Start am Montag: Warum mich Zukunft interessiert? #Zukunftstaucher um 18 Uhr auf Sendung

Montag, 21. Oktober, 18 Uhr: Thema: Warum mich Zukunft interessiert? (via Skype, aber bitte mit Headset oder über Kommentare auf Twitter mit dem Hashtag #Zukunftstaucher oder über die Chat-Funktion von Periscope, wo der Livestream läuft). Zukunftsmoderatoren: Klaus Burmeister und Gunnar Sohn. Das Format: Jede/jeder hat 60 Sekunden Zeit für ein Statement. Der Montag dient also dem Kennenlernen. Wer ist dabei, warum und was treibt diejenigen. Danach soll es inhaltlich werden…

Hier der Link zum Skype-Gruppenchat.

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Sprunginnovationen jenseits des Silicon Valley-Turbokapitalismus: Ideen von @rafbuff – Eure Meinung #Zukunftstaucher

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen. Nachzulesen in: Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseoph A. Schumpeter

Der ökonomische Mainstream – ob nun in der BWL oder in der VWL – versagt kläglich bei der theoretischen Fundierung von Entwicklungsdynamiken. Und das ist nach dem Philosophen Immanuel Kant eben keine gute Theorie – eine Theorie mit der sich praktisch arbeiten ließe, um Entwicklung zu fördern. 

Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt der Joseph Schumpeter in seiner Entwicklungstheorie vor über hundert Jahren. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen:

„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter. Wir vertiefen das in unserem Bonn-Duisdorfer Schumpeter-Abend:

Kein Unternehmen könne dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Gütern erschlossen werden, warnt der Schumpeter-Forscher Jochen Röpke:

„An welchen Universitäten, in welchem MBA-Programm lernt man Disruption? Und disruptiv wollen die Absolventen auch nicht tätig sein, sonst würden sie nicht in die ‚Industrie’ gehen, sondern ihr eigenes Unternehmen hochziehen. Ihr universitäres Wissen ist ausgerichtet auf die Problemfälle inkrementellen Managements“, schreibt Röpke in seinem Buch „Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme (Co-Autor Ying Xia). Wirkliche Innovationen, Neukombinationen und umwälzende technische Erfindungen gehen in erster Linie von neuen Unternehmen aus. 

Die Alternative zu immer billiger, immer flexibler ist die Erzeugung einer neuen Welle von Neukombinationen, einer neuen Basisinnovation. Ansonsten verharren wir in der Logik der DAX-Konzerne – höhere Gewinne durch niedrigere Löhne, Stellenabbau, niedrigere Steuern und Auslagerung. Wie will sich da nun die Regierungsagentur für Sprunginnovationen positionieren? Im Gespräch mit Technology Review (November-Ausgabe ist gerade erschienen) gibt Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera ein paar Antworten.

Laguna sei tief in der Open-Source-Szene verwurzelt. So war er 2005 an der Gründung der Open-Xchange AG beteiligt und übernahm 2008 deren Leitung. Das Unternehmen bietet Open-Source-Software und Software-as-a-Service an.

Auf die Frage, ob sein Open-Source-Hintergrund bei der Berufung eine Rolle gespielt habe, antwortet er: „Ich denke, ja. Wir müssen unseren deutschen beziehungsweise europäischen Weg der Innovationen finden.“ Diesen sieht er in einer „Antithese zur Silicon-Valley- oder zur China-Version des Internets“.

Open Source sei der europäisch-humanistische Weg der Digitalisierung. „Denn wenn Sie wirkliche Souveränität wollen, müssen Sie die Wahl haben zwischen mehreren Anbietern, ihre Daten mitnehmen können und Anbieter haben, denen Sie vertrauen können, weil sie quelloffene Software einsetzen.“

Disruptive Innovationen amerikanischer Prägung sollen laut Laguna nicht uneingeschränkt als Vorbild dienen: „Es gibt viele Beispiele, die sich nicht ganz im Rahmen bestehender Gesetze bewegen. Diese turbokapitalistischen Silicon-Valley-Systeme wollen ja auch den Staat gleich mit ersetzen“, sagt Laguna im TR-Interview. „Unsere europäisch-humanistische Antwort darauf sollte sein: Aber bitte schön noch im System. In diesem Kontext kann man aber ganz doll sprunginnovieren – zum Beispiel die turbokapitalistischen Plattform-Geschäftsmodelle, die auf Monopolisierung ausgerichtet sind. Lasst uns doch mal die disruptieren und den Wohlstand aus den Monopolen umverteilen, das wäre doch viel cooler.“

Erste Idee: Man könnte ja Open Source-Sprunginnovationen fördern, die den Staat in die erste Liga der Netzökonomie bringen – besonders den Bund 😉

Wir hatten das ja im Bikini Berlin verhandelt: „Freier Code für freie Bürger“

Siehe auch: #BestofLivestreaming2018 KI-Debatten, Staat als Open Source-Vorreiter und offene Formate in der Bildung

Eure Ideen für Sprunginnovationen sind gefragt.

