Pawlowsche Debatten, klösterliche Präzision: Eine andere KI-Erzählung

Reiz und Reflex

Die öffentliche KI-Debatte folgt einem einfachen Muster: Reiz – Reaktion. Elon Musk sagt etwas, ein anderer Milliardär legt nach, und wir springen an wie pawlowsche Hunde: empört, begeistert, alarmiert – je nach Tagesform. Die Erzählung ist bequem, weil sie personalisiert: Hier der „Visionär“, dort der „Warner“, dazwischen ein Publikum, das sich an der Lautstärke orientiert.

In der D2030 Futures Lounge habe ich diesem Muster eine Diagnose verpasst.Wir folgen den falschen Narrativen. Wir starren auf die PR-Schlachten der Plattform-Ökonomie – und übersehen, dass es eine Forschungstradition gibt, die nicht vom Krawall lebt, sondern vom Argument. Eine Tradition, die auf einem respektablen ethischen Fundament ruht. Und die ausgerechnet dort ihren frühen, prägenden Moment hatte, wo man eher Stille erwartet als Silicon-Optimismus: im Kloster Maria Laach bei Bonn.

Maria Laach 1986: Die Wiege der Benutzermodellierung

Am 30. und 31. August 1986 fand in Maria Laach der First International Workshop on User Modeling in Natural Language Dialogue Systems statt – organisiert von Wolfgang Wahlster und Alfred Kobsa. Das Kürzel, das sich später eingebürgert hat, lautet UM86: nicht „86 Wissenschaftler“, sondern User Modeling 1986.

Der Gegenstand wirkt heute, im Zeitalter der allwissenden Textmaschinen, fast altmodisch – und ist gerade deshalb so modern: User Models. Also formale Modelle darüber, wer da eigentlich mit dem System spricht: Vorwissen, Ziele, Irrtümer, Präferenzen, Kontext, möglicherweise auch Überforderung. Die These des Workshops war kühn, aber klar: Ein Dialogsystem ist erst dann hilfreich, wenn es nicht nur Sprache verarbeitet, sondern ein Gegenüber.

Dass der Tagungsband erst 1989 bei Springer erschien, weil die Beiträge überarbeitet wurden, erzählt nebenbei etwas über das Tempo jener Zeit: weniger „Ship it“, mehr Substanz. Der Band heißt programmatisch „User Models in Dialog Systems“ und steht in der Springer-Serie Symbolic Computation. In Ihrer Leseliste ist das keine Nostalgie, sondern ein Fingerzeig: Der Begriff „User Model“ war nicht Marketing – er war Methodik.

User Modeling: Respekt in Formalismen

Man kann User Modeling als technische Disziplin beschreiben. Man sollte es als kulturelle Disziplin verstehen. Denn ein User Model ist im Kern eine Entscheidung darüber, wie viel Respekt ein System seinem Gegenüber einräumt.

Ohne Benutzermodell bleibt ein System bei der billigsten Form von Intelligenz: immer dieselbe Antwort auf dieselbe Eingabe. Mit Benutzermodell entsteht Kontext: Eine Erklärung kann kürzer werden, wenn jemand Experte ist – oder ausführlicher, wenn jemand gerade neu im Thema steht. Ein System kann nachfragen, statt zu behaupten. Es kann Unsicherheit markieren, statt Sicherheit zu simulieren. Es kann – und das ist entscheidend – situativ abgeben: an einen Menschen, an eine andere Instanz, an einen besseren Kanal.

In dieser Tradition steckt ein stiller Gegenentwurf zum heutigen KI-Reflex: Nicht „Was kann das Modell?“, sondern „Was braucht der Mensch – jetzt?

Was die Szene heute macht

Wer Maria Laach als Museum abtut, verwechselt Ursprung mit Ende. Die Themen von UM86 sind nicht verschwunden, sie haben sich verbreitert: Personalisierung, Adaptation, User-Centric AI – heute als Konferenz- und Forschungslandschaft sichtbar, die unter verschiedenen Labels firmiert, aber denselben Kern verteidigt: Systeme sollen nicht nur sprachfähig sein, sondern passfähig.

Was heißt das in der Praxis von heute?

  • Dialogsysteme mit Gedächtnis und Maß: nicht nur „Antwortgeneratoren“, sondern Interaktionspartner, die Ziele und Grenzen berücksichtigen.
  • Adaptive Lernsysteme: nicht nur Inhalte ausspielen, sondern Fehlkonzepte erkennen, Lernpfade anpassen, Überforderung verhindern.
  • Erklärbarkeit als Dialog: nicht nur „Output“, sondern Begründung, warum etwas vorgeschlagen wird – oder warum etwas verweigert wird.
  • Datensparsamkeit und Privatsphäre als Designfrage: weil ein User Model immer auch die Versuchung in sich trägt, Menschen zu reduzieren: auf Muster, Scores, Schubladen.

Genau an diesem Punkt wird sichtbar, warum Ihre Intervention politisch ist: Wenn wir KI nur als Machtspiel der Plattformen erzählen, unterschlagen wir die Disziplinen, die seit Jahrzehnten daran arbeiten, Macht zu begrenzen – durch Modelle, Regeln, Transparenz.

Ethik: Nicht Predigt, sondern Spezifikation

Wahlsters heutiger Fokus auf empathische KI führt diese Linie weiter – und macht sie heikel. Empathie bedeutet im technischen Sinn: Signale erkennen, Verhalten anpassen, Reaktionen angemessen gestalten. Das kann entlasten (z. B. in Training, Beratung, Bildung). Es kann aber auch manipulieren, weil „Einfühlung“ schnell zur Verführung wird: Wer emotional passend reagiert, gewinnt Vertrauen.

Darum ist Ethik hier keine Sonntagsrede, sondern eine Systemanforderung. Eine Maschine, die „sozial“ wirkt – sei es als Avatar oder in der sozialen Robotik –, muss nicht nur funktionieren, sondern sich begrenzen können. Sie muss kenntlich machen, dass sie simuliert. Sie muss begründen können, warum sie etwas nicht tut. Und sie muss Mechanismen besitzen, die Missbrauch nicht erst nach dem Schaden adressieren.

Der Maßstab, den Maria Laach gesetzt hat, ist deshalb aktueller denn je: Ein System, das Nutzer modelliert, braucht nicht nur Daten – es braucht Normen.

Warum diese Geschichte in die Öffentlichkeit gehört

Die Pointe ist unerquicklich: Deutschland und Europa waren in dieser Tradition früh, sauber, international anschlussfähig – und erzählen es zu selten. Stattdessen lassen wir uns in Debatten ziehen, die von den Lautesten bestimmt werden. Wir diskutieren KI wie ein Feuilleton über Prominente: Wer hat was gesagt? Wer hat wen provoziert? Wer hat wen überholt?

Ihr Punkt aus der Futures Lounge ist deshalb mehr als ein Kommentar: Es ist eine Agenda. Diese Forschungstradition muss sichtbarer werden, nicht aus Nationalstolz, sondern aus strategischer Vernunft. Wer heute über KI-Regeln, digitale Souveränität und vertrauenswürdige Systeme spricht, braucht Geschichten, die zeigen: Es gibt Alternativen zur Hype-Ökonomie. Maria Laach ist eine solche Geschichte – weil sie den Diskurs von der Bühne in den Maschinenraum führt: zu Modellen, Methoden, Begrenzungen.

Ein Termin: Wahlster am 24. Februar

Wer diese Linie vom Kloster bis zur Gegenwart nicht nur lesen, sondern hören will, kann es konkret tun: am 24. Februarin der ZP Nachgefragt Week – in Wahlsters Session zur empathischen KI. Der Nachrichtenwert liegt nicht im Buzzword, sondern im Unterbau: User Models als ethischer Kern einer KI, die Menschen nicht nur bedient, sondern ernst nimmt.

Zum Nachlesen / Weitergeben:

Die KI aus dem Kreuzgang in Maria Laach

Wer heute „Künstliche Intelligenz“ sagt, sieht meist Glas, Chrom und Kühlaggregate im Silicon Valley vor sich, begleitet von einem wild brüllenden Elon Musk auf irgendwelchen Angeber-Bühnen: Serverfarmen im Nirgendwo, Venture Capital im Überfluss, Produktnamen, die klingen wie Zahnpasta. KI als Kind der Gegenwart, geboren aus Rechenleistung und Datenhunger, geschniegelt von Marketing. Das ist bequem – und falsch. Ein entscheidender Strang dessen, was wir heute in Chatbots, Assistenzsystemen und personalisierten Lernumgebungen bestaunen oder fürchten, hat eine ältere, stillere Herkunft. Und sie führt an einen Ort, der in keiner Tech-Mythologie vorkommt: Maria Laach bei Bonn.

Maria Laach: Wo Personalisierung begann

Dort, in der Abgeschiedenheit eines Klosters, begann vor vier Jahrzehnten eine internationale Diskussionslinie, die bis heute fortlebt und von Tagungsort zu Tagungsort wandert: die Forschung an Benutzermodellen, an Adaption und an dem, was man damals bereits – erstaunlich präzise – als Empathie in technischen Systemen beschrieb. Es ist eine der Ironien der Technikgeschichte, dass ausgerechnet in einem Kreuzgang jenes Thema frühe Gestalt gewann, das uns heute mit voller Wucht heimsucht: die Frage, ob Maschinen nicht nur rechnen, sondern verstehen können – zumindest so weit, dass sie sich auf Menschen einstellen, ohne sie zu überrumpeln.

Wahlsters Tradition: KI am Menschenmaß

Zu den wenigen, die diese Geschichte nicht nur kennen, sondern mit Autorität erzählen können, gehört Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirekter und langjähriger Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). In der öffentlichen Debatte wird er gern auf die Rolle des „KI-Pioniers“ reduziert – eine Etikette, die so ungenau ist wie „Auto-Erfinder“. Tatsächlich steht Wahlster für eine spezifische Tradition: für eine KI, die nicht im luftleeren Raum operiert, sondern am Menschen Maß nimmt. Nicht als romantisches Projekt, sondern als Ingenieursaufgabe. Empathische KI heißt bei ihm nicht, dass Maschinen Gefühle hätten. Es heißt: Systeme sollen merken, in welcher Lage ein Mensch ist, und angemessen reagieren.

