
Stephan Reinhardt schreibt in seinem FAZ-Beitrag „Riesling für den Frühling“ vordergründig über die Frage, welcher Wein besonders gut in diese Jahreszeit passt. Aber sein Text will mehr, und genau das macht ihn lesenswert. Er empfiehlt nicht bloß einen frischen, eleganten Riesling zur Frühlingsküche. Er erklärt zugleich, warum gerade die scheinbar leichtesten Weine oft unter den schwierigsten Bedingungen entstehen.
Das ist die eigentliche Stärke des Artikels: Reinhardt macht verständlich, dass großer Mosel-Riesling nicht einfach nur duftig, filigran und beschwingt ist, sondern das Ergebnis eines Weinbaus, der extrem arbeitsintensiv, riskant und oft wirtschaftlich prekär ist. Wer einen solchen Wein trinkt, trinkt nicht bloß Frucht, Säure und Schieferaroma. Man trinkt auch Landschaftspflege, Tradition, Handarbeit und den Trotz von Winzern, die sich bewusst gegen den bequemen Weg entschieden haben.
Warum Reinhardts Text so gut funktioniert
Der Artikel ist deshalb überzeugend, weil er zwei Dinge verbindet, die oft getrennt werden: Genuss und Realität. Reinhardt beschreibt den Mosel-Riesling als idealen Frühlingswein, weil diese Weine oft leichtfüßig, hell, würzig und fein sind. Viele besitzen wenig Alkohol, eine glasklare Säure und eine Frische, die sie zu Spargel, Fisch, Kräuterküche oder einfach zum ersten warmen Abend des Jahres besonders passend macht.
Aber er bleibt nicht bei der atmosphärischen Empfehlung stehen. Er legt offen, dass diese Eleganz nicht auf Mühelosigkeit beruht. Im Gegenteil: Die großen Steillagen an der Mosel verlangen enorme Handarbeit, alte Erfahrung und viel Geduld. Dadurch bekommt sein Text Gewicht. Er ist nicht nur ein schöner Saisonaufsatz, sondern auch eine kleine Verteidigung des klassischen Mosel-Rieslings und der Menschen, die ihn unter schwierigen Bedingungen erzeugen.
Warum der Mosel-Riesling tatsächlich ein idealer Frühlingswein ist
Der FAZ-Artikel hat auch in der Sache recht. Zum Frühling passen Weine, die nicht ermüden, sondern öffnen; die nicht sättigen, sondern anregen. Genau das kann der Mosel-Riesling. Besonders Kabinettweine – also jene klassisch leichten, oft feinfruchtigen Rieslinge mit wenig Alkohol – verbinden eine zarte Süße mit heller Säure, mineralischer Spannung und großer Trinkfreude.
Doch Reinhardt deutet noch etwas an, das für das Verständnis der Mosel entscheidend ist: Leichtigkeit ist hier keine Schwäche, sondern eine Form von Größe. Ein großer Mosel-Riesling muss nicht massiv sein, um tief zu sein. Gerade seine Transparenz ist seine Stärke.
Eine Region der Individualisten, nicht des Einheitsstils
Besonders gelungen ist auch Reinhardts Auswahl der Weingüter. Er nennt nicht einfach ein paar bekannte Namen, sondern entwirft ein Panorama der Mosel in ihrer ganzen Vielfalt. In seiner Liste stehen klassische Prädikatsgüter neben kompromisslosen Trockenspezialisten, biodynamische Pioniere neben kleinen Familienbetrieben, traditionsreiche Häuser neben neu profilierten Gütern.
Gerade dadurch wird sichtbar, was die Mosel heute so spannend macht. Sie ist keine geschlossene Geschmacksmarke. Sie ist ein Mosaik aus sehr unterschiedlichen Handschriften. Gemeinsam ist diesen Betrieben nicht ein einheitlicher Stil, sondern ihre Ernsthaftigkeit: die Bindung an Lage, Schiefer, alte Reben, Handarbeit und Herkunft.

