
Das Gespräch zwischen Gerhard Johann Lischka und Friedrich Kittler ist nicht einfach ein Interview über Medien. Es ist selbst schon eine kleine Szene jener historischen Verschiebung, die Kittler beschreibt: Die Theorie löst sich vom Primat des Sinns und wendet sich den materiellen Bedingungen zu, unter denen Sinn überhaupt erst zirkulieren kann. Lischka fragt noch aus einer Tradition der Geistes- und Kunstwissenschaft heraus nach Inhalten, Herkunft, Epochen und Geschlechterordnungen; Kittler antwortet mit einer radikalen Verschiebung des Blicks. Nicht das, was gesagt wird, ist zuerst entscheidend, sondern das, wodurch, worin und unter welchen technischen Bedingungen etwas überhaupt sagbar, speicherbar und übertragbar wird. In dieser Perspektive erscheinen Schreibmaschine, Telefonie, Grammophon und Computer nicht als neutrale Hilfsmittel einer schon bestehenden Kultur, sondern als Einschnitte, die Wahrnehmung, Macht, Arbeit, Geschlechterverhältnisse und Begriffsbildung selbst neu organisieren.
Technik als Geschichte überraschender Wirkungen
Gerade darin liegt die Brillanz des Gesprächs: Kittler erzählt Technik nicht als Fortschrittsgeschichte, sondern als Geschichte überraschender Wirkungen. Medien tun nie nur das, wofür sie erfunden wurden. Sie erzeugen Seiteneffekte, Rückkopplungen, Verwerfungen. Eine Schreibmaschine beschleunigt nicht bloß das Schreiben; sie verschiebt die soziale Geometrie des Büros. Telefonie verbindet nicht einfach Stimmen über Distanz; sie installiert ein neues Regime der Frequenzen, der Vermittlung und der Arbeitsteilung. Der Computer vereinheitlicht nicht lediglich Daten; er hebt die alten Grenzziehungen zwischen Bild, Ton und Schrift auf, weil ihre Outputs an denselben universellen Diskretapparat anschließbar werden. Kittlers Denken ist deshalb so folgenreich, weil es Technik nicht funktionalistisch, sondern genealogisch auffasst: Jede mediale Innovation produziert Wirkungen, die ihre Erfinder weder planen noch kontrollieren.
Von Foucault zum medientechnischen Archiv
Lischkas erste große Frage zielt auf Kittlers Herkunft: Woher kommt das Interesse an Medien als Medien? Kittlers Antwort ist aufschlussreich. Er setzt bei Foucault an, aber gerade an der Stelle, an der Foucault für ihn nicht weit genug geht. Wenn Archive bis in die Moderne die „letzte reelle Basis“ sind, dann wird entscheidend, dass sich seit dem späten 19. Jahrhundert das Archiv vervielfacht und technisch ausdifferenziert: Nicht mehr alles schreibt sich in Alltagssprache, Buch und Bibliothek ein; Töne, Bilder, Signale und maschinenschriftliche Texte treten als eigene Speicher- und Übertragungsformen hinzu. Kittlers berühmte Geste besteht darin, Bücher „differenzialdiagnostisch“ gegen andere Medien abzusetzen. Das Buch verliert seinen metaphysischen Nimbus und wird zu einem Medium unter anderen. Damit ist die romantische Illusion angegriffen, Literatur könne die Welt unmittelbar vergegenwärtigen, als höre oder sähe man sie selbst. Gerade weil Bücher um 1800 so selbstverständlich lesbar geworden sind, können sie diese Halluzination stiften. Die Pointe Kittlers ist dann kühn: Vielleicht hat gerade diese psychische Verheißung der Romantik den Wunsch nach technischen Apparaten induziert, die Wahrnehmung nicht mehr imaginär, sondern maschinell implementieren. Das 19. Jahrhundert baut dann jene Maschinen, die die Literatur versprochen, aber nie materiell eingelöst hatte.
