
Deutschland liebt die große Erzählung. Wenn die Konjunktur schwächelt, muss irgendwo ein Schuldiger stehen, am besten einer, der sich moralisch sortieren lässt: „zu oft krank“, „zu wenig Arbeit“, „zu viel Teilzeit“, „zu bequem geworden“. Dann braucht es nur noch einen Satz fürs Abendprogramm – und schon ist aus einem komplexen System eine Schlagzeile geworden.
Genau so funktioniert die neue Debatte, die seit dem Vorstoß von Bundeskanzler Friedrich Merz wieder auf dem Tisch liegt: Tele-AU, Krankenstand, Leistungsfähigkeit – als wäre die Arbeitswelt ein Motor, der nur deshalb stottert, weil der Fahrer zu oft auf die Bremse tritt. Guido Zander, Arbeitszeit- und Personalplanungsexperte, hat in der #ZPNachgefragtWeek diese Erzählung nicht mit Empörung beantwortet, sondern mit etwas, das in politischen Diskussionen fast schon unhöflich wirkt: mit Zahlen.
Die elektronische Krankmeldung ist nicht der Grund, sondern der Spiegel
Die erste politische Behauptung lautet: Die elektronische Krankmeldung und die telefonische Krankschreibung seien der „Booster“ des hohen Krankenstands. Zander stellt dem eine einfache Gegenfrage entgegen: Wenn das stimmen würde – warum ist der Krankenstand 2023 nicht gesunken, obwohl die telefonische Krankschreibung in diesem Jahr für neun von zwölf Monaten ausgesetzt war und später verschärft zurückkam?
Seine Erklärung ist unspektakulär, aber entscheidend: Der sichtbare Sprung ist zu großen Teilen ein statistischer Effekt. Zum 1.1.2022 kam die eAU „für Ärzte“, zum 1.1.2023 die eAU „für Unternehmen“. Damit wurden Krankmeldungen sichtbar, die vorher im Nebel des Papierprozesses verschwanden – oder gar nicht gemeldet wurden, etwa weil der erste Krankheitstag ohne Arztbesuch blieb. Plötzlich ist das System nicht kränker, sondern besser vermessen.
In seinen Folien wird dieser Mechanismus anschaulich: Die OECD-Kurve liegt ohnehin höher, weil die OECD Unternehmen befragt, während die Krankenkassen nur das sehen, was gemeldet wird. Mit eAU rückt die deutsche Statistik nun näher an diese OECD-Wirklichkeit.
Das ist politisch unbequem, weil es den moralischen Hebel entwertet. Man kann Tele-AU verschärfen, man kann schimpfen, man kann „Durchgreifen“ ins Mikrofon sagen – aber man bekämpft damit womöglich nicht die Krankheit, sondern den Messfehler der Vergangenheit.
2023 ist kein neues Krankheitszeitalter – eher ein Rückkehrjahr
Noch eine zweite Korrektur ist für Entscheider wichtig, die den Standort retten wollen: Der Eindruck, Deutschland sei seit kurzem „viel kränker“, hält dem Vergleich nicht stand. Zander verweist darauf, dass der OECD-Wert 2023 „ziemlich exakt der gleiche“ wie 2019 war – obwohl Corona als zusätzliche Erkrankung hinzugekommen ist und sich der Anteil der Atemwegserkrankungen 2023 gegenüber 2022 von „10 auf 20 Prozent“ verdoppelt hat.
Und er ergänzt einen kulturellen Faktor, den Politik gern übersieht: Nach Corona ist es sozial akzeptierter geworden, bei Infekten zuhause zu bleiben, um andere nicht anzustecken. Das ist nicht „Faulheit“, sondern ein Hygienelernprozess. Wer diesen Effekt als Arbeitsmoralproblem etikettiert, redet nicht über Gesundheit, sondern über Gefühle.
