
Am fünften Skitag stellte sich zum ersten Mal so etwas wie ein Zwischenfazit ein. Nicht als große Bilanz, eher als leiser Gedanke auf der Liftfahrt: Seit dem Abitur hatte ich keinen Skikurs mehr besucht. Alles, was dazwischen auf Ski gelungen oder misslungen war, hatte sich über Jahrzehnte hinweg eher intuitiv entwickelt — passabel, ja, manchmal sogar ganz ansehnlich, aber eben doch aus jener Sorte Praxis, die sich mit dem Satz begnügt: Es wird schon irgendwie gehen.
Nun, mit 65, in Samnaun und Ischgl, kam auf einmal etwas hinzu, das man in diesem Alter nicht mehr selbstverständlich erwartet: ein echter Schub nach vorn.
Spätunterricht mit Aussicht
Dafür verantwortlich waren vor allem Andreas und Claus vom SportBildungswerk Bielefeld. Was sie in diesen Tagen vermittelten, war kein schulmeisterlicher Nachhilfeunterricht, sondern jene seltene Mischung aus Erfahrung, Präzision und Gelassenheit, bei der man als Teilnehmer nicht das Gefühl hat, wieder die Schulbank zu drücken, sondern plötzlich Dinge zu verstehen, die der Körper schon lange halb wusste und nie ganz begriffen hatte.
Da ging es nicht nur ums elegante Herunterkommen. Da ging es um Carving, um Buckelpisten, um unpräparierte Hänge, um Pulverschnee, um steile schwarze Pisten wie die Lange Wand — also um alles, was man früher entweder mit Schwung, Gottvertrauen oder einem gewissen Mangel an Übersicht löste. Jetzt bekam das Ganze Namen, Logik und Richtung.
Andreas erklärt die neue Welt

Andreas hatte das schon zu Beginn mit einem kleinen Technikvortrag vorbereitet. Und plötzlich stand da vor einem nicht mehr einfach der Ski als vertrautes Sportgerät, sondern eine kleine Wissenschaft auf zwei Brettern.
Der Rocker-Ski, so lernte man, ist eben nicht mehr der alte Ski von früher, der sich geschniegelt mit klassischer Vorspannung ins Gelände stellte. Vorne hebt sich die Schaufel früher an, manchmal auch hinten das Ende. Das sieht zunächst aus wie ein Detail für Materialfetischisten, verändert aber die Sache gründlich: Der Ski lenkt leichter ein, trägt besser im weichen Schnee, verzeiht mehr und verlangt weniger Kraft. Anders gesagt: Er ist höflicher zum Menschen, sofern der Mensch im Gegenzug bereit ist, ihn ordentlich zu fahren.
Dann die All-Mountain-Ski, jene vielgerühmten „eierlegenden Wollmilchsäue“ des modernen Wintersports. Ein herrlicher Begriff, weil er die Wahrheit so bäuerlich wie treffend ausspricht. Diese Ski können ziemlich viel, ohne überall Spezialisten sein zu wollen. Piste, Buckel, weicher Schnee, ein wenig Gelände — sie machen fast alles mit, solange man ihnen nicht gerade Weltcupzeiten abverlangt.
Dann der Unterschied zwischen Slalom und Riesenslalom, zwischen kurzer Aggression und langer Linie, zwischen Nerv und Ruhe. Und schließlich die Zahlen auf dem Ski, die früher von den meisten Fahrern ungefähr so aufmerksam gelesen wurden wie die Inhaltsstoffe auf einer Müslipackung. Radius, Länge, Sidecut — also alles das, was nicht nur nach Materialkunde klingt, sondern darüber entscheidet, ob der Ski mit einem arbeitet oder bloß unter einem herfährt.
Die Sache mit dem 87er-Schliff
Der eigentliche Mastertipp von Andreas aber war von einer fast beglückenden Konkretheit: Nichts ist so wichtig wie das Fahren auf Kante. Und deshalb, so sein Rat, solle man beim Skiservice eben nicht nur sagen: bitte wachsen und Kanten schleifen. Das sei ungefähr so, als würde man beim Schneider um „irgendwas Tragbares“ bitten. Wer ernst genommen werden wolle, benenne den Kantenschliff. Die Empfehlung lautete: 87 Grad.
Ich probierte das gestern Nachmittag aus. Der Dialog im Service hatte etwas geradezu Erhebendes. Ich sagte, ich hätte gern einen 87er-Schliff. Der Servicetechniker wiederholte das mit respektvoller Präzision, fast so, als hätte ich eben nicht irgendeine Pistenroutine geordert, sondern eine Maßanfertigung. In diesem Moment veränderte sich die Rollenverteilung. Man war nicht länger nur Kunde, sondern plötzlich jemand, der wusste, was er wollte. Ein kleines Erlebnis, gewiss. Aber eines mit Würde.
Der fünfte Skitag stand dann ganz im Zeichen dieses 87ers.
Die Kante als Lebensform
Es ist erstaunlich, wie viel sich am Skifahren verändert, wenn man beginnt, die Sache von der Kante her zu denken. Der moderne Carving-Stil lebt nicht vom heroischen Einsatz, sondern von einer konsequenten Körperhaltung. Nicht ungefähr nach vorne, sondern wirklich nach vorne. Andreas hatte dafür zwei Bilder, die sich sofort einprägten.
