Warum Mosel-Riesling der ideale Frühlingswein ist – und was Stephan Reinhardt in der FAZ daran so überzeugend beschreibt

Stephan Reinhardt schreibt in seinem FAZ-Beitrag „Riesling für den Frühling“ vordergründig über die Frage, welcher Wein besonders gut in diese Jahreszeit passt. Aber sein Text will mehr, und genau das macht ihn lesenswert. Er empfiehlt nicht bloß einen frischen, eleganten Riesling zur Frühlingsküche. Er erklärt zugleich, warum gerade die scheinbar leichtesten Weine oft unter den schwierigsten Bedingungen entstehen.

Das ist die eigentliche Stärke des Artikels: Reinhardt macht verständlich, dass großer Mosel-Riesling nicht einfach nur duftig, filigran und beschwingt ist, sondern das Ergebnis eines Weinbaus, der extrem arbeitsintensiv, riskant und oft wirtschaftlich prekär ist. Wer einen solchen Wein trinkt, trinkt nicht bloß Frucht, Säure und Schieferaroma. Man trinkt auch Landschaftspflege, Tradition, Handarbeit und den Trotz von Winzern, die sich bewusst gegen den bequemen Weg entschieden haben.

Warum Reinhardts Text so gut funktioniert

Der Artikel ist deshalb überzeugend, weil er zwei Dinge verbindet, die oft getrennt werden: Genuss und Realität. Reinhardt beschreibt den Mosel-Riesling als idealen Frühlingswein, weil diese Weine oft leichtfüßig, hell, würzig und fein sind. Viele besitzen wenig Alkohol, eine glasklare Säure und eine Frische, die sie zu Spargel, Fisch, Kräuterküche oder einfach zum ersten warmen Abend des Jahres besonders passend macht.

Aber er bleibt nicht bei der atmosphärischen Empfehlung stehen. Er legt offen, dass diese Eleganz nicht auf Mühelosigkeit beruht. Im Gegenteil: Die großen Steillagen an der Mosel verlangen enorme Handarbeit, alte Erfahrung und viel Geduld. Dadurch bekommt sein Text Gewicht. Er ist nicht nur ein schöner Saisonaufsatz, sondern auch eine kleine Verteidigung des klassischen Mosel-Rieslings und der Menschen, die ihn unter schwierigen Bedingungen erzeugen.

Warum der Mosel-Riesling tatsächlich ein idealer Frühlingswein ist

Der FAZ-Artikel hat auch in der Sache recht. Zum Frühling passen Weine, die nicht ermüden, sondern öffnen; die nicht sättigen, sondern anregen. Genau das kann der Mosel-Riesling. Besonders Kabinettweine – also jene klassisch leichten, oft feinfruchtigen Rieslinge mit wenig Alkohol – verbinden eine zarte Süße mit heller Säure, mineralischer Spannung und großer Trinkfreude.

Doch Reinhardt deutet noch etwas an, das für das Verständnis der Mosel entscheidend ist: Leichtigkeit ist hier keine Schwäche, sondern eine Form von Größe. Ein großer Mosel-Riesling muss nicht massiv sein, um tief zu sein. Gerade seine Transparenz ist seine Stärke.

Eine Region der Individualisten, nicht des Einheitsstils

Besonders gelungen ist auch Reinhardts Auswahl der Weingüter. Er nennt nicht einfach ein paar bekannte Namen, sondern entwirft ein Panorama der Mosel in ihrer ganzen Vielfalt. In seiner Liste stehen klassische Prädikatsgüter neben kompromisslosen Trockenspezialisten, biodynamische Pioniere neben kleinen Familienbetrieben, traditionsreiche Häuser neben neu profilierten Gütern.

Gerade dadurch wird sichtbar, was die Mosel heute so spannend macht. Sie ist keine geschlossene Geschmacksmarke. Sie ist ein Mosaik aus sehr unterschiedlichen Handschriften. Gemeinsam ist diesen Betrieben nicht ein einheitlicher Stil, sondern ihre Ernsthaftigkeit: die Bindung an Lage, Schiefer, alte Reben, Handarbeit und Herkunft.

Die von Reinhardt genannten Betriebe im Überblick

Vollenweider, Traben-Trarbach

Vollenweider ist eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie idealistischer Steillagenweinbau an der Mosel aussehen kann. Das Weingut wurde 2000 von Daniel Vollenweider gegründet, zunächst mit sehr kleiner Fläche in der Wolfer Goldgrube. Heute arbeitet das Gut mit alten, teils wurzelechten Reben in extremen Steillagen; zu den wichtigsten Herkünften zählen Wolfer Goldgrube, Kröver Steffensberg und der Schimbock. Nach Daniel Vollenweiders Tod führt Moritz Hoffmann die Arbeit fort. Stilistisch steht Vollenweider für präzise, schiefergeprägte, hochfeine Rieslinge mit großem Zug und einer starken Bindung an alte Rebanlagen.

Knebel, Winningen

Matthias Knebel gehört zu den wichtigsten Erzeugern trockener Mosel-Rieslinge. Das Gut in Winningen ist tief in der Terrassenmosel verwurzelt; die jüngere Geschichte des Betriebs begann 1989 mit Reinhard und Beate Knebel, seit 2008 prägt Matthias Knebel die Stilistik entscheidend. Maßgeblich sind berühmte Terrassenlagen wie Röttgen und die verschiedenen Uhlen-Parzellen Roth Lay, Laubach und Blaufüsser Lay. Das Weingut arbeitet mit langsamer Gärung, langem Hefelager und zurückhaltender Kellertechnik. Knebels Rieslinge gelten als steinig, präzise, trocken und zugleich elegant – eine besonders klare Form der kühlen Mosel.

Lubentiushof, Niederfell bei Kobern-Gondorf

Der Lubentiushof ist ein kleines, hoch individuelles Rieslinggut, das eng mit Andreas Barth verbunden ist. Offiziell liegt der Betrieb in Niederfell; stilistisch und herkunftsmäßig spielt die Gondorfer Gäns eine zentrale Rolle, weshalb die Nähe zu Kobern-Gondorf in Weinbeschreibungen naheliegt. Barth ist bekannt für seine Idee des „langsamen Rieslings“: sehr lange Gärungen, viel Geduld und eine deutliche Vorliebe für Weine, die eher über Tiefe und Ruhe als über laute Frucht wirken. Der Lubentiushof steht deshalb für eine subtilere, introvertierte, oft erst mit Zeit ganz aufblühende Seite der Mosel.

Franzen, Bremm

Das Weingut Franzen in Bremm ist ein Schlüsselbetrieb für den Calmont-Bereich. Die Familie ist seit Jahrhunderten in Bremm beheimatet; die heutige Ausrichtung geht wesentlich auf Ulrich Franzen zurück, heute wird das Gut als Weingut Kilian Franzen geführt. Im Mittelpunkt stehen Steillagen wie der Bremmer Calmont und der Neefer Frauenberg. Stilistisch verbindet Franzen die Kraft dieser dramatischen Hänge mit einer klaren, mineralischen, trockenen Handschrift. Die Weine sind nicht zart im banalen Sinn, sondern spannungsvoll, würzig und sehr präzise.

Clemens Busch, Pünderich

Clemens Busch ist einer der großen Leitbetriebe der Terrassenmosel. Das Gut in Pünderich bewirtschaftet rund 20 Hektar, fast ausschließlich mit Riesling, und arbeitet seit Jahrzehnten biologisch, seit 2005 biodynamisch. Im Zentrum steht die Pündericher Marienburg mit ihren verschiedenen Schieferzonen und Parzellen. Gemeinsam mit Rita und Johannes Busch hat Clemens Busch aus dieser Lage ein Modell für radikal herkunftsbezogenen Moselweinbau gemacht. Die Weine sind oft trocken, steinig, ernst und tief, zugleich aber nie grob. Busch steht für die Mosel als genaue, differenzierte Übersetzung von Ort und Boden.

Thorsten Melsheimer, Reil

Das Weingut Melsheimer in Reil ist ein Familienbetrieb in fünfter Generation und arbeitet biodynamisch sowie Demeter- und Ecovin-zertifiziert. Zentrale Herkunft ist der Reiler Mullay-Hofberg. Thorsten und Jannis Melsheimer verstehen ihre Rieslinge als Ausdruck eines lebendigen, naturbezogenen Steillagenweinbaus. Schon die Gutsweine sollen das prototypisch Moselhafte zeigen: Duftigkeit, feine Frucht, Mineralität und eine feste, ruhige Zartheit. Melsheimer steht damit für eine naturnahe, sehr feinsinnige Moselstilistik, die Herkunft und Trinkfluss eng miteinander verbindet.

Martin Müllen, Traben-Trarbach

Martin Müllen ist in Traben-Trarbach ein Solitär und für viele Liebhaber ein Kultwinzer. Das Gut konzentriert sich auf Steillagen-Riesling aus Traben-Trarbach und Kröv und arbeitet mit Schieferlagen, Spontanvergärung und traditionellen Methoden wie der Korbkelter. Müllen ist besonders für jene Weine bekannt, die Jugendlichkeit und Reifepotenzial zugleich besitzen. Seine Rieslinge, gerade im feinfruchtigen Bereich, verbinden Leichtigkeit mit erstaunlicher Tiefe. Damit verkörpert er sehr genau jene Art Mosel, die Reinhardt als idealen Frühlingswein beschreibt: hell, filigran, aber keineswegs oberflächlich.

Weiser-Künstler, Traben

Konstantin Weiser und Alexandra Künstler arbeiten seit 2005 mit historischen, teils sehr alten Steillagen an der Mittelmosel. Zu den wichtigsten Herkünften gehören Trabener Gaispfad, Enkircher Ellergrub und Enkircher Zeppwingert. Das Gut betont den respektvollen Umgang mit Natur, Flora und Fauna sowie die Begleitung des Werdens des Weins statt einer starken technischen Steuerung. Alte, teils über hundertjährige wurzelechte Reben spielen eine große Rolle. Weiser-Künstler steht für eine entschleunigte, transparente, hochfeine Mosel, deren Größe eher in der stillen Präzision als im Effekt liegt.

Immich-Batterieberg, Enkirch

Immich-Batterieberg ist eines der geschichtsträchtigsten Güter der Mosel. Die Ursprünge des Weinguts reichen weit zurück; nach einem Neustart ab dem Jahrgang 2009 wurde das Haus unter neuer Führung und mit Gernot Kollmann als prägenden Kellermeister zu einem der markantesten Betriebe der Mittelmosel. Zentrale Lagen sind Ellergrub, Batterieberg, Zeppwingert, Steffensberg und Zollturm. Das Gut arbeitet mit nachhaltigem Anbau, natürlichen Gärungen, niedrigem Alkohol und einem sehr klaren Bekenntnis zu Schiefer und Cool Climate. Die Weine gelten als pur, tief, oft trocken und von großer innerer Spannung.

Immich-Anker, Enkirch

Immich-Anker, offiziell Weingut Heinrich Immich-Anker, ist ein kleiner, familiengeführter Betrieb in Enkirch unter Daniel S. Immich. Das Gut verweist auf Weinbau in der Familie seit 1425 und bewirtschaftet heute rund 3,5 Hektar. Wichtig ist weniger ein großes Markenbild als die tiefe örtliche Verwurzelung in Enkirch, einem Ort mit reicher Steillagen- und Parzellengeschichte. Immich-Anker steht für jene Familiengüter, die die Mosel im Alltag zusammenhalten: klein, traditionsbewusst, bodennah und stark an der Herkunft orientiert.

Dr. Hermann, Erden

Dr. Hermann in Erden hat sich in den vergangenen Jahren deutlich in der Spitzengruppe der Mosel etabliert und ist seit 2025 Mitglied im VDP. Das Gut wird von Christian Hermann geführt; der Schwerpunkt liegt klar auf Riesling. Maßgebliche Lagen sind Erdener Prälat, Erdener Treppchen und Ürziger Würzgarten, vielfach mit wurzelechten Reben. Dr. Hermann verbindet klassische Mosel-Finesse mit dem Ehrgeiz eines modernen Spitzenbetriebs. Besonders im feinfruchtigen und edelsüßen Bereich hat das Gut einen sehr starken Ruf, ohne darauf beschränkt zu sein.

Joh. Jos. Prüm, Wehlen

Joh. Jos. Prüm ist einer der klassischen Weltgeltungsnamen der Mosel. Das Gut in Wehlen arbeitet ausschließlich mit Riesling und bewirtschaftet berühmte Lagen wie Wehlener Sonnenuhr, Graacher Himmelreich, Bernkasteler Lay, Bernkasteler Badstube, Johannisbrünnchen und Zeltinger Sonnenuhr. Die Familie Prüm steht für eine große Kontinuität in der feinfruchtigen und edelsüßen Moseltradition. Joh. Jos. Prüm verkörpert jene Form des Rieslings, bei der Süße, Leichtigkeit, Ruhe und Tiefe kein Gegensatz sind. Wer verstehen will, warum Kabinett und Spätlese an der Mosel Weltklasse bedeuten können, kommt an diesem Gut nicht vorbei.

Willi Schaefer, Graach

Willi Schaefer ist eines der kleinen, stillen, aber international hochgeschätzten Weingüter der Mittelmosel. Das Familiengut reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück und wird heute von Christoph und Andrea Schaefer geführt. Die Weinberge liegen im Graacher Domprobst, im Graacher Himmelreich und in der Wehlener Sonnenuhr, vielfach mit sehr alten wurzelechten Reben in Steillagen. Schaefer steht für eine nahezu schwerelose Form der Weltklasse: kristalline Kabinette, noble Spätlesen und Auslesen von großer Feinheit, Ruhe und Langlebigkeit. Gerade in einer Liste der aufregendsten Rieslinge der Welt wirkt dieser Name völlig selbstverständlich.

Unterlind, Trittenheim

Unterlind ist einer der jüngeren Namen in Reinhardts Aufzählung. Offizielle Informationen sind bislang vergleichsweise knapp; Fach- und Händlerquellen beschreiben Unterlind als Projekt von Veronika und Heiner Bollig, das Ende 2019 mit zunächst kleinen gepachteten Parzellen in der Trittenheimer Apotheke begann. Mittlerweile wird eine kleine, aber wachsende Fläche in Trittenheim, Brauneberg und Leiwen genannt. Stilistisch konzentriert sich Unterlind stark auf klassische Prädikatsweine, insbesondere Kabinett und Spätlese. Das Gut steht damit für die Wiederentdeckung jener traditionellen Moselstärke, die Reinhardt im Artikel so deutlich lobt.

Ansgar Clüsserath, Trittenheim

Das Weingut Ansgar Clüsserath wird heute von Eva Clüsserath-Wittmann geführt und blickt auf eine lange Familiengeschichte zurück. Im Mittelpunkt stehen alte Rieslingreben in Trittenheimer Spitzenlagen, vor allem in der Apotheke und im Altärchen. Die Apotheke gilt als warme, steile Schieferlage mit großer Tiefe, während das Altärchen feinere, früh zugänglichere und zitrischer geprägte Rieslinge hervorbringen kann. Clüsserath zeigt exemplarisch, wie differenziert selbst innerhalb eines Ortes an der Mosel gearbeitet wird. Das Gut steht für feine, präzise, elegante Rieslinge mit starkem Herkunftsbezug.

Lenhardt, Mehring

Lenhardt in Mehring gehört zu den spannendsten jüngeren Wiederbelebungen an der Mosel. Eva und Christian Lenhardt haben den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrer Mutter Christa neu profiliert; der Neustart mit eigener Flaschenweinorientierung begann 2017. Das Gut betont Handarbeit, alte Weinberge und eine moderne, aber herkunftsbezogene Moselstilistik. Besonders wichtig ist der Mehringer Blattenberg als prägende Steillage. Lenhardt steht damit für die Zukunft der Region: für die Rückkehr zu Lage, Herkunft und Qualität auch in Orten, die lange weniger im Fokus standen als die berühmtesten Kernlagen der Mittelmosel.

Arno Schmidt im Kräftefeld seiner Zeit

Der Bargfelder Bote ist kein Liebhaberblatt für treue Gemeindemitglieder, sondern seit Jahrzehnten die präziseste Werkstatt der Schmidt-Forschung: kein Weihrauch, keine Jubiläumsprosa, sondern Quellen, Korrekturen, Seitenwege, Einwände. Die neue Lieferung 517–518 vom April 2026 führt das mit seltener Geschlossenheit vor. Hans-Peter Kunz schreibt über Arno Schmidt und Max Bense, Friedhelm Rathjen über ein Randstück zu „Seelandschaft mit Pocahontas“, Thomas Körber über Schmidts Tagebücher, Giesbert Damaschke über Hans Wollschlägers „Fall Adams“, Sabine Kyora über eine neue Studie zu „Caliban über Setebos“. Das Heft wirkt zunächst spezialisiert. Tatsächlich erklärt es sehr genau, worum es bei Arno Schmidt bis heute geht: um einen Autor, der nie nur aus Texten bestand, sondern aus ökonomischem Druck, theoretischen Anstößen, Fehldeutungen, Provinzerfahrungen, Selbstquälerei und einer ungewöhnlichen Fernwirkung auf andere.

