Der Geist braucht keine Schonfrist vor der Maschine: Eine Replik auf Daniel M. Feige und Arnd Pollmann @ArndPollmann @DanielMFeige @philomagde

Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge – Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.

Daniel M. Feige, Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, und Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin, haben unter dem Titel „Digitale Entgeisterung“ eine Warnschrift gegen den Einzug generativer KI in die Geisteswissenschaften vorgelegt. Der Text will Bildung verteidigen. Er will Lesen, Denken, Schreiben, Gespräch, Urteilskraft und geistige Anstrengung retten. Dagegen wäre wenig einzuwenden. Doch seine Diagnose bleibt auf einem Stand stehen, der der gegenwärtigen technischen, didaktischen und sozialen Lage kaum gerecht wird.

Das Erstaunliche ist weniger die Sorge. Sorge gehört zum Geschäft der Aufklärung. Erstaunlich ist das Niveau der technischen Beschreibung. Noch immer wird von „Halluzinationen“, „Täuschungsmaschinen“ und simulierten Denkprozessen gesprochen, als stünden wir bei den ersten öffentlichen Versuchen mit generativen Sprachmodellen. Das klingt nach Hochschulfeuilleton im Jahr 2023. Die Studierenden sind vielerorts längst weiter. Sie experimentieren mit KI-Systemen, vergleichen Modelle, prüfen Quellen, lassen sich Gegenargumente liefern, bauen Gliederungen um, trainieren Präsentationen, korrigieren eigene Schwächen, schreiben schlechtere Prompts und bessere zweite Fassungen. Sie wissen meist sehr gut, dass ein Sprachmodell irren kann. Sie lernen nur schneller als manche Lehrenden, dass der pädagogische Gewinn gerade aus dieser Fehleranfälligkeit entstehen kann.

Die Halluzinationsrhetorik ist zu bequem geworden

Der Begriff der Halluzination war am Anfang brauchbar, weil er ein Problem sichtbar machte: Große Sprachmodelle erzeugen plausible Ausgaben, die faktisch falsch sein können. Inzwischen taugt dieser Begriff immer seltener zur Analyse. Er ist zu einer intellektuellen Ausweichbewegung geworden. Wer „Halluzination“ sagt, muss sich mit der Architektur der Systeme, mit Retrieval-Augmented Generation, Tool-Nutzung, Quellenprüfung, Modellvergleich, Agentenarchitekturen, multimodalen Schnittstellen, Feedbackschleifen und didaktischer Einbettung oft gar nicht mehr beschäftigen.

Dabei beginnt an dieser Stelle die Wissenschaft. Ein System, das plausible Fehler produziert, ist in der Lehre kein pädagogischer Totalschaden. Es ist ein Prüfstand. Studierende können an solchen Fehlern lernen, was Quellenkritik heißt, was Begründung heißt, was argumentative Kohärenz heißt, was ein Beleg leistet und was eine Behauptung kaschiert. Wer diesen Prüfstand aus der Universität verbannt, schützt nicht das Denken. Er konserviert Prüfungsformate, die schon lange vor ChatGPT geistig erschöpft waren.

Die Klage über fingierte Argumente und erfundene Quellen trifft einen realen Punkt. Aber sie trifft vor allem eine alte Schwäche der Hochschuldidaktik. Wer Hausarbeiten verlangt, die unter Zeitdruck, mit schwacher Betreuung und schematischen Bewertungskriterien entstehen, darf sich über simulierte Wissenschaftlichkeit kaum wundern. Die Maschine macht sichtbar, was im Seminarbetrieb ohnehin vorhanden war: Oberflächenroutine, Zitatmechanik, Sekundärliteraturtheater, Klausurwissen auf Abruf. Generative KI hat diese Praxis nicht erfunden. Sie hat sie automatisierbar gemacht.

Bildung scheitert nicht an KI, sie scheitert an schlechter Didaktik

Feige und Pollmann setzen Bildung gegen Output. Darin liegt zunächst ein richtiger Impuls. Bildung ist Prozess, Übung, Irritation, Gespräch, Selbstkorrektur. Doch aus dieser richtigen Beobachtung folgt nicht, dass KI diesen Prozess zerstört. Es folgt, dass die Didaktik endlich prozessfähig werden muss.

Wer KI lediglich als Abkürzung betrachtet, denkt vom alten Prüfungsregime her. In diesem Regime zählt das fertige Produkt: Klausur, Essay, Hausarbeit, Note. Genau dort wirkt KI wie Betrugsinstrument. Dreht man die Didaktik um, verändert sich der Gegenstand. Dann zählt die Entwicklung eines Gedankens: erste These, Gegenrede, Quellenprüfung, Modellkritik, mündliche Verteidigung, Überarbeitung, Transfer in ein Projekt, Reflexion des eigenen Vorgehens. Ein Sprachmodell wird in diesem Setting nicht zum Ersatz des Denkens. Es wird zum Widerpart, Sparringspartner, Störer, Korrektiv, Stichwortgeber, manchmal auch zum peinlichen Lieferanten von Unsinn, an dem man die eigene Urteilskraft schärft.

Die Aufgabe der Geisteswissenschaften läge also nicht darin, künstliche Intelligenz aus dem Bildungsprozess herauszuhalten. Ihre Aufgabe läge darin, neue Formen der geistigen Arbeit zu entwickeln. Wer heute noch so tut, als bestehe die Alternative aus analoger Reinheit hier und technokratischer Verflachung dort, unterschätzt die historische Lage.

„Herkunft gleich Zukunft“ ist der eigentliche Skandal

In Deutschland entscheidet Herkunft noch immer viel zu häufig über Zukunft. Wer aus einem bildungsfernen Elternhaus kommt, wer in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder in einem anderen abgestempelten Sozialraum aufwächst, trägt früh ein Etikett. Schule und Hochschule reden dann gern von Begabung, Leistung, Bildungsaspiration. Oft meinen sie damit Milieu, Adresse, Codes, Sprachstil und die Fähigkeit, sich in institutionellen Räumen so zu bewegen, als gehörten sie einem selbstverständlich. Etwa in Salem.

Genau hier wird die KI-Debatte sozialpolitisch. Individualisierte Lernsysteme können ein altes Versprechen neu operationalisieren: Förderung nach Bedarf, Tempo, Vorwissen, Fehlerprofil, Interesse und Lebenslage. Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirektor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), spricht in diesem Zusammenhang von „Losgröße 1“. Im Bildungsbereich heißt das: Ein System markiert nicht einfach eine falsche Antwort. Es erkennt Fehlkonzepte, schlägt individuelle Wege vor, bleibt dran, motiviert, wiederholt, variiert, erklärt anders, wechselt Medium und Schwierigkeit.

Das ist kein Ersatz für Lehrende. Es ist eine Entlastung von jener Gleichmacherei, die im deutschen Bildungssystem seit Jahrzehnten als Gerechtigkeit ausgegeben wird. Dreißig Lernende in einem Raum, ein Tempo, ein Arbeitsblatt, eine Klausur, eine Note: Das ist keine Bildungsgerechtigkeit. Es ist industrielle Formatierung.

KI kann diese Formatierung aufbrechen. Sie kann jenen helfen, die keinen Akademikerhaushalt als Nachhilfesystem im Rücken haben. Sie kann Übungsräume schaffen, in denen niemand ausgelacht wird. Sie kann in Bewerbungstrainings, Sprachförderung, Mathematik, wissenschaftlichem Schreiben und Projektarbeit jene Wiederholung leisten, für die im realen System oft niemand Zeit hat. Wer in der Geisteswissenschaft dazu nur „Betrug“ und „Täuschung“ ruft, übersieht die demokratische Chance.

Herbert W. Franke war weiter als manche Gegenwartsdiagnose

Der Wissenschaftler, Schriftsteller und Computerkunst-Pionier Herbert W. Franke hat früher als viele andere verstanden, dass technische Medien Lernprozesse radikal individualisieren können. Bei ihm war der Computer kein Feind der Bildung, vielmehr ein Instrument, um komplexe naturwissenschaftliche und mathematische Inhalte variabel, anschaulich und individuell zugänglich zu machen. Franke dachte in Lernpfaden, Rückmeldungen, Visualisierungen, Simulationen und Anpassung an den einzelnen Lernenden. Das ist Jahrzehnte her.

Interview mit dem Wissenschaftler Professor Herbert W. Franke

Gerade deshalb wirkt manche aktuelle KI-Kritik aus den Geisteswissenschaften so sonderbar alt. Sie verteidigt Bildung gegen Maschinen, als hätten wir es mit Rechenautomaten zu tun, die kleine Textfabriken betreiben. Franke dachte längst über hyperindividualisierte Lernarchitekturen nach, über Schule, Hochschule und berufliche Bildung. Heute haben wir die technischen Mittel, solche Konzepte im großen Maßstab zu erproben. Die angemessene Frage lautet also: Wie bauen wir Bildungsumgebungen, in denen KI individuelle Lernwege eröffnet und menschliche Lehrende jene Aufgaben übernehmen, die Gespräch, Konflikt, Wertung, Ermutigung und intellektuelle Zumutung im besten Sinn verlangen?

Lernen durch Lehren statt Prüfungsfolklore

Der Umbau beginnt bei den Rollen. Zusammen mit Professor Lutz Becker wurde für digitale Lehre ein Konzept ausgezeichnet, das auf „Lernen durch Lehren“ setzt. In solchen Formaten sind Studierende keine passiven Empfänger von Stoff. Sie werden zu Produzenten, Vermittlern, Kritikern und Gestaltern. An der Hochschule Fresenius ließ sich etwa in der Wirtschaftsethik zeigen, wie viel tiefer Studierende in eine Materie eindringen, sobald sie selbst erklären, moderieren, argumentieren und Verantwortung für das Lernsetting übernehmen.

Genau das ist der Gegenentwurf zur Klausurpädagogik. Wer Wissen auswendig lernen lässt, um es in neunzig Minuten abzufragen, muss sich nicht wundern, dass KI als Abkürzung erscheint. Wer dagegen Projektarbeit, Rollenwechsel, Quellenprüfung, reale Fallstudien, öffentliche Präsentation, Peer-Kritik, Portfolio-Arbeit und mündliche Verteidigung verbindet, bekommt eine andere Lernkultur. Dann wird KI zum Werkzeug innerhalb eines anspruchsvolleren Settings. Sie kann vorbereiten, irritieren, Material liefern, Gegenthesen formulieren, Fehler erzeugen, Alternativen zeigen. Der Mensch muss auswählen, prüfen, verantworten, erklären.

Das wäre geisteswissenschaftliche Bildung auf der Höhe der Zeit. Nicht die Verteidigung alter Formate mit Platon-Zitat und Angstvokabular, vielmehr eine Praxis, die den Begriff der Mündigkeit in die technische Gegenwart überführt.

Der falsche Gegensatz von Geist und Werkzeug

Feige und Pollmann haben recht, dass Bildung nicht im Besitz fertiger Inhalte aufgeht. Doch sie unterschätzen, dass geistige Prozesse immer schon an Medien, Werkzeuge, Institutionen und Praktiken gebunden waren. Buchdruck, Zettelkasten, Bibliothek, Seminar, Tafel, Exzerpt, Fußnote, Edition, Tonband, Datenbank, Suchmaschine: Der Geist trat nie nackt auf. Er arbeitete immer mit Apparaturen.

Friedrich Kittler, Professor für Medienwissenschaft, hätte die Vorstellung einer reinen Geisteswissenschaft ohne technische Bedingung vermutlich in die Nähe gepflegter Selbsttäuschung gerückt. Medien speichern, übertragen, sortieren und formatieren, was später als Denken erscheint. Die generative KI macht diese Medialität unübersehbar. Sie beendet nicht den Geist. Sie nimmt ihm seine Unschuld.

Die geisteswissenschaftliche Antwort kann daher nicht in technischer Abstinenz liegen. Sie muss in Medienkompetenz, Modellkritik, Quellenpraxis, epistemischer Demut und didaktischer Erfindungskraft liegen. Wer Studierende ernst nimmt, muss ihnen zeigen, wie man KI produktiv nutzt und wo man ihr widerspricht. Wer nur warnt, überlässt die Praxis den Plattformen.

Empathische KI als didaktischer Ernstfall

Wahlsters Überlegungen zur empathischen KI zeigen, wie weit die Debatte inzwischen ist. Es geht nicht um Maschinen mit Seele. Es geht um Systeme, die Emotionen erkennen, Verhalten anpassen und multimodal reagieren können. In Bildungskontexten bedeutet das: Ein System erkennt Frustration, Überforderung, falsche Sicherheit, Langeweile, Scheu oder wiederkehrende Fehlkonzepte. Es passt Aufgaben, Ton, Tempo, Visualisierung und Rückmeldung an. Das ist keine metaphysische Behauptung über Bewusstsein. Es ist angewandte Didaktik.

Wer hier nur „Simulation“ ruft, verfehlt den praktischen Punkt. Auch Lehrende arbeiten mit Modellen ihrer Studierenden. Sie schließen aus Tonfall, Blick, Schweigen, Fehlern und Nachfragen auf Verstehen oder Nichtverstehen. Sie irren dabei oft. Empathische KI kann solche Prozesse ergänzen, dokumentieren, variieren und skalieren. Sie darf nicht autonom über Bildungswege verfügen. Sie muss transparent, prüfbar, korrigierbar und begrenzbar sein. Doch ihre pauschale Abwertung zeugt weniger von Humanismus als von fehlender technischer Phantasie.

Die Geisteswissenschaften müssen ihr eigenes Curriculum befragen

Die eigentliche Krise liegt im Curriculum. Viel zu oft wird die Ausbildung in den Geisteswissenschaften noch über Kanon, Seminarreferat, Textzusammenfassung, Hausarbeit und Klausur organisiert. Das kann funktionieren, sobald Lehrende brillant sind und Studierende bereits über hohe Selbststeuerung verfügen. Für viele andere bleibt es eine soziale Sortiermaschine.

Die Zukunft geisteswissenschaftlicher Bildung verlangt radikal andere Formate. Studierende sollten Theorien in realen Projekten anwenden, Modelle vergleichen, digitale Archive auswerten, KI-generierte Argumente sezieren, eigene Forschungsfragen entwickeln, öffentliche Debatten führen, Lehrmaterialien produzieren, Podcasts, Essays, Dossiers, Ausstellungen und Simulationen erstellen. Sie sollten lernen, dass Denken im Medium geschieht und dass jedes Medium eigene Verzerrungen produziert.

Das bedeutet auch: Die Prüfungsordnung muss fallen, wo sie Bildung verhindert. Die Klausur als Herrschaftsform des schlechten Gedächtnisses hat ausgedient. Wer weiterhin Stoff abfragt, der in Sekunden verfügbar ist, trainiert nicht Urteilskraft, er trainiert Anachronismus.

Die Studierenden als Vorhut

Viele Studierende haben längst verstanden, dass KI weder Erlöser noch Dämon ist. Sie nutzen sie pragmatisch. Sie testen Grenzen. Sie wissen, dass ein Modell Unsinn produzieren kann. Sie merken zugleich, dass es beim Strukturieren, Übersetzen, Zusammenfassen, Gegenargumentieren und Üben hilft. Die Hochschule sollte aus dieser Praxis lernen, statt sie unter Generalverdacht zu stellen.

Der pauschale Betrugsverdacht ist pädagogisch armselig. Er sagt mehr über das Misstrauen der Institution gegenüber ihren eigenen Formaten aus als über die moralische Verfassung der Studierenden. Wer Lernprozesse so organisiert, dass Betrug rational erscheint, hat ein Designproblem. Wer Lernprozesse so gestaltet, dass sichtbare Entwicklung, mündliche Verteidigung, Quellenkompetenz, Projektverantwortung und Reflexion zählen, nimmt der bloßen Textabgabe ihre Macht.

Der Geist verliert sich nicht durch KI, er zeigt sich an ihr

Die Geisteswissenschaften haben keine Schonfrist verdient. Sie haben eine Aufgabe. Sie müssen die neue technische Bedingung des Denkens analysieren, kritisieren, gestalten und didaktisch produktiv machen. Das gelingt nicht mit kulturpessimistischer Vokabelverwaltung. Es gelingt durch Experimente.

Man darf von Wissenschaftlern mehr Kreativität verlangen. Gerade von jenen, die für Philosophie, Ästhetik, Ethik und Sozialphilosophie sprechen. Wer heute über generative KI schreibt, sollte nicht bei Halluzinationen stehenbleiben. Er sollte fragen, wie sich Lesen, Schreiben, Argumentieren, Prüfen, Forschen und Lehren verändern müssen. Er sollte die Universität nicht als Schutzraum alter Routinen denken, vielmehr als Labor neuer Lernarchitekturen.

Die entscheidende Bildungsfrage lautet nicht, ob KI den Geist aus den Geisteswissenschaften treibt. Die entscheidende Frage lautet, ob die Geisteswissenschaften genug Geist aufbringen, um ihre eigenen Formen zu erneuern. Herkunft darf in Deutschland nicht länger Zukunft bedeuten. Das lässt sich mit Sonntagsreden über Bildung nicht durchbrechen. Es braucht individualisierte Lernkonzepte, projektförmige Lehre, „Lernen durch Lehren“, empathische Systeme, intelligente Tutoren, neue Prüfungsformen und Lehrende, die keine Angst davor haben, ihre Autorität neu zu begründen. Die Maschine nimmt der Bildung nichts weg, was lebendig war. Sie entlarvt, was bereits tot war. Genau darin liegt ihre produktive Zumutung.

Exkurs: Der Think Tank Innovation als Gegenprobe

Wie eine produktive Gegenbewegung aussehen kann, zeigt das Whitepaper „Die große Transformation: Fünf Thesen zur Neuerfindung von HR und Organisationen“ des Think Tank Innovation der Zukunft Personal. Dieses Papier ist nicht am Schreibtisch aus Angst vor der Maschine entstanden. Es ist selbst ein Experiment: Design-Thinking, digitale Kleingruppen, KI-generierte Einsichten, Deep-Search-Marathons, Podcast-Gespräche, Expertinnen- und Experteninterviews, Delphi-Methode. Menschliche und künstliche Intelligenz wurden nicht gegeneinander ausgespielt, sie wurden in einen Arbeitsprozess gezwungen.

Gerade darin liegt die eigentliche Lehre für Hochschule und Geisteswissenschaften. Wer KI nur als Störfall betrachtet, bleibt im Modus der Abwehr. Der Think Tank Innovation dreht die Perspektive um: KI-Literacy wird zur Basiskompetenz, weil Teilhabe an Arbeit, Bildung und Organisation künftig davon abhängt, menschliches Denken und maschinelle Verarbeitung produktiv zu verbinden. Lernen erscheint dort nicht als isolierte Veranstaltung, nicht als Seminarblock, nicht als Prüfungsstoff, vielmehr als integriertes Lernökosystem.

Besonders folgenreich ist die These von der „Befreiung des Lernens“. Bildung wird dort nicht als Herkunftsprivileg begriffen, sondern als hyperindividualisierter Prozess. KI-basierte Tutoren können Lernstand, Tempo, Motivation, Fehlkonzepte und Entwicklungspotenziale genauer adressieren, als es standardisierte Klassen- und Prüfungsformate je konnten. Damit bekommt die soziale Frage der Bildung eine technische Zuspitzung: Herkunft darf nicht länger Zukunft bedeuten. Wer individualisierte Lernarchitekturen ernst nimmt, muss die alte Gleichmacherei des Bildungssystems angreifen.

Für die Geisteswissenschaften ist das kein Randthema. Auch dort braucht es Lernökosysteme, Projektarbeit, Rollenwechsel, Quellenkritik mit KI, öffentliche Argumentation, mündliche Verteidigung, kollaborative Wissensproduktion und formative Rückmeldung. Das Whitepaper spricht von einer Organisation als hybridem Lernsystem. Genau so müsste man auch die Universität neu denken: als Gefüge aus Studierenden, Lehrenden, Texten, Archiven, digitalen Werkzeugen, KI-Agenten, Projekten und öffentlichen Resonanzräumen.

Der entscheidende Unterschied liegt im Mut zur Praxis. Während manche akademische KI-Kritik noch die alte Textabgabe gegen die Maschine verteidigt, arbeitet der Think Tank Innovation bereits mit der Maschine am Gegenstand. Das ist wissenschaftlich angreifbar, methodisch offen, manchmal riskant. Aber es ist näher an der Wirklichkeit der kommenden Bildungs- und Arbeitswelt als das gepflegte Klagen über Halluzinationen.

