnt, wo man früher noch unterschied. Auch die Literatur bleibt von diesem Hang zur Numerisierung nicht verschont. Was gelesen wurde, wird geklickt; was geklickt wurde, wird gelistet; und was gelistet ist, darf sich, für einen flüchtigen Augenblick jedenfalls, des Anscheins erfreuen, es habe damit schon etwas wie Geltung erlangt. Man sollte darüber nicht allzu entrüstet sein. Denn selbst dort, wo Zahlen den Ton angeben, verraten sie bisweilen mehr, als ihnen lieb sein kann.
Am Anfang stand Herbert Anton. Genauer: ein Abend zu seinen Ehren, in dessen Verlauf sich einmal mehr bestätigte, dass literarische Erinnerung dann am lebendigsten ist, wenn sie nicht den Fehler begeht, sich bloß ehrfürchtig zu verhalten. „Die Urteilskraft der Dichtung“ lautete der Titel meines Beitrags, und er meinte, gegen alle Gewohnheiten des routinierten Kulturbetriebs, tatsächlich genau das, was er sagte. Es ging nicht um den dekorativen Nachvollzug einer akademischen Biographie, nicht um den gepflegten Nachruf mit Bildungsfirnis, sondern um die Rückkehr einer Haltung, die inzwischen beinahe altertümlich wirkt: der Fähigkeit nämlich, Literatur ernst zu nehmen, ohne sie zu sakralisieren, und über sie nachzudenken, ohne sie in methodischen Spezialzonen verschwinden zu lassen.
Herbert Anton erschien an diesem Abend nicht als Denkmal, das man mit den üblichen Kränzen versieht und dann der institutionellen Ewigkeit überlässt, sondern als gegenwärtige Figur eines Denkens, das auf Unterscheidung beharrt. Das ist in Zeiten, in denen vieles Meinung heißt und nur weniges Urteil ist, keine Nebensächlichkeit. Literatur war hier nicht Ornament, nicht Seminarfolklore, nicht der gehobene Restbestand einer besseren Vergangenheit, sondern Erfahrungsraum, Widerlager, Schule der Freiheit. Man darf solche Abende, die weder geschniegelt noch gefällig daherkommen, mit einem gewissen Recht Glücksfälle nennen. Sie erinnern daran, dass Urteilskraft keine Strengepose ist, sondern die zivilisierte Form geistiger Beweglichkeit.
Von Raumforderungen äußerer und innerer Art
Ganz anderer Art, wenn auch nicht geringer an Eindringlichkeit, war die Begegnung mit Willi Achten und seinem Roman „Die Einmaligkeit des Lebens“. Mein Text über diesen Abend kreiste um das Wort „Raumforderung“, jenes klinisch trockene und gerade deshalb so beunruhigende Wort, das im medizinischen Vokabular eine Diagnose tarnt und doch längst eine Metapher auf Vorrat bereithält. Denn plötzlich stand es doppelt im Raum: als Tumor im Körper und als Verwüstung einer Landschaft, die vom Tagebau in Besitz genommen wird. Der Leib und das Land, die Krankheit und der Verlust, das Innere und das Äußere begannen, einander in einer Weise zu spiegeln, die man, wäre sie nicht so genau beobachtet, fast schon für zu kunstvoll halten könnte.
Achtens Roman hat mich gerade deshalb so beschäftigt, weil er sich jeder billigen Verstärkung verweigert. Er macht aus Abschied kein Spektakel und aus Vergänglichkeit keinen sentimentalen Großverbrauch. Was ihn trägt, ist jene seltene literarische Souveränität, die weiß, dass das Schwere umso mehr Gewicht bekommt, je weniger man daran zerrt. Die Brüder Simon und Vinzenz, das Dorf, dessen Zukunft unter Abbruchvorbehalt steht, Martha mit ihrer stillen Präsenz: Das alles ist nicht auf Effekte angelegt, sondern auf Genauigkeit. Man liest oder hört davon und begreift, dass Literatur dort ihre stärkste Form gewinnt, wo sie das Unabwendbare nicht dramatisiert, sondern ihm eine Gestalt gibt. Das ist mehr als Erzählkunst; es ist, im besten Sinne, eine Form der Disziplin des Gefühls.
Schiffer interessierte mich, weil er sich dieser Glättung entzieht, ohne daraus einen Kult des Hermetischen zu machen. Er weiß, was Sprache kann, und vielleicht noch genauer, was sie nicht kann. Eben darin liegt ihre Würde. Übersetzung erschien mir in diesem Zusammenhang nicht als mustergültige Überführung eines Sinnbestands von hier nach dort, sondern als riskante Annäherung, als Arbeit an Brüchen, Verlusten, Verschiebungen. Man gewinnt nicht, ohne zu verlieren; und bisweilen ist es gerade der Verlust, der den Blick schärft. Das ist, mit Verlaub, mehr als Kulturvermittlung. Es ist ein Einspruch gegen die freundliche Verarmung, mit der sich unsere Gegenwart so oft zufrieden gibt.
Poesie, das wurde mir an diesem Abend erneut klar, ist kein hübsches Nebengewerbe des Geistes, sondern die Störung seiner Bequemlichkeit. Sie verlangsamt, wo alles beschleunigt; sie verdunkelt, wo alles sofort verständlich zu sein hat; sie widerspricht dem stillschweigenden Vertrag der Gegenwart, wonach nur gelten soll, was sich umstandslos verwerten lässt. Eben deshalb bleibt sie notwendig, auch — oder vielleicht gerade — wenn man ihr dies kaum noch anmerkt.
Was mich an diesem Text und dem dazugehörigen Abend so amüsierte wie beunruhigte, war die frappierende Gegenwärtigkeit des Absurden. Die Welt von Ilf und Petrow, von Franke in ein heutiges Licht gerückt, wirkte keineswegs wie ein ferner sowjetischer Sonderfall, den man mit historischer Gelassenheit betrachten dürfte. Im Gegenteil: Sie kam einem stellenweise verdächtig bekannt vor. Unfallrenten als Geschäftsmodell, Wunderquellen aus geplatzten Rohren, moralisch geschniegelt auftretende Geschäftigkeit, Prestigeprojekte mit eingebauter Bruchlandung — das alles besitzt, sobald man den Staub der Zeiten ein wenig abklopft, eine erstaunliche Nähe zur bundesrepublikanischen Normalität. Kolokolamsk, so stellte sich heraus, liegt nicht am Ende der Welt, sondern mitunter gleich hinter dem nächsten Verwaltungsflur.