„Lifestyle-Teilzeit“: Eine Debatte, die das Falsche trifft
Die nächste Erzählung heißt „Lifestyle-Teilzeit“. Zander zeigt, wie schnell ein politisches Label die Wirklichkeit beleidigt – und wie teuer solche Beleidigungen werden können, wenn man sie für Politik hält. Die Regierung werfe „27 Prozent“ der Teilzeitbeschäftigten, die nicht explizit Carearbeit, Fortbildung oder Pflege als Grund nennen, in einen Topf und verordne ihnen implizit: zurück in Vollzeit. Zanders Antwort besteht aus Beispielen, die wie eine Ohrfeige für jede Pauschalität wirken.
Wer nach 40 Jahren Schichtarbeit die Stunden reduziert, handelt nicht aus Lifestyle, sondern aus Überleben. Wer Teilzeit macht, um ein Ehrenamt zu tragen, stabilisiert soziale Infrastruktur. Wer studiert, arbeitet oft Teilzeit als notwendige Finanzierung. Wer in der Pflege Vollzeit nicht mehr durchhält, schützt nicht nur sich, sondern verhindert, dass er ganz ausfällt. Wenn man all das herausrechnet – wie viel „Lifestyle“ bleibt dann überhaupt übrig? Und selbst wenn etwas übrig bliebe: „Was geht das ehrlicherweise den Staat an?“ fragt Zander.
Dann kippt die Debatte endgültig: Denn die Statistik, mit der Politik operiert, ist nicht neutral, sondern rollengeprägt. Zander zeigt die alte Logik: Der „Heinz“ mit 40 Stunden gilt als vorbildlich, die „Gudrun“ als Vollzeithausfrau verfälscht keine Arbeitszeitstatistik – obwohl sie 45 Stunden Carearbeit leistet. Das moderne Paar mit geteilter Carearbeit stellt dem Arbeitsmarkt 50 Stunden zur Verfügung, aber beide erscheinen als Teilzeit. Moralisch lässt sich das schnell als „Lifestyle“ abwerten, ökonomisch ist es eine höhere Erwerbsbeteiligung.
Und hier liegt die Pointe, die Berlin und München hören sollten: Vollzeitkräfte arbeiten in Deutschland nach Zanders Daten weiterhin „über 40 Stunden“ (2023: 40,2; 1991: 41,4). Der vermeintliche Stundenverfall entsteht vor allem, weil die Teilzeitquote gestiegen ist – besonders, weil deutlich mehr Frauen überhaupt erwerbstätig sind (Erwerbstätigenquote Frauen: von 57 auf fast 75 Prozent). Das ist nicht „weniger Arbeit“, sondern oft mehr Doppelbelastung.
Söders „eine Stunde mehr“ – und die Mathematik der Leerstunden
Dann kommt der Satz, der so gut klingt, weil er so linear ist: „Eine Stunde mehr würde enorm viel Wirtschaftswachstum bringen.“ Markus Söder wird auf einer Folie wörtlich zitiert.
Zander zerlegt diese Logik dort, wo sie in Deutschland besonders häufig scheitert: in volatilen Bedarfen bei starren Schichtplänen. Seine Visualisierung ist brutal einfach. Wenn ein Unternehmen in manchen Monaten weniger Bedarf hat, stehen Menschen herum: bezahlte Zeit, nicht genutzte Zeit. In anderen Monaten wird Mehrarbeit gefahren, oft mit Zuschlägen. Das Ergebnis: Stunden werden doppelt bezahlt – als Leerstunde und als Überstunde.
Und nun die Pointe gegen die „eine Stunde mehr“-Rhetorik: Wird die Wochenarbeitszeit einfach erhöht, entstehen in den schwachen Phasen noch mehr bezahlte, aber ungenutzte Stunden. In Zanders Beispiel sind es „32 Stunden mehr bezahlt, nicht mehr genutzt“. Flexibilisiert man dagegen das Schichtmodell – weniger in schwachen Phasen, mehr in starken – erreicht man denselben Output mit denselben bezahlten Stunden. Nicht härter, sondern smarter.
Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Es ist Standortökonomie. Wer in volatilen Märkten stumpf Stunden addiert, kauft sich Kosten, ohne Wertschöpfung sicherzustellen. Zander nennt das freundlich „unterkomplex“, und er sagt offen, was es nicht braucht: „Pauschalbeschimpfungen und unterkomplexe Lösungen.“
Der unterschlagene Hebel: Gesundheit und Arbeitszeitgestaltung als Produktivsystem
Der entscheidende Teil von Zanders Argumentation ist nicht Kritik, sondern Hebel. Er sagt nicht: Es gibt keinen Missbrauch. Er sagt: Missbrauch ist „ein kleiner Teil“, und Unternehmen müssten dort konsequenter sein – statt für alle Regeln zu verschlechtern, weil man Führung nicht macht.
Und dann kommt der Befund, den politische Entscheider meist komplett ausblenden, weil er nicht in einen Wahlkampfsatz passt: Lange Arbeitszeiten, besonders in Schichtsystemen, erhöhen die Krankheitsquote überproportional. Zander verweist auf „belastbare Studien“, dass Arbeitszeiten jenseits der 40 Stunden – gerade bei Schichtarbeit – die Krankenquote treiben.
Seine Praxisbeobachtung ist noch schärfer: In vollkontinuierlichen 40-Stunden-Schichtsystemen sieht er „grundsätzlich Krankenquoten deutlich über 10 Prozent“, nicht selten „über 15 Prozent“. In Unternehmen mit 35-Stunden-Woche im Vollkonti seien Krankenquoten „selten über 10 Prozent“. Diese Differenz – sagt er sinngemäß – sei oft schon ein großer Teil dessen, was man mit Debatten über „mehr arbeiten“ überhaupt zu gewinnen glaubt.
Politisch heißt das: Wer Leistungsfähigkeit erhöhen will, darf nicht nur über Stunden reden, sondern muss über Erholungsfähigkeit, Planungsfähigkeit, Flexibilität sprechen. Und über einen kulturellen Tabubruch: Belastung nicht nur mit Geld zu „zuschmeißen“ (Zuschläge), sondern mit Zeit zu entlasten – Erholung als Produktivitätsinvestition.
Die unbequeme Botschaft an die Macht: Ihr bekämpft das Symptom, nicht die Ursache
Was bleibt für Merz, Söder und all jene, die die Arbeitswelt politisch vermessen? Zanders Session formuliert eine Warnung in Zahlenform. Wer den Krankenstand als Moralfrage behandelt, trifft die Falschen und verstärkt Nebenwirkungen: mehr Misstrauen, mehr Zynismus, weniger Bindung. Wer Teilzeit moralisiert, verkennt ihre Funktion als Flexibilitätsinstrument – und übersieht, dass sie in volatilen Branchen betriebswirtschaftlich sogar hochgradig sinnvoll sein kann.
Und wer „eine Stunde mehr“ als Wachstumsrezept verkauft, verwechseln lineare Schulmathematik mit einer nichtlinearen Wirklichkeit, in der Nachfrage schwankt, Lieferketten reißen, Maschinen stehen und Menschen nicht beliebig länger leistungsfähig bleiben. Zander sagt es drastisch: In einem volatilen Umfeld lässt sich „definitiv nicht mehr sicherstellen“, dass jede zusätzlich bezahlte Stunde auch wertschöpfend genutzt wird.
Die politische Pointe ist bitter: Gerade die, die sich als wirtschaftsfreundlich inszenieren, riskieren unternehmensfeindliche Effekte, wenn sie Flexibilität durch moralische Grobwerkzeuge ersetzen. Die Lösung ist nicht härter, sondern klüger: Arbeitszeitmodelle, die nach oben und nach unten atmen, Gesundheits- und Krankheitsmanagement als Führungsaufgabe, und ein Rechtsrahmen, der Flexibilität ermöglicht, ohne Schutzrechte zu pulverisieren.
Siehe auch:








