Die alternativen 68er und die verlorene Denkzentrale der Union @Bundeskanzler

Notizen aus Cadenabbia über Biedenkopf, Geißler, politische Sprache und eine Partei, die ihre Zukunft wieder selbst entwerfen muss

Das offizielle Seminar in der Villa La Collina handelte von Künstlicher Intelligenz, Deepfakes, agentischen Systemen und politischer Kommunikation. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hatte vom 23. bis 26. August 2026 nach Cadenabbia eingeladen. Im Programm standen technische Grundlagen, Anwendungen im politischen Alltag, Regulierung und der Blick auf ein künftiges Leben mit KI. Sobald die Laptops zuklappten, wanderte das Gespräch jedoch zur älteren und zugleich dringlicheren Frage: Weiß die Union noch, wie aus Gedanken Politik wird?

Das zweite Seminar begann beim Frühstück, setzte sich in den Kaffeepausen fort und endete selten mit dem Abendessen. Die Villa über dem Comer See begünstigt solche Verschiebungen. In diesem Haus hatte Konrad Adenauer einst Arbeit, Rückzug und politische Begegnung verbunden. Nun saßen Kommunalpolitiker, Verwaltungspraktiker, Wissenschaftler und Kommunikationsleute an den Tischen und sprachen über Friedrich Merz, die CDU und die Erinnerung an eine Partei, die ihre Zukunft einmal mit erheblichem intellektuellem Aufwand vorbereitete.

Franziska Hoppermann war wenige Wochen zuvor zur neuen Generalsekretärin gewählt worden. Bei ihrer Vorstellung nannte die CDU Heiner Geißler und Volker Rühe als prägende Vorbilder für das Amt. Diese Namen öffneten in Cadenabbia einen historischen Maßstab. Die Bewertung der gegenwärtigen Parteiführung fiel in mehreren Gesprächen hart aus. Eine demoskopische Erhebung war das gewiss nicht. Der gleiche Unmut kehrte jedoch an verschiedenen Tischen zurück: Friedrich Merz, seit 2022 CDU-Vorsitzender und seit Mai 2025 Bundeskanzler, habe der Partei bislang keinen geistigen Überschuss verschafft, der über Regierungstaktik und Tagesreaktion hinausreiche.

1968 besaß eine bürgerliche Gegenbiografie

Die Chiffre 1968 gehört im deutschen Gedächtnis meist den linken Studenten, den Sit-ins, den Theorieseminaren und dem Aufstand gegen alte Autoritäten. Die historische Forschung hat dieses Bild erweitert. Sie untersucht inzwischen auch das „andere 1968“: junge Christdemokraten und RCDS-Akteure, die von der gleichen Epoche geprägt wurden, ihre Antworten jedoch aus anderen politischen Traditionen entwickelten. Diese Gruppe ließe sich als die alternativen 68er bezeichnen.

Sie erlebten den Verlust alter Selbstverständlichkeiten aus nächster Nähe. Wirtschaftswunder, Wiederaufbau und Antikommunismus reichten als Legitimation immer seltener aus. Studenten, Journalisten und neue soziale Bewegungen stellten Fragen, auf die die alte Honoratiorenpartei keine überzeugende Sprache besaß. Ein Teil des bürgerlichen Lagers reagierte mit Abwehr. Der produktivere Teil lernte die Sprache der Herausforderung, studierte ihre Begriffe und baute neue Institutionen für gesellschaftspolitische Arbeit auf.

Kurt Biedenkopf erkannte diese Lage bereits als Manager bei Henkel. Er riet den Führungskräften der Wirtschaft, die politische Sprache ihrer Kritiker zu lernen und zu beherrschen. Der Hinweis auf Wohlstand genügte ihm nicht mehr. Unternehmen mussten ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Ganzen neu begründen. Verbände und Firmen investierten daraufhin in politische Bildung, Medienkompetenz und Führungskräfteprogramme; Kurse wie „Auseinandersetzung mit der Linken“ oder „Marxismus für Manager“ zeigen den Ernst dieser Reaktion.

Diese bürgerliche Antwort zielte auf Aneignung und Erneuerung. Sie akzeptierte, dass die Gesellschaft neue Fragen stellte. Autorität musste sich erklären. Organisationen mussten lernen. Politik brauchte eine Sprache, die den sozialen Wandel aufnehmen konnte. Aus der Provokation von 1968 entstand im bürgerlichen Lager eine Generation von Planern, Programmatikern und politischen Kommunikatoren.

Biedenkopf verstand Begriffe als politische Institutionen

Biedenkopf brachte diese Erfahrung 1973 in die CDU-Bundesgeschäftsstelle. Seine berühmte Formel von der „Revolution der Gesellschaft durch die Sprache“ beschrieb einen Machtvorgang. Wer die zentralen Begriffe einer Epoche prägt, ordnet Wahrnehmung, Erwartungen und Konflikte. Wolfgang Bergsdorfs Untersuchung über Herrschaft und Sprache fasste diese Logik später systematisch: Politische Schlüsselwörter verdichten diffuse Bedürfnisse, laden sie emotional auf und wirken auf das politische Handeln zurück.

Nach der Wahlniederlage von 1972 erkannte die Union, dass sie auch eine Niederlage ihrer Terminologie erlitten hatte. Helmut Kohl verlangte die Öffnung zum Gespräch mit Intellektuellen. Biedenkopf formulierte den Kampf um die Begriffe als Kernaufgabe. Die Mannheimer Erklärung von 1975 verband den traditionellen Freiheitsbegriff der CDU mit Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität. Die Partei versuchte, ihre eigenen Grundwerte für eine veränderte Gesellschaft neu auszulegen.

In unseren Gesprächen in Cadenabbia fiel dafür häufig der Ausdruck „Semantik-AG“. Historisch trat diese Arbeit als „Projektgruppe Semantik“ auf. Peter Radunski hatte bereits im hessischen Landtagswahlkampf 1970 eine solche Gruppe geführt; später formierte sich in der Bundesgeschäftsstelle ein Kreis um Radunski und Warnfried Dettling. Philologen, Politologen, Marketingfachleute und Journalisten untersuchten, welche Kurzformeln politische Orientierung erzeugten und weshalb die Union gegenüber der neuen Sprache der Linken ins Hintertreffen geraten war.

Das klingt aus heutiger Sicht beinahe exotisch. Eine Parteizentrale beschäftigte sich mit Semantik, weil sie politische Sprache als Teil der Wirklichkeit verstand. Begriffe bildeten das geistige Gerüst einer unübersichtlichen Gesellschaft. Freiheit, soziale Verantwortung, Frieden oder Mitbestimmung mussten so definiert werden, dass daraus politische Entscheidungen, Bündnisse und Grenzen hervorgingen.

Heute produziert politische Kommunikation täglich Formulierungen, Videos und Reaktionskarten. Ihre Geschwindigkeit ist enorm, ihre Halbwertszeit gering. Die CDU der siebziger Jahre arbeitete langsamer und zielte weiter. Sie fragte, welches Vokabular ein Jahrzehnt tragen könnte.

Das Konrad-Adenauer-Haus war eine Denkzentrale

Peter Radunskis Erinnerungen zeigen, wie konkret dieser Anspruch organisiert wurde. Biedenkopf gab seiner Mannschaft drei miteinander verbundene Aufgaben: Die CDU sollte öffentlich ein klares Bild gewinnen, ihre Organisation modernisieren und programmatisch erneuern. Radunski baute eine kleine medienpolitische Einheit auf, arbeitete mit PR-Gruppen, Wissenschaftlern und Gestaltern und holte internationale Wahlkampferfahrung in die Parteizentrale. Wulf Schönbohm, Warnfried Dettling, Wolfgang Bergsdorf, Horst Teltschik und weitere Köpfe bildeten ein Milieu, in dem politische Planung, Forschung und Kommunikation aufeinandertrafen.

Die Namen wurden in Cadenabbia beinahe wie die Besetzung einer verlorenen Werkstatt aufgerufen. Peter Radunski stand für moderne Kampagnenführung. Bergsdorf analysierte politische Terminologie. Dettling arbeitete an Planung und gesellschaftlicher Diagnose. Schönbohm verband RCDS-Erfahrung, Programmatik und Organisation. Später kamen Geißler, Volker Rühe und weitere Akteure hinzu, die das Generalsekretariat als politische Institution verstanden.

Die Bundesgeschäftsstelle arbeitete damals als politische Denk- und Produktionszentrale. Sie rekrutierte Absolventen, bildete Arbeitskreise, wertete Forschung aus, entwickelte Programme und organisierte Debatten mit gesellschaftlichen Gruppen. Die KAS-Geschichte beschreibt Biedenkopf und Geißler als zentrale Kräfte der organisatorischen und programmatischen Erneuerung; das Ludwigshafener Programm von 1978 wurde zum ersten Grundsatzprogramm der CDU.

Das Grundsatzforum 1977 in der Berliner Kongresshalle macht die Größenordnung sichtbar. Rund 600 Wissenschaftler, Vertreter gesellschaftlicher Gruppen und Parteimitglieder diskutierten den Programmentwurf. In unseren Tischgesprächen wurde der Bogen bis zu Niklas Luhmann gespannt. Die Partei lud mehrere hundert Menschen ein, um Grundwerte, gesellschaftliche Veränderungen und staatliche Aufgaben öffentlich zu durchdenken.

Eine solche Veranstaltung diente keinem dekorativen „Stakeholder-Dialog“. Sie gehörte zur Produktion politischer Substanz. Die Union wollte wissen, wie sich Arbeit, Familie, Eigentum, Bildung, Technik und soziale Sicherheit veränderten. Sie akzeptierte dabei das Risiko, dass externe Köpfe Fragen stellten, die der Parteiapparat ungern hörte.

Geißler machte den Streit zur Parteifunktion

Heiner Geißler übernahm 1977 das Generalsekretariat. Der in diesem Jahr leider verstorbene Peter Radunski überschreibt das entsprechende Kapitel seiner Erinnerungen mit „Seele der Partei“. Der Ausdruck beschreibt die damalige Größe des Amtes. Geißler war Redner, Stratege, Programmatiker und öffentlicher Gegenspieler. Er arbeitete bis tief in die Nacht, verlangte präzise Texte und versammelte Mitarbeiter mit unterschiedlichen Temperamenten und Kompetenzen.

Sein Konzept der „Neuen Sozialen Frage“ richtete den Blick auf Menschen, die in den klassischen Verbänden und organisierten Interessen kaum vorkamen: Arbeitslose, Frauen, ältere Menschen und andere Gruppen ohne mächtige Lobby. Das erste Grundsatzprogramm von 1978 nahm diese Diagnose auf. Geißler prägte damit die sozialpolitische Erneuerung der CDU und ihre Vorstellung von einer Volkspartei der politischen Mitte.

Die politische Sprache jener Jahre war hart, manche Polemik verletzte, innerparteiliche Machtkämpfe gingen tief. Biedenkopf geriet mit Kohl aneinander. Geißlers Verhältnis zum Parteivorsitzenden zerbrach später. Der Wert dieser Konstellation lag gerade in der Reibung. Die Generalsekretäre besaßen eigene Themen, eigene Netzwerke und eigene politische Autorität.

Eine Partei, die solche Figuren aushält, gewinnt eine zweite Stimme. Der Vorsitzende führt, der Generalsekretär prüft, übersetzt, provoziert und entwickelt. Aus Loyalität wird keine Unterwerfung. Aus Geschlossenheit wird keine Denkpause. Die Bundesgeschäftsstelle hält das kommende Jahrzehnt im Blick, während Regierung und Fraktion den nächsten Termin bewältigen.

Das erklärt auch, weshalb die Namen Biedenkopf und Geißler in Cadenabbia so häufig fielen. Die Teilnehmer suchten keinen historischen Tonfall. Sie vermissten eine Funktion: die institutionalisierte Fähigkeit zur Selbstbefragung.

Weizsäckers Berlin und die Politik des Personals

An dieser Stelle kehrte unser Gespräch zu Richard von Weizsäcker zurück. Ich hatte wenige Wochen zuvor über die Berliner Wahl von 1981 geschrieben. Weizsäcker stellte damals einen Senat zusammen, der über die örtlichen Parteiroutinen hinauswies. Norbert Blüm, Hanna-Renate Laurien, Rupert Scholz, Elmar Pieroth, Ulf Fink und weitere Persönlichkeiten brachten unterschiedliche Erfahrungen in die Stadtregierung ein. Berlin erschien als politische Aufgabe von nationalem Rang.

Diese Personalpolitik folgte dem gleichen Muster wie die Erneuerung der Bundespartei. Die Union suchte Menschen mit Eigensinn, Sachkenntnis und öffentlicher Präsenz. Sie rechnete mit Konflikten. Ein Kabinett oder eine Parteizentrale sollte Eigensinn und Erfahrung zusammenführen. Kompetenz durfte unbequem sein.

Von Weizsäcker wurde 1984 Bundespräsident und blieb bis 1994 im Amt. Sein Berliner Kapitel dauerte nur wenige Jahre, prägte jedoch das Bild eines Politikers, der Amt und geistigen Anspruch miteinander verbinden konnte. In Cadenabbia erschien diese Erinnerung fast zwangsläufig. Adenauers Villa erinnert an eine Zeit, in der politische Führung Orte schuf, Gesprächspartner auswählte und Distanz zum Tagesbetrieb suchte. Die heutige Personaldebatte der Union wirkt dagegen oft wie die Verwaltung verfügbarer Figuren. Wer passt in welches Ressort, wer stört welches Lager, wer hält die nächste Fernsehrunde aus? Die größere Frage verschwindet: Welche Menschen verkörpern eine Idee der kommenden Bundesrepublik?

Merz führt die Partei ohne zweite Stimme

Friedrich Merz vereinigt Parteivorsitz und Kanzleramt. Die Personalunion verschafft ihm formale Macht und birgt eine alte Gefahr: Die Partei wartet auf die Regierung. Koalitionskompromisse bestimmen dann das Sagbare, Regierungserklärungen ersetzen programmatische Arbeit, die Bundesgeschäftsstelle liefert Begleitkommunikation. Merz wurde im Februar 2026 mit 91,2 Prozent als Parteivorsitzender bestätigt; die organisatorische Geschlossenheit ist daher kaum das zentrale Problem.

In unseren Gesprächen richtete sich die Kritik auf den fehlenden geistigen Überschuss. Viele hatten Friedrich Merz als Politiker erwartet, der nach den Merkel-Jahren eine neue Ordnung der Union formuliert. Stattdessen erleben sie eine Folge von Reaktionen, Korrekturen und Regierungsnotwendigkeiten. Der Kanzler kann Entscheidungen vertreten. Die Partei liefert bislang keine zusammenhängende Deutung der Epoche.

Dabei drängen die Themen in einer Dichte heran, die an die frühen siebziger Jahre erinnert. Künstliche Intelligenz verändert Arbeit, Öffentlichkeit und staatliche Autorität. Krieg und geopolitische Abhängigkeit verändern den Begriff der Sicherheit. Migration, demografischer Wandel und hohe Sozialausgaben zwingen zu einer neuen Verständigung über Solidarität. Digitale Plattformen formen politische Wahrnehmung. Der Nationalstaat soll schützen, investieren, regulieren und zugleich Freiheit ermöglichen.

Eine Partei kann zu jedem Punkt ein Positionspapier verfassen. Daraus entsteht noch keine politische Sprache. Die Aufgabe besteht darin, die Zusammenhänge zu ordnen und Begriffe zu schaffen, die Menschen durch Konflikte führen. Biedenkopf hätte gefragt, welche Wörter bereits von anderen Kräften besetzt wurden. Geißler hätte geprüft, welche Gruppen in der neuen Gesellschaft ohne Stimme bleiben. Radunski hätte daraus eine Kommunikationsstrategie entwickelt, die Partei und Person erkennbar verbindet.

Merz verfügt über einen großen Apparat. Ihm fehlt bislang jene zweite institutionelle Stimme, die ihn intellektuell herausfordert und der Partei eine eigene Zukunftsarbeit ermöglicht. Die neue Generalsekretärin übernimmt daher ein Amt, dessen historische Bedeutung weit über Organisation und Kampagne hinausreicht.

Hoppermanns Berufung setzt einen anspruchsvollen Maßstab

Franziska Hoppermann verweist auf Heiner Geißler und Volker Rühe. Das verpflichtet. Schon bei ihrer Kandidatur an Norbert Röttgens Seite hatte sie den Anspruch auf die Formel gebracht, „dass der Staat klappt“. Der Satz trifft die administrative Not der Gegenwart. Geißlers Erbe verlangt zusätzlich eine Antwort darauf, für wen der Staat arbeitet, welche Freiheit er sichert und welche sozialen Brüche er erkennt. Sein Ton lässt sich kaum kopieren, und seine historischen Konflikte gehören in ihre Zeit. Seine Funktion lässt sich neu begründen: Der Generalsekretär muss die gesellschaftlichen Veränderungen früher erkennen als der Regierungsapparat, Begriffe prüfen, Talente sammeln und politische Gegensätze austragen, bevor sie die Partei unvorbereitet treffen.

Dafür braucht das Konrad-Adenauer-Haus wieder eine eigenständige Planungs- und Grundsatzarbeit mit Gewicht. Diese Einheit müsste Sozialwissenschaftler, Technologen, Unternehmer, Gewerkschafter, Künstler, Kommunalpolitiker und Verwaltungspraktiker dauerhaft zusammenbringen. Ihre Aufgabe wäre keine akademische Begleitmusik. Sie müsste aus gesellschaftlichen Veränderungen politische Optionen entwickeln und der Parteiführung widersprechen dürfen.

Die Projektgruppe Semantik hätte im Jahr 2026 eine andere technische Ausstattung. Sie könnte Millionen öffentliche Texte, Suchbewegungen, Bürgeranfragen und Debatten auswerten. KI könnte zeigen, welche Begriffe aufsteigen, welche Milieus auseinanderdriften und wo politische Sprache ihre Verbindung zur Erfahrung verliert. Die Entscheidung über Bedeutung bleibt eine politische und menschliche Aufgabe.

Auch die Grundsatzforen verdienen eine Rückkehr. Mitgliederbefragungen mit vorgegebenen Antwortfeldern reichen für eine Volkspartei nicht aus. Sie braucht Orte, an denen ein Soziologe, eine Bürgermeisterin, ein Unternehmer, eine Pflegekraft und ein junger Programmierer über den gleichen Begriff streiten können. Der Konflikt um Freiheit im KI-Zeitalter sieht aus jeder dieser Perspektiven anders aus.

Der Generalsekretär müsste zudem wieder Personal entdecken. Die frühere Bundesgeschäftsstelle zog junge Leute aus Hochschulen, Verbänden und gesellschaftlichen Initiativen an. Radunski beschreibt ein Haus, in dem Teams Texte, Kampagnen, Programme und Forschung miteinander verbanden. Heute müsste eine solche Talentschmiede Menschen finden, die politische Theorie, Datenanalyse, Verwaltungspraxis und mediale Form beherrschen.

Die neue soziale Frage wird digital

Das KI-Seminar lieferte für diese Erneuerung mehr Material, als das offizielle Programm vermuten ließ. Wir sprachen über synthetische Profile, automatisierte Kommunikation, Agenten auf dem eigenen Rechner, lokale Sprachmodelle, Datenschutz und die künftige Arbeitswelt. Hinter jeder technischen Demonstration stand eine politische Frage.

Was bedeutet Menschenwürde, sobald Stimme, Gesicht und Biografie technisch nachgebildet werden können? Was bedeutet Verantwortung, sobald ein Agent Entscheidungen vorbereitet, Programme bedient oder Daten löscht? Was bedeutet Freiheit, sobald wenige Plattformen die Infrastruktur der öffentlichen Sprache kontrollieren? Was bedeutet soziale Sicherheit, sobald Routinetätigkeiten verschwinden und der Einstieg in qualifizierte Berufe schwieriger wird?

Darin zeigt sich die zeitgenössische „Neue Soziale Frage“. Sie betrifft Menschen, deren Arbeit automatisiert wird, Bürger, deren Wirklichkeit durch synthetische Medien zerfällt, Kommunen ohne digitale Kompetenz und kleine Unternehmen in Abhängigkeit von globalen Plattformen. Die Union besitzt für diese Konflikte noch keine erkennbare begriffliche Architektur.

Ein christdemokratisches Programm für die KI-Gesellschaft müsste Menschenwürde als Grenze technischer Verfügbarkeit fassen. Es müsste Eigentum und Datenmacht neu zusammendenken, subsidiäre Strukturen in digitale Infrastrukturen übersetzen und die Soziale Marktwirtschaft auf Märkte anwenden, in denen Skaleneffekte globale Monopole begünstigen. Es müsste erklären, welche Entscheidungen beim Menschen bleiben und welche Automatisierung dem Gemeinwohl dient.

Die übliche Formel von Chancen und Risiken reicht dafür nicht aus. Sie vertagt jede Entscheidung. Die alternativen 68er reagierten auf die intellektuelle Herausforderung ihrer Zeit, indem sie sich in gegnerische Theorien einarbeiteten und eigene Antworten entwickelten. Die Union des Jahres 2026 müsste die Architektur von Sprachmodellen, Plattformen und Datenökonomien so gründlich verstehen, wie Biedenkopf und seine Leute einst Marxismus, neue Linke und moderne Sozialwissenschaften studierten.

Eine andere Union beginnt mit geistiger Arbeit

Nostalgie hilft wenig. Die CDU der siebziger und achtziger Jahre lebte in einer anderen Medienordnung, in einer jüngeren Gesellschaft und in der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Ihre Apparate waren hierarchisch, ihre Sprache gelegentlich brutal, ihre Machtkämpfe berüchtigt. Ihr institutioneller Ehrgeiz bleibt dennoch lehrreich.

Diese Partei wollte gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen. Sie behandelte Sprache als politische Macht, Programmatik als jahrelange Arbeit und die Bundesgeschäftsstelle als Ort der Wissensproduktion. Sie holte unbequeme Köpfe, organisierte große Debatten und erlaubte dem Generalsekretär ein eigenes Profil. Aus dieser Arbeit entstanden keine perfekten Antworten. Es entstand Regierungsfähigkeit.

Am Comer See wurde mir klar, weshalb die Unzufriedenheit mit Friedrich Merz so tief reicht. Viele kritisieren keine einzelne Entscheidung. Sie spüren die Abwesenheit einer Partei, die den historischen Wandel deutet und daraus einen Auftrag formuliert. Merz führt Regierung und Partei. Die Union wartet weiter auf ihre intellektuelle Gegenwart.

Franziska Hoppermann hat Heiner Geißler als Vorbild genannt. Sie könnte den Namen zeremoniell behandeln oder als Arbeitsauftrag lesen. Dann müsste das Generalsekretariat wieder zum Ort werden, an dem politische Begriffe entstehen, gesellschaftliche Konflikte früher sichtbar werden und Talente eine größere Aufgabe finden als die Optimierung des nächsten Clips.

Die alternativen 68er begriffen, dass Macht ohne eigene Sprache stumm wird. Die neue Generation muss ergänzen: Sprache ohne Wirklichkeit wird zur synthetischen Kulisse. Zwischen diesen beiden Einsichten liegt die Aufgabe einer anderen Union.

Die Gespräche in Cadenabbia endeten irgendwann zwischen Frühstück und Abreise. Die Namen blieben im Raum: Biedenkopf, Geißler, Radunski, Bergsdorf, Schönbohm, Dettling, Rühe, Stoiber, Weizsäcker. Es waren keine Heiligenbilder. Sie erinnerten an eine Partei, die Denken als Machtfrage verstand. Die Union gewinnt ihre Zukunft dort zurück, wo sie einst Regierungsfähigkeit gewann: im offenen Streit um Begriffe, Menschen und eine Ordnung, die der kommenden Gesellschaft gewachsen ist.

Siehe auch:

Der Irrtum gehört zur Intelligenz: Markus Gabriel über Fehlbarkeit, soziale Korrektur und maschinelle Urteilskraft

Personalabteilungen lassen Bewerbungen von Software vorsortieren, Führungskräfte erhalten Prognosen über Personalbedarf und Leistung. Beschäftigte fragen ein Sprachmodell, bevor sie einen Kollegen anrufen. Unternehmen übersetzen statistische Vorschläge in betriebliche Entscheidungen, die Auswahl, Aufgabe, Aufstieg und Einkommen beeinflussen. Markus Gabriel setzt an diesem Übergang an. In „Sense, Nonsense & Subjectivity“ beschreibt er den Menschen als fehlbares soziales Subjekt. Irrtum gehört bei ihm zur Erkenntnis. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt beseitigt alte Fehler und erzeugt neue Varianten des Falschen. Die zentrale Frage lautet daher: Welche sozialen Verfahren prüfen, korrigieren und verantworten maschinell erzeugte Aussagen?

Die übliche KI-Debatte kreist um Leistungsvergleiche. Welches Modell schreibt besser? Welches System diagnostiziert genauer? Welche Tätigkeiten lassen sich automatisieren? Gabriel verschiebt den Blick auf die Bedingungen menschlichen Urteilens. Sein Thema ist die Fähigkeit, sich zu irren, einen Irrtum zu erkennen und gemeinsam mit anderen zu lernen.

Der andere Mensch macht den Irrtum sichtbar

Gabriel versteht menschliche Subjektivität als Ergebnis gemeinsamer Handlungskoordination. Menschen treten in eine soziale Welt ein, lange bevor sie über die Gedanken anderer nachdenken oder eine ausgearbeitete Theorie des Geistes entwickeln. Sozialität bildet den Boden des Denkens. Andere nehmen einen Gegenstand aus einer anderen Perspektive wahr. An dieser Abweichung erkennt das Individuum den perspektivischen Charakter des eigenen Urteils.

Erkenntnis wächst für Gabriel am Irrtum. Menschen lernen in historisch entstandenen Praktiken gegenseitiger Korrektur. Sie erwerben Begriffe, prüfen Behauptungen an Erfahrungen und lassen sich auf Fehler hinweisen. Gabriel spricht von „socially orchestrated mutual correction“, von sozial organisierter wechselseitiger Korrektur. Wissen entsteht in Verfahren, die Widerspruch zulassen, Erfahrungen speichern und frühere Fehler für spätere Generationen verfügbar machen.

Korrektur verlangt Gründe, Regeln, Erinnerung und Verantwortung. Ein neuronales Netz passt Parameter nach einem Optimierungsverfahren an. Ein Mensch revidiert eine Überzeugung innerhalb einer Praxis, in der Gründe zählen und Menschen für Folgen einstehen. Das Modell optimiert eine Zielgröße. Der Mensch kann erkennen, dass sein Ziel falsch gewählt war, dass eine korrekte Berechnung einem fragwürdigen Zweck diente oder dass eine Entscheidung einen anderen Menschen geschädigt hat.

Lernfähigkeit im technischen Sinn und menschliches Lernen tragen den gleichen Namen. Der Begriff umfasst verschiedene Vorgänge. Ein Modell erhöht seine Trefferquote. Ein Subjekt prüft das eigene Urteil, legt Voraussetzungen offen und übernimmt Verantwortung für eine Revision. Gabriels Philosophie richtet den Blick auf diese Differenz.

Fortschritt produziert seine eigenen Fehler

Gabriel formuliert ein Paradox moderner Wissensgesellschaften. Jeder Erkenntnisgewinn eröffnet weitere Möglichkeiten des Fehlers. Neue Messgeräte erzeugen neue Messprobleme. Neue Modelle schaffen neue blinde Flecken. Neue Kommunikationswege verbreiten wahre Aussagen und Irrtümer mit wachsender Geschwindigkeit. Fortschritt verkleinert den Bereich des Unbekannten an einer Stelle und öffnet ihn an anderer Stelle erneut.

Digitale Systeme beschleunigen diese Bewegung durch ihre Reichweite. Online verbreitete Daten und Informationen modellieren menschliches Denken, Handeln, Urteilen und Selbstbeschreiben. In diesen Modellen stecken verborgene Möglichkeiten des Irrtums. Ihre massenhafte Verteilung vervielfacht die Fehler, die in Auswahl, Deutung und Darstellung eingegangen sind. Gabriel nennt ChatGPT polemisch eine „bullshit engine“. Die Provokation markiert die Lücke zwischen sprachlicher Plausibilität und Erkenntnis.

Ein Sprachmodell kann einen falschen Satz mit hoher sprachlicher Sicherheit ausgeben. Es kann einen richtigen Satz auf ungeeignete Gründe stützen. Lücken in Trainingsdaten oder Aufgabenstellung blenden relevante Tatsachen aus. Die Ausgabe besitzt Form, Rhythmus und scheinbare Geschlossenheit. Eine folgenreiche Entscheidung verlangt zusätzlich Wahrheit, Begründung und zurechenbare Verantwortung.

Menschen begehen vergleichbare Fehler. Ein Gericht untersucht Beweise, eine Redaktion verwirft eine unbelegte Behauptung. Wissenschaftler versuchen, ein Ergebnis zu reproduzieren; Betriebsräte verlangen Auskunft über Bewertungssysteme. Institutionen übersetzen individuelle Fehlbarkeit in gemeinsame Lernfähigkeit.

Das Dashboard kennt seinen Ausschnitt

Gabriel beschreibt moderne Gesellschaften als Gefüge von Transaktionen und Beziehungen, das jeden Akteur mit einem begrenzten Ausschnitt konfrontiert. Soziale Komplexität untergräbt die Vorstellung umfassender Kontrolle. Staat, Wissenschaft, Vernunft und Technik besitzen jeweils begrenzte Zugänge zur Wirklichkeit. Eine perfekte Blaupause der Gesellschaft bleibt unerreichbar, weil schon die vollständige Beschreibung ihrer Verbindungen unsere Erkenntnismöglichkeiten übersteigt.

Für Unternehmen gilt dieser Einwand im kleineren Maßstab. Ein Dashboard verkürzt die Organisation auf messbare Größen. Diese Verkürzung schafft Übersicht. Zugleich blendet sie Erfahrungen, Beziehungen und Nebenfolgen aus. Ein Bewerberscore erscheint als Messwert und enthält Entscheidungen über geeignete Daten, gewünschte Eigenschaften und akzeptable Fehlerraten. Eine Prognose zum Personalbedarf folgt Annahmen über Produktion, Nachfrage und Organisation.

Künstliche Intelligenz bündelt Wissen und bereitet Entscheidungen vor. Dabei kann sie normative Vorentscheidungen hinter Zahlen verdecken. Das Modell übernimmt die Erfolgsdefinition seiner Entwickler. Es erbt Lücken aus den Daten und Prioritäten aus dem Auftrag. Jede Kennzahl trägt ein Bild dessen in sich, was als Leistung, Eignung oder Risiko gelten soll.

Gabriel nennt die Vorstellung einer vollkommen informierten Technokratie illusorisch. Objektives Wissen behält seinen Rang. Seine Anwendung vollzieht sich unter konkurrierenden Interessen, unvollständigen Perspektiven und wandelnden Umständen. Eine Zahl beendet diese Auseinandersetzung selten. Sie kann einer Wertentscheidung den Anschein sachlicher Zwangsläufigkeit verleihen.

Eine Organisation kann an präzisen Daten und falsch gewählten Zielen scheitern. Sie kann einen Prozess effizienter gestalten und seinen Zweck verfehlen. Sie kann Produktivität messen und Beiträge übersehen, die sich einfacher Quantifizierung entziehen: Erfahrung, Vertrauen, Vermittlung, Fürsorge, Widerspruch und das frühe Erkennen eines drohenden Fehlers.

Lazarsfeld entdeckt den eigensinnigen Rezipienten

Paul F. Lazarsfeld und Elihu Katz erschütterten in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Bild einer direkt wirkenden Massenkommunikation. Ihre Studie „Personal Influence“ zeigte ein Publikum, das Botschaften auswählt, deutet und in soziale Beziehungen einordnet. Informationen wandern durch persönliche Netzwerke. „Opinion Leader“ vermitteln, kommentieren und verändern ihre Bedeutung.

Thymian Bussemer rekonstruiert in seiner Dissertation „Propaganda: Konzepte und Theorien“ den Abschied vom alten Massenparadigma. Die empirische Kommunikationsforschung zeigte aktive, sozial eingebundene Menschen. Bussemer zitiert dazu einen Grundgedanken aus Lazarsfelds Forschung: „Zwischenmenschliche Beziehungen setzen Netze zwischenmenschlicher Kommunikation voraus.“ Medienwirkung entsteht in solchen Netzen.

Generative KI rückt Lazarsfeld erneut ins Zentrum. Ein solches System fügt der ersten Stufe der Kommunikation eine synthetische Quelle hinzu. Es formuliert, verdichtet und personalisiert Botschaften. Ihre soziale Geltung entsteht in Gesprächen, Arbeitsgruppen und Vertrauensbeziehungen. Erfahrene Kollegen und anerkannte Führungskräfte prägen, wie Beschäftigte eine neue Anwendung verstehen, prüfen und nutzen.

Bussemer greift den Lazarsfeld zugeschriebenen Satz auf: „Nur Menschen können Menschen überzeugen.“ In seiner Dissertation zitiert er aus „The People’s Choice“: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Lazarsfeld erkennt darin einen hoffnungsvollen Zug des Propagandaproblems.

Maschinelle Sprache übt Einfluss aus. Menschen machen aus Systemantworten Gründe, Entscheidungen und Verpflichtungen. Sie gewähren Vertrauen, formulieren Widerspruch und tragen die Folgen. Der Zweistufenfluss besteht unter digitalen Bedingungen fort. Seine erste Stufe gewinnt Geschwindigkeit und Reichweite. Seine zweite Stufe bleibt sozial.

Bussemers Dissertation und seine Aufgabe als Bereichsleiter HR Strategie & Innovation bei der Volkswagen AG gehören zu verschiedenen Arbeitsfeldern. Die Verbindung entsteht durch eine gegenwärtige Frage: Wie gelangen technisch erzeugte Aussagen in menschliche Entscheidungen? Lazarsfelds Antwort führt zu den Beziehungen, in denen Menschen Informationen deuten und einander beeinflussen.

Der Score im Gewand der Sachlichkeit

Gabriel bezieht sich in „Sense, Nonsense & Subjectivity“ ausdrücklich auf Bussemers Propagandaforschung. Er greift dessen „Superdefinition“ auf. Propaganda bezeichnet demnach die meist medienvermittelte Formung handlungsrelevanter Meinungen und Einstellungen politischer oder sozialer Großgruppen durch symbolische Kommunikation. Sie erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit im Dienst bestimmter Interessen.

Bussemer beschreibt zwei weitere Merkmale. Propaganda ordnet Wahrheit der Wirksamkeit unter. Sie naturalisiert ihre Botschaften, indem sie normative Empfehlungen als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert. Gabriel übernimmt diese Bestimmung für seine Analyse digitaler Öffentlichkeit.

Der Begriff liefert ein Prüfgerät für algorithmische Kommunikation. Ein Bewerberscore tritt als Tatsachenfeststellung auf. Seine Konstruktion enthält Zielbilder guter Leistung und passender Biographien. Ein Produktivitätsmodell bevorzugt leicht messbare Tätigkeiten und verdrängt schwer messbare Beiträge aus dem Blickfeld. Die technische Form kann eine organisatorische Entscheidung naturalisieren.

Prüfer müssen daher Daten, Zielgröße, Fehlerrate und Interessen offenlegen. Betroffene brauchen einen wirksamen Weg zur Anfechtung. Verantwortliche müssen erklären, weshalb eine maschinelle Empfehlung in eine Entscheidung eingegangen ist. Ein technisches Handbuch deckt die technische Ebene ab. Transparenz muss auch den sozialen Sinn der verwendeten Kategorien verständlich machen.

Gabriel behandelt Propaganda als ambivalentes Phänomen. Der Begriff umfasst destruktive, neutrale und gesellschaftlich nützliche Formen organisierter Einflussnahme. Öffentliche Gesundheitskommunikation, politische Mobilisierung und die Verbreitung wissenschaftlich begründeter Empfehlungen koordinieren ebenfalls Verhalten. Zweck, Wahrheitsgehalt, Verfahren und Machtverteilung entscheiden über ihre Bewertung.

Bussemers Dissertation führt zu einer verwandten Ambivalenz. Persuasive Kommunikation kann eine pluralistische Öffentlichkeit strukturieren, Informationen verbreiten und widerstreitende Interessen sichtbar machen. Ressourcenreiche Akteure können den Diskurs dominieren. Der Journalismus verliert seine ordnende Funktion, sobald er konkurrierenden Botschaften lediglich eine Bühne überlässt. Generative Systeme verschärfen dieses Problem durch hohe Produktionsgeschwindigkeit, geringe Kosten und personalisierte Ansprache.

Die Erzählung vom postfaktischen Zeitalter

Gabriel wendet sich gegen die Vorstellung eines einheitlichen „postfaktischen Zeitalters“. Die Behauptung, Fakten hätten ihre Bedeutung verloren und Emotionen hätten die Herrschaft übernommen, kann selbst zur ideologischen Selbstbeschreibung werden. Moderne Öffentlichkeiten waren stets von Irrtum, Interesse, Überredung und Unwissen geprägt. Digitale Medien erhöhen die soziale Komplexität und vervielfachen die Zahl der Sprecher.

Diese Entwicklung trägt gegensätzliche Möglichkeiten in sich. Desinformation verbreitet sich rasch. Neue Gruppen gewinnen Zugang zur Öffentlichkeit, prüfen etablierte Deutungen und machen übersehene Erfahrungen sichtbar. Moralischer Fortschritt und politische Manipulation wachsen im digitalen Raum zugleich. Gabriel fordert deshalb, die Illusion einer vollkommen illusionsfreien Öffentlichkeit aufzugeben. Dissens, Perspektivendifferenz und Fehlbarkeit gehören zur öffentlichen Erkenntnis.

Eine demokratische Öffentlichkeit braucht Verfahren, die konkurrierende Behauptungen prüfen und Fehler korrigierbar halten. Wissenschaft, Journalismus, Gerichte, Parlamente und betriebliche Mitbestimmung erfüllen je einen Teil dieser Aufgabe. Ihre Autorität entsteht aus Regeln, Gegenprüfung und der Möglichkeit, Entscheidungen zu revidieren.

Künstliche Intelligenz verändert diese Institutionen, weil sie den Umfang der verfügbaren Aussagen vergrößert. Sie erzeugt Zusammenfassungen, Prognosen, Bilder und Argumente in industrieller Menge. Herkunftsnachweise, Verantwortungswege und geschützte Räume des Widerspruchs gewinnen dadurch an Gewicht.

Gabriel verteidigt einen Realismus, der objektive Tatsachen anerkennt und die Grenzen unserer Zugänge mitdenkt. Menschen können die Wirklichkeit erkennen. Ihr Standort bleibt ein Teil dieser Wirklichkeit. Darum überblicken sie nie sämtliche Bedingungen des eigenen Wissens.

Epistemische Demut als Führungskompetenz

Gabriel nennt die angemessene Reaktion auf menschliche Fehlbarkeit „epistemic humility“, epistemische Demut. Sie verbindet Erkenntnisanspruch mit Revisionsbereitschaft. Menschen können etwas wissen; eine absolute Garantie für jede Voraussetzung ihres Wissens bleibt unerreichbar. Wer die Hyperkomplexität der Wirklichkeit anerkennt, rechnet mit blinden Flecken im eigenen Urteil.

Epistemische Demut akzeptiert fehlbares Wissen. Sie verlangt genaue Begründungen, überprüfbare Verfahren und die Bereitschaft zur Korrektur. Gewissheit erhält einen Preis: Wer sie beansprucht, muss die Reichweite seiner Gründe ausweisen. Ein Modell mit hoher Trefferquote kann außerhalb seines Anwendungsbereichs wertlos werden. Eine korrekte Prognose kann auf einem fragwürdigen Ziel beruhen.

Aus dieser Philosophie folgt für Organisationen ein konkreter Auftrag. Beschäftigte brauchen einen begründeten Einspruch gegen automatisierte Bewertungen. Fachleute müssen Datenherkunft, Modellannahmen und Zielgrößen prüfen können. Für jede folgenreiche Entscheidung muss ein Akteur einstehen, Gründe nennen und eine Revision veranlassen können.

Der geläufige „Human in the Loop“ kann unter Zeitdruck zur routinierten Freigabestelle werden. Wirksame Kontrolle verlangt die reale Befugnis, einen Vorschlag zu verwerfen. Die Organisation muss Widerspruch schützen, Fehler dokumentieren und aus Korrekturen lernen. Solche Verfahren verwandeln menschliche Fehlbarkeit in institutionelle Lernfähigkeit.

Führungskräfte müssen Reichweite und Grenzen eines Modells benennen. Übertriebene Gewissheit fördert die Abhängigkeit von technischen Systemen. Begründete Vorläufigkeit hält Entscheidungen offen für bessere Informationen. Der verantwortliche Mensch muss sprachlich und organisatorisch sichtbar bleiben.

HR gestaltet die Institutionen der Korrektur

Thymian Bussemer bezeichnet HR in der gegenwärtigen Veränderung als Schlüsselfunktion für Wettbewerbsfähigkeit und menschenorientierte Arbeitswelten. Seine Antwort auf die Frage nach seiner Begeisterung für HR beginnt mit Gustav Heinemann: „Lieben tue ich nur meine Frau.“ Bussemer misst die Profession an ihrer Aufgabe.

Gabriels Theorie schärft den institutionellen Gehalt dieser Aufgabe. HR gestaltet die Bedingungen, unter denen Menschen mit KI arbeiten, Ergebnisse prüfen und Verantwortung verteilen. Die Einführung eines Systems verlangt technische Kompetenz, arbeitsrechtliche Regeln, soziale Vermittlung und ein Verfahren für begründeten Einspruch.

Qualifizierung reicht über die Bedienung neuer Software hinaus. Beschäftigte müssen erkennen, welche Art von Aussage ein System produziert, wie Wahrscheinlichkeiten zu lesen sind und wo Daten schweigen. Führungskräfte brauchen Verfahren für strittige Fälle. Die Mitbestimmung prüft automatisierte Bewertungen auf soziale Folgen. Eine lernende Organisation misst ihren Fortschritt auch daran, wie zuverlässig sie eigene Irrtümer entdeckt.

Lazarsfeld ergänzt diese Perspektive um die informelle Seite des Wandels. Technische Anwendungen verbreiten sich über soziale Beziehungen. Anerkannte Personen in Teams prägen ihren Gebrauch. Sie können kritiklose Übernahme fördern oder eine Kultur sorgfältiger Prüfung. Unternehmen sollten diese Vermittler kennen und ihnen Raum für eigene Urteile lassen.

Diese Lesart bleibt auf der Ebene des normativen Auftrags. Konkrete Volkswagen-Projekte stehen außerhalb der Quellenbasis. Bussemers gegenwärtige Funktion verankert die Debatte in der Unternehmenspraxis; seine Dissertation liefert Begriffe für die Geschichte von Einfluss und Vermittlung.

Peter Glotz und die Abwehrkräfte der Öffentlichkeit

Peter Glotz erkannte im Vorwort zu Bussemers Dissertation den Rang ihres wissenschaftsgeschichtlichen Verfahrens. Der Kommunikationswissenschaftler und frühere Bundesgeschäftsführer der SPD hob hervor, wie Bussemer Propagandatheorien mit Zeitlagen und Herrschaftsstrukturen verband. Die Geschichte des Fachs erschien dadurch als Geschichte wechselnder Vorstellungen von Einfluss, Masse, Öffentlichkeit und sozialer Kontrolle.

Glotz würdigte Bussemers Vertrauen in die Medienkompetenz des Publikums und die Abwehrkräfte eines kritischen Journalismus. Zugleich warnte er vor „zu viel Optimismus über den Zustand unserer Demokratie“. Die Abwehrkräfte der offenen Gesellschaft wirken durch institutionelle Praxis. Sie brauchen Finanzierung, Zeit, professionelles Urteil und Schutz vor Machtkonzentration.

Künstliche Intelligenz verleiht dieser Warnung neue Aktualität. Synthetische Kommunikation beschleunigt Einfluss und erweitert den Irrtumsraum. Gabriel liefert das philosophische Fundament: Subjektivität ist sozial, Fehlbarkeit unvermeidlich, Korrektur eine gemeinsame Leistung.

Glotz’ Vorwort endet mit dem Wunsch nach breiter Rezeption von Bussemers Studie. Heute liest sich dieser Wunsch als Arbeitsauftrag für die KI-Gesellschaft. Die offene Gesellschaft schützt ihre Erkenntnisfähigkeit durch Widerspruch, unabhängigen Journalismus, verantwortliche Institutionen und revidierbare Entscheidungen. Künstliche Intelligenz erhöht die Dringlichkeit dieser Arbeit. Die Qualität unserer Korrekturen entscheidet über ihren gesellschaftlichen Wert.

Der Sturm über La Collina und das Kanzleramt in der Cloud: Reisetagebuch aus Cadenabbia, 23. bis 26. August 2026

In der Nacht vom ersten auf den zweiten Seminartag bekam die Villa La Collina einen weiteren Referenten: den Sturm. Er brauchte keinen Beamer. Das alte Haus arbeitete unter den Böen, Fenster und Türen meldeten jede neue Windfront, draußen krachten Äste und schließlich ganze Bäume. Im Zimmer fühlte sich das zeitweise an, als käme die Bewegung aus dem Hang selbst. Wenige Stunden zuvor hatten wir über Künstliche Intelligenz, autonome Agenten und technische Risiken gesprochen. Jetzt demonstrierte die Natur ihre eigene Form von Autonomie.

Am Morgen lag das Anschauungsmaterial vor der Tür. Mächtige Stämme waren umgestürzt. Ein Baum hatte ein geparktes Cabrio unter sich begraben, ein weiterer war auf einen blauen Wagen gestürzt. Äste, Nadeln und Erde bedeckten Teile des Gartens. Selbst Konrad Adenauer war in die Verwüstung geraten. Seine markante Bocciafigur unten in Cadenabbia stand weiterhin auf ihrem Sockel, hinter ihr türmten sich die Reste eines gefällten Baumriesen. Adenauer hielt unbeirrt seine Kugel in der Hand. Das hätte als politische Metapher bereits gereicht.

Am Abend zuvor hatte der Comer See noch vollkommen friedlich unter dem Mond gelegen. Lichter zeichneten die gegenüberliegenden Orte nach, ihre Spiegelungen standen lang im schwarzen Wasser. Wenige Stunden später sah die Umgebung aus, als hätte jemand die Kulissen verschoben. Am nächsten Tag wieder Sonne. Der See blau, die Berge scharf gezeichnet, der Fährverkehr nahm seinen Dienst auf. Der Comer See verfügt offenbar über eine größere dramaturgische Bandbreite als manche Streamingplattform.

Unsere Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung trug den Titel „Politische Kommunikation trifft KI: Zwischen Algorithmen, Innovation und Manipulation“ und lief vom 23. bis 26. August in der Villa La Collina. Sabrina Wahlig leitete die Veranstaltung, Teresa Holley begleitete sie als Tagungsassistenz. Nach dem historischen Auftakt über Adenauer und seine italienische Residenz führten Prof. Dr. Michael Bücker von der FH Münster und die Kommunikationsexpertin Kerstin Bücker durch technische Grundlagen, politische Kommunikation, praktische Anwendungen, Regulierung und die Frage, wie ein künftiges Leben mit KI aussehen könnte.

Der zweite Tag beginnt mit der Frage nach der Wirklichkeit

Der Sturm passte unfreiwillig zum Programm des 25. August. Um neun Uhr begann der Seminartag mit Deepfakes, synthetischen Profilen und der Frage, was künstlich erzeugte Medien mit Öffentlichkeit und Vertrauen anrichten. Danach folgten Diskussionen über gesellschaftliche Folgen, Umweltkosten, Regulierung und Transparenz. Für den Nachmittag war die Exkursion nach Bellagio und Varenna vorgesehen, mit dem Schiff über den See.

Man könnte die Frage nach der Wirklichkeit abstrakt behandeln. Im Seminarraum dauerte es nur wenige Minuten, bis sie konkret wurde. Zwei Instagram-Models erscheinen auf dem Bildschirm. Welches davon existiert? Die Antwort ist unangenehm: keines. Virtuelle Influencer verfügen inzwischen über Lebensläufe, Wohnorte, Hobbys, Haustiere und Hunderttausende Follower. Sie tragen Produkte, werben für Marken und verdienen Geld. Menschen entwickeln parasoziale Beziehungen zu Figuren, deren Biographie vollständig konstruiert wurde.

Politisch wird die Sache brisanter. Synthetische Personen können in sozialen Netzwerken Botschaften verbreiten, ohne dass der flüchtige Betrachter erkennt, wer oder was ihm gegenübertritt. Bilder erreichen ihre Wirkung lange vor jeder Quellenprüfung. Ein Politiker erscheint bei einer Verhaftung, die nie stattgefunden hat. Eine prominente Person unterstützt scheinbar einen Kandidaten. Eine Stimme sagt Dinge, die der dazugehörige Mensch nie ausgesprochen hat.

Zehn oder zwanzig Sekunden Sprachmaterial können heute genügen, um eine Stimme zu reproduzieren. Video und Ton lassen sich miteinander verbinden. Die Grenze zwischen dokumentierter Szene und synthetischer Szene wird für das menschliche Auge immer schwerer erkennbar. Selbst innerhalb unserer Gruppe fällt die Trefferquote bei einem Erkennungstest bescheiden aus. Ich komme auf sechs von neun. Das ist besser als Würfeln und weit entfernt von Sicherheit.

Die politische Konsequenz reicht tiefer als die einzelne Fälschung. Eine Demokratie braucht Räume, in denen Tatsachen wenigstens für eine begrenzte Zeit gemeinsam akzeptiert werden können. KI kann diesen Boden bearbeiten wie ein Pflug. Jede Fälschung erzeugt Zweifel an echten Bildern. Jeder perfekt imitierte Tonfall beschädigt den Beweiswert einer Aufnahme. Bald reicht bei jedem belastenden Video der Satz: Das kann KI sein. Die Manipulation gewinnt damit eine zweite Möglichkeit. Sie kann Falsches glaubwürdig erscheinen lassen. Sie kann Echtes unter Verdacht stellen.

Eine Website vor der Kaffeepause

Dann kommt eine jener Übungen, bei denen man den technischen Wandel besser versteht als nach zwanzig Folien. Wir schauen uns Lovable an. Ein kurzer Auftrag genügt, und das System beginnt, eine Website zu bauen. Kein Mock-up, kein hübsches Standbild, kein theoretisches Konzept. Es erzeugt Programmcode und daraus eine funktionsfähige Webanwendung. Der Nutzer beschreibt, was er möchte, das System setzt eine erste Version auf, Änderungen folgen im Dialog. Für Prototypen entsteht innerhalb kurzer Zeit etwas, wofür früher Designer, Frontend-Entwickler und mehrere Abstimmungsrunden nötig waren. Ich probiere es aus. Innerhalb weniger Minuten entsteht meine kleine Konferenzseite:

https://kas-konferenz-corner.lovable.app

Die Seite steht. Ein Podcast lässt sich integrieren. Inhalte, Gestaltung, Struktur: Der Abstand zwischen Idee und Veröffentlichung schrumpft auf eine Kaffeepause. Im Transkript der Tagung kann man die Reaktion beinahe mitlesen: Website fertig, Podcast integriert. Damit verändert sich eine ökonomische Grundgröße.

Das gilt für Texte, Bilder, Audio, Video, Präsentationen, Kampagnen und nun zunehmend für Software. Ein Mensch mit einer Idee besitzt plötzlich Werkzeuge, die früher mehrere Berufsgruppen beschäftigten. Das heißt keineswegs, dass professionelle Entwickler verschwinden. Komplexe Systeme verlangen Architektur, Sicherheit, Integration, Wartung und Erfahrung. Doch die Schwelle fällt. Aus „Ich müsste jemanden beauftragen“ wird immer häufiger „Ich probiere das kurz aus“.

Für politische Kommunikation hat das enorme Folgen. Eine Initiative kann am Vormittag entstehen und am Mittag über eine Website verfügen. Eine Kampagne kann innerhalb eines Tages Texte, Bilder, Videos und Zielgruppenvarianten produzieren. Eine kleine Organisation erhält Produktionsmittel, die früher großen Apparaten vorbehalten waren. Der Preis dieser Demokratisierung heißt Überfluss.

Der See korrigiert das Tempo

Am Nachmittag gehen wir zur Fähre. Nach einem Vormittag über synthetische Wirklichkeiten hat der Comer See eine überzeugende Methode, Realitätskontakt herzustellen. Wind, Wasser, Berge, Licht. Bellagio kommt näher. Häuser stehen zwischen Vegetation und Ufer. Hinter ihnen steigen die Berge beinahe senkrecht auf. Wolken hängen über den Gipfeln, während unten Boote ihre Spuren ins Wasser ziehen.

Das Programm nennt die Exkursion „Bellaggio und Varenna – Spiegelbilder europäischer Geschichte“. Ich gehe durch Kirchenräume, stehe vor alten Gemälden und Gedenktafeln, sehen Stein, Bronze und jahrhundertealte religiöse Bilder. Solche Gegenstände haben plötzlich eine neue Qualität. Ihre physische Existenz wird selbst zur Information. Das Bild hängt an dieser Wand. Die Farbe liegt auf diesem Träger. Der Stein trägt Spuren von Zeit. Eine künstlich erzeugte Abbildung kann diese Objekte perfekt simulieren. Sie kann ihre Materialgeschichte nicht nachträglich erzeugen. Vielleicht bekommt das Original im Zeitalter perfekter Kopien gerade deshalb einen neuen Wert.

Auf der Rückfahrt liegt die Villa Carlotta auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, darüber ziehen sich Gärten und Häuser den Hang hinauf. Noch am Vortag hatten wir dort Kunstwerke betrachtet. Jetzt erscheint die ganze Gegend aus der Entfernung wie ein historisches Panorama. Das Smartphone macht daraus sofort wieder Daten. Ein Bild. Standortinformationen. Metadaten. Ein möglicher Prompt für die nächste Anwendung. Der Übergang zwischen Welt und Datei dauert eine Sekunde.

Vom Assistenten zum Bewohner des Computers

Am dritten und letzten Seminartag, dem 26. August, steht offiziell der „Ausblick und die Diskussion: Unser zukünftiges Leben mit KI“ auf dem Programm. Danach folgen Feedbackrunde, Mittagsimbiss und Abreise. Bis dahin hat sich das Bild der KI deutlich verschoben. Am Anfang des Seminars stand der Chatbot: Ich stelle eine Frage, ein System antwortet. Am Ende steht ein anderer Typ von Technologie. Der Agent arbeitet auf dem Computer.

Er kann Dateien untersuchen. Er kann Ordner strukturieren. Er schreibt Code. Er installiert Werkzeuge. Er bedient Programme. Je nach Berechtigung kann er auf E-Mail, Kalender oder Unternehmenssoftware zugreifen. Er sieht unter Umständen den Bildschirm, entscheidet über den nächsten Arbeitsschritt und führt ihn aus.

Im Seminar wird vorgeführt, wie ein solcher Agent einen Ordner mit Hunderten Dateien analysiert. Der Mensch beschreibt die Aufgabe. Das System erzeugt die notwendigen Befehle, wertet Ergebnisse aus und plant weiter. Bei einer anderen Demonstration verarbeitet es Adressen aus einer Excel-Datei, berechnet daraus eine Route und stellt das Resultat anschließend kartografisch dar.

Daraus entsteht eine mögliche Zukunft des Computers, die überraschend radikal ist. Vielleicht brauchen wir irgendwann kaum noch Dateifenster, Menüs und Programme. Wir sagen dem Rechner, was wir erreichen wollen. Eine KI entscheidet, welche Software und welche Daten dafür gebraucht werden. Das Betriebssystem wird zum Gesprächspartner.

Parallel kommen kleinere Modelle näher an den persönlichen Rechner. Leistungsfähige KI kann künftig lokal laufen, auch ohne permanente Verbindung zu einem externen Rechenzentrum. Das verändert Datenschutz, Kosten und Abhängigkeiten. Ein Laptop könnte sein eigenes Sprachmodell beherbergen und damit Aufgaben erledigen, für die heute noch Cloud-Dienste gebraucht werden.

Autarkie bekommt dadurch eine neue technische Bedeutung. Sie heißt nicht vollständige Unabhängigkeit von globalen Lieferketten. Chips, Modelle, Software und Forschung bleiben international verflochten. Für den einzelnen Nutzer wächst jedoch die Möglichkeit, Daten und Rechenarbeit auf dem eigenen Gerät zu behalten.

Der Avatar weiß schon, wie ich schreibe

Noch weiter reicht die Hyperpersonalisierung. Heute lernt ein System Präferenzen, Schreibweisen, Termine, Interessen und Arbeitsabläufe. Morgen kann daraus ein persönlicher digitaler Vertreter entstehen. Ein Avatar spricht mit meiner Stimme. Ein Agent kennt meine Dokumente. Ein anderes System weiß, welche Entscheidungen ich in vergleichbaren Situationen getroffen habe. Ein Kommunikationssystem produziert verschiedene Fassungen desselben Inhalts für unterschiedliche Empfänger.

Der Kunde erlebt dann keinen allgemeinen Chatbot mehr. Er trifft auf ein System, das seine Vorgeschichte kennt. Der Anrufer muss dem Callcenter nicht zum zehnten Mal erklären, dass sein Router seit drei Wochen ausfällt. Die KI kennt die bisherigen Kontakte und kann den Fall fortsetzen. Im Seminar wird diese Personalisierung gerade für Dienstleistungen als möglicher Fortschritt diskutiert.

Auch Verwaltungen beginnen damit. Ein Beispiel aus der Diskussion zeigt eine kommunale Telefonassistenz, die Anrufe übernimmt und Standardfälle verarbeitet. Andere Systeme beantworten Fragen zu Baustellen oder kommunalen Dienstleistungen. Die einfache Anfrage wandert in die Automatisierung, der schwierige Fall zu einem Menschen. Die entscheidende Ressource verschiebt sich damit von der Formulierung zur Entscheidung.

Wer Texte produzieren kann, besitzt bald keinen besonderen Vorteil mehr. Wer einschätzen kann, welcher Text veröffentlicht werden darf, welche Quelle trägt, welcher Prozess automatisiert werden sollte und wo ein Mensch eingreifen muss, wird wertvoller.

Die neue Umweltverschmutzung heißt Inhalt

KI erzeugt zugleich eine andere Form von Müll. Im Seminar fällt dafür der Ausdruck „AI Slop“: Bilder, Videos, Texte, Bücher und Posts, die innerhalb von Sekunden produziert werden und digitale Räume überschwemmen. Nicht jede dieser Produktionen will täuschen. Viele wollen lediglich Aufmerksamkeit. Ein billiges Video erzeugt Millionen Abrufe. Ein künstlicher Autor kann jede Woche ein neues Buch veröffentlichen. Ein Unternehmen kann aus einem zehnseitigen Bericht dreißig Seiten machen, weil die zusätzlichen zwanzig Seiten fast nichts kosten.

Damit kehrt eine alte wirtschaftliche Einsicht zurück: Sinkende Produktionskosten erhöhen die Produktion. Das Internet besaß schon vor KI kein Knappheitsproblem. Nun entfällt auch noch ein großer Teil der Herstellungskosten. Die kommende Informationsgesellschaft wird deshalb weniger daran leiden, dass Inhalte fehlen. Sie wird auswählen müssen.

Redaktion wird wichtiger. Kuratorische Arbeit wird wichtiger. Urteilskraft wird wichtiger. Und plötzlich versteht man auch, weshalb die drei Tage am Comer See weit über ein Seminar über ChatGPT hinausführten.

Adenauer zwischen den umgestürzten Bäumen

Am letzten Morgen gehe ich noch einmal gedanklich zurück zu dem Bild vom Vortag. Adenauer steht auf seinem Sockel. Bocciakugel in der Hand. Hinter ihm liegt ein gewaltiger umgestürzter Baum. Zweige und Stämme bedecken den Platz. Wenige Meter entfernt glitzert der Comer See.

Das Bild taugt besser als jede Abschlussfolie. Die Villa La Collina war zu Adenauers Zeit eine ausgelagerte Regierungszentrale. Akten, Mitarbeiter und Kommunikation mussten über die Alpen gebracht werden. Heute passt ein erheblicher Teil dieser Infrastruktur auf einen Laptop. Einen Tag zuvor habe ich innerhalb weniger Minuten eine Website gebaut. Ein KI-Agent kann Dateien analysieren, Programme bedienen und Arbeitsabläufe ausführen. Ein Avatar kann meine Stimme übernehmen. Ein lokales Modell kann künftig auf meinem Rechner arbeiten. Andere Agenten könnten irgendwann miteinander verhandeln, bevor ein Mensch überhaupt auf den Bildschirm schaut.

Und draußen fällt ein Baum auf ein Auto. Der Rechner kann Wetterdaten auswerten, Risiken modellieren, Versicherungsfälle vorbereiten und Fotos klassifizieren. Er kann vermutlich schon bald den gesamten Schaden dokumentieren und eine Regulierung anstoßen. Die Masse des Stammes interessiert das alles wenig.

Am letzten Tag scheint wieder die Sonne. Der See sieht aus, als hätte die Nacht nie stattgefunden. Auf den Wegen liegen noch Äste. Arbeiter sägen die Stämme auseinander. Die Fähren fahren. La Collina empfängt ihre nächsten Gäste.

Meine Exkursion endet damit an einem Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft ungewöhnlich dicht berühren. Adenauer brauchte ein italienisches Kanzleramt, um Abstand von Bonn zu gewinnen und trotzdem regieren zu können. Wir tragen unsere Arbeitswelt inzwischen überall mit uns herum. Vielleicht wird die nächste Generation nicht mehr sagen: Ich gehe an meinen Computer. Der Computer wird längst bei ihr sein.

Der Roman aus der Schadensabteilung

Edgar Piels Hörspiel „Brock“ über den Hass des Angestellten, das Schreiben am ersten Computer und die politische Karriere der maßlosen Sprache

„Die Berechnung des Todes ist mein Metier“, erklärt Brock. Er sitzt in der sechsten Etage, Büro 654, spitzt Bleistifte und beschmiert Papier mit dem Grau des Graphits. Unter seinen Zahlen liegen Tote begraben. Ihr Alter, ihre Unfälle und ihre statistische Lebenserwartung werden zu Prämien, Risiken und Auszahlungen. Brock kennt die Zahl der Menschen, die im August auf den bundesdeutschen Autobahnen sterben werden. Ihre Namen kennt er nicht. Für die Versicherung reicht die Summe.

Edgar Piel schrieb „Brock“ nach eigener Erinnerung 1986. Eine längere Unterbrechung seiner Hörspielarbeit lag hinter ihm, und auf seinem Schreibtisch stand der erste Computer. Diese beiden biografischen Umstände führen tief in das Stück. Ein Autor beginnt wieder zu schreiben und erfindet einen Mann, der unablässig von seinem Roman redet. Ein neues Schreibgerät steht bereit, während die Hauptfigur an einem Text arbeitet, der alles aufnehmen soll und niemals Gestalt gewinnt.

Piel hat damit eine frühe Komödie der grenzenlosen Textproduktion geschrieben. Der Computer verspricht Speicher, Verschiebbarkeit und fortgesetzte Überarbeitung. Brock träumt von einem Roman ohne Auswahl. Alte Hefte aus dem Kleiderschrank, Erinnerungen an das mathematische Institut, Telefongespräche, Bürofloskeln, sexuelle Ängste, Kündigungen und Kränkungen sollen in das Werk eingehen. Seine Formel lautet: „Alles in den Roman rein.“

Ein Autor, der das Schreiben durch Reden ersetzt

Brock möchte Literatur produzieren. Piel beschreibt sein Verfahren mit großer Präzision: Literatur bedeutet für Brock, dass er seine Umgebung beschimpft und den Mund voll nimmt. Darin steckt bereits seine ganze ästhetische Verirrung. Brock verwechselt die Heftigkeit einer Äußerung mit ihrer sprachlichen Qualität. Je gröber sein Urteil ausfällt, desto bedeutender erscheint ihm der eigene Rang.

Sein Roman befindet sich seit Monaten kurz vor der Vollendung. Bei jeder Begegnung kündigt Brock das Ende an. „Die Sache geht zu Ende. Ich bin durch. Ich hab’s geschafft.“ Der Erzähler hat trotzdem keine einzige Manuskriptseite gesehen. Vielleicht existieren Hefte voller unleserlicher Notizen. Vielleicht existiert kaum etwas. Der Roman lebt vor allem in Brocks Reden über den Roman.

Hier zeigt sich Piels feiner Spott über eine verbreitete Form des verhinderten Schriftstellertums. Der verhinderte Autor leidet nach eigener Auskunft an der Welt, an den Verlagen, am Publikum und an den beschränkten Kollegen. Nur die Arbeit am Text bleibt unsichtbar. Brock verlangt bereits den Nobelpreis, einen Vorabdruck in der „FAZ“ und irgendeinen Literaturpreis aus Bremen, Darmstadt, Klagenfurt oder Nürnberg. Die Selbstkrönung findet vor dem Schreiben statt.

Brock besitzt zweifellos Sprachwitz. Seine Tiraden haben Tempo, Klang und groteske Bilder. Er sieht das Büro als Schlachtfeld, die Aufzüge als Transportmittel eines Aktenballetts und die Führungskräfte als Kasper im blauen Anzug. Sein Witz bleibt jedoch an den Menschen hängen, die er für minderwertig erklärt. Aus Beobachtung wird Verachtung. Aus satirischer Genauigkeit wird eine Methode der seelischen Vernichtung.

Frustus Kränkel schreibt Brocks Lebenslauf

Der Held seines geplanten Romans heißt Frustus Kränkel. Schon der Name trägt Diagnose und Urteil in sich. Frustus wächst behütet auf, zieht zum Studium in eine Universitätsstadt und begegnet im Nebenzimmer der lärmenden Sexualität eines Kochs. Er deutet die Geräusche als Gewalttat, ruft die Polizei und entwickelt aus dieser Verwechslung eine dauerhafte Angst vor dem Leben. Später landet er, wie Brock es ausdrückt, in der „Klapsmühle“: Er wird Versicherungsstatistiker.

Frustus Kränkel ist Brocks Karikatur seiner selbst. Er ist der gehemmte Student, der Mathematiker, der lebensängstliche Beobachter und der Mann, der den Tod berechnet, weil ihm das Leben unverständlich bleibt. Brock kann diese Nähe kaum ertragen. Später behauptet er, die Figur habe sich irgendwo in den zwölf Stockwerken der Versicherung verlaufen. Vielleicht sei sie längst im Vorstand angekommen.

Am Ende taucht Frustus noch einmal auf. Brock verschickt eine fingierte Todesanzeige für „Dr. Frustus Kränkel“. Der Roman sei fertig, der gesamte Müll verbrannt, Literatur könne man vergessen. Brock beerdigt seine Figur und damit eine Version seiner eigenen Existenz. Der Doktortitel in der Todesanzeige wirkt wie eine letzte groteske Beförderung. Was im Unternehmen keine Karriere machte, steigt im eigenen Nachruf auf.

Das Büro liefert den Originalton

Brock betrachtet die Versicherung als gigantisches Spracharchiv. Ein „Foodmanager“ spricht am Telefon über die Goldgrube zwischen den beiden Hälften eines Hamburgers. Ein Vorgesetzter formuliert Kritik in steriler Verwaltungssprache. Ein Graf aus dem Aufsichtsrat bemängelt den Stil eines Gutachtens. Brock hört darin bereits druckfertige Literatur. Der Herrgott liebe die Randfiguren, erklärt er. Seine Kollegen müssten lediglich den Mund öffnen.

Der Gedanke besitzt einen realistischen Kern. Organisationen erzeugen eigene Dialekte. Menschen „kommen auf etwas zurück“, „nehmen Bezug“, „kommen auf jemanden zu“ und „nehmen Abstand“. Die Sprache verteilt Rang, schützt Zuständigkeiten und tarnt Angst. Brock erkennt diese Komik. Er sammelt die Sätze wie ein Ethnologe, der die Rituale eines fremden Stammes untersucht.

Sein Verfahren scheitert an der fehlenden Verwandlung. Der Originalton bleibt Material. Literatur braucht Auswahl, Form, Rhythmus, Nähe und Distanz. Brock hält Abschreiben bereits für Autorschaft. In seiner Vorstellung genügt die Übertragung vom Telefon auf das Papier. Der erste Computer passt zu diesem Traum: Die Datei kann wachsen, jeder Fund lässt sich einfügen, kein Satz muss endgültig verworfen werden.

Piels Hörspiel führt vor, wohin diese Speicherphantasie führt. Brocks Roman wächst durch Aufnahme und zerfällt durch Maßlosigkeit. Alles soll hinein, deshalb entsteht kein Ganzes. Die Welt wird zur Materialsammlung eines Mannes, der sich selbst zum einzigen Maßstab erklärt.

Kafka arbeitete ebenfalls in einer Versicherung

Brock kennt den berühmten Vorläufer seines Doppellebens. „Ich weiß jetzt, warum Kafka in einer Versicherung gearbeitet hat“, ruft er. Der Satz enthält Bewunderung, Größenphantasie und ein fundamentales Missverständnis.

Kafka arbeitete ab 1908 in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen. Seine amtlichen Texte behandelten Unfallverhütung, Risikoklassen und die Sprache der Verwaltung. Die Herausgeber seiner „Amtlichen Schriften“ zeigen, wie Motive, Konflikte und Sprachformen des Berufs in sein literarisches Werk eingingen. Kafka kannte die institutionelle Gewalt aus ihrer präzisesten Ausdrucksform: aus Akten, Verfahren, Gutachten und Zuständigkeiten. Die Kritische Kafka-Ausgabe dokumentiert diese Verbindung ausführlich.

Brock beruft sich auf Kafka, weil beide tagsüber in einer Versicherung arbeiten und nachts Literatur produzieren. Die äußere Übereinstimmung schmeichelt ihm. Ihre Verfahren trennen Welten. Kafka verwandelt die Erfahrung der Verwaltung in eine Literatur, deren Sprache kühl geführt und bis in den Satzbau kontrolliert ist. Brock steigert den Lärm seiner Umgebung und erklärt das Echo zur Kunst.

Auch Kafkas Berufsleben bestand keineswegs aus bloßer innerer Emigration. Er verfasste Reden und fachliche Texte, analysierte Unfallursachen und arbeitete sich in industrielle Risiken ein. Brock pflegt dagegen die Legende des verkannten Genies, das allein durch Anwesenheit im Büro bereits Material gewinnt. Kafka nimmt die Institution ernst genug, um ihre Gewalt beschreiben zu können. Brock braucht sie als Kulisse seiner Überlegenheit.

Der Zuhörer wird zum geistigen Papierkorb

Das Hörspiel besitzt einen Erzähler, der Brock über längere Zeit trifft, seine Anrufe entgegennimmt und dessen Romanankündigungen anhört. Otto Sander spricht diesen Mann mit einer Mischung aus Neugier, Bewunderung, Unbehagen und wachsender Angst. Er hält sich zunächst für Brocks Publikum. Später nennt er sich dessen „geistigen Papierkorb“.

Die Beziehung beruht auf einer merkwürdigen Arbeitsteilung. Brock redet, der andere nimmt auf. Widerspruch braucht Brock kaum zu fürchten. Der Erzähler versteht sich selbst als einfachen Angestellten und Brock als geistigen Abenteurer, vielleicht als eine Art Steppenwolf. Die Nähe zum Künstler verleiht auch dem Zuhörer eine kleine Teilhabe an der vermeintlichen Freiheit.

Mit der Zeit erkennt er den eigenen Anteil an dieser Faszination. Brocks Wut spricht etwas aus, das auch in ihm lebt. Er ist dankbar für seinen festen Arbeitsplatz und empfindet zugleich die Abhängigkeit des Angestelltendaseins. Brocks Beschimpfungen lösen Schauer aus, ähnlich dem Märchen vom bösen Wolf, an dem sich ein Kind kaum satthören kann.

Der Erzähler benutzt Brock daher ebenfalls. Brock darf an seiner Stelle rasen. Er beleidigt die Vorgesetzten, verhöhnt die Rituale der Karriere und erklärt die gesamte Arbeitswelt zum Irrenhaus. Der angepasste Zuhörer genießt eine geliehene Revolte, deren Folgen ein anderer trägt.

Brocks Satz über Arbeit legt diese Verbindung frei: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück. Intelligent sein und Arbeit haben. Was gibt es Schlimmeres?“ Intelligenz erscheint hier als Leiden und Ausweis einer höheren Existenz. Brock muss seine Kollegen verkleinern, damit sein eigenes Genie glaubwürdig bleibt. Seine Größe hängt von der behaupteten Dummheit aller anderen ab.

Abraxas lacht die Welt hervor

In Brocks Tiraden erscheint Abraxas, jener rätselhafte Gott, der die Welt durch siebenfaches Lachen erschaffen haben soll. Brock fragt, weshalb er die doppelt versicherte und mehrfach rückversicherte Policenwelt nicht ebenfalls durch siebenmaliges Lachen in die Luft jagen könne.

Der Bezug reicht tief. Im spätantiken „Achten Buch Mose“, einem Text aus den griechisch-ägyptischen magischen Papyri, entsteht der Kosmos durch das Lachen des höchsten Gottes. Die mündliche Aufführung, das Lachen, Zischen und Klatschen gehören dort zum Schöpfungsritual. Das Center for the Study of World Religions der Harvard Divinity School beschreibt diese Verbindung von Schrift, Stimme und kosmischer Erzeugung.

Brock träumt ebenfalls von einer Sprache, die Wirklichkeit erzeugt. Sein Lachen soll die Versicherungswelt sprengen. Doch sein Lachen erschafft keine gemeinsame Welt. Es entwertet die vorhandene. Aus befreiendem Gelächter wird ein Geräusch, das der Erzähler als zunehmend künstlich und zerstörerisch erlebt.

Abraxas verbindet Gegensätze, Schöpfung und Vernichtung, Geist und Materie, Göttliches und Dämonisches. Brock kann diese Spannung sprachlich beschwören, persönlich hält er sie kaum aus. Er teilt die Welt in den einsamen Künstler und die Masse der Kasper. Jeder Mensch wird entweder Material oder Feind.

