Herr Merz, der Krankenstand ist kein Pranger: Warum Deutschland Fehlzeiten nicht mit Verdacht senkt, sondern mit Führung, Daten und Gesundheitskompetenz @Bundeskanzler #ZPSüd

Der Krankenstand eignet sich schlecht für schnelle Empörung und sehr gut für schlechte Politik. Man kann ihn in Talkshows hochhalten wie eine Fieberkurve der Nation. Man kann Erwerbstätige unter Generalverdacht stellen, die telefonische Krankschreibung zum Sündenbock erklären und anschließend so tun, als sei Produktivität vor allem eine Frage härterer Ansprache. Man kann aber auch genauer hinsehen. Dann wird aus dem Reizthema ein Managementproblem, ein Führungsproblem, ein Gesundheitsproblem und schließlich ein konjunkturpolitisches Problem.

Auf der Zukunft Personal Süd in Stuttgart stand mit Manuel Fink jemand im Messe-TV-Studio, der diese Debatte aus der betrieblichen Praxis kennt. Er ist Autor des Haufe-Buches „Fehlzeiten aktiv managen“ und hat mit der R.U.F.-Methode – Reduzierung ungeplanter Fehlzeiten – einen Werkzeugkasten entwickelt, der Fehlzeiten nicht moralisch beklagt, sondern betrieblich bearbeitbar macht. Sein Vorschlag an Bundeskanzler Friedrich Merz lautet im Kern: Nicht anklagen, sondern die Republik zu einem gemeinsamen Gesundheits- und Produktivitätsprojekt einladen.

Die falsche Rede beginnt mit Verdacht

Merz hat die Debatte um den hohen Krankenstand angestoßen; die DAK begrüßte den Anstoß grundsätzlich und forderte im Januar 2026 einen Krankenstands-Gipfel im Kanzleramt. Nach DAK-Angaben waren Beschäftigte 2025 im Durchschnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben; der Krankenstand lag mit 5,4 Prozent stabil auf hohem Niveau. Atemwegserkrankungen verursachten die meisten Fehltage, psychische Erkrankungen legten um 6,9 Prozent zu und rückten vor Muskel-Skelett-Erkrankungen auf Platz zwei.

Damit ist der Befund ernst. Aber Ernst verlangt Genauigkeit. Schon 2024 war der Krankenstand bei DAK-Versicherten leicht auf 5,4 Prozent gesunken; die Kasse warnte vor vorschnellen internationalen Vergleichen und wies darauf hin, dass der sprunghafte Anstieg ab 2022 auch mit dem elektronischen Meldeverfahren zusammenhing. Wer diese Differenzierungen auslässt, produziert kein Problembewusstsein, sondern Abwehr.

Fink sagt im Interview auf der ZP Süd sinngemäß: Wer das Thema nur in den Raum stellt, verschärft den Konflikt zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten. Er nennt solche Zuspitzungen „ungeschickt“, weil sie ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger vor den Kopf stoßen können. Der Kanzler brauche nicht die Pose des Oberaufsehers, sondern den Ton eines Moderators zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Führungskräften, Betriebsräten und Gesundheitswesen.

Krank ist krank – und doch ist nicht jede Fehlzeit gleich

Der Satz „krank ist krank“ schützt eine zivilisatorische Errungenschaft. Wer krank ist, soll nicht zur Arbeit gehen müssen. Präsentismus – also krank am Arbeitsplatz erscheinen – ist kein Heldentum, sondern oft nur die Vorstufe schlechterer Gesundheit, höherer Fehlerquoten und längerer Ausfälle. Eine Politik, die Beschäftigte in diesen Reflex treibt, spart kurzfristig Tage und produziert langfristig Schaden.

Aber Fink hält gegen die bequeme Kapitulation vor jeder Fehlzeit. In seinem Buch schreibt er, betriebliche Fehlzeiten seien durch aktives Management und Führungsarbeit stärker beeinflussbar, als viele glaubten. Drei der fünf zentralen Ursachen ungeplanter Abwesenheiten seien durch direkte Führung beeinflussbar. Zugleich nennt er zwei Gründe, warum Unternehmen oft nicht handeln: mangelndes Bewusstsein über die Beeinflussbarkeit von Fehlzeiten und mangelnde Konfliktbereitschaft.

Das ist die produktive Mitte der Debatte. Fehlzeiten sind nicht einfach Schicksal. Sie sind aber auch kein Beweis kollektiver Arbeitsmoralverwesung. Wer sie senken will, muss unterscheiden: medizinische Ursachen, psychische Belastungen, Arbeitsorganisation, familiäre Engpässe, Führungsversagen, schlechte Schichtplanung, Konflikte, Überlastung, Präsentismus – und in einer Minderheit auch Missbrauch. Politik, die alles in einen Topf wirft, kocht nur Empörung.

Der Kanzler sollte über Führung sprechen, nicht über Faulheit

Finks stärkster Satz im Interview lautet: „Man kann nicht nicht führen.“ Sobald eine Führungskraft den Raum betritt oder im Videocall erscheint, wird ihr Handeln und Nichthandeln gesehen. Auch das Dulden wird bewertet. Leistungsträgerinnen und Leistungsträger beobachten sehr genau, ob offensichtliches Fehlverhalten einzelner angesprochen wird oder ob die Mehrarbeit still auf jene verteilt wird, die ohnehin zuverlässig sind.

Das ist der eigentliche politische Punkt. Eine kluge Fehlzeitendebatte verteidigt nicht den Generalverdacht, sondern die große Mehrheit der Beschäftigten, die ihren Job ordentlich macht und zugleich erleben muss, dass schlechte Organisation, Konfliktscheu oder unklare Führung das Team belasten. Fink formuliert im Buch die Frage, die in vielen Betrieben unausgesprochen mitläuft: „Warum soll ich mich hier kaputtarbeiten, wenn andere permanent fehlen und nichts passiert?“ Er warnt davor, dass genau diese Wahrnehmung Demotivation befeuert.

Hier könnte Merz ansetzen. Nicht mit dem Satz: Die Leute melden sich zu oft krank. Sondern mit der Botschaft: Wir schützen Krankheit, wir bekämpfen Missbrauch, und wir befähigen Führungskräfte, Abwesenheiten fair, rechtssicher und gesundheitsorientiert zu managen.

Fehlzeiten sind teuer, aber die Rechnung muss sauber sein

Der Krankenstand ist nicht nur ein Sozialthema. Er ist ein Produktivitätsfaktor. Fink rechnet in seinem Buch vor, dass Fehlzeiten aus direkten Kosten und indirekten Kosten bestehen. Zu den direkten Kosten gehören Lohnfortzahlung und Lohnnebenkosten. Indirekte Kosten entstehen durch Produktivitätsverluste, Ersatzpersonal, Überstunden, Qualitätsprobleme, Störungen im Produktionsprozess, Kundenkonflikte und zusätzliche Belastung im Team.

In seinem Beispiel eines produzierenden Unternehmens kommt ein Fehltag eines Mitarbeiters auf 737 Euro, wenn direkte Lohnkosten und Ausfall an Bruttowertschöpfung addiert werden. Für ein Beispielunternehmen mit 130 Beschäftigten und einer Fehlzeitenquote von 6,23 Prozent errechnet Fink jährliche Gesamtkosten von rund 1,36 Millionen Euro. Eine Senkung der Quote um 25 Prozent würde in diesem Beispiel 328.670 Euro pro Jahr einsparen.

Solche Rechnungen sind wichtig, weil sie Fehlzeiten aus der moralischen Ecke holen. Jeder Prozentpunkt weniger Krankenstand ist nicht nur eine Zahl für die Betriebsversammlung. Er kann Investitionen ermöglichen, Standorte sichern, Teams entlasten, Lieferfähigkeit verbessern. Aber nur dann, wenn die Ursachen sauber verstanden werden. Eine pauschale Beschimpfung spart keinen Euro. Eine präzise Analyse schon eher.

Die R.U.F.-Methode als Gegenentwurf zur Kanzlerkeule

Finks Ansatz beginnt nicht beim Verdacht, sondern beim Bewusstsein. In seinem Interview beschreibt er vier Schritte: Bewusstsein schaffen, Kennzahlen regelmäßig kommunizieren, Unterschiede wahrnehmen und Gesundheitsfördergespräche souverän führen. Genau darin liegt der Gegenentwurf zur politischen Grobheit.

Erstens: Unternehmen müssen verstehen, dass Fehlzeiten beeinflussbar sind. Zweitens: Kennzahlen gehören nicht zweimal im Jahr als peinlicher Agendapunkt in die Mitarbeiterversammlung, sondern regelmäßig, verständlich und bereichsbezogen kommuniziert. Drittens: Führungskräfte müssen Muster erkennen können. Wer vier Jahre nicht fehlt und dann zwei Tage ausfällt, braucht ein anderes Gespräch als jemand, der regelmäßig nach bestimmten Mustern fehlt. Viertens: Das Gespräch muss trainiert werden. Nicht jede Frage ist erlaubt. Niemand darf nach Medikamenten oder Diagnosen ausfragen. Aber die Frage, ob eine auffällige Abwesenheitsstruktur etwas mit der Arbeit zu tun hat, ist legitim.

Das ist keine Kontrollpädagogik. Es ist Führungshandwerk. Fink nennt als Hemmnis besonders den Glaubenssatz vieler Führungskräfte: „krank ist krank, da bin ich raus“. Genau dadurch entsteht der blinde Fleck. Führungskräfte kümmern sich um Produktion, Qualität, Service und Kosten, behandeln Fehlzeiten aber als Sache von HR oder Arzt. Damit geben sie einen der wichtigsten betrieblichen Hebel aus der Hand.

Gesundheitskompetenz gehört in die Führungsausbildung

Fink sagt im Interview etwas, das weit über Fehlzeiten hinausweist: Führungswissen gepaart mit Gesundheitskompetenz wird zum Future Skill. Man kann das nüchterner formulieren: Eine Volkswirtschaft mit alternder Belegschaft, Fachkräfteengpässen, steigenden psychischen Belastungen und hoher Arbeitsverdichtung kann sich Führungskräfte ohne Gesundheitskompetenz nicht mehr leisten.

Dass solche Gespräche selten in betriebswirtschaftlichen Studiengängen, Meisterausbildungen oder Führungskräfteprogrammen vorkommen, ist ein Versäumnis. Man lernt Controlling, Strategie, Marketing, Prozessmanagement. Aber kaum jemand lernt, wie man mit auffälligen Fehlzeiten spricht, ohne zu übergriffig zu werden; wie man Präsentismus erkennt; wie man Konflikte im Team entschärft; wie man Fehlzeitenzahlen erklärt; wie man mit Betriebsrat, HR und Arbeitsschutz konstruktiv zusammenarbeitet.

Ein Kanzler, der Produktivität ernst nimmt, müsste daraus eine Bildungsfrage machen. Nicht als neues Bürokratiemonster, sondern als Standard in Führungsausbildung, öffentlichem Dienst, Meisterschulen, Hochschulen und betrieblichen Akademien.

Die Rede, die Merz halten sollte

Fink entwarf im Messe-TV aus dem Stegreif einen Sprechzettel für Merz. Er riet dem Kanzler, die gesamte Republik anzusprechen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Mitarbeitende, Führungskräfte. Ziel müsse sein, Fehlzeiten nachhaltig zu senken, Gesundheit zu steigern und Lebensqualität durch höhere Mitarbeiterzufriedenheit zu verbessern. Dann solle Merz das wirtschaftliche Moment hinzufügen: Gemeinsam könne man einen milliardenschweren Schatz heben und Deutschland wieder aus eigener Kraft nach vorne bringen.

Man könnte daraus eine Kanzlerrede machen, die ungefähr so beginnt:

„Wir werden Krankheit nicht verdächtigen. Wir werden Beschäftigte nicht gegeneinander ausspielen. Aber wir werden Fehlzeiten auch nicht länger als Naturereignis behandeln. Wer krank ist, bleibt zu Hause. Wer gesund ist, wird gebraucht. Und wer führt, muss wissen, was im Betrieb geschieht. Deshalb starten wir eine nationale Initiative für Gesundheitskompetenz, bessere Führung und transparente Fehlzeitenanalyse. Nicht gegen Beschäftigte, sondern für gesündere Arbeit, verlässlichere Betriebe und eine stärkere Volkswirtschaft.“

Das wäre eine andere Tonlage. Sie würde nicht die Ärztinnen, Arbeitnehmer, Krankenkassen oder Betriebe einzeln beschuldigen. Sie würde Verantwortung verteilen: Unternehmen müssen analysieren und führen. Beschäftigte müssen fair mit dem System umgehen. Krankenkassen müssen Daten und Prävention liefern. Betriebsräte müssen mitgestalten. Politik muss Standards ermöglichen, ohne Misstrauen zur Staatsräson zu machen.

Der Staat muss bei sich selbst beginnen

Fink verweist im Interview auf spektakuläre Fälle im öffentlichen Dienst, etwa die Lehrerin in Nordrhein-Westfalen, die jahrelang nicht unterrichtete und zugleich ein eigenes Geschäft betrieb. Solche Fälle sind selten, aber sie vergiften die Debatte, weil sie das Gefühl nähren, dass der Staat bei sich selbst großzügiger ist als bei anderen.

Gerade deshalb müsste der öffentliche Dienst Vorbild werden: bessere Fehlzeitenanalyse, klare Gesprächsformate, transparente Zuständigkeiten, Gesundheitsförderung, rechtssichere Eskalation bei Missbrauch, Schutz vor Präsentismus und bessere Führungsausbildung. Wer als Regierung die Privatwirtschaft ermahnt, muss im eigenen Apparat zeigen, dass Fehlzeitenmanagement weder Schikane noch Wegsehen bedeutet.

Nicht die telefonische Krankschreibung ist das Zentrum

Die Debatte um die telefonische Krankschreibung ist politisch bequem, weil sie einen klaren Hebel suggeriert. Doch sie ist zu klein für das Problem. Der Krankenstand 2025 blieb laut DAK stabil hoch; psychische Erkrankungen nahmen zu, Atemwegsinfekte verursachten weiterhin die meisten Ausfälle. Das lässt sich nicht allein über den Zugang zur AU lösen.

Fink richtet den Blick auf den Betrieb: Welche Abteilungen liegen über dem Durchschnitt? Welche Muster treten auf? Welche Teams tragen Mehrbelastungen? Welche Führungskraft spricht Fehlzeiten an? Welche Maßnahmen wurden ergriffen? Welche wirken? Sein Buch nennt genau solche Leitfragen für die Standortanalyse: Fehlzeitenquote, Branchenvergleich, auffällige Teams, Kosten, Muster, Gründe, Erkrankungsarten, Kommunikationsrhythmus, Kennzahlen und Wirksamkeit bisheriger Maßnahmen.

Das wäre ein reifer politischer Ansatz: nicht zuerst das Formular verdächtigen, sondern die Ursachen strukturieren.

Der Schatz liegt nicht in der Härte, sondern in der Souveränität

Die Republik kann Fehlzeiten senken, ohne kranke Menschen zu drangsalieren. Sie kann Missbrauch ansprechen, ohne Millionen Beschäftigte unter Verdacht zu stellen. Sie kann Kosten berechnen, ohne Gesundheit zu ökonomisieren. Sie kann Führungskräfte trainieren, ohne sie zu kleinen Betriebsärzten zu machen. Sie kann Daten nutzen, ohne intime Krankheitsgeschichten auszuforschen.

Finks Botschaft an Merz ist deshalb wertvoll, weil sie eine dritte Sprache anbietet. Nicht die Sprache der Beschwerde. Nicht die Sprache der Verharmlosung. Sondern die Sprache der Führung: hinschauen, unterscheiden, kommunizieren, trainieren, handeln.

Der Kanzler müsste diese Sprache nur übernehmen. Dann würde aus der Krankenstandsdebatte keine weitere Front im Kulturkampf um Arbeit, sondern ein produktiver Auftrag: Arbeit so zu organisieren, dass weniger Menschen ausfallen, weniger Teams überlastet werden, weniger Produktivität verloren geht und weniger Beschäftigte das Gefühl haben, für die Konfliktscheu anderer zu bezahlen.

So senkt man Fehlzeiten nicht mit der Kanzlerkeule. Sondern mit Souveränität.

Warum die Stadtwerke München ihre Personalarbeit nicht modernisiert, sondern unter Betriebsdruck neu gebaut haben

Ein Stadtwerk ist kein Unternehmen wie jedes andere. Es verkauft nicht nur Strom, Wasser, Wärme oder Mobilität. Es hält eine Stadt in Gang. Wenn die Tram nicht fährt, der Bus ausfällt, die Wärmeversorgung stockt, das Glasfasernetz nicht wächst oder ein Bad geschlossen bleibt, spürt die Öffentlichkeit sofort, was im Betrieb nicht funktioniert. Die Stadtwerke München sind deshalb ein besonderer Fall für moderne Personalarbeit: ein Konzern mit rund 11.000 Beschäftigten, vielen Berufswelten, hoher öffentlicher Sichtbarkeit und einer Aufgabenlast, die zugleich technisch, politisch und sozial ist.

Oliver Plank, Personalleiter Konzern der Stadtwerke München, sprach auf der Keynote Stage der Zukunft Personal Süd nicht über eine kosmetische Neuordnung. Er beschrieb eine Transformation, die aus Druck entstanden ist: Digitalisierung, Energiewende, Wärmewende, Verkehr der Zukunft, Fachkräftemangel, Kostendisziplin, künstliche Intelligenz und eine Belegschaft, deren Tätigkeiten kaum unterschiedlicher sein könnten. Bei den Stadtwerken arbeiten Menschen im Wasserkanal, auf dem Busfahrersitz, in der Energieerzeugung, im Netzbetrieb, in der Verwaltung, in der Technik, in der Ausbildung, im Kundenkontakt. Wer diese Vielfalt personalwirtschaftlich steuern will, kann sich nicht mehr mit den vertrauten Routinen einer Personalabteilung begnügen.

Der gute Ruf war nicht genug

Die Ausgangslage klang zunächst komfortabel. Die Stadtwerke München genießen in der Region einen sehr guten Ruf. In der von Plank genannten Trendence-Studie liegen sie über Bewerbergruppen hinweg auf Platz fünf der beliebtesten Arbeitgeber; besonders stark sind sie bei nicht-akademischen Berufen und Ausbildungsberufen. Auch die Fluktuation liegt mit unter vier Prozent niedrig. Ein Unternehmen mit solchem Ruf könnte versucht sein, sich auf seinen regionalen Glanz zu verlassen.

Plank zog daraus die entgegengesetzte Folgerung. Der gute Ruf ist kein Ruhekissen, sondern ein Kapital, das verteidigt werden muss. Denn die Welt um die Stadtwerke herum verändert sich schneller als die traditionelle Personalarbeit. Energiewende und Wärmewende verlangen Milliardeninvestitionen. Der öffentliche Eigentümer ist kein unbegrenzter Finanzbrunnen. Der Kostendruck nimmt zu. Gleichzeitig braucht der Konzern Personal in Bereichen, die wachsen müssen, während andere Tätigkeiten weniger Gewicht bekommen. Die alte Antwort, bei jedem neuen Bedarf einfach extern einzustellen, wird zu teuer und zu langsam.

Damit wird die Personalfrage zur Infrastrukturfrage. Wenn bei der Mobilität Busfahrer fehlen, fährt der Bus nicht. Wenn bei der Geothermie die Fachleute fehlen, bleibt die Wärmewende auf dem Papier. Wenn technische Sprünge neue Fähigkeiten verlangen, reicht Bestandspflege nicht mehr. Personalarbeit entscheidet dann nicht über Nebensachen, sondern über die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Unternehmens.

Als die Personalabteilung sich selbst befragte, kam zu wenig heraus

Der Beginn der Transformation war lehrreich, weil er beinahe scheiterte. Plank schilderte, wie zunächst die Personaler selbst gefragt wurden, wo Probleme lägen und was besser werden müsse. Das Ergebnis war ernüchternd. Sinngemäß: Man fand sich ziemlich gut. Diese Selbstbefragung brachte nicht den nötigen Schmerz hervor.

Also ging man in ein Ressort, das besonders stark im Aufbau und in der Transformation steht: nachhaltige Energien. Dort wurden Vertreter von der Geschäftsführung bis zu Mitarbeitenden einbezogen. Sie sollten offen sagen, wo Personalarbeit nicht hilft, wo sie zu spät kommt, wo sie Dinge anbietet, die niemand braucht, und wo sie genau das unterlässt, was gebraucht würde. Diese Befragung war schmerzhaft, aber produktiv. Aus ihr entstanden sechs große Themenfelder: Organisation, interne Zusammenarbeit, Lücken im Instrumentenkoffer, zu viel Selbstbeschäftigung, zu wenig Kundenfokus und eine Personalentwicklung, die nicht überall als Vollsortimenter wirkte.

Das ist ein wichtiger Punkt für jede Transformation. Organisationen lernen selten durch Selbstlob. Sie lernen, wenn diejenigen sprechen, die mit den Folgen der internen Systeme leben müssen. Planks Verfahren war deshalb keine freundliche Beteiligungsübung, sondern eine Zumutung an die eigene Funktion. Personalarbeit sollte nicht länger fragen: Was bieten

Die Rückkehr des Menschen in die Führung: Über die fünf wichtigsten Vordenkerinnen und Vordenker des Managements #ZPSüd

Warum Unternehmen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht kälter, sondern klüger werden müssen

Im Messe-TV-Studio in Stuttgart auf der Zukunft Personal Süd sitzt die Gegenwart wie auf einer Versuchsanordnung: Verdichtung von Technik, Produkt, Geschäft, Management, Zukunftsfähigkeit und Künstliche Intelligenz. Professor Karlheinz Schwuchow ist zugeschaltet. Es passt zur Lage: Führung findet heute oft hybrid statt, verteilt, vermittelt, technisch ermöglicht. Aber gerade deshalb stellt sich die alte Frage neu: Wer führt eigentlich, wenn die Apparate immer besser werden?

Schwuchows Antwort, wie sie aus seinem Beitrag zum Thinkers50 Radar 2026 spricht, ist bemerkenswert unsentimental. Sie lautet nicht: weniger Technologie. Sie lautet: mehr Mensch. Nicht als Dekoration, nicht als Sonntagsrede, nicht als freundlicher Restbestand analoger Unternehmenskultur. Sondern als Zentrum der Wertschöpfung. Der entscheidende Satz des Beitrags lautet: „Technologie ist die Infrastruktur, der Mensch der Architekt der neuen Businesswelt.“

Das ist die Achse, um die sich Schwuchows Thesen drehen. Der Thinkers50 Radar 2026 markiert einen Paradigmenwechsel: weg von der Tech-Euphorie, hin zu gesellschaftlicher Verantwortung; weg vom Führungsideal der Macht, hin zu Menschlichkeit, Mut, moralischer Klarheit und Verantwortungsübernahme. Führungskräfte, so die thesenartige Verdichtung, werden zu Architekten, nicht zu Machtausübenden.

Nicht die Technik ist das Problem, sondern die Verwechslung von Mittel und Maßstab

Man kann die Gegenwart leicht missverstehen. Überall ist von Künstlicher Intelligenz die Rede, von Automatisierung, Produktivitätssprüngen, Datenmacht und algorithmischer Steuerung. Das ist nicht falsch. Aber es ist gefährlich unvollständig. Denn die Maschine beantwortet nicht die Frage nach dem Zweck. Sie organisiert keine Verantwortung. Sie kennt keine Loyalität, keine Scham, keine Erfahrung, kein Gewissen. Sie kann Prozesse beschleunigen, aber keine Organisation reifer machen.

Genau hier setzt Schwuchows Pointe an. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht dadurch, dass Unternehmen technischer werden. Sie entsteht dadurch, dass sie unter technologischen Bedingungen urteilsfähiger werden. Wer KI einführt, ohne seine Führungskultur zu überprüfen, automatisiert nicht selten seine eigenen Defekte: Angst wird messbarer, Kontrolle effizienter, Konformismus schneller, Überforderung unsichtbarer.

Der Mensch rückt also nicht trotz der KI wieder in den Mittelpunkt, sondern wegen ihr. Je leistungsfähiger die Werkzeuge werden, desto entscheidender wird die Frage, wer sie mit welchem Sinn, mit welcher Haltung und mit welcher Verantwortung einsetzt.

Die Polykrise beendet den Luxus linearer Führung

Caroline Stokes steht in Schwuchows Darstellung für eine Gegenwart, die sich nicht mehr als Abfolge einzelner Krisen begreifen lässt. Klima, geopolitische Spannungen, KI-Disruption, gesellschaftliche Polarisierung und psychische Erschöpfung bilden kein ordentliches Nacheinander. Sie überlagern sich. Sie verstärken sich. Sie erzeugen eine Dauererschütterung, in der alte Planungsgewissheiten brüchig werden.

„Wir leben in einem Zeitalter ständiger Erschütterungen, die andauern und sich überlagern“, heißt es im Fachbeitrag. In dieser permanenten Polykrise, so Stokes, brauchen Führungskräfte „adaptive Intelligenz“.

Das klingt zunächst nach einem weiteren Begriff aus dem Arsenal moderner Managementliteratur. Tatsächlich aber ist es eine scharfe Absage an die alte Stabilitätsillusion. Adaptive Intelligenz heißt nicht, ziellos flexibel zu sein. Sie meint die Fähigkeit, in unsicheren Lagen schneller zu lernen, als das Umfeld sich verändert. Sie verlangt Mustererkennung, Ambiguitätstoleranz, nichtlineares Entscheiden und die Fähigkeit, innere Ruhe nicht mit äußerer Starrheit zu verwechseln.

Schwuchows These gewinnt hier ihre praktische Härte. Führung kann nicht länger vor allem darin bestehen, Planabweichungen zu sanktionieren. Sie muss Organisationen so bauen, dass sie Schocks aufnehmen können, ohne ihren Sinn zu verlieren. Das ist ein anderer Begriff von Stärke. Nicht die starke Hand zählt, sondern die starke Struktur.

Wer Gefühle ignoriert, führt an der Wirklichkeit vorbei

Die zweite große Korrektur betrifft das Bild der Führungskraft selbst. Lange galt der souveräne Manager als jemand, der sich nicht anmerken lässt, was ihn bewegt. Der Affekt wurde privatisiert, die Fassade professionalisiert. Dina Denham Smith widerspricht diesem Ideal. Der Mythos der stoischen Führungskraft, so die Schwuchow-Zusammenfassung, ist überholt; das Unterdrücken von Emotionen führe zu kognitiver Erschöpfung und Fehlentscheidungen.

Auch das ist kein Plädoyer für Weichheit. Es ist ein Plädoyer für Präzision. Emotionen sind nicht das Gegenteil von Rationalität. Sie sind Teil der Wirklichkeit, in der Entscheidungen entstehen. Wer Angst im Team nicht wahrnimmt, hält Schweigen für Zustimmung. Wer Erschöpfung übersieht, verwechselt Anwesenheit mit Leistungsfähigkeit. Wer Wut, Kränkung oder Unsicherheit nicht lesen kann, wird Konflikte zu spät erkennen.

Dina Denham Smith formuliert den Befund in einem Satz, der eine ganze Epoche des Managements korrigiert: „Eine grundlegende Herausforderung der modernen Führung ist nicht nur die Komplexität der Märkte. Es sind auch die emotionalen Anforderungen, die mit der Führung in Zeiten unerbittlicher, disruptiver Veränderungen einhergehen.“

Das ist die Stelle, an der moderne Führung erwachsen werden muss. Emotionale Führung heißt nicht, dass Unternehmen zu Therapieräumen werden. Sie heißt, dass Führungskräfte den psychologischen Untergrund ihrer Organisation kennen. Das BRAVE-Modell — Breathe, Recognize, Accept, Verbalize, Engage — ist in diesem Sinn weniger eine Coaching-Methode als eine zivilisatorische Mindestanforderung an Führung unter Druck.

Kreativität ist keine Eingebung, sondern eine Disziplin des Grabens

George Newman bringt eine weitere Schwuchow-These ins Spiel: Kreativität ist Handwerk, nicht Magie. Sie entsteht nicht durch den genialischen Einfall, sondern durch systematisches Entdecken. Der Beitrag fasst Newmans Haltung in dem schönen Satz: „Ideen werden gefunden, nicht erfunden.“

Das ist mehr als eine Metapher. Es ist eine Zumutung an viele Innovationskulturen, die sich mit Post-its, Workshops und wohlklingenden Programmtiteln zufriedengeben. Newman denkt den Innovator als Archäologen. Er vermisst das Feld, erkennt Muster, gräbt tiefer und siebt schließlich das Tragfähige vom bloß Originellen. Kreativität beginnt also nicht mit Lautstärke, sondern mit Aufmerksamkeit.

In Schwuchows Lesart erhält diese These eine strategische Bedeutung. Wettbewerbsvorteile entstehen nicht mehr nur durch Funktionalität, sondern durch symbolische Bedeutung: durch Sinn, Zugehörigkeit, Status, Identität. Produkte, Dienstleistungen und Marken müssen mehr leisten, als Probleme zu lösen. Sie müssen Weltbezüge anbieten.

Das erklärt, warum viele technisch brillante Unternehmen kulturell blass bleiben. Sie liefern Nutzen, aber keine Bedeutung. Sie optimieren Leistung, aber stiften keine Beziehung. Die Zukunft gehört nicht denen, die am meisten erfinden, sondern denen, die am genauesten sehen, was bereits im Verborgenen vorhanden ist.

Ohne Fehlerkultur bleibt Innovation ein Lippenbekenntnis

Christoph Seckler führt Schwuchows Argumentation auf den Boden der Organisation zurück. Fehlerkultur ist eines jener Worte, die in Managementkreisen oft gerade dadurch entwertet werden, dass sie ständig benutzt werden. Seckler gibt dem Begriff seine Schärfe zurück. Eine gute Fehlerkultur entsteht nicht durch Nachsicht allein. Sie braucht zwei Bedingungen: psychologische Sicherheit und hohe Leistungsstandards.

Der Fachbeitrag zitiert ihn mit der Formel: „Unternehmen brauchen eine Kultur des Fehlermanagements, und die entsteht nur unter zwei Bedingungen: psychologische Sicherheit und hohe Leistungsstandards.“

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Psychologische Sicherheit ohne Anspruch führt zur Fehler-Akzeptanz-Kultur. Anspruch ohne Sicherheit führt zur Fehler-Angst-Kultur. Fehlt beides, entsteht Resignation. Erst wo Menschen offen sprechen können und zugleich wissen, dass Qualität zählt, wird Lernen möglich.

Secklers KARLI-Modell — Korrigieren, Antizipieren, Riskieren, Lernen, Informieren — macht aus Fehlerkultur eine operative Disziplin. Fehler werden nicht romantisiert. Sie werden bearbeitet. Sie werden korrigiert, vorausgedacht, riskiert, ausgewertet und kommuniziert. Eine Organisation, die so arbeitet, braucht weniger Helden. Sie braucht bessere Routinen.

Die Entzauberung der KI ist Voraussetzung ihrer vernünftigen Nutzung

Am Ende steht Luc Julia, der Entmystifizierer. Seine Rolle ist besonders wichtig, weil sie den KI-Diskurs aus seiner Überhitzung befreit. Julia bestreitet nicht die Kraft der KI. Er bestreitet ihre Vermenschlichung. KI, so die Schwuchow-Zusammenfassung, ist nicht intelligent, sondern erkennt Muster ohne Verständnis; sie bleibt Werkzeug, kein Wesen.

Das prägnanteste Bild des Fachbeitrags lautet: KI könne „blitzschnell 100.000 Bilder von Katzen analysieren und eine Katze perfekt erkennen“ — und wisse dennoch nicht, „was eine Katze ist“.

In diesem Satz steckt die Grenze zwischen Statistik und Bedeutung. Maschinen erkennen Muster, aber sie verstehen keine Welt. Sie können Texte erzeugen, aber keine Verantwortung tragen. Sie können Wahrscheinlichkeiten berechnen, aber nicht wissen, was in einer konkreten Lage menschlich angemessen ist.

Gerade deshalb ist die Entzauberung der KI kein Rückschritt. Sie ist die Voraussetzung ihrer vernünftigen Nutzung. Wer KI für ein Wesen hält, delegiert zu viel. Wer sie für ein Werkzeug hält, kann sie klug einsetzen. Der Unterschied ist nicht technisch, sondern moralisch.

Der neue Realismus der Führung

Was Schwuchow im Messe-TV-Gespräch und im Fachbeitrag sichtbar macht, ist ein neuer Realismus der Führung. Dieser Realismus ist weder technikfeindlich noch fortschrittsmüde. Er ist im Gegenteil anspruchsvoller als die gängigen Digitalisierungsparolen. Er verlangt, dass Organisationen gleichzeitig technologisch kompetent und menschlich reif werden.

Das ist unbequem. Denn es reicht nicht mehr, eine KI-Strategie aufzusetzen, ein Innovationslabor zu eröffnen oder eine Fehlerkultur zu verkünden. Die Frage lautet tiefer: Welche Art von Organisation entsteht durch all das? Eine, die Menschen stärkt? Oder eine, die ihre Überforderung nur effizienter verwaltet? Eine, die lernt? Oder eine, die Daten über ihre Lernunfähigkeit sammelt? Eine, die Verantwortung übernimmt? Oder eine, die Entscheidungen an Systeme verschiebt, um sich selbst zu entlasten?

Die Thinkers50-Radar-Denkerinnen und -Denker, wie Schwuchow sie bündelt, geben darauf eine klare Antwort. Zukunftsfähige Organisationen setzen auf Menschlichkeit, Resilienz, Kreativität, Fehlerfreundlichkeit und realistische KI-Einschätzungen. Technologie ist Infrastruktur. Der Mensch bleibt Architekt.

Die Maschine kann rechnen, aber nicht führen

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Stuttgart: Je digitaler die Bühne, desto deutlicher tritt die menschliche Frage hervor. Der zugeschaltete Professor, das Studio, die Messe, die Kameras, die vernetzte Öffentlichkeit — alles zeigt, wie selbstverständlich Technik geworden ist. Aber nichts davon beantwortet, was Führung sein soll.

Führung heißt, unter Unsicherheit Verantwortung zu übernehmen. Sie heißt, Menschen nicht nur zu steuern, sondern zu verstehen. Sie heißt, Fehler nicht zu verbergen, sondern in Erkenntnis zu verwandeln. Sie heißt, Kreativität nicht zu beschwören, sondern Bedingungen für sie zu schaffen. Sie heißt, KI nicht zu mystifizieren, sondern ihr den richtigen Platz zuzuweisen.

Die Maschine kann rechnen. Sie kann sortieren, empfehlen, simulieren, beschleunigen. Aber sie kann nicht führen. Denn Führung beginnt dort, wo Berechnung nicht genügt.

Das Papier lebt im Schatten des Systems weiter: Warum die Digitalisierung der Personalarbeit oft dort steckenbleibt, wo der SAP-Standard endet und der Alltag beginnt #ZPSüd

Die Digitalisierung der Personalarbeit ist in vielen Unternehmen offiziell längst erledigt. Das System ist eingeführt, die Stammdaten sind gepflegt, die Prozesse sind beschrieben, die Oberfläche sieht ordentlich aus. SAP läuft, SuccessFactors ist angeschlossen, die Projektfolien wurden archiviert, der Lenkungskreis hat irgendwann erleichtert genickt. Und doch sitzt in der Personalabteilung jemand vor einer Word-Vorlage, kopiert Daten aus einer Maske, ergänzt eine Excel-Liste, sucht ein Dokument, prüft eine Unterschrift, schreibt ein Zeugnis, legt eine Datei ab und fragt sich nach dem fünften Systemwechsel, warum sich digitale Arbeit noch immer so analog anfühlt.

Genau an dieser Bruchstelle setzte Pascal Bivi von der xft GmbH auf der Zukunft Personal Süd an. Seine Session trug den treffenden Titel „Zwischen SAP-System und HR-Realität: Wo Digitalisierung steckenbleibt“. Der Satz enthält bereits die Diagnose: Das Problem liegt nicht unbedingt im großen System. Es liegt im Dazwischen. In den Übergängen, Sonderfällen, Formularen, Freigaben, Akten, Zeugnissen, Unterschriften, Rückfragen und Nebenwegen, aus denen der Alltag der Personalarbeit besteht.

Die Digitalisierung hat eine Vorderseite und eine Rückseite

Die Vorderseite der Digitalisierung zeigt gepflegte Oberflächen, Prozesslandkarten und Systemnamen. Die Rückseite besteht aus Copy-and-paste, Ablageordnern, Excel-Tabellen, E-Mail-Schleifen und Papier. Bivi nannte das auf der Bühne ein „Quartett der Unzulänglichkeit“: Word-Vorlagen, Excel-Tabellen, zusammengeschusterte Software und Papier. Besonders schön war seine Formulierung, Papier sei dann im Einsatz, „wenn Digitalisierung mal Urlaub macht“. Diese kleine Pointe sitzt, weil sie nicht bloß witzig ist. Sie beschreibt eine Wirklichkeit, die in vielen Unternehmen überlebt hat, obwohl sie offiziell längst abgeschafft wurde.

Die Paradoxie besteht darin, dass gerade große, leistungsfähige Systeme häufig an den kleinen Stellen ausfransen. Ein SAP-System kann Stammdaten halten, Berechtigungen steuern, Prozesse strukturieren und die zentrale Wahrheit des Unternehmens abbilden. Doch der Personalalltag verlangt mehr als Systemtreue. Er verlangt Dokumente, die automatisch entstehen, Akten, die sich sauber füllen, Zeugnisse, die rechtssicher formuliert werden, Unterschriften, die ohne Papierlauf funktionieren, Prozesse, die über mehrere Systeme hinweg nachvollziehbar bleiben. Der Standard deckt vieles ab. Aber er deckt selten alles ab, was eine Personalabteilung täglich tatsächlich tut.