Das Heft und sein Gegenstand

Wer Arno Schmidt noch immer als einsamen Großsolitär von Bargfeld liest, bekommt hier ein Gegenbild. Diese Ausgabe rückt ihn aus der späteren Monumentalpose zurück in ein Netz von Beziehungen. Man sieht den Autor auf Reisen, im Rundfunkmilieu, im Gespräch mit Theoretikern, im Streit mit Besuchern, in der Spiegelung durch jüngere Schriftsteller, in der philologischen Nachgeschichte einzelner Wörter. Gerade darin liegt die Qualität des Heftes: Es setzt nicht auf die große Geste, sondern auf Konstellationen. Schmidt erscheint hier nicht als Statue, sondern als Reizkörper einer ganzen literarischen Nachkriegslandschaft.

Stuttgart 1952: Walser, Spesen, Bense

Hans-Peter Kunz beginnt an der richtigen Stelle: nicht bei „Zettel’s Traum“, nicht beim späten Ruhm, sondern am 19. August 1952. Arno und Alice Schmidt fahren nach Stuttgart, eingeladen von Martin Walser, der für den Süddeutschen Rundfunk arbeitet. Schon die Vorgeschichte entzaubert jede spätere Heroisierung. Walser lockt mit allem, was für einen Autor in prekärer Lage zählt: mit Rundfunkarbeit, mit möglichen Publikationen, mit Reisekosten. „Die Spesen!“, schreibt er, seien vielleicht die eigentliche Lockung. Schmidt antwortet in einer Formel, die seine damalige Situation ohne jedes Pathos freilegt: Man möge alles so arrangieren, „daß ich möglichst viel Geld verdiene“. Damit ist der Ton gesetzt. Hier reist kein arrivierter Meister an; hier kommt ein Schriftsteller, der dringend Einnahmen braucht und zugleich den Stolz besitzt, sie nur aus literarischer Arbeit beziehen zu wollen.

Am zweiten Abend trifft Schmidt dann auf jenen Kreis, der in der Rückschau fast wie eine literarische Einsatzleitung der frühen Bundesrepublik wirkt: Walser, Andersch, Leute aus dem SDR — und Max Bense mit Elisabeth Walther. Kunz zeigt sehr schön, daß Bense in dieser Runde die eigentliche Ausnahmefigur ist: kein Rundfunkmann, sondern Philosoph, Mathematiker, Physiker, bereits mit fester Stelle in Stuttgart, international vernetzt und den anderen an institutioneller Sicherheit weit überlegen. Gerade deshalb war er für Schmidt so wichtig. Er brachte nicht nur Begeisterung mit, sondern Radius.

Bense liest Schmidt — und liest ihn schief genug, um fruchtbar zu sein

Der stärkste Gedanke des Kunz-Textes besteht darin, Max Bense gegen eine nachträgliche Vereinfachung zu verteidigen. Bense wird heute gern vorschnell als Informationsästhetiker etikettiert, als Vorläufer mathematischer Kunstbetrachtung. Kunz hält dagegen: In den frühen fünfziger Jahren kreist Bense zunächst um den ontologischen Status des Ästhetischen, um „Mitrealität“, um den „Seinszustand“ der Kunstwerke. Sein Essayband „Plakatwelt“ von 1952 wird deshalb zum Schlüssel. Dort beschreibt Bense Kunst als Präsentation, als Montage, als ins Licht gestelltes Gefüge von Funktionen und Effekten. Und in diesem Horizont liest er Arno Schmidt: als Autor einer montierten Prosa, deren Schlußeffekte die ganze Anlage rückwirkend sprengen. Der berühmte Satz über den „Leviathan“ als „dreifaches glanzvolles Plakat in Prosa gegen den Fehlschlag der Schöpfung“ gehört in genau diesen Zusammenhang.

Kunz macht aus dieser Nähe allerdings kein Einverständnis. Im Gegenteil. Sein stiller Ertrag liegt in der Einsicht, daß Schmidt und Bense einander gerade dort produktiv wurden, wo sie nicht deckungsgleich waren. Bense sieht austarierte Präsentation und funktionale Teleologie; Schmidt zielt auf Durchleuchtung, auf Riß, auf die Vorführung einer missratenen Welt. „Eigentlich paßt’s nicht“, lautet Kunz’ knappe Folgerung. Treffender kann man diese Beziehung kaum charakterisieren. Bense hat Schmidt partiell verfehlt — und gerade dadurch etwas an ihm freigelegt, das andere damals überhaupt noch nicht sahen.

Der Dümmer und ein schlechtes Buch, das nützlich wurde

Friedhelm Rathjens Beitrag ist der Gegenbeweis gegen jede Geringschätzung des „Randstücks“. Ausgangspunkt ist eine Stelle aus „Seelandschaft mit Pocahontas“: Gastwirt Schomaker zeigt seine Vogelsammlung; daneben liegt ein Roman von Günther Schmieder; Schmidt schlägt ihn auf und stößt auf die Zeile von den „atmend Fischleins Kiemen“. Rathjen rekonstruiert nun mit detektivischer Lust, wer dieser Schmieder war: ein Gärtner aus Detmold, Autor genau eines Romans, „Gott weiß den Weg. Roman aus der Seelandschaft des Dümmers“. Die zeitgenössischen Besprechungen, die Rathjen anführt, zeichnen das vertraute Bild eines gutmeinenden Heimatromans voller Landschaftspathos, Gotteswind und naturfrommer Innigkeit. Man versteht sofort, warum Schmidt beim ersten Anblättern zurückwich.

Schön an Rathjens Text ist jedoch, daß er sich nicht im Spott erschöpft. Denn der verachtete Schmieder hat Schmidt womöglich etwas geliefert, das blieb: das Wort „Seelandschaft“ selbst. Auf dem Titelblatt seines Romans steht „aus der Seelandschaft des Dümmers“; aus der schlechten Vorlage könnte also ein guter Titel gewonnen worden sein. So zeigt der Beitrag im Kleinen, wie Schmidt arbeitete: nicht als reiner Auswähler des Edlen, sondern als äußerst wacher Leser von Material jeder Herkunft. Er nahm auf, was er gebrauchen konnte, und ließ zurück, was ihm sprachlich oder geistig unerquicklich erschien. Gerade aus dieser Mischung von Abwehr und Aneignung entstand seine Prosa.

Tagebücher ohne Schonbezug

Thomas Körbers Besprechung der Tagebücher 1957 bis 1962 führt mitten in die innere Ökonomie dieses Schriftstellers. Der Vergleich mit Thomas Mann, den Körber zu Beginn zieht, ist klug gewählt, weil er den Blick schärft: Auch bei Schmidt liefern die Tagebücher nicht „die Wahrheit“ über das Werk, aber sie zeigen dessen verdrängte Rückseite. Susanne Fischers Edition erfaßt einen Zeitraum außerordentlicher Produktivität — mit Romanen, Funkessays, Übersetzungen, Studien. Zugleich dokumentieren die Notate eine Lebensform unter permanenter Reizung: Besuchsabwehr, Zeitangst, gereizte Urteile über Freunde, körperliche und sexuelle Nöte, Tierliebe, Alpträume, Kriegsreste, eheliche Spannungen. Schmidt selbst nannte das Tagebuch einmal „das Alibi der Wirrköpfe“ und „einer der Abörter der Literatur“; Körber liest diese Form verächtlicher Selbstbuchhaltung gerade deshalb mit Gewinn.

Besonders eindringlich sind die Kontraste, die Körber herausarbeitet. Da stehen die bösen Bemerkungen über Besucher neben der warmen Sorge um Tiere; die Erschöpfung im Umgang mit anderen neben den freundlicheren Einträgen über Hans Wollschläger; die Härte gegenüber Alice Schmidt neben jenen Traumprotokollen, in denen der ehemalige Soldat sich als Verfolgter, Emigrant, ja KZ-Opfer imaginiert. Solche Aufzeichnungen erklären kein Werk. Aber sie vermessen das Terrain, auf dem es entstand. Man sieht, wie teuer diese Literatur bezahlt wurde — nicht moralisch, sondern nervlich.

Wollschläger und die lange Wirkung

Giesbert Damaschkes Besprechung von Hans Wollschlägers „Der Fall Adams“ öffnet dann eine andere Perspektive: Schmidt als Leser, Förderer, früher Entdecker. Der Roman wurde Ende 1961 abgeschlossen, fand damals trotz Schmidts intensiver Unterstützung keinen Verleger und liegt nun erst in jener Fassung vor, die Schmidt immer wieder empfahl. Damaschke macht aus dieser editorischen Verspätung ein literarisches Ereignis. Besonders Kapitel IV, „Triangulation“, wird hervorgehoben — jenes Kapitel also, das Schmidt mehrfach wegen seiner Bildkraft und seiner Landschaften gelobt hatte. Das ist mehr als eine schöne Fußnote. Man sieht hier einen Arno Schmidt, der nicht nur selbst schrieb, sondern einen Jüngeren mit Nachdruck in die Welt zu bringen versuchte.

Wichtig ist dabei, daß Damaschke den „Fall Adams“ nicht als bloßes Vorspiel der späteren Herzgewächse behandelt. Er zeigt die Eigenständigkeit dieses Romans, seine Kapitelarchitektur, seine Selbständigkeit gegenüber der späteren Umarbeitung. Auch hierin steckt eine Korrektur literaturgeschichtlicher Bequemlichkeit. Nicht alles, was im Schatten Schmidts steht, ist Vorstufe oder Abglanz. Manches gewinnt erst jetzt, in Distanz, seine Kontur.

Forschung zwischen Entzifferung und Deutung

Sabine Kyoras Besprechung des Buches von Ingo Leiß zu „Caliban über Setebos“ setzt schließlich einen notwendigen Akzent gegen die Selbstverliebtheit der Spezialforschung. Sie würdigt das schön gemachte Buch, seine Materialfülle und seine Vorarbeiten zur Textgenese. Doch sie sagt auch sehr klar, wo das Problem liegt: Der Inhalt gleiche eher einem Sammelsurium; manches bleibe bei der Entschlüsselung kleinster Textpartikel stehen, ohne sie in eine tragfähige Deutung zu überführen. Darin steckt ein grundsätzliches Argument. Arno Schmidt provoziert philologische Detailarbeit wie kaum ein zweiter deutscher Autor des 20. Jahrhunderts. Aber der Text ist nicht die Summe seiner Zettel, Quellen und Partikel. Wer nur dechiffriert, erklärt noch nicht.

Warum diese Lieferung überzeugt

Die Stärke dieser Ausgabe liegt also nicht in einer einzelnen Entdeckung, sondern in ihrer Gesamtbewegung. Sie zeigt Arno Schmidt in Stuttgart, am Dümmer, in Bargfeld, im Spiegel jüngerer Autoren und im Blick einer Forschung, die sich selbst korrigieren muß. Bense erscheint nicht als dekoratives Umfeld, sondern als einer der frühen Stichwortgeber; der Dümmer-Text als Beispiel einer produktiven Aneignung; die Tagebücher als Protokoll eines Lebens unter Werkzwang; Wollschläger als Fernwirkung; Kyora als Erinnerung daran, daß jede genaue Forschung irgendwann wieder Literatur lesen muß. So entsteht aus einem schmalen Heft ein weitgespanntes Bild. Wer wissen will, wie Arno Schmidt aus seinen Umständen, Lektüren und Reibungen hervorging, bekommt hier eine präzise Antwort.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Leistung des Bargfelder Boten: Er rettet Arno Schmidt regelmäßig vor seinen Verehrern. Nicht durch Demontage, sondern durch Kontext. Nicht durch Verkleinerung, sondern durch Schärfung. Nach der Lektüre steht kein Denkmal vor einem, sondern ein Autor im Strom seiner Zeit — offen für Einflüsse, anfällig für Kränkungen, abhängig von Geld, wach für Wörter, hellhörig für Theorie, unerquicklich genau gegen sich und andere, und gerade deshalb von einer Lebendigkeit, die noch immer ansteckt.

Warum schon das Gerücht einer Schließung des Bundeswirtschaftsministeriums in Bonn-Duisdorf ein Akt politischer Amnesie wäre #KatherinaReiche @BMWE_ @OrdoliberalBG @bundeskanzler @gabonn @BundesstadtBonn @LEStiftung

Unter Beamten kursieren viele Dinge, die nie über den Flur hinausgelangen. Manche erledigen sich von selbst, andere nähren für ein paar Tage die übliche Nervosität des Apparats. Doch wenn im Bonner Dienstsitz des Bundeswirtschaftsministeriums darüber gesprochen wird, dass ausgerechnet dieser Ort zur Disposition stehen könnte, dann ist das mehr als das übliche Raunen einer Behörde. Dann zeigt sich, dass ein Gedanke, der politisch eigentlich abwegig sein müsste, bereits so weit in die Verwaltung eingesickert ist, dass man ihn nicht mehr als bloße Spinnerei abtun kann. Gerade darin liegt die Beunruhigung. Nicht in der bestätigten Entscheidung, sondern darin, dass ihre Möglichkeit offenbar schon eine solche Wirklichkeit gewonnen hat, dass sie in den Fluren eines Ministeriums glaubhaft erscheint. Allein das ist alarmierend.

Denn Verwaltungen leben nicht nur von Zuständigkeiten und Erlassen. Sie leben von Verlässlichkeit. Wenn ein Ministerium, dessen Bonner Adresse die Bundesregierung bis heute offiziell als Dienstsitz ausweist, in den eigenen Reihen zum Gegenstand von Abwicklungsspekulationen wird, dann zeigt das vor allem eines: Das Vertrauen in die politische Bindekraft des eigenen Staates ist brüchig geworden. Die Bundesregierung führt Katherina Reiche seit dem 6. Mai 2025 als Bundesministerin für Wirtschaft und Energie; zugleich nennt sie ausdrücklich zwei Dienstsitze des Hauses, Berlin und Bonn, letzterer in der Villemombler Straße 76 in Bonn-Duisdorf.

Der Ort, an dem aus dem Provisorium eine Ordnung wurde

Nun kann man einwenden, Bonn sei nicht mehr Hauptstadt, die Republik habe ihren Schwerpunkt längst verlagert, und überhaupt müsse sich auch ein Ministerium den Logiken der Gegenwart fügen. Das ist die Sprache der Organisationspläne. Sie ist kühl, technokratisch und zunächst legitim. Unhaltbar wird sie dort, wo sie Bonn-Duisdorf zu einem x-beliebigen Außenposten herabstuft. Genau das ist dieser Ort nicht.

Die Gallwitzkaserne in Bonn-Duisdorf ist seit 1950 Sitz des Bundeswirtschaftsministeriums; nach dem Berlin-Umzug von Parlament und Teilen der Bundesregierung blieb sie zweiter Dienstsitz. Das ist keine Fußnote der Verwaltungsgeschichte, sondern ein Gründungssatz der Bundesrepublik. In Bonn fehlten nach 1949 die Räume, vor allem aber fehlte Wohnraum für jene Mitarbeiter, die seit 1947 in Frankfurt in der „Verwaltung für Wirtschaft“ an der Neuordnung der westdeutschen Wirtschaftspolitik gearbeitet hatten. Also zog das Ministerium in eine frühere Kaserne, die 1936 für 564 Soldaten und 400 Pferde gebaut worden war. Der Umzug verlief schleppend, nicht mangels politischer Bedeutung, sondern wegen der Wohnungsnot; abgeschlossen war er erst 1951.

Man muss sich die historische Ironie dieses Vorgangs vor Augen führen. In einem Gebäude, das aus der Aufrüstung des NS-Staates hervorgegangen war, wurde der wirtschaftspolitische Gegenentwurf zur deutschen Katastrophe organisiert. Ausgerechnet dort, wo einst militärische Logik herrschte, entstand jene Ordnungsvorstellung, die dieses Land zivilisieren sollte. Das ist der eigentliche Rang von Duisdorf. Nicht nostalgisch, nicht dekorativ, sondern konstitutionell. Hier verwaltete man nicht bloß Akten, hier übersetzte man eine Idee in Staatspraxis.

Ludwig Erhard war nicht irgendwo, sondern dort

In Duisdorf saß Ludwig Erhard. Nicht in einem mythischen Nachkriegsdeutschland aus Sonntagsreden und Rückblenden, sondern in einem konkreten Dienstzimmer. Ein Foto vom Januar 1957 zeigt ihn dort mit seinem Buch „Wohlstand für Alle“. Der Mann, der als erster Bundeswirtschaftsminister aus der Bizonenverwaltung kam, hatte zuvor am 20. Juni 1948 mit der Aufhebung alliierter Preis- und Lenkungsvorgaben den entscheidenden Impuls für das gegeben, was später Soziale Marktwirtschaft genannt wurde. 1952 holte er Alfred Müller Armack ins Ministerium, jenen Nationalökonomen, dessen Begriff von der Sozialen Marktwirtschaft das freiheitliche Marktprinzip mit sozialem Ausgleich verbinden sollte. Duisdorf war damit nicht lediglich Verwaltungssitz, sondern der Ort, an dem die Bundesrepublik wirtschaftspolitisch zu sich selbst kam.

