
Daten als Handelsware – und als Erzählstoff
Die deutsche Debatte über digitale Werbung hat eine eigentümliche Eigenschaft: Sie tut so, als ginge es um Staatskunst, wenn es oft um Marktmechanik geht. Persönliche Daten, so heißt es, seien zur Handelsware geworden; private Unternehmen interessierten sich dafür mehr als der Staat; daraus folge zwingend eine moderne Datenschutzstrategie, die möglichst alles bekämpft, was nach Werbung riecht. Im Hintergrund rauscht der vertraute Soundtrack: KONZERNE werden stärker, der STAAT wird schwächer, und der Bürger ist – wie immer – das schutzbedürftige Wesen zwischen den Fronten.
Nur lohnt ein kurzer Realitätstest: Ohne Werbung hätte es viele klassische Medien in dieser Form nie gegeben. Anzeigen sind keine moralische Verirrung, sondern ein Finanzierungsprinzip. Selbst dort, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk gebührenfinanziert ist, existieren Vermarktungslogiken: Rechte, Lizenzen, Tochtergesellschaften, Nebenerlöse. Wer Werbung als „Ausverkauf“ behandelt, verwechselt die Statik des Hauses mit der Tapete.
Das eigentliche Problem liegt woanders: Beide Lager – die Werbe-Evangelisten wie die netzpolitischen Warner – leben von derselben Übertreibung. Die einen behaupten Superkräfte („passgenaues Targeting“), die anderen fürchten Superkräfte („Manipulation“). Und irgendwo dazwischen sitzt der Nutzer und fragt sich, warum er schon wieder ein Banner wegklicken muss, bevor er überhaupt manipuliert werden kann.
Der Marionetten-Mythos mit Fernbedienung und Tab-Leiste
Hinter der Empörung steckt ein Menschenbild, das älter ist als viele der Begriffe, mit denen man heute hantiert. Der Konsument als Marionette: Vance Packards „geheime Verführer“ von 1957 sind der Urtext dieser Vorstellung. Seitdem wird der Gedanke recycelt, nur die Kulisse wechselt: früher TV, heute Feed.
Die Sache ist: Schon in den siebziger Jahren besaß das angebliche Medienopfer eine Fernbedienung – und damit ein überraschend wirksames Mittel gegen Verführung: Wegschalten. Mit dem Internet ist aus dem Wegschalten ein Sport geworden. Tab auf, Tab zu, weiter, zurück, vergleichen, kommentieren. Wer in diesem Biotop noch vom ohnmächtigen Marionettenmenschen spricht, beschreibt eher sein eigenes Bedürfnis nach einer einfachen Erklärung als die Wirklichkeit.
Werbung wird dadurch nicht unschuldig. Aber sie wird etwas, das man nüchtern untersuchen kann, statt es religiös zu verhandeln.
Michael Seemann und die Pythia der Zielgruppen
In der inzwischen eingestellten Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“ – Rubrik „Hohe Luft Kompakt“ – hat Michael Seemann (Kulturwissenschaftler und Publizist) im Jahr 2020 genau diesen Mechanismus seziert: Nicht nur, dassGeschichten über Manipulation kursieren, sondern wem sie nützen und warum sie so gut funktionieren.
Seemann erinnert daran, wie klein die behauptete Zauberei oft ist, wenn man sie auf Zahlen herunterbricht. Er verweist auf eine gemeinsame Studie zu „Behavioral Advertisement“, nach der der Unterschied zwischen personalisierter und nicht-personalisierter Werbung im Schnitt nur vier Prozent Mehrumsatz gegenüber ungezielter Werbung bringt. Vier Prozent – nicht vierzig. Kein „Gedankenlenken“, eher ein Aufschlag im Kleingedruckten.
