
In der Bonner Buchhandlung Böttger saß kein Autor, der sich im Alter ein Denkmal setzen wollte. Hans Ulrich Gumbrecht sprach über „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ vielmehr wie einer, der sich noch einmal selbst auf die Probe stellt. Bonn, sagte er, sei ihm in den vergangenen Jahren beinahe zu einer zweiten Heimat geworden; Böttger nannte er seinen Lieblingsort in der Stadt. Das passte. Denn diese Lesung war weder akademische Pflichtübung noch Seniorenerzählung, sondern die Wiederkehr eines Intellektuellen in einen Raum, der noch an Literatur als Ereignis glaubt. Böttger hatte das Buch ein „gar wunderliches“ Unternehmen genannt; treffender lässt sich diese Autobiographie kaum ankündigen. Sie reist durch Würzburg, Paris, Bochum, Siegen, Berkeley, Rio und Jerusalem, aber sie sammelt keine Stationen. Sie tastet die Bedingungen ab, unter denen ein Leben im Denken überhaupt Form gewinnt. Und gleich zu Beginn legte Gumbrecht jenes private Gravitationszentrum frei, das man in einem solchen Buch zunächst nicht vermuten würde: einen wiederkehrenden Albtraum, der ihn bis zur Emeritierung verfolgte. Darin musste der gefeierte Stanford-Professor noch einmal sein Mathematikabitur ablegen, das er als Schüler überraschend mit der Note eins bestanden hatte; im Traum aber misslang die Wiederholung, die Note lautete ungenügend, und mit einem Mal waren Doktortitel, Habilitation und Professur aberkannt. Erst mit der Emeritierung verschwand dieser Traum. Man hörte darin die tiefe, nie ganz stillgestellte Angst eines Mannes, der seine Laufbahn nicht auf souveräne Begabung, sondern auf lebenslange Überkompensation gegründet sah.
Halbdistanz heißt nicht Halbheit
Der Untertitel dieses Buches ist keine kokette Formel. „Halbdistanz“ meint bei Gumbrecht keinen geschützten Beobachterposten, keinen Komfortbegriff für kultivierte Weltläufigkeit. Gemeint ist eine Existenzweise, in der Zugehörigkeit immer gesucht und nie ganz eingelöst wird: der Franke, der nicht wirklich bayerisch wird; der Deutsche in Amerika, dessen Enkel hören, dass sein Englisch noch immer ein wenig seltsam klingt; der Europäer in Brasilien, der dort nicht als Besucher, sondern als Mitbewohner der Sprache auftritt; der Professor in Jerusalem, der begreifen muss, dass sich der lange Schatten deutscher Geschichte auch dort nicht in Wohlgefallen auflöst. Gumbrecht sagte in Bonn unumwunden, Halbdistanz sei kein Programm, sondern Schicksal. Darin liegt die eigentliche Größe dieses Buches: Es ersetzt das alte Bildungspathos der Selbstfindung durch die viel genauere Erfahrung, dass man der Welt manchmal gerade dort am nächsten kommt, wo man nie ganz in ihr aufgeht.
Wenn Jacob Taubes an die Tür klopft
Schon die Paris-Episoden zeigen, wie wenig Gumbrecht an der heroischen Selbstinszenierung des Gelehrten gelegen ist. Die berühmte Anekdote mit Jacob Taubes, die Böttger zunächst nur als Lockmittel andeutete, gehört zu den schönsten Szenen des Buches. Taubes begrüßt Gumbrecht und dessen spanische Frau in der Maison Heinrich Heine zunächst mit einer halb zärtlichen, halb übergriffigen Gelehrsamkeit, rekonstruiert aus dem Stand sefardische Herkunftslinien und verwandelt ein Flurgespräch in eine improvisierte Kulturgeschichte. Wenige Minuten später steht er wieder vor der Tür, die Hose unter dem Gürtel offen, mehrere Knöpfe in der Hand, und bittet Isabel, sie ihm anzunähen. Man lacht über diese Szene, natürlich. Aber ihr Witz liegt tiefer. Sie zeigt eine Gelehrtenwelt, in der Intelligenz, Charme, Grenzüberschreitung und absurde Unmittelbarkeit noch zu einer einzigen sozialen Form verschmolzen waren. Taubes ist hier nicht bloß skurril. Er erscheint als Emblem eines Milieus, das Nähe grundsätzlich unterstellt und darum unentwegt Zumutungen produziert.