Vier Intelligenzen: Kognitiv ist leicht, sozial ist schwer

Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit. In Wahrheit ist es die anspruchsvollste Form von Automatisierung. Wahlster ordnet Intelligenz in Ebenen: kognitiv, sensorphysisch, emotional, sozial. Kognitiv – Muster erkennen, Texte erzeugen, Schach spielen – sind Maschinen inzwischen erstaunlich weit. Sensorphysisch, die „Körperseite“ der Intelligenz, ist Robotik: mühsam, teuer, fehleranfällig. Emotional und sozial aber – also das Reich der Stimmung, der Zwischentöne, der Beziehung – waren lange das Niemandsland. Und genau dort entscheidet sich, ob KI im Alltag Hilfe oder Zumutung ist.

Kontext statt Katheder: Wie Empathie technisch wird

Denn Menschen kommunizieren nicht nur in Sätzen. Sie kommunizieren in Pausen, Blicken, Sprechtempo, Tonhöhe, in einem kurzen Zögern, das im Text gar nicht vorkommt. Was als „empathisch“ erscheint, ist oft schlicht: Kontextsensitivität. Ein System, das dieselbe Antwort immer gleich ausspielt, wirkt wie ein Beamter am Schalter. Ein System, das merkt, dass jemand wütend, ängstlich oder überfordert ist, kann – im besten Fall – deeskalieren, umleiten, an einen Menschen übergeben. Nicht jede Interaktion ist für Automatisierung geeignet; manchmal ist gerade die Fähigkeit zur Eskalation das Zeichen von Intelligenz.

Machttechnik Personalisierung: Komfort oder Lenkung

Hier liegt die Brücke vom Kloster zur Gegenwart: Maria Laach steht sinnbildlich für die Einsicht, dass technische Systeme nicht „neutral“ sind, sondern immer in einer sozialen Umgebung handeln. Ein „User Model“ ist nicht bloß ein Profil, sondern eine Annahme darüber, wer mir gegenübersteht – mit allen Folgen. Personalisierung ist daher kein Komfortfeature, sondern eine Machttechnik: Sie kann entlasten, aber auch lenken; sie kann helfen, aber auch manipulieren.

Ethik als Betriebsvorschrift: Transparenz, Begrenzung, Begründbarkeit

Wahlster macht daraus keinen Skandal, sondern ein Programm: Transparenz, Begrenzung, Begründbarkeit. Eine empathische Maschine darf nicht nur „Nein“ sagen, sie muss erklären können, warum sie verweigert. Ethik ist nicht die Sonntagsrede am Ende der Entwicklung, sondern ein Bestandteil des Systems: Regeln, die mitlaufen, Schutzmechanismen, die nicht erst greifen, wenn der Schaden passiert ist. Das betrifft banal wirkende Fälle – etwa gefährliche Anleitungen – ebenso wie die Grenzbereiche, die unser Gefühl für Realität herausfordern: Avatare, die trauern; digitale Gegenüber, die Nähe simulieren, wo keine ist.

Die Gefahr der Scheinbeziehung

Gerade deshalb wird Wahlsters Feld oft missverstanden. Es geht nicht um „nette“ Maschinen. Es geht um die Frage, wie viel Scheinbeziehung wir zulassen wollen – und wie wir verhindern, dass Simulation als Echtheit verkauft wird. Ein Avatar, der mitfühlend nickt, kann eine Therapie- oder Lernsituation erleichtern. Er kann aber auch Vertrauen erschleichen. Wer hier nur zwischen „gut“ und „böse“ unterscheidet, verpasst den eigentlichen Punkt: Die entscheidende Linie verläuft zwischen kenntlich gemachter Simulation und verdeckter Manipulation.

Soziale Robotik

Am greifbarsten wird das in der sozialen Robotik. Der „soziale“ Roboter ist keine Science-Fiction-Figur, sondern ein technisches Versprechen, das in alternden Gesellschaften politisch wird: Assistenz im Alltag, Begleitung, Sicherheit, vielleicht auch Gespräch. Doch soziale Wirkung entsteht nicht durch Hardware, sondern durch Interaktion. Ein Roboter kann noch so sauber navigieren – wenn er den Menschen permanent irritiert, ist er keine Hilfe, sondern Störfaktor. Und umgekehrt: Schon geringe soziale Signale können große Wirkung entfalten. Ein Roboter, der „merkt“, dass jemand nervös ist, und sein Tempo anpasst, wirkt plötzlich nicht mehr wie ein Gerät, sondern wie ein Partner.

Würde, Abhängigkeit, Verantwortung

Doch auch hier gilt: Je sozialer die Maschine wirkt, desto dringlicher wird die Ethik. Denn soziale Signale sind nicht unschuldig. Sie erzeugen Bindung. Sie erzeugen Erwartungen. Wer soziale Robotik ernst nimmt, muss daher nicht nur über Sensorik und Motorik sprechen, sondern über Würde, Abhängigkeit, Täuschung und Verantwortung. In der Pflege etwa kann eine technische Assistenz entlasten – aber sie darf nicht zur Alibi-Figur werden, hinter der man menschliche Zeit versteckt. Die Grenze ist nicht technisch. Sie ist politisch und kulturell.

Gegen die Mode: Die lange Linie der KI

Dass Wahlster diese Debatte mit einer gewissen Gelassenheit führt, hat mit Erfahrung zu tun. Wer die langen Linien der KI kennt, fällt weniger leicht auf die jeweils neueste Mode herein. Und wer weiß, dass zentrale Ideen – Benutzermodellierung, Adaption, Personalisierung – schon in den 1980er Jahren international diskutiert wurden, sieht die Gegenwart klarer: Die eigentliche Revolution liegt nicht darin, dass Systeme sprechen können. Sie liegt darin, dass Systeme situativ werden – und damit in den sozialen Raum eintreten.

Termin: Wahlster live in der ZP Nachgefragt Week

Genau deshalb lohnt es sich, Wahlster zuzuhören, wenn er über „Team Human X AI“ spricht: nicht als Schlagwort, sondern als Arbeitsmodell. Das menschliche Gegenüber ist nicht der Störfaktor im System, sondern der Maßstab. Technik soll nicht „ersetzen“, sondern umverteilen: Routinen automatisieren, damit Menschen Zeit für das haben, was nur Menschen können – Urteil, Verantwortung, Beziehung, Kreativität.

Wer diese Perspektive nicht nur im Feuilleton lesen, sondern im Gespräch erleben will, hat dazu eine konkrete Gelegenheit: Am 24. Februar ist Wolfgang Wahlster Teil der ZP Nachgefragt Week – mit der Session „Empathische KI: Wenn IT-Systeme einfühlsam werden – und Menschen wieder mehr Mensch sein können“. In knapp 45 Minuten wird dort nicht die Zukunft beschworen, sondern ein Fundament freigelegt: die Einsicht, dass die wichtigste Rechenoperation der KI nicht in der Matrix stattfindet, sondern im Kontext.

Fortschritt durch Aufmerksamkeit

Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Kloster-Geschichte: Die KI, die uns heute so laut entgegentritt, hat eine stille Herkunft. Und wer sie verstehen will, sollte sich gelegentlich daran erinnern, dass Fortschritt nicht nur aus Geschwindigkeit entsteht, sondern aus Disziplin. Maria Laach ist dafür ein guter Ort – weil er daran erinnert, dass man Komplexität nicht durch Lautstärke besiegt, sondern durch Aufmerksamkeit.

https://www.linkedin.com/events/emphatischeki-wennit-systemeein7424716969213587456/theater

Internationaler Gast in Stuttgart am 5. Februar: Lettische Justizministerin spricht bei KOMI Zukunftswerkstatt über Digitalisierung und Recht

Wer Dirk von Gehlen zuhört, merkt schnell: Bei Künstlicher Intelligenz geht es ihm weniger um Wow-Effekte als um bessere Fragen. „Wir sind Partner der Zukunftswerkstatt in Stuttgart“, sagt der Leiter des SZ-Instituts im Smarter Service Talk – und erklärt gleich, warum er am Donnerstag, 5. Februar, zur KOMI Zukunftswerkstatt nach Stuttgart kommt: wegen der Menschen. „…dass man beim Kaffee auf jemanden trifft“, sagt von Gehlen. In einer Zeit, in der vieles digital und planbar erscheint, gewinnt aus seiner Sicht gerade das Ungeplante wieder an Wert.

Von Gehlen erwartet dabei nicht nur Vorträge, sondern ein Format, das Austausch und Praxis zusammenführt. Für seine Arbeit am SZ-Institut beschreibt er das als Prinzip von „Raum und Bühne“: ein geschützter Raum, um Gedanken zu entwickeln – und eine Bühne, um sie in neue Diskussionen und Zielgruppen zu überführen. Genau das solle die Zukunftswerkstatt leisten. Wer Digitalisierung, KI und Cybersicherheit verstehen wolle, brauche beides: Anwendung und Perspektive. Weil viele diese Themen mit „Sorge“, „Verpflichtung“ oder „schlechtem Gewissen“ verbinden, könne ein solches Format helfen, KI als „Gestaltungsraum“ zu erleben – nicht als Pflichtübung.

Internationales Highlight: Lettlands Justizministerin im Talk mit von Gehlen

Einen besonderen Akzent setzt die Zukunftswerkstatt mit einem internationalen Gespräch: Als Highlight kündigt KOMI eine Talk-Session mit Dr. Inese Lībiņa-Egnere, Justizministerin der Republik Lettland, an – im Gespräch mit Dirk von Gehlen.

KOMI verweist auf Lettlands Ruf als konsequent digitalisierter Staat: E-Government, sichere Verwaltungsprozesse und Datenschutz gelten dort als international beachtete Referenz – technologisch wie organisatorisch. Im Talk soll es deshalb um zentrale Fragen gehen: digitale Staatlichkeit und Vertrauen, Datenschutz als strategischer Standortfaktor, rechtliche Rahmenbedingungen für Innovation, verantwortungsvoller Umgang mit KI sowie die Verbindung von Technologie, Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Ziel ist ein Perspektivwechsel – von der nationalen Digitalstrategie hin zu Impulsen, die Unternehmen und Entscheider in Deutschland praktisch nutzen können.

KI entdramatisieren – und „ins Doing kommen“

Im Smarter-Service-Interview plädiert von Gehlen für eine nüchterne, anwendungsorientierte Sicht: KI solle nicht als „übermächtige neue Kraft“ verstanden werden, sondern als Werkzeug, das man gestalten lernt. Entscheidend sei „Anwendungsintelligenz“ – also die Fähigkeit, Werkzeuge richtig einzusetzen. Gegen internationale Hype-Kommunikation setzt er Pragmatismus: Man müsse „ins Doing kommen“ und fragen, was sich mit Sprachmodellen konkret besser machen lasse – etwa um Arbeit zu erleichtern oder Raum für Kreativität zu schaffen.

KI als Sparringspartner – Popper als Methode

Auffällig ist, wie stark von Gehlen das Thema Denken betont. Die große Aufgabe sei, „denken zu lernen“ – persönlich, aber auch als Branche. Dazu passe die Idee der KI als Sparringspartner: Man könne ein Sprachmodell nutzen, um die eigenen Positionen herauszufordern, indem man sich „die Argumente der Gegenseite“ geben lasse. Der Gewinn liege darin, Streit aus dem menschlichen Schlagabtausch zu lösen und in einen Reflexionsraum zu überführen.

Damit landet das Gespräch bei Karl Popper und dem kritischen Rationalismus: Wissen entstehe nicht durch Bestätigung, sondern durch Widerlegung; Wahrheiten gelten nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Von Gehlen beschreibt diesen Prozess mit einer sprachlichen Pointe: Man sei nicht im Besitz der Wahrheit, sondern „am Wahrheiten“.

Informationsfreiheit als Bedingung der Meinungsfreiheit

Von dort führt er die Argumentation in die politische Gegenwart. In „algorithmischen Öffentlichkeiten“ sei es oft nicht mehr der Fall, dass Menschen selbst bestimmen, welche Informationen sie erreichen. Deshalb sein Satz: Meinungsfreiheit funktioniere nur mit Informationsfreiheit – also mit der Möglichkeit, sich frei zu informieren und die eigene Aufmerksamkeit nicht dauerhaft durch Plattformlogiken steuern zu lassen. Neben Regulierung brauche es zudem Stärkung der Menschen: Demokratiebildung höre nicht nach der Schule auf; sie müsse als Kompetenz erhalten bleiben, gegenteilige Perspektiven zuzulassen.

Das Privileg, die Meinung zu ändern – und der Blick auf Autokratien

Als Kern freiheitlich-demokratischer Gesellschaften bezeichnet von Gehlen ein Recht, das oft unterschätzt werde: die eigene Meinung ändern zu dürfen. In Autokratien sei genau das gefährlich – wer sich öffentlich vom Kurs des Machthabers abwendet, riskiere Repression. Demokratie bedeute daher nicht nur, seine Meinung äußern zu dürfen, sondern sie auch korrigieren zu können.

Tocotronic als Soundtrack des Zweifelns

Am Ende wird es kulturpolitisch: Von Gehlen bekennt sich als Tocotronic-Fan und nennt „Die Geschichte, wie ich mir selbst entkam“ als Spiegel für seine KI-Erfahrungen als Kreativer. Als Motto für die Gegenwart passt eine Zeile, die im Gespräch mitschwingt: „Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn.“ Bei von Gehlen ist das weniger Pop-Zitat als Haltung: Zweifel als Methode – und als Gegenmittel gegen die Endgültigkeiten der Timeline. Am 5. Februar sollte man Stuttgart dabei sein.

Stillstehen im Lauf: Brecht liest Gracián

Ein schmales Büchlein, kaum dicker als eine Zigarettenschachtel, wird zum Instrument: nicht zum moralischen Kompass, eher zu einem Satz feiner Schraubendreher für die Selbstführung. Walter Benjamin schreibt auf das Titelblatt – als ironische Gebrauchsanweisung – Brechts eigene Zeile: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Das Geschenk (eine Ausgabe des Handorakel in der Übertragung Arthur Schopenhauers, neu herausgegeben von Otto Freiherr von Taube im Insel-Verlag) ist zugleich Trost und Zumutung: Wer politisch „nicht schlau genug“ ist, soll es nun mit Weltklugheit versuchen – aber ohne sich in die bequeme Pose der Besserwisserei zu retten.

Was Bertolt Brecht mit dem Büchlein macht, ist keine Andacht und keine Exegese. Er macht, was er immer macht: Er verwandelt Lesen in Montage. Er streicht an, setzt Zeichen, schreibt Randbemerkungen. Aus 300 Maximen wählt er 26; die Farbstifte wechseln, nicht weil ein System der Farben regierte, sondern weil das Buch mehrfach, hastig, gelegenheitsweise konsultiert wird – „zielgerichtet und rastlos“, wie die Rekonstruktion von Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla es beschreibt (erschienen im Brecht-Jahrbuch 23 – drive b:).

Die merkwürdige Aktualität eines barocken Survival-Handbuchs

Warum überhaupt Gracián – ein Jesuit des 17. Jahrhunderts – für einen Dramatiker, der das 20. Jahrhundert als Fabrik aus Krisen, Propaganda und Frontstellungen erlebt? Die Antwort beginnt mit einer „unheimlichen Nachbarschaft“ der Leser. In den Zwanzigern zirkuliert das Handorakel in Zirkeln, die politisch nicht miteinander sprechen, aber mental denselben Kälteschatten teilen: der Dadaist Walter Serner steht neben dem Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt; der Lebensphilosoph Theodor Lessing neben dem Offizier und Autor Ernst Jünger. Das Büchlein wirkt wie eine „leere Matrix“, in die verschiedene Lager ihre Handlungsanweisungen einschreiben können – nicht weil es beliebig wäre, sondern weil es eine Tiefenstruktur freilegt: eine Anthropologie des Risikos, der Konkurrenz, der Blickregime.

Hier liegt auch der Reizstoff, den Lethen skizziert: die Amoralität als intellektuelle Provokation. Gracián verspricht keine Reinigung, sondern Funktionsfähigkeit. Seine Maximen sind, in Lethens Formel, eine Anleitung, das Leben „in eigener Regie“ zu führen und Hoffnungen nicht an Prozesse zu binden, die man nicht verändern kann. Das klingt stoisch – aber es ist Stoizismus unter Beschuss, Stoizismus als Technik im Gedränge.

Brechts Auswahl: nicht die grellen, die gedämpften Regeln

Entscheidend ist: Brecht unterstreicht gerade nicht bevorzugt die spektakulär zynischen Stellen. Die Rekonstruktion zeigt vielmehr eine Neigung zu defensiven, zeitökonomischen, distanzbildenden Sätzen. Brecht markiert Regeln wie:

  • „Über sein Vorhaben in Ungewissheit lassen“ – die Kunst, sich Unergründlichkeit zu verschaffen.
  • „Die Hoffnung … nie aber ganz zu befriedigen“ – ein Management des Begehrens, das Spannung konserviert.
  • „Sich zu entziehen wissen“ – eine Grammatik des Rückzugs.
  • den Satz, der wie ein Trotzgebet gegen die Unterlegenheit wirkt: „Die Zeit und ich nehmen es mit zweien andern auf.“

Diese Auswahl ist kein Zufall. Sie zeigt ein Interesse an Weltklugheit als Regieform: Nicht „so ist die Welt“ (Weltbild), sondern „so hält man sich beweglich“ (Bewegungslehre). Genau hier berühren sich Brechts Dramaturgie und Graciáns Maximen: Brechts Theater ist ein Apparat zur Erzeugung von Spielräumen – nicht zuletzt durch Verzögerung, Unterbrechung, Nicht-Erfüllung.

Dass Brecht auch den paradoxen Satz anstreicht, der zum Leitmotiv wird – „Das Schwierigste beim Gehen ist das Stillestehn“ – ist in diesem Sinn kein hübsches Bonmot, sondern ein Programmsatz. Stillstehen: das heißt, den Reflex zu brechen. Den Lauf der Affekte zu unterbrechen. Den Strom der Ereignisse nicht einfach durch den Körper laufen zu lassen.

Ungewissheit als Machttechnik – und als Theatertechnik

„Über sein Vorhaben in Ungewissheit lassen“ ist bei Gracián eine höfische Taktik: Wer sichtbar plant, macht sich angreifbar; wer sich deutet, wird festgelegt. Im 20. Jahrhundert – Exil, Parteikämpfe, Denunziationsklima, Freund-Feind-Schneisen – bekommt die Regel einen neuen Klang. Die Ungewissheit schützt nicht nur vor Gegnern; sie schützt auch vor den Erwartungen der eigenen Seite. Sie verschafft dem Subjekt einen Spalt, in dem es sich neu positionieren kann.

Brecht, der den didaktischen Zugriff nicht scheut, weiß zugleich um die Gefahr, dass klare Absicht in klare Falle umschlägt: Der Plan bindet. Also wird der Plan bei ihm oft als sichtbar gemachte Konstruktion gezeigt – und dadurch wieder beweglich. Ungewissheit ist dann nicht mehr bloß Geheimhaltung, sondern eine Methode, die Handlung als Handlung zu exponieren: „So könnte es auch anders sein.“

„Kälte“ als Bewachung der Körpergrenzen

Lethens berühmte Diagnose der „Verhaltenslehren der Kälte“ lässt sich wie ein Seitenlicht auf Brechts Gracián-Lektüre werfen: Figuren mit „einfachen Konturen“, ohne seelische Tiefenromantik, gepanzert gegen das aufdringliche Klima der Intimität. In der Rekonstruktion von Lethen/Wizisla wird Graciáns Welt als „Sammelplatz des gefährlichen Lebens“ beschrieben: ein Schauplatz, auf dem es weniger um Moral als um Taktik des Vorstoßes und Rückzugs geht; die einzige „Sünde“ sei, sich gehen zu lassen.

Hier tritt ein Begriff ins Zentrum, den die Autoren ausdrücklich machen: ein „Theater der Scham“. Hans-Thies Lehmann wird herangezogen, um das Blickregime zu benennen: Identität entsteht als Oberfläche im Spiegel der anderen, nicht als Geständnis im Inneren. Das ist philosophisch brisant, weil es Brechts Anti-Psychologismus neu rahmt: Das „Innere“ wird nicht geleugnet, aber es wird als unzuverlässige Ressource behandelt. Verlässlich ist, was sich in Gesten, Haltungen, Bewegungsdiagrammen zeigt.

So wird Gracián – gegen das Missverständnis, er liefere bloße „Anweisungen“ – zu einer Schule der Wachsamkeit: Maximen, die spontane Impulse hemmen, damit man mehr Optionen sieht; paradoxe Bilder, die nicht beschleunigen, sondern abbremsen. Die Autoren sprechen von Meditationen über regelgeleitetes Verhalten, die einen Habitus zwischen Gelassenheit und nervöser Entschiedenheit ausbilden sollen.

Verhalten statt Bekenntnis

Ein weiterer Strang der Rekonstruktion ist fast wissenschaftsphilosophisch: Verhaltenslehren wie die Graciáns entwerfen eine Welt aus Körpern, die sich in wechselnden Figurationen bewegen; mentale Prozesse sind in dieses System eingelassen, Subjektivität erscheint „als Ding unter Dingen“. Hier fällt der Name Karl Bühler – als Marker einer Epoche, die Bewegungen liest wie Signale in einem Aktionsraum.

Brecht hat dafür die Bühne. Der „Gestus“ ist bei ihm nicht Dekoration, sondern Erkenntnismittel: Haltung wird Argument. Und genau deshalb kann Graciáns Klugheitslehre, obwohl höfisch, in eine Moderne der Massengesellschaft übersetzt werden: Nicht der Hof ist entscheidend, sondern das Grundmuster – ein sozialer Raum unter agonaler Spannung, in dem jeder Ausdruck als verwertbares Zeichen gelesen wird.

Die Maske, die Hoffnung, die Pause

Gracián rät, Hoffnung zu erhalten, ohne sie zu erfüllen. Brecht macht daraus – ästhetisch – eine Ethik der Unterbrechung. Die Pause ist nicht Leerlauf, sondern Prüfstein: Wer im Lauf nicht stillstehen kann, wird zum Medium fremder Bewegungen. Das Stillstehen ist schwer, weil es gegen die Suggestion arbeitet, dass „es jetzt weitergehen muss“. Brechts Theater insistiert auf genau dieser Schwierigkeit: Es stellt Stillstand her, damit Denken möglich wird.

Die Maske gehört dazu. Sie ist nicht (nur) Verstellung, sondern eine Grenze, ein Mittel gegen Vereinnahmung. In der Rekonstruktion wird die Maske als Technik der Entschämung beschrieben, mit Verweis auf Leon Wurmser: Wer bloßgestellt ist, verwandelt sich durch die Maske in einen Darsteller, der nicht schwach gesehen werden will. Brechts Figuren wissen das – und Brechts Theater zeigt den Preis: Was schützt, isoliert; was distanziert, kann versteinern.

Späte Notiz: Das Unheimliche im Heim

Am Ende steht bei Brecht – so überliefern es Lethen/Wizisla – eine Notiz aus den 1950er Jahren, die wie eine Gegenfolie zur Weltklugheit wirkt: Das Unheimliche liegt nicht „jenseits“ der Welt; es steckt im Betrieb, im Haus, in der Familie – nur unterdrückt, jederzeit bereit hervorzutreten. Der Park ist nur als bezwungener Urwald denkbar; hört der Zwang auf, kehrt der Urwald zurück.

Das ist der Moment, in dem Brechts Gracián-Lektüre eine dialektische Wendung nimmt. Weltklugheit bleibt notwendig – aber sie wird nicht mehr als souveräne Meisterschaft gelesen, sondern als Arbeit am Rand des Rückfalls. Die Maske ist nötig, weil der Urwald da ist. Der Abstand ist nötig, weil Nähe nicht unschuldig ist. Und doch bleibt im Text ein Rest Unbehagen: Wer nur klug sein will, verliert vielleicht die Fähigkeit, überrascht zu werden – und ohne Überraschung keine Politik, die diesen Namen verdient.

Brecht als Leser der Klugheit – nicht als Schüler der Amoral

Brecht nimmt Gracián nicht als Zynikerschule, sondern als Handbuch der Selbstbehauptung in einer Welt, die Menschen in Rollen presst. Die 26 Markierungen sind weniger ein Bekenntnis zur Amoral als ein Vokabular der Beweglichkeit: Rückzug, Verzögerung, Unbestimmtheit, Zeitgewinn, Maskenkompetenz. Weltklugheit heißt dann: nicht „recht haben“, sondern nicht festgelegt sein – und gerade dadurch die Möglichkeit offenhalten, anders zu handeln.

Vielleicht ist das Brechts präziseste Verbindungsglied zu Gracián: Der politische Mensch ist selten „schlau genug“. Aber er kann lernen, nicht im Lauf zu verschwinden – indem er stillsteht, lange genug, um den Lauf als Lauf zu erkennen.

Exkurs: Maske, Maskerade und die Kunst der Distanz

Die Maske ist kein Versteck, sondern ein Gerät der Öffentlichkeit. Sie erzeugt nicht Schweigen, sondern Spielraum. In diesem Sinn berührt sich Brechts Gracián-Lektüre mit einer langen europäischen Praxis der Maskerade, die weder bloße Täuschung noch Karnevalsübermut ist, sondern eine Ziviltechnik der Distanz.

Die Commedia dell’Arte liefert das klassische Modell: Harlekin, Brighella, der tölpelhafte Knecht, Colombina, Dottore, Pantalone – ein begrenztes Personal, das sich in unendlichen Variationen bewähren muss. Der Witz entsteht nicht aus Tiefe, sondern aus Situation. Die Maske fixiert den Typus und befreit zugleich: Wer eine Rolle spielt, kann handeln, ohne sich vollständig zu exponieren. Gerade diese Entlastung erklärt die erstaunliche Dauer der Form. Sie ist nicht langweilig, weil sie nicht psychologisiert, sondern operiert – an Konflikten, Blicken, Hierarchien.

Diese Linie führt – mit einem zeitgenössischen Sprung – zu den Überlegungen des leider viel zu früh verstorbenen Publizisten Johannes Wiele. Seine Idee der „venezianischen Inseln der Maskerade“ zielt nicht auf Eskapismus, sondern auf Gleichgewicht. Wo Hierarchien den Austausch blockieren (Unternehmen, Plattformen, politische Arenen), kann die Maske Kräfte neu verteilen. Nicht um Verantwortung abzuschaffen, sondern um sie verhandelbar zu machen.

In Brechts Nähe gewinnt diese Praxis eine ästhetisch-politische Schärfe. Die Maske schützt vor der vorschnellen Herabwürdigung, die jede Absicht sofort nivelliert. Sie erlaubt Unfassbarkeit, die Gracián empfiehlt: Hoffnung offenhalten, ohne sie auszuliefern; Vorhaben in Ungewissheit lassen, um Handlungsspielräume zu bewahren. Maskerade heißt dann: sich der indiskreten Totaldiagnose zu entziehen – jener hausmeisterlichen Moral, die alles sehen, alles bewerten, alles kleinrechnen will. Wer maskiert ist, ist nicht weniger wahr, sondern anders zurechenbar.

Überträgt man dies in die Gegenwart, wird der Nutzen für öffentliche Debatten sichtbar. Virtuelle Masken könnten asymmetrische Machtverhältnisse abflachen: gegen Protokollierung, Profilzwang, Denunziationsökonomien. Die Maske würde hier nicht die Person auslöschen, sondern den Diskurs schützen. Sie schafft eine Zone, in der Argumente zählen dürfen, ohne sofort an Biografien, Karrieren oder digitale Schatten gekoppelt zu werden.

So verstanden, ist Maskerade keine Regression, sondern eine fortgeschrittene Form der Öffentlichkeit. Sie erinnert daran, dass Zivilität nicht aus maximaler Transparenz entsteht, sondern aus gestalteter Distanz. Brecht hätte dem zugestimmt: Wer alles zeigt, verliert die Regie. Wer die Maske beherrscht, gewinnt Zeit – und mit der Zeit die Möglichkeit, anders zu handeln.

Abmahnung wegen Unterlassens geschlechtergerechter Strahlenemission

Manche Länder führen Kulturkämpfe um Öl, Grenzen und Atomprogramme. Deutschland macht es effizienter: Wir nehmen gleich das Atomprogramm im Dokument – und kämpfen um Doppelpunkte.

Schauplatz: eine Bundesbehörde, ein Strahlenschutzpapier, eine Mitarbeiterin, die den Text nach „Rechts- und Verwaltungssprache“ geschrieben hatte. Dann kommt der Wunsch aus der Hierarchie: einmal bitte „konsequent“ gendern. Schriftliche Vorgaben? Fehlanzeige. Aber das macht nichts – im Neusprech gilt: Was nicht geregelt ist, ist umso verpflichtender.

Die Gerichtsverhandlung: Bitte erheben Sie sich, das Gericht tagt in Paarform

„Haben Sie das Dokument gegendert?“, fragt die eine Seite.
„Haben Sie eine Richtlinie?“, fragt die andere.
„Haben Sie denn Haltung?“, fragt der Zeitgeist als Sachverständiger.

Und irgendwo im Zuschauerraum sitzt die Sprachpolizei in Zivil und notiert: „Zeugin benutzt generisches Maskulinum. Verdacht auf Verbrechdenk.“

Strahlenschutz als Schlachtfeld: Wenn Grammatik wichtiger wird als Geigerzähler

Strahlenschutz soll verhindern, dass jemand Strahlung abbekommt. In der neuen Version geht es vor allem darum, dass niemand sprachlich „verstrahlt“.

Aus „Der Mitarbeiter trägt Dosimeter“ wird dann zum Beispiel:

„Die Mitarbeitenden tragen Dosimeter“ (harmlos)

„Die Mitarbeitenden*Innen tragen Dosimeter:innen“ (mutig)

„Die dosimetrischen Personenden tragen Strahlenmessgeräte, die sich selbst als Messgerät fühlend identifizieren“ (konsequent)

„Die Strahlenschutzbeauftragtenbeauftragte:n überwachen die Expositionsvorgänge in Expositionsteilnehmenden“ (behördlich korrekt, inhaltlich tot)

Die Abmahnung als literarische Gattung: Kafka, aber inklusiver

Früher war eine Abmahnung ein nüchternes Schreiben. Heute ist sie ein pädagogischer Erlebnisraum mit Moral-Upgrade.

Abmahnung 1:
„Sie schrieben ‚Bürger‘. Bitte verwenden Sie ‚Bürger:innen‘. Wiederholung führt zu Maßnahmen.“

Abmahnung 2:
„Sie verwendeten ‚Bürger:innen‘, aber ohne Sprechpause. Das ist ableistisch gegenüber Publikum, das im Kopf mitliest.“

Abmahnung 3 (Pilotprojekt):
„Sie verwendeten ‚Bürger:innen‘, allerdings ist der Doppelpunkt kolonial belastet. Bitte Sternchen.“

Abmahnung 3a (Feinschliff):
„Sternchen nur nach Antrag G-17/3a. Ohne Antrag wirkt das Sternchen wie Selbstermächtigung.“

Am Ende ist die Abmahnung nicht mehr Warnung, sondern Weltanschauungs-Newsletter.

Kündigung wegen Gender-Weigerung: Die außerordentliche Entlassung als Satzzeichen-Folge

In der klassischen Arbeitswelt wird man gekündigt, weil man Geld klaut, Leute bedroht oder den Kopierer anzündet.

In der modernen Sprachverwaltung gilt: Man kann auch kündigen, weil jemand nicht bereit ist, ein Dokument zu einem literarischen Escape Room aus Sonderzeichen umzubauen.

„Außerordentliche Kündigung“ klingt dabei herrlich nach einem moralischen Naturgesetz: Wer nicht gendert, verlässt nicht nur den Arbeitsplatz – sondern auch das Gute.

Die Pointe ist: Die Kündigung wird mit „Verständigung“ begründet, während die Verständigung im Text in etwa so endet:

„Die Strahlenschutzverantwortlichen (m/w/d/∅) sind verpflichtet, bei Abweichungen von der Grenzwert*innenlage unverzüglich die Vorgesetzt:innen in Kenntnis zu setzen, sofern diese sich als Kenntnissetzende verstehen.“

So sieht Frieden aus. Im Wörterbuch. Nicht im Flur.

Die Sprachpolizei: Einsatzbericht aus der Abteilung „Wortwohl“

Die Sprachpolizei kommt natürlich nicht mit Blaulicht. Sie kommt mit E-Mail-Betreff:

„Reminder: Sprachsensibilität – dringlich“

Dazu eine Checkliste:

„Kollegen“ gestrichen?

„Mitarbeiter“ entsorgt?

„Fahrer“ neutralisiert? („fahrende Person“)

„Chef“ umgebaut? („Leitungskraft“)

„Damen und Herren“ verboten? (zu binär; bitte „Liebe Anwesende“)

„Liebe Anwesende“ verboten? (zu ausgrenzend für Abwesende; bitte „Liebe Teilhabenden“)

„Liebe Teilhabenden“ verboten? (zu wertend; bitte „Liebe Beteiligungsoptionen“)

Wer bei dieser Aufzählung noch atmet, hat vermutlich heimlich „man“ gesagt und ist damit ohnehin überführt.

Orwell im Büro: Neusprech, Gedankenverbrechen und das Ministerium für Satzzeichen

Orwell nannte das „Neusprech“: Sprache so umbauen, dass bestimmte Gedanken schwerer werden.

Die Behördenversion ist praktischer: Sprache so umbauen, dass bestimmte Gedanken abmahnfähig werden.

„Gedankenverbrechen“ heißt dann „Sprachverstoß“.
„Umerziehung“ heißt „Sensibilisierung“.
„Zwang“ heißt „moralische Verpflichtung“.
Und „fehlende Richtlinie“ heißt „gelebte Verwaltungskultur“.

Das Geniale daran: Es braucht keine Gesetze, wenn man Prozessfolgen hat. Wer nicht mitmacht, kriegt erst Mails, dann Gespräche, dann Abmahnungen, dann… ein Schreiben, das so neutral formuliert ist, dass es bereits als Kunstinstallation durchgeht.

Der wahre Strahlenschutz ist der Schutz vor dem falschen Wort

Am Ende steht nicht nur die Frage, ob Behörden Gendern vorschreiben dürfen. Sondern auch, ob man in einem Land, das „Verständlichkeit“ als Verwaltungsideal erfunden hat, ernsthaft glaubt, Verständlichkeit entstehe durch mehr Zeichen, mehr Regeln und mehr Sanktionen.

Vielleicht ist die ehrlichste Form der inklusiven Sprache am Ende diese:

„Bitte schreiben Sie so, dass Menschen es verstehen – und lassen Sie die Kündigung aus dem Satz.“

Aber Vorsicht: Wer „Menschen“ sagt, ohne „Menschen jeglicher Geschlechtlichkeit“, könnte schon wieder… na du weißt schon. Die Sprachpolizei liest mit.

Siehe auch:

https://www.merkur.de/politik/weil-sie-nicht-gendern-wollte-bundesbehoerde-kuendigt-mitarbeiterin-streit-eskaliert-vor-gericht-zr-94151698.html#google_vignette

Arbeitsmarkt 2026: Wenn Konjunkturimpulse auf strukturelle Reibung treffen

Der Jahresauftakt am Arbeitsmarkt fällt ernüchternd aus: Mit 3,085 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von 6,6 Prozent hat die Bundesagentur für Arbeit im Januar wieder die Marke von drei Millionen überschritten. Andrea Nahles ordnet das als „ungute, aber keine dramatische Entwicklung“ ein – und verweist auf saisonale Effekte. Diese Einordnung ist wichtig, aber sie greift zu kurz: Denn parallel sinkt die gemeldete Arbeitskräftenachfrage (598.000 offene Stellen, 34.000 weniger als vor einem Jahr), während Engpässe in einzelnen Bereichen fortbestehen. Das ist kein konjunktureller „Ausreißer“, sondern ein Symptom dafür, dass der Arbeitsmarkt seit Jahren in einer Mischung aus Stagnation, Transformation und Passungsproblemen verharrt.

Das Paradox ist keines: Mismatch wird zur neuen Normalität

Dass Arbeitslosigkeit steigt, Stellen abgebaut werden und gleichzeitig Fachkräfte fehlen, wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. In der Logik moderner Arbeitsmärkte ist es ein klassischer Mismatch: Regionen, Qualifikationen, Mobilität und verfügbare Arbeitszeitmodelle passen nicht mehr sauber zusammen. Wenn mehr als 60 Prozent der Arbeitslosen Vermittlungshemmnisse haben, wird der Engpass nicht über „mehr Stellen“ allein gelöst, sondern über bessere Übergänge – in Tätigkeiten, Branchen und Lebensphasen.

Das Problem ist nicht nur „zu wenig Arbeit“, sondern „zu wenig anschlussfähige Arbeit“ – und zu wenig Unterstützung, um Anschlussfähigkeit herzustellen: Qualifizierung, Mobilität, bezahlbarer Wohnraum, Anerkennung von Kompetenzen, Gesundheitsprävention und ein funktionierendes Matching zwischen Bewerbenden und konkreten Tätigkeitsprofilen.

Dazu kommt eine strukturelle Klammer, die alle Debatten verschärft: der demografische Wandel. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) erwartet, dass das Erwerbspersonenpotenzial erstmals schrumpft – und Enzo Weber beschreibt 2026 als erstes Jahr, in dem die Zahl der Arbeitskräfte tatsächlich sinkt. Damit kippt die Lage: Selbst bei schwacher Konjunktur entsteht ein dauerhafter Druck auf Betriebe, Produktivität und soziale Sicherung.

Warum Stellenanzeigen zur Frühdiagnostik taugen

In dieser Gemengelage gewinnt ein Blick auf hochfrequente Arbeitsmarktdaten an Bedeutung. Klassische Kennziffern (Arbeitslosigkeit, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung) sind unverzichtbar, reagieren aber oft zeitverzögert. Daten aus Online-Stellenanzeigen hingegen bilden Erwartungen von Unternehmen ab – also die „Planungsrealität“ der Personalnachfrage. Genau hier wird der Indeed-Report zum Frühindikator: Er misst, wie sich Ausschreibungen entwickeln, in welchen Berufsgruppen sich Nachfrage stabilisiert oder weiter erodiert – und welche Kompetenzprofile neu entstehen. pdf Indeed Report

Der Report beschreibt für Deutschland eine moderate Stabilisierung nach langem Rückgang: Der Indeed-Arbeitsmarktindex zeigt in der zweiten Jahreshälfte 2025 eine erste Beruhigung; Ende November lag das Stellenangebot 16 Prozent über dem Referenzwert von Februar 2020, ein Boom wie 2021/22 wird aber ausdrücklich nicht erwartet (Trend 1). Gleichzeitig wird die Polarisierung als strukturelles Muster herausgearbeitet (Trend 2): Zuwächse konzentrieren sich auf robuste Bereiche wie Bau, Gesundheit, Pflege und soziale Dienstleistungen; Industrie- und viele Bürojobs bleiben unter Druck. Besonders instruktiv: Das Segement Produktion & Fertigung liegt Ende November 2025 deutlich unter Jahresbeginn, ebenso mehrere White-Collar-Segmente (u. a. Softwareentwicklung, Kundenservice, Büro/Verwaltung).

Als Frühindikator ist das doppelt relevant:

Konjunkturelle Signale: Stabilisierung ohne Dynamik deutet eher auf eine Erholung „mit angezogener Handbremse“ hin als auf einen Umschwung.

Strukturelle Signale: Nachfrage verschiebt sich nicht gleichmäßig, sondern entlang von Investitionsprogrammen, demografischen Bedarfen und technologischem Wandel.

    Transformation trifft White Collar: KI als Kompetenz-, nicht als Stellenschub

    Besonders aufschlussreich ist Trend 3: Die KI-Transformation gewinnt an Fahrt. Der KI-Anteil in Stellenanzeigen steigt 2025 deutlich (Indeed KI Tracker bis November 3,5 Prozent) und entkoppelt sich in vielen White-Collar-Berufen vom Gesamtmarkt. Das ist arbeitsmarktpolitisch brisant: Während das Gesamtvolumen in einigen Bürosegmenten sinkt, wächst die Nachfrage nach KI-nahen Skills. Die zentrale Botschaft lautet daher nicht „KI schafft massenhaft neue Jobs“, sondern: KI verschiebt Stellenprofile. Routineanteile werden automatisiert, während Kompetenzen für Steuerung, Qualitätssicherung, Compliance, Prozessdesign und Mensch-KI-Zusammenarbeit wichtiger werden.

    Für Politik und Unternehmen folgt daraus ein klarer Handlungsauftrag: Weiterbildung muss schneller, modularer und arbeitsplatznäher werden – und sie muss die „mittleren Qualifikationssegmente“ priorisieren, die besonders von Profilverschiebungen betroffen sind (Sachbearbeitung, Koordination, einfache Analytik). Sonst entsteht eine stille Verdrängung: nicht über Entlassungswellen, sondern über ausbleibende Neueinstellungen und nicht mehr passende Profile.

    Arbeitszeitdebatte: Das Problem ist weniger „Wollen“, mehr „Können“

    In die ohnehin gespannte Lage platzt die Arbeitszeitdebatte. Der Ruf nach Mehrarbeit wirkt plausibel, wenn Fachkräfte fehlen – wird aber zur Scheinlösung, wenn die Bremsen woanders liegen. Die Argumentation von Andrea Nahles ist hier pragmatisch: Selbst bei hoher Arbeitslosigkeit ist die Antwort nicht automatisch, dass „alle länger arbeiten sollen“, weil Arbeitszeit tariflich, betrieblich und lebensphasenspezifisch eingebettet ist.

    Die Datenlogik aus dem Indeed-Report stützt eine wichtige Ergänzung: Wenn Teilzeit in Stellenausschreibungen stark zunimmt, ohne dass das entsprechende Suchinteresse der Jobsuchenden im gleichen Maß steigt, ist Teilzeit nicht primär „Lifestyle“, sondern oft Angebots- und Strukturentscheidung der Arbeitgeber – oder Ergebnis von Rahmenbedingungen (Betreuung, Pflege, Gesundheit). Arbeitsmarktpolitisch ist daher der Hebel nicht Zwang, sondern Ermöglichung:

    verlässliche Kinderbetreuung und Pflegeinfrastruktur,

    lebensphasenorientierte Arbeitszeitkonten,

    Rückkehrpfade aus Teilzeit in Vollzeit,

    ergonomische und gesundheitliche Prävention (gerade für Ältere),

    produktivitätsorientierte Arbeitsgestaltung statt bloßer Stundenlogik.

    Ein Realismuscheck für 2026: Was jetzt „stehen“ muss

    Die zentrale Herausforderung 2026 ist nicht ein einzelner Engpass, sondern das Zusammenspiel aus fragiler Konjunktur, demografischem Schrumpfen, Mismatch und Profilwandel durch KI. Daraus ergibt sich ein arbeitsmarktpolitischer Dreiklang:

    1. Matching-Infrastruktur stärken
      Mehr Übergänge schaffen: Qualifizierung, Mobilität, Wohnraum, Anerkennung, Gesundheitsfähigkeit. Ziel ist, Vermittlungshemmnisse aktiv zu reduzieren – nicht nur Stellen zu zählen.
    2. Transformation als Organisationsprojekt denken
      KI, Prozessdesign und Kompetenzarchitektur gehören zusammen. Ohne klare Rollen, Datenqualität und Qualifizierungsroutinen bleibt KI entweder ein Pilot oder ein Rationalisierungsinstrument ohne Beschäftigungsperspektive.
    3. Fairness und Produktivität gemeinsam adressieren
      Entgelttransparenz, Mitbestimmung, Arbeitszeitflexibilität und Umgang mit Krankheit sind keine „HR-Nebenthemen“, sondern Standortfaktoren – weil sie darüber entscheiden, ob Betriebe in knappen Talentmärkten attraktiv bleiben.

    Anknüpfungspunkte: Drei Sessions der ZP Nachgefragt Week (24.–27. Februar)

    Wer diese Linien nicht nur diagnostizieren, sondern praktisch übersetzen will, findet in drei Sessions der Zukunft Personal Nachgefragt Week genau die richtigen Diskussionsräume:

    • 25.02.2026, 14:00–14:45 – „HR unter Druck 2026: Online-Mitbestimmung, Equal Pay, Arbeitszeit & Krankheit – der Klartext-Check“
      mit Prof. Dr. Rupert Felder (Schork Kauffmann Bremenkamp; Think Tank Innovation der ZP): als Reality-Check, was rechtlich und organisatorisch jetzt belastbar aufgesetzt werden muss.
    • 26.02.2026, 12:00–12:45 – „Jobwechsel 2026: Lohnt sich das jetzt?“
      mit Dr. Tobias Zimmermann: datenbasierte Einordnung für individuelle Wechselentscheidungen – in einem Markt, der nicht „crasht“, aber auch nicht „auftaut“.
    • 26.02.2026, 14:00–14:45 – „Recruiting neu verdrahten: Struktur, Low-Code und KI – vom Interviewprozess bis zum Chancencheck“
      mit Robindro Ullah: der operative Gegenentwurf zum Bauchgefühl – inklusive Prozess- und Datenlogik, die im Mismatch-Arbeitsmarkt zum Wettbewerbsvorteil wird.

    2026 entscheidet sich weniger an der Frage, ob der Arbeitsmarkt „wieder anspringt“, sondern ob es gelingt, Reibungsverluste systematisch zu senken: zwischen Qualifikation und Tätigkeit, zwischen Arbeitszeitwunsch und Arbeitszeitangebot, zwischen Technologiepotenzial und Kompetenzrealität. Genau dafür taugen Stellenanzeigen-Daten als Frühwarnsystem – und genau deshalb wird Arbeitsmarktpolitik zur Gestaltungspolitik.

    Ein Berliner Schrebergarten-Leben – Kolonie Friedland III

    Der Kleingarten wurde im Jahr 1961 nach meiner Geburt gepachtet.

    Gunni nicht zu sehen.
    Aber hier
    Und hier
    Kartoffeln
    Der Schuppen
    Die liebe Oma Frieda.

    Von Jahr zu Jahr wurde es schöner:

    Erste Freundin? Kann mich nicht mehr erinnern.
    Erstes Fahrzeug
    Es wurde sportlicher
    Und gemütlicher
    Mitte der 1960 wurde die Veranda gebaut mit Bänken der BVG – U-Bahn – die Baumeister sitzen hinten links
    Paps auf der Schaukel

    Es war eine sehr schöne Kindheit, wie auf dem Dorf, aber mitten in Berlin.

    Davos, die Bühne – und der blinde Fleck der Berichterstattung #WEF

    Der härteste Satz fällt nicht über Geopolitik, nicht über Zinsen, nicht über Klima. Er richtet sich an den Beruf, der all das täglich in Nachrichten übersetzt: „You will be on air. The second we can talk about deliverables.“ Roland Schatz, seit 1988 in Davos, Medienforscher und Unternehmer, formuliert damit keine moralische Predigt, sondern eine Arbeitsanweisung – und im Subtext eine Anklage: Der klassische Journalismus, sagt er, habe sich zu sehr an Ankündigungen gewöhnt. Nicht an Belege.

    Der Vorwurf ist brisant, weil er aus dem Inneren eines Ortes kommt, der wie kaum ein anderer von medialer Dramaturgie lebt. Davos ist für Schatz nicht primär ein Parlament der Welt, sondern eine Maschine, die Präsenz in Bedeutung verwandelt. Und genau dort, wo diese Maschine am besten schmiert – auf Panels, in „Houses“, in den inszenierten Korridoren –, dort ist Journalismus am anfälligsten für das, was er eigentlich filtern müsste: das Versprechen ohne Nachweis, die Pose ohne Ergebnis.

    Zwei Davos, eine Nachricht

    Schatz spricht von zwei Gesichtern: dem Davos der Schlagzeilen und dem Davos der Kleinarbeit. Das erste liefert Bilder, Sätze, Konflikte, die in jedes Format passen – von der Talkshow bis zum Push-Alert. Das zweite besteht aus vorbereiteten Sitzungen, aus Projekten, aus mühseliger Koordination, oft abseits der Kameras. Wer die Woche nur nach dem Lärm beurteilt, hält den Lärm für die Substanz.

    Das Entscheidende ist: Diese Trennung ist nicht zufällig, sondern systemisch. Der sichtbare Teil ist das Marketing des unsichtbaren Teils. Doch weil Marketing leichter zu berichten ist als Umsetzung, gewinnt die Oberfläche. Schatz’ zugespitztes Urteil über diese Verschiebung – er spricht von einer „Degenerierung unseres Berufsstands“ – trifft einen Nerv, weil es eine bequeme Wahrheit benennt: Auch Redaktionen operieren in einer Ökonomie knapper Aufmerksamkeit. Geschwindigkeit belohnt, Skepsis kostet.

    Die Ankündigungsökonomie der Aufmerksamkeit

    Davos ist ein Markt, in dem Präsenz ein knappes Gut ist. Wer dort „stattfindet“, kauft sich nicht nur Raum, sondern auch Wahrscheinlichkeit: die Chance, im Bild zu sein, zitiert zu werden, als relevant zu gelten. Damit wird Berichterstattung selbst Teil der Wertschöpfungskette. Je mehr Kamera, desto mehr Bedeutung; je mehr Bedeutung, desto leichter lässt sich die nächste Präsenz rechtfertigen.

    Schatz macht aus dieser Mechanik einen journalistischen Prüfstein. Gerade bei Figuren wie Donald Trump, sagt er, versage das System besonders verlässlich: Empörung ersetzt Einordnung, Dauerbeobachtung ersetzt Konsequenz. Sein Gegenmittel ist fast banal und gerade deshalb radikal: weniger Mikrofon für Absichtserklärungen, mehr Öffentlichkeit erst dann, wenn nachprüfbar geliefert wird. Ein halbes Jahr später, ein Jahr später – nicht als Nachsatz, sondern als Bedingung der ersten Meldung.

    Das ist unbequem, weil es das übliche Verhältnis umkehrt. Nicht der Politikbetrieb setzt den Takt, sondern die Redaktion. Nicht die Ankündigung ist der Anlass, sondern die Lieferung. In einer Medienwelt, die von „first“ lebt, wäre das eine Kulturrevolution – und zugleich die Rückkehr zu einem alten Kern: Relevanz als Funktion von Wahrheit und Wirkung, nicht von Lautstärke.

    Wenn Daten stören

    Die exklusivste Passage in Schatz’ Davos-Erzählung ist nicht die Kritik, sondern die Erinnerung daran, wie empfindlich Institutionen reagieren können, wenn Empirie nicht in die Erzählung passt. Er berichtet von einer Phase nach 9/11, in der sein Team für das Forum einen Dialog-Report vorbereitet habe. Die USA hätten in dieser Auswertung schlecht abgeschnitten, und Klaus Schwab habe eine Präsentation zunächst verhindert. Später, so Schatz, sei ein langfristig angelegter Vertrag vorzeitig beendet worden – mit der Begründung, Terrorismus sei „kein Problem mehr“. Er verortet das im Jahr 2009.

    Man muss diese Episode nicht als Beweis für irgendetwas Größeres lesen, um ihren Wert zu erkennen: Sie zeigt, wie schnell ein Ort, der sich als Plattform für Weltprobleme versteht, in Plattformlogik kippen kann. Plattformen leben von Anschlussfähigkeit. Daten, die stören, senken Anschlussfähigkeit. Wer das ernst nimmt, versteht Davos nicht als Verschwörungsraum, sondern als Reputationsindustrie – und begreift, warum mediale Oberfläche und institutionelles Eigeninteresse so leicht zusammenfinden.

    Der Teil von Davos, den man kaum sieht

    Schatz’ stärkstes Argument gegen pauschalen Zynismus liegt ausgerechnet dort, wo die Kameras selten sind: bei Projekten, die sich nicht in eine Rede pressen lassen. Er erzählt von einer Kobalt-Mine in der Demokratische Republik Kongo, in der zuvor Tausende Kinder gearbeitet hätten und die nun „kinderfrei“ sei: Schule für die Kinder, alternative Einkommen für die Familien, der Anspruch, daraus einen Standard abzuleiten. Ob und wie dauerhaft solche Veränderungen sind, ist genau die Frage, die Journalismus stellen müsste – aber sie stellt sich nicht in drei Zitaten nach einer Paneldiskussion.

    Ähnlich ist es mit einem Modell, das Schatz als Beispiel für praktische Davos-Logik anführt: Wohneigentum, so seine Beobachtung, scheitere weltweit nicht am Willen, sondern an der Finanzierung. In Davos sei eine Lösung präsentiert worden, bei der Häuser nicht klassisch über Kredite, sondern über die Stromrechnung abbezahlt würden – mit Photovoltaik als Ertragsquelle, gekoppelt an lokale Versorger, als Referenzfolie nennt er RWE. Das ist weniger eine utopische Idee als eine Verschiebung von Sicherheiten: weg von der individuellen Bonität, hin zu kalkulierbaren Zahlungsströmen aus Energie. Auch hier gilt: Es ist umsetzungsnah, aber nicht telegen.

    Und selbst dort, wo große Symbole helfen könnten, bleibt die Realität sperrig. Schatz verweist auf Initiativen gegen kindliche Fettleibigkeit, die über Sport und Alltagsaktivität skalieren wollen – mit Blick auf große Ereignisse wie künftige Spiele in Los Angeles. Das ist nicht spektakulär, aber genau das macht es journalistisch interessant: Wirkung entsteht nicht aus Pathos, sondern aus Wiederholung, Infrastruktur, Finanzierung. Aus Dingen, die selten „brechen“.

    Warum der klassische Journalismus sich selbst im Weg steht

    Schatz’ Kritik trifft am Ende weniger einzelne Redaktionen als ein Geschäftsmodell. Wenn Aufmerksamkeit die Hauptwährung ist, wird das, was am schnellsten Aufmerksamkeit erzeugt, zur Nachricht – unabhängig davon, ob es belastbar ist. Davos wirkt wie ein Katalysator dieser Logik, weil es in kurzer Zeit eine extreme Verdichtung von Macht, Geld, Symbolik und Konkurrenz bietet. Für Medien ist das ein Geschenk. Für Wahrheit ist es ein Risiko.

    Das Problem ist nicht, dass über Davos berichtet wird. Das Problem ist, wie über Davos berichtet wird: als permanenter Höhepunkt, als Serie von Ankündigungen, als moralisches Theater. Dadurch wird Journalismus ungewollt zum Verstärker jener Mechanismen, die er später beklagt. Er liefert Reichweite, die er gleichzeitig kritisiert. Und er übersieht, was er eigentlich beweisen könnte: ob aus Versprechen Ergebnisse werden.

    Schatz’ Forderung nach „Deliverables“ ist deshalb mehr als Medienkritik. Sie ist eine Aufforderung, den Takt zurückzuerobern – und damit die Hoheit über die eigene Profession. Wer den Mut hat, den ersten Satz später zu setzen, gewinnt die Chance auf den besseren zweiten. Und vielleicht ist das, jenseits aller Davos-Mythen, die eigentliche Nachricht: Nicht Davos braucht den Journalismus. Der Journalismus braucht Distanz zu Davos – um die Welt dort zu messen, wo sie sich verändert, nicht dort, wo sie sich inszeniert.

    Schlüsselloch-Exkurs: Klaus Schwab durch die Brille von Roland Schatz

    Über Klaus Schwab spricht Roland Schatz nicht in der Pose des Anklägers, sondern im Ton des langjährigen Beobachters – und genau darin liegt die Schärfe. Schwab erscheine ihm als ein Mann der Anschlussfähigkeit: jemand, der Stimmungen schnell aufnimmt und Positionen im Gespräch spürbar mitwandern lässt. Schatz beschreibt das als eine Art „Fähnchen“-Prinzip – weniger als Charakterurteil denn als Mechanik, die in Davos funktional wird, weil sie Brücken baut, Konflikte entschärft und Sponsoren wie Staatsgäste gleichermaßen bei der Stange hält.

    Zu dieser Davoser Funktionslogik gehören für Schatz auch kleine Szenen, die mehr erzählen als große Reden. Er schildert etwa Momente, in denen Schwab auf der Bühne unterbrochen worden sei – nicht als Skandal, sondern als sichtbarer Hinweis darauf, wie sehr Protokoll, Hierarchie und symbolische Deutungshoheit in Davos miteinander verwoben sind: Wer den Ablauf bestimmt, bestimmt den Moment; wer den Moment bestimmt, prägt die Erzählung. Und wenn Schatz an die frühen Jahre des Forums erinnert, tut er das ebenfalls ausdrücklich als Perspektive: Schwab habe das Projekt, so seine Darstellung, durch Phasen finanzieller Verwundbarkeit manövriert, auch mit Rückhalt aus der Wirtschaft – ein Ursprung, der für Schatz bis heute erklärt, warum beim World Economic Forum idealistische Weltverbesserungsrhetorik und sehr handfeste Interessen selten sauber zu trennen sind.

    Der Missionar des Paragraphen: Oliver Coste will Europas Innovationsschwäche mit weniger Kündigungsschutz für Spitzenverdiener beheben – Das ist elegant – und ökonomisch zu klein

    Oliver Coste reist, als hätte er eine Deadline mit der Geschichte. Nicht die übliche Konferenzrunde, nicht das gepflegte Panel mit Namensschild, sondern Termin an Termin in den Funktionsgebäuden der Republik: Wissenschaftler, Denkfabriken, Ministerialbeamte, Journalisten. Wer ihn trifft, beschreibt weniger einen Lobbyisten als einen Überzeugungstäter. Coste hat eine Mission – und sie ist so schlicht, dass sie in einer überkomplexen Lage fast wie Erlösung wirkt: Europa brauche nur eine kleine Gesetzesänderung, dann komme der Kontinent wieder in Gang.

    Seine These klingt nach Betriebswirtschaft, die sich in nationale Konten übersetzt: Das Scheitern sei in Europa zu teuer, weil Restrukturierungen zu lange dauern und Trennungen zu kostspielig sind. Also investierten Unternehmen vorsichtiger, probierten weniger aus, hielten länger an Pfaden fest, die nicht tragen. Wer dagegen, so Coste, den Kündigungsschutz für die oberen Einkommensgruppen lockere – in der Debatte ist von den Top zehn Prozent die Rede, von etwa 100.000 Euro – senke die „Kosten des Scheiterns“. Dann werde schneller umgesteuert. Und aus schnellerem Umsteuern entstünden Innovation, Investitionen, Wohlstand.

    Es ist die perfekte Erzählung für Politik und Medien: ein Hebel, eine Zielgruppe, eine Renditebehauptung. Der Reiz liegt nicht nur in der Einfachheit, sondern im impliziten Moralangebot: Wir tun nicht „irgendwas“, wir tun etwas für Innovation. Und wir tun es nicht „gegen alle“, sondern nur gegen jene, die man als robust genug ansehen kann, den Schutz zu verlieren. So wirkt Reform nicht wie Zumutung, sondern wie Modernisierung.

    Nur ist der Kernfehler der Erzählung nicht moralischer Natur, sondern methodischer. Coste erklärt ein Entwicklungsproblem mit einer Durchschnittsvariable – und verfehlt damit das, was Entwicklung überhaupt ausmacht.

    Costes blinder Fleck: die Sehnsucht nach dem Durchschnitt

    Wer sagt „Top zehn Prozent“, sagt bereits: Durchschnitt. Die Kategorie ist kommunikativ praktisch, ökonomisch aber unerquicklich. Denn sie tut so, als ließe sich Innovationsrelevanz an einer Einkommensschwelle ablesen. Sie unterstellt, dass die entscheidenden Träger des Neuen dort sitzen, wo die Gehaltszettel am höchsten sind. In der Wirklichkeit ist das Segment heterogen: hochinnovative Spezialisten, ja; aber auch Stabilitätsfunktionen, Risiko- und Haftungsverantwortliche, Vertriebsschlüsselrollen, Compliance, Betrieb, kritische Infrastruktur. In vielen Branchen sind gerade die gut bezahlten Rollen nicht die, die Neues hervorbringen, sondern die, die das Bestehende unter Bedingungen hoher Komplexität verlässlich machen.

    Das wäre kein Problem, wenn Costes Reform nur ein kleines, technisches Korrektiv wäre. Er verkauft sie aber als Hauptschalter. Und genau hier lohnt sich der Blick auf Joseph Schumpeter – so, wie ihn Jesko Dahlmann in seiner Arbeit nicht als Schlagwortlieferant, sondern als Methodiker rekonstruiert.

    Schumpeter setzt auf methodologischen Individualismus: Kollektive Phänomene werden aus dem Handeln Einzelner nachvollziehbar. Vor allem aber warnt er vor der Ökonomenneigung, zu früh zu aggregieren. „Hütet euch vor Durchschnitten“ – dieser Satz ist bei Schumpeter keine Pointe, sondern eine Erkenntnisregel. Wer mittelt, verschleiert Unterschiede. Und wer Unterschiede verschleiert, erklärt am Ende Mechanismen weg.

    Costes Argumentation ist genau so eine Durchschnitterzählung: Kosten runter, Innovation rauf. Nur dass Innovation nicht als statistische Reaktion auf einen Kostensatz entsteht, sondern als Ergebnis spezifischer Akteure, spezifischer Organisationen, spezifischer Konstellationen.

    Das Schumpetersche Unternehmen: nicht Zweckrationalität, sondern Neues

    Das zweite Missverständnis ist anthropologisch. Costes Vorschlag liest den Unternehmer implizit als Homo oeconomicus: als Kalkulierer, der die erwarteten Kosten eines Fehlschlags in seine Investitionsentscheidung einpreist. Wird der Exit günstiger, steigt das Wagnis. Das klingt plausibel, solange man Entwicklung für eine Form von Optimierung hält.

    Schumpeter denkt anders. Sein Entrepreneur ist nicht der bessere Rechenknecht, sondern der Störer der Routine. Er realisiert neue Kombinationen – neue Produkte, neue Verfahren, neue Märkte, neue Organisationsformen. Und dieses Handeln folgt nicht primär der Zweckrationalität, sondern einem Motiv, das sich in der traditionellen Modellökonomik nur ungern abbilden lässt: dem Schaffen des Neuen als solchem. Der schumpeterianische Unternehmer „unterläuft“ das reine ökonomische Kalkül, weil er nicht nur reagiert, sondern initiiert, weil er nicht nur Konsequenzen zieht, sondern gestaltet.

    Damit verschiebt sich die Frage: Wenn Entwicklung aus dem Durchsetzen des Neuen entsteht – warum sollte man ausgerechnet am juristischen Trennungsakt den Schlüssel suchen? Kündigungsregeln können Umsteuern erleichtern. Sie organisieren aber nicht das Neue. Sie ersetzen weder Durchsetzungskraft noch Kombinationsfähigkeit noch den Mut zur Abweichung innerhalb von Organisationen.

    Coste behandelt die Ökonomie wie eine Maschine, die man über Reibungsreduktion schneller macht. Schumpeter behandelt sie wie ein Prozess, der aus Abweichungen entsteht. Das ist kein philosophischer Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen „effizienter werden“ und „anders werden“.

    Schöpferische Unternehmer sind sozialer, als die Legende erlaubt

    Genau hier wird Dahlmanns empirischer Zugriff zum Stachel gegen Costes Methodenkasten. Dahlmann verweist auf wirtschaftssoziologische Arbeiten (Euteneuer, Niederbacher), die nüchtern festhalten: Für Schumpeters Unternehmerbild gibt es erstaunlich wenige harte Belege; viele Hypothesen über Unternehmer werden theoretisch behauptet, aber empirisch nur dünn abgesichert. Die Konsequenz ist eindeutig schumpeterianisch: weniger Aggregat, mehr Fall. Wer verstehen will, muss hinsehen.

    Dahlmann folgt dieser Logik und untersucht neun Persönlichkeiten der zweiten industriellen Revolution entlang der Schumpeter-Kriterien. Und die Ergebnisse passen schlecht zu einem modernen Reflex, der Innovation gern als Härteübung erzählt: Die von Dahlmann analysierten Unternehmer zeichnen sich durch außergewöhnliches soziales Engagement aus. Frühe Versorgungseinrichtungen, Sozialkassen, Arbeitszeitreduktionen, Zusatzvergütungen, betriebliche Fürsorge – keine Randnotizen, sondern wiederkehrende Muster.

    Das ist entscheidend, weil es Innovation aus einer anderen Perspektive erklärt: nicht als Produkt maximaler Austauschbarkeit, sondern als Produkt organisationaler Bindung. Wer Neues durchsetzen will, braucht Loyalität, Vertrauen, interne Stabilität – gerade weil der Versuch des Neuen den Betrieb stört. Dahlmanns Zuspitzung bringt es auf den Punkt: Diese Unternehmer waren mehr Schöpfer als Zerstörer; ihre Innovationen ersparten den Unternehmen den aussichtslosen Kampf, immer nur kostengünstiger sein zu müssen. Sie suchten langfristige Wettbewerbsvorteile über bessere Produkte und neue Techniken – nicht über kurzfristige Gewinnexzesse, die man durch Personalpolitik herstellt.

    Und damit steht Costes Reformvorschlag in einem paradoxen Licht: Er will Innovationsmut erzeugen, indem er den Schutzrahmen für eine Einkommensgruppe reduziert. Doch wenn empirisch gerade jene Unternehmer, die wirklich Bahnen verschoben, auffällig oft soziale Ordnung aktiv gestalteten – warum sollte Entsicherung der Königsweg sein?

    Bedingungen für Innovationskraft

    Welche Akteure, welche Organisationsformen, welche Anreizsysteme ermöglichen heute das schöpferische Gestalten? Es ist eine Liste von Bedingungen: schnelle Team- und Projektmobilität ohne biografische Strafzinsen, Weiterbildung im Übergang, Skalierungsmärkte, Beschaffung als erster Kunde, Finanzierungstiefe, Talentzuzug, Wohnraum, und eine Governance in Unternehmen, die experimentieren lässt, ohne dass jede Abweichung karrieregefährlich wird.

    Gerade der letzte Punkt ist der unterschätzte: Innovation braucht nicht nur Risiko gegen außen, sondern Widerspruch nach innen. Sie braucht Menschen, die im System unbequem sein dürfen. Wer Austauschbarkeit politisch signalisiert, kann genau das Gegenteil erzeugen: weniger offenes Nein, mehr Absicherung, mehr Anpassung. Dann wird die Organisation nicht mutiger, sondern vorsichtiger – nur mit anderem Vokabular.

    Coste hat ein Problem identifiziert – aber den falschen Hauptschalter

    Man kann Coste zugestehen, dass er einen realen Schmerzpunkt adressiert: das langsame Umsteuern in großen europäischen Organisationen. Nur ist die daraus abgeleitete Monokausalität das eigentliche Risiko: Als könne man Entwicklung mit einem Paragraphen regieren. Als könne man aus einer Trennungserleichterung eine Schöpfungswahrscheinlichkeit machen.

    Schumpeter – in der Dahlmann-Lesart – würde wohl erwidern: Wer aus Durchschnitten erklärt, verpasst die Mechanik. Wer Entwicklung will, muss die Bedingungen des Neuen organisieren. Das Neue entsteht nicht aus der Optimierung des Alten, sondern aus Akteuren, die Abweichung durchsetzen – und aus Organisationen, die diese Abweichung tragen.

    Coste wird weiter durch Europas Flure gehen. Vielleicht wird sein Vorschlag irgendwann Gesetz. Aber selbst wenn: Ein Gesetz kann Trennung erleichtern. Es kann nicht erzwingen, dass jemand das Neue will. Und ohne dieses Wollen bleibt jede Reform das, was sie oft ist: ein sauberer Eingriff an der falschen Stelle.

    Thema für die Zukunft Personal Nachgefragt Week vom 24. bis 27. Februar 2026

    Wer nach Costes „ein Gesetz, ein Aufschwung“-Versprechen ein leichtes Unbehagen verspürt, sollte es sich merken: Diese Lust an der Monokausalität ist kein Ausrutscher, sie ist ein Muster – ungefähr so ausgeprägt wie in der jüngsten Arbeitsmoral-Debatte um Friedrich Merz, in der aus Krankenstand und Tele-AU gern ein einzelner Hebel gemacht wird. Genau deshalb passt der nächste Schritt besser in ein Forum als in die nächste Talkshow: Bei der Zukunft Personal Nachgefragt Week könnten wir das unmittelbar vertiefen – am Freitag, 27.02.2026, 10:00–10:45 Uhr, in der Session von Guido Zander („Zu oft krank, zu wenig Arbeit?“). Denn dort geht es – wie bei Coste – um die entscheidende Frage, die einfache Antworten meiden: Gesundheit, Verantwortung, Umsetzung – also darum, wie aus Insights Wirkung wird, ohne dass man komplexe Ursachen zu einem bequemen Sündenbock zusammenschmilzt.

    Axel Gloger und die Gegenwelt zur Lehrbuch-BWL

    Der „Wöhe“ als Denkform

    Der „Wöhe“ ist kein Buch, er ist ein Betrieb. Ein Lehrbuch, mit dem Generationen „rumgequält“ wurden: enzyklopädisch, zum Auswendiglernen gebaut, „gedrucktes Wikipedia-Wasser“. Die Wirtschaft als Gliederung, Problem als Kapitel, Lösung als Schema.

    Der Wirtschaftspublizist Axel Gloger hat diese Logik nicht mit Spott erledigt, sondern ausgeleuchtet. Ihn störte weniger die einzelne Binsenweisheit als die Wirkung im Kopf: Scheinsicherheit, Planungsillusion, das beruhigende Gefühl, man habe „alles im Griff“, weil alles in Unterpunkten steht. Genau so entsteht die Bulletpoint-Ästhetik der Chefetagen: Nicht erst im Meeting – schon im Hörsaal.

    Die Bullet-Point-Plantage

    In seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere“ skizzierte er dafür das Bild, das sitzt: eine „nicht enden wollende Bullet-Point-Plantage“. In Lehre und Praxis dominieren „Aufzählungs-Friedhöfe“. Erst Businessplan, dann Best-Practice-Folien, dann Performance messen – fertig ist das Tunnel-Denken. Je stärker das Kästchendenken regiert, desto geistloser läuft der Laden. Aus dem Sperrgut der Leerformeln wachsen Kontroll-Biotope: Misstrauen, Rechtfertigungsmeetings, geschönte Erfolgsmeldungen.

    Das ist die Tautologie im Anzug: Aussagen, die immer „passen“, weil sie nichts riskieren. Scheitert etwas, war es die Umsetzung. Oder die Kultur. Oder der Kontext. Nie das Modell.

    Die andere deutsche Wirtschaft

    Glogers stärkster Zug: Er ließ es nicht beim Hörsaal. Er stellte die Lehrbuchwelt gegen die Wirklichkeit draußen. Deutschland hängt wirtschaftlich nicht an Konzernkapiteln, sondern an Firmen, die kaum jemand kennt und die trotzdem Weltspitzen bauen: spezialisierte Mittelständler, Familienunternehmen, „Hidden Champions“. Viele denken in Generationen statt in Quartalen; viele arbeiten nicht am „Shareholder Value“, sondern an Fertigungstiefe, Qualität, Kundennähe – an Dingen, die sich nicht sauber in Standardraster pressen lassen.

    In diesem Kosmos wirkt das alte Konzern-Lehrbuch wie ein Stadtplan aus der Zeit, als noch Pferde fuhren. Wer damit navigiert, sieht den Wald vor lauter Tabellen nicht.

    Forschung statt Folien: Familienunternehmen als Korrektiv

    Die gute Nachricht steckt ausgerechnet in der Wissenschaft – dort, wo die Mainstream-BWL oft nachläuft. Rund um Familienunternehmen und Mittelstand hat sich ein Feld gebildet, das nicht nur über Gewinnformeln spricht, sondern über Eigentum, Verantwortung, Nachfolge, Konflikte, Governance, Zweck. In dem Material fällt der seltene Satz über ein Lehrbuch, das man versteht: verständliche Sprache, neue Erkenntnisse, praktisch anwendbar, ein „großes drängendes Thema“. Und dann die Pointe, die Gloger gefallen hätte: Deutschland ist nicht nur Standort starker Familienunternehmen – sondern auch Standort von Forschung, die international mithalten kann.

    Das ist die Gegenwelt zur Wöhe-BWL: weniger Schablone, mehr Wirklichkeit. Weniger Rubriken, mehr Reibung. Weniger „gesichertes Wissen“ als Listenware, mehr Erkenntnisarbeit an echten Problemen.

    Vermächtnis

    Glogers Nachlass ist keine Methode und kein neues Framework. Es ist ein Maßstab: Misstrauen gegen Sätze, die nicht scheitern können. Abneigung gegen Begriffe, die glänzen und nichts erklären. Respekt vor der Wirklichkeit der Weltmarktführer im Verborgenen – und vor der Forschung, die sich nicht mit Lehrbuchberuhigung zufriedengibt. Axel Gloger ist 2018 gestorben; die Bulletpoints leben leider weiter – nur ohne den, der sie am zuverlässigsten zerstochen hat.