Gerade darin liegt die hohe Kunst der Satire: Sie erlaubt dem Leser das Lachen und entreißt ihm zugleich die Unschuld. Man amüsiert sich, gewiss; aber man amüsiert sich auf eigene Kosten. Das ist angenehmer, als es klingt, und nützlicher noch dazu.
Krüger sprach nicht als kulturpessimistischer Hohepriester des Verlorenen, sondern als einer, der lange genug im Literaturbetrieb gelebt hat, um dessen Eitelkeiten, Amnesien und Ausschlussmechanismen ohne jede Illusion zu kennen. Vielleicht war gerade das der Grundton des Abends: keine Klage, sondern Nüchternheit; keine Pose, sondern Erfahrung. Es ging um Dichter am Rand, um Namen wie Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Bächler oder Oskar Pastior, um Biographien, denen das Zentrum des Betriebs bestenfalls noch pflichtschuldig zunickt, sofern es sie nicht längst vergessen hat.
Und doch ist es ja gerade diese Randständigkeit, in der die Lyrik ihre eigentümliche Überlebenskunst entfaltet. Sie verschwindet nicht; sie zieht sich zurück. Sie wechselt nur den Aufenthaltsort: aus den großen Sichtbarkeitsmaschinen in Buchhandlungen, in kleine Kreise, in beharrliche Leserschaften, in jene Köpfe, die auf das Urteil des Marktes aus Gründen geistiger Hygiene nur begrenzt Wert legen. Dass eine solche Gattung immer wieder totgesagt wird, gehört beinahe schon zu ihren traditionellen Lebenszeichen.
Kein Programm, sondern eine Bewegungsfigur
Wenn ich diese fünf Beiträge heute nebeneinander sehe, dann erkenne ich darin weniger ein geplantes Vorhaben als eine Bewegungsfigur des Lesens. Da ist Herbert Anton und mit ihm die Frage nach der Urteilskraft; da ist Willi Achten und die Zumutung des Abschieds; da ist Wolfgang Schiffer und der Widerstand gegen die Glätte der Sprache; da ist Thomas Franke und die rettende Schärfe des Komischen; da ist Michael Krüger und die stille, beinahe störrische Beharrlichkeit der Lyrik. Das ist kein Programm im engeren Sinn, und Gott sei Dank keines. Programme altern rasch. Tonlagen, wenn sie gut gewählt sind, halten länger.
Vielleicht erklärt gerade das die Resonanz dieser Texte. Sie wollten nicht gefallen, jedenfalls nicht vorrangig. Sie wollten etwas sichtbar machen: Denkstile, Gefährdungen, Verluste, Gegenkräfte. Abenteuerlich waren diese Entdeckungen nur für jene, die unter Abenteuer ausschließlich äußere Bewegung verstehen. In Wahrheit sind die besten literarischen Expeditionen bekanntlich jene, die in eine Sprache, eine Haltung, ein Bewusstsein führen. Und großartige Begegnungen sind es dann, wenn man aus ihnen nicht bloß mit einer Notiz, sondern mit einer Verschiebung des eigenen Blicks hervorgeht.
Gute Gesellschaft, wie man sagt
Dass ich mich mit diesen Beiträgen unter den Top Ten in Gesellschaft von Kafka, Shakespeare, Enzensberger und Morgenstern wiederfinde, ist, ich räume es ohne falsche Bescheidenheit ein, eine charmante Konstellation. Zugleich ist es eine, die die Proportionen sogleich wiederherstellt. Denn wer neben Kafka rangiert, gewinnt vielleicht eine hübsche Zeile für die eigene Eitelkeit, aber gewiss keinen Anlass zur Verwechslung. Franz Kafka mit dem Steuermann, Shakespeare mit den Sonetten, Enzensberger mit dem Lesebuch für die Oberstufe, Morgenstern mit dem Knie — das ist keine Gesellschaft, in der man sich breitmachen sollte. Es ist vielmehr eine, in der man sich mit Vergnügen etwas gerader hinsetzt.
Und vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Charme solcher Listen: dass sie, für einen kurzen Moment, Gegenwart und Überlieferung auf derselben Seite zusammenführen, ohne deshalb ihre Unterschiede zu verwischen. Die Literatur kennt, anders als der Betrieb, keine peinliche Hierarchie des Tagesaktuellen. Sie lebt von Gleichzeitigkeit. Das Vergangene spricht ins Gegenwärtige hinein, und das Gegenwärtige darf, im Glücksfall, antworten.
Was am Ende bleibt
Man muss literarische Charts nicht überschätzen, um ihren diskreten Mitteilungswert zu erkennen. Sie zeigen, dass es noch Leser gibt, die sich nicht mit der flottesten Oberfläche zufriedengeben. Leser, die sich auf einen Abend über Herbert Anton einlassen, auf Abschiedsräume bei Willi Achten, auf sprachskeptische Präzision mit Wolfgang Schiffer, auf das satirische Furioso eines gläsernen Aufzugs und auf Michael Krügers melancholisch nüchternen Blick auf die Lyrik. Das ist, in Zeiten allseitiger Beschleunigung, alles andere als selbstverständlich.
Vielleicht ist das die freundlichste und zugleich genaueste Deutung dieser Liste: Sie dokumentiert nicht den Sieg des Klicks, sondern die fortdauernde Möglichkeit der Auswahl. Und das heißt eben auch: der Urteilskraft.
So gesehen, hat diese kleine Rangliste etwas Tröstliches. Nicht weil sie Zahlen produziert, sondern weil sie erkennen lässt, dass Literatur auch 2025 noch gefunden werden kann — als Reise, als Kaleidoskop, als Gespräch, als Zumutung, als Heiterkeit, als Form geistiger Anwesenheit in einer Welt, die sich ihrer eigenen Zerstreuung sonst nur allzu bereitwillig überlässt.
Wenn der Staat im Buchladen Gesinnung schnüffelt
Und vielleicht wäre damit auch der unerquicklichste Befund dieses Literaturjahres benannt: dass ausgerechnet ein Kulturstaatsminister meint, Buchhandlungen nach politischer Zuträglichkeit sortieren zu dürfen, drei von einer Fachjury nominierte Läden unter Berufung auf nicht öffentlich gemachte „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ von der Preisliste nimmt und, als der Widerspruch daraufhin nicht wie gewünscht verstummt, gleich auch noch die Preisverleihung absagt. Das verrät ein bemerkenswert kleinkariertes Verständnis von Büchern, Buchhandlungen und überhaupt von Kultur: als sei Literatur ein behördlich zu beaufsichtigender Gesinnungsraum und nicht jenes widerspenstige, offene, oft anstrengende Gespräch, das gerade in unabhängigen Buchhandlungen seine lebendigste Form findet. Wer Buchhandlungen nicht als Orte der geistigen Entfaltung, des Dissenses und der Zumutung begreift, sondern vor allem als potenzielle Fälle administrativer Misshelligkeit, hat vom Eigenleben der Literatur offenbar weniger verstanden, als in einem Ministeramt für Kultur unerquicklich sichtbar werden sollte.