Und dann kommt die eigentlich hübsche Beobachtung: Für diese vier Prozent Extra-Umsatz zahlen Werbekunden teilweise ein Vielfaches. Seemann nennt dafür eine Größenordnung: bis zu 2,68-mal so viel Werbeetat. Wer das auf dem Küchentisch erklärt bekommen will, kann es so übersetzen:
Beispiel (ohne Branchenmystik):
Ein Händler macht 100 000 Euro Umsatz. Personalisiertes Targeting bringt im Schnitt 4 % extra, also 4 000 Euro. Wenn er dafür aber fast das Dreifache an Werbedruck einkauft, ist die entscheidende Frage nicht „Manipuliert Werbung Menschen?“, sondern: Wer manipuliert hier eigentlich wen – der Werber den Kunden oder der Anbieter den Werber?
Der eBay-Moment: Wenn der Zauber ausbleibt
Noch besser wird es mit einem Experiment, das Seemann anführt: eBay stellte 2014 für elf Wochen seine Google-Anzeigen ein. Die Marketing-Abteilung erwartete dramatische Einbrüche. Die Realität war weniger filmreif: Die Umsatzeinbußen waren geringer als die eingesetzten Werbegelder. Seemann nennt eine Zahl, die wie ein Slapstick funktioniert: Für jeden Dollar, den eBay in Google-Werbung steckte, verlor eBay 63 Cent.
Man kann das auch ohne Ökonomie-Seminar verstehen: Viele Menschen, die „eBay“ suchen, wollen ohnehin zu eBay. Die Anzeige kassiert dann nicht die Entscheidung, sondern nur den Weg. Es ist, als würde man Miete zahlen, damit das Straßenschild zur eigenen Haustür noch einmal „Haus“ sagt – und sich anschließend über den „Erfolg“ wundern, wenn Besucher hereinkommen.
Das ist keine Universalwahrheit über jede Werbung. Es ist aber ein Gegenmittel gegen die Superkraft-Erzählung: Ein Teil dessen, was als Werbewirkung verkauft wird, ist Umlenkung, nicht Überzeugung.
Cambridge Analytica: Alchemisten mit PowerPoint
An diesem Punkt wird zuverlässig Cambridge Analytica aufgerufen – die Endgegnerfigur der digitalen Manipulationsoper. Psychografik, Mikrotargeting, Wahlen: alles in einem Namen. Der Fall taugt hervorragend, weil er zwei Dinge gleichzeitig ermöglicht: Empörung über Datenmissbrauch und die romantische Vorstellung, jemand könne mit ein paar Datensätzen ganze Gesellschaften fernsteuern.
Seemann behandelt Cambridge Analytica genau als das: ein gutes Beispiel – aber auch ein Beispiel dafür, wie neue Medien regelmäßig als Bedrohung alter Ordnungen erzählt werden. Früher waren es „Subliminal Stimuli“ im Kino oder Radiopaniken, heute ist es der Datenzauber im Feed. Die Dramaturgie bleibt: Eine neue Technologie erscheint, eine Elite fühlt ihren Status bedroht – und die Manipulationsgeschichte liefert die passende Abwehrformel.
Was man aus Cambridge Analytica nüchtern mitnehmen sollte, ist nicht die Legende der Allmacht, sondern die Lektion der Intransparenz: Wenn Datenflüsse und Zielgruppenlogik im Dunkeln liegen, kann man Wirkungen behaupten, ohne sie sauber beweisen zu müssen. Das ist für politische Kommunikation unerquicklich – und für Marketing ein Geschäftsmodell.
21 statt 20: Wie klein die „Manipulation“ manchmal ist
Seemann liefert dafür eine Zahl, die man sich merken kann, weil sie so unspektakulär ist: Facebook hofft, mit Targeting die Klickrate minimal zu verbessern – etwa so, dass von 1000 Personen in einer Zielgruppe 21 statt 20 auf eine Anzeige klicken. Ein einziger zusätzlicher Klick pro tausend. Das ist als „Manipulationsleistung“ eher überschaubar – und erklärt zugleich, warum sich trotzdem Millionen verdienen lassen: Skalierung macht aus Kleingeld Summen.
