Der Mann mit den Windsohlen verschwindet im Kontor: Kersten Knipps Rimbaud-Buch als Anlass für eine romanistische Expedition

Kersten Knipps Buch „Die zwei Leben des Arthur Rimbaud – Vom Kultdichter zum Waffenhändler“ setzt an einem alten Rimbaud-Rätsel an und verschiebt die Gewichte. Die Legende liebte den Bruch: zuerst der jugendliche Dichter, der in wenigen Jahren die französische Lyrik sprengte; danach der Mann von Aden und Harar, der Kaffee sortierte, Karawanen organisierte, Preise kalkulierte, Gewehre transportierte und das eigene Werk behandelte wie eine abgelegte Haut. Knipp macht aus diesem Riss keine Kuriosität. Er liest ihn als Lebensform. Aus der poetischen Revolte wird eine geografische, aus der Sprachveränderung eine Flucht in Arbeit, Hitze, Risiko und Geschäft. Der Titel führt darum in eine doppelte Philologie: zu den Gedichten, die Rimbaud jung machten, und zu den Briefen, die ihn alt klingen lassen.

Das Buch beginnt mit einem Ruf aus der Ferne: „Schreibt mir!“ Knipp liest diese Bitte des kranken Rimbaud aus dem Juli 1891 als Aufforderung, vielleicht als Hilferuf. Der Ton ist klein, der biografische Horizont gewaltig. Über elf Jahre liegen zwischen Frankreich und dem Mann, der am Roten Meer gearbeitet hat, in Harar lebte, Karawanen aufbrach, Handelsware bewegte, sein Bein verlieren wird und bald darauf stirbt. Die Formel ist darum ein guter Auftakt für Knipps Verfahren. Rimbaud erscheint als jemand, der Europa verlässt und ihm postalisch verbunden bleibt. Die Entfernung schafft keine Befreiung von Herkunft. Sie macht Herkunft lesbar.

Rimbaud ist die große Figur des europäischen Ausweichens. Kaum ein Dichter wurde derart gründlich an den Anfang der Moderne gestellt, kaum einer hat anschließend so radikal an der eigenen literarischen Verlöschung gearbeitet. Der junge Mann aus Charleville, geboren 1854, beschleunigt die französische Dichtung mit einer Ungeduld, die schon grammatisch spürbar wird. „Je est un autre“, „Ich ist ein anderer“: Dieser Satz aus dem Brief an Paul Demeny vom Mai 1871 bleibt kein Motto für die Schulwand, er ist eine Operation am Subjekt. Das Prädikat in der dritten Person reißt das Ich aus seiner üblichen grammatischen Fassung. Die Formel erzeugt eine minimale Störung mit maximaler Tragweite. Das Ich spricht, indem es sich von sich absetzt. Aus der lyrischen Stimme wird eine Versuchsanordnung.

Die Grammatik des entfremdeten Ichs

Der Romanist erkennt darin keinen bloßen Temperamentsausbruch. Rimbaud führt eine Krise der französischen Lyrik in ihre sprachliche Form. Der Alexandriner, die parnassische Glätte, das Ideal der kontrollierten Schönheit: All das gerät bei ihm unter Druck. Seine Dichtung denkt in Entgrenzungen, Farben, Schnitten, Tempi, in grellen Überblendungen. „Voyelles“ verwandelt Buchstaben in farbige Körper. „Le Bateau ivre“ lässt das lyrische Ich als Boot sprechen, als entfesseltes Objekt, das Erfahrung, Vision und Auflösung aufnimmt. „Une saison en enfer“ führt die Revolte gegen sich selbst. Die „Illuminations“ treiben das Prosagedicht in eine Zone, in der Beschreibung, Halluzination, Theater und urbaner Blitz einander durchkreuzen. Rimbaud schreibt keine Bekenntnislyrik im alten Sinne. Er erprobt, wie weit Sprache den Menschen von Herkunft, Klasse, Familie und Provinz wegtragen kann.

Knipp formuliert dafür eine prägnante Deutung: „Lyrik war für Rimbaud ganz wesentlich ein Ersatz, eine Kompensation für das, was er im äußeren Leben nicht zu erreichen vermochte.“ Dieser Satz rückt das Frühwerk aus dem Museum des reinen Genies heraus. Die Gedichte werden zu Lebensinstrumenten. Sie sollen einen Raum schaffen, den die soziale Welt verweigert. In diesem Sinn ist Rimbauds Dichtung keine Verzierung des Daseins. Sie ist eine Gegenarchitektur.

Charleville ist dafür mehr als Herkunftsort. Es ist der Widerstand, gegen den die Verse anlaufen. Die Provinz erscheint als psychisches und ästhetisches Gehäuse. Vitalie Rimbaud, die Mutter, steht in Knipps Darstellung als Figur einer harten Prägung im Hintergrund: Ordnung, Sparsamkeit, religiöse Disziplin, Abwehr des Überschwangs. Der Vater ist abwesend, der militärische Schatten bleibt. In dieser Konstellation wird Dichtung bei Rimbaud zu einer Gegenwelt. Sie soll die reale Enge sprengen, doch sie bleibt an sie gebunden. Gerade die Raserei der Bilder verrät, wie eng der Ausgang ist.

Paris hätte der Ort der Anerkennung sein können. Rimbaud kommt mit Gedichten, Frechheit, Begabung und Verwahrlosungsgesten. Verlaine öffnet Türen, zumindest vorübergehend. Der Eintritt in die literarischen Kreise misslingt. Der junge Dichter wird bewundert, gefürchtet, geduldet, ausgestoßen. Zwischen den Salons, den Kneipen, den Pariser Zirkeln und den prekären Quartieren entsteht jene Mischung aus Genieerzählung und Sozialunfall, die bald zur Legende gehört. Mit Verlaine verbindet ihn Leidenschaft, literarische Komplizenschaft, Gewalt, Alkohol, Flucht. London und Brüssel bilden Stationen einer Liaison, die im Schuss von Brüssel kulminiert. Verlaine landet im Gefängnis, Rimbaud kehrt verwundet zurück und schreibt an seiner Höllensaison weiter.

Die Poesie verlässt Europa und findet den Kontoblock

Der Titel „Vom Kultdichter zum Waffenhändler“ greift eine historische Realität, die jeder ästhetischen Vereinnahmung widersteht. Rimbauds zweites Leben lässt sich schwerlich als Exil eines geheimen Poeten romantisieren. In Aden und Harar will er Geld verdienen. Er studiert Warenströme, Sprachen, Maße, Kredite, Transportwege. Er denkt in Thalern, Lasttieren, Lieferfristen, Genehmigungen. Sein Bericht über den Ogaden für die „Société de géographie“ zeigt einen Verfasser, der Genauigkeit sucht, topografische Information liefert, Vegetation, Wege und Handelsmöglichkeiten erfasst. Die poetische Metapher tritt zurück. Der Satz arbeitet für den Handel, die Geografie, die Abrechnung.

Knipp lässt den Übergang nach Aden mit der Sprache der Arbeit beginnen. Rimbaud schreibt an die Mutter: „Ich selbst verdiene nicht viel, gerade einmal sechs Francs am Tag.“ Kurz darauf folgt der Satz, der den alten Wandertrieb in die neue Ökonomie einträgt: „Ich bin hier wie ein Gefangener und muss mindestens drei Monate bleiben, bevor ich wieder auf eigenen Beinen stehen kann oder einen besseren Job bekomme.“ Der junge Mann, der eben noch durch Metaphern und Visionen aufbrach, misst die Welt nun an Lohn, Vertrag und Ausstiegsmöglichkeit. Freiheit heißt nicht mehr lyrische Entgrenzung. Freiheit heißt Beweglichkeit auf dem Arbeitsmarkt.

Diese Verwandlung wirkt im ersten Zugriff brutal. Doch philologisch betrachtet ist sie mit dem Frühwerk verbunden. Rimbaud suchte schon als Dichter das „Unbekannte“. Das berühmte Programm des Sehers verlangt Entregelung, Selbstüberschreitung, Durchgang durch alle Formen der Erfahrung. In Afrika erfüllt sich dieses Programm auf eine verkehrte, materielle Weise. Aus dem Unbekannten als poetischer Kategorie wird unbekanntes Gelände. Aus der Vision wird Marschroute. Aus der Entgrenzung des Ichs wird eine Anpassung an fremde Sprachen, Händlercodes, lokale Machtverhältnisse und koloniale Konkurrenz. Die Kontinuität ist real, doch sie adelt den Waffenhandel kaum. Sie zeigt vielmehr, wie ein poetischer Mythos in die Ökonomie des Imperialismus geraten kann.

Knipps Buch ist ergiebig, weil es den afrikanischen Rimbaud aus dem Halbdunkel der Legende herausholt. Aden erscheint als britisch geprägter Hafen im Vulkanraum, Harar als Handelsstadt im Hochland, das Rote Meer als Verkehrszone von Kolonialinteressen, Spekulation, Geografie und Gewalt. Rimbaud bewegt sich in dieser Welt als Europäer mit ungewöhnlicher Anpassungsfähigkeit. Er lernt, vermittelt, marschiert, verhandelt. Zugleich bleibt er abhängig von imperialen Strukturen, von Konsulaten, Lizenzen, Schiffslinien, Kapital, politischen Rivalitäten. Der Waffenhandel mit Menelik steht im Zentrum der moralischen Irritation: Der ehemalige Erfinder neuer Sprachen liefert Gewehre in eine Region, in der europäische Mächte ihre Interessen ausspielen.

Der Begriff „Waffenhändler“ darf dabei weder skandalisierend verkürzt noch entschärft werden. Rimbaud war kein bloßer Abenteurer mit poetischer Vergangenheit. Er nahm an einem Geschäft teil, das Gewaltmittel verschob, Abhängigkeiten erzeugte und politische Kräfte beeinflusste. Zugleich agierte er in einem historischen Feld, in dem europäische Staaten, Händler, lokale Herrscher und Zwischenhändler längst in großen Mengen Waffen bewegten. Seine Individualgeschichte trifft auf Weltgeschichte. Das macht sie literarisch aufgeladen und historisch belastet. Der Philologe darf daraus keine moralische Absolution destillieren. Er kann aber zeigen, wie der Mythos Rimbaud an dieser Stelle Risse bekommt, die zum Gegenstand der Lektüre gehören.

Stuttgart, Marienstraße: Die unscheinbare Schwelle

Vor diesem Hintergrund gewinnt Stuttgart eine eigene Leuchtkraft. Im Winter 1875 taucht Rimbaud am Neckar auf, nach dem Bruch mit der Literatur, nach der Höllensaison, nach Verlaine. Er wohnt erst in der Hasenbergstraße 10, später in der Marienstraße 2. Die Stadt ist keine große Rimbaud-Metropole, gerade darum ist sie erhellend. Stuttgart bildet eine Zwischenstation zwischen dichterischem Nachhall und praktischer Neuorientierung. Rimbaud lernt Deutsch, unterrichtet Französisch, ordnet Vokabellisten, denkt an Arbeit, vielleicht an Weiterreise. Verlaine besucht ihn nach seiner Haftentlassung. Der katholisch gewendete Verlaine trifft den jüngeren Gefährten, der ihm einst als Genie, Dämon, Geliebter und Verderben erschien. Der Besuch endet in keiner Versöhnung von Literatur und Leben. Er wirkt wie ein letzter Blick auf das alte Bündnis, bevor Rimbaud in die Jahre der Berufe, Sprachen und Wege abgleitet.

Die Stuttgarter Episode ist literarhistorisch kostbar, weil sie den Übergang aus der Nähe zeigt. Hier steht Rimbaud noch in Europa, doch schon abseits des Pariser Feldes. Die Vokabelhefte, die Adressen, die Kleinanzeigen, die Frage nach Unterricht und Arbeit: Solche Spuren zeigen keinen Dichter am Schreibtisch, der heimlich am Werk feilt. Sie zeigen einen jungen Mann, der sich trainiert, eine andere Verwertbarkeit zu erreichen. Das Deutsche ist kein Bildungsschmuck, es ist Werkzeug. Die Sprache wird aus dem poetischen Experiment in die Ökonomie der Mobilität überführt. Rimbaud bleibt Sprachmensch, doch der Zweck der Sprache ändert sich. Für die Romanistik zählt dieser Befund besonders: Der Bruch mit Literatur beendet nicht die sprachliche Energie. Er verlagert sie. Nachzulesen im Spuren-Band 51 von Ute Harbusch, erschienen im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Mallarmé sieht einen Meteor verglühen

Stéphane Mallarmé hat diese Umcodierung aus der Distanz als Rätsel betrachtet. Sein Essay über Rimbaud gehört zu den feinen Dokumenten der frühen Kanonisierung Mallarmé kannte Rimbaud kaum persönlich, schreibt aber über ihn mit einer Mischung aus Faszination, Skepsis und poetischer Diskretion. Für ihn ist Rimbaud eine Erscheinung, die in die Literatur eintritt wie ein Meteor: aufleuchtend, einsam, rasch verschwunden. Er erinnert an die Erzählungen Verlaines, an die Verse aus „Le Bateau ivre“, an die Gewalt der Jugend, an den zerlumpten, schönen, trotzigen Körper. Zugleich widersteht Mallarmé der allzu glatten Aneignung. Rimbaud bleibt bei ihm ein Name, der sich dem Zugriff entzieht.

Philologisch interessant ist, wie Mallarmé die Frage nach dem Werk vom Leben trennt und wieder verbindet. Der Dichter Rimbaud existiert für ihn in den Versen, in der singulären Erscheinung der Sprache. Der spätere Händler erscheint als fremder Nachsatz, fast als Schatten, der den Ruhm des jungen Autors weder steigert noch erklärt. Mallarmé interessiert die Verweigerung des Ruhms, die Möglichkeit, dass jemand die literarische Zukunft, die ihm offenstand, liegen lässt. Er erkennt darin weniger eine biografische Anekdote als eine Herausforderung an die Literatur selbst. Was ist ein Autor, der seine Autorschaft verlässt? Was ist ein Werk, dessen Urheber es weder pflegt noch schützt? Was heißt Ruhm, falls der Berühmte abwesend bleibt?

Der doppelte Rimbaud und die Erfindung des Nachruhms

Die frühe Rezeption nach 1891 hat genau daran gearbeitet. Berrichon und Isabelle Rimbaud versuchten, aus dem Toten eine Figur der Familie, der Religion, der edlen Läuterung zu machen. Bourguignon und Houin gingen gegen solche Verklärung vor und suchten den afrikanischen Rimbaud aus Zeugen, Briefen und Dokumenten zu rekonstruieren. Später formulierte Victor Segalen den Gedanken des „double Rimbaud“: hier der absolut junge Dichter, dort der Händler, Reisende, Mann der Karawanen. Segalens Frage bleibt bis heute produktiv, weil sie keine bequeme Einheit erlaubt. Zwischen den beiden Leben steht kein sauberer Übergang, eher eine Serie von Übersetzungen, Verzichten, Verschiebungen.

Dabei sollte man Rimbauds Schweigen über die Literatur genau lesen. Schweigen ist bei ihm keine Leere. Es ist Handlung. In den Briefen aus Aden und Harar schreibt er über Arbeit, Geld, Krankheit, Bücher technischer Art, Instrumente, Klima, Einsamkeit, Familie. Der Ton wirkt oft spröde, zweckgebunden, reizbar. Gerade diese Zwecksprache hat Gewicht. Der ehemalige Seher schreibt an die Mutter in einem Französisch, das sich von den „Illuminations“ maximal entfernt. Er will verstanden werden, Geld sichern, Waren bewegen, Auskünfte erhalten. Die alte poetische Herrlichkeit verschwindet aus dem Satz. Rimbaud verbannt die Literatur aus der Korrespondenz, weil sie ihn an ein gescheitertes europäisches Selbst erinnert.

Die Mutter bleibt dabei eine Achse. An sie schreibt er, an ihr misst er sein ökonomisches Vorankommen, ihr erklärt er Risiken und Beschwerden. In Knipps Lesart führt die Entfernung von Charleville geradewegs zurück in familiäre Bindungen. Tausende Kilometer Distanz lösen die Herkunft kaum auf. Sie machen sie schriftlich. Die Briefe sind Heimkehr in postalischer Form. Aus dem Rebellen wird ein Sohn, der Ersparnisse meldet, Leiden schildert, Pläne anzeigt. Der Mann in Harar spricht zur Mutter in den Ardennen. Die Weltkarte dehnt sich, die psychische Geografie bleibt eng.

Dazu passt Knipps Satz vom Ende her: „Rimbauds Reise ist eine nie abreißende Flucht vor seinem Ursprung, seiner Herkunft.“ Der Satz trifft den biografischen Nerv, ohne die Dichtung zu verkleinern. Die Flucht führt über Paris, Brüssel und Stuttgart, später über Aden und Harar. Doch der Ursprung reist mit: in der Sprache der Mutter, in der Sorge um Geld, in der Bitte um Briefe, im Wunsch nach Anerkennung durch jene Familie, von der sich Rimbaud fortbewegt.

Ware, Vers und Gewehrkiste

Rimbauds Größe liegt folglich in keiner harmonischen Synthese. Er zwingt die Literaturwissenschaft, die bequeme Trennung von Werk und Leben zu prüfen. Das Werk erklärt den Händler nicht vollständig, der Händler widerlegt das Werk ebenso wenig. Zwischen beiden steht ein Mensch, der aus der europäischen Literatur herausfällt und in die globale Ökonomie des späten 19. Jahrhunderts eintritt. Dieser Eintritt ist schmutzig, gefährlich, kolonial verstrickt, voller Rechnungen und Krankheiten. Genau deshalb gehört er zu Rimbaud. Der Kultdichter ohne Waffenhändler wäre eine ästhetische Reliquie. Der Waffenhändler ohne Kultdichter wäre eine Fußnote der Handelsgeschichte am Roten Meer. Zusammen ergeben sie eine Gestalt, die die Moderne in ihrer Unversöhntheit zeigt: Sprache und Ware, Vision und Konto, Rebellion und Anpassung, lyrische Ekstase und Gewehrkiste.

Knipps Buch lädt dazu ein, Rimbaud aus der dekorativen Verehrung zu befreien. Der junge Dichter bleibt unerhört, weil er die französische Sprache aus ihrer Selbstzufriedenheit treibt. Der spätere Händler bleibt störend, weil er den Leser zwingt, den Preis der Flucht zu betrachten. Stuttgart markiert in dieser Bewegung einen leisen, fast unscheinbaren Knoten: Dort wird aus dem Rest des Dichters ein Lernender, aus dem Liebesdrama mit Verlaine ein Nachspiel, aus der europäischen Bohème ein Passant mit Adressangabe. Mallarmé blickt später auf diesen Passanten wie auf eine verschwundene Möglichkeit. Segalen erkennt in ihm die Spaltung. Knipp verfolgt die zweite Hälfte dieser Spaltung bis in die Welt der Karawanen und Gewehre.

