Nach der Abrissbirne: Was Ulf Poschardt beim based Podcast meets taz lab sichtbar machte @ulfposh @based_medien @JafJan @taz_lab

Die Versuchsanordnung: Poschardt bei der taz

Was passiert, wenn man Ulf Poschardt, „Welt“-Herausgeber und Autor von Shitbürgertum, bei der taz vor ein linkes Publikum setzt? Einen Mann also, der öffentlich erklärt hat, er glaube nicht mehr ans Brückenbauen, sondern sei dabei, Brücken abzureißen – ausgerechnet an einem Ort, der wie kaum ein anderer vom Mythos des linken Gesprächs, der Gegenöffentlichkeit und des publizistischen Widerspruchs lebt?

Genau diese Versuchsanordnung haben Dominik Steffens, Benjamin Scherp und Jan Feddersen beim based Podcast meets taz lab hergestellt: nicht als Tribunal, nicht als Talkshow-Schlacht, sondern als Experiment. Kann man mit jemandem reden, der erklärtermaßen vier Fünftel dessen kaputt machen will, was in diesen Milieus verhandelt wird? Und wichtiger noch: Was erfährt man, wenn man es tatsächlich tut? Die erste Antwort lautet: Man kann. Die zweite ist komplizierter. Denn die eigentliche Frage beginnt erst nach dem Gespräch.

Jan Feddersen und die Kunst des produktiven Widerspruchs

Jan Feddersen war in dieser Runde mehr als Moderator oder taz-Zeremonienmeister. Er stand für eine alte linke Tugend, die heute fast altmodisch wirkt: Man muss nicht einer Meinung sein, um sich für die Gedanken des anderen zu interessieren. Feddersen formulierte das nicht defensiv, sondern mit der Gelassenheit eines Redakteurs, der schon genug Lagerkämpfe gesehen hat, um sich vor Reibung nicht zu fürchten.

Er sagte sinngemäß: Ich teile fast nichts von dem, was Poschardt sagt, aber ich lese ihn trotzdem. Nicht aus Masochismus, sondern weil der kluge Widerspruch produktiver ist als das nächste Selbstgespräch. Genau darin lag der republikanische Kern der Veranstaltung.

Poschardts Diagnose: Die Brücken tragen nicht mehr

Poschardt lieferte, was man von ihm erwartet – und gerade deshalb auch nicht. Er kam nicht als Versöhner, sondern als Abrissunternehmer. Er sprach von dysfunktionalen Brücken, von falschen Verbindungen, von Milieus, die sich nur noch gegenseitig bestätigen. Die taz sei großartig, wenn sie Unerwartetes tue; schwer auszuhalten werde sie dort, wo sie nur noch die Blasenlogik einer ökologisch-moralischen Regierungsvernunft verkörpere. Das ist grob, unfair, zugespitzt – und nicht einfach falsch.

Der treffendste Punkt seiner Intervention liegt dort, wo er der Linken ihre fehlende Selbstkritik vorhält. Eine Linke, die Macht, Klasse, Habitus und Privilegien überall analysiert, nur nicht bei sich selbst, verliert ihre beste Tradition. Sie wird moralisch, wo sie materialistisch sein müsste. Sie wird pädagogisch, wo sie politisch sein müsste. Sie erkennt die Pose der Bürgerlichkeit bei anderen, aber nicht die eigene Heroisierung einer bourgeoisen Moralelite.

An dieser Stelle trifft Poschardts Polemik einen wunden Punkt. Nicht, weil sie immer gerecht wäre. Sondern weil sie an etwas rührt, das viele spüren: Der linksliberale Betrieb hat sich an vielen Stellen eine Sprache der Selbstbestätigung gebaut, in der Widerspruch zwar beschworen, aber selten wirklich ausgehalten wird.

Schrebergärten als politische Metapher

Das gilt auch für Poschardts Kritik am Schrebergarten-Spießertum – und das sage ich als Schrebergartenkind. Man braucht nur entlang der Bahnstrecke zwischen Bonn Hauptbahnhof und Bad Godesberg zu schauen: Plastikplanen, Wellblech, Zaunreste, private Parzellen, improvisierte Zweckarchitektur. Abgrenzung statt Stadtpark. Kunststofffolie statt Waldduft. Kleinnutzen statt öffentlicher Schönheit.

Das Problem ist nicht der Garten. Das Problem ist die Verwandlung von Stadtraum in abgezäunte Privatbehaglichkeit. Der Schrebergarten wird dann zur politischen Metapher: Jeder verteidigt seine kleine Ordnung, niemand denkt mehr die gemeinsame Form.

Poschardt überzeugt an solchen Stellen, weil seine Kritik ästhetisch und politisch zugleich funktioniert. Er greift nicht nur ein Argument an, sondern eine Lebensform. Er attackiert das Kleine, Enge, Verwaltete, Reglementierte – und trifft damit linke, konservative und liberale Spießigkeit gleichermaßen.

Die entscheidende Frage: Was kommt nach dem Kaputtmachen?

Aber genau hier beginnt die Schwäche von Poschardts Denken. Denn eine gute Polemik ersetzt noch keine politische Architektur. Was passiert nach dem Kaputtmachen? Was kommt nach Crash, Disruption und Abrissbirne?

Über das Spießertum von links und rechts und die Komplettverblödung des politischen Diskurses kann man sich lange und erregt unterhalten. Vieles davon ist richtig. Vieles ist sogar notwendig. Aber irgendwann muss die Frage folgen: Was ergibt sich daraus institutionell, sozial, ökonomisch, rechtlich?

Welche Maßnahmen stehen nach dem Abriss? Welche Ordnung soll an die Stelle der verachteten Routinen treten? Welche Institutionen müssen gestärkt, welche reformiert, welche tatsächlich abgeschafft werden? Und wie verhindert man, dass die Lust an der Zerstörung am Ende nur denjenigen nutzt, die gar keine bessere Republik wollen?

Schumpeter ist keine Abrissgenehmigung

Der ständige Verweis auf Joseph Schumpeter hilft hier nur begrenzt. Schumpeter ist nicht Rio Reiser mit wirtschaftstheoretischem Fußnotenapparat. „Schöpferische Zerstörung“ meint bei ihm gerade nicht Zerstörung um ihrer selbst willen. Sie beschreibt eine Dynamik, in der alte Produktionsweisen, Unternehmen, Institutionen und Marktordnungen verdrängt werden, weil neue Verfahren, neue Technologien und neue Organisationsformen überlegen sind.

Disruption ist bei Schumpeter kein Gefühl, sondern ein Prozess. Sie hat Akteure, Anreize, Institutionen und Folgekosten. Sie bringt nicht automatisch Freiheit hervor. Sie kann auch Konzentration, Monopol, Oligarchie und politische Entleerung produzieren.

Gerade deshalb reicht es nicht, die alte Ordnung verächtlich zu machen. Man muss sagen, welche neue Ordnung an ihre Stelle treten soll.

Der ordnungspolitische Einwand

Hier liegt der ordnungspolitische Einwand gegen Poschardt. Wenn man Schumpeter ernst nimmt, muss man auch Ludwig Erhard ernst nehmen. Der Kapitalismus zerstört, ja. Aber die soziale Marktwirtschaft war der Versuch, diese Dynamik in Regeln zu fassen: Wettbewerbsrecht, Kartellkontrolle, offene Märkte, Eigentum, Haftung, Aufstiegschancen, Begrenzung ökonomischer Macht.

Erhard reagierte nicht mit Kulturkampf auf die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus, sondern mit Ordnungspolitik. Nicht: Lasst alles krachen. Sondern: Schafft eine Ordnung, in der Innovation nicht zur Herrschaft der Stärksten verkommt.

Genau diese Ebene bleibt bei Poschardt oft unterbelichtet. Er erkennt die Erstarrung, die Floskeln, die moralische Selbstversicherung, die staatstragende Sprache einer Klasse, die sich progressiv nennt und doch häufig nur ihre eigene Stellung verwaltet. Aber er wird ungenauer, sobald aus Diagnose Regierungskunst werden müsste.

Schloss Bellevue als Pointe, nicht als Programm

Seine Idee, Schloss Bellevue in eine Problemschule umzuwandeln, ist eine gelungene Volte. Sie ist witzig, symbolisch, sogar auf eine Weise richtig. Bildung wäre tatsächlich der bessere republikanische Ernstfall als die nächste salbungsvolle Bundespräsidentenrede. Ein Land, das über seine Zukunft reden will, müsste zuerst über seine Schulen reden: über Aufstieg, Disziplin, Sprache, Leistungsversprechen, Verwahrlosung, Migration, Bildungsbürgerlügen und die soziale Sortiermaschine des deutschen Schulsystems.

Aber als politisches Programm bleibt die Bellevue-Pointe zu wenig. Sie ist Kabarett mit Verfassungsrandnotiz. Sie zeigt, wohin Poschardt will: runter vom hohen Ross, raus aus der staatstragenden Rhetorik, rein in die materiellen Probleme. Doch sie beantwortet nicht, wie man diese Probleme politisch löst.

Was die Runde leistete

Gerade deshalb war diese Runde gelungen. Dominik Steffens und Benjamin Scherp stellten nicht die bequemste, sondern die entscheidende Frage: Was ist dein Angebot? Nicht: Darf Poschardt das sagen? Nicht: Ist das zu hart? Sondern: Was folgt daraus?

Jan Feddersen wiederum zeigte, dass Gespräch nicht Konsens bedeutet. Man kann Poschardt widersprechen, ohne ihn auszuladen. Man kann seine Kritik ernst nehmen, ohne seinen Gestus zu übernehmen. Und man kann anerkennen, dass manches an seiner Analyse stimmt, ohne sich von seiner Abrisslust politisch hypnotisieren zu lassen.

Vielleicht war das der produktivste Moment dieses Abends: nicht die Provokation selbst, sondern ihre Begrenzung. Poschardt zwingt linke Milieus, sich zu fragen, ob sie noch lernen können. Das ist nötig. Aber er muss sich umgekehrt fragen lassen, ob seine Disruption mehr ist als die Lust, im erschöpften Betrieb die Scheiben einzuwerfen.