Die von Reinhardt genannten Betriebe im Überblick
Vollenweider, Traben-Trarbach
Vollenweider ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie idealistischer Steillagenweinbau an der Mosel aussehen kann. Das Weingut wurde 2000 von Daniel Vollenweider gegründet, zunächst mit sehr kleiner Fläche in der Wolfer Goldgrube. Heute arbeitet das Gut mit alten, teils wurzelechten Reben in extremen Steillagen; zu den wichtigsten Herkünften zählen Wolfer Goldgrube, Kröver Steffensberg und der Schimbock. Nach Daniel Vollenweiders Tod führt Moritz Hoffmann die Arbeit fort. Stilistisch steht Vollenweider für präzise, schiefergeprägte, hochfeine Rieslinge mit großem Zug und einer starken Bindung an alte Rebanlagen.
Knebel, Winningen
Matthias Knebel gehört zu den wichtigsten Erzeugern trockener Mosel-Rieslinge. Das Gut in Winningen ist tief in der Terrassenmosel verwurzelt; die jüngere Geschichte des Betriebs begann 1989 mit Reinhard und Beate Knebel, seit 2008 prägt Matthias Knebel die Stilistik entscheidend. Maßgeblich sind berühmte Terrassenlagen wie Röttgen und die verschiedenen Uhlen-Parzellen Roth Lay, Laubach und Blaufüsser Lay. Das Weingut arbeitet mit langsamer Gärung, langem Hefelager und zurückhaltender Kellertechnik. Knebels Rieslinge gelten als steinig, präzise, trocken und zugleich elegant – eine besonders klare Form der kühlen Mosel.
Lubentiushof, Niederfell bei Kobern-Gondorf
Der Lubentiushof ist ein kleines, hoch individuelles Rieslinggut, das eng mit Andreas Barth verbunden ist. Offiziell liegt der Betrieb in Niederfell; stilistisch und herkunftsmäßig spielt die Gondorfer Gäns eine zentrale Rolle, weshalb die Nähe zu Kobern-Gondorf in Weinbeschreibungen naheliegt. Barth ist bekannt für seine Idee des „langsamen Rieslings“: sehr lange Gärungen, viel Geduld und eine deutliche Vorliebe für Weine, die eher über Tiefe und Ruhe als über laute Frucht wirken. Der Lubentiushof steht deshalb für eine subtilere, introvertierte, oft erst mit Zeit ganz aufblühende Seite der Mosel.
Franzen, Bremm
Das Weingut Franzen in Bremm ist ein Schlüsselbetrieb für den Calmont-Bereich. Die Familie ist seit Jahrhunderten in Bremm beheimatet; die heutige Ausrichtung geht wesentlich auf Ulrich Franzen zurück, heute wird das Gut als Weingut Kilian Franzen geführt. Im Mittelpunkt stehen Steillagen wie der Bremmer Calmont und der Neefer Frauenberg. Stilistisch verbindet Franzen die Kraft dieser dramatischen Hänge mit einer klaren, mineralischen, trockenen Handschrift. Die Weine sind nicht zart im banalen Sinn, sondern spannungsvoll, würzig und sehr präzise.
Clemens Busch, Pünderich
Clemens Busch ist einer der großen Leitbetriebe der Terrassenmosel. Das Gut in Pünderich bewirtschaftet rund 20 Hektar, fast ausschließlich mit Riesling, und arbeitet seit Jahrzehnten biologisch, seit 2005 biodynamisch. Im Zentrum steht die Pündericher Marienburg mit ihren verschiedenen Schieferzonen und Parzellen. Gemeinsam mit Rita und Johannes Busch hat Clemens Busch aus dieser Lage ein Modell für radikal herkunftsbezogenen Moselweinbau gemacht. Die Weine sind oft trocken, steinig, ernst und tief, zugleich aber nie grob. Busch steht für die Mosel als genaue, differenzierte Übersetzung von Ort und Boden.