Gegen die Vision als Ersatzreligion: Eine wissenschaftstheoretische Replik auf Jochen Andritzky und Daniel Stelters Ruf nach dem großen Ziel @thinkBTO @JAndritzky

Der Satz klingt wie eine Küchenweisheit aus der politischen Strategieberatung: „Ohne Ziel ist alles Wurscht.“ Er lebt von seiner Robustheit. Er immunisiert sich gegen Widerspruch, weil kaum jemand ernsthaft behaupten möchte, Politik brauche keinerlei Richtung. Doch genau darin liegt seine Schwäche. Er verwechselt Richtung mit Erkenntnis, Zielbild mit Steuerungsfähigkeit, Pathos mit institutioneller Leistung. Aus einem richtigen Befund wird ein falscher Trost.

Daniel Stelter und Jochen Andritzky sprechen über ein Land, das in struktureller Schwäche steckt. Die Exporte fallen, Investitionen gehen zurück, Industrieproduktion stagniert, Sozialbeiträge steigen, die demographische Rechnung wird unerbittlich. Der Sachverständigenrat liefert dafür Zahlen, Simulationen, Reformvorschläge. Andritzky liest darin ein Symptom: Deutschland verliere sich im Klein-Klein. Es brauche ein Bild, ein Ziel, eine Vision. Die Wirtschaftsweisen, so der Vorwurf, operierten auf der Ebene der Maßnahmen, während der politische Entwurf fehle.

Das ist elegant formuliert, analytisch aber ein wenig unterbestimmt. Denn „Vision“ ist kein wirtschaftswissenschaftlicher Begriff. Sie ist auch keine Kategorie der Wissenschaftstheorie. Sie bezeichnet weder eine Hypothese noch ein Modell, weder ein Instrument noch einen überprüfbaren Mechanismus. Sie ist ein Motivationsmedium. Damit kann sie nützlich sein. Als Ersatz für Theorie, Verwaltung, Gesetzgebung und Vollzug wird sie zur Nebelmaschine.

Der erkenntnistheoretische Fehler der Zielverliebtheit

Karl Popper hätte an diesem Punkt angesetzt. Sein Einspruch gegen utopisches Denken war nie ein Plädoyer für Ziellosigkeit. Popper war kein Apologet politischer Trägheit. Er war ein Denker der Korrektur. Die offene Gesellschaft lebt für ihn davon, dass Irrtümer sichtbar werden dürfen, dass Macht begrenzt bleibt, dass Politik reversibel angelegt ist. Nicht der Mangel an Visionen bedroht die Demokratie zuerst, gefährlicher ist die Überzeugung, eine politische Klasse wisse, wohin die Geschichte zu laufen habe.

In der Wissenschaftstheorie gilt eine einfache Unterscheidung: Eine Aussage gewinnt an Erkenntniswert, sobald sie riskant wird. Sie muss scheitern können. „Deutschland braucht eine Vision“ scheitert nie. Bei Erfolg reklamiert sie die geistige Urheberschaft. Bei Misserfolg erklärt sie, die Vision sei falsch vermittelt, unzureichend umgesetzt, von Gegnern sabotiert oder zu wenig radikal verfolgt worden. Eine solche Formel besitzt keine falsifizierbare Struktur. Sie ist politischer Weihrauch.

Das unterscheidet sie von einer Reformhypothese. Wer sagt, eine bestimmte Änderung im Steuerrecht erhöhe die Investitionsquote um eine nachprüfbare Größenordnung, setzt sich der Widerlegung aus. Wer sagt, eine beschleunigte Planfeststellung verkürze Genehmigungszeiten messbar, riskiert Kontrolle. Wer sagt, eine Neuordnung der Sozialversicherung dämpfe den Beitragssatzpfad, kann anhand von Modellannahmen, Datengrundlagen und realer Wirkung kritisiert werden. Genau diese Trockenarbeit wirkt neben dem Wort „Vision“ klein. In Wahrheit ist sie der Ort, an dem Politik überhaupt erst rational wird.

Deutschland hat Ziele im Überfluss

Die Diagnose eines Zielmangels unterschlägt einen offensichtlichen Befund: Deutschland ist nicht arm an Zielbildern. Klimaneutralität, digitale Verwaltung, Bildungsrepublik, gleichwertige Lebensverhältnisse, Resilienz, soziale Gerechtigkeit, technologische Souveränität, Fachkräftesicherung, bezahlbares Wohnen, nachhaltige Finanzen — das Land ist seit Jahren mit Zielvokabular tapeziert. Kaum ein Koalitionsvertrag, kaum eine Regierungserklärung, kaum ein Strategiedokument kommt ohne Zukunftssprache aus.

Das Problem liegt an anderer Stelle. Ziele werden formuliert, ohne Prioritätenkonflikte auszutragen. Gesetze werden beschlossen, ohne Vollzugskapazitäten zu sichern. Förderprogramme entstehen, ohne ihre Transaktionskosten für Antragsteller und Verwaltung ernsthaft zu kalkulieren. Behörden bekommen Aufgaben, Personalstellen, Berichtspflichten, Digitalisierungsversprechen und politische Erwartungsüberhänge gleichzeitig auf den Tisch. Am Ende entstehen politische Kulissen mit administrativem Staub dahinter.

Die deutsche Krise ist deshalb weniger eine Krise der Imagination. Sie ist eine Krise der Umsetzungsarchitektur. Es fehlt an Gesetzesqualität, Zuständigkeitsklarheit, Datenzugang, Ex-post-Evaluation, Ressortdisziplin, Verwaltungsdigitalisierung, Beschleunigungsrecht, Haftung für Verzögerung und einer Kultur, die schlechte Programme beendet. Das klingt weniger erhebend als „Visionen braucht das Land“. Dafür trifft es den Kern.

Max Weber und die Zumutung der Folgen

Max Weber hätte den Ruf nach Visionen vermutlich mit Misstrauen gehört. Politik als Beruf ist bei ihm kein Seminar zur Weltrettung, kein spirituelles Projekt der Selbstvergewisserung. Politik bedeutet, in Machtverhältnissen zu handeln und für Folgen einzustehen. Gesinnungsethik kann den inneren Glanz eines Ziels feiern. Verantwortungsethik fragt, was daraus wird, sobald es in Institutionen, Haushalte, Behörden, Parlamente, Gerichte, Interessenverbände und Lebensläufe gerät.

Der Gegensatz ist für die heutige Reformdebatte entscheidend. Eine Vision kann mobilisieren, aber sie trägt keine Lasten. Sie genehmigt keine Stromtrassen, saniert keine Brücken, digitalisiert keine Ausländerbehörde, verkürzt keine Gerichtsverfahren, verbessert keine Mathematikleistung, stabilisiert keine Pflegeversicherung. All dies verlangt die Prosa der Verantwortung: Zuständigkeit, Frist, Finanzierung, Messung, Sanktion, Korrektur.

Weber hätte wohl gefragt: Wer trägt die Verantwortung für die Nebenfolgen der Vision? Wer benennt die Verlierer? Wer beziffert die Übergangskosten? Wer entscheidet bei Zielkonflikten? Wer sagt den Bürgern, welche Ansprüche künftig sinken, welche Subventionen enden, welche Privilegien gestrichen werden, welche liebgewonnenen Lebenslügen nicht länger finanzierbar sind?

Visionäre Rede hat die Tendenz, diese Fragen in die Zukunft zu verschieben. Verantwortungspolitik holt sie an den Anfang.

Hayeks Wissen und der blinde Fleck der Planung

Auch Friedrich August von Hayek ist hier hilfreicher als manche moderne Strategieliteratur. Sein Wissenstheorem trifft die Visionsempfehlung im Innersten. In modernen Gesellschaften ist relevantes Wissen dezentral verteilt. Unternehmen, Beschäftigte, Kommunen, Ingenieure, Pfleger, Lehrer, Gründer, Finanzierer, Kunden und Verwaltungen verfügen über situatives Wissen, das kein politisches Zentrum vollständig aufnehmen kann.

Daraus folgt keine Marktromantik. Es folgt eine Warnung vor zentraler Selbstüberschätzung. Ein Staat kann Rahmen setzen, öffentliche Güter bereitstellen, Eigentumsrechte sichern, Wettbewerb schützen, Infrastruktur bauen, Bildung organisieren, soziale Risiken abfedern. Aber er kann die Zukunft nicht wie ein Architekt entwerfen, ohne einen Großteil des relevanten Wissens zu verlieren.

In dieser Perspektive wird das „Klein-Klein“ neu lesbar. Es ist nicht automatisch Ausdruck geistiger Enge. Es kann die demokratische Form sein, mit verstreutem Wissen umzugehen. Reformen sind dann Experimente unter Unsicherheit. Sie brauchen Versuchsräume, Rückkopplung, Wettbewerb der Lösungen, statistische Auswertung, lokale Abweichung, Korrekturmöglichkeiten. Die Vision dagegen liebt die Totale. Sie sieht das Land von oben. Die Realität arbeitet von unten zurück.

Kant gegen die ästhetische Moral der großen Worte

Kant wird in politischen Sonntagsreden gern als Lieferant hoher Maßstäbe bemüht. Doch sein Denken hilft gerade gegen den moralischen Überschwang des Zielbildes. Der kategorische Imperativ ist keine Einladung zur großen Pose. Er fragt nach der Verallgemeinerbarkeit einer Maxime. Übertragen auf Reformpolitik heißt das: Eine politische Forderung muss so beschaffen sein, dass sie auch von jenen als Regel akzeptiert werden könnte, die ihre Kosten tragen.

Hier zerbricht manche Vision. Sie spricht im Namen des Ganzen, behandelt aber die Belasteten als Fußnoten. Sie liebt die Zukunft, doch die Rechnung kommt in der Gegenwart an. Sie formuliert Generationengerechtigkeit, ohne die impliziten Schulden der Sozialversicherung ehrlich zu ordnen. Sie verspricht Transformation, ohne die Transformierten nach ihren Anpassungskosten zu fragen. Sie verlangt Verzicht, während ihre Wortführer sich mit moralischer Rendite bezahlen.

Kantisch betrachtet genügt es nicht, ein Ziel edel zu finden. Entscheidend ist die Maxime des Handelns. Darf Politik Bürger mit immer neuen Versprechen gewinnen, deren Finanzierung späteren Jahrgängen aufgebürdet wird? Darf ein Staat Ansprüche ausweiten, obwohl er weiß, dass ihre künftige Deckung unsicher ist? Darf man Reformen mit Symbolik überziehen, um die Härte der Verteilungsfrage zu verbergen? Das wären die eigentlichen Prüfsteine.

Helmut Schmidt und die Abneigung gegen politisches Parfüm

Helmut Schmidt steht quer zur heutigen Zukunftsrhetorik. Er war kein Feind langfristiger Orientierung. Sein Denken war geprägt von Kant, Marc Aurel, Pflichtbegriff, Maß, Urteilskraft. Doch daraus entstand kein Hang zum großen Entwurf. Schmidt misstraute der politischen Schönrednerei. Er sah Politik als Handwerk unter Druck, als Bewährung vor Tatsachen, als Kunst des Entscheidens bei unvollständigem Wissen.

Sein Pragmatismus war anspruchsvoller, als viele seiner Kritiker begriffen. Er bestand nicht aus Opportunismus, vielmehr aus sittlich gebundener Sacharbeit. Die Verbindung von privater und öffentlicher Moral, die Orientierung am kategorischen Imperativ, die Skepsis gegenüber bloßem Wortgepränge: All das führte zu einem Politikverständnis, das den Ernst der Lage nicht mit der Größe der Rede verwechselte.

Schmidt hätte vermutlich wenig Geduld mit der Vorstellung gehabt, Deutschland brauche vor allem mehr Zukunftsbilder. Er hätte nach Strompreisen gefragt, nach Verteidigungsfähigkeit, nach Rentenformeln, nach Haushaltszahlen, nach Produktivität, nach Exportmärkten, nach Bildungsleistungen, nach dem Zustand der Verwaltung. Er hätte gefragt, welches Gesetz geändert werden muss, wer zuständig ist, wie lange es dauert, was es kostet, wo die Gegenfinanzierung steht und welche Nebenfolgen absehbar sind.

Das ist keine Verengung des Politischen. Es ist seine Zivilisierung.

Die schlechte Romantik des Befreiungsschlags

Der Begriff „Klein-Klein“ erfüllt in solchen Debatten eine rhetorische Funktion. Er diskreditiert die Detailarbeit, bevor sie geprüft wurde. Er setzt das Kleine mit dem Unbedeutenden gleich. Doch Staaten scheitern selten daran, dass ihnen Leitsätze fehlen. Sie scheitern daran, dass Finanzierungsregeln, Genehmigungsverfahren, Personalplanung, föderale Zuständigkeiten, IT-Systeme, Anreizstrukturen und Rechtsfolgen nicht zusammenpassen.

In der Ökonomie entscheidet der Grenznutzen, nicht die Schönheit des Leitbildes. Eine Reform der Sozialversicherung besteht aus Parametern. Beitragssätze, Bemessungsgrundlagen, Renteneintrittsalter, Nachhaltigkeitsfaktoren, Steuerzuschüsse, Kapitaldeckung, Leistungsversprechen. Diese Parameter mögen prosaisch wirken. Doch dort entscheidet sich, ob ein System tragfähig bleibt.

Wer dieses Feld als Klein-Klein abwertet, verkennt den Aggregatzustand moderner Staatlichkeit. Die großen Fragen liegen im Detail. Ein halber Prozentpunkt Beitragssatz, ein Jahr längere Lebensarbeitszeit, eine veränderte Indexierung, ein digitaler Verwaltungsprozess, eine beschleunigte Ausschreibung, eine bessere Datenbasis: Das alles besitzt mehr politische Substanz als viele Zukunftsreden.

Reformpolitik als Wissenschaft vom Irrtum

Die Alternative zur Vision ist nicht Ziellosigkeit. Sie heißt lernende Reformpolitik. Eine solche Politik beginnt mit Problemdefinition. Sie trennt Diagnose, Zielkonflikt, Instrument, Wirkungshypothese und Evaluation. Sie unterscheidet zwischen Wertentscheidung und Tatsachenbehauptung. Sie macht Annahmen sichtbar. Sie baut Korrekturmechanismen ein. Sie erlaubt regionale Experimente. Sie begrenzt Programme zeitlich. Sie zwingt Ministerien, Erfolgskriterien vorab zu benennen. Sie veröffentlicht Daten maschinenlesbar. Sie schafft unabhängige Wirkungskontrolle. Sie streicht Maßnahmen, die scheitern.

Das wäre Popper für die Gesetzgebung. Der politische Betrieb liebt dagegen Programme, die nie sterben. Jede Maßnahme bekommt eine Zielerzählung, ein Logo, eine Taskforce, eine Konferenz, eine Förderlinie, eine Evaluation nach Aktenlage. Scheitert sie, wird sie fortgeschrieben. Der Irrtum bekommt Haushaltsmittel.

Eine offene Gesellschaft darf so nicht regieren. Sie muss Fehler sichtbar machen, Verantwortliche benennen, Experimente beenden, neue Versuche zulassen. Wissenschaftstheoretisch ist das anspruchsvoller als Visionen. Politisch ist es unbequemer. Wirtschaftlich ist es produktiver.

Das Land braucht Sachverstand, Vollzug und gute Gesetze

Die treffendere Parole lautet daher anders: Ohne Vollzug ist alles Theater.

Deutschland braucht nicht den nächsten Aufguss der großen Erzählung. Es braucht bessere Gesetze, die mit Verwaltungspraxis, Personalbestand, IT-Architektur, Rechtsweg und Haushaltswahrheit zusammen gedacht werden. Es braucht einen Gesetzgeber, der vor der Verabschiedung fragt, ob eine Kommune, eine Mittelstandsverwaltung, ein Sozialversicherungsträger, ein Gericht oder ein Unternehmer die Regel überhaupt anwenden kann. Es braucht einen Staat, der weniger verspricht und mehr erledigt.

Sachverstand ist dabei kein Dekor. Er ist Schutz vor Selbstbetrug. Der Sachverständigenrat mag in seinen Empfehlungen technisch wirken. Aber diese technische Kälte ist kein Mangel. Sie ist eine demokratische Tugend. Sie zwingt zur Rechenschaft über Annahmen. Sie ersetzt das Zukunftsbild durch die Rechnung.

Das mag weniger begeistern. Es könnte dem Land helfen.

Die offene Gesellschaft braucht keine Erlösungsformel

Poppers Lehre für die deutsche Reformdebatte ist hart: Misstraut allen, die den Mangel an Zukunftsbildern beklagen, bevor sie den Mangel an institutioneller Leistungsfähigkeit beheben. Misstraut jeder Vision, die nicht in prüfbare Reformschritte übersetzt wird. Misstraut politischen Heilswörtern, die aus Zielkonflikten moralische Prüfungen machen. Misstraut dem Glanz des Großen, wo die Arbeit am Konkreten aussteht.

Eine Demokratie ist kein Monument, das nach einem Entwurf errichtet wird. Sie ähnelt eher einem Labor unter öffentlicher Beobachtung. Ihre Würde liegt nicht im perfekten Plan, sie liegt in der Fähigkeit zur Korrektur.

Daran gemessen ist der Satz „Ohne Ziel ist alles Wurscht“ zu bequem. Er erklärt das Fehlen politischer Leistung aus dem Fehlen politischer Imagination. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil. Deutschland hat sich an große Worte gewöhnt, weil die mühselige Reform der Institutionen ausbleibt.

Ohne gute Gesetze, ohne Verwaltung, ohne Finanzierung, ohne Kontrolle, ohne Mut zur Korrektur ist nicht alles Wurscht. Dann ist alles Vision.

Der Zauberer am Rand des Abgrunds: Lübeck als Herkunft, Gericht und Geisterstadt #ThomasMann

Am 6. Juni 1875 wurde Thomas Mann in Lübeck geboren. Günter Rüther erinnerte an dieses Datum mit Heinrich Manns Wort vom Bruder als geistiger Macht gegen die Gewalt der Gegenwart. Das klingt zunächst wie eine Geburtstagsformel für den Festkalender der Kulturnation. Bei Thomas Mann aber ist jede Festformel gefährdet, weil sie sofort in ihre Gegenseite kippt. Wer ihn feiern will, gerät an einen Autor, der Feiern in Rituale der Selbstprüfung verwandelte. Wer von Größe spricht, stößt auf Müdigkeit. Wer vom Werk spricht, landet bei Krankheit, Familie, Abhängigkeit, Angst.

Lübeck war für ihn Herkunft und Bühne, Modell und Wunde. Die Stadt der Kaufleute, Senatoren, Kontore, Speisesäle und streng gefügten Lebensläufe blieb ihm eingeschrieben, auch nachdem er längst fort war. In den „Buddenbrooks“ wurde sie zum Weltmodell. Die Mengstraße, das Bürgerhaus, die Firma, die Familienchronik, der Verfall unter dem Anschein der Ordnung: Aus einer Hansestadt wurde eine Physiognomie des alten Europa. Man liest diese Prosa bis heute, weil sie keine Heimatmalerei betreibt. Sie zeigt Bürgerlichkeit als Theaterform, Disziplin als Kostüm, Kultur als letzten Luxus vor dem Ende.

Der junge Thomas Mann hatte Lübeck verlassen. Der Schriftsteller kehrte lebenslang dorthin zurück, in Sätzen, Masken, Namen, Gesten. Die Stadt wurde für ihn kein verlorenes Paradies. Sie wurde ein Instrument. Mit ihr konnte er Herkunft messen, Rang prüfen, Schuld verteilen, Verfall rhythmisch ordnen. Lübeck taucht darum nicht bloß als Ort auf. Lübeck ist bei ihm eine moralische Temperatur.

Der Bruderblick und die Gewalt der Gegenwart

Heinrich Manns Satz von der geistigen Macht gewinnt seinen eigentlichen Ernst erst aus dem Jahrhundert, das beide Brüder durchlebten. Thomas Mann war nicht von Anfang an der demokratische Redner des Exils. Er kam aus anderen Tonlagen, aus einer konservativen Ästhetik, aus Distanz zur Massenpolitik, aus dem Glauben an Kunst als Gegenreich. Gerade deshalb ist sein später Weg zur öffentlichen Rede gegen Hitler und zur Verteidigung der Demokratie keine bequeme Legende. Er musste sich selbst überwinden, ehe er dem Zeitalter antworten konnte.