Damit kippt die Debatte in eine angenehm ernüchternde Perspektive:
- Für den Einzelnen ist es oft nicht die große Gedankenkontrolle.
- Für Plattformen kann es trotzdem lohnend sein, weil „ein bisschen besser“ bei Milliarden Kontakten ein Geschäft ist.
Das ist weniger Thriller, mehr Statistik.
Die KI-Orakel und der neue Harvard-Index
Dasselbe Muster wiederholt sich bei den Predigern der Big-Data-KI-Systeme. Auch dort werden Welterklärungsmaschinen versprochen: Frühwarnungen, Epidemieverläufe, Klimaempfehlungen, Finanzkrisenprognosen. Die Rhetorik klingt nach Delphi, nur sitzt die Pythia heute nicht auf dem Dreifuß, sondern im Rechenzentrum. Antworten kommen nicht in Versen, sondern in Dashboards – und sind oft ähnlich zweideutig: beeindruckend, solange niemand nach der Gegenprobe fragt.
Die Geschichte ist alt: Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hofften Ökonomen, aus Statistiken zeitlose Gesetze zu destillieren – etwa den Harvard-Index, später der Traum vom „Weltbarometer“. Der Wunsch ist immer derselbe: Komplexität soll sich in ein Signal verwandeln. Und wenn es dann schiefgeht, war es eben „ein exogener Schock“. Delphi hätte es nicht besser formuliert.
Was wirklich untersucht werden müsste
Die komischste Pointe dieser ganzen Debatte ist, dass beide Seiten oft am Wesentlichen vorbeireden. Während man moralisch über Datenhandel und Manipulation streitet, bleiben drei sehr handfeste Themen unterbelichtet:
- Messmythen: Werbewirkung wird häufig so ausgewiesen, als sei sie kausal bewiesen, obwohl sie oft nur plausibel erzählt wird.
- Interface-Tricks: Nicht die Anzeige überzeugt, sondern die Bedienoberfläche erleichtert Zustimmung und erschwert Widerspruch.
- Betrug und Selbstbetrug: Ein Teil der „Erfolge“ in SEO/GEO etc. und Performance-Marketing ist kreative Buchführung – und ein Teil ist schlicht schmutzig.
Hier wäre tatsächlich Raum für jene Art Analyse, die nicht moralisiert, sondern prüft: Was ist gemessen, was ist behauptet, was ist sauber experimentell abgesichert – und was ist nur ein besonders hübsch gestaltetes Reporting?
Prospektpflicht für Superkräfte
Wer „moderne Datenschutzstrategie“ sagt, sollte weniger über Dämonen sprechen und mehr über Mechanik. Denn die große Erzählung der Manipulation ist selbst eine Manipulation: Sie macht die Welt einfach, sie macht Schuldige sichtbar, sie macht Aufseher notwendig – und sie erspart die unangenehme Frage, ob der Bürger nicht vor allem eines ist: ein Akteur, der wählen, ignorieren, wegklicken, widersprechen kann.
Das ist kein Plädoyer gegen Datenschutz. Es ist ein Plädoyer gegen Aufschneiderei – auf beiden Seiten. Wenn jemand behauptet, Werbung sei Gedankenkontrolle, soll er die Wirkung zeigen. Wenn jemand behauptet, Targeting sei Präzision, soll er die Kausalität nachweisen. Und wenn jemand behauptet, man könne mit Daten die Welt vorhersagen, sollte er wenigstens den Mut haben, Fehlschläge nicht wie Orakelverse umzudeuten.
Die vielleicht vernünftigste Haltung ist daher unerquicklich altmodisch: Misstrauen gegenüber großen Geschichten – besonders dann, wenn sie allen nützen, die sie erzählen.



