Tataaaa: #Zukunftstaucher hat gewonnen

Es gab in den vergangenen Stunden bis zum Abschluss der Umfrage ein zähes Ringen zweier Fraktionen: #Zukunftstaucher und #Zukunftskurator

Durchgesetzt haben sich die hartnäckigen Fans von #Zukunftstaucher. Das Umfragetool wurde eifrig beackert. Das zeigt auch die Zahl der Besucher auf ne-na.me – sonst ja nicht der Hauptort meiner Publikationen.

So soll es sein.

Hier noch die anderen Vorschläge fürs Protokoll:

Vielen Dank für die rege Beteiligung. Jetzt sollte die Hashtag-Aktion mit Inhalten gefüllt werden.

Wie viel Zukunft steckt im Forschungsministerium? #BMBF #Zukunftskurator

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bezeichnet sich gern als das „Zukunftsministerium“ der deutschen Bundesregierung. Was bedeutet, in der Forschungsadministration länger als nur eine Legislaturperiode vorauszudenken und zu planen. In diesem Monat hat das BMBF einen neuen Zukunftsbeirat eingesetzt, in dem externe Experten nach den großen Langfristtrends Ausschau halten sollen. Es ist der dritte „Foresight“-Zyklus, den das Ministerium gestartet hat. Bislang mit wenig Wirkung auf die Politik der Bundesregierung. So sieht es der Berliner Zukunftsexperte Klaus Burmeister, Mitautor der Studie „Deutschland D2030“. Die ersten beiden Foresight-Zyklen seit 2007 seien „hinter ihren Möglichkeiten und Erwartungen zurückgeblieben“.

Bereits ihre organisatorische Konstruktion weise Defizite aus, da die Foresight-Vorschläge nur „als add-ons und nicht als integrierter Bestandteil der strategischen Ausrichtung des BMBF“einbezogen werde, sagt Burmeister gegenüber der taz. „Zukunftsforschung hat auch nach zwei Zyklen keinen geachteten und keine anerkannte Stellung in der Wahrnehmung des BMBF.“

Wirklich ernst genommen werden dagegen die Big Player der Forschung wie die Fraunhofer Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft oder die Akademie der Wissenschaften acatech.

Foresight brauche nach Ansicht von Burmeister Mut und Unabhängigkeit: „Ob das in einem Ministerium realisiert werden kann, muss bezweifelt werden.“ Foresight, die Vorausschau in die Zukunft, müsse Diskurse führen und Themen besetzen.

„Hierzu braucht es eine Wissenschaftskommunikation auf der Höhe der Zeit“, fordert Burmeister.

Wie sollte die Wissenschaftskommunikation aussehen?

Notizen zu einer anarchistischen Ökonomie und Ökonomik – #NEO19x Abschiedssession an der @hs_fresenius

Auf dem Projektblog der Next Economy Open habe ich ja schon etwas skizziert, mit welcher Session-Idee ich in diesem Jahr aufwarten will. Ich reibe mich am methodologischen Bullshit der Mainstream-Ökonomik. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft. Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Mit diesem doch eher freidenkerischen Ansatz bin ich gnadenlos auf die Schnauze gefallen im Sommersemester 2019. Zumindest an der Hochschule Fresenius, an der ich keine Vorlesungen mehr machen werde. Die #NEO19x ist dort meine Abschiedsvorstellung. Im nächsten Jahr wird die Next Economy wieder irgendwo anders ablaufen. Ideen dazu habe ich noch nicht.

Aber noch einmal an Feyerabend anknüpfend: Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

Die Laien sollten nach Auffassung von Feyerabend ein Interesse am Aufbruch dieser Strukturen haben. Die Deutungshoheit der Expertokratie sei nicht hinnehmbar. Müssten sich diese geschlossenen Kreisen öffnen und Einblicke in ihre Methoden gewähren, würde man schnell erkennen, mit welch dünner Sauce die Experten operieren. Etwa der fünfköpfige Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Statt eine Schweigeperiode einzulegen, sollte dieses Gremium jede Sitzung öffentlich ins Netz übertragen und jedes Protokoll publizieren. Hier geht es schließlich um wichtige Empfehlungen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und nicht um die Wahl des Papstes.