Der Haardter Berg als Versuchsanordnung
Das eigentliche Kraftzentrum des Buches aber liegt in Siegen. Nicht Paris, nicht Berkeley, nicht Jerusalem: Siegen. Das ist die schönste und kühnste Pointe dieser Autobiographie. Denn Gumbrecht erzählt die Provinz nicht als Mangellandschaft, sondern als Labor. Auf dem Haardter Berg, in Beton, Leere und institutioneller Unwahrscheinlichkeit, entstand in den achtziger Jahren ein intellektuelles Klima, das sich seine Energie gerade aus der Nichtselbstverständlichkeit bezog. Weil dort nichts von selbst strahlte, musste geistige Präsenz eigens erzeugt werden. Kittler war einer der ersten Funken. Gumbrecht lud ihn zu einer Tagung über Kommunikationsmedien im spanischen Spätmittelalter ein; Kittler antwortete mit jener souveränen Kühnheit, die nur er besaß, und erklärte das Rechnen aus dem Singen, aus Musik, Vers und Strophe hervorgegangen. Man muss diese These nicht glauben, um ihren Effekt zu begreifen. Plötzlich war der Raum voll, die Kollegen kamen früher, blieben länger, wollten jedes Wort notieren. Gumbrecht findet dafür die richtige Formel: Kittlers Charisma habe als Funke des Geistes in Siegen gezündet. Genau so liest sich diese Passage.
Der Geist fährt Volvo
Auf Kittler folgten Habermas und Luhmann, und mit ihnen wurde aus der lokalen Aufgeregtheit eine Bühne von nationalem Rang. Habermas kam als öffentliche Autorität, als der Mann, an dem in der Bundesrepublik kaum ein geisteswissenschaftlicher Streit vorbeiging. Wichtiger noch als sein Auftritt war seine Empfehlung beim Abschied: Man solle doch auch Luhmann holen. Mit einem Mal stand die große intellektuelle Rivalität jener Jahre in Siegen auf dem Spiel. Luhmann traf dann, ganz nach eigenem Protokoll, im Volvo aus Bielefeld ein, so unspektakulär, dass Gumbrecht ihn ohne den Hinweis auf das Auto womöglich für einen Verwaltungsbeamten gehalten hätte. Und dann sprach er, ohne Manuskript, mit jener trockenen Unerbittlichkeit, die seinen Sätzen den Charakter einer anderen Logik gab. Berühmt wurde die Pointe, dass nicht Menschen kommunizieren, sondern Kommunikation. Noch aufschlussreicher ist Gumbrechts Beobachtung des sozialen Echos: Nicht nur Begriffe, auch Stimmführung und Denkgestus wurden kopiert. Theorie war damals nicht bloß Text, sondern Habitus, Tonfall, Lebensform. Luhmann hinterließ in Siegen keinen diskursiven Nachhall, sondern einen meteorologischen Zustand. Gumbrecht nennt ihn den warmen Wind seines Denkens.
Fünftausend Mark für die Postmoderne
Am schönsten freilich gerät die Geschichte mit Jean-François Lyotard. Man muss sie erzählen, weil in ihr eine ganze Epoche deutscher Geisteswissenschaft aufscheint. Der Kanzler der Universität wollte aus Siegen etwas machen, und Gumbrecht kam auf die Idee, den Mann einzuladen, der das Wort „Postmoderne“ in einen neuen Umlauf gebracht hatte. Lyotard verlangte fünftausend Mark Honorar und einen Businessflug – Anfang der achtziger Jahre eine Summe und ein Stil, die im deutschen Hochschulbetrieb an Grenzverletzung grenzten. Der Kanzler zahlte dennoch. Bald verbot der Landesrechnungshof das Honorar; kurzerhand verlangte man von hundert Zuhörern je fünfzig Mark Eintritt. So finanzierte die Provinz ihre eigene Weltläufigkeit. Die eigentliche Pointe kam erst im Gespräch. Gumbrecht stellte die scheinbar banale Frage, ob man ohne Körper denken könne, und Lyotard machte daraus Spekulationen von gewaltiger Reichweite, später den Essay „Si l’on peut penser sans corps“. Mehr noch: Er schrieb einen Text mit dem schönen Titel „Ersiegerung“, weil ihn die Produktivität dieses Ortes nicht losließ. Dass einer wie Lyotard ausgerechnet in Siegen philosophisch auf Touren kam, gehört zu den beglückenden Unglaublichkeiten dieser Erinnerungen.
Derrida, höflich wie ein Staatsgast, scharf wie ein Messer
Noch unwahrscheinlicher wirkte der nächste Gast. Jacques Derrida, der angeblich nie in Deutschland aufgetreten war, kam nach Siegen und machte den Hardter Berg zum Schauplatz seines ersten Deutschlandbesuchs. Das Thema schlug er selbst vor: Heideggers Philosophie und Heideggers nationalsozialistischer Antisemitismus. Mehr Sprengstoff ging nicht. Gumbrecht erinnert sich an den angenehmsten akademischen Gast, den er je betreut habe: vollkommen höflich, elegant, zugewandt, in allen Konventionen französischer Kollegialität zuhause. Aber dieser Charme diente keiner Harmlosigkeit. Drei Nachmittage lang las Derrida ein Manuskript, das die Ablehnung Heideggers wegen seiner NS-Nähe in eine noch verstörendere Frage zurückbog: ob Heidegger ohne diese Nähe überhaupt zu jenem Philosophen geworden wäre, als den das Jahrhundert ihn kennt. Solche Sätze fallen nicht in einem Seminar. Sie fallen wie Schneisen. Siegen war für einen Augenblick kein Rand mehr, sondern ein Ort, an dem die tektonischen Brüche des Jahrhunderts verhandelt wurden.
Mittagessen mit dem Weltgeist
Zu den glänzendsten Passagen des Buches gehören die Seiten über Michel Foucault, den Gumbrecht in Bonn ohne Zögern als den größten Geisteswissenschaftler überhaupt bezeichnete, jedenfalls seitdem die Geisteswissenschaften im neunzehnten Jahrhundert zu einer eigenen Institution geworden sind. Man versteht schnell, warum. Foucault erscheint hier nicht nur als Autor epochaler Bücher, sondern als leibhaftige Verdichtung einer intellektuellen Zeit, als Weltgeist mit glattrasiertem Schädel. Gumbrecht schildert die legendären Vorlesungen am Collège de France, bei denen sich Woche für Woche mehr als tausend Hörer versammelten, um fünfzig Minuten lang Foucault zuzusehen, wie er mit heller Transparenz von der Schreibmaschine abgelesene Seiten in reine Präsenz verwandelte.
Von fast noch größerem Reiz sind die beiden Szenen im vietnamesischen Restaurant nahe dem Collège: Beim ersten Treffen eröffnet Foucault ihm den Plan eines von Gallimard, Einaudi und Suhrkamp getragenen „intellektuellen Frühwarnsystems“, einer Schriftenreihe für exzeptionelle Texte junger Autoren, für die Gumbrecht Manuskripte entdecken und weiterleiten sollte; beim zweiten Mittagessen, zu dem auch seine Frau stößt, weitet sich das Gespräch von Berkeley bis zur Frage einer künftigen feministischen Philosophie, auf die Foucault mit einer abrupten, fast komisch definitiven Abwehr reagiert.
In diesen beiden Essen steckt bereits eine ganze Epoche: editorischer Größenwille, philosophische Elektrizität, persönliche Aura und die Selbstverständlichkeit, mit der ein Denker wie Foucault nicht nur Bücher schrieb, sondern intellektuelle Umlaufbahnen stiftete. Dass aus der geplanten Reihe nichts wurde und die Einladung nach Siegen unerfüllt blieb, weil Foucault kurz darauf starb, verleiht dieser Erinnerung jenen melancholischen Glanz, der in Gumbrechts Buch immer dann entsteht, wenn Geistesgeschichte plötzlich wieder sterblich wird.
Rio liest mit
Von den Lesepassagen des Bonner Abends musste manches ungesagt bleiben. Gerade deshalb verdienen die Rio-Seiten besondere Aufmerksamkeit. Gumbrecht meinte, man könne über Machado de Assis an einem solchen Abend fast zu lange sprechen; dabei erschließt sich an ihm ein Schlüssel des ganzen Buches. Als Gumbrecht in Rio die „Memórias póstumas de Brás Cubas“ liest, verändert sich die Stadt. Cosme Velho, die Geschichte des brasilianischen Kaiserreichs, die sozialen Gesten und der melancholische Glanz des späten neunzehnten Jahrhunderts treten in eine neue Sichtbarkeit. Der tote Erzähler Brás Cubas versucht, sein Leben posthum zu rechtfertigen, und scheitert Satz für Satz. Aber dieser fortgesetzte Fehlschlag wird bei Machado nie zur Verachtung. Gumbrecht bewundert an ihm eine Ironie, die aus Sympathie kommt. Das ist ein entscheidender Satz über Machado – und über Gumbrecht selbst. Auch „Sepp“ verweigert die strafende Rückschau. Das Buch nimmt die eigenen Irrtümer ernst, ohne sie moralisch auszuschlachten; es betrachtet die Umwege eines Lebens mit einer ironischen Milde, die nicht entschuldigt, aber auch nicht vernichtet.
Amichai oder die Grenze jeder Erlösung
Den dunkelsten und zugleich schönsten Gegenpol bildet Jehuda Amichai. In Bonn sprach Gumbrecht mit hörbarer Verehrung von ihm, nannte ihn einen der großen hebräischen Lyriker und einen Autor, der fast zu gut für den Nobelpreis gewesen sei. Diese Verehrung bleibt in „Sepp“ nicht abstrakt. Gumbrecht entdeckt eine biographische Berührung: beide in Würzburg geboren, beide später mit Jerusalem verbunden. Aber das Buch unterläuft jede Versuchung, aus dieser Gemeinsamkeit vorschnell Sinn zu machen. Amichai musste Würzburg 1935 als Jude verlassen, weil die Stadt zur Todeszone wurde; Gumbrecht verließ sie Jahrzehnte später als deutscher Student auf dem Weg in eine Karriere. Amichai fand in Israel eine historische und existentielle Normalisierung jüdischen Lebens; Gumbrecht musste lernen, dass sein eigener Wunsch nach Erlösung von der deutschen Geschichte dort keinen Ort hat. Gerade diese Verweigerung falscher Symmetrie macht die Passage so stark. Die Gemeinsamkeiten, schreibt Gumbrecht, seien nur Hintergrund; sichtbar werden solle die Divergenz. Das ist nicht Bescheidenheit. Das ist Genauigkeit von hoher moralischer Qualität.
Zwei Verrisse und eine sehr gute Pointe

Am Ende dieses Bonner Abends lag noch einmal jener trockene Humor in der Luft, ohne den Gumbrechts Selbstbeschreibung unerquicklich geworden wäre. Aus dem Publikum kam die Frage nach dem Titelbild mit der orangefarbenen Brille. Gumbrecht erzählte, im Spiegel sei auf dem Originalfoto sogar ein Apfel über seinem Kopf zu sehen gewesen, fast wie bei Wilhelm Tell; der Verlag habe den Apfel wegretuschiert und die Brille als ironische Allegorie auf die Halbdistanz verstanden. Dann folgte die letzte Volte. Der Verkauf des Buches, sagte Gumbrecht, laufe besser als erwartet – vielleicht auch wegen der beiden Verrisse, eines im Spiegel, eines von Jürgen Kaube in der F.A.Z.. Die Sachbuchdirektorin des Verlags habe ihn mit der hübschen Marktweisheit getröstet, ein Buch mit nur guten Rezensionen verkaufe sich fast so schlecht wie eines mit nur schlechten. Zehn Besprechungen, zwei Verrisse: vielleicht sei das die optimale Formel. Man darf diese Pointe nicht unterschätzen. Sie passt zu einem Autor, der die Halbdistanz nicht nur als Lebensform, sondern auch als letzte Souveränität beherrscht: sogar im Gegenwind noch lesbar zu bleiben.