Die Linke muss sich selbst wieder zum Gegenstand machen

Für die Linke liegt in dieser Begegnung eine Zumutung, aber auch eine Chance. Sie muss nicht Poschardt folgen. Sie muss auch nicht seinen Ton übernehmen. Aber sie sollte die Frage ernst nehmen, warum ihre eigenen Institutionen, Codes und Milieus für so viele Menschen nicht mehr nach Befreiung klingen, sondern nach Verwaltung, Belehrung und Statussicherung.

Eine Linke, die sich selbst nicht mehr analysiert, hört auf, links zu sein. Sie wird Milieu. Sie wird Geschmack. Sie wird moralische Binnenkommunikation. Gerade deshalb braucht sie wieder mehr materialistische Kälte gegenüber sich selbst: Wer spricht? Aus welcher Position? Mit welchem kulturellen Kapital? Mit welchen Interessen? Und wer wird durch die eigene Sprache eigentlich ausgeschlossen?

Das wäre keine Übernahme von Poschardts Programm. Es wäre die Rückkehr zu einer Linken, die ihre eigenen Werkzeuge wieder auf sich selbst anwendet.

Nicht jede Brücke verdient Rettung

Am Ende braucht eine Republik nicht nur Leute, die falsche Brücken sprengen. Sie braucht Leute, die tragfähige bauen können. Nicht jede Brücke ist gut. Manche verbinden tatsächlich das Falsche. Manche stabilisieren Selbstbetrug. Manche führen zurück in alte Milieus, alte Phrasen, alte Sicherheiten.

Aber eine Politik, die nach dem Abriss nichts als Verachtung anbietet, baut keine Zukunft. Sie räumt nur die Bühne frei. Vielleicht lässt sich der Talk am Ende zwischen Jürgen Habermas und Friedrich Kittler begreifen. Von Habermas bleibt die Zumutung, dass Demokratie mehr sein muss als die Sortierung in Lager: der zwanglose Zwang des besseren Arguments, also die Bereitschaft, sich im Streit noch von Gründen treffen zu lassen.

Von Kittler bleibt der Verdacht, dass der Geist dort am bequemsten wird, wo er seine eigenen Apparate, Medien und Routinen nicht mehr erkennt. Genau da lag die Pointe dieser Runde: Poschardt zwingt linke Milieus, ihre eigenen Sprechmaschinen, Reflexe und moralischen Sicherheiten zu prüfen. Aber auch seine Abrisslust muss sich dem besseren Argument stellen. Denn wer nur kaputt macht, bleibt im Gestus stecken. Eine demokratische Öffentlichkeit braucht Streit, Störung und Dekonstruktion – aber am Ende auch Institutionen, Regeln und Räume, in denen aus Widerspruch mehr wird als Lärm.

Die Fettwelle: Was Oliver Schwarz von Testo der Republik über Aufstieg, Alltag und den Mut zur Anwendung erklärt

Der deutsche Mittelstand verliert Höhe – und merkt es oft erst an der Marge

Die große Schwäche des deutschen Mittelstands beginnt selten mit einem Knall. Sie beginnt mit Gewohnheit. Mit Abläufen, die seit Jahren irgendwie funktionieren. Mit Kosten, die man für normal hält. Mit einer Technik, die noch läuft und gerade deshalb nicht ersetzt wird. Die neue Gemeinschaftsstudie von KfW Research und ZEW Mannheim hat diese Trägheit in Zahlen gegossen: Der Mittelstand gab zuletzt nur noch 23,8 Milliarden Euro für Digitalisierung aus, 8,1 Milliarden Euro weniger als in der Vorperiode, preisbereinigt 8,6 Milliarden. Zugleich sank der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben von 35 auf 30 Prozent. Fünf Prozentpunkte weniger Fortschritt in einer Phase, in der Produktivität zur Schicksalsfrage geworden ist.

Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, und Irene Bertschek, Digitalökonomin am ZEW Mannheim und an der Universität Gießen, haben damit mehr beschrieben als eine Investitionsdelle. Sie zeigen eine neue Teilung der Wirtschaft. Oben die Firmen, die Daten, Software und Prozesse bereits in Betrieb genommen haben. Unten die Betriebe, die Digitalisierung noch immer wie einen Sonderfall behandeln. Bertscheks Befund trifft hart: Zehn Prozent mehr digitaler Kapitalstock heben die Produktivität im Durchschnitt um 0,159 Prozent. Bei den bereits stark digitalisierten Unternehmen bringt derselbe Schritt 0,808 Prozent. Fast der fünffache Hebel. Wer bereits gelernt hat, mit Daten zu arbeiten, beschleunigt. Wer noch tastet, schleppt.

Die Zukunft zischt im Frittierbecken

An dieser Stelle betritt Oliver Schwarz die Bühne. Kein Vordenker aus der Folienwelt, kein Prophet der Plattformökonomie, kein Mann für aufgepumpte Zukunftssätze. Schwarz arbeitet bei Testo, einem Mittelständler aus dem Schwarzwald, seit Jahrzehnten in der Messtechnik zu Hause, längst erweitert um Software und digitale Dienste. Im Smarter Service Talk erzählt er eine Geschichte, die klein anfängt und groß endet: beim Frittieröl in Großküchen.

Schwarz nennt dieses Öl „eines der teuersten Assets“ in solchen Betrieben. In dem Satz steckt die ganze Verschiebung des Blicks. Was der Gast als beiläufigen Teil einer Portion Pommes erlebt, ist für den Betreiber Kostenstelle, Qualitätsfaktor, Gesundheitsfrage und Regulierungsproblem zugleich. Das Öl darf nicht kippen. Es soll nicht zu früh verschwinden. Es muss im richtigen Zustand bleiben. Wer das im Bauchgefühl verwaltet, zahlt Lehrgeld. Wer es misst, gewinnt Spielraum.

Wenn zu frisches Öl auch keine gute Nachricht ist

Schwarz erzählt den Fall mit sichtbarer Freude an der Sache. Gerade das macht ihn stark. Denn seine Geschichte lebt von einem Widerspruch, den man in Wirtschaftsseminaren selten so hübsch serviert bekommt: Altes Öl ist schlecht. Neues Öl ist auch nicht automatisch gut. Zu spät gewechselt, sinken Qualität und Sicherheit. Zu früh gewechselt, schmeckt das erste Produkt nicht richtig, weil das Öl „seinen Geschmack“ noch nicht entfaltet hat. Das perfekte Öl lebt im Zwischenreich. Dort, wo Gefühl bisher herrschte, rückt bei Testo die Messung ein.

Gemessen werden die sogenannten Total Polar Materials, Stoffe, die sich bei längerer Erhitzung bilden und den Zustand des Öls sichtbar machen. Testo zeichnet diese Werte auf und erstellt daraus Vorhersagen. Schwarz sagt, man habe „ein Modell trainiert“, um zu erkennen, wann das Öl schlechter wird und mit welcher Rate. Das klingt technisch. In Wahrheit ist es eine kleine Befreiungstat. Denn auf einmal läuft der Betrieb nicht mehr gegen die Uhr, er läuft gegen einen präzisen Grenzwert.

Die große Ökonomie der kleinen Portion

Dann kommt der Satz, der aus der Küchenlogik eine Lehre für die ganze Volkswirtschaft macht. Beim Herausnehmen einer Portion Pommes, sagt Schwarz, werde immer auch eine gewisse Menge Öl mit aus dem Behälter genommen. Das Team habe erkannt, dass genau darin ein Hebel steckt. Wenn die richtige Menge regelmäßig entnommen und nachgefüllt wird, muss das Öl „gar nicht“ oder jedenfalls deutlich später komplett getauscht werden. Das alte System arbeitete mit Uhrzeiten: vier Stunden, sechs Stunden, dann Wechsel. Das neue System arbeitet mit Zustand, Verbrauch, Prognose.

Hier zeigt sich, wie digitale Produktivität in Wirklichkeit entsteht. Nicht als Theaterdonner der Innovation. Als präzise Beobachtung eines alltäglichen Verlusts. Eine Portion Pommes wird zur Messgröße. Ein Frittierbecken wird zum Datenraum. Ein Küchenprozess wird zur lernenden Schleife. Wer das einmal verstanden hat, versteht auch die Bertschek-Zahlen besser. Produktivität wächst nicht, weil irgendwo „Digitalisierung“ dransteht. Sie wächst, wenn ein Vorgang durch Daten neu geführt wird.

Der Schwarzwald denkt praktisch – und genau darin liegt sein Vorsprung

Testo ist für diesen Moment fast der ideale Absender. Nicht hip, nicht laut, nicht vom Rausch der Selbsterfindung getrieben. Schwarz schildert das Unternehmen als Haus, das aus der Messtechnik kommt und deshalb früh gelernt hat, dass Messen, Datenübertragung und Interpretation zusammengehören. Für ihn ist Data Excellence kein Schlagwort, kein hübsches Etikett, kein Konferenzmaterial. Er sagt, man müsse mit Daten „sehr sauber“ umgehen, fast schon akademisch, mit klarer Architektur, geordneten Modellen und langfristigem Betrieb. Die Sprache ist unspektakulär. Die Botschaft ist radikal. Wer Daten schlampig behandelt, baut keine Dienste, er baut Enttäuschung.

Daraus entsteht bei Testo eine andere Form von Industrie. Nicht bloß Sensoren, auch Prozesswissen. Nicht bloß Geräte, auch Software. Nicht bloß Messung, auch Anleitung. Schwarz beschreibt, wie die eigene Plattform in Großküchen Handbücher, Temperaturführung, Alarmierungen und Prozessschritte sichtbar macht. Selbst Menschen ohne tiefes Küchenwissen können sich dadurch sicher durch Abläufe bewegen. Know-how wandert aus Köpfen und Schubladen in den laufenden Betrieb. Genau hier beginnt moderne Wertschöpfung.