Thorsten Melsheimer, Reil
Das Weingut Melsheimer in Reil ist ein Familienbetrieb in fünfter Generation und arbeitet biodynamisch sowie Demeter- und Ecovin-zertifiziert. Zentrale Herkunft ist der Reiler Mullay-Hofberg. Thorsten und Jannis Melsheimer verstehen ihre Rieslinge als Ausdruck eines lebendigen, naturbezogenen Steillagenweinbaus. Schon die Gutsweine sollen das prototypisch Moselhafte zeigen: Duftigkeit, feine Frucht, Mineralität und eine feste, ruhige Zartheit. Melsheimer steht damit für eine naturnahe, sehr feinsinnige Moselstilistik, die Herkunft und Trinkfluss eng miteinander verbindet.
Martin Müllen, Traben-Trarbach
Martin Müllen ist in Traben-Trarbach ein Solitär und für viele Liebhaber ein Kultwinzer. Das Gut konzentriert sich auf Steillagen-Riesling aus Traben-Trarbach und Kröv und arbeitet mit Schieferlagen, Spontanvergärung und traditionellen Methoden wie der Korbkelter. Müllen ist besonders für jene Weine bekannt, die Jugendlichkeit und Reifepotenzial zugleich besitzen. Seine Rieslinge, gerade im feinfruchtigen Bereich, verbinden Leichtigkeit mit erstaunlicher Tiefe. Damit verkörpert er sehr genau jene Art Mosel, die Reinhardt als idealen Frühlingswein beschreibt: hell, filigran, aber keineswegs oberflächlich.
Weiser-Künstler, Traben
Konstantin Weiser und Alexandra Künstler arbeiten seit 2005 mit historischen, teils sehr alten Steillagen an der Mittelmosel. Zu den wichtigsten Herkünften gehören Trabener Gaispfad, Enkircher Ellergrub und Enkircher Zeppwingert. Das Gut betont den respektvollen Umgang mit Natur, Flora und Fauna sowie die Begleitung des Werdens des Weins statt einer starken technischen Steuerung. Alte, teils über hundertjährige wurzelechte Reben spielen eine große Rolle. Weiser-Künstler steht für eine entschleunigte, transparente, hochfeine Mosel, deren Größe eher in der stillen Präzision als im Effekt liegt.
Immich-Batterieberg, Enkirch
Immich-Batterieberg ist eines der geschichtsträchtigsten Güter der Mosel. Die Ursprünge des Weinguts reichen weit zurück; nach einem Neustart ab dem Jahrgang 2009 wurde das Haus unter neuer Führung und mit Gernot Kollmann als prägenden Kellermeister zu einem der markantesten Betriebe der Mittelmosel. Zentrale Lagen sind Ellergrub, Batterieberg, Zeppwingert, Steffensberg und Zollturm. Das Gut arbeitet mit nachhaltigem Anbau, natürlichen Gärungen, niedrigem Alkohol und einem sehr klaren Bekenntnis zu Schiefer und Cool Climate. Die Weine gelten als pur, tief, oft trocken und von großer innerer Spannung.
Immich-Anker, Enkirch
Immich-Anker, offiziell Weingut Heinrich Immich-Anker, ist ein kleiner, familiengeführter Betrieb in Enkirch unter Daniel S. Immich. Das Gut verweist auf Weinbau in der Familie seit 1425 und bewirtschaftet heute rund 3,5 Hektar. Wichtig ist weniger ein großes Markenbild als die tiefe örtliche Verwurzelung in Enkirch, einem Ort mit reicher Steillagen- und Parzellengeschichte. Immich-Anker steht für jene Familiengüter, die die Mosel im Alltag zusammenhalten: klein, traditionsbewusst, bodennah und stark an der Herkunft orientiert.
Dr. Hermann, Erden
Dr. Hermann in Erden hat sich in den vergangenen Jahren deutlich in der Spitzengruppe der Mosel etabliert und ist seit 2025 Mitglied im VDP. Das Gut wird von Christian Hermann geführt; der Schwerpunkt liegt klar auf Riesling. Maßgebliche Lagen sind Erdener Prälat, Erdener Treppchen und Ürziger Würzgarten, vielfach mit wurzelechten Reben. Dr. Hermann verbindet klassische Mosel-Finesse mit dem Ehrgeiz eines modernen Spitzenbetriebs. Besonders im feinfruchtigen und edelsüßen Bereich hat das Gut einen sehr starken Ruf, ohne darauf beschränkt zu sein.