Von Paul Feyerabend ist viel Lärm im Umlauf. Der Name ruft sofort die bekannten Reizwörter auf: Wissenschaftsanarchismus, Methodenfeindschaft, „Anything goes“, Angriff auf den Szientismus. Das sitzt fest, so fest, dass man darüber leicht übersieht, was für ein Ton in diesem Denken eigentlich herrschte. Denn Feyerabend war nie bloß ein Sprengmeister der Methode. Er war, tiefer und eigensinniger, ein Mann des Hörens: der Stimme, des Rhythmus, der Szene, des Auftritts, des Abgangs, der dramatischen Pause. Erst die privaten Aufnahmen aus den Jahren 1984 bis 1993 lassen das mit aller Deutlichkeit hervortreten.
Diese unter dem Titel Private Recordings 1984–1993 veröffentlichten Bänder sind ein Sonderfall. Das Material, so heißt es in der editorischen Vorbemerkung von Grazia Borrini-Feyerabend, stammt aus persönlichen Kassetten, die Paul Feyerabend ihr schickte; sie waren nie für Veröffentlichung oder fremde Ohren bestimmt. Gerade das macht ihren Rang aus. Hier spricht keiner für das Seminar, das Podium, die Zunft. Hier spricht einer für einen einzelnen Menschen. Kein Manuskript knistert dazwischen. Keine akademische Kulisse schützt den Satz. Die Stimme läuft frei, springt, stockt, beschleunigt, macht Umwege, verliert sich mit Lust im Detail und trifft gerade deshalb ins Zentrum.
Wer nur den öffentlichen Feyerabend kennt, trifft hier auf sein Gegenbild: nicht den Mann mit der intellektuellen Abrissbirne, sondern einen Erzähler von stupender Anschaulichkeit; nicht den Feind der Wissenschaft, als den ihn schlichte Gemüter gern archiviert haben, sondern einen Liebhaber von Formen, Gesten und Temperamenten; nicht den kalten Relativisten, sondern einen Redner mit Wärme, Witz und einer beinahe altmodischen Fähigkeit zur Bewunderung.
Philosophie ohne Hörsaalton
Die eigentliche Sensation dieser Aufnahmen liegt im Registerwechsel. Feyerabend doziert nicht, er erzählt und singt. Und im Erzählen verwandelt sich auch seine Philosophie. Sie kommt herunter vom Katheder, zieht die Schuhe aus, setzt sich an den Küchentisch und fängt an, von Verdi, Shakespeare, Fritz Lang, Schrödinger, Xenophanes, Paul Robeson und Joe Louis zu sprechen, als gehörten sie alle in dasselbe große, etwas unordentliche, aber hochlebendige Zimmer des Geistes.
Das ist keine beiläufige Bildungsgeste. Hier tritt ein Zug hervor, der in der Fachszene oft unterbelichtet bleibt: Feyerabends Denken war nie nur erkenntniskritisch, es war immer auch physiognomisch. Ihn interessierten nicht bloß Theorien, sondern Temperamente; nicht bloß Wahrheitsansprüche, sondern die Lebensformen, in denen sie auftreten. Man könnte auch sagen: Er dachte weniger wie ein Buchhalter der Begriffe als wie ein Regisseur der Perspektiven.
Darum gewinnen auf diesen Bändern Nebensachen plötzlich Gewicht. Die Art, wie eine Szene gespielt wird. Der Ausdruck in einem Gesicht. Der Unterschied zwischen Gesang und Geste. Das Misstrauen gegen jede Darstellung, die den Menschen glättet. In der akademischen Philosophie wird der Mensch meist geschniegelt hereingebeten: als rationales Wesen, als Sprecher von Sätzen, als Träger von Gründen. Feyerabend bringt ihn zerzaust zurück.
Falstaff, oder: Gegen die geschniegelt Menschheit
Besonders schön lässt sich das an seinen Ausführungen zu Verdis Falstaff hören. Da spricht kein Opernliebhaber im Nebenberuf, der ein wenig Kulturglanz über philosophische Materie streuen möchte. Da spricht einer, der an einer komischen Figur anthropologische Wahrheit entdeckt. Falstaff ist für ihn nicht bloß ein dicker Intrigant mit Restcharme. Er ist eine menschliche Grunderfahrung auf zwei Beinen: lächerlich, verwundbar, eitel, hungrig, taktlos, erschütternd lebendig.
Feyerabend erzählt die Geschichte mit sichtlichem Vergnügen, aber das Vergnügen hat eine Klinge. Denn in dieser Figur erscheint etwas, das den großen Allgemeinbegriffen entgeht. Der Mensch ist eben nicht nur Würde und Vernunft, nicht nur Autonomie und Normfähigkeit. Er ist auch Fehltritt, Posse, Selbsttäuschung, Rausch, Aufschneiderei, der Sturz ins nasse Tuch. Gerade im Komischen entdeckt Feyerabend eine Genauigkeit, die vielen moralisch geschniegelt auftretenden Philosophien abgeht. Falstaff wird gedemütigt, doch nicht vernichtet; er wird bloßgestellt, doch nicht ausgelöscht. Das Gelächter ist hier keine Vernichtungsmaschine, sondern eine Erkenntnisform.
Bemerkenswert ist, wie rasch Feyerabend von der Oper zur Gesellschaft überblendet. Aus der Narrenfigur wächst eine harsche Diagnose dessen, was unter „Menschheit“ gewöhnlich firmiert. Das Wort, so legt er nahe, bezeichnet in Wahrheit oft nur einen sehr kleinen, sehr gut beleuchteten Ausschnitt: die westliche, artikulationsstarke, kulturell privilegierte Vorderbühne. Und dann fällt dieser eine Satz aus Brecht, an dem sich Feyerabend hörbar festbeißt: „Und die einen stehen im Dunkel, und die anderen stehen im Licht.“ In seinen Händen wird daraus mehr als ein theatralischer Effekt. Es wird eine Theorie der Sichtbarkeit.