Wer also heute von einer möglichen Schließung dieses Standortes spricht, sollte sich wenigstens der Schwere dessen bewusst sein, was er da zur Disposition stellt. Es geht nicht um die sentimentale Konservierung eines Altstandorts. Es geht um den Ort, an dem die Nachkriegsgesellschaft ihre wirtschaftliche Selbstbeschreibung fand. Man kann über die Fehlentwicklungen des Wirtschaftswunders sprechen, über Verdrängungen, Ungleichheiten, blinde Flecken. Man muss es sogar. Aber all das ändert nichts daran, dass die zentralen wirtschaftspolitischen Entscheidungen der frühen Republik von hier aus vorbereitet, durchdacht und administrativ durchgesetzt wurden. Die Wiege der Sozialen Marktwirtschaft steht nicht als Denkmal in irgendeiner Schauvitrine. Sie steht, sehr prosaisch, in Bonn-Duisdorf.

Ein Staat, der seine Ursprungsorte entwertet, entwertet sich selbst

Seit Erhards Tagen ist das Haus nicht stehengeblieben. 1962 wurde es um einen Ministerbau erweitert, 1972 um ein vierzehnstöckiges Hochhaus. Nach Erhard arbeiteten dort Politiker wie Karl Schiller und Otto Graf Lambsdorff. Und doch blieb der symbolische Kern derselbe: Duisdorf war nie bloß ein Ausweichquartier, sondern ein Traditionsort des wirtschaftspolitischen Denkens in Deutschland. Auch das hält die historische Darstellung des „Wegs der Demokratie“ ausdrücklich fest. Und er könnte es auch heute noch sein. Etwa bei wettbewerbspolitischen Fragen. Bundeskartellamt und auch die Bundesnetzagentur haben ihren Sitz in Bonn. In der Villemombler Straße könnte man einen Think Tank für eine Erneuerung der Marktwirtschaft etablieren.

Gerade deshalb wäre eine Schließung, sollte sie jemals ernsthaft erwogen werden, nicht nur eine harte Entscheidung für die dort arbeitenden Beschäftigten. Sie wäre eine geschichtsblinde. Ein Staat, der sich an seine Ursprünge nur noch museal erinnert, sie aber institutionell preisgibt, sagt damit etwas über sich selbst. Er erklärt die eigene Herkunft zur sentimentalen Restgröße. Er behandelt historische Kontinuität wie einen Luxus, den man sich in Zeiten knapper Kassen oder zentralistischer Reflexe nicht mehr leisten will.

Das mag modern klingen. In Wahrheit ist es provinziell. Denn es verrät die eigentümliche Gedankenlosigkeit eines Politikbetriebs, der Orte nur noch nach Flächen, Wegen und Zuständigkeiten bemisst, nicht mehr nach der Verdichtung von Erfahrung, Erinnerung und politischer Formkraft. Wer Duisdorf räumt, räumt nicht nur Büros. Er räumt den Ort, an dem die Bundesrepublik wirtschaftspolitisch erwachsen wurde.

Vielleicht ist genau das der beunruhigendste Punkt an dem Gerücht. Nicht, dass eine Ministerin am Ende eine falsche Entscheidung treffen könnte. Falsche Entscheidungen hat es immer gegeben. Beunruhigend ist, dass eine solche Entscheidung heute offenbar überhaupt vorstellbar erscheint, ohne sofort als das benannt zu werden, was sie wäre: ein Fall von politischer Amnesie.

Duisdorf ist kein Verwaltungsproblem. Duisdorf ist ein Maßstab. Und Staaten, die ihre Maßstäbe leichtfertig aufgeben, verlieren am Ende mehr als einen Standort. Sie verlieren das Gedächtnis dafür, wodurch sie einmal vernünftig geworden sind.

Folgende Anfrage habe ich am Mittwoch telefonisch und via E-Mail an die Pressestelle des Bundeswirtschaftsministerum gestellt:

  1. Trifft es zu, dass im Ministerium eine Schließung des Bonner Dienstsitzes in Bonn-Duisdorf geprüft, vorbereitet oder politisch erwogen wird?
  2. Falls ja: Seit wann gibt es entsprechende Überlegungen, in welchem Stadium befinden sich diese, und wann wäre mit einer Entscheidung zu rechnen?
  3. Falls eine Schließung oder Verlagerung geplant sein sollte: Für welchen Zeitpunkt ist diese vorgesehen?
  4. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wären von einer Schließung, Verlagerung oder sonstigen strukturellen Veränderung des Standorts Bonn-Duisdorf betroffen?

Eine Antwort liegt bislang nicht vor (Donnerstag, 16. April 2026, 16 Uhr).

Siehe auch:

Das war der Auslöser für Bonner Beamte im Bundeswirtschaftsministerium, mich zu kontaktieren zur Stimmungslage und zu Schließungsabsichten (was zur Stimmung gesagt wurde, lass ich mal unerwähnt):

https://www.wegderdemokratie.de/bundesministerium-fuer-wirtschaft

Wenn der Journalismus allein an der Kasse steht

Der Fall Bauer zeigt, was der Medienpolitik seit Jahren entgleitet: Das alte Verlagsgeschäft ist zerbrochen, das neue trägt nicht. Wer nur auf mehr Paywalls hofft, verwechselt Abwehr mit Strategie.

Die Nachricht aus Hamburg wirkt auf den ersten Blick wie eine weitere Konzernmeldung aus einer Branche, die seit Jahren im Umbau steckt. Bauer Media schließt zum 30. September 2026 seine Digitaleinheit Bauer Xcel Media Deutschland. Rund 160 Mitarbeiter sind betroffen. Übrig bleibt ein deutlich kleineres Portfolio. Die große Digitalerzählung der vergangenen Jahre, bei Bauer stark auf Content Commerce ausgerichtet, wird zurückgebaut. Nachzulesen im Kress-Report.

Man kann das als Einzelfall lesen. Man kann es als Fehlgriff im Management deuten. Man kann auf den nächsten Strategiewechsel warten. All das träfe zu kurz. Der Fall Bauer erzählt von einer viel größeren Entwicklung. Er handelt vom Ende eines Geschäftsmodells, das die deutsche Medienpolitik lange stillschweigend für stabil hielt, obwohl es längst zerlegt worden war.

Früher trug das Bündel, heute bleibt der nackte Inhalt

Mit einer Zeitung wurde früher nicht nur Geld für Texte verdient. Verkauft wurde ein Bündel. Nachrichten, Kommentare, lokale Präsenz, Stellenanzeigen, Wohnungsanzeigen, Automarkt, Familienanzeigen, Verlässlichkeit, tägliche Gewohnheit. Dieses Bündel war ökonomisch stark, weil die einzelnen Teile einander stützten. Wer den Stellenmarkt brauchte, kaufte die Zeitung mit. Wer das Feuilleton mochte, bekam die Immobilienanzeigen gleich dazu. Wer Reichweite wollte, musste in das Blatt.

Das ist vorbei. Die Einzelteile haben sich voneinander gelöst und sind zu Spezialmärkten geworden. Autos wanderten zu Plattformen wie Autoscout, ähnliches vollzog sich bei Wohnungen, Partnersuche, Kleinanzeigen, Jobs zu Stepstone, LinkedIn und Indeed und weitere Anbieter. Das alte Paket wurde entbündelt. Zurück blieb das teuerste Stück: der professionelle Inhalt.

Genau darin liegt das Problem. Journalismus ist personalintensiv, rechtlich riskant, organisatorisch anspruchsvoll und im besten Fall unabhängig. Er kostet jeden Monat neu. Die früheren Quersubventionen aus Rubrikenmärkten und Druckauflagen fielen weg. Das digitale Ersatzmodell ist bis heute schwach.

Die Paywall ist keine Antwort, sondern ein Symptom

Die Branche hat auf diesen Verlust mit einem Reflex reagiert: Paywall hoch, Abooffensive starten, Probeabo für einen Euro, Kündigungshürde möglichst hoch (es lebe die Vergesslichkeit), Newsletter hinter Schranken, App-Pushs im Dauertakt. Das mag in einzelnen Häusern kurzfristig Zahlen schönen. Es löst aber das Grundproblem nicht.

Denn viele Verlage verkaufen ihr Digitalabo inzwischen mit der Verzweiflung eines Möbelhauses im Räumungsverkauf. Das Produkt wird nicht als unverzichtbar erlebt, sondern als rabattiertes Zugangsrecht zu einem Angebot, das zugleich an allen Ecken um Aufmerksamkeit bettelt. So entsteht kein stabiles Verhältnis zum Publikum. So entsteht Abwehr. Der Leser merkt sehr genau, ob ihm etwas angeboten oder aufgezwungen wird.

Hinzu kommt ein zweiter Fehler. Die Paywall wurde oft zur Ersatzhandlung für Innovation. Das Haus ist in Unordnung, also streicht man die Eingangstür neu. Statt neue journalistische Formate zu bauen, statt Nutzungsgewohnheiten ernst zu nehmen, statt On-Demand-Angebote, Audio, Video, erklärende Formate und klug gebaute Produkte zu entwickeln, wurde der Zugang verengt. Paywall hier, Bezahlschranke da, Registrierungszwang dort. Das alles mag technisch modern aussehen. In Wahrheit ist es häufig die digitale Variante des alten Kioskdenkens.

Das Publikum lebt längst anders als die Verlage

Der durchschnittliche Nutzer wartet nicht morgens auf ein fertiges Medienpaket. Er lebt in einem Strom aus Links, Clips, Podcasts, Newslettern, Kurznachrichten, Suchanfragen und Empfehlungen. Er ruft Inhalte dann ab, wenn sie in seinen Tagesablauf passen. Im Zug, beim Kochen, zwischen zwei Terminen, abends auf dem Sofa. On demand ist keine Marotte der Streamingwelt. On demand ist die Grundform digitaler Nutzung.

Viele Verlagshäuser haben darauf keine überzeugende Antwort gefunden. Sie liefern noch immer, als säße der Leser brav vor einem virtuellen Zeitungstisch. Vieles wirkt wie Print mit Bildschirmbeleuchtung: zu lang, zu sperrig, zu langsam, zu gleichförmig. Große Worte über Transformation begleiten oft erstaunlich einfallslose Produkte.

Das Publikum reagiert entsprechend. Nicht mit massenhafter Feindschaft, sondern mit Ausweichen. Es nimmt mit, was frei auffindbar ist, schaut ein Erklärvideo, hört einen Podcast, liest den Newsletter einer Einzelperson, folgt einem Fachmenschen auf YouTube oder Instagram und zieht weiter. Das bedeutet nicht, dass niemand mehr Journalismus will. Es bedeutet, dass der alte Vertriebsweg seine Selbstverständlichkeit verloren hat.

KI verschärft nur, was vorher schon nicht stimmte

Nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu. Vieles, was Verlage bisher über Suchmaschinen an Reichweite erhielten, droht zwischen Suchseite und Originalquelle hängen zu bleiben. Antworten werden zusammengefasst, Quellen abstrahiert, Klickwege verkürzt. Für den Nutzer ist das bequem. Für den Verlag ist es fatal. Seine Inhalte bleiben wertvoll, aber der direkte Kontakt zum Publikum wird noch seltener. Der Verlag liefert Rohstoff, andere kontrollieren den Zugang.

Das ist der eigentliche Schrecken der neuen Lage. Die Verlage verlieren nicht nur Geld. Sie verlieren ihre Stellung im Markt. Früher besaßen sie Produktion, Bündelung, Vertrieb und Vermarktung in einem Haus. Heute gehört ihnen oft nur noch die Redaktion. Der Rest liegt bei Plattformen, Suchmaschinen, App-Stores, Adtech-Ketten und sozialen Netzwerken. Wer nur noch den Inhalt besitzt, besitzt im digitalen Medienmarkt gerade das riskanteste Glied.

Darum ist Bauers Schritt mehr als ein Sparprogramm. Er ist ein Eingeständnis, dass Reichweite allein kein Geschäftsmodell ist, Commerce keine Rettung garantiert und digitale Größe unter falschen Marktbedingungen zur Last werden kann.

Konzentration frisst Vielfalt

Die medienpolitische Folge ist brisant. Wenn das Geschäft mit professionellen Inhalten allein kaum noch trägt, dann überleben vor allem jene Häuser, die noch Reserven, Größe, Markenmacht oder Nischen mit hoher Zahlungsbereitschaft haben. Der Rest wird verkauft, fusioniert, geschrumpft oder verschwindet. Das Ergebnis ist Konzentration.

Man muss kein Romantiker des alten Zeitungshauses sein, um darin eine Gefahr zu sehen. Wo wenige große Anbieter den Markt prägen, leidet die Breite der Perspektiven. Wo lokale oder regionale Redaktionen wegbrechen, schrumpft die demokratische Beobachtung vor Ort. Gemeinderat, Kreisverwaltung, Schulpolitik, Kliniken, Bauprojekte, Filz, Vetternwirtschaft, Fehlentscheidungen im Kleinen: All das interessiert keine globale Plattform und nur selten einen überregionalen Influencer. Genau dort beginnt aber demokratische Wirklichkeit.

An die Stelle klassischer Medien treten dann nicht automatisch bessere, freiere oder jüngere Stimmen. Häufig rücken lautere Stimmen nach. Blogs, Kanäle, Einzelunternehmer, Aktivisten, politische Vorfeldorganisationen, empörungsstarke Reichweitenprofis. Daran ist zunächst nichts Illegitimes. Nur arbeiten sie nicht nach denselben Regeln. Sie schulden niemandem Ausgewogenheit, Korrektur, Trennung von Nachricht und Meinung, Sorgfalt im presserechtlichen Sinn oder verlässliche Dauerbeobachtung.

Der Staat kann und darf diese Lücke nicht einfach mit eigener Kommunikation füllen. Eine Demokratie braucht freie, wirtschaftlich lebensfähige Medienhäuser. Ohne sie wird Öffentlichkeit unruhiger, flacher und anfälliger für Kampagnen.

Medienpolitik darf nicht länger so tun, als reiche ein bisschen Presseförderung

Hier liegt das eigentliche Versäumnis. Die Medienpolitik diskutiert seit Jahren mit Instrumenten aus einer Welt, die vergangen ist. Pressezustellung, Rundfunkordnung, Plattformregeln, Kartellfragen, Leistungsschutzrecht, Projektförderung: all das hat seinen Platz, reicht aber nicht aus, solange der Kern des Problems unangetastet bleibt. Professioneller Journalismus steht in einem Markt, in dem andere die Anzeigen, die Daten, die Aufmerksamkeit und zunehmend auch die Antwortoberfläche kontrollieren.

Darauf braucht es eine nüchterne Antwort. Nicht Staatsjournalismus. Nicht Dauersubventionierung jedes schwachen Angebots. Sondern ein medienpolitisches Verständnis dafür, dass publizistische Infrastruktur ähnlich ernst genommen werden muss wie kulturelle oder wissenschaftliche Infrastruktur. Wer Vielfalt will, muss Bedingungen schaffen, unter denen unabhängiger Journalismus wirtschaftlich atmen kann.

Dazu gehören faire Wettbewerbsregeln gegenüber Plattformen, ein schärferer Blick auf Werbemacht und Datenmacht, neue Modelle für lokale und regionale Berichterstattung, steuerliche und regulatorische Entlastung dort, wo echte publizistische Leistung entsteht, und endlich die Bereitschaft, Innovation nicht mit der nächsten Abo-Kampagne zu verwechseln.

Nicht jede Zeitung muss gerettet werden. Aber der Journalismus schon

Es wäre töricht, jeden Verlag konservieren zu wollen. Märkte ändern sich. Geschäftsmodelle enden. Schlechte Produkte dürfen scheitern. Auch in der Medienbranche gilt kein Bestandsschutz. Doch wer das Schicksal des Journalismus allein dem digitalen Markt überlässt, schaut zu, wie sich Öffentlichkeit schleichend privatisiert: weg von redaktioneller Verantwortung, hin zu Plattformlogik, Personenkult und Erregungsökonomie.

Der Fall Bauer markiert deshalb eine Schwelle. Viele Jahre lang konnten Verlagshäuser Verluste, Schrumpfung und Fehlentwicklungen noch durch Reserven, Besitzstände oder Hoffnung auf den nächsten digitalen Hebel überdecken. Diese Zeit läuft aus. Wo die Einnahmen an die Fixkosten heranrücken, wird aus Umbau Rückzug. Dann verschwindet nicht nur eine Abteilung. Dann verschwindet ein Stück Medienordnung.