Joh. Jos. Prüm, Wehlen
Joh. Jos. Prüm ist einer der klassischen Weltgeltungsnamen der Mosel. Das Gut in Wehlen arbeitet ausschließlich mit Riesling und bewirtschaftet berühmte Lagen wie Wehlener Sonnenuhr, Graacher Himmelreich, Bernkasteler Lay, Bernkasteler Badstube, Johannisbrünnchen und Zeltinger Sonnenuhr. Die Familie Prüm steht für eine große Kontinuität in der feinfruchtigen und edelsüßen Moseltradition. Joh. Jos. Prüm verkörpert jene Form des Rieslings, bei der Süße, Leichtigkeit, Ruhe und Tiefe kein Gegensatz sind. Wer verstehen will, warum Kabinett und Spätlese an der Mosel Weltklasse bedeuten können, kommt an diesem Gut nicht vorbei.
Willi Schaefer, Graach
Willi Schaefer ist eines der kleinen, stillen, aber international hochgeschätzten Weingüter der Mittelmosel. Das Familiengut reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück und wird heute von Christoph und Andrea Schaefer geführt. Die Weinberge liegen im Graacher Domprobst, im Graacher Himmelreich und in der Wehlener Sonnenuhr, vielfach mit sehr alten wurzelechten Reben in Steillagen. Schaefer steht für eine nahezu schwerelose Form der Weltklasse: kristalline Kabinette, noble Spätlesen und Auslesen von großer Feinheit, Ruhe und Langlebigkeit. Gerade in einer Liste der aufregendsten Rieslinge der Welt wirkt dieser Name völlig selbstverständlich.
Unterlind, Trittenheim
Unterlind ist einer der jüngeren Namen in Reinhardts Aufzählung. Offizielle Informationen sind bislang vergleichsweise knapp; Fach- und Händlerquellen beschreiben Unterlind als Projekt von Veronika und Heiner Bollig, das Ende 2019 mit zunächst kleinen gepachteten Parzellen in der Trittenheimer Apotheke begann. Mittlerweile wird eine kleine, aber wachsende Fläche in Trittenheim, Brauneberg und Leiwen genannt. Stilistisch konzentriert sich Unterlind stark auf klassische Prädikatsweine, insbesondere Kabinett und Spätlese. Das Gut steht damit für die Wiederentdeckung jener traditionellen Moselstärke, die Reinhardt im Artikel so deutlich lobt.
Ansgar Clüsserath, Trittenheim
Das Weingut Ansgar Clüsserath wird heute von Eva Clüsserath-Wittmann geführt und blickt auf eine lange Familiengeschichte zurück. Im Mittelpunkt stehen alte Rieslingreben in Trittenheimer Spitzenlagen, vor allem in der Apotheke und im Altärchen. Die Apotheke gilt als warme, steile Schieferlage mit großer Tiefe, während das Altärchen feinere, früh zugänglichere und zitrischer geprägte Rieslinge hervorbringen kann. Clüsserath zeigt exemplarisch, wie differenziert selbst innerhalb eines Ortes an der Mosel gearbeitet wird. Das Gut steht für feine, präzise, elegante Rieslinge mit starkem Herkunftsbezug.
Lenhardt, Mehring
Lenhardt in Mehring gehört zu den spannendsten jüngeren Wiederbelebungen an der Mosel. Eva und Christian Lenhardt haben den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrer Mutter Christa neu profiliert; der Neustart mit eigener Flaschenweinorientierung begann 2017. Das Gut betont Handarbeit, alte Weinberge und eine moderne, aber herkunftsbezogene Moselstilistik. Besonders wichtig ist der Mehringer Blattenberg als prägende Steillage. Lenhardt steht damit für die Zukunft der Region: für die Rückkehr zu Lage, Herkunft und Qualität auch in Orten, die lange weniger im Fokus standen als die berühmtesten Kernlagen der Mittelmosel.