Die Frau erhebt Einspruch gegen den Roman

Die klarste Gegenrede stammt von Brocks Frau. Lange bleibt sie unsichtbar. Brock erwähnt sie als Hilfskraft, die seine unleserlichen Aufzeichnungen abschreiben und „sauber schreiben“ soll. In dieser beiläufigen Bemerkung steckt bereits das Gefälle der Ehe. Er produziert Genie, sie erledigt die Arbeit.

Nach seiner Entlassung verlässt sie ihn. Ihr Brief erklärt, sie habe eine Zeit lang an eine Krankheit geglaubt. Brock mache alle Menschen zu Marionetten und Holzpuppen. Seit einigen Wochen habe sie sich selbst wie ein Stück Holz gefühlt. Während sie den Brief schreibt, beginne sie wieder zu leben.

Brock liest diesen Abschied laut vor und verwandelt auch ihn augenblicklich in Literatur. Er nennt den Brief einen „poetischen Edelstein“, den „Grabstein meiner Liebe“ und den „Schlussstein für meinen Roman“. Der Schmerz seiner Frau erreicht ihn als ästhetischer Fund. Ihr Versuch, das eigene Leben zurückzugewinnen, liefert ihm den ersehnten Abschluss.

Damit erfüllt sich ihr Vorwurf bereits während der Lektüre. Brock behandelt sogar den Einspruch gegen seine Verwertungsmethode als verwertbaren Stoff. Seine Frau spricht von einem menschlichen Schaden. Er hört eine gelungene Formulierung.

Dann sagt Brock: „Ich bin fertig.“ Der Satz bezeichnet den Roman, die Ehe, die berufliche Existenz und möglicherweise Brock selbst. Der Erzähler fürchtet einen Suizid, verbringt die Nacht vor der Wohnung und beobachtet das erleuchtete Fenster. Im Traum hört er Brock erstmals eine vollständige Melodie auf der Flöte spielen. Aus den abgebrochenen Etüden wird eine getragene Kadenz. Die ersehnte Form gelingt allein im Traum des Zuhörers.

Das gute Ende führt in die Politik

Edgar Piel bezeichnet Brocks neue Tätigkeit als gutes Ende. Nach Entlassung, Trennung und verbranntem Manuskript findet er einen Platz als Ghostwriter für einen bekannten Politiker. Materiell stimmt die Bezeichnung. Brock hat wieder eine Aufgabe. Seine Sprachlust erhält einen Abnehmer. Er kann Reden schreiben, Tonarten wechseln, Erschütterung erzeugen und bei Bedarf sogar Tränen liefern.

Das Glück dieses Endes besitzt einen schwarzen Rand. Ausgerechnet die Eigenschaften, die Brock als Schriftsteller scheitern lassen, werden politisch brauchbar. Maßlosigkeit, Pathos, Verachtung und die Fähigkeit zur Rollenrede erhalten einen professionellen Zweck. Der Politiker trägt Brocks Texte vor und merkt womöglich selbst kaum, dass er Literatur aufführt.

Brock findet damit den idealen Produktionsweg. Er muss keinen Roman vollenden. Ein anderer leiht ihm Gesicht, Rang und Stimme. Die Autorschaft verschwindet, die Wirkung bleibt. Selbst das Lachen kann der Ghostwriter als Regiezeichen an den Rand schreiben, weil der Politiker aus eigener Kraft kaum lachen kann.

Der Wechsel in die Politik löst auch Brocks Grundproblem. Im Roman störte ihn die Wirklichkeit, weil sie sich seiner Herrschaft entzog. Als Ghostwriter darf er Wirklichkeit durch Sätze vorbereiten. Er formuliert Erschütterung, Entschlossenheit, Anteilnahme und Zuversicht. Aus dem Mann, der die Sprache des Büros gesammelt hat, wird ein Lieferant öffentlicher Rede.

Piels „gutes Ende“ beschreibt daher eine gelungene berufliche Eingliederung mit beunruhigender gesellschaftlicher Wirkung. Die Versicherung entlässt den Sprachwütigen. Die Politik engagiert ihn.

Der erste Computer und die Vorform des Feeds

Piel schrieb das Hörspiel am ersten eigenen Computer. Aus heutiger Entfernung wirkt diese Notiz beinahe prophetisch. Brock behandelt jedes Gespräch als verwertbaren Inhalt. Er reagiert sofort, kommentiert ununterbrochen und braucht ein Publikum, das seine Erregung bestätigt. Erfahrung zählt für ihn vor allem als Anlass zur nächsten Äußerung.

Das Gerät von 1986 war noch kein Zugang zu sozialen Netzwerken. Brocks geistige Bewegung kennen wir inzwischen aus digitalen Öffentlichkeiten. Alles wird Material. Jeder fremde Satz provoziert eine Reaktion. Jede Kränkung verlangt Veröffentlichung. Die Menge der Äußerungen ersetzt die Arbeit an einer Form.

Brock wäre im digitalen Zeitalter kein verhinderter Autor geblieben. Er hätte Kanäle, Follower und tägliche Reichweitenstatistiken gefunden. Sein Roman würde weiterhin fehlen, doch sein Strom aus Kommentaren liefe ohne Unterbrechung. Die politische Kommunikationsindustrie hätte ihn vermutlich früher entdeckt.

Piels Hörspiel erfasst damit eine Figur, deren historischer Auftritt erst bevorstand: den permanent sendenden Menschen. Brock hört seiner Umwelt kaum noch zu. Er durchsucht sie nach Material. Menschen erscheinen als unfreiwillige Koautoren seines Selbstdarstellungsprojekts.

Das Hörspiel vollendet den verbrannten Roman

Brock verbrennt sein Manuskript und erklärt die Literatur für erledigt. Das Hörspiel bewahrt dennoch alles, was sein Roman hätte enthalten sollen: Frustus Kränkel, das mathematische Institut, den Koch im Nebenzimmer, die Versicherungsstatistik, den Foodmanager, den Grafen aus dem Aufsichtsrat, die Kollegen, die Ehefrau, den Erzähler und den künftigen Politiker.

Edgar Piel schreibt damit den Roman, den Brock zu schreiben behauptet. Er wählt aus, ordnet Stimmen, setzt Wiederholungen und führt Brocks Größenphantasie gegen ihren Urheber. Der Unterschied zwischen beiden Autoren liegt in der Form. Brock will alles hineinnehmen. Piel entscheidet, was hörbar wird.

Auch der Erzähler erhält durch das Hörspiel eine Autorschaft, die ihm selbst kaum bewusst ist. Er ordnet die Begegnungen, erinnert sich, zweifelt und erkennt seine Beteiligung. Aus dem geistigen Papierkorb wird der Überlieferer. Brock lieferte den Lärm, der Erzähler gibt ihm eine Geschichte.

„Brock“ wurde am 12. Juli 1987 gesendet; eine Werkchronik Otto Sanders führt das Hörspiel an diesem Datum und nennt ihn als Erzähler. Die Besetzungsliste dokumentiert die Ausstrahlung. Wolf-Dietrich Sprenger spielt Brock mit jener Energie, die zwischen Witz, Verletzung und Kontrollverlust pendelt. Hans Gerd Krogmann führt Regie.

Das kleine Geheimnis dieses vierten Hörspiels liegt damit offen zutage. Edgar Piel kehrte nach längerer Pause zum Hörspiel zurück, setzte sich an seinen ersten Computer und schrieb über einen Mann, der Schreiben mit Schimpfen verwechselt. Brock verliert Beruf, Ehe und Roman. Seine Sprache überlebt, weil die Politik für sie Verwendung findet. Das gute Ende rettet den Mann und setzt seine Krankheit in Umlauf.

Das alte Kanzleramt am See und die neuen Agenten

Meine Exkursion vom 23. bis 26. August 2026 führt mich an einen Ort, der für die junge Bundesrepublik einmal eine ungewöhnliche Nebenadresse hatte: Villa La Collina, Cadenabbia, Comer See. Konrad Adenauer kam zwischen 1957 und 1966 sechzehnmal nach Cadenabbia, vierzehn Aufenthalte verbrachte er in der Villa auf dem Hügel. Das Kanzleramt reiste gewissermaßen mit. Akten mussten aus Bonn herangeschafft werden, Kommunikationsverbindungen eingerichtet, Gesprächspartner empfangen werden. Urlaub und Regierungsgeschäft ließen sich bei Adenauer ohnehin schwer trennen.

Fast siebzig Jahre später reist eine andere politische Technologie an den Comer See. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zu einem Seminar über Künstliche Intelligenz eingeladen. Am ersten Seminartag, dem 24. August, führt Teresa Holley zunächst durch die Geschichte des Hauses. Danach übernehmen Michael Bücker, Professor für Data Science, Mathematik und Wirtschaftsinformatik an der FH Münster, und die Kommunikationsexpertin Kerstin Bücker. Der Vormittag gehört den technischen Grundlagen, der Nachmittag den Anwendungen in Kommunikation und politischer Arbeit. Später steigen wir hinunter zur Villa Carlotta. Nach dem Abendessen folgt ein Programmpunkt, den Adenauer vermutlich ohne jede didaktische Einführung verstanden hätte: Boccia.

So geraten an einem einzigen Tag das erste Kanzleramt der Bundesrepublik, Large Language Models, italienische Adelsgeschichte, Marmorskulpturen, kommunale Verwaltung und eine beleuchtete Bocciabahn miteinander ins Gespräch.

Adenauers italienische Nebenadresse

La Collina heißt schlicht „der Hügel“, und wer vom See hinaufgeht, erfährt die Bedeutung des Namens in den Beinen. Lange Treppen ziehen sich durch den Garten. Oben tritt die Straße akustisch zurück. Zwischen Bäumen erscheint der Comer See. Die Berge schließen ihn ein, als hätten sie beschlossen, diesem Wasser keine belanglose Umgebung zu gestatten.

Die Villa entstand 1899. Später gehörte sie einer französischen Adelsfamilie. Adenauer fand hier ab den fünfziger Jahren genau jene Mischung aus Rückzug und Erreichbarkeit, die ihm lag. Er gärtnerte, ging spazieren, arbeitete, empfing Gäste und spielte Boccia. Cadenabbia nahm ihn seinerseits in Besitz. 1957 ernannte ihn der Ort zum Ehrenbürger.

An der Uferpromenade steht heute eine markante Figur Adenauers. Hut, Anzug, leicht vorgeneigter Körper, eine Bocciakugel in der Hand. Zu seinen Füßen liegen weitere Kugeln. Kein Kanzler hinter einem Rednerpult, kein Staatsmann in zeremonieller Pose. Cadenabbia zeigt seinen deutschen Ehrenbürger beim Spiel.

Das passt erstaunlich gut zu seiner Geschichte an diesem Ort. Die Villa war Rückzugsraum und politischer Arbeitsort zugleich. Gesprächspartner aus Politik, Diplomatie und Öffentlichkeit kamen hierher. Der Ortswechsel veränderte die Form des Gesprächs. Ein Treffen in einem Garten über dem Comer See folgt anderen sozialen Regeln als eine Unterredung in einem Bonner Dienstzimmer.

Seit 1977 gehört La Collina der Konrad-Adenauer-Stiftung. Rund 2.000 Gäste kommen jährlich, 70 bis 80 Konferenzen und Bildungsveranstaltungen finden hier statt. Internationale Politik, Sicherheit, politische Kommunikation und europäische Fragen haben damit eine Adresse behalten, die bereits in Adenauers Zeit politische Bedeutung besaß.

Um neun Uhr beginnt die Zeitreise

Der Seminartag startet um neun Uhr mit der Geschichte der Villa. Eine Viertelstunde später wechseln wir vom ersten Bundeskanzler zu neuronalen Netzen, Sprachmodellen und Daten. Dieser Übergang wirkt weniger gewaltsam, als man zunächst erwarten könnte. Denn beide Themen handeln von Infrastruktur politischer Arbeit.

Adenauer musste Akten, Telefonverbindungen und Mitarbeiter nach Italien bringen. Heute genügt ein Rechner. Das Archiv kann in einer Cloud liegen, der Assistent in einem Sprachmodell, die Recherche in einem agentischen System. Die Entfernung zwischen Bonn und Cadenabbia hat technisch fast jede Bedeutung verloren. Der Vormittag beginnt deshalb mit einer Frage, die angesichts des inflationären Gebrauchs des Kürzels KI dringend geworden ist: Was ist künstliche Intelligenz überhaupt?

Nicht jedes Programm, das sortiert oder automatisiert, verdient diese Bezeichnung. Klassische Software führt Regeln aus, die Menschen programmiert haben. Moderne KI gewinnt Muster aus Daten. Bei großen Sprachmodellen entsteht daraus ein System, das Sprache mit einer verblüffenden Sicherheit erzeugen kann, obwohl seine Arbeitsweise mit unserem alltäglichen Begriff von Wissen wenig gemeinsam hat.

Das Sprachmodell schlägt in seinem Kern das jeweils wahrscheinlich folgende Wort vor. Danach folgt das nächste. Und das nächste. Aus dieser statistischen Architektur entstehen Texte, Analysen, Zusammenfassungen und Dialoge, die längst den Eindruck eines Gesprächspartners erzeugen. Der Eindruck ist mächtig. Er verführt zugleich zu einem Denkfehler: sprachliche Sicherheit und faktische Sicherheit fallen auseinander.

Damit verändert KI eine alte kulturelle Übereinkunft. Wir haben gelernt, Sicherheit im Ton mit Wissen zu verbinden. Wer flüssig spricht, Begriffe beherrscht, Zusammenhänge herstellt und auf Einwände reagieren kann, erhält einen Vertrauensvorschuss. Das Sprachmodell imitiert genau diese Oberfläche. Der Mensch muss deshalb eine Fähigkeit neu trainieren, die ihm die perfekte Formulierung beinahe abgewöhnt: Misstrauen.

Aus dem Chatbot wird ein Akteur

Nach der Kaffeepause wird aus dem vertrauten Chatfenster ein komplexeres Gebilde. Die Entwicklung führt zu KI-Systemen, die Werkzeuge benutzen. Ein Sprachmodell kann eine Internetsuche starten, Datenbanken durchsuchen, Kalender lesen, E-Mails vorbereiten oder Software ansteuern. Damit entsteht die agentische KI: ein System erhält eine Aufgabe, zerlegt sie in Schritte, wählt passende Werkzeuge und verarbeitet deren Ergebnisse weiter.

Dieser Übergang verändert die Dimension der Debatte. Ein Textgenerator schreibt etwas. Ein Agent tut etwas. Für Verwaltungen und Unternehmen öffnet sich damit ein riesiges Feld. Aktenbestände können erschlossen, interne Regelwerke abgefragt, Sitzungsvorlagen analysiert und komplexe Dokumentensammlungen über semantische Suche zugänglich gemacht werden. Das Sprachmodell muss dafür kein vollständiges Verwaltungsarchiv aufnehmen. Ein vorgeschaltetes System sucht jene Textpassagen heraus, die zur jeweiligen Frage passen, und reicht sie als Kontext weiter.

Das klingt technisch. Die politischen Folgen sind unmittelbar. Wer früher Stunden brauchte, um eine Vorlage zu lesen, Streitfragen zu markieren und daraus fünf Fragen für eine Ausschusssitzung zu formulieren, kann diesen ersten Durchgang heute in Minuten erzeugen. Ein komplizierter Verwaltungstext lässt sich für Bürger übersetzen. Aus einem Thema können unterschiedliche Fassungen für Presse, Facebook, Instagram oder TikTok entstehen. Eine Kampagne lässt sich vorbereiten, bevor die erste Agentur überhaupt ein Angebot geschrieben hat.

Nach dem Mittagessen zeigt Kerstin Bücker diese Welt aus der Perspektive praktischer Kommunikation. Jetzt wandern Vorlagen, Texte und Szenarien durch die Modelle. Prompts werden präziser, Ergebnisse besser, Aufgaben komplexer. Das Prinzip ist schnell erkennbar: Je genauer Rolle, Ziel, Adressat, Format und Material beschrieben werden, desto brauchbarer wird die Antwort. Das Seminarprotokoll zeigt die Spannweite von E-Mails und Pressemitteilungen über Kampagnenplanung bis zur Aufbereitung von Sitzungsvorlagen.

Doch mit jeder gewonnenen Minute wächst eine neue Verantwortung. Jemand muss wissen, ob das Ergebnis stimmt. Jemand muss Quellen prüfen. Jemand muss erkennen, ob ein Modell eine plausible Geschichte erfunden hat. Die neue Arbeit beginnt dort, wo die alte Arbeit scheinbar verschwindet.

Politische Kommunikation bekommt einen zweiten Autor

Gerade bei Politik wird das heikel. Ein Sprachmodell kann Bürgerreaktionen formulieren, Reden vorbereiten, Einwände antizipieren und Inhalte für verschiedene Zielgruppen variieren. Das spart Zeit. Es verändert zugleich die Herkunft politischer Sprache. Wer spricht, wenn eine Politikerin einen perfekt formulierten Text vorliest, dessen erster Entwurf von einer KI stammt? Wie viel Bearbeitung verwandelt maschinell erzeugte Sprache wieder in persönliche Sprache? Wann wird Assistenz zur Delegation?

Der Seminartag liefert darauf keine fertige Doktrin. Interessanter ist die Verschiebung der Fragen. Vor wenigen Jahren lautete die Debatte: Kann eine KI einen brauchbaren Text schreiben? Diese Frage hat sich erledigt. Heute lautet sie: Welche Teile unserer Kommunikation wollen wir einer Maschine überlassen, und wer trägt die Verantwortung für das Resultat?

Eine weitere Verschiebung betrifft die Bürger selbst. KI stärkt ihre Möglichkeiten gegenüber Institutionen. Eine komplizierte Anfrage, ein Widerspruch oder ein Auskunftsersuchen lässt sich heute mit digitaler Unterstützung formulieren. Verwaltungsexpertise verliert damit einen Teil ihres sprachlichen Schutzwalls. Gleichzeitig kann eine einzelne Person Hunderte präzise Fragen produzieren und eine kleine Behörde mit einem Aufwand konfrontieren, für den früher eine ganze Arbeitsgruppe nötig gewesen wäre. Genau diese neue Asymmetrie zieht sich durch die Diskussion des Nachmittags. KI demokratisiert Fähigkeiten und industrialisiert zugleich ihre Anwendung. Das ist eine explosive Kombination.

Europa und die Rechnung hinter der Wolke

Dann kommt das Gespräch auf digitale Souveränität. Auch dieser Begriff verliert schnell seine beruhigende Oberfläche. Ein eigenes Interface, ein Server im eigenen Haus oder eine interne Wissensdatenbank schaffen Kontrolle über wichtige Teile einer Anwendung. Die leistungsfähigsten Modelle, Chips und Rechenzentren stammen weiterhin überwiegend aus den USA oder Asien. Europa verfügt über einzelne Anbieter und Forschungsprojekte, doch die Größenordnungen amerikanischer Hyperscaler bewegen sich in einer anderen finanziellen Liga. Die technische Diskussion führt deshalb rasch zu Kapital, Energie, Halbleitern und globalen Lieferketten.

Damit bekommt die scheinbar immaterielle KI plötzlich wieder Gewicht. Rechenzentren brauchen Land. Chips brauchen Fabriken. Modelle brauchen Strom. Jede Anfrage hat Kosten, auch dort, wo die Oberfläche den Eindruck kostenloser Magie erzeugt. Vielleicht ist dies eine der interessantesten Veränderungen unserer digitalen Kultur: Die Benutzeroberfläche wird immer einfacher, während die Infrastruktur dahinter immer gigantischer wird. Ein Prompt kann aus sechs Wörtern bestehen. Seine Beantwortung hängt an einer weltweiten Industriekette.

Um vier Uhr übernimmt das 17. bis 19. Jahrhundert

Der Weg am Nachmittag führt zur Villa Carlotta. Nach Stunden mit Modellen, Tokens, Agenten und Trainingsdaten ist der Ortswechsel fast komisch. Die Villa antwortet auf die digitale Gegenwart mit Marmor, Öl, Holz, Stoff, Gold und einer verschwenderischen Menge europäischer Geschichte.

In einem Saal begegnet mir Marchese Giorgio Antonio Clerici im schweren Ornat. Auf einem anderen Bild kämpft eine ganze antike Welt über die Wand. Marmorbüsten stehen zwischen Vorhängen und Wandbespannungen. Eine geflügelte Figur beugt sich über den Körper einer Frau. In weiteren Räumen folgen Empire-Möbel, Globen, Porzellan, Spiegel, kostbare Tische und eine gedeckte Tafel, deren Ordnung vermutlich mehr Personal erforderte als manche heutige Kommunikationsabteilung. Nach dem KI-Seminar sieht man diese Räume anders.

Auch das 17. bis 19. Jahrhundert erzeugte Medienwirklichkeiten. Ein Porträt war politische Kommunikation. Kleidung, Pose, Raum, Rahmen und Symbolik teilten dem Betrachter mit, wie eine Person gesehen werden wollte. Ein Adeliger benötigte dafür Maler, Handwerker, Material, Zeit und Geld. Heute lässt sich eine entsprechende Inszenierung in Sekunden erzeugen.

Adenauer wartet mit der Kugel

Am Abend kehren wir nach La Collina zurück. Nach dem Essen gehen wir zur Bocciabahn. Adenauer spielte hier regelmäßig. Die Einführung am Morgen hatte seinen Tagesrhythmus beschrieben: arbeiten, Gespräche führen, spazieren, Boccia spielen, wieder arbeiten. Die Bahn gehört bis heute zum Haus. Also spielen wir.

Nebren einer Lampe entsteht sofort jene eigentümliche Mischung aus Gelassenheit und Ehrgeiz, die Boccia hervorruft. Jeder hat nach zwei Würfen eine Theorie über Boden, Winkel, Geschwindigkeit und Technik. Die Kugel eines anderen liegt selbstverständlich nur deshalb besser, weil der Untergrund an dieser Stelle günstiger war. Der Tag endet damit auf denkbar analoge Weise.

Ein paar Stunden zuvor haben wir darüber gesprochen, wie KI-Systeme selbständig Werkzeuge auswählen, Aufgaben zerlegen und digitale Prozesse ausführen. Jetzt steht ein Mensch mit einer schweren Kugel in der Hand und muss selbst entscheiden, wie viel Kraft er einsetzt. Vielleicht passt La Collina deshalb so gut zu diesem Seminar.

Adenauer hatte den Ort gewählt, weil Entfernung produktiv sein kann. Das politische Zentrum blieb in Bonn, doch Denken und Entscheiden konnten zeitweise an einen anderen Ort wandern. Heute wird der Arbeitsplatz selbst beweglich. Akten, Modelle, Wissensbestände und digitale Assistenten begleiten uns überallhin. Das ausgelagerte Kanzleramt von damals brauchte Personal, Fahrzeuge, Telefonleitungen und Aktenkoffer. Unser digitales Gepäck passt auf einen Laptop. Die entscheidende Veränderung betrifft allerdings weniger das Gepäck als den Mitreisenden.

Zum ersten Mal nehmen wir Werkzeuge mit, die Texte formulieren, Fragen entwickeln, Quellen suchen, Pläne entwerfen und zunehmend Handlungen ausführen können. Wir beginnen, Arbeit an Systeme zu delegieren, deren Fähigkeiten während ihrer Benutzung weiter wachsen. Dann rollt wieder eine Bocciakugel über den Sand. Sie wird langsamer. Sie nähert sich dem Pallino. Alle schauen hin. Für einige Sekunden braucht niemand Künstliche Intelligenz.

Der Fortschritt liegt auf der Müllhalde: Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung“ führt Joseph Conrads kolonialen Handelsposten in die Ruinen einer Industriegesellschaft

Die Zukunft riecht nach PVC, Asbest und fauligem Brunnenwasser. Zwischen Schutthalden, verrosteten Fässern, Mauerresten und Baracken suchen zwei Männer nach verwertbaren Stoffen. Der Untergang kam offenbar schleichend. Städte zerfielen, Schulen verschwanden, Computer wurden gegen Kartoffeln und Konservendosen eingetauscht. Eine Firma schickt ihre Angestellten dorthin, wo die alte Gesellschaft ihren Müll hinterlassen hat. Aus den Altlasten sollen wieder Rohstoffe werden.

Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung oder In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt“ entstand 1993 beim Radio der deutschen und rätoromanischen Schweiz. Der DRS reichte die Produktion als Schweizer Beitrag zum Prix Futura ein. Später übernahmen deutsche Sender das Stück. Radio Bratislava produzierte in den neunziger Jahren sogar eine slowakische Fassung. Ein solches zweites Leben blieb deutschsprachigen Hörspielen meist versagt.