Die Maschine als materialisierte Sehnsucht
Hier wird die Erfindungsgeschichte des Grammophons oder der Fotografie auf verblüffende Weise entromantisiert und zugleich vertieft. Kittler insistiert darauf, dass manche dieser Apparate technisch durchaus früher hätten gebaut werden können. Ihre verspätete Ankunft verlangt also keine bloß ingenieurwissenschaftliche, sondern eine kulturhistorische Erklärung. Nicht weil die Mechanik fehlte, sondern weil der Wunsch fehlte, erscheinen sie erst dann, als eine Epoche bereits gelernt hat, Sinnesdaten als reproduzierbar zu begehren. Technik entsteht damit nicht aus nackter Rationalität, sondern aus historisch erzeugten Imaginationen. Die Maschine ist nie nur kalte Apparatur; sie ist materialisierte Sehnsucht. Genau in diesem Sinn ist Kittlers Mediengeschichte eine Geschichte überraschender Wirkungen: Nicht die Erfindung allein erklärt ihre Folgen, sondern umgekehrt die symbolischen und psychischen Regime, die erst den Drang erzeugen, Wahrnehmung technisch zu externalisieren.
Die Schreibmaschine und der Umbau des Büros
Am eindringlichsten wird diese Logik am Beispiel der Schreibmaschine. Kittler beschreibt nicht bloß einen Wechsel des Schreibwerkzeugs, sondern einen Strukturbruch. Solange Schrift an Handschrift gebunden ist, bleibt sie in den kulturellen Prestigeordnungen männlicher Bildung verankert. Das 19. Jahrhundert erscheint in seiner Lesart als Herrschaft schreibender Männer, als Allianz von Bildungsstaat, Beamtenschaft und Buchkultur. Um 1800 sind Frauen von den strategischen Positionen der Schreibmacht weitgehend ausgeschlossen, selbst wenn sie private Briefe und Gefühlsprosa verfassen dürfen. Dann jedoch tritt die Schreibmaschine auf — und gerade ihre zunächst unterschätzte Banalität wird historisch explosiv. Männer in Büros wollen bei der Handschrift bleiben; arbeitslose junge Frauen entdecken das Gerät und drängen mit ihm in die Verwaltung, in Kontore, in die Börse. Binnen kürzester Zeit dreht sich das Geschlechterverhältnis im Büro. Der Apparat demokratisiert hier nicht einfach, sondern eröffnet eine Lücke, die eine zuvor ausgeschlossene Gruppe besetzen kann. Technik emanzipiert nicht aus sich selbst; aber sie destabilisiert alte Monopole, gerade weil ihre neuen Möglichkeiten von den etablierten Akteuren zunächst verkannt werden.
Telefonie, Stimme und neue Arbeitskörper
Ähnlich liest Kittler die Telefonie. Auch sie ist nicht bloß Kommunikationsfortschritt, sondern eine Maschine sozialer Neuverteilung. Aus „Frequenzgründen“, wie er lakonisch sagt, werden Frauen massenhaft in die Vermittlungsämter eingestellt. Die Stimme wird zur technischen Ressource; Geschlecht erscheint nicht mehr nur als soziale Rolle, sondern als variable im Dispositiv der Übertragung. Das ist medienwissenschaftlich von größter Bedeutung. Denn hier zeigt sich, dass Technik nicht auf einen abstrakten Menschen trifft, sondern auf Körper, deren Eigenschaften in Apparatesysteme eingelesen werden. Die berühmte Telefonistin, die Stenotypistin, die Schreibmaschinistin: Das sind keine Randfiguren der Moderne, sondern ihre Interfaces aus Fleisch und Blut. Kittler macht sichtbar, dass technische Systeme um 1900 menschliche Bedien- und Vermittlungsinstanzen benötigen und diese Instanzen ihrerseits neue Machtpositionen, Berufsbilder und Selbstverhältnisse erzeugen. Was wie eine bloße Rationalisierung der Kommunikation aussieht, erweist sich als Umbau des Sozialen.
