Die Wasserwirtschaft entdeckt ihre verborgenen Daten #WirtschaftsfaktorWasser

Drei Start-ups zeigen, wie KI, Physik und IoT aus alten Infrastrukturen neue Entscheidungssysteme machen

Die großen Debatten über Wasser beginnen oft bei Dürre, Hitze, Industrieansiedlungen, Flüssen, Kläranlagen und Milliardeninvestitionen. Die Start-up-Pitches auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Wasser“ führten in eine andere Ebene. Sie lag unter der Straße, in Rohren, in Füllstandsdaten, in Partikeln, in Pumpen, in Sensoren, in Cloud-Fragen und in Maschinen, die bisher kaum als digitale Vermögenswerte behandelt wurden.

Phillip Grimm von Pluvion, Tayyar Bayrakci von CyFract und Georg Dornaus von intelliThings präsentierten drei sehr unterschiedliche Antworten auf eine gemeinsame Frage: Wie wird eine Infrastruktur intelligenter, die jahrzehntelang gebaut, betrieben und repariert wurde?

Der Wassersektor braucht Geld. Das war an diesem Konferenztag oft zu hören. Die Pitches zeigten eine zweite Wahrheit. Geld allein reicht nicht. Es muss an die richtigen Stellen fließen. Es muss technische Risiken senken. Es muss Betriebskosten reduzieren. Es muss Daten nutzbar machen. Es muss aus Versorgungsinfrastruktur ein lernendes System schaffen.

Das Fremdwasser frisst Energie, bevor es jemand sieht

Phillip Grimm begann mit einem Problem, das fast idealtypisch für die Wasserwirtschaft ist: Fremdwasser. Es liegt unter der Straße. Es spritzt nicht aus einer Leitung. Es erzeugt selten Bilder. Es steht kaum in der Öffentlichkeit. Dennoch kostet es Milliarden.

Fremdwasser bezeichnet Wasser, das in der Kanalisation landet, obwohl es dort nicht hingehört. Grundwasser dringt durch beschädigte Leitungen ein. Wurzeln öffnen Wege. Fehlanschlüsse leiten Regenwasser in falsche Systeme. Illegale Anschlüsse belasten Netze zusätzlich. Im Ergebnis pumpen und behandeln Kommunen Wasser, für das niemand Gebühren zahlt und das in der Abwasserinfrastruktur Kapazität blockiert.

Grimm nennt einen europäischen Durchschnitt von rund 50 Prozent Fremdwasser in der Kanalisation. Manche Betreiber erreichen noch höhere Werte. Jeder zusätzliche Liter muss gepumpt und in der Kläranlage behandelt werden. Damit steigt der Energieverbrauch. Die Kläranlage ist in vielen Kommunen einer der größten Stromverbraucher. Fremdwasser wird so zum versteckten Energieproblem.

Bei Starkregen verschärft es die Lage. Kanäle, die bereits durch Fremdwasser gefüllt sind, laufen schneller über. Mischwasser kann in Gewässer gelangen. Das ökologische Problem beginnt dann in einem Informationsdefizit.

Das teuerste Asset der Kommune liegt im Boden

Grimm rückt den Blick auf den Wert des Kanalnetzes. Deutschland verfügt über Hunderttausende Kilometer kommunaler Kanalleitungen. Der Wiederbeschaffungswert liegt im hohen dreistelligen Milliardenbereich. Diese Infrastruktur ist eines der wertvollsten Vermögen vieler Städte und Gemeinden. Sie liegt verborgen im Boden.

Wer Brücken prüft, sieht Risse, Rost, Beton, Armierung. Wer Kanäle prüfen will, muss Schächte, Haltungen und Leitungen inspizieren. In einer Großstadt sind das Tausende Kilometer. In kleineren Gemeinden fehlt oft Personal. Die Fachkräfte kümmern sich zugleich um Straßen, Spielplätze, Winterdienst, Überläufe und Abwasserbetrieb. Viele stehen kurz vor dem Ruhestand. Die nächste Generation rückt zu langsam nach.

Pluvion setzt deshalb auf günstige Datenquellen. Füllstandsdaten aus dem Kanalnetz reichen aus, um mit Machine Learning Muster zu erkennen. Das System soll zeigen, aus welchen Bereichen besonders viel Fremdwasser kommt. Damit können Betreiber ihre Sanierungsmittel priorisieren. Der Euro fließt dorthin, wo er am meisten bewirkt.

Das ist keine technologische Spielerei. Es ist eine neue Investitionslogik. Die Wasserwirtschaft muss nicht alles gleichzeitig sanieren. Sie muss wissen, wo der größte Hebel liegt.

KI beginnt mit einfachen Messwerten

Interessant ist der Pragmatismus des Ansatzes. Pluvion braucht keinen Zugriff auf Live-Systeme oder SCADA-Strukturen. Personenbezogene Daten fallen nicht an. Füllstände genügen. Diese niedrige Eintrittsschwelle erklärt, weshalb gerade kleinere Betreiber aufgeschlossen reagieren. Dort ist der Druck hoch. Personal fehlt. Der Bedarf an Priorisierung ist groß.

Die häufigste KI-Debatte kreist um große Modelle, generative Systeme und spektakuläre Anwendungen. Im Kanalnetz wirkt KI bescheidener. Sie erkennt Muster in Füllständen. Sie grenzt Gebiete ein. Sie hilft, Sanierung zu planen. Sie alarmiert bei Auffälligkeiten.

Gerade diese Bescheidenheit macht den Ansatz wirtschaftlich interessant. Die Wasserwirtschaft braucht keine Show-Technologie. Sie braucht Systeme, die im Betrieb funktionieren.

CyFract stellt die Physik gegen den Energiehunger

Der zweite Pitch führte in den Wasser-Energie-Zusammenhang. Tayyar Bayrakci von CyFract stellte ein niedrigdruckbasiertes, filterloses System vor, das suspendierte Partikel aus Wasser entfernen soll. Der Kern ist ein kompakter Hydrozyklon, eine Art intelligentes Rohr, das Fluidkräfte nutzt. Keine beweglichen Teile. Geringer Druck. Geringer Energieeinsatz.

CyFract beschreibt das Verfahren als Alternative zu klassischen Filter- und Membransystemen in bestimmten Vorbehandlungsaufgaben. Diese Systeme brauchen Druck, Reinigung, Wartung und Energie. Besonders bei hoher Partikelfracht geraten Verfahren an Grenzen. CyFract will Partikel mit physikalischer Strömungsführung abscheiden.

Das Unternehmen nennt einen Prototypen mit zwei Metern Länge und 25 Millimetern Durchmesser. Die Durchflussleistung liegt bei 5000 Litern pro Stunde. Für Partikel von 50 Mikrometern wird eine Abscheideleistung von 98 Prozent angegeben. Das System befindet sich im Pilotstadium. Der nächste Schritt braucht Investoren, Technologiepartner und Pilotkunden.

Entsalzung sucht nach neuen Vorbehandlungen

Als Zielmarkt nennt Bayrakci besonders die Meerwasserentsalzung. Dort treffen Wasserbedarf, Energiepreise und physikalische Grenzen direkt aufeinander. Entsalzungsanlagen hängen an Vorbehandlung, Membranen, Druck, Wartung und Betriebskosten. Jede Technologie, die Partikel mit weniger Energie aus dem System nimmt, kann Gesamtkosten senken.

CyFract sieht Potenzial, die Kosten von Entsalzungsprozessen durch bessere Vorbehandlung deutlich zu reduzieren. Ob das im industriellen Maßstab gelingt, entscheidet sich jetzt in Pilotprojekten. Dort zeigt sich ein typisches Dilemma radikaler Innovation. Alle rufen nach neuen Lösungen. Sobald eine Lösung wirklich neu ist, verlangen Märkte Beweise, Referenzen, Umsätze, Langzeitdaten und Betriebserfahrung.

Das ist nachvollziehbar. Wasserinfrastruktur duldet wenig Risiko. Gleichzeitig blockiert diese Vorsicht oft Technologien, die gebraucht werden. Die Aufgabe lautet daher, Pilotierung, Risikoteilung und industrielle Erprobung so zu organisieren, dass neue Verfahren schneller aus dem Labor in den Betrieb kommen.

Georg Dornaus fragt zuerst nach dem Geschäftsmodell

Der dritte Pitch führte von neuen Verfahren zu bestehenden Maschinen. Georg Dornaus von intelliThings setzte dort an, wo viele Digitalprojekte in der Wasserwirtschaft scheitern: bei der Übersetzung einer funktionierenden Maschine in ein belastbares digitales Produkt.

Viele Anlagen laufen seit Jahren zuverlässig. Pumpen, Steuerungen, Dosiersysteme, Ventile und Sensoren erfüllen ihren Zweck. Doch sie liefern ihre Daten häufig nur lokal, fragmentiert oder gar nicht in einer Form, aus der Betreiber und Hersteller wirtschaftlichen Nutzen ziehen können. Dornaus formuliert dafür ein klares Ziel: Aus mechanischen Produkten sollen digitale Assets werden.

Für Betreiber bedeutet das höhere Verfügbarkeit. Sie wollen früher erkennen, wann eine Anlage ausfällt, weshalb sie ausfällt und wie sie schneller wieder in Betrieb kommt. Für Hersteller entsteht ein anderer Nutzen. Sie sehen, wie Kunden ihre Anlagen wirklich verwenden, welche Bauteile früher verschleißen, welche Betriebszustände Probleme verursachen und welche Muster über viele installierte Systeme hinweg erkennbar werden.

Der entscheidende Punkt liegt im Weg dorthin. Dornaus beschreibt ein Scheitern, das in vielen IoT-Projekten wiederkehrt. Unternehmen beginnen mit Technik. Sie stellen Softwareentwickler ein, bauen einen Prototyp, ergänzen eine App, suchen passende Hardware und stolpern dann über Security, Funkzulassung, Skalierung, Batterietransport, Entsorgung, Produktcompliance und Datenarchitektur. Aus einem Prototyp wird noch kein Produkt. Aus einer verbundenen Maschine entsteht noch kein Geschäftsmodell.

Besonders gefährlich wird es, wenn der Business Case im Verlauf des Projekts verschwindet. Dann sammeln Unternehmen Daten, ohne daraus Entscheidungen abzuleiten. Sie bauen Dashboards, die niemand nutzt. Sie erzeugen laufende Kosten für Cloud, Hardware und Wartung, ohne einen messbaren Mehrwert für Betreiber oder Hersteller zu schaffen. Digitalisierung wird dann zur Zusatzlast.

Dornaus dreht diese Logik um. Am Anfang muss der Use Case stehen. Welche Entscheidung soll besser werden? Welcher Ausfall soll vermieden werden? Welche Dokumentation lässt sich automatisieren? Welche Wartung wird planbarer? Welche Kosten sinken? Erst danach folgen Sensorik, Datenübertragung, Cloud, Edge-Logik und Analysemodelle.

KRITIS macht IoT zur Sicherheitsarchitektur

Der KRITIS-Gedanke verschärft diese Anforderungen. Wasserinfrastruktur gehört zur Daseinsvorsorge. Viele Betreiber fallen in den Bereich kritischer Infrastrukturen oder bewegen sich nahe daran. Für sie reicht ein hübsches Interface nicht aus. Sie müssen nachweisen können, dass eingesetzte Systeme sicher, beherrschbar, auditierbar und ausfallsicher sind.

Damit wird Security zur Produktfunktion. Ein Sensor im Kanal, eine Steuerbox an einer Pumpstation oder ein Gateway in einer Anlage ist physisch erreichbar. Wer einen Kanaldeckel öffnet, kann unter Umständen an Hardware gelangen. Deshalb muss Sicherheit bereits in der Entwicklung beginnen: verschlüsselte Protokolle, Schlüsselchips, saubere Identitäten, Rechtekonzepte, nachvollziehbare Updates, getrennte Rollen und dokumentierte Entscheidungen.

Cyber Resilience Act, NIS2, AI Act und KRITIS-Vorgaben erhöhen den Druck zusätzlich. Hersteller müssen verstehen, welche regulatorischen Pflichten ihre Kunden erfüllen müssen. Betreiber kritischer Infrastruktur dürfen keine Systeme einsetzen, deren Datenflüsse, Ausfalllogik oder Sicherheitsarchitektur unklar bleiben.

Dornaus benennt deshalb die Fragen, die über Vertrauen entscheiden: Wem gehören die Daten? Wo liegen sie? Wer darf sie auswerten? Was passiert, falls die Cloud nicht erreichbar ist? Welche Funktionen müssen lokal weiterlaufen? Welche Entscheidungen trifft ein Algorithmus? Wie werden diese Entscheidungen dokumentiert? Wer haftet, falls eine automatisierte Optimierung falsch liegt?

Gerade die Cloud-Frage zeigt die kulturelle Hürde der Wasserwirtschaft. Viele Entscheidungsträger in kritischer Infrastruktur misstrauen externen Cloud-Lösungen. Dieses Misstrauen ist nicht irrational. Es folgt aus Verantwortung. Wer für Versorgungssicherheit haftet, will seine Systeme verstehen. Deshalb braucht die Wasserwirtschaft flexible Architekturen: deutsche Cloud, private Cloud, On-Premise-Server, Edge-Verarbeitung und klare Trennung zwischen lokaler Betriebsfähigkeit und zentraler Auswertung.

Dornaus’ Beitrag macht deutlich: Digitalisierung der Wassertechnik ist kein App-Projekt. Sie ist Produktentwicklung unter KRITIS-Bedingungen. Sie verlangt Security by Design, Datenhoheit, auditierbare KI, belastbare Geschäftsmodelle und ein Verständnis für den Lebenszyklus vernetzter Hardware.

Der Nutzen kann erheblich sein. Anlagen werden besser dokumentiert, Wartung wird planbarer, Ausfälle werden früher erkannt, Hersteller lernen aus realen Betriebsdaten, Betreiber sichern Verfügbarkeit. Doch der Weg dorthin führt über Disziplin. Wer IoT als Zusatzmodul behandelt, scheitert. Wer es als reguliertes, sicherheitskritisches Produkt denkt, kann aus Wassertechnik ein digitales Profitcenter machen.

Drei Pitches, eine Richtung

Pluvion, CyFract und intelliThings stehen für drei verschiedene Innovationspfade. Pluvion macht verborgene Infrastruktur sichtbar und priorisiert Investitionen. CyFract arbeitet an einer physikalischen Lösung für energiearme Wasseraufbereitung. intelliThings digitalisiert bestehende Anlagen und sucht den wirtschaftlichen Nutzen in Daten, Betriebssicherheit und Dokumentation.

Gemeinsam zeigen sie, dass die Wasserwirtschaft vor einem Sprung steht. Der Sektor wird datenreicher, technischer, sicherheitskritischer und kapitalintensiver. Gleichzeitig bleibt er bodenständig. Die Probleme liegen in Kanälen, Pumpen, Rohren, Partikeln, Abwasserströmen, Sensoren und Wartungsplänen.

Die Start-ups erinnern daran, dass Innovation in der Wasserwirtschaft selten aus glänzenden Oberflächen besteht. Sie entsteht dort, wo Betreiber Kosten senken, Energie sparen, Ausfälle vermeiden, Sanierungen priorisieren und knappe Ressourcen länger nutzen.

Die neue Wasserökonomie beginnt im Betrieb

Der Wassersektor wird oft als konservativ beschrieben. Die Pitches zeichnen ein genaueres Bild. Betreiber sind vorsichtig, weil ihre Systeme funktionieren müssen. Sie tragen Verantwortung für Gesundheit, Umwelt, Versorgung und Gebühren. Diese Vorsicht ist kein Fehler. Sie wird aber zum Problem, sobald sie neue Lösungen blockiert, die dringend gebraucht werden.

Deshalb braucht die Wasserwirtschaft eine andere Innovationskultur. Pilotprojekte müssen schneller in Referenzen überführt werden. Kommunen brauchen niedrigschwellige Einstiege. Start-ups brauchen Zugang zu Daten und Anlagen. Investoren müssen längere Zyklen verstehen. Regulierung muss Sicherheit schaffen, ohne den Markt zu ersticken.

Die Start-up-Pitches zeigten keine fertige Revolution. Sie zeigten etwas Wichtigeres: konkrete Werkzeuge für eine Infrastruktur, die unter Druck gerät. Der nächste Effizienzsprung der Wasserwirtschaft liegt nicht allein im Neubau. Er liegt in der Frage, ob bestehende Systeme endlich lernen, ihre eigenen Daten zu nutzen.

Dresden baut den Wasserkreislauf der Chipindustrie #WirtschaftsfaktorWasser

Die Ansiedlung großer Halbleiterwerke zeigt, wie eng Industriepolitik, kommunale Infrastruktur und Bürgervertrauen inzwischen zusammengehören

Wasserpolitik klang lange nach Versorgungsroutine. Rohre, Pumpwerke, Kläranlagen, Gebührenbescheide. In Dresden zeigt sich nun eine andere Wirklichkeit. Dort entscheidet Wasser darüber, ob Europas Halbleiterstrategie im Alltag funktioniert.

Die Stadt wächst in eine industrielle Rolle hinein, die weit über Sachsen hinausweist. Der European Chips Act hat Europa gezwungen, seine Verwundbarkeit bei Halbleitern ernst zu nehmen. Dresden wurde einer der zentralen Orte dieser neuen Industriepolitik. Infineon baut aus, ESMC kommt hinzu, das Netzwerk Silicon Saxony verbindet Unternehmen, Forschung, Zulieferer und Politik. Die Chipindustrie bringt Arbeitsplätze, Investitionen, technologische Souveränität und Exportkraft. Sie bringt zugleich einen enormen Bedarf an Energie, Wasser, Abwasserinfrastruktur und öffentlicher Akzeptanz.

Auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Wasser“ machten René Reichardt, CEO von DAS Environmental Expert, und Gunda Röstel, kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden, sichtbar, wie solche Ansiedlungen gelingen können. Ihr gemeinsamer Befund ist einfach und unbequem: Wer Großindustrie plant, muss die Wasserfrage von Beginn an mitplanen.

Der Chip exportiert kein Wasser, seine Herstellung braucht es dennoch

Reichardt rückt eine häufig übersehene Unterscheidung zurecht. Ein Halbleiterchip enthält am Ende kein Wasser. Wasser bleibt am Standort. Doch seine Herstellung braucht große Mengen in hoher Qualität. Die Prozesse benötigen Wasser zur Reinigung, Kühlung, Abgasbehandlung, Aufbereitung und Prozessführung. Ein Teil lässt sich wiederverwenden, ein Teil wird behandelt, ein Teil gelangt nach Reinigung in die kommunale Infrastruktur.

Damit entsteht ein neues Verhältnis zwischen Industrie und Stadt. Die Fabrik steht nicht allein auf einem Grundstück. Sie hängt an Stromnetzen, Wasserleitungen, Abwasserkanälen, Flusswasserwerken, Kläranlagen, Genehmigungen, Gebührenmodellen und öffentlichem Vertrauen. Jede neue Produktionslinie berührt diese Systeme.

In Dresden liegen Energie, Trinkwasser, Abwasser, industrielle Aufbereitung und politische Steuerung in unterschiedlichen Händen. Genau deshalb braucht es Abstimmung. Reichardt verweist auf Sachsenenergie, die hohe Beträge in Netzinfrastruktur investiert. Er verweist auf Wasser- und Abwasseranlagen, Recyclinglösungen und ein neues Flusswasserwerk. Silicon Saxony beobachtet und begleitet diese Entwicklung als Netzwerk der Region.

Das ist moderne Industriepolitik im Detail. Sie besteht nicht aus einem Festakt zur Werkseröffnung. Sie besteht aus Leitungen, Kapazitäten, Genehmigungen, Messwerten, Bürgerdialog und Bauzeiten.

Die Stadt neben der Stadt

Röstel beschreibt die Größenordnung aus Sicht der Stadtentwässerung. Die Dresdner Kläranlage arbeitet mit etwa 800.000 Einwohnergleichwerten. Schon heute stammt ein erheblicher industrieller Anteil aus der Chipindustrie. Mit dem weiteren Ausbau entsteht faktisch ein zusätzliches Dresden im Abwasserhaushalt.

Diese Zahl erklärt, weshalb die Stadtentwässerung früh loslaufen musste. Seit 2020 begleitet Dresden den Hochlauf von Trinkwasser- und Abwasserseite eng. Kommune, Wirtschaftsförderung, Staatskanzlei, Wirtschaftsministerium und Infrastrukturbetreiber sitzen zusammen. Der Ausbau verlangte eine neue Leitung von mehr als zehn Kilometern Länge, gebaut durch sensible Stadträume, darunter die Dresdner Heide. Die Kosten liegen bei rund 75 Millionen Euro. Die Bauzeit: drei Jahre.

Röstel nennt das echte Deutschlandgeschwindigkeit. Der Satz hat Gewicht, weil er nicht aus einer Imagebroschüre stammt. Er beschreibt einen fertiggestellten Kanal, der rechtzeitig vor dem industriellen Bedarf bereitsteht. In der deutschen Infrastrukturdebatte ist das selten genug.

Transparenz schützt den Standort

Großansiedlungen dieser Art erzeugen Fragen. Woher kommt das Wasser? Fehlt es dann der Bevölkerung? Was passiert mit der Einleitung? Was geschieht mit der Elbe? Wächst die Industrie zulasten der Stadt?

Dresden reagierte mit Transparenz. Die Stadtentwässerung besuchte Fraktionen, erklärte Zahlen, öffnete Bücher, kommunizierte mit Medien, Unternehmen und Öffentlichkeit. Bei einem Tag der offenen Tür kamen mehr als 8000 Menschen auf die Kläranlage, viele Familien mit Kindern. Die Wasserfrage wurde nicht versteckt. Sie wurde erklärt.

Der Bau durch die Dresdner Heide hätte Proteste auslösen können. Die Beteiligten legten offen, weshalb die Schneise nötig war, wie renaturiert wird, wo Asphalt wieder verschwindet, welche Bäume neu gepflanzt werden. Daraus entstand keine konfliktfreie Idylle. Doch die Kommunikation verhinderte Eskalation.

Das ist ein wichtiger Teil strategischer Partnerschaften. Industrie, Kommune und Infrastrukturbetreiber müssen nicht nur technisch zusammenarbeiten. Sie müssen der Bevölkerung erklären, was passiert, weshalb es passiert und welche Folgen es hat.

Das Flusswasserwerk als Vertrauensangebot

Ein Kernpunkt ist die getrennte Versorgung der Industrie. Die Sorge vieler Bürgerinnen und Bürger lautet: Wenn Wasser knapp wird, produziert die Fabrik weiter und die Haushalte sollen sparen. Dresden begegnet dieser Sorge mit einem eigenen Versorgungskonzept.

Das neue Flusswasserwerk nutzt die Elbe. Nach Darstellung von Röstel liegt die Entnahmemenge bei etwa 0,21 Prozent. Selbst bei eingeschränkter Schifffahrt bleibt diese Entnahme möglich. Entnahme und Wiedereinleitung liegen räumlich nahe beieinander. So entsteht ein industrieller Kreislauf, der sich besser vermitteln lässt als eine unklare Konkurrenz um Trinkwasser.

Das ist Governance durch Technik. Die Infrastruktur selbst schafft Vertrauen, weil sie Konflikte entschärft. Sie trennt industrielle Bedarfe von der Trinkwasserversorgung und bindet den Standort zugleich in ein nachvollziehbares Kreislaufmodell ein.

Wasser und Energie bilden ein Paar

Reichardt mahnt dennoch zur Priorität der Energie. Wasser lässt sich technisch oft zurückführen, reinigen, aufkonzentrieren, wiederverwenden. Doch fast jeder dieser Schritte braucht Energie. Wer beliebig viel günstige Energie hätte, könnte Wasserkreisläufe weitgehend schließen. In der Wirklichkeit entscheidet der Energiepreis darüber, welche Wassertechnik wirtschaftlich betrieben werden kann.

Damit stehen Energie- und Wasserpolitik nicht nebeneinander. Sie bilden ein Paar. Wasserwiederverwendung, Abwasserbehandlung, Gallium-Rückgewinnung, Abgasreinigung, Filterung, Membranverfahren und Kühlung hängen am Energieeinsatz. Wer industrielle Wasserresilienz will, muss zugleich über Stromnetze, Preise und Versorgungssicherheit sprechen.

Reichardt nennt ein Beispiel aus der Halbleiterproduktion. Prozesswässer enthalten Stoffe, deren Rückgewinnung wirtschaftlich und strategisch interessant wird. Gallium lässt sich aus Wasserströmen zurückholen. Was auf den ersten Blick Wassertechnik ist, wird Rohstoffpolitik. Sauberes Wasser fällt dabei zusätzlich an. Urban Mining beginnt also nicht erst beim Schrottplatz. Es beginnt im Prozesswasser einer Fabrik.

Wer zahlt die Leitungen?

Der Dresdner Fall zeigt auch die finanzielle Spannung. Die Stadtentwässerung musste zuerst investieren. Fördermittel flossen nicht. Die 75 Millionen Euro mussten über Gebühren und Kostendeckung getragen werden. Industrielle Mengen können spätere Gebührenstabilität stützen, doch im Hochlauf entstehen Belastungen.

Röstel beschreibt die Logik des Kostendeckungsprinzips. Am Anschluss hängt die Pflicht zur Versorgung. Umgekehrt zahlen Industriebetriebe nach Mengen dieselben Kubikmeterpreise wie Bürgerinnen und Bürger. Das klingt fair, erzeugt aber Übergangsrisiken. Die Infrastruktur muss gebaut werden, bevor die vollen Mengen anfallen. Fällt die Produktion zeitweise zurück, fehlen geplante Volumina.

Reichardt stellt dazu einen Vergleich aus der Abgasreinigung an. Wenn ein Industriebetrieb Emissionen in die Umwelt abgibt, trägt er die Kosten der Reinigung unmittelbar. Beim Abwasser kann ein Teil der Last in kommunale Systeme wandern. Daraus folgt die Governance-Frage: Welche Vorleistungen übernimmt die öffentliche Infrastruktur? Welche Behandlung muss der Industriebetrieb selbst leisten? Wo beginnt kommunale Aufgabe, wo industrielle Verantwortung?

Diese Fragen werden bei jeder Großansiedlung neu auftauchen. Dresden liefert keinen einfachen Generalschlüssel. Es liefert ein Verfahren: früh reden, Kapazitäten offenlegen, Kosten transparent machen, technische Lösungen verbinden, Öffentlichkeit einbinden.

Der Pharma-Exkurs klärt die Kostenfrage

Am Ende der Runde setzte Gunda Röstel einen wichtigen Exkurs zur Pharmaindustrie. Die Debatte über die vierte Reinigungsstufe, Medikamentenrückstände und Herstellerverantwortung läuft seit Jahren. Röstel erinnerte daran, dass die Pharmaindustrie über lange Zeit eingeladen war, sich an der Lösung zu beteiligen. Mal saß sie mit am Tisch, mal nicht. Aus Sicht der Wasserwirtschaft lässt sich die Verantwortung nicht einfach abstreifen.

Zugleich unterscheidet Röstel innerhalb der Branche. Generikahersteller haben ein anderes Problem als forschende Pharmaunternehmen. Bei generischen Produkten lassen sich Zusatzkosten oft schwer weitergeben. Für diese Unternehmen braucht es nach ihrer Einschätzung Lösungen über Bundesgesundheitsministerium und Krankenkassen. Die forschende Pharmaindustrie kann Kosten eher über Preise abbilden.

Röstel rückt die Größenordnung zurecht. Es geht nicht um alle Medikamente. Es geht um eine überschaubare Zahl problematischer Stoffe und Präparate, die im Wasserkreislauf erhebliche Folgen haben. Die vierte Reinigungsstufe wird gebaut werden müssen, weil Stoffe am Anfang der Kette in Produkte gelangen und später in Kläranlagen landen. Dazu gehören Medikamentenrückstände und PFAS.

Der Exkurs verschiebt die Debatte. Verursacherprinzip heißt nicht, eine Branche pauschal an den Pranger zu stellen. Es heißt, Kosten dort sichtbar zu machen, wo Entscheidungen über Stoffdesign, Vermarktung und Verwendung getroffen werden. Die Wasserwirtschaft reicht weiter die Hand zum Dialog. Doch sie will die Kosten der Reinigung nicht allein bei Gebührenzahlern abladen.

Partnerschaft braucht Reibung

Das Dresdner Modell zeigt, dass Partnerschaft kein harmonischer Dauerzustand ist. Sie braucht Reibung, klare Zahlen, frühe Planung, Kostenwahrheit und Rollenklärung. Die Stadt braucht Industrie. Die Industrie braucht Infrastruktur. Die Infrastruktur braucht Gebührenstabilität. Die Bevölkerung braucht Vertrauen. Die Politik braucht sichtbare Erfolge. Die Wasserwirtschaft braucht Investitionen, bevor die Krise eintritt.

Für Großansiedlungen wird daraus ein neues Pflichtenheft. Energieversorgung, Wasserversorgung, Abwasserbehandlung, Kreislauftechnik, Bürgerkommunikation und Finanzierung müssen gemeinsam geplant werden. Wer erst über Wasser redet, wenn der Baukran steht, kommt zu spät.

René Reichardt und Gunda Röstel zeigen am Beispiel Dresden, wie anspruchsvoll diese Arbeit ist. Sie zeigen auch, dass sie gelingen kann. Nicht durch einzelne Leuchtturmformeln. Durch jahrelange Abstimmung, technische Präzision und die Bereitschaft, Konflikte öffentlich zu erklären.

Die Industrie der Zukunft entsteht nicht allein in Reinräumen. Sie entsteht in Kanälen, Flusswasserwerken, Kläranlagen, Energienetzen und Sitzungen, in denen Kommune, Unternehmen und Infrastrukturbetreiber früh genug miteinander sprechen.

Dresden liefert dafür ein Modell. Es ist kein fertiger Standard für alle Regionen. Es ist ein Hinweis darauf, wie Europa seine neue Industriepolitik mit Wasserrealität verbinden muss.

Siehe auch:

Wasser ist kein Strom: Thomas Beutel zeigt, weshalb Wasserwirtschaft regionale Intelligenz, technische Tiefe und neue Finanzierungsmodelle braucht #WirtschaftsfaktorWasser

Die Wirtschaft entdeckt Wasser spät. Lange wirkte es wie eine Selbstverständlichkeit. Es kam aus der Leitung, kühlte Anlagen, reinigte Prozesse, speiste Produktion, floss ab, wurde behandelt, kehrte in den Kreislauf zurück. In der Bilanz stand es oft weit unten. In strategischen Standortentscheidungen tauchte es seltener auf als Energiepreis, Fachkräfte, Fläche oder Verkehrsanbindung.

Auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Wasser“ wurde sichtbar, wie sich diese Rangfolge verschiebt. Dr. Thomas Beutel von Lutz-Jesco zog nach dem ersten Konferenztag ein positives Resümee. Das Thema sei in den Köpfen angekommen, auch außerhalb der Wasserbranche: in Politik, Finanzwelt und Wirtschaft. Zugleich fehlte ihm stellenweise die fachliche Tiefe. Genau dort beginnt der eigentliche Beitrag der Wassertechnik. Sie muss erklären, weshalb Wasser nicht beliebig verfügbar, nicht frei mischbar und nicht überall gleich nutzbar ist.

Standortpolitik beginnt am Wasser

Beutel verweist auf Branchen, die ohne verlässliche Wasserversorgung nicht arbeiten können: Halbleiter, Automobilindustrie mit Lackierereien, Pharma, Papier, Chemie. Für sie wird Wasser zur Standortfrage. Unternehmen müssen prüfen, wo Wasser langfristig verfügbar ist, in welcher Qualität, mit welcher Aufbereitung und unter welchen Risiken.

Das Beispiel Industriepark Höchst zeigt nach Beutels Einschätzung, wie alt diese Erkenntnis ist. Schon vor mehr als einem Jahrhundert wurde der Standort nach dem Wasser gedacht. Die chemische Industrie suchte nicht abstrakt nach Fläche. Sie suchte nach Versorgung. Wasser war Teil der industriellen Logik.

Heute kehrt diese Logik zurück. Nur sind die Bedingungen härter. Klimawandel, Dürreperioden, Starkregen, Nutzungskonkurrenz und wachsende Wasserbedarfe durch neue Industrien erhöhen den Druck. Wer heute einen Standort plant, entscheidet für Jahrzehnte. Eine Fabrik, ein Rechenzentrum oder ein Industriepark lebt länger als viele politische Programme. Wasserverfügbarkeit wird damit zur Langfristwette.

Die Tücke der Qualität

Beutel setzt einen einfachen Vergleich: Strom lässt sich standardisieren. 230 Volt, 50 Hertz, klare Parameter. Wasser entzieht sich dieser Vereinfachung. Es besitzt pH-Wert, Härte, Säurekapazität, Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht, gelöste Stoffe, mikrobiologische Eigenschaften, Temperatur und zahlreiche weitere Parameter.

Man kann Wasser daher nicht beliebig mischen. Zwei Wassermengen ergeben nicht automatisch ein brauchbares Produkt. Ein Standort kann viel Wasser in der Nähe haben und dennoch zu wenig nutzbares Wasser für bestimmte Prozesse. Meerwasserentsalzung zeigt diese Grenze. Die Ozeane wirken riesig, doch Salzwasser wird erst durch aufwendige Technik nutzbar.

Diese fachliche Unterscheidung fehlt oft in der politischen Debatte. Wer nur auf Durchschnittsniederschläge schaut, unterschätzt die Verteilung. Wer nur auf Wassermengen blickt, übersieht Qualität. Wer Wasser wie Strom behandelt, plant falsch.

Dürre und Starkregen sprengen die Durchschnittszahl

Beutel greift auch die Diskussion über Niederschlagsstatistiken auf. Durchschnittswerte helfen nur begrenzt. Ein Land kann im langjährigen Mittel ausreichend Niederschlag haben und dennoch unter Dürre leiden, weil Regen zur falschen Zeit, am falschen Ort oder in zu kurzer Intensität fällt.

Starkregen füllt keine Grundwasserspeicher, wenn Böden das Wasser nicht aufnehmen können. Kanalnetze und Kläranlagen geraten unter Druck, wenn große Mengen auf einmal eintreffen. Dürreperioden schwächen Landwirtschaft, Flüsse, Grundwasser und Industrie. Die Aufgabe lautet daher nicht nur, mehr Wasser zu suchen. Sie lautet, Wasser zu halten, zu lenken und nutzbar zu machen.

Beutel nennt Regenrückhaltebecken, alte Flussbetten, Vorflut, Sickerwasser und Grundwasseranreicherung. In Halle etwa dienen Rückhaltebecken dazu, Starkregen zu puffern und Kläranlagen vor Überlastung zu schützen. In anderen Regionen wird Wasser aus Flüssen genutzt, um Grundwasserstände zu stabilisieren. Solche Lösungen existieren seit Jahren. Sie verlangen Planung, Fläche, Zuständigkeit und Investitionen.

Regional versorgen, überregional denken

Die Wasserwirtschaft steht vor einem organisatorischen Doppelauftrag. Trinkwasser in höchster Qualität bleibt regionale Aufgabe. Kommunale Versorger, kleine Wasserwerke und große Fernwassersysteme sichern die konkrete Versorgung vor Ort. Diese Nähe ist wichtig, weil Wasserqualität lokal geprägt ist.

Gleichzeitig muss die Siedlungswasserwirtschaft überregional gedacht werden. Talsperren, Flüsse, Grundwasser, Starkregen, Dürre und Industrieansiedlungen folgen keiner Gemeindelogik. Beutel unterscheidet daher zwischen lokaler Trinkwasserbereitstellung und umfassender Wasserhaushaltssteuerung. Genau diese Verbindung wird künftig entscheidend.

Deutschland verfügt in vielen Regionen über Wasser. Die Frage lautet, ob das Wasser zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität am richtigen Ort verfügbar ist. Dafür braucht es Daten, Infrastrukturen, Speicher, regionale Abstimmung, übergreifende Planung und politische Priorität.

Desinfektion als Sicherheitsarbeit

Lutz-Jesco steht mit seinem Portfolio für die technische Seite dieser Debatte. Das Unternehmen entwickelt und produziert Dosiertechnik, Mess- und Regelsysteme sowie Desinfektionsanlagen für Schwimm- und Badebeckenwasser, Trinkwasser, Filterspülung und Filterdesinfektion.

Zum Spektrum gehören Chlorgasanlagen, Durchfluss-Elektrolyse, Rohrzellen-Elektrolyse im Batchbetrieb, Membranzellen-Elektrolyse, Dosieranlagen für Chlorbleichlauge und Chlorgranulat, Chlordioxidanlagen und UV-Anlagen. Dazu kommen eigene Dosierpumpen sowie Mess- und Regelsysteme für die Schwimmbeckenwasseraufbereitung mit Datenübertragung, Visualisierung und Archivierung.