Die Gewalt der Gegenwart war bei ihm kein abstrakter Gegner. Sie nahm ihm Deutschland, Publikum, Besitz, Sprache als selbstverständlichen Resonanzraum. Der Exilant Thomas Mann sprach aus Kalifornien in die deutsche Nacht hinein. Die Rundfunkreden wurden zu einer Form der Gegenwartskorrektur. Da saß einer weit entfernt und redete in ein Land, das ihn ausgebürgert, gelesen, verachtet, gebraucht hatte. Seine Sätze hatten keine Divisionen hinter sich. Sie hatten nur Rhythmus, Ironie, Bildung, Zorn, Skrupel. Vielleicht meinte Heinrich genau dies: eine Macht, die nicht befiehlt, die länger arbeitet als Befehle.

Doch Thomas Mann blieb auch in dieser Rolle ambivalent. Er war kein einfacher Heiliger der Demokratie. Er blieb der Autor, der Repräsentation liebte, Rang kannte, Form verlangte, Widerspruch schlecht ertrug. Gerade das macht ihn groß für die Literatur. Die reine Figur wäre langweilig. Thomas Mann interessiert, weil er sich nie ganz von dem löste, was er bekämpfte: Autorität, Inszenierung, Verführung.

Der späte Ruhm und die Angst vor dem Verstummen

Die letzten Jahre am Zürichsee zeigen einen Mann auf dem Gipfel seiner öffentlichen Geltung und am Rand innerer Erschöpfung. Nach außen war er Nobelpreisträger, Weltname, Gewissensfigur, der berühmteste deutsche Schriftsteller seiner Zeit. Innen arbeitete die Angst, er könne nicht mehr schreiben. Essen wurde ihm zur Last. Rauchen und Kaffee blieben als kleine, schädliche Behagen. Der Körper verweigerte dem Stilisten die Mitarbeit.

Diese Spannung gehört ins Zentrum jeder späten Thomas-Mann-Betrachtung. Der Ruhm schützte ihn nicht vor dem Abgrund. Er machte ihn sichtbarer. Der alte Autor war längst Denkmal, doch in den Tagebüchern, Erinnerungen und Stimmen der Familie erscheint er als Patient der eigenen Form. Er wusste, wie man einen Satz hält. Er wusste weniger gut, wie man den Körper hält, wenn Kraft, Appetit und Zukunft schwinden.

Die letzte Krankenhausszene

In den Erinnerungen aus dem Familienkreis erscheint der letzte Besuch im Zürcher Krankenhaus als Szene fast lautloser Nähe. Der Kranke liegt im Bett, hört genau zu, antwortet mit geschlossenen Augen. Das wirkt nicht wie Abwesenheit. Es ist der haushälterische Umgang mit letzter Energie. Sehen kostet. Sprechen kostet. Nähe kostet. Beim Abschied öffnet er noch einmal die Augen und nickt. Dann folgt die trügerische Entwarnung: Besserung, Aufstehen, Heimkehr. Am nächsten Morgen stehen die großen Schlagzeilen da: Thomas Mann ist tot.

Der König stirbt, die Familie atmet

Mit diesem Tod starb für die Familie kein Privatmann. Es starb ein Zentrum. Wer im Haus Mann lebte, lebte im Kraftfeld eines Zauberers. Sprache, Arbeit, Blick, Schweigen, Ironie, Bedürftigkeit, Glanz: alles zog an. Die Kinder, Enkel, Frauen, Sekretäre, Freunde kreisten um einen Autor, der die Welt in Form brachte und dabei auch seine Nächsten formte.

Darum konnte die Trauer eine dunkle Mischung enthalten: Schmerz, Erschütterung, Befreiung. „Der König ist tot“ — dieser Satz klingt grausam, trifft aber eine seelische Wirklichkeit. Ein großer Vater gibt Schutz und nimmt Raum. Er gewährt Namen und überschattet Lebensläufe. Sein Tod kann wie Verrat empfunden werden und zugleich wie Entlassung.

Das macht die Szene am Grab so schwer. Die Zurückbleibenden weinen nicht bloß um einen geliebten Menschen. Sie lösen sich von einer Ordnung, die sie hervorgebracht, gebunden, beschädigt und erhöht hatte. Der Zauber war für einen Moment aufgehoben. Später würde er weiterwirken, in Archiven, Büchern, Briefen, Deutungen, Häusern, Filmen, Stiftungen. Aber am Grab in Kilchberg gab es diesen Atemzug: Jetzt ist er fort. Jetzt beginnt ein Leben ohne seine unmittelbare Macht.

Erika Mann tritt aus dem Schatten

Unter den Figuren dieses Nachlebens steht Erika Mann besonders klar im Licht. Sie war Schauspielerin, Kabarettistin, politische Kämpferin, Exilantin, Rednerin, Regisseurin des väterlichen Ruhms. In der Erinnerung wird sie oft zur strengen Tochter am Schreibtisch des Vaters verkleinert. Doch bei den Filmprojekten trat eine andere Erika hervor. Da konnte sie eingreifen, verhandeln, zuspitzen, verbessern, retten. Da war sie nicht bloß Wächterin des Werks. Da arbeitete sie in der Welt.

Man spürt an den Erinnerungen der Beteiligten, wie sie bei solchen Produktionen auflebte. Kritik war für sie kein bloßes Nein. Kritik wurde Tätigkeit, Zugriff, Tempo. Sie konnte einem Regisseur Angst machen und ihn dann entwaffnen. Sie konnte dem Vater abends erklären, was ein Film leisten konnte und was nicht. Sie übersetzte Literatur in Machbarkeit, ohne den Vater zu verraten. Genau darin lag ihre Kunst: Sie wusste, wo Verehrung endet und Arbeit beginnt.

Doch auch Erika trug die Kosten dieses Hauses im Körper. Die Erzählungen von Abstürzen, Erschöpfung, nächtlicher Benommenheit gehören nicht in die Rubrik Klatsch. Sie zeigen, wie teuer die Disziplin war. Das Haus Mann war kein Museum aus Geist. Es war ein Ort von Fürsorge, Abhängigkeit, Überforderung, Medikamenten, Alkohol, Arbeit, Loyalität. Katia erkannte die Zeichen sofort. Die Familie hatte ihre eigenen Diagnosen, lange bevor die Öffentlichkeit von Größe sprach.

Die „Buddenbrooks“ als deutsch-deutsche Frage

Nach Thomas Manns Tod wurde sein Werk politisches Gelände. Besonders deutlich zeigte sich das an den „Buddenbrooks“. Der Wunsch, eine Verfilmung in deutsch-deutscher Koproduktion entstehen zu lassen, hatte etwas fast Utopisches: Lübeck, Thomas Mann, die Familie, der Verfall des Bürgertums, verhandelt von Ost und West gemeinsam. Literatur sollte über die Grenze greifen, die Politik bereits verfestigt hatte.

Die Bemühungen scheiterten. Mit der DEFA in Babelsberg ließen sich offenbar sachliche Absprachen treffen. Das kulturpolitische Ja aus Bonn blieb aus. Erika Mann erkannte die Temperatur sofort. Wer mit ostdeutschen Partnern fair verhandelte, konnte im Westen rasch unter Verdacht geraten. Eine Karteikarte beim Staatsschutz, halb Scherz, halb Warnung: So klang der Kalte Krieg im Nachlass Thomas Manns.

Auch bei seiner Beisetzung war diese deutsche Teilung anwesend. Delegationen kamen, Kränze wurden getragen, Staaten wollten Anteil an einem Toten. Die Erinnerung an den übergroßen DDR-Kranz, der nicht durch die Kirchentür passte, wirkt fast wie eine Szene aus einem späten Roman über Symbolpolitik. Die Bundesrepublik kam mit kleinerem Kranz hinein. Die DDR blieb mit ihrer Monumentalität draußen. Ein ganzes Zeitalter steht in diesem Bild: die Konkurrenz um Erbe, Größe, Legitimität.

Thomas Mann konnte sich nicht mehr wehren. Er wurde verteilt. Der Westen beanspruchte den bürgerlichen Klassiker, der Osten den antifaschistischen Humanisten. Beide wollten ihn haben, beide mussten ihn verkürzen. Seine eigentliche Unruhe passte zu keiner Staatsdeutung. Der Lübecker Kaufmannssohn, der konservative Ästhet, der Exilredner, der Demokrat, der Familienmonarch, der Kranke, der Ironiker: Er blieb zu viel für jedes Programm.

Die Macht, die nach dem Tod weiterarbeitet

Heinrich Manns Satz klingt nach diesem Gang durch die letzten Jahre weniger feierlich, dafür wahrer. Eine geistige Macht gegen die Gewalt der Gegenwart: Das ist kein Triumphwort. Es ist eine Prüfung. Gewalt der Gegenwart heißt bei Thomas Mann nicht allein Diktatur, Krieg, Exil. Sie heißt auch Ruhm, Familie, Alter, Krankheit, politische Vereinnahmung. Gegen all das steht das Werk, aber es steht nicht rein davor. Es ist davon durchzogen.

Darum bleibt Thomas Mann gegenwärtig. Nicht als Marmorbüste, nicht als Pflichtlektüre, nicht als Kalenderheiliger des Bildungsbürgertums. Er bleibt gegenwärtig, weil seine Literatur zeigt, wie Menschen sich in Formen retten und an Formen zugrunde gehen. Seine Sätze kennen den Glanz der Ordnung und den Moder darunter. Sie kennen das Bürgerhaus und den Abgrund. Sie kennen die Musik und die Müdigkeit. Sie kennen die Sehnsucht nach Disziplin und den Wunsch, endlich losgelassen zu werden.

Lübeck gab ihm die Urszene. Das Exil gab ihm die Weltbühne. Kilchberg gab ihm das letzte Zimmer. Danach begann das Nachleben: Familie, Filme, Akten, Feiern, Misstrauen, Kränze, Rechte, Deutungen. Der Zauberer war tot. Der Zauber blieb nicht gehorsam. Er wanderte weiter, durch die Korridore der Erinnerung, durch deutsche Archive, durch jede Generation, die wieder glaubt, Gegenwart sei mächtiger als Geist.

Thomas Mann widerspricht dieser Anmaßung bis heute. Nicht laut. Nicht einfach. Mit einer Sprache, die selbst dann noch Form sucht, wenn der Körper schon aufgibt.

Alexander Scheers „HEROES“ verwandelt die Kölner Philharmonie in einen Resonanzraum aus Bowie-Songs, Brecht-Spuren, Döblin-Rhythmus und Standing Ovations

Am Ende steht Köln. Wirklich. Kein höflicher Applaus, kein dankbares Abwinken, keine kultivierte Konzertsaalroutine. Die Kölner Philharmonie erhebt sich, jubelt, ruft, feiert. Standing Ovations für Alexander Scheer und seine Band, für einen Abend, der aus David Bowies Werk keine Reliquienschau macht, keine komfortable Reise durch große Refrains, kein Popmuseum mit Goldkante. „HEROES“ ist lauter, klüger, wilder. Ein literarischer Rockabend, in dem Bücher wie Verstärker wirken, Sätze in Songs kippen und Bowie wieder als der gefährlich bewegliche Künstler erscheint, der aus jeder Lektüre eine neue Maske, aus jeder Stadt einen Sound, aus jeder Figur eine Fluchtlinie gewinnen konnte.

Schon der Zugriff ist glänzend unverschämt. Bowie wird nicht über Frisuren, Kostüme, Poster und die bekannte Pop-Ikonographie betreten. Scheer öffnet die Bibliothek. Grundlage ist jene Liste von 100 Büchern, die Bowie selbst als prägend für Leben und Werk auswies. Auf die Frage nach der einsamen Insel, erzählt Scheer, habe Bowie geantwortet: seine Bücher. Er habe gelesen, gelesen, gelesen. Er sei mit einer mobilen Bibliothek gereist, ein Künstler zwischen Stadt, Hotelzimmer, Schiff, Bahn, Bühne, Schlaflosigkeit und Lektüre. Wer Bowie so hört, hört ihn anders. Seine Songs erscheinen nicht als fertige Klassiker. Sie werden zu Klangräumen, in denen Homer, Dante, Anthony Burgess, James Baldwin, Christopher Isherwood, Alfred Döblin, Christa Wolf, Soul-Geschichte, Funk, Comics, Brecht und Berlin weiterarbeiten.

Dann geht es los, und zwar nicht im Ton des Seminars. „Rebel Rebel“ trifft auf Anthony Burgess. „A Clockwork Orange“ schneidet in den Abend wie ein Messer mit Neonrand. Burgess’ brutale Zukunftssprache, die Gewalt, der Slang, die kaputte Lust am Exzess: Scheer liest das mit jenem körperlichen Zugriff, der ihn als Schauspieler und Sänger so gefährlich macht. Er referiert nicht über Bowie. Er wirft sich hinein. Die Band zieht an, die Philharmonie verliert die Distanz. Aus Literatur wird kein Vorprogramm für Musik. Literatur wird Zündstoff.

Keine Gedenkfeier, ein Angriff mit Gitarren

Viele Bowie-Abende scheitern an Ehrfurcht. Sie stellen die Ikone in die Mitte und tanzen im Sicherheitsabstand um sie herum. Scheer macht das Gegenteil. Er geht nah heran, manchmal zu nah, also genau richtig. Er lässt Bowie nicht als marmorne Figur im Popgedächtnis stehen. Er jagt ihn durch Burgess, Baldwin, Isherwood, Döblin, Brecht, Christa Wolf und die Berliner Jahre. Er singt nicht aus der Pose des Bewahrers. Er singt wie jemand, der diese Songs noch einmal in Gefahr bringen will.

Die Band ist dabei der entscheidende Motor. Sie spielt Bowie nicht glatt, nicht museal, nicht im Komfort einer Tribute-Routine. Sie lässt die Songs atmen, dröhnen, schmutzen, glänzen. Der Abend hat Druck. Man hört Glam, Soul, Theater, Kabarett, Berlin, elektrischen Staub, auch diese eigentümliche Kälte der späten Siebziger, als Bowie aus dem amerikanischen Rausch heraus in eine Stadt ging, die aus Mauern, Leerräumen und Beobachtung bestand. Die Musiker wissen, dass Bowie immer dann am größten war, als er unbequem wurde, schwer zu greifen, nervös, riskant. Genau diesen Zustand holen sie zurück.

Scheer besitzt für dieses Programm die richtige Mischung aus Größenwahn und Genauigkeit. Er kann überdrehen, ohne peinlich zu werden. Er kann singen, als müsse er sich gegen eine ganze Popgeschichte durchsetzen. Er kann erzählen, als sei jede Anekdote gerade eben hinter der Bühne gefunden worden. Er kann Literatur mit Rock verbinden, ohne dass daraus ein Deutschleistungskurs mit Verstärker wird.

Vor allem begeht er nicht den Kardinalfehler vieler Bowie-Interpreten: Er versucht nicht, Bowie sauber nachzubilden. Er nähert sich ihm über Energie. Über Sprünge. Über Lesefieber. Über eine Stimme, die manchmal kratzt, manchmal schillert, manchmal ins Schauspielerische kippt und dann wieder direkt in den Song fährt. Das passt zu Bowie, diesem großen Bastler seiner selbst, der jede Identität als vorläufige Bühne behandelte.

James Baldwin bringt Feuer in die Glamour-Maschine

Ein harter Schnitt führt zu James Baldwin. Aus „The Fire Next Time“ wird ein Text gelesen, der den Abend aus jeder reinen Pop-Seligkeit herausreißt. Baldwin schreibt über Herkunft, Gewalt, Rassismus, falsche Versprechen, über das Gefängnis der Geschichte. Neben Bowie bekommt das Gewicht. „Young Americans“, Soul, Funk, Philadelphia, Luther Vandross, schwarze Musikgeschichte: Plötzlich hört man nicht mehr allein den Verwandlungskünstler, man hört auch den Aneigner, Bewunderer, Grenzgänger, Getriebenen.

Scheer macht daraus keine moralische Abrechnung und keine Entlastung. Er hält die Spannung aus. Bowie war kein Heiliger, und dieser Abend braucht keinen Heiligenschein. Gerade dadurch gewinnt er an Kraft. Pop entsteht hier aus Berührung, Übernahme, Risiko, Irrtum, Eleganz, Instinkt. Baldwin gibt dem Abend eine politische Schärfe, die nie plakatiert wirkt. Die Musik verliert nichts von ihrer Verführung. Sie bekommt einen dunkleren Resonanzboden.

Die große Kunst des Abends liegt darin, dass er diesen Übergängen vertraut. Ein Song folgt keinem Text wie eine Illustration. Ein Text erklärt keinen Song wie ein Programmheft. Beides stößt aneinander. Manchmal knallt es. Manchmal gleitet es ineinander. Manchmal entsteht für Sekunden jene eigenartige Bowie-Chemie, in der Lesestoff, Körper, Sound und Pose eine neue Figur hervorbringen.

Berlin ist kein Mythos, Berlin ist ein Geräusch

Dann Berlin. Natürlich Berlin. Bowie, Iggy Pop, Hauptstraße, Hansa, Mauer, Fahrrad, Kneipen, Theater, Ost und West, die ganze große Schwarzweiß-Legende. Doch „HEROES“ macht daraus keine Retro-Tapete. Scheer führt Berlin über Bücher ein: Christopher Isherwood, Alfred Döblin, Brecht, Christa Wolf. Diese Stadt wird nicht dekoriert, sie wird gelesen.

Da ist Isherwoods Nachtleben, dieses Taumeln zwischen Verführung und Absturz. Da ist Döblins Alexanderplatz mit Kälte, Dampf, Rammen, Gedränge, sozialem Lärm. Da ist Christa Wolfs Frage nach dem gelebten Augenblick. Da ist Brecht, den Bowie im Berliner Ensemble suchte. Berlin erscheint als literarischer Aggregatzustand. Es ist Asphalt, Bühne, Abhörraum, Studio, Transit, Fluchtpunkt.

Döblin passt zu Bowie, weil seine Sprache selbst Musik ist. Sie hämmert, montiert, schiebt, stößt, bremst, rast weiter. „Berlin Alexanderplatz“ klingt wie eine frühe Großstadtplatte. Neben Bowies Berlin-Songs wird klar: Diese Stadt war für Bowie kein Requisit. Sie war ein Aufnahmegerät. Sie zeichnete Schritte, Angst, Weite, Mauerhall und innere Flucht auf.

Brecht, Bowie und die verschwundene Loge

Berlin kommt an diesem Abend auch über eine Szene, die man nicht mehr vergisst: Bowie als Zuschauer im Berliner Ensemble. 1976 und 1977, so erzählt Scheer, sei Bowie in Ost-Berlin gewesen, um Brecht-Stücke zu sehen. Im Ganymed, gegenüber und um die Ecke vom Theater, habe er gesessen, an jenem Tisch, an dem später die Techniker aus dem Berliner Ensemble und vom Deutschen Theater nach Dienstschluss weitertranken, redeten, spotteten, lästerten. Über ihnen, im Stuck, sollen Mikrofone der Staatssicherheit gesteckt haben. Aus der Anekdote wird ein kleines Theater im Theater: Bowie in Ost-Berlin, Brecht auf der Bühne, die DDR im Abhörmodus, Popgeschichte unter barocken Decken.

Scheer erzählt das mit jenem Tempo, das den Abend trägt: Recherche, Halbwitz, Spionagefilm, Kneipenerinnerung, Rockarchäologie. Gab es eine Stasi-Akte über Bowie? Er sei im Archiv gewesen, sagt er, habe gesucht, gefragt, gegraben. Dann das Foto: Bowie in einer Loge des Berliner Ensembles, 1977, schwarzweiß, lange gesehen, später verschwunden in Kartons, als das Archiv umgeräumt wurde. Gefunden hat Scheer es nicht. Gefunden hat er eine andere Spur: Reinhard Kleists Comic über Bowies Berliner Jahre, in dem genau diese Loge wieder auftaucht, links und rechts das irritierte BE-Abo-Publikum, in der Mitte der fremde Star, der Brecht sehen will.

