Deutschland hat den Strukturwandel lange als historische Beruhigungserzählung behandelt. Erst verließen die Menschen die Felder, dann die Fabriken, schließlich fanden sie Arbeit am Schreibtisch. Aus Agrararbeit wurde Industriearbeit, aus Industriearbeit Dienstleistungsarbeit. Der Wohlstand schien jedes Mal zu wachsen, die Beschäftigung fand jedes Mal einen neuen Ort.
Martin Wolf, Präsident der Gesellschaft für Informatik, hat diese alte Gewissheit auf der re:publica in Berlin an einer Zahl sichtbar gemacht: 1950 arbeiteten noch 24,6 Prozent der Erwerbstätigen in Land- und Forstwirtschaft. 2019 waren es 1,3 Prozent. Dennoch versorgt die Agrarökonomie heute sehr viel mehr Menschen mit Lebensmitteln. Der Produktivitätssprung war gewaltig. Nun steht der Dienstleistungssektor vor einer ähnlichen Metamorphose. Rund drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Dienstleistungen. Dieser Gipfel dürfte abschmelzen. Erst trifft es wissensintensive Routinen, später durch Robotik auch sach- und personenbezogene Dienste.
Die Blackbox-Gesellschaft
Wir feiern Digitalisierung, sprechen über KI-Regulierung, Ethikräte, Transparenzpflichten und europäische Souveränität. Gleichzeitig sinkt in breiten Teilen der Gesellschaft das Verständnis für jene Strukturen, auf denen diese Welt beruht. Software erscheint als Oberfläche. KI erscheint als Antwortautomat. Cloud erscheint als Komfort. Plattformen erscheinen als Bequemlichkeit.
Das ist bedenklich. Wer Digitalisierung nur als Bedienkompetenz vermittelt, erzieht eine Gesellschaft zu Konsumentinnen und Konsumenten proprietärer Blackboxes. Dann kann man Apps bedienen, Formulare ausfüllen, Prompts schreiben und Dashboards interpretieren. Man versteht aber kaum noch, welche Daten fließen, welche Modelle entscheiden, welche Schnittstellen Macht erzeugen, welche Fehler sich in automatisierte Prozesse einschreiben.
Die neue Abhängigkeit beginnt dort, wo Menschen Systeme nur noch nutzen, ohne sie dekonstruieren zu können. Wer Informatik nicht beherrscht, wird von Informatik beherrscht.
Programmieren als Denkform
Informatik gehört deshalb in die Breite: von der Grundschule bis zum Abitur. Das Ziel darf kein früher Berufskurs für angehende Entwickler sein. Es geht um ein intellektuelles Rüstzeug für die automatisierte Welt. Kinder und Jugendliche müssen lernen, was ein Algorithmus leistet, wie Daten entstehen, wie Klassifikationen wirken, wie Fehler skaliert werden, wie Modelle trainiert werden, welche Interessen in Softwarearchitekturen stecken.
Auch Programmieren bleibt wichtig, selbst dort, wo KI künftig Code erzeugt. Der Zweck verschiebt sich. Programmieren ist weniger bloße Schreibarbeit am Rechner als Schule des Denkens: prozedural, datenbezogen, systemisch, konstruktiv, kritisch. Wer nie selbst eine Anweisung formuliert hat, versteht den Eigensinn automatisierter Prozesse kaum. Wer nie mit fehlerhaften Daten gearbeitet hat, glaubt dem Dashboard zu schnell. Wer nie ein System modelliert hat, unterschätzt Nebenfolgen.
Die Vorstellung, Software werde künftig einfach von „der KI“ gebaut, ist ein Luftschloss. KI erzeugt Vorschläge. Verantwortliche Systeme entstehen erst durch Menschen, die beurteilen können, was vorgeschlagen wurde, welche Folgen entstehen, welche Daten fehlen, welche Risiken verdrängt werden.
Das Studium muss aus dem Reservat heraus
Auch die Hochschulen stehen unter Druck. Ein Informatikstudium, das sich in Theorieinseln einrichtet, verfehlt die kommende Aufgabe. Ebenso verfehlt ein rein verwertungsorientiertes Studium den Kern des Fachs. Moderne Informatik muss Systemverantwortung ausbilden. Ethik, Gesellschaft, Ökologie, Energieverbrauch, Lieferketten, Sicherheit, Resilienz und Machtfragen gehören nicht an den Rand der Ausbildung. Sie müssen in die Logik des Entwerfens hinein.
Ein Algorithmus ist nie nur Mathematik. Er verteilt Chancen, beschleunigt Prozesse, verlagert Kosten, sortiert Menschen, verbraucht Energie, erzeugt Abhängigkeiten. Genau deshalb braucht die Digitalisierung mehr Informatik, nicht weniger. Sie braucht Menschen, die Systeme bauen können und zugleich wissen, was sie anrichten können.
Der Dienstleistungsstaat vor seiner Landflucht
Die historische Analogie zur Landwirtschaft ist unbequem. Die Bauern verschwanden nicht, weil ihre Arbeit wertlos wurde. Sie verschwanden, weil Maschinen ihre Produktivität vervielfachten. Die Wertschöpfung blieb, die Beschäftigung wanderte. Ähnliches droht nun dem Dienstleistungsstaat.
Büroarbeit, Verwaltung, Berichtswesen, Support, einfache Analyse, Standardkommunikation, Prozesssteuerung, Übersetzung, Abrechnung, Controlling und Teile der Softwareentwicklung geraten in den Zugriff automatisierter Systeme. Vieles davon galt jahrzehntelang als sicherer Aufstiegspfad der Wissensgesellschaft. Nun wird sichtbar, dass auch der Schreibtisch kein Schutzraum ist. Selbst die Steuerberatung kommt in die Defensive.
Die Frage lautet daher nicht, ob Arbeit verschwindet. Die entscheidende Frage lautet, welche Arbeit entsteht, wer Zugang dazu erhält und wer im Übergang zurückbleibt. Martin Wolf verweist auf Zukunftsfelder wie Erlebnis, Community, Events, menschliche Bestleistung, koordinierte Begegnung. Das klingt zunächst weich, ist aber ökonomisch ernst zu nehmen. Je mehr Maschinen Routinen übernehmen, desto wertvoller werden Tätigkeiten, in denen Vertrauen, Kreativität, Verantwortung, Nähe, Urteil und Gestaltung zählen.
Deutschlands gefährliche Verzögerung
Deutschland besitzt noch immer eine industrielle Substanz, um die viele Länder es beneiden. Doch der alte Reflex reicht nicht mehr: bessere Maschinen, bessere Prozesse, bessere Verwaltung. Die digitale Ökonomie verlangt die Verbindung von Hardware, Software, Daten, KI, Plattformen und Organisationsfähigkeit. Wer diese Verbindung nicht beherrscht, wird zum Zulieferer fremder Systeme.
Das ist die eigentliche Bildungsfrage der kommenden Jahre. Ein Land, das KI regulieren will, muss KI verstehen. Ein Land, das digitale Souveränität fordert, muss Softwarekompetenz demokratisieren. Ein Land, das Arbeitsplätze sichern will, muss Menschen befähigen, mit automatisierten Systemen zu urteilen, zu gestalten und zu widersprechen.
Der Strukturwandel wird nicht warten, bis Lehrpläne, Prüfungsordnungen und Berufsbilder nachgezogen haben. Die Agrarwirtschaft brauchte Jahrzehnte, um Millionen Menschen aus alten Tätigkeiten zu drängen. Der Dienstleistungssektor wird weniger Zeit bekommen. KI wirkt schneller als der Traktor. Genau deshalb ist Informatik keine Spezialdisziplin mehr. Sie ist Allgemeinbildung im Zeitalter der automatisierten Gesellschaft.
In den Pfahl-Zeiten hieß Holbein noch Holbaum. Das ist keine Nebensache, das ist literarische Dendrologie. Der spätere Holbein stand damals unter seinem alten Namen im „Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“, jenem Periodikum, das Axel Matthes wie eine Mischung aus Hochamt, literarischem Straflager und Ideensauna betrieb. Holbaum: Schon der Name klang, als sei ein Autor halb Mensch, halb Gewächs, bereit, in der Erde des Zeitgeists zu wurzeln und oben sehr eigentümliche Blätter auszutreiben.
Der Verleger wirft den Text zu Boden
Die erste Begegnung zwischen Matthes und Holbein gehört in ein Museum für Verlegerpädagogik. Matthes hält Holbeins Zeitgeistessay in der Hand, rollt ihn in Zellophan, wirft ihn auf den Boden und lässt ihn dort liegen. Zwanzig Minuten später darf der Autor ihn aufheben. Das ist kein Lektorat, das ist eine Initiation. Andere Verleger schreiben Randbemerkungen. Matthes prüfte offenbar die Fallhöhe.
Holbein, der damals noch am Anfang seiner Autorenlaufbahn stand, musste vor dem Verleger also kurz auf Fußhöhe geraten. Eine sehr Matthes’sche Szene: asketischer Ernst, dramatische Geste, Papier als Prüfungsmaterial. Der Text lag unten, der Autor beugte sich, der Verleger blickte. Man kann sich denken, dass daraus keine einfache Geschäftsbeziehung wurde. Zum Glück.
Frozzelton gegen Metaphysik
Matthes fand Holbein früh „flapsig“. Holbein wiederum hielt manche Matthes-Autoren für gestelzt, pathetisch, professoral und mitunter arg schwerblütig. Schon war die schönste literarische Versuchsanordnung der achtziger Jahre aufgebaut: hier der Verleger als Hüter von Bataille, Artaud, Klossowski, Wense und Cioran; dort der Autor als gelehrter Schelm, der jede metaphysische Kerze sofort auf Brandgefahr untersuchte.
Als Holbein einen Gesualdo-Essay lieferte, schrieb Matthes: „Lieber Herr Holbaum, Ihr Gesualdo-Essay ist sehr packend, einzig mit Ihrem Frozzelton habe ich ein bisschen Schwierigkeiten.“ Als Gegengift legte er Jürgen von der Wense bei. Das ist herrlich. Gegen Frozzeln hilft bei Matthes kein Lavendeltee, kein freundlicher Zuspruch, kein Kürzungsvorschlag. Gegen Frozzeln hilft Wense. Also ein Autor, der schon beim Aufschlagen riecht, als habe ein Einsiedler im Gebirge den Kosmos alphabetisch sortiert.
Die Ideensauna öffnet
Matthes plante damals „Der Pfahl“, sein Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft. In der Vorschau war von einer „Ideensauna“ die Rede. Dieses Wort verdient ein eigenes Denkmal aus Fichtenholz und Fußnoten. Ideensauna: Man weiß sofort, dass hier geschwitzt wird, aber unklar bleibt, ob vor Erkenntnis, Überhitzung oder Furcht vor Gerd Bergfleth.
Holbein trat ein. Sein Text über den Zeitgeist erschien im Pfahl, der dann keineswegs als zierliches Blättchen herauskam, eher als broschiertes Brikett. 519 Seiten, 58 Mark. Darin standen Wolfgang Rihm, Grillparzer, Flaubert, Theodor Lessing, Friedrich Georg Jünger und eben Ulrich Holbaum. Hinten wurde über ihn mitgeteilt, er male und schreibe. Holbein erschrak später über das „malt“. Ein Autor, der schreibt, kann viel ertragen. Ein Autor, der plötzlich malt, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, auch noch eine zweite Begabung verwalten zu müssen.
Der Pfahl und sein botanischer Einschlag
Dass ausgerechnet ein Holbaum im Pfahl stand, ist fast zu schön, um es unkommentiert zu lassen. Pfahl, Baum, Wurzel, Stamm, Jahresringe: Die Namensbotanik arbeitet hier von selbst. Matthes dürfte an solchen Verzweigungen Gefallen finden, Holbein ohnehin, der aus jeder Nebenbedeutung sofort einen kleinen Seitenweg ins Dickicht schlägt. Der eine liebt die großen Verweisungsräume, der andere die anarchische Mehrdeutigkeit. Zusammen ergeben sie eine Art literarisches Forstamt der Gegenmoderne: vorn wird gepfählt, hinten treibt es aus.
Holbeins Zeitgeist-Text selbst ist ein großartiges Monstrum. Schon der Titel „Die Zigarette des Nichtrauchers“ zeigt die Methode: Die Welt wird bei ihm nie geradeaus betreten, immer durch eine Seitentür, auf der ein falsches Schild hängt. Der Zeitgeist erscheint als Geruch, Reflex, Mode, Lärm, Kostüm, Bartform, Autoverkehr, Musikgeschmack, Fernsehschatten. Holbein schreibt, als wolle er die Gegenwart mit einer übervollen Schublade erschlagen.
Sankt Matthesis erhält Gegenfeuer
Jahre später drehte Holbein den Spieß um. Matthes hatte ihn lange wegen Flapsigkeit gerügt; nun nahm Holbein einen Text des Verlegers auseinander und begann mit der Anrede „Lieber, hochverehrlicher Sankt Matthesis“. Schon diese Anrede ist ein kleines Feuerwerk aus Verehrung und Unbotmäßigkeit. Danach folgte ein Beschuss aus Adorno, Jörg Drews, Theologen-Jargon, Botho-Strauß-Verdacht, Agrarkitsch und Formulierungsschelte.
Matthes antwortete lapidar und ziemlich schön. Ein so begabter, sensibler Mensch fabriziere virtuos Wörterbarrikaden; er wolle seit langem herausbekommen, wer dahinter stecke. Das ist vielleicht der zärtlichste Satz, den ein strenger Verleger über einen schwierigen Autor schreiben kann. Holbein baute Wörterbarrikaden, ja. Aber Matthes stand davor und klopfte an.
Die erste Frage nach dreiundzwanzig Jahren
Die schönste Szene kommt am Ende. 2010 trafen sich beide bei einem Wense-Kongress in Kassel. Holbein notiert, Matthes habe ihm nach dreiundzwanzig Jahren erstmals eine Frage gestellt. Sie lautete: „Wo gehts denn hier zur Toilette?“ Man möchte sofort den gesamten deutschen Literaturbetrieb in diese Szene hineinfalten. Zwei Männer, verbunden durch Pfahl, Wense, Zeitgeist, Flapsigkeit, Hochton, Briefe, Bücher, Kränkungen und Zuneigung, erreichen nach Jahrzehnten den interrogativen Durchbruch. Und er führt zur Toilette.
Später sitzen beide im selben Zug. Matthes in der ersten Klasse, Holbein mit Fahrkarte zweiter Klasse. Sie reden weiter, Holbein stehend, Matthes sitzend. Der Zugbegleiter interveniert. Holbein schlägt vor, der Verleger möge in die leere zweite Klasse kommen. Matthes lehnt ab. Auch das ist eine Szene, die niemand erfinden müsste. Die deutsche Geistesgeschichte fährt Intercity, und der Klassenunterschied bleibt im Gang stehen.
Holbein gratuliert, wie Holbein eben gratuliert
Zum neunzigsten Geburtstag von Axel Matthes hat Holbein also keinen Kranz niedergelegt. Er hat ein Sprachfeuer entzündet, in dem der alte Verleger noch einmal als asketischer Denker, schwieriger Förderer, Wense-Apostel, Flapsigkeitsgegner und Liebhaber der großen Abwege erscheint. Der Text ist Erinnerung, Abrechnung, Kabinettstück, Selbstporträt und Dankesrede in einem.
Matthes hat Autoren verlegt, die aus der Reihe fielen. Holbein fiel selbst aus der Reihe derer, die aus der Reihe fallen. Vielleicht passte er gerade deshalb so gut in den Pfahl. Als Holbaum kam er hinein, als Holbein schrieb er zurück. Dazwischen liegt eine jener literarischen Beziehungen, die aus Missverständnissen, Respekt, Eitelkeit, Witz und einer beträchtlichen Menge Papier bestehen.
Am Ende sieht man beide: Matthes, der wissen wollte, wer hinter den Wörterbarrikaden stecke; Holbein, der sofort noch drei Barrikaden errichtete, damit die Suche lohnte. Das ist keine Freundschaft im üblichen Sinn. Es ist ein deutsches Verleger-Autor-Verhältnis in seiner komischsten, gelehrtesten und schönsten Form: einer hält den Pfahl, der andere wächst daran hoch.
Die Rangliste der wertvollsten Unternehmen wirkt immer wie ein Naturgesetz, bis sie verschwindet. 1990 standen japanische Banken, NTT, IBM und Ölkonzerne oben. 2005 regierten Exxon Mobil, General Electric, Microsoft, Citigroup und BP. 2020 war die Welt bereits eine andere: Saudi Aramco, Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Alibaba, Facebook, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson bildeten die Spitze. Die alte Gewissheit der Industriegesellschaft war in eine Plattformordnung überführt worden. Die Zahlen aus der Fink-Grafik zeigen weniger eine Hitparade der Börse als einen Friedhof einstiger Selbstverständlichkeiten. Für 2005 und 2020 lassen sich ähnliche Rangmuster auch in historischen Marktkapitalisierungslisten nachvollziehen.