Diese Technik klingt nach Spezialwelt. Tatsächlich steht sie im Zentrum öffentlicher Sicherheit. Trinkwasserqualität, Badewasserhygiene, Filterdesinfektion, Desinfektionsmittelsteuerung und Prozessüberwachung entscheiden darüber, ob Wasser nutzbar bleibt. In Zeiten von Wasserwiederverwendung, höheren Temperaturen, neuen Spurenstoffen und knapperen Ressourcen wächst die Bedeutung solcher Systeme.

Digitalisierung macht Wasser nicht einfacher

Mess- und Regelsysteme verändern die Wasserwirtschaft. Sensorik, Netzwerkanbindung, Visualisierung und Archivierung schaffen neue Transparenz. Anlagen können genauer gefahren, Störungen früher erkannt, Dosierungen präziser gesteuert und Daten länger ausgewertet werden.

Doch Digitalisierung ersetzt die Wasserchemie nicht. Sie macht sie sichtbarer. Wer Wasser digital überwacht, muss verstehen, was gemessen wird. pH-Wert, Chlor, Redox, Leitfähigkeit, Temperatur, Durchfluss, Trübung und andere Parameter brauchen fachliche Interpretation. Daten allein führen keine Anlage.

Das gilt auch für größere Wasserstrategien. Echtzeitdaten, Modelle und Prognosen helfen nur, wenn Betreiber, Behörden und Unternehmen sie in Entscheidungen übersetzen. Digitalisierung muss den Fachverstand stärken, nicht überdecken.

Die vierte Reinigungsstufe wird zur Kostenfrage

Ein weiterer Konflikt betrifft Pharmawasser, Mikroverunreinigungen und Produzentenverantwortung. Beutel hält die vierte Reinigungsstufe europaweit für gesetzt. Kläranlagen werden Spurenstoffe, Arzneimittelrückstände und andere Belastungen stärker entfernen müssen. Die technische Richtung ist klarer als die Finanzierung.

Das Verursacherprinzip wirkt plausibel. Wer Stoffe in Umlauf bringt, deren Entfernung später hohe Kosten verursacht, soll sich beteiligen. Doch die praktische Umsetzung bleibt schwierig. Hersteller, Vertrieb, Apotheken, Verbraucher und Kläranlagenbetreiber bilden eine lange Kette. Am Ende zahlen Verbraucherinnen und Verbraucher immer mit, direkt oder indirekt.

Gerade deshalb braucht die Debatte Klarheit. Die Kosten der Wasserqualität verschwinden nicht, wenn niemand sie offen ausweist. Sie landen dann in Gebühren, Investitionsstaus, Umweltbelastungen oder Standortproblemen.

Statistik braucht Interpretation

Beutel warnt vor einfachen Zahlen. Unternehmen können Wasserverbrauch senken, weil sie effizienter werden. Sie können ihn auch senken, weil weniger produziert wird. Beide Effekte sehen in einer Statistik ähnlich aus. Für die Bewertung macht das einen großen Unterschied.

Diese Bemerkung trifft einen wunden Punkt der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Wasserkennzahlen brauchen Kontext: Produktionsmenge, Standort, Prozessqualität, Recyclingquote, Entnahme, Verbrauch, Rückführung, Abwasserqualität, Energieeinsatz. Eine einzelne Zahl reicht selten.

Daraus folgt kein Misstrauen gegen Statistik. Es folgt die Pflicht zur sauberen Interpretation. Wasserberichte müssen erklären, was eine Einsparung tatsächlich bedeutet.

Wasser wird europäisch politisch

Beutel zeigt sich zuversichtlich, dass das Thema auf europäischer Ebene angekommen ist. Wasser lässt sich nicht allein kommunal lösen. Die lokale Trinkwasserversorgung bleibt unverzichtbar. Doch Wasserstress, Flussgebiete, Industrieansiedlungen, Schadstoffregulierung, Wiederverwendung und Finanzierung verlangen europäische und nationale Koordination.

Das ist keine abstrakte Zuständigkeitsfrage. Eine Kommune kann Trinkwasserqualität sichern. Sie kann aber nicht allein entscheiden, wie Flüsse, Grundwasser, Industriebedarf, Landwirtschaft, Starkregen und Dürre überregional austariert werden. Dafür braucht es eine politische Architektur, die regionale Kompetenz ernst nimmt und zugleich größere Wasserhaushalte steuert.

Die nächste Industriefrage

Der Beitrag von Thomas Beutel ergänzt die Debatte über Wasser als Wirtschaftsfaktor um eine technische Präzision. Wasser ist kein beliebiger Input. Wasser ist Qualität, Chemie, Hygiene, Aufbereitung, Messung, Regelung, Speicherung, Finanzierung und Standortpolitik.

Die Industrie muss daraus Konsequenzen ziehen. Wer Wasser braucht, muss Wasser verstehen. Wer neue Werke plant, muss regionale Versorgung und überregionale Wasserhaushalte prüfen. Wer mit Desinfektion, Dosierung, Filterspülung, Kühlung oder Wasserwiederverwendung arbeitet, braucht Technik, die sicher, messbar und dokumentierbar funktioniert.

Der nächste Schritt in der Debatte wird darin bestehen, die technische Stimme mit weiteren Perspektiven zu verbinden: Betreiber, Versorger, Industrie, Behörden, Finanzierer und europäische Politik. Dann zeigt sich, ob Wasser in Deutschland und Europa den Sprung aus der Selbstverständlichkeit in die strategische Planung schafft. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Wasser gebraucht wird. Sie lautet, wer rechtzeitig lernt, seine Verfügbarkeit zu sichern.

Die Städte lesen zurück

In Paris kaufte ich ein Buch, weil es regnete.

Das klingt nach Zufall. Doch ein Leben, das sich später als Erzählung ausgibt, besteht aus solchen falschen Zufällen. Man geht eine Straße entlang, hat nasse Schuhe, sucht ein Café, sieht im Schaufenster einen Namen und tritt ein. Roland Barthes lag dort wie ein Fundstück, das auf seine Entdeckung verzichtet hatte. „Fragmente“. „Mythen des Alltags“. „Die helle Kammer“. Titel, die mir vorkamen wie kleine Vorrichtungen zur Erzeugung von Unruhe.

Ich nahm das Buch aus dem Regal. Draußen spiegelte sich der Regen auf den Scheiben. Drinnen roch es nach Papier, Mantelstoff und jenem Staub, den Buchhandlungen nicht loswerden dürfen, weil er zu ihrer Würde gehört. Ich bezahlte, ging in ein Café und schlug Barthes auf. Am Nebentisch stritten zwei Studenten über Derrida. Eine Frau rauchte und las „Le Monde“. Der Kellner stellte den Kaffee ab, als habe er ihn schon vor meiner Geburt gebracht.

Barthes schrieb vom Fragment. Von einer Form, die sich dem falschen Ganzen entzieht. Ich verstand den Satz sofort. Später begriff ich, dass ich ihn noch gar nicht verstanden hatte.

Ein Leben zerfällt nicht. Es sammelt sich in Splittern.

Paris war damals eine Stadt aus Zeichen. Straßenschilder, Buchrücken, Metropläne, Plakate, Fassaden, Stimmen. Alles wollte gelesen werden, und alles entzog sich, sobald man glaubte, es entziffert zu haben. Ich ging durch die Quartiere wie durch Fußnoten zu Büchern, die ich noch nicht kannte. In Saint-Germain saßen die Gespenster nicht an Tischen. Sie hatten längst gelernt, in Sätzen zu wohnen.

Rom kam später. Oder früher. Die Erinnerung führt kein ordentliches Archiv. Rom war Licht auf Stein, Hitze in Mauern, ein Zimmer, das mehr von Schweigen wusste als seine Bewohner. In Rom begriff ich, dass manche Städte keinen Hintergrund abgeben. Sie prüfen, was einer mitbringt. Paris fragte nach Begriffen. Rom fragte nach Wunden. Oxford fragte nach Stimmen.

Oxford erreichte ich im Sommer 2022, drei Jahre nach Milianas Tod. Die Stadt lag vor mir wie eine Partitur, deren Noten zu alt waren, um sich noch vor der Zeit zu fürchten. Colleges, Höfe, Mauern, Türen, Bibliotheken. Alles trug die Gelassenheit von Dingen, die viele Sterbliche kommen und gehen sahen. Ich bewegte mich vorsichtig durch diese Ordnung, als könnte ein falscher Schritt ein Echo beschädigen.

Im Botanischen Garten blieb ich länger, als ich geplant hatte. Pflanzen trösten ohne Absicht. Sie erklären nichts. Sie wachsen, welken, treiben aus, nehmen Licht, geben Schatten. Ihre Gegenwart verletzt nicht durch Mitleid. Dort, zwischen Blättern, Wegen, Gewächshäusern, kam die Trauer nicht als Gedanke. Sie kam als Luftveränderung. Miliana war nicht dort. Gerade darum war sie dort.

Am Abend sang Tenebrae. Die Stimmen stiegen auf, trafen die Gewölbe, kehrten verwandelt zurück. Solche Musik zeigt, dass Abwesenheit eine Gestalt haben kann. Kein Körper, keine Antwort, kein Gespräch. Nur Klang, der hochgeht und anders wiederkommt. Ich hörte zu und dachte nicht an Trost. Trost wäre zu klein gewesen. Ich dachte an eine Verbindung, die der Tod nicht erklären kann.

Dann trat Boris Johnson zurück. Die Nachricht lief durch Oxford wie ein Windstoß durch alte Gassen. In einem Pub standen Männer vor Bildschirmen, mit Gläsern in der Hand, als sähen sie ein Spiel, dessen Regeln ihnen peinlich geworden waren. Einer sagte etwas über Eton. Einer lachte zu laut. Ich trank Ale und dachte an die Komik der Macht. Menschen tragen Titel, Posen, Frisuren, Mandate. Dann hebt sich der Vorhang, und plötzlich sieht man, wie provisorisch alles war.

Am nächsten Tag folgte ich den Spuren von Inspector Morse. Die Stadt wechselte die Haut. Aus Bildung wurde Kriminalfall, aus Höfen wurden Tatorte, aus Pubs Beichtstühle. Morse hatte immer etwas von einem Mann, der ahnt, dass Bildung gegen Einsamkeit wenig ausrichtet. Vielleicht mochte ich ihn deshalb. Er hörte Musik, trank zu viel, liebte die falschen Frauen, fragte weiter. Oxford wirkte durch ihn weniger erhaben. Menschlicher. Gefährdeter. Eine Stadt aus Latein, Bier, Schuld und Regen.

Bonn war anders.

Bonn war Arbeit, Rückkehr, Mikrofon, Redaktion, Rheinluft, kommunale Absurdität, politische Restwärme. Bonn hatte das GUM. Ein sowjetisches Lokal, in dem nach Kolloquien jene Gespräche begannen, die in keinem Protokoll stehen und deshalb bleiben. Harald Korten war dabei. Hans Michael Baumgartner. Philosophie nach Dienstschluss. Schelling, Russland, Weltgeist, Wodka, Rotwein, Nacht.

Mit Harald konnte ein Abend von der Systemphilosophie zur Kneipenrechnung treiben, von einer Anekdote zur Ontologie, von Bonn nach Moskau, von der Universität zu jenem Punkt, an dem Denken seine Jacke auszieht. Manche Menschen fehlen als Stimme. Andere fehlen als Art, einen Raum zu öffnen. Harald fehlt mir in beiden Formen.

Das GUM war dafür der richtige Ort. Kein deutscher Bildungsaltar. Keine sterile Fakultätsluft. Dort bekamen Begriffe Flecken. Dort verloren Sätze ihre Krawatte. Dort zeigte sich, dass Philosophie kein Gebäude braucht, falls ein Tisch, ein Glas und ein Gegenüber vorhanden sind.

Später wurden aus solchen Abenden Texte. Oder Splitter. Oder nur Töne im Gedächtnis. Der Blog nahm sie auf. Ichsagmal. Schon der Name weigert sich, ein Denkmal zu sein. Er beginnt mitten im Sprechen. Kein Tribunal. Kein Lehrstuhl. Ein Einsatz, ein Versuch, eine Bewegung. Ich sag mal: Das ist eine Formel gegen das Verstummen und gegen die Selbstversteinerung. Sie erlaubt Irrtum. Sie erlaubt Widerspruch. Sie erlaubt die Passage vom Fundstück zum Essay, vom Ärger zur Glosse, vom Interview zur Erinnerung.

Herbert W. Franke trat in diesen Vorrat aus Stimmen ein wie jemand, der die Zukunft nicht als Reklamefläche kannte. Physiker, Höhlenforscher, Science-Fiction-Autor, Computerkünstler, Sammler von Kaleidoskopen. Ein Mann, der die Zukunft ernst nahm, weil er ihr nicht traute. Bei Franke gab es keine billige Euphorie. Seine Zukunft hatte Systeme, Licht, Labore, Schatten, Rechenfehler, Apparate. Seine Science Fiction fragte, was aus Freiheit wird, sobald Ordnung zu gut funktioniert.

Ich mochte an ihm den Blick aus der Höhle in den Kosmos. Unten Stein, oben Stern, dazwischen der Mensch mit seinen Geräten. Franke schrieb aus künftigen Räumen zurück, ohne den Ton eines Propheten. Er wirkte eher wie ein Kundschafter. Einer, der meldet: Dort vorn wird es hell. Gerade deshalb müssen wir vorsichtig sein.

Umberto Eco kam durch Labyrinthe. Durch Bibliotheken, Zeichen, Fälschungen, Mönche, Feuer, Lachen. Eco zeigte, dass Bücherregale keine Ruhestätten des Wissens sind. Sie sind Apparate zur Erzeugung neuer Irrtümer. Jede Ordnung enthält Spiel. Jede Bibliothek einen Abgrund. Jeder gelehrte Satz ein heimliches Gelächter. Eco bewahrte mich vor jener deutschen Krankheit, bei der Ernst mit Schwere verwechselt wird.

Vielleicht habe ich immer solche Apparate gesucht. Paris, Rom, Oxford, Bonn. Barthes, Bachmann, Franke, Eco. Pubs, Kinos, Kirchen, Buchhandlungen, sowjetische Lokale, Universitätsgärten. Orte, an denen Erfahrung in Zeichen gerät und Zeichen wieder Erfahrung werden.

Ingeborg Bachmann gehört in diese innere Geografie. Nicht als Statue. Nicht als Pflichtlektüre. Eher als Stimme aus einem Zimmer, in dem die Wand einen Sprung hat. Sie kommt aus Klagenfurt, Wien, Rom, aus Briefen, Schmerzen, Liebesverheerungen, Ruhm, Männerurteilen, aus einer Sprache, die sich nicht zur Dekoration machen lässt. Im Dokumentarfilm über sie sieht man die alten Rituale des Literaturbetriebs. Männer sitzen, urteilen, erklären, prüfen. Eine Frau soll sprechen und zugleich beweisen, dass ihr Sprechen erlaubt ist.

Das kennt die Literaturgeschichte gut. Sie nennt es Kanon, Kritik, Verlag, Gruppe, Preis. Oft meint sie nur: Wer darf den Raum betreten, ohne verkleinert zu werden?

Bachmanns Satz, dass sie nur existiere, wenn sie schreibe, ist gefährlich. Er klingt wie Rettung und wie Urteil zugleich. Ich habe ihn nie als Pose gehört. Eher als Bericht aus einer Zone, in der Sprache kein Beruf mehr ist, sondern Atemersatz. Das macht ihn unerträglich schön. Und schön auf eine Weise, der man misstrauen muss.

In Oxford hörte ich „Make Believe You Love Me“. Seitdem hängt dieses Lied in mir fest. Ein Pub, Holz, Biergeruch, Stimmen, Regenjacken, Politik auf einem Bildschirm, Musik aus einer anderen Kammer des Lebens. Ich dachte an Miliana. An das, was der Tod mit der Zeit macht. An dieses harte Vorher und Nachher, das keine Grammatik heilt. Draußen liefen junge Menschen lachend vorbei. Drinnen wurde ein Premierminister kleiner. In mir wurde eine Abwesenheit größer.

Ich schrieb später darüber. Ich schreibe oft später. Die Gegenwart ist zu schnell. Sie entkommt, bevor man sie ansehen kann. Schreiben heißt hinterhergehen. Nicht, um den Augenblick einzufangen. Um zu prüfen, was er angerichtet hat.

Manchmal glaube ich, dass alle Städte zurücklesen. Paris liest die Bücher in meiner Tasche. Rom liest die Müdigkeit in meinem Gesicht. Oxford liest die Toten in meinem Schweigen. Bonn liest die Sätze, die ich jeden Tag losschicke, als könnten sie etwas festhalten, was längst unterwegs ist.

Eine kleine Szene reicht vielleicht.

Ein Mann sitzt in einem Zug zwischen Paris und Köln. Auf dem Tisch liegt Barthes. Im Rucksack steckt Eco. Auf dem Laptop wartet ein Interview mit Herbert W. Franke. Im Ohr singt Tenebrae. Im Herzen sitzt eine Frau, die nicht mehr antwortet. Durch das Fenster ziehen Landschaften, Gewerbegebiete, Bahnhöfe, Regenstreifen. Der Mann öffnet ein Dokument.

Er schreibt:

Die Zukunft beginnt in allem, was wir verloren haben und weitertragen.

Dann löscht er den Satz.

Er schreibt neu:

In Paris kaufte ich ein Buch, weil es regnete.

Das lässt er stehen.

Der unsichtbare Engpass: Wasser rückt vom Umweltthema zum Wachstumsthema auf

Die Debatte über die Zukunft der europäischen Wirtschaft folgt meist einem vertrauten Muster. Sie kreist um Energiepreise, Halbleiter, Rechenzentren, künstliche Intelligenz, seltene Erden und geopolitische Risiken. Wasser taucht häufig erst dann auf, wenn Flüsse austrocknen, Felder verdorren oder Kommunen den Verbrauch einschränken.

Auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Wasser“ verschob Corinna Wolf von Infineon den Blickwinkel. Wasser erschien nicht als Umweltgröße, auch nicht als Nachhaltigkeitskennzahl. Wasser erschien als Produktionsfaktor. Und Produktionsfaktoren entscheiden über Wachstum.

Die Beobachtung beginnt nicht mit einer Statistik. Sie beginnt mit einer Erinnerung. Wolfs Großmutter sprach bereits in den neunziger Jahren davon, dass es immer weniger regne. Damals fehlten Messreihen, Klimamodelle und Dashboards. Heute liegen die Daten vor. Die Wahrnehmung der Großmutter hat wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Während Portugal und Spanien Temperaturen von 45 Grad melden, Frankreich Wasserrestriktionen verhängt und selbst Großbritannien über Trockenheit diskutiert, verändert sich eine wirtschaftliche Grundannahme. Wasser galt lange als jederzeit verfügbare Infrastruktur. Diese Gewissheit verliert an Stabilität.