Der Medienbruch ist der wahre Feind

In der Sprache der Digitalisierung klingt „Medienbruch“ harmlos. Es ist ein technisches Wort für einen sehr menschlichen Verschleiß. Ein Medienbruch entsteht, wenn Daten aus einem System herausgenommen, manuell übertragen, in ein Dokument kopiert, per E-Mail weitergeleitet, in einem anderen System abgelegt oder auf Papier unterschrieben werden. Jeder dieser Schritte wirkt für sich klein. Zusammen erzeugen sie Fehler, Suchzeiten, Intransparenz und Frust.

Bivi beschrieb die Folgen entsprechend nüchtern: hohe Fehleranfälligkeit entlang der Prozesskette, mangelnde Transparenz, manueller Aufwand und Arbeit, die schlicht keinen Spaß macht. Das ist keine Petitesse. In der Personalarbeit sind fehlerhafte Dokumente, falsche Ablagen, unklare Zuständigkeiten oder verspätete Freigaben keine bloßen Schönheitsfehler. Sie betreffen Arbeitsverträge, Personalakten, Zeugnisse, Onboarding, Offboarding und damit Rechtspositionen, Fristen, Vertrauen und Effizienz. Digitalisierung, die an dieser Stelle Lücken lässt, verlagert Arbeit nur. Sie schafft nicht wirklich Entlastung.

Der Traumprozess fährt auf glatter Straße

Bivi wählte für den idealen Prozess das Bild einer Straße: Der übliche Arbeitsalltag sei holprig, mit Schlaglöchern und Hindernissen. Der Traumprozess dagegen sei frisch asphaltiert. Er läuft ohne Medienbrüche, mit dokumentierten Entscheidungen, klarer Nachvollziehbarkeit und möglichst wenig doppelter Arbeit. Der Punkt daran ist nicht der Wunsch nach technischer Eleganz. Der Punkt ist betriebliche Verlässlichkeit. Ein guter Prozess muss nicht nur funktionieren, wenn der Standardfall eintritt. Er muss auch dann halten, wenn ein Sonderfall, eine andere Systemlandschaft, eine zusätzliche Freigabe, ein externer Signaturanbieter oder eine besondere rechtliche Anforderung dazukommt.

Genau hier wird der Unterschied zwischen Systemeinführung und Prozessgestaltung sichtbar. Ein Unternehmen kann ein starkes System haben und dennoch schwache Abläufe. Es kann Daten besitzen und sie trotzdem mehrfach eingeben. Es kann digitale Akten ankündigen und weiterhin Dokumente nachpflegen. Es kann ein Onboarding definieren und trotzdem nach der Vertragsunterschrift improvisieren. Der Fehler liegt dann nicht im Bekenntnis zur Digitalisierung, sondern in der fehlenden Durchgängigkeit.

Das Add-on als Dolmetscher des Alltags

XFT positioniert sich an dieser Stelle als zertifiziertes SAP-Add-on. Das Wort Add-on klingt nach Zusatzbaustein, fast nach Zubehör. In Wahrheit geht es um eine Art Dolmetscher zwischen SAP-Logik und Personalwirklichkeit. Bivi betonte, XFT stehe nicht neben dem SAP-System, sondern sei integriert und arbeite mit den dort vorhandenen Daten und Berechtigungsstrukturen. Die Idee: nicht alles doppelt pflegen, nicht neue Datenschatten erzeugen, sondern das nutzen, was bereits vorhanden ist.

Die XFT HCM Suite besteht aus vier eigenständigen Komponenten: der digitalen Personalakte, dem Document Composer für Schriftverkehr, dem Zeugnismanager und dem Personnel Manager als Prozesstool. Für sich betrachtet sind das bekannte Problemfelder der Personalarbeit. Zusammen bilden sie jedoch eine Klammer um jene Alltagsschicht, in der Digitalisierung häufig steckenbleibt: Dokumente entstehen nicht automatisch genug, Akten werden nicht sauber genug gefüllt, Zeugnisse dauern zu lange, Prozesse laufen über verschiedene Systeme und Menschen hinweg, ohne dass am Ende jeder sehen kann, wer wann was getan hat.

Eintritt: Vom Bewerberprofil zum Vertrag ohne Abschreibübung

Am Eintrittsprozess zeigte Bivi, wie aus Daten Arbeit oder Entlastung wird. Im Normalfall kommen Bewerberdaten aus einem Recruiting-System. Daraus muss ein Arbeitsvertrag entstehen, anschließend ein Onboarding starten, eine Personalakte angelegt und eine Aufgabenverteilung organisiert werden. Auf dem Papier ist das banal. In der Praxis wird daraus schnell ein Parcours.

Der XFT Document Composer soll an dieser Stelle Bewerberdaten aus SuccessFactors oder anderen Recruiting-Systemen übernehmen, Vertragsdokumente erzeugen und mitgeltende Unterlagen gleich mit ausgeben: Einstellungszusage, Firmenwagenregelung, Datenschutzerklärung, alles mit passender Anrede, Anschrift, Firmierung und Logo. Bivi beschrieb sogar den Fall, dass Künstliche Intelligenz einen Lebenslauf ausliest und daraus Daten in die Eingabemaske zieht. Danach kann der Vertrag über angebundene Signaturlösungen wie Adobe Sign oder DocuSign unterzeichnet werden. Die Personalakte entsteht anschließend automatisch, die Dokumente landen im richtigen Ordner.

Das klingt nach Produktdemonstration, enthält aber eine größere Pointe: Der Wert der Digitalisierung liegt nicht in der Oberfläche, sondern in der Vermeidung der Abschreibübung. Jede manuelle Übertragung ist eine kleine Einladung zum Fehler. Wer sie beseitigt, spart nicht nur Zeit. Er senkt Rechts- und Prozessrisiken.

Austritt: Der schwierigere Bruder des Eintritts

Noch deutlicher wird das beim Austritt. Der Eintritt hat immerhin eine gewisse Feierlichkeit. Der Austritt ist oft komplizierter, emotionaler, rechtlich sensibler und prozessual verzweigter. Warum geht jemand? Eigenkündigung, Arbeitgeberkündigung, Ruhestand, Tod – jeder Fall erzeugt andere Aufgaben. Resturlaub, betriebliche Altersversorgung, Rückgabe von Firmenwagen, IT-Zugänge, Aktenablage, Zeugnis, Freigaben, Abschlussgespräch. In hybriden Systemlandschaften liegen diese Aufgaben zudem oft verteilt: ein Teil im alten SAP HCM, ein Teil in SuccessFactors, ein Teil in Spezialsoftware.

Der Zeugnismanager ist dafür ein gutes Beispiel. Arbeitszeugnisse sind einer jener Prozesse, bei denen Unternehmen erstaunlich viel Zeit verlieren. Tätigkeiten müssen beschrieben, Stationen im Unternehmen berücksichtigt, Leistungen beurteilt, Textbausteine rechtssicher kombiniert, Führungskräfte eingebunden, Freigaben organisiert und Dokumente abgelegt werden. XFT arbeitet hier mit Textbausteinen des Boorberg Verlags, ermöglicht unterschiedliche Notenskalen, Variablen, eigene Freigabewege und die Einbindung von Führungskräften. HR soll am Ende nicht mehr jeden Satz bauen, sondern prüfen, ob das Ergebnis passt.

Gerade am Zeugnis zeigt sich die stille Macht schlechter Prozesse. Niemand gewinnt strategischen Glanz damit, ein Zeugnis schneller zu erstellen. Aber wer diesen Prozess nicht im Griff hat, produziert Ärger, Wartezeiten, Nachfragen, Rechtsunsicherheit und schlechte letzte Eindrücke. Auch hier gilt: Der Austritt gehört zur Arbeitgebererfahrung. Ein Unternehmen, das beim Abgang schlampig wird, beschädigt mehr als einen Vorgang.

Künstliche Intelligenz ist nützlich, aber nicht der Mittelpunkt

Natürlich kam auch Künstliche Intelligenz vor. Sie kann Dokumente auslesen, klassifizieren, übersetzen, Daten aus Lebensläufen ziehen oder beim Hochladen in die Personalakte prüfen, ob ein Dokument richtig erkannt wurde. XFT liefert nach Bivis Darstellung keine eigene KI aus, sondern bindet über Schnittstellen Werkzeuge wie ChatGPT, DeepL, Mistral oder andere Lösungen an. Das geschieht aus derselben Oberfläche heraus; der Nutzer soll das SAP-System nicht verlassen müssen.

Das ist klug, weil KI hier nicht als Zaubershow auftritt. Sie wird in einen Prozess eingespannt. Genau so wird sie im Personalbereich am ehesten nützlich: nicht als freischwebender Chatbot, sondern als Helfer an einer konkreten Stelle, mit klarer Aufgabe, eingebettet in Berechtigungen, Dokumentation und Freigaben. Die große Gefahr der KI-Debatte liegt darin, dass sie Digitalisierung erneut in ein Versprechen verwandelt. Bivis Vortrag war interessanter, weil er das Gegenteil zeigte: KI nützt dort, wo der Prozess bereits verstanden ist. Sie repariert keine unklare Organisation. Sie beschleunigt nur, was vorher sauber gedacht wurde.

Cloud ist kein Glaubensbekenntnis

Ein weiterer nüchterner Punkt war die Systemlandschaft. Bivi unterschied mehrere Szenarien: klassisches SAP HCM, S/4HANA-basierte Umgebungen, SuccessFactors-Anbindung, HANA-Core-Systeme, Public Cloud über die SAP BTP ABAP Environment. Entscheidend war dabei seine Bemerkung, XFT zwinge niemanden, in die Cloud mitzugehen. Gerade öffentliche Verwaltung oder Hochsicherheitsbereiche hätten Gründe, auf On-Premise-Systemen zu bleiben.

Das ist eine wohltuende Abweichung von der üblichen Cloud-Rhetorik. Gute Digitalisierung beginnt nicht mit einem Glaubenssatz. Sie beginnt mit der Frage, welche Umgebung ein Unternehmen tatsächlich braucht: regulatorisch, sicherheitstechnisch, organisatorisch, finanziell. Wer jede Landschaft gleich behandelt, versteht die Organisation nicht. Wer jede Sonderlage zum Standardfehler erklärt, wird in der Praxis scheitern.

Der Standard endet nicht aus Schwäche, sondern aus Wirklichkeit

Bivis vielleicht wichtigster Satz fiel indirekt: Prozesse seien bei keinem Kunden gleich. Systemlandschaften auch nicht. Dieser Befund ist unbequem für jede Standardisierungsfantasie. Natürlich brauchen Unternehmen Standards. Ohne sie wird Digitalisierung zur Maßanfertigungshölle. Aber wer reale Personalarbeit nur mit Standardprozessen beschreiben will, verkennt ihre Struktur. Menschen treten ein, wechseln Rollen, nehmen Elternzeit, arbeiten in Schichten, gehen in Rente, sterben, klagen, unterschreiben verspätet, brauchen ein Zwischenzeugnis, ändern Namen, wechseln Länder, bringen Sonderfälle mit.

Der Standard endet also nicht, weil er schlecht ist. Er endet, weil Wirklichkeit beginnt. Die Frage lautet, was an dieser Grenze passiert. Entsteht dort ein sauberer Erweiterungsraum? Oder entsteht wieder Schattenarbeit mit Excel, Word, E-Mail und Papier?

Digitalisierung ist eine Frage der Arbeitsqualität

Der eigentliche wirtschaftliche Kern dieser Session liegt nicht in der Software, sondern im Begriff der Arbeitsqualität. Bivi fragte am Anfang, ob sich Personalarbeit wirklich digitaler anfühle und ob die Zuhörer durchgängig im selben System arbeiteten. Viel Kopfschütteln folgte. Darin steckt ein ernstes Signal. Digitalisierung wird noch immer zu oft aus Sicht der Organisation beschlossen, aber aus Sicht der Nutzer nicht eingelöst.

Eine Personalabteilung, die zwischen Oberflächen springt, Daten nachträgt, Dokumente sucht und Prozessstände erfragt, arbeitet nicht digital, sondern digital dekoriert. Die Arbeit bleibt analog im Geist, auch wenn die Maske modern aussieht. Echte Digitalisierung zeigt sich daran, ob Arbeit leichter, sicherer, transparenter und nachvollziehbarer wird. Nicht daran, ob ein großes System eingeführt wurde.

Der unsichtbare Teil der Transformation

Die Session auf der Solution Stage 1 war deshalb weniger spektakulär als viele KI-Vorträge und möglicherweise wichtiger. Denn die Zukunft der Arbeit entscheidet sich nicht nur an großen Begriffen. Sie entscheidet sich auch daran, ob ein Arbeitsvertrag ohne Medienbruch entsteht, ob ein Zeugnis rechtssicher und zügig formuliert wird, ob eine Personalakte vollständig ist, ob ein Austritt nachvollziehbar dokumentiert wird und ob Beschäftigte im Personalbereich nicht jeden Tag gegen dieselben Reibungen arbeiten.

Zwischen SAP-System und HR-Realität liegt ein Raum, den viele Unternehmen unterschätzen. Dort verschwinden Stunden. Dort entstehen Fehler. Dort wächst Frust. Dort wird aus Digitalisierung ein Versprechen, das der Alltag nicht einlöst. Wer diesen Raum schließt, macht keine große Show. Er macht Personalarbeit besser.

Und vielleicht ist genau das die erwachsenere Form der Digitalisierung: weniger Glanz, weniger Urlaub fürs Papier, mehr durchgängige Arbeit.

Die Marke zeigt sich am Ausgang: Warum Employer Branding im Stellenabbau nicht verschwindet, sondern seine härteste Prüfung erlebt

Employer Branding hat sich in den vergangenen Jahren gern im Licht aufgehalten. Karriereseiten, Kampagnen, Videos, Hochschulmessen, Preboarding, Onboarding, Corporate Influencer, Arbeitgeberversprechen mit warmer Beleuchtung. Auf der Zukunft Personal Süd in Stuttgart sprach Martin Maas, Global Head of Employer Branding der ZF Group, über den Schatten dieser Disziplin: Employer Branding im Stellenabbau. Das war kein Nebenthema für Fortgeschrittene, sondern eine jener seltenen Sessions, in denen ein Konzernvertreter nicht über Hochglanz spricht, sondern über die Bewährungsprobe der Marke, wenn die Stellen verschwinden.

ZF ist dafür kein theoretischer Fall. Der Konzern steckt mitten in der Neuordnung der Automobilindustrie. Elektromobilität, schwache Nachfrage, Preisdruck, internationale Konkurrenz, alte Standortstrukturen, hohe Investitionen und die Folgen großer Übernahmen drücken auf das Unternehmen. ZF kündigte im Juli 2024 an, die Zahl der Beschäftigten in Deutschland bis Ende 2028 schrittweise um 11.000 bis 14.000 zu verringern; damals beschäftigte ZF hierzulande rund 54.000 Menschen. Im ersten Halbjahr 2025 meldete das Unternehmen weltweit 157.845 Beschäftigte, gut zwei Prozent weniger als Ende 2024; in Deutschland sank die Zahl auf 50.683. Reuters berichtete zudem über einen Verlust von rund eine Milliarde Euro im Geschäftsjahr 2024, Restrukturierungskosten, schwache Nachfrage und einen Schuldenstand von 10,5 Milliarden Euro.

Wenn die schöne Arbeitgebergeschichte nicht mehr trägt

Maas begann mit einer einfachen Probe aufs Exempel: Wer im Publikum gerade mitten im Stellenabbau stecke, kurz davor sei oder ihn hinter sich habe, möge sich melden. Die Reaktion fiel deutlich aus. Damit war die Illusion zerstört, Employer Branding sei nur etwas für Wachstumslagen. Genau dort liegt der blinde Fleck vieler Personalabteilungen. Solange eingestellt wird, darf die Arbeitgebermarke werben, glänzen, verführen. Sobald abgebaut wird, schrumpfen Budgets, Teams und Legitimation. Dann fragt das Management: Wozu brauchen wir euch noch?

Bei ZF traf diese Frage auf harte Zahlen. Maas berichtete in Stuttgart von durchschnittlich 80 Prozent weniger Einstellungen und 80 Prozent weniger Employer-Branding-Budget. Sein Team sei in zwei Jahren halbiert worden. Globale Kampagnen, Karrieremessen und externe Dienstleister wurden weitgehend gestoppt. Was früher Agenturen erledigten, musste nun im Haus entstehen: Postings, Videos, Social-Media-Material, Vorlagen, Toolboxen. Tools wie Canva wurden nicht als Spielerei genutzt, sondern als Spar- und Überlebensinstrument. Das ist eine nüchterne Lektion: In der Krise wird aus der Kommunikationsabteilung ein kleiner Produktionsbetrieb.

Die eigentliche Pointe lag aber nicht im Kostensparen. Maas stellte die vertraute Definition des Employer Branding auf den Kopf, indem er an ihren vergessenen Teil erinnerte. Arbeitgebermarke soll intern und extern wirken. Über Jahre wurde vor allem der externe Teil bespielt: Karrierewebsite, Messeauftritt, Kampagne, Video, Stellenanzeige, Bewerberansprache. Im Stellenabbau wird diese halbe Gleichung unbrauchbar. Wer öffentlich „Komm zu uns“ ruft, während intern Stellen gestrichen werden, beschädigt seine Glaubwürdigkeit. Also rückt der andere Teil in den Vordergrund: interne Positionierung, Offboarding, Alumni-Arbeit, Rehiring, neue Perspektiven für Betroffene.

Der Abgang ist Teil der Marke

Die stärkste Verschiebung in Maas’ Vortrag bestand darin, den Austritt nicht als Ende der Arbeitgeberbeziehung zu behandeln. In guten Zeiten reden Unternehmen gern von Candidate Experience und Employee Journey. In schlechten Zeiten zeigt sich, ob diese Reise auch ein letztes Kapitel hat, das den Namen verdient. Wer Beschäftigte in der Krise nur verwaltet, erzeugt Wut, Enttäuschung und Erzählungen, die lange bleiben. Wer sie fair begleitet, bewahrt eine Beziehung, selbst wenn der Vertrag endet.

Maas formulierte den entscheidenden Satz sinngemäß so: Das Was des Stellenabbaus sei beschlossen; das Wie liege in der Hand des Unternehmens. Genau darin steckt die wirtschaftsethische und markenpolitische Wahrheit. Ein Konzern kann den industriellen Umbau nicht wegmoderieren. Er kann aber gestalten, wie Führungskräfte Abbaugespräche führen, welche Informationen Beschäftigte erhalten, welche Alternativen eröffnet werden, wie schnell und konkret Hilfe organisiert wird. Der Stellenabbau wird dadurch nicht schön. Aber er kann fairer, klarer und brauchbarer werden.