Die entscheidende Frage lautet darum nicht, ob man noch eine weitere Paywall errichten kann. Die entscheidende Frage lautet, ob dieses Land weiterhin professionelle publizistische Anbieter in nennenswerter Zahl haben will. Wer sie will, muss sich vom Märchen verabschieden, der Markt werde das schon richten. Er hat längst anders entschieden.

Die Schüler-ID rettet keine Schule: Warum Deutschland in der Bildung nicht nur ein Umsetzungsproblem hat, sondern ein Problem mit Technologiekompetenz und Mut zur neuen Didaktik @TableBriefings @PrienKarin @EskenSaskia @AnjaReinalter @konradkoerner

Beim Live-Briefing von Bildung.Table diskutierten genau jene Akteure, die derzeit den bildungspolitischen Ton in Berlin prägen: Vera Kraft moderierte die Runde, im Studio standen sie und der CSU-Abgeordnete Konrad Körner, digital zugeschaltet waren Saskia Esken für die SPD und Anja Reinalter für die Grünen. Im Zentrum stand die Frage, wie aus „Daten“ tatsächlich „Taten“ werden können – also wie evidenzbasierte Bildungspolitik konkret Gestalt annimmt und ob es dafür eine Schüler-ID sowie ein Bildungsverlaufsregister braucht.

Das war aufschlussreich. Nicht weil dort ein großer Wurf vorgestellt worden wäre. Sondern weil sich in dieser Debatte die Schwäche der deutschen Bildungspolitik fast lehrbuchhaft zeigte: Man redet sehr geordnet über Register, Schnittstellen und Standards. Aber sobald es um die eigentliche pädagogische Revolution geht, wird die Sprache vage. Es fehlte nicht nur an Taten. Es fehlte an Vorstellungskraft.

Viel Vermessung, wenig Veränderung

Im Briefing fiel ein Satz, der hängenbleiben muss. Anja Reinalter sagte sinngemäß, Deutschland habe nicht in erster Linie ein Datenproblem, sondern ein Umsetzungsproblem – vielleicht sogar ein Zielsetzungsproblem. VERA, PISA, IQB, SWK: Daten gibt es genug. Die Frage ist nicht mehr nur, was man misst. Die Frage ist, was endlich daraus folgt. Genau diese Leerstelle zog sich durch die ganze Runde. Auch Saskia Esken formulierte bemerkenswert offen, man messe viel, setze aber wenig davon um.

Aber selbst das greift noch zu kurz. Deutschland hat nicht nur ein Umsetzungsproblem. Deutschland hat ein Problem mit Technologiekompetenz. Und zwar dort, wo sie politisch und pädagogisch am dringendsten gebraucht würde: im Klassenzimmer.

Denn die eigentliche Frage lautet längst nicht mehr nur, wie Schülerdaten besser zwischen Behörden fließen. Die eigentliche Frage lautet: Warum wird die technologische Gegenwart didaktisch immer noch behandelt, als sei sie ein Störfall? Warum reagieren so viele Schulen auf generative KI noch immer reflexhaft mit Abwehr, Moralisierung und dem alten Verdacht, Hausarbeiten würden nun „uneigentlich“ entstehen? Wer heute nur darüber klagt, dass Schülerinnen und Schüler ChatGPT verwenden, verteidigt oft kein Bildungsniveau, sondern eine überholte Form von Aufgabenstellung. Vielleicht liegt das Problem weniger in der KI als in einer Didaktik, die noch immer so tut, als sei Wissensreproduktion ein zeitgemäßes Lernziel.

Die Schüler-ID ist Infrastruktur, nicht Bildungspolitik

Natürlich braucht ein modernes Bildungssystem verlässliche Daten. Natürlich ist es sinnvoll, Bildungsverläufe besser nachzuvollziehen, Übergänge nicht ins Leere laufen zu lassen, Schulwechsel nicht mit Informationsverlust zu bezahlen. Im Briefing wurde mehrfach betont, dass gerade an den Übergängen – von der Schule in Ausbildung, von einem Land ins andere, von einer Institution zur nächsten – junge Menschen aus dem System kippen. Genau dafür soll das Bildungsverlaufsregister helfen. Auch die Warnung vor einem Flickenteppich aus 16 Insellösungen war berechtigt.

Nur: Eine Schüler-ID ist eben genau das – Infrastruktur. Sie kann Verwaltung ordnen. Sie kann Daten kompatibler machen. Sie kann Doppelerhebungen vermeiden. Sie kann helfen, Sozialindizes sauberer zu bilden und Programme besser zu evaluieren. Aber sie ersetzt keine pädagogische Idee. Sie ist der Rohrbau, nicht das Wasser. Sie ist Voraussetzung, nicht Wirkung.

Gerade deshalb war der wichtigste Satz des Briefings vielleicht jener, dass die ID allein keinen Schüler besser machen werde. Das ist der Punkt. Deutschland läuft Gefahr, die Modernisierung des Registers mit der Modernisierung des Lernens zu verwechseln. Man digitalisiert dann zwar Aktenläufe, aber nicht das Lehren. Man vernetzt Daten, aber nicht Erkenntnis mit pädagogischer Praxis.

Was in Düsseldorf schon sichtbar wird

Wie anders es aussehen könnte, zeigte ausgerechnet nicht die Politik, sondern eine Hauptschule in Düsseldorf. Dort lernen 350 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 40 Sprachgemeinschaften. Im Kollegium ist diese sprachliche Vielfalt nicht ansatzweise abgebildet. Dolmetscher sind knapp, Videodolmetsch-Angebote wurden eingestellt, Unterstützung ist oft nur mit Vorlauf zu organisieren. Für Kinder, die neu ankommen, für Kinder mit Gewalterfahrungen, für Kinder ohne sprachliche Sicherheit heißt das: Sie haben oft keine Worte für das, was sie erlebt haben und was sie brauchen.

Genau deshalb wirkt das in der Diskussion vorgestellte Projekt Transcribi so stark. Dort geht es nicht um Technik als Schaufenster, sondern um Technik als Befähigung. Die Schule schildert, dass Schüler „ab dem ersten Tag“ gefördert werden können, ohne lange Vorphase; dass komplexe Inhalte direkt vermittelt werden können; dass die Kommunikation zwischen Lehrkräften, Schülern und Eltern überhaupt erst möglich wird. Das ist mehr als Digitalisierung. Das ist ein anderes Verständnis von Schule: nicht warten, bis ein Kind in die vorhandene Struktur passt, sondern die Struktur so ausrüsten, dass sie dem Kind entgegenkommt.

Genau hier beginnt die eigentliche Debatte. Wo sind die Reallabore, in denen solche Modelle systematisch erprobt, evaluiert und skaliert werden? Wo sind die Schulen, in denen KI nicht als Disziplinarproblem, sondern als Bestandteil einer neuen Didaktik behandelt wird? Wo sind die Programme, in denen Sprachbarrieren, Lernstandsdiagnostik, Elternkommunikation, adaptive Förderung und multiprofessionelle Teams zusammengeführt werden? Im Briefing fiel das Wort Reallabor. Aber eher wie ein administrativer Nebensatz. Dabei müsste es das Zentrum sein.

Die eigentliche Zumutung hieße: Unterricht neu denken

Die bildungspolitische Debatte in Deutschland leidet an einem eigentümlichen Konservatismus. Sie ist offen für Datensätze, aber scheu vor der Konsequenz. Sie diskutiert Schüler-IDs, aber nicht radikal genug über Lernarchitekturen. Sie redet über Evidenz, aber hält didaktisch oft an Formen fest, die aus einer Welt vor der generativen KI stammen.

Dabei ist doch offensichtlich, was jetzt nötig wäre: Hausarbeiten, Prüfungen, Feedbacksysteme, Diagnoseinstrumente, Förderketten, Sprachförderung, Elternkommunikation – alles müsste unter den Bedingungen generativer und adaptiver Systeme neu gedacht werden. Nicht jede Aufgabe muss abgeschafft werden. Aber fast jede muss neu begründet werden. Wer so tut, als könne man KI einfach verbieten und dann mit den alten Lernweisheiten weitermachen, betreibt pädagogische Folklore.

Was Wolfgang Wahlster klarer sagt als die Politik

Gerade deshalb lohnt der Blick auf Wolfgang Wahlster. Im Gespräch für die Zukunft Personal – Nachgefragt Week am 24. Februar 2026 formuliert der DFKI-Gründungsdirektor sehr viel präziser, was der Bildungspolitik im Live-Briefing fehlte. Schon der Rahmen des Interviews ist aufschlussreich: Es geht dort nicht abstrakt um Digitalisierung, sondern um „Empathische KI – wenn IT-Systeme einfühlsam werden und Menschen wieder mehr Mensch sein können“.

Wahlster erläutert das technische Prinzip in einer Klarheit, die man in vielen bildungspolitischen Runden vermisst. „Drei Schritte sind zentral“, sagt er: „Erstens: Emotionen beim menschlichen Gegenüber erkennen. Zweitens: das eigene Verhalten adaptieren. Drittens: die Reaktion multimodal ausdrücken.“ Und er ergänzt für den Bildungsbereich den entscheidenden Satz: Systeme könnten individuelle Lernlücken diagnostizieren, „nicht nur sagen: ‚falsch‘, sondern erkennen, welche Fehlkonzepte hinter Fehlern stehen, und gezielt helfen“. Das sei „echte Personalisierung – Losgröße 1“. In großen Klassen, so Wahlster, fehle Lehrkräften dafür oft schlicht die Zeit.

Genau hier wird die Debatte konkret. Wenn KI Lernwege, Fehlkonzepte, Motivationslagen und Kommunikationsbarrieren individueller adressieren kann, dann reicht es eben nicht, über Datenregister zu reden. Dann braucht es eine neue pädagogische Praxis, in der hyperpersonalisierte KI-Agenten, tutorielle Systeme und adaptive Lernumgebungen kein exotisches Zusatzgerät sind, sondern Teil des didaktischen Kerns.

Wahlster wird noch deutlicher, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Auf die Frage, ob „Losgröße 1“ im Lernen helfen könne, das Muster „Herkunft gleich Zukunft“ zu durchbrechen, antwortet er ohne Zögern: „Tutorielles Lernen muss viel stärker auf Einzelpersonen ausgerichtet werden.“ Und dann folgt der Satz, den man jedem Bildungsausschuss an die Wand schreiben sollte: „In Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern ist individuelle Förderung sonst kaum möglich – da kann KI helfen, Chancen gerechter zu verteilen.“

Das ist der eigentliche Maßstab. Nicht die Frage, ob Deutschland auch ein Register bauen kann. Sondern ob es endlich die technologische und didaktische Kompetenz entwickelt, aus Daten wirksame Förderung zu machen.

Das DFKI wäre der naheliegendere Taktgeber

Deshalb müsste die nächste Phase der Reform anders organisiert werden. Weniger nur als Bund-Länder-Verabredung über Standards, stärker als wissenschaftlich kontrollierte Innovationsaufgabe. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz wäre dafür der naheliegendere Taktgeber als manche ritualisierte Kultusdebatte. Nicht weil Forschung Politik ersetzen soll. Sondern weil dort wenigstens konkreter über adaptive Systeme, Personalisierung, Assistenz, Vertrauenswürdigkeit und Transfer gesprochen wird als in vielen politischen Runden, die noch immer klingen, als sei Digitalisierung vor allem eine Frage ordentlicher Ablage. Wahlster selbst sagt mit Blick auf Deutschland, man habe viele starke Namen in der KI, aber ein bekanntes Defizit: „Wir liefern Ideen, andere machen die Produkte.“

Genau dieses Defizit zeigt sich nun auch in der Bildung. Deutschland kennt seine Probleme. Deutschland beschreibt seine Probleme. Deutschland organisiert Gremien über seine Probleme. Aber es baut zu selten die Werkzeuge, mit denen diese Probleme im Alltag kleiner werden.

Von Daten zu Taten heißt: vom Register ins Klassenzimmer

Die Schüler-ID mag kommen. Das Bildungsverlaufsregister mag sinnvoll sein. Beides ist sogar nötig. Aber beides bleibt sekundär, solange die entscheidende Frage unbeantwortet bleibt: Wie kommt die neue Intelligenz der Systeme dorthin, wo sie soziale Ungleichheit tatsächlich mindern könnte – in die Schule, in die Diagnose, in die Förderung, in die Elternarbeit, in die Übergänge?

Die ehrliche Antwort auf das Live-Briefing lautet deshalb: Von Taten war zu wenig zu spüren, weil die Debatte noch immer zu stark um Verwaltung kreist und zu wenig um Didaktik. Nicht nur die Umsetzung fehlt. Es fehlt die Bereitschaft, Bildung technologisch neu zu denken. Erst wenn sich das ändert, besteht die Chance, dass aus der alten deutschen Bildungsformel – Herkunft gleich Zukunft – endlich kein Schicksal mehr wird.

Wenn der Souverän nur noch als Zitat auftaucht: Im RBB-Studio wird eine vertraute Ordnung plötzlich erklärungsbedürftig @JTHADEUSZ

Man kann ein Autorengespräch routiniert hinter sich bringen: ein paar Fragen zum Buch, ein paar Sätze zur Lage, ein freundlicher Schlussakkord. Im RBB-Format „Thadeusz lang & breit“ geschieht etwas anderes. Jörg Thadeusz lädt Jörg Baberowski ein, den Berliner Osteuropahistoriker und langjährigen Gewaltforscher, und schon im Auftakt ist klar, dass hier kein wohltemperiertes Gespräch über Neuerscheinungen bevorsteht. Thadeusz beginnt mit Viktor Orbán, mit dem Machtwechsel in Ungarn, mit der Frage, was eine liberale Demokratie eigentlich sei und warum diese Regierungsform gerade jetzt so prekär wirke. Der Moderator führt damit mitten in den Gegenstand von Baberowskis neuem Buch „Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie“. Der Abend gewinnt seine Spannung daraus, dass einer fragt, als wolle er die Gegenwart in ihrer Anschaulichkeit fassen, während der andere antwortet, als müsse er erst die Begriffe retten, bevor über Politik vernünftig gesprochen werden kann.

Baberowski sitzt dort nicht als beliebiger Kommentator des Betriebs. Er sitzt dort als Historiker, der an Diktaturen gelernt hat, wie ungenau die Gegenwart wird, sobald sie sich selbst mit moralischen Floskeln beruhigt. Wer aus Stalins Archiven kommt, betrachtet das Wort Demokratie nicht als Weihrauchspender, sondern als problematische Form der Herrschaftsbegrenzung. Genau das macht dieses Gespräch und dieses Buch für den Wissenschaftsteil interessant. Hier wird nicht politisch erregt, sondern begrifflich entwirrt. Nicht das Tagesurteil zählt, sondern die Konstruktion, auf der die Urteile ruhen.

Die liberale Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Sonderform

Die stärkste Passage des Gesprächs liegt an einer Stelle, die zunächst fast unscheinbar wirkt. Thadeusz referiert die verbreitete deutsche Alltagserwartung: Man wählt Parteien, diese bilden Koalitionen, dann regieren sie – das sei liberale Demokratie. Baberowski antwortet mit einer Definition, die den gesamten Streit neu ordnet. Liberale Demokratie sei eine Regierungsform, in der nicht allein gelten solle, was eine Mehrheit will, sondern in der sich der Souverän „an die Kette des Rechts“ lege. Mit diesem einen Bild ist die Sache entschieden. Demokratie erscheint nicht mehr als unmittelbare Herrschaft des Mehrheitswillens, sondern als gebundene Volkssouveränität. Freiheit der Entscheidung und Begrenzung der Entscheidung fallen zusammen.

Das Buch verstärkt diese Pointe historisch. Baberowski zeigt, dass Demokratie nie einfach das war, was gegenwärtige liberale Gesellschaften gern rückwirkend in sie hineinlesen. Im Gespräch erinnert er daran, dass die Athener unsere Ordnung eher für eine Oligarchie gehalten hätten und dass Demokratie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einen üblen Beigeschmack hatte. Wer heute so tut, als sei die liberale Demokratie die einzige denkbare Form von Demokratie, hat bereits vergessen, dass dieser Begriff eine Geschichte besitzt – und damit Alternativen, Brüche, Zumutungen, Ausschlüsse. Genau an diesem Punkt wird Baberowskis Buch erkenntnisstark. Es zielt nicht auf Relativismus. Es zielt auf historische Nüchternheit.

Das Volk soll herrschen – und kann doch nicht handeln

Von hier aus öffnet sich das eigentliche Problem. Im Gespräch fragt Thadeusz, ob es in einer diversen Gesellschaft wie der deutschen überhaupt noch ein Volk gebe. Baberowski antwortet kühl: Das Volk sei „eine Fiktion“. Darin steckt keine Geringschätzung, sondern eine Strukturdiagnose. Der absolutistische Herrscher konnte souverän sein, weil er eine Person war. Das Volk kann nicht souverän im gleichen Sinn sein, weil es kein einheitlicher Körper ist, sondern eine Vielheit von Staatsbürgern. Eben deshalb, sagt Baberowski, müsse es repräsentiert werden.