Die Fabrik der Zukunft denkt in Jahrzehnten

Für einen Halbleiterhersteller besitzt diese Entwicklung unmittelbare Konsequenzen. Infineon baut neue Werke in Dresden und im malaysischen Kulim. Halbleiterproduktion benötigt Wasser in außergewöhnlicher Reinheit. Jede neue Fabrik ist eine Wette auf die kommenden Jahrzehnte. Produktionsanlagen dieser Größenordnung werden nicht für fünf Jahre errichtet. Sie bleiben oft zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre in Betrieb.

Damit verändert sich die Perspektive auf Investitionen. Die Frage lautet nicht mehr, ob heute genügend Wasser vorhanden ist. Entscheidend wird, ob ein Standort im Jahr 2040 oder 2050 noch dieselbe Versorgungssicherheit besitzt.

Aus dieser Logik heraus investiert Infineon bereits heute in Wasserrecycling. Die neue Fabrik in Dresden soll die Recyclingquote deutlich erhöhen. Gleichzeitig sinkt der Wasserverbrauch pro produziertem Wafer. Das Unternehmen betrachtet Wasser damit ähnlich wie Energieeffizienz: als operative Größe, die über die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts entscheidet.

Interessant ist dabei die ökonomische Begründung. In einigen Regionen sind die Wasserpreise weiterhin niedrig. Der klassische Business Case liefert daher oft keine spektakulären Renditen. Das Argument lautet anders: Resilienz.

Ein Werk, das stärker recycelt, reduziert seine Abhängigkeit von externer Versorgung. Wer weniger Frischwasser benötigt, kann länger produzieren, selbst wenn die Versorgung unter Druck gerät. Wasserrecycling wird damit Teil der Risikosteuerung.

Wasser erreicht die Vorstandsetage

Die industrielle Bedeutung des Themas zeigt sich auch organisatorisch. Wasserrecycling wird bei Infineon nicht als technische Detailfrage behandelt. Die Kennzahlen laufen bis in die obersten Entscheidungsebenen. Investitionen werden bewertet, priorisiert und mit Risikoanalysen verknüpft. Wasserverbrauch, Wasserentnahme und Recyclingraten werden systematisch betrachtet.

Dahinter steht eine Einsicht, die weit über die Halbleiterindustrie hinausweist: Unternehmen können Klimarisiken nicht mehr als Randthema behandeln. Wasser beeinflusst Produktion, Logistik, Energieversorgung und Standortentwicklung. Die traditionelle Trennung zwischen Nachhaltigkeitsabteilung und Kerngeschäft verliert an Bedeutung. Wasser wird Teil der Unternehmensstrategie.

Die Welt steuert auf ein Defizit zu

Noch gravierender sind die globalen Projektionen. Internationale Studien rechnen bis zum Ende des Jahrzehnts mit einem erheblichen Wasserdefizit. Dutzende Staaten bewegen sich in Richtung hohen oder extrem hohen Wasserstresses. Die Folgen reichen weit über Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung hinaus.

Wasserknappheit beeinflusst Lieferketten. Sie verändert Investitionsentscheidungen. Sie erhöht geopolitische Spannungen. Sie kann Migration beschleunigen. Sie wird damit zu einer ökonomischen und sicherheitspolitischen Größe. Viele Diskussionen über wirtschaftliche Resilienz konzentrieren sich auf Rohstoffe, Chips oder Energieimporte. Wasser gehört in dieselbe Kategorie.

Ein Rechenzentrum benötigt Wasser. Eine Chipfabrik benötigt Wasser. Die chemische Industrie benötigt Wasser. Die Lebensmittelwirtschaft benötigt Wasser. Die Energiewirtschaft benötigt Wasser. Wasser steht am Anfang zahlreicher Wertschöpfungsketten.

Der Preis stimmt nicht

Die wirtschaftliche Problematik verschärft sich durch eine Besonderheit: Wasser ist vielerorts zu billig. Wolf verweist auf Fälle, in denen enorme Wassermengen genutzt wurden, ohne dass die Kosten einen wirksamen Steuerungsimpuls auslösten. Der Markt sendet damit ein verzerrtes Signal.

Ökonomen kennen dieses Muster. Ressourcen werden häufig erst dann effizient genutzt, wenn Knappheit sichtbar im Preis erscheint. Energiepolitik liefert dafür zahlreiche Beispiele. Bei Wasser entsteht eine zusätzliche Schwierigkeit. Wasser besitzt eine soziale Funktion. Niemand kann ernsthaft fordern, den Zugang zu Trinkwasser über Marktpreise zu regeln. Gleichzeitig braucht die Wirtschaft Anreize für einen effizienteren Umgang mit der Ressource. Die Debatte über differenzierte Tarife für besonders wasserintensive Nutzungen dürfte daher an Bedeutung gewinnen.

Die große Lücke heißt Standardisierung

Ein weiteres Problem liegt in der Messbarkeit. Für CO₂ existieren etablierte Kennzahlen, Berichtssysteme und internationale Vergleichsmaßstäbe. Im Wasserbereich fehlt ein vergleichbarer Standard vielfach noch. Unternehmen verwenden unterschiedliche Kennzahlen. Branchen vergleichen sich nur eingeschränkt. Kunden suchen nach geeigneten Vorgaben für ihre Lieferketten. Investoren versuchen Risiken zu bewerten.

Eine Ressource von wachsender strategischer Bedeutung verfügt damit noch nicht über dieselbe institutionelle Infrastruktur wie der Klimaschutz. Wer Standards definiert, prägt künftig Märkte. Diese Arbeit beginnt jetzt.

Wachstum braucht Wasser

Die wirtschaftliche Diskussion über Wasser steht noch am Anfang. Europa spricht intensiv über die Stromversorgung von Rechenzentren. Es diskutiert die Versorgung mit seltenen Erden. Es analysiert Chipfabriken, Batteriewerke und KI-Infrastruktur. Die Wasserfrage läuft häufig im Hintergrund mit.

Dabei hängt ein erheblicher Teil dieser Zukunftsinvestitionen von verlässlicher Wasserverfügbarkeit ab. Wer über industrielle Ansiedlungen spricht, spricht zugleich über Wasser. Wer über digitale Infrastruktur spricht, spricht zugleich über Wasser. Wer über strategische Autonomie spricht, spricht zugleich über Wasser. Der Engpass ist heute oft unsichtbar. Genau das macht ihn gefährlich.

Die Unternehmen, die bereits jetzt Recycling, Resilienz, Risikobewertung und Standortanalysen in ihre Entscheidungen integrieren, reagieren auf eine Entwicklung, die noch nicht überall als wirtschaftliche Realität wahrgenommen wird. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob Wasser ein Wirtschaftsthema wird. Die Frage lautet, welche Unternehmen und welche Volkswirtschaften die Konsequenzen früher verstehen als andere.

Die vergoldete Wahrheit: Baltasar Graciáns „Agudeza y arte de ingenio“ gehört aus dem Schatten des „Handorakels“ heraus

In Deutschland kennt man Baltasar Gracián vor allem als Autor des „Handorakels“. Das kleine Buch der Weltklugheit ließ sich übersetzen, exzerpieren, verschenken, zitieren, auf bürgerliche Lebenskunst zurechtlegen. Es passte in die Tasche des Bildungsbürgers, in die Bibliothek des Skeptikers, in die Aphorismensammlung des Strategen. Schopenhauer hat ihm im deutschen Sprachraum eine zweite Geburt verschafft. Seitdem erscheint Gracián oft als kalter Meister der Vorsicht, als Jesuit der Klugheitsregeln, als spanischer Machiavelli für Salons, Kanzleien und einsame Leser.

Doch diese Lesart verkleinert ihn. Wer Gracián auf das „Handorakel“ reduziert, liest den Praktiker ohne den Theoretiker, den Aphoristiker ohne den Poeten, den Ratgeber ohne den großen Analytiker geistiger Form. Neben dem „Oráculo manual y arte de prudencia“ steht ein Werk, das im deutschen Gespräch über Gracián viel zu selten ins Zentrum rückt: „Agudeza y arte de ingenio“. Dieses Buch ist keine Randarbeit. Es ist eine der kühnsten Poetiken des europäischen Barock, eine romanistische Schule der Gedankenbewegung, eine Theorie des Einfalls, eine Anatomie des geistigen Glanzes.

Gracián untersucht darin die Kunst, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. Der Begriff entsteht bei ihm nicht als ruhende Definition. Er entsteht im Akt der Verbindung. Ein Gedanke ist gelungen, sobald er eine verborgene Relation sichtbar macht, eine Proportion entdeckt, eine Unproportion fruchtbar werden lässt, einen Widerspruch in eine höhere Beweglichkeit überführt. Die Welt liegt also nicht fertig vor dem Geist. Sie verlangt Kombinatorik. Der Ingenio ist die Fähigkeit, in der Vielheit der Erscheinungen jene geheimen Korrespondenzen aufzuspüren, aus denen Bedeutung entsteht.

Der Begriff als Ereignis

Das spanische Wort „agudeza“ lässt sich schwer in ein deutsches Wort retten. Scharfsinn trifft einen Teil. Spitzfindigkeit klingt zu gering. Witz führt in die falsche Nachbarschaft des bloß Komischen. „Agudeza“ meint die zugespitzte Erkenntnis, den funkelnden Begriff, den Moment, in dem der Verstand eine entfernte Beziehung ergreift und sie durch Sprache zur Erscheinung bringt. Sie ist keine Verzierung eines bereits vorhandenen Gedankens. Sie ist sein Vollzug.

Darum ist Graciáns Buch auch keine bloße Rhetorik. Es handelt von der Frage, wie Erkenntnis Form gewinnt. Die Beispiele aus Predigt, Dichtung, Epigramm, Theologie, Geschichtsschreibung und antiker Moralistik dienen keinem antiquarischen Ornament. Sie zeigen, wie Denken durch sprachliche Konstellation arbeitet. Gracián klassifiziert geistige Operationen: Proportion, Unproportion, Paradox, Krise, Allegorie, Fiktion. Er schreibt eine Grammatik der Einfälle.

Die Proportion sucht Entsprechung. Die Unproportion sucht den Abstand. In der Proportion findet der Geist Gleichklang, in der Unproportion Reibung. Gerade dort, wo die Dinge einander nicht entsprechen, entsteht Erkenntnis. Das kleine Mädchen Agnes und die Größe ihres Martyriums, der zarte Körper und die Gewalt der Wunden, die frühe Jugend und die reife Siegeskrone: Gracián interessiert sich für solche Spannungen, weil sie dem Denken eine Bühne geben. Aus der Unangemessenheit wächst der Begriff. Der Geist misst die Differenz und erzeugt daraus Glanz.

So zeigt sich eine Denkweise, die dem Barock gern abgesprochen wird. Gracián liebt Übertreibung, Kunstgriff, Kontrast, Glanz und Verkleidung. Doch seine Exzesse sind methodisch. Er will die Dinge nicht glätten. Er will ihre Gegensätze aufladen. Das Unverhältnismäßige wird zur Erkenntnisfigur.

Die Paradoxie als Monstrum der Wahrheit

Besonders aufschlussreich ist Graciáns Kapitel über die paradoxe Agudeza. Paradoxien nennt er „Monstren der Wahrheit“. Diese Formulierung trifft die ganze barocke Kühnheit seines Denkens. Das Paradox ist kein einfacher Widerspruch. Es ist eine Wahrheit, die mit entstelltem Gesicht auftritt. Sie erschreckt, weil sie der Erwartung widerspricht; sie überzeugt, sobald ihre innere Wahrscheinlichkeit sichtbar wird.

Hier beginnt Graciáns Nähe zu einer philosophischen Moderne, die erst viel später ihr Vokabular finden wird. Wahrheit erscheint nicht als glatte Evidenz. Sie kommt als Zumutung an die gewöhnliche Ordnung der Sätze. „Die Hälfte ist mehr als das Ganze“: Ein solcher Satz lebt von seiner Unmöglichkeit. Er zwingt den Leser, die Begriffe neu anzuordnen. Vielleicht ist die Hälfte mehr als das Ganze, sobald Maß, Besitz, Genuss oder Weisheit ins Spiel kommen. Vielleicht enthält der Verzicht mehr Welt als die Aneignung. Vielleicht ist ein Teil geistig reicher als die Summe.

Die paradoxe Agudeza verlangt jedoch Disziplin. Gracián weiß um die Gefahr des bloß Exzentrischen. Paradoxien, schreibt er, müssten selten sein, wie Salz. Zu viele davon verraten eine überhitzte Einbildungskraft. Hier unterscheidet sich Gracián vom Schwätzer der Originalität. Nicht jede Verdrehung ist Erkenntnis. Nicht jeder Widerspruch öffnet Tiefe. Die Paradoxie braucht Fundament. Ohne Grund kippt sie in leere Schaustellung.

Gerade diese Warnung macht Gracián aktuell. Moderne Diskurse sind voll von paradoxen Gesten, die Tiefe simulieren. Das Umkehrungsmanöver ist billig geworden: Schwäche als neue Stärke, Unklarheit als höhere Klarheit, Scheitern als Erfolg, Abhängigkeit als Freiheit. Graciáns Lehre hilft, echten Einfall von intellektueller Artistik zu trennen. Die Paradoxie muss etwas aufschließen. Andernfalls bleibt sie bloß Nebel mit lateinischer Beleuchtung.

Tácitus, Martial und die Schule des Verdachts

Noch schärfer wird Gracián dort, wo er die „crisis maliciosas“ behandelt, die maliziösen Deutungen. Hier betritt man eine frühe Theorie der hermeneutischen Verdächtigung. Der Historiker oder Dichter beschreibt nicht allein die Handlung. Er legt ihr eine verborgene Absicht unter. Tácitus erscheint als Meister dieses Verfahrens, Martial als sein epigrammatischer Bruder.

Eine Handlung bedeutet dann nicht, was sie an der Oberfläche zeigt. Augustus wählt Tiberius nicht aus Sorge um den Staat, er wählt ihn, weil dessen künftige Verhasstheit den Vorgänger nachträglich glänzen lässt. Caesar richtet die Statuen des Pompeius nicht auf, um Pompeius zu ehren; er befestigt damit die eigenen. Hinter dem Akt liegt ein zweiter Akt. Hinter der sichtbaren Geste arbeitet die Strategie.

Gracián beschreibt damit eine bis heute wirksame Form kritischer Intelligenz. Politik, Hof, Verwaltung, Medien, Wissenschaft: Überall kann der Deuter die Oberfläche verlassen und die Absicht suchen. Doch auch hier bleibt die Grenze heikel. Der Verdacht kann erhellen, er kann auch zur Manie werden. Wer überall verborgene Absicht entdeckt, verliert irgendwann den Sinn für Zufall, Schwäche, Irrtum und Offenheit.

Gerade darin liegt die literarische Eleganz Graciáns. Er feiert die maliziöse Deutung und zeigt zugleich ihre Gefährdung. Sie ist geistreich, weil sie den zweiten Boden einer Handlung freilegt. Sie wird gefährlich, sobald sie jeden Vorgang in Absicht auflöst. Tácitus ist hier Lehrer und Warnzeichen zugleich. Der Stil der Entlarvung bleibt an die Kunst des Maßes gebunden.

Die Wahrheit braucht Kleider

Der großartigste Abschnitt des vorliegenden Textes ist die Allegorie der Wahrheit. Gracián erzählt, wie die Wahrheit, rechtmäßige Gemahlin des Verstandes, von der Lüge verdrängt wird. Die Lüge gibt sich höfisch, geschmeidig, angenehm. Die Wahrheit erscheint grob, bitter, ungeschmückt. Also sucht sie Beistand bei der Agudeza. Diese rät ihr, sich zu kleiden, sich zu verwandeln, Umwege zu nehmen, sich der Erfindung zu bedienen.

Das ist eine kleine Theorie der Literatur. Eine nackte Wahrheit erreicht wenig. Sie blendet, verletzt, langweilt oder wird abgewiesen. Also muss sie als Fabel auftreten, als Dialog, als Metamorphose, als Apolog, als Emblem, als Hieroglyphe, als erfundene Geschichte. Wahrheit braucht Form, um wirksam zu werden. Sie braucht Kunst, weil der Mensch kein reines Vernunftwesen ist. Er besitzt Geschmack, Leidenschaft, Eitelkeit, Abwehr, Ermüdung. Wer ihn erreichen will, muss die Wahrheit nicht verdunkeln, er muss sie sichtbar machen, indem er ihr Gestalt gibt.

Gracián steht damit in einer Tradition, die von Äsop bis Luciano, von Horaz bis Calderón reicht. Doch er systematisiert diese Tradition mit einer Genauigkeit, die weit über die Beispielgelehrsamkeit des Barock hinausgeht. Die Fiktion ist bei ihm kein Gegenreich zur Wahrheit. Sie ist eines ihrer Verfahren. Allegorie, Parabel und Metamorphose täuschen nicht einfach. Sie führen den Gedanken über einen Seitenweg ans Ziel.

Man könnte sagen: Gracián entwickelt eine Poetik der indirekten Vernunft. Die Wahrheit tritt nicht als Befehl auf. Sie inszeniert sich. Sie lenkt ab, um treffen zu können. Sie zeigt Fremdes, um Eigenes sichtbar zu machen. Sie spricht von Tieren, Göttern, Fürsten, Märtyrern, Spiegeln, Schatten, Körpern und Sternen, um menschliche Handlungen zu begreifen.

Eine romanistische Lektion für die Gegenwart

Aus romanistischer Sicht ist „Agudeza y arte de ingenio“ ein Schlüsselwerk. Es erklärt den Conceptismo nicht als bloßen Stilgeschmack, es zeigt seine Denkform. Gracián ist hier der Theoretiker einer Literatur, die den Begriff verdichtet, Gegensätze kreuzt, entfernte Bereiche zusammenzieht und Sprache als Erkenntnisinstrument behandelt. Gongora, Martial, Tácitus, Seneca, Lope, Camões, Guarini, Ambrosius und Augustinus erscheinen in einem großen europäischen Gespräch über die Beweglichkeit des Geistes.

Das macht die „Agudeza“ für die Geisteswissenschaften so wertvoll. Sie erinnert daran, dass Form keine Verpackung ist. Form entscheidet darüber, was ein Gedanke leisten kann. Eine Metapher ist keine hübsche Beigabe. Ein Paradox ist kein Schmuckstück. Eine Allegorie ist kein didaktischer Umweg für einfache Gemüter. Alle diese Verfahren erzeugen Erkenntnis eigener Art.

Gracián könnte damit auch ein Gegenautor zu jenem akademischen Prosastil sein, der Erkenntnis gern an Entsagung bindet: je grauer der Satz, desto seriöser der Gedanke. Die „Agudeza“ behauptet das Gegenteil. Präzision kann glänzen. Begriffliche Arbeit kann theatralisch sein. Wahrheit kann Farbe tragen. Der Gedanke verliert nicht an Gewicht, sobald er Formbewusstsein besitzt. Er gewinnt Reichweite.

Der unterschätzte Gracián

Der deutsche Gracián ist bis heute zu oft der Autor der Lebensklugheit. Das „Handorakel“ hat ihn berühmt gemacht, aber auch verengt. Die „Agudeza“ zeigt den größeren Autor: einen Denker der Relation, einen Theoretiker der sprachlichen Erfindung, einen Jesuiten der geistigen Kombinatorik, einen Philosophen der verkleideten Wahrheit.

In diesem Werk liest man keinen Ratgeber für Karriere, Diplomatie und Selbstbehauptung. Man liest eine Ästhetik der Erkenntnis. Gracián fragt, wie aus Abstand Bedeutung wird, wie aus Gegensatz Einsicht entsteht, wie die Lüge die Wahrheit verdrängt, wie die Wahrheit durch Kunst zurückkehrt. Er fragt, weshalb der Mensch den bloßen Satz selten erträgt und weshalb Literatur mehr vermag als Belehrung.

Vielleicht liegt gerade darin der Grund, weshalb die „Agudeza“ im Schatten blieb. Das „Handorakel“ gibt Regeln. Die „Agudeza“ lehrt Operationen. Das eine lässt sich zitieren. Das andere verlangt Nachvollzug. Das eine liefert Lebenssätze. Das andere öffnet eine Werkstatt des Geistes, in der jede Erkenntnis ihren Preis in Form bezahlt.

Wer Gracián heute neu lesen will, sollte daher beim „Handorakel“ nicht stehen bleiben. Die eigentliche Kühnheit dieses Autors liegt in der Einsicht, dass Wahrheit ihren Weg durch die Erfindung nimmt. Sie siegt selten als nackte Behauptung. Sie siegt, wenn sie sich verwandeln kann.

Die alte Uhr soll digital ticken: Der Referentenentwurf zur Arbeitszeit verspricht Flexibilität, verteilt Pflichten breit und Freiheitsgrade schmal @BMAS_Bund @Bundeskanzler #ZukunftPersonal

Der Staat entdeckt die Woche

Das Arbeitszeitrecht tritt in die Gegenwart ein wie eine Behörde, die lange am Bahnsteig stand und nun feststellt, dass der Zug längst abgefahren ist. Der Referentenentwurf des Bundesarbeitsministeriums will die tägliche Höchstarbeitszeit nicht einfach sprengen. Er öffnet die Tür zur Wochenbetrachtung. Unternehmen sollen statt der täglichen eine wöchentliche Begrenzung vereinbaren können, sofern Tarifverträge oder tariflich zugelassene Betriebsvereinbarungen dies tragen und besondere Regeln den Gesundheitsschutz sichern.

Der Satz klingt technokratisch. In Wahrheit berührt er den Nerv der deutschen Arbeitsgesellschaft. Seit Jahren kreisen Politik, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Personalabteilungen um dieselbe Frage: Passt ein Arbeitszeitgesetz aus der Industrieepoche noch zu mobiler Arbeit, globalen Lieferketten, Softwareentwicklung, Pflege, Schichtproduktion, Messebau, Elternpflichten und digitaler Erreichbarkeit? Der Entwurf gibt darauf eine Antwort, die zugleich vorsichtig und folgenreich ist. Er anerkennt Flexibilität, bindet sie aber an Tarifstrukturen, die große Teile der deutschen Betriebslandschaft gar nicht mehr prägen.

Guido Zander, Arbeitszeitexperte und Kenner betrieblicher Realität, sieht darin den Kern des Problems. Die Reform enthält aus seiner Sicht das Erwartbare: elektronische Zeiterfassung, Umsetzung der EuGH- und BAG-Linie, Fortbestand der Vertrauensarbeitszeit, Ausnahmen für Kleinstunternehmen, neue Sonntagsmöglichkeiten für Bibliotheken, Bäckereien und Konditoreien. Doch der politische Anspruch bleibt klein. Der Entwurf fasst zusammen, was rechtlich ohnehin drängte. Er löst kaum, was betrieblich drängt.

Flexibilität mit Tarifschlüssel

Der entscheidende Mechanismus liegt in der Zugangskarte. Die Wochenarbeitszeit als flexibler Rahmen soll vor allem über Tarifverträge laufen. Auch Abweichungen bei der elektronischen Aufzeichnungspflicht hängen in wesentlichen Teilen an tariflicher Grundlage. Genau dort beginnt die wirtschaftliche Schieflage.

Zander verweist auf Zahlen des IAB: Nur rund 24 Prozent der Betriebe sind tarifgebunden, bei den Beschäftigten liegt der Anteil bei 49 Prozent. Weitere Unternehmen orientieren sich an Tarifverträgen, ohne tarifgebunden zu sein. Für manche kann das helfen, für viele nicht. Das Ergebnis ist eine Reform mit ungleicher Reichweite. Pflichten kommen in die Breite, die praktisch wertvollen Spielräume bleiben an ein schrumpfendes Ordnungssystem gekoppelt.

Damit entsteht ein eigenartiger Kontrast. Der Staat begründet die Reform mit digitaler Arbeit, wachsender Vielfalt der Lebensentwürfe, heterogener Arbeitswelt und neuen Flexibilitätsbedarfen. Dann vertraut er ausgerechnet auf Strukturen, die einen großen Teil dieser heterogenen Arbeitswelt nicht mehr erfassen. Wer tariflich organisiert ist, erhält die Chance auf flexiblere Gestaltung. Wer außerhalb dieser Ordnung arbeitet, bekommt Dokumentationspflichten und Übergangsfristen.

Für den Messebau, den Zander ausdrücklich nennt, wirkt das geradezu absurd. Kaum eine Branche lebt so sehr von Auftragsspitzen, Reisezeiten, Auf- und Abbauphasen, Kundenrhythmen, improvisierter Koordination und wechselnden Einsatzorten. Genau solche Betriebe brauchen flexible Arbeitszeitmodelle. Der Entwurf behandelt sie vielfach als Zaungäste.

Die elektronische Uhr als neuer Standard

Die zweite große Achse der Reform betrifft die Zeiterfassung. Arbeitgeber sollen Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit am Tag der Arbeitsleistung elektronisch erfassen. Beschäftigte oder Dritte dürfen die Aufzeichnung übernehmen. Die Verantwortung bleibt beim Arbeitgeber. Vertrauensarbeitszeit bleibt möglich, allerdings unter der Bedingung, dass Verstöße gegen Arbeitszeit- und Ruhezeitregeln bekannt werden können.

Hier ist der Entwurf sauberer als die öffentliche Debatte. Vertrauensarbeitszeit verschwindet nicht. Sie verliert ihre alte Unschärfe. Vertrauen ersetzt keine Arbeitsschutzpflicht. Wer heute flexible Arbeit organisiert, muss wissen, wann gearbeitet wird, wie lange gearbeitet wird und ob Ruhezeiten eingehalten werden. Der EuGH hat 2019 die Richtung vorgegeben. Das Bundesarbeitsgericht hat 2022 nachgezogen. Der Gesetzgeber zieht nun die Linien ins Arbeitszeitgesetz.

Das Ministerium rechnet mit jährlichen Einsparungen für die Wirtschaft von rund 168,6 Millionen Euro und einem einmaligen Umstellungsaufwand von rund 76,7 Millionen Euro. Dahinter steht die Annahme, dass elektronische Systeme schneller arbeiten als Papier, Tabellen oder händische Notizen. Diese Rechnung mag im Durchschnitt plausibel sein. Sie sagt wenig über die eigentliche Modernisierung aus. Eine digitale Uhr macht noch kein modernes Arbeitszeitmodell. Sie kann sogar alte Starrheit präziser dokumentieren.

Der Unterschied ist entscheidend. Elektronische Zeiterfassung kann Arbeitsschutz stärken, Auswertung erleichtern und Transparenz schaffen. Sie kann aber auch Verwaltung verdichten, ohne Wertschöpfung zu verbessern. Die eigentliche Frage lautet: Erfasst ein Unternehmen Arbeitszeit, um Pflichten zu erfüllen, oder nutzt es die Daten, um Arbeit besser zu organisieren?

Der blinde Fleck der Ruhezeit

Zanders zentrale Kritik trifft einen Bereich, den die politische Debatte gern übersieht: die Ruhezeit. Wer am Vormittag arbeitet, am Nachmittag Kinder betreut und am Abend noch einmal zwei Stunden ein Projekt abschließt, stößt schnell an starre Grenzen. Die tägliche Höchstarbeitszeit ist dabei oft gar nicht das Hauptproblem. Die Ruhezeit kann den nächsten Arbeitstag blockieren.

Gerade im Homeoffice zeigt sich die Unzulänglichkeit alter Kategorien. Mobile Arbeit hat Tagesrhythmen verändert. Viele Beschäftigte wollen nicht pauschal länger arbeiten. Sie wollen anders verteilen. Sie wollen private Pflichten und Arbeitsphasen kombinieren, ohne sofort in Rechtsunsicherheit zu geraten. Der Entwurf erkennt das Bedürfnis nach mehr Einfluss auf die eigene Arbeitszeit an, bleibt aber bei den praktisch heiklen Stellen zurückhaltend.

Darin liegt ein Grundwiderspruch. Der Entwurf spricht von digitaler Arbeitswelt und Selbstbestimmung. Doch dort, wo Selbstbestimmung konkret wird, etwa bei freiwilliger abendlicher Arbeit nach familiärer Unterbrechung, fehlt der nächste Schritt. Der Staat erlaubt die Wochenperspektive unter Tarifbedingungen, lässt aber die kleinteiligen Reibungen moderner Arbeitsbiografien weitgehend stehen.

Die Dienstreisevereinbarung aus der versunkenen Republik

Die gesetzliche Reform trifft auf Unternehmen, deren eigene Regelwerke oft älter sind als die Probleme, die sie lösen sollen. Im Webinar mit Guido Zander fiel ein Beispiel, das wie eine Satire auf deutsche Regeltradition klingt. In einem Maschinen- und Anlagenbauunternehmen existiert eine Dienstreisevereinbarung aus dem Jahr 1981. Sie regelt noch Reisen in und durch die DDR sowie in die Sowjetunion. Die Staaten sind verschwunden. Die Vereinbarung bleibt.

Solche Dokumente sind keine Kuriositäten am Rand. Sie zeigen, wie Organisationen altern. Betriebsvereinbarungen aus den achtziger und neunziger Jahren wurden über Jahrzehnte ergänzt, überarbeitet, kommentiert und mit lokalen Ausnahmen versehen. Ein Satz bleibt, weil der Betriebsrat ihn nicht hergeben will. Eine Zulage bleibt, weil sie einst einen harten Konflikt befriedete. Eine Ausnahme bleibt, weil niemand den Mut zur Bereinigung findet. Eine Regel lebt weiter, weil sie Besitzstand geworden ist.

Das Ergebnis ist eine betriebliche Sedimentschicht. Unter ihr liegen frühere Konflikte, alte industrielle Routinen, veränderte Tariflagen, gewachsene Misstrauensverhältnisse und IT-Systeme, die diese Ordnung nur noch verwalten. Wer heute Arbeitszeit modernisieren will, kämpft selten nur mit dem Gesetz. Er kämpft mit der Geschichte des eigenen Betriebs.

Zander schildert aus seiner Beratungspraxis, dass manche Unternehmen jahrelang versuchen, alte Regelwerke anzupassen. Jede Änderung löst Gegenforderungen aus. Jede Zeile wird zur Verhandlungsmasse. Am Ende wächst das Regelwerk weiter. Der radikalere Weg besteht darin, alte Vereinbarungen beiseitezulegen und ein neues System zu bauen. Das gelingt nur mit klarem Mandat der Geschäftsführung, belastbaren Daten, Führungskräften, die das Projekt tragen, und Betriebsräten, die die Zukunft des Betriebs mitdenken.

Die Angst vor dem Arbeitszeitkonflikt

In der Diskussion nach Zanders Impuls wurde spürbar, weshalb viele Unternehmen das Thema meiden. Arbeitszeit berührt das Privatleben der Beschäftigten tiefer als fast jede andere betriebliche Regel. Schichtpläne strukturieren Kinderbetreuung, Pflege, Sportverein, Pendelroutinen, Schlaf, Partnerschaften und Nebenjobs. Wer daran rührt, rührt an Lebensordnungen.

Deshalb erzeugt Arbeitszeitreform Emotionen. Beschäftigte vermuten Verschlechterung. Betriebsräte wittern Kontrollverlust. Führungskräfte fürchten Unruhe. Geschäftsführungen fragen nach Aufwand und Risiko. HR erkennt den Handlungsbedarf, erhält aber oft kein Mandat. Vor allem in Unternehmen mit ländlicher Prägung oder gewachsenen Stammbelegschaften hält diese Konfliktvermeidung lange. Man kennt sich, man will keinen Streit, man verschiebt.

Diese Ruhe ist teuer. Schlechte Arbeitszeitmodelle erzeugen Überstunden, Leerlauf, Krankenstände, Zuschläge, Fluktuation und sinkende Attraktivität. Sie machen Unternehmen langsamer. Sie erschweren Recruiting. Sie lassen Kunden warten. Sie verschieben Kosten in Bereiche, die später kaum noch einer mit Arbeitszeit verbindet.

Das war ein wiederkehrender Befund des Webinars: Arbeitszeit steht selten als eigenes Thema oben auf der Agenda. Sie taucht verkleidet auf. Als Krankenstand. Als Produktivitätsproblem. Als Homeoffice-Streit. Als Schichtkonflikt. Als Personalengpass. Als Streit über Anwesenheit. Als Kostenfrage. Wer nur auf das Etikett schaut, übersieht den Zusammenhang.

Mehr Stunden lösen keine falsche Organisation

Die politische Debatte liebt grobe Mengenbegriffe. Mehr arbeiten. Weniger krankfeiern. Später in Rente. Zurück ins Büro. Diese Formeln wirken entschlossen, weil sie einfach klingen. Betriebe funktionieren anders. Eine Stunde mehr Arbeit erzeugt keinen zusätzlichen Output, falls Material fehlt, Maschinen umgerüstet werden, Kundenbedarf schwankt oder Beschäftigte in unproduktiven Sitzungen hängen.

Gerade in White-Collar-Bereichen liegt der Engpass häufig nicht in der Zahl der Stunden. Der Engpass liegt in Unterbrechung, Meetingdichte, unklarer Priorisierung, schlechter Führung und fehlender Konzentration. Eine Organisation kann Arbeitszeit verlängern und zugleich weniger schaffen, weil sie Aufmerksamkeit vernichtet. In Schicht- und Produktionsbereichen entsteht ein anderes Problem. Starre Pläne passen schlecht zu volatiler Nachfrage, Variantenvielfalt und kurzfristigen Ausfällen.

Zander beschreibt Arbeitszeit deshalb als strategische Kapazitätsfrage. Wie plant das Unternehmen? Wo entstehen Abweichungen? Weshalb entstehen sie? Welche Daten werden ausgewertet? Wie lernt die Organisation aus Fehlern? Welche Flexibilität gibt der Betrieb Beschäftigten, ohne sie zu überfordern? Welche Flexibilität braucht der Kunde, ohne Schutzregeln zu unterlaufen?

Das ist eine andere Debatte als der politische Schlagabtausch über den Acht-Stunden-Tag. Sie fragt nicht nach Symbolen. Sie fragt nach Steuerung.

Wunschdienstplanung als harte Produktivitätsfrage

Besonders deutlich wird das in Schichtbereichen. Viele Betriebe arbeiten noch mit starren Plänen, obwohl digitale Workforce-Management-Systeme längst mehr erlauben. Beschäftigte können Verfügbarkeiten angeben, Präferenzen einbringen, Schichten tauschen, Zusatzschichten übernehmen. Systeme können prüfen, wer qualifiziert ist, wer arbeitszeitrechtlich eingesetzt werden darf, welche Zeitkonten auszugleichen sind und wo Bedarf entsteht.

Der Begriff Wunschdienstplanung klingt weich. Tatsächlich beschreibt er eine präzise betriebliche Steuerungslogik. Beschäftigte erhalten Einfluss auf ihre Zeit. Unternehmen erhalten bessere Daten über Verfügbarkeit, Bedarf und Engpässe. Führungskräfte müssen weniger improvisieren. Ausfallmanagement wird weniger Telefonkette. Planung gewinnt Qualität.

Zander warnt zugleich vor Großankündigungen. Gruppenarbeit, flexible Schichtmodelle und selbstorganisierte Planung lassen sich nicht per Dekret verordnen. Erfolgreiche Unternehmen beginnen mit geeigneten Bereichen. Dort müssen Aufgabe, Team und Führungskraft passen. Funktioniert das Modell, entsteht Sog. Andere Bereiche wollen die Vorteile ebenfalls nutzen. Veränderung verbreitet sich dann über Erfahrung, nicht über Parole.

Genau diese Logik fehlt im Referentenentwurf. Der Staat regelt den rechtlichen Rahmen. Die betriebliche Modernisierung muss aus Planung, Daten und Führung kommen. Ein Gesetz kann Freiraum öffnen. Es kann keine Organisation bauen.

HR sucht das Mandat

Der Arbeitszeitkonflikt zeigt eine alte Schwäche vieler Personalbereiche. HR kennt die Regeln, die Ausnahmen, die Konflikte, die Krankenstände, die Zeitkonten und die Wünsche der Beschäftigten. Gleichzeitig fehlt oft die Macht, ein Arbeitszeitprojekt gegen Widerstände durchzusetzen. In manchen Unternehmen gilt HR weiterhin als Verwaltungseinheit. Vertrag, Abwesenheit, Entgelt, Compliance. Notwendig, aber selten strategisch gehört.

Arbeitszeit könnte diese Rolle verändern. Wer Arbeitszeit als Produktivitäts-, Kunden- und Kapazitätsfrage behandelt, spricht die Sprache der Geschäftsführung. Dazu braucht HR Daten. Krankenstand nach Schichtfolge. Überstunden nach Bereich. Leerlauf nach Produktionslinie. Ausfälle nach Belastungsmuster. Recruitingprobleme nach Modell. Kosten der Zuschläge. Kosten schlechter Planung. Nutzen digitaler Systeme.

Im Webinar berichtete ein Teilnehmer, dass Daten die Emotionalität solcher Debatten senken können. Korrelationen zwischen Krankenstand und Schichtsystem, Ausfallmuster oder Belastungszeiten schaffen eine andere Gesprächsbasis. Sie beenden den Kampf um Eindrücke. Sie ersetzen Machtspiele nicht vollständig, aber sie machen Ausreden teurer.

Die HR-Funktion muss daher rechnen und erzählen können. Sie muss zeigen, weshalb Arbeitszeit nicht nur Beschäftigtenwunsch, nicht nur Betriebsratsthema, nicht nur Compliancefrage ist. Arbeitszeit entscheidet über Lieferfähigkeit, Servicequalität, Kosten und Arbeitgeberattraktivität. Wer das nicht übersetzt, bleibt in der Regelverwaltung gefangen.

Der Kunde fehlt in der Arbeitszeitdebatte

In der Diskussion wurde ein weiterer Punkt sichtbar: Personalpolitik denkt oft zu intern. Der Kunde erscheint spät. Dabei ist Arbeitszeit immer auch Kundennähe. Öffnungszeiten, Lieferzeiten, Reaktionsgeschwindigkeit, Hotline-Erreichbarkeit, Montagefenster, Entwicklungszyklen und Projektabschlüsse hängen an der Verfügbarkeit von Menschen mit passender Qualifikation.

Wer Arbeitszeit plant, plant Antwortfähigkeit. Wer Schichtmodelle neu fasst, beeinflusst Lieferfähigkeit. Wer Servicezeiten statt Kernzeiten einführt, verändert Kundenerfahrung. Wer alte Regeln bewahrt, bewahrt oft auch alte Wartezeiten.

Das Ministerium schreibt im Entwurf von Wettbewerbsfähigkeit und globaler Einbindung. Diese Worte bleiben abstrakt, solange Betriebe ihre Arbeitszeitregelungen nicht am Markt testen. Die entscheidende Frage lautet: Welche Zeit braucht der Kunde? Welche Zeit braucht der Mensch? Welche Organisation bringt beides in ein belastbares Verhältnis?

Bibliotheken, Brötchen und die große Ordnung

Am Rand des Entwurfs stehen zwei scheinbar kleinere Themen: öffentliche Bibliotheken und Bäckereien. Bibliotheken sollen an Sonn- und Feiertagen bis zu sechs Stunden Beschäftigung ermöglichen, sofern sie als Orte der Begegnung, Kultur und Bildung fungieren. Bäckereien und Konditoreien sollen mehr Zeit für Herstellung und Auslieferung frischer Ware erhalten.

Diese Passagen wirken zunächst wie kommunalpolitische Beigaben. Sie zeigen jedoch, wie das Arbeitszeitrecht in Alltagskultur eingreift. Der Sonntag bleibt verfassungsrechtlich geschützt. Gleichzeitig haben Bibliotheken ihre Funktion verändert. Sie sind Lernorte, Wärmestuben, Begegnungsräume, digitale Zugangsstellen und kulturelle Infrastruktur. Bäckereien haben sich ebenfalls gewandelt. Filialnetze, zentrale Produktion und Auslieferung passen schlecht zur alten Drei-Stunden-Logik.

Auch hier folgt der Entwurf einer vorsichtigen Modernisierung. Er anerkennt veränderte Lebensgewohnheiten, ohne den Sonntag preiszugeben. Man kann das maßvoll nennen. Man kann es klein nennen. Beides trifft zu.

Das Loch Ness des Arbeitsministeriums

Professor Rupert Felder, Arbeitsrechtler im Think Tank Innovation der Zukunft Personal, hat für den Entwurf ein anderes Bild gewählt: das BMAS als Loch Ness. Seit Jahren wartet die arbeitsrechtliche Öffentlichkeit auf die Kreatur im Wasser. Seit dem EuGH-Urteil von 2019 war klar, dass der Gesetzgeber handeln muss. 2022 kam das BAG hinzu. Nun taucht ein Entwurf auf, offenbar nicht als feierlich präsentierter Regierungsakt, eher als Stoff für die Erregungsmaschine der Sommermonate.

Felders Spott sitzt, weil er die Diskrepanz zwischen Erwartung und Papier beschreibt. Der Entwurf bewegt etwas. Er wagt wenig. Er bringt Ordnung in die Zeiterfassung, öffnet tariflich begrenzte Wochenflexibilität und korrigiert Sonderbereiche. Die großen betrieblichen Konflikte um Ruhezeit, mobile Arbeit, nicht tarifgebundene Betriebe, moderne Workforce-Systeme und neue Kapazitätsmodelle bleiben weitgehend ungelöst.

Felder erinnert zugleich an die Funktionsweise der Gesetzgebung. Ein Referentenentwurf ist ein Auftakt. Ressortabstimmung, Kabinett, parlamentarische Beratung, Ausschüsse, Anhörungen – erst dort entsteht das endgültige Gesetz. Bis dahin wird jede Seite ihre Drohkulisse aufbauen. Arbeitgeber warnen vor Bürokratie und verpasster Flexibilität. Gewerkschaften warnen vor Überlastung und Entgrenzung. Betriebsräte sichern Schutzräume. Unternehmen suchen Spielräume. Das Thema eignet sich für Empörung, weil jeder Alltagserfahrung mitbringt.

Die Reform beginnt nach dem Gesetz

Der Referentenentwurf markiert daher keinen Abschluss. Er legt eine Schwelle frei. Deutschland braucht ein Arbeitszeitrecht, das Schutz und Flexibilität in einer digitalisierten Wirtschaft verbindet. Der Entwurf versucht diese Verbindung, bleibt aber im sicheren Gelände. Er verrechtlicht die Zeiterfassung, privilegiert Tariflösungen, dosiert Sonntagsarbeit und meidet die schmutzigen Details moderner Tagesrhythmen.

Für Unternehmen ist die bequemste Reaktion gefährlich. Sie könnten warten, bis das Gesetz fertig ist, dann ein System kaufen, eine Richtlinie schreiben und glauben, die Arbeit sei getan. Dann hätten sie die Uhr digitalisiert und die Organisation alt gelassen.

Die eigentliche Arbeit beginnt tiefer. Betriebsvereinbarungen prüfen. Überholte Regelungen beenden. Schichtmodelle analysieren. Ruhezeiten klug gestalten. Workforce-Management einführen. Beschäftigte beteiligen. Daten auswerten. Führungskräfte qualifizieren. Betriebsräte früh einbinden. Kundenbedarf ernst nehmen. HR mit Mandat ausstatten.

Der Referentenentwurf zeigt, wie vorsichtig der Staat an die alte Uhr greift. Die Betriebe müssen entscheiden, ob sie weiterhin an ihr drehen oder endlich fragen, welche Zeit ihr Geschäft, ihre Beschäftigten und ihre Kunden brauchen. Die Dienstreise in die DDR sollte im Regelarchiv bleiben. Die Arbeitszeit der Zukunft verdient bessere Pläne.

Das halboffene Buch der Gegenwart: Im Sommerloch erkennt man die Medien an ihren Klagen – Herder-Lektüre könnte helfen

Das Sommerloch galt lange als journalistischer Sandkasten. Politiker verreisten, Parlamente ruhten, Redaktionen suchten Stoff. Dann kamen die alten Ersatzthemen: Haie, Hitze, Hygiene im Freibad, angebliche Jugendmoden, gefährliche Tiere, stille Landstraßen, der Untergang der Sprache. Der Sommer legte den Betrieb frei. Er zeigte, worüber eine Gesellschaft redet, sobald ihr die offiziellen Anlässe fehlen.

2010 trug dieses Loch noch den Geruch des Offline-Romantischen. Abschalten klang wie kulturelle Verfeinerung. Wer dem Netz entkam, durfte sich für einen Überlebenden der Gegenwart halten. Das Mobiltelefon lag neben dem Aschenbecher, Facebook erschien vielen noch als Ort sozialer Exhibition, Blogs wirkten wie Kneipen mit Druckerschwärze im Blut. Die alte Frage lautete: Kommt man aus dem Internet wieder heraus?

Heute klingt diese Frage wie die Bitte, aus dem Wetter auszusteigen. Das Netz ist keine Mode mehr. Es ist Klima, Verwaltung, Erinnerung, Bezahlweg, Fahrplan, Liebesarchiv, Kartenblatt, Suchhilfe, Redaktionssekretär, Ferienbegleiter, Stimmungsbarometer. Am Strand liegt neben der Sonnencreme ein Telefon, das Regenradar, Übersetzungsdienst, Bank, Kamera, Messenger, Musikbibliothek und politisches Erregungsorgan in einer Handfläche vereint. Das Café ersetzt die Speisekarte durch einen QR-Code. Das Museum schickt Eintrittskarten aufs Display. Der Zug entschuldigt sich per App. Die Großmutter verschickt Sprachnachrichten. Die Suchmaschine fasst die Welt zusammen, der Chatbot macht daraus eine brauchbare Version für eilige Leser.

Der alte Traum vom Offline-Modus hat sich in eine andere Sehnsucht verwandelt. Die Menschen wollen kaum aus dem Netz fliehen. Sie wollen ihm für zwei Stunden eine andere Tonlage abringen. Weniger Alarm. Mehr Zusammenhang. Weniger Schlagwort. Mehr lesbare Welt.

Herder auf See, der Gegenwartsleser im Feed

Das aktuelle „Herder Yearbook/Herder Jahrbuch“ trifft diese Lage mit unerwarteter Genauigkeit. Band 17 erscheint nach sechzehn analogen Jahrgängen in doppelter Gestalt: gedruckt und frei zugänglich. Ein Jahrbuch über einen Autor des 18. Jahrhunderts tritt in die offene Zirkulation der Gegenwart ein. Ausgerechnet Herder, dieser reisende Leser, Sammler, Übersetzer, Prediger, Kritiker, Sprachdenker und Weltkundler, wird zum Begleiter einer Medienlage, die wieder einmal glaubt, an ihrer Fülle zu ersticken.

Sarah Maria Teresa Goeth führt in ihrem Beitrag zu Herders „Journal meiner Reise 1769“ mitten hinein in das Drama der Orientierung. Herder verlässt Riga, geht aufs Schiff und weiß nicht, wohin ihn die Reise führt. Das klingt romantisch, bis man die Härte dieser Szene begreift. Herder löst sich aus Amt, Stadt, Kanzel, Katheder, Bibliothek. Er setzt Denken in Bewegung. Die See gibt dem Gedanken Raum. Das Schwanken des Schiffes löst die alten Gewissheiten. Der Horizont wird Prüfstein.

Der heutige Reisende hat das Gegenbild in der Tasche. Er weiß vor dem Aufbruch, wann der Bus kommt, wie viele Minuten der Anschluss hat, welche Bewertung das Restaurant bekam, ob am Ziel Regen fällt, wie warm das Wasser ist und welcher Weg am wenigsten Treppen enthält. Seine Orientierung ist technisch hervorragend. Gerade deshalb wächst eine andere Verlegenheit. Wer sich dauernd verorten kann, hat noch keinen Ort im Denken gefunden.

Herders berühmte Formulierung, die Welt werde im Denken wie eine Karte, gehört deshalb in unsere Gegenwart. Die Karte ist keine Fläche mit fertigen Antworten. Sie entsteht, während der Mensch schaut, geht, vergleicht, irrt, korrigiert. Google Maps zeigt Wege. Herder fragt nach der Fähigkeit, aus Wegen Erfahrung zu bilden. Der Unterschied entscheidet über Bildung.

Natur als Text, Dashboard als Aberglaube

Stefanie Buchenau liest Herder über die alte Metapher vom „Buch der Natur“. Vor dem 19. Jahrhundert dachten viele Autoren Natur als heiligen Text. Die frühen Naturphilosophen wollten die Zeichen lesen: Gestein, Schichtung, Himmel, Tiere, Elemente. Herder übernimmt diese Tradition, verändert ihren Takt. Die Natur liegt für ihn weder als triviales Rechenblatt bereit noch als verschlossenes Orakel. Sie verlangt Lektüre, Übersetzung, Geduld.

Das ist ein herrlicher Kontrast zur Gegenwart, die überall Messgeräte aufstellt und häufig meint, Messung ersetze Deutung. Die Wetter-App zeigt violette Zellen über dem Alpenrand. Satellitenbilder zeigen Waldbrände. Sensoren messen Feinstaub. Smartwatches zählen Schritte, Schlaf, Puls, Sauerstoff. Städte führen Hitzeaktionspläne. Versicherungen rechnen Risiken. Ein Dashboard kann viel anzeigen. Es versteht nichts.

Herder schützt vor dem Aberglauben der Anzeige. Die Welt wird lesbar durch Arbeit am Zeichen. Ein Wert ohne Erzählung bleibt stumm. Eine Kurve ohne Urteil erzeugt Panik oder Gleichgültigkeit. Ein Waldbrand auf der Karte braucht Geographie, Politik, Bodenwissen, Forstgeschichte, Klimaphysik, lokale Erinnerung. Das „Buch der Natur“ hat keine Schnellfassung für Eilige. Wer es in drei Sätze presst, verliert den Stoff.

So bekommt auch der Sommer eine andere Gestalt. Er ist keine Wartezeit zwischen politischen Spielzeiten. Er ist ein Leseraum. Die gelben Rasenflächen, die plötzlichen Gewitter, die aufgeheizten Dachwohnungen, die überfüllten Seen, die leeren Innenstädte: All das sind Zeichen. Man kann sie als Stimmung konsumieren. Man kann sie als Text lesen.

Der Körper liest mit

Lore Knapp zeigt Herder als Vorläufer einer empirischen Ästhetik. Wahrnehmung, Fühlen und Denken stehen bei ihm in einem Zusammenhang, den abstrakte Theorie gern zerlegt. Herder liest Locke, Hutcheson, Home, Burke; er gewinnt aus den Briten eine Ästhetik des Sinnlichen. Erkenntnis beginnt am Körper. Der Mensch denkt mit Haut, Ohr, Auge, Gleichgewicht, Atem.

Diese Perspektive trifft die digitale Gegenwart an ihrer empfindlichsten Stelle. Die heutige Kultur behandelt Lesen gern als Extraktion von Information. Ein Text wird zusammengefasst, ein Buch in Kernaussagen zerlegt, ein Vortrag in fünf Thesen gepresst, eine Debatte in ein Stimmungsdiagramm verwandelt. Der Körper verschwindet aus der Erkenntnis. Dabei weiß jeder Leser, dass Denken oft an scheinbar nebensächlichen Dingen hängt: am Papiergeruch, am Licht, am Geräusch eines Saals, am Rhythmus einer Stimme, an der Müdigkeit nach drei Stunden Zugfahrt, am Salz auf der Haut nach einem Tag am Meer.

Ein Chatbot kann einen Aufsatz über Musikästhetik zusammenfassen. Er hört keine Musik. Er kann über Plastik und Tastsinn referieren. Er ertastet keine Skulptur. Er kann die Poetik einer Reise erklären. Er spürt kein schwankendes Schiff. Das mindert seinen Nutzen keineswegs. Es ordnet ihn ein. Maschinen helfen beim Sortieren, Verknüpfen, Variieren. Bildung beginnt dort, wo der Mensch wieder in seine Sinne eintritt.

Vielleicht ist das die feinste Lektion für das Sommerloch. Man muss den Betrieb der Gegenwart keineswegs verlassen, um ihr zu entkommen. Man muss langsamer lesen. Man muss das Display gelegentlich in den Schatten legen und prüfen, was der eigene Blick noch sieht.

Swift, Satire und das kleine Pfeifchen

Marcello Cattaneos Beitrag über Herders Swift-Rezeption bringt die heitere Gefahr der Satire ins Spiel. Herder beschäftigt sich mit Swift als Spiegelautor, mit der scharfen Kunst, Torheit sichtbar zu machen. In den edierten Notizen zur Satire erscheint Persiflage als leises Gegenmittel gegen auftrumpfende Gravität: ein kleines Pfeifchen gegen den großen Lärm.

Unsere Gegenwart braucht dieses Pfeifchen dringender als die große Trommel. Die sozialen Medien haben die Satire demokratisiert und vergröbert. Jeder kann kommentieren, zerlegen, verspotten, imitieren, zuspitzen. Aus dem alten Sommerloch wurde ein permanenter Spottkanal. Ein missglücktes Politikerfoto, ein Satz aus einer Pressekonferenz, eine steife Unternehmensformel, ein moralisch aufgepumpter Werbeslogan: Innerhalb von Minuten entsteht ein Chor aus Witz, Zorn und Nachahmung.

Herder hilft, zwischen Spottlust und Erkenntnislust zu unterscheiden. Grobes Auspfeifen kostet nichts. Persiflage verlangt Maß, Kenntnis, Formgefühl. Sie setzt das Aufgeblasene herab, ohne selber aufzublasen. Sie legt den Gegenstand frei. Sie braucht keinen Donner. Ein Satz kann genügen.

Das wäre auch eine Kur für den digitalen Sommer. Gegen die Überproduktion von Meinungen hilft keine Askese. Besser wirkt die alte Kunst des treffenden Maßes. Ein QR-Code auf der Restaurantkarte verdient keinen Kulturkrieg. Ein KI-generierter Reiseplan mit erfundenen Öffnungszeiten verdient Spott mit Beleg. Eine politische Phrase, die jeden Konflikt in Verwaltungswatte packt, verdient das kleine Pfeifchen.

Das Jahrbuch als Gegenbild zur Schnellfassung

Das Herder-Jahrbuch selbst wirkt in dieser Lage wie ein bewusst langsames Instrument. Es versammelt Beiträge über Naturlektüre, Orientierung, Ästhetik, Satire, Predigten, Politik, Musik, Denkbilder, Bibliographie. Ein Jahrbuch ist keine Timeline. Es kennt keinen Push-Ton. Es erscheint, verlangt Zeit und ordnet Forschung in ein Geflecht aus Sprachen, Archiven, Ausgaben, Übersetzungen, Fußnoten, Widerspruch.

Gerade deshalb passt seine neue freie Verfügbarkeit in die Gegenwart. Open Access heißt im besten Fall: Die Welt der Forschung wird zugänglicher, ohne ihren Anspruch an Genauigkeit zu senken. Das Netz bekommt dadurch eine andere Rolle. Es wird Träger von Langsamkeit. Es verteilt Texte, die sich gegen den schnellen Verbrauch sperren. Es bringt Herder nicht in den Feed, um ihn dort zu verheizen. Es macht den Zugang leichter und hält die Arbeit am Gedanken schwer genug.