Piel hat die Geschichte als freie Transposition von Joseph Conrads Erzählung „Ein Vorposten des Fortschritts“ angelegt. Schon der Untertitel stammt aus Conrad. Der literarische Bezug öffnet eine zweite Ebene. Conrads Elfenbeinhandel erscheint bei Piel als Bergung chemischer Rückstände. Die koloniale Handelsstation wandert aus dem afrikanischen Regenwald in das verseuchte Entsorgungsgebiet einer europäischen Zukunft. Aus der Zivilisierungsmission wird die Verwertung ihrer Überreste.

Zwei Männer übernehmen das Reich der Abfälle

Reuter und Berger erreichen die Niederlassung nach einer dreitägigen Fahrt durch Täler, Halden und verwüstete Siedlungen. Bracher, ein Vertreter der Firma, präsentiert ihnen das Gelände mit dem Stolz eines Unternehmers, der eine ergiebige Lagerstätte entdeckt hat. Soweit das Auge reicht, liegen die „Rohstoffe aus der goldenen Zeit der Polymerisation“. Bracher nennt die Deponie eine Goldgrube. Was frühere Generationen als Altlasten bezeichneten, gilt nun als „abgelagerte, aufgesparte, vorveredelte Energie“.

Die Wortwahl vollbringt bereits den ersten Akt der Verwertung. Gift wird durch Sprache zum Vermögen. Asbest erhält den Rang eines Bodenschatzes. PVC erscheint als kostbare Substanz. Die Firma entsorgt nichts. Sie fördert, sortiert und verkauft die Hinterlassenschaften einer Epoche, die an ihrem eigenen Stoffwechsel zugrunde gegangen ist.

Reuter soll die Niederlassung leiten. Er hat zwanzig Jahre lang Arztrechnungen in einen Computer eingegeben, bis Ärzte keine Rechnungen mehr schickten und ihre Honorare in Naturalien erhielten. Berger war Lehrer für Sozialkunde, Geschichte und Sport, damals, als Kinder noch Schulen besuchten. Beide haben ihre gesellschaftliche Funktion verloren. Die Firma bietet ihnen Arbeit, Einkommen und einen letzten Rest von Rang.

Bracher spricht vom Vertrauen, das sein Unternehmen in die beiden Männer investiert habe. Er erklärt ihnen ihre Verantwortung für Zivilisation, Würde und Anstand. Danach fährt er weiter. Hinter seinem Lastwagen bleibt eine Ödnis zurück, die Reuter und Berger voreinander zu verbergen versuchen. Der Firmenauftrag liefert ihnen eine Rolle. Die Landschaft zeigt ihnen täglich, wie wenig diese Rolle trägt.

Conrads Außenposten am Rand des Kongo

Joseph Conrad schrieb „An Outpost of Progress“ 1896. Die Erzählung erschien im Juni und Juli 1897 in der Zeitschrift „Cosmopolis“ und ein Jahr später in seinem Band „Tales of Unrest“. Conrad griff auf seine Reise in den Kongo-Freistaat zurück. 1890 hatte er dort für eine belgische Handelsgesellschaft gearbeitet und die Verwüstungen des Kolonialregimes kennengelernt.

Conrad bezeichnete die Erzählung später als den leichteren Teil der literarischen Beute, die er aus Zentralafrika mitgebracht habe. Den umfangreicheren Teil bildete „Herz der Finsternis“. In beiden Texten zerlegt Conrad die europäische Vorstellung, Handel, Technik und Verwaltung würden Licht in vermeintlich dunkle Weltgegenden tragen. Der englische Text samt Conrads Autorennotiz lässt sich bei Project Gutenberg lesen.

Kayerts und Carlier leiten bei Conrad einen abgelegenen Handelsposten. Kayerts war Angestellter der Telegraphenverwaltung. Carlier diente beim Militär. Beide besitzen weder praktische Fähigkeiten noch Kenntnisse des Landes. Sie verbringen ihre Tage mit Essen, Reden und dem Warten auf das Dampfschiff der Handelsgesellschaft.

Der kompetenteste Mann der Station heißt Makola. Er spricht mehrere Sprachen, führt die Bücher und organisiert den Handel. Conrad zeichnet ihn durch den kolonialen Blick seiner Epoche, gibt ihm jedoch eine Handlungsmacht, die Kayerts und Carlier fehlt. Makola erkennt die Gier der Gesellschaft und weiß, wie sich ihre Regeln umgehen lassen.

Bewaffnete Händler tauchen an der Station auf. Makola überlässt ihnen die Arbeiter der Gesellschaft und erhält dafür sechs mächtige Elfenbeinstoßzähne. Kayerts und Carlier reagieren empört. Kurz darauf wiegen sie das Elfenbein, tragen es ins Lager und berechnen ihre Prozente. Ihre moralische Entrüstung begleitet den wirtschaftlichen Nutzen. Sie verurteilen Makola und führen das Geschäft zu Ende.

Conrad zeigt eine Verwaltung des Verbrechens, die ohne schriftlichen Befehl auskommt. Der Direktor bleibt fern. Makola organisiert den Tausch. Kayerts und Carlier profitieren davon. Jeder kann später behaupten, der andere habe gehandelt. Die Ware liegt trotzdem korrekt gewogen im Lagerhaus.

Elfenbein verwandelt sich in Chemie

Piel übernimmt die Konstruktion und führt sie in eine spätere Stufe der Zivilisationsgeschichte. Reuter trägt Züge von Kayerts. Berger folgt Carlier. Bracher vertritt den fernen Direktor der Handelsgesellschaft. Der einheimische Vermittler Makola kehrt als Gossing wieder. Selbst der tote Vorgänger besitzt sein Gegenstück.

Bei Conrad liegt der erste Leiter der Station unter einem schiefen Kreuz begraben. Er war ein erfolgloser Maler, der in Afrika sein Glück gesucht hatte und am Fieber starb. Piels Eschenbach war ebenfalls Künstler. Er hatte die Niederlassung aufgebaut, große Ideen entwickelt und das Klima der Deponie körperlich nicht überstanden. Sein Grab liegt am Rand des Geländes.

Auch der verhängnisvolle Handel folgt Conrads Vorlage. Fremde Männer aus dem Norden erscheinen mit Gewehren und abgerichteten Hunden. Sie brauchen Fleisch für ihre Tiere und bieten dafür Fässer mit wertvollen Chemikalien an. Nach einem Betriebsfest verschwinden mehrere Arbeiter. Ein Mann liegt erschossen und von Hunden angefressen hinter der Halde. Gossing bringt die Fässer ins Lager und prüft ihren Inhalt.

Piel lässt den Tausch zunächst im Halbdunkel. Reuter versteht die Zusammenhänge und weicht vor diesem Wissen zurück. Die Firma wird mit der Ausbeute zufrieden sein. Bracher dürfte kaum fragen, woher die Fässer stammen. Diese Erwartung reicht aus, um aus einem Verbrechen eine betriebliche Leistung zu machen.

Bei Conrad werden Menschen gegen Elfenbein getauscht. Bei Piel werden Menschen zu Fleisch und damit selbst zum Rohstoff. Die Ware verschlingt den Arbeiter. Der Hund, ein alter Begleiter der Zivilisation, erscheint als Endverbraucher einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen längst in Materialeinheiten aufgelöst hat.

Die Kolonie kehrt nach Europa zurück

Conrad beschreibt einen Außenposten des europäischen Imperialismus. Eine Handelsgesellschaft dringt in den Kongo ein, eignet sich Rohstoffe an und nennt diesen Vorgang Fortschritt. Piel lässt das koloniale Modell heimkehren. Die verwüstete Zone liegt in einer zerfallenen Industriegesellschaft. Ihre Bewohner erscheinen den Firmenvertretern wie eine fremde Bevölkerung.

Reuter nennt sie Nomaden, Pack und zivilisationsmüde Aussteiger. Er macht ihre Väter für den Zusammenbruch der Städte verantwortlich. Sie hätten irgendwann alles liegen gelassen und seien davongelaufen. Die Trümmer der alten Ordnung belegen eine andere Geschichte. Produktion, Verpackung, Chemie und Ressourcenverbrauch haben eine Landschaft geschaffen, in der gesellschaftliches Leben kaum noch möglich ist.

Der Begriff „Entsorgungsgebiet“ verrät die neue Geographie. Die wohlhabenden Zentren haben ihre gefährlichen Stoffe an einen Rand verschoben. Die Firma kehrt dorthin zurück, sobald diese Stoffe wieder einen Preis erzielen. Das Gebiet zählt erst als wertlos, dann als Rohstofflager. Seine Bewohner zählen als Arbeitskräfte, später als Tauschgut.

Piel zeigt Kolonialismus als wiederkehrende Organisationsform. Eine Zentrale schickt Menschen in eine Randzone. Dort errichten sie eine Niederlassung, beanspruchen das Land und verwalten die Körper anderer. Die Firmenvertreter nennen sich Träger der Kultur. Ihre Geschäfte erzeugen Gewalt, Krankheit und Tod.

Conrads Kritik bleibt dabei in die Sprache und den europäischen Blick des späten 19. Jahrhunderts verstrickt. Die afrikanischen Figuren erhalten nur begrenzten Zugang zu eigener Erinnerung und Erfahrung. Piel verändert die ethnische Ordnung des Stoffes. Seine Niederlassung steht nach der Katastrophe in Europa. Der koloniale Abstand entsteht durch Armut, Bildung, Firmenrang und die Verfügung über Waffen.

Alte Zeitungen sprechen aus dem Grab

In beiden Geschichten spielen vergilbte Zeitungen eine zentrale Rolle. Kayerts und Carlier finden alte Blätter aus Europa. Darin lesen sie schwungvolle Artikel über die koloniale Expansion, die Pflichten der Zivilisation und das heilige Werk jener Männer, die Handel und Licht in entlegene Gebiete tragen. Die Lektüre hebt ihre Stimmung. Sie beginnen, sich selbst für bedeutende Pioniere zu halten.

Carlier schaut über die Station und entwirft ihre Zukunft: „In hundert Jahren steht hier vielleicht eine Stadt.“ Er sieht Kais, Lagerhäuser, Kasernen und Billardsäle. Spätere Generationen sollen Kayerts und Carlier als die ersten zivilisierten Männer an diesem Ort verehren. Piel übernimmt diesen Satz als Untertitel seines Hörspiels.

Berger findet ebenfalls alte Zeitungen. Sie stammen aus den Jahren vor dem Zusammenbruch. Ihre Meldungen handeln von Verpackungsmüll, sterbenden Wäldern, Umweltpolitik und den Gefahren des Computerzeitalters. Eine Zeitung berichtet über die wachsende Kunststofflawine aus Polyethylen, Polyvinylchlorid und Polystyrol. Ein Umweltbeauftragter empfiehlt zu Weihnachten ein Geschenk, das weder giftig sei noch die Abfalleimer verstopfe: Zeit.

Die Meldungen besitzen im Entsorgungsgebiet eine makabre Gegenwart. Alles, wovor sie warnten, umgibt die beiden Männer als Landschaft. Berger liest einen Satz des Informatikers Joseph Weizenbaum vor. Die Menschheit sitze auf einer Titanic, die auf einen Eisberg zufahre. Nur ein Wunder könne sie retten. Reuter und Berger lachen über den alten Alarm. Ihr Arbeitsplatz beweist, dass das Wunder ausgeblieben ist.

Die Zeitungen wirken wie ein Chor aus einer untergegangenen Epoche. Ihre Warnungen waren vorhanden, wurden gedruckt, gelesen und abgelegt. Jahrzehnte später dienen die Blätter als Unterhaltung beim Frühstück. Die Katastrophe erscheint dadurch als Ergebnis eines langen Wissens ohne Folgen.

Bei Conrad liefert die Zeitung den Männern eine heroische Selbsterzählung. Bei Piel liefert sie Anklagematerial. Berger liest weiter, weil er in den alten Meldungen die Vorgeschichte ihrer Lage erkennt. Reuter verlangt Ruhe. Das Rascheln des Papiers wird zum Geräusch seines schlechten Gewissens.

Eine Rose zwischen Asbest und Löwenzahn

Gossing lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern am Rand der Niederlassung. Seine Frau hat vor dem Haus einen Garten angelegt. Zwischen verrosteten Dosen, Fahrradfelgen und Schläuchen wachsen Rittersporn und eine rote Rose. Reuter erinnert sich an den Garten seiner Mutter. Seit Jahren hat er keine Rose mehr gesehen.

Diese kurze Szene verändert den Blick auf die verwüstete Welt. Leben kehrt durch Pflege zurück. Frau Gossing gestaltet einen kleinen Raum, in dem Erinnerung, Schönheit und Ordnung fortbestehen. Die Firma betrachtet den Boden als Lager chemischer Werte. Der Garten behandelt ihn als Lebensgrundlage.

Berger knüpft daran seine eigene Stadtvision. Er sieht Straßen, Geschäfte, einen Park und ein Schulzentrum. In künftigen Lesebüchern sollen zwei tüchtige Männer stehen, die die Kultur zurückgebracht hätten. Seine Vorstellung wiederholt den Traum Carliers aus Conrads Erzählung. Auch Berger schreibt sich selbst bereits in die Geschichte der erhofften Stadt ein.

Sein Wunsch, den Arbeitern Lesen und Schreiben beizubringen, entspringt Mitgefühl und Selbstüberschätzung. Er erkennt ihre Lage und spricht von Verantwortung. Zugleich entwirft er sich als Kulturbringer. Piel lässt Fürsorge, Eitelkeit und koloniale Erinnerung ineinanderlaufen. Berger bleibt Teil der Firmenordnung, deren Gewalt ihn bald verfolgt.

Das Gift zieht in die Körper

Die Niederlassung vergiftet ihre Bewohner langsam. Das Brunnenwasser stinkt. Die Sonne brennt. Ratten fallen über die Vorräte her. Berger leidet unter Durchfall und Fieber. Auf seinen Armen wächst ein Ausschlag. Seine Haare fallen büschelweise aus. Auch Reuter bekommt Kopfschmerzen und spürt ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Der Körper führt Buch über jene Stoffe, die Reuters Zeichensystem als betriebliche Leistung verbucht. Asbest, PVC und pharmazeutisch angereichertes Erdreich lassen sich sortieren und wiegen. Ihre Wirkung entzieht sich der Bilanz. Die Männer fördern einen Reichtum, der sie zerstört.

Bracher hatte den Tod Eschenbachs mit dessen empfindlicher Gesundheit erklärt. So individualisiert die Firma den Schaden. Der Verstorbene war dem Klima körperlich nicht gewachsen. Die Niederlassung, ihr Wasser und ihre Chemikalien bleiben aus dieser Sicht unschuldig. Später wenden Reuter und Berger dieselbe Erklärung auf sich selbst an.

Die Sprache der Firma schützt das Geschäft vor der Erfahrung. „Altlasten“ werden „vorveredelte Energie“. Vergiftung wird Klimaempfindlichkeit. Verschwundene Arbeiter gelten als Vertragsbrecher. Menschenhandel erscheint als unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz. Piel verfolgt, wie Begriffe Verantwortung verschieben und eine verwüstete Ordnung betriebsfähig halten.

Der Streit um das Gedächtnis

Bei Conrad eskaliert die Beziehung zwischen Kayerts und Carlier in einem Streit um Zucker. Die Vorräte sind fast aufgebraucht. Krankheit, Hunger und Angst haben beide Männer verändert. Kayerts erschießt Carlier. Danach versucht er, die Tat vor sich selbst zu erklären.

Piel ersetzt den Zucker durch eine Zeitung. Berger liest einen Bericht über Hundefleisch, das in einer Fleischfabrik zu Würsten verarbeitet wurde. Dann spricht er aus, was in der Niederlassung geschehen sein dürfte. Gossing habe die verschwundenen Arbeiter als Fleisch für die Hunde verkauft und dafür die Chemikalien erhalten.

Reuter verlangt die Zeitung. Berger wirft ihm Heuchelei und Zusammenarbeit mit Gossing vor. Reuter beruft sich auf seine Stellung als Vorgesetzter. Er droht, Berger wie einen Hund zu erschießen. Die Formulierung verbindet den betrieblichen Machtkampf mit dem Menschenhandel, den beide verdrängt haben.

Der spätere Reuter behauptet immer wieder, Berger habe ihn töten wollen. Gossing findet jedoch nur einen Revolver. Er gehört Reuter. Berger war unbewaffnet. Das Hörspiel verwandelt Reuters Rechtfertigung in einen sprachlichen Kreislauf. Er wiederholt sie, weil keine Wiederholung sie wahr machen kann.

Der Streit entzündet sich damit am Gedächtnis. Berger liest die Vergangenheit und erkennt die Gegenwart. Reuter braucht das Schweigen, damit seine Weltordnung hält. Die Zeitung wird gefährlicher als eine Waffe. Sie verbindet Warnung, Katastrophe und persönliche Schuld.

Trommeln, Hunde und die Geräusche der Angst

Piel erzählt die Geschichte vom Ende her. Zu Beginn ist Berger bereits tot. Reuter spricht in abgerissenen Sätzen über den angeblichen Angriff. Erst danach kehrt das Hörspiel zur Ankunft der beiden Männer zurück. Die Handlung nähert sich Schritt für Schritt jener Szene, deren Ergebnis der Hörer bereits kennt.

Diese Kreisform macht Reuter zum Gefangenen seiner eigenen Erzählung. Seine Sätze kehren wieder: Berger habe den Verstand verloren. Berger habe ihn töten wollen. Berger hätte zuerst schießen können. Jede Wiederholung legt den Widerspruch weiter frei.

Die akustische Landschaft trägt einen großen Teil der Erzählung. Nachts schlagen die Bewohner auf Fässer und vertreiben damit Ratten und wilde Hunde. Reuter und Berger hören darin bald eine Drohung. Die Trommeln kommen aus der Dunkelheit, während die Feuer zwischen den Halden zittern. Aus mangelnder Orientierung wächst Furcht, aus Furcht wächst Feindseligkeit.

Später verstummen viele Trommeln. Arbeiter sind verschwunden. Krankheit und Gewalt haben die Niederlassung entleert. Das Schweigen besitzt nun ein anderes Gewicht. Die Männer hören den Motor des erwarteten Lastwagens sogar dort, wo keiner fährt. Hoffnung und Angst nehmen denselben Klang an.

Die Regie von Mario Hindermann gibt der Wiederholung Raum. Peter Kner als Reuter führt den Hörer durch die Geschichte eines Mannes, der seine Wahrnehmung fortwährend zu einer Entlastungserzählung umbaut. Klaus Knuth als Berger kippt vom pädagogischen Enthusiasmus in Krankheit und Anklage. Horst Warning spricht Bracher, Ingold Wildenauer den Gossing. Emil Moser komponierte die Musik; die Produktion dauert rund 51 Minuten.

Walter Benjamins Trümmerfeld wird zur Deponie

Walter Benjamin beschrieb 1940 den Engel der Geschichte, der auf eine einzige Katastrophe blickt. Vor ihm wachsen die Trümmer. Ein Sturm treibt ihn rückwärts in die Zukunft. Diesen Sturm nennt Benjamin Fortschritt. Die neunte These „Über den Begriff der Geschichte“ liefert dafür das berühmte Denkbild.

Piels Niederlassung liegt mitten in diesem Trümmerfeld. Verfallene Straßen, Mauerreste, Kunststoffe, Autoteile und chemische Fässer bilden die Ablagerungen der vergangenen Epoche. Die Firma schaut auf diese Landschaft und entdeckt Vermögenswerte. Sie will das Zerschlagene weder heilen noch erinnern. Sie will es bilanzieren.

Der Fortschritt erscheint damit in zwei Gestalten. Zuerst produziert er die Stoffe, die das Leben erleichtern sollen. Danach zerstören ihre Mengen und Rückstände die gesellschaftliche Ordnung. Schließlich kehrt der Fortschritt als Geschäftsidee zurück und verkauft die Hinterlassenschaften seiner eigenen Verwüstung.

Piel entwirft eine finstere Kreislaufwirtschaft. Materie erhält einen neuen Preis. Menschen verlieren ihren. Die Firma rettet PVC, Asbest und Chemikalien aus den Ruinen. Für Berger, die Arbeiter und die Bewohner des Entsorgungsgebiets kennt ihre Bilanz keine Rettungsposition.

Der zivilisierte Mensch auf seinem letzten Außenposten

Conrads Kayerts und Carlier verlieren in der Isolation jene gesellschaftlichen Regeln, die sie für persönliche Tugenden hielten. Ohne Polizei, Nachbarn und öffentliche Kontrolle zerfällt ihr Selbstbild. Ihre Zivilisation bestand weitgehend aus Gewohnheit, Versorgung und institutioneller Aufsicht.

Reuter und Berger erleben einen verwandten Abstieg. Beide stammen aus Berufen einer geordneten Welt. Der eine war Verwaltungsangestellter, der andere Lehrer. In der Niederlassung führen sie ihre alten Rollen weiter. Reuter entwickelt eine Buchhaltung. Berger plant Unterricht. Die Formen bleiben erhalten, ihr gesellschaftlicher Boden ist verschwunden.

Piel behandelt Zivilisation als ein empfindliches Geflecht aus Institutionen, Erwartungen und materieller Versorgung. Bricht dieses Geflecht, treten Angst, Rangdenken und Gewalt hervor. Der Vorgesetzte schützt seine Stellung mit dem Revolver. Der Lehrer sucht Halt in vergilbten Zeitungen. Der Firmenvertreter kommt erst zurück, nachdem alles geschehen ist.

Auch Gossing bleibt in dieser Ordnung gefangen. Er versteht das Gelände, die Bewohner und die fremden Händler. Seine praktische Kompetenz macht ihn für die Firma unentbehrlich. Sein Garten schützt ein Stück Leben. Sein Handel liefert zugleich die Ware, die den Betrieb erfolgreich erscheinen lässt. Piel verteilt Schuld über ein System, in dem jeder Akteur seinen Bereich verwaltet und die Folgen beim anderen ablegt.

Das Kreuz als Gerät der Selbstabrechnung

Das Grabkreuz des Vorgängers verbindet Conrad und Piel bis in die letzte Szene. Bei Conrad richtet Carlier das schiefe Kreuz auf. Er prüft seine Arbeit, indem er sich mit beiden Händen an den Querbalken hängt. Nach Carliers Tod benutzt Kayerts dieses Kreuz für seinen Suizid. Das Dampfschiff erreicht die Station wenige Augenblicke später.

Bei Piel repariert Reuter gleich nach seiner Ankunft Eschenbachs Kreuz. Auch er prüft, ob es sein Gewicht hält. Nach Bergers Tod spricht er davon, sich daran aufzuhängen. Bracher findet ihn schließlich am Kreuz. Der Firmenvertreter bringt einen Brief von Bergers Tochter Emily mit.

Das Kreuz markiert zuerst den gescheiterten Vorgänger, dann die Wiederholung seines Schicksals. Es trägt keine Erlösung. Es wird zum technischen Gegenstand, sorgfältig instand gesetzt und am Ende zweckentfremdet. Reuter baut zu Beginn selbst das Gerät, an dem seine Geschichte endet.

Brachers Rückkehr vollendet den Rhythmus der Firma. Er kommt mit Post und vermutlich mit neuen Aufträgen. Der Betrieb sollte weitergehen. Der Leiter ist tot, sein Assistent ermordet, mehrere Arbeiter sind verschwunden. Die chemischen Fässer stehen jedoch im Schuppen. Der wirtschaftliche Erfolg der Niederlassung hat die Katastrophe überlebt.

In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt

Der Untertitel trägt eine Hoffnung, die Conrad bereits als Selbsttäuschung entlarvt hatte. Seine Kolonialbeamten sehen eine künftige Stadt mit Kais, Lagerhäusern und Billardsälen. Sie verwandeln ihre belanglose Gegenwart in eine heroische Gründungsgeschichte. Piels Berger sieht Gärten, Straßen, Geschäfte und eine Schule. Auch er möchte am Anfang einer neuen Zivilisation stehen.

Die rote Rose vor Gossings Haus bewahrt die Möglichkeit eines anderen Anfangs. Sie wächst durch Arbeit, Pflege und Kenntnis des Bodens. Die Firma gründet ihre Zukunft auf Förderung und Verwertung. Zwischen beiden Modellen entscheidet sich das Schicksal der Niederlassung.

Dreißig Jahre nach der Produktion klingt Piels Zukunftswelt vertraut. Elektronikschrott reist über Kontinente. Chemische Altlasten belasten Böden und Wasser. Rohstoffknappheit verwandelt alte Deponien in mögliche Lagerstätten. Unternehmen entdecken im Abfall neue Geschäftsmodelle und sprechen von Kreisläufen, Effizienz und Rückgewinnung.

„Die Niederlassung“ richtet den Blick auf den Preis dieser Wiederverwertung. Eine Gesellschaft kann ihre Stoffe zurückholen und zugleich ihre Menschen aufgeben. Sie kann jede Warnung archivieren, jede Katastrophe berechnen und jedes Gift neu benennen. Auf den Halden wächst dann vielleicht wieder eine Stadt. Ihre Gründungsgeschichte läge bereits im Schuppen: sauber sortiert, korrekt verbucht und von den Toten bezahlt.