Im Buch wird dieser Gedanke in den vielleicht entscheidenden Satz der ganzen Argumentation überführt: Das Volk soll Souverän sein, kann sich aber nicht selbst regieren; deshalb muss es repräsentiert werden. Aus diesem Widerspruch, schreibt Baberowski, erwächst der „immerwährende Streit“ zwischen Repräsentanten und Repräsentierten. Man versteht nun auch den Titel „Am Volk vorbei“ genauer. Nicht ein homogener Volkskörper wird von einer Elite übergangen. Vielmehr ist jeder Anspruch, im Namen des Volkes zu sprechen, von Anfang an prekär, weil zwischen Berufung und Vertretung eine Lücke klafft, die sich nie endgültig schließen lässt. Das Gleiche gilt übrigens auch für Protagonisten, die im Namen der „Zivilgesellschaft“ sprechen – auch das ist eine Schimäre.

Das ist die eigentliche Modernität dieses Buches. Es verabschiedet sich weder in eine romantische Vorstellung unmittelbarer Volksherrschaft noch in eine selbstzufriedene Verteidigung der Apparate. Es hält an der Repräsentation fest und zeigt zugleich, weshalb sie fortwährend Misstrauen erzeugt. Wer das Volk repräsentiert, steht unter dem Verdacht, es nur zu zitieren.

Populismus ist kein Unfall, sondern die Begleitform der Repräsentation

Aus diesem Gedanken folgt Baberowskis auffällig unaufgeregte Deutung des Populismus. Während große Teile der politischen Öffentlichkeit den Populismus noch immer wie einen äußeren Feind der Demokratie behandeln, beschreibt Baberowski ihn als inneres Gegenstück der repräsentativen Ordnung. Im Buch heißt er der „immerwährende Schatten“ der repräsentierten Volkssouveränität. Und im RBB-Gespräch formuliert er den dazugehörigen politischen Reflex mit entwaffnender Klarheit: „Diejenigen, die an der Macht sind und in Gefahr laufen, sie zu verlieren, natürlich immer schon davon geredet haben, dass die Demokratie in Gefahr ist.“ In diesem Satz steckt die ganze Ernüchterung des Historikers. Der Krisenruf ist nicht immer schon unbegründet, aber er ist auch nie nur Diagnose; er ist Teil des politischen Spiels selbst. Die Regierenden alarmieren, wenn ihre Stellung wankt, die Opposition feiert dieselbe Unruhe als Zeichen demokratischer Lebendigkeit. Eben deshalb erscheint der Populismus bei Baberowski nicht als Einbruch der Finsternis in eine zuvor helle Welt, sondern als fortwährende Begleiterscheinung einer Ordnung, die sich auf das Volk beruft und es doch nie unmittelbar sprechen lassen kann.

Gerade deshalb liest sich das erste Kapitel des Buches wie eine Korrektur der wechselseitigen Dämonisierung. Populisten, so Baberowski, beklagen die Selbstbezogenheit und Entrücktheit der politischen Klasse; die liberal gestimmte Elite wiederum erklärt den Populismus zur existentiellen Bedrohung der offenen Gesellschaft und denkt bereits über Gesprächsabbruch, Ausschluss und die Entwertung unliebsamer Konkurrenz nach. Beide Seiten reklamieren die Demokratie für sich, beide Seiten neigen dazu, den anderen aus dem Spiel werfen zu wollen. Im „Modus der Ausschließlichkeit“, notiert Baberowski, lasse sich die Demokratie nicht bewahren. Die Schärfe des Satzes liegt darin, dass er beide Lager trifft. Siehe dazu auch:

Die Bundesrepublik erscheint als Maschine der Entkopplung

In Deutschland, sagt Baberowski, habe sich ein System herauskristallisiert, in dem Politiker nicht mehr für, sondern „von der Politik leben“. Gemeint ist damit nicht die schlichte Bereicherung. Gemeint sind Status, Ansehen, Aufmerksamkeit, Anschlussverwendungen, die Erfahrung, auch nach einer Abwahl weich zu fallen. Parallel dazu verlagere sich Handlungsmacht in supranationale und bürokratische Räume. Das „Responsivitätsverhältnis“ zwischen Bürgern und Parteien habe sich verändert. Ein starker Satz, gerade weil er so technisch klingt. In ihm steckt die Erfahrung einer Demokratie, in der Reaktion und Rückbindung schwächer werden, während Verfahren und Apparate an Gewicht gewinnen.

Das Buch liefert dazu das theoretische Fundament. Auch in der Demokratie, heißt es dort, werden Menschen von Menschen beherrscht, die sie gar nicht gewählt haben. Richter, Beamte, Funktionäre, Intendanten, Bankdirektoren, Behörden, supranationale Instanzen: Sie alle entscheiden mit, ohne aus dem Wahlakt unmittelbar hervorzugehen. Demokratie ist deshalb nicht die Abschaffung von Herrschaft, sondern ihre Mäßigung und Zähmung. Wer in ihr die Selbstregierung des Volkes ohne Rest sehen möchte, wird notwendig enttäuscht. Wer dagegen nur Bürokratie sieht, verkennt den normativen Gewinn der Bindung von Macht an Verfahren und Recht. Baberowski bewegt sich genau in dieser Spannung. Darin liegt die intellektuelle Qualität seines Buches.

Parteien filtern den politischen Aufstieg – und schwächen die Bindung an den Wähler

Ein weiterer Gedanke des Buches wird im Gespräch beinahe nebenbei freigelegt. Baberowski beschreibt die Herrschaft der Parteien und Parteiapparate, die über Listen, Laufbahnen und Loyalitäten entscheiden. Direkt gewählte Abgeordnete seien unabhängiger; doch im Ganzen setze das System eher auf angepasste Funktionäre als auf selbständige Charaktere. Der Satz, das Charisma solle gerade nicht ins Parlament einziehen, bleibt hängen, weil er eine Erfahrung auf den Begriff bringt, die in Deutschland viele teilen, ohne sie theoretisch fassen zu können.

Im Buch wird diese Beobachtung verschärft. Der eigentliche Erfahrungsraum des Politikers, heißt es dort, sei oft nicht mehr das Parlament, sondern der Parteiapparat. Parlamente verwandelten sich mehr und mehr in Genehmigungsagenturen; die eigentliche Handlungsmacht verlagere sich auf Kommissionen, Gerichte, Zentralbanken, Behörden und den mit Parteien verflochtenen institutionellen Komplex. „Nach und nach verschwindet das Politische aus der Politik“, schreibt Baberowski, und die „seelenlose Routine der Bürokratie“ entziehe der Demokratie ihre Lebenssäfte. Das ist zugespitzt, gewiss. Aber gerade die Zuspitzung macht sichtbar, woran die liberale Demokratie seiner Ansicht nach leidet: nicht nur an ihren Feinden, sondern an ihrer eigenen Entleerung.

Das Buch verteidigt die liberale Demokratie, indem es sie ihrer Illusionen beraubt

Wer Am Volk vorbei voreilig liest, könnte den Autor für einen Kronzeugen des Unmuts halten. Tatsächlich betreibt Baberowski etwas Schwierigeres. Er verteidigt die liberale Demokratie nicht im Ton der Gesinnung, sondern durch Entzauberung. Er zeigt, dass Demokratie weder Harmonie noch Selbstregierung ohne Rest bedeutet. Sie ist eine Form, Macht zu begrenzen, Herrschaft auf Zeit zu stellen, Konflikte in Verfahren zu übersetzen und den Wechsel ohne Bürgerkrieg zu ermöglichen. Gerade darum verlangt sie geistige Disziplin: die Bereitschaft, andere Auffassungen gelten zu lassen, Streit auszuhalten, Opposition nicht zu vernichten. Gegen Ende des Buches nennt Baberowski den Streit den „eigentliche[n] Kern der Demokratie“. Der Satz ist nicht versöhnlerisch gemeint. Er ist eine Absage an jene politische Kultur, die Widerspruch sofort moralisiert.

Auch hier hilft die Form des Gesprächs. Thadeusz hält den Autor bei der konkreten Wirklichkeit fest; Baberowski führt die Beispiele immer wieder zurück auf Herrschaft, Repräsentation, Volkssouveränität, Rechtsbindung. Dadurch entsteht eine seltene Balance zwischen öffentlicher Anschaulichkeit und begrifflicher Strenge. Das Gespräch bewirbt das Buch nicht bloß; es demonstriert, wie dieses Buch arbeitet.

Nicht am Volk vorbei hören

Am Ende bleibt weniger eine Parole als eine methodische Mahnung. Baberowski möchte weder den Populismus beschönigen noch die liberale Demokratie sakralisieren. Er möchte den alten Konflikt sichtbar machen, den diese Ordnung nie loswird: dass Herrschaft sich auf das Volk beruft und doch nie mit ihm identisch sein kann. Die Versuchung, diesen Widerspruch moralisch zu überspielen, ist groß. Genau gegen sie richtet sich dieses Buch. Darin liegt seine wissenschaftliche Qualität. Es ersetzt Aufregung durch Formanalyse, Empörung durch Begriffsschärfe, Gesinnung durch historische Tiefenschärfe.

Wer das Gespräch mit Jörg Thadeusz hört, versteht darum rasch, worum es hier eigentlich geht. Nicht um die Tagesmeinung eines Historikers zur Lage. Sondern um den Versuch, die liberale Demokratie wieder so ernst zu nehmen, dass ihre Widersprüche nicht als Skandal, sondern als Arbeitsbedingungen der Freiheit erscheinen. Erst dann wird sichtbar, was Baberowski mit seinem Titel meint. Am Volk vorbei regiert nicht nur, wer Wahlen missachtet. Am Volk vorbei regiert auch, wer den Souverän nur noch beschwört, aber nicht mehr erreicht.

Die neue Arbeitsfrage: Vor Stuttgart zeigt sich, ob Unternehmen ihre Menschen noch zählen oder schon verstehen #ZukunftPersonalSüd #ZPNachgefragt

Der deutsche Arbeitsmarkt ist in eine merkwürdige Zwischenepoche eingetreten. Er lebt nicht mehr in der alten Welt der industriellen Selbstverständlichkeiten, aber er traut der neuen noch nicht. Darum entstehen jene eigentümlichen Mischformen, die man überall beobachten kann: hochgerüstete Technik bei archaischen Führungsreflexen, Künstliche Intelligenz in den Systemen und betuliche Kontrollphantasien in den Köpfen, Datenfülle in den Archiven und Urteilsschwäche in den Etagen. Wer hören wollte, wie sich diese Lage im Frühjahr 2026 ausspricht, brauchte nur die Gesprächsrunde von Zukunft Personal Nachgefragt zur Kenntnis zu nehmen. Dort diskutierten Heike Riebe, Torsten Biemann und Rolf Duda im Vorfeld der Zukunft Personal Süd über eine Arbeitsgesellschaft im Übergang.

Am 21. und 22. April 2026 wird die Zukunft Personal Süd in Stuttgart jene Bühne sein, auf der sich diese Diagnose in vielen Einzelsprachen fortsetzt: als People Analytics, als Gesundheitsmanagement, als Kamin-Lounge-Gespräch über Recruiting, Führung, Daten, Gleichberechtigung und Demokratiebildung. Schon in der Vorabsendung wurde deutlich, daß hier nicht bloß Messebetrieb organisiert wird, sondern ein Krisenbewußtsein Form annimmt. Die Messeleitung kündigt Deep Dives in kleiner Runde an, eine KI-gestützte Übersetzung auf der Keynote Stage, interaktive Formate zur Standortbestimmung im HR und eine Programmarchitektur mit 13 Flächen und rund 240 Programmpunkten. Das klingt zunächst nach Veranstaltungslogistik. In Wahrheit ist es ein Symptom. Denn wo man die Dinge komplexer macht, um sie verständlicher zu machen, reagiert man bereits auf eine Arbeitswelt, die sich nicht mehr mit der alten Befehlskette ordnen läßt.

Die Messe wird zum Seismographen einer nervösen Republik

Der Reiz dieser Vorschau lag nicht in ihrer Betriebsamkeit, sondern in ihrer ungewollten Ehrlichkeit. Heike Riebe sprach von den Deep Dives als Form des Wissenstransfers in sehr kleiner Runde, also beinahe als Gegenbewegung zum großen Hallengeräusch. Zugleich kündigte sie eine Übersetzungstechnologie an, die den Messebesucher gegen die Reizkulisse der Halle abschirmt. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen: Selbst die Fachmesse der Zukunft der Arbeit baut bereits technische Schutzräume gegen die Übersteuerung ihrer eigenen Kommunikationsumgebung. Das ist nicht lächerlich, sondern verräterisch. Es zeigt, daß die moderne Arbeitswelt längst nicht mehr nur mit dem Problem der Information ringt, sondern mit der Frage, wie ein Organismus im Dauerrauschen urteilsfähig bleibt.

Die Zukunft Personal Süd erscheint damit als eine Art Miniatur der Gegenwart: hochgradig vernetzt, programmatisch überreich, interaktiv, intelligent, aber auch überlastungsgefährdet. Ihr Format antwortet auf eine Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr nur unter Arbeitsdruck stehen, sondern unter einer neuen Form von Umgebungsdichte. Nichts ist still, alles ist anschlußfähig, jedes Thema verlangt sofortige Auswertung, jede Kennzahl will gedeutet, jede Erschöpfung erklärt, jede Schwankung im Recruiting, in der Führung oder in den Fehlzeiten semantisch versorgt werden. Der moderne Betrieb ist kein Ort mehr, an dem man einfach arbeitet. Er ist eine Deutungsmaschine geworden, die sich selbst pausenlos beobachtet.

Torsten Biemann und die Entthronung des Bauchgefühls

In dieser Lage gewinnt der Auftritt von Torsten Biemann seine eigentliche Bedeutung. Seine Session trägt den Titel: „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert“. Man könnte darin das übliche Fortschrittsversprechen einer datenhungrigen Zunft sehen. Doch das wäre zu oberflächlich. In Wahrheit geht es hier um eine politische Anthropologie des Unternehmens. Denn das sogenannte Bauchgefühl war über Jahrzehnte nichts anderes als die höfliche Tarnkappe für organisatorische Willkür. Es erlaubte, Entscheidungen zu treffen, ohne ihre Voraussetzungen offenlegen zu müssen. Es gab sich als Erfahrung aus, wo oft nur Gewohnheit herrschte, und als Intuition, wo in Wahrheit Hierarchie sprach. Biemann setzt nun an genau diesem Punkt an: Er will die Personalarbeit aus dem Stadium der plausiblen Vermutung in das der nachvollziehbaren Begründung überführen. People Analytics, so seine Argumentation, beginne dort, wo man nicht bei isolierten Kennzahlen stehenbleibt, sondern die Treiber hinter Fluktuation, Recruiting oder Führung sichtbar macht. Die Frage lautet also nicht mehr nur: Wie hoch ist die Zahl? Sondern: Was verursacht sie, und was folgt aus ihr?

Gerade diese Verschiebung ist für die Arbeitsmarktpolitik von Gewicht. Denn ein Land, das seit Jahren über Fachkräftemangel, über Bindung, Motivation und Produktivität klagt, kann sich auf Dauer kein Personalwesen leisten, das wie ein Stammtisch mit Dashboards funktioniert. Biemann weist zudem auf das entscheidende Problem hin: Die Datenqualität ist in vielen Unternehmen noch unerquicklich mittelmäßig. Manche Organisationen wissen nicht einmal genau, wie viele Mitarbeitende sie haben. Andere verfügen zwar über Zahlen, aber nicht über die Fähigkeit, sie in Beziehungen zu setzen. Wieder andere messen am Falschen. Darin liegt der eigentliche Witz der Lage: Der datengetriebene Kapitalismus scheitert im Inneren der Betriebe oft nicht am Datenmangel, sondern an der Kunst, aus Daten Urteil zu machen. Biemanns Plädoyer für Evidenz statt Bauchgefühl ist darum mehr als eine methodische Empfehlung. Es ist ein Aufruf zur Entfeudalisierung des Managements.

Seine Kritik an der Gallup-Umfrage paßt genau in dieses Bild. Wenn ein Messinstrument seit Jahrzehnten dieselben melancholischen Befunde über innere Kündigung liefert, ohne daß sich daraus neue Einsichten ergeben, dann liegt der Verdacht nahe, daß hier nicht das Leben abgebildet, sondern eine stabile Rhetorik der Unzufriedenheit reproduziert wird. Biemann formuliert das vorsichtiger, aber nicht weniger klar: Man müsse fragen, ob wirklich das gemessen werde, was zu messen vorgegeben wird. Damit trifft er eine der zentralen Fragen unserer Epoche: Sind wir noch fähig, zwischen Beschreibung und Beschwörung zu unterscheiden?