Darin steckt eine schöne Ironie der Mediengeschichte. 2010 galt das Internet vielen als Ort des Zerfalls. Die Bibliothek stand als Gegenbild: Regal, Staub, Ordnung, Kanon, Stille. Heute zeigt ein Herder-Jahrbuch im offenen Format, dass diese Gegenüberstellung verbraucht ist. Das gedruckte Buch und die digitale Verfügbarkeit können zusammenarbeiten. Entscheidend bleibt die Leseform. Ein PDF kann hastig überflogen werden. Ein gedruckter Band kann ungelesen verstauben. Das Medium rettet niemanden. Die Rettung beginnt in der Praxis der Aufmerksamkeit.

Sommerloch als Schule der Auswahl

Das Sommerloch verdient deshalb einen besseren Ruf. Es ist die Jahreszeit, in der der Medienbetrieb seine Routinen verliert und seine Ersatzhandlungen zeigt. Aus dieser Schwäche lässt sich Gewinn ziehen. Man erkennt die Mechanik der Aufmerksamkeit. Man sieht, welche Themen sofort greifen, welche Metaphern wiederkehren, welche Ängste sich neu kostümieren.

2010 hieß das Kostüm: Offline. Heute heißt es: KI, Reizüberflutung, Slop, Algorithmus, Echtzeit. Die Struktur bleibt vertraut. Jede Medienepoche hält ihre eigene Fülle für unerträglich und ihre eigene Verwirrung für beispiellos. Herder widerspricht dieser Eitelkeit aus der Tiefe des 18. Jahrhunderts. Er zeigt einen Menschen, der unter Büchern leidet, an Karten arbeitet, Natur als Text liest, Sinne ernst nimmt, Sprachen sammelt und die Welt weder als Chaos noch als fertiges System behandelt.

Das Sommerloch ist dann kein Mangel an Nachrichten. Es ist eine Übung in Auswahl. Was lese ich? Was lasse ich liegen? Welcher Satz verdient Wiederkehr? Welche Meldung verliert nach einer Stunde ihre Temperatur? Welche Beobachtung öffnet einen Raum?

Herder gibt darauf keine Gebrauchsanweisung. Er liefert eine Figur des Denkens: den bewegten Leser. Dieser Leser flieht weder ins Analoge noch ergibt er sich dem Digitalen. Er nimmt die Karte, geht hinaus, korrigiert sie am Horizont, hört auf den Ton, prüft den Spiegel, lacht über falsche Gravität und liest weiter.

So wird aus dem Sommerloch ein Labor der Humanität. Nicht als großes Wort. Als tägliche Übung. Ein Mensch sitzt im Schatten, liest ein Jahrbuch, legt das Telefon daneben, schaut auf die Karte, hört ein Geräusch von der Straße, denkt an Riga, an die See, an Swift, an das halboffene Buch der Natur. Für einen Augenblick stimmt die Ordnung. Dann vibriert das Telefon. Die Welt verlangt Antwort. Der Leser lächelt, liest den Satz zu Ende und entscheidet selbst.

Der Cursor auf See

Sechzehn Jahre nach dem alten Sommerloch-Text zeigt sich, dass Herder damals bereits näher an unserer Gegenwart stand als viele Diagnosen der Digitalmoderne. Die Figur des „Netznavigators“ war keine launige Übertragung aus der Blogzeit. Sie traf eine Kulturtechnik, die heute jede ernsthafte Arbeit am Wissen braucht: die kursorische Lektüre.

Herder liest im „Journal meiner Reise“ wie einer, der durch den virtuellen Raum einer Gelehrtenbibliothek läuft. Er hält sich kaum an Reihenfolgen. Er nimmt Fäden auf, lässt sie fallen, springt weiter, häuft Namen, Länder, Religionen, Künste, Sitten, Sprachen, Chronologien, Naturgeschichten. Die „percursio“, der Durchlauf, gibt ihm die Erlaubnis zum Flüchtigen. Er muss die aufgerufenen Elemente im Augenblick ihres Erscheinens keiner vollständigen Auslegung unterwerfen. Er darf sie vorbeiziehen lassen. Er darf zählen, registrieren, streifen, sammeln, verknüpfen. Die „Sylvae“ bewahrt diese Bewegungsform: Schreiben aus dem Schwung, aus der ersten Erhitzung, aus der gelösten Hand.

Das klingt nach Zerstreuung. Bei Herder wird daraus Methode. Er begreift, dass das Universalarchiv uneinholbar bleibt. Alles lesen, alles kennen, alles wissen: Diese Phantasie macht dumm, weil sie das Denken an eine unmögliche Vollständigkeit bindet. Herder findet auf See einen Ausweg. Er ersetzt den Besitz des Ganzen durch Suchläufe, Fundorte, Verweise, Anschlüsse. Wissen liegt für ihn im Durchgang. Es entsteht durch Routen.

Sarah Maria Teresa Goeths Jahrbuch-Beitrag schärft diesen Gedanken. Herders Seereise löst den fixen Mittelpunkt auf. Kanzel, Lehnstuhl, Katheder, Stadt, Bibliothek: Die alten Orte verlieren ihre zwingende Kraft. Der offene Horizont zwischen Himmel und Meer ermöglicht eine neue Vermessung des Denkens. Herder orientiert sich, indem er den sicheren Standort preisgibt. Seine Karte entsteht während der Bewegung. Sie liegt nicht vor ihm wie ein Amtsplan. Sie wächst im Lauf.

Damit wird der alte Sommerloch-Text neu lesbar. 2010 stritt man noch über Offline-Flucht und Netzüberdruss. Heute leben wir mitten in einem Archiv, das sich dauernd selbst erweitert. Suchmaschinen, Feeds, Datenbanken, Übersetzungsprogramme, KI-Systeme, offene Jahrbücher, digitalisierte Bibliotheken: Alles zirkuliert. Der Fehler liegt im Wunsch, diese Zirkulation wieder in einen alten Kanon zu pressen. Herder empfiehlt eine andere Disziplin. Man muss durchlaufen können. Man muss auswählen können. Man muss den Fundort vom Gedanken unterscheiden. Man muss eine Spur weiterführen und eine andere verlassen.

Der Cursor ist deshalb keine bloße Bildschirmfigur. Er ist eine Denkfigur. Er läuft, springt, markiert, öffnet, verbindet. Er bleibt in Bewegung und erzeugt gerade daraus Orientierung. Herder auf dem Meer wird zum frühen Meister dieser Kunst. Er flieht aus der Bücherflut und trägt die Bücherflut im Kopf weiter. Er entkommt dem Archiv, indem er es in Bewegung versetzt.

So endet der Sommer am besten: mit einem Leser, der seine Überforderung ernst nimmt und sich von ihr antreiben lässt. Das halboffene Buch der Gegenwart bleibt unabschließbar. Herder hätte daran gelitten. Herder hätte daraus gearbeitet. Genau darin liegt seine Aktualität: Er lehrt keine digitale Askese. Er lehrt bewegliche Gelehrsamkeit. Wer heute lesen will, muss laufen lernen.

Der atemlose Wirbel als Methode

„Ein atemloser Wirbel von Einfällen, Entwürfen, Projekten, Antizipationen“: Besser lässt sich die Wirkung von Herders „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ kaum fassen. In diesem Wirbel liegen bereits die Bücher, die nach der Reise Gestalt annehmen: „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ von 1773, gedruckt 1774, „Plastik“ von 1774, gedruckt 1778, und die späteren „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ aus den Jahren 1784 bis 1791. Die Seereise wirkt wie ein Reißbrett der kommenden Werke. Herder notiert, was sein Denken über Jahre antreibt.

Der Genre-Status dieses Textes gehört zu seiner intellektuellen Sprengkraft. Die Grand Tour, das Tagebuch, die empfindsame Innenreise reichen als Schilder kaum aus. Herders „Journal“ arbeitet als Fragment einer Gedanken- und Gefühlsreise durch die Universalität der äußeren und inneren Welt. Rainer Wisbert nennt es einen der merkwürdigsten Texte unserer Literatur. Diese Merkwürdigkeit entspringt der Form. Herder sammelt Weltstoff im Durchlauf. Er zählt auf, häuft an, springt, reiht, verknüpft. Aus der Unruhe entsteht ein Verfahren.

Im Sprung der Wand: Regina Schillings Bachmann-Film im Rex – Ein Sonntagvormittag in Endenich, elf Uhr, und Rom liegt nah

Das Rex-Kino in Bonn-Endenich hat an diesem Sonntag etwas von einem Vorraum der Literatur. Draußen der Juni, die Straßen, die Sonntagsruhe. Drinnen ein Film, der keine Biografie abwickelt, kein Denkmal putzt, kein Jubiläum verwaltet. Regina Schilling sucht Ingeborg Bachmann in den Rissen. In der Stimme. Im Rauch. Im Papier. In jenen Sätzen, die klingen, als seien sie aus einer Wunde heraus poliert worden.

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ beginnt mit einer Wand, einem Sprung, einer Wohnung in Rom. Sandra Hüller sitzt dort wie in einer Séance. Keine historische Verkleidung nimmt das Bild gefangen. Hüller nähert sich Bachmann über Atem, Blick, Zögern, Handbewegung. Sie spielt keine Ikone. Sie öffnet einen Resonanzraum. Durch ihn treten Originalaufnahmen, Briefe, Gedichte, Interviews, Erinnerungen. Der Film lässt Bachmann erscheinen, ohne sie festzuhalten.

Die Regisseurin baut keinen geraden Lebenslauf. Sie legt Spuren. Kärnten. Wien. Gruppe 47. München. Ischia. Zürich. Rom. Dazwischen Paul Celan, Hans Werner Henze, Max Frisch, Siegfried Unseld, Marcel Reich-Ranicki. Namen, die Literaturgeschichte markieren. Namen, die auch ein Gelände aus Erwartungen, Begehren, Besitzansprüchen, Urteilen, Kränkungen und Macht markieren. Bachmann geht durch dieses Gelände mit einer Sprache, die auf keine Genehmigung wartet.

Sandra Hüller hört, bevor sie spricht

Hüllers Kunst liegt im Zurücknehmen. Sie weiß, dass Bachmanns Sätze keinen Schmuck brauchen. Also begleitet sie sie. Sie setzt den Körper an die Stelle, an der Archiv und Gegenwart einander berühren. Mal scheint sie aus dem Off der Zeit zu kommen, mal aus einem Zimmer, in dem jemand zu lange allein geblieben ist. Eine Schauspielerin liest eine Schriftstellerin, und auf einmal geht es um die Arbeit selbst: Papier, Feder, Schreibmaschine, ausgeschlafener Kopf. Der Rest ist Arbeit.

Dieser Satz steht im Film wie ein trockener Ast in hellem Licht. Schreiben erscheint hier ohne Geniepose. Es fordert Disziplin, Nerven, Selbstverlust, Rückkehr. Bachmanns Werk kommt aus Erfahrung, aus Kriegsangst, aus Familiennähe, aus Liebesabgründen, aus der politischen und seelischen Kälte der Nachkriegszeit. Schilling zeigt diesen Ursprung ohne Bebilderungszwang. Sie vertraut dem Material. Sie vertraut Hüller. Sie vertraut dem Publikum.

Gerade die improvisierten Szenen erzeugen kein Theater der Nachahmung. Sie zeigen eine Annäherung. Eine Schauspielerin tastet sich an eine Dichterin heran, die längst zur Chiffre geworden ist und doch jeder Chiffre entkommt. Der imaginäre Tag in Rom wirkt wie eine Verdichtung ihres Lebens. Nicht Chronologie trägt den Film, sondern Rückkehr: der erste Schlag auf der Brücke in Klagenfurt, die Bombennächte, der Vater mit NSDAP-Vergangenheit, das Studium in Wien, Celans dunkle Nähe, die Gruppe 47, der Ruhm, die Männer, die Krankheit, die Sucht, die letzten Räume.

Der Männerbund vor dem Mikrofon

Eine der härtesten Linien des Films führt in den Literaturbetrieb der fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre. Dort sitzen Männer auf Stühlen, reden über Kunst, legen Maßstäbe fest, verteilen Anerkennung, verweigern sie, erklären die Welt. Sie geben sich modern, demokratisch, antifaschistisch, neu. Ihre Rituale riechen oft nach altem Besitz.

Marcel Reich-Ranicki liefert den bitteren Klang dieses Milieus. Seine Frage nach der bedeutenden Dirigentin fällt wie ein Türschloss ins Bild. Man hört darin keine Einzelmeinung, man hört ein System sprechen. Der Kritiker verwandelt den Ausschluss in Natur. Er stellt Frauen vor eine Prüfung, deren Regeln Männer geschrieben haben. Was er als Evidenz vorführt, ist die lange Arbeit der Verdrängung.

Bachmann steht in diesem Milieu als junge Frau, die längst weiter denkt als viele ihrer Richter. Sie gewinnt den Preis der Gruppe 47, der „Spiegel“ setzt sie aufs Titelblatt, die Literaturöffentlichkeit entdeckt ein Ereignis. Doch auch der Ruhm macht sie verfügbar. Die junge Lyrikerin wird betrachtet, beschrieben, eingeordnet. Blond, scheu, zart, faszinierend. Die Sprache der Bewunderung kann ein Käfig sein. Sie klingt sanft und hält fest.

Günter Grass, Walter Jens, Reich-Ranicki, Unseld: Der Film lässt das Nachkriegspanorama aufscheinen, ohne eine Strafakte daraus zu machen. Gerade deshalb wirkt es präzise. Man sieht eine Bundesrepublik, die sich kulturell neu erfindet und ihre alten Geschlechterordnungen weiterträgt. Man sieht eine Gruppe 47, die dem Faschismus entkommen wollte und im Ton, in der Sitzordnung, im Urteil oft patriarchal blieb. Bachmann musste ihre Sätze durch Räume tragen, in denen Männer entschieden, welche Frau als Genie gelten durfte und welche als Gefahr.

Kittlers Schatten an der Schreibmaschine

Friedrich Kittler hätte an diesem Film seine Freude gehabt, gewiss eine boshafte, kluge, technisch funkelnde Freude. Denn Schillings Bachmann-Film zeigt, dass Literaturgeschichte auch Mediengeschichte ist. Wer schreiben darf, wer verlegt wird, wer spricht, wer protokolliert, wer hört, wer urteilt: Das entscheidet sich an Apparaten, Institutionen, Schulen, Verlagen, Rundfunkanstalten, Zeitschriften, Preisen.

Kittler beschrieb den deutschen Bildungsstaat als Ordnung schreibender Männer. Um 1800 verband sich Schreibmacht mit Universität, Beamtenschaft, Kanon, Autorität. Frauen durften Briefe schreiben, Gefühle notieren, Familie erinnern. Die strategischen Positionen des Schreibens lagen bei Männern. Um 1900 öffnete die Schreibmaschine neue Berufe. Frauen kamen als Sekretärinnen, Stenotypistinnen, Telefonistinnen in Kommunikationssysteme hinein, die Männer erst gering schätzten. Die Lücke wurde zum Eintritt.

Der Bachmann-Film zeigt die nächste historische Härte. Die Schreibmaschine steht in der Wohnung, die Frau schreibt. Das Werk entsteht. Doch die Verlagsmacht, die Kritik, die Kanonisierung, die literarischen Gerichte bleiben männlich geprägt. Die Frau darf schreiben, sogar glänzen. Danach treten Männer auf und erklären, was dieses Schreiben gilt.

Schilling macht daraus keine Theorievorlesung. Sie montiert Stimmen. Sie lässt den Tonfall der Zeit arbeiten. In diesem Tonfall steckt die soziale Grammatik. Die Frau wird gefragt, geprüft, beäugt. Der Mann interpretiert. Der Mann ordnet. Der Mann weiß. Bachmanns Sätze antworten aus einer anderen Zone. Sie tragen keine Bitte um Aufnahme. Sie verlangen eine Sprache, die mit den vorhandenen Urteilen bricht.

Liebe als Gelände der Verletzung

Paul Celan erscheint im Film als Nähe, Traum, Schmerz. Die Briefe öffnen einen Raum, in dem Liebe und Geschichte ineinander geraten. Zwei Überlebensgeschichten berühren sich. Zwei Sprachen suchen einander. Die Schönheit dieser Verbindung bleibt untrennbar von Gefahr. Bachmanns Sehnsucht nach Celan hat etwas Märchenhaftes, zugleich dringt in jede Zärtlichkeit das Wissen um Verlust.

Hans Werner Henze bringt eine andere Farbe in diesen Lebenslauf: Musik, Ischia, Oper, gemeinsames Arbeiten. In seinen Zuschreibungen schwingt Bewunderung, auch Besitz. Max Frisch führt in die kalte Topografie der bürgerlichen Verwundung. Der Film folgt diesen Beziehungen ohne Klatschlust. Er zeigt, wie sich Liebe, Literatur und Macht verschränken. Bachmanns Leben erscheint dabei weder als Opfergeschichte noch als Triumphroman. Es erscheint als Arbeit an der eigenen Sprache unter hohem Druck.

Der Satz „Ich existiere nur, wenn ich schreibe“ könnte leicht zur Legende versteinern. Im Film bleibt er gefährlich. Denn er sagt: Das Schreiben rettet, doch es zehrt. Es gibt der Person Form und nimmt ihr Schutz. Es macht sichtbar und setzt aus. Bachmanns Ruhm war kein Dach. Er war ein Licht, das Schatten verlängerte.

Rom, Klagenfurt, das Salzwasserhaus

Fleur Jaeggys neues Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“ legt sich wie eine zweite, leise Stimme neben den Film. Jaeggy, die enge Freundin, schreibt nicht aus der Distanz der Forschung. Sie schreibt aus dem Nachhall gemeinsamer Räume. Poveromo-Forte dei Marmi, ein Haus, salziges Wasser, Rosenwasser, goldene Haarklammern in Sofaritzen, Tee, Schweigen, Besuche, Calvino, Uwe Johnson, eine Frau, die anklopft, bevor sie die Küche betritt.

Diese Details sind kostbar, weil sie Bachmann aus der großen Tragödie zurückholen in Gesten. Eine Freundin erinnert sich an eine Freundin. Nicht an ein Denkmal. Das Salzwasser im Tee, die Haarklammern, der Wunsch, Rom zu verlassen und keine Briefe beantworten zu müssen: Aus solchen Einzelheiten entsteht Nähe. Jaeggys Satz „Wir haben es gut gehabt“ trifft den Film wie ein fernes Echo. Er trägt Wärme und Abschied zugleich.