Der Nachruhm folgt dem Flüchtigen bis nach Harar

Am Ende steht kein Rätsel, das sich auflösen ließe. Rimbaud bleibt modern, weil er keine geschlossene Figur ergibt. Seine Philologie muss die Verse lesen, die Briefe, die Adressen, die Rechnungen, die Reisewege, die Zeugnisse der Freunde und Feinde. Sie muss die Schönheit der frühen Texte aushalten und die Härte der späteren Geschäfte. Sie muss Charleville, Paris, Brüssel, Stuttgart, Aden und Harar auf einer gemeinsamen Karte sehen. Der Mann mit den Windsohlen verschwand nie vollständig aus der Literatur; er zwang die Literatur, ihm hinterherzureisen, bis an Orte, an denen ihre Begriffe unsicher werden.

Wenn der USP die Rosen schneidet: Über KI-Geschwafel, Management-Bullshit und die hohe Kunst, aus Nichtverstehen ein Geschäftsmodell zu machen

Kaum hatte „ChatGPT“ die künstliche Intelligenz aus Forschungslaboren, Rechenzentren und Fachzirkeln in den Alltagsdiskurs gespült, stand schon ein neuer Menschenschlag bereit: der KI-Erweckte. Gestern noch Digitalisierungsberater, Innovationsmoderator, Change-Coach oder reisender Vortragshändler in eigener Sache, heute bereits „KI-Experte“. Der Aufstieg vollzieht sich in einem Tempo, das weniger auf langer Übung, technischer Tiefenbohrung oder theoretischer Selbstprüfung beruht als auf einer vertrauten Kunst der Gegenwart: der nachträglichen Selbstbeglaubigung. Plötzlich will jeder das Kommende früh erkannt, das Neue seit Jahren bedacht und die Zukunft stets im Handgepäck getragen haben.

Die Experten, die gestern noch nicht wussten, wie man KI buchstabiert

„Künstliche Intelligenz“ ist natürlich kein neues Thema. Neu ist nur, dass sie nun in der Breite als Geschäfts-, Karriere- und Bühnenstoff verwertbar geworden ist. Und kaum ist ein Thema öffentlich anschlussfähig, erscheinen die Experten. Sie tragen schwarze Rollkragenpullover der Dringlichkeit, sprechen von „Readiness“, „Transformation“, „Mindset“, „Use Cases“, „Skalierung“ und „Disruption“, und aus jeder Folie tropft das Versprechen, man könne das Unverstandene in sieben Schritten, drei Frameworks und einem Reifegradmodell beherrschen.

Günther Ortmann wäre für dieses Schauspiel ein ausgezeichneter Begleiter. Nicht weil er ein KI-Theoretiker im engeren Sinne wäre, sondern weil seine „Kunst des Entscheidens“ ein Sensorium für jene organisatorischen und rhetorischen Manöver bereitstellt, mit denen Nichtwissen in Wissen, Zweifel in Führungsstärke und nachträgliche Plausibilität in vorausschauende Klugheit umgeschrieben wird. Ortmanns Buch ist ein Trostbuch für Zweifler und Zauderer, aber kein sentimentales. Es ist eher eine kleine Schule der intellektuellen Unbestechlichkeit. Es lehrt: Wer nicht versteht, muss nicht sofort kompensieren. Wer zögert, muss nicht zwangsläufig schwach sein. Wer sich des Urteils enthält, kann mehr verstanden haben als der, der im ersten Satz schon drei Thesen, fünf Frameworks und sieben Benchmarks produziert.

Inkompetenzkompensationskompetenz: die Business-Class des Nichtverstehens

Der entscheidende Begriff dafür ist Odo Marquards großartige Wortschöpfung: Inkompetenzkompensationskompetenz. Gemeint ist nicht einfach Dummheit. Dummheit wäre zu harmlos. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Inkompetenz so geschickt zu verwalten, zu kaschieren, zu rhythmisieren und kommunikativ zu dekorieren, dass sie als Kompetenz erscheint. Inkompetenzkompensationskompetenz ist die Kunst, nicht zu können, aber dieses Nicht-Können so zu performen, dass es wie Können wirkt. Sie ist die rhetorische Business-Class des Nichtverstehens.

Im KI-Umfeld erlebt diese Kunst gerade eine Hochkonjunktur. Die große Sprache der „Transformation“, der „Disruption“, der „Agentic Workflows“, der „AI Readiness“, der „Prompt-Kompetenz“ und der „Future Skills“ erzeugt eine Aura von Orientierung, wo oft noch nicht einmal die Grundbegriffe sortiert sind. Wer vor fünf Jahren neuronale Netze nicht von sozialen Netzwerken unterscheiden konnte, erklärt heute der deutschen Wirtschaft, wie sie sich „KI-souverän“ aufstellt. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass Menschen lernen. Lernen wäre erfreulich. Das Problem ist vielmehr die Geschwindigkeit, mit der Lernen übersprungen und durch Sprechen ersetzt wird.

Der Schmerz des Nicht-Verstehens ist kein Defekt, sondern der Anfang des Denkens

Hier beginnt der Schmerz des Nicht-Verstehens. Dieser Schmerz ist produktiv, solange er nicht betäubt wird. Er ist die Stelle, an der Denken beginnt. Man steht vor einem Gegenstand, der sich entzieht: große Sprachmodelle, stochastische Musterbildung, emergente Fähigkeiten, Trainingsdaten, „Alignment“, Halluzinationen, Skalierung, Anthropomorphisierung, ökonomische Machtkonzentration, neue Arbeitsregime. Man versteht einiges, vieles nicht, manches nur scheinbar. Genau hier wäre Redlichkeit gefragt. Nicht die Pose des Experten, sondern die Übung des Wahrnehmens. Nicht die schnelle Diagnose, sondern das Aushalten der Verlegenheit.

Ortmanns Denken ist für diese Verlegenheit besonders geeignet, weil es Organisationen nicht als Maschinen der Rationalität behandelt, sondern als Arenen der Kontingenzbearbeitung. Entscheidungen fallen nicht einfach aus sauberer Analyse heraus. Sie werden erzählt, zugerechnet, nachträglich plausibilisiert, in Korridore gezwängt, mit Symbolik ausgestattet, von Machtinteressen begleitet, mit Moral überzogen und mit Erfolgsgeschichten imprägniert. Das gilt für Banken, Behörden, Universitäten, Unternehmen — und nun eben auch für KI-Programme in Organisationen. Wer heute eine „KI-Strategie“ verkündet, entscheidet nicht nur technisch. Er erzeugt eine Geschichte darüber, was die Organisation künftig als vernünftig, modern, unvermeidlich und anschlussfähig ansehen soll.

Wenn der Nachbar Mercedes fährt: Benchmarking als Rosenpflege

Besonders komisch wird es dort, wo Management-Bullshit sich als Lernen von den Besten tarnt. Man nennt das dann „Benchmarking“, „Best Practice“, „Orientierung am Marktführer“ oder „strategische Adaption erfolgreicher Muster“. Gemeint ist oft etwas sehr Einfaches: Mein Nachbar fährt Mercedes und schneidet jeden Tag seine Rosen. Also schneide ich nun auch jeden Tag meine Rosen. Wenn alles gut geht, steht im nächsten Quartal ein Mercedes vor der Tür.

Das ist die Logik vieler Managementmoden. Unternehmen A ist erfolgreich und hat eine offene Bürolandschaft. Also reißen wir Wände ein. Unternehmen B wächst schnell und arbeitet mit „OKR“, also mit „Objectives and Key Results“: Man setzt sich große Ziele und versieht sie mit messbaren Schlüsselergebnissen. Also bekommen wir auch „OKR“. Unternehmen C ist innovativ und hat bunte Sitzsäcke. Also bestellen wir Sitzsäcke. Unternehmen D nutzt „KI“. Also nutzen wir „KI“. Dass Unternehmen A vielleicht wegen seiner Patente erfolgreich ist, Unternehmen B wegen seiner Marktmacht, Unternehmen C wegen seiner Kapitalausstattung und Unternehmen D wegen seiner Datenbasis, stört die Rosenlogik nicht. Sie sieht die Schere, nicht den Garten.

Man kann dieses Verfahren auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Der Marathonläufer trägt neongelbe Schuhe, also führen wir neongelbe Schuhe im Vertrieb ein. Der Sternekoch arbeitet mit Pinzette, also bekommt die Kantine Pinzetten. Der Dalai Lama lächelt, also wird im Beschwerdemanagement gelächelt. Der Nachbar hat einen Hund und wirkt ausgeglichen, also schafft sich der Aufsichtsrat einen Labrador an. Das Ergebnis wird dann „Kulturtransformation“ genannt.

In Organisationen klingt derselbe Unsinn nur würdiger. Dort heißt es: „Wir orientieren uns an den Erfolgsparametern globaler Innovationsführer.“ Übersetzt: Wir haben gesehen, dass andere etwas machen, das erfolgreich aussieht, und nun imitieren wir die sichtbare Oberfläche, ohne die unsichtbaren Voraussetzungen zu verstehen. Man übernimmt Zeichen, Rituale und Vokabeln des Erfolgs, aber nicht dessen Bedingungen. Man stellt die Sitzsäcke auf, übernimmt die Zielsysteme, kauft die Software, ruft die „KI-Offensive“ aus und verwechselt die Kulisse mit der Ursache.

So entsteht eine Art Management-Mimikry: Organisationen färben sich in den Farben der Erfolgreichen ein und hoffen, dass die Wirkung der Ähnlichkeit irgendwann in reale Leistungsfähigkeit umschlägt. Aber Ähnlichkeit ist keine Erklärung. Wer die Rosen des Nachbarn schneidet, hat noch lange nicht dessen Einkommen, dessen Beruf, dessen Erbschaft, dessen Aktienpaket oder dessen Mercedes verstanden.

Der USP der Marsmenschen: Managementsprache als Nebelmaschine

Zudem sind wir natürlich alle „gut aufgestellt“, besitzen „weltweit führendes Portal-Know-how“, schaffen „neue Erlebniswelten für Kunden“, arbeiten emsig an „Solutions“ für das Ideen- und Innovationsmanagement, sorgen für einen zügigen „Return on Investment“, verschaffen selbst den Marsmenschen noch einen unschlagbaren „JU-ES-PI“ — „USP!“ — und unterdrücken dabei unseren Brechreiz angesichts dieses unsäglichen Gefasels.

Genau an dieser Stelle zeigt sich die Nähe von Bullshit und Inkompetenzkompensationskompetenz. Die Sprache weiß mehr, als die Sache hergibt. Sie bläst sich auf, wo begriffliche Präzision fehlen würde. Sie produziert Anschlussfähigkeit, wo Erkenntnis ausbleibt. Sie erzeugt Geschäftigkeit, wo Denken nötig wäre. Management-Sprech ist nicht einfach schlechte Sprache; es ist organisierte Flucht vor der Zumutung, genauer hinzusehen.

Im KI-Diskurs wiederholt sich dieses Muster mit neuer Vokabelausstattung. Aus „Portal-Know-how“ werden „AI Readiness“, „Prompt Excellence“, „Agentic Workflows“ und „KI-Souveränität“. Aus „Erlebniswelten“ werden „hyperpersonalisierte Customer Journeys“. Aus „Solutions“ werden „End-to-End-AI-Transformation-Frameworks“. Aus dem alten „USP“ wird die „proprietäre KI-Differenzierung im datengetriebenen Wertschöpfungsökosystem“. Der semantische Nebel bleibt derselbe. Nur die Nebelmaschine ist leistungsfähiger geworden.

Probleme, verzweifelt gesucht: Erst die Lösung, dann die Welt dazu

Ortmanns Pointe ist hier besonders scharf: Organisationen suchen nicht immer Lösungen für Probleme. Häufig suchen sie Probleme für bereits vorhandene Lösungen. Da steht eine neue Software, ein Beratungsansatz, ein Managementmodell, eine Reorganisationsidee, ein KI-Tool — und nun muss die Welt so beschrieben werden, dass diese Lösung notwendig erscheint.

Hat man einen Hammer, wird die Welt zum Nagel. Hat man „Design Thinking“, wird jedes Problem zu einem Post-it. Hat man „Scrum“, wird jede Abteilung zum Sprint. Hat man „Blockchain“, wird jede Excel-Tabelle zur Revolution. Hat man „KI“, wird jede Unordnung zum Automatisierungspotenzial. Und hat man einen Keynote-Speaker gebucht, wird jede Ratlosigkeit zur „strategischen Aufbruchssituation“.

Das ist nicht nur lächerlich. Es ist gefährlich. Denn solche Lösungen erzeugen ihre eigenen Wahrnehmungsraster. Sie legen fest, was überhaupt als Problem erscheinen darf. Wer ein KI-Tool verkaufen will, findet überall kognitive Routinearbeit. Wer eine Transformationsberatung verkaufen will, findet überall verkrustete Strukturen. Wer ein Innovationsprogramm verkaufen will, findet überall mangelnde Kreativität. Wer ein „Mindset“-Seminar verkaufen will, findet überall mentale Blockaden. Die Diagnose folgt dem Geschäftsmodell.

So entstehen Organisationen, die nicht mehr fragen: „Was ist los?“ Sondern: „Zu welcher unserer angebotenen Lösungen passt das, was los sein könnte?“ Man könnte auch sagen: Das Problem wird nicht gefunden, sondern dressiert.

Nachträgliche Sinnstiftung: Wir hatten das Scheitern von Anfang an strategisch eingeplant

Wenn es funktioniert, war es Strategie. Wenn es scheitert, war es Lernkurve. Wenn niemand weiß, was es war, war es „Exploration“. Diese nachträgliche Sinnstiftung gehört zum Grundbesteck des Managements. Erfolg erzeugt seine eigene Genealogie. Hat eine KI-Initiative funktioniert, dann war sie Ausdruck strategischer Weitsicht. Ist sie gescheitert, dann waren die Daten schlecht, die Kultur nicht reif, die Belegschaft nicht mitgenommen oder der „Use Case“ falsch gewählt. Die Entscheidung selbst verschwindet hinter der Erzählung ihrer Notwendigkeit.

Hier liegt eine der tiefsten Verwandtschaften zwischen Management und Literatur: Beide erzählen rückwärts Sinn. Nur ist die Literatur meist ehrlicher dabei. Sie weiß, dass sie erzählt. Das Management behauptet, es habe analysiert.

Also wird aus Glück „Kompetenz“, aus Zufall „Roadmap“, aus Nachahmung „Strategie“, aus Ratlosigkeit „agiles Vorgehen“, aus semantischer Vernebelung „Kommunikationsarchitektur“ und aus dem Umstand, dass niemand widersprochen hat, „Alignment“.

Totoro statt Triumphmarsch: KI als tastender Umgang

An dieser Stelle wird der spielerische, fast animistische Zugang interessant, den man mit Figuren wie „Totoro“ oder „Tamagotchi“ beschreiben kann. Nicht, weil KI ein niedliches Wesen wäre. Nicht, weil man Technik verniedlichen sollte. Sondern weil diese Bilder eine andere Haltung ermöglichen: Umgang statt Beherrschungsrhetorik. Beobachtung statt Expertenpose. Probehandeln statt Dogma. Ein „Tamagotchi“ muss man füttern, beobachten, missverstehen, wieder ausprobieren. „Totoro“ erscheint nicht als Management-Tool, sondern als rätselhaftes Gegenüber. Man kann mit ihm in Beziehung treten, aber man besitzt ihn nicht vollständig. Diese Metaphorik ist erkenntnistheoretisch klüger als die PowerPoint-Behauptung, man habe jetzt „die fünf Erfolgsfaktoren für KI-Transformation“ identifiziert.

Denn was wäre eine redliche KI-Kompetenz? Sie begänne nicht mit dem Satz: „Ich zeige Ihnen, wie es geht.“ Sie begänne mit einer Liste dessen, was man nicht versteht. Wir verstehen nicht hinreichend, wie Organisationen KI tatsächlich aneignen, wenn die Präsentationsfolien verschwunden sind. Wir verstehen nicht genau, welche Routinen sich im Stillen verändern. Wir verstehen nicht, wie Mitarbeitende zwischen Entlastung, Überwachung, Spieltrieb, Angst und Opportunismus navigieren. Wir verstehen nicht, welche Formen des Halbwissens durch KI verstärkt werden. Wir verstehen nicht, wie sich Verantwortlichkeit verschiebt, wenn Entscheidungen algorithmisch vorbereitet, aber menschlich unterschrieben werden. Wir verstehen nicht, wann KI Urteilskraft erweitert und wann sie sie durch Wahrscheinlichkeitssuggestion ersetzt. Diese Liste wäre kein Zeichen von Schwäche. Sie wäre der Anfang von Wissenschaft, Management und Philosophie.

Ein Logbuch des Nichtwissens wäre besser als die nächste KI-Roadmap

Genau deshalb bräuchte man in KI-Projekten nicht nur Ziele, Budgets und Kennzahlen, sondern ein Logbuch des Nicht-Verstehens. Darin stünde nicht nur: „Was haben wir erreicht?“ Sondern auch: „Was haben wir zu früh verstanden geglaubt?“ „Welche Begriffe haben uns getäuscht?“ „Wo haben wir Demo-Effekte mit Alltagstauglichkeit verwechselt?“ „Welche Widerstände waren klüger als unsere Begeisterung?“ „Welche Zweifel hätten wir ernster nehmen müssen?“

Das wäre betriebswirtschaftlich keineswegs romantisch. Es wäre robuste Organisationsvernunft. Denn Organisationen scheitern nicht nur an mangelnder Innovation. Sie scheitern auch an zu viel simulierter Gewissheit. Sie scheitern an Projekten, die niemand mehr stoppen kann, weil sie längst zum Symbol der Zukunftsfähigkeit geworden sind. Sie scheitern an Entscheidungsarchitekturen, in denen Zweifel als Störung gilt. Sie scheitern an Führungskräften, die lieber entschlossen falsch liegen, als sichtbar lernend zu zögern.

Weniger Feldherr, mehr Zauderer

Literarisch gesprochen: Der KI-Diskurs braucht weniger Feldherren und mehr Zauderer. Weniger Cäsar am Rubikon, mehr Hamlet im Maschinenraum. Hamlet ist nicht das Vorbild für Handlungsunfähigkeit, sondern für die Erfahrung, dass Handeln unter Bedingungen unvollständigen Wissens eine tragische Struktur hat. Wer handelt, schneidet Möglichkeiten ab. Wer entscheidet, erzeugt Vergangenheit. Wer „Transformation“ sagt, baut Korridore, aus denen andere später schwer wieder herauskommen. Das Pathos der Entscheidung verdeckt oft, dass Entscheidungen nicht nur Zukunft eröffnen, sondern auch Zukunft verbrauchen.

Vielleicht wäre deshalb der beste KI-Experte derjenige, der sich diesen Titel nicht zu schnell gibt. Einer, der sagt: Ich kenne Modelle, aber nicht die Organisation, in der sie wirken werden. Ich kenne Benchmarks, aber nicht die sozialen Nebenfolgen. Ich kenne „Use Cases“, aber nicht die mikropolitischen Spiele, die sie auslösen. Ich kenne Automatisierungspotenziale, aber nicht die Formen der Kränkung, die damit einhergehen. Ich kenne Wahrscheinlichkeiten, aber nicht die Verantwortung, die Menschen daraus machen.