Alexander Fink zieht daraus die unbequeme Folgerung: Alle 15 Jahre werden die Karten fast vollständig neu gemischt. Nur wenigen Firmen gelingt der Verbleib an der Spitze. Genau hier setzt Daniel Kahnemans Warnung vor dem Rückschaufehler ein. Im Nachhinein wirkt jeder Sieg zwangsläufig. Apple musste Apple werden, Google musste Google werden, Nvidia musste Nvidia werden. In Wahrheit wird aus Glück, Timing, Kapitalzugang, Regulierung, Talentdichte und technischer Anschlussfähigkeit im Rückblick eine Managementlegende gebaut. Die Fink-Analyse verweist auf diese gefährliche Verwechslung von Ergebnis und Gesetzmäßigkeit.
Der Thron aus Glas
Die Gegenwart scheint den Hyper Scalern zu gehören. Cloud, Chips, Datenzentren, Modelle, Plattformen, Betriebssysteme und Agentenketten verdichten sich zu einer neuen Machtarchitektur. Nvidia erreichte 2026 zeitweise eine Marktkapitalisierung von mehr als 5,5 Billionen Dollar; Alphabet näherte sich nach Berichten aus dem Mai 2026 der Marke von 5 Billionen Dollar.
Doch genau diese Größe ist kein Schutz. Sie erhöht den Angriffsdruck. Wer oben steht, wird zum Infrastrukturproblem der anderen. Die Kunden wollen Abhängigkeit senken, Staaten wollen Kontrolle, Wettbewerber wollen Standards brechen. Google arbeitet an eigenen KI-Chips und neuen Cloud-Konstruktionen, um Nvidias Dominanz im Rechenzentrum anzugreifen. Der Hyper Scaler von heute wird so zum Zielbild der Entflechter, Nachahmer und Regulierer von morgen.
2035 könnten deshalb Unternehmen an der Spitze stehen, die heute noch als Zulieferer, Engpasshalter oder Modellbetreiber erscheinen: Nvidia, TSMC, ASML, Microsoft, Alphabet, Amazon, vielleicht ein börsenfähiger OpenAI-Nachfolger, BYD, Eli Lilly oder ein Robotik- und Energiesystemanbieter. Apple, Meta, Alibaba, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson könnten aus der Spitzengruppe fallen. Das ist keine Prophezeiung. Es ist ein Szenario. Sein Wert liegt gerade darin, die Selbstgewissheit der Gegenwart zu beschädigen.
Schumpeters vergessene Diagnose
Der historische Vergleich führt weiter als jede Digitalrhetorik. Joseph A. Schumpeter untersuchte 1928 in „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ die Diskrepanz zwischen Wirtschaftsordnung und Sozialstruktur. Deutschland war wirtschaftlich längst kapitalistisch organisiert, gesellschaftlich aber noch von ländlichen, teils feudalen Gewohnheiten geprägt. Genau darin liegt die Aktualität. Heute operiert Deutschland in einer digitalisierten Ökonomie mit industriekapitalistischen Rezepten.
Zur Reichsgründung 1871 lebten nahezu zwei Drittel der Bevölkerung in Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern, kaum fünf Prozent in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, der Anteil der Landbevölkerung war um die Hälfte geschrumpft. Die Mechanisierung der Landwirtschaft trieb Menschen aus alten Erwerbsformen in neue Räume. Aus der Agrarfrage wurde eine Stadtfrage, aus der Stadtfrage eine Klassenfrage.
Schumpeters Text von 1927 über „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“ fügt eine zweite, härtere Beobachtung hinzu: Klassenstatus ist Erbschaft vergangener Ereignisse, damit immer anachronistisch. Reiche Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze standen, waren drei Generationen später oft verschwunden. Sparsamkeit, Routine und solide Verwaltung reichen für den Verbleib oben gerade nicht aus. Wer nur bewahrt, wird von risikofreudigeren Wettbewerbern aus dem Rang gedrückt. Das ist auch heute wieder zu beobachten: Alte Unternehmerinnen und Unternehmer wagen keine neuen Investitionen. Sie verwalten höchstens ihr Vermögen. Dynastie-Untergang häufig die Folge.
Deutschland im falschen Betriebssystem
Der Strukturwandel der Gegenwart vollzieht sich ohne Landflucht, aber mit ähnlicher Wucht. Die Menschen ziehen weniger vom Dorf in die Stadt; ihre Tätigkeiten wandern aus Abteilungen, Werkhallen, Filialen und Verwaltungen in Software, Datenmodelle, automatisierte Workflows und Plattformarchitekturen. Die alte Trennung zwischen Industrie und Dienstleistung verliert an Erklärungskraft. Ein Maschinenbauer, der keine Datenprodukte beherrscht, verkauft bald nur noch Gehäuse. Ein Automobilhersteller ohne Software- und Batteriemacht liefert die Karosserie für fremde Betriebssysteme. Eine Bank ohne KI-fähige Prozessarchitektur wird zur regulierten Hülle.
Deutschland erlebt dabei eine doppelte Verschiebung. Der industrielle Kern bleibt wertvoll, doch sein Anteil an der künftigen Wertschöpfung hängt immer stärker an Software, Sensorik, Simulation, Energieeffizienz, Robotik, Plattformzugang und Halbleiterketten. Zugleich wächst die Gefahr einer k-förmigen Ökonomie. Oben steigen Kapitaleigner, KI-Spezialisten, Modellarchitekten, Cloud-Anbieter und Eigentümer knapper Infrastruktur. Unten geraten jene unter Druck, deren Arbeit standardisierbar, deren Wohnort immobil, deren Qualifikation veraltet oder deren Vermögen gering ist. Studien zur generativen KI in Europa zeigen eine ungleiche Verbreitung: Nutzung und Vorteile konzentrieren sich dort, wo digitale Fähigkeiten, Weiterbildung und organisatorische Mitsprache vorhanden sind.
Die neue Arbeitsfrage
Die Zukunft der Arbeit wird weniger durch den Roboter am Fließband entschieden als durch den Agenten im Büro. Sachbearbeitung, Berichtswesen, Compliance, Controlling, Standardberatung, Einkauf, Marketingproduktion, Übersetzung, Softwaretests und Teile der Entwicklung werden neu sortiert. Hochqualifizierte Tätigkeiten geraten erstmals in den unmittelbaren Zugriff der Automatisierung. Untersuchungen zu KI und Arbeit zeigen, dass gerade analytische, nicht-routinemäßige Tätigkeiten eine hohe KI-Berührbarkeit aufweisen.
Für Deutschland entsteht daraus keine einfache Verlustrechnung. KI kann Produktivität heben, Ingenieurarbeit erweitern, Simulation beschleunigen, Wartung verbessern, Materialeinsatz senken und Mittelständler global anschlussfähig halten. Doch die Gewinne verteilen sich nicht automatisch. Wer über Kapital, Daten, Modelle, Plattformzugang und Weiterbildung verfügt, zieht davon. Wer nur auf Beschäftigungsschutz ohne Fähigkeitsumbau setzt, verteidigt die alte Stelle gegen eine neue Wertschöpfungslogik.
Damit rückt Weiterbildung vom Sozialthema ins Zentrum der Industriepolitik. Es reicht nicht, Beschäftigte an neue Tools heranzuführen. Sie müssen lernen, mit Modellen zu prüfen, zu steuern, zu widersprechen, zu kombinieren. Die kommende Arbeitswelt verlangt Urteilskraft im Umgang mit maschineller Vorarbeit. Der Mensch verschwindet nicht aus der Wertschöpfung. Er verliert aber jene Tätigkeiten, in denen er nur als langsameres Interface diente.
Detlef Gürtler hat den Zorn vieler auf den Punkt gebracht. Vor fünf Jahren erschien mit Neustaat ein Buch, das mehr war als ein hübsch gebundenes Reformversprechen. Es war der Versuch, den deutschen Staat aus seiner administrativen Selbstgenügsamkeit zu lösen. Thomas Heilmann und Nadine Schön legten damals, unterstützt und gefördert von Ralph Brinkhaus, eine Programmschrift vor, die Digitalisierung nicht als Behördenkosmetik verstand, sondern als Umbau staatlicher Handlungsfähigkeit.
Heute ist die Nach-Merkel-Union an der Macht. Heute gibt es ein Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Heute wäre der Augenblick, in dem das Reformwissen von damals in Regierungspraxis übersetzt werden müsste. Gürtler schreibt auf LinkedIn, die damaligen Autorinnen und Autoren seien aus dem Bundestag verschwunden oder hätten ihre Machtpositionen verloren; zuständig sei nun Philipp Amthor, der nach Monaten im Amt vor allem einen Staatssekretärsausschuss für Staatsmodernisierung und Bürokratierückbau in Aussicht stelle. Sein spitzer Satz lautet: „Wir haben nicht ein Umsetzungsproblem, sondern zwei. Sie heißen Karsten Wildberger und Philipp Amthor.“
Man kann diesen Satz zitieren, ohne ihn sich zu eigen zu machen. Gerade beim neuen Minister wäre größere Fairness angebracht. Karsten Wildberger übernimmt kein leeres Feld, das man nur klug bestellen müsste. Er übernimmt ein Gelände voller Kabelreste, Ressortgrenzen, vergaberechtlicher Sicherungen, föderaler Abwehrreflexe und haushalterischer Vorbehalte. Ein Digitalministerium entsteht nicht dadurch, dass man ein Schild an eine Tür schraubt. Es muss sich Zuständigkeiten, Budgetmacht und politische Autorität erst erarbeiten.
Bei Philipp Amthor liegt die Sache anders. Wer Staatsmodernisierung mit dem Hinweis beginnt, man werde erst einmal einen Ausschuss ins Leben rufen, bedient genau jene Verwaltungslogik, aus der der Staat herausfinden muss. Das Land braucht nicht den nächsten Ort, an dem Zuständigkeiten vorsichtig umkreist werden. Es braucht eine Instanz, die Entscheidungen herbeiführt. Das Credo kann daher nur lauten: Kein weiterer Arbeitskreis, Herr Amthor.
Das zweite Regierungsjahr als Wahrheitsprobe
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Digitales und Staatsmodernisierung der CDU/CSU Bundestagsfraktion, hat für das zweite Regierungsjahr eine Formel gewählt, die in ihrer Wiederholung fast administrativ klingt und gerade dadurch trifft: „Umsetzung, Umsetzung, Umsetzung.“ In seinem LinkedIn-Beitrag spricht er von schlechten Konzepten, verschobenen Entscheidungen und weitergereichter Verantwortung. Er richtet den Blick auf Führungskräfte im öffentlichen Dienst, auf Fehlerkultur, Weiterbildung, Projektmanagement und Führungsfähigkeit. Er erinnert daran, dass Veränderung nicht durch Roadmaps entsteht, die vom Tagesgeschäft verschluckt werden.
Bemerkenswert ist die Verschiebung der Perspektive. Brinkhaus redet nicht in erster Linie über Technik. Er redet über Führung. Über formale Qualifikationen, die nicht mehr alles entscheiden dürfen. Über Führungsprinzipien für die Bundesverwaltung. Über externe Erfahrung in Ministerien. Über Projekterfahrung, befristete Führungspositionen und die Trennung von Fach- und Führungskarrieren.
Das ist nicht Verwaltungspoesie, es ist Machtkritik. Denn der deutsche Staat vergibt Verantwortung oft nach Laufbahnlogik, nicht nach Problemlösungskraft. Er belohnt Absicherung, Aktenfestigkeit und Konfliktvermeidung. Wer im Dienstweg reibungslos funktioniert, steigt auf. Wer quer denkt, riskiert Reibung. Wer entscheidet, riskiert Fehler. Wer vertagt, bleibt häufig unbeschadet.
Die Kommentare unter Brinkhaus’ Beitrag zeigen, dass dieser Nerv getroffen wurde. Georg Stephan Barfuß verweist auf Leadership, Diversität, Quereinstieg, Projekterfahrung, Digitalkompetenz und KI. Katherina Orlinska weitet den Führungsbegriff über disziplinarische Personalverantwortung hinaus. Peggy Staffa spricht von entscheidungsfähigen, empathischen, mit agilen Techniken vertrauten Führungskräften und kritisiert Beurteilungssysteme, die solche Fähigkeiten kaum abbilden. Hans-Christian Witthauer weist darauf hin, dass Führung im öffentlichen Dienst oft keinen eigenen Wert besitzt, während die Bundeswehr jede Führungsebene gezielt ausbildet.
Mathias Greb verweist auf den MPA-Masterstudiengang der Hochschule des Bundes, in dem digitale Vorhaben, Change Management, agiles Management und digital-soziale Interaktion eine Rolle spielen. Kateryna Haas macht den entscheidenden Einwand: Verantwortung lässt sich nur übernehmen, wo Entscheidungsspielräume geklärt sind. Jan-Hinrich Hey spricht von organisatorisch verdünnter Verantwortung. Kerstin Meißler sieht Technik als politisch leichter verkäuflich als die Arbeit an Menschen, Anreizen und Entscheidungswegen. Sascha Soyk und Witthauer erinnern an militärische Führungsgrundsätze: Entscheiden bei Unsicherheit, Auftrag statt Weisungswarten, Risiko nicht verdrängen. Das sind keine Randbemerkungen. Es ist ein Gegenbild zur Gremienrepublik.
Richenhagens Vermächtnis
An diesem Punkt führt die Debatte zurück zu Gottfried Richenhagen. Der verstorbene Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Personalmanagement und Public Management hat vor Jahren formuliert, woran die öffentliche Verwaltung bei der Digitalisierung wirklich scheitert. Nicht zuerst am Mangel an Software. Nicht zuerst am Datenschutz. Nicht zuerst am Föderalismus. Diese Faktoren spielen ihre Rolle. Doch der eigentliche Bruch liegt tiefer.
Richenhagen beschrieb die Spannung zwischen der klassischen Max-Weber-Verwaltung und einer agilen Verwaltung. Die Max-Weber-Verwaltung bleibt notwendig. Sie sichert Rechtmäßigkeit, Gleichbehandlung, Verlässlichkeit. Niemand sollte einen Staat wollen, der nur noch experimentiert. Aber diese Verwaltungsform reicht nicht mehr aus, um digitale Prozesse zu entwerfen, über Ressortgrenzen hinweg zu arbeiten, aus Fehlern zu lernen und bürgernahe Lösungen iterativ zu entwickeln.
Richenhagen sprach von einem zweiten Modus. Verwaltung muss beides können: rechtssicher handeln und beweglich lernen. Genau das meint Ambidextrie im öffentlichen Sektor. Die eine Hand hält den Rechtsstaat stabil, die andere baut neue Verfahren. Deutschland hat die erste Hand über Jahrzehnte perfektioniert. Die zweite wurde oft als modische Zumutung behandelt.
Seine Analyse des Onlinezugangsgesetzes bleibt ein Lehrstück. Bürgerinnen und Bürger füllen digitale Formulare aus, die in der Behörde als PDF oder in ähnlicher Form landen. Der Sachbearbeiter überträgt die Angaben in alte Abläufe. Aus Digitalisierung wird Zusatzarbeit. Die Benutzeroberfläche sieht nach Zukunft aus, der Prozess dahinter bleibt Vergangenheit. Das ist nicht Transformation, das ist eine elektronische Verlängerung des Papierstaats.
Richenhagen verstand: Digitalisierung beginnt erst, wo der Prozess selbst neu gedacht wird. Der digitale Staat entsteht nicht am Portal, sondern im Ablauf. Nicht an der Oberfläche, sondern in der Organisation. Nicht bei der App, sondern bei der Frage, wer entscheidet, wer lernt, wer Verantwortung trägt und wer die Arbeit wirklich anders macht.
Digitalkompetenz ist Anwendungskompetenz
Besonders wichtig bleibt Richenhagens Hinweis auf die doppelte Kompetenzlücke. Natürlich braucht die Verwaltung IT-Fachkräfte. Natürlich braucht sie Menschen, die Daten, Schnittstellen, Softwarearchitekturen und Sicherheit verstehen. Aber Richenhagen sah den größeren Mangel bei den außerfachlichen Fähigkeiten: Teamarbeit, Kommunikation, Lernfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Führung in unsicheren Lagen.
Hier berührt sich sein Denken mit dem, was Thomas Jennewein von SAP unter „Adoption“ fasst. Technologie verändert nichts, solange sie nicht angenommen, verstanden und in Arbeitsvollzüge integriert wird. Digitalkompetenz bedeutet nicht, eine Schulung zur E-Akte besucht zu haben. Digitalkompetenz bedeutet, digitale Werkzeuge in Entscheidungen, Kooperation und Problemlösung einzubetten. Sie ist Anwendungskompetenz.