Mediengeschichte als Mikropolitik
Gerade an diesem Punkt wird die eigentliche Schärfe von Kittlers Denken sichtbar: Medienwandel ist nie nur Medienwandel. Er ist Umbau von Arbeitsformen, Wahrnehmungsordnungen und Subjektformen. Deshalb erscheint auch die Episode um Nietzsche und Lou Andreas-Salomé im Gespräch nicht als Anekdote, sondern als Symptom. Die defekte Schreibmaschine, der halb blinde Philosoph, die erbetene Sekretärin, die Zürcher Studentin: In dieser Konstellation kondensiert, was Kittler zeigen will. Die Maschine ersetzt den Körper nicht einfach; sie reorganisiert die Umgebung des Körpers, die Delegation von Schreibarbeit, die Nähe zwischen Intellekt und Assistenz, die Geschlechtercodierung von Bildung. Mediengeschichte ist hier Mikropolitik. Aus Apparaten gehen neue Intimitäten, neue Abhängigkeiten und neue Rollen hervor. Die technische Neuerung handelt gleichsam hinter dem Rücken ihrer Benutzer. Ihre überraschende Wirkung besteht darin, dass sie nicht dort eingreift, wo man sie vermutet — im Werkzeuggebrauch —, sondern dort, wo eine Gesellschaft ihre Grenzen zieht: zwischen geistiger und mechanischer Arbeit, zwischen öffentlich und privat, zwischen männlich und weiblich.
Turing, Computer und die herrschende Siliziummacht
Mit Turing und dem Computer radikalisiert sich diese Entwicklung. Kittler liest das Turing-Spiel nicht nur als Testfall für künstliche Intelligenz, sondern als symptomatische Matrix einer doppelten Auslöschung. Im ersten Modell des Spiels geht es um Mann und Frau; im zweiten um Mensch und Maschine. Der Clou seiner Lesart liegt darin, dass die spätere Ununterscheidbarkeit von Mensch und Computer auf einer bereits vorausgesetzten Kommunizierbarkeit über Teleprinter, also über entkörperlichte Schrift, aufruht. Das Interface der Moderne ist nicht länger die leibhaftige Sprecherin im Stöpselamt, sondern das diskrete Zeichen im Netz. Wenn sich Mensch und Maschine unter diesen Bedingungen nicht mehr sicher unterscheiden lassen, dann wird auch die Geschlechterdifferenz für Kittler sekundär gegenüber der Macht des Siliziums. Sein drastischer Satz, die „herrschende Siliziummacht“ interessiere sich nicht weiter für unsere Unterscheidungen, benennt eine historische Schwelle: Dort, wo Maschinen nicht mehr nur Teil eines Mensch-Maschine-Systems sind, sondern Operationen selbständig verarbeiten, verliert das humanistische Vokabular seine Selbstverständlichkeit.
Der Computer als Metamedium
Das heißt allerdings nicht, dass Kittler einen simplen Technodeterminismus vertritt. Seine Pointe ist subtiler. Je universaler der Computer wird, desto weniger lassen sich Medien noch als voneinander getrennte Sphären behandeln. Grammophon, Film und Schreibmaschine waren für ihn um 1900 die elementaren Speichertechniken jenseits des Buches. Seit der Turing-Maschine aber werden ihre Outputs in einen gemeinsamen Verarbeitungsraum übersetzt. Bilder, Töne, Texte, Messwerte: alles kann Eingang in dieselbe diskrete Operation finden. Genau darin liegt die eigentliche Revolution. Medien verschwinden nicht; sie werden komputabel. Der Computer ist deshalb nicht nur ein weiteres Medium, sondern ein Metamedium, das die alten Differenzen auf einer höheren Ebene neu ordnet. Mit dieser Diagnose verschiebt sich auch die Aufgabe der Medienwissenschaft. Sie darf nicht bei der Ikonographie der Oberflächen stehenbleiben, sondern muss an die Architekturen der Verarbeitung, an Bus-Systeme, Adressierungsformen, Taktungen, Codierungen heran. Medienkritik wird zur Kritik der Operationsketten.