Hier beginnt die eigentliche Arbeit der Arbeitgebermarke. Sie besteht nicht in dem Versuch, die Krise sprachlich zu überzuckern. Sie besteht darin, Verhalten zu organisieren, das später noch erzählt werden kann, ohne dass sich alle Beteiligten schämen müssen.

New Placement

Das bei ZF entwickelte Programm heißt New Placement. Der Begriff ist wichtig, weil er nicht nur den klassischen Outplacement-Gedanken wiederholt. Beschäftigte, deren Stellen wegfallen, können freiwillig Unterstützung erhalten: Karriereorientierung, Stellensuche, Vorbereitung auf Bewerbungen, Zugang zu Partnerunternehmen, Transparenz über Optionen. Interne Recruiter wurden zu New-Placement-Beratern weitergebildet. Das ist klug, weil Recruiter die andere Seite des Arbeitsmarktes kennen: Sie wissen, worauf Bewerbungen geprüft werden, wie Profile gelesen werden, welche Börsen relevant sind, wie LinkedIn-Profile wirken und welche Fehler Kandidaten vermeiden sollten.

ZF hat nach Maas’ Darstellung ein Partnernetzwerk mit rund 20 Großunternehmen in Deutschland aufgebaut, darunter Firmen mit ähnlichen Qualifikationsbedarfen wie jene, die ZF abbaut. Besonders die Rüstungsindustrie suche Profile, die aus der Automobilindustrie kommen. Maas sagte, 50 Prozent der Wechsel bei ZF in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten seien zu Partnerunternehmen erfolgt. Das heiße nicht, dass Beschäftigte dorthin durchgereicht würden; sie durchliefen reguläre Bewerbungsprozesse. Aber ZF bringe Profile und Bedarfe früh zusammen.

Das ist keine Sozialromantik. Es ist Arbeitsmarktpolitik im Betrieb. Die Automobilindustrie baut an einer Stelle ab, andere Branchen bauen auf. Der Übergang geschieht aber nicht von selbst. Maschinenbaukompetenz, Elektronik, Software, Fertigungserfahrung, Projektwissen und industrielle Disziplin müssen übersetzt werden. Genau hier kann Employer Branding eine Rolle spielen, die weit über Werbung hinausgeht: Es kann Menschen beim Wechsel lesbar machen.

Führungskräfte müssen den härtesten Satz lernen

Besonders bemerkenswert ist ein Detail aus dem Programm: Kein betroffenes Gespräch ohne geschulte Führungskraft. ZF habe ein verpflichtendes Training für Führungskräfte eingeführt, die Abbaugespräche führen. Der Grund ist einfach und hart: Das erste Gespräch entscheidet, ob ein Beschäftigter danach überhaupt offen ist für Beratung, Orientierung und neue Wege. Wer im falschen Ton, mit schlechter Vorbereitung oder unklaren Informationen in ein solches Gespräch geht, zerstört Vertrauen in Minuten.

Darin liegt eine Lehre für viele Unternehmen. In Krisen wird Kommunikation oft an Rundschreiben delegiert. Doch der eigentliche Moment der Marke sitzt im direkten Gespräch: eine Führungskraft, ein Mensch, eine Nachricht, die das Leben verändert. Kein Leitbild ersetzt diesen Moment. Keine Kampagne repariert ihn. Wenn Employer Branding hier nicht mitarbeitet, bleibt es Oberfläche.

ZF ergänzt den Prozess nach Maas’ Darstellung durch externe Beratung, etwa für steuerliche und sozialversicherungsrechtliche Fragen bei Abfindungsprogrammen. Auch das gehört zur Glaubwürdigkeit. Wer Menschen vor eine Entscheidung stellt, muss ihnen erklären, was sie bedeutet. Gerade bei Abfindung, Sperrzeit, Rente, Sozialversicherung und Steuerfolgen geht es um Fragen, die Beschäftigte nicht nebenbei klären können. Transparenz wird hier nicht behauptet, sondern praktisch hergestellt.

Der Regenschirm der Marke

Maas verwendete ein schönes Bild: Employer Branding sei nicht nur ein Sonnenscheinthema, sondern könne in der Krise als Regenschirm der Marke fungieren. Das trifft den Kern. Eine Arbeitgebermarke, die nur bei Wachstum funktioniert, ist keine Marke, sondern ein Verkaufsprospekt. Erst wenn sie auch in Schrumpfung, Umbau und Verlust trägt, gewinnt sie Substanz.

Das bedeutet nicht, Stellenabbau kommunikativ zu verklären. Wer Abbauprogramme als moralischen Sieg verkauft, verliert den Sinn für Wirklichkeit. Beschäftigte verlieren Arbeit, Routinen, Zugehörigkeit, Sicherheit und oft auch Selbstvertrauen. Das kann keine Marke aufheben. Aber eine Marke kann dafür stehen, dass ein Unternehmen Menschen nicht fallen lässt, sobald ihr Arbeitsplatz wegfällt. Das ist weniger spektakulär als eine Kampagne, aber wirkungsvoller.

Maas berichtete, ZF habe erwartet, dass Arbeitgeberbewertungen auf Plattformen wie Glassdoor oder Kununu während der Krise deutlich einbrechen würden. Nach seiner Darstellung sei der Glassdoor-Wert aber im Wesentlichen stabil geblieben: nur 0,1 Punkte Unterschied gegenüber der Zeit vor der Krise, Stand zuletzt 3,8. Er leitete daraus keine simple Kausalität ab, sondern eine vorsichtige Vermutung: Die Art, wie ein Unternehmen mit Menschen in der Krise umgeht, könne dazu beitragen, dass Reputation nicht wegrutscht.

Die alte Kampagne ist zu klein geworden

Diese Session ist deshalb so wichtig, weil sie eine Profession erwachsen werden lässt. Employer Branding war zu lange an Recruitingbudgets gekettet. Viele Unternehmen geben Geld für Arbeitgeberkommunikation aus, solange Stellen offen sind; fällt das Einstellungsvolumen, verschwindet das Budget. Maas nannte das sinngemäß einen Konstruktionsfehler. Denn gerade dann, wenn weniger eingestellt wird, bleibt die Frage nach der Arbeitgebermarke wichtig – nur anders.

Die neue Aufgabe heißt nicht Reichweite, sondern Beziehungspflege. Nicht Messeauftritt, sondern interne Mobilität. Nicht Bewerberversprechen, sondern Trennungsqualität. Nicht Kampagne, sondern Rückkehrfähigkeit. Wer heute Menschen abbaut, kann sie morgen wieder brauchen. ZF spricht deshalb über Alumni- und Rehiring-Strategien. In einer Branche, die sich technologisch neu sortiert, ist das kein Luxus. Es ist Gedächtnispolitik des Unternehmens.

Man kann diese Entwicklung auch betriebswirtschaftlich lesen. Wer Menschen schlecht verliert, verliert mehr als Arbeitskraft. Er verliert Fürsprecher, Rückkehrer, Netzwerkzugänge, Wissensträger, Kundenkontakte, regionale Reputation. Wer Menschen gut begleitet, erhält wenigstens einen Teil dieser Bindung. Der Unterschied entscheidet sich nicht in der Markenpräsentation, sondern im Prozess.

Das zeigt: Die Automobiltransformation ist keine Powerpoint-Transformation mehr. Sie hat Namen, Standorte, Familien, Lebensläufe. Sie verschiebt Beschäftigung von alten Wertschöpfungsketten in neue Branchen, von Verbrennerkompetenz zu Elektronik, Software, Rüstung, Energie, Industrieautomatisierung. Der Arbeitsmarkt kann solche Übergänge aufnehmen, aber nicht automatisch. Unternehmen wie ZF stehen daher vor einer doppelten Aufgabe: Sie müssen sich selbst restrukturieren und zugleich verhindern, dass der Übergang für Beschäftigte zur biographischen Bruchstelle ohne Brücke wird.

Employer Branding wird zur Kriseninfrastruktur

Der Begriff Employer Branding klingt in diesem Zusammenhang fast zu weich. Was Maas beschreibt, ist eher Kriseninfrastruktur für Vertrauen. Sie besteht aus geschulten Führungskräften, klaren Prozessen, internen Beratungsrollen, Partnernetzwerken, Karriereportalen, verständlichen Informationen, Alumni-Pflege, Rehiring-Denken und der Bereitschaft, das eigene Kommunikationshandwerk auf Menschen anzuwenden, die das Unternehmen verlassen müssen.

Darin liegt auch eine Zumutung an die Profession. Wer Employer Branding ernst nimmt, darf sich nicht nur für die schönen Stationen der Employee Journey zuständig fühlen. Der Abgang gehört dazu. Der Bruch gehört dazu. Die Enttäuschung gehört dazu. Wenn sich Arbeitgebermarke nur dort zeigt, wo Konfetti fällt, bleibt sie Dekoration.

Die ZF-Session war deshalb einer der ehrlicheren Beiträge der Zukunft Personal Süd. Sie zeigte, dass eine Arbeitgebermarke nicht dann stark ist, wenn sie viele Menschen anzieht. Stark wird sie, wenn sie auch unter Druck nicht vergisst, wie Menschen behandelt werden müssen. Im Aufschwung kann fast jedes Unternehmen sympathisch wirken. Im Stellenabbau erkennt man, ob die Marke eine Substanz hat. Am Ausgang entscheidet sich, was vom Versprechen bleibt.

Die Messe als Werkstatt der Personalarbeit: Am ersten Tag der Zukunft Personal Süd zeigt sich in Stuttgart, warum Fachmessen wieder gebraucht werden #ZPSüd

Der erste Eindruck entsteht nicht auf der Bühne, sondern am Arbeitsplatz der Regie. In Halle 10 der Messe Stuttgart steht das ZP-Messestudio von Sohn@Sohn wie ein kleiner Maschinenraum im laufenden Betrieb: ein Tisch, Kameras, Ton, Bildmischer, Vorschaubilder, Kabel, Licht, Zeitdruck. Constantin Sohn sitzt dort nicht als dekorativer Technikmann, sondern als Regisseur, Tonmeister, Bildentscheider und Schnellproduzent in Personalunion. Die Gespräche entstehen im Stegreif. Aussteller, Fachleute, Bühnenredner, Buchautoren und Beobachter kommen herein, setzen sich, reden, gehen weiter. Wenige Minuten später ist das nächste Gespräch im Kasten.

Das ist mehr als Messefernsehen. Es ist die passende Form für eine Veranstaltung, die selbst aus lauter Übergängen besteht. Zwischen Stand und Bühne, Fachvortrag und Buch, Arbeitsrecht und Arbeitsmarkt, Personalentwicklung und künstlicher Intelligenz, Recruiting und Mitarbeiterbindung. Die Zukunft Personal Süd lebt am ersten Tag nicht von einem einzelnen großen Thema, sondern von der Verdichtung vieler kleiner Fachöffentlichkeiten. Wer durch Halle 10 geht, sieht keine scharf getrennte Ausstellung mit angehängtem Kongress. Man läuft durch einen Marktplatz, der seine Debatten gleich mitliefert.

Die Bühne steht nicht neben der Messe, sondern mitten in ihr

Der sichtbarste Unterschied zu alten Kongressarchitekturen liegt in der räumlichen Dramaturgie. Die Bühnen sind in die Messe integriert. Rund um die Programmbereiche stehen Aussteller, Dienstleister, Beratungen, Softwareanbieter, Verlage. Wer von der Keynote Stage zur Live Training Area geht, passiert nicht nur Wege, sondern Themenwechsel. Aus einer Fachrunde über datenbasierte Personalentscheidungen wird nach wenigen Schritten ein Trainingsformat, aus dem Trainingsformat der HR Round Table, aus dem HR Round Table der Buchstand von Buchkontext.

Gerade dieses Ineinander macht den ersten Messetag lebendig. Fachmessen der alten Schule zwangen Besucher oft zum Ortswechsel: hier die Produkte, dort der Vortrag, jenseits der Halle der Kongress. Die Zukunft Personal Süd organisiert das anders. Sie holt die Rede in die Ausstellung und die Ausstellung in die Rede. Dadurch entsteht jene Unruhe, die gute Messen brauchen: Menschen bleiben stehen, hören zehn Minuten zu, ziehen weiter, geraten ins Gespräch, kommen zurück. Man erkennt an den voll besetzten Reihen der Live Training Area und am Gedränge beim HR Round Table, dass diese Form angenommen wird. Der Vortrag ist hier keine abendliche Zugabe, sondern Teil des Messebetriebs.

Daten statt Bauchgefühl: Die Personalarbeit wird rechenschaftspflichtig

Auf der Keynote Stage beginnt der Tag mit einer Fachrunde, die den Ton setzt: „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert.“ Mit Julia Merkel, Birk Alwes, Prof. Dr. Torsten Biemann und Moderator Cliff Lehnen steht nicht die übliche Fortschrittsliturgie im Raum, sondern eine handfeste Frage: Wie kommt die Personalarbeit aus der Zone gepflegter Vermutung heraus?

Biemann, Professor für Personalmanagement und Führung an der Universität Mannheim, steht dabei für einen nüchternen Begriff von Evidenz. Daten ersetzen nicht den Menschen, aber sie zwingen ihn, Gründe anzugeben. Wer über Mitarbeiterzufriedenheit, Arbeitgeberimage, Fluktuation, Recruiting-Kanäle oder Lernwirkung spricht, muss mehr liefern als Eindruck, Erfahrung und hübsch eingefärbte Ampeln. Der Satz „Wir kennen unsere Leute“ reicht nicht mehr, wenn die Belegschaft heterogener, die Arbeitsmärkte enger und die Entscheidungen teurer werden.

People Analytics meint in diesem Zusammenhang nicht das Sammeln möglichst vieler Kennzahlen. Eine Personalabteilung kann in Daten ertrinken und trotzdem nichts verstehen. Entscheidend ist die Übersetzung: Welche Zahl hilft der Geschäftsführung? Welche Kennzahl zeigt ein echtes Risiko? Welche Daten erklären, warum Bewerber abspringen, weshalb Teams ausfallen, wo Weiterbildung Wirkung entfaltet und an welcher Stelle ein gut gemeinter Prozess den Betrieb tatsächlich bremst?

Damit wird Personalarbeit politischer im Unternehmen. Sie rückt näher an Investitionen, Produktivität, Risikosteuerung und Führung heran. Wer Fehlzeiten analysiert, spricht nicht nur über Krankheit. Er spricht über Schichtplanung, Belastung, Prozessstabilität, Autonomie und betriebliche Gerechtigkeit. Wer Recruiting-Kanäle bewertet, spricht nicht nur über Reichweite. Er spricht über Passung, Geschwindigkeit, Kosten und die Fähigkeit, Arbeit überhaupt noch zu organisieren.

Der HR Round Table

Ein paar Schritte weiter zeigt der HR Round Table, warum kompakte Fachformate ihre eigene Kraft haben. Die Plätze reichen nicht aus, Menschen stehen an den Seiten, vorne laufen Kurzvorträge im Wechsel. Thomas Buck, der Macher des Formats, steht mitten im Betrieb: Kaffee, Brötchen, Suppe, Gespräche, Vortrag, Wechsel, nächste Runde. Das klingt nach Beiläufigkeit, ist aber Teil des Erfolgs.

Der HR Round Table funktioniert, weil er die großen Themen des Personalmanagements nicht in einstündige Sonntagsreden zwingt. Arbeitsrecht, künstliche Intelligenz, Bewerbungspraxis, Organisationsfragen: zwanzig Minuten Fachinput, kurze Pause, nächster Fall. Das Format nimmt ernst, dass Fachbesucher auf Messen nicht im Seminarraum verschwinden wollen. Sie suchen Anschlussstellen. Eine Idee, ein Werkzeug, eine juristische Klärung, eine Formulierung, einen Hinweis auf ein Problem, das auch im eigenen Betrieb schwelt.

Die volle Fläche zeigt zudem, dass der Bedarf an konkreter Orientierung groß ist. Die Messebesucher kommen nicht nur, um sich über Software zu informieren. Sie suchen Deutung. Was verändert KI im Bewerbungsprozess? Welche arbeitsrechtlichen Fallstricke werden unterschätzt? Wie lässt sich Weiterbildung skalieren? Was bedeutet New Work nach der großen Ernüchterung? Wie reagieren Unternehmen auf schwächere Konjunktur, ohne in den Reflex der Kontrolle zurückzufallen?

Buchkontext und die Rückkehr des gedruckten Arguments

Besonders reizvoll ist der Stand von Buchkontext. Zwischen all den Bühnen, Tools und Plattformen liegt dort eine andere Zeitform aus: Bücher. Nicht als nostalgische Geste, sondern als kuratierte Fachinfrastruktur. Ralf von Buchkontext erläutert das Prinzip: Das Sortiment richtet sich nach der Messe. Auf einer Personalfachmesse stehen Bücher zu Führung, Coaching, Talentmanagement, Arbeitswelt, Kommunikation, Erfahrung, Karriere und Personalstrategie. Bei einer anderen Branche sähe der Tisch anders aus.

Diese kuratorische Arbeit verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie gewöhnlich bekommt. Ein guter Fachbuchstand ist kein Verkaufsregal, sondern eine stille Programmlinie. Er zeigt, welche Themen tiefer reichen als der Bühnenmoment. Tobias Zimmermanns „Zeit der Chancen“ liegt dort passend zur Keynote des zweiten Messetags. Wer seine Thesen zum Arbeitsmarkt, zu Fachkräfteknappheit, Jobwechseln, künstlicher Intelligenz und Aufstiegschancen nicht nur hören, sondern durchdenken will, findet die Langform gleich nebenan. Dazu Titel über Coaching, Teamarbeit und Führung, Bücher, die den Messelärm in Argumente überführen.

Der Buchstand macht auch sichtbar, was vielen digitalen Formaten fehlt: Dauer. Eine Messe ist flüchtig, ein Gespräch noch flüchtiger, ein Panel nach einer Stunde vorbei. Das Buch bleibt liegen, widerspricht später, verlangsamt den Gedanken. Gerade auf einer Messe, die von Beschleunigung lebt, hat diese Verlangsamung Gewicht.

Personalmanagement zwischen Konjunktur und Bindung

Der Rundgang macht zugleich klar, wie sehr sich das Personalmanagement verschoben hat. Früher konnte man viele Themen sauber trennen: hier Recruiting, dort Weiterbildung, dort Arbeitsrecht, dort Gesundheit, dort Vergütung. Am ersten Tag der ZP Süd fällt diese Trennung in sich zusammen. Die Arbeitsmarktentwicklung beeinflusst Recruiting. Recruiting beeinflusst Arbeitgeberimage. Arbeitgeberimage hängt an Führung, Kultur, Benefits, Arbeitszeit und glaubwürdiger Kommunikation. Künstliche Intelligenz verändert Suchprozesse und Lernwege. Arbeitsrecht setzt Grenzen. People Analytics soll zeigen, ob die Maßnahmen wirken.