Obertöne der Rebellion

Der Fernsehmacher Alexander Kluge erinnert an die Obertöne der Musik. Er nennt es Obertöne der Rebellion in Anlehnung an die 68er Bewegung. Man könnte in der Zukunft etwas weiter machen, was in der Vergangenheit nur den Grundton hatte. Beispielsweise die Forderungen „Die Stadt gehört uns“ im öffentlichen Raum. Das sei nackte Wiederholung aus den Tagen der Studentenrevolte. Gleiches kann man dem Sachverständigenrat entgegen schmettern: „Die Wirtschaft gehört uns und darf nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt werden.“

Dafür brauchen wir neue Theoriebewegungen, die sich nicht auf der Leimspur der vorherrschenden Lehre bewegen.

Einschub: Vor mir liegt ein Notizzettel über die Diktatur des Antiquariats – denkt mal drüber nach. Spruch ist von Jürgen Kaube.

Weiterer Notizzettel: Überlegungen zu einer Universalgeschichte der Niedertracht. Ist nichts daraus geworden.

Zurück zur Wissenschaft: Ich wollte eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“ gründen.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm ist ermüdend und geistlos. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle (ja Halle) testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Akademische Krawalle vonnöten

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen. „Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die hatte Thomasius auch.

Gründen wir neue Akademien gegen die Universitäten und privaten Hochschulen

Theorie ist nichts, was systematisch verfährt. Man verschreibt sich emphatisch dem Fragment. Theorie hat immer einen anti-akademischen Gestus. Darauf verweist Philipp Felsch im Gespräch mit Alexander Kluge:

Bedeutsam sei dabei der Essay als eigene Form, weder Philosophie, Dichtung oder Wissenschaft. Georg Lukács versucht in einem Brief an einem Freund zu definieren, was ein Essay ist: Jeder Essayist sei ein Schopenhauer, schreibt Lukács, der mit seinem systematischen Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ 40 Jahre lang vollkommen erfolglos war und dann in den 1850er Jahren auf einmal großen Erfolg hat mit „Parerga und Paralipomena“, also mit kleinen Schriften, die nicht zuletzt auch seine eigene Schreibsituaion thematisieren. Schopenhauer sitzt in der Universität des großen Hegel. Alles rennt zu diesem Systematiker und Schopenhauer ist Privatdozent mit schlecht besuchten Vorlesungen und wahrscheinlich auch schlecht bezahlten Lehrveranstaltungen (das Problem kenne ich). Schopenhauer positioniert sich anti-akademisch. Der Theoretiker stellt sich an den Rand der Institution – das muss ich gar nicht tun. Da stand ich schon die ganze Zeit.

Einer der Texte in Parerga und Paralipomena heißt „Über Universitätsphilosophie“ und das sei der Urtext einer diskursiven Tradition nicht nur in der Philosophie, so Felsch. Schopenhauer arbeitet sich vor allem an der Figur des Professors ab – passt in die notwendige Disputation zum Expertenwesen. An diesen Punkten seien Theoriebewegungen entstanden. „Das sind immer intellektuelle Momente gewesen aus denen später Theoriebewegungen ihren Impetus bezogen haben“, so Felsch.

Schopenhauer begründet eine andere Form in Forschung und Lehre: Den freien wissenschaftlichen Unternehmer. Ähnlich ging Leibniz vor. Auch er war kein Universitätsgelehrter. Er gründet Akademien als anti-institutionelle Gebilde – er ist anti-akademisch unterwegs. Er gründet seine Akademien gegen die Universitäten.

„Theorie hat auch ein existenzialistisches Moment. Der Existenzialismus stellt ein Modell von Philosophie dar, das überhaupt nicht auf Gelassenheit abzielt oder auf Distanz oder reine Gegenwart. Es geht immer darum, von der Zukunft ergriffen zu werden, sich in etwas hinein zu werfen, zu partizipieren und Gelassenheit zu verlieren“, sagt Felsch.

Wie mein akademischer oder besser gesagt, anti-akademischer Krawall auf der Next Economy Open ablaufen wird, verrate ich noch nicht.