
Am gestrigen Freitagabend war die Bonner Harmonie für gut zwei Stunden kein Club in der Frongasse, sondern ein sehr besonderer Resonanzraum für eine Musik, die sich seit Jahrzehnten weigert, zu Staub zu werden. Billy Joel ist ja keiner jener Künstler, die man bloß hört. Man trägt ihn mit sich herum. In den Sätzen, die er in seine Songs gelegt hat, in der Melancholie, die nie kitschig wird, in jener Mischung aus Straßenklugheit, Sentiment und Großstadtschimmer, die selbst seine größten Hits nie ganz von ihren kleinen Wunden trennt. „All About Joel“ hat genau das am Freitag nicht einfach aufgeführt, sondern freigelegt.
Bonn hört genauer hin
Die Stimmung in der Harmonie war von der ersten Minute an ungewöhnlich dicht. Das war kein Publikum, das auf bloße Wiedererkennung aus war, kein freundlich mitnickender Freitagabendbetrieb, der bei den Refrains kurz das Handy hebt. Da saßen und standen echte Billy-Joel-Kenner, Leute, die diese Lieder nicht nur kennen, sondern in ihrer Binnenarchitektur verstanden haben. Sänger Thomas Matiszik sprach das auf der Bühne selbst an: In Bonn, so ließ er durchblicken, merke man sofort, dass das Publikum wisse, was diese Songs ausmacht, dass sie aus der Seele kommen.
Gerade deshalb funktionierte dieser Abend so gut. Zwischen Bühne und Saal entstand früh jenes schwer zu erzwingende Einverständnis, das aus einem Konzert mehr macht als eine Abfolge gelungener Nummern. Hier wurde nicht konsumiert, hier wurde erinnert, mitgefühlt, vorausgehört. Man spürte in der Harmonie sehr schnell, dass Billy Joel in diesem Raum nicht als Oldie verwaltet wurde, sondern als Songwriter gegenwärtig war.
Thomas Matiszik und der Reiz des eigenen Tons

„All About Joel“ verwechselt Tribut nicht mit Verkleidung. Matiszik versucht nicht, Billy Joel als Figur nachzustellen, nicht die Physiognomie, nicht den Habitus, nicht die Pose. Er setzt vielmehr einen eigenen Akzent in diese Songs, und das ist die klügere, am Ende auch musikalisch viel ergiebigere Entscheidung. Seine Stimme hat eine andere Kontur. Sie sucht nicht die billige Ähnlichkeit, sondern den Kern dieser Lieder. So werden Stücke, die man seit Jahren kennt, nicht kleiner gemacht, sondern neu beleuchtet. Man hört in ihnen wieder etwas, das im bloßen Mitsingreflex leicht verlorengeht: ihre erzählerische Intelligenz.
Dazu passt, dass Matiszik auch als Erzähler des Abends funktionierte. Die Moderationen über Billy Joels Karriere, über Turnstiles, über Exzesse, New York, Mick Jagger, Ruhm und Selbstironie hatten Rhythmus und Witz. Das hätte leicht in jene gefällige Anekdotenware kippen können, mit der viele Tribute-Abende ihr Programm überzuckern. Hier aber dienten die Geschichten den Songs. Sie gaben ihnen Luft, Kontext, manchmal auch Ironie. Der Abend bekam dadurch etwas, das in diesem Genre selten ist: Charakter.
Eine Band von seltener Treffsicherheit
Die Band hinter Matiszik war weit mehr als ein zuverlässiger Unterbau. Schon Songs wie „Captain Jack“ setzten den Ton: keine routinierte Abarbeitung des Kanons, sondern ein Zugriff mit Zug, Druck und Sinn für Dramaturgie. Später folgten unter anderem „River of Dreams“, „Tell Her About It“, „Big Shot“, „You May Be Right“, „Pressure“, „Leningrad“, „She’s Always a Woman“ und „Uptown Girl“. Allein diese Folge zeigte, dass der Abend nicht als gefällige Greatest-Hits-Parade gedacht war, sondern als Weg durch die vielen Zimmer eines erstaunlich vielfältigen Werks.