Rolf Duda und die Rückkehr des Körpers in die Organisation

Neben Biemanns Datenvernunft wirkt Rolf Duda zunächst wie der Gesandte eines anderen Kontinents. Er spricht über „Artgerechte Bürohaltung – Wie du deinen Fokus behältst, wenn alle anderen ausbrennen“ und bringt damit einen Begriff in den Betrieb zurück, den die moderne Arbeitswelt lange zugleich ausgenutzt und verdrängt hat: den Körper. Doch auch hier wäre es voreilig, das Thema ins Wellnessregal abzuschieben. Duda spricht nicht von gefälligen Gesundheitsritualen, sondern von Neuroregulation, von Nervensystem, Streßarchitektur, zirkadianem Rhythmus, verdeckten Stressoren und jenem Grundstressniveau, das in modernen Arbeitsverhältnissen so hoch geworden ist, daß jeder zusätzliche Impuls wie eine Notlage wirkt. Seine Pointe ist unbequem: Unternehmen investieren in Motivation, Resilienz, Yoga, Obstkörbe und Mental-Health-Dekorationen, ohne die biologischen Grundlagen von Fokus, Energie und Belastbarkeit ernst genug zu nehmen. Gesundheit, so formuliert er es im Programm, sei kein Kuschelthema, sondern ein strategischer Performance-Hebel.

Hier gewinnt der Hinweis auf den MOOVE-Fehlzeitenreport sein Gewicht. Das Whitepaper beschreibt für Deutschland historisch hohe Fehlzeiten. Für 2023 nennt es 21,0 Arbeitsunfähigkeitstage pro Beschäftigtem, 128 Milliarden Euro Produktionsausfall und 221 Milliarden Euro Verlust an Bruttowertschöpfung. Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Atemwegsdiagnosen dominieren weiterhin, aber psychische Erkrankungen wachsen besonders stark; die AU-Tage wegen psychischer Diagnosen seien seit 2014 um knapp 47 Prozent gestiegen.

Dudas spricht nicht über Selbstoptimierung im luftleeren Raum, sondern über die physiologische Unterseite eines volkswirtschaftlichen Problems. Seine Frage nach dem Licht im Schichtbetrieb, nach dem Atem, nach der Regulation, nach dem Nervensystem ist die mikrologische Ergänzung zu den makrologischen Fehlzeitenzahlen. Man könnte sagen: Biemann arbeitet an der epistemischen Hygiene des Unternehmens, Duda an seiner vegetativen. Der eine will wissen, was die Daten bedeuten. Der andere, warum der Körper im System überhaupt noch mitmacht. Beide betreiben in verschiedener Sprache ein ähnliches Geschäft: die Rettung des Urteils vor dem blinden Mechanismus.

Echtzeit, Prävention und die politische Dummheit der Pauschalforderung

Besonders aufschlußreich wurde die Runde dort, wo es um die arbeitsmarktpolitischen Aspekte ging. In einer Zeit, in der Politiker mit der Robustheit von Stammtischärzten über telefonische Krankschreibung, Arbeitsmoral und Mehrarbeit reden, geraten empirische Differenzen leicht unter die Räder. Die Frage, ob man nicht stärker mit Echtzeitdaten arbeiten müsse, um auf steigende Erkrankungen – etwa im Schichtbetrieb – schneller zu reagieren, war deshalb von größerer Tragweite, als der Gesprächston vermuten ließ. Denn sie führt auf den eigentlichen Gegensatz unserer Zeit: auf der einen Seite die hochdynamische, datenfähige, in Near-Realtime auswertbare Arbeitswelt; auf der anderen Seite eine politische Sprache, die auf Unsicherheit reflexhaft mit pauschalen Mehrarbeitsforderungen antwortet.

Duda und Biemann reagierten darauf mit bemerkenswerter Nüchternheit. Mehr Arbeit auf Zuruf, etwa aus dem Mund eines Politikers, ist keine evidenzbasierte Antwort auf eine komplexe Lage. Duda erläutert die wachsende psychische und körperliche Belastung, den diffusen Streß, die Zukunftsängste, die aus KI, Rentenfrage und Rollenunsicherheit entstehen. Biemann hält die politischen Forderungen nach pauschaler Mehrarbeit für wenig hilfreich und diagnostiziert darin eher Reaktanzproduktion als Problemlösung. Damit berühren beide, ohne es laut zu sagen, die Grundfigur des gegenwärtigen Neo-Taylorismus: Sobald die Welt komplizierter wird, ruft ein Teil der Führungsetagen nach den alten Mitteln – Präsenz, Kontrolle, Taktschraube, Steigerungsappell. Genau darin liegt die Gefahr. Man reagiert auf Komplexität mit Regression. Man beantwortet Unsicherheit mit Zwang. Man verwechselt Produktivität mit verschärfter Anwesenheit.

Der Neo-Taylorismus ist deshalb nicht nur ein Betriebsstil, sondern ein Symptom politischer Erschöpfung. Er zeigt, daß die Leitungskulturen des Landes technologisch moderner werden, ohne ihr Menschenbild entsprechend zu aktualisieren. Man will KI, aber weiterhin Leute, die wie in der Fabrikuhrzeit auf Präsenzsignale reagieren. Man will Daten, aber nur, solange sie die vorgefaßte Meinung bestätigen. Man redet von Transformation, antwortet auf Streß aber mit der Forderung nach noch mehr Druck. In dieser Hinsicht ist die deutsche Arbeitsmarktdebatte oft eine Art Aufklärungsprojekt gegen sich selbst.

Rebekka Ilgner und die Re-Personalisierung der Arbeitswelt

Die dritte Stimme in diesem Konzert gehört Rebekka Ilgner, der Moderatorin der Kamin-Lounge. Sie ist im engeren Sinne nicht die Expertin eines einzigen Gegenstands, sondern die Kuratorin eines sozialen Raums. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Denn die Kamin-Lounge ist nicht bloß eine weitere Bühne, sondern eine Antwort auf die Überformalisierung des Diskurses. Sie setzt auf Nähe, Sitzmöbel statt Podiumsdistanz, Fragebereitschaft statt Monolog, auf jene leibhaftige Gesprächsökonomie, in der Themen wieder auf menschliche Proportionen schrumpfen. Ilgner beschreibt das Format als den Ort, an dem Menschen ihre Antworten bekommen. Man könnte sagen: Hier wird die Messe kurzzeitig zu dem, was die Arbeitswelt oft zu sein vorgibt und nur selten ist – ein Raum strukturierter Verständigung.

Die von ihr moderierten Sessions entfalten denn auch eine verblüffende Spannweite. Candidate Experience und Teamkultur verschieben den Blick auf den Anfang des Arbeitsverhältnisses: Vertrauen beginnt schon im Recruiting, in Erwartungen, Kommunikation und den ersten Entscheidungen. KI-Führung: Vom Use Case zur Lernkultur macht deutlich, daß künstliche Intelligenz eben nicht bloß eine Werkzeugfrage ist, sondern eine Kompetenzfrage. Es geht um Teamaufbau, Lernreisen, Begeisterung ohne Überforderung. Female Leadership wird als Frage von psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur und Diversität verhandelt. HR-Analytics scheitert selten an Tools – sondern an Daten führt Biemanns Denken in eine global organisierte Praxis über. Hinzu kommen Sessions über früh erkannte Überlastung bei Leistungsträgern, über Gleichberechtigung, über Männer und D&I, schließlich über Demokratiebildung als strategischen Erfolgsfaktor, also über die Verbindung von Unternehmenskultur, gesellschaftlicher Verantwortung und Arbeitgeberattraktivität.

Damit wird die Kamin-Lounge zum Brennglas der Gegenwart. Ihre Themen sind weder weich noch randständig. Sie zeigen vielmehr, daß moderne Unternehmen längst an den Schnittstellen von Ökonomie, Psychologie, Technologie und politischer Kultur operieren. Wer heute über Recruiting spricht, spricht auch über Vertrauen. Wer über KI spricht, spricht über Lernarchitektur. Wer über Daten spricht, spricht über Standards und Deutungshoheit. Wer über Fehlzeiten spricht, spricht über Fairness, Präsentismus und Führung. Wer über Demokratie spricht, spricht nicht über Parteipropaganda, sondern über Resilienz unter Bedingungen wachsender gesellschaftlicher Gereiztheit. Die Arbeitswelt ist politischer geworden, nicht weil sie ideologischer wäre, sondern weil sie tiefer in das Gewebe der Gesellschaft hineinreicht.

Stuttgart als Labor einer verspäteten Vernunft

Genau hier liegt der eigentliche Ausblick auf die Zukunft Personal Süd am 21. und 22. April in Stuttgart Sie ist nicht nur ein Branchentreffen, sondern ein Labor der verspäteten Vernunft. Verspätet deshalb, weil viele Themen, die dort verhandelt werden, in den Unternehmen längst hätten angekommen sein müssen: der Abschied vom Bauchgefühl als Führungsinstrument, die Einsicht in die biologische Bedingtheit von Leistung, die Notwendigkeit von Echtzeitdiagnostik statt Quartalsblindheit, die Erkenntnis, daß Fehlzeiten nicht bloß Kostenfaktoren, sondern Ursache und Wirkung einer tieferen kulturellen Dysbalance sind. Fehlzeiten zeigen an, wo Arbeit krank macht; zugleich erzeugen sie neue Belastungen in Teams, verstärken Gerechtigkeitskonflikte und erzeugen jene Präsentismusspiralen, die im MOOVE-Whitepaper als versteckte Kostenmaschine beschrieben werden.

Was in Stuttgart also auf der Bühne steht, ist in Wahrheit eine neue Formel der Arbeitsfähigkeit. Sie lautet ungefähr so: Daten ohne Anthropologie werden tyrannisch, Gesundheitsmanagement ohne Struktur wird dekorativ, Technologie ohne Lernkultur bleibt bloß Anschaffung, Führung ohne Evidenz degeneriert zum Ressentiment, und Politik ohne Kenntnis der innerbetrieblichen Wirklichkeit endet in symbolischer Muskelzuckung. Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht dort, wo man das nächste Schlagwort erfindet, sondern dort, wo man aufhört, alte Kommandos in neue Software zu verpacken.

Darum könnte die Gesprächsrunde von Zukunft Personal Nachgefragt als eine kleine Vorrede zur Lage des Landes gelesen werden. Sie zeigte eine Republik, die viel von Transformation spricht, aber noch lernen muß, sie zu verkörpern. Sie zeigte Managerwelten, die mehr Daten brauchen und zugleich bessere Interpretationen. Sie zeigte Menschen, die unter Streß nicht nur zusammenbrechen, sondern falsch gemessen werden. Sie zeigte eine Messe, die mit Deep Dives, KI-Übersetzung und Gesprächsformaten nicht nur Programm anbietet, sondern unbewußt eingesteht, daß die moderne Arbeitswelt mehr Vermittlung, mehr Präzision und mehr Resonanzräume braucht. Und sie zeigte, vielleicht am deutlichsten, daß die eigentliche Zukunftsfrage am Arbeitsmarkt nicht lautet, wie man noch mehr aus Menschen herausholt, sondern wie man Bedingungen schafft, unter denen Menschen urteilsfähig, belastbar und kooperationsfähig bleiben.

Wer nach Stuttgart fährt, besucht also keine Leistungsschau der HR-Branche, sondern ein Feldexperiment über die Zivilisierung der Arbeit. Das ist mehr, als man von mancher politischen Debatte sagen kann.

Der Fürst kehrt nicht zurück – er war nie fort: Das ORF-Gespräch mit Peter Sloterdijk als Bühne einer alten Wahrheit @Sloterdijk_P

Peter Sloterdijk sprach in der ORF-Sendung Kulturmontag über Trump, Putin, Orbán, Macht, Amoralität und die Verführbarkeit der Demokratien. Aber in Wahrheit sprach er über etwas noch Unbequemeres: über den hartnäckigen Irrtum der Moderne, sie habe das Problem der personifizierten Macht hinter sich gelassen. Der König, so lautete die Selbstberuhigung der westlichen Verfassungsgeschichte, sei entthront, die Institution habe den Mann ersetzt, das Verfahren die Laune, die Republik die Geste. Sloterdijks Buch demoliert diese Beruhigungsarchitektur mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass politische Theologie nicht verschwindet, nur weil man sie umetikettiert. Im Buch heißt es, moderne Gesellschaften hätten geglaubt, „lernende Systeme“ zu sein; im Interview zeigt sich, wie unerquicklich diese Hoffnung geworden ist. Denn der Fürst trägt heute keine Krone mehr. Er trägt Medienmacht, Affektmacht, Aufmerksamkeitsmacht. Er ist der verkleidete Monarch der Massendemokratie.

Nicht das Böse erschreckt, sondern die Professionalität des Bösen

Der stärkste Gedanke dieses Buches ist nicht moralisch, sondern anthropologisch. Sloterdijk geht an Machiavelli nicht heran wie ein Archivphilologe, sondern wie ein Seismograph für Gegenwartsbeben. Das Lernziel des Fürsten, schreibt er, heiße „potere essere non buono“. Und noch schärfer: „Wer waffenlos gut sein möchte, geht zugrunde.“ In diesen Sätzen steckt der ganze Unterschied zwischen einer liberalen Kinderstube und der Schule der Macht. Es geht nicht um die Entdeckung, dass es Bosheit gibt. Das wusste schon der Katechismus. Es geht um die Einsicht, dass das Nichtgutsein eine Technik ist, eine trainierbare Fähigkeit, eine Form politischer Professionalität. Im ORF-Gespräch sagt Sloterdijk, der Machthaber müsse lernen, „an seinem eigenen Gewissen vorbeizuhandeln“; das Nichtgutsein werde „als eine Kunst“ praktiziert. Das ist der Punkt, an dem der bürgerliche Mensch erschrickt: nicht über die Existenz des Niederträchtigen, sondern über dessen methodische Überlegenheit.

Der große Irrtum der Anständigen

Der anständige Demokrat unterliegt fast immer derselben Täuschung. Er hält seine Selbstbindung für eine allgemeine Spielregel. Er glaubt, die andere Seite wolle im Grundsatz dasselbe Spiel spielen, nur lauter, gröber, schamloser. Aber genau darin liegt die Blindheit. Wer Macht nicht als Aushandlung, sondern als Besetzung von Räumen versteht, wer nicht überzeugen, sondern verengen will, wer Alternativen nicht widerlegen, sondern aus dem Vorstellungsraum tilgen möchte, der folgt einer anderen Grammatik. Sloterdijk formuliert das im Interview mit fast brutaler Klarheit: Autoritarismus beginne damit, dass man „Opposition tendenziell kriminalisiert“. Das ist kein Ausrutscher. Das ist Methode. Trump, Putin und ihre kleineren europäischen Epigonen eint weniger ein Programm als ein Instinkt: das Publikum so zu binden, dass der Gedanke an eine Alternative bereits als Illoyalität erscheint. Nicht die Lüge ist hier das Entscheidende, sondern die systematische Verengung des politischen Vorstellungsvermögens.

Freiheit der Wahl ist nicht die Lizenz zur Enthemmung

Die entscheidende Zuspitzung des ORF-Gesprächs liegt freilich an einer anderen Stelle. Sloterdijk rührt an die empfindlichste Stelle der Demokratie: an ihre Zweideutigkeit. Sie wurde erfunden, um Diktatur zu verhindern, und trägt zugleich die Möglichkeit ihrer plebiszitären Wiederkehr in sich. Denn mit dem allgemeinen Wahlrecht wird nicht nur Mündigkeit verteilt, sondern auch die Möglichkeit, auf Mündigkeit zu verzichten. Jeder darf wählen; also darf auch jeder auf die nuancierte Wahl verzichten und dem Mann applaudieren, der die Menge von der Last des Urteilens erlösen will. Das ist die innere Gefahr der Massendemokratie.

An dieser Stelle fällt jener Satz, der weit über Österreich hinausreicht. Sloterdijk erinnert an die Waldheim-Zeit und an die Stimme einer alten Frau, die vor laufender Kamera sagte, Demokratie heiße doch, dass man wählen könne, „wenn wir wollen und wenn es ein Verbrecher ist“. In dieser bäuerlich-knappen Grobheit liegt die ganze Katastrophe bereits offen. Denn hier wird, wie Sloterdijk präzise sagt, „die Freiheit der Wahl mit der Enthemmung“ verwechselt. Das ist einer der stärksten Gedanken des Gesprächs. Die Demokratie gibt die Freiheit zur Entscheidung; sie entbindet nicht von der Pflicht zur Urteilskraft. Wo Freiheit nur noch als Freisetzung des Affekts verstanden wird, als Erlaubnis zur destruktiven Expressivität, kippt Wahl in Enthemmung um. Dann wird aus dem Bürger der Konsument seines eigenen Unmuts. Und dann ist Machiavellis Lehre vom Nichtgutsein nicht mehr nur eine Lehre für Fürsten. Sie sickert in die Wählerschaft selbst ein. Der Wähler entdeckt plötzlich die Lust, amoralisch zu handeln, weil er seine Stimme nicht als Verantwortung, sondern als Ausbruch erlebt.