Der Unterschied ist gewaltig. Eine Behörde kann Software einführen und dennoch analog bleiben. Sie kann eine Cloud nutzen und weiter in Zuständigkeitskästchen denken. Sie kann KI-Piloten starten und ihre Beschäftigten zugleich in Beurteilungssystemen halten, die Risikovermeidung belohnen. Dann entsteht kein digitaler Staat. Dann entsteht ein analoger Staat mit besserer Verpackung.
Richenhagen kritisierte deshalb klassische Weiterbildungskataloge, in denen Beschäftigte am Jahresanfang Seminare auswählen, ohne dass Kompetenzentwicklung strategisch gesteuert wird. Eine agile Verwaltung benötigt Lernbegleitung, Projektlernen, Fallarbeit und Rückmeldung im Alltag – Sohn@Sohn nennen das Ingame-Coaching, also Lernen in Echtzeit. Wer digitale Prozesse gestalten soll, muss an echten Problemen lernen. Nicht an Folien. Nicht in ritualisierten Webinaren. Nicht durch Unterweisung allein. Das wäre auch ein Thema für die Zukunft Personal: Denn Richenhagens Blick auf Stellenanzeigen im öffentlichen Dienst zeigte, wie tief das Problem reicht. Digitale Kompetenzen werden für fachliches Verwaltungspersonal so gut wie gar nicht nachgefragt; ihre relative Häufigkeit liegt unter einem Prozent. Damit verraten die Ausschreibungen mehr über den Zustand der Verwaltung als manches Strategiepapier. Gesucht wird noch immer, was gestern genügte. Benötigt würde aber, was morgen trägt: Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, digitale Anwendungskompetenz, Projektfähigkeit und die Bereitschaft, Verwaltung nicht nur zu vollziehen, sondern neu zu lernen.
Das ist der Kern der Anwendungskompetenz: Verwaltung muss ihr eigenes digitales Hundefutter essen. Wer Bürgerinnen und Bürgern digitale Prozesse zumutet, muss intern selbst digital arbeiten können. Wer E-Government predigt, darf keine Entscheidungswege pflegen, die aus dem Kaiserreich stammen.
Die Bitkom-Runde und der Sinn für Wirklichkeit
Die Bitkom-Tacheles-Runde über das neue Digitalministerium zeigte, dass diese Einsichten allmählich in der politischen Debatte ankommen. Brinkhaus sprach dort von „Denken auf Vorrat“ und warnte zugleich vor der Illusion schneller Quick Wins. Rebecca Lehnhard rückte die Akzeptanz der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Digitalisierung gelinge nur, wo sie genutzt werde. Change-Schmerzen müssten benannt werden. Parsa Marvi verwies auf solide Titel bei der Registermodernisierung, wobei die strukturelle Verankerung im Haushalt die eigentliche Bewährungsprobe bleibt.
Das ist ein anderer Ton als die alte Digitalpolitik der Sonntagsreden. Der Deutschland-Stack, die E-Wallet, Registermodernisierung, Cybersicherheit, strategische Vorausschau und KI-Investitionen sind keine isolierten Projekte. Sie ergeben nur Sinn, wenn sie einem gemeinsamen Leitbild folgen: Der Staat muss nicht digital dekoriert, er muss arbeitsfähig gemacht werden.
Bitkom-Präsident Achim Berg hatte dafür schon früher die richtige Richtung formuliert: Digitalisierung darf kein Anhängsel bleiben. Sie gehört ins Zentrum. Ein echtes Digitalministerium benötigt Kernkompetenzen, eigenes Budget, Federführung bei Verwaltungsdigitalisierung, E-Government, Telekommunikation, Breitbandausbau und Schlüsseltechnologien. Es braucht Spiegelreferate in andere Häuser, ein Veränderungsbudget und im Zweifel Vetorechte gegen Maßnahmen, die den Anspruch einer Digitalpolitik aus einem Guss zerstören.
Genau daran entscheidet sich Wildbergers Erfolg. Er muss aus einem neuen Ressort eine steuernde Kraft machen. Nicht allein durch Charisma. Durch Verfahren, Haushaltsmacht, Prioritätensetzung und sichtbare Ergebnisse. Die Schonfrist ist kurz, aber sie sollte real sein. Ein neu geschaffenes Ministerium kann nicht in wenigen Wochen reparieren, was über Jahre in Ressortlogiken und föderalen Aushandlungsroutinen zerfasert ist. Es darf allerdings auch nicht die Sprache dieser Routinen übernehmen.
Der Ausschuss als Ausrede
Hier wird Amthors Ankündigung problematisch. Ein Staatssekretärsausschuss kann koordinieren. Er kann Konflikte vorbereiten. Er kann Informationen bündeln. Aber er ersetzt keine Entscheidung. In der deutschen Digitalpolitik ist Koordination zu oft das Wort gewesen, mit dem man Führung vermieden hat.
Der digitale Staat scheitert nicht an fehlenden Runden. Er scheitert an fehlender Verbindlichkeit. Wer darf Standards setzen? Wer verfügt über Budget? Wer stoppt Doppelentwicklungen? Wer zwingt Ressorts, ihre Fachverfahren Ende-zu-Ende zu digitalisieren? Wer entscheidet, welche Pilotprojekte beendet werden? Wer trägt die Verantwortung, wenn die föderale Einigung ausbleibt?
Ein weiterer Ausschuss beantwortet diese Fragen nicht. Er vertagt sie mit Geschäftsordnung.
Der Satz „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“ ist nur dann mehr als eine Formel, wenn daraus eine Änderung der politischen Arbeitsweise folgt. Umsetzung bedeutet, Prioritäten gegen Widerstände durchzuhalten. Umsetzung bedeutet, lieb gewonnene Ressortautonomie zu begrenzen. Umsetzung bedeutet, Personalrecht, Haushaltsrecht und Vergaberecht nicht als Naturgesetze zu behandeln. Umsetzung bedeutet, Pilotprojekte nicht endlos zu feiern, sondern nach Wirkung zu beurteilen.
Neustaat als Handlungsarchiv
Das Reformprogramm liegt längst vor. Neustaat enthält zahlreiche Vorschläge, die heute fast dringlicher wirken als 2020. Eine digitale Plattform für Mitarbeiterbefragungen würde helfen, Verwaltungskultur überhaupt messbar zu machen. Vereinfachte Reisekostenprozesse wären mehr als eine Kleinigkeit, weil sie den Beschäftigten zeigen, dass Modernisierung auch ihnen das Leben erleichtert. Rotations- und Projektpflichten würden Silos aufbrechen. Inter- und intrabehördliche Taskforces könnten Krisenfähigkeit und projektbezogene Flexibilität erhöhen. Austausch mit der Privatwirtschaft würde neue Kompetenzen in den Staat bringen. IT-Erfahrung für Vorgesetzte wäre ein Signal, dass digitale Veränderung nicht an Spezialisten delegiert werden darf. Eine IT-Fachkräftezulage auch für Beamte könnte Personalbindung verbessern. Digitales Personalvertretungsrecht würde Beteiligung in agilen Prozessen ermöglichen. Offene Stellenausschreibungen, neue Beförderungssysteme und 360-Grad-Feedback würden Loyalitätskarrieren schwächen. Eine Laufbahnreform, mehr Durchlässigkeit für Quereinsteiger, Kompetenzpools für Bewerber, ein Informatikstudiengang des Bundes und Zukunftstalentpläne würden den öffentlichen Dienst auf den demographischen Abgang vorbereiten. Das alles ist keine Fantasie. Es ist ein Werkzeugkasten. Man muss ihn öffnen.
Gerade Richenhagens Denken gibt diesem Katalog Tiefe. Denn er zeigt, dass einzelne Reformen nur wirken, wenn sie eine andere Verwaltungslogik ermöglichen. Projektpflicht ohne Entscheidungsspielräume bleibt Symbolik. Weiterbildung ohne Anwendung bleibt Beschäftigung. Digitale Plattformen ohne Prozessumbau bleiben Fassade. Führung ohne Risiko bleibt Verwaltung des Vorhandenen.
Agilität ohne Theater
Agilität ist in Deutschland oft als Folienwort beschädigt worden. Zu viele Workshops, zu viele bunte Klebezettel, zu wenig Veränderung. Richenhagen war gegen diese Verflachung immun. Für ihn hieß Agilität nicht Unordnung, Beliebigkeit oder Start-up-Imitation. Sie hieß: kleine Schritte, Lernen am Fall, interdisziplinäre Teams, andere Didaktik, schnellere Rückmeldung, mehr Selbstorganisation, klare Aufträge.
Der klassische Dienstweg, wie Kerstin Meißler in der Diskussion schrieb, führt häufig in die Sackgasse. Vielleicht sogar auf einen Holzweg. Das ist kein Angriff auf die Verwaltung. Es ist ein Hinweis auf eine Organisationsform, die für andere Zeiten gebaut wurde. Der Rechtsstaat braucht Regelbindung. Die digitale Transformation braucht zusätzlich Entscheidungstempo. Wer beides gegeneinanderstellt, verliert beides.
Die Bundeswehr, auf die mehrere Diskussionsbeiträge verweisen, ist hier nicht als martialisches Vorbild interessant. Interessant ist der Gedanke der Auftragstaktik: Handeln im Sinne des Auftrags, nicht bloß Warten auf Weisung. Entscheidungen auch unter Unsicherheit. Verantwortung dort, wo die Lage sichtbar wird. Für die zivile Verwaltung wäre das ein enormer Kulturwechsel.
Das Vermächtnis bleibt Auftrag
Gottfried Richenhagen ist verstorben. Seine Gedanken sollten nicht in Tagungsbänden und Transkripten verschwinden. Er hat früh gesehen, dass Deutschland die Digitalisierung der Verwaltung falsch adressiert, solange Technik vor Organisation behandelt wird. Er hat verstanden, dass Agilität und Digitalisierung zusammengehören. Er hat die Kompetenzfrage gestellt, bevor sie unter dem Schlagwort KI unausweichlich wurde. Er hat die soziale Seite der Modernisierung ernst genommen, ohne die technische zu unterschätzen.
In seinem Sinne müsste die neue Digitalpolitik drei Dinge leisten. Erstens: digitale Vorhaben konsequent mit Prozessumbau verbinden. Zweitens: Führung und Anwendungskompetenz in der Verwaltung zur Kernfrage machen. Drittens: agile Einheiten schaffen, die außerhalb der üblichen Trägheit handlungsfähig sind, ohne den Rechtsstaat zu relativieren.
Das neue Digitalministerium kann dafür der richtige Ort werden. Es braucht dafür Rückendeckung aus dem Kanzleramt, Klarheit im Haushalt 2026, einen Deutschland-Stack mit verbindlicher Architektur und ein Personalverständnis, das den öffentlichen Dienst nicht nur verwaltet, sondern befähigt. Es braucht Führungskräfte, die Digitales nicht an Referate abschieben. Es braucht Beschäftigte, deren Erfahrung einbezogen wird. Es braucht ein Parlament, das Kennzahlen verlangt und nicht nur Absichtserklärungen beklatscht. Was es nicht braucht, ist die nächste Runde im Besprechungskarussell.
Herr Amthor, der Neustaat wartet nicht auf seinen Arbeitskreis. Er wartet auf Entscheidungen.
Karl Poppers kritischer Rationalismus beginnt mit einer Zumutung an das eigene Ich: Die vernünftige Person sucht nicht zuerst nach Belegen, die sie bestätigt, sie sucht nach Widerlegungen. Erkenntnis entsteht nicht durch die Politur der eigenen Gewissheiten, vielmehr durch die Bereitschaft, sie einem Test auszusetzen. Poppers Wissenschaftsbild ist deshalb auch eine politische Zumutung. Eine freie Gesellschaft braucht Bürgerinnen und Bürger, die Irrtum nicht als Demütigung begreifen, Korrektur nicht als Niederlage und Meinungsänderung nicht als Verrat am eigenen Selbst.
Genau hier berühren sich zwei Sessions auf der re:publica-Konferenz in Berlin. Bernhard Pörksen spricht über Zuhören in einer Medienwelt, in der Information nicht mehr knapp ist, Aufmerksamkeit jedoch zur umkämpften Ressource wird. Soziale Medien versprechen Resonanz und produzieren doch häufig Enttäuschung, Ungeduld und Eskalation. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen fragen im Gespräch über bessere Debatten nach der Fähigkeit zur Meinungsänderung, nach der Trennung von Mensch und Meinung, nach privaten Räumen der Klärung in Zeiten von Desinformation und AI-Slop. Beide Vorträge kreisen um ein gemeinsames Problem: Die offene Gesellschaft verfügt technisch über mehr Stimmen denn je, verliert jedoch an Formen des Empfangens.
Poppers Theorie liefert dafür eine präzise Grammatik. Wissenschaft ist bei ihm kein Tempel endgültiger Wahrheiten. Sie ist ein Verfahren, Irrtümer sichtbar zu machen. Eine Theorie verdient Aufmerksamkeit, weil sie riskierbar ist, weil sie scheitern kann. Auf Politik übertragen heißt das: Auch Institutionen, Reformen, Debattenformate und öffentliche Routinen müssen so gebaut sein, dass Fehler entdeckt, korrigiert und ohne Gewalt bearbeitet werden können. Demokratie erscheint bei Popper nicht als Herrschaft einer moralisch reinen Mehrheit, vielmehr als Ordnung, in der Macht kontrolliert, Regierungen abgewählt und Irrtümer institutionell bearbeitet werden können.
Die Klugen sind nicht automatisch die Offenen
Das klingt nach einer Ethik der Vernunft, aber der Alltag widerspricht. Menschen suchen Bestätigung. Sie lesen, was zu ihnen passt. Sie abonnieren Stimmen, die ihnen die Welt erklärbar machen. Sie halten Gegenargumente nicht immer für Anlässe zur Prüfung, oft für Angriffe auf die eigene Person. Besonders unangenehm ist dabei die Einsicht, dass Intelligenz nicht automatisch gegen Selbsttäuschung schützt. Im Gegenteil: Wer schneller denkt, kann auch schneller ausweichen. Wer rhetorisch geübt ist, findet leichter Gründe, weshalb der eigene Irrtum keiner sein kann. Darauf machte Niggemeier aufmerksam.
Die besonders Schlauen sind daher nicht zwingend bessere Popperianer. Sie können raffiniertere Immunisierungsstrategen sein. Sie prüfen fremde Quellen härter als eigene. Sie bemerken Fehler der Gegenseite schneller als die Lücken im eigenen Lager. So entsteht eine paradoxe Figur der Gegenwart: der kritische Mensch, der Kritik vor allem als Werkzeug gegen andere verwendet.
Popper hätte darin kein Randproblem gesehen. Sein Denken richtet sich gegen jene Versuchung, die eigene Theorie gegen jede Erfahrung zu versiegeln. Eine Überzeugung, die nie scheitern kann, ist erkenntnistheoretisch verdächtig. Eine politische Identität, die jede Kritik als Feindseligkeit behandelt, ist demokratisch gefährlich. Genau an diesem Punkt wird der kritische Rationalismus aus einer Wissenschaftslehre zu einer Schule der Selbstbegrenzung.
Meinung wird zur sozialen Haut
Die Schärfe der Gegenwart liegt darin, dass Meinung immer seltener nur Meinung ist. Sie wird zur sozialen Haut. Sie wärmt, schützt, grenzt ab. Sie macht erkennbar, zu wem man gehört, welche Codes man versteht, welche Empörung man teilt, welche Verdächtigen man benennt. Man will nicht nur recht haben. Man will auf der Seite stehen, auf der das eigene Milieu Recht verteilt. Der Mainstream ist dann weniger eine inhaltliche Kategorie als ein sozialer Schutzraum: Dort wird Zustimmung wahrscheinlicher, Widerspruch kontrollierbarer, Zugehörigkeit sichtbarer.
Dirk von Gehlen hat für diesen Vorgang den Begriff der Memifizierung von Meinungen geprägt. Meinungen verhalten sich wie Memes: Sie erzeugen Innen und Außen, Eingeweihte und Unkundige, Zugehörige und Fremde. Ein Wort reicht, eine Formel, ein ironischer Code, eine vertraute Abwertung. Dann weiß das Publikum, wo jemand steht. In solchen Momenten muss kein Argument mehr entfaltet werden. Das Signal genügt.
Damit verändert sich der Sinn öffentlicher Rede. Man spricht nicht mehr mit dem Gegenüber, man spricht vor den eigenen Leuten. Man antwortet nicht, um geprüft zu werden, man antwortet, um Zustimmung aus dem eigenen Resonanzraum zu erhalten. Streit wird zur Aufführung. Die gegnerische Person dient als Requisit. Der Satz wird weniger nach seinem Wahrheitsgehalt beurteilt als nach seiner Lagerfunktion.