Die Forschungsrepublik und die Abrissbirne

Thomas Sattelberger nimmt Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max Planck mal wieder als „fette Katzen“ ins Visier. Deutschlands Transferprobleme verdienen eine harte Analyse. Seine Generalabrechnung verwechselt jedoch vier verschiedene Forschungsaufträge, arbeitet mit einer falschen ETH-Zahl und springt von berechtigter Bürokratiekritik zu einer institutionellen Radikalkur, deren Nutzen unbelegt bleibt.

Thomas Sattelberger kann sich auf ein reales Ärgernis berufen. Deutschland produziert Forschung von internationalem Rang und tut sich oft schwer damit, aus wissenschaftlichen Ergebnissen schnell neue Firmen, Produkte und Märkte zu machen. Die Expertenkommission Forschung und Innovation beschreibt für Ausgründungen ein konkretes Hemmnis: Verhandlungen über geistiges Eigentum dauern im Durchschnitt mehr als 18 Monate. Hohe Forderungen in frühen Phasen können junge Firmen finanziell überfordern, uneinheitliche Regeln verzögern Verträge, Unsicherheit beim EU-Beihilferecht bremst zusätzlich.

Dieses Problem ist präzise genug für eine präzise Reform. Sattelberger wählt einen anderen Weg. Unter der Überschrift „Fette Katzen haben wir genug“ erklärt er in einem Beitrag für die Zeitschrift „Weiterdenken“ die großen außeruniversitären Forschungsorganisationen zu einem Teil des deutschen Innovationsproblems. Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz sollen tiefgreifend umgebaut werden; Max Planck erhält am Ende eine weitgehende Bestandsgarantie. Fraunhofer und Leibniz will er in Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften zurückführen. Helmholtz soll „filetiert“ und dezentralisiert werden, beginnend mit dem Forschungszentrum Jülich. Die Max-Planck-Gesellschaft darf als juristischer Körper weiterleben, ihre Hauptverwaltung soll schrumpfen.

Sattelberger schreibt mit der Sprache einer Unternehmenssanierung. Forschungsorganisationen erscheinen als Kostenblöcke, Zentralverwaltungen als „Bürokratiemonster“, Institute als Gewinner oder „Fußkranke“. Der Return on Investment von Steuergeld werde immer miserabler, lautet eine seiner Zwischenüberschriften. Seine Erfahrung aus der Wirtschaft liefert dafür einen legitimen Blickwinkel. Für einen Umbau von Institutionen, die Milliarden Euro verwalten, Jahrzehnte an Forschungsinfrastruktur tragen und zehntausende Wissenschaftler beschäftigen, reicht die Sanierungsmetapher jedoch nicht. Eine solche Therapie verlangt Daten über Leistungen, Kosten, Funktionen, internationale Vergleichsorganisationen und die Folgen des Eingriffs.

Vier Organisationen, vier verschiedene Aufträge

Der erste Fehler steckt bereits in der Sammelkategorie. Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max Planck erfüllen verschiedene Aufgaben. Fraunhofer betreibt anwendungsorientierte Vertragsforschung und arbeitet eng mit Unternehmen. Helmholtz bündelt langfristige Programme und große Forschungsinfrastrukturen. Leibniz vereint 96 rechtlich eigenständige Einrichtungen, darunter Forschungsinstitute, wissenschaftliche Infrastrukturen und acht Forschungsmuseen. Max Planck konzentriert sich auf erkenntnisgetriebene Grundlagenforschung.

Diese Unterschiede sind keine organisatorische Folklore. Sie bestimmen, welche Kennzahlen sinnvoll sind. Bei Fraunhofer kann der Anteil von Industrieaufträgen viel über Marktnähe verraten. Bei einem Helmholtz-Zentrum muss man zusätzlich fragen, welche wissenschaftliche und technologische Leistung ein Supercomputer, ein Teilchenbeschleuniger oder eine andere Großanlage für externe Nutzer erbringt. Bei Leibniz zählen Forschungsdaten, Infrastrukturen, Politikberatung und Museen neben Patenten und Firmen. Bei Max Planck kann zwischen einer fundamentalen Entdeckung und ihrer ökonomischen Anwendung ein Jahrzehnt liegen.

Wer alle vier Organisationen primär an der Zahl neuer Firmen misst, baut eine Kennzahl zum Weltbild aus. Ein Spin-off ist ein wichtiger Transferkanal. Lizenzierung, Patente, Auftragsforschung, Standardisierung, gemeinsame Forschungsprojekte, Personalmobilität und die Nutzung wissenschaftlicher Infrastruktur gehören ebenfalls zum Transfer. Der aktuelle Monitoring-Bericht von Bund und Ländern erfasst aus gutem Grund mehrere dieser Größen. Er meldet für 2025 steigende Ausgründungszahlen, mehr Patentanmeldungen, höhere Wirtschaftsdrittmittel und eine wachsende Zahl gemeinsamer Publikationen mit Unternehmen.

Die ETH-Zahl trägt den Vergleich nicht

Besonders angreifbar wird Sattelbergers Argument dort, wo es am präzisesten wirken soll. Er schreibt, die ETH Zürich habe 2023 in einem Rekordjahr 53 Spin-offs hervorgebracht. Die vier von ihm attackierten deutschen Organisationen hätten es zusammen auf 51 gebracht. Für 2025 verweist er auf 46 Schweizer Start-ups.

Die offizielle ETH-Bilanz nennt nach meinen Recherchen für 2023 genau 43 neue Spin-offs. Das war damals tatsächlich ein Rekord. Für 2025 meldet die ETH 46 neue „ETH Ventures“. Hinter dieser Zahl stehen 24 ETH-Spin-offs und 22 ETH-Start-ups. Die Hochschule hat ihre Kategorien 2025 neu geordnet und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zahlen wegen der neuen Regeln nicht exakt mit früheren Jahren vergleichbar sind. (ETH Zürich)

Sattelberger erläutert nicht, nach welcher einheitlichen Definition er die deutschen Organisationen addiert. Gerade bei Ausgründungen entscheiden Anerkennungsregeln, Beteiligungsverhältnisse, IP-Nutzung und Erfassungszeitpunkt darüber, was in der Statistik landet. Die Korrektur der ETH-Zahl beseitigt die zugrunde liegende Sorge keineswegs. Ein Forschungsland, das zweistellige Milliardenbeträge in Wissenschaft investiert, darf höhere Ambitionen bei Deep-Tech-Gründungen haben. Ein seriöser Vergleich braucht allerdings Nenner: Ausgründungen je 1.000 Forschende, je Milliarde Forschungsaufwand, getrennt nach Disziplinen, Technologiereife und IP-Basis, ergänzt um Überlebensraten, eingeworbenes Kapital, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung. Sattelbergers Rohzählung liefert diese Normalisierung nicht.

Ein externer Vergleich passt ebenfalls nur schwer zur These einer Transferwüste. Der European Spinouts Report 2025, erstellt unter Beteiligung von Dealroom.co und mehreren europäischen Deep-Tech-Investoren, führt Max Planck bei den europäischen Forschungsorganisationen auf Rang zwei, Helmholtz auf Rang fünf und Fraunhofer auf Rang zehn. Die Studie bewertet unter anderem VC-finanzierte Spin-offs, jüngere Gründungen, Finanzierungsrunden über zehn Millionen Dollar, Einhörner und Unternehmenswerte. Auch dieses Ranking hat methodische Grenzen. Als Gegenprobe zeigt es jedoch, dass mehrere deutsche außeruniversitäre Organisationen im europäischen Deep-Tech-Transfer sichtbar weit vorne liegen.

Die jüngsten deutschen Zahlen zeigen zugleich, wie schnell sich das Bild verändert. Der GWK-Monitoring-Bericht 2026 weist für das Berichtsjahr 2025 insgesamt 85 Ausgründungen der vier Forschungsorganisationen aus, nach 60 im Jahr zuvor. Helmholtz kam auf 36, Fraunhofer auf 29, Max Planck auf 14. Die Zahl der angemeldeten Patente stieg von 1.095 auf 1.256. Diese Werte beweisen noch keine optimale Transferleistung. Sie widerlegen jedoch das Bild einer institutionellen Landschaft, die sich seit Jahren generell nicht um Ausgründungen kümmere.

Planungssicherheit ist keine wettbewerbsfreie Komfortzone

Sattelberger trifft einen empfindlichen Punkt, als er auf den Pakt für Forschung und Innovation verweist. Bund und Länder erhöhen die Zuwendungen im laufenden Pakt von 2021 bis 2030 jährlich um drei Prozent. Diese langfristige Finanzierungszusage verdient Kontrolle. Öffentliche Planungssicherheit darf weder Leistungsprüfung noch Prioritätensetzung ersetzen.

Aus der Drei-Prozent-Zusage macht Sattelberger jedoch eine „permanente Finanzierung“ ohne angemessene wettbewerbliche Mechanismen. Die institutionelle Architektur sieht differenzierter aus. Bund und Länder haben für den Pakt fünf forschungspolitische Ziele vereinbart: dynamische Entwicklung, Transfer, Vernetzung, Personalgewinnung und Forschungsinfrastrukturen. Für jede Organisation existieren eigene Zielvereinbarungen. Die Organisationen berichten jährlich über ihre Fortschritte, die GWK überwacht die Entwicklung mit quantitativen und qualitativen Indikatoren.

Planungssicherheit erfüllt außerdem eine ökonomische Funktion. Grundlagenforschung, Großgeräte, Langzeitdatenreihen und Forschungsprogramme lassen sich kaum im Rhythmus jährlicher Ausschreibungen aufbauen. Ein Teil des Systems braucht verlässliche Finanzierung, weil Personal, Infrastruktur und wissenschaftliches Risiko langfristige Horizonte haben. Die richtige Frage lautet daher: Welche Leistungen verlangt der Staat für diese Sicherheit, wie misst er sie, und welche Konsequenzen folgen dauerhaft schwacher Leistung? Sattelberger stellt diese Fragen. Für seine Antwort liefert er kaum belastbare Evidenz.

Auch die Behauptung eines weitgehend ausgeschalteten Wettbewerbs hält bei Fraunhofer kaum stand. Im Kernbereich Vertragsforschung bildet die institutionelle Förderung maximal ein Drittel. Mindestens zwei Drittel wirbt Fraunhofer über Aufträge der Wirtschaft und öffentliche Projektfinanzierung im Wettbewerb ein. 2025 lag der Anteil extern eingeworbener Erträge bei 71,1 Prozent.

Fraunhofer verdient Kritik auf der Basis seiner wirklichen Zahlen

Fraunhofer bietet Sattelberger reichlich Material für eine harte Reformdebatte. Die Governance der Gesellschaft hatte dokumentierte Defizite. Der Bundesrechnungshof lieferte Impulse für Veränderungen, der Fraunhofer-Senat beschäftigte sich mit der früheren Vorstandspraxis, und 2024 beschloss die Gesellschaft eine umfassende Satzungsreform. Der Senat erhielt erweiterte Kontrollrechte, ein Rechnungsprüfungsausschuss wurde institutionalisiert, Berichtspflichten des Vorstands wurden festgeschrieben, die Richtlinienkompetenz des Präsidenten entfiel. Die neuen Statuten gelten seit Januar 2025.

Das ist ein gewichtiger Einwand gegen jede bequeme Verteidigung von Fraunhofer. Eine öffentlich finanzierte Forschungsorganisation mit rund 31.000 Beschäftigten und 3,6 Milliarden Euro Finanzvolumen braucht wirksame Kontrolle, saubere Compliance, schlanke Prozesse und überprüfbare Prioritäten. Auch die Größe der Zentrale darf Gegenstand eines externen Benchmarks sein.

Sattelberger behauptet, Fraunhofers Hauptverwaltung sei nach Berechnungen seines damaligen Bundestagsbüros achtmal so groß wie die eines vergleichbaren börsennotierten Konzerns. Im Artikel fehlen Name und Größe des Vergleichsunternehmens, Abgrenzung der Zentralfunktionen, Bezugsjahr, Kostenbasis und Berechnungsmethode. Eine achtfache Abweichung wäre ein alarmierender Befund. Gerade deshalb braucht diese Zahl eine nachvollziehbare Herleitung. Ohne diese Angaben bleibt sie eine Behauptung mit großer rhetorischer Wirkung.

Die aktuelle Leistungsrechnung passt ebenfalls schlecht zum Bild einer gesättigten Organisation ohne Marktbezug. Fraunhofer erzielte 2025 Wirtschaftserträge von 966 Millionen Euro, elf Prozent mehr als im Vorjahr und einen historischen Höchstwert. Aus der Gesellschaft kamen 589 Erfindungsmeldungen, 538 prioritätsbegründende Patentanmeldungen und 29 Spin-offs. Fraunhofer Venture unterstützte 89 neue Ausgründungsprojekte.

Sattelberger nennt die 966 Millionen Euro „bescheiden“. Für diese Wertung fehlt im Text der Benchmark. Man kann fragen, ob 966 Millionen bei 3,6 Milliarden Euro Gesamtvolumen genug sind. Man kann die Entwicklung der Industrieerlöse je Institut, je Forscher, je Technologiefeld oder im internationalen Vergleich untersuchen. Man kann Patente nach Lizenzwert und Firmen nach Überlebensrate gewichten. Eine solche Analyse wäre aufschlussreich. Das Adjektiv „bescheiden“ ersetzt sie nicht.

Helmholtz braucht eine Funktionsanalyse vor dem Filetiermesser

Noch größer wird die methodische Lücke bei Helmholtz. Sattelberger will die Gemeinschaft dezentralisieren und beim Forschungszentrum Jülich anfangen. Er beschreibt Jülich als Managementkonstrukt ohne Mehrwert und schlägt vor, die Struktur in einzelne Institute zu zerlegen. Leistungsarme Einheiten sollen verschwinden, die übrigen Institute an Hochschulen oder andere Forschungsorganisationen wandern.

Für einen Eingriff dieser Größenordnung bräuchte man eine Funktionsanalyse. Helmholtz betreibt Forschungsinfrastrukturen mit hohen Fixkosten und langen Investitionszyklen. Dazu zählen Teilchenbeschleuniger, Forschungsschiffe, Energy Labs und Supercomputer; mehr als 10.000 externe Wissenschaftler aus über 30 Nationen nutzen solche Anlagen pro Jahr. Zentralisierung kann bei solchen Infrastrukturen Kosten erzeugen. Sie kann ebenso Skaleneffekte, technische Spezialisierung und dauerhafte Betriebskompetenz ermöglichen.

Sattelbergers Darstellung einer weitgehend wettbewerbsfreien Welt lässt zudem das tatsächliche Begutachtungssystem aus. Im ersten Halbjahr 2025 bewerteten mehr als 600 Gutachter aus 28 Ländern in 32 mehrtägigen Verfahren die Helmholtz-Zentren. Geprüft wurden wissenschaftliche Leistung, Wirkung, Originalität, Innovationspotenzial und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Eine zweite Stufe bewertet die künftigen Programme für 2028 bis 2035. Auf Basis der Gutachten empfiehlt der Helmholtz-Senat die Höhe und Verteilung der Förderung.

Das schließt Fehlsteuerung, Bürokratie und ineffiziente Einheiten keineswegs aus. Es verändert aber die Beweislast. Wer Jülich zerlegen will, muss zeigen, welche Funktionen nach der Zerlegung billiger oder besser würden, welche Infrastruktur gemeinsam bleiben müsste, welche Transaktionskosten entstünden und welche wissenschaftlichen Verbünde verloren gingen. Sattelbergers Artikel führt diese Rechnung nicht.

Leibniz ist heterogen, weil sein Auftrag heterogen ist

Auch die Leibniz-Gemeinschaft lässt sich schwer als zufällige Ansammlung überflüssiger Institute abtun. Ihre 96 Einrichtungen reichen von Astrophysik und Wirtschaftsforschung über Sozialwissenschaften bis zu Informationsinfrastrukturen und Forschungsmuseen. Acht Forschungsmuseen gehören ausdrücklich zum Profil. Viele Einrichtungen übernehmen Aufgaben, die dauerhaft angelegte Datenbestände, Sammlungen, Archive oder Forschungsservices brauchen.

Sattelberger deutet diese Vielfalt als „eklektische Zusammenwürfelung“ und will Leibniz in Hochschulen reintegrieren. Das könnte für einzelne Institute eine prüfenswerte Option sein. Als Generallösung übersieht der Vorschlag die institutionelle Funktion der Gemeinschaft. Ein Forschungsmuseum, eine große Informationsinfrastruktur oder ein wirtschaftswissenschaftliches Institut mit langfristiger Datenproduktion folgt anderen Organisationsanforderungen als ein universitärer Lehrstuhl.

Leibniz verfügt zudem über einen Mechanismus, der Sattelbergers Bild garantierter Existenz relativiert. Jede Einrichtung wird spätestens alle sieben Jahre extern evaluiert. International ausgewiesene Sachverständige prüfen Leistungen, Strukturen, Kooperationen, Transfer und Zukunftsplanung. Die Förderempfehlung fließt in die Entscheidung von Bund und Ländern ein. Zwischen 2016 und 2023 empfahl der Leibniz-Senat bei drei Einrichtungen die Beendigung der gemeinsamen Förderung.

Auch die behauptete Distanz zur Hochschulwelt ist geringer, als Sattelbergers institutionelle Trennung vermuten lässt. Der GWK-Bericht zählt 2025 über alle Paktorganisationen 1.681 gemeinsame Berufungen mit Hochschulen. Wissenschaftler der außeruniversitären Organisationen erbrachten mehr als 33.000 Semesterwochenstunden Lehre. Mehr als 90 Prozent ihrer Publikationen entstanden als nationale oder internationale Ko-Publikationen. Eine Debatte über engere Verbindungen zu Hochschulen bleibt sinnvoll. Sie beginnt jedoch nicht bei institutioneller Beziehungslosigkeit.

Max Planck widerlegt den einheitlichen Renditemaßstab

Am Ende macht Sattelberger selbst eine Ausnahme. Max Planck würde seine Radikalkur weitgehend überstehen. Die Gesellschaft solle ihren juristischen Körper behalten, die Hauptverwaltung müsse schrumpfen. Grundlagenforschung im „Tal des Todes“ zählt er zu den Kernaufgaben eines schlanken Staates.

Diese Ausnahme ist sachlich plausibel und analytisch folgenreich. Die Max-Planck-Gesellschaft zählt 31 Nobelpreisträger, die bei der Preisvergabe wissenschaftliche Mitglieder der MPG oder ihrer Vorgängerorganisation waren. 2023 erhielt Ferenc Krausz den Physik-Nobelpreis; die Organisation bewegt sich damit seit Jahrzehnten in der internationalen Spitzengruppe der Grundlagenforschung. (MPG) Nobelpreise taugen allein nicht als volkswirtschaftliche Erfolgsrechnung. Sie zeigen jedoch, welche wissenschaftliche Qualität langfristig finanzierte Forschungsräume hervorbringen können.

Auch Max Planck lebt keineswegs transferfrei. 2025 meldete Max Planck Innovation 131 Erfindungen, 105 Patentanmeldungen und 14 neue Ausgründungen. Seit 1990 entstanden 214 Ausgründungen; rund 9.000 Arbeitsplätze werden dem Start-up-Portfolio zugerechnet. Die aktuellen Angaben nennen zudem mehr als 3.100 Verwertungsverträge und über 200 Start-ups.

Die wissenschaftliche Qualität wird regelmäßig durch externe Fachbeiräte geprüft. Diese Gremien begutachten die Institute in der Regel alle drei Jahre und bewerten Qualität, Originalität, Forschungsstrategie, Strukturen und Ressourceneinsatz. Sattelbergers Max-Planck-Ausnahme führt deshalb zu einer grundsätzlichen Frage: Weshalb sollte langfristige institutionelle Finanzierung bei Grundlagenforschung als Voraussetzung für Exzellenz gelten, bei anderen missionsgebundenen Forschungsaufgaben aber bereits als Indiz für Behäbigkeit? Eine Antwort müsste die jeweiligen Aufgaben und Leistungsmechanismen getrennt untersuchen.

BioNTech erzählt eine andere Geschichte des Transfers

Sattelberger setzt BioNTech gegen die „fetten Katzen“. Der Börsenwert des Mainzer Unternehmens soll zeigen, welche volkswirtschaftliche Kraft aus forschungsbasierten Gründungen entstehen kann. BioNTech ist tatsächlich ein herausragendes Beispiel für die wirtschaftliche Wirkung wissenschaftlicher Forschung. Die Entstehungsgeschichte passt allerdings schlecht zu einer einfachen Erzählung vom privaten Gründungswunder gegen die öffentlich finanzierte Wissenschaft.

Die mRNA-Impfstoffplattform, die BioNTech später gemeinsam mit Pfizer für den Covid-19-Impfstoff nutzte, geht nach Angaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf Vorarbeiten in einem DFG-geförderten Mainzer Sonderforschungsbereich zur Krebsforschung zurück. Uğur Şahin leitete dort von 2006 bis 2008 ein Teilprojekt. Die Arbeiten bauten auf früherer DFG-Förderung auf.

BioNTech zeigt damit eine Kette, die Innovationspolitik ernst nehmen sollte: wissenschaftliche Neugier, langfristige öffentliche Förderung, universitäre Forschung, geistiges Eigentum, Gründer, privates Kapital, industrielle Entwicklung und Skalierung. Kein einzelnes Glied erzeugt den Erfolg allein. Wer aus BioNTech eine Rechtfertigung für den Abriss großer Forschungsorganisationen ableitet, müsste nachweisen, dass deren Auflösung häufiger solche Ketten entstehen lässt. Diesen Nachweis führt Sattelberger nicht.

Das Transferproblem liegt offen auf dem Tisch

Eine Replik auf Sattelberger sollte das deutsche Transferdefizit keinesfalls kleinreden. Die EFI liefert dafür die bessere Diagnose. Sie sieht in exzellenter deutscher Forschung erhebliches ungenutztes Innovationspotenzial. Patentzitationen zeigen, dass Forschung aus deutschen Hochschulen häufig in Innovationen ausländischer Anmelder einfließt. Wissen entsteht hier, wirtschaftliche Verwertung findet zu oft anderswo statt.

Die konkreten Hemmnisse sind greifbar. IP-Verhandlungen dauern im Durchschnitt mehr als 18 Monate. Einheitliche Leitfäden fehlen. Hochschulen und Gründer streiten über den Wert frühen geistigen Eigentums. Beihilferechtliche Risiken machen Rechtsabteilungen vorsichtig. Förderketten zwischen wissenschaftlichem Projekt, Validierung, Gründung und Skalierung besitzen Lücken. Die EFI empfiehlt standardisierte Ausgründungsverträge, eine nationale IP-Strategie, schnellere Transferprozesse, mehr Zeit für Wissenschaftler mit Gründungsprojekten und besser abgestimmte Förderinstrumente.

Hier liegt eine Reformagenda, die direkt an den Engpässen ansetzt. Hochschulen und Forschungsorganisationen brauchen professionelle Transferteams mit klaren Fristen. IP-Bedingungen müssen für Gründer und Investoren kalkulierbar werden. Virtuelle Beteiligungen können hohe Zahlungen in der Frühphase vermeiden. Eine unabhängige Schiedsstelle kann festgefahrene Verhandlungen beenden. Forschende brauchen Zeitfenster für Unternehmensgründungen und bessere Möglichkeiten, zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu wechseln. Der Staat kann zusätzlich als anspruchsvoller Erstkunde neue Technologien früher in reale Anwendungen bringen.

Auch die Forschungsorganisationen selbst gehören unter Druck. Institute mit dauerhaft schwacher wissenschaftlicher Qualität oder geringer Wirkung brauchen Konsequenzen. Zentralverwaltungen müssen Funktionen, Kosten und Personal transparent ausweisen. Transferkennzahlen sollten nach Mission differenziert werden und internationale Benchmarks enthalten. Patente zählen wenig, falls sie niemand nutzt. Ein Spin-off zählt wenig, falls es nach kurzer Zeit verschwindet. Industrieerträge verdienen Kontext: Technologiefeld, Personalbasis, Forschungsrisiko und Langfristwirkung gehören in die Bewertung. Eine solche Reform wäre härter als eine Tiermetapher, weil sie jede Organisation an überprüfbaren Ergebnissen misst.

Reformpolitik braucht bessere Maßstäbe als „fette Katzen“

Sattelbergers Artikel hat einen produktiven Kern. Er verlangt Rechenschaft für Milliarden an öffentlichen Mitteln und richtet den Blick auf die wirtschaftliche Verwertung von Forschung. Fraunhofers frühere Governance-Probleme, lange IP-Verhandlungen, administrative Lasten und die deutsche Schwäche bei wissenschaftsbasierten Wachstumsfirmen liefern genügend Stoff für Reformen.