Die Gespräche im Messestudio greifen genau diese Kette auf. Konjunktur und Arbeitsmarkt stehen nicht abstrakt über der Messe. Sie laufen durch jedes Fachthema hindurch. Wer Personal gewinnen will, muss wissen, wie sich die Nachfrage verschiebt. Wer Menschen halten will, muss verstehen, warum sie gehen oder innerlich abrücken. Wer Benefits anbietet, muss prüfen, ob sie nur nett klingen oder wirklich binden. Wer New Work sagt, muss erklären, was davon im Betrieb ankommt.

Der erste Messetag zeigt damit eine Branche, die weniger verspielt wirkt als noch vor einigen Jahren. Der Ton ist praktischer geworden. Nicht jedes Thema trägt noch den Glanz des Neuen. Viele Fragen haben jetzt Kassenbon, Betriebsrat, Kennzahl, Schichtplan und Umsetzungspfad.

Die Messe als Realitätsprüfung

Man kann die Zukunft Personal Süd auch als Realitätsprüfung für die Personalbranche lesen. Auf den Bühnen wird viel über Wandel gesprochen. In den Gängen entscheidet sich, ob daraus handfeste Arbeit wird. Die Aussteller müssen erklären, was ihre Lösungen leisten. Die Fachleute müssen in zwanzig Minuten auf den Punkt kommen. Die Besucher prüfen mit der Erfahrung ihrer Betriebe, ob das Gehörte trägt. Die Kamera im Messestudio verstärkt diesen Druck: Wer sich dort setzt, muss ohne Manuskript sagen, warum sein Thema zählt.

Gerade diese Mischung macht den Reiz des Tages aus. Die Messe ist kein stiller Denkort, sondern ein bewegliches Prüfungssystem. Aussagen werden sofort konfrontiert: mit Nachfragen, mit Nachbarständen, mit anderen Sessions, mit Büchern, mit der Praxis. Der Rundgang vom Studio zur Keynote Stage, weiter zur Live Training Area, zum HR Round Table und zum Buchkontext zeigt eine Arbeitswelt, die sich nicht mehr in einer großen Theorie erzählen lässt. Sie braucht viele Formate, weil sie aus vielen Bruchstellen besteht.

Warum der Weg nach Stuttgart lohnt

Am Ende des ersten Rundgangs bleibt ein schlichter Befund: Der Besuch lohnt nicht wegen eines einzelnen Programmpunkts. Er lohnt wegen der Dichte. Die Zukunft Personal Süd bietet keine abgeschlossene Antwort auf die Zukunft der Arbeit. Sie zeigt vielmehr, wie diese Zukunft gerade zusammengesetzt wird: aus Daten und Deutung, Bühne und Stand, Buch und Gespräch, Regieplatz und Fachrunde, arbeitsrechtlichem Detail und arbeitsmarktpolitischer Großwetterlage.

Wer am Eingang West in Halle 10 kommt, betritt keine glatte Zukunftsschau. Man landet in einer Werkstatt. Dort wird geschraubt, gefragt, verkauft, erklärt, gefilmt, diskutiert, widersprochen und empfohlen. Das ist manchmal laut, gelegentlich gedrängt, oft improvisiert. Aber genau darin liegt der Wert. Die Arbeitswelt lässt sich nicht aus der Ferne ordnen. Man muss durch sie hindurchgehen.

Die Zukunft Personal Süd liefert dafür am ersten Tag einen brauchbaren Parcours. Von der Zahl zur Entscheidung, vom Vortrag zum Gespräch, vom Buch zur Bühne, vom Messestand ins Studio. Wer verstehen will, wohin sich Personalmanagement bewegt, findet in Stuttgart keine fertige Landkarte. Aber viele Markierungen, an denen man den eigenen Kurs prüfen kann.

Warum People Analytics die Personalarbeit nicht kälter macht, sondern rechenschaftspflichtiger #ZPSüd

Auf der Keynote Stage der Zukunft Personal Süd stand keine Maschine, die dem Personalwesen die Arbeit abnimmt. Dort saßen drei Stimmen aus Praxis und Wissenschaft, die im Kern über etwas Älteres sprachen als Künstliche Intelligenz: über Urteilskraft. Julia Merkel, lange Personalvorständin und heute Aufsichtsrätin, Beirätin und Beraterin, Birk Alwes, Director Human Resources & Organization bei Zott, und Prof. Dr. Torsten Biemann von der Universität Mannheim verhandelten unter der Moderation von Cliff Lehnen eine Frage, die in vielen Unternehmen noch immer mit erstaunlicher Scheu behandelt wird: Woran erkennt die Personalarbeit, ob sie recht hat?

Der Titel der Runde lautete „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert“. Präziser wäre vielleicht: Wie datenbasierte Personalarbeit die Begründungspflicht erhöht. Denn Revolution ist ein großes Wort für eine Disziplin, die, wie Julia Merkel erinnerte, keineswegs bei null anfängt. Früher hieß vieles davon Personalkontrolling. Man arbeitete mit Excel-Tabellen, trug Zahlen von Hand zusammen, bereitete sie für Gespräche mit dem Geschäft auf und nutzte sie, um Personalthemen sichtbar zu machen. Neu ist also nicht der Wunsch, mit Zahlen zu arbeiten. Neu ist die mögliche Tiefe, Geschwindigkeit und Verknüpfbarkeit der Daten.

Die Ausrede vom schlechten Datensatz

Ein aufschlussreicher Moment der Runde entstand, als Lehnen das Publikum fragte, wer den eigenen Datenbestand im Unternehmen mit neun von zehn Punkten bewerten würde. Fast keine Hand ging hoch. Das hätte ein bequemer Vorwand sein können: Erst die Datenqualität perfektionieren, dann irgendwann analysieren. Birk Alwes widersprach genau dieser Logik. Natürlich brauche man valide Daten. Aber die Behauptung, zuerst müsse alles sauber, vollständig und makellos sein, werde in Unternehmen zu oft als Ausrede benutzt, gar nicht anzufangen.

Sein Hinweis wirkt banal und ist gerade deshalb wichtig: Unternehmen zahlen jeden Monat Gehälter aus. Dafür brauchen sie Stammdaten, Bankdaten, Anwesenheitsdaten, Fehlzeitdaten. Diese Daten sind nicht vollkommen, aber sie sind oft besser, als die eigene Zurückhaltung behauptet. Wer aus ihnen keine Fragen entwickelt, leidet nicht nur an Datenmangel, sondern an mangelnder Entschlossenheit.

Torsten Biemann stützte diese Sicht aus wissenschaftlicher Perspektive. Für viele sinnvolle Analysen brauche man keine riesigen Datenberge und keine magische Künstliche Intelligenz. Sein Beispiel aus einem frühen Projekt bei John Deere war geradezu entzaubernd: Eingeführt wurden Shopfloor-Meetings, danach wurde geprüft, ob sie Quantität und Qualität der Ergebnisse verändern. Dafür musste man wissen, welche Teams solche Meetings hatten und wie sich die Ergebnisse entwickelten. Kein Orakel, keine Blackbox, keine Softwaremystik. Eine Frage, ein Vergleich, eine Wirkungsmessung.

Die Zahl allein führt noch nicht

People Analytics, also die systematische Auswertung von Personaldaten zur besseren Entscheidung, beginnt nicht mit der Software. Sie beginnt mit einer geschäftlich relevanten Frage. Biemann formulierte diesen Punkt klar: Datenprojekte scheitern, wenn nach der Analyse niemand im Management wissen will, was daraus folgt. Interessante Ergebnisse ohne betrieblichen Bedarf bleiben akademischer Schmuck. Die bessere Reihenfolge lautet: Problem benennen, Daten prüfen, Methode wählen, Entscheidung vorbereiten.

Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist genau diese Reihenfolge selten gesichert. Viele Personalbereiche berichten, was leicht verfügbar ist. Sie messen Anwesenheiten bei Schulungen, zählen Bewerbungen, erheben Fluktuationsquoten, verschicken Befragungen, malen Ampeln. Lehnen nannte in der Runde die bekannte „Wassermelonenampel“: außen grün, innen rot. Jeder, der in größeren Organisationen gearbeitet hat, kennt diese Frucht aus dem Berichtswesen. Sie schmeckt nach Selbsttäuschung.

Julia Merkel verschob die Debatte an diesem Punkt vom Bericht zur Wirkung. Sie unterschied zwischen dem, was ein System ausspuckt, und dem, was im Unternehmen wirklich verändert wird. Besonders interessant war ihr Beispiel zur Wirkung von Weiterbildung. Wer ein Training zur Neukundenakquise anbietet, kann mehr messen als Teilnahme und Zufriedenheit. Entscheidend ist, ob sich Verhalten verändert: Schreiben Teilnehmende tatsächlich neue Kontakte an? Entstehen Reaktionen? Werden Termine vereinbart? Eine erklärbare Künstliche Intelligenz kann helfen, digitale Spuren auszuwerten, Skills vorzuschlagen und Lernfortschritt in beobachtbares Verhalten zu übersetzen. Aber auch hier gilt: Die Maschine liefert keine Legitimation im Alleingang. Beschäftigte müssen nachvollziehen können, wie solche Schlüsse zustande kommen und ob die zugeschriebenen Fähigkeiten tatsächlich stimmen.

Der Krankenstand als betriebliche Diagnose

Der stärkste Praxisfall kam von Birk Alwes. Gefragt nach seiner wichtigsten Kennzahl nannte er nicht irgendein kunstvoll exotisches Maß, sondern den Krankenstand. Diese Antwort ist deshalb bemerkenswert, weil sie das Thema aus der moralischen Ecke holt. Fehlzeiten sind kein Charakterurteil über Beschäftigte, sondern ein Signal über Arbeit, Planung, Belastung und Organisation.

Alwes beschrieb, wie Zott Fehlzeitdaten mit Befragungsdaten verbindet. Daraus entstand eine Erkenntnis, die dem verbreiteten Reflex widerspricht. Beim gewerblichen Personal war nicht die Führungskraft im klassischen Sinn der wichtigste Treiber von Abwesenheiten. Entscheidend war die Stabilität der Prozesse. Wer im Schichtbetrieb arbeitet, will früh wissen, wann er an Weihnachten eingesetzt wird. Wer regelmäßig verschoben, umgeplant und von einem Einsatzort zum anderen gezogen wird, erlebt nicht Flexibilität, sondern Verfügbarkeit auf Abruf. Das Ergebnis ist nicht nur Unmut, sondern messbare Belastung.

Diese Beobachtung ist betriebswirtschaftlich scharf. Ein Unternehmen verändert Schichten nicht aus Bosheit, sondern um profitabel zu arbeiten. Doch wenn die kurzfristige Optimierung an anderer Stelle den Krankenstand erhöht, frisst die vermeintliche Effizienz ihre eigene Dividende. People Analytics bringt solche Nebenrechnungen ans Licht. Alwes leitete daraus eine andere Frage ab: Wäre ein modernes, flexibleres Schichtplanungssystem besser, in dem Mitarbeitende Schichten selbst tauschen oder ziehen können, sofern ihre Fähigkeiten erfasst sind? Dann wird Datenarbeit nicht zur Überwachung, sondern zur Voraussetzung besserer Spielräume.

Der Betriebsrat als Prüfstein der Seriosität

Sobald Personaldaten ausgewertet werden, steht die Mitbestimmung im Raum. Julia Merkel beschrieb die praktische Grenze sehr anschaulich: Aggregate ab etwa zehn Personen sind leichter zu vertreten; kleinere Gruppen und personenbezogene Auswertungen verlangen besondere Vorsicht. Entscheidend seien Erklärbarkeit, Transparenz und Zweckbindung. Woher stammen die Daten? Wer bekommt sie? Welche Schlüsse werden gezogen? Welche Maßnahmen folgen? Dürfen Ergebnisse zu Sanktionen führen, oder dienen sie Qualifizierung und Verbesserung?

Damit wird das Datenprojekt zum Kulturprojekt. Nicht im dekorativen Sinn, sondern im harten betrieblichen Sinn. Ein Unternehmen, das hinter dem Rücken der Beschäftigten auswertet, erzeugt Misstrauen. Ein Unternehmen, das offen erklärt, beteiligt, begrenzt und zurückspielt, kann Datenarbeit sogar vertrauensbildend nutzen. Die Grenze zwischen Analyse und Kontrolle verläuft nicht nur technisch. Sie verläuft politisch im Betrieb.

Auch Mitarbeiterbefragungen fallen unter diese Logik. Alwes sagte sinngemäß, wer wiederholt befragt und danach Antworten, Kommunikation und Maßnahmen schuldig bleibt, macht die Belegschaft müde. Genau dort kippt das Instrument. Die Befragung ist dann nicht mehr Beteiligung, sondern ein Ritual, das Erwartungen erzeugt und Enttäuschung organisiert. Gute People Analytics endet deshalb nicht beim Ergebnis, sondern bei der Rückübersetzung in die Organisation.

Wissenschaft ist kein Regal, sondern ein Werkzeugkasten

Biemann brachte eine weitere notwendige Korrektur ein. Viele Fragen, die Unternehmen als neu erleben, sind längst erforscht. Was macht gute Führung aus? Welche Faktoren beeinflussen Fluktuation? Wie wirken Trainings? Welche Bedingungen fördern Teamleistung? Die Wissenschaft hat dazu nicht nur einzelne Studien, sondern ganze Übersichten und Meta-Analysen vorgelegt. Wer dennoch jedes Problem im eigenen Unternehmen völlig neu erfinden will, verschwendet Zeit.

Der Hinweis auf Google war besonders lehrreich. Project Oxygen lieferte einst viel beachtete Erkenntnisse über gute Führung. Biemanns nüchterne Einordnung: In der Führungsforschung wusste man vieles davon schon seit Jahrzehnten. Interessanter wurde es bei Project Aristotle, wo Google erfolgreiche Teams untersuchte und dabei auf das Konzept der psychologischen Sicherheit zurückgriff, das aus der Forschung der späten neunziger Jahre stammt. Die Pointe: Nicht die Wissenschaft war schwach, sondern ihr Transfer. Google machte ein bekanntes Konzept organisationsmächtig.

Für die Personalarbeit folgt daraus ein Auftrag. Sie muss nicht jedes Paper lesen. Biemann verwies auf State-of-the-Art-Beiträge, etwa in der Personal Quarterly, und auf Meta-Analysen, die den Stand der Forschung bündeln. Künstliche Intelligenz kann beim Verdichten und Übertragen helfen, bei der Literatursuche aber noch halluzinieren. Die Maschine erleichtert den Zugang, ersetzt aber nicht die Prüfung.

Daten brauchen Erzähler

Eine Frage aus dem Publikum traf den wunden Punkt der ganzen Disziplin: Warum sinken bei einem Podcast die Abrufzahlen, sobald das Wort „Daten“ im Titel steht? Die Szene lachte, aber die Frage war ernst. Daten gelten vielen im Personalbereich als trocken, technisch, fremd. Birk Alwes antwortete mit Beharrlichkeit: Hochschulen müssten Statistik, Mathematik und Datenkompetenz stärker in die Ausbildung integrieren. Personalmanagement bestehe nicht nur aus Entwicklung und Recruiting.

Julia Merkel ergänzte den entscheidenden Gedanken: Datenanalyse und Erzählen müssen zusammenkommen. Der eine Typus zerlegt Zahlen, der andere kann Menschen erreichen. Zukunftsfähige Personalarbeit braucht beides. Eine Erkenntnis ohne Geschichte bleibt im Dashboard liegen. Eine Geschichte ohne empirische Grundlage wird zur Folklore. Wer beides verbinden kann, wird in Organisationen wirksam.

Das ist vielleicht der schönste Satz der ganzen Runde, auch wenn er nicht als Sentenz fiel: Die Zahl führt erst, wenn sie erzählt werden kann. Nicht ausgeschmückt, nicht manipuliert, nicht auf Vorstandsgeschmack poliert, sondern so übersetzt, dass Menschen verstehen, warum eine Maßnahme nötig ist.

Bauchgefühl darf bleiben, aber nicht regieren

Am Ende stellte ein Teilnehmer die klügste Gegenfrage: Ist der Gegensatz zwischen klarer Entscheidung und Bauchgefühl überhaupt richtig? Gerd Gigerenzer hat schließlich gezeigt, dass Intuition unter bestimmten Bedingungen eine valide Quelle sein kann. Julia Merkel antwortete versöhnlich und präzise. Intuition könne ein guter Anfang sein. Man spürt, dass etwas nicht stimmt, dass ein Thema wichtig ist, dass eine Entwicklung irritiert. Doch bei Fragen, die für das Unternehmen oder die Personalarbeit elementar sind, sollte man prüfen, ob sich dieses Gefühl mit Daten unterlegen, korrigieren oder widerlegen lässt.

Damit war der Titel der Session gerettet, aber zugleich verfeinert. Es geht nicht um die Abschaffung des Bauchgefühls. Es geht um seine Entmachtung als letzte Instanz. Intuition darf eine Frage stellen. Daten müssen helfen, sie zu beantworten.

Die stille Revolution der Personalarbeit

Die Revolution von People Analytics wird nicht laut sein. Sie wird nicht als Feuerwerk neuer Werkzeuge erscheinen, auch wenn Anbieter dies gern versprechen. Sie beginnt dort, wo Personalabteilungen sich weigern, weiter mit groben Vermutungen zu arbeiten. Sie beginnt beim Krankenstand, der nicht moralisiert, sondern analysiert wird. Beim Training, das nicht nur besucht, sondern auf Wirkung geprüft wird. Beim Schichtplan, der nicht nur Kosten senkt, sondern Fehlzeiten mitdenkt. Bei der Mitarbeiterbefragung, die nicht im Archiv verschwindet. Bei der wissenschaftlichen Evidenz, die nicht im Regal bleibt. Bei der Betriebsratsdebatte, die nicht als Hindernis gilt, sondern als Seriositätstest.

Die Runde auf der Zukunft Personal Süd zeigte deshalb keine kalte Zukunft der Personalarbeit. Sie zeigte eine erwachsenere. Wer mit Daten arbeitet, muss genauer fragen, transparenter erklären, sauberer begründen und besser kommunizieren. Das ist unbequem. Aber gerade darin liegt der Fortschritt. Personalmanagement wird nicht menschlicher, indem es auf Zahlen verzichtet. Es wird menschlicher, wenn es die richtigen Zahlen nutzt, um bessere Bedingungen zu schaffen.

Der Betrieb lernt dann nicht nur zählen. Er lernt, warum etwas geschieht. Und erst damit beginnt Führung.

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Der Arbeitsmarkt ist kein Abgrund, sondern ein Umbauplatz: Warum Tobias Zimmermanns „Zeit der Chancen“ auf der #ZPSüd die Personalabteilungen aus der Defensive holt

Deutschland spricht über den Arbeitsmarkt noch immer, als ließe er sich mit einem einzigen Zeiger erfassen. Zeigt er nach oben, wird Aufbruch ausgerufen. Zeigt er nach unten, beginnt der Abstiegschor. Diese Bequemlichkeit führt in die Irre. Der Arbeitsmarkt 2026 gleicht eher einem Armaturenbrett: Die Arbeitslosigkeit liegt über drei Millionen, die Erwerbstätigkeit sinkt leicht, die Industrie baut Stellen ab, Gesundheits- und Sozialberufe suchen weiter, offene Stellen bleiben in großer Zahl vorhanden, Bewerbungen nehmen zu, Künstliche Intelligenz verändert die Stellensuche, und der demografische Druck tritt aus der Fußnote in die Hauptspalte.

In diesen Befund gehört die Keynote von Dr. Tobias Zimmermann auf der Zukunft Personal Süd am 22. April 2026 in Stuttgart. Sein Thema: „Zeit der Chancen für Personalmanagement: Trends, Wahrheiten und Mythen zum Arbeitsmarkt 2026“. Der Titel klingt optimistisch, aber nicht beschwichtigend. Zimmermanns Buch „Zeit der Chancen“, erschienen im Campus Verlag, setzt nicht auf Trost, sondern auf Neuordnung. Schwache Konjunktur, Stellenabbau und Krisenstimmung bilden nur eine Seite. Auf der anderen stehen Arbeitskräfteknappheit, demografische Verschiebung, neue Aufstiegspfade, ein veränderter Suchmarkt und die wachsende Bedeutung der Personalarbeit als wirtschaftlicher Steuerungsfunktion.

Das Barometer zeigt keine Entwarnung, aber Richtung

Ein Zukunft-Personal-Arbeitsmarktbarometer für April 2026 muss die widersprüchlichen Signale lesbar machen, ohne sie zu glätten. Die Bundesagentur für Arbeit meldete im März 2026 3,021 Millionen Arbeitslose und eine Quote von 6,4 Prozent. Andrea Nahles sprach von einer Frühjahrsbelebung „ohne nennenswerten Schwung“. Bei der BA waren 638.000 Stellen gemeldet, der Stellenindex BA-X stand bei 103 Punkten. Der Arbeitsmarkt ist also nicht eingebrochen, aber er läuft schwerer an als in früheren Erholungsphasen.

Auch die Erwerbstätigkeit verliert leicht an Breite. Das Statistische Bundesamt zählte im Februar 2026 rund 45,5 Millionen Erwerbstätige mit Wohnort in Deutschland; gegenüber dem Vorjahresmonat war das ein Rückgang um 0,2 Prozent oder 111.000 Personen. Die Erwerbslosenquote nach dem ILO-Konzept lag bei 4,2 Prozent. Beschäftigung bleibt hoch, doch der leichte Abwärtstrend zeigt: Wachstum am Arbeitsmarkt entsteht nicht mehr von selbst.

Das IAB-Arbeitsmarktbarometer lag im März 2026 bei 99,4 Punkten und damit unter der neutralen Marke von 100. Die Arbeitslosigkeitskomponente stand bei 98,5 Punkten, die Beschäftigungskomponente bei 100,2 Punkten. Der Befund ist nicht dramatisch, aber klar: Die Arbeitslosigkeit dürfte weiter steigen, die Beschäftigung eher stagnieren.

Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Arbeitskräften erheblich. Die IAB-Stellenerhebung weist für das vierte Quartal 2025 bundesweit 1,26 Millionen offene Stellen aus, rund 224.100 mehr als im Vorquartal, aber 146.100 weniger als ein Jahr zuvor. Rund 80 Prozent dieser Stellen waren sofort zu besetzen. Das ist weder Rückkehr zum Personalrausch von 2022 noch Arbeitsmarktstillstand. Es ist ein selektiver Markt: weniger Euphorie, mehr Prüfung, größere Unterschiede zwischen Branchen, Regionen und Qualifikationen.

Der demografische Druck verschärft diese Lage. Das IAB erwartet für 2026 erstmals ein sinkendes Erwerbspersonenpotential: minus 40.000 auf 48,62 Millionen Personen. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte im Jahresdurchschnitt um 90.000 auf 45,89 Millionen sinken, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung leicht um 30.000 auf 34,93 Millionen zurückgehen. Zugleich rechnet das IAB mit 180.000 zusätzlichen Beschäftigten bei öffentlichen Dienstleistern, Erziehung und Gesundheit, während die Industrie um 140.000 Beschäftigte schrumpfen soll.

Zusammen ergibt sich ein nüchternes Bild. Die Konjunktur bremst. Die Demografie verengt. Die Nachfrage bleibt spürbar, aber anspruchsvoller. Bewerbungen nehmen zu, Passung wird schwieriger. Genau in diesem Zwischenfeld liegt Zimmermanns These: 2026 ist kein Jahr für arbeitsmarktpolitische Schlafwandler. Es ist ein Jahr, in dem die Personalfunktion ihre strategische Rolle neu begründen kann.

Die Krise erklärt zu wenig

Zimmermanns stärkster Punkt liegt in der Zurückweisung der einfachen Krisenerzählung. In seinem Buch beschreibt er das Paradox der Jahre 2024 und 2025: schwache Wirtschaft, düstere Schlagzeilen, industrieller Stellenabbau – und zugleich erheblicher Personalbedarf. Ende 2024 waren nach seiner Darstellung rund 1,4 Millionen Stellen offen, etwa so viele wie Ende 2018, einem Jahr, das keineswegs als arbeitsmarktpolitischer Notstand erinnert wird. Das Rekordjahr 2022 mit mehr als zwei Millionen offenen Stellen hat die Wahrnehmung verzerrt. Gegen diesen Ausnahmezustand sieht jede Normalisierung wie Abstieg aus.

Für Personalabteilungen ist diese Einordnung entscheidend. Wer den Arbeitsmarkt nur an den Hochständen von 2022 misst, spart sich in die falsche Richtung. Wer die Krise ignoriert, verliert Bodenhaftung. Die Kunst liegt im zweiten Blick. Die Industrie verliert Beschäftigung, während Erziehung, Gesundheit und öffentliche Dienstleistungen weiter wachsen. Akademische Bürojobs geraten stärker unter Druck, doch komplexe Tätigkeiten bleiben langfristig gefragt. Stellenabbau in einem Feld erzeugt nicht automatisch Entspannung in einem anderen. Aus Arbeitslosen werden nicht über Nacht Pflegekräfte, IT-Fachleute, Ausbilderinnen oder Schichtplaner.

Der eigentliche Engpass heißt Passung

Der wichtigste Arbeitsmarktbegriff für 2026 lautet nicht Mangel, sondern Passung: die Übereinstimmung von Fähigkeit, Aufgabe, Ort, Arbeitszeit, Lernweg, Vergütung und Erwartung. Gerade hier verändert Künstliche Intelligenz die Spielregeln. Bewerbungen lassen sich schneller schreiben, Stellen schneller vergleichen, Profile leichter zuschneiden. Kandidatinnen und Kandidaten bewegen sich mit digitalen Assistenten durch den Markt. Die Stellensuche wird dialogischer: nicht mehr nur Suchfeld, Trefferliste, Bewerbung, sondern Gespräch mit einer Maschine, die Angebote erklärt, sortiert, empfiehlt und aussiebt.

Indeed-Daten zeigen den Druck auf dieser Ebene. Ende Januar 2026 lagen die Stellenausschreibungen in Deutschland 3 Prozent unter dem Niveau der ersten Dezemberhälfte. Gleichzeitig stiegen die täglichen Jobsuchen im Januar auf 38 Prozent über den Dezember-Referenzwert, die täglichen Bewerbungen um 25 Prozent, die durchschnittliche Zahl der Bewerbungen pro Anzeige um 28 Prozent. Mehr Bewerbungen bedeuten aber nicht automatisch bessere Auswahl. Der Posteingang wird voller, während das eigentliche Signal schwerer zu erkennen ist.

Für Recruiting folgt daraus eine nüchterne Konsequenz. Die Stellenanzeige darf nicht länger wie ein Schaukasten behandelt werden. Sie muss als übersetzbarer Datensatz funktionieren: präzise Tätigkeit, klare Anforderungen, nachvollziehbare Entwicklung, ehrliche Arbeitsbedingungen, erkennbare Lernmöglichkeiten. Wer den Job nicht sauber beschreiben kann, wird im KI-vermittelten Suchprozess schlechter verstanden. Das ist kein technisches Detail, sondern ein Machtwechsel im Recruiting. Die Kandidatenseite gewinnt Werkzeuge, die Unternehmen bisher für sich reklamierten: Vergleich, Vorprüfung, Formulierungshilfe, Marktüberblick.

Die Hiring Rate zeigt, wo der Arbeitsmarkt atmet

Der LinkedIn-Hiring-Rate-Indikator ergänzt dieses Bild, weil er nicht bloß Einstellungsabsichten erfasst. Das Statistische Bundesamt entwickelte ihn gemeinsam mit LinkedIn als Schnellindikator für den Arbeitsmarkt. Grundlage ist der Anteil aktiver LinkedIn-Mitglieder, die innerhalb eines Monats einen neuen Arbeitgeber in ihr Profil eintragen. Der Indikator misst also Übergänge in neue Beschäftigungsverhältnisse, nicht die absolute Beschäftigtenzahl. Gerade das macht ihn wertvoll: Er zeigt, wo Bewegung entsteht oder erlahmt.

Die Kurve zeigt nach dem pandemischen Absturz 2020 zunächst eine kräftige Erholung, anschließend eine Abschwächung ab 2022 und eine längere Phase unterhalb des langfristigen Trends in den Jahren 2024 und 2025. Zuletzt nähert sich die Linie wieder der Trendmarke. Für ein Arbeitsmarktbarometer genügt deshalb der Blick auf Bestände nicht. Entscheidend sind die Übergänge. Wo wird gewechselt? Wo frieren Karrieren ein? Wo entstehen neue Einstiegsfenster? Wo greifen Unternehmen wieder zu?

Zimmermanns These vom Jobwechsel als Karrierechance bekommt hier ihre empirische Unterfütterung. Bewegung ist nicht nur ein individuelles Ereignis. Sie ist ein gesamtwirtschaftliches Signal. Wenn Übergänge stocken, verlieren Beschäftigte Aufstiegspfade, Unternehmen verlieren Erneuerung, Branchen verlieren Durchlässigkeit. Wenn Übergänge wieder einsetzen, entstehen Chancen – aber nur für jene, die wissen, wonach sie suchen und wie sie sich beschreiben.

Arbeitszeitdebatten lösen kein Strukturproblem

Die politische Debatte hängt dieser Komplexität oft hinterher. Wer auf steigende Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, Krankheitstage und demografische Alterung mit der pauschalen Forderung nach mehr Arbeitsstunden reagiert, verwechselt Menge mit Wirkung. Guido Zander trifft mit seiner Formel „Smart statt hart?“ einen wunden Punkt. Er rückt Scheindebatten zurecht: elektronische Krankmeldung als Sündenbock, „Lifestyle-Teilzeit“ als pauschaler Verdacht, die Zusatzstunde pro Woche als vermeintliche Wachstumsmaschine.

Zanders Zahlen zur Arbeitszeit zeigen, wie grob viele politische Zuschreibungen sind. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit einer Vollzeitkraft sank zwischen 1991 und 2023 nur leicht von 41,4 auf 40,2 Stunden. Gleichzeitig stiegen die Erwerbstätigenquote von Frauen und die Teilzeitquote deutlich. Hinter Teilzeit stehen Care-Arbeit, Alter, belastende Berufe, Studium, Ehrenamt, Erholung nach langen Erwerbsphasen. Wer daraus eine Faulheitsdiagnose macht, spart sich die Analyse. Wer Arbeitskräfteknappheit ernst nimmt, muss Arbeitszeit intelligenter organisieren: bessere Schichtmodelle, bessere Kinderbetreuung, mehr planbare Flexibilität, weniger Leerlauf, mehr Qualifizierung.

Das gilt auch für Krankenstände. Die schnelle Schuldzuweisung an elektronische oder telefonische Krankmeldungen entlastet politisch, erklärt aber wenig. Entscheidend sind genauere Vergleiche und bessere Ursachenanalysen. Arbeitsmarktpolitik wird erst dann erwachsen, wenn sie aufhört, an Symbolen herumzuschrauben, während die eigentlichen Hebel in Arbeitsgestaltung, Führung, Prävention, Qualifizierung und Einsatzplanung liegen.

Personalmanagement wird zur Produktivitätsfunktion

Zimmermanns These von der „Zeit der Chancen“ bekommt hier ihren eigentlichen Ernst. Chancen entstehen nicht automatisch. Sie entstehen, wenn Unternehmen ihre Personalpolitik vom Rand ins Zentrum rücken. Früher konnte die Personalabteilung als Unterstützungsfunktion auftreten: einstellen, verwalten, entwickeln, begleiten. 2026 reicht das nicht mehr. Personalmanagement muss Geschäftsmodelle arbeitsfähig machen.

Das betrifft Recruiting, aber nicht nur Recruiting. Interne Mobilität wird wichtiger, weil externe Märkte unzuverlässiger werden. Weiterbildung wird wichtiger, weil Tätigkeiten sich schneller verändern. Arbeitszeitgestaltung wird wichtiger, weil rohe Stunden wenig aussagen. Gesundheitsmanagement wird wichtiger, weil Ausfälle nicht mehr als Randkosten erscheinen. Führung wird wichtiger, weil Unsicherheit nicht durch Ansagen verschwindet. Daten werden wichtiger, weil Bauchgefühl zu teuer wird.

Die neue Lage lässt sich in einem Satz zuspitzen: Personalmanagement entscheidet nicht mehr nur darüber, wer kommt, sondern darüber, ob ein Unternehmen vorhandene und künftige Fähigkeiten in Wertschöpfung übersetzen kann.

Lernen wird zum zweiten Arbeitsmarkt

Die Session „Think Tank Learning & Development: Corporate Learning 2030: Von Zukunftsszenario zu konkretem Handeln“ am 21. April in der Pitch & Innovation Area gehört direkt zu Zimmermanns Keynote. Wenn Arbeitskräfte knapper werden und Tätigkeiten schneller wandern, muss Lernen näher an die Arbeit rücken. Betriebliche Weiterbildung darf nicht länger als Seminarverwaltung auftreten. Sie wird zum zweiten Arbeitsmarkt innerhalb des Unternehmens: Dort werden Fähigkeiten neu verteilt, Laufbahnen geöffnet, Engpässe entschärft.

Hier schließt Markus Herkersdorf an eine Linie an, die Wolfgang Wahlster seit Jahren beschreibt: KI wird dann produktiv, wenn sie nicht nur automatisiert, sondern den Menschen in seiner Handlungsfähigkeit stärkt. Wahlster spricht im Kontext empathischer KI von Systemen, die Menschen nicht ersetzen, sondern Interaktion verständlicher, individueller und hilfreicher machen sollen. Sein Begriff der „Losgröße 1“ im Lernen meint individuelle Förderung, die sich am konkreten Lernstand und an den Fehlkonzepten eines einzelnen Menschen orientiert.

Herkersdorf treibt diesen Gedanken in Richtung Agentensysteme weiter. Damit sind nicht einzelne Chatbots gemeint, sondern Verbünde vieler KI-Agenten, die im Hintergrund Aufgaben vorbereiten, Informationen beschaffen, Prozesse vergleichen, Alternativen prüfen und Entscheidungen vorbereiten. Sein Satz aus dem Gespräch bringt die Verschiebung auf den Punkt: Künftig werde der einzelne Mensch „regelhaft mit einem KI-Partner“ zusammenarbeiten; dieser Partner sei „kein einzelner KI-Agent im Sinne eines Bots“, sondern „ein ganzes System von Dutzenden oder Hunderten von KI-Agenten im Hintergrund“. Das ist keine Komfortfunktion für Wissensarbeiter. Das ist eine neue Arbeitsarchitektur.

Bemerkenswert ist an Herkersdorfs Beschreibung die veränderte Rolle des Menschen. KI beantwortet nicht mehr nur eine klar formulierte Frage. Sie denkt Kontexte mit, legt Alternativen vor, recherchiert, sortiert, programmiert, kommuniziert mit Informationsquellen und kommt mit Vorschlägen zurück, die über den ursprünglichen Auftrag hinausreichen. Herkersdorf beschreibt eine Zusammenarbeit, in der KI größer und weiter denkt, andere Kontexte herstellt und echte synergetische Kooperation ermöglicht. Der Mensch verschwindet darin nicht. Er rückt an eine andere Stelle: weniger bloßer Ausführer, stärker Entscheider, Kurator, Korrektiv, Zielgeber.

Das liegt nah bei Wahlster, nur mit anderer technischer Schärfe. Wahlster beschreibt für empathische Systeme drei Schritte: Emotionen erkennen, Verhalten anpassen und Reaktionen angemessen ausdrücken. Für Lernen und Karriereberatung heißt das: Ein System soll nicht nur Inhalte ausspielen, sondern verstehen, wo jemand steht, welche Hemmnisse wirken und welche Unterstützung im Moment wirklich passt. Herkersdorf erweitert diese Perspektive auf die Organisation. Nicht nur der Lernende bekommt einen Tutor. Teams und Unternehmen bekommen agentische Assistenzsysteme, die Arbeits- und Lernprozesse begleiten.

Gerade deshalb wird Corporate Learning 2030 zur Schlüsselfrage. Wer den Arbeitsmarkt 2026 ernst nimmt, kann nicht mehr darauf hoffen, fertige Kompetenzen am Markt einfach einzukaufen. Viele Fähigkeiten müssen im Betrieb entstehen. Und sie entstehen nicht durch einmalige Schulungen, sondern durch dauerhafte, arbeitsnahe, individuell angepasste Lernbegleitung. Herkersdorf beschreibt bereits den Stand heute: Ein Agent recherchiert eine Woche lang weltweit neue Veröffentlichungen, Forschungspapiere und Technikpublikationen, verdichtet sie zu Newsletter und Podcast und leitet daraus Handlungsempfehlungen für einzelne Abteilungen ab. Ein anderer Agent kennt den gesamten Wissensraum eines technischen Produkts, führt Trainings durch, schätzt Lernende ein, plant adaptive Lernwege, macht vor, überwacht und fasst Ergebnisse zusammen.

An dieser Stelle wird die ZP-Süd-Session über Lernagenten, personalisierte Lernumgebungen, immersive Lernräume und Self Leadership arbeitsmarktpolitisch. Selbstführung ist dann nicht mehr die freundliche Aufforderung, sich besser zu organisieren. Sie wird zur Fähigkeit, in einem permanent veränderlichen System mit KI-Partnern handlungsfähig zu bleiben. Herkersdorf formuliert es grundsätzlich: Weil dieser Wandel „nie wieder aufhört“, müsse der Mensch lernen, in einem dauerhaft beweglichen System „selbstbestimmt und mit Zielen und Wertevorstellungen proaktiv handeln“ zu können.

Darin liegt auch die politische Brisanz. Herkersdorf warnt vor europäischer Abhängigkeit von großen Grundmodellen aus den USA und China. Wer die wichtigsten KI-Infrastrukturen nicht kontrolliert, schafft ein Erpressungspotential für Wirtschaft, Staat und Bildung. Wahlster argumentiert ähnlich, wenn er auf vertrauenswürdige KI, Standards, Transparenz und begründete Verweigerung verweist: Systeme müssen helfen können, aber auch erklären, warum sie bestimmte Dinge nicht tun.

Für Personalentwicklung folgt daraus ein neuer Auftrag. Es reicht nicht, Beschäftigten den Umgang mit einzelnen Werkzeugen beizubringen. Organisationen müssen lernen, Mensch-KI-Tandems zu führen. Wie arbeitet eine einzelne Leistungsträgerin mit einem mächtigen Agentensystem? Wie führt eine Führungskraft ein Team, in dem menschliche Kolleginnen und digitale Agenten gemeinsam Wertschöpfung erzeugen? Wie verhindert man, dass KI nur privat und heimlich genutzt wird, während offizielle Unternehmensprogramme im Pilotstadium steckenbleiben? Herkersdorf verweist auf Studien, nach denen viele Mitarbeitende KI bereits einsetzen, während Unternehmen mit eigenen Systemen oft nicht über erste Versuche hinauskommen. Die Lücke liegt also nicht bei der Neugier der Menschen, sondern bei der strategischen Übersetzung in Organisation.

Damit wird Lernen zum Ort, an dem über Wettbewerbsfähigkeit entschieden wird. Nicht der größte Apparat gewinnt, sondern die Organisation, die schneller versteht, wie Menschen mit agentischer KI produktiv, urteilsfähig und verantwortlich arbeiten. Herkersdorfs Bild vom Schnellboot, das plötzlich über Reichweite und Ausstattung des Tankers verfügt, passt genau hier. Kleine Teams können mit KI Leistungen erzeugen, für die früher große Redaktionen, große Abteilungen oder große Stäbe nötig waren. Für den Arbeitsmarkt heißt das: Qualifikation wird beweglicher, Wertschöpfung kleinteiliger, Lernfähigkeit entscheidender.

Die Think-Tank-Session auf der ZP Süd ist deshalb kein Zusatzkapitel zur Weiterbildung. Sie berührt den Kern von Zimmermanns „Zeit der Chancen“. Chancen entstehen dort, wo Menschen Zugang zu besseren Lernumgebungen, besseren Werkzeugen und besseren Übergängen bekommen. Wahlsters „Losgröße 1“ im Lernen und Herkersdorfs Agentensysteme laufen auf denselben Punkt zu: Die Personalentwicklung der Zukunft muss individueller, technischer und zugleich menschlicher werden. Sie muss die Maschine nicht fürchten. Sie muss lernen, sie so einzusetzen, dass Menschen mehr können, schneller lernen und genauer entscheiden.

Das Barometer zeigt die Aufgabe

Das Zukunft-Personal-Arbeitsmarktbarometer verdichtet sich zu einer klaren Lesart. Die Konjunktur bremst. Die Demografie verengt. Die Stellenmärkte bleiben selektiv. Bewerbungen werden zahlreicher, aber nicht zwingend besser. KI verschiebt Such- und Lernprozesse. Arbeitszeitpolitik bleibt wirkungsschwach, solange sie in moralischen Verdächtigungen steckenbleibt. Der entscheidende Hebel liegt im besseren Einsatz vorhandener und künftiger Fähigkeiten.

Für Personalmanagement ist das keine Nebenrolle, sondern eine Aufwertung mit Verpflichtung. Wer Personalarbeit 2026 ernst nimmt, arbeitet nicht nur an der nächsten Besetzung, sondern an der Erneuerungsfähigkeit des Unternehmens. Zimmermanns „Zeit der Chancen“ ist deshalb keine Wohlfühlformel. Sie ist eine Zumutung an die Profession: den Arbeitsmarkt genauer lesen, Mythen abräumen, Daten sauber einordnen, Lernfähigkeit organisieren, Arbeitszeit klüger gestalten, Stellen besser beschreiben, Übergänge erleichtern.

Die Zukunft Personal Süd am 21. und 22. April in Stuttgart wird an dieser Stelle interessant. Zimmermann liefert die arbeitsmarktpolitische Grundthese. Die Learning-&-Development-Session zeigt, wie aus dem Befund betriebliche Praxis werden kann. Zusammen entsteht ein Bild, das nüchterner und hilfreicher ist als die üblichen Krisenparolen: Der Arbeitsmarkt stürzt nicht einfach ab. Er sortiert Arbeit, Fähigkeiten und Chancen neu. Wer diese Sortierung versteht, gewinnt Handlungsspielraum. Wer ihr mit alten Durchschnittsbildern begegnet, verliert ihn.

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Die Bibermühle und das Gesetz der Verführung: Über den Antiquar Heribert Tenschert

Der Satz, der eine Tür öffnet

„Life consists in allowing oneself to be drawn in.“ Der Satz steht da wie ein geheimer Mechanismus: Wer ihn liest, hört schon das leise Klicken eines Schlosses. Man könnte ihn für eine Maxime Heimito von Doderers halten, für eine jener eleganten Fallen, in denen seine Romane ihre Leser gefangennehmen. Man könnte ihn aber ebenso gut über das Leben Heribert Tenscherts schreiben, dieses Antiquars, Sammlers, Büchermenschen, Gelehrtenhändlers, der den internationalen Markt der seltenen Bücher nicht wie ein Makler betritt, sondern wie ein Mann, der in jedem Band eine verschlossene Kammer vermutet.

Der Satz führt zunächst nach Wien, ins Hotel Sacher, zum 12. April 1957. Theodor W. Adorno trifft Heimito von Doderer, man spricht über Walter Benjamin. Kaum ist Adorno nach Frankfurt zurückgekehrt, sendet er Doderer die zweibändige Ausgabe von Benjamins Schriften, von ihm mitherausgegeben, erschienen bei Suhrkamp. Die Widmung ist keine Höflichkeit, sondern eine Verbeugung: „Für Heimito von Doderer | als ein Zeichen | meiner herzlichsten Bewunderung | Theodor W. Adorno | Frankfurt, 23. April 1957.“ Dieses Exemplar, später dicht unterstrichen und kommentiert, liegt heute in Tenscherts Sammlung. Aus einem Buch ist ein elektrischer Knoten geworden: Benjamin, Adorno, Doderer, Frankfurt, Wien, Nachkrieg, Suhrkamp, eine nicht geschriebene Literaturgeschichte.

Roland Reuss hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die reizvolle Frage gestellt, warum Adorno nie über Doderer schrieb. Gerade diese Frage paßt zu Tenschert. Denn sein Reich beginnt dort, wo die offizielle Geistesgeschichte eine Tür übersehen hat. Adorno besaß Doderer, Doderer las Benjamin, Benjamin wurde durch Adorno überreicht, und irgendwo zwischen Widmung, Unterstreichung und Schweigen tritt jener Satz hervor: Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Das ist nicht bloß eine literarische Einsicht. Es ist das Grundgesetz des Antiquariats.

Der Mann, der die schönsten Exemplare jagt

Heribert Tenschert hat dieses Gesetz früh verstanden. Im Gespräch mit Gad Saad erzählt er nicht die Karrieregeschichte eines Händlers, sondern die Verwandlung eines Lesers. Als Kind las er, was ihm in die Hände fiel, von Trivialliteratur bis Homer; Walter Benjamin liebte er früh, vielleicht, wie er selbst sagt, ohne alles zu verstehen, aber mit einem unbestechlichen Gespür für Prosa. Aus dem Lesen wurde die Suche nach frühen Ausgaben, aus der Suche ein Gefühl für alte Bücher, aus diesem Gefühl ein Begriff, der bei Tenschert fast religiös klingt: Schönheit. Bibliophilie ist für ihn nicht die vornehme Form des Besitzens. Sie ist eine Schule der Wahrnehmung.

1977 gründete er sein Antiquariat, nachdem er die akademische Laufbahn verlassen hatte; später zog das Geschäft in die Bibermühle am Rhein, jene fast märchenhaft benannte Adresse in der Schweiz, die unter Sammlern längst wie ein eigener Erdteil klingt. Tenschert gilt seit Jahrzehnten als einer der führenden Händler für illuminierte mittelalterliche Handschriften und seltene Bücher. Die Selbstbeschreibung seines Hauses ist dabei erstaunlich präzise: Nicht bloß wichtige Ausgaben sollen versammelt werden, sondern die schönsten, begehrenswertesten, vollkommensten Exemplare. Nicht der Text allein entscheidet, sondern seine Erscheinung auf Erden.

Im Interview mit Saad sagt Tenschert einen Satz, den jeder Bibliophile über seinen Schreibtisch hängen könnte: Er suche die „finest copies on earth“. Das ist kein Luxusgeschwätz. Es ist eine ästhetische Ethik. Denn zwischen einer Kafka-Erstausgabe ohne Schutzumschlag und einem Exemplar mit seltenem, makellos erhaltenem Umschlag kann, wie Tenschert demonstriert, ein Abgrund von Zehntausenden Dollar liegen. Der Text ist derselbe. Das Buch ist ein anderes. Wer das nicht versteht, versteht den ganzen Markt nicht. Im Antiquariat ist Identität keine abstrakte Kategorie. Sie hängt am Umschlag, am Papier, am Rand, an der Bindung, am Geruch der Zeit.

Keine Handschuhe im Paradies

Eine der schönsten Szenen im Gespräch mit Saad ist die kleine Komödie der Handschuhe. Saad, ehrfürchtig vor den gezeigten Kostbarkeiten, fragt, ob man solche Bücher nicht mit Handschuhen anfassen müsse. Tenschert widerspricht sofort. Handschuhe seien geradezu verrückt, weil sie das Tastgefühl zerstörten. Das ist ein wunderbarer Moment, denn darin steckt seine ganze Philosophie. Das kostbare Buch ist für ihn kein klinisch isolierter Patient, sondern ein lebendiger Körper. Man muß es mit wachen Händen berühren, nicht mit musealer Angst.

Das erklärt auch seine Polemik gegen die Vorstellung, wertvolle Bücher seien am besten im Dunkel klimatisierter Magazine aufgehoben. Im Gespräch über die Stuttgarter Antiquariatsmesse spricht Tenschert mit der Sorglosigkeit eines Mannes, der seine Sorgfalt nicht beweisen muß. Er habe zwischen 200.000 und 300.000 Bücher besessen, davon vielleicht 25.000 wirklich bedeutende; keines sei in seinem Besitz schlechter geworden. Ihm mißfällt die institutionelle Logik des Wegschließens. Der private Sammler, sagt er, liebe seine Objekte, kümmere sich um sie und sei keineswegs abgeneigt, sie zu zeigen.

Man hört darin nicht den Trotz des Händlers gegen Bibliotheken, sondern die Erfahrung eines Mannes, der Bücher nicht als Aktenstücke der Kulturverwaltung betrachtet. Die großen Institutionen retten viel, aber sie ersticken manchmal auch. Der Sammler hingegen begeht seine Irrtümer aus Liebe. Das ist gefährlicher, aber auch produktiver. In der Bibermühle herrscht nicht das Archiv als Bunker, sondern die Sammlung als bewohnte Landschaft.

Der Heilsspiegel und der Drucker im eigenen Buch

Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse zeigte Tenschert ein Stück, das wie eigens geschaffen scheint, seine Theorie des vollkommenen Exemplars zu illustrieren: das Speculum humanae salvationis, gedruckt 1472 oder 1473 von Günther Zainer, dem ersten Augsburger Drucker. Knapp eine halbe Million Euro soll dieses Exemplar kosten. Man muß diese Zahl nicht skandalisieren. Man muß sie lesen lernen. Das Buch umfaßt 269 Blätter und 192 zeitgenössisch kolorierte Holzschnitte; es handelt sich nach Tenscherts Beschreibung um Zainers eigenes Exemplar, mit dessen Wappen auf der ersten Seite, später der Kartause Buxheim gewidmet.

Das ist der Punkt, an dem die Sache abenteuerlich wird. Eine Inkunabel ist ohnehin ein Überlebender aus der Frühzeit des Buchdrucks. Aber dieses Exemplar ist nicht irgendein Überlebender. Es trägt die Spur des Mannes, der es in die Welt setzte. Der Drucker steht gleichsam im eigenen Buch. Wenn Tenschert sagt, das Kolorit besitze eine „einzigartig lässige Vollendung“, dann ist das keine Floskel, sondern eine Diagnose. Hier zeigt sich jene Verbindung von technischer Geburt, künstlerischer Hand und Provenienz, die ein Buch aus dem bloßen Bestand heraushebt. Es ist, als habe die Frühzeit des Drucks eine Visitenkarte hinterlassen.

Die literarische Tradition des Heilsspiegels reicht ins frühe 14. Jahrhundert zurück; das Werk gehört zur spätmittelalterlichen Heilsgeschichte, zur typologischen Deutung von Altem und Neuem Testament. Aber bei Tenschert wird daraus nicht bloß ein frommes Druckdenkmal. Es wird ein Tatort der europäischen Mediengeschichte. Der Mönch, der Leser, der Holzschneider, der Kolorist, der Drucker, der Sammler, der Händler, der künftige Besitzer: Alle stehen auf einmal im selben Raum. Ein Preis von 480.000 Euro ist dann nicht mehr bloß Markt. Er ist die Summe der Unwahrscheinlichkeiten, die nötig waren, damit dieses Buch noch existiert.

Der Händler als Romanfigur

Tenschert wäre eine Figur, die man erfinden müßte, wenn es ihn nicht gäbe. Er besitzt die Gelassenheit des Mannes, der fast alles gesehen hat, und zugleich die Unruhe des Knaben, der noch immer vor einem Regal stehenbleibt, weil dort etwas atmet. Er erzählt Saad, daß er nahezu alle bedeutenden Bücher in den Sprachen, die er beherrscht, einmal besessen habe, mit Ausnahme der Gutenberg-Bibel. Das klingt größenwahnsinnig, bis man merkt, daß es bei ihm nicht wie Prahlerei klingt, sondern wie eine Inventur.

Zu seinen großen Momenten gehört der Erwerb des Manuskripts von Kafkas Proceß im Jahr 1988. Damals war er erst elf Jahre im Geschäft, aber schon im Besitz von Hunderten mittelalterlicher Handschriften. Diese Zahlen wirken bei Tenschert nie wie Reichtumsziffern, sondern wie Koordinaten einer Expedition. Man muß sich diesen Antiquar weniger als Mann hinter einem Verkaufstisch vorstellen denn als Kartograph eines unterirdischen Kontinents. Die Bücher tauchen nicht einfach auf; sie werden durch Netzwerke, Vertrauen, Geschmack und Beharrlichkeit herangezogen.

Besonders aufschlußreich ist sein Verhältnis zu Kunden. Saad fragt, ob Tenschert je einem Käufer ein Buch verweigere, weil er ihn für unwürdig halte. Tenschert antwortet ohne Pathos: natürlich, oft. Wer nur Status suche, wer die nötige Liebe und Intelligenz vermissen lasse, bekomme bestimmte Bücher nicht. Das ist im Kapitalismus ein fast skandalöser Satz. Er behauptet, daß Besitz nicht genügt. Ein Buch kann einen Eigentümer haben und dennoch am falschen Ort sein.

Schönheit als Erkenntnismittel

Tenscherts Grundwort bleibt Schönheit. Nicht Schönheit als Dekor, nicht Schönheit als hübsches Beiwerk, sondern Schönheit als Erkenntnismittel. Darin liegt sein Unterschied zu vielen Händlern, die Seltenheit zählen, Provenienzen taxieren, Preise vergleichen. Natürlich tut Tenschert auch das. Aber sein Auge geht zuerst auf die Erscheinung. Er spricht von Papier, Pergament, Kolorit, Zustand, Bindung, Schutzumschlag, Goldauflage, Leuchtkraft. Der Zustand eines Buches ist bei ihm keine konservatorische Nebensache, sondern sein moralischer Ausdruck. Ein schlecht erhaltenes wichtiges Buch ist für ihn nicht automatisch begehrenswert. Ein schönes Exemplar hingegen kann eine Evidenz besitzen, die jeder Katalogsatz nur nachträglich erklären kann.

Das verbindet ihn mit den großen Sammlern der alten Schule. Sie wußten, daß Bibliophilie nicht in erster Linie Besitzanhäufung ist, sondern Verfeinerung der Aufmerksamkeit. Ein unerfahrener Käufer fragt nach dem Titel. Ein Sammler fragt nach dem Exemplar. Der Titel ist die Tür. Das Exemplar ist das Haus.

Vielleicht erklärt dies auch, warum Tenschert den elektronischen Büchern mit erstaunlicher Gleichgültigkeit begegnet. Er muß sie nicht verdammen, weil sie seine Welt nicht berühren. Wer ein Stundenbuch des französischen Königs Louis XII. in der Hand hält, auf Pergament gedruckt und illuminiert, wer eine Bindung des 16. Jahrhunderts betrachtet, wer ein Exemplar der Fables La Fontaines als einzig illuminiertes kennt, der braucht gegen das Digitale nicht zu polemisieren. Der Bildschirm hat keine Patina. Er altert nicht richtig. Er kann nicht aus einem Kloster, einer königlichen Bibliothek, einer Auktion, einer Erbschaft, einer verschwiegenen Sammlung kommen. Er hat keinen Rücken, kein Vorsatzpapier, keine Narben.

Benjamin, Doderer und der Sog

Hier kehrt der Satz zurück: Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Adorno unterstreicht Doderer, Doderer unterstreicht Benjamin, Tenschert bewahrt das Exemplar, Reuss fragt nach dem Schweigen. Das ist keine hübsche Anekdote, sondern ein Modell der Überlieferung. Bücher tun selten das, was ihre Besitzer von ihnen erwarten. Sie wandern, ziehen neue Leser an, eröffnen geheime Beziehungen, stiften nachträgliche Gespräche zwischen Menschen, die einander kaum oder gar nicht verstanden haben.

Daß Adorno nie über Doderer schrieb, obwohl er ihn offenbar las und bewunderte, ist vielleicht gerade deshalb so reizvoll. Die Literaturgeschichte besteht nicht nur aus geschriebenen Aufsätzen, sondern auch aus unterlassenen. Aus Widmungen, die mehr sagen als Rezensionen. Aus Unterstreichungen, die wie lautlose Briefe an den Autor wirken. Aus Exemplaren, die Jahrzehnte später in einer Sammlung auftauchen und plötzlich eine Frage stellen, die niemand mehr erwartet hatte.

Tenscherts Sammlung ist der ideale Ort für solche Fragen. Denn sie behandelt Bücher nicht als erledigte Gegenstände. Sie bleiben dort gefährlich. Sie können noch immer Verbindungen herstellen, die in keiner Biographie stehen. Sie können Adorno und Doderer über Benjamin zusammenführen, Günther Zainer mit Buxheim, Kafka mit dem Weltmarkt, mittelalterliche Gebetspraxis mit moderner Ästhetik, einen kanadischen Evolutionspsychologen im Videogespräch mit einem deutschen Antiquar in der Schweiz.