Das große Rauschen und der Verlust des Empfangens
Bernhard Pörksen setzt genau hier an. In einer Medienwelt, in der fast alle senden können, wird Zuhören zur knappen Kulturtechnik. Die alte publizistische Ordnung kannte Zugangshürden. Wer senden wollte, brauchte Redaktion, Verlag, Frequenz, Druckmaschine, Studio. Heute genügt ein Gerät, ein Account, ein Impuls. Die Demokratisierung des Sendens hat unbestreitbar befreiende Seiten. Sie hat Stimmen hörbar gemacht, die früher leichter übergangen wurden. Sie hat Macht kontrollierbarer und Öffentlichkeit vielstimmiger gemacht.
Doch die Explosion des Sendens hat das Empfangen nicht automatisch verbessert. Aufmerksamkeit bleibt begrenzt. Je mehr Botschaften zirkulieren, desto größer wird der Druck, sie zu verschärfen. Aus Mitteilung wird Reiz. Aus Argument wird Trigger. Aus Kritik wird moralische Sofortverurteilung. Das Resonanzversprechen der Plattformen lautet: Du kannst gehört werden. Die alltägliche Erfahrung lautet oft: Du gehst unter. Also wird lauter gesprochen, schneller geurteilt, härter markiert.
Pörksens Kunst des Zuhörens ist unter diesen Bedingungen kein pädagogisches Wohlfühlprogramm. Sie ist eine politische Technik. Zuhören bedeutet nicht, jede Position zu übernehmen. Es bedeutet, eine fremde Weltsicht so weit an sich heranzulassen, dass die eigene Ablehnung nicht auf einem Zerrbild beruht. Es bedeutet, den anderen nicht schon vor dem ersten Satz erledigt zu haben. Es bedeutet, sich kurz der Möglichkeit auszusetzen, dass im fremden Einwand ein Hinweis auf den eigenen blinden Fleck liegt.
Die Talkshow liebt die unveränderte Meinung
Das erklärt auch, weshalb viele öffentliche Debatten so unbefriedigend wirken. Sie sind nicht auf gemeinsame Prüfung angelegt, eher auf Wiedererkennbarkeit. Die Rollen stehen vorher fest. Die Zuschauer wissen, wer wofür eingeladen wurde. Die Beiträge bestätigen Erwartungen. Der eine sagt, was der eine sagen muss, die andere widerspricht, wie sie widersprechen soll. Erkenntnis ist nicht ausgeschlossen, aber sie ist nicht die tragende Form.
Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen interessieren sich deshalb für die Frage, wie Debatten aussehen müssten, in denen Meinungsänderung nicht als Gesichtsverlust erscheint. Das ist ein hoher Anspruch, denn öffentliche Kommunikation belohnt häufig das Gegenteil. Wer nachgibt, verliert. Wer differenziert, schwächt die eigene Position. Wer ein Argument der Gegenseite anerkennt, riskiert, aus dem eigenen Lager Misstrauen zu ernten.
In dieser Logik wird die alte republikanische Tugend des Lernens beschädigt. Ein freier Bürger darf nicht nur reden. Er muss auch anders aus einem Gespräch herauskommen dürfen, als er hineingegangen ist. Ohne diese Möglichkeit wird Meinungsfreiheit halbiert. Dann bleibt vom öffentlichen Austausch nur die Sendelizenz der bereits Überzeugten.
Der ideologische Turing-Test als Schule der Fairness
Ein praktisches Gegenmittel ist der ideologische Turing-Test. Wer eine gegnerische Position kritisiert, soll sie zuerst so darstellen, dass deren Vertreter sich darin wiedererkennen. Erst dann beginnt der Streit. Diese Übung wirkt simpel, ist aber radikal. Sie unterbricht den bequemsten Mechanismus der Polarisierung: die Karikatur des anderen.
Man kann eine Position weiterhin falsch, gefährlich oder abwegig finden. Doch man muss wissen, welche Position man ablehnt. Wer nur gegen eine verzerrte Version kämpft, beweist vor allem die eigene Immunität gegen Erkenntnis. Der ideologische Turing-Test zwingt dazu, den Gegner nicht als bloßes Bündel schlechter Motive zu behandeln. Er fragt nicht: Wie kann ich den anderen besiegen? Er fragt: Habe ich verstanden, was ich zurückweise?
Damit nähert sich Debatte dem popperschen Ideal. Eine Theorie soll nicht gegen ihren schwächsten Gegner getestet werden, vielmehr gegen die beste Einwendung. Eine Meinung gewinnt nicht dadurch an Qualität, dass sie sich mit Dummheit umgibt. Sie gewinnt, falls sie ernsthafte Gegenargumente übersteht oder sich unter ihrem Druck verändert.
Zuhören ist kein Nachgeben
Gegen diese Gesprächsethik gibt es einen berechtigten Einwand. Nicht jeder Konflikt ist ein Missverständnis. Nicht jede aggressive Position verdient eine Bühne. Nicht jede autoritäre Strategie lässt sich durch Geduld entschärfen. Es gibt Propaganda, Einschüchterung, Lüge, organisierte Verachtung. Wer hier nur vom Zuhören spricht, verharmlost Macht.
Gerade deshalb ist Popper wichtig. Die offene Gesellschaft ist keine wehrlose Gesellschaft. Toleranz darf nicht zur Selbstabschaffung führen. Demokratische Öffentlichkeit muss ansprechbar bleiben, aber sie muss auch jene begrenzen, die diese Ansprechbarkeit zerstören wollen. Zuhören bedeutet nicht Unterwerfung. Verstehen bedeutet nicht Billigung. Fairness gegenüber einem Argument bedeutet nicht Blindheit gegenüber den Folgen einer Politik.
Die Schwierigkeit besteht darin, diese Grenze nicht zu bequem zu ziehen. Wer jede Zumutung zur Gefahr erklärt, verwandelt Demokratie in ein Schutzsystem für die eigene Empfindlichkeit. Wer jede Gefahr zur bloßen Zumutung erklärt, macht Demokratie naiv. Zwischen beiden Fehlern liegt die anspruchsvolle Kunst öffentlicher Urteilskraft.
Künstliche Intelligenz als Probezimmer des Widerspruchs
In der Session von Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen taucht ein Gedanke auf, der zunächst technikoptimistisch klingen kann, aber politisch interessant ist: KI-Sprachmodelle könnten Räume privater Klärung eröffnen. Nicht als Wahrheitsrichter, nicht als Ersatz für Öffentlichkeit, nicht als Autorität. Eher als Probezimmer des Widerspruchs. Die KI-Maschine als Kurator für Offenheit.
Vor dem öffentlichen Beitrag könnte man eine Maschine fragen: Welche Einwände gegen meine Position übersehe ich? Wo verwechsle ich Kritik mit Kränkung? Welche gegnerische Formulierung wäre die fairste? Was müsste ich wissen, um weniger selbstsicher zu urteilen? Das wäre eine poppersche Nutzung von KI. Nicht die Maschine hätte recht. Sie würde helfen, die eigene Meinung riskierbarer zu machen.
Natürlich liegt darin auch Gefahr. KI kann Textmüll vermehren, Scheingewissheit erzeugen, Phrasen glätten und Konflikte verkitschen. Doch als Instrument der Selbstprüfung könnte sie das leisten, was öffentliche Räume oft verhindern: Widerspruch ohne sofortigen Statusverlust. Man kann im Privaten testen, bevor man im Öffentlichen sendet. Man kann die eigene Überzeugung belasten, bevor sie zur sozialen Rüstung wird.
Demokratie lebt von korrigierbaren Menschen
Der gemeinsame Gedanke der beiden re:publica-Sessions lautet daher nicht, alle sollten netter miteinander reden. Das wäre zu klein. Es geht um die epistemische Grundausstattung der Demokratie. Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die ihre Überzeugungen nicht wie Besitzstände verwalten. Sie braucht Medien, die nicht nur Rollen ausstellen. Sie braucht Institutionen, die Korrektur nicht als Störung behandeln. Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die zwischen Person und Meinung unterscheiden können.
Popper liefert die theoretische Härte dieses Gedankens. Pörksen liefert seine kommunikative Form. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen liefern seine medienpraktische Zuspitzung. Zusammen entsteht ein Bild demokratischer Reife, das wenig mit Harmonie zu tun hat. Streit bleibt notwendig. Konflikt bleibt produktiv. Kritik bleibt scharf. Aber sie muss auf eine Weise geführt werden, die Veränderung möglich macht.
Die offene Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, die immer schon richtig lagen. Sie besteht aus Menschen, die irren dürfen, ohne ihr Gesicht zu verlieren, und aus Institutionen, die Fehler auffindbar machen, bevor sie zerstörerisch werden. Im großen Rauschen wird Zuhören deshalb zu einer Freiheitsübung. Nicht als Dekoration guter Manieren. Als Bedingung dafür, dass Meinung wieder beweglich wird.
Ein Verleger wird neunzig, und sofort steht die Literaturkritik vor jener Versuchung, die ihr seit den Tagen der großen moralischen Sortierapparate am liebsten ist: Man legt die Akte auf, ordnet die Namen, streicht mit rotem Bleistift durch das Zwielicht und nennt das Ergebnis ein Leben. Bei Axel Matthes führt diese Methode rasch zu dramatischen Funden. Man muss nur Bataille, de Sade, Artaud, Klossowski, Apollinaire, Syberberg, Bloy, Maschke hintereinander aussprechen, und schon knistert das Papier, als hätte der Katalog ein Vorstrafenregister. Doch ein Verleger ist kein Register. Er ist der Mensch, der die unausgesprochenen Verwandtschaften zwischen Texten spürt, ehe die Literaturwissenschaft sie nachträglich mit Apparaten, Fußnoten und Gattungsdisziplin versieht.
Autobiographie in Lieferverzeichnissen
Axel Matthes gehört zu den seltenen Figuren der deutschen Nachkriegsliteratur, bei denen das Verlegen nicht Beruf, Branche, Karriere war, vielmehr eine Form der Selbstbefragung mit typographischen Mitteln. Andreas Rötzer hat dafür die schöne Formel vom „autobiographischen Verlegen“ gefunden. Sie trifft, weil sie den Verlag nicht als Firma auffasst, vielmehr als ausgelagertes Bewusstsein, als gedruckte Nervenschrift eines Lesers, der glücklicherweise nie ganz Unternehmer wurde.
Matthes selbst hat den Ursprung dieses Lebens denkbar unheroisch beschrieben. Seit dem neunten Lebensjahr sei er ein unersättlicher Leser, nun sei eine Null hinzugekommen. Herrlicher kann man neunzig Jahre kaum zusammenfassen: nicht als Bilanz, als Rechenfehler der Leidenschaft. Aus dem Kind, das las, wurde kein Funktionär des Buchmarkts, kein Verwalter von Novitäten. Aus dem Leser wurde einer, der eines Tages entscheiden durfte, dass ein Buch auf Deutsch erscheinen sollte. 1967, bei einem traditionellen Verlag, erwarb er Rechte, bestimmte Übersetzung, Umschlag, Ausstattung; das Buch hieß „All Night Stand“. Ein kleiner Poproman, ein englischer Titel, ein Anfang als Weihnachtsrausch. Die erste verlegerische Tat war kein Manifest, eher eine Lizenz zum Glück.
Das Bild sucht sein Buch
Hier beginnt die eigentliche Philologie dieses Lebens. Matthes denkt das Buch vom Umschlag her, vom Bild her, von jenem Vorschein, der dem Text vorausgeht. Beim Herbig Verlag erhielt er früh Verantwortung für Cover; bald darauf, in der Gründungszeit von Rogner & Bernhard, blieb die Überzeugung erhalten, dass Bücher im Imaginären entstehen. „Bilder zu entdecken, zu denen nur noch das Buch fehlte“: Dieser Satz gehört in jede künftige Geschichte des deutschen Verlegens. Er enthält das Gegenteil der heutigen Inhaltsverwaltung. Nicht der Stoff sucht seine Verpackung. Das Bild ruft den Text herbei.
Zwischen Marx und Benjamin
Rogner & Bernhard, diese wunderbare Namenskupplung aus Patriziat und Garagenrevolte, bewegte sich für Matthes zwischen Karl Marx und Walter Benjamin. Auch hier war die Philologie sofort elektrisiert. Marx, Benjamin: Das hieß Ware und Aura, Revolution und Zitat, Druckerschwärze und Erlösungsfunke. Es war die Zeit, in der der Verlag den Furor der späten sechziger Jahre mit der Gelehrsamkeit der Bibliothek kurzschloss. Theorie trat nicht als Seminarstoff auf, Literatur nicht als Ornament. Beides roch nach Druckerschwärze, Verdacht, Befreiung.
In diese Rogner-&-Bernhard-Zeit gehört Apollinaire, genauer: „Die elftausend Ruten“. Man muss dieses Buch nicht lieben, um seine Rolle in der Verlagsmythologie zu verstehen. Die Ausgabe trat als „Bibliotheca Erotica et Curiosa“ auf, mit Übersetzernamen, Vorwort, Nachwort, Reihensiegel, mithin mit allem, was aus dem Anstößigen zunächst ein ordentliches bibliographisches Objekt macht. Doch das eigentliche Kabinettstück lag nicht im Buch, es lag ihm bei: ein Revers, ein kleiner Sittenpass aus der Bundesrepublik der verschlossenen Wohnzimmerschränke.
Leser-TÜV im Adenauer-Biedermeier
Da heißt es, in einem Deutsch, das noch nach Amtsstube, Ausweiskontrolle und Adenauer-Biedermeier riecht: „Hiermit versichere ich, daß ich das 21. Lebensjahr vollendet habe und Guillaume Apollinaire DIE ELFTAUSEND RUTEN ausschließlich für meinen privaten Gebrauch erwerbe.“ Der Käufer verpflichtet sich, das Buch „verschlossen aufzubewahren“, Jugendlichen unter einundzwanzig Jahren unzugänglich zu machen und es vor allem jenen Personen vorzuenthalten, „die mit Wahrscheinlichkeit zu einer objektiven Kenntnisnahme nicht in der Lage sind“. Schließlich werde er den Band weder privat noch gewerblich verleihen.
Das ist komischer als jede spätere Skandalisierung. Der Text will schützen und verrät dabei die ganze Phantasie der Gefahr. Man sieht sofort den abschließbaren Bücherschrank, die Schlüsselgewalt des Familienvaters, die pädagogische Panik, den erotischen Ausnahmezustand im Gewand einer Leihverkehrsordnung. Apollinaire wird nicht verboten; er wird unter Quarantäne gestellt. Die Bundesrepublik erfindet für die Lektüre des Obszönen eine Art Leser-TÜV.
Gerade darin liegt die verlegerische Schönheit der Episode. Rogner & Bernhard machten aus dem Buch nicht allein einen Text, sie machten aus seiner Zirkulation ein kleines Theater. Der Beileger gehört zur Aufführung. Er zeigt, wie sehr Literatur damals noch als Gegenstand mit Temperatur galt: Man konnte sie verstecken, einschließen, weiterreichen, beschlagnahmen, verleihen oder eben ausdrücklich nicht verleihen. Die Obszönität beginnt hier nicht erst bei Apollinaire. Sie beginnt bei der Vorstellung, ein erwachsener Leser müsse seine Lektürefähigkeit vorab durch Unterschrift beweisen.
Zwischen Rimbaud und Léon Bloy
Mit Matthes & Seitz verschob sich das Gestirn. Nicht mehr Marx und Benjamin gaben die heimlichen Koordinaten ab. Auch Adorno und Nietzsche, die als Hausgeister im Hintergrund weiter flackerten, erklären den Verlag nur zur Hälfte. Der eigentliche Spannungsbogen führte von Rimbaud zu Léon Bloy: vom jugendlichen Seher, der das Ich zertrümmert, zum rasenden Pamphletisten, der die Welt mit katholischer Wut überzieht. Zwischen beiden liegt jene Zone, in der Matthes & Seitz unverwechselbar wurde: Dichtung als Exorzismus, Kommentar als Angriff, Philologie als Abenteuer in gefährlichem Gelände.
Rimbaud steht für die Verwandlung des Lesens in eine optische und sprachmagische Expedition. Bei Matthes wurde er nicht domestiziert, nicht in die Schulbuchmoderne einsortiert. Er erschien als Autor, an dem sich zeigte, was Übersetzung leisten kann, sobald sie mehr sein will als Transport. Die deutschen Rimbaud-Bände aus dem Münchner Verlag trugen jene verwilderte Buchästhetik, die aus dem Gedicht ein Ereignis machte: Text, Bild, Nachwort, Umschlag, Legende. Aus der Lektüre wurde eine Szene.
Bloy wiederum gab dem Verlag eine andere Grammatik: die des Zorns, des Gegenjournalismus, der verfluchten Randnotiz. In „Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“ fand Matthes dafür eine Form, die zu ihm passte. Neun Ausgaben erschienen. Schon der Titel verriet die Herkunft aus Bloys „Le Pal“, jenem vollständig von Bloy geschriebenen Zeitschriftenprojekt, das 1885 auf fünf Hefte kam. Im Deutschen, merkt der Verlagsapparat boshaft an, wäre „Le Pal“ wohl eher mit „Das Pfählen“ wiederzugeben. Credo von Bloy: „Der Tritt in den Arsch, eine der nobelsten Regungen okzidentaler Wut, ist nichts als ein vager, fast erloschener Reflex der ehrfurchtgebietenden Tradition des Pfählens! Darum unternehme ich es, sie literarisch wieder einzuführen.“
Der Surrealismus als verschämte Romantik
Die Wurzel, aus der dieser Verlag seine wunderlichen Gewächse trieb, lag in Paris. Matthes hat den Surrealismus, diesen in Literatur, bildender Kunst und Lebenspraxis gleichermaßen ausgreifenden Aufstand, als verschämte neue Romantik des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen. Diese Formulierung ist kostbar, weil sie den Surrealismus vom bloßen Stil befreit. Traumprotokoll, Automatismus, Collage: all das interessiert bei Matthes weniger als der romantische Rest, der in der Moderne weiterlebt, maskiert, verschoben, manchmal obszön, manchmal mystisch.
1978 wurde Matthes & Seitz in München zur neuen Adresse dieser Seitenwege. Bataille, Leiris, Artaud, Baudrillard, Klossowski: Das waren keine Autoren für den Strandkorb der Bildung. Es waren Probebohrungen in die dunklen Reserven des Denkens. Der Verlag nahm Autoren auf, deren Werke in Deutschland keine bequeme Empfangszone besaßen. Er machte aus dem französischen Zwanzigsten Jahrhundert keine Repräsentationssammlung, eher eine Gegenbibliothek. Dort standen Autoren, die wussten, dass Aufklärung auch durch Keller führt.
Der Pfahl als verlegerisches Selbstporträt
Am schönsten zeigt sich Matthes vielleicht nicht in den großen Namen, vielmehr in den Nachreden, Epilogen, editorischen Nachschüben, in jenem Bereich, den ordentliche Leser gern überblättern. Dort wird der Verleger Autor, ohne den Autor zu verdrängen. Die profunden Epiloge von Matthes in „Der Pfahl“ sind keine Nebenprodukte. Sie bilden das geheime Nervensystem dieses Projekts. In ihnen kommentiert der Verlag sein eigenes Risiko. Er erklärt nicht, er exponiert sich.
Das ist Matthes pur: ein Titel, der zugleich Folterinstrument, Satzzeichen, Zeitschriftenarchäologie und Selbstbeschreibung ist. Der Pfahl steckt im Boden und zeigt nach oben. Er befestigt und verletzt. Er markiert einen Ort und macht ihn unbewohnbar. Genau dort, im Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, wollte Matthes stehen. „Der Pfahl“ sollte keine Statistik des Zeitgeists liefern, keine journalistische Entzauberung, keinen friedlichen Salon. Er sollte die falschen Versöhnungen aufreißen, die Schwärmereien der Klugen, die Dummheiten der Gebildeten, die Sentimentalitäten der Fortschrittsgläubigen. Bloy, der alte Pamphletist, war dafür der richtige Schutzheilige: katholisch, wütend, ungerecht, grandios; ein Autor, der die Nächstenliebe in der Form der Beschimpfung praktizierte.
Der Enthusiast und der Skeptiker
Matthes ist Enthusiast und Skeptiker, eine Kombination, die im Verlag gefährlicher ist als reine Euphorie. Der Enthusiast glaubt an die Geburt eines Buches gegen alle Rechnungen. Der Skeptiker weiß, dass jedes Buch sofort in die Welt der Missverständnisse eintritt. Deshalb wirkt sein Verlegen oft wie ein Kopfstoß gegen eine Wand, auch ökonomisch. Die de-Sade-Ausgabe „Justine und Juliette“ wurde zum Triumph der philologischen Besessenheit und zum Ruinposten. Übersetzer arbeiteten weiter, obwohl die Finanzierung versandete. Die Vernunft der Betriebswirtschaft hätte abgebrochen; die Unvernunft der Literatur hielt durch.
Dass aus solchen Programmen später der Verdacht entstand, Matthes suche den Skandal um seiner selbst willen, ist die bequemste aller Deutungen. Gewiss, Irrtümer gehören in diese Geschichte, auch schwerwiegende. Das Syberberg-Buch beschädigte den Verlag, und die Kritik daran war nicht bloße Empfindlichkeit. Aber wer Matthes auf diese Akte reduziert, versteht die Logik seines Katalogs nicht. Er war kein Kurator politischer Eindeutigkeit. Er war ein Leser mit gefährlichem Vertrauen in die Produktivität des Konflikts. Der Fehler bestand dort, wo dieses Vertrauen die Urteilskraft überholte. Das Leben im Katalog ist kein Freispruch. Es ist eine schwierigere Form der Verantwortlichkeit.
Komik des pathetischen Verlegens
Man kann über solche Programme lachen, und man sollte es sogar. Matthes hat die Komik des pathetischen Verlegens nie ganz verlassen. Wer ein Bild sieht und daraufhin ein Buch sucht, das dazu passt, arbeitet nahe an der Parodie des Verlagswesens. Wer Luther noch im Bleisatz neu setzen lässt, während die digitale Welt vor der Tür die Schuhsohlen abtritt, wirkt wie ein Mönch mit Herstellungsabteilung. Wer in der Buchgestaltung ein Schicksal erkennt, riskiert das Lächeln jener Leute, die Bücher am liebsten als Datenpakete auffassen. Doch gerade dieses Lächeln schützt ihn vor der Heiligsprechung. Matthes war als Verleger kein Heiliger der Avantgarde. Er war ein sehr gelehrter Eigensinniger, zuweilen furchtlos, zuweilen töricht, oft hellsichtig.
Von München nach Berlin
Die Münchner Geschichte lief auf Grund, und Rötzers Berliner Fortsetzung hat aus dem Erbe etwas anderes gemacht: professioneller, marktgängiger, sichtbarer, mit Naturkunden, Gegenwartsliteratur, französischen, russischen, chinesischen Linien, mit Taschenbüchern, Imprints, Preisen. Aus dem autobiographischen Verlag wurde ein Verlag mit Mannschaft, Kalendern, Produktionszwängen. Rötzer berichtete einmal, er habe bei Axel Matthes gelernt, dass ein angekündigtes Buch erscheine, sobald es fertig sei; heute verlangen die Strukturen erst Monats-, dann Tagesangaben. Das klingt wie eine kleine Kulturgeschichte des Buchs im Zeitalter der Lieferkette.
Und doch bleibt im Berliner Verlag etwas von jenem ersten Glück, das Matthes 1967 empfand. Ein Buch darf erscheinen. Ein Autor, den der Betrieb übersehen hat, bekommt Gestalt. Ein Übersetzer tritt auf den Umschlag. Ein Logo aus surrealistischer Fundgeschichte, nordafrikanischer Felszeichnung, Dogon-Maske, Minotaure-Archiv und Appropriationsdebatte wandert weiter. Der Verlag ist kein Denkmal für Axel Matthes. Er ist das Überleben einer Zumutung: Lesen als Risiko, Gestaltung als Erkenntnis, Übersetzung als zweite Geburt.
Die Null als Klammer um ein Jahrhundert
Zum neunzigsten Geburtstag sollte man Axel Matthes nicht glätten, nicht verklären, nicht erneut vor das Tribunal der alten Debatten führen, als ließe sich ein Verlegerleben dort vollständig erfassen. Man sollte ihn lesen wie eine seiner Reihen: mit Misstrauen, Vergnügen, philologischer Neugier, Sinn für Abwege. Matthes hat dem deutschen Lesen eine französische Unruhe eingepflanzt, eine Lust am Rand, am Exzess, am gefährlichen Kommentar. Er hat gezeigt, dass ein Verlag nicht nur Bücher herausbringen kann, auch Temperamente, Genealogien, Obsessionen, Feindschaften, Masken.
Die Null, die zu den neun Jahren des Kindes hinzugekommen ist, macht aus dem Leser keinen alten Mann. Sie macht aus ihm eine runde Klammer um ein Jahrhundert der Bücher. In dieser Klammer stehen Poproman und Bleisatz, Apollinaire-Beileger und Bloy-Pfahl, Sade-Philologie und Rimbaud-Fieber, Marx und Benjamin, München und Berlin. Axel Matthes hat nicht einfach verlegt. Er hat gelesen, bis aus der Lektüre eine Institution wurde.
Ein Demo-Fahrzeug als kleines Modell des großen Problems
Auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn sitzt Dominik Freiherr von Wolff Metternich nicht in einem Einsatzfahrzeug, das morgen in eine Lage fährt. Es ist ein nachgestelltes Demo-Fahrzeug für den Messebetrieb, ein generisches, geländegängiges Firmenfahrzeug. Gerade deshalb erzählt es viel. Es ist eine Bühne für Integration. Antennen, Kommunikationsmittel, Bedienelemente für unbemannte Luft- und Bodensysteme, Einbauten verschiedener Partner: Das Fahrzeug zeigt, was Sicherheitsfähigkeit heute verlangt. Nicht das einzelne Gerät zählt. Entscheidend ist sein Platz im Zusammenhang.
Von Wolff Metternich beschreibt das Fahrzeug als „Medium“, in das jeder Partner auf dem Gemeinschaftsstand einbringen könne, was er beizutragen hat. Dort lassen sich Kommunikationsmittel, Antennen von Comrod oder Bedienelemente für unbemannte Systeme so zeigen, dass aus Einzelkomponenten eine mobile Lösung wird. Aus einer Messekabine wird ein kleines Labor des Sicherheitsökosystems. Das Fahrzeug fragt nicht: Wer hat das beste Produkt? Es fragt: Was passt zusammen, was lässt sich bedienen, warten, bewegen, vernetzen, im Einsatz nutzen?
Der abstrakte Begriff Sicherheitsökosystem bekommt hier einen Körper. Ein Ökosystem entsteht nicht durch große Worte. Es entsteht durch Anschlussstellen. Antenne an Fahrzeug. Bediengerät an Nutzer. Sensor an Lagebild. Kommune an Land. Polizei an Bundeswehr. Betreiber an Krisenstab. Industrie an Beschaffung. Ein Teil, das für sich glänzt, hilft wenig, falls es im Gefüge nicht spricht.
Die offenen Flanken des Sicherheitsverbunds
Von Wolff Metternich leitet bei der Mosolf-Gruppe Sales Defense. Die Business Unit Special Vehicles kommt ursprünglich aus der Welt der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Mosolf rüstet Polizeistreifenwagen in Nordrhein-Westfalen aus und arbeitet mit Bundesbehörden. Aus dieser Erfahrung heraus geht das Unternehmen nun stärker in die Verteidigung.
Wer die Ausrüstung, Ausbildung, Beschaffungspraxis und Handlungsmöglichkeiten der Polizeien von Bund und Ländern kennt, erkennt auch die offenen Flanken des deutschen Sicherheitsverbunds. Gerade im Zusammenspiel von Bundeswehr, Heimatschutz, Landesbehörden und Bundesbehörden sei „noch Luft nach oben“, sagt von Wolff Metternich.
Dieser Satz passt in die Bonner Gesamtdebatte. Das Projekt „Sicherheitsökosystem 2030“ kreist um genau diese Leerstelle. Deutschland besitzt viele Fähigkeiten. Polizei, Bundeswehr, Bundesbehörden, Länder, Kommunen, Betreiber kritischer Infrastruktur, Industrie und Hilfsorganisationen können in ihren Feldern stark sein. Das macht noch kein belastbares Ganzes. Der Ernstfall prüft nicht die Einzelqualität. Er prüft die Übergänge.
Drohnenabwehr als Realitätstest des Rechts
Bei der Drohnenabwehr wird aus der Architekturfrage ein harter Praxistest. Das novellierte Luftsicherheitsgesetz schafft keine militärische Hauptzuständigkeit im Inland. Die Gefahrenabwehr bleibt bei den Polizeibehörden von Bund und Ländern. Die Streitkräfte leisten bei der Abwehr unbemannter Luftfahrzeuge Amtshilfe. Der neue Paragraf 15a des Luftsicherheitsgesetzes erweitert ihre Befugnisse: Auf Anforderung der Bundes- oder Landespolizei können sie tätig werden, in engen Grenzen auch mit Waffengewalt, um einen besonders schweren Unglücksfall abzuwenden. Dazu zählen etwa Angriffe auf kritische Infrastruktur oder Sabotage an Flughäfen. Das Entscheidungsverfahren wurde für Eilfälle beschleunigt; die Entscheidung liegt beim Bundesministerium der Verteidigung, das frühere Benehmen mit dem Bundesinnenministerium entfällt.
Von Wolff Metternich liest diese Neuregelung nicht als bequeme Lösung. Durch das novellierte Luftsicherheitsgesetz gebe es „eigentlich eine klare Aufgabenzuweisung“. Alles, was Drohnenabwehr mit Waffengewalt betreffe, liege nun bei der Bundeswehr. Doch er schiebt sofort die operative Begrenzung nach: Die Bundeswehr baue schnelle Reaktionskräfte auf, aber „bundesweit kritische Infrastruktur mit den Kräften der Bundeswehr mit Waffengewalt zu schützen, ist ein hoher Anspruch“.
Recht klärt Zuständigkeit. Es schafft keine flächendeckende Präsenz. Es stellt keine Bediener. Es bewegt keine Fahrzeuge. Es ersetzt keine lokalen Kenntnisse. Unterhalb des Waffeneinsatzes sieht von Wolff Metternich die Polizeien weiter gefordert. Mit elektronischer Störung, mit Jamming, mit mobilen Einheiten könne man viel leisten, auch falls nicht jede Drohne abgewehrt werde. Wichtig sei, dass solche Systeme in der Fläche verfügbar werden. Nicht jede Polizeidienststelle müsse alles haben. Aber in einer Gebietskörperschaft könne ein mobiles Kommando nötig sein, das Drohnenabwehr betreibt. Im Rheinland oder Ruhrgebiet, wo kritische Infrastruktur dicht liegt, brauche man „sicherlich auch noch einen größeren Kräfteansatz“.
Die Fläche widerlegt die Zentralphantasie
Drohnenabwehr klingt nach Technik. Tatsächlich führt sie in Geographie, Zuständigkeit und Infrastruktur. Wer schützt ein Umspannwerk, einen Hafen, eine Raffinerie, ein Rechenzentrum, eine Bahntrasse, ein Krankenhaus, eine Wasseranlage? Wer erkennt eine Drohne, wer bewertet die Absicht, wer entscheidet über Störung oder Waffeneinsatz, wer trägt Verantwortung, wer hält Material und Personal vor?
Von Wolff Metternichs Hinweis auf Energieversorgung geht in die gleiche Richtung. Die deutsche Energielandschaft sei „polypolistisch“ aufgestellt: Windräder, Solarfelder, kommunale Betreiber, private Gesellschaften, Spezialdienstleister, lokale Entscheidungen. Das könne man „gar nicht zentralistisch lösen“. Bei Krankenhäusern beobachte man bereits, dass Schlüsseldienstleister und Einrichtungen über eigene Notstromversorgung nachdenken. Doch oft entscheidet eine Betreiber-GmbH oder Kommune. Landes- oder Bundesmittel seien ihm dafür nicht ohne Weiteres bekannt.
Das ist die unbequeme Lage: Kritische Infrastruktur ist kein Schaltpult in Berlin. Sie ist eine Landschaft aus Eigentümern, Betreibern, Kommunen, Regulierern, Dienstleistern, Netzen, Verträgen und Verwundbarkeiten. Der Staat kann Verantwortung nicht einfach ausrufen, falls die operative Verfügung woanders liegt. Er braucht Beziehungen in die Fläche, finanzielle Anreize, abgestimmte Lagebilder, geübte Meldewege und mobile Fähigkeiten.
Mittelstand als Sicherheitsreserve
Von Wolff Metternich hält Deutschland nicht für unfähig. „Was wir schon können in diesem Land ist, wenn die Not erkannt ist, auch wirklich schnell und pragmatisch zu handeln“, sagt er. Der Satz hat Gewicht, weil ihm sofort die Einschränkung folgt: „Der Punkt ist aber in meinen Augen noch nicht wirklich erreicht.“ In drei Jahren könne viel geschehen. Doch dafür müssten sich große Hersteller und Anbieter stärker öffnen. Kleine und mittlere Unternehmen sollten als Teil eines Produktionsnetzwerks akzeptiert werden. „Es muss nicht jeder kleine Zulieferer gleich Teil eines Großkonzerns sein. Das ist vielleicht sogar gar nicht wünschenswert.“
Das ist eine wirtschaftspolitische Aussage von erheblicher Reichweite. Die Sicherheitsökonomie der kommenden Jahre darf nicht nur auf Großprogramme und Großauftragnehmer schauen. Sie braucht spezialisierte Integratoren, regionale Nähe, Anpassungsgeschwindigkeit, Produktionstiefe, Wartungskompetenz und praktische Nutzerkenntnis. Der Mittelstand ist keine Randfigur der Verteidigungsfähigkeit. Er kann Sicherheitsreserve sein, falls seine Fähigkeiten in Netzwerke eingebunden werden.
Das Demo-Fahrzeug zeigt diese Logik anschaulich. Es ist kein Monolith. Es ist ein Träger für Beiträge. Ein Partner liefert Antennen, ein anderer Bedienkonzepte, weitere liefern Kommunikation, Sensorik, Einbauten, Energie, Software, Schutz oder Wartung. In solch einer Struktur steckt mehr Gegenwart als in mancher Hochglanzstrategie. Sicherheitsfähigkeit entsteht heute häufig zwischen Firmen, nicht nur in einer Firma.
Ein alter Name führt zu einer alten Staatsfrage
Der Name Wolff Metternich führt in eine rheinische Geschichte von Adel, Katholizismus, Preußen, Reichspolitik und Diplomatie. Interessant ist daran nicht das Dekor. Interessant ist die Lage zwischen alten Bindungen und neuer Staatlichkeit. Die rheinischen Eliten mussten sich im 19. Jahrhundert zu einem preußisch-deutschen Staat verhalten, der Verwaltung, Militär, Infrastruktur und Kommunikation mit neuer Härte ordnete.
Paul Graf Wolff Metternich trat 1882 in den Auswärtigen Dienst ein und machte Karriere als deutscher Diplomat, unter anderem in Wien, Paris, London und später als Botschafter in Großbritannien. Sein Werdegang liegt genau in jener Epoche, in der das Reich seine Instrumente der Macht verdichtete: Heer, Diplomatie, Eisenbahn, Telegrafie, Reichspost, Telefonie.
Der preußische Heeres- und Verfassungskonflikt zeigt diese Dynamik. Die Reform des Heeres wurde zur Staatskrise. Es ging um Budgetrecht, politische Führung, Wehrpflicht, Organisationsmacht und die Frage, wer über Sicherheitsfähigkeit entscheidet. Bismarcks Aufstieg hängt mit diesem Konflikt zusammen. Roon, Moltke, Eisenbahn, Telegrafie, Generalstab und Mobilmachung standen nicht isoliert nebeneinander. Sie gehörten zu einer neuen Staatsmaschine der Geschwindigkeit.
Der Gegenwartsbezug liegt nicht in Bewunderung für den autoritären Staat. Er liegt in der Strukturfrage. Sicherheitsreformen greifen immer tiefer als in Beschaffungslisten. Wer heute über Drohnenabwehr, Heimatschutz, Operationsplan Deutschland, kritische Infrastruktur, Kommunikation, Mittelstand und Wehrpflicht spricht, berührt den Staat als Ganzes.
Clausewitz, Moltke und das Problem der unvollständigen Lage
Clausewitz dachte Krieg als politisches Geschehen unter Ungewissheit. Sein Begriff der Reibung bleibt modern: Informationen fehlen, Absichten bleiben undeutlich, Zufälle stören, Systeme versagen, Menschen irren. Moltke organisierte darauf eine Antwort: Auftrag, Bewegung, technische Beschleunigung, Eisenbahn, Telegrafie, Generalstab.
Auch das Sicherheitsökosystem 2030 muss mit unvollständiger Lage arbeiten. Eine Drohne über kritischer Infrastruktur ist nicht sofort eindeutig. Ein Cyberangriff tarnt seine Herkunft. Ein Stromausfall kann technischer Defekt, Sabotage, Folgefehler oder Angriff sein. Die erste Meldung ist fast immer unvollständig. Trotzdem muss entschieden werden. Wer dann erst Kontaktlisten sucht, verliert Zeit.
Das Demo-Fahrzeug ist daher ein gutes Bild. Es versammelt Kommunikation, Mobilität und Bedienbarkeit. Es steht für Führung im Raum. Nicht jedes Problem lässt sich aus einem Lagezentrum lösen. Manchmal muss Fähigkeit fahren können.
Heinrich von Stephan und der Staat als Kommunikationsunternehmen
Der technologische Faden führt zu Heinrich von Stephan. Er ist aus dem öffentlichen Gedächtnis weitgehend verschwunden, obwohl er als Leiter der Reichs-Post- und Telegrafenverwaltung an einer der großen Modernisierungen des Kaiserreichs beteiligt war. Entscheidend ist nicht seine Beamtenkarriere. Entscheidend ist seine unternehmerische Leistung im Dienst des Staates. Als Chef der Reichs-Post- und Telegrafenverwaltung hat er am Übergang einer agrarisch geprägten Gesellschaft in eine Industriegesellschaft mitgewirkt; heute ließe sich von einem Beitrag zur Informationsgesellschaft sprechen.
Stephan verband 1876 Post und Telegrafie. Das war Organisationspolitik, Machtpolitik und Betriebswirtschaft zugleich. Die Telegrafie war teuer und defizitär, die Post besaß Fläche, Personal und Organisation. Durch die Zusammenführung wurden Direktionen gebündelt, Stellen eingespart und Netze für den Betrieb nutzbar gemacht. Die seit 1877 mit Telefonen betriebenen ländlichen Telegrafenlinien dienten nicht nur dem Publikum, sie halfen bei Instruktion und Kontrolle des Personals.
In seinem Rundschreiben von 1888 empfahl Stephan den Oberpostdirektoren, innerhalb der Verwaltung stärker mündlich über den Fernsprecher zu arbeiten. Die Zeit des langatmigen schriftlichen Aktenverkehrs sei vorbei; man habe Postanstalten, Telegrafenlinien, Kurse und Häuser zu bauen, „nicht Registraturen“.
Dieser Satz trifft eine alte deutsche Krankheit: Verwaltung kann sich mit Vorgängen beschäftigen, während die Lage Handlung verlangt. Stephan sah Kommunikation als Führungsmittel. Ein Staat, der schnell kommuniziert, kann schneller steuern. Ein Staat, der seine Netze nicht versteht, verliert Geschwindigkeit. Beim Status der E-Akte in Deutschland kommt man ins Grübeln, ob die Schnelligkeit des Generalpostmeisters von Stephan heute wirklich erreicht wird.
Kreuzberg vor Kalifornien
Berlin-Kreuzberg war im 19. Jahrhundert ein Verdichtungsraum der Telekommunikation. In der Schöneberger Straße nahe dem Anhalter Bahnhof gründeten Werner von Siemens und Johann Georg Halske 1847 ihre Telegraphen-Bauanstalt. Dort begann eine Industriegeschichte, die elektrische Nachrichtentechnik und später Telefonie zu Staats- und Wirtschaftsfragen machte.
Der Vergleich mit dem Silicon Valley ist keine Gleichsetzung. Kalifornien steht für Wagniskapital, digitale Plattformen und Softwareökonomie. Kreuzberg stand für Telegrafen, Kabel, Werkstätten, Postverwaltung, militärische und staatliche Nachfrage, industrielle Erfindung und öffentliche Infrastruktur. Doch die Funktion war verwandt: Ein Raum brachte Technik, Staat und Markt in Bewegung.
Stephan erkannte den Fernsprecher früh. Im Herbst 1877 ließ er Bell-Apparate praktisch erproben. Er sah den Nutzen für Stadtfernsprechnetze und für den Ausbau des Telegrafennetzes. Deutschland machte den Fernsprecher dem öffentlichen Verkehr früher dienstbar als die USA. Das ist mehr als eine historische Kuriosität. Deutschland war in einer frühen Kommunikationsrevolution nicht Nachzügler. Der Staat konnte Technik aufnehmen, organisieren, skalieren und mit Industrie verbinden. Diese Erinnerung ist für die Gegenwart schmerzhaft produktiv. Sie zeigt, dass Trägheit kein deutsches Schicksal ist.
Netze als Macht und Verwundbarkeit
Stephans Telekommunikationspolitik hatte immer auch eine sicherheitspolitische Seite. Der Ausbau unterirdischer Telegrafenkabel wurde mit militärstrategischer Bedeutung und schneller Mobilmachung begründet. Das Telegrafengesetz von 1892 zog auch Fernsprechanlagen in den staatlichen Regelungsanspruch.
In der Debatte spielte die Sorge vor ausländischer Beherrschung des deutschen Telefonwesens eine Rolle. Das Telefonnetz wurde damit zum Gegenstand nationalstaatlicher Sicherheitspolitik.
Der Satz könnte aus einer heutigen Diskussion über Cloud, 5G, Unterseekabel, Satellitenkommunikation oder Rechenzentren stammen. Netze sind nie bloß Netze. Sie transportieren Abhängigkeit, Macht, Tempo, Verwundbarkeit und Steuerungsfähigkeit. Wer sie kontrolliert, prägt Handlungsspielräume. Wer ihren Ausfall nicht vorbereitet, macht sich erpressbar.
Kommunikationsausfall als moderne Urangst
Beim Ahrtal kommt von Wolff Metternich auf den Ausfall des Mobilfunknetzes zurück. Bis zum Ende des Kalten Krieges habe es ein paralleles Netz über den Zivilschutz gegeben. Ob man wieder eine eigene Organisation brauche, die Kommunikation im Kriegs- und Krisenfall aufrechterhält? „Vielleicht. Wird aber schwierig sein.“
Diese knappe Antwort taugt mehr als lange Bekenntnisse. Ein paralleles Kommunikationssystem klingt überzeugend, bis Kosten, Personal, Frequenzen, Betrieb, Wartung, Übungen, Zuständigkeiten und Akzeptanz auf dem Tisch liegen. Doch gerade diese Schwierigkeit macht das Thema zentral. Kommunikation ist nicht Komfort. Sie ist die Nervenbahn des Staates.
Heinrich von Stephan hätte diese Frage sofort verstanden. Seine Reichspost war nicht nur eine Dienstleistung für Briefe und Telegramme. Sie war Verdichtungsinfrastruktur. Sie machte Verwaltung, Wirtschaft, Militär und Gesellschaft schneller. Das Sicherheitsökosystem 2030 muss eine ähnliche Aufgabe unter demokratischen, föderalen, digitalen und privatwirtschaftlichen Bedingungen lösen.
Wehrpflicht als Personalfrage des Systems
Von Wolff Metternichs deutlichster politischer Wunsch betrifft die Wehrpflicht. Man müsse sich bei diesem Thema „langsam wirklich ehrlich“ machen und den notwendigen nächsten Schritt gehen. Aus seiner Sicht gilt: „Fakt ist, wir werden all die Dinge, die wir bis 2029 umsetzen wollen, ohne eine wirkliche Wehrpflicht nicht umsetzen können.“
Das ist eine harte These, weil sie die Technikdebatte auf den Boden zieht. Fahrzeuge fahren nicht ohne Menschen. Drohnenabwehr arbeitet nicht ohne Bediener. Heimatschutzregimente erfüllen keine Aufgaben ohne Personal, Führung, Ausbildung, Logistik und Mobilität. Von Wolff Metternich verweist darauf, dass diese Verbände große geografische Räume abdecken. Um ihren Auftrag wahrzunehmen, müssten die Kompanien mobil sein. Das Demo-Fahrzeug sei für jeden geeignet, der „in diesem Gesamtverbund Gesamtverteidigung unterwegs ist“: vom Führungsfahrzeug für Landespolizeien und das Bundeskriminalamt bis zu militärischen Nutzern.
Das Sicherheitsökosystem ist daher auch ein Personalökosystem. Die Bundesrepublik kann Plattformen kaufen, Netze planen, Gesetze ändern und Fahrzeuge integrieren. Ohne Menschen, die diese Systeme bedienen, warten, führen, schützen und trainieren, bleibt alles Gerät.
Die neue Verbindungsordnung
Der Weg von Dominik Freiherr von Wolff Metternich zu Heinrich von Stephan ist kein Umweg. Er führt zum Kern. Beide erzählen, in sehr unterschiedlichen Zeiten, von der gleichen Staatsfrage: Wie werden einzelne Fähigkeiten zu einem System?
Im 19. Jahrhundert entstanden aus Heeresreform, Eisenbahn, Telegrafie, Reichspost, Telefonie, Industrie und Verwaltung neue Formen staatlicher Geschwindigkeit. Im 21. Jahrhundert müssen Drohnenabwehr, Spezialfahrzeuge, Cloud, Cybersecurity, mobile Führung, kritische Infrastruktur, Zivilschutz, Heimatschutz, Polizei, Bundeswehr, Kommunen, Betreiber und Mittelstand zusammenfinden.
Die Vergangenheit liefert kein Modell zum Kopieren. Sie liefert ein Sensorium. Sicherheit entsteht durch Verbindung. Strategie ohne Infrastruktur bleibt Absicht. Infrastruktur ohne Führung bleibt Material. Führung ohne Kommunikation bleibt stumm. Kommunikation ohne Redundanz bleibt Schönwettertechnik.
Das Demo-Fahrzeug auf der AFCEA zeigt diese Logik im Kleinen. Es führt Komponenten zusammen, damit aus ihnen Einsatzfähigkeit werden kann. Genau das muss Deutschland im Großen leisten. Der Staat des 19. Jahrhunderts lernte, Post, Telegraf, Telefon, Eisenbahn, Heer, Verwaltung und Industrie aufeinander zu beziehen. Der Staat des 21. Jahrhunderts muss Daten, Netze, Fahrzeuge, Personal, Infrastruktur und Verantwortung so verbinden, dass Handlungsfähigkeit nicht erst in der Krise improvisiert wird.
Am Anfang stand ein Irrtum über die sogenannten Cargo-Kulte. Der Westen sah Bambusflugzeuge, geschnitzte Kopfhörer, Landebahnen im Gras und glaubte, die Sache sei erledigt: primitive Nachahmung, magisches Denken, ein ethnologisches Kuriosum für die Vitrine der eigenen Überlegenheit. Dass hier Menschen die Zeichen einer fremden Machtordnung lasen, dass sie Güterströme, Gewalt, Mission, Militär und Technik in eine Deutung überführten, die ihnen das Überleben in einer kolonial verwüsteten Welt ermöglichen sollte, passte nicht in die bequeme Erzählung. Der Westen hielt und hält das immer noch für Aberglauben. Man braucht nur in diverse Management-Publikationen, Kolumnen und Vortragsfolien schauen. #CargoKult
Mit Kafka ist es ähnlich. Nur dass der Bambus hier ein Adjektiv ist. „Kafkaesk“ heißt heute alles, was unbequem, verworren, amtlich, undurchschaubar oder bloß lästig ist. Ein verlorener Antrag: kafkaesk. Eine schlechte Hotline: kafkaesk. Eine Dienstreise mit Formular C17: kafkaesk. Der Begriff hat sich so weit ausgedehnt, dass er kaum noch etwas bezeichnet. Er funktioniert wie ein kultureller Reflex, wie ein Seufzer mit Bildungsanspruch. Man sagt „kafkaesk“ und meint: Ich habe mich kurz vor der Wirklichkeit erschreckt. Kafka aber ist in diesem Wort nicht aufgehoben. Er ist darin verschwunden.
Der Massentourismus liebt Kafka als Kulisse, nicht als literarische Zumutung
In Prag, dieser schönen und überverwerteten Stadt, lässt sich das Missverhältnis zwischen Namen und Lektüre besichtigen. Draußen drängen sich Reisegruppen durch die Altstadt, zwischen Karlsbrücke, Bierkneipen, Konzertwerbern und jenen Lokalen, die den erschöpften Fremden mit historischer Dekoration und kulinarischem Gleichmut empfangen. Die Stadt ist voll von Versprechen: Mozart in Kostümfassung, Mittelalter bei Kerzenlicht, Gulasch für Eilige, Spiritualität im Eintrittspreis.
Und dann das Kafka-Museum: fast leer. Das ist keine Randnotiz. Es ist ein Befund. Kafka ist als Signatur allgegenwärtig, als Lektüre abwesend. Man besucht Prag, kauft vielleicht eine Tasse mit seinem Gesicht, streift eine Ausstellung, hält kurz inne vor der berühmten Stirn, und flieht dann zurück in die laute Behaglichkeit der Stadtverwertung. Kafka eignet sich zum Souvenir. Seine Literatur stört.
Der Satz aus dem Museum, „Das gesellschaftliche Leben geht im Kreis vor sich“, wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Kommentar zur Gegenwart. Man reist, um Erfahrungen zu sammeln, und findet überall die vorbereitete Erfahrung. Man sucht das Authentische und steht in der Schlange vor seiner Kopie. Man klagt über Touristenfallen und gehört, kaum hat man den Satz ausgesprochen, schon selbst zur Falle. Kafka hätte daraus keinen Kulturpessimismus gemacht. Er hätte die Sache genauer angesehen.