Von der Großküche nach Britz-Süd

Der stärkste Moment des Gesprächs kommt mit einer Figur, die es zwar nur als Beispiel gibt, die aber das Land besser erklärt als jede Clusteranalyse: Arnos Imbiss in Britz-Süd. Die Currywurstbude um die Ecke, inhabergeführt, klein, robust, seit Jahrzehnten im Geschäft. Was hat so ein Laden von all dem? Kein Chief Digital Officer, kein Datenteam, kein AI-Enabler-Kreis. Nur Druck am Tresen, Personalnot, Einkaufspreise, Hygienevorgaben und am Ende des Tages die Frage, ob genug übrigbleibt.

Schwarz antwortet darauf mit erfreulicher Bodenhaftung. Den Frittieröl-Tester, sagt er, könne man auch ohne Konnektivität verwenden. Display drauf, TPM-Wert ablesen, zur Not auf Papier mitschreiben, regelmäßig prüfen. Der Einstieg in die Digitalisierung beginnt also nicht immer in der Cloud. Er beginnt manchmal mit einem Gerät, das einen unsichtbaren Verlust sichtbar macht. Für Arnos Imbiss ist das keine Weltrevolution. Für die Volkswirtschaft kann genau diese Art von Einstieg den Unterschied machen.

Denn Bertscheks zweite Zahl ist noch schärfer als die erste. Zehn Prozent mehr digitaler Kapitalstock verkleinern die Produktivitätslücke zu den besten Unternehmen einer Branche im Durchschnitt um 0,139 Prozent. In der Spitzengruppe sinkt sie um 0,542 Prozent. Wer digital aufholt, gewinnt also nicht nur intern an Effizienz, er verkürzt auch den Abstand zur Spitze. Diese Bewegung braucht allerdings einen Anfang. Und der Anfang muss für kleine Betriebe erreichbar sein.

Mittelstandspolitik darf nicht länger in Broschüren denken

Hier liegt der politische Kern des Falls Testo. Die übliche Mittelstandspolitik verteilt gern Förderprogramme, lobt Schulungen, beschwört Start-up-Kooperationen und hofft auf kulturelle Offenheit. Alles ehrenwert. Alles zu wenig. Wenn das obere Viertel des Mittelstands im Schnitt über 156.600 Euro digitalen Kapitalstock verfügt, während die untere Hälfte bei weniger als 50 Euro liegt, dann ist das Problem größer als ein Qualifizierungsdefizit. Dann geht es um Diffusion. Um die Verbreitung bewährter Werkzeuge. Um Wissenstransfer in die Breite. Um Investitionskraft.

Der Smarter Service Talk deutet einen Weg an, der in Berlin viel zu selten gedacht wird: stärkere Partnerschaften zwischen digitalen Vorreitern des Mittelstands und kleinen Betrieben, die nicht bei Null anfangen wollen, aber allein kaum vorankommen. Warum sollte Wissenstransfer nur zwischen Konzernen und Start-ups stattfinden? Warum nicht viel stärker zwischen Hidden Champions und inhabergeführten Kleinunternehmen? Schwarz hält solche Partnerschaften für plausibel und verweist auf die eigene Praxis: Auch Testo sucht die Zusammenarbeit mit AI-Forschung, Hochschulen und spezialisierten Firmen, weil niemand jede Kompetenz selbst vorhalten kann. Kooperation ist hier kein freundlicher Zusatz. Kooperation ist ökonomische Infrastruktur.

Die KI-Frage: Aufzug oder Falltür

Dirk Schumacher hat für diese Lage den größeren Rahmen geliefert. KI kann die Kluft zwischen Vorreitern und Nachzüglern weiter öffnen. Sie kann den Abstand auch verringern, wenn der Zugang breit genug ist und Unternehmen lernen, aus den großen Modellen eigene Anwendungen zu bauen. Er skizziert damit die eigentliche Wahl der nächsten Jahre: Wird KI zum Aufzug für die Breite oder zur Falltür für jene, die ohnehin schon hinten laufen?

Testo liefert darauf eine praktischere Antwort als viele Grundsatzdebatten. Das Unternehmen nimmt ein reales Problem, misst es, versteht es, modelliert es und macht daraus einen Dienst, der im Betrieb trägt. Keine Rhetorik, keine Erlösfantasie, kein digitaler Zierrat. Das ist die Schule, in der Produktivität wieder wächst: am Gegenstand, am Schmerzpunkt, am laufenden Prozess.

Der Staat muss die Fettwelle ernst nehmen

„Riding the Fat Wave“ klingt beim ersten Hören nach einem guten Witz. Nach einer dieser Formeln, die kurz aufleuchten und dann im Raum verdampfen. In Wahrheit steckt darin eine Lehre für das ganze Land. Deutschland wird wirtschaftlich nicht wieder stärker, weil es noch mehr über Transformation spricht. Deutschland wird stärker, wenn es alltägliche Verluste in messbare Information verwandelt, Information in Entscheidungen und Entscheidungen in Gewinn, Qualität und Stabilität.

Oliver Schwarz hat im Smarter Service Talk aus der Fritteuse eine kleine Theorie des Fortschritts gemacht. Der Schwarzwald liefert damit, was der Republik gerade fehlt: keine Verheißung, eine Methode. Und vielleicht liegt die Zukunft des Mittelstands tatsächlich nicht zuerst im großen Förderversprechen, nicht im nächsten Gipfel, nicht im Sound des neuen Hypes. Vielleicht liegt sie dort, wo das Fett leise blubbert und jemand endlich auf die Idee kommt, genau hinzusehen.

Vom Hörraum zur Unternehmensöffentlichkeit #zpsued

Christian Jakubetz erklärt Audio zum neuen Leitmedium. Alex Wunschel beschreibt in Stuttgart den gegenteiligen Druck der Bilder. Dazwischen entsteht eine neue Medienfrage der Unternehmenskommunikation

Die falsche Ruhe im Kopfhörer

Christian Jakubetz formuliert eine These, die zunächst wie eine späte Bestätigung klingt: Audio sei das neue Leitmedium. Der Satz trifft einen Nerv, weil er eine Alltagserfahrung auf den Begriff bringt. Kopfhörer sind zu einer zweiten Haut geworden. Die Stimme hat sich in die Zwischenzeiten des Lebens geschoben: in Wege, Küchen, Züge, Spaziergänge, Warteschleifen, Aufräumbewegungen, Schlaflosigkeiten. Audio läuft mit. Es verlangt keine volle Frontstellung vor dem Bildschirm. Es duldet Bewegung, Nebenhandlungen, Unterbrechung. Gerade darin liegt seine Macht.

Nur ist mit dieser Diagnose noch nichts entschieden. Denn ein Leitmedium wird nicht dadurch zum Leitmedium, daß es bloß häufig genutzt wird. Es muß auch seine eigene Form behaupten können. Und genau an dieser Stelle beginnt der Widerspruch, den Alex Wunschel im Messe-TV-Studio der Zukunft Personal Süd in Stuttgart mit angenehmer Schärfe beschreibt. Dort steht kein euphorischer Sieger des Audiobooms. Dort steht ein alter Podcaster, der beobachtet, wie das, was einmal Podcast hieß, unter dem Druck des Bewegtbilds seine Konturen verliert. Apple macht Video. Spotify macht Video. Die Plattformen machen aus dem Hörraum eine Sichtbarkeitsfläche.

Der Podcast als enteignetes Format

Wunschel formuliert diesen Konflikt mit einer schönen Mischung aus Ironie und Ärger. Das ursprüngliche Podcasting, sagt er, suche gerade nach einer neuen Identität, weil man ihm den alten Namen ein Stück weit genommen habe. In diesem Satz steckt ein ganzes Kapitel Mediengeschichte. Das Podcasting begann als Gegenbewegung: niedrigschwellig, unabhängig, dezentral, gesprächsnah, oft improvisiert, manchmal dilettantisch. Es war ein Graswurzelradio, eine kleine späte Erfüllung jener alten Brecht-Idee, daß ein Medium nicht nur senden, sondern auch zurücksprechen, vernetzen, öffnen, umcodieren könne. Jetzt wird dieses Format wieder in die Logik der Plattformen eingespannt.

Wunschel stellt deshalb nicht die Frage, ob Audio wichtig ist. Er fragt, was vom Audio übrigbleibt, wenn es sich der Grammatik des Videos ausliefert. Der Podcast war einmal stärker. Er konnte eine Welt nur mit Stimmen bauen. Er konnte Distanz und Nähe, Ironie und Ernst, Intimität und Öffentlichkeit auf eine Weise mischen, die im Bild schnell künstlich wirkt. Das Ohr ist toleranter gegenüber dem Unfertigen und zugleich unerbittlicher gegenüber dem Falschen. Man hört, ob jemand meint, was er sagt. Man hört Überzeugung, Routine, Nervosität, Pose, Müdigkeit, Unsicherheit. Die Stimme verrät mehr als das Gesicht.

Mehr Feature, weniger Sesselwirtschaft

Wunschel will nicht einfach den alten Podcast retten. Er will ihn aus seiner Bequemlichkeit holen. Mehr Feature wagen. Mehr Hörfilm. Mehr Geräusch, mehr Quelle, mehr Szene, mehr Welt. Nicht nur zwei Menschen, die einander gegenüber sitzen und das Gespräch der Woche absolvieren. Nicht nur geölte Plauderei mit Sendungsbewußtsein. Nicht nur das leicht konsumierbare Sprechmöbel.

In dieser Forderung liegt eine präzise Diagnose des gegenwärtigen Defizits. Die Podcastszene hat sich in weiten Teilen an die billigste Form gewöhnt. Das Gespräch ist ökonomisch vernünftig, schnell produziert, technisch überschaubar, publizistisch flexibel. Aber es ist eben auch die unterkomplexeste Form des Erzählens. Das Feature dagegen verlangt Montage, Dramaturgie, Raumgefühl, eine Vorstellung davon, daß Hören keine bloße Informationsaufnahme ist, sondern Welterzeugung. Wunschel spricht deshalb vom „Kino für die Ohren“. Das ist kein romantischer Restbegriff. Es ist eine Kampfansage gegen die Verflachung des Akustischen.

Wer einmal mit dem früheren WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer über eine Buchmesse gelaufen ist, kennt dieses Phänomen. Da beginnt jemand zu sprechen, und plötzlich geht im Kopf ein Bild an, obwohl gar keines zu sehen ist. Schiffer, aus der Feature- und Hörspielwelt kommend, kann mit wenigen Sätzen mehr Atmosphäre herstellen als viele Videoproduktionen mit ganzen Teams. Ein Geräusch, ein Halbsatz, ein Ortswechsel, ein literarischer Einwurf, und schon ist eine Szenerie da. Nicht als Illustration, sondern als akustische Erfahrung. Das ist die Kunst, die Wunschel vermißt. Nicht noch ein weiterer Studio-Podcast mit hübschem Licht. Nicht noch ein weiterer Sichtbarkeitsdienst für Plattformen. Sondern eine Lust am Bauen von Hörwelten.

Mein Vergleich mit der Fußballreportage trifft genau ins Zentrum. Der Reporter ruft nicht bloß ein Ergebnis aus. Er stellt Raum her, Tempo, Richtung, Dramatik. „Und jetzt kommt er von links, und jetzt die Flanke“ – diese Form des Sprechens aktiviert die Vorstellungskraft des Hörers. Der Satz ist kein Ersatz fürs Bild. Er ist eine eigene Kunstform. Das Gute an der Radioreportage war nie, daß sie ohne Bild auskommen mußte. Ihre Größe lag darin, daß sie aus Sprache ein Bild machte, das stärker war als die bloße Kamera. Genau hier läge die Zukunft eines erneuerten Audiomediums. Nicht in der Nachahmung des Visuellen. In der Wiederentdeckung der eigenen Kraft.

Vom Ohr zur Organisation

An dieser Stelle ist der Weg zu Wunschels zweitem Thema auf der Zukunft Personal Süd überraschend kurz. Denn auch beim Corporate Influencing geht es um Sichtbarkeit, Stimme, Authentizität und die Frage, wer sprechen darf. Die Employer-Branding-Stage war, wie Wunschel berichtet, regelmäßig überfüllt. Das Thema zieht, weil Unternehmen spüren, daß klassische PR ihre Überzeugungskraft verliert und daß Mitarbeitende eine Reichweite mit Authentizität erzeugen können, die sich anders kaum herstellen läßt.

Das klingt zunächst nach einem ganz anderen Feld, ist aber strukturell verwandt. Auch hier steht die Frage im Raum, ob Kommunikation weiterhin zentralisiert, geschniegelt, freigegeben, geglättet und von der klassischen Pressestelle verwaltet werden soll – oder ob Unternehmen lernen, Stimmen zuzulassen, die nicht vollkommen kontrollierbar sind. Wunschel beschreibt sehr anschaulich, daß diese Öffnung ein Moment des Kontrollverlusts erzeugt. Genau deshalb ist sie interessant. Denn die alte Unternehmenskommunikation lebte davon, Reibung zu vermeiden. Die neue lebt davon, daß Mitarbeitende als glaubwürdige Stimmen in Erscheinung treten.

Hier setzt das Corporate Influencer Monitoring an, von dem Wunschel im Gespräch ausführlich berichtet. Zusammen mit der Universität Leipzig und auf Basis von mehr als 50 Unternehmen und über 1000 Mitarbeitenden wurde ein Framework entwickelt, das die Wirkung solcher Programme nicht nur anekdotisch, sondern systematisch erfaßt. Entscheidend ist der Punkt, den Wunschel herausarbeitet: Diese Programme sollen nicht bloß gut aussehen. Sie müssen sich vor Vorständen rechtfertigen können. Was bringt es? Welche Effekte gibt es? Wie läßt es sich begründen? Genau an dieser Stelle beginnt das Monitoring seine eigentliche Bedeutung. Es liefert der neuen, dezentraleren Kommunikationsform eine Sprache, mit der sie sich gegen die alte Kommandologik behaupten kann.

Der Mitarbeiter als Medium

Besonders bemerkenswert ist Wunschels Befund, daß Corporate Influencer Programme gerade in harten Zeiten an Bedeutung gewinnen. Wenn Unternehmen Stellen abbauen, wenn Unsicherheit wächst, wenn die Versuchung groß wird, nur noch den Vorstand sprechen zu lassen, steigt der Wert glaubwürdiger Stimmen aus der Organisation. Wunschel schildert sehr präzise, wie in solchen Phasen die Angst wächst, die eigenen Corporate Influencer könnten zu viel sagen oder das Falsche sagen. Dann zieht das Management die Leine an, setzt Stoppschilder, zentralisiert Freigaben. Genau dort sinkt die Glaubwürdigkeit exponentiell, wie er es nennt. Denn sobald Mitarbeitende nur noch geschniegelt sprechen dürfen, hören sie auf, als Stimmen zu wirken. Sie werden zu Lautsprechern.

Das Corporate Influencer Monitoring ist deshalb nicht nur eine Messübung. Es ist eine Legitimationswaffe gegen die Rückkehr der alten Hierarchiekommunikation. Es zeigt, daß Sichtbarkeit von Mitarbeitenden Bindung erzeugt, nicht Erosion. Daß Freiraum Loyalität erhöhen kann. Daß Reichweite nicht verschwindet, wenn Menschen das Unternehmen verlassen, sondern oft gerade durch die Möglichkeit, sichtbar zu werden, eine stärkere Bindung entsteht. Auch hier also dieselbe Bewegung wie beim Audio: Die stärkste Form ist nicht die am härtesten kontrollierte. Die stärkste Form ist die glaubwürdigste.

Audio und Corporate Influencing als Doppelbewegung

Damit wird der Zusammenhang klarer. Wunschels scheinbar getrennte Themen gehören zusammen. Sein Streit um das Audio ist ein Streit um die Eigenständigkeit einer Form. Sein Interesse am Corporate Influencing ist ein Interesse an der Öffnung einer anderen Form. Beide Male geht es um Stimmen, nicht um Apparate. Beide Male um die Frage, was geschieht, wenn Kommunikation nicht länger nur im Zentrum entsteht. Beide Male auch um die Gefahr, daß Plattformlogik und Managementlogik diese Öffnung gleich wieder einhegen.

Der Audio-Diskurs zeigt das auf der Ebene des Mediums. Der Corporate-Influencer-Diskurs zeigt es auf der Ebene der Organisation. Im einen Fall wird die Stimme dem Bild unterworfen. Im anderen der Mitarbeiter der Freigabe. Im einen Fall verliert das Ohr seinen Eigenraum. Im anderen verliert die Organisation ihre glaubwürdigsten Sprecher. Das Monitoring ist dann nichts anderes als der Versuch, diese neue Kommunikationsökonomie mit Evidenz zu versehen, damit sie vor den alten Instanzen bestehen kann.

Es paßt, daß Wunschel selbst aus der Podcastwelt kommt. Denn die frühe Podcastkultur war nichts anderes als eine Schule der verteilten Stimme. Nicht der große Sender spricht. Viele sprechen. Nicht die institutionell beglaubigte Autorität, sondern die glaubwürdige Person. Nicht perfekte Form, sondern Resonanz. Das Corporate Influencing ist in diesem Sinn die betriebliche Wiederkehr einer alten Radiodemokratie – freilich unter den Bedingungen von LinkedIn, TikTok und den Binnenlogiken der Unternehmenskommunikation.

Siehe auch zu Wolfgang Schiffer:

Fettleber an Großhirn: Warum das Gespräch mit Christina Steinbach auf der Zukunft Personal Süd zeigt, dass Kantinenpolitik längst eine Frage der Unternehmenskultur ist #ZPSued

Der Gesundheitsstaat in der Schnitzelschlange

Die deutsche Arbeitswelt liebt das Paradox. Sie veranstaltet Gesundheitstage, plant Aktionsstände, verteilt Broschüren zur Prävention, spricht über Resilienz, Wohlbefinden und Achtsamkeit – und zur Sicherheit legt die Kantine noch schnell Wiener Schnitzel auf. Christina Steinbach, Ernährungswissenschaftlerin und für Dr. Ambrosius auf der Zukunft Personal Süd unterwegs, erzählte im Messe-TV genau von diesem Moment. Wochenlang wird an guter Ernährung gearbeitet, dann tritt der Ernstfall der betrieblichen Wirklichkeit ein, und ausgerechnet an diesem Tag triumphiert das panierte Beruhigungssystem der Republik.

Man sollte diesen Vorgang nicht unterschätzen. In ihm steckt die ganze Dramatik der betrieblichen Gesundheitsförderung. Das Unternehmen will Veränderung, aber bitte ohne Verstörung. Es möchte modern erscheinen, ohne die innere Ordnung des Alltags ernsthaft zu berühren. Also stellt es den Obstkorb neben die Fritteuse, lädt zur Ernährungsberatung und rettet zugleich das alte Ritual des Trostessens über die Mittagspause. Das Ergebnis kennt jeder: Gesundheit wird zur Kulisse, die Currywurst bleibt das Regime.

Das Schnitzel ist nie nur ein Schnitzel

Steinbach war in diesem Gespräch gerade deshalb interessant, weil sie sich der üblichen Moralrhetorik entzog. Kein missionarischer Furor, kein pädagogisches Schmalz, kein Feldzug gegen Fleisch, Fett und Freude. Ihr Ansatz war viel klüger und, wenn man so will, gefährlicher. Sie sprach nicht von Verboten, sondern von Strukturen. Nicht von guten und bösen Lebensmitteln, sondern von Alltagslogiken. Nicht von Schuld, sondern von Zusammensetzung.

Darin liegt der entscheidende Unterschied. Das Ernährungsproblem der Gegenwart beginnt selten bei der Haxe als solcher. Es beginnt bei der Gewohnheit, beim Rhythmus, bei der Erreichbarkeit, bei den Situationen, in denen Essen zum Nebenprodukt eines überlasteten Tages wird. Steinbach bringt dafür das Beispiel der ambulanten Pflegekraft, die von A nach B hetzt und oft schon daran scheitert, Mahlzeiten überhaupt verlässlich in einen Tag einzubauen. Genau an dieser Stelle kippt der Gesundheitsdiskurs. Er verläßt die moralische Bühne und betritt die soziale Wirklichkeit.

Das ist der Punkt, an dem das Thema plötzlich ernst wird. Fettleber, Übergewicht, Erschöpfung, Blutzucker, Konzentration, all das ist nicht nur eine medizinische Angelegenheit. Es ist auch eine Frage von Arbeitsorganisation. Wer keine Zeitstruktur hat, ißt anders. Wer unter Dauerstress steht, ißt anders. Wer in einem Unternehmen arbeitet, das Gesundheit als Event und nicht als Kultur behandelt, ißt ebenfalls anders.

Von der Hausärztin zur Unternehmenskantine

Das Gespräch wurde besonders stark, als der private Befund in die betriebliche Frage hineinrutschte. Die Diagnose Fettleber kam zur Sprache, jener stille Warnschuss, der zunächst nicht weh tut, aber irgendwann die Oberfläche des Lebens durchbricht. Genau darin steckt ja die Tragik dieses Themas. Es meldet sich lange nicht. Kein Donner, kein Zusammenbruch, kein sofortiges Drama. Nur Zahlen, Werte, Laborbefunde, irgendwann der Satz der Ärztin, daß jetzt etwas geändert werden müsse.

Und dann beginnt in Deutschland gewöhnlich die Liturgie der Liste. Das dürfen Sie nicht mehr. Das wäre jetzt besser. Mehr davon, weniger davon, hier bitte aufpassen, dort besser verzichten. Steinbach hat gegen diese Praxis einen klugen Einwand vorgebracht. Ärzte, sagt sie im Kern, arbeiten oft mit knappen Tipps, während echte Ernährungsberatung tiefer ansetzen müßte: beim Alltag, beim Essrhythmus, bei der Kombination der Mahlzeiten, bei der Frage, wie jemand überhaupt lebt. Das ist der Unterschied zwischen Verordnung und Verstehen.

Die Pointe dabei ist von einer gewissen Komik. Jahrzehntelang interessiert man sich nicht sonderlich dafür, wie der eigene Stoffwechsel organisiert ist. Dann kommt eine Diagnose, und aus dem übermütigen Esser wird ein Systemdenker mit Gemüsemarkt und schwarzem Kaffee. Die deutsche Seele liebt auch hier das Entweder-oder. Vorher Haxe, nachher Humus. Vorher Cola, nachher radikale Abstinenz. Steinbach hält dem kein asketisches Gegenmodell entgegen. Sie wirbt für ein Baukastenprinzip, für das Bewußtsein, daß eine Mahlzeit als Ganzes wirkt und nicht als moralisch isolierte Einzelzutat.

Nudging auf dem stillen Örtchen

Wirklich erheiternd wurde das Gespräch dort, wo die Gesundheitsförderung ihre niederschwellige Seite zeigte. Weniger Wurst, mehr Wums – ein Spruch, so Steinbach, den man auch aufs Klo hängen könne, damit Menschen im denkbar stillsten Moment des Betriebsalltags einen kleinen Impuls mitnehmen. Man kann darüber lachen. Man sollte sogar. Denn in dieser heiteren Kleinform steckt womöglich mehr Wahrheit als in vielen großspurigen BGM-Konzepten.

Der Gesundheitstag scheitert oft an seiner Feierlichkeit. Er tritt auf wie eine pädagogische Sonderzone. Alle wissen, daß heute wieder etwas für das Wohlbefinden getan wird. Man hört zu, nickt, nimmt vielleicht einen Apfel und geht danach zurück in die Organisation, die alles beim alten läßt. Steinbach setzt dagegen auf kleine Irritationen, auf beiläufige Anstöße, auf Bilder und Gespräche, die im Alltag auftauchen. Nicht der große Bannspruch gegen das Falsche, eher die langsame Verschiebung des Möglichen.

Das ist sehr modern gedacht und zugleich sehr alt. Kulturen ändern sich selten durch Anweisung. Sie ändern sich durch Wiederholung, durch Sichtbarkeit, durch das, was erreichbar, greifbar, billiger, leckerer und normaler wird. Genau deshalb insistiert Steinbach so stark auf der Kantine. Nicht als Randthema, nicht als Serviceeinheit, nicht als logistischer Anhang des Unternehmens, sondern als tägliches Kommunikationsmedium. Über kaum etwas wird in Büros so zuverlässig gesprochen wie über Kaffee, Snacks, Mittagessen, die Qualität des Angebots und die Enttäuschungen des Tabletts.

Die Kantine als ideologisches Gerät

Man muß diesen Gedanken nur einen Schritt weiterdenken, und schon wird daraus ein Essay über Macht. Die Kantine ist kein neutraler Raum. Sie organisiert Gewohnheiten, Prioritäten, Zugriffe, Verfügbarkeiten. Sie ist ein kleines ideologisches Gerät der Arbeitsgesellschaft. Dort wird sichtbar, was ein Unternehmen über Fürsorge, Leistung, Preis, Bequemlichkeit und den Wert des eigenen Personals wirklich denkt.

Steinbach formulierte das bemerkenswert offen. Das Gesündere müsse leichter erreichbar sein, grifftechnisch günstiger liegen, im Idealfall preiswerter sein und häufiger vorkommen als das weniger Förderliche. Genau so spricht jemand, der verstanden hat, daß Ernährungsförderung nicht bei der Einsicht beginnt, sondern bei der Architektur der Wahl. Der Mensch ist nicht zuerst vernünftig, er ist zunächst verfügbar. Er nimmt, was nahe liegt, was vertraut ist, was nicht extra Kraft kostet.

An diesem Punkt wird aus Ernährungswissenschaft plötzlich Sozialtheorie. Das Problem ist nicht die mangelnde Belehrung. Das Problem ist die falsche Anordnung der Welt. Wer Menschen zwölfmal am Tag zwischen Termindruck, Meetingrest und Müdigkeit entscheiden läßt, produziert vorhersehbare Ergebnisse. Wer ihnen zugleich ein Unternehmen baut, in dem Gesundheitsmanagement und Betriebsrestaurant in verschiedenen Zuständigkeiten voneinander getrennt sind, darf sich über die Folgen nicht wundern.

Die Republik der Ernährungs-Influencer

Natürlich gehört zur Komik des Themas auch seine ungeheure Meinungsfreudigkeit. Kaum ein Gebiet bringt mehr selbsternannte Experten hervor als Ernährung. Fußball und Essen sind in Deutschland die beiden letzten großen Volksuniversitäten ohne Zulassungsbeschränkung. Jeder hat eine Theorie, eine Tante mit Geheimwissen, einen Influencer mit Cortisolwarnung, eine morgendliche Regel, eine späte Bekehrung, einen kleinen Kult. Steinbach erzählt von genau dieser Lage mit wohltuender Gelassenheit. Kaffee zur falschen Uhrzeit, Butter gegen Frischkäse, Fett gegen Zucker, Zucker gegen Gluten, Gluten gegen Glück – die Erregungsmaschine läuft ständig.

Ihr Einwand dagegen ist von entwaffnender Klarheit. Nicht das Mikromanagement der Einzelminute entscheidet, sondern die Basis. Mehr Pflanzen, mehr Gemüse, mehr Obst, mehr Hülsenfrüchte, bessere Kombinationen, mehr Verständnis dafür, wie Mahlzeiten im Körper zusammenwirken. Es ist fast rührend, daß diese einfache Wahrheit immer wieder gegen das hysterische Kleinklein der digitalen Ernährungsöffentlichkeit verteidigt werden muß.

Gerade hier zeigt sich ein tieferer Zug der Gegenwart. Die Gesellschaft verliert das Maß für das Große und flüchtet ins Detail. Sie diskutiert über die Minute des Kaffeekonsums und übersieht die Struktur des Tages. Sie streitet über Hafermilch und übersieht den Dauerstress. Sie moralisiert Zutaten und ignoriert Arbeitsbedingungen. Steinbachs Gespräch war in diesem Sinn auch ein Einspruch gegen die Zerfaserung der Vernunft.

Attraktive Arbeitgeber essen anders

Der Titel ihres Vortrags hatte Witz und Wahrheit: Attraktive Arbeitgeber essen anders. Man könnte diesen Satz leicht für ein gefälliges Messebonmot halten. In Wirklichkeit steckt darin ein ernstes Programm. Ein Unternehmen, das Menschen gewinnen und halten will, muß die materiellen Formen seines Alltags ernst nehmen. Nicht nur Gehalt, nicht nur Benefits, nicht nur Purpose-Rhetorik. Auch die Frage, wie gegessen, pausiert, zugegriffen und gesprochen wird.

Denn Essen im Unternehmen ist nie bloß Nahrungsaufnahme. Es ist Kultur, Beziehung, Taktung, Milieu. Es verrät etwas über Wertschätzung, über Klassenverhältnisse, über die innere Verfassung eines Betriebs. Wer nur zur Imagepflege einen Gesundheitstag veranstaltet und am nächsten Morgen wieder das alte Ernährungschaos regieren läßt, dokumentiert vor allem seine eigene Halbherzigkeit.

Steinbach fordert deshalb keine Kampagne, sondern Konzeptarbeit. Nicht einen Vortrag für die Kulisse, nicht einen Aktionstag für den Jahresbericht, vielmehr eine über Jahre gedachte Strategie, die Gesundheitsförderung in den Alltag des Unternehmens einschreibt. Genau hier endet die Folklore des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und beginnt Kulturpolitik.

Von der Leber ins Denken

Der schönste Satz dieses Gesprächs stand unausgesprochen im Raum: Die Leber denkt mit. Das klingt übertrieben, ist aber gar nicht so falsch. Wer regelmäßig falsch, hektisch, planlos oder gegen die Logik seines eigenen Alltags ißt, erlebt die Folgen nicht nur im Blutbild. Es verändert Energie, Konzentration, Stimmung, Arbeitsfähigkeit, Müdigkeit, Reizbarkeit, Belastbarkeit. Gesundheit ist kein Nebenschauplatz der Produktivität. Sie ist eine ihrer stillen Voraussetzungen.

Vielleicht erklärt das auch, warum dieses Gespräch auf der Zukunft Personal Süd mehr war als ein kleiner Exkurs über Kantinen. Es handelte von der Frage, wie Unternehmen überhaupt auf Menschen schauen. Als zu optimierende Leistungsträger, denen man ab und zu einen Gesundheitstag gönnt? Oder als Wesen mit Stoffwechsel, Gewohnheiten, Schwächen, Rhythmen, Bedürfnissen, kurz: als ganze Personen?

Die Antwort entscheidet sich oft nicht in Leitbildern, sondern zwischen Currywurst, Krautsalat und der Anordnung des Buffets. Das klingt klein. Ist es aber nicht. Denn viele große Probleme der Arbeitswelt beginnen bekanntlich im Kleinen. Mit einem Termin zu viel. Mit einer Pause zu wenig. Mit einer Leber, die sich lange nicht meldet. Und mit einem Großhirn, das alles weiß und trotzdem erst nach der Diagnose anfängt, vernünftig zu werden.

5 überraschende Erkenntnisse aus einer Skiwoche im Dreiländereck #SportBildungswerkBielefeld #Pfunds #Samnaun #Ischgl

Der klassische Winterurlaub ist oft eine Übung in Reduktion: Man reduziert die Landschaft auf Pistenkilometer, das Wetter auf die Schneehöhe und den Abend auf den Pegelstand des Après-Ski. Doch was geschieht mit der eigenen Wahrnehmung, wenn man diese sportliche Arena verlässt und stattdessen ein „Dorf mit Gedächtnis“ betritt? In einer Woche im Tiroler Pfunds, im Dreiländereck zwischen Österreich, der Schweiz und Italien, erwies sich die Bergwelt nicht als bloße Kulisse, sondern als vielschichtiges Palimpsest. Organisiert vom SportBildungswerk Bielefeld. Es ist eine Reise, die dazu einlädt, das Skifahren als eine Form der Lektüre zu begreifen – eine Entschlüsselung von Geschichte, Technik und menschlicher Hartnäckigkeit. Kann ein Winterurlaub mehr sein als die Jagd nach Höhenmetern?

1. Pfunds ist kein bloßes Resort, sondern eine politische Topographie

Wer in Pfunds ankommt, merkt schnell: Dieses Dorf behauptet sich ohne Pose. Die Häuser stehen hier nicht für eine Saison, sondern für Jahrhunderte. Besonders im „Richterdorf“ verdichtet sich diese Atmosphäre zu einer politischen Topographie des Oberinntals. An einer einzigen Hauswand, dem Richterhof (Sitz des Niedergerichts von 1282 bis 1809), treffen zwei Männer aufeinander, die den Geist Tirols zwischen Aufbruch und Beharrung verkörpern. Da ist Franz Michael Senn, der Landrichter und Demokrat, der schon früh bäuerliche Interessen vertrat und Verfassungen entwarf. Direkt daneben wird Johann Michael Senn gewürdigt, der Dichter des „Tiroler Adler“. Dass Vater und Sohn, politische Praxis und poetische Verdichtung, hier Wand an Wand stehen, erhebt den Ort über das bloß Malerische hinaus.

Diese geschichtliche Tiefe setzt sich am benachbarten Stifterhaus fort. Seine Fassade trägt ein „theologisches Programm“: Ein Mariahilf-Bild um 1600 und ein Fresko der Heiligen Familie auf der Flucht (1772). Es sind Motive der Verletzlichkeit und des Unterwegsseins – Themen, die in einem Alpenort am Durchgang der Via Claudia Augusta seit jeher präsent sind. Über einer Tür liest man zudem:

„Dominus providebit“ – Der Herr wird vorsorgen.

Dieser Satz aus der Genesis ist hier kein wohlfeiler Optimismus, sondern die alte Idee der Providenz: In einer Welt der Unwägbarkeiten fällt der Mensch nicht ins Leere. Dass diese Malereien am Stifterhaus verwittert und eben nicht „restauratorisch geschniegelt“ sind, macht sie nur eindrucksvoller. Sie sind Zeugen eines Wohlstands, der aus dem Transit erwuchs und sich in Frömmigkeit und Fassadenkunst einschrieb.

2. Der Wohlstand, der aus dem Rucksack kam: Die Schmuggler-Historie

Heute gleitet man in beheizten Gondeln über den Alp-Trida-Sattel, doch unter den modernen Sesselliften liegt ein Gelände der Entbehrung. In den Notzeiten nach 1945 war die Grenze zwischen Ischgl und Samnaun eine Überlebenslinie. Die Einheimischen trugen 40 bis 50 Kilogramm schwere Lasten durch die Nacht, während sie die oft ortsunkundigen Zöllner spöttisch als „Grasrutscher“ bezeichneten.

Die Liste der Waren liest sich wie ein Inventar des Mangels:

Kaffee und Tabak

Nylonstrümpfe

Saccharin

Butter, Mehl und Reis

Felle

Die Ironie dieser Geschichte ist so scharf wie eine frisch geschliffene Kante: Der erste Skilift in Ischgl (1952) wurde maßgeblich durch die Gewinne aus diesem harten Grenzhandel mitfinanziert. Der heutige Luxus der Silvretta Arena ruht auf den Schultern jener Männer, für die schlechtes Wetter ein Verbündeter war, weil es sie vor den Blicken der Zöllner schützte. Wenn wir heute dort oben „grenzenloses Skivergnügen“ genießen, überfahren wir elegant die Spuren einer Ökonomie des Mangels.

3. Das Geheimnis der 87 Grad: Warum Technik keine Frage des Alters ist

Eine der beglückendsten Erfahrungen dieser Woche war die Erkenntnis, dass sportliches Lernen kein Privileg der Jugend ist. Wer mit 65 Jahren noch einmal einen Skikurs belegt, wechselt vom intuitiven „Es wird schon irgendwie gehen“ in die Welt der präzisen Mechanik. Der moderne Rocker-Ski ist dabei ein „höflicher“ Partner: Die früher ansetzende Schaufel verzeiht Fehler, verlangt aber eine konsequente Führung.

Um diese Technik zu meistern, helfen zwei Bilder: Die „ausgepresste Zitrone“ (Druck des Schienbeins auf die Skischuhzunge) und das „1-Euro-Stück“, das bei korrekter Vorlage niemals zwischen Bein und Schaft herausfallen dürfte. Doch der wahre Durchbruch geschieht im Skikeller. Der Dialog mit dem Servicetechniker wird zu einem „Dialog der Würde“, wenn man nicht mehr nur „Wachsen und Schleifen“ bestellt, sondern explizit einen 87er-Schliff ordert. Diese spezifische Gradzahl verwandelt den Ski in ein Präzisionswerkzeug. Es ist das späte Glück, Kraft durch Geometrie zu ersetzen und zu spüren, wie die Kante plötzlich greift, wo man früher nur gerutscht wäre. Perfekt erläutert von den Skitrainern Andreas und Claus.

4. Galtür und die Kunst der alpinen Entschleunigung

Der Wechsel von der geschäftigen Arena Ischgls in den Silvapark Galtür wirkt wie ein akustischer Dämpfer. Galtür ist die „stille Variante“ – gelassener, übersichtlicher und weniger auf den großen Effekt aus. Hier wird das Motto der „bunten Pisten“ (ein Mix aus Schwarz, Rot und Blau) zur Philosophie: Nicht die Jagd nach Rekorden zählt, sondern die Variation des Vergnügens auf einem Schnee, der sich hier natürlicher, weniger „technisch nachgeholfen“ anfühlt.

Ein architektonisches Highlight ist die geschwungene Staumauer des Kopssees. Aus der Skifahrerperspektive wirkt sie nicht wie ein massiver Eingriff, sondern wie Landschaftsarchitektur, die eine klare Linie in die schroffe Bergwelt zieht. Zur Entschleunigung passt die Einkehr im „Weiberhimml“. Der Name rührt daher, dass Frauen hier früher von der schweren Feldarbeit verschont blieben – ein historisches Privileg im rauen Klima. Die Hütte selbst ist wunderbar authentisch, nicht geschniegelt und frei von jenem künstlichen Alpen-Kitsch, der andernorts die Atmosphäre erstickt.

5. Das „Butterfly-Problem“ und die Nationalökonomie: Die Magie der Gruppe

Die Qualität einer Reise entscheidet sich oft erst, wenn die Lifte stehen. In den Abendgesprächen entstand ein „Salon des Absurden“, der vom hygienisch fragwürdigen Vorschlag, Skischuhe zur Desinfektion in Ameisenhaufen zu legen, bis zum „Butterfly-Problem“ reichte. Letzteres beschreibt jenen Moment des totalen Koordinationsverlusts, in dem die ästhetische Grazie schwindet und man wie ein aufgescheuchter Schmetterling über die Piste flattert – eine heilsame Demütigung, die im harten Kontrast zur technischen Perfektion des 87-Grad-Schliffs steht.

Doch die Gespräche fanden auch eine tiefe Erdung. In der Analyse Deutschlands als Wirtschaftsstandort wurde das Bild der „Hidden Champions“ bemüht. Ähnlich wie der unsichtbare, aber entscheidende 87er-Schliff an der Skikante, liegt die Stärke der deutschen Industrie oft im Verborgenen – im Deep Tech, in der Software für Siri, im Process Mining oder in der Lithographie-Technik hinter den Kulissen der Weltmärkte. Die Erkenntnis: Das Land baut oft nicht den glänzenden Schaukasten, aber sehr häufig die entscheidenden Teile darin. Diese Verbindung aus technischer Präzision am Hang und intellektueller Schärfe am Abend ist es, was eine Gruppenreise über den Standardurlaub hinaushebt.

Ein Abschied auf Kante

Nach sieben Tagen im Dreiländereck bleibt mehr als die Erinnerung an griffigen Schnee. Es bleibt die Einsicht, dass Wintersport eine Form der Landschaftslektüre ist: Man liest die Schmuggelpfade im Gelände, die Freiheitsgeschichte an den Hauswänden und die eigene Lernfähigkeit in jedem sauberen Carving-Schwung. Wer die „Tiefenschichten“ eines Ortes sucht, findet sie nicht auf dem Pistenplan, sondern im aufmerksamen Blick für die Details – von der verwitterten Mariahilf-Darstellung bis zur exakten Gradzahl der Skikante.

Die Schule im Blindflug der Zahlen: Warum Deutschland seine Bildungsdaten feiert und die Qualität der Bildungsforschung zu selten prüft @SebTillmann

Viel Vermessung, wenig Gewissheit

Deutschland liebt in der Bildung den Blick aufs Display. Register sollen Lücken schließen, Dashboards Fortschritt anzeigen, Schüler-IDs Übergänge sichtbar machen, Monitoring die Politik klüger machen. Das klingt nach Vernunft, nach Ordnung, nach moderner Steuerung. Nur trägt diese Ordnung nicht weit, wenn das Wissen, auf dem sie ruht, brüchig ist. Mehr Daten ergeben noch keine bessere Erkenntnis. Ein Bildungssystem kann sehr präzise messen und dabei doch auf unsicherem Grund stehen. Dann werden Unsicherheiten nicht kleiner. Sie werden nur sauberer verwaltet. Genau dieser Punkt liegt unter der aktuellen Debatte über datengestützte Steuerung in Schule und früher Bildung. Auch die SWK knüpft wirksame Steuerung an valide und relevante Daten, verständliche Rückmeldungen und evidenzbasierte Unterstützungsmaßnahmen.

Der Kern des Problems lässt sich für Außenstehende in drei einfachen Fragen fassen. Erstens: Kommt beim Nachrechnen derselbe Befund heraus? Zweitens: Taucht das Ergebnis auch mit neuen Daten wieder auf? Drittens: Gelangen verschiedene Teams bei vertretbaren Auswertungswegen im Wesentlichen zum gleichen Schluss? In der Wissenschaft heißen diese drei Prüfungen Reproduzierbarkeit, Replizierbarkeit und analytische Robustheit. Sebastian Tillmann hat diese Unterscheidung in seinem Substack Nullhypothese jüngst sehr klar aufgeschrieben. Der Punkt ist simpel: Eine Zahl wird nicht dadurch wahr, dass sie in einer Studie steht. Sie muss einer Prüfung standhalten. Erst dann beginnt Erkenntnis.

https://nullhypothese.substack.com/p/die-vermessung-der-trummer

Wenn ein Befund schon am Rechenweg hängt

Die neuen Nature-Studien vom April 2026 haben diese Prüfungen in großem Maßstab vorgenommen. Die Studie zur Reproduzierbarkeit prüfte, ob publizierte Ergebnisse mit Originaldaten und Originalcode wiederhergestellt werden können. Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick schon unerquicklich genug: Viele Arbeiten entziehen sich der Prüfung, weil Daten gar nicht offengelegt werden. Die Studie zur Replizierbarkeit ging einen Schritt weiter und wiederholte 274 Hypothesen aus 164 Papieren mit neuen Stichproben. Rund 55 Prozent der Hypothesen replizierten im ursprünglichen Muster. Noch aufschlussreicher ist der Blick auf die Effektgrößen: Der mediane Zusammenhang sank von r = 0,25 in den Originalstudien auf r = 0,10 in den Replikationen. Wer das in Alltagssprache übersetzt, landet bei einem schlichten Satz: Ein guter Teil der Effekte bleibt zwar sichtbar, wird aber klein, oft sehr klein. Die Studie zur analytischen Robustheit zeigte zudem, dass nur 34 Prozent der Reanalysen denselben numerischen Befund erbrachten; 74 Prozent kamen immerhin zur gleichen qualitativen Schlussfolgerung.

Diese Zahlen verlangen keinen Kulturkampf gegen die Sozialwissenschaften. Sie verlangen Nüchternheit. Eine einzelne Studie ist kein Felsblock. Sie ist ein Arbeitsschritt. Wer aus jedem Paper sofort eine politische Wahrheit ableitet, macht aus Forschung eine Pressemitteilung mit Tabellen. Besonders lehrreich ist der Gegenpol aus Ökonomie und Politikwissenschaft. Dort untersuchte Nature Arbeiten aus Zeitschriften, die Daten- und Code-Sharing verbindlich vorschreiben. Mehr als 85 Prozent der Claims waren reproduzierbar, und 72 Prozent der ursprünglich signifikanten Effekte hielten Robustheitsprüfungen in derselben Richtung stand. Das ist keine Wunderbegabung der Disziplinen. Es ist das Ergebnis harter Regeln. Wer Offenlegung verlangt, hebt das Niveau schon vor der Veröffentlichung.

Die Schwachstelle heißt Bildungsforschung

Für die Bildungsforschung ist diese Lage besonders heikel. Sie liefert Stichworte, Programme, Förderlogiken, Diagnostikmodelle, Unterrichtsrezepte, Übergangskonzepte, Wirksamkeitsversprechen. Zugleich fällt das Feld in der neuen Metaforschung durch schwache Datenverfügbarkeit auf. Man muss fair bleiben: Die Teilstichproben sind klein, niemand sollte daraus eine Totalabwertung eines ganzen Fachs basteln. Doch die Richtung des Problems ist klar. Dort, wo Daten selten offenliegen und Prüfpfade fehlen, schrumpft die Nachprüfbarkeit. Und wo Nachprüfbarkeit fehlt, wächst die Versuchung, aus plausiblen Vermutungen politische Gewissheiten zu machen.

Gerade in Deutschland wirkt das besonders unerquicklich, weil die bildungspolitische Sprache seit Jahren mit dem Wort „evidenzbasiert“ arbeitet. Das klingt nach Labor, nach Strenge, nach hoher Verlässlichkeit. In Wahrheit bewegt sich vieles in einer Zwischenzone aus plausibler Annahme, partieller Evidenz und institutioneller Routine. Das ist kein Skandal im boulevardesken Sinn. Es ist gefährlicher. Denn es sieht vernünftig aus. Die Register werden sauber gepflegt, die Indikatoren ordentlich gruppiert, die Rückmeldungen standardisiert. Nur kann die Wissenschaftsbasis unter diesen Verwaltungsoberflächen erstaunlich weich sein. Ihr eigener Text über die Schüler-ID hat genau das auf den Punkt gebracht: Die ID ist Infrastruktur, nicht Bildungspolitik; sie ordnet Datenflüsse, ersetzt aber keine pädagogische Idee.

Die Schüler-ID heilt keine Didaktik

Damit rückt die deutsche Bildungsdebatte in ein eigentümliches Licht. Sie redet geordnet über Schnittstellen, Standards, Register und Übergänge. Sobald es um die Umgestaltung des Unterrichts, um neue Lernarchitekturen oder um die Konsequenzen generativer KI geht, wird sie unscharf. Das Problem liegt also tiefer als im Verwaltungsdesign. Es liegt im Verhältnis von Technologie, Didaktik und wissenschaftlicher Prüfbarkeit. Ein Land kann ohne Mühe Schülernummern vergeben und zugleich didaktisch im letzten Jahrzehnt leben. Wer ChatGPT im Klassenzimmer nur als Störfall behandelt, verteidigt oft nicht das Denken, sondern alte Aufgabenformate. Genau diese Diagnose ziehen Sie in Ihrem Schüler-ID-Text: Deutschland hat nicht allein ein Umsetzungsproblem. Es hat ein Problem mit Technologiekompetenz und mit dem Mut, Unterricht neu zu denken.

Die Frage lautet also nicht nur, ob Daten besser zwischen Behörden fließen. Die Frage lautet, wie aus Daten überhaupt tragfähige Erkenntnis für Unterricht, Förderung und Übergänge wird. Das SWK-Gutachten ist an dieser Stelle hilfreicher, als es viele politische Sonntagsreden sind. Es bindet Datennutzung an Qualität, Relevanz und Unterstützungsmaßnahmen. Genau dort müsste die nächste Reformstufe ansetzen. Nicht Datenliebe allein, sondern eine belastbare Evidenzarchitektur.

Die berufliche Bildung könnte den Gegenbeweis liefern

In der beruflichen Bildung läge sogar die Chance, es besser zu machen. Hier gibt es mit dem Forschungsdatenzentrum des BIBB bereits eine Infrastruktur, die Mikrodaten der Berufsbildungsforschung aufbereitet und der nicht-kommerziellen Forschung zugänglich macht. Das BIBB-FDZ ordnet seine Daten entlang des Lebensverlaufs von Schule über Ausbildung und Erwerbstätigkeit bis in die Weiterbildung. Das ist weit mehr als eine technische Serviceeinheit. Es ist ein möglicher Gegenbeweis gegen die deutsche Gewohnheit, sensible Daten und wissenschaftliche Prüfbarkeit gegeneinander auszuspielen. Wer will, kann hier zeigen, dass Datenschutz und Nachprüfbarkeit zusammenpassen.

Gerade die berufliche Bildung müsste aus den Nature-Befunden Konsequenzen ziehen. Programme für Übergangssektor, Ausbildungsreife, Matching-Plattformen, KI-gestützte Lernhilfen oder betriebliche Weiterbildung dürfen nicht wie Innovationsprosa behandelt werden. Sie brauchen präzise Zielgrößen, dokumentierte Umsetzung, nachvollziehbare Auswertung und die Möglichkeit zur Zweitprüfung. Die Berufsbildung hätte dafür fast alles, was man braucht: reale Daten, arbeitsmarktnahe Probleme, institutionelle Träger und eine hohe öffentliche Relevanz. Was fehlt, ist weniger Technik als wissenschaftspolitische Entschlossenheit.