Schilling arbeitet ähnlich. Auch sie weiß, dass Bachmanns Leben im Kleinsten brennt. In einer Zigarette. In einem Atemzug vor dem Sprechen. In einem Blick auf eine Wand. In der Bewegung einer Hand zum Papier. Die großen Stationen verlieren dadurch ihr Lexikonhaftes. Klagenfurt ist kein Geburtsort, es ist Kriegskindheit. Wien ist kein Studienort, es ist Flucht aus der Enge. Rom ist kein Exil, es ist Arbeitszimmer, Rückzug, Abhängigkeit, letzte Bühne.

Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Jubiläen neigen zur Glättung. Dieser Film verweigert die Glättung. Er schenkt keinen Trost. Er sucht die lebendige Unruhe in einer Autorin, deren Werk noch immer gegen die Routine des Verstehens arbeitet.

Die Sprache als Gegenwehr

Bachmanns große Leistung bestand darin, Gewalt dort zu erkennen, wo andere Normalität sahen: in Familien, Liebesverhältnissen, Sätzen, Fragen, Erklärungen, Blicken. Der Krieg endet bei ihr nie mit dem letzten Bombenangriff. Er wandert in die Sprache ein, in die Körper, in die Beziehungen, in die Rituale der Nachkriegsgesellschaft. Ihre „Todesarten“ meinen keine Kriminalstatistik. Sie meinen Formen des Verschwindens im Alltag.

Der Film führt diese Erkenntnis vor, ohne sie pädagogisch auszulegen. Er lässt Bachmanns Texte arbeiten. Ihre Sprache hat keine gefällige Melodie. Sie schneidet. Sie stockt. Sie leuchtet. Sie weiß, dass Schönheit ohne Erkenntnis zur Dekoration wird. Bei Bachmann bleibt jeder Glanz beschädigt. Gerade daraus kommt seine Kraft.

Sandra Hüller versteht diese Spannung. Sie spielt Bachmann als Gegenwart einer Abwesenden. Man sieht keine Rekonstruktion, man sieht eine Beschwörung mit offenen Nähten. Hüller lässt Pausen stehen. Sie riskiert Unsicherheit. Sie vertraut dem gesprochenen Wort und der Stille danach. In diesen Pausen entsteht das Kino.

Ein Film aus Atem, Archiv und Asche

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ ist ein seltener Film über Literatur, weil er das Schreiben weder illustriert noch erklärt. Er nähert sich der Entstehung von Kunst als körperlicher, sozialer und geschichtlicher Erfahrung. Schilling zeigt eine Autorin, die aus der Provinz kam und die deutsche Sprache veränderte. Sie zeigt eine Frau, die in einer Männerwelt bestehen musste, deren Regeln im Tonfall der Liberalität oft weiterwirkten. Sie zeigt eine Künstlerin, die berühmt wurde und trotz des Ruhms keinen Schutz fand.

Im Rex-Kino, an diesem Sonntag um elf, sah man keinen Film, der das Jahrhundert einer Dichterin feierlich beschließt. Man sah einen Film, der ihr Werk neu öffnet. Bachmann bleibt darin unvereinnahmt. Sie tritt hervor, entzieht sich, kehrt zurück. Jemand, der einmal ich war: Der Titel klingt nach Verlust. Nach Erinnerung. Nach Verwandlung. Nach dem Abstand zwischen Leben und Schrift.

Am Ende bleibt ein Bild: eine Wand mit einem Sprung. Bachmann starrt ihn an, bis er sich weitet. Aus diesem Sprung kommt keine Erklärung. Aus ihm kommt Sprache.

Siehe auch:

„Daß Frauen auf bestimmten Gebieten einfach nicht in der Lage sind, Großes zu leisten traue sich ja heute niemand mehr zu sagen“, schimpfte der Ober-Chauvi Marcel Reich-Ranicki. „Es hat in der Geschichte keine Frau gegeben, die eine Oper komponiert hat. Frauen können nicht bildhauern und keine Dramen schreiben…In Deutschland sind Literatinnen doch nur verhuschte Wesen, die ständig in Ohnmacht fallen und Lyrisch-Märchenhaftes von sich geben. Gräßlich!“

Der Sextaner, der Alfred Kerr abholte: Berlin-Neukölln, Jerusalem und die Rückkehr einer Melodie

Albrecht Schöne erzählt die Gründung der Germanistik an der Hebräischen Universität Jerusalem mit Akten, Briefen, Büchern, Gastprofessoren, Stipendien, Personalfragen und Studienordnungen. Das klingt zunächst nach akademischer Aufbauarbeit. Dann hebt ein älterer Zuhörer die Hand, fällt dem Dozenten ins Wort und sprengt die Chronik. „Ich war dabei!“

Dieser Satz steht in einer Vertretungsstunde über Bertolt Brechts Lehrstücke. Schöne spricht über „Der Jasager“, über Kurt Weills Musik, über eine Berliner Schuloper aus dem Jahr 1930, über die Karl-Marx-Schule in Neukölln und über Schüler, die mit Brecht diskutierten. Plötzlich meldet sich ein Mann, der damals als Sextaner an der Aufführung beteiligt war. Er erzählt, wie er Alfred Kerr zuhause abholen durfte. Brecht leider nicht, Kerr aber schon. Er erinnert sich an den „Großen Chor“. Dann kommt die Melodie zurück. Er summt ein paar Takte.

Eine philologische Szene ersten Ranges. Nicht wegen des anekdotischen Reizes. Auch nicht wegen der Sentimentalität des Wiedererkennens. Der Augenblick zeigt, was Literaturwissenschaft kann, sobald Text, Stimme, Gedächtnis und historische Erfahrung zusammentreffen. Der Seminarraum in Jerusalem wird für eine Viertelstunde zur Bühne der Weimarer Republik. Berlin-Neukölln tritt ein. Alfred Kerr tritt ein. Brecht und Weill treten ein. Die Reformschule Fritz Karsens tritt ein. Mit ihnen kehrt eine deutsch-jüdische Kulturwelt zurück, die wenige Jahre nach jener Aufführung aus Deutschland vertrieben, beraubt, verbrannt, ermordet oder ins Exil gezwungen wurde.

Der Autor, der Musiker, die Bearbeiterin

„Der Jasager“ entstand in einer Arbeitskonstellation, die für die späte Weimarer Republik typisch war: Brecht schrieb, Kurt Weill komponierte, Elisabeth Hauptmann wirkte an der Bearbeitung mit. Das Stück griff auf das japanische Nō-Spiel „Tanikō“ zurück, vermittelt über Arthur Waleys englische Fassung. Schon diese Herkunft ist philologisch aufschlussreich. Brecht übernimmt keine Tradition unbefragt. Er verschiebt sie in eine Versuchsanordnung. Eine Reise durch das Gebirge. Eine Krankheit. Ein alter Brauch. Ein Junge, der gefragt wird, ob er dem Brauch zustimmt. Sein Ja führt in den Tod.

Der Satz, der das Stück berühmt machte, lautet in seiner Denkbewegung kalt: Wichtig zu lernen sei vor allem Einverständnis. Brecht setzt damit kein moralisches Programm in Szene. Er baut eine Prüfung. Was heißt Zustimmung, wenn die Frage bereits durch Brauch, Gruppe und Notlage vorentschieden scheint? Welche Freiheit bleibt dem Einzelnen, der im Namen des Ganzen geopfert werden soll? Wie spricht ein Chor, wenn er Ordnung verlangt? Wie spricht ein Kind, dem die Ordnung den eigenen Untergang abverlangt?

Weills Musik macht daraus keine illustrative Begleitung. Sie führt den Text. Sie gibt dem Chor Strenge, der Szene Atem, dem Schulspiel Disziplin. „Der Jasager“ war Schuloper und Lehrstück zugleich. Der Begriff „Schuloper“ darf hier nicht verniedlichen. Schule ist bei Brecht kein Schonraum. Schule heißt Probe. Schüler sollen nicht dekorieren, sie sollen prüfen, sprechen, singen, widersprechen.

Die Karl-Marx-Schule als Prüfstand

Darum führt der Weg nach Neukölln. Die Karl-Marx-Schule war kein beliebiger Aufführungsort. Unter Fritz Karsen gehörte sie zu den großen Reformprojekten der Weimarer Republik. Arbeiter-Abiturientenkurse, Aufbauklassen, Einheitsschulgedanke, demokratische Schulgemeinde, Unterricht an Quellen: In dieser Schule wurde Bildung als republikanische Praxis verstanden. Kinder aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien sollten Wege erhalten, die ihnen das alte Schulsystem versperrt hatte. Die Schule hieß Karl-Marx-Schule, weil Neukölln in jenen Jahren ein politischer, sozialer, pädagogischer Brennpunkt war.

Brecht passte in diesen Raum, doch der Raum passte auch zu Brechts Methode. Seine Lehrstücke verlangten Beteiligung. Die Neuköllner Schüler beteiligten sich. Sie spielten den Text nicht bloß. Sie widersprachen ihm. Sie nahmen Anstoß am Ja des Jungen, an der Unterwerfung unter den Brauch, an der Logik des Opfers. Aus ihrer Kritik gingen die Umarbeitung des „Jasager“ und der Gegenentwurf „Der Neinsager“ hervor.

Das ist der philologisch aufregende Punkt. Der Text bleibt nicht geschlossen. Er reagiert. Schüler werden zu Mitproduzenten einer Werkgeschichte. Eine Schulaufführung erzeugt Varianten. Aus Unterricht wird Textgenese. Aus Kritik entsteht ein zweites Stück. Wer „Der Jasager“ liest, muss den „Neinsager“ mithören. Wer den „Neinsager“ liest, hört Neukölln.

Alfred Kerr kommt zur Schulaufführung

Dann Alfred Kerr. Schon der Name elektrisiert die Szene. Kerr war im Berliner Theaterleben keine Besuchsnotiz. Er war Instanz, Gegner, Stilist, Chronist. Seine Kritik erhob den Theaterabend zur Literatur. Er schrieb schnell, hell, verletzend, glanzvoll, mit Sätzen, die auf den Punkt zielten und oft trafen. Als Jude, Großstadtmensch, Antinationalist und Gegner Hitlers stand er früh auf der Liste derer, die 1933 fliehen mussten. Seine Bücher brannten. Er ging ins Exil.

Dass ein Sextaner Alfred Kerr zuhause abholt, gehört zu den kostbaren Miniaturen dieser Geschichte. Man sieht den Jungen auf dem Weg durch Berlin. Man sieht den Kritiker, der der Einladung zu einer Schulaufführung folgt. Man sieht eine Stadt, in der Reformpädagogik, Theaterkritik, Avantgarde, Musik und republikanische Bildungsarbeit einander erreichen. Kein roter Teppich. Keine Premierenloge. Neukölln. Schule. Chor. Brecht. Weill. Kerr.

Und Jahrzehnte später sitzt dieser frühere Schüler in Jerusalem. Schöne lässt ihn reden. Zuerst tastend, dann lebendiger, freudiger. Die Erinnerung braucht Anlauf. Sie liegt nicht bereit wie ein Zitat im Karteikasten. Sie kommt über Namen, Wege, Rollen, Stimmen. Der alte Mann holt Kerr aus der Wohnung, holt Brecht aus der Erzählung, holt Weills Melodie aus dem Gedächtnis. Am Ende summt er.

Jerusalem hört Neukölln

Die jungen israelischen Studierenden hören in diesem Moment keine deutsche Bildungsgeschichte aus zweiter Hand. Sie hören einen Zeugen. Sie hören eine Stimme aus der Zeit vor dem Bruch. Viele von ihnen kannten Deutsch aus Familienresten, von Großeltern, aus Sprachkursen, aus den Spuren der Jeckes. Andere kamen über Literatur, Geschichte, Linguistik, Übersetzung oder Neugier. In diesem Seminar verbindet sich ihr Studium mit einer Herkunft, die vielfach beschädigt, verschüttet oder nur noch in Fragmenten vorhanden war.

Schöne begreift die Szene. Er beschreibt sie knapp, fast zurückhaltend. Gerade diese Zurücknahme gibt ihr Kraft. Keine große Geste. Kein Pathos der Versöhnung. Kein dekoratives Wunder der Erinnerung. Ein Mann sagt: „Ich war dabei.“ Dann erzählt er. Dann summt er.

Die Germanistik in Jerusalem erhält dadurch eine andere Begründung. Sie braucht Studienordnungen, Lehrpläne, Bücher, Gastprofessoren und Bibliotheken. Schöne hat dafür gesorgt. Er schrieb Rundbriefe, bat Kolleginnen und Kollegen um Freiexemplare, organisierte Unterstützung, brachte deutsche Wissenschaftler nach Jerusalem. Doch die tiefere Legitimation des Faches zeigt sich in jenem Seminar. Deutsche Literatur erscheint dort nicht als Besitz der Deutschen. Sie erscheint als geteilte, verletzte, wandernde Überlieferung. Sie gehört auch denen, die aus Deutschland vertrieben wurden. Sie gehört ihren Kindern und Enkeln. Sie gehört den Archiven in Jerusalem. Sie gehört den Stimmen, die noch sprechen konnten.

Schöne und die Kunst der Spiegelung

Der FAZ-Beitrag von Hans-Christof Kraus über Albrecht Schöne hilft, diese Szene genauer zu lesen. Kraus zeigt Schöne als Erinnerungsautor, der seine akademische Biographie in Spiegelungen erzählt. Benno von Wiese erscheint bei ihm durch Gegenlicht. Wolfgang Kayser gewinnt Kontur gegen den alten Großordinarius. Der Germanistentag von 1968 kehrt als traumatische Szene der gestörten Philologie zurück. Helmut Lethen antwortet aus der Gegenperspektive. Schöne steht damit in einer deutschen Wissenschaftsgeschichte, die durch Generationenbrüche läuft: 1933, 1945, 1968.

Diese Spiegeltechnik erklärt auch die Jerusalemer Episode. Schöne erzählt nicht bloß, was er aufgebaut hat. Er zeigt, woran sich ein Fach bewähren muss. Philologie darf sich nicht in Apparaten verlieren. Sie lebt von genauer Datierung, Variantenkenntnis, Werkgeschichte, Überlieferung, Kontext, Stimme. Sie muss wissen, wo „Der Jasager“ uraufgeführt wurde. Sie muss unterscheiden zwischen dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und der Karl-Marx-Schule. Sie muss wissen, wie die Neuköllner Schüler in die Werkgeschichte eingriffen. Sie muss Kerr erkennen, wenn ein alter Mann seinen Namen ausspricht. Sie muss Weills Melodie nicht nur als Notentext behandeln, sie muss hören, was geschieht, wenn jemand sie nach Jahrzehnten summt.

Das ist Philologie im besten Sinn: Arbeit am Wort, am Klang, an der Spur, an der Verschiebung zwischen Text und Leben.

Vom Ja zum Nein

Brecht schrieb ein Stück über Einverständnis. Die Schüler der Karl-Marx-Schule antworteten mit Widerspruch. Aus dem „Jasager“ wuchs der „Neinsager“. Diese Bewegung ist für die Weimarer Republik aufschlussreich. Sie zeigt eine Pädagogik, die den Schülern kein fertiges Ergebnis hinlegt. Sie zeigt einen Autor, der Änderung zulässt. Sie zeigt eine Schule, die Kritik nicht als Störung behandelt. Sie zeigt eine Musik, die Disziplin verlangt, ohne den Gedanken einzusperren.

Nach 1933 wurde diese Welt zerschlagen. Fritz Karsen verlor sein Amt und ging ins Exil. Jüdische Schülerinnen und Schüler verschwanden aus den Klassen. Kerr floh. Bücher brannten. Brechts Werk ging in die Emigration. Weills Musik suchte andere Bühnen. Die Karl-Marx-Schule verlor ihren Namen, ihr Kollegium, ihre republikanische Luft. In Jerusalem aber kehrte ein Rest dieser Welt zurück. Nicht als Rekonstruktion. Nicht als Denkmal. Als Stimme.

Die Melodie im Seminarraum

Man kann die Szene mit dem summenden alten Mann leicht verfehlen. Dann bleibt sie bloße Erinnerungskostbarkeit. Man liest sie freundlich, lächelt kurz und geht weiter. Doch sie trägt den Essay. Sie zeigt eine Werkgeschichte, die sich durch Körper bewegt. Ein Schulchor von 1930 überlebt in einem alten Mann. Eine Melodie, die einmal in Neukölln erklang, erreicht junge Israelis in Jerusalem. Alfred Kerr, einst abgeholt von einem Sextaner, steht plötzlich wieder im Raum. Brechts Lehrstück bekommt den einzigen Kommentar, der es wirklich herausfordert: gelebte Teilnahme.

„Ich war dabei!“ ist deshalb kein dekorativer Zwischenruf. Der Satz unterbricht die akademische Ordnung und vollendet sie zugleich. Eine Vorlesung über das deutsche Drama des 20. Jahrhunderts findet ihren Gegenstand nicht an der Tafel. Der Gegenstand sitzt im Raum.

Albrecht Schöne hat diese Viertelstunde bewahrt. Darin liegt seine philologische Genauigkeit. Er wusste, dass man Literaturgeschichte nicht allein aus Publikationsdaten, Aufführungsorten und Fassungen gewinnt. Man braucht sie. Ohne sie zerfällt alles in Legende. Doch manchmal tritt ein Zeuge hinzu, und die Akten beginnen zu atmen. In Jerusalem sang Neukölln noch einmal.

Neukölln ohne Gedächtnis

Gerade deshalb trifft diese Jerusalemer Erinnerung die Gegenwart so hart. Wer heute in meinem Heimatbezirk Neukölln jüdisches Leben, israelische Stimmen oder hebräische Sprache mit Hassparolen, roten Dreiecken, Drohungen und Einschüchterung überzieht, bewegt sich geschichtsvergessen durch einen Bezirk, dessen Name einmal mit Fritz Karsens Reformschule, Alfred Kerrs Theaterkritik, Brechts Lehrstück und Weills Musik verbunden war.

Die Sonnenallee ist kein abstrakter Schauplatz globaler Empörung. Sie liegt in jenem Berlin, aus dem Kerr fliehen musste, in dem jüdische Schülerinnen und Schüler aus Klassen verschwanden, in dem Bücher brannten und republikanische Bildungsversuche zerschlagen wurden. Dass Neukölln heute einen eigenen Antisemitismusbeauftragten braucht, zeigt den Verlust historischer Urteilskraft mit amtlicher Klarheit.

Propalästinensischer Protest wird dort zur moralischen Attrappe, wo er jüdische Menschen bedroht, Terrorzeichen duldet oder Israelhass als Befreiungspathos tarnt. Wer Brecht beruft, müsste den „Neinsager“ kennen. Wer Neukölln politisch bespielt, müsste Kerr erinnern. Wer Geschichte nur als Parole nutzt, hat aus ihr nichts gelernt.