Gegen das Scheinwerferlicht
In diesen privaten Reden zeigt sich ein politischer Impuls, der mit Feyerabends Ruf als bloßem Provokateur kaum zu fassen ist. Sein eigentlicher Gegner ist nicht einfach „die Wissenschaft“, sondern jede Instanz, die aus einem beleuchteten Teilstück das Ganze macht. Das gilt für wissenschaftliche Methoden ebenso wie für kulturelle Repräsentationen, mediale Aufmerksamkeitsökonomien oder moralische Selbstfeiern. Feyerabend misstraut dem Scheinwerfer.
Darin steckt eine feine, heute erstaunlich aktuelle Einsicht. Nicht alles, was sichtbar ist, ist wichtig; und vieles, was wichtig ist, bleibt unsichtbar, weil es nicht auf die Bühne passt. Die Millionen, von denen er spricht – jene, die „smiling, crying, dying, being born“ im Dunkel leben –, sind keine rhetorische Kulisse. Sie markieren die Grenze jeder Rede, die sich selbst zu schnell für universell hält. Feyerabends Pluralismus ist daher nicht nur methodisch. Er ist moralisch. Er verteidigt nicht die Willkür, sondern die Vielheit der Wirklichkeiten gegen die Arroganz des einen Formats.
Schrödinger ohne Denkmal
Von besonderem Wert sind die Passagen über Erwin Schrödinger. Auch hier verrät die private Form mehr als mancher gelehrte Aufsatz. Feyerabend spricht nicht über eine Ikone der Physikgeschichte, sondern über einen Menschen, den er gekannt hat: beim Essen, beim Gehen, im Gespräch. Die Wissenschaftsgeschichte verliert ihr Museumsglas. Schrödinger wird wieder konturiert, störrisch, anständig, unerquicklich in den Augen der Angepassten.
Gerade diese Schilderungen legen eine wenig bekannte Seite Feyerabends frei. Der angebliche Feind der Wissenschaft erweist sich als Bewunderer großer Wissenschaftler – allerdings nur dann, wenn sie mehr sind als Spezialisten. Er schätzt Schrödinger nicht nur wegen der Wellenmechanik, sondern wegen des Muts, unzeitgemäß zu sein; wegen der Weigerung, sich in den Betrieb zu falten; wegen seiner frühen Skepsis gegenüber einer industrialisierten Kernenergie; wegen seiner Überzeugung, dass eine Wissenschaft, die sich der Öffentlichkeit nicht mehr verständlich machen kann, ihr Daseinsrecht verspielt.
Das ist bemerkenswert. Feyerabend, den man gern als Patron der epistemischen Unordnung ablegt, verteidigt hier nichts so sehr wie intellektuellen Charakter. Er lobt den Wissenschaftler nicht für saubere Fachgrenzen, sondern für zivilen Eigensinn. Die Größe der Wissenschaft liegt, so hört man heraus, nicht in ihrer methodischen Reinheit, sondern in der Qualität der Menschen, die sie betreiben.
Oper, Film, Boxkampf: Die große Gegenakademie
Wer diese Bänder hört, stößt auf eine geistige Ordnung, die an den Universitäten kaum noch vorkommt. Verdi steht neben Schrödinger, Fritz Lang neben Xenophanes, Paul Robeson neben der Quantenmechanik, Joe Louis neben der Religionskritik der Vorsokratiker. In einem ordinären Betrieb wäre das Dilettantismusverdacht genug. Bei Feyerabend wirkt es dagegen wie eine Wiederherstellung verlorener Proportionen.
Denn die Trennung der Sphären – hier Wissenschaft, dort Kunst; hier Erkenntnis, dort Darstellung; hier Theorie, dort Biographie – war ihm immer suspekt. Er wusste, dass Menschen nicht in Disziplinen leben. Sie leben in Bildern, Stimmen, Loyalitäten, Affekten, Erinnerungen. Wer das Denken aus all dem herauspräpariert, macht es nicht klarer, sondern ärmer.
Darum ist sein Interesse an Paul Robeson und Joe Louis mehr als eine private Marotte. Feyerabend hört in Robesons Stimme nicht nur künstlerische Größe, sondern einen moralischen Bass: Weltzugewandtheit, Würde, politische Empfindlichkeit. Und er betrachtet Joe Louis nicht nur als Boxer, sondern als Kristallisationsfigur sozialer Energien, als jemand, in dessen Sieg und Niederlage sich weit mehr bündelt als ein sportlicher Ausgang. Diese Aufmerksamkeit für Existenzen außerhalb des akademischen Lichtkreises ist kein ornamentaler Zug. Sie gehört zum innersten Kern seiner Philosophie.
Die Form denkt mit
Vielleicht ist das Unterschätzteste an diesen Aufnahmen überhaupt die Form. Feyerabend spricht oft so, als müsse man eine Sache nicht nur verstehen, sondern im richtigen Rhythmus sagen können. Das gilt für seine Ausführungen zu Verdis Macbeth ebenso wie für seine Bemerkungen über Xenophanes. Immer wieder kehrt der Gedanke zurück, dass Inhalt allein noch nichts ist; dass Tonfall, Tempo, Gestik, ja selbst die richtige Rauheit einer Stimme zum Wahrheitsgehalt gehören.
Hier verrät sich ein Denker, der gegen die Verarmung des wissenschaftlichen Prosaideals anschreibt. Trockene Eindeutigkeit ist nicht sein Ideal. Er bevorzugt eine Sprache, die etwas riskiert: Abschweifung, Überblendung, Szene, Pathos, Ironie. Nicht, weil sie ungenau wäre, sondern weil manche Genauigkeit ohne Bild gar nicht zu haben ist. Feyerabends Denken ist in diesem Sinn zutiefst antiaszetisch. Es hungert nicht nach Reduktion, sondern nach Fülle.
Das erklärt vielleicht auch, warum diese Bänder nicht wie Nachlassware klingen, sondern wie eine späte Selbstentfaltung. Einer, der in der gedruckten Philosophie häufig als Störenfried auftrat, findet in der gesprochenen Form seinen eigentlichen Aggregatzustand. Hier muss er keine Fronten markieren. Hier darf er glänzen, ohne zu posieren.
Das ist der eigentliche Ertrag: Nicht eine neue These, sondern eine neue Hörbarkeit. Feyerabend erscheint hier als Philosoph der Aufmerksamkeit. Einer, der gegen geistige Monokulturen nicht nur mit Argumenten vorging, sondern mit einer ganzen Lebensform des Wahrnehmens. Er hört genauer, als viele Theoretiker sehen. Und vielleicht liegt eben darin seine bleibende Zumutung für den Wissenschaftsbetrieb: dass Erkenntnis nicht dort am größten ist, wo sie am saubersten abgegrenzt wird, sondern dort, wo sie den Mut hat, sich von der Welt affizieren zu lassen.
Am Ende bleibt von diesen Bändern weniger ein Lehrsatz als eine Stimme. Rauh, sprungbereit, zärtlich im Urteil, boshaft gegen Pomp, plötzlich gerührt, plötzlich komisch, dann wieder von einer fast kindlichen Begeisterung. Eine Stimme, die das Denken aus der Uniform holt. Und gerade deshalb noch immer frisch klingt: nicht wie ein System, sondern wie ein Mensch.
Ebner nennt diesen Kontext den „organisationalen Boden“: Guidelines, rechtliche/technologische Rahmenbedingungen, Schulungen, Rollen und Strukturen, die Community-Arbeit systematisch stützen. Fehlt das, entstehen Freigabeschleifen, Unsicherheit, Reibung, Verantwortungsdiffusion – und die Community verdorrt, bevor sie wurzeln kann.
Das ist richtig. Und es ist erst die halbe Wahrheit.
Denn der eigentliche Stresstest für diesen Boden kommt nicht im Sonnenschein, sondern im Sturm.
Der Boden ist nicht nur Infrastruktur – er ist ein Machtarrangement
Guidelines, Trainings und Rollen sind die sichtbaren Teile. Der unsichtbare Teil ist Governance: Wer darf im Zweifel sprechen? Was passiert bei Fehlern? Wer schützt wen – und wie verbindlich ist dieser Schutz?
Corporate Influencing erzeugt eine zweite Öffentlichkeit innerhalb der Organisation: ein Netzwerk, das schneller ist als die Linie und glaubwürdiger wirkt als die Pressemitteilung. In Schönwetter-Zeiten wird diese Öffentlichkeit gefeiert. In Krisenzeiten wird sie als Risiko empfunden – und dann zeigt sich, ob das Programm Kulturarbeit war oder nur Kommunikationsarbeit.
Wenn man Ebners „Boden“ ökonomisch liest, dann ist das kein „Soft Factor“, sondern ein Produktionsfaktor: Vertrauen als Produktivkapital. Ohne Vertrauen steigen Transaktionskosten: mehr Abstimmung, mehr Kontrolle, mehr Zögern, weniger Initiative. Corporate Influencing ist in diesem Sinn kein Kampagnenformat, sondern eine Investition in Geschwindigkeit und Lernfähigkeit – aber nur, wenn die Organisation die Machtverschiebung, die damit einhergeht, toleriert.
Das Henne-Ei-Problem ist real – aber es wird oft falsch gelöst
Ebner beschreibt das klassische Dilemma: Muss die Organisation kulturell bereit sein, bevor eine Community entsteht? Oder entsteht Veränderung erst durch die Community?
In der Praxis scheitern viele Programme, weil Unternehmen dieses Dilemma mit einem Trick umgehen: Sie tun so, als könnten sie Kultur „kommunizieren“. Dann wird Corporate Influencing als Change-Symbol inszeniert, während die Regeln der alten Welt im Hintergrund unangetastet bleiben: Freigaben, Sanktionsangst, politische Karrierelogik, die Reibung bestraft und Anpassung belohnt.
Eine Community kann Kultur verändern – ja. Aber nur, wenn sie nicht als Ornament behandelt wird, sondern als Organisationsbaustein mit klaren Rechten: Entscheidungskorridore, Eskalationswege, Schutzmechanismen. Sonst entsteht keine „Bewegung“, sondern Zynismus: außen modern, innen vorsichtig.
Kotters duales Betriebssystem – und die harte Kopplung zur Hierarchie
Ebner holt zurecht Kotter ins Spiel: Hierarchie liefert Stabilität, das Beschleunigernetzwerk liefert Dynamik. Corporate-Influencer-Communities bewegen sich genau in diesem Raum – 5–10 % engagierte Freiwillige können spürbare Wirkung erzeugen.
Der Punkt, an dem viele Unternehmen stolpern, ist die Kopplung: Ein Beschleunigernetzwerk darf nicht zum Parallelbetrieb werden, der zwar Stimmung macht, aber keine Wirksamkeit hat. Community braucht Anschlussfähigkeit an die Linie:
Brückenrollen (Community Management, Legal/Comms-Liaison, HR/People Partner) mit Mandat, nicht nur mit „Bitte“.
Klare Entscheidungspfad-Definition: Was ist frei bespielbar? Was ist sensibel? Was ist tabu?
Verbindliche Feedback-Schleifen: Wenn die Community Reibung meldet, muss die Organisation sichtbar reagieren – sonst ist die Beteiligung eine Einbahnstraße.
Ohne diese Kopplung passiert das, was Ebner beschreibt: Energie ist da, Geschichten sind da – aber es entsteht keine lebendige Community. Nicht aus Mangel an Motivation, sondern aus Mangel an Wirksamkeit.
Der Schlechtwetter-Test: Skandal, Stellenabbau, Kontrollwende
Hier liegt der Teil, den viele CI-Diskussionen ausblenden, und der genau in deine Frage zielt: Was passiert bei heiklen Themen?
Skandale & Compliance-Fälle Dann reicht eine Guideline nicht. Dann braucht es Krisen-Governance: Wer darf wie reagieren, wie schnell, mit welchen Eskalationsregeln? Fehlt das, entstehen zwei schlechte Optionen: „Alles nur nach Freigabe“ (Tod der Authentizität) oder „Jeder macht, was er will“ (Risiko ohne Sicherheitsnetz).
Stellenabbau & Restrukturierung Hier wird Corporate Influencing zur Glaubwürdigkeitsprüfung. Wenn Mitarbeitende nach außen Kultur und Zukunft verkörpern sollen, während intern Angst und Unklarheit regieren, kollidieren zwei Realitäten. Programme scheitern dann nicht am Content, sondern am psychologischen Vertrag: „Sei authentisch“ ist nicht haltbar, wenn die Organisation im gleichen Moment Authentizität sanktioniert.
Autoritärer Führungsstil / Kontrolle / Überwachung Das ist die toxischste Wetterlage. Sobald Führung auf Kontrolle und Loyalitätstests umstellt, werden Corporate Influencer entweder eingefroren oder instrumentalisiert. Beides zerstört die Community: Im ersten Fall aus Angst, im zweiten aus Unglaubwürdigkeit.
Wenn Ebner sagt „Corporate Influencing braucht Vertrauen“, dann meint er damit nicht nur Wohlwollen – er meint strukturelle Verlässlichkeit auch dann, wenn Machtfragen im Raum stehen.
Was wäre ein „wetterfestes“ Corporate-Influencer-Programm?
Aus Ebners Rahmen (Guideline, Training, Rollen, Struktur) folgt eine Erweiterung um drei harte Prinzipien:
Nicht-Retaliation als Policy, nicht als Stimmung Kritik, auch konstruktive Reibung, darf nicht karriereschädlich sein. Das muss explizit, trainiert und im Einzelfall verteidigt werden.
Krisenmodus definiert, bevor die Krise da ist Ein Ampelsystem für Themen (grün/gelb/rot), Eskalationswege, rechtliche Leitplanken, klare Reaktionszeiten – damit im Ernstfall nicht die Freigabepanik die Organisation übernimmt.
Freiwilligkeit ohne KPI-Druck Sobald Posten zur impliziten Leistungserwartung wird, kippt das ganze Modell in Compliance-Kommunikation. Community ist kein Vertriebskanal – sie ist ein Vertrauenssystem.
„Inspired by AI“: hilfreich – aber governance-pflichtig
Ebners AI-Passage ist ein sinnvoller Reality-Check: KI kann Impulse liefern, Struktur geben, bessere Fragen erzwingen – aber Stimme entsteht beim Menschen. Aus Organisationssicht kommt noch etwas hinzu: KI erhöht die Notwendigkeit des Bodens, nicht die Kür. Denn Prompting berührt Datenschutz, Vertraulichkeit, IP, Tonalität, Faktenprüfung. Wer KI in Community-Arbeit integriert, braucht nicht weniger, sondern mehr Klarheit: was darf rein, was darf raus, was wird geprüft, was wird geloggt.
Ebner hat recht – und das Entscheidende ist der Moment, in dem er recht behalten muss
Ebners These ist im Kern ein Governance-Argument: Corporate Influencer scheitern an Organisationen, wenn der organisationale Rahmen fehlt. Meine Ergänzung lautet: Der Rahmen ist nicht vollständig, solange er nur den Normalbetrieb beschreibt.
Corporate Influencing ist kein Format für gutes Wetter. Es ist ein Instrument, das in der Krise entweder Vertrauen verzinst – oder Vertrauen verbrennt. Und daran entscheidet sich, ob eine Corporate-Influencer-Community tatsächlich Kotters Beschleunigernetzwerk wird: ein wirksames, lernfähiges, resilientes Netzwerk – oder nur eine Kampagne, die beim ersten Machtsturm einknickt.
Man hört, sieht und streamt sich auf der Zukunft Personal Hamburg am 25. und 26. März
Wenn man Ebners These vom „organisationalen Boden“ ernst nimmt, dann lohnt sich ein Blick ins Programm der Zukunft Personal Nord in Hamburg am 25. und 26. März 2026 wie in ein Labor: Die Session „Scaling Authenticity bei Beiersdorf: Corporate Influencing von lokaler Relevanz zur globalen Wirkung“ (25.03., 10:00–10:30, Employer Branding Stage) verspricht genau das Kernproblem zu adressieren, an dem Programme oft sterben – die Übersetzung von Pilot-Charme in skalierbare Governance (Rahmen, Training, Community, Krisenmodus) ohne die Stimme zu normieren. Direkt daneben zeigen Formate wie CEWE mit „internem Lobbying & Kick-off“ (25.03., 10:40–11:10), GOLDBECK mit einem mehrstufigen Inhouse-Brand-Ambassador-Programm (25.03., 11:20–11:50) oder HAMBURG WASSER mit dem TikTok-Spannungsfeld „Vertrauen vs. Marke“ (25.03., 12:00–12:30), dass der eigentliche Erfolgsfaktor nicht Content ist, sondern Entscheidungsfähigkeit unter Sichtbarkeit: Wer darf was, wann, wie – und wer schützt wen, wenn es unangenehm wird? Und wenn am 26.03. im „Ask Us Everything“ (15:50–16:30) die Risiken offen auf den Tisch kommen, ist das im besten Sinne Ebners Pointe: Corporate Influencing ist kein Hochglanzprojekt, sondern ein Stresstest für Führung, Kultur und interne Demokratie – und genau deshalb ist es klug, diese Diskussion dort zu führen, wo Employer Branding und Organisationsrealität endlich wieder aufeinandertreffen.
Wir sollten das im Messe-TV-Studio in Hamburg vertiefen 🙂
Siehe dazu auch:
Exkurs: Macht entzaubern – warum Führung ohne Machtverständnis scheitert
Macht ist das Betriebssystem jeder Organisation – und zugleich ihr bestgehütetes Tabu. Genau diese Schieflage adressiert Prof. Carsten C. Schermuly im Kontext seiner Arbeiten zur „Psychologie der Macht“: Nicht Macht an sich sei das Problem, sondern ihre Verdrängung. Wo man nicht offen über Macht spricht, wirkt sie trotzdem – nur eben informell, unreguliert und häufig zulasten von Lernfähigkeit und Innovation.
Organigramme zeigen Positionen – nicht Machthaber
Schermulys Vorschlag einer Machtlandkarte statt eines klassischen Organigramms trifft einen wunden Punkt deutscher Organisationskultur: Wir bilden Positionsmacht penibel ab, übersehen aber systematisch, wer tatsächlich Einfluss hat – durch Netzwerke, Expertise, Kontrolle über Ressourcen, Entscheidungshoheit oder Sanktionsmöglichkeiten. Machtlandkarten sollen diese Cluster „aus der Dunkelheit ins Licht holen“ und damit erstmals diskutierbar machen: Wie ist Macht verteilt – und wie sollte sie verteilt sein, damit die Organisation gut funktioniert?
Das ist mehr als ein Diagnose-Tool. Es ist ein Kulturbruch: Denn wer Macht sichtbar macht, nimmt ihr den Mythos – und zwingt die Organisation, über Fairness, Wirksamkeit und Fehlanreize zu sprechen, statt sie nur zu spüren.
Warum Expertise-Macht erodiert – und Charisma wieder gewinnt
In Schermulys Perspektive verschiebt sich Macht nicht nur innerhalb von Organisationen, sondern auch zwischen Machtformen. Gerade Expertise-Macht – also Einfluss durch Wissen und Kompetenz – gerät unter Druck, wenn Unsicherheit steigt, Faktenlage strittig wird und kommunikative Dominanz (Charisma, moralische Signale, einfache Erzählungen) mehr Wirkung erzielt als belastbare Evidenz. Das ist für Unternehmen deshalb gefährlich, weil es die Anreizstruktur verändert: Wer gut erklärt, gewinnt – nicht zwingend, wer recht hat.
Und in Krisen kippt das System oft in Richtung „starker Mann / starke Hand“: Zentralisierung wird als Effizienz verkauft. Tatsächlich steigt damit aber das Risiko klassischer Informationspathologien: Informationen werden vorgefiltert, unangenehmes Wissen wird nicht produziert oder nicht weitergegeben, Entscheidungen werden schlechter – während die Organisation zugleich passiver wird, weil sie auf „oben“ wartet.
Autoritäre Führung ist kein „harter Kurs“ – sondern ein Innovationskiller
Wenn Macht sich konzentriert, entsteht nicht nur ein moralisches Problem, sondern ein ökonomisches: weniger Initiative, weniger Korrektur, weniger Frühwarnsignale. In Schermulys Argumentation ist das nicht idealistisch, sondern psychologisch und strukturell: Macht kann euphorisieren, abhängig machen und Empathie sowie Impulskontrolle negativ beeinflussen – ein toxischer Cocktail, wenn zugleich die Organisation gelernt hat, lieber zu folgen als zu widersprechen.
Der Witz ist: Viele Firmen reagieren auf Komplexität mit mehr Kontrolle – und erzeugen damit genau jene Trägheit, die sie dann als Rechtfertigung für noch mehr Kontrolle benutzen. Ein selbsterhaltender Machtkreis.
Welche „Gewaltenteilung“ braucht ein Unternehmen?
Schermulys praktische Konsequenz ist unbequem, aber klar: Macht muss reguliert werden – über Regeln und Kultur. Ein Beispiel: Gerade dort, wo Macht am stärksten wirkt – bei Auswahl, Aufstieg, Besetzung von Schlüsselrollen – sind die Verfahren oft am schwächsten. Er plädiert dafür, Machtkompetenz in die Diagnostik zu holen: Wer in Führung kommt, sollte nicht nur fachlich überzeugen, sondern zeigen, dass er/sie Macht verantwortungsvoll handhaben kann.
Das ist im Kern eine Governance-Forderung: weniger Habitus- und Netzwerk-Lotterie, mehr systematische Auswahl; weniger „wer passt ins Bild“, mehr „wer schützt die Organisation vor den Nebenwirkungen konzentrierter Macht“.
Machtverzicht als Status – nicht als Makel
Der vielleicht modernste Gedanke ist der zum Machtverzicht: Organisationen belohnen Machtbesitz, aber kaum je Machtabgabe. Wer Verantwortung teilt, Entscheidungen dezentralisiert oder Transparenz erhöht, verliert oft kurzfristig Status – obwohl genau das langfristig Resilienz erzeugt. Schermuly argumentiert daher für eine Kultur, die Machtteilung und Empowerment sichtbar wertschätzt – weil sie Innovation, Gesundheit und Leistungsfähigkeit stützen können.
Brücke zum Corporate Influencing
Übertragen auf Corporate Influencing wird der Exkurs plötzlich sehr konkret: Ein Corporate-Influencer-Programm ist nicht nur Kommunikation, sondern Machtverschiebung durch Sichtbarkeit. Es stärkt Netzwerk-Macht, potenziell auch Expertise-Macht – und kratzt an Positionsmacht, weil die Deutungshoheit nicht mehr ausschließlich „oben“ liegt. Wer diese Machtlogik nicht versteht, wird im Schlechtwetter reflexhaft auf Kontrolle umstellen: Freigaben, Monitoring, Loyalitätsprüfungen. Und genau dann scheitert das Programm „an der Organisation“ – nicht an den Menschen.
Es beginnt mit einer Frage, die in Wahrheit keine Höflichkeit ist, sondern eine Zumutung: „Liegen Sie bequem?“ Wer sie hört, glaubt zunächst, es gehe um eine Haltung des Körpers. Roger Willemsen aber wusste, dass jede wahre Lektüre mit dem Gegenteil beginnt: mit einer kleinen Störung der Bequemlichkeit. Nicht der Leser soll es sich gemütlich machen im Text; der Text soll sich, wenn er etwas taugt, in den Leser einnisten, ihn verrücken, verunsichern, neu disponieren. Dass ein solcher Satz nun, zehn Jahre nach Willemsens Tod, zum Titel eines neuen Bandes geworden ist, besitzt eine stille Notwendigkeit.
In der Bonner Buchhandlung Böttger, wo Jürgen Hosemann, sein langjähriger Lektor im S. Fischer Verlag, den Band vorstellte und Prof. Dr. Hektor Haarkötter Texte daraus las, war an diesem Abend zu spüren, dass hier nicht einfach Nachlasspflege betrieben wurde. Es ging um die Rückkehr einer Stimme, die noch immer gegenwärtiger wirkt als viele, die heute sprechen. Hosemann selbst sagte, Willemsen komme ihm „als Toter viel lebendiger vor als viele andere lebendig“. Das ist kein Gedenksatz. Es ist eine Diagnose.
Ein Buch als begehbare Bibliothek
Denn „Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern“ ist nicht bloß eine Sammlung verstreuter Texte, keine pietätvolle Resteverwertung, keine editorische Blumenablage. Das Buch ist, wie Hosemann treffend sagte, „die Bibliothek seiner Texte über Literatur“; auf dem Umschlag sieht man Willemsens Bibliothek in seinem letzten Haus, und schon darin liegt eine melancholische Wahrheit: Man betritt dieses Buch wie einen Raum, in dem einer eben noch gewesen ist.
Herausgegeben von Insa Wilke, versammelt es erstmals in diesem Umfang Willemsens Schreiben über Literatur, über Autoren, über den Buchmarkt, über Moral, Humanität, Übersetzen, Verstehen – und über jene kurzen, funkelnden Empfehlungen, in denen seine Kunst der Verdichtung fast noch deutlicher hervortritt als im großen Essay. Dieses Buch zeigt den eigentlichen Willemsen: nicht den Fernsehmann, als den ihn die bequemere Öffentlichkeit allzu lange verwaltete, sondern den Leser als Autor, den Autor als Vermittler, den Vermittler als Liebenden.
Herkunft aus der Nähe
Diese Liebe zur Literatur hatte einen denkbar unprätentiösen, ja geradezu rheinischen Ursprung. In der Gesprächsrunde wurde daran erinnert, dass Willemsen in der Bonner Umgebung aufwuchs, zunächst in der Nähe von Alfter, später in Oedekoven, und mit Unterbrechungen das Helmholtz-Gymnasium in Bonn-Duisdorf besuchte. Der Weltbürger des Feuilletons, der später mit einer Leichtigkeit zwischen Musil, Beckett, Goethe und den politischen Verwüstungen der Gegenwart wechselte, hatte seine topographische Schule nicht in der Abstraktion, sondern in der Nähe: zwischen Alfter, Oedekoven und Bonn-Duisdorf.
Wer dort zur Schule ging, wer dort las, wer dort anfing, der weiß vielleicht früher als andere, dass Bildung kein Dekor ist, sondern Arbeit, Reibung, Herkunft. Und wenn man hört, dass der kleine Roger seiner Mutter beim Schneidern Weltliteratur vorlas, dann begreift man plötzlich, dass diese später so mühelos wirkende Belesenheit nie das Produkt akademischer Pose war, sondern Ergebnis einer frühen, fast häuslichen Askese: Literatur nicht als Distinktionsmittel, sondern als Lebensform.
Die Arbeit des Lektors, der Widerstand des Satzes
Jürgen Hosemann hat an diesem Abend etwas ausgesprochen, was man über Schriftsteller selten so präzise hört. Willemsen, sagte er sinngemäß, reichte die Sprache manchmal nicht aus; dann habe er sie sich selbst gemacht. Darin steckt mehr Wahrheit über Autorschaft als in vielen Poetikvorlesungen. Der wirkliche Schriftsteller erkennt sich nicht daran, dass er den vorhandenen Wortschatz geschickt verwendet, sondern daran, dass er an dessen Grenzen gerät.
Willemsens sprachliche Neuerfindungen waren, wie Hosemann schilderte, keine Manier, sondern Folge eines Sehens, das sich mit den abgenutzten Münzen der Rede nicht abspeisen ließ. Und hier beginnt das eigentliche Drama des Lektorats: Der Lektor setzt Punkte, wo der Autor Atem holen sollte; der Autor setzt den Satz fort, weil der Gedanke noch nicht fertig ist. Hosemann bekannte, er habe natürlich oft versucht, lange Sätze zu kürzen – manchmal mit Erfolg, oft ohne. Man sieht darin das schöne, unaufhebbare Kräftespiel zwischen Formwillen und Formwiderstand. Der Lektor will Helligkeit; der Autor will die ganze Bewegung seines Denkens retten. Im besten Fall gewinnt beides. Bei Willemsen gewann oft der Satz – und gerade dadurch der Leser.
Wenn Texte eine zweite Stimme finden
Hektor Haarkötter wiederum gab diesen Texten an diesem Abend jene zweite Geburt, die nur durch eine große Lesung geschieht. Der Goethe-Text, „Der Tausendkünstler“, wurde in seinem Vortrag zu dem, was er bei Willemsen immer ist: eine Befreiung des Klassikers aus der Gedenkstarre. Dieser Goethe ist kein bronzener Olympier, sondern ein Meister des Selbstmanagements, ein Geniekalkulierer, ein früher Regisseur der eigenen Nachwelt. Willemsen schreibt nicht gegen Goethe; er rettet ihn vor der deutschen Verehrungsindustrie.
Ähnlich im Text auf Robert Gernhardt: Hier erscheint das Komische nicht als kleine Schwester des Ernstes, sondern als dessen schärfste Form. Und in den „Schrift-Typen“ wie in den „10 Regeln für Leserinnen und Leser“ zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie Willemsen dachte: nie bloß ornamental, nie bloß gelehrt, sondern immer mit jener Mischung aus Intelligenz und Charme, die den Leser nicht herablassend belehrt, sondern in eine höhere Aufmerksamkeit hineinlockt. Literatur ist für ihn keine schöne Nebensache, sondern ein diagnostisches Medium für alles, was die Conditio humana betrifft. Wer so über Bücher schreibt, empfiehlt nicht einfach Lektüre. Er verteidigt eine Zivilisationsform.
Gegen die Bequemlichkeit des Lesens
Darin liegt auch die eigentliche Aktualität dieses Bandes. In einer Zeit, in der Lesen immer häufiger entweder als Kompetenztraining oder als Wellnessübung missverstanden wird, kehrt Willemsen auf die denkbar unmodische Weise zum Ernst des Lesens zurück. Nicht zur pädagogischen Verkrampfung, sondern zu jenem Ernst, der Freude erst möglich macht. Seine Buchempfehlungen sind deshalb so kostbar, weil sie nie konsumistische Hinweise sind. Sie sind Miniaturen der Aufmerksamkeit. In wenigen Zeilen skizzieren sie ein Werk so, dass man nicht bloß neugierig wird, sondern sich beinahe schon beschenkt fühlt.
Das Schaufenster als literarische Geste
Alfred Böttgers Gedanke, diese Empfehlungen im Schaufenster der Buchhandlung mit kleinen Zetteln sichtbar zu machen, trifft ins Zentrum: Literaturkritik, von Willemsen betrieben, ist keine Instanz des Urteils von oben, sondern eine Kunst des Zeigens. Schau her, sagt sie, dieses Buch könnte dein Leben berühren. Mehr muss über Bücher nicht gesagt werden. Aber weniger auch nicht.
Die höflichste Form der Unruhe
So bleibt von diesem Bonner Abend nicht nur die Erinnerung an einen Lektor, der klug, diskret und zärtlich von seinem Autor sprach, und nicht nur die Bewunderung für einen Vorleser, der Willemsens Rhythmus ohne Nachahmung in Stimme verwandelte. Es bleibt vor allem die Erkenntnis, dass dieses neue Buch den Toten nicht archiviert, sondern ihn erneut ins Gespräch bringt.
Roger Willemsen ist in ihm noch einmal gegenwärtig: als Leser, der sich nicht mit Oberflächen zufriedengab; als Autor, der deutsche Sätze dehnte, bis sie wieder etwas wagten; als Intellektueller, der Literatur und Menschlichkeit nie gegeneinander ausspielte. „Liegen Sie bequem?“ – das ist am Ende die höflichste Form einer Unruhe. Und vielleicht die schönste Aufforderung, die von Büchern ausgehen kann.