Von der Inschrift zum blätterbaren Buch
Bemerkenswert ist, dass Kittler trotz aller Radikalität nie die longue durée aus dem Blick verliert. Im letzten Teil des Gesprächs führt er das Problem der Schrift weit vor 1800 zurück: auf Transportabilität, Blätterbarkeit, Adressierbarkeit. Nicht zufällig hebt er die Überlegenheit des transportierbaren Buches gegenüber ortsfesten Inschriften und die Überlegenheit des Kodex gegenüber der Rolle hervor. Hier zeigt sich ein Prinzip, das das ganze Gespräch durchzieht: Mediengeschichte ist die Geschichte von Zugriffserleichterungen. Ein Medium setzt sich nicht durch, weil es „wahrer“ wäre, sondern weil es beweglicher, adressierbarer, anschlussfähiger ist. In dieser Perspektive erscheint selbst Gutenberg nur noch als ein Moment in einer viel längeren Genealogie, in der die Blätterbarkeit des Kodex vielleicht folgenreicher ist als der Druck mit beweglichen Lettern. Wieder ist es die überraschende Wirkung, die zählt: Kleine technische Formen — die Seite, die Fußnote, das standardisierte mathematische Zeichen — verändern ganze Wissensordnungen. Friedrich_Kittler_lektoriert
Die Genealogie der Nebenfolgen
Vielleicht ist dies die tiefste Lehre des Gesprächs zwischen Lischka und Kittler. Technologische Veränderungen wirken selten dort, wo ihre zeitgenössischen Beschreibungen sie verorten. Die Schreibmaschine ist nicht nur eine schnellere Feder; sie ist ein Hebel der Feminisierung bürokratischer Arbeit und der Entkopplung von Schrift und Handschrift. Die Telefonie ist nicht nur Fernsprechen; sie ist die Einrichtung eines akustischen Regimes, das Stimmen sortiert und Arbeitskörper neu disponiert. Der Computer ist nicht nur Rechenmaschine; er ist die universale Operationsform, in der sich die bisherigen Medien ineinander übersetzen lassen. Und das Buch selbst war nie bloß Träger von Inhalten, sondern immer schon eine transportable, adressierbare, blätterbare Technik. Mediengeschichte ist deshalb keine Nebengeschichte zur Ideen- oder Sozialgeschichte. Sie ist deren oft unsichtbare Infrastruktur. Kittlers Größe im Gespräch mit Lischka liegt darin, diese Infrastruktur nicht bloß zu benennen, sondern ihre paradoxen, oft unerwarteten Effekte freizulegen. Wer nach der „Wirkung“ technischer Erfindungen fragt, erhält von ihm keine lineare Antwort. Er erhält eine Genealogie der Nebenfolgen — und damit vielleicht die präziseste Form, in der Medientheorie überhaupt historisch denken kann.
Zur Quelle des Gesprächs
Dass dieses Gespräch heute überhaupt in seiner historischen Dichte lesbar und hörbar wird, verdankt sich dem Kontext von „Am Nerv der Zeit“, jener vom ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, zugänglich gemachten Sammlung von Tondokumenten aus dem Archiv des Kulturphilosophen Gerhard Johann Lischka. Über 14 Stunden digital überarbeitetes Audiomaterial aus den Jahren 1974 bis 1990 versammeln dort Gespräche, Vorträge und performative Formate an der Schnittstelle von Kunst, Medien und Theorie; das Interview mit Friedrich Kittler steht somit nicht isoliert, sondern gehört in ein größeres Dispositiv des „aktuellen Denkens“, das Lischka mit bemerkenswerter Konsequenz aufgebaut hat. Wenn Lischka rückblickend davon spricht, Kunst, Medien und Theorie so vermischt haben zu wollen, dass der „Nerv der Zeit“ getroffen werde, dann bezeichnet dies präzise auch den Erkenntniswert des Kittler-Gesprächs: Es ist nicht nur ein Dokument einer Theorie, sondern selbst ein Medium jener intellektuellen Konstellation, in der Mediatisierung zum Namen einer Epoche wird. Gerade deshalb besitzt diese Quelle mehr als archivischen Wert — sie erlaubt, die Genealogie medientheoretischen Denkens nicht bloß nachzulesen, sondern in ihrer akustischen, zeitgeschichtlichen und institutionellen Situiertheit zu erfahren.
Siehe auch:
Mein Exkurs auf LinkedIn: Bücher als Männerwelt: Wie technische Medien die alte Schriftordnung durchbrachen