Warum die Demokratien so oft zu spät verstehen

Die Schwäche des Liberalismus liegt nicht darin, dass er moralisch sei. Seine Schwäche liegt darin, dass er seine Moral mit einer Fehleinschätzung des Gegners verbindet. Er verwechselt Zivilisiertheit mit Lagekenntnis. Er hört das Wort Demokratie und denkt an Wettbewerb; der Gegner hört dasselbe Wort und denkt an Ermächtigung. Er setzt auf Öffentlichkeit; der Gegner nutzt Öffentlichkeit als Waffe. Er hofft auf Rationalität; der Gegner wirtschaftet mit Hypnose, Kränkung und Wiederholung. Sloterdijk spricht im Buch von „hypnotoiden Botschaften“ und von Rednern, die sich ans Volk wenden, als wollten sie die Menge nicht vertreten, sondern ersetzen. Genau dort beginnt die moderne Form des Fürsten: in der Behauptung, das Viele könne im Einen aufgehen, das Volk spreche endlich in einer Kehle, die Komplexität finde Erlösung in einer Stimme. Der Satz „Ich allein“ ist nicht der Skandal der Autokratie. Er ist der Traum jeder überforderten Öffentlichkeit.

Die Untiefen der Kommunalpolitik sind das Versuchslabor der Weltpolitik

Wer das für ein Problem der großen Bühne hält, hat die kleine nie gesehen. Nirgends lässt sich das Drama politischer Naivität deutlicher studieren als in der Kommunalpolitik. Dort tritt der Seiteneinsteiger an mit dem Glauben, man werde Sachverstand honorieren, Fleiß, Strategie, Ernst. Dann lernt er die erste Lektion der Macht: Sichtbarkeit ist keine Nebensache, sondern Währung. Uwe Schneidewind beschreibt in seinem Buch „Dienstschluss“ diesen Zusammenstoß mit einer Trockenheit, die schmerzt: Er habe geglaubt, das Amt verlange Konzentration auf „grundlegende und strategische Fragen“ statt auf „das nächste Pressefoto“. Dann folgt der Satz, der über unzähligen politischen Biographien stehen könnte: „Das war naiv.“ Die Öffentlichkeit verlangt keine gute Regierung im stillen Kämmerlein; sie verlangt das sichtbare Zeichen von Regierung. Wer das verachtet, verliert gegen jene, die es beherrschen.

Über Bande spielen oder verschwinden

Noch härter wird die Lektion dort, wo Schneidewind von den „professionellen Nein-Sagern“ spricht. Das ist eine Formulierung, die in ihrer lokalen Bescheidenheit mehr über die politische Gegenwart verrät als manche gelehrte Demokratietheorie. Diese Akteure bauen nichts auf. Sie perfektionieren Blockade. Sie leben von Verzögerung, Verdacht, Diffamierung, Verhandlungskapital. Sie erheben, wie Schneidewind schreibt, einen „Transformationszoll“. Man muss sich diesen Ausdruck auf der Zunge zergehen lassen: Politik nicht als Entscheidung über das Gemeinwesen, sondern als Mautstelle des Ressentiments. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu jener Technik, die er „Politik über Bande“ nennt: Wer keine faire Arena vorfindet, darf seine Sache nicht frontal einbringen, sondern muss sie über Dritte, Stellvertreter, Umwege und gedeckte Wege laufen lassen, damit sie nicht schon am Gesicht ihres Urhebers scheitert. So sieht Macht im Spätstadium der Demokratie aus: nicht als heroischer Konflikt, sondern als Geometrie der Umleitung.

Trump in Washington, der Gescheiterte im Rathaus

Darum verbindet mehr, als der erste Blick zulässt, den weltpolitischen Machtmenschen mit dem gescheiterten kommunalen Seiteneinsteiger. Gewiss nicht im Rang, nicht in der Schuld, nicht im historischen Gewicht. Wohl aber in der Struktur der Erfahrung. Der eine setzt die Regeln außer Kraft, weil er es kann. Der andere scheitert, weil er zu lange glaubt, die Regeln würden schon gelten. Der eine agitiert, kriminalisiert, hypnotisiert, arbeitet mit der Macht des Affekts. Der andere bringt Akten, Konzepte, Zuständigkeiten, Anträge. Der eine weiß, dass Politik ein Kampf um Wahrnehmungsordnung ist. Der andere hält sie für ein Seminar über die bessere Lösung. Zwischen beiden liegt nicht einfach Zynismus auf der einen und Anständigkeit auf der anderen Seite. Zwischen beiden liegt ein Defizit an Wirklichkeitssinn. Wer gegen listigere Akteure antritt, ohne die List mitzudenken, tritt bereits geschwächt an.

Anton Kuh im Café und die Komik des letzten Ratschlags

Wie tief Sloterdijks Skepsis reicht, zeigt die Anekdote, mit der das Gespräch beinahe beiläufig schließt. Er erzählt von Anton Kuh, der im Winter 1938 in einem Wiener Café bei Tisch einen Plan zur Rettung Österreichs entwickelt haben soll. Am nächsten Tag meldet sich ein Mitarbeiter des Außenministeriums, der das Gehörte aufgreifen will. Daraufhin, so die Pointe, habe Kuh seine Koffer gepackt und das Land verlassen – mit der Begründung, in einem Land, das sich für seine Ansichten interessiere, fühle er sich nicht mehr sicher. Das ist mehr als eine geistreiche Kaffeehausgeschichte. Es ist die satirische Endform politischen Wissens. Der Intellektuelle weiß, dass der Augenblick, in dem die Macht um Rat bittet, nicht notwendig der Augenblick der Vernunft ist. Es kann ebenso gut der Augenblick sein, in dem die Distanz endet und die Gefahr beginnt. Wer Macht beschreibt, lebt sicherer als der, der ihr nützlich wird.

In dieser Anekdote steckt die ganze Melancholie des politischen Denkens. Der Essayist, der Philosoph, der Journalist sitzen am Rand des Geschehens und reden, manchmal brillant, manchmal vergeblich. Aber sobald ihre Diagnose praktisch gefragt ist, tritt Misstrauen an die Stelle der Eitelkeit. Denn wer die Macht durchschaut, weiß auch, dass sie den Ratgeber selten aus Reinheit konsultiert. Sie will ihn benutzen, einbauen, vereinnahmen, im Zweifel neutralisieren. Anton Kuhs Flucht ist deshalb die klügste Fußnote zu Machiavelli: Der wahre Kenner der Macht erkennt den Moment, in dem selbst der Rat politisch kontaminiert wird.

Die eigentliche Zumutung dieses Buches

Sloterdijks Verdienst besteht darin, diese Zumutung ohne moralische Kosmetik auszusprechen. Er will den Despoten nicht beraten. Er will den Demokraten von ihrer Unschuld heilen. Das ist der aufklärerische Kern dieses düsteren Buches. Es sagt nicht: Werdet böse. Es sagt: Rechnet mit dem Bösen als Kompetenzform. Es sagt nicht: Gebt eure Maßstäbe auf. Es sagt: Hört auf, eure Maßstäbe mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Und es sagt vor allem: Die Moderne hat den Fürsten nicht überwunden, sie hat ihm neue Kanäle, neue Kulissen, neue Beschleuniger gebaut. Das ORF-Interview war darum mehr als ein Gespräch über Männer und Macht. Es war eine Lektion in politischer Nüchternheit. Wer sie nicht lernen will, wird weiter staunen, warum die Skrupellosen siegen, die über Bande spielen, während die Anständigen noch immer auf den direkten Weg setzen. Der Fürst triumphiert heute nicht, weil die Welt rückständig geworden wäre. Er triumphiert, weil seine Gegner zu oft noch immer glauben, Fairness sei eine Naturgewalt.

Siehe auch:

https://orf.at/stories/3426412

Zwischen Werturteil und Wissenschaftsfreiheit

Jan-Martin Wiarda hat recht mit seinem Misstrauen gegen die Sehnsucht nach einer entpolitisierten Wissenschaft. Aber Sabine Döring erinnert an die Grenze, jenseits derer aus gesellschaftlicher Verantwortung politische Überformung wird.

Jan-Martin Wiardas Essay über die „trügerische Sehnsucht nach dem ,Kern‘ der Wissenschaft“ trifft einen wunden Punkt des gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurses. Denn tatsächlich mehren sich die Stimmen, die Diversität, Transfer, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und gesellschaftlichen Impact wie lästige Anbauten einer vermeintlich einmal reinen Wissenschaft behandeln. In dieser Erzählung gibt es einen harten Kern der Erkenntnis und darum herum eine wuchernde Zone aus Moral, Politik und Bürokratie. Wiarda hält diese Erzählung für doppelt falsch: empirisch, weil sie keine nachweisbare Leistungskrise erklärt, und politisch, weil sie gerade jenen Kräften in die Hände spielt, die Wissenschaft von rechts begrenzen wollen.

Darin liegt viel Wahrheit. Nur bleibt Wiardas Gegenstoß dort angreifbar, wo er den normativen Charakter der Wissenschaft so stark hervorhebt, dass die Unterscheidung zwischen legitimer gesellschaftlicher Einbettung und politischer Umcodierung wissenschaftlicher Maßstäbe unscharf wird. An diesem Punkt wird Sabine Dörings Buch „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie wichtig“. Es ist der schärfste Versuch der vergangenen Monate, genau diese Grenze wieder sichtbar zu machen. Döring schreibt nicht gegen Gesellschaft, nicht gegen Demokratie und auch nicht gegen Reformen. Sie schreibt gegen die Verwechslung von moralischer Wünschbarkeit und epistemischer Geltung.

Werturteile verschwinden nicht, nur weil man sie verleugnet

Wiarda hat mit seiner Polemik gegen den Ruf nach dem „Wesentlichen“ zunächst einmal einen wissenschaftsgeschichtlichen Befund auf seiner Seite: Wissenschaft war nie wertfrei im trivialen Sinn. Ihre Freiheit ist selbst ein normatives Projekt; ihre Institutionen sind historisch erkämpft; ihre Themen entstehen nicht im luftleeren Raum. Genau das zeigt auch der Anhang zur Debatte über Werturteile. Dort beschreibt Claus Dierksmeier die angebliche Abstinenz der Ökonomik gegenüber Werturteilen als „scheinheilig“. Schon die funktionalistische Brille, die Menschen vor allem als Nutzenmaximierer oder Kunden betrachtet, ist kein neutraler Zugriff, sondern selbst ein Werturteil. Hans Albert hatte längst gezeigt, wie sich Theorien mit ceteris-paribus-Klauseln gegen Falsifikation immunisieren lassen; Uwe Schneidewind wiederum beklagt eine Disziplin, die methodisch sauber selbst dann noch Karriere belohnt, wenn sie die irrelevantesten Fragen behandelt. Das ist kein Plädoyer gegen Wissenschaft, sondern gegen einen Szientismus, der seine Voraussetzungen verschweigt.

Wiardas Einspruch gegen die neue Rede vom „Zuviel“ an Normativität zielt genau auf diesen blinden Fleck. Wer Diversität, Chancengleichheit oder Transfer bloß als Nebenzwecke behandelt, unterschlägt, dass Institutionen nie nur nach innen leben. Die Auswahl von Themen, Personal, Fragestellungen und Karrieren folgt immer auch Vorstellungen darüber, was relevant, förderwürdig und gesellschaftlich bedeutsam ist. Wissenschaft ohne solche Vorentscheidungen gibt es nicht. Schon der Ruf nach dem „Kern“ ist deshalb kein Rückzug in die Neutralität, sondern die Setzung einer Norm: Diese Fragen gelten als legitim, jene als zweitrangig; diese Förderlogik soll fortgelten, jene andere wird als Zumutung behandelt.

Dörings Einwand beginnt dort, wo Wiarda zu rasch beruhigt

Genau hier setzt Döring ein. Ihre Grundfrage lautet nicht, ob Wissenschaft gesellschaftlich eingebettet ist. Das wäre trivial. Sie fragt vielmehr, wann nichtstaatliche Akteure, moralische Erwartungskulturen, inneruniversitäre Milieus, digitale Öffentlichkeiten, Geldgeber oder politische Programme die Autonomie wissenschaftlicher Prozesse so beeinflussen, dass deren eigene Rationalität überlagert wird. Bedrohlich seien „alle Machtwirkungen“, die wissenschaftliche Rationalität durch „normative Setzungen, Erwartungsdruck oder Sanktionierungsmechanismen“ überlagern. Der entscheidende Punkt ist also nicht, dass Wissenschaft Werte kennt, sondern dass sie ihre Gütekriterien nicht aus außerwissenschaftlichen Zwecken beziehen darf.

Döring ist darin weniger restaurativ, als ihre Kritiker meinen. Sie schreibt ausdrücklich, Aktivismus könne epistemische Funktionen erfüllen. In der Tradition Mills kann freie Kritik Wahrheitsansprüche der Prüfung aussetzen, institutionelle Blindstellen sichtbar machen und Reformen anstoßen. Aktivismus ist für sie nicht bloß Störung, sondern auch Korrektiv epistemischer Trägheit. Erst wenn politische Zielsetzungen, moralische Imperative oder kollektive Mobilisierungen Geltungsansprüche über wissenschaftliche Verfahren, Erkenntnisstandards und institutionelle Entscheidungen erheben, kippt das Verhältnis. Dann wird die Universität nicht mehr als Ort wahrheitsorientierter Erkenntnissuche verstanden, sondern als Instrument normativer Durchsetzung.

Wiarda sieht diese Kipppunkte durchaus, nur taxiert er sie auffällig milde. Sein Hauptgegner ist der falsche Rückzug in einen Elfenbeinturm, der rechte Angriffe nicht abwehrt, sondern vorbereitet. Das stimmt. Doch aus dieser richtigen Diagnose folgt nicht, dass die gegenwärtigen Konflikte um Diversität, Nachhaltigkeit, Identitätspolitik und gesellschaftlichen Impact bloß hysterische Überreaktionen eines konservativen Milieus wären. Dörings Buch erinnert daran, dass die Frage nicht lautet, ob Wissenschaft gesellschaftlich verantwortlich ist, sondern auf welche Weise. Zwischen Relevanz und Lenkung liegt ein Unterschied. Und dieser Unterschied ist nicht reaktionär.

Die Universität war nie unpolitisch. Darum braucht sie Regeln

Eine Stärke von Dörings Buch liegt in ihrer historischen Nüchternheit. Die Universität erscheint dort nicht als verlorenes Arkadien reiner Gelehrsamkeit, sondern als von Anfang an politisch berührter Ort. Die Paulskirchenverfassung, die erstmals Wissenschaftsfreiheit garantierte, war selbst das Ergebnis einer politischen Bewegung. Später folgten national-liberale Mobilisierung, akademische Illiberalität, die Entpolitisierung der Nachkriegszeit, die Studentenbewegung und die identitätspolitischen Formationen der Gegenwart. Dörings Pointe lautet gerade nicht, Politik habe an der Universität nie etwas zu suchen gehabt. Sie lautet, dass aus der historischen Verflechtung von Wissenschaft und Politik keine Erlaubnis folgt, wissenschaftliche Geltung politisch umzucodieren. Deshalb fordert sie eine „strikte funktionale Trennung“ zwischen dem Schutzraum epistemischer Praktiken und den Räumen politischer Artikulation auf dem Campus.

Wiarda würde an dieser Stelle vermutlich einwenden, dass die Rede von Trennung leicht in ein restauratives Wunschbild kippt. Und tatsächlich birgt Dörings Begriff des „Aktivismus von unten“ ein Überdehnungsrisiko. Wenn studentische Proteste, NGOs, Förderlogiken, digitale Kampagnen, wirtschaftliche Geldgeber und identitätspolitische Theorieströmungen unter einer großen Kategorie versammelt werden, droht analytische Unschärfe. Nicht jede normative Aufladung akademischer Debatten folgt derselben Logik. Nicht jede Forderung nach Diversität ist bereits eine Attacke auf Wahrheit. Nicht jeder Verweis auf gesellschaftliche Folgen ist eine Drohung gegen Wissenschaftsfreiheit. Dörings Diagnose ist hier streitbar und mitunter weiter, als es der empirischen Differenzierung guttut.

Doch der Einwand erledigt ihren Kern nicht. Denn auch Wiarda kommt um die Frage nicht herum, welche Rolle Werte im Wissenschaftssystem spielen dürfen, ohne wissenschaftliche Qualität in politischen Nutzen aufzulösen. Gerade seine eigene Verteidigung von Diversität und Transfer verlangt eine Antwort darauf.