Das ist eine der schönsten Verschiebungen des Abends. Bowie wird nicht als Popstar vor die Mauer gestellt, er wird in einen Theaterraum gesetzt. Er schaut Brecht. Er schaut Ost-Berlin. Er schaut eine Kunst, die aus Verfremdung, Lied, Szene, politischem Blick und kalter Beleuchtung besteht. Wer danach „Heroes“ hört, hört auch dieses Theater mit. Man versteht besser, weshalb Bowie in Berlin nicht bloß einen Ort fand, an dem er anonymer leben konnte. Er fand eine Stadt der Bühnen, Masken, Überwachungen, Grenzgänge und Rollenwechsel.

Brecht war für Bowie keine Bildungstrophäe. Der Einfluss reichte tiefer: Song als Szene, Figur als Versuchsanordnung, Maske als Erkenntnisinstrument. In Scheers Abend wird daraus keine akademische These. Es wird eine Bühnenenergie. Man sieht Bowie in der Loge, man sieht das irritierte Publikum, man ahnt den Stuck mit den Mikrofonen, man hört die Band. Plötzlich ist Berlin wieder da: halb real, halb erfunden, halb überwacht, halb befreit.

Christa Wolf im Bowie-Verstärker

Der überraschend intime Teil des Abends gehört Christa Wolf. „Nachdenken über Christa T.“ steht auf Bowies Liste, und Scheer macht daraus keine Bildungsgeste. Er erzählt, dass er genau dieses Buch im Regal seiner Mutter fand, mit ihrem Namen und der Datierung Juni 1976. Scheer wurde am 1. Juni 1976 geboren. Auf einmal berührt Bowies Kanon ein deutsches Wohnzimmer, eine Mutter, eine Geburt, eine persönliche Vorgeschichte. Der Weltstar landet nicht kleiner, er landet näher.

Die Frage aus Christa Wolfs Text, ob man jetzt, in diesem Augenblick, ganz und gar lebe, trifft diesen Abend direkt ins Herz. Denn genau darum geht es auf dieser Bühne: um Gegenwart. Nicht um Bowie als Archiv, nicht um Berlin als Souvenir, nicht um große Platten als Reliquien. Scheer und seine Band holen das Material in die Gegenwart zurück. Sie lesen, spielen, reißen, lachen, schwitzen, singen. Und der Saal reagiert. Man spürt, wie die Philharmonie allmählich aus ihrer Bestuhlung herauswächst.

Gerade diese Christa-Wolf-Passage schützt den Abend vor der reinen Rockpose. Scheer lässt einen persönlichen Faden aufblitzen, ohne ins Private zu kippen. Ein Buch aus Bowies Liste liegt plötzlich nicht fern in einem kanonischen Kosmos, es liegt in einem Familienregal. Die große Pop-Erzählung wird durchlässig. Man kann Bowie hören, ohne sich vor ihm zu verbeugen. Man kann ihn lesen, ohne ihn zu mumifizieren.

„Ashes to Ashes“ und der Osten im Bild

Der Abend liebt auch die komische Übersteuerung. Scheer zeigt Bowie und Iggy Pop in Ost-Berlin, beschreibt Wasserbecher, schlechte Zigaretten, alte Juwel, graue Nachmittage, den Osten als Bild und Geruch. Das ist lustig, fast slapstickhaft, und kippt doch nie ins Billige. Denn hinter dem Witz liegt ein präziser Blick auf die Absurdität der historischen Kulisse. Bowie und Iggy, zwei Gespenster des Westens, sitzen plötzlich in einer DDR-Szene, die aussieht, als habe jemand die Farben aus der Welt gedreht.

Dann fährt „Ashes to Ashes“ hinein, und die Komik bekommt Tiefe. Major Tom ist nicht mehr der glitzernde Raumfahrer. Er ist Rückkehrer, Junkie, Phantom, ein Rest aus alten Mythen. Scheer singt diese Bowie-Wiedergänger nicht brav. Er lässt sie taumeln. Hier zeigt sich erneut, wie gut das Konzept des Abends funktioniert: Die Bücher und Anekdoten sind keine Zwischenstücke. Sie laden die Songs neu auf.

Dante, Mars und der große Umweg zu „Heroes“

Auch Dante gehört in diesen Kosmos. Der dunkle Wald aus der „Commedia“ erscheint bei Scheer nicht als sakrale Hochkultur. Er wird zu einem Bild für Absturz, Orientierungslosigkeit, Neuaufbruch. Bowie passt genau dorthin. Kaum ein Popkünstler hat den Irrweg produktiver gemacht. Kaum einer hat sich so oft verirrt, um daraus ein neues Album, eine neue Figur, eine neue Stimme zu gewinnen.

Danach kann der Abend sogar Fran Lebowitz und den Mars verkraften, kann Witze reißen, kann wieder hochdrehen, kann den Rock’n’Roll-Kompressor anwerfen. Diese Beweglichkeit ist seine große Qualität. Er behandelt Bowie nicht als lineare Biographie, eher als Netzwerk aus Stimmen, Lektüren, Städten, Körpern und falschen Fährten. Man folgt nicht einem Lebenslauf. Man folgt einer Schaltung.

Der Umweg zu „Heroes“ führt dann über Alberto Denti di Pirajno und „A Grave for a Dolphin“. Diese Geschichte vom Mädchen, dem Meer, dem Delfin, der Liebe und dem Tod könnte leicht ins Kitschige kippen. Scheer riskiert sie trotzdem. Er liest sie aus, gibt ihr Glanz, fast zu viel Glanz, und gerade daraus entsteht der Sog. Denn plötzlich bekommt die berühmte zweite Strophe von „Heroes“ eine andere Herkunft. Das Lied steht nicht allein an der Berliner Mauer. Es kommt auch aus einer maritimen Liebesphantasie, aus einem Buch, aus Phosphoreszenz, Körperlicht, Tod und Verwandlung.

Der Saal hebt ab

Dann „Heroes“. Natürlich wartet der Abend darauf. Natürlich weiß jeder, dass es kommen muss. Doch der Song hat sich durch die vorangegangenen Texte verändert. Er ist nicht mehr bloß das Denkmal an der Mauer, nicht mehr Karaoke der großen Gefühle, kein Pflichtmoment für Bowie-Verehrer. Er trägt nun Burgess, Baldwin, Brecht, Döblin, Christa Wolf, Dante, Berlin, Ost-West-Komik, Delfin-Mythos und Banddruck in sich.

Genau deshalb funktioniert dieser Schluss. Scheer und seine Band spielen „Heroes“ nicht wie ein Heiligtum. Sie spielen es als Gegenwart. Als einen Augenblick, in dem sich alles bündelt: Lesen, Lieben, Fliehen, Scheitern, Wiederauftauchen. Der Refrain ist groß, weil er nicht glatt ist. Er verspricht keine Rettung für immer. Er verspricht einen Tag. Einen Moment. Einen elektrischen Zeitraum, der reicht, um aufzustehen.

Dass die Kölner Philharmonie jubelt und sich erhebt, ist deshalb keine Zugabe-Geste aus Gewohnheit. Der Abend hat sich diese Reaktion erspielt. Er beginnt mit Büchern und endet als kollektive Entladung. Zwischen Burgess und „Rebel Rebel“, Baldwin und Soul, Döblin und Berlin-Krach, Christa Wolf und Bowies gelebter Verwandlung entsteht ein Sog, der weit über die übliche Pop-Erinnerung hinausreicht.

Bowies Bibliothek bleibt geöffnet

Als der Jubel losbricht und die Kölner Philharmonie aufsteht, wirkt es nicht wie der übliche Dank für einen gelungenen Abend. Es ist die Reaktion auf eine Verwandlung. Scheer und seine Band haben Bowie nicht zurückgeholt, als könne man einen Toten mit ein paar großen Refrains beschwören. Sie haben gezeigt, wie seine Kunst arbeitete: lesen, hören, aufnehmen, verwerfen, verwandeln, weiterspielen.

Die Philharmonie wurde dabei nicht zum stillen Lesesaal. Sie wurde zu einem Resonanzraum, in dem Bücher und Songs einander hochtrieben. Burgess gab „Rebel Rebel“ die grelle Kante. Baldwin legte Glut unter die amerikanische Seele. Döblin brachte den Berliner Asphalt zum Dröhnen. Christa Wolf öffnete eine intime Kammer. Brecht stellte Bowie in die Loge und Ost-Berlin ins Halbdunkel der Beobachtung. Und dann kam „Heroes“, nicht als Museumshymne, nicht als Pflichtstück, vielmehr als der Augenblick, in dem all diese Spuren zusammenliefen.

Bowie stand an diesem Abend nicht als Denkmal im Raum. Er saß zwischen den Regalen, in der Loge des Berliner Ensembles, am Tisch im Ganymed, im Studio an der Mauer, in den Sätzen seiner Lieblingsbücher. Alexander Scheer stand im Strom dieser Überlieferung und ließ ihn durch die Band fahren. Köln erhob sich, weil aus Popgeschichte wieder Gegenwart geworden war.

Die nächsten Termine:

09.06.2026

Berlin

Berliner Ensemble Tickets

30.06.2026

Dresden

Konzertsaal im Kulturpalast Dresden Tickets

05.11.2026

Bochum

Schauspielhaus Bochum Tickets

06.11.2026

Bochum

Schauspielhaus Bochum Tickets

Von Bochum in die Betriebe: Christine Skropke von Secunet rückt Cybersicherheit aus der Spitzenforschung in die Berufsschulen, Werkhallen und Personalabteilungen

Cybersicherheit wird in Deutschland gern als Sache der Spezialisten behandelt. Ministerien, Bundeswehr, Nachrichtendienste, große Rechenzentren, Sicherheitsbehörden, Hochschulen, Forschungslabore. Dort vermutet man die Abwehrkräfte des digitalen Staates. Christine Skropke von Secunet, die auch im Vorstand von AFCEA Bonn engagiert ist, verschiebt diese Vorstellung. In ihrem Gespräch auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn spricht sie über Resilienz, europäische Koordination, sichere Kommunikation und das Sicherheitsökosystem 2030. Der politisch interessanteste Teil liegt beim Personal.

Ihre Botschaft lautet: Cybersicherheit muss in die Breite. In Unternehmen, Verwaltungen, Kommunen, Kliniken, Schulen, mittelständischen Betrieben und Rechenzentren. Dort wird jeden Tag entschieden, ob Systeme geschützt bleiben. Beim Einspielen eines Updates. Beim Erkennen verdächtiger Zugriffe. Beim Absichern eines Netzwerks. Beim Verstehen von Verschlüsselung. Beim Umgang mit Datenräumen. Beim ordentlichen Betrieb eines Servers. Das klingt kleiner als Cyberkrieg. Es ist sein täglicher Unterbau. Wer Netze im Normalbetrieb nicht beherrscht, wird sie in der Krise nicht retten.

Bochum zeigt, was akademische Exzellenz leisten kann

Skropke verweist auf die Ruhr-Universität Bochum als einen der herausragenden deutschen Orte für Cybersicherheit. Das ist kein bloßes Standortlob. Bochum verfügt mit dem Exzellenzcluster CASA und dem Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit über eine gewachsene Forschungslandschaft, die internationale Sichtbarkeit besitzt. CASA steht für „Securing the Digital Society“ und arbeitet an der Absicherung digitaler Gesellschaften unter realistischen Angriffsszenarien. Das Horst-Görtz-Institut gehört zu den großen und traditionsreichen Einrichtungen für IT-Sicherheit in Europa.

Interessant ist, wie konkret die Bochumer Ausbildung angelegt ist. In den Studienangeboten zur IT-Sicherheit geht es nicht um abstrakte Digitalisierung, vielmehr um Schwachstellen in Computernetzen, Handys, Autos und anderen vernetzten Systemen. Studierende beschäftigen sich mit Angriffsmethoden, Schutz gegen Hackerangriffe, kryptographischen Verfahren, Verschlüsselung, Implementierung und der Schnittstelle zwischen Mensch und IT-Sicherheit. In den Masterprogrammen kommen Berufsbilder hinzu, die unmittelbar in die Sicherheitswirtschaft, kritische Infrastruktur und öffentliche Verwaltung führen: Security Engineer, Penetration Tester, Incident Response Specialist, IT-Forensiker, Sicherheitsberater, Datenschutzverantwortliche.

Bochum zeigt damit die Spitze der Ausbildungspyramide. Dort entstehen Fachleute für Kryptographie, Systemanalyse, Forensik, Netzwerksicherheit und Forschung. Doch Skropkes eigentlicher Hinweis beginnt unterhalb der Universität. Spitzenforschung schützt keine kommunalen Netze, falls vor Ort niemand weiß, wie man Systeme härtet, Angriffe erkennt, Sicherheitsupdates prüft oder einen Notbetrieb stabil hält.

Die Berufsschule wird zum Sicherheitsort

Die Konsequenz aus Skropkes Diagnose führt in die berufliche Ausbildung. Cybersicherheit darf nicht erst im Masterseminar beginnen. Sie muss im Ausbildungsbetrieb, in der Berufsschule und in der Abschlussprüfung auftauchen. Der Ausbildungsberuf Fachinformatiker bietet dafür bereits einen Ansatz. Seit der Neuordnung der IT-Berufe gibt es neben Anwendungsentwicklung und Systemintegration auch die Fachrichtungen Daten- und Prozessanalyse sowie Digitale Vernetzung. Gerade die Digitale Vernetzung enthält Sicherheitsbezüge: vernetzte Systeme planen, errichten, betreiben, sichern, Ausfälle vermeiden, Daten gegen unerlaubte Zugriffe schützen.

Das ist die Eintrittsstelle für Skropkes Forderung. Cybersicherheit ist in der Ausbildung angelegt, aber noch kein eigenständiger beruflicher Schwerpunkt mit der nötigen Wucht. Datenschutz und Datensicherheit stehen bereits in den Ordnungen. Auch Schutz gegen unerlaubte Zugriffe gehört zum Profil. Doch die neue Lage verlangt mehr Praxis, mehr Verbindlichkeit, mehr Prüfung und mehr sichtbare Spezialisierung.

Skropke spricht deshalb von einem Ausbau des Fachinformatikers in Richtung Cybersicherheit. Langfristig denkt sie an einen eigenen Ausbildungsberuf. Das ist ein Signal an Industrie- und Handelskammern, Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe, das Bundesinstitut für Berufsbildung, die Kultusministerkonferenz und die zuständigen Ministerien. Wer Cybersicherheit in die Fläche bringen will, muss Ausbildungsordnungen, Rahmenlehrpläne, Prüfungsanforderungen und betriebliche Ausbildungspläne anpassen.

Der Fachinformatiker als Schutzberuf

Der Fachinformatiker galt lange als IT-Beruf für Systeme, Software, Daten, Prozesse und Netzwerke. In der neuen Sicherheitslage wird er zum Schutzberuf. Nicht jeder Absolvent muss Kryptograph werden. Nicht jeder muss Angriffe forensisch auswerten. Doch jeder sollte Grundfragen der Cybersicherheit im beruflichen Reflex haben: Wie werden Zugänge abgesichert? Wie erkennt man verdächtige Aktivitäten? Wie werden Updates geprüft und eingespielt? Wie trennt man Netze? Wie schützt man Daten? Wie reagiert man bei einem Vorfall? Wie dokumentiert man technische Änderungen? Wie hält man ein System arbeitsfähig, falls Teile ausfallen?

Diese Fragen gehören in Projektarbeiten, Prüfungen, betriebliche Lernaufgaben und Berufsschulunterricht. Eine Abschlussprüfung, in der Cybersicherheit verlässlich vorkommt, wäre ein klares Signal. Noch wirksamer wäre eine Fachrichtung oder Zusatzqualifikation, die Unternehmen erkennen lässt: Diese Person kann digitale Systeme nicht bloß betreiben. Sie kann sie schützen.

Die Kammern haben hier eine zentrale Rolle. Sie begleiten Ausbildungsbetriebe, organisieren Prüfungen, wirken an der Ordnung der Berufe mit. Doch Verantwortung liegt auch bei den Betrieben. Ohne Ausbilder, die Sicherheitsinhalte praktisch vermitteln, bleibt jede Reform schwach. Ohne Berufsschulen mit aktueller Ausstattung bleibt jeder Rahmenlehrplan blass. Ohne reale Übungsumgebungen bleibt Cybersicherheit Theorie.

Personalmanagement entdeckt die Cyberreserve

Damit rückt das Thema in die Personalabteilungen. Unternehmen müssen wissen, wer ihre Netze wirklich versteht. Wer kann eine Störung eingrenzen? Wer kennt die kritischen Systeme? Wer weiß, welche Updates eingespielt wurden? Wer kann im Notbetrieb arbeiten? Wer spricht mit Dienstleistern, Behörden und Management? Wer entscheidet, falls ein Angriff läuft?

Personalmanagement darf IT-Sicherheit nicht als reine Technikfrage behandeln. Es muss kritische Rollen erkennen, Nachwuchspfade aufbauen, Weiterbildungen planen, Ausbilder qualifizieren und Schlüsselpersonen binden. Für große Konzerne heißt das: Sicherheitsarchitektur und Personalstrategie gehören zusammen. Für den Mittelstand heißt es: Ein gut ausgebildeter Fachinformatiker mit Sicherheitsprofil kann wichtiger sein als das nächste Hochglanzprodukt aus dem Beratungsmarkt.

Skropkes Gedanke passt damit in die größere Debatte über Gesamtverteidigung. Die Personalfrage wird nicht allein durch Reservisten, Wehrdienst und Arbeitszeit gestellt. Sie stellt sich auch durch digitale Abhängigkeit. Ein Krankenhaus braucht Menschen, die Netze sichern. Ein Energieversorger braucht Menschen, die Systeme verstehen. Eine Kommune braucht Menschen, die Angriffssignale ernst nehmen. Ein Maschinenbauer braucht Menschen, die Produktionssysteme schützen. Ein Logistiker braucht Menschen, die Datenflüsse stabil halten.

Von der Universität zum Berufskolleg

Bochum liefert den akademischen Beweis, dass Deutschland Cybersicherheit auf höchstem Niveau kann. CASA, Horst-Görtz-Institut, Studiengänge zur IT-Sicherheit, Kryptographie, Netzwerksicherheit, Mensch-Technik-Fragen, Systemanalyse: Das ist eine beachtliche Grundlage. Doch die Sicherheitsarchitektur der Republik endet nicht im Forschungsverbund. Sie muss bis ins Berufskolleg, in den Ausbildungsbetrieb und in die kleine IT-Abteilung eines Landkreises reichen.

Von Bochum in die Betriebe: Diese Formel beschreibt den notwendigen Transfer. Forschung muss in Produkte, Gründungen, Standards, Lehre, Ausbildung und tägliche Praxis wandern. Skropke weist darauf hin, dass Deutschland Talente besser halten und zurückholen muss. Viele gut ausgebildete Cyberexperten gehen in internationale Märkte, weil dort Kunden, Kapital und Karrierewege schneller verfügbar sind. Startups brauchen deshalb nicht nur Finanzierung. Sie brauchen frühe Kunden. Der Staat, kritische Infrastruktur und große Unternehmen können Ankerkunden sein.

Auch das ist Personalpolitik. Talente bleiben dort, wo sie Wirkung sehen. Wer Cybersicherheit als Berufsfeld stärken will, muss attraktive Aufgaben, verlässliche Ausbildungswege, öffentliche Nachfrage und sichtbare Karrierepfade schaffen.

Sicherheit in der Fläche entscheidet über Resilienz

Skropke spricht über Resilienz bis in die Bevölkerung hinein. Dabei geht es um Warnübungen, Zivilschutz, Desinformation, Schulen, Volkshochschulen, Seniorenbildung und regionale Initiativen. Doch im Cyberraum bekommt dieser Gedanke eine besondere Schärfe. Jede Kommune, jede Schule, jedes Krankenhaus, jeder Mittelständler, jeder Energieversorger ist Teil der digitalen Sicherheitslage. Ein Angriff trifft nicht nur Server. Er trifft Termine, Zahlungen, Lieferungen, Patientenakten, Produktionsabläufe, Verwaltungsverfahren, Mobilität und Vertrauen.

Deshalb reicht ein kleiner Kreis akademischer Spezialisten nicht aus. Deutschland braucht Menschen mit beruflicher Praxis, die Cybersicherheit in die Fläche tragen. Sie sitzen in Stadtwerken, Landratsämtern, Maschinenbaubetrieben, Kliniken, Schulen, Rechenzentren, Softwarehäusern, Logistikunternehmen und bei Dienstleistern. Sie sind die erste Linie im digitalen Alltag.