Als Matiszik die Musiker vorstellte, war der Stolz nicht gespielt, sondern von jener warmen Selbstverständlichkeit, die nur dann entsteht, wenn auf der Bühne wirkliche Verlässlichkeit steht. Er sprach von Mitmusikern, die Billy Joels Songs nicht nur lieben, sondern auch tatsächlich spielen können, und genau so klang es auch. Marius Ader am Piano war nicht bloß Begleiter, sondern Herzmuskel und Schaltzentrale dieses Abends. Stefan Turton am Schlagzeug sorgte für Druck und Beweglichkeit, Benedikt Zöller setzte an der Gitarre kluge, unaufgeregte Akzente, und Michael Hennig ließ am Saxophon immer wieder jenes schimmernde Nachtlicht aufscheinen, das diese Songs so oft zwischen Pop, Barjazz und Großstadtmelancholie ansiedelt. In dieses Gefüge fügte sich auch Maurizio de Matteis am Bass mit einer Selbstverständlichkeit, die umso schöner wirkte, als Matiszik ihm gleich eine der besten Anekdoten des Abends widmete. Er erzählte, wie lange die Suche nach dem richtigen Bassisten gedauert habe, bis de Matteis im Proberaum stand, eigentlich längst ausgelastet durch andere Bandprojekte. Doch als er hörte, dass es um Billy Joel ging, sei die Sache sofort klar gewesen. Unter einer Bedingung, habe de Matteis gesagt, sei er dabei: „Scenes from an Italian Restaurant“ müsse gespielt werden. Spätestens in diesem Moment war klar, dass hier keine routinierte Begleitmannschaft auf der Bühne stand, sondern eine Band von Kennern, Liebhabern und Enthusiasten.
Zwischen Wehmut und Euphorie
Auffällig war, wie souverän die Band mit den Temperaturschwankungen des Repertoires umging. Billy Joel kann hymnisch sein, ironisch, verletzlich, aufgekratzt, beinahe bissig. Viele Bands glätten diese Unterschiede und machen aus allem denselben gefälligen Mittelton. „All About Joel“ tat das nicht. „Big Shot“ bekam Biss, „Pressure“ die nötige Nervosität, „Leningrad“ jene Schwermut, die nie auf Pathos ausweicht, und „She’s Always a Woman“ jenen Schwebezustand zwischen Liebeserklärung und leiser Ernüchterung, der das Stück so groß macht. Dass Matiszik sich zudem freute, in Bonn auch jüngere Leute im Saal zu sehen, war mehr als eine beiläufige Bemerkung. Es zeigte, dass diese Musik hier nicht bloß verwaltet, sondern weitergegeben wird.
Überhaupt lag in der Harmonie an diesem Abend etwas, das man nur ungern mit dem etwas verbrauchten Wort Atmosphäre abtut. Es war eher eine Form von gemeinsamer Wachheit. Gegen Ende dankte die Band der Harmonie, dem Technikteam und dem Publikum; Matiszik sprach von grandioser Stimmung und davon, wie gern man wiederkomme. Das klingt auf dem Papier unscheinbar. In diesem Saal hatte es Gewicht.
Warum dieser Abend nachhallt
Was am Ende bleibt, ist mehr als die Feststellung, dass hier hervorragende Musiker auf der Bühne standen. Es bleibt der Eindruck eines Abends, der verstanden hat, weshalb Billy Joel nie bloß ein Hitlieferant war. Diese Songs leben von Zwischentönen, von Brüchen, von Charme ohne Gefallsucht, von Sentiment ohne Sentimentalität. „All About Joel“ hat ihnen in Bonn genau den Raum gegeben, den sie brauchen. Und Thomas Matiszik hat mit seiner Stimme bewiesen, dass man Billy Joel am besten ehrt, wenn man ihn nicht imitiert, sondern ernst nimmt.
Das war gestern in der Bonner Harmonie sehr deutlich zu hören. Und es war, in der schönsten Bedeutung des Wortes, ein Fest.
Wir sehen uns wieder, spätesten im Sommer in der Rheinaue in Bonn.
Hier weitere Konzerttermine: https://www.allaboutjoel.de/tour.html