Diversität ist kein Nebenfach

Wiarda trifft einen empfindlichen Punkt, wenn er die deutsche Wissenschaft an ihren schwachen Frauenquoten, ihren mageren Transferstrukturen und der chronisch schlechten Grundfinanzierung misst. Wer Chancengleichheit oder gesellschaftlichen Impact als bloße Nebenzwecke abtut, verwechselt institutionelle Voraussetzungen mit dekorativem Zusatzprogramm. Eine breitere Talentbasis erhöht die Wahrscheinlichkeit von Exzellenz. Stärkere Transferorientierung kann Autonomie schaffen, weil sie Hochschulen weniger abhängig von kleinteiligen Förderprogrammen macht. Mehr gesellschaftliche Öffnung ist nicht der Feind guter Forschung.

Aber auch hier endet die Sache nicht mit einem Ja. Döring beschreibt sehr präzise, wann aus legitimer Sensibilität ein „präventiver Rechtfertigungsdruck“ wird. Forschungsthemen werden dann gemieden, Positionen nicht mehr vertreten und Fragen nicht mehr gestellt, nicht aufgrund besserer Argumente, sondern aus Angst vor moralischer Delegitimierung und institutionellen Sanktionen. Genau an dieser Schwelle kippt die Lage. Diversität bleibt dann nicht mehr institutionelle Bedingung wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit, sondern wird stillschweigend zum Kriterium epistemischer Zulässigkeit selbst. Dieser Punkt ist analytisch heikel, aber real. Er betrifft nicht nur identitätspolitische Debatten, sondern jede Form der Wissenschaftssteuerung, die Ergebnisse und Fragestellungen vorab nach politischer Passung sortiert.

Die entscheidende Unterscheidung lautet daher: Diversität, Gleichstellung, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung sind notwendige Aufgaben von Wissenschaftseinrichtungen; sie sind aber nicht identisch mit wissenschaftlicher Geltung. Wissenschaftliche Qualität entscheidet sich nicht daran, ob ein Ergebnis moralisch erwünscht, politisch nützlich oder institutionell anschlussfähig ist, sondern daran, ob es methodisch tragfähig, argumentativ belastbar und revisionsoffen ist. Wer diesen Unterschied verwischt, verteidigt die offene Wissenschaft nicht, sondern ersetzt sie durch eine Gesinnungsökonomie.

Die Pandemie hat die Rollenverwirrung öffentlich gemacht

Am schärfsten wird Döring dort, wo sie die Pandemie als Lehrstück analysiert. Politische Entscheidungsträger hätten Maßnahmen als bloße „Folgen der Wissenschaft“ präsentiert und damit Verantwortung auf Experten und Institutionen verschoben. Wissenschaftler seien dadurch zu Ersatzlegitimationsinstanzen geworden, zugleich überhöht und politisch angreifbar. Daraus folgt ihr wichtigster Satz: „Wissenschaft muss beraten dürfen, ohne zu entscheiden; Politik muss entscheiden, ohne sich hinter Expertise zu verstecken.“ Wer den gegenwärtigen Streit um Werturteile verstehen will, kommt an dieser Unterscheidung nicht vorbei.

Wiardas Text gewinnt gerade an dieser Stelle seine politische Dringlichkeit. Denn er erinnert daran, dass rechte Wissenschaftsfeinde gar nicht auf den Nachweis warten, ob der Wissenschaftsbetrieb hier oder da zu normativ geworden ist. Sie greifen die Wissenschaft nicht wegen einzelner Überdehnungen an, sondern weil sie freie Forschung, offene Grenzen des Wissens und Minderheitenschutz als Feindbilder markieren. Insofern ist Wiardas Warnung vor dem falschen Rückzug zwingend. Wer meint, die Wissenschaft könne sich vor autoritären Angriffen retten, indem sie Diversität, Nachhaltigkeit oder Transfer rhetorisch abräumt, missversteht die Logik dieser Angriffe. Die Feinde der freien Wissenschaft wollen keine entschlackte Exzellenzrepublik. Sie wollen Kontrolle.

Nur: Daraus folgt wiederum nicht, dass jede Selbstkritik der Wissenschaft schon Verrat wäre. Gerade weil der politische Gegner auf Verengung setzt, muss die Wissenschaft präzise unterscheiden lernen zwischen ihren normativen Voraussetzungen und ihren epistemischen Verfahren. Das ist der Punkt, an dem Wiarda und Döring einander nicht ausschließen, sondern korrigieren.

Der Werturteilsstreit kehrt zurück, aber unter neuen Vorzeichen

Der ältere Werturteilsstreit zielte auf die Frage, ob Wissenschaft Ziele setzen oder nur Mittel prüfen dürfe. Der neue Streit verläuft anders. Er handelt nicht mehr nur von Professoren, die sich in methodologischen Aufsätzen über Max Weber oder Hans Albert streiten. Er verläuft durch Förderprogramme, Gleichstellungsrichtlinien, Berufungsverfahren, Transferstrategien, Rankings, Social-Media-Milieus und politische Erwartungshorizonte. Gerade deshalb hilft der Anhang mit Dierksmeier, Hans Albert und Schneidewind. Er erinnert daran, dass der Ruf nach Wertfreiheit selbst oft als Verschleierung funktioniert. Die Wahl einer Methode, die Definition von Relevanz, die Konstruktion eines rationalen Akteursmodells oder die Immunisierung durch Klauseln sind keine unschuldigen Verfahren, sondern enthalten normative Vorentscheidungen.

Aber der Gegenbefund gilt ebenso: Aus der Unmöglichkeit völliger Wertfreiheit folgt nicht die Beliebigkeit aller Wertsetzungen. Wissenschaft braucht keinen wertfreien Nullpunkt, wohl aber Regeln, die zwischen begründeten Wertprämissen und politisch erzwungenen Loyalitäten unterscheiden. Man kann normativ sensibilisiert forschen, plural arbeiten und gesellschaftlich relevante Fragen stellen, ohne wissenschaftliche Verfahren preiszugeben. Schneidewinds Satz, Karriere lasse sich in einem Fach auch mit den irrelevantesten Fragen machen, sofern sie nur ökonomisch sauber behandelt würden, zeigt das Problem von der anderen Seite: Methodische Reinheit ohne Wirklichkeitskontakt produziert Leerlauf; politische Relevanz ohne methodische Disziplin produziert Agitation. Zwischen beiden Abwegen verläuft der eigentliche Streit.

Was aus der Debatte folgen müsste

Ein brauchbarer Ausweg liegt weder in der Sehnsucht nach dem reinen Kern noch in der Feier grenzenloser Normativität. Nötig ist eine Wissenschaftspolitik, die Diversität, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung als institutionelle Bedingungen starker Wissenschaft verteidigt, ohne sie in Ersatzkriterien wissenschaftlicher Wahrheit zu verwandeln. Nötig sind Universitäten, die ihre Personalstrukturen, ihre Grundfinanzierung und ihre Karrierewege reformieren, statt die Verantwortung für ihre Dysfunktionen an vermeintlich zu viel Moral auszulagern. Nötig ist aber auch die Bereitschaft, innerwissenschaftliche Konformitätszwänge, ideologische Kurzschlüsse und moralische Einschüchterungen als reale Probleme zu benennen, ohne sich damit vor den Karren rechter Kulturkämpfer spannen zu lassen.

Wiarda hat recht: Der Rückzug auf ein abstraktes „Wesentliches“ schützt die Wissenschaft nicht. Döring hat ebenso recht: Wissenschaft verliert sich, wenn sie ihre Maßstäbe nach dem Rhythmus gesellschaftlicher Erregung umstellt. Der Kern der Wissenschaft ist weder rein noch politisch disponibel. Er liegt in einem Verfahren: offen für Kritik, gebunden an Begründung, ungeschützt gegen Irrtum, aber geschützt gegen Zweckverordnungen. Gerade weil Wissenschaft normativ eingebettet ist, darf sie epistemisch nicht beliebig werden. Das wäre der Satz, den diese Debatte jetzt braucht.

https://www.jmwiarda.de/blog/2026/04/10/die-truegerische-sehnsucht-nach-dem-kern-der-wissenschaft

Warum die Zukunft der Arbeit mit Urteil, Fokus und Vertrauen beginnt – Man hört, sieht und streamt sich um 15 Uhr #ZPNachgefragt auf LinkedInLive, YouTube und Co.

Heute um 15 Uhr läuft als Ausblick auf die Zukunft Personal Süd in Stuttgart. Mit Torsten Biemann, Rolf Duda und Rebekka Ilgner sitzen drei Gäste im Gespräch, die aus sehr verschiedenen Richtungen auf dieselbe Schwäche der Gegenwart zeigen: Unternehmen sprechen unablässig über Zukunft, verlassen sich bei Entscheidungen aber noch immer auf Vermutungen, bei Überlastung auf Ersatzhandlungen und bei Kulturfragen auf wohlfeile Selbstbeschreibungen. Das Programm ihrer Sessions auf der ZP Süd liest sich daher nicht wie eine lose Reihung, sondern wie eine kleine Revision des Betriebs.

Torsten Biemann will das Bauchgefühl entthronen

Bei Torsten Biemann beginnt diese Revision mit einer Frage, die in vielen Personalabteilungen erstaunlich spät gestellt wurde: Woran erkennt man eigentlich, ob eine Entscheidung stimmt? Seine Session „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert“ setzt genau dort an. Sie verspricht den Sprung von der bloßen Datenverwaltung zur echten Entscheidungsgrundlage. Nicht das Dashboard als Zierde, sondern Kennzahlen, die einer Geschäftsführung tatsächlich nützen; nicht das nachträgliche Deuten von Personalbewegungen, sondern das frühzeitige Erkennen von Fluktuationsrisiken; nicht die übliche Eitelkeit des Erfahrungswissens, sondern eine Personalarbeit, die Recruiting-Kanäle misst, Daten in Handlungsempfehlungen übersetzt und sich ein belastbares Fakten-Fundament verschafft. Biemann, seit 2013 Professor für Personalmanagement und Führung an der Universität Mannheim, bringt dafür die passende Mischung aus Psychologie, Betriebswirtschaft, Methodenlehre und Personalstrategie mit. Er zählt zu den „Big Five“ des Personalwesens 2025.

Der Reiz dieses Themas liegt in seiner Sprödigkeit. Wer „People Analytics“ hört, denkt schnell an eine neue Schicht technischer Betriebsamkeit. Tatsächlich ist der Gegenstand viel grundsätzlicher. Solange Personalfragen überwiegend im Modus des geschulten Eindrucks behandelt werden, bleibt HR rhetorisch wichtig und praktisch nachgeordnet. Erst mit Daten, die mehr leisten als bloß zu sammeln, gewinnt die Personalarbeit jene Schärfe, die sie seit Jahren beansprucht. Biemanns Session ist deshalb weniger ein Hohelied auf Zahlen als eine Aufforderung, sich von den bequemen Unschärfen des Bauchgefühls zu verabschieden.

Rolf Duda erinnert an den Körper, den viele Programme nur verwalten

Der zweite Gast des heutigen Gesprächs setzt an einer anderen Stelle an, aber nicht an einer weicheren. Rolf Duda spricht auf der ZP Süd über „Artgerechte Bürohaltung – Wie Du Deinen Fokus behältst, wenn alle anderen ausbrennen“. Schon die Anlage seiner Keynote ist ein stiller Angriff auf die Gewohnheit vieler Unternehmen, Erschöpfung mit Zusatzprogrammen zu beantworten und Konzentrationsverlust mit gutgemeinten Initiativen zu überkleben. Auf der Zukunft Personal-Website heißt es ausdrücklich, der Grund für Stress, Erschöpfung und nachlassenden Fokus liege oft darin, daß Symptome verwaltet würden, statt die biologischen Grundlagen von Energie, Belastbarkeit und Nervensystem zu verstehen. Dudas Gegenentwurf ist handfest: kleine, wissenschaftlich fundierte Anpassungen im Arbeitsalltag, mehr Fokus, stabilere Energie, höhere Widerstandskraft gegen Streß. Gesundheit erscheint hier nicht als Zutat zum guten Gefühl, sondern als „strategischer Performance-Hebel“.

An dieser Stelle lohnt der Blick in den MOOVE-Fehlzeitenreport. Das Whitepaper beschreibt eine Arbeitswelt mit historisch hohen Fehlzeiten: Für 2023 nennt es 21,0 Arbeitsunfähigkeitstage pro Beschäftigtem, dazu 128 Milliarden Euro Produktionsausfall und 221 Milliarden Euro Verlust an Bruttowertschöpfung. Zugleich verschiebt sich der Diagnosemix. Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Atemwege dominieren weiterhin, doch psychische Erkrankungen wachsen am schnellsten; seit 2014 stiegen die AU-Tage wegen psychischer Diagnosen demnach um knapp 47 Prozent, ein psychischer Fall dauerte 2023 im Schnitt 28,1 Kalendertage.

Dudas Thema bekommt durch diese Zahlen eine andere Schärfe. Sein Nervensystem ist kein exotisches Randgebiet für Atemkundige, sondern die biologische Unterseite eines betriebswirtschaftlichen Problems. Wer ständig krank weiterarbeitet, wer Streß als Tapferkeitsbeweis ausstellt, wer Fokusverlust mit noch mehr Reizen beantwortet, richtet im Betrieb einen Schaden an, der in den Fehlzeitenstatistiken nur unvollständig erscheint. Der MOOVE-Bericht nennt Führung und Fairness ausdrücklich als Hebel: Vertrauensbasierte Führungskultur korreliere mit weniger und kürzeren Fehlzeiten; krankes Arbeiten müsse sichtbar gemacht und reduziert werden; frühes Eingliederungsmanagement verbessere die Chancen einer raschen und nachhaltigen Rückkehr. Dudas Intervention paßt genau hier hinein. Sein Satz, der Atem sei „der direkteste Zugang zu unserem Nervensystem“, klingt darum weniger nach Lebenshilfe als nach einer ziemlich nüchternen Korrektur des modernen Bürobetriebs.

Rebekka Ilgner bringt die Konflikte dorthin zurück, wo sie wirklich entstehen

Die dritte im heutigen Gespräch, Rebekka Ilgner, steht auf der ZP Süd nicht für eine einzelne Session, sondern für einen ganzen Ausschnitt der Praxis. Sie moderiert die Kamin Lounge und damit jenen Teil des Programms, in dem die großen Begriffe wieder auf konkrete Situationen zusammenschrumpfen. Dort beginnt Vertrauen nicht im Leitbild, sondern schon im Recruiting: in Erwartungen, Kommunikation und den ersten Entscheidungen. Dort ist Führung im Zeitalter künstlicher Intelligenz keine Werkzeugfrage, sondern eine Kompetenzfrage. Dort wird weibliche Führung nicht als Nischenthema verhandelt, sondern als Frage von psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur und Organisationserfolg. Dort geht es um Datenstandards in der Personalarbeit, um frühe Signale bei Leistungsträgern, um Gleichberechtigung und um Demokratiebildung als strategischen Erfolgsfaktor. Ilgner selbst bringt dafür Führungserfahrung aus Konzern- und Start-up-Welt mit und arbeitet mit psychologisch fundierten Instrumenten aus Motivations-, Verhaltens- und Emotionspsychologie.

Der Wert dieser Perspektive liegt in ihrer Erdung. Während Biemann die Vermutung durch Evidenz ersetzt und Duda den Körper gegen die Symptomverwaltung verteidigt, zeigt Ilgner, wo sich beides im Alltag bewähren muß: in Interviews, Übergaben, Lernwegen, Datenqualität, Führungsfehlern, Überlastung und stillen Ungerechtigkeiten. Gerade darum paßt sie so gut in die heutige Sendung. Sie bringt die Stelle ins Bild, an der sich entscheidet, ob aus Theorie ein brauchbarer Betrieb wird oder wieder nur ein Stapel gutgemeinter Folien.

Die Sendung heute dürfte interessanter sein als manche Sonntagsrede über Zukunft

Man kann das Programm der drei Gäste auch als knappe Diagnose der Arbeitswelt lesen. Torsten Biemann korrigiert die Unschärfe des Bauchgefühls. Rolf Duda korrigiert die Blindheit gegenüber dem Körper und den Kosten eines Betriebs, der Erschöpfung zu spät bemerkt. Rebekka Ilgner korrigiert die Neigung, Kultur als Sprache zu behandeln und nicht als Verfahren, Gesprächsform und tägliche Organisation. Zusammen ergibt das eine erstaunlich präzise Vorschau auf die ZP Süd am 21. und 22. April in Stuttgart: weniger Phrase, mehr Betrieb; weniger Pose, mehr Urteil. Heute um 15 Uhr läßt sich also besichtigen, worüber dort wirklich gesprochen werden muß.

Man hört, sieht und streamt sich um 15 Uhr: https://www.linkedin.com/events/7447950516812144640/?viewAsMember=true