Europa braucht gemeinsame Sprache

Skropke lenkt den Blick zudem nach Europa. Deutschland liegt geografisch im Herzen des Kontinents und wäre im Krisenfall Drehscheibe. Kommunikation muss über Grenzen hinweg funktionieren. Nationale Regelungen und unterschiedliche technische Standards dürfen in der Krise nicht zum Hindernis werden. Skropke spricht deshalb über Interoperabilität, also die Fähigkeit verschiedener Systeme und Organisationen, miteinander zu arbeiten.

Im Cyberraum betrifft das die Zusammenarbeit von nationalen Behörden und europäischen Stellen. Die Europäische Agentur für Cybersicherheit, die ENISA, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und weitere nationale Behörden müssen Lagebilder teilen, Daten bündeln und Vertrauen aufbauen. Skropke spricht sich eher für einheitliche europäische Regeln aus als für Richtlinien, die in jedem Land anders umgesetzt werden.

Auch das hat eine Personaldimension. Interoperabilität entsteht nicht nur durch Technik. Menschen müssen gemeinsame Begriffe, Verfahren und Kommunikationswege kennen. Wer europäisch zusammenarbeiten soll, braucht Ausbildung, Sprachen, Vertrauen und Übung.

Ein Ausbildungsberuf als Signal

Ein eigener Ausbildungsberuf für Cybersicherheit wäre mehr als eine neue Zeile im Verzeichnis der Berufe. Er wäre ein Signal, dass Deutschland die digitale Verteidigung der offenen Gesellschaft in die berufliche Normalität holt. Nach mehr als drei Jahrzehnten Cybersicherheitsbranche wäre das keine voreilige Forderung. Es wäre eine Anpassung an die Lage.

Der Weg dorthin muss sorgfältig sein. Neue Berufe brauchen klare Tätigkeitsprofile, Nachfrage in Betrieben, Ausbildungsfähigkeit, Prüfungsordnungen, Berufsschulkapazität und Anschluss an Weiterbildung. Vielleicht führt der erste Schritt über eine vertiefte Fachrichtung im Fachinformatiker. Vielleicht über bundesweit anerkannte Zusatzqualifikationen. Vielleicht über ein Stufenmodell aus Grundausbildung, Spezialisierung und Fortbildung.

Entscheidend ist, dass Cybersicherheit nicht in Zertifikatswelten zerfasert. Die berufliche Bildung braucht anerkannte, belastbare Wege.

Das Sicherheitsökosystem beginnt im Stundenplan

Christine Skropkes Beitrag zur AFCEA-Debatte zeigt eine neue Spur. Sicherheit entsteht nicht allein durch Programme, Plattformen und Behördenreformen. Sie entsteht auch im Stundenplan der Berufsschule, in der Ausbildungsordnung, im Prüfungsausschuss, im Betrieb, im Rechenzentrum, im kommunalen IT-Amt und im Personalgespräch.

Ein Staat ist digital nur so widerstandsfähig wie die Menschen, die seine Netze betreiben. Die akademische Spitze in Bochum ist ein Kapital. Die berufliche Breite entscheidet darüber, ob dieses Kapital im Alltag wirkt.

Wer das Sicherheitsökosystem 2030 ernst nimmt, muss daher auch fragen, was in der Ausbildung zum Fachinformatiker geprüft wird. Genau dort beginnt die alltägliche Cyberabwehr der Republik.

Der gelbe Faden zwischen Schelling, Moskau und Berlin: Harald Korten, Arsenij Gulyga und die verdrängte Zukunft eines philosophischen Gesprächs

Zwischen den Seiten der „Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie“ liegt ein gelber Beileger. Er kündigt den 16. Deutschen Kongress für Philosophie an, Berlin, 20. bis 24. September 1993. Das Rahmenthema lautet „Realität und Interpretation“. Für sich genommen klingt das nach Kongressbetrieb, nach Sektionen, Kolloquien, Vorträgen, akademischer Selbstverständigung. Im Rückblick erhält dieses Blatt ein anderes Gewicht. Es gehört in die frühen neunziger Jahre, in jene Phase nach dem Ende der Sowjetunion, in der Deutschland, Russland und Europa ihre geistigen Beziehungen neu zu ordnen begannen.

Unter den angekündigten Vorträgen findet sich Arsenij Gulyga mit dem Thema „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Dieser Titel wirkt heute wie eine Nachricht aus einer anderen Zeit. Damals konnte man die russische Idee noch als Gegenstand eines philosophischen Gesprächs auffassen, als Thema der europäischen Geistesgeschichte, als Frage nach Traditionslinien zwischen deutscher Klassik und russischem Denken. Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist jeder solche Begriff belastet. Gerade deshalb lohnt der Blick auf den damaligen Zusammenhang. Er zeigt keine heile Welt. Er zeigt einen Faden, der später riss und der auf kultureller Ebene neu geprüft werden muss.

Kortens genaue Lektüre

Der innere Kern dieses Fundes ist Harald Kortens Beitrag „Neue Schellingiana: Quellen, Dokumente und Interpretationen“. Korten sichtete 1992 neue Literatur zu Schelling: Quellen, Editionen, Dokumente, Interpretationen. Am Anfang steht Guligas „Schelling. Leben und Werk“, aus dem Russischen übertragen von Elke Kirsten, erschienen 1989 bei der Deutschen Verlags-Anstalt.

Korten eröffnet seine Besprechung mit einem Satz Schellings aus dem März 1854: „Hen kai pan, ich weiß nichts anderes, sagte seinerzeit Leßing. Ich weiß auch nichts anderes.“ Diese briefliche Äußerung Schellings an seinen Sohn und späteren Herausgeber K. F. A. Schelling gehört neben weiteren Briefen an Söderholm und Turgenev zu den bisher unveröffentlichten Quellen, die Guliga in seiner deutsch vorliegenden Biographie „Schelling. Leben und Werk“ zugänglich gemacht hat. Damit ist Kortens Ausgangspunkt präzise gesetzt. Das Buch bringt Material in die Schelling-Forschung ein, es richtet sich zugleich an ein breiteres Publikum und muss sich an der schwierigen Aufgabe messen lassen, Schellings Werkweg darzustellen.

Korten referiert den Aufbau des Buches mit Genauigkeit. In acht Abschnitten folgt Guliga den verschiedenen Epochen und Themenschwerpunkten von Schellings Philosophieren: Jugend und Studienzeit, erste philosophische Werke, „Philosophie der Natur“, „Transzendentalphilosophie“, „Identitätsphilosophie“ und „Philosophie der Kunst“. Die Phase nach 1809 wird unter Überschriften wie „Die Freiheit und das Böse“, „Mythos als Seinsform“ und „Götterdämmerung“ behandelt.

Anerkennung und Kritik bleiben bei Korten in Balance. Er würdigt das erzählerische Geschick, mit dem Guliga Werkdarstellung, einzelne Theoreme, biographische Details und geistesgeschichtliche Zusammenhänge verbindet. Zu den geschlossensten Partien zählt für ihn der knappe Abriss zu den Grundzügen des „Systems des transzendentalen Idealismus“. Die Ausführungen zur Naturphilosophie vermitteln nach seiner Einschätzung eine erste Vorstellung, verbleiben aber oft im Grundsätzlichen. Breiten Raum nehmen Poetik und Ästhetik ein. Das Spätwerk erscheint Korten selektiv und eher an der Oberfläche dargestellt. Einen systematischen Gesamtüberblick versucht Guliga aus seiner Sicht nicht zu geben.

Auch die Ausstattung des Bandes bewertet Korten differenziert. Zeittafel und Auswahlbibliographie runden den Band ab. Dass in der Bibliographie unverzichtbare Standardwerke von Walter Schulz und Xavier Tilliette fehlen, trägt für ihn zum zwiespältigen Gesamteindruck bei. Zugleich hält Korten fest, dass gute Gesamtdarstellungen von Schellings Leben und Werk selten sind. Guligas gut lesbare Einführung soll nach seiner Lesart nicht an Ansprüchen gemessen werden, die sich angesichts dieser Forschungslage immer weiter steigern.

Der eigentliche Einwand betrifft die fehlende innere Leitlinie. Schellings Denken erscheint vielgestaltig, wechselhaft, von verschiedenen Motiven und Interessen durchzogen. Nach Korten hätte der Satz „Hen kai pan“ als philosophische Achse dienen können. Da Guliga keinen einheitlichen Gesichtspunkt wählt, drohen Leben und Werk in einzelne Problemkomplexe auseinanderzufallen. Die Darstellung setzt jeweils neu von außen an, ohne im inneren Vollzug des Schellingschen Denkens dauerhaft Fuß zu fassen. Das ist Kortens zentrale Diagnose.

Ein sowjetischer Philosoph mit Berliner Erfahrung

Arsenij Gulyga war für diese deutschsprachige Schelling-Rezeption keine Randfigur. Geboren 1921 in Moskau, gestorben 1996 in Moskau, studierte er von 1938 bis 1942 Philosophie und Germanistik an der Moskauer Universität. Von 1942 bis 1954 leistete er Militärdienst. Zwischen 1946 und 1948 arbeitete er als Kulturreferent bei der sowjetischen Militärkommandantur in Berlin. Er war an der Errichtung des Künstlerklubs „Die Möwe“ beteiligt. Die Begegnungen mit Karl-Heinz Martin, Gustaf Gründgens, Jürgen Fehling und Ernst Busch wurden für ihn prägender als die Vorlesungen über Klassenästhetik in Moskau.

Seit 1956 arbeitete Gulyga am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er publizierte zu Hegel, Herder, Kant, Schelling und zur klassischen deutschen Philosophie. Am Wissenschaftskolleg zu Berlin lautete sein Forschungsthema 1991/92: „Die deutsche philosophische Klassik als Grundlage des russischen Denkens im XIX. und XX. Jahrhundert.“ Diese Formulierung erklärt, weshalb Kortens Rezension und der gelbe Kongressbeileger zusammengehören. Gulyga war Vermittler einer Denktradition, die von deutscher Klassik in russische Philosophie hineinführt.

Sein Bericht „Zur geistigen Situation in Rußland“ zeigt die andere Seite dieser Vermittlungsarbeit. Gulyga beschreibt die Folgen der Oktoberrevolution für die russische Philosophie als Geschichte der Vertreibung, Verfolgung und ideologischen Erstarrung. Berdjajew, Bulgakow und Iljin mussten Russland verlassen. Florenskij und Gustav Spät starben als Häftlinge. Losew wurde inhaftiert und schwieg über Jahrzehnte. Die Philosophie geriet unter bürokratische Kontrolle. Der dogmatische Marxismus zerlegte das Denken in dialektischen und historischen Materialismus, in Grundzüge, Stufen und Lehrformeln.

Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt Gulygas Arbeit zur deutschen Klassik Bedeutung. Sie gehört zu einer Phase der Wiederaneignung verdrängter Traditionslinien. In seinem Bericht spricht er über die Wiederentdeckung der Geschichte der Philosophie, über die Reihe „Das philosophische Erbe“, über Übersetzungen von Platon, Hume, Leibniz, Kant, Hegel und Schelling, über eine Kant-Renaissance und über die späte Rückkehr russischer Idealisten wie Solowjew und Fedorow. Die Perestroika erscheint in diesem Text auch als geistiger Öffnungsprozess.

Diese Passagen muss man heute vorsichtig lesen. Begriffe wie nationale Wiedergeburt, russische Tradition oder russische Idee haben seitdem politische Wandlungen erfahren. Bei Gulyga stehen sie in einem anderen Zusammenhang. Sie richten sich gegen ideologische Verarmung, gegen Zensur, gegen die Trennung Russlands von seiner eigenen philosophischen Vergangenheit und vom europäischen Denkprozess.

Der Beileger als Verbindungslinie

Der gelbe Beileger zum Deutschen Kongress für Philosophie ist daher kein bloßes Fundstück am Rand. Er verbindet Kortens Rezension mit Gulygas philosophischer Rolle. Der Kongress von 1993 wollte über „Realität und Interpretation“ sprechen. Das Programm nennt Themen wie technische Realität, Umweltethik, Selbstorganisation, Information, Computerwelten, mentale Modelle, Symbol und Sprache, politische Utopien, Europa als philosophische Herausforderung und Realismusdebatten. Es ist ein Programm der Übergangszeit nach 1989.

In dieser Umgebung steht Gulygas Vortrag „Die russische Idee und der deutsche Idealismus. Zur Wiedergeburt einer kulturellen Realität“. Korten hatte kurz zuvor Guligas Schelling-Biographie in die deutschsprachige Forschung eingeordnet. Der Kongress nahm denselben Autor als Gesprächspartner für eine größere europäische Fragestellung auf. Dort die Rezension, hier die Einladung. Dort Quellenkritik, hier Kulturdiagnose. Beide Dokumente zeigen eine Phase, in der das Gespräch zwischen deutscher Philosophie und russischer Geistesgeschichte neu möglich schien.

Wichtig ist dabei die Maßhaltung. Korten macht aus Guliga keinen Meisterinterpreten Schellings. Er hebt die Lesbarkeit und die neuen Quellen hervor, benennt die Schwächen der Darstellung, kritisiert die fehlende systematische Achse und die selektive Behandlung des Spätwerks. Gerade diese Genauigkeit macht seinen Text brauchbar. Er zeigt, wie kulturelle Vermittlung in der Wissenschaft funktioniert: durch Lektüre, Einordnung, Kritik und das Ernstnehmen eines Autors, auch dort, wo man ihm widerspricht.

Der Faden von 1993

Aus heutiger Sicht liegt die These nahe, dass der Faden von 1993 nicht einfach verlorengehen darf. Das heißt nicht, politische Wirklichkeit zu beschönigen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bleibt die Zäsur, vor der alle kulturellen Kontakte neu geprüft werden müssen. Auch darf die russische Geistesgeschichte nicht als Schutzraum gegen politische Verantwortung missbraucht werden.

Gleichzeitig wäre es falsch, russische Philosophie, Literatur, Musik und Kunst vollständig mit der Politik des russischen Staates gleichzusetzen. Gerade Gulygas eigener Bericht erinnert daran, wie viele russische Denker Opfer von Verfolgung, Exil, Zensur und geistiger Disziplinierung wurden. Wer heute nach kulturellen Wegen der Annäherung fragt, muss mit solchen Unterscheidungen beginnen. Solowjew, Fedorow, Losew, Florenskij oder Berdjajew gehören nicht in ein staatliches Besitzregister. Sie gehören in eine europäische Konfliktgeschichte des Denkens.

Schelling bietet dafür einen passenden Bezugspunkt. Sein Werk ist schwer auf eine Formel zu bringen. Korten zeigt, wie problematisch jede Darstellung wird, die keinen inneren Gesichtspunkt findet. Gerade darin liegt die produktive Spannung. Schelling zwingt zur Arbeit an Übergängen: Natur und Geist, Freiheit und Böses, Mythos und Vernunft, Kunst und Philosophie, System und Geschichte. Wer Gulygas Schelling liest, liest auch einen russischen Versuch, diese deutsche Denkbewegung für ein anderes geistiges Milieu zu erschließen.

Eine Aufgabe der Lektüre

Der gelbe Beileger, Kortens Rezension und Gulygas Lebensweg ergeben zusammen keine große Versöhnungserzählung. Sie zeigen einen historischen Augenblick. Anfang der neunziger Jahre konnte ein sowjetisch-russischer Philosoph mit Berliner Nachkriegserfahrung, deutscher Klassik und Schelling-Forschung in einem deutschen Kongressprogramm als Gesprächspartner erscheinen. Ein Bonner Philosoph las seine Biographie genau, fair, kritisch. Eine Fachzeitschrift bewahrte beides in der Ordnung des akademischen Papiers auf.

Nach 2022 liest sich diese Konstellation anders. Der Faden ist beschädigt, aber sichtbar. Eine spätere Annäherung kann nicht mit großen Gesten beginnen. Sie müsste bei kommentierten Lektüren, Übersetzungen, Editionen, Seminaren, Musik, Theater, Archivarbeit und dem genauen Umgang mit belasteten Begriffen einsetzen. Sie müsste die Ukraine und Ostmitteleuropa in jede Diskussion einbeziehen. Sie müsste imperiale Deutungen offenlegen. Sie müsste zugleich jene russischen Stimmen freihalten, die selbst gegen Verfolgung, ideologische Gewalt und geistige Verengung stehen.

Harald Korten liefert dafür kein Programm. Seine Rezension ist bescheidener und gerade deshalb brauchbarer. Sie zeigt, wie ein Gespräch beginnt: mit einem Buch, einer Quelle, einem Zitat, einer Prüfung der Darstellung, einer Kritik der Lücken. Der gelbe Beileger zeigt den größeren Horizont: Berlin 1993, „Realität und Interpretation“, Gulyga und die Frage nach der russischen Idee im Verhältnis zum deutschen Idealismus. Zwischen beidem liegt der Faden, den man heute wieder aufnehmen kann, vorsichtiger als damals, genauer, ohne Illusionen, aber mit dem Bewusstsein, dass Europa auch aus solchen Lektüren besteht.

Die bedrohte Kultur der Marginalien: Gert Scobel, und das stille Verschwinden der lesenden Hand

Gert Scobel hat ein Problem beschrieben, das zunächst komisch klingt und dann immer weniger komisch wird: Menschen ziehen um, werden älter, verkleinern ihre Wohnungen, räumen Arbeitszimmer, Keller, Regale. Plötzlich stehen da nicht mehr einfach Bücher. Plötzlich stehen da Kartons. Gewicht. Staub. Erinnerung. Lebenszeit. Niemand will sie haben. Die Kinder nicht. Die Stadtbibliothek nicht. Die Universitätsbibliothek nur in seltenen Ausnahmefällen. Antiquariate winken oft ab. Am Ende bleibt der Container.

Scobel erzählt dieses Bücherproblem mit der lakonischen Härte eines Mannes, der selbst vor seinen Regalen steht. Er zitiert Harald Schmidt, der das Wegwerfen von Büchern als späte Lebenskunst vorführt: nach dem Lesen wegwerfen, vor dem Lesen wegwerfen, eingeschweißt wegwerfen. Der Witz sitzt, weil er eine reale Erfahrung trifft. Wer lange gelesen, gelehrt, geschrieben, gesammelt, gearbeitet hat, besitzt am Ende keine Sammlung mehr, die selbstverständlich weitergegeben wird. Er besitzt ein logistisches Problem.

Doch Scobel treibt die Frage weiter. Was verschwindet, wenn Bücher weggeworfen werden? Nicht nur alte Romane, vergriffene Sachbücher, Doppelstücke, Studienausgaben, vergilbte Taschenbücher. Es verschwinden auch Randnotizen, Unterstreichungen, eingelegte Zettel, Widmungen, Zeitungsausschnitte, Fragezeichen, Ausrufezeichen, Datierungen, kleine Kommentare, Lesespuren. Es verschwinden intellektuelle Biographien im Kleinformat. Die Bücher selbst mögen oft ersetzbar sein. Die Art, wie ein Mensch sie gelesen hat, ist es nicht.

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Geschichte. In einem Antiquariat taucht Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ auf, erschienen 1951 im Münchner Leo Lehnen Verlag. Auf den ersten Blick ein kulturkritisches Buch der frühen Bundesrepublik. Kein Besitzvermerk, keine Adresse, kein Exlibris. Der frühere Eigentümer bleibt namenlos. Doch schon nach wenigen Seiten ist klar: Dieses Buch ist kein gewöhnliches Exemplar. Es ist ein Arbeitsbuch, geführt über fast zwei Jahrzehnte.

Der unbekannte Leser hat nicht nur Sätze unterstrichen. Er hat das Buch erweitert. Er hat Zeitungsausschnitte eingeklebt, Lexikonartikel zugeschnitten, Gedichte beigelegt, Rezensionen eingefügt, Begriffe erklärt, Namen nachgeschlagen, Fremdwörter übersetzt, politische Meldungen gesammelt, technische Nachrichten angefügt. Er hat de Mans Buch zu einem privaten Forschungsinstrument gemacht. Schere, Leim, Bleistift und Zeitung waren seine Werkzeuge.

Damit erhält Scobels Sorge ein konkretes Gesicht. Was heute im Altpapier landet, kann genau so aussehen: ein Buch, das nicht nur Text enthält, sondern eine jahrzehntelange Praxis des Lesens. Ein Buch, in dem ein unbekannter Mensch seine Gegenwart sortiert hat. Ein Buch, das zeigt, wie Lesen einmal als Lebensform betrieben wurde.