Die Bibermühle als Gegenwart des Vergangenen

Wer Tenschert nur als Händler sieht, unterschätzt die Figur. Natürlich verkauft er Bücher. Aber seine eigentliche Leistung liegt darin, daß er dem alten Buch die Gegenwart zurückgibt. Bei ihm ist die Vergangenheit kein Museumssaal, sondern ein Strom, in den man geraten kann. Man schlägt ein Buch auf und steht plötzlich in Augsburg 1473, in Paris um 1500, in Wien 1957, in Prag bei Kafka, in der Werkstatt eines Buchbinders, in der Bibliothek eines Sammlers, der glaubte, nur ein schönes Objekt erworben zu haben und in Wahrheit ein Stück Weltordnung kaufte.

Darum ist seine Sorglosigkeit nicht Leichtsinn. Sie ist die Souveränität eines Liebenden. Wer ein Buch wirklich liebt, fürchtet es nicht zu Tode. Er zeigt es, berührt es, liest es, beschreibt es, läßt andere in seine Nähe. Die Bibermühle ist kein Mausoleum. Sie ist eher ein Hafen für Schiffe, die aus sehr alten Jahrhunderten kommen und noch immer Ladung an Bord haben.

Tenschert hat im Interview mit Saad jungen Sammlern im Grunde nur einen Rat gegeben: Man solle mit dem anfangen, was einen interessiert. Man könne ein wunderbares Buch für hundert Dollar kaufen oder eines für drei Millionen. Entscheidend sei die Liebe zu Büchern. Das klingt schlicht, aber es ist die ganze Wahrheit. Der Sammler beginnt nicht mit Kapital. Er beginnt mit Anziehung. Er läßt sich hineinziehen.

Am Ende steht also kein Besitz, sondern ein Sog. Der Doderer-Satz ist deshalb mehr als ein hübscher Aufhänger. Er ist Tenscherts heimliche Autobiographie. Ein Junge liest, was ihm in die Hände fällt. Ein Student sammelt frühe Ausgaben. Ein Antiquar jagt die schönsten Exemplare der Erde. Ein Händler weigert sich, an den Falschen zu verkaufen. Ein Sammler hält an der Schönheit fest, als sei sie eine Form von Wahrheit. Und irgendwo in der Bibermühle liegt ein Benjamin, den Adorno Doderer schenkte, voller Unterstreichungen, als hätte ein Buch beschlossen, seine Leser auch nach ihrem Tod nicht freizugeben.

Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Das Antiquariat auch.

Als Siegen Welt wurde: Bonn, Böttger und ein Buch gegen die glatte Lebensbilanz

In der Bonner Buchhandlung Böttger saß kein Autor, der sich im Alter ein Denkmal setzen wollte. Hans Ulrich Gumbrecht sprach über „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ vielmehr wie einer, der sich noch einmal selbst auf die Probe stellt. Bonn, sagte er, sei ihm in den vergangenen Jahren beinahe zu einer zweiten Heimat geworden; Böttger nannte er seinen Lieblingsort in der Stadt. Das passte. Denn diese Lesung war weder akademische Pflichtübung noch Seniorenerzählung, sondern die Wiederkehr eines Intellektuellen in einen Raum, der noch an Literatur als Ereignis glaubt. Böttger hatte das Buch ein „gar wunderliches“ Unternehmen genannt; treffender lässt sich diese Autobiographie kaum ankündigen. Sie reist durch Würzburg, Paris, Bochum, Siegen, Berkeley, Rio und Jerusalem, aber sie sammelt keine Stationen. Sie tastet die Bedingungen ab, unter denen ein Leben im Denken überhaupt Form gewinnt. Und gleich zu Beginn legte Gumbrecht jenes private Gravitationszentrum frei, das man in einem solchen Buch zunächst nicht vermuten würde: einen wiederkehrenden Albtraum, der ihn bis zur Emeritierung verfolgte. Darin musste der gefeierte Stanford-Professor noch einmal sein Mathematikabitur ablegen, das er als Schüler überraschend mit der Note eins bestanden hatte; im Traum aber misslang die Wiederholung, die Note lautete ungenügend, und mit einem Mal waren Doktortitel, Habilitation und Professur aberkannt. Erst mit der Emeritierung verschwand dieser Traum. Man hörte darin die tiefe, nie ganz stillgestellte Angst eines Mannes, der seine Laufbahn nicht auf souveräne Begabung, sondern auf lebenslange Überkompensation gegründet sah.

Halbdistanz heißt nicht Halbheit

Der Untertitel dieses Buches ist keine kokette Formel. „Halbdistanz“ meint bei Gumbrecht keinen geschützten Beobachterposten, keinen Komfortbegriff für kultivierte Weltläufigkeit. Gemeint ist eine Existenzweise, in der Zugehörigkeit immer gesucht und nie ganz eingelöst wird: der Franke, der nicht wirklich bayerisch wird; der Deutsche in Amerika, dessen Enkel hören, dass sein Englisch noch immer ein wenig seltsam klingt; der Europäer in Brasilien, der dort nicht als Besucher, sondern als Mitbewohner der Sprache auftritt; der Professor in Jerusalem, der begreifen muss, dass sich der lange Schatten deutscher Geschichte auch dort nicht in Wohlgefallen auflöst. Gumbrecht sagte in Bonn unumwunden, Halbdistanz sei kein Programm, sondern Schicksal. Darin liegt die eigentliche Größe dieses Buches: Es ersetzt das alte Bildungspathos der Selbstfindung durch die viel genauere Erfahrung, dass man der Welt manchmal gerade dort am nächsten kommt, wo man nie ganz in ihr aufgeht.

Wenn Jacob Taubes an die Tür klopft

Schon die Paris-Episoden zeigen, wie wenig Gumbrecht an der heroischen Selbstinszenierung des Gelehrten gelegen ist. Die berühmte Anekdote mit Jacob Taubes, die Böttger zunächst nur als Lockmittel andeutete, gehört zu den schönsten Szenen des Buches. Taubes begrüßt Gumbrecht und dessen spanische Frau in der Maison Heinrich Heine zunächst mit einer halb zärtlichen, halb übergriffigen Gelehrsamkeit, rekonstruiert aus dem Stand sefardische Herkunftslinien und verwandelt ein Flurgespräch in eine improvisierte Kulturgeschichte. Wenige Minuten später steht er wieder vor der Tür, die Hose unter dem Gürtel offen, mehrere Knöpfe in der Hand, und bittet Isabel, sie ihm anzunähen. Man lacht über diese Szene, natürlich. Aber ihr Witz liegt tiefer. Sie zeigt eine Gelehrtenwelt, in der Intelligenz, Charme, Grenzüberschreitung und absurde Unmittelbarkeit noch zu einer einzigen sozialen Form verschmolzen waren. Taubes ist hier nicht bloß skurril. Er erscheint als Emblem eines Milieus, das Nähe grundsätzlich unterstellt und darum unentwegt Zumutungen produziert.

Der Haardter Berg als Versuchsanordnung

Das eigentliche Kraftzentrum des Buches aber liegt in Siegen. Nicht Paris, nicht Berkeley, nicht Jerusalem: Siegen. Das ist die schönste und kühnste Pointe dieser Autobiographie. Denn Gumbrecht erzählt die Provinz nicht als Mangellandschaft, sondern als Labor. Auf dem Haardter Berg, in Beton, Leere und institutioneller Unwahrscheinlichkeit, entstand in den achtziger Jahren ein intellektuelles Klima, das sich seine Energie gerade aus der Nichtselbstverständlichkeit bezog. Weil dort nichts von selbst strahlte, musste geistige Präsenz eigens erzeugt werden. Kittler war einer der ersten Funken. Gumbrecht lud ihn zu einer Tagung über Kommunikationsmedien im spanischen Spätmittelalter ein; Kittler antwortete mit jener souveränen Kühnheit, die nur er besaß, und erklärte das Rechnen aus dem Singen, aus Musik, Vers und Strophe hervorgegangen. Man muss diese These nicht glauben, um ihren Effekt zu begreifen. Plötzlich war der Raum voll, die Kollegen kamen früher, blieben länger, wollten jedes Wort notieren. Gumbrecht findet dafür die richtige Formel: Kittlers Charisma habe als Funke des Geistes in Siegen gezündet. Genau so liest sich diese Passage.

Der Geist fährt Volvo

Auf Kittler folgten Habermas und Luhmann, und mit ihnen wurde aus der lokalen Aufgeregtheit eine Bühne von nationalem Rang. Habermas kam als öffentliche Autorität, als der Mann, an dem in der Bundesrepublik kaum ein geisteswissenschaftlicher Streit vorbeiging. Wichtiger noch als sein Auftritt war seine Empfehlung beim Abschied: Man solle doch auch Luhmann holen. Mit einem Mal stand die große intellektuelle Rivalität jener Jahre in Siegen auf dem Spiel. Luhmann traf dann, ganz nach eigenem Protokoll, im Volvo aus Bielefeld ein, so unspektakulär, dass Gumbrecht ihn ohne den Hinweis auf das Auto womöglich für einen Verwaltungsbeamten gehalten hätte. Und dann sprach er, ohne Manuskript, mit jener trockenen Unerbittlichkeit, die seinen Sätzen den Charakter einer anderen Logik gab. Berühmt wurde die Pointe, dass nicht Menschen kommunizieren, sondern Kommunikation. Noch aufschlussreicher ist Gumbrechts Beobachtung des sozialen Echos: Nicht nur Begriffe, auch Stimmführung und Denkgestus wurden kopiert. Theorie war damals nicht bloß Text, sondern Habitus, Tonfall, Lebensform. Luhmann hinterließ in Siegen keinen diskursiven Nachhall, sondern einen meteorologischen Zustand. Gumbrecht nennt ihn den warmen Wind seines Denkens.

Fünftausend Mark für die Postmoderne

Am schönsten freilich gerät die Geschichte mit Jean-François Lyotard. Man muss sie erzählen, weil in ihr eine ganze Epoche deutscher Geisteswissenschaft aufscheint. Der Kanzler der Universität wollte aus Siegen etwas machen, und Gumbrecht kam auf die Idee, den Mann einzuladen, der das Wort „Postmoderne“ in einen neuen Umlauf gebracht hatte. Lyotard verlangte fünftausend Mark Honorar und einen Businessflug – Anfang der achtziger Jahre eine Summe und ein Stil, die im deutschen Hochschulbetrieb an Grenzverletzung grenzten. Der Kanzler zahlte dennoch. Bald verbot der Landesrechnungshof das Honorar; kurzerhand verlangte man von hundert Zuhörern je fünfzig Mark Eintritt. So finanzierte die Provinz ihre eigene Weltläufigkeit. Die eigentliche Pointe kam erst im Gespräch. Gumbrecht stellte die scheinbar banale Frage, ob man ohne Körper denken könne, und Lyotard machte daraus Spekulationen von gewaltiger Reichweite, später den Essay „Si l’on peut penser sans corps“. Mehr noch: Er schrieb einen Text mit dem schönen Titel „Ersiegerung“, weil ihn die Produktivität dieses Ortes nicht losließ. Dass einer wie Lyotard ausgerechnet in Siegen philosophisch auf Touren kam, gehört zu den beglückenden Unglaublichkeiten dieser Erinnerungen.

Derrida, höflich wie ein Staatsgast, scharf wie ein Messer

Noch unwahrscheinlicher wirkte der nächste Gast. Jacques Derrida, der angeblich nie in Deutschland aufgetreten war, kam nach Siegen und machte den Hardter Berg zum Schauplatz seines ersten Deutschlandbesuchs. Das Thema schlug er selbst vor: Heideggers Philosophie und Heideggers nationalsozialistischer Antisemitismus. Mehr Sprengstoff ging nicht. Gumbrecht erinnert sich an den angenehmsten akademischen Gast, den er je betreut habe: vollkommen höflich, elegant, zugewandt, in allen Konventionen französischer Kollegialität zuhause. Aber dieser Charme diente keiner Harmlosigkeit. Drei Nachmittage lang las Derrida ein Manuskript, das die Ablehnung Heideggers wegen seiner NS-Nähe in eine noch verstörendere Frage zurückbog: ob Heidegger ohne diese Nähe überhaupt zu jenem Philosophen geworden wäre, als den das Jahrhundert ihn kennt. Solche Sätze fallen nicht in einem Seminar. Sie fallen wie Schneisen. Siegen war für einen Augenblick kein Rand mehr, sondern ein Ort, an dem die tektonischen Brüche des Jahrhunderts verhandelt wurden.

Mittagessen mit dem Weltgeist

Zu den glänzendsten Passagen des Buches gehören die Seiten über Michel Foucault, den Gumbrecht in Bonn ohne Zögern als den größten Geisteswissenschaftler überhaupt bezeichnete, jedenfalls seitdem die Geisteswissenschaften im neunzehnten Jahrhundert zu einer eigenen Institution geworden sind. Man versteht schnell, warum. Foucault erscheint hier nicht nur als Autor epochaler Bücher, sondern als leibhaftige Verdichtung einer intellektuellen Zeit, als Weltgeist mit glattrasiertem Schädel. Gumbrecht schildert die legendären Vorlesungen am Collège de France, bei denen sich Woche für Woche mehr als tausend Hörer versammelten, um fünfzig Minuten lang Foucault zuzusehen, wie er mit heller Transparenz von der Schreibmaschine abgelesene Seiten in reine Präsenz verwandelte.

Von fast noch größerem Reiz sind die beiden Szenen im vietnamesischen Restaurant nahe dem Collège: Beim ersten Treffen eröffnet Foucault ihm den Plan eines von Gallimard, Einaudi und Suhrkamp getragenen „intellektuellen Frühwarnsystems“, einer Schriftenreihe für exzeptionelle Texte junger Autoren, für die Gumbrecht Manuskripte entdecken und weiterleiten sollte; beim zweiten Mittagessen, zu dem auch seine Frau stößt, weitet sich das Gespräch von Berkeley bis zur Frage einer künftigen feministischen Philosophie, auf die Foucault mit einer abrupten, fast komisch definitiven Abwehr reagiert.

In diesen beiden Essen steckt bereits eine ganze Epoche: editorischer Größenwille, philosophische Elektrizität, persönliche Aura und die Selbstverständlichkeit, mit der ein Denker wie Foucault nicht nur Bücher schrieb, sondern intellektuelle Umlaufbahnen stiftete. Dass aus der geplanten Reihe nichts wurde und die Einladung nach Siegen unerfüllt blieb, weil Foucault kurz darauf starb, verleiht dieser Erinnerung jenen melancholischen Glanz, der in Gumbrechts Buch immer dann entsteht, wenn Geistesgeschichte plötzlich wieder sterblich wird.

Rio liest mit

Von den Lesepassagen des Bonner Abends musste manches ungesagt bleiben. Gerade deshalb verdienen die Rio-Seiten besondere Aufmerksamkeit. Gumbrecht meinte, man könne über Machado de Assis an einem solchen Abend fast zu lange sprechen; dabei erschließt sich an ihm ein Schlüssel des ganzen Buches. Als Gumbrecht in Rio die „Memórias póstumas de Brás Cubas“ liest, verändert sich die Stadt. Cosme Velho, die Geschichte des brasilianischen Kaiserreichs, die sozialen Gesten und der melancholische Glanz des späten neunzehnten Jahrhunderts treten in eine neue Sichtbarkeit. Der tote Erzähler Brás Cubas versucht, sein Leben posthum zu rechtfertigen, und scheitert Satz für Satz. Aber dieser fortgesetzte Fehlschlag wird bei Machado nie zur Verachtung. Gumbrecht bewundert an ihm eine Ironie, die aus Sympathie kommt. Das ist ein entscheidender Satz über Machado – und über Gumbrecht selbst. Auch „Sepp“ verweigert die strafende Rückschau. Das Buch nimmt die eigenen Irrtümer ernst, ohne sie moralisch auszuschlachten; es betrachtet die Umwege eines Lebens mit einer ironischen Milde, die nicht entschuldigt, aber auch nicht vernichtet.

Amichai oder die Grenze jeder Erlösung

Den dunkelsten und zugleich schönsten Gegenpol bildet Jehuda Amichai. In Bonn sprach Gumbrecht mit hörbarer Verehrung von ihm, nannte ihn einen der großen hebräischen Lyriker und einen Autor, der fast zu gut für den Nobelpreis gewesen sei. Diese Verehrung bleibt in „Sepp“ nicht abstrakt. Gumbrecht entdeckt eine biographische Berührung: beide in Würzburg geboren, beide später mit Jerusalem verbunden. Aber das Buch unterläuft jede Versuchung, aus dieser Gemeinsamkeit vorschnell Sinn zu machen. Amichai musste Würzburg 1935 als Jude verlassen, weil die Stadt zur Todeszone wurde; Gumbrecht verließ sie Jahrzehnte später als deutscher Student auf dem Weg in eine Karriere. Amichai fand in Israel eine historische und existentielle Normalisierung jüdischen Lebens; Gumbrecht musste lernen, dass sein eigener Wunsch nach Erlösung von der deutschen Geschichte dort keinen Ort hat. Gerade diese Verweigerung falscher Symmetrie macht die Passage so stark. Die Gemeinsamkeiten, schreibt Gumbrecht, seien nur Hintergrund; sichtbar werden solle die Divergenz. Das ist nicht Bescheidenheit. Das ist Genauigkeit von hoher moralischer Qualität.

Zwei Verrisse und eine sehr gute Pointe

Am Ende dieses Bonner Abends lag noch einmal jener trockene Humor in der Luft, ohne den Gumbrechts Selbstbeschreibung unerquicklich geworden wäre. Aus dem Publikum kam die Frage nach dem Titelbild mit der orangefarbenen Brille. Gumbrecht erzählte, im Spiegel sei auf dem Originalfoto sogar ein Apfel über seinem Kopf zu sehen gewesen, fast wie bei Wilhelm Tell; der Verlag habe den Apfel wegretuschiert und die Brille als ironische Allegorie auf die Halbdistanz verstanden. Dann folgte die letzte Volte. Der Verkauf des Buches, sagte Gumbrecht, laufe besser als erwartet – vielleicht auch wegen der beiden Verrisse, eines im Spiegel, eines von Jürgen Kaube in der F.A.Z.. Die Sachbuchdirektorin des Verlags habe ihn mit der hübschen Marktweisheit getröstet, ein Buch mit nur guten Rezensionen verkaufe sich fast so schlecht wie eines mit nur schlechten. Zehn Besprechungen, zwei Verrisse: vielleicht sei das die optimale Formel. Man darf diese Pointe nicht unterschätzen. Sie passt zu einem Autor, der die Halbdistanz nicht nur als Lebensform, sondern auch als letzte Souveränität beherrscht: sogar im Gegenwind noch lesbar zu bleiben.