Die Generalabrechnung verliert jedoch an Tragfähigkeit, sobald man ihre zentralen Behauptungen prüft. Die ETH-Zahl für 2023 ist falsch. Die ETH hat ihre Kategorien 2025 verändert. Fraunhofer wirbt einen Großteil seiner Vertragsforschung extern ein und erzielt Rekorderträge aus der Wirtschaft. Helmholtz unterzieht seine Zentren umfangreichen internationalen Begutachtungen. Leibniz kann nach Evaluationen die gemeinsame Förderung verlieren. Max Planck verbindet 31 Nobelpreisträger mit einer beachtlichen Transferbilanz. Der GWK-Bericht dokumentiert für 2025 steigende Ausgründungen, Patente und Wirtschaftsdrittmittel über das gesamte System.

Deutschlands Forschungslandschaft braucht Reformen, Konzentration und mehr wirtschaftliche Verwertung. Sie braucht ebenso die Fähigkeit, Grundlagenforschung über lange Zeiträume zu finanzieren, Großgeräte gemeinsam zu betreiben, Forschungsdaten dauerhaft vorzuhalten und Unternehmen mit anwendungsnaher Forschung zu versorgen. Ein leistungsfähiges System muss diese Aufgaben verbinden und zugleich schlechte Leistung sanktionieren.

Sattelberger fordert den großen Schnitt. Für diesen Eingriff fehlen in seinem Beitrag eine belastbare Kostenrechnung, eine internationale Organisationsanalyse und ein Nachweis, dass die vorgeschlagene Reintegration und Zerschlagung mehr Transfer erzeugen würde. Seine Provokation eröffnet eine Debatte. Die Recherche trägt die Radikalkur nicht.

Bonn tanzt nach Vorschrift: Der Stadtgarten wird zum Lehrstück über eine Verwaltung, die urbane Kultur lieber regelt als ermöglicht

Ein Donnerstagabend im Bonner Stadtgarten. Menschen treffen sich, Musik läuft, Paare tanzen Salsa und Bachata. Keine Großveranstaltung, keine Tribüne, kein abgesperrtes Festivalgelände. Eine jener Formen städtischen Lebens, die einen öffentlichen Raum überhaupt erst zu einem öffentlichen Raum machen.

Die Bonner Verwaltung betrachtet die Sache offenbar durch eine andere Brille. Nach einem Bericht des General-Anzeigers sollen Veranstaltungen im Stadtgarten künftig verbindlich auf zwei Flächen konzentriert werden. Für neue Formate gelten strenge Vorgaben. Die Salsa-Gruppe „Salsa, bachata y más“ besitzt bereits seit 2023 einen Vertrag mit der Stadt über eine Fläche von rund 60 Quadratmetern. Dabei wurden Zeiten festgelegt. „Werbung“ ist untersagt. „Spenden“ dürfen ebenfalls nicht gesammelt werden. Nach Darstellung der Stadt könnte eine Veranstaltung durch Spenden einen kommerziellen Charakter erhalten. Eine merkwürdige Interpretation von Kommerzialität.

Man muss sich diesen Vorgang jenseits seiner verwaltungsrechtlichen Terminologie vor Augen führen: Bürger organisieren auf eigene Initiative ein kostenloses Kulturangebot. Sie benötigen kaum Infrastruktur. Sie verlangen von der Kommune kein kuratiertes Festivalprogramm und keinen Millionenetat. Ihre Tätigkeit besteht überwiegend darin, Musik anzuschalten und miteinander zu tanzen. Die kommunale Antwort besteht aus Flächenzuweisung, Zeitfenstern, Werbeverbot und Spendenverbot. So entsteht aus einem Tanzabend ein kulturpolitisches Dokument.

Kultur darf stattfinden, möglichst geräuschlos

Natürlich braucht ein Stadtgarten Regeln. Grünflächen müssen geschützt, Anwohner vor übermäßigem Lärm bewahrt und unterschiedliche Nutzungsinteressen miteinander vereinbart werden. Niemand kann aus öffentlichem Raum einen rechtsfreien Raum ableiten. Interessant wird der Bonner Fall dort, wo der Schutz einer Fläche in die Regulierung gesellschaftlicher Kommunikation übergeht.

Eine Stadt kann festlegen, dass keine Werbebanner an Bäumen hängen. Sie kann Verstärker begrenzen, Veranstaltungszeiten definieren und Besucherzahlen im Blick behalten. Was aber hat der Schutz eines Rasens damit zu tun, ob eine Salsa-Gruppe auf Instagram bekanntgibt, dass sie am Donnerstag tanzt?

Noch eigentümlicher wirkt das Spendenverbot. Die Verwaltung argumentiert dem General-Anzeiger zufolge mit der Gefahr eines „kommerziellen Charakters“. Damit verwandelt sich bereits der freiwillig gegebene Euro für Technik, Musik oder Organisation in ein verdächtiges ökonomisches Ereignis.

Eine Kulturpolitik, die zwischen Eintrittsgeld, Gewinnerzielung und freiwilliger Unterstützung nicht sauber unterscheidet, verrät ein bemerkenswertes Verständnis bürgerschaftlicher Initiative. Nach dieser Logik ist die kulturell ideale Veranstaltung kostenlos, unsichtbar und vollständig von der privaten Leistungsbereitschaft ihrer Organisatoren abhängig. Das kann kaum das Leitbild einer lebendigen Großstadt sein.

Der öffentliche Raum ist Teil der Kulturpolitik

Kulturpolitik wird in Bonn gern über Institutionen diskutiert. Theater, Oper, Beethoven, Museen, Festivals und große Häuser stehen im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit. Das ist verständlich. Institutionen kosten viel Geld, beschäftigen viele Menschen und prägen das kulturelle Selbstbild einer Stadt. Städtische Kultur entsteht allerdings auch dort, wo keine Intendanz existiert.

Menschen tanzen. Jugendliche fahren Skateboard. Musiker spielen. Nachbarschaften veranstalten kleine Feste. Initiativen treffen sich. Vereine präsentieren sich. Gruppen eignen sich für ein paar Stunden einen Platz an und geben ihn anschließend wieder frei. Gerade solche Aktivitäten entscheiden darüber, ob eine Innenstadt nach Geschäftsschluss weiterlebt.

Der Stadtgarten besitzt dafür eine besondere Qualität. Er liegt mitten zwischen Universität, Hofgarten, Innenstadt und Rhein. Wer dort tanzt, produziert keine geschlossene Veranstaltung hinter einer Bezahlschranke. Die Stadt selbst wird zur Bühne. Der General-Anzeiger berichtet zugleich, dass etablierte Formate wie Stadtgartenkonzerte, Silent Partys, der Bonn-Marathon und weitere Veranstaltungen auch künftig ihren Platz behalten sollen.

Damit drängt sich eine kulturpolitische Frage auf: Ist organisierte Kultur für die Verwaltung leichter zu akzeptieren, sobald sie institutionell bekannt, vertraglich eingehegt und organisatorisch professionalisiert ist? Die kleine selbstorganisierte Gruppe gerät leichter in die Logik des Ordnungsrechts. Gerade jene Kultur, die wenig kostet und aus der Bürgerschaft entsteht, benötigt dann überraschend viel Regulierung.

Bitte tanzen, aber erzählen Sie niemandem davon

Das Werbeverbot besitzt fast literarische Qualität. Eine genehmigte Veranstaltung darf stattfinden. Die Organisatoren sollen darüber allerdings möglichst wenig öffentlich kommunizieren. Nach dem Bericht werden konkrete Termine deshalb vor allem über eine WhatsApp-Gruppe verbreitet. Aus kulturpolitischer Perspektive ist das absurd.

Öffentlichkeit gehört zur Kultur. Wer zu einem offenen Tanzabend einlädt, betreibt noch kein Geschäftsmodell. Eine Terminankündigung bei Facebook macht aus Salsa keinen Einzelhandel. Ein Instagram-Post beansprucht keinen zusätzlichen Quadratmeter Grünfläche. Falls die Stadt eine Obergrenze der Teilnehmerzahl benötigt, kann sie eine Obergrenze festlegen. Falls Lärmschutz erforderlich ist, kann sie Lautstärke und Uhrzeit regeln. Aus einem Kapazitätsproblem folgt kein Kommunikationsverbot.

Hier zeigt sich eine Verwaltungsidee, die den Bürger zunächst als potenzielles Ordnungsproblem betrachtet. Jede zusätzliche Person erhöht aus dieser Perspektive das Risiko. Öffentlichkeit erscheint als Gefahr, Popularität als Belastung, Wachstum als Störung. Stadtpolitik müsste den Blick umdrehen: Eine Veranstaltung, zu der Menschen gern kommen, besitzt zunächst einmal einen öffentlichen Wert.

Der verdächtige Fünf-Euro-Schein

Beim Spendenverbot erreicht die Angelegenheit eine fast groteske Dimension. Niemand muss dulden, dass öffentliche Grünanlagen ohne Genehmigung kommerziell bewirtschaftet werden. Ein Veranstalter, der Eintritt kassiert, Getränke verkauft und Gewinne erwirtschaftet, bewegt sich in einer anderen Kategorie als eine informelle Tanzgruppe. Eine freiwillige Spende ist allerdings noch kein Beweis für kommerzielle Tätigkeit. Gerade kleine kulturelle Initiativen funktionieren häufig über genau solche Beiträge. Jemand bezahlt eine Musikbox, ein anderer übernimmt Technik, jemand organisiert, jemand bringt Material mit. Ein freiwilliger Beitrag verteilt diese Kosten auf mehrere Schultern.

Die Bonner Logik führt in die entgegengesetzte Richtung: Eigeninitiative ist willkommen, ihre Finanzierung wird suspekt. Auch juristisch ist diese Konstruktion keineswegs selbstverständlich. Ob die konkrete Vertragsklausel rechtswidrig ist, lässt sich seriös erst anhand des Originalvertrags, der zugrunde liegenden Satzungen und der rechtlichen Einordnung der Fläche abschließend beurteilen. Ein generelles Gleichsetzen von freiwilligen Spenden und kommerziellem Betrieb erscheint jedoch erheblich begründungsbedürftig. Kulturpolitisch fällt das Urteil schon früher.

Eine Stadt sollte froh über Menschen sein, die Freizeit, Energie und eigenes Geld investieren, um öffentliche Räume zu beleben. Sie sollte ihnen erklären, unter welchen fairen Bedingungen das möglich ist. Ein Verbot freiwilliger Unterstützung sendet die gegenteilige Botschaft.

Ausgerechnet unter Guido Déus

Für Oberbürgermeister Guido Déus besitzt dieser Vorgang eine besondere politische Dimension. Er steht inzwischen an der Spitze der Bonner Verwaltung. Als CDU-Ratsmitglied hatte Déus 2023 im Zusammenhang mit der Zukunft des Theaters Bonn eine Verwaltungsvorlage als „Arbeitsverweigerung der Stadtverwaltung“ bezeichnet und sich über gebrochene Absprachen beklagt. Das geht aus der Niederschrift der Ratssitzung hervor. Der damalige Verwaltungskritiker ist heute Verwaltungschef.

Damit eröffnet sich für ihn eine interessante Gelegenheit. Er könnte zeigen, dass politische Führung einer Stadtverwaltung auch darin besteht, deren Regelungsreflexe zu überprüfen. Nicht jede theoretisch denkbare Auflage ist eine kluge Auflage. Nicht jedes Risiko verlangt einen Vertragspassus. Nicht jede selbstorganisierte Aktivität benötigt ein administratives Korsett. Eine moderne Kommunalverwaltung erkennt den Unterschied zwischen Gefahrenabwehr und Gestaltung.

Große Stadtpolitik beginnt manchmal auf 60 Quadratmetern

Man könnte den Fall für eine Petitesse halten. Rund 60 Quadratmeter Stadtgarten, ein paar Dutzend Tänzer, ein Donnerstagabend im Sommer. Gerade deshalb ist er aufschlussreich. Große kulturpolitische Sonntagsreden sind leicht. Schwieriger ist die tägliche Begegnung zwischen Verwaltung und Bürgerinitiative. Dort entscheidet sich, welches Bild eine Kommune von ihren Einwohnern besitzt.

Sind Bürger Nutzer einer städtischen Fläche, deren Verhalten möglichst detailliert geregelt werden muss? Oder sind sie Mitproduzenten urbanen Lebens? Bonn müsste auf diese Frage eigentlich eine besonders eindeutige Antwort geben. Eine Stadt mit Universität, internationalem Publikum, Bundesinstitutionen, Kulturbetrieb und einer Innenstadt, die um Aufenthaltsqualität ringt, braucht Orte spontaner Begegnung. Der Stadtgarten kann ein solcher Ort sein.

Eine Salsa-Gruppe ist dabei kein Störkörper im öffentlichen Raum. Sie erfüllt ziemlich genau das, was Stadtentwickler andernorts mit beträchtlichem Aufwand herzustellen versuchen: Menschen kommen freiwillig zusammen, bleiben in der Innenstadt, bewegen sich, begegnen einander und schaffen Öffentlichkeit. Dafür muss kein neues Kulturzentrum gebaut werden. Man benötigt 60 Quadratmeter und Musik.

Eine Stadt darf ihren Bürgern etwas zutrauen

Die neue Stadtgartenordnung wird damit zu einem frühen Test für die Verwaltung unter Guido Déus. Natürlich muss die Stadt den Park schützen. Natürlich braucht sie nachvollziehbare Regeln für größere Veranstaltungen. Gerade ein viel genutzter innerstädtischer Raum verlangt Koordination. Doch Regeln verdienen ihre Legitimation durch ihren Zweck.

Ein Werbeverbot, das eine erlaubte kulturelle Aktivität aus der Öffentlichkeit drängt, braucht eine sehr gute Begründung. Ein Spendenverbot, das freiwillige Unterstützung mit Kommerzialisierung gleichsetzt, braucht sie erst recht. Bonn könnte aus dem Vorgang sogar ein kleines Reformprojekt machen. Statt immer feinere Verbotskataloge zu produzieren, könnte die Verwaltung einfache Kriterien für nichtkommerzielle Bürgerveranstaltungen entwickeln: transparente Flächen, nachvollziehbare Zeiten, Schutz von Grün und Anwohnern, einfache Anmeldung und möglichst große Freiheit innerhalb dieses Rahmens.

Das wäre Stadtpolitik im eigentlichen Sinn. Denn eine lebendige Stadt entsteht nicht durch vollständige administrative Kontrolle. Sie entsteht durch Regeln, die genügend Raum lassen, damit Bürger etwas anfangen können. Und manchmal beginnt diese Freiheit damit, dass man Menschen einfach tanzen lässt.

Die Bombe sitzt im Kopf: Über innere Feinde und Sicherheitspsychosen

Edgar Piels Hörspiel „Malchers Wahn oder Die Menschliche Bombe“ verwandelt die atomare Abschreckung in eine Psychose der totalen Sicherheit

Ein Tonbandgerät stellt seinen Dienst ein. Die Spulen werden langsamer und bleiben stehen. Der Bundestagsabgeordnete Siegfried Malcher blickt auf das Gerät, als habe er gerade einen unsichtbaren Krieg gewonnen. Der Journalist Theo Güllner vermutet einen leeren Akku. Doch er hatte die Batterie vor dem Interview geprüft.

(Das Hörspiel gibt es auf dem YouTube-Kanal von Edgar Piel in drei Teilen)

Durch diesen winzigen Riss dringt das Phantastische in die Bonner Republik. Malcher glaubt, elektronische Geräte mit seinen Gedanken ausschalten zu können. Was wie Größenwahn klingt, folgt der Logik seiner Epoche. Die atomare Abschreckung sucht nach der vollkommenen Waffe. Malcher macht sich selbst zu dieser Waffe.

Edgar Piel erzählt eine politische Krankengeschichte. Sein Abgeordneter hat den Sicherheitsbegriff so tief verinnerlicht, dass jede menschliche Bindung zum Risiko wird. Das Hörspiel fragt nach dem Preis einer Gesellschaft, die überall Gefahren erkennt und den Schutz vor ihnen zum obersten Zweck erklärt.

Edgar Piel, mein Freund und früherer Kollege am Institut für Demoskopie Allensbach, baut seine Hörspiele um kleine Geheimnisse. In „Malchers Wahn“ führen die Spuren in die Sicherheitspolitik des Kalten Krieges, zu amerikanischen Geheimdienstexperimenten und in die Nibelungensage. Sie führen ebenso in eine Gegenwart, in der der Verdacht auf einen inneren Feind politische Lebensläufe prägt.

Ein Interview verliert den Boden

Güllner soll den aufstrebenden Sicherheitspolitiker porträtieren. Malcher, Jahrgang 1944, Jurist und seit 1982 Mitglied des Bundestages, gilt unter Parteifreunden und Experten als kommender Mann. Sein Weg könnte bis ins Verteidigungsministerium führen. Piel versieht die Figur mit einer genauen politischen Biografie, hält ihren institutionellen Ort jedoch in leichter Unschärfe. Malcher bündelt ein Bonner Milieu in einer Kunstfigur.

Zunächst erreicht Güllner nur das Privathaus des Abgeordneten. Dort öffnet Edith Malcher die Tür. Der Journalist erliegt ihrem Reiz, und aus dem geplanten Interview wächst eine Affäre. Bereits diese Begegnung verknüpft Politik und Intimität. Während Malcher an der Sicherheit der Menschheit arbeitet, durchbricht seine Frau das elektronische Sicherungssystem des Hauses, um ihre Liebhaber einzulassen.

Später empfängt Malcher den Reporter in seinem Bonner Amtszimmer. Kameras, Wachposten, Sicherheitsschleusen und verwirrende Flure umgeben Raum 525. Das Gebäude erscheint als gebaute Form seines Denkens. Jede Tür verlangt eine Legitimation, jeder Weg führt durch Kontrolle, Kameras könnten jeden Blick aufzeichnen.

Sicherheit frisst Vertrauen

Malchers Denken beginnt mit einem vernünftigen Satz: Im Menschen wirke ein elementares Bedürfnis nach Sicherheit. Aus diesem Bedürfnis baut er ein Weltbild. Er sammelt Versicherungen, kontrolliert Räume und stattet sein Haus mit elektronischen Sperren aus. Die Technik soll den Zufall fernhalten. Jeder neue Sensor erzeugt jedoch eine weitere Angriffsfläche. Eine fremde Macht könnte die Kamera übernehmen, das Mikrofon anzapfen oder den Alarmcode stehlen.

Die Festung verwandelt sich in eine Falle. Malcher sucht Schutz und findet weitere Gefahren. Seine Kontrolltechnik produziert genau jene Unsicherheit, die sie beseitigen soll. So beginnt ein Kreislauf, der sich aus jeder Störung neue Nahrung verschafft.

Edith führt diese Besessenheit auf eine frühe Erfahrung zurück. Malchers Mutter verließ die Familie. Der Sohn reagierte mit Planung: Jurastudium, sichere Stellung, frühe Ehe, fünf Ordner voller Versicherungspolicen. Der Verlust wurde zur inneren Verfassung seines Lebens. Liebe bedeutete fortan Abhängigkeit, Abhängigkeit öffnete den Weg zur Erpressung.

Eine zeitgeschichtliche Spur führt zu Klaus von Schuberts Aufsatz „Bedingungen des Überlebens“, der 1980 in Bonn erschien. Von Schubert beginnt ebenfalls beim menschlichen Grundbedürfnis nach Sicherheit. Er beschreibt eine Zivilisation, die sich mit ihren Waffen in die Lage des Zauberlehrlings gebracht hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt den Aufsatz in ihrem Archiv bereit.

Der innere Feind zieht ins Wohnzimmer

Malchers Denken folgt einer Logik, die auch Sicherheitsapparate erfassen kann. Geheimdienste schulen ihre Mitarbeiter darin, Auffälligkeiten zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und hinter sichtbaren Vorgängen verborgene Absichten zu suchen. Diese Arbeit braucht Zweifel und methodische Kontrolle. Fehlt die Grenze, entwickelt der Verdacht einen eigenen Sog. Jede Widerlegung gilt dann als besonders geschickte Tarnung.

Ich habe diese Logik Jahre später in einer Satire über die deutschen Geheimdienste aufgegriffen. Anlass war der Umgang der Bundesregierung mit Edward Snowdens Enthüllungen. Hans-Georg Maaßen, damals Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, lobte die Auskunftsbereitschaft der NSA und verteidigte die enge Zusammenarbeit mit den Diensten der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erkannte in der Kritik rasch antiamerikanische Reflexe. Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erklärte die Vorwürfe gegen die amerikanischen und britischen Dienste im August 2013 für erledigt. Die damalige Erklärung dokumentiert die „Zeit“.

Meine Satire ließ die Dienste daraufhin eine interne Volkszählung veranstalten. Die Behörde sortierte ihre Mitarbeiter in Vollpfosten, Dummschwätzer und paranoide Aktenknechte. Lügendetektoren, Psycho-Kreuzworträtsel, Malwettbewerbe und Fußballfragen sollten den inneren Feind enttarnen. Der äußere Gegner konnte im Osten, Westen oder am Nordpol sitzen. Der Kollege am Nachbarschreibtisch wirkte plötzlich verdächtiger.

Hinter dem Spott stand eine persönliche Erfahrung. In meinem Umfeld kannte ich Menschen, die nahe an NATO-Strukturen arbeiteten und sich über Jahre fast ausschließlich mit Sicherheitsfragen beschäftigten. Bei einigen wanderte die berufliche Verdachtslogik ins Privatleben. Sie sortierten Bekannte nach möglichen Loyalitäten, lasen beiläufige Äußerungen als Hinweise und deuteten Widersprüche als Verschleierungsversuche. Der innere Feind schien in der Organisation, im Freundeskreis und in der Familie zu lauern.

Eine ständige Beschäftigung mit Täuschung, Verrat und Angriff kann die Wahrnehmung besetzen. Aus einer denkbaren Gefahr wächst eine wahrscheinliche Gefahr. Bald erscheint sie als Gewissheit. Der Verdacht braucht dann weder Beleg noch Korrektur. Aus einer engen Freundin oder einem engen Freund wird plötzlich ein Feind auf Basis von konstruierter Realität.

Maaßen und die Fata Morgana des Verdachts

Hans-Georg Maaßens späterer Weg gibt der alten Satire eine düstere Nachgeschichte. Sein politischer Kurs entfernte ihn Schritt für Schritt von der Mitte. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt griff er gesellschaftliche Gruppen, Medien und politische Gegner mit Begriffen an, die Kritiker als rechtspopulistisch, rassistisch und verschwörungsideologisch einordneten. 2024 verließ er die CDU und gründete die Partei WerteUnion, die einen Platz zwischen Union und AfD suchte. Der Deutschlandfunk zeichnet diesen Weg und die umstrittenen Äußerungen nach.

Dann nahm die Geschichte eine fast pielsche Wendung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz behandelte seinen früheren Präsidenten als „rechtsextremes Beobachtungsobjekt“. Maaßen weist diese Einstufung zurück und klagt vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen seine ehemalige Behörde. Der einstige Beobachter wurde zum Beobachteten. Der frühere Kenner des inneren Feindes geriet selbst unter Verdacht.

Im Oktober 2025 verließ Maaßen auch die von ihm gegründete WerteUnion. Im August 2026 erklärte er sich angesichts der Spekulationen über eine AfD-geführte Regierung in Sachsen-Anhalt für ein politisches Amt verfügbar. Die „Berliner Zeitung“ überschrieb das Interview mit seinem Satz „Ich stehe zur Verfügung“.

Eine Ferndiagnose verbietet sich. Der öffentlich dokumentierte Weg zeigt eine politische Radikalisierung, die immer neue steuernde Mächte und feindliche Kräfte entdeckt. Medien, Parteien, Behörden, Regierungen und gesellschaftliche Gruppen verschmelzen in einem geschlossenen Deutungssystem. Jeder Widerspruch liefert diesem System weiteres Material.

Malcher verkörpert die literarische Extremform dieses Vorgangs. CIA, KGB, Ärzte, Journalisten und sogar Edith können Teil eines unsichtbaren Zugriffs sein. Jede Beziehung bildet eine undichte Stelle. Liebe wird zur Erpressbarkeit, Vertrauen zum Sicherheitsrisiko, Nähe zum Einfallstor. Der innere Feind wandert schließlich in Malchers Bewusstsein und besetzt es vollständig.

„Star Wars“ erobert das Bonner Amtszimmer

Im Interview spricht Malcher über die amerikanische Strategic Defense Initiative, kurz SDI. Ronald Reagan hatte das Programm am 23. März 1983 angekündigt. Weltraumgestützte Systeme sollten anfliegende Atomraketen abfangen und die Abhängigkeit von der gegenseitig garantierten Vernichtung verringern. Reagan verband damit die Vision, ballistische Nuklearwaffen eines Tages militärisch wirkungslos und überholt zu machen. Die Reagan Library dokumentiert die Rede von 1983.

Fünf Jahre später beschrieb Reagan die strategische Verteidigung als moralisch vorzugswürdigen Weg zu einer sichereren Abschreckung. Seine Erklärung zum fünften Jahrestag von SDI steht ebenfalls im Archiv. Malcher übernimmt diese Erlösungsrhetorik und treibt sie weiter. Er spricht von Laserkanonen über Tausende Kilometer, adaptiven Spiegeln im Weltraum, elektromagnetischen Geschützen und Rechenleistungen, die 1989 futuristisch klangen. Mehrere Abwehrgürtel sollen jede Rakete vernichten.

Malcher nennt das geplante System eine humane Waffe. Das Wort verrät seine moralische Sehnsucht. Er will eine Macht besitzen, deren bloße Existenz den Krieg aufhebt. Doch jeder Schutzschirm behält eine Lücke. Elektronische Abwehrsysteme bleiben anfällig für elektronische Störungen. Darum sucht Malcher nach einer Kraft, die sämtliche Geräte ausschalten kann.

Während des Interviews richtet er seinen Blick auf Güllners Tonbandgerät. Die Spulen stocken. Malcher wirkt erschöpft und zugleich triumphierend. Der Apparat schweigt, und aus dem Sicherheitspolitiker wird eine mögliche Wunderwaffe.

Das Phantastische beginnt mit einem leeren Akku

„Wie können wir überleben, wenn das Phantastische in die Realität eingebrochen ist?“ Malcher schiebt Güllner diese Frage unter. Er erfindet die Frage seines Interviewers und liefert damit die Bauanleitung des Hörspiels.

Der Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov beschreibt das Phantastische als ein Zögern zwischen einer natürlichen und einer übernatürlichen Erklärung. Piel hält beide Möglichkeiten offen. Der Akku könnte versagt haben. Güllner hatte ihn geprüft. Malcher könnte einer Psychose erliegen. Der Ausfall ereignet sich dennoch im Augenblick seiner geistigen Anstrengung.

Edith löst einen Teil des Rätsels. Sie schaltet die Alarmanlage des Hauses heimlich aus, sobald sie einen Liebhaber empfängt. Malcher bemerkte die Störungen und schrieb sie seiner geistigen Kraft zu. Das Tonband bleibt unerklärt. Die Alltagslist der Ehefrau entzaubert den angeblichen Psychozauber und schützt zugleich den Rest des Geheimnisses.

Piels eigene Bücher weisen auf diese Konstruktion. 1978 veröffentlichte er „Der Schrecken der ‚wahren‘ Wirklichkeit. Das Problem der Subjektivität in der modernen Literatur“. 1988, ein Jahr vor der Erstausstrahlung, folgte „Wenn Dichter lügen … Literatur als Menschenforschung“. Der KIT-Katalog verzeichnet den ersten Band; die Deutsche Digitale Bibliothek dokumentiert weitere Arbeiten Piels.

Das Hörspiel setzt diese Literaturtheorie akustisch in Bewegung. Piel untersucht den Menschen mit einer erfundenen Wirklichkeit, die sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht. Der Hörer muss urteilen und behält seinen Zweifel.

Die Geheimdienste erforschen den Geist als Waffe

Malchers psychische Bombe entstand aus einer Fantasie, die während des Kalten Krieges auch militärische Planer beschäftigte. Amerikanische Geheimdienste und Forschungsstellen untersuchten sogenannte psychoenergetische Phänomene. Dazu zählten Fernwahrnehmung, Telepathie (selbst Albert Einstein beschäftigte sich damit) und die angebliche Fähigkeit, entfernte Gegenstände oder technische Systeme durch mentale Kräfte zu beeinflussen.

Ein freigegebenes Dokument mit dem Titel „On the Strategic Potential of ESP“ erörtert sogar die Möglichkeit, psychisch begabte Personen könnten militärische Geräte aus großer Entfernung stören. Das Dokument liegt im digitalen Lesesaal der CIA. Ein Papier zum Projekt CENTER LANE definiert „Psychoenergetik“ als mentalen Vorgang, der Eigenschaften eines räumlich entfernten Ziels erfassen oder beeinflussen könne. Das Memorandum stammt vom 17. Juli 1984.

Die CIA bestätigt heute die amerikanischen Programme zur Fernwahrnehmung seit den frühen siebziger Jahren. Spätere Vorhaben trugen Namen wie GRILL FLAME und STARGATE. Eine Untersuchung von 1995 bewertete die Resultate als unzuverlässig für geheimdienstliche Zwecke. Die CIA schildert die Geschichte in einem Rückblick.

Das passt zum Malcher-Stück: Ein Mensch soll elektronische Militärsysteme durch Konzentration ausschalten. Piel formt aus einer realen Randzone der Rüstungsforschung den Kern von Malchers vermeintlichem Wahn. Die strategische Fantasie seiner Epoche spricht aus ihm.

Siegfried sucht den lückenlosen Panzer

Auch Malchers Vorname trägt eine Spur. Der Siegfried des Nibelungenliedes badet im Blut des Drachen und erlangt fast vollständige Unverwundbarkeit. Ein Lindenblatt bedeckt eine kleine Stelle seines Körpers. Dort bleibt er verletzlich.

Siegfried Malcher träumt ebenfalls von einem lückenlosen Schutz. Sein unsichtbarer Panzer soll sogar die Menschheit umfassen. Doch seine verwundbare Stelle heißt Edith. Solange er sie liebt, kann ein Gegner sie bedrohen. In der psychiatrischen Klinik beginnt er deshalb, diese Liebe aus seinem Leben zu löschen. Er verstummt gegenüber Edith und verweigert ihr den Blick. So will er jede Erpressbarkeit beseitigen.

Der Versuch macht ihn starr. Malcher sitzt da „wie eine geladene Bombe“. Sein Schutz verlangt den Abbruch aller Bindungen. Ohne Liebe verliert er seine verwundbare Stelle und zugleich den Grund, die Menschheit retten zu wollen. Der Name Siegfried verbindet Sieg und Frieden. Auch die atomare Abschreckung verspricht Frieden durch überwältigende Macht. Malchers Vision vollendet diese Logik im eigenen Körper.

Seine Macht bindet ihm die Hände

Malcher nennt sich die „psychische Bombe“. Er könne alle elektronischen Waffen ausschalten und das Atomzeitalter beenden. Doch ein öffentlicher Beweis würde die Geheimdienste auf ihn aufmerksam machen. CIA, KGB oder eine unbekannte Macht könnten ihn gefangen nehmen und seine Fähigkeit für eigene Zwecke nutzen.

Verweigert Malcher den Beweis, erklären ihn die Ärzte für krank. Führt er ihn vor, liefert er sich den Mächten aus, die er fürchtet. Seine Macht bindet ihm die Hände. Die Weltrettungswaffe darf ihren eigenen Test niemals bestehen.

Damit wiederholt Malcher die Logik der atomaren Abschreckung in einem einzelnen Menschen. Eine Abschreckungswaffe erfüllt ihren Zweck durch ihre ungenutzte Einsatzmöglichkeit. Ihr Gebrauch zeigt das Scheitern der Abschreckung. Auch Malchers Fähigkeit kann die Welt nur retten, solange sie verborgen bleibt.

Sein Körper wird zum geheimsten Waffensystem der Bundesrepublik. Er dient als Gefechtsstand, Gefängnis und möglicher Schutzschirm. Edith beschreibt seinen Größenwahn mit einem Satz: „Er sagt, er sei die Menschheit.“ Malcher verschmilzt seine private Angst mit der globalen Bedrohung. Seine eigene Rettung und die Rettung der Welt fallen zusammen.

Der Reporter verliert seinen Beweis

Theo Güllner könnte Ordnung in die Geschichte bringen. Er arbeitet als Journalist, führt das Aufnahmegerät mit sich und soll Fragen stellen. Doch Piel beschädigt seine Glaubwürdigkeit. Güllner schläft mit Edith, sucht eine aufregende Geschichte und betrachtet die Beteiligten als Material. Das Wort „phantastisch“ gebraucht er für Malchers strategische Visionen und für Frauen, die ihn erotisch reizen.

Das Tonband könnte als objektiver Zeuge dienen. Ausgerechnet dieses Gerät versagt im entscheidenden Augenblick. Später sendet Güllner das Interview nie. Ihm fehlt eine belastbare Erklärung. Der Bericht über den psychisch erkrankten Abgeordneten bleibt ebenso unbeweisbar wie die Geschichte eines Politikers mit psychokinetischer Kraft.

Güllner gerät damit in die Lage des Publikums. Er besitzt Eindrücke, Erinnerungen und Verdachtsmomente. Eine gesicherte Wirklichkeit entzieht sich ihm. Bald widmet er sich einer neuen „phantastischen“ Frau namens Sabine. Malcher bleibt in der Klinik zurück, Edith bei einem Mann, der sie aus seinem Denken entfernt hat.

Das Hörspiel bedroht sein eigenes Medium

Piel erzählt die Geschichte als Hörspiel und macht die Aufzeichnung selbst zum Gegenstand. Ein Hörspiel lebt von Mikrofon, Tonband, Übertragung und elektronischer Reproduktion. „Malchers Wahn“ handelt von einem Mann, der genau diese Technik durch Gedanken ausschalten kann. Das Medium führt seine eigene mögliche Vernichtung vor.

Wir hören eine Aufnahme über eine Aufnahme, die im entscheidenden Augenblick abbricht. Solange Güllners Gerät läuft, scheint die Wirklichkeit dokumentierbar. Mit dem Stillstand der Spulen beginnt das Phantastische. Der technische Ausfall trennt das politisch Sagbare vom Ungeheuerlichen.

Matthias Thurows Musik öffnet dazu einen apokalyptischen Raum. Ihre Bilder vom Knopfdruck, nach dem die Welt ohne Menschen weiterbesteht, begleiten Malchers Erlösungsfantasie. Der Abgeordnete träumt von der Überwindung der Bombe und verwandelt sich dabei selbst in eine.

Die Fata Morgana der vollkommenen Sicherheit

Piels kleines Geheimnis entsteht aus der Überlagerung von Literatur, Zeitgeschichte und Mythos. Der leere Akku hält das Geschehen zwischen Psychose und Psychokinese. Die amerikanischen Programme zur Psychoenergetik geben Malchers Menschenwaffe einen realen historischen Schatten. Der Name Siegfried verweist auf den Traum vom lückenlosen Panzer und auf die winzige Stelle, an der jeder Panzer versagt.

Der innere Feind verbindet diese Spuren. Malcher entdeckt ihn in elektronischen Geräten, fremden Diensten, Ärzten und geliebten Menschen. Schließlich richtet sich der Verdacht gegen sein eigenes Leben. Was er schützen will, muss er kontrollieren. Was er kontrolliert, erscheint ihm bald als mögliche Gefahr.

Der liberale Rechtsstaat braucht Sicherheitsbehörden, Nachrichtendienste und militärische Vorsorge. Zugleich braucht er Grenzen für ihre Begriffe und Methoden. Verdacht verlangt überprüfbare Gründe. Behörden brauchen parlamentarische Kontrolle. Politische Behauptungen müssen an Tatsachen scheitern können. Sonst verwandelt sich die Suche nach dem Feind in ein System, das überall Bestätigung findet.

Maaßens politischer Weg gibt dieser Warnung eine heutige Kontur. Wer der Fata Morgana des inneren Feindes folgt, verlegt die Grenze des Verdachts immer weiter ins Zentrum der Gesellschaft. Piels Malcher geht den ganzen Weg. Er möchte die Menschheit schützen und verliert dabei den Zugang zu den Menschen.

Vollkommene Sicherheit verlangt bei ihm eine Welt ohne Zufall, Verrat, Liebe und Freiheit. Das spielte auch beim Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke eine Rolle:

Eine solche Welt wäre unangreifbar. Sie wäre auch unbewohnbar. Darum wirkt „Malchers Wahn“ im Jahr 2026 so gegenwärtig: Das Hörspiel zeigt, wie eine vernünftige Aufgabe zur alles beherrschenden Idee anwächst und ihren Träger verschlingt.

„Malchers Wahn oder Die Menschliche Bombe“, Hörspiel von Edgar Piel, WDR 1989. Regie: Heinz Dieter Köhler. Komposition: Matthias Thurow. Technische Realisierung: Renate Schlichthörlein und Irene Blaich. Regieassistenz: Annette Kurth. Mit Rudolf Kowalski als Theo Güllner, Cornelia Froboess als Edith Malcher und Peter Fricke als Siegfried Malcher. Erstausstrahlung: 28. Mai 1989. Spieldauer: 38 Minuten 20 Sekunden. Eintrag in der ARD-Hörspieldatenbank.

Duisdorfs Leerstand hat eine lange Geschichte – und verlangt eine neue Stadtökonomie

Wir machen das Einkaufserlebnis schöner….nicht wirklich

Der „General-Anzeiger“ schaut auf die Rochusstraße und findet Händler zwischen Sommerhitze, Stammkundschaft und leeren Schaufenstern. Für mich führt die Geschichte weit zurück. Seit mehr als fünfzehn Jahren beobachte ich in Bonn-Duisdorf, wie das alte Geschäftsmodell der Fußgängerzone an Kraft verliert. Aus einzelnen Pleiten ist ein stadtökonomisches Problem geworden.

Eine Ladenfläche in der Rochusstraße soll seit rund zwölf Jahren leer stehen. Eine andere wartet seit dem Ende der Corona-Pandemie auf eine neue Nutzung. Der „General-Anzeiger“ beschreibt unter der Überschrift „Zwischen Hitzewelle und Leerstand“, wie die Geschäftsleute in Bonn-Duisdorf diesen Sommer erleben. Hitze und Ferien drücken bei manchen auf den Umsatz, gestiegene Preise und knappe Haushaltsbudgets verändern das Kaufverhalten. Andere Geschäfte leben von Stammkundschaft, persönlicher Beratung und einer über Jahre gewachsenen Bindung. Auf einer Zeitungsseite stehen damit kurzfristige Belastungen neben einer Entwicklung, die Duisdorf seit vielen Jahren prägt.

Die Hitzewelle erklärt einen schwachen August. Zwölf Jahre Leerstand verlangen eine andere Erklärung. Wer über die Rochusstraße spricht, muss über Onlinehandel, Immobilienpreise, Stadtplanung, Nutzungsmischung und die ökonomische Funktion einer Fußgängerzone sprechen. Genau diese Fragen begleiten meine Recherchen in Duisdorf seit den frühen Jahren des Social Web.

2013 hieß ein Symptom „Schnauze“

Am 5. Januar 2013 schrieb ich über einen kleinen Tierfutterladen mit GLS-Paketshop, der den programmatischen Namen „Schnauze“ trug. Das Geschäft hatte schon nach gut einem halben Jahr aufgegeben. Rundherum verschwanden eine Billigbäckerei, ein Copyshop und ein Modeladen. Sonnenstudios, Kosmetikgeschäfte, Friseure, Fastfoodangebote und andere Konzepte kamen und gingen. Ich schrieb damals: An der Fluktuation der Geschäfte in meinem Wohnbezirk lassen sich die tektonischen Veränderungen des Handels erkennen.

Die damalige Beobachtung zielte auf den Service. Ein stationäres Geschäft brauchte schon 2013 einen guten Grund, weshalb Menschen dort ihre Zeit verbringen und ihr Geld ausgeben sollten. Persönliche Beratung, besondere Sortimente, Lieferung, Veranstaltungen, Dienstleistungen beim Kunden und echte Fachkenntnis konnten einen solchen Grund liefern. Der reine Warenverkauf verlor bereits damals an Wert, weil das Netz Auswahl, Preisvergleich und Bestellung bequem zusammenführte.

Ein Jahr später schrieb ich über die „ehrbaren Blumenkübel-Kaufleute“. Händler protestierten damals mit schwarzen Schaufenstern gegen den Onlinehandel. Die Reaktion wirkte wie der Versuch, eine wirtschaftliche Verschiebung durch symbolische Gegenwehr aufzuhalten. Schon 2014 lag die Diagnose auf dem Tisch: Amazon beschleunigte den Wandel, während Fußgängerzonen zugleich unter älteren städtebaulichen Fehlern litten.

Die Fußgängerzone geriet lange vor Temu unter Druck

Im Sommer 2013 hatte ich die Duisdorfer Einkaufsmeile mit der Fußgängerzone in St. Tönis verglichen. Dort protestierten Händler gegen das Internet und verwiesen auf Weihnachtsbeleuchtung, Begegnung und ihre Blumenkübel. In Duisdorf sah ich damals eine ähnliche Mischung aus Bäckereien, Optikern, Friseuren, Imbissen, Mobilfunkläden und kurzlebigen Dienstleistern. Meine Frage galt bereits der Urbanität: Welche Straße entsteht, sobald sich ihr wirtschaftlicher Sinn fast vollständig aus dem Verkauf standardisierter Waren ableitet?

Diese Frage ist 2026 dringlicher. Heute konkurriert ein Geschäft in der Rochusstraße mit Amazon, Zalando, Temu, Shein, AliExpress, TikTok Shop und einer Logistik, die Waren innerhalb kürzester Zeit bis an die Haustür bringt. Der Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann beschreibt den deutschen Non-Food-Handel als einen Markt unter massivem Druck. Die asiatischen Billigplattformen haben ihren Anteil nach seiner Darstellung inzwischen auf annähernd sechs Prozent gesteigert. Zugleich verliert der klassische deutsche Onlinehandel Marktanteile gegenüber Amazon und den asiatischen Plattformen.

Damit reicht der Wettbewerb bis tief in die kleinste Stadtteilstraße. Ein Duisdorfer Modegeschäft konkurriert mit Plattformen, die Millionen Produkte ausspielen, Preise permanent anpassen und Kunden über Datenmodelle individuell ansprechen. Ein Händler vor Ort braucht deshalb eine eigene ökonomische Funktion. Lage allein trägt das Geschäft immer seltener.

Dauerhafter Leerstand beschädigt die ganze Straße

Der aktuelle Bericht des „General-Anzeigers“ lenkt den Blick auf einen zweiten Faktor. Geschäftsleute sorgen sich um leerstehende Nachbarlokale. Heruntergekommene Fassaden ziehen nach ihrer Einschätzung das Erscheinungsbild der Rochusstraße herunter. Eine Modehändlerin verweist zugleich auf hohe Mieten. Ein anderer Händler berichtet von einer Fläche gegenüber seinem Geschäft, die seit ungefähr zwölf Jahren ungenutzt sein soll. Gewünscht wird ein aktiverer Umgang der Stadt mit Eigentümern und Nutzungsvorschlägen.

Damit verschiebt sich die Debatte vom Händler zur Immobilie. Jahrzehntelang funktionierten viele Innenstadtobjekte nach einer komfortablen Rechnung: hohe Frequenz, hohe Ladenmieten, hohe Immobilienwerte. Der Strukturwandel des Handels verändert diese Kalkulation. Heinemann verweist auf die Risiken, die aus sinkenden Mieten und fallenden Bewertungen entstehen können. Fremdfinanzierte Immobilien geraten bei größeren Abschreibungen schnell unter Druck.

Eine leerstehende Fläche kann deshalb jahrelang in einer ökonomischen Warteschleife hängen. Der Eigentümer hofft auf eine alte Miethöhe, der Markt trägt diese Miethöhe kaum noch, ein neuer Nutzer findet keine passende Kalkulation, die Kommune besitzt wenige Eingriffsmöglichkeiten. Währenddessen verliert die Straße an Attraktivität. Jeder weitere Leerstand verschlechtert die Bedingungen für die verbliebenen Geschäfte.

Wirtschaftsförderung braucht eine neue Maßeinheit

Die klassische Wirtschaftsförderung misst ihren Erfolg gern an Ansiedlungen. Laden leer, neuer Mieter gefunden, Vorgang erledigt. Dieses Verfahren stößt an seine Grenzen, sobald die nächste Nutzung wieder aus einem Geschäftsmodell besteht, das nach zwei Jahren verschwindet.

Die interessantere Kennzahl lautet: Welche Funktion erfüllt eine Fläche für das Quartier? Ein ehemaliges Geschäft kann Praxis, Büro, Werkstatt, Atelier, Bildungsort, gastronomischer Treffpunkt, Gesundheitsdienstleister oder Showroom werden. Einzelhandel bleibt Teil der Mischung. Die Rochusstraße gewinnt an wirtschaftlicher Stabilität, sobald Menschen aus vielen Gründen dorthin kommen.

Heinemann empfiehlt Kommunen, über den Rückbau überdimensionierter Einkaufsbereiche, den Erwerb problematischer Immobilien und flexiblere Nutzungsregeln nachzudenken. Gerade alte Vorgaben für Handelsnachnutzungen können Flächen blockieren. Solche Änderungen kosten Geld, und viele Städte verfügen über geringe finanzielle Spielräume. Heinemann verbindet die Innenstadtfrage deshalb mit der kommunalen Finanzausstattung und fordert eine stärkere Verankerung des Konnexitätsprinzips zugunsten von Städten und Gemeinden.

Für Bonn ergäbe sich daraus eine konkrete Agenda. Die Stadt könnte Leerstände systematisch erfassen, Eigentümer früher ansprechen, Umnutzungen beschleunigen und problematische Erdgeschossflächen gemeinsam mit dem Quartier entwickeln. Wirtschaftsförderung würde dann Flächen kuratieren und neue Nutzungen ermöglichen. Die Zahl der klassischen Einzelhandelsgeschäfte verlöre ihren Rang als zentrale Erfolgsgröße.

Thalia und dm zeigen die Richtung

Auch der Handel selbst liefert Beispiele für eine neue Logik. Heinemann nennt Thalia als erfolgreichen Fall. Der Buchhändler verbindet Filialen, Onlinegeschäft, Tolino und Kooperationen mit lokalen Buchhandlungen. Das Unternehmen behandelt die Filiale als Teil eines größeren Systems. Der Kunde begegnet der Marke im Laden, auf der Plattform, beim E-Book und über digitale Services.

Ähnlich interessant ist dm. Der Drogeriemarkt erweitert Filialen um Gesundheitsangebote wie Augenscreenings, Hautanalysen oder Blutuntersuchungen und arbeitete früh mit datenbasierter Warensteuerung. Heinemann beschreibt Warenwirtschaft und Daten als Grundlage für moderne Handelsmodelle.

Für eine Stadtteilstraße bedeutet das keinen Aufruf zur Kopie großer Ketten. Das Prinzip lässt sich auf kleinere Unternehmen übertragen. Ein Einrichtungshaus verkauft Beratung und organisiert Lieferung. Eine Buchhandlung schafft Veranstaltungen und lokale Gemeinschaft. Ein Modegeschäft verbindet Sortiment mit persönlicher Auswahl und digitaler Kommunikation. Ein Café schafft Aufenthaltsqualität. Eine Werkstatt verbindet Reparatur, Verkauf und Wissen. Der physische Ort gewinnt seinen Wert durch Leistungen, die weit über das Regal hinausreichen.

Duisdorf braucht Stadt, Handel und Dienstleistungen in neuer Mischung

Im April dieses Jahres habe ich die Debatte bereits mit dem Innenstadt-Manifest von Zunft[Werk] verbunden. Dort entsteht ein anderes Bild der Innenstadt: lokale Produktion, Handwerk, flexible Räume, Gastronomie, Kultur, soziale Treffpunkte und digitale Dienste ergänzen den Handel. Für Duisdorf wäre eine solche Entwicklung besonders interessant, weil der Stadtteil bereits über gewachsene Strukturen, Vereine, Gastronomie, Schulen, Dienstleistungen und eine eigene lokale Identität verfügt.

Die Rochusstraße müsste dafür ihre Geschichte als reine Einkaufsachse hinter sich lassen. Sie könnte wieder stärker Stadtstraße werden: ein Ort zum Arbeiten, Essen, Reparieren, Lernen, Einkaufen und Treffen. Ein solcher Nutzungsmix verteilt das wirtschaftliche Risiko auf viele Funktionen. Auch die verbliebenen Händler profitieren von einer Straße, deren Frequenz aus mehreren Quellen entsteht.

Der heutige Bericht über Hitzewelle und Leerstand liefert deshalb einen guten Anlass für eine Debatte, die in Duisdorf längst überfällig ist. Meine alten Fotos und Texte aus den Jahren 2012, 2013 und 2014 wirken inzwischen wie eine Langzeitbeobachtung. Damals verschwanden „Schnauze“, Billigbäckerei, Copyshop und Modegeschäft. Heute berichtet die Lokalzeitung über eine Ladenfläche, die seit rund zwölf Jahren leer steht.

Fünfzehn Jahre Beobachtung führen zu einer klaren wirtschaftspolitischen Aufgabe. Bonn sollte weniger Energie darauf verwenden, das alte Bild der Einkaufsstraße zu konservieren. Die Stadt kann ihre Zentren als produktive Quartiere entwickeln, Eigentümer in diese Entwicklung einbeziehen und neue Nutzungen leichter ermöglichen. Duisdorf wäre ein guter Ort, damit anzufangen.