Ein Exemplar als private Institution

Das Besondere an diesem Fund liegt nicht allein in der Menge der Einlagen. Entscheidend ist die Genauigkeit. Die Zeitungsausschnitte sind sauber ausgeschnitten, teils zusammengeklebt, auf bestimmte Seiten bezogen, inhaltlich zugeordnet. Nichts wirkt wie loses Sammeln. Der Leser führt eine Art Dialog zwischen de Mans Kulturkritik und der laufenden Gegenwart. Aus den fünfziger Jahren kommen Feuilletonstücke, Gedichte, Rezensionen, kulturkritische Artikel. Aus den sechziger Jahren treten Jugend, Kino, Technik, Radio, Werbung, Psychologie, Computer, Verwaltung und Weltpolitik hinzu. Um 1970 erscheinen Personalkennzeichen, Datenschutzängste, Orwell-Assoziationen, Meldungen über elektronische Verwaltung.

So entsteht eine Langzeitbeobachtung der Nachkriegsmoderne. Hendrik de Man liefert die Begriffe: Masse, Kultur, Zivilisation, Arbeit, Kunst, Religion, Wissenschaft, Angst, Vermassung. Der unbekannte Leser prüft sie an seiner Zeit. Er sammelt Belege, Gegenbilder, Erweiterungen. Er macht das Buch zum Rahmen, in dem die Gegenwart Platz nehmen muß.

Hier liegt der soziologische Kern. Dieser Leser ersetzt in seinem privaten Raum mehrere Institutionen zugleich: Archiv, Ausschnittdienst, Seminar, Redaktion, Lexikon, Zettelkasten, Kommentarapparat. Er besitzt keinen Lehrstuhl, keine Forschungsstelle, keinen Etat. Aber er verfügt über eine enorme Ordnungskraft. Er macht aus Lesen eine private Wissenschaft.

Scobels Bücherfrage wird zur Marginalienfrage

Scobel spricht davon, dass Bücher als analoge Anker in einer digitalen Welt wieder wichtiger werden könnten. Der gedruckte Text bleibt stabil. Er ändert sich nicht lautlos durch Updates. Er ist überprüfbar, zitierbar, historisch lokalisierbar. Doch das de-Man-Exemplar zeigt noch etwas anderes: Nicht nur der gedruckte Text ist ein Anker. Auch die Spur der Lektüre ist einer.

Eine digitale Markierung kann verschwinden, wenn eine App verschwindet, ein Account gelöscht wird, ein Format veraltet. Eine Bleistiftnotiz im Buch bleibt. Ein eingeklebter Zeitungsausschnitt bleibt. Ein vergilbter Kleberand bleibt. Ein Zettel, der herausfällt, erzählt noch von Gebrauch. Die Marginalie ist die körperliche Spur des Denkens.

Deshalb ist das Bücherwegwerfen nicht bloß eine Frage des Bestandes. Es ist eine Frage der Überlieferung von Lesepraktiken. Scobels Umzugskarton enthält nicht nur alte Bücher. Er enthält möglicherweise verborgene Archive. Die meisten werden nie geöffnet, nie geprüft, nie beschrieben. Sie verschwinden, weil niemand Zeit, Platz oder Zuständigkeit hat.

Die lesende Hand als historische Quelle

Man kann diesen unbekannten de-Man-Leser nicht biographisch fassen. Kein Name hilft weiter. Doch seine Handlungen sind lesbar. Er schlägt nach. Er übersetzt. Er markiert. Er verbindet. Er kehrt zurück. Er arbeitet mit Dauer. Seine Marginalien zeigen eine Form bürgerlicher Selbstbildung, die weder rein akademisch noch bloß privat war. Sie lag dazwischen: im Arbeitszimmer, im Zeitungsausschnitt, im Lexikon, im Gespräch mit einem Buch.

Diese Kultur ist nicht einfach nostalgisch zu verklären. Manche eingeklebten Texte tragen die Blickmuster ihrer Zeit. Manche Begriffe wirken heute befangen. Manche kulturkritische Diagnose ist überzogen. Aber die Leseleistung bleibt außerordentlich. Ein Mensch hat fast zwei Jahrzehnte lang versucht, seine Gegenwart mit Hilfe eines Buches zu verstehen.

Scobels Bücherfrage gewinnt dadurch eine neue Schärfe. Der Verlust liegt nicht nur darin, dass bestimmte Titel aus Regalen verschwinden. Der Verlust liegt darin, dass niemand mehr erkennt, welche Bücher durch ihre Leser zu einmaligen Dokumenten geworden sind. Ein unberührtes Exemplar von Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ wäre ein antiquarischer Fund. Dieses annotierte, beklebte, geführte Exemplar ist eine Quelle.

Das stille Verschwinden einer Kulturtechnik

Vielleicht wird gerade eine Kulturtechnik entsorgt, ohne dass sie überhaupt benannt wurde. Die Kultur der Marginalien war eine Praxis langsamer Aneignung. Man las mit Stift. Man legte Zettel ein. Man schnitt Artikel aus. Man kehrte nach Jahren zurück. Man baute ein Buch um, ohne den gedruckten Text zu zerstören. Die eigene Lektüre schrieb sich als zweite Schicht in die erste ein.

Diese zweite Schicht droht heute mit den privaten Bibliotheken zu verschwinden. Aus Platzmangel, aus Erschöpfung, aus Erbfallroutine, aus Bibliothekslogik, aus Marktlogik. Der Container unterscheidet nicht zwischen ungelesenem Geschenkband und einmaligem Arbeitsbuch. Er kennt keine Marginalien. Er kennt nur Gewicht.

Das de-Man-Exemplar zeigt, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht darum, jedes alte Buch zu retten. Es geht darum, genauer hinzusehen, bevor man eine ganze Leseform vernichtet. Denn manchmal ist der gedruckte Text nur die erste Schicht. Die zweite Schicht ist die Geschichte eines Menschen, der gelesen hat. Und manchmal ist gerade diese zweite Schicht das eigentliche Ereignis.

Amerika im Sprechblasenarchiv: Joshua Kendalls Biografie über Garry Trudeau liest Doonesbury als Gegenchronik der Vereinigten Staaten

Garry Trudeau stand am 2. Dezember 1975 auf der Chinesischen Mauer, ein schlanker Siebenundzwanzigjähriger mit langem braunem Haar, orangefarbenem Frisbee und jenem Abstand zur Washingtoner Pressegesellschaft, den man damals noch an Kleidung erkennen konnte. Präsident Gerald Ford verhandelte unterdessen mit Deng Xiaoping über die Sowjetunion. Die Kameras folgten Susan Ford, der siebzehnjährigen Tochter des Präsidenten. Tom Brokaw war dabei, Trudeau auch. Der Cartoonist war der erste seiner Zunft, der mit dem White-House-Pressekorps reiste. Aus dieser Szene hätte ein anderer Autor eine charmante Fußnote gemacht. Joshua Kendall beginnt mit ihr eine Biografie, die ihre eigentliche These schon im Bild trägt: Doonesbury gehörte sehr früh zu den Orten, an denen Amerika sich selbst beobachtete.

Trudeau war zu diesem Zeitpunkt längst kein Außenseiter mehr. Fünf Jahre nach dem Start seines Strips erschien Doonesbury in fast fünfhundert Zeitungen, mit einer Gesamtreichweite von sechzig Millionen Lesern. Präsident Ford hatte im März 1975 beim Dinner der Radio and Television Correspondents Association erklärt, es gebe drei große Wege, um über Washington informiert zu bleiben: elektronische Medien, gedruckte Medien und Doonesbury, nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Zwei Monate später erhielt Trudeau als erster Comicstrip-Zeichner den Pulitzer-Preis für Editorial Cartooning.

Kendalls Buch erzählt den Aufstieg eines Mannes, der Öffentlichkeit prägte, während er die eigene Person vor ihr verbarg. Trudeau ist in dieser Darstellung ein amerikanischer Aristokrat mit Yale-Herkunft, Adirondack-Kindheit, Familiengeschichte aus Ärzten und einer erstaunlichen Scheu vor öffentlicher Selbstdeutung. Er mied Fernsehinterviews über Jahrzehnte. Er sammelte zugleich sein Archiv mit fast klinischer Genauigkeit. Mehr als zweihundert Kisten liegen heute in Yale: Skizzenbücher, Briefe, Originale, Entwürfe, Korrespondenzen mit Filmstars, Politikern, Journalisten, Senatoren und Lesern, die sich in den Panels erkannt hatten.

Die Funny Pages werden politisch

Doonesbury entstand aus dem Campusmilieu der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Walden College, Mike Doonesbury, B.D., Zonker, Mark Slackmeyer, Joanie Caucus, Uncle Duke: Aus Studentenfiguren wurde ein gesellschaftlicher Resonanzraum. Trudeau tat etwas, was im amerikanischen Comicstrip selten war. Seine Figuren blieben nicht im ewigen Wiederholungszyklus gefangen. Sie alterten, heirateten, trennten sich, bekamen Kinder, verloren Jobs, gingen in den Krieg, kamen verletzt zurück, wechselten Milieus, wurden müde, fanden neue Rollen. Charles Schulz hatte mit Peanuts das Innenleben der Nachkriegskinder in Miniaturen verwandelt. Trudeau verlegte diese Methode in die politische Außenwelt.

Kendall beschreibt Doonesbury daher treffend als berichtenden Comicstrip. Der Strip war weder Karikatur im klassischen Sinne noch Kolumne mit Zeichnungen. Er war Fortsetzungsroman, Satire, Tageskommentar, Gesellschaftspanorama. Trudeau selbst sah sich in der Nähe der viktorianischen Erzähler, bei Dickens, bei großen Ensembles, bei Figuren, die sich über Jahrzehnte durch eine Gesellschaft bewegen. Damit erklärt sich auch, weshalb Doonesbury so schwer in die gängigen Kategorien passt. Der Strip war komisch, doch selten bloß witzig. Er war politisch, doch oft viel genauer in Nebensätzen, Pausen und Blicken als in direkten Angriffen.

Der Vergleich mit Norman Rockwell, den Trudeau selbst schätzt, wirkt auf den ersten Blick überraschend. Rockwell erzählte in einem Bild kleine nationale Dramen. Trudeau brauchte vier Panels, manchmal eine Woche, gelegentlich Jahrzehnte. Beide arbeiteten an amerikanischer Selbsterkenntnis. Rockwell malte ein Land, das seine moralische Bühne suchte. Trudeau zeichnete ein Land, das diese Bühne längst in Pressekonferenzen, Wahlkämpfen, Talkshows, Kriegen und Skandalen verloren hatte.

Watergate, Vietnam, AIDS, Irak

Kendalls Biografie gewinnt ihre Kraft dort, wo sie zeigt, wie weit Doonesbury in Themen vordrang, die auf den Comicseiten zuvor kaum Platz hatten. Watergate machte Trudeau legendär, weil er die Krise der Institutionen im Ton der täglichen Irritation traf. Vietnam und später der Irakkrieg gingen in das Leben von B.D. ein, der 2004 als Reservist ein Bein verlor. Die Genesung in Landstuhl, die Traumafolgen, die Gespräche mit Kameraden und Familie führten den Krieg nicht als patriotisches Tableau vor, vielmehr als Verwundung des Alltags.

Eine der eindrücklichsten Linien bleibt Andy Lippincott, der an AIDS stirbt. Trudeau gab der Krankheit früh ein Gesicht, ohne das Leid zu sentimentalisieren. Das war für viele Leser kein Kommentar aus sicherer Entfernung. Es war die Zeitung am Frühstückstisch, die plötzlich über das sprach, was Familien, Freundeskreise und ganze Milieus verschwiegen oder fürchteten. Ähnlich verhielt es sich mit häuslicher Gewalt, Feminismus, Scheidung, journalistischem Berufsethos, Veteranenmedizin und schwulem Leben. Doonesbury brachte die amerikanische Gegenwart in kleine Kästchen und entzog ihr damit die Ausflucht ins Abstrakte.

Kendall zeigt Trudeau als Satiriker mit therapeutischem Impuls. Das klingt gefährlich glatt, trifft aber etwas. Der Mann aus einer Familie von Ärzten wurde kein Mediziner, zeichnete aber an einer Diagnosegesellschaft. Er wollte die Mächtigen lächerlich machen, gewiss. Doch oft interessierte ihn mehr, was ihre Sprache mit jenen anrichtete, die in ihren Entscheidungen vorkamen: Soldaten, Ehefrauen, Journalisten, Patienten, Studenten, Beamte, Wahlkämpfer, Aussteiger, Mitläufer.

Der frühe Trump-Radar

Eine der besten Passagen des Buches betrifft Donald Trump. Trudeau erkannte sehr früh, dass dieser New Yorker Immobilienunternehmer für die amerikanische Kultur mehr bedeutete als Boulevardgeräusch. 1987 reagierte er auf Trumps großformatige Anzeigen zu außenpolitischen Fragen. Damals war Trump noch keine nationale politische Figur. Er war Projektionsfläche, Lärmmaschine, Selbstvergrößerer, Immobilienmarke. Trudeau sah darin ein Zeichen. Nicht als Prophet im mystischen Sinn, eher als genauer Leser öffentlicher Gesten.

Später ließ er Uncle Duke auf Trumps Yacht auftauchen. Er machte die kleine Hand zur Chiffre. Er erfand eine Trump-Spielshow, lange bevor The Apprentice aus dem Geschäftsmann eine Fernsehinstitution machte. Diese frühen Trump-Strips wirken rückblickend gespenstisch präzise, weil Trudeau die spätere politische Methode bereits in der medialen Form erkannte: Übertreibung als Geschäftsmodell, Beleidigung als Sichtbarkeitsstrategie, Selbstlob als Dauerrauschen.

Nach 2016 wurde Trump für Trudeau zum zentralen Stoff. Kritiker warfen ihm Fixierung vor. Doch Kendalls Darstellung legt eine andere Lesart nahe. Trump war für Doonesbury kein normales politisches Ziel. Er war die Rückkehr aller Motive, die Trudeau seit den siebziger Jahren bearbeitet hatte: Celebrity-Kultur, politische Verwahrlosung, Medienkomplizenschaft, Macht ohne Scham, Entertainment als Herrschaftstechnik. Der Satiriker musste kaum zuspitzen, weil die Wirklichkeit selbst im Kostüm der Parodie auftrat.

Der Privatmann im Archiv

Die Biografie lebt von einer produktiven Spannung. Trudeau will nicht über sich sprechen. Kendall folgt ihm trotzdem, über Yale, Saranac Lake, Familiengeschichte, Archivbestände, Freunde, Briefe und Weggefährten. Dabei entsteht kein Enthüllungsbuch. Wer Skandal, Seelenstriptease oder psychologische Demontage erwartet, wird wenig finden. Kendall arbeitet respektvoll, gelegentlich fast ehrfürchtig. Das kann man dem Buch ankreiden. Es kommt Trudeau sehr nahe, ohne ihm zu nahe zu treten.

Gerade diese Zurücknahme hat auch Vorzüge. Sie passt zu einem Künstler, dessen Werk immer stärker war als jede Selbstinszenierung. Jane Pauley, seine Frau, beschreibt sein zeitweiliges Tagebuch als Liste von Orten und Terminen. Das ist komisch und aufschlussreich. Trudeau dokumentiert, was außen geschieht; das Innenleben bleibt unter Verschluss. Doonesbury wurde das Medium, in dem diese Diskretion produktiv wurde. Gefühle erschienen als Verhalten, Weltbild als Dialog, Politik als Szene.

Kendall zeigt auch den Netzwerker Trudeau: Tom Brokaw, Al Gore, Donald Graham, Walter Isaacson, Lewis Lapham, Pat Leahy, Daniel Patrick Moynihan, Jonathan Alter. Die Liste ist imposant. Sie zeigt aber nicht bloß sozialen Rang. Sie erklärt, weshalb Doonesbury in Washington gelesen wurde wie ein täglicher Nebendienst der politischen Intelligenz. Senatoren sprachen morgens über den Strip. Journalisten fühlten sich von ihm beschrieben. Leser schrieben, weil sie Anerkennung, Ärger, Trost oder Widerspruch empfanden.

Vom Zeitungsimperium zur Streamingwelt

Eine zweite Geschichte läuft durch Kendalls Buch: der Niedergang der Zeitung als gemeinsamer Ort. In den siebziger Jahren konnte ein Comicstrip politische Reichweite entfalten, weil Zeitungen noch ein nationales Ritual bildeten. Doonesbury stand auf der Seite, die man aufschlug, bevor das Netz alle Gewohnheiten zerrieb. Trudeau erkannte früh die digitale Verschiebung. 1995 ging Doonesbury online. Google-Gründer interessierten sich für einen Strip über Suchmaschinen. Später wechselte Trudeau mit Alpha House ins Streaming, schrieb für Amazon, arbeitete mit Schauspielern und Produzenten, musste lernen, dass ein Autor im Fernsehbetrieb nicht allein im Zimmer regiert.

2014 beendete er die täglichen neuen Strips. Seither erscheinen werktags Klassiker, sonntags Neues. Das war kein Rückzug aus Faulheit. Es war ein mediengeschichtlicher Befund. Die Comics waren einst Teil des führenden kulturellen Gesprächs gewesen. Nun lagen Tempo, Reichweite und Aufmerksamkeit anderswo. Kendall erzählt diesen Wandel ohne Nostalgiealbum. Die alte Ordnung der Zeitung verschwindet, aber Trudeau wird dadurch nicht museal. Er bleibt ein Künstler der Übergänge, der die Form wechselt, während seine Grundfrage dieselbe bleibt: Was macht die Gegenwart mit den Menschen, die sie bewohnen?

Die Grenzen der Satire

Kendall verschweigt auch die heiklen Stellen nicht. Besonders aufschlussreich ist Trudeaus Rede nach dem Charlie-Hebdo-Massaker. Er ehrte die ermordeten französischen Zeichner, kritisierte aber zugleich deren Zeichnungen als Angriff auf eine verletzliche Minderheit. Viele Kollegen sahen darin eine gefährliche Verschiebung der Schuld. Trudeau verteidigte sich mit dem Hinweis, eine Gesellschaft müsse Grenzen öffentlicher Rede aushandeln. Diese Passage zeigt einen Satiriker, der den Schutz der Satire hoch schätzt, aber ihre Richtung moralisch befragt.

Man muss ihm darin nicht folgen, um die Bedeutung dieser Auseinandersetzung zu erkennen. Sie rührt an die alte Frage, ob Satire nach oben treten muss, ob sie auch religiöse Empfindungen verletzen darf, wie viel Rohheit Freiheit verträgt und wer in einer pluralen Gesellschaft die Maßstäbe setzt. Trudeau, der jahrzehntelang Präsidenten, Senatoren, Medienleute und Milliardäre zerlegte, wollte die Machtfrage im Blick behalten. Seine Kritiker fürchteten, dass er ausgerechnet an jener Stelle den Gegnern freier Zeichnung Argumente lieferte.

Kendalls Buch hätte hier noch härter nachfragen können. Auch an anderen Stellen bleibt es nahe beim Respekt des Biografen. Der Zugriff ist archivalisch reich, freundlich im Ton, gelegentlich milder als der Gegenstand es verdient hätte. Doch gerade bei einer Figur wie Trudeau ist das kein ruinöser Mangel. Der Autor zeigt genug, um Ambivalenzen sichtbar zu machen: den öffentlich wirksamen Privatmann, den liberalen Satiriker mit elitärem Hintergrund, den scharfen Chronisten mit großem Bedürfnis nach Kontrolle, den Zeichner des Wandels, der selbst an ikonischen Formen festhielt.

Der lange Roman der amerikanischen Absurdität

Trudeau & Doonesbury ist am Ende weniger die Biografie eines Cartoonisten als eine Mediengeschichte der Vereinigten Staaten seit 1970. Das Buch erklärt, weshalb ein Comicstrip Präsidenten beschäftigen, Senatoren begleiten, Google inspirieren, Veteranen trösten, Journalisten beschämen und Leser über Jahrzehnte binden konnte. Es erzählt von einem Künstler, der das Tagesgeschehen in Figuren verwandelte und dadurch haltbarer machte als viele Leitartikel.

Doonesbury war nie bloß lustig. Der Strip war eine Schule der Aufmerksamkeit. Er zeigte, dass politische Wirklichkeit aus Rollen, Floskeln, Verlegenheiten, Routinen und Selbsttäuschungen besteht. Er konnte einen Präsidenten als Waffel zeichnen, einen anderen als Asterisk, Trump als unerschöpfliches Symptom einer Kultur, die Vergrößerung mit Bedeutung verwechselt. Er konnte zugleich einer amputierten Figur den Helm abnehmen und damit ein halbes Jahrhundert Comicgeschichte verändern.

Kendalls Biografie macht sichtbar, weshalb Trudeau zu den seltenen Chronisten gehört, deren Werk gleichzeitig Tagesware und Archiv ist. Doonesbury erschien in Zeitungen, alterte mit seinen Lesern und blieb doch näher an der amerikanischen Wirklichkeit als viele offizielle Selbstbeschreibungen. Man las vier Panels und erkannte ein Land, das sich dauernd neu erfand, während seine alten Illusionen weiterarbeiteten. In diesem Sinn ist Trudeau kein Randphänomen der Funny Pages. Er ist einer der großen Erzähler der amerikanischen Republik im Zeitalter ihrer Selbstkommentierung.

Die List des Bildes: Gerhart Schröder, Baltasar Gracián und die Geisteswissenschaften nach ihrer Selbstgewissheit

Die Geisteswissenschaften haben ein Problem mit ihrer Vergangenheit. Sie berufen sich gern auf große Texte, große Schulen, große Namen. Ihre eigentliche Gegenwart beginnt jedoch dort, wo ein alter Begriff plötzlich die jüngsten Verhältnisse erhellt. Gerhart Schröders „Logos und List“ gehört zu jenen Büchern, die man nicht als historische Studie zur frühen Neuzeit ablegen sollte. Es liest sich heute wie eine Vorgeschichte der digitalen Öffentlichkeit.

Schröder untersucht die Entwicklung der Ästhetik in der frühen Neuzeit. Im Zentrum steht nicht der vertraute Aufstieg des vernünftigen Subjekts, der sich von Descartes bis Kant erzählen ließe. Schröder wählt eine andere Linie. Er verfolgt die Wiederkehr der Sophistik, der Rhetorik, der Verstellungskunst, der strategischen Intelligenz. Sein Titel benennt den Konflikt: „Logos und List“. Der Logos sucht Ordnung, Wahrheit, Begründung. Die List arbeitet mit Umwegen, Verkleidungen, Perspektiven, Inszenierungen. Sie ist kein bloßer Betrug. Sie ist eine Form von Weltklugheit, die sich in einer unübersichtlichen Wirklichkeit bewährt.

Damit führt Schröder die frühe Neuzeit aus dem Museum der Stilgeschichte heraus. Manierismus, Konzeptismus und barocke Rhetorik erscheinen bei ihm als intellektuelle Antworten auf eine Welt, deren Zeichen nicht mehr ruhig auf Dinge verweisen. Zwischen Wirklichkeit und Darstellung öffnet sich ein Spalt. Dort beginnt die Moderne.

Odysseus gegen Platon

Schröders Denkfigur reicht weit zurück. Odysseus steht bei ihm für eine europäische Gegenlinie zum platonischen Wahrheitsideal. Der Held der „Odyssee“ überlebt, weil er sich tarnt, Namen wechselt, Erwartungen liest, Gegner täuscht, Situationen antizipiert. Seine Intelligenz ist beweglich. Sie sucht keinen ruhenden Begriff. Sie findet einen Ausweg.

Die Sophistik übernimmt diese Energie des Indirekten. Seit Platon steht sie unter Verdacht, Wahrheit in Wirkung aufzulösen. Doch Schröder interessiert gerade dieser Verdacht. In der frühen Neuzeit kehrt das sophistisches Wissen in veränderter Form zurück. Rhetorik wird zur Anthropologie. Ästhetik wird zur Lehre sozialer Erscheinung. Der Mensch lebt in Szenen, Rollen, Blicken und Erwartungen.

Baltasar Gracián ist für Schröder keine Nebenfigur barocker Lebensklugheit. Er ist einer der großen Theoretiker dieser Lage. Wer Gracián nur vom „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ her liest, bekommt den aphoristischen Ratgeber. Schröder liest breiter. Entscheidend sind „Agudeza y arte de ingenio“, „El Discreto“ und „El Criticón“. Dort zeigt sich, dass Graciáns Denken nicht bei Verhaltensregeln stehen bleibt. Es entwirft eine Ästhetik des Scharfsinns, eine Poetik der Distanz, eine Allegorie menschlicher Weltorientierung.

Die Agudeza als Organ der Moderne

Der Begriff „Agudeza“ ist schwer zu fassen. Scharfsinn trifft ihn nur teilweise. Witz ebenso. Esprit ebenso. Bei Gracián bezeichnet „Agudeza“ die Fähigkeit, entfernte Dinge in eine überraschende Beziehung zu bringen. Sie entdeckt keine fertige Ordnung. Sie erzeugt eine Konstellation. Ein Gedanke wird brillant, weil er zwischen Unverbundenem eine Verbindung stiftet.

In „Agudeza y arte de ingenio“ entsteht daraus eine Ästhetik, die mit klassizistischen Harmonievorstellungen bricht. Schönheit liegt nicht einfach im Gegenstand. Sie ereignet sich im geistigen Akt der Verbindung. Der Leser, der Betrachter, der Hörer muss teilnehmen. Er muss den Sprung nachvollziehen. Der Einfall verlangt Mitvollzug.

Das ist für Schröder zentral. Manieristische Ästhetik begreift Kunst als listiges Spiel mit dem Schein. Sprache wird zur Verführung. Der Text stellt nicht nur dar. Er führt. Er verlangsamt. Er lockt. Er zwingt zum Umweg. Er macht die Wahrnehmung auf ihre eigene Tätigkeit aufmerksam.

An diesem Punkt verliert die alte Unterscheidung von Wahrheit und Täuschung ihre Ruhe. Eine Metapher kann täuschen und erkennen lassen. Eine Maske kann verbergen und enthüllen. Ein Bild kann die Wirklichkeit verfehlen und dennoch ihre Struktur sichtbar machen.

„El Discreto“ und die Kunst der sozialen Lesbarkeit

In „El Discreto“ wird diese Poetik zur Sozialtheorie. Der diskrete Mensch ist kein schweigsamer Sonderling. Er ist die Figur kontrollierter Erscheinung. Er weiß, dass Menschen einander deuten, bevor sie einander verstehen. Er weiß, dass soziale Welt aus Blicken, Gesten, Timing, Distanz und Selbstbegrenzung besteht.

Die alte Ständeordnung liefert dafür keine ausreichende Sicherheit mehr. Ansehen muss erworben und erhalten werden. Der Mensch bewegt sich in einer Sphäre der Beobachtung. Er ist Akteur und Bild zugleich. Seine Person wird gelesen wie ein Text.

Das klingt heute unheimlich vertraut. TikTok, Instagram, LinkedIn und X haben keine neue Anthropologie erfunden. Sie haben eine alte Lage technisch erweitert. Der Hof des 17. Jahrhunderts war ein Raum knapper Aufmerksamkeit. Die Plattformen haben den Hof globalisiert. Gunst heißt nun Reichweite. Gerücht heißt Kommentarstrom. Rang heißt Sichtbarkeit. Kredit heißt Vertrauen in eine öffentliche Figur.

Graciáns „discreto“ wäre in dieser Welt nicht der lauteste Nutzer. Er wäre derjenige, der weiß, wann er erscheinen darf, wie er wirken will, was er preisgibt, was er zurückhält und welche Form von Glanz ihn beschädigt.

„El Criticón“ als Weltroman der Enttäuschung

Noch weiter führt „El Criticón“. Dieses große allegorische Werk ist keine Sammlung von Lebensregeln. Es ist ein Roman der Weltprüfung. Zwei Figuren, Critilo und Andrenio, durchwandern die Lebensalter, die Städte, die Höfe, die Täuschungen, die Verführungen, die Theater der Gesellschaft. Alles muss gelesen werden. Nichts zeigt sich unmittelbar.

„El Criticón“ ist deshalb für Schröders Argument wichtiger als das populäre „Handorakel“. Hier wird die Welt selbst zum Text. Menschen, Institutionen, Werte und Bilder stehen unter dem Vorbehalt ihrer Lesbarkeit. Wer leben will, muss unterscheiden können. Er muss Zeichen prüfen, Oberflächen befragen, Glanz misstrauen, Verführung erkennen.

Diese Weltprüfung verbindet Gracián mit der Moderne. Proust wird verständlicher, sobald man ihn von dieser Tradition her liest. Die Welt der Guermantes ist ein System aus Namen, Blicken, Einladungen, Gerüchten und Rangzeichen. Sie ist keine bloße Gesellschaftsschilderung. Sie ist eine Schule der Zeichen. Borges gehört ebenfalls in diese Linie: Labyrinthe, Spiegel, fingierte Bücher, falsche Zuschreibungen, Welt als Bibliothek.

Schröders Buch legt nahe, die Literatur der Moderne nicht als Geschichte der Abbildung von Wirklichkeit zu begreifen. Sie ist eine Geschichte des Bildproblems. Was zeigt ein Bild? Was verschiebt es? Welche Macht gewinnt eine Darstellung über das Dargestellte? Welche Wirklichkeit entsteht erst durch ihre Form?

Gumbrechts Gracián und die Kälte ohne System

Hans Ulrich Gumbrecht hat mit seiner neuen Fassung von „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ Gracián erneut in die deutsche Debatte gerückt. Interessant ist daran weniger der Ratgebercharakter des Buches. Interessant ist die Spannung, die Gumbrecht an Gracián wahrnimmt. Ein jesuitischer Theologe schreibt ein Werk, in dem die großen theologischen Sicherungen zurücktreten. Übrig bleibt ein Stil des Verhaltens.

Gumbrecht liest Gracián als Autor der Distanz. Das passt zu seiner eigenen Denkbewegung. In „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ blickt er auf die Geisteswissenschaften aus einer Position, die Zugehörigkeit und Abstand verbindet. Er kennt ihre großen Rituale, ihre Eitelkeiten, ihre produktiven Zusammenkünfte, ihre deutschen Institutionen, ihre amerikanischen Freiheiten. Er kennt auch ihre Müdigkeit.

Der Bezug zu Gracián liegt auf der Hand. Auch dort gibt es kein rettendes Gesamtsystem. Gracián wärmt den Leser nicht. Er schult ihn. Er bietet keine Metaphysik des Trostes. Er verlangt Aufmerksamkeit.

Damit wird Gracián für die Gegenwart der Geisteswissenschaften wichtiger, als es eine bloße Renaissance des Aphorismus erklären könnte. Seine Werke zeigen, was philologisches Denken heute leisten kann: Es erkennt die historischen Formen, in denen Wahrnehmung, Macht und Darstellung ineinandergreifen.

Die Geisteswissenschaften nach der Lehrkanzel

Gumbrecht hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die klassische Gestalt der Geisteswissenschaften historisch entstanden ist und historisch enden kann. Die Universität nach Humboldt war keine ewige Form. Die Fächer, die sich im 19. Jahrhundert herausbildeten, verdanken sich bestimmten politischen, sozialen und institutionellen Bedingungen. Solche Bedingungen verändern sich.

Heute übernehmen digitale Systeme viele Aufgaben, die einst akademische Routinen waren. Überblickswissen, Zusammenfassungen, Übersetzungen, bibliographische Orientierung, erste Interpretationsskizzen: All das wandert in Maschinen. Eine Krise entsteht daraus erst, wenn die Geisteswissenschaften sich auf diese Routinen reduzieren.

Schröder zeigt einen anderen Weg. „Logos und List“ ist kein bloßes Referat historischer Texte. Es ist eine Archäologie moderner Wahrnehmung. Aus der Untersuchung von Gracián, Tesauro, Castiglione und Cervantes entsteht eine Theorie der Zeichenwelt. Die frühe Neuzeit wird zur Versuchsanordnung für Gegenwartsfragen.

Darin liegt eine mögliche Zukunft der Geisteswissenschaften. Sie müssen weniger behaupten, unverzichtbar zu sein. Sie müssen zeigen, welche blinden Flecken eine Gesellschaft entwickelt, die ihre Bilder nicht mehr versteht.

Der Algorithmus als neuer Hof

Die digitale Öffentlichkeit lässt sich mit Schröder präziser beschreiben als mit vielen Gegenwartsdiagnosen. Der Algorithmus ist kein König. Dennoch verteilt er Gunst. Er hebt hervor, verdeckt, beschleunigt, vergisst. Er verwandelt Anerkennung in Zahlen, Präsenz in Sichtbarkeit, soziale Resonanz in Metriken.

Die Menschen, die in diesen Räumen handeln, verhalten sich wie Figuren eines neuen Hofes. Sie kuratieren ihr Erscheinen. Sie verwandeln Erfahrung in Bildmaterial. Sie produzieren Zeichen ihrer Anschlussfähigkeit. Sie lernen, wann Empörung Reichweite erzeugt, wann Bekenntnis Vertrauen schafft, wann Schweigen als Kalkül gelesen wird.

Graciáns „Agudeza“ kehrt als digitale Kombinatorik zurück. Der erfolgreiche Beitrag stellt entfernte Dinge nebeneinander, erzeugt Überraschung, schafft Anschluss, bindet Aufmerksamkeit. Der Unterschied liegt im Tempo. Was im Konzeptismus geistige Virtuosität war, wird auf Plattformen zur täglichen Produktionsform.

Hier beginnt die Aufgabe einer Gegenwartsphilologie. Sie müsste TikTok nicht verachten und Instagram nicht feiern. Sie müsste die Formen lesen: die Schnitte, die Gesten, die Bekenntnisformeln, die Bildräume, die neuen Allegorien des Selbst. Sie müsste zeigen, wie List unter Bedingungen technischer Vermittlung arbeitet.

Literaturgeschichte als Geschichte des Bildproblems

Schröders „Logos und List“ gewinnt seine Aktualität aus der Frage nach dem Bild. Die frühe Neuzeit entdeckt, dass Darstellung keine neutrale Hülle ist. Sie formt den Gegenstand. Sie erzeugt Affekte. Sie verschiebt Erkenntnis. Sie macht Wirklichkeit verfügbar und verdächtig.

Diese Einsicht führt weit über Gracián hinaus. Cervantes macht aus der Verwechslung von Buch und Welt eine neue Form des Romans. Tesauro beschreibt den metaphorischen Scharfsinn als produktive Energie des Denkens. Castiglione formt den Hofmann als Kunstwerk sozialer Erscheinung. Gracián treibt diese Linie in die Moralistik, Ästhetik und Weltallegorie. Die Moderne beginnt dort, wo das Bild seine Unschuld verliert.

Von Proust bis Borges, von Benjamin bis McLuhan, von Kittler bis zur Plattformanalyse geht es um Vermittlungen. Wirklichkeit erscheint nie pur. Sie kommt in Medien, Zeichen, Gesten, Archiven, Apparaten, Displays. Die Geisteswissenschaften haben für diese Lagen ein historisches Gedächtnis. Sie wissen, dass keine technische Gegenwart voraussetzungslos ist.

Das Überleben der Philologie

Eine Wissenschaftsredaktion, die sich für die Zukunft der Geisteswissenschaften interessiert, sollte deshalb nicht bei der Klage über sinkende Zahlen stehen bleiben. Die entscheidende Frage lautet, welche Gegenstände neu sichtbar werden, sobald man alte Texte ernst nimmt.

Schröders Gracián ist dafür ein Musterfall. Aus „Agudeza y arte de ingenio“, „El Discreto“ und „El Criticón“ entsteht eine Theorie der modernen Bildgesellschaft, lange bevor es Fotografie, Film, Fernsehen oder Plattformen gibt. Das „Handorakel“ gehört dazu, doch es ist nicht das Zentrum. Es ist eine zugespitzte Seitenform eines größeren Denkens.

Dieses größere Denken kreist um die Kunst, in einer Welt der Zeichen urteilsfähig zu bleiben.

Genau darin könnte die Zukunft der Geisteswissenschaften nach ihrer Selbstgewissheit liegen. Sie werden keine alte Autorität zurückerhalten. Sie können eine neue Präzision gewinnen. Ihre Aufgabe wäre nicht die Bewahrung ehrwürdiger Bestände als Kulturbesitz. Ihre Aufgabe wäre die Analyse jener Formen, in denen Menschen einander erscheinen, verführen, täuschen, erkennen und verfehlen. Gracián wusste, dass jede Gesellschaft ihre Bühnen baut.

Dass Hans Ulrich Gumbrecht am 10. Juni 2026 bei der phil.COLOGNE im Kölner COMEDIA Theater mit Cai Werntgen über „Die Zukunft der Geisteswissenschaften nach ihrem Ende“ spricht, passt deshalb präzise in diese Lage. Wer über das Ende der Geisteswissenschaften reden will, landet bei ihrer alten Kunst: Zeichen lesen, Bilder prüfen, Gegenwart historisch scharfstellen.

Der Leser als Institution: Ein anonymes Exemplar von Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ und die private Wissenschaft der Nachkriegszeit

Man kauft ein Buch, und plötzlich besitzt man eine Rezeptionsgeschichte, die über zwei Jahrzehnte führt. Das eine trägt den Namen Hendrik de Man, heißt „Vermassung und Kulturverfall“, erschien 1951 im Münchner Leo Lehnen Verlag und gehört in jene Nachkriegsbibliothek, in der Kulturkritik, Geschichtsphilosophie, Sozialpsychologie und ästhetische Krisendiagnose einander noch mit dem Ernst der letzten Dinge begegneten. Die Rezeptionsgeschichte hat keinen Autor auf dem Titelblatt. Es hat keinen Besitzvermerk, keine Widmung, keine Adresse, kein Exlibris. Sein Verfasser bleibt anonym. Gleichwohl ist er auf beinahe jeder Seite gegenwärtig.

Er unterstreicht, korrigiert, erklärt, sammelt, klebt, datiert, ordnet, verknüpft. Er schiebt Camus unter de Mans Vorwort, Fridolin Tschudi in das Impressum, Reader’s-Digest-Ethnographie in die Kulturmorphologie, Zeitungsartikel über Jugendkino in das Kapitel vom Massenhirn, Fedor Stepun in die Kunstkritik, Werner Spies zu Charles Le Brun in die Stilgeschichte, Robert Jungk zu Adrien Turel in die Zukunftsdiagnostik, Meldungen über Personalkennzeichen, Computerfehler und Orwell an die Schwelle der verwalteten Moderne. Dieses Exemplar wurde gelesen, wie man früher eine Festung ausbaute: mit Vorwerken, Kasematten, Beobachtungsposten, Geheimfächern.

Der Leser hat de Mans Buch nicht abgeschlossen, nachdem er die letzte Seite erreichte. Er hat es geöffnet gehalten. Fast zwanzig Jahre lang. Die datierbaren Spuren laufen von den frühen fünfziger Jahren bis 1970. Aus einem gedruckten Werk wurde eine fortgesetzte Untersuchung. Aus Lektüre wurde Registratur. Aus Kulturkritik wurde eine private Akte zur Bundesrepublik, zur Weltpolitik, zur Kunst, zur Jugend, zur Technik, zum kalten Krieg, zur Furcht vor der Nummerierung des Menschen.

Das Buch, das bewohnt wurde

Hendrik de Man beginnt im Vorwort mit der bekannten Verteidigung des Kulturkritikers: Man werde ihn für einen Schwarzseher halten, dabei habe er stets als Optimist gegolten. Der unbekannte Leser läßt ihn mit dieser Selbstdeutung nicht allein. Unter die Passage klebt er Max Lerners Hinweis auf Albert Camus aus der „Saturday Review of Literature“: Die Menschheit habe nur eine Chance gegen tausend. Damit entsteht auf der Schwelle des Buches eine kleine Disputation. De Man beansprucht die Möglichkeit der Rettung. Camus bringt die statistische Härte der Katastrophe mit. Der Leser moderiert nicht. Er montiert.

Diese Montage verrät viel. Der Anonyme liest nicht passiv. Er liest nicht im Sinne stiller Zustimmung. Er baut eine Versuchsanordnung. Jede Einlage ist ein kleines Experiment: Trägt de Mans Begriff der Masse noch, sobald man ihn an Film, Werbung, Transistorradio, abstrakter Kunst, Personalkennziffer, Computerverwaltung oder Vietnam hält? Sind seine Kulturbegriffe aus dem frühen Nachkrieg in den sechziger Jahren noch brauchbar? Kann man mit ihnen begreifen, was die Nachkriegsgesellschaft an Konsum, Bildern, Tönen, Nummern, Nachrichten und Angst hervorbringt?

Der Leser beantwortet diese Fragen nicht mit einer Abhandlung. Er antwortet mit Papier. Mit ausgeschnittenem Papier. Mit Zeitungspapier, Lexikonschnitten, maschinenschriftlichen Zetteln, handschriftlichen Querverweisen. Seine Methode ist die des gelehrten Bastlers. Kein akademischer Apparat, kein Seminarprotokoll, kein offizieller Kommentar. Eher eine private Philologie der Gegenwart, erstellt mit Schere, Leim und Bleistift.

Der unbekannte Kommentator als bürgerlicher Selbstlehrer

Wer war dieser Leser? Man weiß es nicht. Genau darin liegt der Reiz des Fundes. Kein Name rettet ihn in die Biographie. Keine Adresse macht ihn zur Person. Keine Handschrift läßt eine sichere Milieuzuweisung zu. Doch der Apparat, den er hinterlassen hat, spricht.

Er war ein Leser des Lexikons. Wo de Man Namen oder Begriffe fallenläßt, arbeitet er nach. Speläologie wird als Höhlenforschung erklärt. Repetitive wird mit wiederholend übersetzt. Centripetal erhält seine Richtung zum Mittelpunkt. Archetyp bekommt sein Urbild. Directoire exécutif, Incroyables, Merveilleuses, Lully, Le Nôtre, Mansart, Le Brun, Helvétius, Thomas Paine, Lafayette: Der Leser läßt kaum eine historische oder begriffliche Stelle unbeaufsichtigt. Er will verstehen, bevor er urteilt. Er will ordnen, bevor er weiterliest. Er verwandelt de Mans Essay in eine Ausgabe mit eingebautem Handapparat.

Das deutet auf einen Typus, der in der Nachkriegskultur große Bedeutung hatte und heute fast verschwunden ist: den bildungsbürgerlichen Autodidakten als Archivar seiner eigenen Erziehung. Er liest nicht konsumierend. Er liest sammelnd. Er liest nicht, um ein Buch hinter sich zu bringen. Er liest, um eine Welt neben dem Buch aufzubauen. Seine Bildung ist weder rein akademisch noch bloß journalistisch. Sie lebt aus der Mischung von Feuilleton, Lexikon, Rundfunkhinweis, politischer Meldung, Rezension, Zitat, Zeitungsspalte, Kalenderdatum und Merksatz.

Dieser Leser braucht keine Universität, um eine Methode zu haben. Seine Methode heißt Anschluss. Jeder Satz de Mans sucht sich eine Gegenwart. Jede Theorie erhält einen Ausschnitt. Jeder abstrakte Begriff bekommt ein Beispiel. Das Buch ist bei ihm nicht Autorität, eher ein Leitfaden für Funde.

De Man als Suchmaschine aus Papier

Man kann dieses Exemplar als frühe Suchmaschine beschreiben, gefertigt vor der digitalen Zeit. De Mans Registerwörter heißen Masse, Kultur, Zivilisation, Arbeit, Mode, Psychose, Kunst, Religion, Wissenschaft, Angst, Amerikanisierung. Der Leser gibt diese Wörter in seine Zeitungswelt ein. Die Ergebnisse klebt er ein.

Bei de Man steht die Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation. Der Leser markiert Spengler, Huizinga, Toynbee, Gobineau. Er erklärt die Begriffe, sichert die Namen, zieht Randlinien. Bei de Man erscheint die Frage nach pluralistischen und repetitiven Kulturtheorien. Der Leser legt einen Zettel ein: repetitive gleich wiederholende. Aus einem Wort wird ein Merksatz.

Bei de Man steht die Bemerkung, unsere Kultur beruhe auf der Verehrung der Arbeit, efficiency werde zum Kriterium des Lebenserfolgs. Der Leser reagiert mit einem Querverweis auf spätere Seiten. Dieses Wort, Kriterium, wird verfolgt. Es bleibt nicht an Ort und Stelle. Es wandert durch das Buch. Der Leser behandelt de Mans Text wie ein Gelände, in dem Begriffe Spuren hinterlassen.

Bei de Man beginnt das Kapitel von Masse und Vermassung. Der Leser bringt den Zettel mit unitarisch und pluralistisch an. Ein paar Seiten später kommentiert er die Formulierung von den zwei ersten Weltkriegen mit einer Frage: Deute dies auf weitere Weltkriege? Hier wird der Leser zum Interpreten, fast zum Ankläger. Ein Zahlwort bei de Man genügt ihm, um eine Zukunftshypothese zu formulieren. Der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg erscheinen plötzlich als offene Reihe.

Die Zeitung als zweiter Autor

Die eigentliche Sensation dieses Exemplars liegt in der Zeitung. Der unbekannte Leser vertraut dem gedruckten Buch, doch er läßt es nicht im Buchraum gefangen. Er holt die Tagespresse hinein. Damit verschiebt sich die Gattung. „Vermassung und Kulturverfall“ wird zu einem Album der Nachkriegspublizistik.

Der Ausschnitt „Kinofreudigkeit der Jugend wächst mit Phantasiearmut“ gehört in diese Werkstatt. Eine dpa-Meldung über Düsseldorfer Schulkinder und Kinobesuch wird zur Beilage des Massenhirns. Das junge Publikum, die Leinwand, die Reizsuche, die angebliche Armut der Vorstellungskraft: Alles scheint de Mans Diagnose zu illustrieren. Daneben treten Fedor Stepuns Warnungen vor Film und Theater, eine Rezension über „Warnende Worte“, die Sorge um seelische Entleerung durch moderne Bildkünste. Der Leser registriert das Kino nicht als Freizeitvergnügen. Er registriert es als Symptom.

So arbeitet er auch mit der Werbung. Ausschnitte über Psychologie, Wiederholung, Gewöhnung, Sex-Werbung und Reizsteigerung treten an die Stelle, an der de Man über Sensationshascherei, erhöhte Reizschwelle und öffentliche Meinung schreibt. Der unbekannte Leser ahnt, dass die Masse nicht bloß auf Plätzen steht, nicht bloß in Parteien, Fabriken oder Stadien erscheint. Sie wird durch Wiederholung erzeugt. Durch Schlagzeilen. Durch Bilder. Durch den Tonfall der Reklame. Durch psychologische Forschung, die herausfindet, wie sich Zustimmung einübt.

In dieser Hinsicht ist der anonyme Kommentator moderner als sein Autor. De Man denkt die Masse noch mit den großen Begriffen der europäischen Kulturkrise. Der Leser führt sie in die Apparatewelt der späten sechziger Jahre. Er sieht Transistorradios, Computer, Personalkennziffern, Verwaltungsdaten. Er spürt, dass Masse nicht allein eine soziale Größe ist. Sie wird technisch hergestellt.

Das Transistorradio und die Weltmacht der kleinen Geräte

Ein eingeklebter Reader’s-Digest-Artikel trägt den Titel „Das Transistorradio – eine Weltmacht“. Ob im Reisfeld, im Regenwald, im Kampong oder Kral: Der kleine Kasten, so die Überschrift, findet überall die Hoffnung und Sehnsüchte unzähliger Menschen. Für den Leser war das keine ethnographische Harmlosigkeit. Er klebt diesen Text in ein Buch über Vermassung.

Damit gewinnt de Mans Diagnose ein neues Instrument. Die Masse ist nicht mehr nur der städtische Körper, die Menge, der Chor der öffentlichen Meinung. Sie erhält Antennen. Sie empfängt Stimmen. Sie hört Nachrichten, Propaganda, Musik, Versprechen. Das Transistorradio wird zum Taschenformat der Weltgeschichte. Wo de Man über öffentliche Meinung spricht, liefert der Leser das Medium der Vervielfältigung. Wo de Man vor der Suggestion warnt, bringt der Leser den Apparat, der sie über Grenzen trägt.

In dieser Einlage zeigt sich der historische Übergang von der Massenpsychologie zur Medientechnik. Der Leser klebt die Zukunft nicht ein, weil er sie liebt. Er klebt sie ein, weil er sie für gefährlich hält. Kleine Geräte schaffen große Kollektive. Das ist seine Lehre.

Buschmann, Maya und das Problem der fremden Kulturen

Zu den aufschlußreichsten Einlagen gehören die Texte über Maya und Buschmänner. Der Leser bringt ethnographische und populärwissenschaftliche Materialien dort an, wo de Man über Kulturen in Einzahl und Mehrzahl, über primitive Gesellschaften, Kulturmorphologie und Ursprungszustände nachdenkt. Ein Reader’s-Digest-Artikel über „Ein Tag im Leben eines Buschmanns“ wird zum Belegstück. Ein Lexikonartikel zu den Maya ergänzt die Passage über Kulturverwandtschaften.

Heute liest man solche Beilagen mit gespaltener Aufmerksamkeit. Sie zeigen den Sammlerfleiß des Unbekannten, zugleich den kolonialen Blick seiner Quellen. Die Sprache der Ausschnitte redet von primitiven Völkern, Wildnis, schwindenden Horden. Der Leser übernimmt diese Texte nicht sichtbar kritisch. Er nutzt sie als Anschauungsmaterial. Seine Lektüre ist gelehrt und historisch befangen zugleich. Genau deshalb ist das Exemplar als Quelle wertvoll. Es zeigt, wie Nachkriegsbildung mit Weltwissen arbeitete: neugierig, ordnend, universalistisch gestimmt, doch vielfach noch in evolutionistischen Rastern gefangen.

Der unbekannte Leser wollte de Man verstehen. Dabei wird sichtbar, welche Hilfsmittel seine Zeit dafür bereitstellte. „Das Beste aus Reader’s Digest“, Lexikon, populäre Ethnographie, Feuilleton. Die Welt kam in Ausschnitten auf den Schreibtisch. Aus der Fremde wurde Material für die Selbstdiagnose Europas.

Kunst als Symptom der beschädigten Gegenwart

Kein Themenfeld beschäftigt diesen Leser so intensiv wie die Kunst. De Mans Kapitel über Kunst und Psychose ziehen die dichtesten Markierungen an. Picasso, C. G. Jung, Irrenzeichnungen, kollektiver Irrsinn, Henry Miller, atonale Musik, Stilwechsel, Mode, Jazz, Funktionalismus: Der Leser folgt diesen Reizwörtern mit besonderer Aufmerksamkeit. Er sammelt dazu Rezensionen, Porträts, Kritiken, kunsthistorische Erklärstücke.

Der Artikel „Der vergessene Hofmaler“ über Charles Le Brun liefert eine Gegenwelt zur Moderne. Dazu kommen Lexikonschnitte über Lully, Le Nôtre, Mansart und Le Brun. Versailles wird zur Ordnungsvorstellung. Hofkunst, Architektur, Garten, Musik, Bildprogramm: Die Künste erscheinen als ein System. Dagegen steht die Gegenwartskunst, bei de Man in die Nähe der Psychose gerückt, bei den eingeklebten Ausschnitten durch die documenta-Debatte verschärft.

Der Leser war kein naiver Antimodernist. Dafür ist sein Material zu verschiedenartig. Aber er hatte eine ausgeprägte Sensibilität für Stil als gesellschaftliches Ordnungssignal. Mode, Bauhaus, Le Corbusier, Rumpelkammer, Spießigkeit, Hofmalerei, Picasso, Stepuns Theaterkritik: All dies gehört bei ihm zu einer Frage. Woran erkennt man eine Kultur, die ihre Formen verliert? Für de Man war diese Frage geschichtsphilosophisch. Für den Leser wurde sie feuilletonistisch überprüfbar.

Die Zeitung über die wieder moderne Spießigkeit ist in diesem Zusammenhang besonders sprechend. Der Rückzug in alte Möbel, Biederkeit, Rumpelkammer, Antiquität, Wohnstil war für den Leser kein harmloser Geschmackstrend. Er las darin einen Zeitzustand: die Gegenwart sucht Schutz in Formen, die sie längst zerstört hat. Nostalgie wird zur Krisenanzeige.

Der Staat zählt mit

Am Ende der sechziger Jahre verändert sich der Ton des Archivs. Nun treten Verwaltung, Computer, Personalkennzeichen und Orwell hinzu. Eine Meldung über ein zwölfstelliges Personalkennzeichen wird mit „Orwell 1984“ kommentiert. Ein Artikel über ein „Teures Computer-Baby“ zeigt Technik als Quelle absurder Fehlsteuerung. Genscher kündigt Gesetze zum Schutz vor Missbräuchen an. Die Drohung der Syndikate erscheint im „Tagesspiegel“. Psychologie, Krieg und Frieden geraten in die Sammlung.

Damit tritt eine neue Gestalt der Vermassung hervor. Der Mensch ist nicht mehr primär Kinogänger, Radiohörer, Käufer, Modewesen, Kunstkonsument. Er wird Datensatz. Er bekommt eine Nummer. Er wird verwaltungsfähig. Die Masse verwandelt sich in Bevölkerung, die Bevölkerung in Register, das Register in Steuerungsphantasie.

Der unbekannte Leser erweist sich an dieser Stelle als Sensor einer kommenden Debatte. Seine Sorge gilt nicht der Technik allein. Sie gilt der Verbindung von Technik, Staat, Verwaltung, Psychologie und Macht. De Mans „Zeitalter der Angst“ erhält hier eine späte, fast prophetische Fortschreibung. Die Angst kommt nicht mehr nur aus Kriegserfahrung oder metaphysischem Kulturverfall. Sie kommt aus Formularen, Kennziffern, Rechenanlagen, aus der Möglichkeit, den Menschen sauber zu ordnen.

Antitotalitärer Instinkt und die Politik des Feuilletons

Politisch läßt sich der Leser nicht eindeutig verorten. Er ist weder Parteigänger noch Pamphletist. Seine Sammlung verrät einen antitotalitären Instinkt, eine Scheu vor Diktatur, eine Skepsis gegenüber kollektivem Sog, eine Abneigung gegen ideologische Abrichtung. Die Einlagen über Ost-Berlin, DDR-Kultur, Inge Keller, Burnham, Johnson, Vietnam, Kaisen, Rosenstock-Huessy und Robert Jungk ergeben kein geschlossenes Programm. Sie ergeben eine Sorge.

Dieser Leser fürchtet den Menschen in der Masse, aber er mißtraut auch den Eliten, die Masse herstellen, verwalten oder verführen. Ein früher Ausschnitt über einen exklusiven Sonnenplatz für Manager gehört in diese Spannung. Masse und Elite sind bei ihm keine Gegensätze, die einander beruhigen. Beide können Symptome der Zeitkrankheit sein: die einen als statistischer Körper, die anderen als Funktionäre des Erfolgs.

Auffällig ist die Rolle des Feuilletons. Der Leser betreibt Politik durch Kulturspalten. Kunstkritik, Buchrezension, Leserbrief, Agenturmeldung, Lexikonartikel, kleine Nachricht: Für ihn sind dies keine niederen Formen des Wissens. Sie liefern Indizien. Die Weltgeschichte zeigt sich nicht nur im Leitartikel. Sie zeigt sich im Satz über Jugendkino, im Bericht über eine Ausstellung, in der Anzeige für ein kulturphilosophisches Buch, im Glossar zu einer historischen Mode. Das Feuilleton wird zum Seismographen.

Der Leser ohne Namen

Der fehlende Besitzvermerk ist kein Mangel. Er macht den Fall größer. Ein Name würde beruhigen. Man könnte sagen: Lehrer, Redakteur, Bibliothekar, Pfarrer, Beamter, Professor, Pensionär. Man könnte alles an einer Biographie festmachen und hätte damit die beunruhigende Allgemeinheit des Befunds entschärft. Der namenlose Leser zwingt zur Rekonstruktion aus der Praxis.

Seine Praxis zeigt ein Ideal des Lesens, das heute fast exotisch wirkt. Lesen war für ihn keine Entspannung, kein Kulturkonsum, kein schneller Zugriff auf Information. Lesen war Arbeit an der eigenen Urteilsfähigkeit. Der Text wurde nicht bloß aufgenommen. Er wurde geprüft, ergänzt, mit Nachrichten versorgt, mit Gegenstimmen verschaltet. Der Leser war ein Amateur im besten alten Sinn: einer, der aus Liebe zur Sache eine Disziplin entwickelte.

Dieses Exemplar lehrt, dass Rezeption nicht erst dort beginnt, wo Rezensionen erscheinen, Auflagen gezählt und akademische Debatten dokumentiert werden. Rezeption kann in einem Einzelband stattfinden, in einer Wohnung, über Jahre, mit ausgeschnittenen Zeitungen. Ein unbekannter Leser kann einem Buch ein Nachleben geben, das intensiver ist als manche öffentliche Debatte.

Eine kleine Soziologie des Lesens

Was also zeigt dieses Exemplar über das Lesen? Zunächst, dass Lesen eine soziale Handlung ist, auch im Alleingang. Der Leser ist allein mit de Man, aber seine Lektüre füllt sich mit Stimmen: Camus, Tschudi, Spies, Stepun, Jungk, „Das Beste aus Reader’s Digest“, dpa, „Tagesspiegel“, Lexikonredaktionen, amerikanische Magazine, politische Korrespondenten. Aus Einsamkeit entsteht ein Gesprächsraum.

Zweitens zeigt es Lesen als Technik der Selbstvergewisserung. Der unbekannte Leser sucht nicht Zerstreuung. Er sucht Kriterien. Er fragt, ob Kultur noch Ordnung besitzt, ob Kunst noch Form trägt, ob Medien Urteil zerstören, ob Technik Freiheit gefährdet, ob Politik in Verwaltung umschlägt, ob Masse ein Schicksal ist. Jede Unterstreichung ist ein Versuch, aus der beweglichen Gegenwart einen Satz zu retten.

Drittens zeigt es Lesen als Archivbildung. Der Leser sammelt nicht wahllos. Er fügt die Funde an argumentative Gelenke. Er benutzt de Man wie ein Gehäuse. Was in der Zeitung auftaucht, wird erst durch die Stelle im Buch interpretierbar. Das Buch gibt den Rahmen, die Zeitung liefert das Ereignis, der Leser stellt den Kontakt her.

Viertens zeigt es die Ambivalenz bildungsbürgerlicher Kulturkritik. Dieser Leser ist wach, belesen, ordnungsliebend, empfindlich für Macht, Medien und Entpersönlichung. Zugleich ist sein Archiv durchzogen von den Blickmustern seiner Zeit: Primitivismus, Pathologisierung moderner Kunst, kulturpessimistische Reflexe, Mißtrauen gegen Jugendkultur, Angst vor Amerikanisierung. Gerade diese Mischung macht ihn historisch aussagekräftig. Er ist kein Denkmal überlegener Bildung. Er ist ein Dokument gebildeter Beunruhigung.

Das stille Nachleben eines Buches

Hendrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ wollte erklären, wie Kulturen altern, wie Massen entstehen, wie Formen zerfallen, wie Angst sich ausbreitet. Der unbekannte Leser hat aus diesem Buch eine Maschine der Anschlussfähigkeit gemacht. Von 1951 bis 1970 ließ er die Gegenwart durch de Mans Begriffe laufen. Was dabei hängenblieb, klebte er ein.

So wurde das Buch zu einem privaten Observatorium. Man sieht die fünfziger Jahre mit ihrem Kunst- und Bildungspathos. Man sieht die sechziger Jahre mit Medien, Jugend, Weltpolitik und Antitotalitarismus. Man sieht um 1970 das Heraufziehen der Datenangst. Der Leser ohne Namen steht am Übergang von der klassischen Kulturkritik zur Informationsgesellschaft. Er weiß noch nichts von unseren Suchmaschinen, Profilen, Plattformen und algorithmischen Öffentlichkeiten. Aber er fürchtet bereits die Nummer. Er ahnt, dass der Mensch, einmal vollständig erfasst, eine neue Art von Masse bildet.

Am Ende bleibt kein Besitzvermerk, doch ein Besitzverhältnis ist unverkennbar. Dieser Leser hat das Buch besessen, indem er es verwandelte. Er hat es nicht geschont. Er hat es beansprucht. Er hat es mit seinem Jahrhundert beladen. In Antiquariaten findet man oft Spuren früherer Hände. Hier findet man eine ganze Denkform. Ein Mensch ohne Namen hat sich in ein Buch eingeschrieben, bis das Buch selbst zu seiner Biographie wurde.