Das erste war das mit dem 1-Euro-Stück. Zwischen Schienbein und Schaft des Skischuhs dürfe bei sauberer Vorlage kein 1-Euro-Stück herunterfallen. Eine wunderbare Formulierung, weil sie deutsche Münzordnung und alpine Technik zu einer höheren Einsicht verbindet.
Das zweite Bild war noch besser: die Zitrone. Man solle sich vorstellen, zwischen Schienbein und Skischuhzunge liege ein Stück Zitrone, das während der Kurve ausgepresst werden müsse. Das ist ebenso absurd wie nützlich. Denn plötzlich wird verständlich, worum es geht: Druck nach vorne, auf die Schaufel, auf die Kante, in den Schwung hinein. Nicht Rücklage, nicht die berühmte Haltung „wie auf der Toilette“, sondern aktive Vorlage. Wer die Zitrone nicht presst, fährt nicht modern. Er fährt bestenfalls gemütlich.
Und auf einmal merkte man, wie viele Jahre man damit verbracht hatte, irgendwie Ski zu fahren, ohne diesen entscheidenden Punkt wirklich zu verstehen.
Ein Himmelblau für Technikübungen
An diesem fünften Tag machte das Üben zum ersten Mal selbst Vergnügen. Elf Stunden Sonne, ein tiefdunkelblauer Himmel, Pisten, die zum Fahren und nicht bloß zum Abarbeiten einluden — unter solchen Bedingungen verliert selbst Techniktraining jeden muffigen Beigeschmack. Es wurde probiert, korrigiert, neu angesetzt. Kante, Druck, Vorlage, Kurvenwechsel. Nicht im Modus des Frontalunterrichts, sondern mit jener Freude, die entsteht, wenn man plötzlich spürt, dass die eigene Bewegung leichter, sauberer, entschiedener wird.

Vielleicht ist das überhaupt die schönste Entdeckung dieser Reise: dass Lernen im Sport nicht nur eine Angelegenheit der Jugend ist. Man kann auch jenseits der sechzig noch etwas Grundsätzliches begreifen. Und wenn es gut läuft, fährt man danach nicht nur besser Ski, sondern sieht der eigenen Hartnäckigkeit mit einem gewissen Wohlwollen zu.
Das Schweigen der Lämmer
Dass ein Skitag nicht einfach mit dem letzten Lift endet, gehört zu den besonderen Vorzügen dieser Reise. Nach dem Abendessen verlagerte sich das Geschehen regelmäßig vom Hang an den Tisch, vom Carving in die freie Theorie. Und dort nahm die Sache an diesem fünften Abend, wie so oft in heiteren Gruppen, rasch eine Richtung, die sich mit klassischer Sportpädagogik nur unvollkommen erfassen lässt.
Es begann mit einer Frage von jener Schönheit, die nur beim Essen und in Gesellschaft entstehen kann: Wann wird aus einem Lamm ein Schaf? Eine Sekunde später stand die nächste im Raum: Wann wird aus einem Kalb eine Kuh? Fragen von agrarphilosophischer Tiefe, wie geschaffen für eine Reisegruppe, die tagsüber über Kantengriff und Schwungverlauf gesprochen hatte und abends wieder beim Grundsätzlichen ankam.
Von dort war es nur ein kurzer Weg zu einem weiteren Problem von erheblicher praktischer Relevanz: Wie desinfiziert man das Innenleben eines Skischuhs? Die ernsthafteste und zugleich bedenklichste Antwort lautete, man könne das Innenfutter herausnehmen und in einen Ameisenhaufen legen, damit die organischen Bestandteile weggefressen würden. Das war hygienisch vermutlich fragwürdig, zoologisch nicht hinreichend abgesichert, aber als Gesprächsbeitrag von hohem Unterhaltungswert.
In diesem Moment lag ein Titel für den Abend plötzlich nahe: Das Schweigen der Lämmer. Es wurde herzlich gelacht, und zwar von jener Sorte, die nicht aus Höflichkeit entsteht, sondern aus echter Erschöpfung, guter Laune und dem Glück, dass aus einem Tag im Schnee abends noch ein kleiner Salon des Absurden werden kann.
Ein erstes Resümee
So blieb vom fünften Skitag mehr als nur eine weitere gelungene Etappe. Er war ein Tag der Einsicht, und das ist auf Ski vielleicht die seltenste Form des Fortschritts. Seit der Abizeit kein Skikurs mehr — und nun, Jahrzehnte später, doch noch einmal Unterricht, der sitzt.
Vom Rocker-Ski bis zur Buckelpiste, von der Langen Wand bis zum Pulverschnee, vom 87er-Schliff bis zur ausgepressten Zitrone: Es ist einiges zusammengekommen. Und manches davon dürfte bleiben.
Der Körper lernt langsam. Aber wenn er einmal verstanden hat, wie man einen Ski sauber auf die Kante stellt, fährt man auf einmal ganz anders ins Tal.





