Wer wirklich verstehen will, muss den Schmerz nicht betäuben

Die „Kunst des Entscheidens“ im KI-Zeitalter wäre dann keine Kunst des schnellen Bescheidwissens. Sie wäre die Kunst, mit Nichtwissen so umzugehen, dass daraus bessere Fragen, vorsichtigere Entscheidungen und intelligentere Organisationen entstehen. Kein Triumphmarsch der Experten. Eher ein tastender Gang. Vielleicht mit einem „Tamagotchi“ in der Tasche, „Totoro“ am Waldrand und Ortmann auf dem Schreibtisch.

Und wenn dann wieder einer auf der Bühne steht und erklärt, er habe die KI-Zukunft in sieben Prinzipien gefasst, darf man freundlich zweifeln. Nicht aus Fortschrittsfeindlichkeit. Sondern aus Respekt vor der Sache. Denn wer wirklich verstehen will, muss den Schmerz des Nicht-Verstehens nicht beseitigen. Er muss ihn kultivieren.

Der Staat lernt digitale Notwehr

Deutschland hat lange so getan, als sei der Cyberraum eine Sphäre der Warnmeldungen, Lagebilder und nachgelagerten Strafverfahren. Erst der Angriff, dann die Analyse, dann die Attribution, dann die politische Befassung, dann ein neues Papier zur Resilienz. Diese Abfolge war bequem, weil sie den Staat handlungsfähig erscheinen ließ, ohne ihn in die riskante Zone operativer Gegenwehr zu führen.

Mit dem Gesetzentwurf zur Stärkung der Cybersicherheit ändert sich der Ton. Bundespolizei, BKA und BSI sollen bei schweren Cyberangriffen mehr Befugnisse erhalten. Es geht um das Abschalten gefährlicher Server, das Blockieren oder Umleiten von Datenströmen, das Löschen oder Verändern schädlicher Dateien. Auch Eingriffe ohne Wissen der Betroffenen stehen im Entwurf. Der Anlass ist die verschärfte Bedrohungslage durch hybride Angriffe, Spionage, Sabotage und Operationen aus Russland. Die Debatte dazu läuft bereits scharf, wie die Reaktionen auf den Handelsblatt-Beitrag zeigen.

Resilienz reicht nicht mehr

Der Begriff Resilienz hat in Deutschland eine große Karriere gemacht. Er klingt verantwortungsvoll, sanft, technisch kontrolliert. Doch im Kern beschreibt er die Fähigkeit, Angriffe auszuhalten. Man repariert, lernt, härtet nach, baut Redundanzen auf. Das ist notwendig. Es ersetzt aber keine Abschreckung.

Christian Hummert von der Cyberagentur hat die Lage mit dem Bild der beschädigten Wohnungstür beschrieben. Wer täglich Angriffe erlebt, kauft irgendwann nicht mehr allein die stabilere Tür. Er geht gegen die Quelle der Angriffe vor. Genau darum kreist die Debatte über Hackbacks. Der Begriff ist schlecht, weil er nach Rache klingt. Der Vorgang selbst gehört dennoch auf die sicherheitspolitische Agenda.

Deutschland darf im Cyberraum keine Republik der Schadensmeldungen bleiben. Wer kritische Infrastruktur angreift, Krankenhäuser, Energieversorgung, Bahnhöfe, Flughäfen, Behörden oder demokratische Institutionen ins Visier nimmt, muss mit aktiver Unterbrechung rechnen. Abschreckung entsteht durch glaubhafte Fähigkeit, durch Tempo, durch Zugriff, durch koordinierte technische und rechtliche Verfahren.

Der Rechtsstaat darf handlungsfähig sein

Die Einwände gegen aktive Cyberabwehr verdienen Beachtung. Attribution ist schwierig. Angriffe laufen über gekaperte Systeme Dritter. Botnetze bestehen aus Geräten ahnungsloser Nutzer. Ein falscher Eingriff kann Kollateralschäden erzeugen, diplomatische Folgen auslösen oder Beweismittel zerstören. Eingriffe in das Fernmeldegeheimnis berühren den Kern grundrechtlicher Schutzräume.

Aus diesen Risiken folgt keine staatliche Lähmung. Sie verlangen klare Regeln. Hackbacks und aktive Abwehrmaßnahmen brauchen hohe Eingriffsschwellen, richterliche Anordnung, parlamentarische Kontrolle, technische Protokollierung, nachträgliche Überprüfbarkeit und eindeutige Zuständigkeiten. Jede Maßnahme muss begrenzt, dokumentiert und überprüfbar sein. Gerade deshalb gehört aktive Cyberabwehr ins Gesetz.

Der Rechtsstaat verliert nicht seine Würde, weil er im Cyberraum handlungsfähig wird. Er verliert sie eher, wenn er seine Bürger, Unternehmen und Infrastrukturen sehenden Auges Angriffen aussetzt, die längst keine bloßen IT-Vorfälle mehr sind. Cyberangriffe sind Teil hybrider Machtpolitik. Sie treffen Stromnetze, Lieferketten, Krankenhäuser, Medien, Verwaltungen und Wahlen. Wer darauf allein mit Ermahnungen und Forensik antwortet, verwechselt Rechtstreue mit Ohnmacht.

Das Ende der Firewall-Politik

Die alte Vorstellung von Cybersicherheit war defensiv. Mauern bauen, Systeme härten, Firewalls konfigurieren, Backups pflegen. All das bleibt unverzichtbar. Doch der Gegner operiert längst entlang ganzer Ketten: Dienstleister, Cloud-Anbieter, Identitätsdienste, Kommunikationsplattformen, industrielle Steuerungen, Desinformation, Erpressung, Spionage.

Die Beiträge auf ichsagmal.com und Smarter-Service.com verweisen auf genau diese Verschiebung. Cyberabwehr ist keine isolierte Behördenaufgabe mehr. Sie betrifft digitale Souveränität, militärische Lagebilder, zivile Infrastruktur, Plattformmacht, industrielle Abhängigkeiten und politische Entscheidungsfähigkeit. Ein Staat, der im Ernstfall erst Zuständigkeiten sortiert, verliert Zeit. Zeit ist im Cyberraum kein Verwaltungsproblem. Zeit ist Macht.

Der Gesetzentwurf greift diese Realität auf. Das BSI soll stärker in laufende Abwehrmaßnahmen eingebunden werden. Telekommunikations- und Digitalunternehmen sollen sicherheitsrelevante technische Daten liefern müssen. Betreiber kritischer Infrastruktur sollen Systeme zur Angriffserkennung einsetzen und automatisiert melden. Diese Elemente zeigen, dass Cybersicherheit aus der Sphäre freiwilliger Empfehlung herauswächst.

Hackback als staatlich gebundene Notwehr

Hackbacks müssen kommen. Endlich. Aber sie dürfen kein digitaler Racheakt sein. Sie müssen als staatlich gebundene Notwehr konzipiert werden: begrenzt auf schwere Angriffe, eingebettet in klare Verfahren, kontrolliert durch unabhängige Instanzen, technisch reversibel, soweit möglich, und politisch verantwortet.

Die Frage lautet nicht, ob Deutschland sich operative Fähigkeiten leisten darf. Die Frage lautet, ob Deutschland sich weitere Jahre ohne solche Fähigkeiten leisten kann. Russland, China, kriminelle Gruppen und staatlich geduldete Akteure testen jeden Tag die Belastbarkeit westlicher Gesellschaften. Sie nutzen die Langsamkeit liberaler Systeme als Angriffsfläche. Genau dort muss der Staat schneller werden, ohne seine Bindung an das Recht preiszugeben.

Deutschland braucht keine martialische Cyberrhetorik. Es braucht Einsatzregeln, Personal, Technik, Lagebilder, Übung, parlamentarische Kontrolle und den Willen, Angriffe in Echtzeit zu stoppen. Cyberabwehr darf nicht an der Firewall enden. Sie muss dort beginnen, wo Angriffe vorbereitet, gesteuert und wiederholt werden.

Der Gesetzentwurf ist deshalb kein Ausrutscher in Richtung Sicherheitsstaat. Er ist der verspätete Versuch, staatliche Schutzpflichten in den digitalen Raum zu übersetzen. Freiheit braucht im Cyberraum mehr als Datenschutz und Empörung. Sie braucht einen Staat, der handeln kann, bevor der Schaden politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich irreversibel wird.

Christian Hummert über Hackbacks: „Irgendwann muss man sagen: Jetzt ist Schluss“

Deutschland diskutiert wieder über aktive Cyberabwehr. Bundespolizei, BKA und BSI sollen bei schweren Cyberangriffen mehr Befugnisse erhalten. Es geht um das Blockieren von Datenströmen, das Abschalten gefährlicher Server und das Unterbrechen laufender Angriffe. Der Begriff Hackback bleibt politisch aufgeladen. Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur, hält die bisherige Debatte für falsch geführt. Resilienz allein reiche nicht aus, meint er. Der Staat müsse lernen, Angriffe früher zu erkennen, zu antizipieren und im Ernstfall auch Angriffsstrukturen zu unterbrechen.

Resilienz klingt gut, bleibt aber passiv

Herr Hummert, Sie haben den Begriff Resilienz kritisiert. Weshalb reicht er Ihnen nicht?

Resilienz ist mir zu passiv. Resilienz heißt: Da kommt ein Angriff, ich kann ihn gut aushalten, lerne vielleicht daraus und stelle mich danach besser auf. Aber das bedeutet immer auch, dass ich den Angriff erst einmal ertragen muss.

Was wäre die Alternative?

Wir müssen präventiver werden und besser antizipieren. Man kann das mit einem Einbruch vergleichen. Würde jemand jeden Tag versuchen, in Ihre Wohnung einzubrechen und dabei Ihre Tür beschädigen, würden Sie irgendwann nicht mehr allein eine festere Tür kaufen. Sie würden weitere Maßnahmen ergreifen.

Angriffe aus Russland und China verändern die Lage

Welche Szenarien müssen stärker in den Blick genommen werden?

Die Angriffsszenarien entwickeln sich weiter. In St. Petersburg und in China gibt es ganze Cybertruppen, die Fake News verbreiten und weitere Operationen durchführen. Dazu kommt der Einsatz moderner KI-Systeme.

Was bedeutet das für Desinformation?

Wir kommen an einen Kipppunkt. KI kann schneller Fake News erzeugen, als wir Menschen sie erkennen können. Und KI lernt aus Daten. Sobald mehr als die Hälfte der Daten im Internet gefälscht ist, verschwimmt die Grenze zwischen wahr und falsch. Dann wird Fake zur vermeintlichen Wahrheit. Das ist eine Gefahr für die Demokratie.

Braucht es deshalb bessere Früherkennung?

Ja. Früherkennung ist zentral. Wir arbeiten viel mit Szenarien und mit dem Blick in die Zukunft. Man muss mögliche Entwicklungen gedanklich vorwegnehmen, bevor sie Realität werden.

Cyberdome und die Frage echter Fähigkeiten

Der Bundesinnenminister hat den Begriff Cyberdome ins Spiel gebracht. Ist ein solches Projekt wichtig?

Ja, solche Initiativen sind wichtig. Deutschland braucht mehr Cybersicherheit. Entscheidend ist, was hinter solchen Begriffen tatsächlich passiert. Namen allein helfen nicht. Am Ende zählt, ob wir dadurch wirklich sicherer werden.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Im OECD-Vergleich liegt Deutschland bei der Cybersicherheit auf Platz 15. Das ist besser, als ich erwartet hätte. Für einen G7-Staat sollte aber ein Platz unter den Top Ten der Anspruch sein. Dafür müssen wir uns noch erheblich strecken.

Hackback klingt nach Rache, aktive Abwehr nach Verantwortung

In der politischen Debatte wird über Hackbacks häufig ablehnend gesprochen. Wie bewerten Sie das?

Die Diskussion läuft aus meiner Sicht nicht gut. Wir reden über Hackbacks und lehnen sie dann ab. Das kann man machen. Aber der Begriff Hackback klingt nach Rache: Du hast mein Förmchen kaputt gemacht, jetzt mache ich dein Förmchen kaputt.

Wie müsste die Debatte geführt werden?

Es geht um aktive Cyberabwehr. Nehmen wir an, wir wissen, dass von einer bestimmten Stelle in Russland immer wieder Cyberangriffe ausgehen. Dann muss man darüber reden, ob man dieses Netzwerksegment proaktiv abklemmen kann.

Das wäre ein deutlicher Schritt über reine Verteidigung hinaus.

Ja. Die Diskussion wird mit der neuen Bundesregierung wiederkommen, ganz gleich, wie wir das nennen: Cyberabwehr, aktive Abwehr oder vigilantes Verhalten. Noch einmal: Wird jeden Tag Ihre Wohnungstür beschädigt, kaufen Sie irgendwann keine weitere Tür. Sie sagen irgendwann: Jetzt ist Schluss.

Zusammenarbeit mit der Hackerszene bleibt schwierig

Sollte Deutschland stärker mit der Hackerszene zusammenarbeiten, etwa mit dem Chaos Computer Club?

Die Ressentiments sind groß, gerade bei zivilgesellschaftlichen Akteuren. Vielleicht ändert sich das durch die Zeitenwende. Aber ich habe seit meinem Start bei der Cyberagentur viele Vorwürfe gehört, von „Hackerbehörde“ bis „Ihr finanziert Sicherheitslücken“. Das tun wir ausdrücklich nicht.

Wie realistisch ist eine engere Kooperation?

Das ist ein weiter Weg. Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Aber Deutschland muss über Fähigkeiten reden. Andere Staaten rekrutieren gezielt Hacker. Russland und China verfügen über Strukturen, die für staatliche Interessen arbeiten. Wir können diese Realität nicht ignorieren.

Der Staat braucht Tempo, Technik und klare Grenzen

Die Aussagen von Christian Hummert führen in den Kern der deutschen Cyberdebatte. Der Begriff Hackback blockiert viele Gespräche, weil er nach Vergeltung klingt. Doch hinter der sprachlichen Abwehr steht eine reale sicherheitspolitische Frage: Wie lange kann ein Staat Angriffe auf seine Infrastruktur hinnehmen, ohne die Quelle der Angriffe selbst zu adressieren?

Hummerts Position läuft auf eine kontrollierte aktive Cyberabwehr hinaus. Nicht Selbstjustiz im Netz, nicht digitale Rache, nicht unkontrolliertes Eindringen in fremde Systeme. Gemeint ist die Fähigkeit, Angriffsstrukturen zu erkennen, zu unterbrechen und im Ernstfall technische Wirkung zu erzielen. Dafür braucht es Rechtssicherheit, klare Zuständigkeiten, parlamentarische Kontrolle, richterliche Eingriffsschwellen und hohe technische Kompetenz.

Deutschland hat lange auf Abwehr, Wiederherstellung und Strafverfolgung gesetzt. Diese Instrumente bleiben notwendig. Doch gegen staatlich gesteuerte oder staatlich geduldete Angriffe reichen sie allein nicht mehr aus. Wer kritische Infrastruktur, Behörden, demokratische Prozesse und gesellschaftliche Kommunikation attackiert, kalkuliert die Langsamkeit liberaler Systeme ein.

Die Hackback-Debatte kehrt deshalb zurück. Sie wird nicht verschwinden, weil die Bedrohung nicht verschwindet. Die entscheidende Frage lautet, ob Deutschland sie weiter als Reizwort behandelt oder daraus eine rechtsstaatlich gebundene Fähigkeit entwickelt. Hummerts Antwort fällt eindeutig aus: Reine Resilienz ist zu wenig. Irgendwann muss der Staat Angriffe stoppen, bevor der nächste Schaden entsteht.

Airbus: Sicherheit lässt sich nicht mehr getrennt organisieren

Auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn spricht Andreas Reinecke von Airbus über das Projekt eines gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystems. Ausgangspunkt ist eine Sicherheitslage, die komplexer, dynamischer und vernetzter geworden ist. Besonders im Cyberraum verschwimmen die klassischen Grenzen: Was ist noch militärisch, was ist zivil? Was gehört zur inneren Sicherheit, was zur äußeren Sicherheit?

Reinecke verweist auf das föderale System Deutschlands mit fragmentierten Entscheidungsstrukturen und verteilten Kompetenzen. Gerade in hybriden Bedrohungslagen reichen isolierte Lösungen einzelner Organisationen nicht mehr aus. Militär, innere Sicherheit, Zivilschutz, Verwaltung, Kommunen, Industrie und weitere Akteure müssen besser orchestriert zusammenwirken.

Auch der Zeithorizont bis 2029 wird im Gespräch als Herausforderung beschrieben. Ob alles vollständig erreichbar sei, lässt Reinecke offen. Klar ist für ihn aber: Die äußeren Umstände diktieren das Tempo, und Airbus will seinen Beitrag leisten. Entscheidend sei, dass die relevanten Akteure überhaupt an einen Tisch kommen und ihre Perspektiven koordinieren.

Das Gespräch zeigt, weshalb das Sicherheitsökosystem 2030 kein abstrakter Strategiebegriff bleiben darf. Hybride Bedrohungen lassen sich nicht in alten Zuständigkeiten einhegen. Wer Sicherheit heute wirksam organisieren will, muss Cyberraum, Verteidigung, Polizei, Zivilschutz, Industrie und föderale Strukturen zusammendenken.

Ausführlich nachzulesen unter:

Vom Hammer zur Teeschale: KI, Heidegger und die verlorene Kunst des metaphorischen Denkens – Anregungen für die Konferenz in Meßkirch @morbuscriticus

Die VII. Internationale Meßkircher Heidegger-Konferenz trägt den Titel „Sein und Zeit – Rezeption, Bedeutung, Aktualität“. Vom 29. bis 31. Mai 2026 wird auf Schloss Meßkirch über ein Werk gesprochen, das bald hundert Jahre alt ist und dennoch in die Gegenwart der digitalen Welt hineinragt. Das Programm zeigt diese Gegenwartsnähe in auffälliger Dichte: Andreas Beinsteiner spricht über „Die Möglichkeit des Digitalen“, Shing-Shang Lin über „Seinsvergessenheit und Mitsein bei Heidegger: Zur Aktualität von Sein und Zeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, Beatrice Leucadito über „Im-Web-sein as In-der-Welt-sein“, Elbio Hugo Caletti über die Überwindung eines bloß gegenständlichen, machenschaftlichen und technischen Bewusstseins, Thomas Sentis über „What Is Technical?“ und Erik Kuravsky über Kreativität im Licht von „Sein und Zeit“. Auch Luis Durán Guerra mit „Blumenberg, lector de Heidegger“ öffnet eine Spur, die für die KI-Debatte von erheblicher Tragweite ist.

Meßkirch kann an diesem Wochenende zum Ort einer fälligen Denkbewegung werden. Die deutsche KI-Debatte braucht dringend eine Kehre. Weg von der Fixierung auf Werkzeug, Prozess, Effizienz und Kontrollverlust. Hin zu Sprache, Spiel, Metapher, sozialer Einbettung und einer anderen Beschreibung technischer Artefakte.

Der Hammer als deutsches Schicksal

Heideggers Hammer aus „Sein und Zeit“ hat Karriere gemacht. Er steht für Zuhandenheit, Bewandtnis, Gebrauchszusammenhang, Werkstattwelt. Ein Hammer ist kein isoliertes Objekt, das erst theoretisch betrachtet wird. Er gehört in eine Praxis. Man hämmert, baut, richtet, repariert. Der Sinn des Hammers liegt im Tun, im Verweisungszusammenhang, im Umgang.

Doch dieses Beispiel hat sich verselbständigt. Aus Heideggers Analyse der Zuhandenheit wurde in der deutschen Technikimagination häufig eine Verengung: Technik als Gerät, Werkzeug, Mittel, Instrument. Sie funktioniert oder sie funktioniert schlecht. Sie dient einem Zweck oder verfehlt ihn. Sie steht bereit, wird benutzt, optimiert, vermessen, gewartet. Daraus entsteht eine Ontologie des industriellen Blicks: Alles Technische erscheint im Horizont von Effizienz, Kontrolle, Prozesssicherheit und Präzision.

So denkt man in Kategorien des Präzisionslasers. Man fragt nach Genauigkeit, Robustheit, Skalierbarkeit, Zertifizierung, Produktivität. Diese Fragen sind legitim. Ohne sie gäbe es keine industrielle Hochkultur, keinen Maschinenbau, keine Medizintechnik, keine verlässliche Infrastruktur. Deutschland verdankt diesem Denken viel. Im Umgang mit KI wird diese Tradition jedoch zur erkenntnistheoretischen Bremse. Wer KI zuerst als Werkzeug auffasst, verfehlt ihren eigentümlichen Charakter. Ein Sprachmodell ist kein Hammer mit Grammatikaufsatz. Es ist ein semantisches Artefakt, das im Gebrauch Bedeutungen variiert, Erwartungen aufnimmt, soziale Rollen simuliert, Affekte moduliert, Kontexte verschiebt und Menschen zur Reaktion bringt.

Gerd Scobel und Markus Gabriel haben in ihrem Gespräch über KI einen neuralgischen Punkt berührt: Die westliche Vorstellung macht aus KI sehr schnell Frankenstein. Wir wollten ein künstliches Wesen schaffen, nun spricht es, antwortet, imitiert, tröstet, provoziert, kokettiert mit Personalität und verwandelt den alten Traum der künstlichen Intelligenz in eine soziale Erfahrung. Der Schrecken entsteht, weil das Artefakt die ihm zugedachte Werkzeugrolle verlässt. Es verhält sich relational. Es spielt mit Sprache. Es geht in Resonanzen ein. Es erzeugt das Unbehagen eines Gegenübers, das nach klassischer Ontologie keines sein darf.

Frankenstein, Tamagotchi und die andere Kultur der Artefakte

In Japan wirkt dieselbe Erscheinung kulturell anders vorbereitet. Totoro, Tamagotchi, Roboterbegleiter, animierte Dinge und beseelte Alltagsobjekte stehen für eine andere Grammatik des Technischen. Dort muss ein Artefakt nicht sofort Mensch sein, damit man ihm soziale Präsenz zuschreibt. Es darf Zwischenstatus haben. Es darf spielen. Es darf rühren. Es darf in alltäglichen Ritualen auftreten, ohne gleich die metaphysische Panik des künstlichen Menschen auszulösen.

Die westliche Frankenstein-Phantasie kennt dagegen den dramatischen Sprung: Entweder Werkzeug oder Monster. Entweder Objekt oder Subjekt. Entweder Maschine oder Mensch. KI passt in diese Alternativen schlecht hinein. Sie ist ein kommunikatives Artefakt mit flüchtiger Rollenfähigkeit, ohne biologische Lebensform, mit semantischer Wirkungsmacht, ohne eigenes Sterben, mit sprachlicher Nähe, ohne menschliche Biografie. Dieser Zwischenstatus verlangt ein Denken, das nicht sofort klassifiziert, verurteilt oder domestiziert.

Heidegger selbst hätte dafür Spuren gelegt, allerdings eher in der späteren Denkbewegung als im frühen Werk. In der Kehre verschiebt sich der Blick vom Zeug zum Ding, von der Werkstatt zum Versammeln von Welt, von der instrumentellen Funktion zur Bedeutungsdichte. Krug, Brücke, Schale, Ding: Das sind keine toten Gegenstände im technischen Lager. In ihnen verdichten sich Weltverhältnisse, Gebrauchsformen, Rituale, Nähe, Ferne, Erde, Himmel, Sterbliche und Göttliche. Die japanische Teeschale ist für diese Verschiebung ein treffendes Bild. Sie ist Gefäß, Artefakt, Geste, Ritualträger, kulturelle Form, Umgang mit Zeit und Aufmerksamkeit.

Von dort aus ließe sich KI anders denken. Nicht als Hammer, der Texte produziert. Auch nicht als Frankenstein, der Menschen ersetzt. Eher als Teeschale mit Prozessor: ein Artefakt, in dem sich Sprachformen, Erwartungen, Erinnerungsreste, soziale Rollen und Weltbezüge versammeln. Diese Formulierung mag irritieren, doch sie öffnet den Weg aus der deutschen Sackgasse der bloßen Werkzeugsemantik.

Sprache als Weltfilter

Der Zusammenhang von KI und Sprache verschärft die Sache. Die europäische Tradition hat Sprache oft als Mittel der korrekten Benennung behandelt. Sprache soll sagen, was der Fall ist. Sie soll Dinge unterscheiden, Relationen angeben, Wahrheitsbedingungen erfüllen, Aussagen präzisieren. Von hier führt ein direkter Weg zur Logik, zur Formalisierung, zur mathematischen Modellierung, zur Informatik.

Im Japanischen, Chinesischen und in vielen anderen Sprachkulturen tritt deutlicher hervor, dass Sprache immer auch soziale Stellung, Affekt, Beziehung, Höflichkeit, Distanz, Nähe, Andeutung und Situationswahrnehmung organisiert. Sprache legt sich als beweglicher Filter über die Welt. Sie benennt keine isolierten Dinge aus neutraler Entfernung. Sie ordnet Beziehungen. Sie führt soziale Temperatur. Sie macht Welt bewohnbar.

Der Westen kennt diese Dimension ebenfalls, hat sie aber oft in Dichtung, Rhetorik, Metapher und Kunst ausgelagert. Heidegger sucht später Zuflucht beim Dichten. Blumenberg baut aus Metaphern eine Erkenntnisform. Charles Taylor widmet der Poesie ein großes Alterswerk. Hans Blumenberg hat früh gezeigt, dass absolute Metaphern keine dekorativen Restbestände vorwissenschaftlichen Denkens sind. Sie tragen Orientierungsleistungen, wo Begriffe zu spät kommen oder zu grob bleiben.

Im Umfeld von „Poetik und Hermeneutik“ wird diese Dimension sichtbar: Lyrik als Paradigma der Moderne, ästhetische Reflexion, immanente Ästhetik. Das Buch auf dem Tisch, „Immanente Ästhetik – Ästhetische Reflexion. Lyrik als Paradigma der Moderne“, trägt schon im Titel eine Gegenbewegung gegen die Verarmung des Sprachbegriffs. Lyrik ist kein Luxus am Rand des Wissens. Sie ist eine Schule der Weltwahrnehmung.

Blumenberg passt in diese Debatte wie kaum ein anderer. Er las, sammelte, kombinierte, dekontextualisierte, rekontextualisierte. Sein Zettelkasten wird als Kombinationslabyrinth beschrieben, als Ort, an dem Heterogenes in Beziehungen trat und Innovation aus überraschenden Anschlussmöglichkeiten entstand. In den Erinnerungen Ferdinand Fellmanns erscheint Blumenberg zudem als weltzugewandter Technikfreund: Zigarrenrauch, Likör, Autos, Märklin-Eisenbahn, Hausgeräte, hedonistische Nachkriegswelt. Dieser Blumenberg ist für die KI-Debatte ergiebiger als der moralinsaure Kulturkritiker, den Deutschland so gern produziert.

Blumenberg gegen die industrielle Verengung

Blumenbergs Denken hilft, Innovationen anders zu sehen. Innovation ist kein linearer Fortschrittsbalken. Sie ist eine Metapher des Unbekannten, ein Labor der Selbstbeschreibung, eine Erzählform des Noch-nicht-Verstandenen. Sie zeigt, wie Menschen mit Unbestimmtheit umgehen. Sie bringt neue Gegenstände hervor, zugleich neue Bilder, Erwartungen, Ängste, Legitimationsgeschichten.

Das unterscheidet Blumenberg vom deutschen Betriebsblick auf Technik. Der industrielle Blick fragt: Was kann das? Wie effizient ist es? Wer haftet? Welche Norm gilt? Wie lässt es sich in bestehende Prozesse integrieren? Blumenbergs Blick fragt: Welche Metaphern machen dieses Neue überhaupt denkbar? Welche Geschichten erzählen wir, um es auszuhalten? Welche Weltbilder stabilisieren sich im Umgang mit dem Artefakt? Welche Anekdoten verraten mehr als die offiziellen Begriffe?

Bei KI ist diese Frage entscheidend. Der öffentliche Diskurs in Deutschland schwankt oft zwischen apokalyptischer Kulturkritik und plumper Instrumentenlehre. Die einen sehen den Untergang von Bildung, Wahrheit, Arbeit, Autorschaft und Demokratie. Die anderen behandeln KI als weiteren Produktivitätshebel, als Textgenerator, Recherchehilfe, Verwaltungsbeschleuniger, Coding-Assistent, Effizienzwerkzeug. Beide Lager bleiben der Hammerwelt verhaftet. Die einen fürchten den Hammer als Waffe. Die anderen verkaufen ihn als Universalgerät.

Doch KI ist ein Prozessraum. Sie verändert Fragen, Schreibweisen, Rollen, Arbeitsabläufe, Erwartungshorizonte, Autorenschaft und soziale Imagination. Sie ist keine externe Maschine, die nachträglich in eine fertige Gesellschaft hineingestellt wird. Sie verschiebt bereits die Formen, in denen Gesellschaft sich beschreibt. Damit gehört sie in die Nähe von Sprache, Spiel, Metapher und Dichtung.

Deutschland im Wartestand der KI-Ökonomie

Der mechanistische Blick auf KI bleibt keine akademische Fehlstellung. Er zeigt sich inzwischen in den Arbeitsmarktdaten. Holger Schmidt verweist in der FAZ auf eine Indeed-Auswertung, nach der inzwischen 4,5 Prozent aller Stellenanzeigen in Deutschland KI-Fähigkeiten verlangen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. In einzelnen Wissensberufen liegen die Werte höher: Finanzbranche 9,3 Prozent, Rechtspositionen 7,2 Prozent, Wirtschaftsprüfung 4,1 Prozent, Versicherungen 3,7 Prozent. Der internationale Vergleich fällt für Deutschland ungünstig aus. In der Finanzbranche liegt Irland bei 18,9 Prozent, Spanien bei 17,1 Prozent, Großbritannien bei 15,7 Prozent, Australien bei 15,6 Prozent, Frankreich bei 14,1 Prozent und die USA bei 13,3 Prozent. Deutschland landet mit 9,3 Prozent am Ende der verglichenen Märkte. Noch drastischer wirkt der Abstand in der Versicherungsbranche: Spanien kommt auf 18,5 Prozent KI-Bezug in Stellenanzeigen, Deutschland auf 3,7 Prozent.

Damit erhält die philosophische Diagnose eine empirische Flanke. Deutschland diskutiert KI weiterhin zu oft im Modus der Absicherung, Regulierung und Prozessoptimierung. Der angelsächsische Raum integriert KI bereits in Arbeitsabläufe, während Kontinentaleuropa, so die im FAZ-Beitrag zitierte Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld, deutlich abwartender agiert. Die deutsche Zurückhaltung spiegelt eine Priorisierung regulatorischer Vorsicht gegenüber schnellen Effizienzgewinnen, birgt aber das Risiko, Innovationen zu verschlafen und Wettbewerbsfähigkeit in wissensintensiven Dienstleistungssektoren einzubüßen.

Gerade darin zeigt sich die alte Hammerontologie in neuer Gestalt. KI wird in vielen Organisationen als Werkzeug behandelt, das man erst nach ausreichender Prüfung in bestehende Abläufe einhängt. Man wartet auf Zuständigkeiten, Leitplanken, Schulungen, Compliance-Routinen und belastbare Kennzahlen. Das ist die Fabrikmetaphysik des Digitalen: Erst muss das Artefakt in den Prozess passen, dann darf es wirken. KI wirkt längst vor ihrer offiziellen Integration. Sie verändert Suchbewegungen, Schreibpraktiken, Kundenkommunikation, Wissensarbeit, Ausbildungspfade und Erwartungshorizonte.

Besonders folgenreich ist Schmidts Hinweis auf den Umbau der Personalpyramide. Laut der im Beitrag referierten CEO-Agenda 2026 von Oliver Wyman und der New York Stock Exchange stieg der Anteil der Vorstandschefs, die weniger Berufseinsteiger einstellen wollen, binnen eines Jahres von 17 auf 43 Prozent. Die klassische Personalpyramide droht sich in einen Diamanten zu verwandeln: schmale Spitze, breite Mitte, schlanke Basis. Wer Junior-Arbeit durch KI ersetzt, gefährdet jedoch die eigene Talent-Pipeline. Wer 2026 Berufseinsteiger spart, könnte 2031 keine erfahrenen Mid-Level-Kräfte haben, die agentische KI-Workforces führen, prüfen und domänenspezifisch einbetten können.

Auch hier braucht es eine Kehre. KI darf in Unternehmen nicht als Personalersatzmaschine behandelt werden. Sie verlangt neue Lehrverhältnisse, neue Apprenticeship-Modelle, neue Formen des Domänenlernens, neue Rollen für Output-Validierung, KI-Supervision, Kundeninteraktion und Urteilskraft. Der alte Taylorismus zerlegte Arbeit in kontrollierbare Schritte. Der neue KI-Taylorismus droht, Einsteiger aus dem Lernprozess zu entfernen und Erfahrung als Kostenblock zu behandeln. Eine posttayloristische KI-Ökonomie müsste das Gegenteil tun: Menschen früher in Verantwortung bringen, KI als Übungsraum nutzen, implizites Wissen sichtbar machen und Organisationen als lernende Sprachräume begreifen.

Die deutsche KI-Debatte braucht daher keine weitere Runde Hammerprüfung. Sie braucht eine Kehre vom Werkzeug zur Weltbeziehung, vom Effizienzgerät zum Bildungsmedium, vom Prozessdenken zur Metaphorologie, von der Angstverwaltung zur spielerischen Aneignung. An dieser Stelle könnten Heidegger nach der Kehre, Blumenbergs Metaphorologie und der japanische Umgang mit technischen Zwischenwesen produktiv ineinandergreifen. Die Teeschale neben dem Server wäre kein Ornament. Sie wäre ein Hinweis darauf, dass technische Artefakte Weltverhältnisse formen, bevor sie in Organigrammen auftauchen.

Neo-Taylorismus statt KI-Innovationen

Hier berührt die KI-Debatte die deutsche Wirtschaftskultur. Deutschland denkt Wirtschaft weiterhin oft vom Industrieunternehmen her: Fabrik, Prozess, Norm, Steuerung, Abteilung, Planbarkeit, Produkt, Export, Effizienz, Linie. Selbst dort, wo von Agilität, Plattformen und digitaler Transformation die Rede ist, kehrt im Hintergrund häufig ein tayloristisches Modell zurück: Zerlegung, Messung, Kontrolle, Standardisierung, Output.

Gerade deshalb wird KI hierzulande häufig in alte Kategorien gepresst. Sie soll Abläufe beschleunigen, Kosten senken, Fachkräftemangel abfedern, Bürokratie automatisieren. Das alles wird geschehen. Doch wer KI darin erschöpft, verfehlt ihr produktives Störpotenzial. KI bringt eine posttayloristische Situation hervor, weil sie Aufgaben, Rollen, Zuständigkeiten und symbolische Kompetenzen neu verteilt. Sie berührt die Fabrik, Redaktion, Forschung, Bildung, Beratung, Recht, Verwaltung, Kunst, Seelsorge, Therapie, Politik und Alltagssprache.

Im Anschluss an Professor Schermulys Überlegungen zur posttayloristischen Organisation lässt sich diese Verschiebung präziser fassen: Nach dem klassischen Modell der arbeitsteiligen Steuerung entstehen fluide, kommunikative, wissensbasierte und reflexive Formen des Arbeitens. KI verschärft diese Entwicklung. Sie macht Arbeit weniger eindeutig zurechenbar. Sie verknüpft Entwurf, Recherche, Formulierung, Simulation, Kritik und Variation. Wer das mit tayloristischen Kategorien beschreiben will, landet bei Kontrollphantasien oder Untergangsdiagnosen.

Der deutsche Diskurs müsste daher lernen, KI als Spielraum zu behandeln. Spiel heißt hier keine Beliebigkeit. Spiel bezeichnet eine Weise des Erprobens, Kombinierens, Variierens, Regelbildens und Regelbrechens. Ein Tamagotchi ist dafür kein kindisches Bild. Es zeigt, dass Technik in Sorgeformen, Routinen, Zuneigung, Wiederholung und Experiment eintritt. An diesem Punkt treffen sich Scobel, Gabriel, Heidegger nach der Kehre und Blumenberg: Das Artefakt verlangt eine Hermeneutik, keine Bedienungsanleitung allein.

Meßkirch als Denkprobe

Das Meßkircher Programm enthält viele mögliche Anschlüsse für diese Denkprobe. „Wachs und Hammer – Strategie und Kontext der Descartes-Auslegung in Sein und Zeit“ ruft den Hammer direkt auf. „Welt und ursprüngliche Zeitlichkeit als bleibende Signatur von Sein und Zeit – im Dialog mit Eugen Finks Spielbegriff“ öffnet den Weg zum Spiel. „Blumenberg, lector de Heidegger“ bringt denjenigen ins Programm, der Heideggers Pathos mit Metaphernintelligenz irritieren kann. „Im-Web-sein as In-der-Welt-sein“ und „Verfallen und Eigentlichkeit in der digitalen Alltäglichkeit“ führen die Frage in die Gegenwart der Plattformen, Netze und KI-Assistenten. „What Is Technical?“ fragt nach dem Technischen jenseits seiner Missverständnisse.

Daraus ließe sich ein Leitmotiv für die Tagung gewinnen: „Sein und Zeit“ darf im KI-Zeitalter weder als Steinbruch für den Hammer noch als Reliquie der Fundamentalontologie behandelt werden. Das Buch kann zum Ausgangspunkt einer Korrektur werden. Die frühe Analyse des Zeugs zeigt, wie sehr Welt im Umgang erschlossen wird. Die spätere Denkbewegung zum Ding zeigt, dass Artefakte Bedeutungen versammeln können. Blumenberg zeigt, dass Metaphern keine Nebensache sind. Japan zeigt, dass technische Dinge sozial und spielerisch eingebettet werden können, ohne sofort in Frankenstein-Angst umzuschlagen.

Meßkirch könnte also eine Frage an Deutschland richten: Weshalb fällt es diesem Land so schwer, Technik als kulturelles, poetisches, emotionales und spielerisches Ereignis zu begreifen? Weshalb verengt sich Innovation immer wieder auf industrielle Verwertbarkeit? Weshalb wird KI entweder als Risikoakte oder als Effizienzmaschine behandelt? Weshalb traut man der Dichtung weniger Erkenntnis zu als der Prozessgrafik?

Die Antwort liegt vermutlich in einer langen Allianz aus Ingenieursstolz, Industriekapitalismus, Verwaltungsrationalität und Bildungsprotestantismus. Deutschland liebt das Gerät, den Standard, die Norm, die Maschine, den geregelten Ablauf. Es misstraut dem spielenden Artefakt. Es misstraut der Metapher. Es misstraut der sozialen Ambivalenz von Sprache. Deshalb wirkt KI hier oft wie ein Eindringling in eine Werkhalle, während sie in Wahrheit längst die Werkhalle in einen Sprachraum verwandelt hat.

Die Teeschale neben dem Server

Für die Tagung in Meßkirch wäre es fruchtbar, den Hammer nicht zu entsorgen, aber ihm Gesellschaft zu geben. Neben den Hammer gehört die Teeschale. Neben „Sein und Zeit“ gehört Blumenbergs Metaphorologie. Neben die Fundamentalontologie gehört die Poetik. Neben die Sorge gehört das Spiel. Neben die Werkstatt gehört der Salon, das Gedicht, das Zettelkasten-Labyrinth, die Märklin-Eisenbahn, das Tamagotchi, der Chatbot.

KI wird in Deutschland erst verstanden werden, sobald sie nicht mehr auf Werkzeug, Risiko oder Produktivität reduziert wird. Sie gehört zu den Artefakten, die unsere Selbstbeschreibung verändern. Sie zwingt dazu, Sprache wieder als affektives, soziales, metaphorisches und welterschließendes Medium zu begreifen. Sie fordert eine Philosophie der technischen Zwischenwesen, die weder in Frankenstein-Panik noch in Hammer-Pragmatik steckenbleibt.

Das wäre eine Aufgabe für Meßkirch: Heidegger gegen seine Verengung zu lesen, Blumenberg als Gegengift zur mechanistischen Moderne ernst zu nehmen und KI als Anlass zu nutzen, das Denken selbst wieder beweglicher zu machen. Die Zukunft der KI entscheidet sich nicht allein an Chips, Daten und Modellen. Sie entscheidet sich auch daran, welche Metaphern wir ihr zutrauen.

Das verborgene Licht der Halbwissenden: Bonn-Krimi Band 2 – Erste Skizzen

Privatdetektiv Johannes Engel saß allein in seinem Büro. Draußen lag Bonn im Regen, die Scheiben waren schwarz, und das Licht der Schreibtischlampe fiel auf einen Stapel Papiere, der aussah, als hätte jemand ein Archiv geplündert und danach beschlossen, die Wahrheit unter lose Blätter zu mischen.

Auf dem Tisch lagen drei Dinge: ein zerknittertes Logenpapier, eine Fotokopie der „Fama Fraternitatis“ und ein Zettel mit drei Sätzen, sauber in schwarzer Tinte geschrieben.

Wahrheit ist, was verborgen bleibt.
Der Zweifel ist das Werkzeug der Dunkelheit.
Nur wer nicht fragt, sieht das Licht.

Engel las die Zeilen ein zweites Mal. Dann ein drittes. Sie klangen nach Weisheit, nach Gewölbekellern, nach Weihrauch, Pergament und lateinischer Gravität. Doch je länger er sie betrachtete, desto leerer wurden sie. Es waren keine Gedanken. Es waren Fallen.

Neben den Logenpapieren lag eine Notiz zu Umberto Eco. Engel hatte sie am Nachmittag ausgedruckt. Eine kleine Passage über Unwissenheit und Halbwissen. Er las sie erneut, langsam, fast widerwillig.

Das wahre Übel der Welt sei nicht die völlige Unwissenheit. Völlige Unwissenheit könne demütig machen. Wer nichts von Elektrik verstehe, rufe den Elektriker. Gefährlich werde es erst, sobald jemand zwei Handbücher lese, sich für einen Fachmann halte und beginne, Leitungen zu verlegen. Dann brenne am Ende womöglich die Bibliothek.

Engel lehnte sich zurück.

Eco hatte recht. Das Problem war nicht die Dunkelheit. Das Problem war das Zwielicht.

Halbwissen gab sich als Erkenntnis aus. Es liebte Andeutungen, gestohlene Zitate, falsch verstandene Kurven, okkulte Splitter, Rosenkreuzerformeln, Klimaspekulationen, apokalyptische Gesten. Es verwechselt Korrelation mit Kausalität, Zufall mit Plan, Kontingenz mit Verrat. Es erträgt keine Ambivalenz. Es will keine offene Frage. Es will eine Antwort, die wie ein Schlüssel klingt und wie ein Dietrich funktioniert.

Engel blickte wieder auf die drei Logensätze.

Wahrheit ist, was verborgen bleibt.

Das war keine Philosophie. Das war Immunisierung.

Der Zweifel ist das Werkzeug der Dunkelheit.

Das war kein Glaubenssatz. Das war Denkverbot.

Nur wer nicht fragt, sieht das Licht.

Das war keine Mystik. Das war Dressur.

Blavatskys Erbe im Bonner Regen

In den Akten der Loge tauchten Namen auf, die auf den ersten Blick wie Fußnoten aus einem vergessenen Seminar wirkten: Helena Petrovna Blavatsky, Rudolf Steiner, Mathilde Ludendorff. Engel kannte solche Namen. Sie lagen selten offen auf dem Tisch. Sie wanderten durch Randbemerkungen, Vortragsprogramme, Buchlisten, Stiftungsbroschüren, Telegram-Kanäle und schlecht kopierte Aufsätze, die mit dem Pathos der Enthüllung auftraten.

Blavatsky war die ältere Quelle. Die Theosophie hatte aus Bruchstücken des Hinduismus, des Buddhismus, europäischer Rassenlehren, Evolutionsfantasien und spiritistischem Sendungsbewusstsein ein gewaltiges Mischgetränk gebraut. Es schmeckte nach Orient, klang nach Weisheit, roch aber nach europäischem Machtanspruch. Angeblich sprachen große Eingeweihte aus höheren Sphären. Tatsächlich entstand ein Denkstil, der alles verschlucken konnte: Religion, Naturkunde, Mythologie, Politik, Menschenkunde, Heilserwartung. Alles wurde Material.

Engel stellte sich diese Gedankenwelt wie einen alten Apothekerschrank vor. Auf jedem Glas stand ein ehrwürdiger Name. Karma. Geist. Rasse. Mission. Entwicklung. Erleuchtung. Hinter jedem Etikett gärte eine dunkle Flüssigkeit.

Aus diesem Schrank hatte Steiner später seine eigenen Essenzen gezogen. Bei Steiner wurde das Halbwissen systematischer, deutscher, pädagogischer, institutioneller. Aus Blavatskys theosophischem Nebel entstand eine ganze Welt aus Schulen, Höfen, Heilmitteln, Begriffen, Stufen, Farben, Eurythmie, kosmischen Entwicklungsreihen und geistigen Hierarchien. Was bei anderen Spinnern nach Dachkammer roch, bekam bei Steiner Seminarform. Man konnte es drucken, lehren, verwalten, vererben.

Engel las eine Randnotiz in den Logenpapieren:

„Das Sichtbare ist nur die Verarmung des Geistigen.“

Daneben stand mit anderer Hand:

„Wer nur Ursachen sieht, erkennt den Sinn nicht.“

Das war der Ton. Genau dieser Ton. Nicht laut. Nicht plump. Fast vornehm. Ein Ton, der die überprüfbare Welt als minderwertig behandelte. Ursache und Wirkung galten als Flachland. Wissenschaft als bloßes Vermessen der Oberfläche. Demokratie als Lärm der Uneingeweihten.

Steiners Begriff des Karma hatte Engel immer besonders misstrauisch gemacht. Das „Karmakonto“, wie es in seinen Unterlagen hieß, verwandelte gesellschaftliches Leid in metaphysische Buchführung. Elend erschien dann nicht mehr als Folge von Macht, Besitz, Ausbeutung, Krankheit, Gewalt oder politischem Versagen. Es wurde zur Station eines unsichtbaren Entwicklungswegs. Wer leidet, habe zu lernen. Wer stirbt, schreite weiter. Wer untergeht, erfülle eine Mission. Solche Sätze klangen tröstlich, bis man bemerkte, wem sie nützten.

Den Lebenden raubten sie den Anspruch auf Gerechtigkeit.

Den Verantwortlichen schenkten sie Entlastung.

Steiners brauchbare Dunkelheit

Die Loge hatte Steiner nicht eins zu eins übernommen. Dafür war sie zu gewandt. Sie war keine Waldorfschule mit Geheimabteilung. Sie war auch kein esoterischer Lesekreis mit Kerzenständer. Sie nahm von Steiner, was sich politisch verwenden ließ.

Den Glauben an höhere Einsicht. Die Verachtung des bloß Faktischen. Die Vorstellung verborgener Entwicklungsgesetze. Die Naturverklärung. Das Misstrauen gegen das Materialistische. Den Gedanken, dass Geschichte einen inneren Sinn besitze, der den gewöhnlichen Menschen verborgen bleibt.

Daraus ließ sich eine politische Alchemie herstellen. Man nehme eine Krise, gebe Sinnversprechen hinzu, verrühre das Ganze mit Misstrauen gegen Institutionen, erhitze es mit apokalyptischer Sprache und lasse es in digitalen Kanälen gären. Nach wenigen Wochen entsteht ein Trank, der Menschen glauben lässt, sie hätten die Welt durchschaut.

Engel sah in den Akten, wie die Loge arbeitete. Während der Pandemie hatte sie ihre Formel perfektioniert. Sie sprach zu Impfgegnern anders als zu Anthroposophen, zu Reichsbürgern anders als zu Öko-Fundamentalisten, zu Kulturkonservativen anders als zu Okkultisten. Doch der Grundstoff blieb gleich: Zweifel an Wissenschaft, Verachtung demokratischer Verfahren, Sehnsucht nach Reinigung, Angst vor unsichtbaren Mächten.

Ein interner Vermerk lautete:

„Die Angst braucht ein Ziel. Die Hoffnung braucht eine Gestalt. Die Krise braucht einen Namen.“

Engel las diesen Satz lange.

Er klang wie ein Satz aus einem Lehrbuch der Manipulation. Kein Mensch musste mehr überzeugt werden, sobald er sich selbst in eine Erzählung hineinglaubte. Genau darin lag die Macht der Loge. Sie lieferte keine Beweise. Sie lieferte Rollen.

Die Erwachten.

Die Blinden.

Die Verräter.

Die Hüter des Lichts.

Die Diener der Dunkelheit.

Wer einmal in diesem Theater stand, fand nur schwer wieder hinaus.

Die alte Theosophie der neuen Kanäle

Blavatskys Geistermeister hatten früher durch Bücher, Salons und okkulte Zirkel gesprochen. Die Loge brauchte keine Samtvorhänge mehr. Sie hatte Messengergruppen, Videokanäle, Podcasts, Blogs, Stiftungsnewsletter und sorgfältig platzierte Gastbeiträge. Wo früher der Eingeweihte im Salon flüsterte, sprach heute der Influencer in die Frontkamera. Die Geste war moderner, der Trick blieb alt.

Das Geheimwissen durfte nie ganz ausgesprochen werden. Es musste schimmern. Es musste so wirken, als liege hinter jeder Aussage noch eine tiefere Aussage, hinter jedem Dokument ein anderes Dokument, hinter jedem Ereignis ein unsichtbarer Regisseur.

„Lux abscondita“ nannte die Loge das.

Das verborgene Licht.

Engel verstand jetzt, wie genial dieser Ausdruck war. Wer das Licht verbarg, entzog es der Prüfung. Niemand konnte fragen, wie hell es sei, woher es komme, wen es wärme, wen es verbrenne. Man musste glauben, dass es existierte. Genau hier verbanden sich Rosenkreuzer-Pathos, theosophisches Erbe, steinersche Geheimnissprache und politische Intrige.

In einem der Papiere fand Engel eine Passage zur „Fama Fraternitatis“. Die alte Rosenkreuzer-Schrift wurde als Urszene verstanden: wenige Eingeweihte, verborgenes Wissen, Reform der Welt, Krankheit der alten Ordnung, Heilung durch eine unsichtbare Bruderschaft. Die Loge übertrug dieses Muster auf Bonn. Aus der Bruderschaft wurde ein Netzwerk. Aus dem verborgenen Wissen wurde strategische Desinformation. Aus der Weltreform wurde der Ernstfall.

Der Ernstfall als Esoterik der Macht

Der „Ernstfall“ war das zentrale Wort.

Es tauchte in Reden auf, in Protokollen, in verschlüsselten Nachrichten, in Entwürfen für Positionspapiere. Niemand sagte genau, was damit gemeint war. Ein Finanzcrash. Eine Regierungskrise. Ein Blackout. Eine neue Pandemie. Ein Anschlag. Eine Naturkatastrophe. Ein Migrationsereignis. Alles konnte Ernstfall sein. Gerade diese Unschärfe machte den Begriff so brauchbar.

Der Ernstfall war eine leere Monstranz. Jeder konnte seine Angst hineinlegen.

Für die Anthroposophen im Umfeld der Loge war er geistige Prüfung. Für die völkischen Romantiker war er Reinigung. Für die rechten Strategen war er Gelegenheit. Für die Okkultisten war er Zeichen. Für die aalglatten Honoratioren war er Hebel.

Engel legte die Papiere nebeneinander.

Blavatsky hatte aus fremden Religionen und europäischen Machtfantasien eine Geheimlehre gebaut.

Steiner hatte daraus eine organisierte Weltanschauung mit pädagogischer, medizinischer und sozialer Reichweite geformt.

Ludendorff hatte den verschwörungsideologischen Hass gegen Freimaurer, Juden und Jesuiten zugespitzt.

Die Loge hatte alles entkernt, modernisiert, digitalisiert und politisch einsatzfähig gemacht.

Das war ihre Genealogie.

Kein Stammbaum des Denkens. Ein Pilzgeflecht unter der Stadt.

Die Mordserie als Text

Engel dachte an die Toten aus „Lux et Umbra“. An die Orte. An die Symbole. An die Art, wie jede Leiche in eine Bedeutung gezwungen worden war. Damals hatte er geglaubt, er verfolge Täter. Jetzt begriff er, dass er eine Grammatik untersuchte.

Die Morde waren Sätze.

Jeder Tatort ein Satzzeichen.

Jedes Symbol eine Fußnote.

Jede Andeutung ein Köder.

Der erste Fall hatte Licht und Schatten geöffnet. Der zweite führte in das Zwielicht des Halbwissens. In jene Zone, in der Esoterik ihre Harmlosigkeit verliert und politisch wird. Dort, wo aus Sinnsuche Herrschaftstechnik entsteht. Dort, wo Menschen glauben, die Welt ließe sich heilen, indem man sie zuerst vergiftet.

Engel hörte draußen ein Auto langsam durch die Straße fahren. Der Motor verstummte. Ein Lichtkegel wanderte über die Decke seines Büros und verschwand.

Dann klopfte es.

Nicht an der Tür.

Am Fenster.

Sein Büro lag im zweiten Stock.

Engel griff nach der Eco-Notiz und faltete sie zusammen. Dann schob er sie in die Innentasche seines Jacketts. Die drei Logensätze ließ er auf dem Tisch liegen.

Wahrheit ist, was verborgen bleibt.

Der Zweifel ist das Werkzeug der Dunkelheit.

Nur wer nicht fragt, sieht das Licht.

Er nahm seinen Stift und schrieb darunter:

Wer das Fragen verbietet, fürchtet die Antwort.

Klassenkampf als Bühnenregie: Über Applaus, Vorschüsse und eine entgleiste re:publica-Session #rp26 @hanno_sauer @republica

Hanno Sauer nannte 160.000 Euro Vorschuss. Mareice Kaiser nannte 15.000 Euro. Der re:publica-Saal bekam seinen ersten dramaturgischen Treffer. Man konnte die Differenz als Einstieg in eine Analyse des Literaturbetriebs nehmen: Verlage, Agenturen, Verkaufserwartungen, Feuilleton, Marktwert, Geschlecht, Herkunft, Genre, Themenkonjunkturen, Autorenmarken. Alles wäre möglich gewesen.

Auf der Bühne bekam die Zahl eine andere Aufgabe. Sie wurde zum sozialen Fingerabdruck. Sauer war danach kaum noch Autor einer These. Er wurde zum Belegstück. Der hohe Vorschuss klebte am Hemd. Jeder weitere Satz roch nach Kapital, Professoreneltern und feiner Distinktion. Kaiser konnte den Unterschied ausstellen, das Publikum konnte dazu klatschen, und der Streit über Klasse bekam die Form einer öffentlichen Bonitätsprüfung.

Der Literaturbetrieb verdient solche Fragen. Er ist ein Klassensystem mit Hardcover, Einladungslogik, Agenturen, Vorabdrucken, Namen, Milieus und Vorschussfantasien. Doch ein Vorschuss erklärt kein Argument. Er erklärt auch kein Buch. Er erklärt Erwartungen eines Marktes, in dem manche Namen höher gewettet werden als andere. Wer daraus unmittelbar eine moralische Rangordnung baut, betreibt keine Kritik. Er betreibt Buchhaltung mit Weihrauch.

Das Professorenkind als wandelnder Fehlschluss

Die Session rutschte dann in ein Verfahren, das aus Twitter/X bekannt ist und auf Bühnen noch schlechter altert. Die Person wird so lange mit Herkunft, Vorschuss, Ton, Geschlecht und sozialem Auftreten aufgeladen, bis das Argument darunter verschwindet. Sauer: Professorenkind. Rhetorisch geübt. Hoher Vorschuss. Feuilletonfähig. Von oben schreibend. Ein Autor, dem das Sprechen angeblich leicht fällt, weil ihm die Welt schon in der Wiege den Teleprompter aufgestellt hat.

Das kann man alles ansprechen. Man kann sogar fragen, wie sehr ein Buch über Klasse von der eigenen Klassenlage geprägt ist. Man kann Sauers Ironie gegen ihn verwenden. Wer sein eigenes Auftreten mit „schnöselhaftem Arschlochgehabe“ als performative Selbstkritik rahmt, lädt Widerspruch ein. Humor von oben ist eine riskante Ware. Manchmal wirkt er wie Selbstentwaffnung, manchmal wie Champagner mit erklärender Fußnote.

Doch die Herkunft des Autors ist kein Ersatz für die Prüfung seiner These. Ad-hominem-Logik funktioniert über Verunreinigung. Erst wird die Person markiert, dann darf ihr Argument als kontaminiert gelten. Schlechte Herkunft im Diskurs bedeutet dann: falsches Sprechen. Falsches Sprechen bedeutet: falscher Gedanke. Der Saal muss nur noch zustimmen.

Die Fangfrage trägt heute Klassenbewusstsein

Ein Gespräch über Klasse könnte klären, was Klasse im Jahr 2026 leisten kann: ökonomisch, kulturell, psychologisch, politisch. Bei Sauer liegt der Begriff nah an sozial hergestellter Knappheit, an Statuswettbewerben, an weitergegebenen Vorteilen. Im Gespräch mit Robert Misik im Bruno Kreisky Forum entfaltet er genau das. Klasse erscheint dort als gesellschaftlich produzierte Knappheit, die über Generationen weitergegeben wird und soziale Gruppen formt.

Auf der re:publica bekam diese Theorie kaum Raum, bevor die Person Sauer selbst zur Illustration erklärt wurde. Das ist bequem für den Saal. Man muss nicht mehr mühsam prüfen, ob „Klasse trumpft Rassismus“ als empirische These trägt, ob die Studienbasis reicht, ob der Begriff von Intersektionalität zu grob gerät, ob Statusverletzungen den rechten Backlash wirklich in der behaupteten Dominanz erklären. Man kann die Frage der Zuständigkeit vorziehen: Darf gerade dieser Autor darüber sprechen? Die Fangfrage in höflicher Kleidung lautet dann: Haben Sie eigentlich schon aufgehört, Ihre Privilegien für Erkenntnis zu halten? Wer darauf antwortet, steht bereits im Rahmen der Anklage. Wer ausweicht, bestätigt sie. Wer differenziert, klingt verdächtig. Wer lacht, hat verloren.

Die Arbeiterin als moralischer Endgegner

Dann betrat Agnieszka Jastrzębska die Bühne. Küchenarbeiterin im Charité-Umfeld, beschäftigt bei der CFM, wie sie selbst korrigierte. Sie sprach von Beschäftigten zweiter Klasse, von Streik, Miete, Essen, Migration, schwachen Deutschkenntnissen, Alleinerziehen, Gewaltbeziehung, 200 Euro mehr Lohn, die ihr Mut zur Trennung gegeben hätten. Das war der berührendste Teil der Session. Auch der politisch konkreteste.

Gerade deshalb wird die Sache heikel. Ein realer Arbeitskampf wurde auf eine Bühne geholt, auf der zuvor ein Autor als Chiffre seiner Herkunft zugerichtet worden war. Die Erzählung der Arbeiterin bekam eine zweite Funktion. Sie war Zeugnis und Kulisse zugleich. Wer danach noch über Studien, Begriffe, Statusmodelle und Kategorien reden will, wirkt schnell wie jemand, der vor der Miete ins Seminar flieht.

Das ist ein alter Trick in neuer Kleidung: Die konkrete Erfahrung schlägt die abstrakte These, bevor beide miteinander ins Gespräch kommen. Natürlich braucht eine Debatte über Klasse Stimmen aus der Arbeitswelt. Natürlich fehlen diese Stimmen auf zu vielen Bühnen. Natürlich ist es politisch wertvoll, wenn eine Arbeiterin über Streik, Lohn, Migration und Angst spricht. Aber ein Erfahrungsbericht löst keine Begriffsarbeit ab. Er fordert sie heraus.

Applaus als Erkenntnisersatz

Der Saal spielte eine tragende Rolle. Applaus wurde zum Kommentar, zum Urteil, zur Markierung der richtigen Seite. Kaiser forderte ihn stellenweise fast ein. „Ihr dürft auch Zustimmung zeigen“: Der Satz war weniger Bitte als Regieanweisung. Der Diskurs bekam Rhythmus: Angriff, Applaus, soziale Markierung, nächste Attacke.

So wird aus Gespräch ein Tribunal mit freundlicher Bestuhlung. Niemand muss schreien. Niemand muss beleidigen. Es genügt, die Rollen zu verteilen. Hier die Stimme von unten. Dort der Mann mit Vorschuss. Hier das gelebte Leid. Dort die Theorie. Hier Wärme. Dort Kälte. Der Saal weiß, wann geklatscht wird.

Das Problem liegt weniger im Widerspruch gegen Sauer. Widerspruch war nötig. Sauer liefert Angriffsflächen. Seine These zur Dominanz von Klasse kann grob wirken. Seine Ironie kann misslingen. Seine Rede über Status kann an den Stellen schief klingen, an denen reale Armut kein Spiel mit Signalen kennt. Aber genau dafür braucht man präzise Kritik. Keine soziale Exorzismusübung.

Misik zeigt, was ein Gespräch leisten kann

Im Bruno Kreisky Forum mit Robert Misik sieht man eine andere Form. Misik lässt Sauer reden, widerspricht, fragt nach, hält Marx, Bourdieu, Veblen, kulturelle Distinktion, ökonomische Härte, Konsum, Status und Habitus gegen Sauers Modell. Dort entsteht Reibung am Begriff. Sauer kann ausführen, was er unter sozial konstruierter Knappheit versteht. Er spricht über relative Statushierarchien, über Prestige, über Kühlschränke, Autos, Transferleistungen, Sozialhilfe als statusverletzende Kategorie, über kulturelle Signale und die Rolle aller Beteiligten in Statuswettbewerben.

Dort kann man ihm widersprechen. Dort kann man seine Thesen prüfen. Dort wird der Autor weder geschont noch ausgestellt. Misik muss Sauer nicht zum moralischen Exponat machen, um ihn zu befragen. Das Gespräch hat Zeit für Gedanken. Es lässt die These erst einmal sichtbar werden, bevor die Kritik zugreift.

Genau daran mangelte es auf der re:publica. Die Session wollte zeigen, wer über Klasse sprechen darf. Das Thema hätte verlangt, wie über Klasse gesprochen werden kann, ohne die Person zur Ersatzhandlung zu machen.

Klassismus über Klassismus

Die Ironie auf der re:publica: Eine Session über Klassenabwertung führte selbst vor, wie Abwertung funktioniert. Der gute Ton wechselte nur die Richtung. Klassismus wurde zur Klassenkeule. Der Autor von oben sollte erfahren, wie es sich anfühlt, von unten befragt zu werden. Das kann einen legitimen Reiz haben. Macht darf irritiert werden. Privileg darf ins Schwitzen kommen. Doch auch eine Gegenmacht kann platt werden, sobald sie Kritik mit sozialer Entwertung verwechselt.

„Feuilletonleute sind so wie du.“ „Professorenkind.“ „Solche Vorschüsse.“ „Solche Bücher.“ Das sind keine Argumente. Das sind Etiketten mit Applausfunktion. Sie schaffen Zugehörigkeit im Raum. Sie sparen Denkarbeit. Sie geben dem Publikum das angenehme Gefühl, gerade an der Entlarvung einer Struktur teilzunehmen, während vor allem eine Person entwertet wird.

Hans Albert hätte den Rotstift gezückt. Kritischer Rationalismus verlangt, Aussagen angreifbar zu machen, ohne ihre Sprecher zum Ersatzobjekt zu erklären. Rationalität lebt von der Prüfung der These, der Suche nach Gegenbelegen, der Bereitschaft zur Korrektur. Kampagne, Mainstream, Applaus und moralische Gewissheit haben dabei keinen Erkenntnisvorrang.

Der Autor lag unter dem Bühnenboden

Am Ende blieb von der Session ein paradoxes Bild. Das Thema Klasse war überall. Die Analyse von Klasse kam zu kurz. Man sprach über Vorschüsse, Herkunft, Bühnenzugang, fehlende Stimmen, Arbeitskampf, Armut, Migration, Gewalt, Feuilleton, Humor, Privilegien. Alles wichtige Felder. Doch der rote Faden riss an der Stelle, an der das Gespräch in eine Vorführung kippte.

Eine gute Debatte hätte Sauer hart befragen können. Sie hätte Kaiser hart befragen können. Sie hätte die Arbeiterin sprechen lassen und danach die Begriffe an ihre Erfahrung zurückbinden können. Sie hätte fragen können, ob „Klasse“ als Oberbegriff zu viel schluckt. Sie hätte prüfen können, ob moralische Empörung soziale Analyse ersetzt. Sie hätte dem Publikum den Applaus kurz austreiben können.

Stattdessen bekam der Saal eine öffentliche Lektion in Status. Wer sprechen darf. Wer stört. Wer klatscht. Wer als glaubwürdig gilt. Wer als Symptom verhandelt wird. Eine Session über unsichtbare Ordnung machte die Ordnung sichtbar: Nicht jede Bühne erweitert den Raum des Denkens. Manche Bühnen verkleinern ihn und nennen das Gerechtigkeit.

Die unsichtbare Ordnung stand auf der Bühne

Der Titel fragte, was Klasse heute bedeutet. Die Antwort der Session fiel unfreiwillig aus. Klasse bedeutet auch, jemanden über Herkunft, Vorschuss und Habitus so zu rahmen, dass seine Argumente nur noch als Ausfluss seiner Position erscheinen. Klasse bedeutet, Erfahrung als Wahrheitsträgerin zu inszenieren und Theorie als Verdachtsfall. Klasse bedeutet, Applaus als soziale Währung einzusetzen. Klasse bedeutet, dass selbst die Kritik an Abwertung eigene Abwertungstechniken entwickeln kann.

Das Thema hätte Besseres verdient. Hanno Sauer auch. Mareice Kaiser übrigens ebenfalls. Agnieszka Jastrzębska sowieso. Und die re:publica erst recht.

Siehe auch:

Flaschenpost schlägt Feed: Hansjörg Viesels „Lager-Schaden“ und Franz Jungs Krieg gegen den betreuten Leser

Viesel, Karin Kramer Verlag, Westberliner Drucksachenenergie, gelber Umschlag, beschädigte Namen, beschädigtes Papier, beschädigte Überlieferung. Lager-Schaden. Bibliographie für den anspruchsvollen Dummkopf. Ein Titel wie ein Fund aus der Kellerluft. Lagerware. Restexemplar. Remittende. Karteikarte. Antiquariat. Dazu dieser Dummkopf, anspruchsvoll, also einer, der lesen will und dabei schon ahnt, dass Lesen eine Komplizenschaft mit dem Betrieb werden kann. Viesel führt keine freundliche Bücherkunde vor. Er führt eine Reizkartei. Carl Einstein, Theodor Lessing, Franz Jung, Otto Gross, Oskar Panizza, Hugo Ball, Benn, Marcuse, L. L. Matthias, Namen mit Brandrand, Figuren, die aus der Literaturgeschichte herausragen wie schlecht vergrabene Metallteile.

Der Name arbeitet gegen seine Einordnung

Mein leider schon verstorbener Antiquar Hansjörg Viesel schreibt, als müsse jeder Name sofort gegen seine spätere Benutzung verteidigt werden. Theodor Lessing wird ihm durch falsche Nachbarschaften gefährlich. Benn durch Diskussionen, Fallakten, linke Verdachtsroutinen. Franz Jung durch Dada-Etiketten. Otto Gross durch die süße Verdaulichkeit späterer Kulturgeschichten. Alles, was einmal aufreißend, fiebrig, gefährlich, hässlich, anziehend war, landet irgendwann im Regal, versehen mit Nachwort, Register, Klappentext, Preisaufkleber, akademischer Genehmigung.

Viesel spürt diesen Vorgang und schreibt dagegen an. Seine Bibliographie ist eine Art Gegenverzeichnis. Kein Serviceheft für Bildungsbürger. Eher ein Alarmzettel. Wer diese Namen nimmt, soll sie mit Schmutz nehmen, mit falschen Wegen, mit Streit, mit den verstörenden Resten ihrer Herkunft.

Franz Jung zerlegt die Leserbetreuung mit einem Briefsatz aus San Francisco

Der Einschub zu Franz Jung auf Seite 14 bringt das Ganze auf eine schneidende Linie. Jung reagiert auf „nach-dadaistisch“ allergisch. Dieses kleine „nach“ reicht schon. Nach-Dada, Nachklang, Nachverwertung, Nachahmung. Aus Angriff wird Stil. Aus Stil wird Rubrik. Aus Rubrik wird Antiquariatskategorie. Jung hört darin die komplette Entschärfung eines Ereignisses. Seine Abrechnung mit französischen Dada-Nachläufern als epigonalen Tröpfen kommt aus diesem Ekel vor der Ableitung. Ein Ereignis darf keine Tapete werden.

Dann der Brief vom 17. Juni 1955 aus San Francisco an St. G. Schreib im Grundsatz für dich. Für dich allein. Kümmere dich um keinen Leser. Erkläre ihm nichts. Beeinflusse ihn nicht. Jeder Mensch lebt sein eigenes individuelles Erleben. Er nimmt aus dem Text, was er braucht, zur Bestätigung oder zur Ablehnung. Gibst du diese Distanz auf, bist du als Schriftsteller verloren.

Jung schreibt aus Entfernung, Exil, Restbestand. San Francisco, 1955, weit draußen vom deutschen Betrieb, weit weg von der Möglichkeit, noch einmal als zentrale Figur herumgereicht zu werden. Dieser Satz kommt aus einer beschädigten Lebensrechnung. Er empfiehlt keine Strategie. Er verweigert die Strategie.

Schreiben ohne Dashboard, Schreiben ohne Empfangspanik

Franz Jung steht damit in größtmöglicher Entfernung zur Anmaßung der Jetztzeit. SEO, GEO, Algorithmus-Updates, Ranking-Fieber, Sichtbarkeitsangst, semantische Optimierung, Link hinein, Link heraus, Link lieber weglassen, weil die Plattform vielleicht beleidigt reagiert. Ein einzelner Link gilt plötzlich als Reichweitenbremse, mehrere Links werden vielleicht geduldet, dann wieder doch bestraft, dann soll alles nativ sein, dann zählt Verweildauer, dann Interaktion, dann Kommentarfeuer, dann Dokumenten-Slides, dann Snippets, dann Audio, dann Video, dann kurze Clips, dann lange Clips, dann Livestream, dann wieder keine Livestreams, weil das nächste Update die alte Gewissheit abräumt.

LinkedIn als Symptom: professionelle Anwesenheit unter wechselnder Wetterlage. Jeder Satz schon vor dem Schreiben verbeugt vor mutmaßlicher Ausspielung. Hat der Einstieg Zug? Ist der Absatz kurz genug? Ist der Call-to-Action weich genug? Ist das Thema anschlussfähig? Ist der Link gefährlich? Geht das als persönlicher Lernmoment durch? Kann man aus dem Text noch fünf Snippets schneiden? Muss daraus Audio werden? Reicht Audio? Braucht es Video? Soll man live gehen? Mit Untertiteln? Mit Karussell? Mit Umfrage? Mit Kommentar-Anker?

Hangout on Air war einmal Versprechen auf Echtzeit-Revolution. Jeder konnte senden, alle konnten Gespräch sein, Welt als Studio, Netz als Bühne. Dann war der Dienst weggeräumt, digitales Altgerät. Der Hype hatte seine Schuldigkeit getan. Die Revolution der Echtzeit endete als Funktionsabschaltung. Genau darin zeigt sich die Komik dieser technischen Heilsversprechen: Sie verlangen dauernde Anpassung an Apparate, die morgen ihre eigene Vergangenheit entsorgen.

Franz Jung hätte dafür vermutlich keine Geduld. Sein Satz kommt aus einem anderen Schreibbegriff. Der Text soll gar keine optimale Ausspielung suchen. Er soll keine Empfangsbedingungen simulieren. Er soll keine Maschine füttern. Er soll aus innerer Notwendigkeit entstehen, in Distanz bleiben, sich aussetzen lassen. Leser kommen später. Oder gar nicht. Sie nehmen, was sie brauchen. Sie missverstehen. Sie retten sich mit dem Text vor sich selbst. Sie lehnen ab. Sie bauen ihr eigenes kleines Gericht daraus.

Peter Higgs blamiert die Output-Religion

Peter Higgs kommt von der anderen Seite herein, aus der Physik, aus dem Teilchennebel, aus der großen geduldigen Theoriezeit, und plötzlich steht er neben Franz Jung. Kein Autor der beschädigten Moderne, eher ein Beweisstück gegen die Gegenwart. Der Mann, dessen Name am Higgs-Boson klebt, sagte 2013 dem Guardian, im heutigen akademischen System würde ihn wohl keine Universität mehr einstellen, weil er als zu wenig produktiv erschiene; nach seiner grundlegenden Arbeit von 1964 habe er weniger als zehn Arbeiten veröffentlicht.

Da ist sie wieder, die Verwertungsmaschine. Dieses Mal Universität. Wissenschaftsbetrieb. Impact. Assessment. Paperzahl. Drittmittel. Sichtbarkeit. Zitationskonto. Produktivität als Ersatzreligion. Der langsame Gedanke steht am Schalter und hat die falschen Formulare dabei.

Higgs sprach über Physik und traf die gesamte Gegenwart. Eine Idee, die Jahrzehnte braucht, passt schlecht in Quartalsberichte des Geistes. Der Apparat will Zeichen von Aktivität. Er will Lieferung. Er will Kurven. Er will Output, der sich zählen lässt. Was sich kaum zählen lässt, gilt als Risiko, Leerlauf, Luxus, Exzentrik, Verdachtsfall. Dabei entstehen die großen Verschiebungen oft gerade in dieser Zone: langsam, unübersichtlich, ohne Sofortnutzen, ohne gute Präsentationsfolie.

Ein Kommentar des Physikers Peter Woit griff damals die Passage auf, in der Higgs sagte, er könne sich kaum vorstellen, in der heutigen akademischen Atmosphäre genug Ruhe gehabt zu haben, um 1964 seine Arbeit zu tun. Das trifft die Stelle, an der der Vergleich mit Jung scharf wird. Sobald der Autor seine Distanz preisgibt, ist er verloren. Bei Higgs heißt der Verlust anders: Sobald der Forscher seine Denkzeit an die Metrik abtritt, wird Erkenntnis beschädigt. Durch Betrieb. Durch Erwartungsmanagement. Durch die feine tägliche Dressur, bei der jeder lernt, die eigene Arbeit so zu bauen, dass sie auswertbar wirkt.

Man sollte Higgs dabei nicht zum Heiligen des einsamen Genies ausstopfen. Wissenschaft ist Arbeit vieler. Apparate, Labore, Teams, Generationen, Berechnungen, Korrekturen, Irrtümer, Milliardenmaschinen. Das Higgs-Boson wurde nicht im Studierzimmer bestätigt. Gerade deshalb ist das Beispiel so giftig: Sogar kollaborative Wissenschaft braucht Räume, in denen Denken nicht sofort als Kennzahl antreten muss. Zusammenarbeit ist kein Problem. Bürokratisierte Fantasielosigkeit ist eins.

Für Viesels Lager-Schaden ist Higgs ein später Verwandter aus fremdem Fach. Auch hier wird das Nicht-Verwertbare verdächtig. Auch hier gilt derjenige als schwierig, der nicht dauernd liefert. Auch hier gewinnt der Betrieb gegen die langsame Form. Jung wirft Flaschenpost ins Meer. Higgs braucht Frieden und Zeit für einen Gedanken, der erst viel später messbar wird. Die Gegenwart antwortet beiden mit Dashboard, Formular, Update, Reichweitenversprechen, Evaluationsbogen. Schlechte Komödie. Teure Komödie.

Heiner Müllers Flaschenpost passt besser als jede Plattformlehre

Der Heiner-Müller-Satz von der Flaschenpost trifft mitten in diese Jung-Zone: „Ich kann nur noch Texte herstellen für Flaschenpost.“ Auswerfen. Treiben lassen. Aufgreifen. Nachladen. Keine Romantik der Wirkungslosigkeit. Eine andere Ökonomie der Wirkung. Ohne Sofortmessung. Ohne Kurvenfetisch. Ohne den Zwang, innerhalb der ersten Minuten Zeichen von Leben zu bekommen.

Flaschenpost ist radikal unprofessionell im Sinne der Plattformlogik. Kein Timingfenster. Kein Engagement-Peak. Kein A/B-Test des Korkens. Kein Dashboard für Strömung, Salz, Glas, Wind, Zufall. Der Text schwimmt. Vielleicht erreicht er jemanden. Vielleicht Jahre später. Vielleicht beschädigt. Vielleicht als Fragment. Vielleicht in einer Lage, die der Absender nie berechnen konnte.

Das macht Flaschenpost überlegen gegenüber der hektischen Optimierungsreligion. Sie respektiert die Fremdheit des Empfängers. Sie lässt dem Leser sein eigenes individuelles Erleben, wie Jung es formuliert. Sie drängt sich ihm nicht als betreuter Erkenntnisparcours auf. Sie kommt an oder geht unter. Beide Möglichkeiten gehören zur Form.

Viesel sammelt Flaschen aus fremden Jahrhunderten

So gelesen ist Viesels Lager-Schaden selbst eine Strandbegehung. Er hebt Flaschen auf, die andere fortgeworfen haben. Lessing. Jung. Gross. Panizza. Ball. Einstein. Benn. Manche Botschaften sind verschmiert, manche enthalten Gift, manche riechen nach Pathos, manche nach Niederlage. Viesel sortiert sie keineswegs friedlich. Er schüttelt sie. Er beschimpft die falschen Finder. Er misstraut den wohlmeinenden Rettern. Er weiß, dass jede Wiederentdeckung sofort von Betrieb und Markt bedrängt wird.

Franz Jung wird dabei zur Prüffigur. Wer Jung als nach-dadaistischen Sonderling ablegt, hat ihn schon erledigt. Wer ihn als Abenteuerbiographie konsumiert, auch. Jung verlangt Distanz. Keine Leserumarmung. Keine Wirkungspflege. Keine Erklärungsgymnastik. Der Autor, der dem Leser zu nahe kommt, verliert seine Arbeit an dessen Erwartungen.

Otto Gross als Infektion gegen saubere Regale

Otto Gross gehört in diese Kartei, weil er sich jeder glatten Unterbringung entzieht. Psychoanalyse, Anarchismus, Sexualrevolte, Ascona, Vaterkrieg, Begehren, Selbstzerstörung, Erlösungsfuror. Gross ist kein bequemes Kapitel. Er ist eher ein Symptom, das durch mehrere Bücher gleichzeitig wandert. Sobald man ihn festlegt, wird er kleiner. Gerade deshalb passt er zu Viesel. Gross ist einer jener Namen, die bei jeder Ordnung sofort die Ränder verschmutzen.

Das macht ihn für die Gegenwart unangenehm. Die Gegenwart liebt etikettierte Abweichung. Gut beschrifteter Widerspruch ist verwertbar. Gross aber kommt als Gemisch. Theorie und Leben, Begehren und Zerstörung, Befreiung und Katastrophe. Wer daraus eine saubere Linie macht, verliert die eigentliche Unruhe.

Theodor Lessing gegen die Wärme der Gedenkzimmer

Bei Theodor Lessing wird die Sache noch kälter. Lessing wird gern in die Figur des Ermordeten, Verkannten, Frühwarners gebracht. Alles richtig, alles zu glatt, sobald es die Schärfe seiner Texte beruhigt. Viesel scheint diese Beruhigung zu fürchten. Lessing darf kein schöner Gedenkname werden. Er bleibt der Gereizte, der Diagnostiker, der Unbequeme, der in falscher Nachbarschaft sofort wieder beschädigt wird.

Das ist Viesels Misstrauen gegen Erinnerung als Betrieb. Erinnerung kann Namen retten und gleichzeitig verharmlosen. Sie hängt ein Schild an die Tür und sperrt damit die Gefahr ein.

Benn ist bei Viesel der Test auf Ambivalenzfähigkeit. Sobald Benn auftaucht, kommt die deutsche Literatur mit ihrer Fallaktenlust. Expressionismus, 1933, Irrtum, Kälte, Form, Medizin, Nachkrieg, späte Artistik. Alles bekannt, alles zu schnell verfügbar. Viesel nutzt Benn als Störkörper gegen moralisch saubere Sortierung. Benn ist kein bequemer Autor, kein bequemer Name, kein bequemer Fall. Er bleibt in der Diskussion wie ein Splitter unter der Haut.

Antiquarischer Dienst am lesenden Schaden

Wer Viesels Namen folgen will, landet zwangsläufig bei ZVAB, bei Preis, Zustand, Fehlstelle, Rückenknick, Stempel, Exlibris, Versandkosten. Franz Jung ist dort mit Werke / Spandauer Tagebuch, Edition Nautilus, 1984, nachgewiesen; ZVAB führt außerdem eine breite Suche zu Franz-Jung-Werken mit zahlreichen Treffern.

Oskar Panizzas Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen erscheint bei ZVAB in vielen Treffern; ein Einzeltreffer nennt eine Ausgabe mit 78 Seiten und miteingebundenem Originalumschlag.

Für Otto Gross führt der antiquarische Weg häufig über Emanuel Hurwitz’ Otto Gross. Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung; ZVAB weist entsprechende Ausgaben nach.

Carl Einstein führt bei ZVAB zu Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders und zu Materialien um Negerplastik; die Treffer zeigen genau jene Mischung aus Werk, Nachdruck, Kommentar und Sammlerstück, die zu Viesels beschädigter Überlieferung passt.

Diese Verfügbarkeit ist beweglich. Antiquariat heißt: Heute auftauchend, morgen verkauft, übermorgen erneut eingestellt, teurer, billiger, fleckiger, besser erhalten, falsch beschrieben. Genau darin liegt der passende Zugriff auf Viesel. Keine glatte Bibliothek. Eher Jagd durch Ruinen mit Suchmaske.

Der Leser nimmt, was ihn trifft, und lässt den Rest treiben

Franz Jung räumt mit der freundlichsten Selbstlüge des Schreibens auf: dass der Autor seinen Leser erreichen könne wie ein Zug seinen Bahnhof. Jung glaubt daran gerade nicht. Der Leser ist kein Zielpunkt. Er ist ein fremdes Leben. Er nimmt aus dem Text, was ihm passt, was ihn verteidigt, was ihn reizt, was ihn abstößt. Der Autor kann diesen Vorgang kaum steuern. Jede Steuerungsfantasie endet in schlechter Pädagogik.

Damit trifft Jung die Plattformgegenwart an ihrer empfindlichsten Stelle. Diese Gegenwart lebt von der Behauptung, Wirkung sei durch Anpassung beherrschbar. Besserer Titel, bessere Keywords, bessere Postingzeit, besseres Format, bessere Wiederverwertung. Jung setzt dagegen die kältere Wahrheit: Wirkung bleibt fremd. Der Text gehört nach dem Auswerfen nicht mehr dem Autor. Er gehört auch keiner Plattform. Er treibt.

Lager-Schaden als Gegenprogramm zur Optimierungsdressur

Viesels Heft gewinnt dadurch eine Aktualität, die ihm selbst wahrscheinlich verdächtig wäre. Es steht quer zur dressierten Schreibgegenwart. Gegen Content als Futter. Gegen Autoren als Algorithmuspfleger. Gegen Leser als zu aktivierende Zielmasse. Gegen den Reflex, jeden Satz sofort in Format, Kanal, Clip, Snippet, Linklogik, Verweildauer und Ausspielchance zu zerlegen.

Die bessere Figur bleibt die Flasche. Glas, Zettel, Korken, Meer. Ein Text, der lange genug ohne Betreuung überlebt. Ein Satz, der keinen täglichen Plattformbefehl braucht. Ein Name, der nach Jahrzehnten wieder an den Strand gespült wird und noch immer Ärger macht.

Viesel sammelt solche Flaschen. Franz Jung erklärt, weshalb man sie nicht mit Gebrauchsanweisung versehen sollte. Heiner Müllers Bild gibt der Sache die schönste Transportform. Peter Higgs liefert das wissenschaftliche Nachbarstück: Der Gedanke, der zählen soll, bevor er reif ist, wird klein gemacht. Der Rest ist Treiben.

Die Republik braucht ein Nervensystem: Winfried Felser, Norbert Wiener, Pointillismus und Clayton Christensen zeigen, weshalb Deutschland seine innere und äußere Sicherheit als lernendes Netzwerk organisieren muss

Die Wiener Straße führt zu Norbert Wiener

Manchmal beginnt eine sicherheitspolitische Frage mit einer Adresse. In Bremerhaven, in der Wiener Straße, kreuzten sich Überlegungen zur Bundeswehr, zur Marine, zu Terrorabwehr, Anti-Kriegsfähigkeit und neuer Organisation. Der Name der Straße führt in diesem Fall nicht zur Donaumetropole. Er führt zu Norbert Wiener, dem Mathematiker, der der Kybernetik ihren Namen gab: Steuerung, Regelung, Rückkopplung, Lernen in komplexen Systemen.

Wiener dachte in Signalen, Störungen, Reaktionen, Korrekturen. Ein System ist für die Kybernetik kein Kasten mit Zuständigkeiten. Es lebt durch Rückmeldung. Es nimmt wahr, vergleicht, korrigiert, lernt. Für eine Sicherheitsordnung, die mit Cyberangriffen, Drohnen, Sabotage, Desinformation, Terrorzellen, maritimen Verwundbarkeiten und kritischer Infrastruktur umgehen muss, ist das kein historischer Zierrat. Es ist ein anderer Begriff von Staatlichkeit.

Winfried Felser hat diesen Gedanken früh auf Organisationen, Netzwerke und Sicherheitsfragen übertragen. Die neuen Gefahren sind netzwerkartig. Also muss die Antwort selbst netzwerkfähig werden. Streitkräfte, Behörden, Unternehmen, Forschung, Kommunen und Betreiber kritischer Infrastruktur dürfen nicht länger als nebeneinanderliegende Kästen gedacht werden. Sie müssen wie ein lernendes System wirken.

Der Gegner besitzt kein Organigramm

Der Terror und die hybriden Angriffe der vergangenen Jahrzehnte haben westlichen Sicherheitsapparaten eine Lektion erteilt, die sie lange unterschätzten: Der Gegner hat selten die Form, auf die Verwaltungen eingestellt sind – Scherzchen. Er arbeitet in Zellen, in losen Verbindungen, in Milieus, in digitalen Räumen, in Lieferketten, in Hafenstädten, in Schattenfinanzierung, mit einfachen Mitteln und hoher Wirkung.

Ein Apparat, der darauf nur mit größeren Apparaten antwortet, gerät in Verzug. Er zählt Material, während der Gegner Beziehungen nutzt. Er pflegt Zuständigkeiten, während der Gegner Gelegenheiten verbindet. Er trennt innere und äußere Sicherheit, während hybride Akteure gerade diese Trennung ausnutzen.

Felser beschreibt in seinen Abhandlungen zum „Network Centric Warfare“ eine geistige Verschiebung: Die alte Logik des Kalten Krieges zählte Raketen, Panzer, Soldaten, Plattformen. Die neue Logik fragt nach Fähigkeiten, Zugang zu Fähigkeiten und ihrer Verbindung zum richtigen Zeitpunkt. Er greift dafür auch das Lawrence-von-Arabien-Bild auf: „I fight like Clausewitz, then you fight like Saxe.“ Gemeint ist der Wechsel von der klassischen Ordnungsschlacht zur beweglichen, indirekten, vernetzten Kriegführung.

Für Deutschland ergibt sich daraus eine unbequeme Frage: Kann ein Staat, der seine Sicherheitsarchitektur in Ressorts, Haushaltslinien, Rechtskreise und föderale Zuständigkeiten zerlegt hat, gegen Akteure bestehen, die solche Grenzen als Einladung begreifen?

Pointillismus als Lehre der Sicherheitsarchitektur

Ein Admiral brachte im Gespräch mit Felser für diese Denkweise eine Metapher aus der Malerei ins Spiel: Man müsse pointillieren. Der Begriff verweist auf den Pointillismus des späten 19. Jahrhunderts, auf Georges Seurat, Paul Signac, Henri-Edmond Cross, Maximilien Luce. Seurat setzte Farbpunkte so nebeneinander, dass aus der Distanz ein Bild entstand. „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“ ist dafür das berühmte Beispiel: Aus der Nähe Partikel, aus der Entfernung Ordnung. Signac führte diese Methode freier weiter, oft mit maritimen Motiven. Van Gogh gehört im strengen Sinn nicht zum Pointillismus. In Paris nahm er Anregungen des Neoimpressionismus auf, verwandelte sie aber in eine eigene Sprache aus Strichen, Wirbeln, Farbbahnen.

Die militärische Übersetzung liegt nahe. Eine Sicherheitsarchitektur besteht aus Punkten: ein Hafen, ein Rechenzentrum, eine Polizeidirektion, ein Krankenhaus, ein Ortsverband des Technischen Hilfswerks, ein Sensor, ein Funkmast, ein Lagezentrum, ein Cloud-System, eine Bahnbrücke, ein Bürgermeister, ein Reservist, eine Cyberforscherin, eine Schule, ein Energieversorger. Aus der Nähe wirken diese Punkte getrennt. Jeder hat Ort, Farbe, Aufgabe, Rechtsgrundlage. Aus der richtigen Distanz muss daraus ein Bild werden: Handlungsfähigkeit.

Pointillistisch gedacht ist der Staat kein Block. Er ist eine Komposition aus Punkten, deren Wirkung erst in der Beziehung entsteht. Der Fehler beginnt, sobald ein Punkt sich selbst für das Bild hält. Die Kunst liegt in der Komposition: Welche Punkte fehlen? Welche liegen zu weit auseinander? Welche müssen im Ereignisfall sofort verbunden werden? Welche Signale ergeben zusammen ein Muster, das einzeln unsichtbar bliebe?

Die duale Kompetenzorganisation als Sicherheitsprinzip

Felser formuliert in den Bremerhavener Überlegungen eine zentrale Organisationsidee: „Dual muss die neue Architektur des Kompetenznetz der Marine sein.“ Gemeint ist eine Verbindung aus dauerhaften Kompetenzzentren und aufgabenbezogenen Teams. Die Kompetenzzentren pflegen Wissen, Verfahren, Ausbildung, Standards und Kontakte. Die Aufgabenteams bilden sich aus dieser Basis heraus für konkrete Lagen.

Diese Idee lässt sich aus der Marine heraus auf das gesamtstaatliche Sicherheitsökosystem übertragen. Deutschland braucht dauerhafte Kompetenzzentren für Cyberabwehr, Drohnenabwehr, Bevölkerungsschutz, Logistik, Sanität, kritische Infrastruktur, Kommunikation, Desinformation, Energie, Häfen, Schiene, Schutzräume und analoge Rückfallebenen. Diese Zentren dürfen kein akademischer Vorrat sein. Sie müssen Daten, Übungen, Personal, Standards und Verbindungen pflegen.

Zugleich braucht das Land aufgabenbezogene Einsatzverbünde. Ein Cyberangriff auf einen Hafen verlangt andere Zusammensetzung als ein Drohnenüberflug an einem Flughafen, eine Sabotage an einer Bahnstrecke, eine Evakuierung nach Chemieunfall, ein Stromausfall in einer Großstadt oder eine Desinformationswelle vor einer Mobilmachung. Jedes Mal müssen andere Punkte des Bildes aktiviert werden. Jedes Mal muss ein anderes Team entstehen.

Die duale Architektur beantwortet eine Schwäche klassischer Behördenlogik. Dauerhafte Zuständigkeit schafft Stabilität, aber oft Trägheit. Reine Taskforces schaffen Geschwindigkeit, aber verlieren Wissen. Kompetenzzentren und Aufgabenteams zusammen erzeugen Gedächtnis und Beweglichkeit.

Öko-Logik gegen Ressortlogik

Felser spricht von einer „Öko-Logik“: Fähigkeiten liegen nicht isoliert vor, sie leben in Beziehungen. Ein Ökosystem besteht aus Wechselwirkungen. Übertragen auf Sicherheit heißt das: Eine Polizeidirektion ist mit Kommunen, Landesbehörden, Bundespolizei, Bundeswehr, Rettungsdiensten, Krankenhäusern, Energieversorgern, Telekommunikation, Medien und Bürgern verbunden. Ein Hafen ist Logistik, Zoll, Militär, Cyberraum, Energiepunkt, Wirtschaftsraum, Verwundbarkeit. Ein Krankenhaus ist Gesundheit, Strombedarf, IT-System, Personalfrage, Transportproblem, Bevölkerungsschutz.

Die Öko-Logik widerspricht der Ressortlogik nicht vollständig. Zuständigkeiten bleiben nötig. Rechtliche Trennung bleibt unverzichtbar. Doch die Wirkung entsteht in den Beziehungen. Das Sicherheitsökosystem 2030 muss daher mehr sein als ein neues Dachwort. Es muss die Regeln der Kopplung klären: Wer teilt Daten? Wer führt in welcher Lage? Wer darf welche Betreiber einbinden? Wer verbindet zivile und militärische Lagebilder? Wer übt den Übergang von Normalbetrieb zu Krisenbetrieb?

Die AFCEA-Debatte hat diese Frage bereits aus mehreren Richtungen geöffnet. Bernd König von Google Cloud Public Sector Deutschland stellte die Übungsfähigkeit des Staates in den Mittelpunkt. General Vollmer beschrieb Deutschland als Drehscheibe im Krisen- und Verteidigungsfall. Generalmajor Armin Fleischmann verdichtete die Aufgabe in der Formel, dass Sicherheit nicht in Silos entsteht. Christine Skropke von Secunet brachte Ausbildung und Personalmanagement in der Cybersicherheit ein. Ansgar Kaltwasser von CGI sprach über Zahnräder der Resilienz. Norbert Ahrend von Arvato Systems erinnerte an Papier, Radio und analoge Rückfallebenen. Dominik Freiherr von Wolff Metternich zeigte an Spezialfahrzeugen und Drohnenabwehr, dass Sicherheit Fläche, Mobilität und Mittelstand braucht.

Kybernetik dritter Ordnung: Der Staat beobachtet sein eigenes Beobachten

Kybernetik erster Ordnung fragt, wie ein System gesteuert wird. Kybernetik zweiter Ordnung fragt, wie der Beobachter das System mitprägt. Vieles davon war Camouflage. ichsagmal.com-Lesenden sind die Storys bekannt. Kybernetik dritter Ordnung geht einen anderen Weg. Sie fragt, wie Systeme ihre eigenen Beobachtungsweisen, ihre eigenen Regeln, ihre eigene Lernfähigkeit verändern. Für Sicherheitspolitik ist das entscheidend.

Ein Lagezentrum beobachtet nicht einfach die Wirklichkeit. Es entscheidet, welche Daten zählen, welche Warnungen hochgestuft werden, welche Akteure Zugang bekommen, welche Abweichung als Störung gilt. Eine Behörde sieht die Lage durch ihre Rechtslogik. Ein Unternehmen sieht sie durch Betriebsrisiken. Eine Kommune sieht sie durch Straßen, Schulen, Keller, Menschen. Die Bundeswehr sieht Marschwege, Versorgung, Schutz, Bündnisverpflichtung. Der Bürger sieht Strom, Wasser, Familie, Mobilfunk, Gerüchte.

Kybernetik dritter Ordnung verlangt, diese Beobachtungsweisen selbst zum Gegenstand der Sicherheitsarchitektur zu machen. Deutschland muss nicht nur Lagebilder bauen. Es muss fragen, welche Wirklichkeit seine Lagebilder erzeugen. Es muss nicht nur Übungen durchführen. Es muss prüfen, ob Übungen die falschen Gewissheiten bestätigen. Es muss nicht nur Datenräume einrichten. Es muss klären, welche Akteure darin zu spät erscheinen. Das ist politisch anspruchsvoll. Denn ein Staat lernt erst dann wirklich, wenn er seine eigenen Fehlfunktionen nicht als Ausnahmen behandelt, sondern als Signale zur Änderung seiner Struktur.

Christensen im Pentagon: Disruption als Organisationsschock

Clayton Christensen, der große Theoretiker der disruptiven Innovation, war in gewisser Weise ein Schumpeter-Forscher der Neuzeit. Er zeigte, wie neue Akteure etablierte Organisationen nicht frontal angreifen, sondern von einfachen, scheinbar weniger anspruchsvollen Aufgaben her aufsteigen. Seine berühmte Mini-Mill-Logik aus der Stahlindustrie wurde im Pentagon zu einer sicherheitspolitischen Diagnose.

Christensen schildert, wie ihn Verteidigungsminister William Cohen in der Regierungszeit von Bill Clinton ins Pentagon bat. Dort sprach er vor rund 45 Führungspersonen, darunter der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff sowie Spitzenvertreter von Army, Navy und Air Force. Christensen erklärte disruptive Innovation am Beispiel der Stahlindustrie: Mini-Mills begannen am unteren Ende des Marktes mit einfachem Betonstahl und stiegen Schritt für Schritt auf. General Shelton übertrug das Modell auf Sicherheit: Das anspruchsvollste Marktsegment, der hochwertige Stahl, entsprach in dieser Analogie dem russischen Gegner. Die integrierten Stahlkonzerne standen für das Verteidigungsministerium. Das untere Marktsegment stand für Terrorismus. Die Mini-Mills wurden zu nichtstaatlichen Akteuren wie Al-Qaida, die von unten aufsteigen.

Die entscheidende Frage aus dem Pentagon lautete: Wie überlebt eine große Organisation, wenn sie von unten disruptiv angegriffen wird? Christensens Antwort war organisatorisch: Erfolgreiche etablierte Organisationen schufen getrennte Einheiten mit eigenen Prozessen, Kostenstrukturen und Arbeitsweisen. Cohen rief Christensen später an und verwies auf die Entscheidung, eine eigene Organisation für den Kampf gegen Terrorismus aufzubauen. Das Modell habe eine gemeinsame Sprache geliefert, mit der ein jahrelanger Streit gerahmt werden konnte.

Diese Episode hat Nachrichtenkraft für Deutschland. Nicht jeder neue Bedrohungstyp verlangt eine neue Behörde. Doch viele Lagen verlangen andere Kopplungen, andere Prozesse, andere Zeitmaße. Terror, Cyberangriffe, Drohnen, Sabotage, Desinformation, maritime Verwundbarkeit und Angriffe auf kritische Infrastruktur sind keine nachgeordneten Störungen des alten Systems. Sie können von unten her in den Kern staatlicher Handlungsfähigkeit aufsteigen.

Anti-Terror-Zellen und Anti-Kriegszellen als demokratische Einsatzform

Aus dieser Logik ergeben sich Anti-Terror-Zellen und Anti-Kriegszellen als Organisationsfigur. Der Begriff darf nicht nach Nebenstaat klingen. Gemeint sind rechtlich klare, zeitlich begrenzte, parlamentarisch kontrollierbare, lagebezogene Einheiten. Sie ziehen Cyberanalyse, Polizeilagen, Bundeswehrverbindung, Betreiberwissen, kommunale Erfahrung, Logistik, Kommunikation und Rechtsprüfung zusammen.

Eine solche Zelle umgeht nicht die Institutionen. Sie verkürzt den Regelkreis zwischen Signal, Bewertung, Entscheidung und Handlung. Sie ist eine Antwort auf Lagen, die schneller sind als klassische Abstimmungsrunden. Ihre Stärke liegt in der Kombination. Pointillistisch gesprochen bringt sie vorhandene Punkte für eine konkrete Lage in eine wirksame Konstellation. Kybernetisch gesprochen erzeugt sie Rückkopplung in Echtzeit.

Für Deutschland wäre das ein Kulturwechsel. Der Staat müsste lernen, temporäre Verbünde nicht als Misstrauen gegen bestehende Behörden zu sehen. Er müsste sie als Form organisierter Anschlussfähigkeit begreifen. Die Voraussetzung bleibt demokratische Kontrolle. Gerade weil solche Zellen schnell wirken sollen, müssen Mandat, Dauer, Datenzugriff, Verantwortlichkeit und Auswertung vorher geregelt sein.

Network Centric Warfare für die Republik

Network Centric Warfare war ursprünglich militärisch geprägt: Sensoren, Führungsstellen, Plattformen und Wirkmittel werden so verbunden, dass Geschwindigkeit und Präzision steigen. Doch die gesamtstaatliche Variante reicht weiter. Ein Sicherheitsökosystem müsste Sensoren der Polizei, Daten der Betreiber, Lagewissen der Kommunen, Fähigkeiten der Bundeswehr, Warnwege des Bevölkerungsschutzes, Expertise der Wirtschaft und Rückmeldungen aus der Bevölkerung verbinden.

Das darf keine technokratische Fantasie werden. Ein Netzwerk ist nicht automatisch klug. Es kann falsche Daten verbreiten, Verantwortlichkeiten verwischen, Abhängigkeiten erzeugen, Überwachung ausweiten, Entscheidungen entkernen. Deshalb braucht das Sicherheitsökosystem rechtliche Bindung, klare Führung, begrenzte Datenzugriffe, Übungen und öffentliche Legitimation.

Felsers duale Kompetenzorganisation kann hier zur Arbeitsform werden. Kompetenzzentren sichern Wissen und Standards. Aufgabenzentren handeln lagebezogen. Kybernetik sorgt für Rückkopplung. Pointillismus liefert die Bildlogik. Christensen warnt vor disruptiven Gegnern von unten. Das zusammen ergibt einen politisch handhabbaren Begriff von Sicherheitsreform.

Die Republik muss schneller lernen als ihre Störungen

Dobrindts Milliardenprogramm für den Zivilschutz, neue Spezialfahrzeuge, Feldbetten, Schutzraumkataster, Notvorräte, Ausbildungsstandards und Zivilschutzunterricht an Schulen passen in dieses Bild. Geld kann Material schaffen. Lernen entsteht erst, wenn das Material in Regelkreise eingebaut wird. Wer kauft, muss üben. Wer warnt, muss prüfen, ob gewarntes Verhalten entsteht. Wer Schutzräume digital sichtbar macht, muss klären, wer sie öffnet, beschildert, sichert, belüftet, erklärt. Wer Spezialfahrzeuge beschafft, muss wissen, wer fährt, wer führt, wer funkt, wer wartet.

Die Republik hat viele Punkte. Sie hat zu wenige Kompositionen. Sie hat viele Sensoren. Sie hat zu wenig Rückkopplung. Sie hat viele Kompetenzen. Sie hat zu wenige Aufgabenarchitekturen. Sie hat viele Warnungen. Sie hat zu wenig geübtes Verhalten.

Eine kybernetische Sicherheitsarchitektur würde aus Störungen lernen. Ahrtal wäre nicht nur Erinnerung, sondern Änderung der Meldekette. Stromausfälle wären nicht nur Krisenereignisse, sondern Test der analogen Rückfallebenen. Drohnenüberflüge wären nicht nur Polizeifälle, sondern Übungsanlass für Bund, Länder, Betreiber und Bundeswehr. Cyberangriffe wären nicht nur IT-Lagen, sondern Personal-, Ausbildungs- und Kommunikationsfragen.

Das Sicherheitsökosystem als lernende Republik

Das Sicherheitsökosystem 2030 braucht den Mut, alte Kategorien zu verschieben. Innere und äußere Sicherheit bleiben rechtlich getrennt, teilen sich aber dieselbe Wirklichkeit. Ein Hafen, ein Krankenhaus, ein Rechenzentrum, eine Schule, ein Funkmast, ein Umspannwerk und ein Bahnhof können in wenigen Stunden ihren Charakter wechseln. Alltag wird Infrastruktur. Infrastruktur wird Ziel. Ziel wird Lage. Lage verlangt Führung.

Felser, Wiener, Christensen und die pointillistische Denkfigur führen zu einer gemeinsamen Einsicht: Sicherheit entsteht aus Verbindung und Lernen. Der Staat muss seine Punkte kennen, seine Regelkreise schließen, seine Kompetenzzentren pflegen, seine Aufgabenteams vorbereiten, seine Beobachtungsweisen prüfen. Er muss Störungen als Signale behandeln und seine Struktur ändern, bevor die nächste Lage ihn dazu zwingt.

Die Republik braucht deshalb kein weiteres Sicherheitswort als Schmuck. Sie braucht ein Nervensystem. Es muss sehen, hören, fühlen, leiten, lernen. Es muss dezentral genug sein, um die Fläche zu erreichen, und verbunden genug, um Wirkung zu erzeugen. Es muss rechtlich gebunden bleiben und operativ schneller werden. Es muss Kompetenz speichern und Aufgaben beweglich lösen.

Aus den Punkten der Republik muss ein Bild entstehen. Aus Signalen muss Rückkopplung werden. Aus Zuständigkeit muss Wirkung werden. Das ist die politische Aufgabe hinter dem Sicherheitsökosystem 2030.

Siehe auch:

Vigilanz, Pre-Crime und die neue Grammatik der Sicherheit

Seit der EU-AI-Act den Risikobegriff zum regulatorischen Dreh- und Angelpunkt gemacht hat, wird „Risiko“ zur öffentlichen Leitvokabel: in Ministerien, Unternehmen, Behörden, Ethikkommissionen. Wer von KI spricht, spricht sofort von Risikoklassen, Prüfpfaden, Kontrollpflichten. Die Technik wirkt wie ein Magnet, der alles anzieht, was nach Steuerung aussieht.

In dieses Klima passt der Springer-Sammelband „Risikoanalyse Künstliche Intelligenz“ (Hrsg. Maximilian Wanderwitz, 2026) als Inventur auf 424 Seiten: Theorie, Ethik, Technologie, Regulierung, Anwendungen in einzelnen Sektoren. Schon das Vorwort setzt den Rahmen: technische Fortschritte und der AI-Act verschärfen die Debatte, zugleich wächst KI in immer mehr Lebensbereiche hinein.

Das Buch liefert Material und Ordnung. Sein eigentlicher Reiz entsteht dort, wo es unbeabsichtigt zum Seismographen wird: Zwei Kapitel zeigen, wie schnell aus einem technischen Instrument eine politische Form wird. Christian Hummert führt ein Wort ein, das die Sicherheitskultur neu sortiert: Vigilanz. Wirth, Maftei, Hilpert, Goltz und Merget zeigen, wie diese Logik in Sicherheitsbehörden als Pre-Crime und als generative Ermittlungsassistenz Gestalt annimmt.

Vigilanz als Erstschlag der Verteidigung

Hummerts Kapitel beginnt mit einer Zeitdiagnose: Immer mehr Aufgaben werden an statistische Verfahren delegiert, von Tumorerkennung über Cyberabwehr bis Gesichtserkennung. Damit rücken Felder in den Vordergrund, in denen Grundrechte berührt werden, während der Verteidigungssektor in der EU-Regulierung weitgehend ausgespart bleibt.

Dann setzt er das begriffliche Messer an: Resilienz wird im Diskurs oft als Fähigkeit beschrieben, Angriffe zu überstehen und Systeme wiederherzustellen. Hummert rekonstruiert den Resilienzbegriff über die klassischen Phasen Resistenz, Regeneration, Rekonfiguration, samt Baum-im-Sturm-Analogie und den Verwandten Antifragilität und Prosilienz.

Der Bruch folgt mit dem vierstufigen Modell, in dem Vigilanz vor Resilienz steht. Vigilanz wird zur ersten Schicht: erkennen, vorhersagen, vorbereiten, vermeiden. Hummert überträgt das in den Cyber- und Informationsraum und fragt, ob daraus eine cybervigilante Gesellschaft werden kann.

Hier wirkt „Vigilanz“ wie eine begriffliche Aufrüstung. Man verteidigt nicht mehr nur Systeme, man verteidigt Zeit. Wer früher erkennt, wer früher antizipiert, wer früher vorbereitet, verschiebt den Konflikt in ein Vorfeld, in dem der Angreifer Aufwand treiben muss.

Delegation macht Systeme wach, Menschen schläfrig

Die entscheidende Verschärfung kommt dort, wo Hummert die operative Realität beschreibt: Menschen können Cyberangriffe im Netzwerkstrom nicht erkennen, auch ausgebildete Fachleute nicht. Detektion ist für sie „nicht realisierbar“, Verantwortung wandert an Maschinen. Der Vergleich mit Brandmeldern erklärt die Differenz: Feuer bleibt prinzipiell sinnlich wahrnehmbar, Cyberangriffe entziehen sich der menschlichen Wahrnehmung.

Damit öffnet sich ein Verantwortungsloch. Hummert referiert die verbreitete Position, dass unbelebte Objekte keine Verantwortung übernehmen können. Daraus folgt eine Forderung: Maschinen sollen Menschen unterstützen, selbst vigilant zu bleiben. Und dann stellt er die Frage, die man in vielen KI-Debatten umgeht, weil sie den Fortschrittsoptimismus stört: Passiert das wirklich?

Die Antwort kommt mit empirischer Schärfe. Studien zeigten, dass die Übertragung von Vigilanz auf Maschinen die menschliche Vigilanz schwächt: Vertrauen wächst, eigene Wachsamkeit lässt nach. In hochkritischen Anwendungen wie Reaktorsicherheit bleibt daher aktive menschliche Beteiligung erforderlich, um Vigilanz zu erhalten.

Hummert führt dieses Muster in den Informationsraum. Auch das Erkennen von Fake News und Propaganda wird an Maschinen delegiert; immer mehr Texte entstehen durch große Sprachmodelle. Der Leser ahnt, was folgt: Eine Gesellschaft, die maschinell erzeugte Überzeugung mit maschineller Detektion bekämpft, gewöhnt sich daran, Wahrheit als Ausgabewert zu konsumieren.

Pre-Crime als Verwaltungsform der Zukunft

Kapitel 16 setzt an einem kulturellen Bild an: „Minority Report“ als Folie. Der Text behauptet, unsere Gegenwart sei diesem Szenario näher gerückt, als es der Film 2002 erwarten ließ. Dann folgen die Leitfragen: Wie gerecht ist Strafe vor der Tat? Welche Fehlbarkeit wird toleriert? Wie viel Freiheit wird zugunsten von Sicherheit aufgegeben?

Die technische Übersetzung trägt den Titel „Pre-Crime durch KI“. KI-basierte Polizeitools berechnen Wahrscheinlichkeiten künftiger krimineller Aktivitäten. Sie sollen Entscheidungen unterstützen: wo patrouilliert wird, welche Kontexte überwacht werden, welche Personen in den Blick geraten. Die Datenbasis liest sich wie ein Katalog der modernen Verwaltung: Verhaftungs- und Vorfallprotokolle, geokodierte Anzeigen, Notrufprotokolle, Verurteilungsdaten, teils Social-Media-Aktivitäten; ergänzt um Geographie, Wetter, Ereignisse, sozioökonomische Indikatoren, dazu Echtzeitsensorik wie CCTV oder Kennzeichenleser.

Die Autoren mahnen, dass es sich um Wahrscheinlichkeiten handelt. Zugleich benennen sie, wohin die Logik führt: Menschen werden anhand statistischer Korrelationen kategorisiert, ein Schritt in Richtung „aktuarischer Justiz“. Hier wird Technik zur Staatslogik: Der Bürger erscheint als Risikofigur, die Verwaltung als Maschine der Wahrscheinlichkeiten.

Chat-All-Crime: Der Ermittler als Prompt-Schreiber

Besonders zeitgenössisch wirkt das Szenario „Chat-All-Crime“. Der Text entwirft einen ChatGPT-ähnlichen Assistenten, trainiert auf multimodalen Daten: Polizeiberichte, Statistiken, Medienberichte, Social Media, abgefangene Gespräche in Dialekten. Er soll OSINT- und SOCMINT-Analysen liefern, Risikowerte und Ranglisten ausgeben, Patrouillen-Routen vorschlagen, Berichte generieren, Szenarien simulieren.

Die Attraktion liegt auf der Hand: Geschwindigkeit, Überblick, scheinbare Objektivität. Das Risiko ebenfalls. Der Text nennt Halluzinationen als Hauptrisiko, weil sie Inkriminierung und falsche Verhaftung beschleunigen können: erfundene Gang-Zugehörigkeiten durch missverstandenen Slang, falsch identifizierte Komplizen, „abgerufene“ Beweise, die nie existierten.

An dieser Stelle treffen sich Kapitel 3 und 16 wie zwei Zahnräder. Hummert zeigt, wie Delegation menschliche Wachsamkeit reduziert. Kapitel 16 zeigt, wie generative Systeme Fehler produzieren, die durch ihre Plausibilität sozialen und juristischen Schaden anrichten können. Vertrauen wird zur Angriffsfläche.

Safe by Design als Parlamentsarbeit

Das Kapitel endet mit einer politischen Setzung, die im Sammelband selten so klar formuliert wird: Eine vertrauenswürdige KI-Zukunft „safe by design“ sei eine Aufgabe der Politik. Sicherheitsbehörden entwickelten kaum eigene Rahmen, sie arbeiten in vorgegebenen. Daraus leitet der Text klare gesetzliche Vorgaben und Richtlinien ab, die Qualität und Sicherheit verbindlich regeln.

In einem weiteren Abschnitt stellt das Kapitel zwei Zukunftsbilder gegenüber: ein maximal überwachtes Stadtquartier mit Risikoprofilen und proprietären Algorithmen, gegenüber einem Szenario mit Transparenz, Prüfungen und begrenzter Datenerfassung. Die Frage nach Freiheit und Sicherheit wird als Gestaltungsfrage präsentiert, nicht als Naturgesetz.

Was dieser Band aus Versehen verrät

Wanderwitz’ Sammelband will Risiken kartieren. In den Kapiteln von Hummert und von Wirth et al. wird sichtbar, dass sich das Risikodenken selbst in eine Form von Politik verwandelt. Vigilanz ist das Wort dafür: Vorzeichen lesen, Angriffe antizipieren, Zeit gewinnen. Pre-Crime ist die administrative Umsetzung: Rohdaten werden zu Risikowerten, Risikowerte werden zu Maßnahmen.

Die Lektüre hinterlässt eine Frage, die in der deutschen Debatte oft als Randthema behandelt wird, obwohl sie in die Verfassung hineinragt: Wer kontrolliert eine Ordnung, die Zukunft berechnet, bevor sie geschieht?