Der Beamte des Unheimlichen war kein Nebelwerfer
Die gängige Rede vom Kafkaesken stellt sich Kafka gern als Spezialisten des Unbestimmten vor, als Lieferanten von Albtraumarchitektur, als Autor dunkler Gänge, endloser Akten und metaphysischer Verlorenheit. Das ist nicht falsch, aber bequem. Denn es enthebt uns der Mühe, hinzusehen, wie konkret dieser Autor arbeitete.
Kafka schrieb aus einer Welt der Ämter, Familiengewalten, Sprachkonflikte, sozialen Scham, jüdischen Selbstbefragung und politischen Zerreißproben. Er war kein dekorativer Prophet des Absurden. Er war ein Schriftsteller der präzisen Unfreiheit. Das Unheimliche seiner Texte entsteht nicht aus Nebel, sondern aus Genauigkeit. Die Tür ist da. Der Wächter ist da. Das Gesetz ist da. Nur der Zugang bleibt versperrt.
David Zane Mairowitz und Robert Crumb haben in ihrer Kafka-Darstellung gerade diese Erdung stark gemacht: den Sohn, den Beamten, den Prager Juden, den Mann zwischen Sprachen, Vatermacht und Geschichte. Crumbs Zeichnungen machen aus Kafka keinen Marmorheiligen, sondern eine Figur unter Druck: schmal, nervös, beobachtend, eingezwängt in Räume, die kleiner wirken als seine Angst.
Das ist die eigentliche Rettung vor dem Adjektiv. Kafka wird wieder Körper. Wieder Biographie. Wieder soziale Erfahrung.
Der Prozess als Komödie der Entwürdigung
Man vergisst gern, dass Kafka komisch ist. Nicht freundlich komisch, nicht erleichternd, nicht kabarettistisch. Aber komisch in jenem grausamen Sinn, in dem ein Mensch plötzlich merkt, dass seine Demütigung auch eine Szene hat. Seine Freunde lachten, als er aus dem „Prozess“ vorlas. Dieses Lachen widerlegt nicht den Schrecken. Es verschärft ihn.
Josef K. ist keine bloße Chiffre. Er ist auch ein Mann, der seine Würde bewahren möchte und dabei immer tiefer in die Lächerlichkeit gerät. Die Beamten, die Zimmer, die Gespräche, die falschen Zuständigkeiten, die erotische Verwirrung, die halbprivaten Amtsräume: Alles ist schief, aber nichts ist zufällig. Kafka hat die große Kunst beherrscht, ein System als Milieu erscheinen zu lassen. Die Gewalt kommt nicht im Donner. Sie kommt durch Nebentüren.
Gerade hier versagt das Wort „kafkaesk“. Es macht aus einer literarischen Konstruktion eine Stimmung. Aus Analyse wird Atmosphäre. Aus Architektur wird Tapete. Kafka aber war kein Tapetenmaler des Schreckens.
Der Vater, das Amt und die lange Schule der Schuld
Zu Kafkas großen Erfahrungen gehört die Schuld vor der Anklage. Nicht erst das Gericht spricht sie aus. Sie ist bereits im Körper. In der Stimme. Im Blick des Vaters. In der eigenen Unfähigkeit, sich zu behaupten. Der berühmte Brief an den Vater ist kein bloßes Familienprotokoll. Er ist ein Dokument über die Entstehung innerer Gerichtsbarkeit.
Der Sohn übernimmt die Instanz, vor der er zittert. Genau darin liegt die Härte. Macht braucht nicht immer Ketten, gelegentlich genügt Erziehung. Kafka hat diese Verinnerlichung so radikal beschrieben, dass seine Texte bis heute modern wirken. Nicht weil sie „zeitlos“ wären, dieses faule Ehrenwort der Nichtleser. Sie sind modern, weil die Gegenwart noch immer solche Instanzen hervorbringt: Unternehmen, Verwaltungen, Familien, Staaten, Öffentlichkeiten, die Menschen erklären, sie seien frei, während sie längst ihre Anklageschrift selbst verfassen. Das ist nicht absurd. Das ist vertraut.
Prag verkauft den Namen, Kafka verweigert die Ware
Prag hat Kafka nachträglich adoptiert, verwaltet, bebildert, vermarktet. Dabei war sein Verhältnis zur Stadt alles andere als behaglich. Er gehörte dazu und nicht dazu. Deutschsprachig in einer tschechischen Umgebung, jüdisch in einer christlich geprägten Welt, europäisch und provinziell zugleich, zart und scharf, krank und hellwach. Die Nationen wollten Eindeutigkeit. Kafka war eine Zumutung für jede Eindeutigkeit.
Das macht ihn für heutige Identitätsmärkte schwer verwendbar. Man kann sein Gesicht drucken, aber nicht seine Unzugehörigkeit verkaufen. Man kann ihn in Stadtpläne einzeichnen, aber nicht in Besitz nehmen.
Mairowitz und Crumb zeigen auch diese politische Nachgeschichte: Kafka als Objekt ideologischer Aneignung, als Figur zwischen Verbot, Wiederentdeckung, Gedenkpolitik und touristischer Verwertung. Aus dem Autor wird ein Emblem, aus dem Emblem ein Geschäft.
Der Mann, der so genau über fremde Verfügung schrieb, wurde selbst verfügt.
Die Ehrenrettung beginnt mit dem Abschied vom Wort
Kafka braucht keine Rettung vor seinen Lesern. Er hat Schlimmeres überstanden. Er braucht Rettung vor jenen, die ihn nicht lesen müssen, weil sie bereits sein Adjektiv besitzen. Der inflationäre Gebrauch von „kafkaesk“ ist eine kleine kulturelle Enteignung. Er nimmt Kafka die Präzision und ersetzt sie durch Effekt.
Dabei wäre die Gegenleistung einfach: langsamer lesen. Den Witz hören. Die Amtsstube riechen. Die Familiengewalt nicht metaphysisch verklären. Den historischen Kafka nicht unter dem mythischen begraben. Das Unheimliche nicht zu schnell ins Allgemeine entlassen.
Kafka schrieb nicht, damit wir für unsere kleinen Irritationen ein großes Wort haben. Er schrieb, weil die Welt, in der Menschen leben, oft Verfahren gegen sie eröffnet, ohne ihnen die Akte zu zeigen. Er schrieb, weil Sprache selbst eine Vorladung sein kann. Weil man in einem Zimmer stehen und dennoch nicht anwesend sein darf. Weil ein Mensch verurteilt werden kann, bevor er weiß, welche Rolle ihm zugedacht wurde. Das ist viel mehr als „kafkaesk“. Und viel gefährlicher.
Königs Antwort ist klar. Ein neues Konzept nützt wenig, falls es in der Umsetzung stecken bleibt. Gerade bei Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz müsse ein gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem praktisch eingeübt werden. Ohne Training bleibe selbst das beste Konzept wirkungslos.
Deutschland kündigt an, andere üben
Der Satz, der das Gespräch trägt, ist hart: Deutschland ist stark im Ankündigen und schwach in der Umsetzung. Er trifft einen Nerv der deutschen Verwaltungskultur. Konzepte werden geschrieben, Zuständigkeiten vermerkt, Gremien eingerichtet, Papiere verabschiedet. Danach entsteht zu oft die gefährliche Illusion, ein Problem sei bearbeitet, weil es beschrieben wurde.
Das Gespräch führt an dieser Stelle zu Ländern, in denen Gefahr nicht als Ausnahme vom Alltag behandelt wird. Japan übt wegen Erdbeben und Naturkatastrophen über alle Altersgruppen hinweg. Norwegen widmet ein ganzes Jahr dem Thema Verteidigungsfähigkeit. In Deutschland bleibt häufig der Warntag: ein Signal, ein Test, ein Haken auf der Liste.
König greift diesen Vergleich auf und verschärft ihn mit seiner Bewertung. Ein Warntag, der nicht in echte Übung eingebettet ist, bleibt Flickwerk. Er bedient Checklisten, erzeugt aber noch keine Fähigkeit. Sirenen, die im Test ausfallen, sind nicht nur ein technischer Mangel. Sie sind ein Hinweis auf fehlende Systemdisziplin. Entscheidend sei eine koordinierte Anstrengung mit klarer Leitlinie, Auftrag, Ausführung, Rückmeldung und überprüfbarem Übungsergebnis.
Eine Übung stört Routinen. Sie zeigt Fehler. Sie blamiert Verfahren. Genau deshalb ist sie unersetzlich. Nur unter Übungsdruck zeigt sich, ob Bund, Länder, Kommunen, Behörden, Betreiber kritischer Infrastrukturen, Schulen, Kliniken, Einsatzkräfte und Bevölkerung wirklich zusammenfinden.
Leitlinien reichen nicht, Verantwortung muss greifen
König spricht über gemeinschaftliche Anstrengung, Koordination und eine klare Leitlinie. Aus seiner Soldatenerfahrung wählt er eine Sprache, die in zivilen Strukturen selten beliebt ist: Auftrag erteilen, Ausführung verlangen, Ergebnis melden. Dahinter steht kein Kasernenreflex. Dahinter steht die Einsicht, dass Krisenfähigkeit ohne Verantwortlichkeit zerfällt.
Gerade das Projekt „Sicherheitsökosystem 2030“ kann hier mehr leisten als Diagnose. König erwartet von der Untersuchung Leitfaden und Leitplanken. Sie soll nicht in der Schublade enden. Sie soll zeigen, was zu tun ist, wer handeln muss und wie Ergebnisse überprüft werden.
Das ist wirtschaftspolitisch relevant. Die Sicherheitsarchitektur der kommenden Jahre wird nicht allein von Ministerien gebaut. Sie hängt an Cloud-Anbietern, Telekommunikationsunternehmen, Energieversorgern, Softwarehäusern, Logistikern, Kliniken, Rechenzentren, Kommunen und Verteidigungsindustrie. Ohne klare Verantwortung entsteht ein Markt voller Lösungen, aber kein belastbares System.
Die Meldekette ist der Stresstest
Besonders konkret wird das Gespräch beim Ahrtal. Das Beispiel zeigt, dass Datenerfassung und Lagebeobachtung nicht zwingend das eigentliche Problem sind. Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe war durchaus erkennbar, was sich entwickelte. Die Schwierigkeit lag in der Meldekette. Zwischen Bund, Ländern und Kommunen kam die Information nicht so an, dass daraus rechtzeitig Handlung wurde.
König nimmt diesen Punkt auf und führt ihn zur zentralen Schwachstelle zurück: Hätte man die Abläufe vorher ernsthaft geübt, wären die Brüche in der Meldekette sichtbar geworden. Es geht also nicht zuerst um die Frage, ob Cloud, künstliche Intelligenz oder ein automatisiertes Security Operations Center zur Verfügung stehen. Technik kann helfen. Sie ersetzt aber nicht die durchgängige Kette von der Entstehung der Daten bis zu ihrer Verwertung in der konkreten Handlung.
Ein Warnsignal, das oben verstanden wird und unten folgenlos bleibt, ist kein Lagebild. Es ist ein Hinweis auf eine unterbrochene Verantwortungsstrecke. Genau hier liegt die Lehre aus dem Ahrtal für das Sicherheitsökosystem 2030: Daten müssen nicht nur erhoben, ausgewertet und gespeichert werden. Sie müssen in Zuständigkeit, Entscheidung und Verhalten übersetzt werden. Erst dann entsteht aus Information Sicherheit.
Für Google Cloud ist diese Antwort anspruchsvoll. Ein Cloud-Unternehmen könnte die Debatte auf Technologie ziehen. König tut das nicht. Er rückt das Zusammenspiel in den Vordergrund. Entscheidend ist nicht allein, welche digitale Infrastruktur verfügbar ist. Entscheidend ist, ob Prozesse, Zuständigkeiten, Training und Rückmeldung ineinandergreifen. Die beste Plattform bleibt wirkungslos, falls die Meldekette bricht.
Daten brauchen einen Weg bis zur Handlung
Für die Wirtschaft ist dieser Gedanke zentral. Deutschland diskutiert viel über souveräne Cloud, sichere Datenräume, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Plattformarchitekturen. All das gehört zum digitalen Rückgrat eines Sicherheitsökosystems. Doch König verschiebt die Frage: Nicht die Verfügbarkeit einer Technologie entscheidet. Entscheidend ist die Fähigkeit, Daten in Handlung zu übersetzen.
Das beginnt bei der Erfassung. Es geht weiter über Bewertung, Priorisierung, Weiterleitung, Verständlichkeit, Zuständigkeit und Rückmeldung. Am Ende muss jemand handeln: eine Kommune evakuieren, ein Betreiber ein Netz sichern, eine Klinik Kapazitäten melden, eine Schule schließen, ein Lagezentrum warnen, ein Krisenstab entscheiden. Wird diese Kette nicht geübt, wird sie im Ernstfall nicht plötzlich funktionieren.
Hier liegt die wirtschaftliche Brisanz. Ein Sicherheitsökosystem schafft Nachfrage nach Technologie. Doch die eigentliche Wertschöpfung entsteht erst, sobald Technologie in Verfahren eingebettet wird. Wer nur Lizenzen beschafft, kauft noch keine Resilienz.
Analog und digital gehören zusammen
König führt die Debatte an einen Punkt, der auch im Interview mit Arvato Systems wichtig wurde: Digitale Systeme brauchen analoge Rückfallebenen. Im Ahrtal zeigte sich, dass ein Kurbelradio plötzlich Wert besitzt. Bei Ausfall von Strom oder Mobilfunk können Megafon, Radio, Meldeblock und Bleistift wichtiger sein als jedes Dashboard. König erinnert daran, dass ein Bleistift auch auf nassem Papier schreibt.
Dieser Satz wirkt klein. Er ist groß. Er trennt robuste Sicherheitsarchitektur von digitaler Selbstzufriedenheit. Eine resiliente Gesellschaft braucht Hochtechnologie und einfache Mittel. Cloud und Meldeblock. Datenplattform und Lautsprecher. Künstliche Intelligenz und Bleistift. Nicht als Gegensatz. Als System mit Rückfallebenen.
Für einen Cloud-Manager ist diese Aussage bemerkenswert. Sie zeigt, dass Public-Sector-Technologie erst dann erwachsen wird, sobald sie ihren eigenen Ausfall mitdenkt. Ein Staat, der nur digital warnen kann, warnt nicht sicher. Eine Verwaltung, die nur online arbeitet, bleibt im Stromausfall nicht handlungsfähig. Eine Meldekette, die nur unter Idealbedingungen funktioniert, verdient den Namen nicht.
Wiederholung macht aus Konzepten Fähigkeiten
König bringt eine alte militärische Erfahrung in die zivile Sicherheitsdebatte zurück: Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Dieser Satz klingt altmodisch. Er ist aktueller als viele Innovationsbegriffe. Deutschland verliert Zeit, weil es zu oft glaubt, Einsicht ersetze Übung. Sie tut es nicht.
Eine Gesellschaft lernt Krise nicht durch Broschüren. Sie lernt durch Training. Schulen, Kommunen, Unternehmen, Kliniken, Behörden und Haushalte müssen wissen, was im Ausfall geschieht. Nicht theoretisch. Praktisch. Mit Fehlern, Auswertung, Wiederholung und Erfolgskontrolle.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Ankündigung und Fähigkeit. Eine Warn-App ist kein Bevölkerungsschutz. Ein Cloud-Vertrag ist keine Krisenfestigkeit. Ein Lagezentrum ist keine Handlungsfähigkeit. Ein Konzept ist kein Ergebnis.
Der Eigentümer der Aufgabe fehlt
Am Ende formuliert König seinen Wunsch an die Untersuchung. Sie soll ein klares Fazit liefern. Im Idealfall brauche es einen Verantwortlichen, der die Ergebnisse annimmt, daraus einen Auftrag macht und sich die Resultate melden lässt.
Das ist vielleicht der entscheidende wirtschaftspolitische Punkt. Deutschland hat viele Beteiligte, viele Interessen, viele Ebenen. Was oft fehlt, ist der Eigentümer einer Aufgabe. Ohne einen solchen Adressaten verdunsten Studien, Positionspapiere und Programme in der Zuständigkeitslandschaft. Mit ihm kann aus Analyse Umsetzung werden.
Für das Projekt „Sicherheitsökosystem 2030“ ist Königs Interview daher ein Maßstab. Die Untersuchung darf nicht nur zeigen, wo Lücken liegen. Sie muss die Frage nach Verantwortung stellen. Wer trägt die Umsetzung? Wer übt? Wer misst? Wer korrigiert? Wer meldet Ergebnis?
Bernd Königs Beitrag ist kein Werbetext für Cloud. Gerade das macht ihn interessant. Er zeigt, dass moderne Sicherheitsarchitektur digitale Leistungsfähigkeit braucht, aber nicht an ihr endet. Cloud kann Daten verfügbar machen, Skalierung ermöglichen, Auswertung beschleunigen und Zusammenarbeit erleichtern. Doch ohne Übung, Zuständigkeit, Meldekette und analoge Rückfallebene bleibt sie Infrastruktur ohne Wirkung.
Der wirtschaftliche Blick auf dieses Gespräch führt zu einer einfachen Einsicht: Die Sicherheitsökonomie der kommenden Jahre entscheidet sich nicht nur an Beschaffungsetats. Sie entscheidet sich daran, ob Staat und Wirtschaft gemeinsam verlässliche Abläufe erzeugen. Technologiekonzerne, Mittelstand, Infrastrukturbetreiber, Behörden und Einsatzorganisationen werden daran gemessen werden, ob ihre Lösungen im Ernstfall tragen.
Königs Interview löst die bequeme Rollenverteilung auf. Der Staat kann Verantwortung nicht an Anbieter delegieren. Anbieter können Wirkung nicht durch Produktversprechen ersetzen. Beide müssen üben, messen und liefern.
Das Sicherheitsökosystem 2030 braucht deshalb weniger Glanz in der Ankündigung und mehr Strenge in der Ausführung. Die Aufgabe heißt nicht, das nächste Konzept zu schreiben. Die Aufgabe heißt, ein Land übungsfähig zu machen.
Deutschland diskutiert über Staatsschulden oft, als handle es sich um eine Entscheidung zwischen fiskalischer Tugend und politischem Gestaltungswillen. Diese Gegenüberstellung führt in die Irre. Schulden sind ein Instrument intertemporaler Allokation. Der Staat zieht Kaufkraft aus künftigen Haushalten in die Gegenwart. Tragfähig wird diese Operation erst bei nachweisbarem Aufbau eines öffentlichen Kapitalstocks, der spätere Einkommen, Produktivität und Steuereinnahmen erhöht.
Für die Finanzpolitik unter Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ist damit der Prüfmaßstab klar. Höhere Kreditaufnahme lässt sich wachstumspolitisch nur rechtfertigen, falls aus den Krediten zusätzliche produktive Investitionen entstehen. Eine bloße Verschiebung vorhandener Ausgaben aus dem Kernhaushalt in ein Sondervermögen verändert die Finanzierung, aber nicht den realen Kapitalstock. Dann bleibt die Zinslast real, der Wachstumseffekt dagegen vage.
Der Prüfstein der neuen Finanzpolitik
Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität soll über zwölf Jahre 500 Milliarden Euro kreditfinanzierte Mittel bereitstellen. Politisch verkauft wird es als Antwort auf veraltete Infrastruktur, schwache Standortbedingungen und geringe Wachstumskräfte. Diese Begründung ist finanzwissenschaftlich vertretbar, aber nur unter einer harten Bedingung: Die Mittel müssen zusätzlich und produktiv eingesetzt werden.
An dieser Stelle setzt das ifo Institut an. Es fragt, ob die zusätzliche Kreditaufnahme tatsächlich zu zusätzlichen Investitionen führt. Die Antwort für das Jahr 2025 fällt für die Bundesregierung ungünstig aus. Das Problem liegt nicht in der Existenz investiver Titel. Es liegt in der fehlenden Zusätzlichkeit.
Die ifo-Rechnung: viel Kredit, kaum zusätzliche Investition
Das ifo verwendet als Referenz die Investitionsquote des Kernhaushalts von 2024. Sie betrug, bereinigt um ausgabenseitige finanzielle Transaktionen, 10,83 Prozent. Übertragen auf den Kernhaushalt 2025 ergibt sich daraus ein hypothetisch erforderliches Investitionsniveau von 51,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen das Investitionsniveau des Klima- und Transformationsfonds von 2024 in Höhe von 17,8 Milliarden Euro sowie die SVIK-Kreditaufnahme von 24,3 Milliarden Euro. Daraus entsteht eine hypothetische Investitionssumme von 93,8 Milliarden Euro.
Tatsächlich investierte der Bund nach dieser Methodik 2025 nur 69,9 Milliarden Euro. Davon entfielen 39,2 Milliarden Euro auf den Kernhaushalt, 13,3 Milliarden Euro auf das Sondervermögen und 17,4 Milliarden Euro auf den Klima- und Transformationsfonds. Die Investitionslücke beträgt damit 23,9 Milliarden Euro. Ins Verhältnis gesetzt zur Kreditaufnahme des Sondervermögens von 24,3 Milliarden Euro ergibt sich eine Zweckentfremdungsquote von 98,4 Prozent.
Auch die einfachere Vorjahresrechnung zeigt den Befund. Die zusätzliche Schuldenaufnahme des SVIK lag bei 24,3 Milliarden Euro. Die tatsächlichen Investitionen des Bundes stiegen gegenüber 2024 aber nur um 1,3 Milliarden Euro. Je zusätzlichem Schulden-Euro kamen rechnerisch nur gut 5,3 Cent als zusätzliche Investition an. Das ist für eine als Investitionsoffensive begründete Kreditaufnahme zu wenig.
Aus der Investitionsoffensive wird eine Haushaltsoperation
Die entscheidende Kritik lautet daher nicht, dass überhaupt keine investiven Ausgaben getätigt wurden. Der Kern liegt tiefer: Der Kernhaushalt wurde entlastet, während Investitionen aus laufender Finanzierung in Kreditfinanzierung wanderten. Ökonomisch relevant ist aber nicht der Titel, aus dem eine Ausgabe bezahlt wird. Relevant ist der zusätzliche Beitrag zum öffentlichen Kapitalstock.
Damit verändert sich die Bewertung der neuen Schulden. Aus einer Wachstumsstrategie wird eine Haushaltsoperation, sobald Kreditmittel bestehende Ausgaben ersetzen. Der Staat verbessert dann seine kurzfristige Beweglichkeit, erkauft sie aber mit künftigen Zins- und Tilgungslasten. Der behauptete Wachstumsausgleich bleibt unsicher.
Der Investitionsbegriff entscheidet über die Wahrheit der Zahlen
Noch schärfer wird der Befund bei einem engeren Investitionsbegriff. Die haushaltsrechtliche Definition der Bundeshaushaltsordnung ist weit. Sie erfasst auch Darlehen, Beteiligungen und Gewährleistungen, deren unmittelbarer Beitrag zur öffentlichen Infrastruktur fraglich sein kann. Nach einer Bundesbank-nahen Infrastrukturdefinition kommt das ifo für 2025 auf eine Investitionslücke von 25,5 Milliarden Euro. Die Zweckentfremdungsquote erreicht 104,8 Prozent.
Dieser Wert zeigt, wie stark die politische Erzählung von der Definition abhängt. Ein weiter Investitionsbegriff erleichtert die formale Rechtfertigung. Ein enger ökonomischer Begriff prüft, ob neue Straßen, Schienen, Netze, digitale Verwaltungsstrukturen, Bildungsinfrastruktur oder Energiekapazitäten entstehen. Für die Schuldentragfähigkeit zählt dieser engere Blick.
Eine FU-Frage aus dem Jahr 1984 gewinnt neue Aktualität
Die theoretische Einordnung liefert eine finanzwissenschaftliche Seminararbeit aus dem Sommersemester 1984 an der Freien Universität Berlin, eingereicht bei Professor Werner Steden. Ihr Thema lautete: „Gibt es eine optimale Staatsverschuldung? Das Problem der intertemporalen Allokation.“ Der Titel passt präzise in die Gegenwart.
Die Arbeit behandelte Staatsverschuldung nicht als moralisches Verdikt, aber auch nicht als politische Verfügungsmasse. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie staatliche Kreditaufnahme, Investitionsstruktur, Sparquote, Zinssatz und Produktivität zusammenwirken. Staatliche Verschuldung kann optimal sein, falls sie produktive staatliche Tätigkeit finanziert, staatliches Kapital private Investitionen ergänzt und künftige Produktionsmöglichkeiten erhöht. Sie verliert diese Qualität, sobald sie konsumtive Ausgaben verdeckt oder bestehende Investitionen nur anders finanziert.
Die Gleichung hinter der Schuldenpolitik
Eine optimale Staatsverschuldung existiert nicht als Schlagwort. Sie existiert nur als Bedingung. Der soziale Ertrag zusätzlicher öffentlicher Investitionen muss Finanzierungskosten und Nebenlasten übersteigen. In Kurzform:
a · Rg > r + c
Dabei steht a für den Anteil der Kreditaufnahme, der tatsächlich zusätzliche produktive Investitionen erzeugt. Rg bezeichnet den sozialen Ertrag dieser Investitionen. r steht für die Finanzierungskosten. c umfasst Nebenlasten wie Ineffizienz, Verdrängung privater Investitionen, Preisauftrieb im Bau, Planungsengpässe und administrative Reibungsverluste.
Die politische Rechtfertigung der neuen Schulden steht vor allem mit a. Bei einem hohen Wert kann über Renditen, Prioritäten und Kapazitäten gestritten werden. Bei einem sehr niedrigen Wert bricht die wachstumspolitische Begründung zusammen. Genau hier liegt die Sprengkraft der ifo-Zahlen für 2025.
Die Wachstumsbegründung trägt bislang nicht
Nach der kontrafaktischen ifo-Rechnung lag der Anteil tatsächlich zusätzlicher Investitionen 2025 praktisch bei null. Nach der einfachen Vorjahresbetrachtung lag er bei gut fünf Prozent. Damit müsste der Ertrag des kleinen zusätzlichen Investitionsanteils extrem hoch sein, um die gesamte Kreditaufnahme zu rechtfertigen.
Diese Konstellation ist finanzpolitisch riskant. Die Zinslast entsteht sicher. Der Wachstumseffekt hängt an realen Projekten, Baufortschritt, Genehmigungen, Verwaltungsfähigkeit und Produktivität. Eine Regierung, die Investitionsschulden aufnimmt, muss daher mehr liefern als Planansätze. Sie muss nachweisen, dass reale zusätzliche Investitionen entstehen.
Der Bundeshaushalt kann den Fehlstart korrigieren
Der nächste Bundeshaushalt bietet trotzdem eine Chance. Der schwache Start 2025 hatte Sondereffekte: vorläufige Haushaltsführung, späte Verabschiedung des Errichtungsgesetzes, verzögerter Mittelabfluss und mögliche Kapazitätsgrenzen im Tiefbau. Diese Faktoren erklären nicht alles, aber sie eröffnen ein positives Szenario.
Nach der ifo-Projektion sinkt die Zweckentfremdungsquote in der mittelfristigen Planung deutlich gegenüber 2025. Für 2026 werden 32,0 Prozent ausgewiesen, für 2027 28,7 Prozent, für 2028 34,9 Prozent und für 2029 39,5 Prozent. Zusammengerechnet ergibt sich für 2026 bis 2029 eine Investitionslücke von 67,0 Milliarden Euro. Die aus den ifo-Quoten ableitbare SVIK-Kreditaufnahme liegt in diesem Zeitraum bei rund 198 Milliarden Euro. Daraus folgt eine gewichtete Zweckentfremdungsquote von etwa 33,8 Prozent.
Das wäre weiterhin zu hoch. Gegenüber dem fast vollständigen Ausfall von 2025 wäre es aber ein klarer Fortschritt. Der Bundeshaushalt 2027 könnte diesen Pfad glaubwürdig machen, indem er höhere Ist-Investitionen im Kernhaushalt absichert, Planungsstaus abbaut und die Mittelverwendung transparent ausweist.
Der Kernhaushalt braucht Investitionsdisziplin
Der Kernhaushalt darf nicht zur Verschiebemasse werden. Die 10-Prozent-Investitionsquote muss im Haushaltsvollzug gelten, nicht nur im Plan. Eine Quote, die nur als Eintrittskarte für den Zugriff auf Kreditmittel dient, setzt falsche Anreize. Haushaltsrechtliche Erfüllung reicht nicht. Entscheidend ist die realisierte Investition.
Ein tragfähiger Haushalt sollte daher geplante Investitionen, realisierte Investitionen und zusätzliche Nettoinvestitionen getrennt ausweisen. Erst diese Trennung zeigt, ob der öffentliche Kapitalstock wächst oder ob nur bestehende Programme anders finanziert werden. Für die mittelfristige Finanzplanung wäre das ein Signal an Kapitalmärkte, Unternehmen und Steuerzahler: Die neue Verschuldung folgt einer Wirkungsrechnung.
Gute Schulden brauchen einen engeren Investitionsbegriff
Das positive Szenario verlangt zudem einen präziseren Investitionsbegriff. Darlehen, Beteiligungen und Finanztransaktionen sollten separat ausgewiesen werden. Vorrang verdienen Ausgaben, die unmittelbar den öffentlichen Kapitalstock erhöhen oder private Investitionen ermöglichen: Schienenwege, Brücken, Energieinfrastruktur, digitale Verwaltung, Bildungs- und Forschungsinfrastruktur, Krankenhäuser, Netze und Planungsbeschleunigung.
Noch aussagekräftiger wäre eine Orientierung an Nettoinvestitionen. Ersatzinvestitionen sind notwendig, erhöhen aber den Kapitalstock nicht. Für die intertemporale Rechtfertigung der Schulden zählt der Zuwachs an produktivem Staatsvermögen. Eine mittelfristige Finanzplanung, die diese Größe sichtbar macht, wäre ein echter Fortschritt gegenüber der bloßen Pflege von Haushaltstiteln.
Reformen entscheiden über den Multiplikator
Investitionen wirken nur bei einem Staat, der sie umsetzen kann. Deutschlands Problem ist nicht allein fehlendes Geld. Es liegt auch in langen Planungszeiten, komplizierten Vergabeverfahren, fragmentierter Zuständigkeit und begrenzten Baukapazitäten. Zusätzliche Kredite allein lösen diese Bremsen nicht.
Das positive Szenario verbindet daher Investitionsmittel mit Reformen. Schnellere Genehmigungen, klare Prioritäten im Verkehr, digitale Beschaffung, ein Ende kleinteiliger Förderprogramme und eine strengere Ausgabenprüfung würden den Multiplikator der Kreditaufnahme erhöhen. Dann steigt nicht nur die Ausgabensumme. Dann steigt die Wirkung je Euro.
Staatliche Investitionen als Auslöser privater Dynamik
Öffentliche Investitionen können private Investitionen verdrängen, vor allem bei knappen Kapazitäten und steigenden Finanzierungskosten. Sie können private Investitionen aber auch anziehen. Das gilt, sobald sie Engpässe beseitigen, Planungssicherheit schaffen und Standortkosten senken. Eine leistungsfähige Schiene, schnelle Verwaltungsverfahren, verlässliche Energieinfrastruktur und moderne Bildungsinstitutionen erhöhen die Rendite privater Investitionen.
Das ist der Fall, den die Theorie optimaler Staatsverschuldung zulässt. Staatliche Kreditaufnahme dient dann nicht als Ersatz für private Dynamik. Sie schafft Voraussetzungen für private Dynamik. Genau hier liegt die Chance für den nächsten Bundeshaushalt und die mittelfristige Finanzplanung.
Eine Zweckentfremdungsbremse gehört zur Schuldenregel
Die Reform der Schuldenregel sollte daher nicht nur über Defizitspielräume sprechen. Sie braucht eine zweite Sicherung: eine Zweckentfremdungsbremse. Wer Investitionsschulden aufnimmt, muss zeigen, dass die Investitionen zusätzlich sind. Der Nachweis sollte jährlich erfolgen, auf Basis einer BHO-Definition, einer engeren Infrastrukturdefinition und einer Nettoinvestitionsbetrachtung.
Ein solches Monitoring würde die politische Debatte verändern. Nicht der Umfang eines Sondervermögens stünde im Zentrum, vielmehr der tatsächliche Kapitalstockeffekt. Damit ließe sich auch der Konflikt zwischen Investitionsbedarf und Schuldentragfähigkeit entschärfen. Gute Schulden würden sichtbar. Schlechte Schulden würden schwerer kaschierbar.
Klingbeils Chance liegt in der Korrektur
Klingbeils Finanzpolitik steht damit an einem Wendepunkt. Der Start des Sondervermögens war schwach. Das muss kein Endurteil sein. Ein Bundeshaushalt, der die Investitionsquote im Ist erhöht, Umschichtungen aus dem Kernhaushalt begrenzt und echte Nettoinvestitionen ausweist, könnte die wachstumspolitische Begründung der neuen Schulden wieder stärken.
Der Maßstab ist anspruchsvoll, aber fair. Deutschland kann höhere Schulden tragen. Es kann jedoch keine schlechte Verwendung neuer Schulden ignorieren. Die eigentliche Grenze heißt nicht Kreditaufnahme. Sie heißt Wirkung. Aus Kredit muss Kapital werden. Andernfalls bleibt nur Konsum auf Pump mit investivem Etikett.