Auch die HR-Welt lebt von geliehenem Wissen

Damit ist die Brücke zur Zukunft Personal schnell geschlagen. People Analytics, Corporate Learning, Skill-Architekturen, Recruiting-Technologien und Well-being-Programme treten heute gern mit dem Anspruch auf, evidenzbasiert zu sein. Nur stammen viele ihrer Begriffe und Instrumente aus Feldern, deren Evidenzqualität gerade selbst unter verschärfte Beobachtung geraten ist. Das ist kein akademisches Randthema. Es ist ein Glaubwürdigkeitsproblem der gesamten HR-Ökonomie. Wer auf Konferenzen Wirkung verspricht, sollte sagen können, auf welcher Evidenzklasse diese Wirkung beruht, welche Daten offengelegt wurden, ob Ergebnisse repliziert sind und welche Aussagen bloße Szenarien bleiben. Andernfalls wächst das Risiko, dass aus People Analytics eine sehr elegante Form des gut designten Behauptens wird.

Gerade deshalb sollten die Think Tanks von Zukunft Personal sich mit der Methodenfrage beschäftigen. Nicht als wissenschaftliches Feigenblatt, nicht als Pflichtübung im Anhang, vielmehr als Teil ihres Gegenstands. Wer über die Zukunft der Arbeit spricht, kommt an der Frage nicht vorbei, wie Wissen über Arbeit, Lernen, Motivation und Leistung eigentlich entsteht. Es genügt nicht, Dashboards, KI-Tools und Skill-Matrizen zu präsentieren. Die Bedingungen ihrer Geltung gehören offengelegt.

Ein Whitepaper ist noch kein Befund

Das Whitepaper des ZP Think Tanks Innovation, an dem ich mitgearbeitet habe, ist in diesem Punkt ein aufschlussreicher Fall. Zu seinen Stärken zählt sicherlich die Offenheit des Teams. Wir haben das Ganze als Experiment tituliert und den ko-kreativen Prozess aus Workshop, KI-generierten Einsichten, Deep-Search-Marathons, Podcasts und Delphi-Interviews offen dokumentiert. Im Disclaimer schreiben wir ausdrücklich, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit, wissenschaftliche Validität im traditionellen Sinn oder Prognosegenauigkeit erhoben wird. Das ist redlicher als vieles, was in ähnlichen Formaten als Zukunftswissen verkauft wird.

Gerade diese Offenheit erzwingt allerdings auch die richtige Einordnung. Als Debattenpapier und Manifest funktioniert das Whitepaper gut. Als wissenschaftlich belastbares Evidenzprodukt bleibt es schwach abgesichert. Es veröffentlicht keinen Datensatz, keinen Code, keine Interviewleitfäden, keine nachvollziehbare Auswertungslogik, keine Prüfpfade für Dritte. Reproduzierbarkeit, Replizierbarkeit und analytische Robustheit lassen sich daher nicht prüfen. Es macht eine saubere Etikettierung nötig. Ein Impuls ist kein Befund. Ein Zukunftsbild ist keine systematische Evidenz. Ein Think Tank muss keine Fachzeitschrift werden. Im nächsten Schritt wollen wir jetzt bis September ein wenig tiefer gehen mit Leitfäden-Interviews und dergleichen. Das muss dann natürlich alles dokumentiert werden.

Vom Register ins Klassenzimmer, vom Whitepaper zur Prüfspur

Am Ende führt der Weg aus diesem Dilemma nicht über Datenverzicht. Deutschland braucht Daten. Es braucht Register, Monitoring, Verlaufswissen, gute Diagnostik und verlässliche Forschungsinfrastrukturen. Nur darf sich die Debatte darin nicht erschöpfen. Solange die Nachprüfbarkeit der zugrunde liegenden Forschung keine politische Priorität wird, bleibt die Bildungsreform unvollständig. Mehr Daten helfen nur dann, wenn gezeigt werden kann, wie aus ihnen robuste Erkenntnis wird. Für die Bildungspolitik heißt das: weniger Vertrauen in bloße Verwaltungsmodernisierung, mehr Druck auf Transparenz- und Replikationsstandards. Für die berufliche Bildung heißt es: die vorhandenen Dateninfrastrukturen als wissenschaftlichen Vorsprung nutzen. Für Zukunft Personal und ihre Think Tanks heißt es: die Methodenfrage stärker berücksichtigen.

Eine Schule wird nicht besser, weil ihr jeder Schüler eine Nummer trägt. Ein System wird nicht klüger, weil es mehr Felder in der Datenbank füllt. Gewissheit entsteht erst dort, wo Wissen die Prüfung aushält. Genau an dieser Stelle steht Deutschland noch immer erstaunlich oft im Nebel.

Die Zukunft der Stichprobe liegt im Verzicht auf die Stichprobe – Eine Replik auf das Marktforschungs-Jahrbuch zur Stichprobenqualität

Die Marktforschung diskutiert wieder über Stichproben. Das ist verdienstvoll, weil kaum ein Begriff so oft beschworen und so selten präzise verstanden wird wie dieser. In Christian Thunigs LinkedIn-Hinweis zum Jahrbuch der Marktforschung wird die Lage kenntnisreich beschrieben: sinkende Teilnahmebereitschaft, erschöpfte Online-Panels, schwer erreichbare junge Zielgruppen, KI-generierte Antworten, synthetische Daten, Mixed-Mode-Designs, neue Qualitätsstandards. Oliver Frangakos argumentiert aus der Perspektive eines globalen Panelanbieters, Holger Liljeberg aus der Perspektive klassischer Qualitätsforschung. Beide haben recht in dem, was sie verteidigen. Und doch führt die Debatte in die falsche Richtung. Die Zukunft der Stichprobe liegt nicht in der besseren Stichprobe. Sie liegt, so steil muss man es formulieren, im Verzicht auf die Stichprobe — jedenfalls dort, wo sie zur bloßen Legitimationsformel für Erkenntnis geworden ist.

Das ist kein Plädoyer gegen Empirie. Es ist auch kein Angriff auf Exit-Polls, valide Face-to-Face-Erhebungen, Einwohnermeldeamts-Stichproben, hochwertige CATI-Designs oder methodisch kontrollierte Mixed-Mode-Studien. Wer Befragungen direkt an den Toren der Wahlbüros durchführt, wer seltene Populationen sauber rekrutiert, wer tiefenscharfe sozialwissenschaftliche Feldforschung betreibt, braucht weiterhin Stichproben. Und zwar gute.

Die These betrifft einen anderen, größeren Bereich: die routinierte Markt-, Medien-, Kommunikations- und Kampagnenforschung, in der Stichproben oft nur noch den Anschein statistischer Solidität erzeugen, während die Wirklichkeit, die sie abbilden sollen, längst woanders spricht, sucht, klickt, kommentiert, kauft, schweigt oder widerspricht.

Die Stichprobe war eine Antwort auf Knappheit

Die klassische Stichprobe war eine geniale Antwort auf Knappheit. Man konnte nicht alle fragen, also fragte man einige. Man konnte Verhalten nicht dauerhaft beobachten, also erhob man Meinungen punktuell. Man konnte gesellschaftliche Kommunikation nicht in Echtzeit auswerten, also baute man Erhebungsapparate.

Daraus entstand eine Kultur der Befragung, die über Jahrzehnte erstaunlich leistungsfähig war. Doch ihre Voraussetzung war eine halbwegs erreichbare Gesellschaft. Diese Voraussetzung zerfällt.

Das Problem ist nicht nur, dass Menschen seltener ans Telefon gehen. Es ist tiefer. Die Befragung setzt voraus, dass Menschen wissen, was sie denken; dass sie sagen, was sie denken; dass die Befragungssituation ihr Denken nicht verändert; dass die Antwortkategorie zur inneren Lage passt; dass Erreichbarkeit nicht systematisch mit Meinung korreliert; dass Teilnahmebereitschaft keine eigene soziale Selektion erzeugt. Jede dieser Voraussetzungen ist heute prekär.

Mixed Mode ist nicht automatisch Repräsentativität

Darum greift auch die Hoffnung auf immer raffiniertere Mixed-Mode-Designs zu kurz. Sie ist methodisch ehrenwert, aber häufig defensiv. Wenn eine Gesellschaft über Festnetz, Mobiltelefon, Online-Panel, Messenger, App, Straße und postalische Einladung nur noch fragmentarisch erreichbar ist, dann ist die Kombination dieser Kanäle nicht automatisch ein Weg zurück zur Repräsentativität. Sie kann auch nur die Addition verschiedener Verzerrungen sein.

Man erreicht mehr Menschen, gewiss. Aber erreicht man dadurch die relevante Wirklichkeit? Die Branche hält am Begriff der Repräsentativität fest, weil er Vertrauen erzeugt. Aber Repräsentativität ist kein Weihwasser. Sie ist eine Eigenschaft eines Designs im Verhältnis zu einer definierten Grundgesamtheit, einem Erhebungsmodus, einer Fragestellung und einer Fehlerstruktur. Wer heute sagt, eine Stichprobe sei repräsentativ, sagt häufig weniger, als Auftraggeber glauben.

Repräsentativ wofür? Für Alter, Geschlecht, Bildung und Region? Für politische Aufmerksamkeit? Für Kaufbereitschaft? Für kulturelle Codes? Für digitale Sichtbarkeit? Für latente Wechselbereitschaft? Für die Fähigkeit, eine Marke überhaupt zu erinnern? Für die Bereitschaft, in einem Panel zum fünften Mal in diesem Monat eine Befragung auszufüllen?

Die eigentliche Krise ist epistemisch

Hier beginnt die eigentliche Stichprobenkrise. Sie ist keine technische Krise der Rekrutierung. Sie ist eine epistemische Krise. Die Stichprobe beantwortet immer noch die Frage: Wen fragen wir? Die strategisch interessantere Frage lautet längst: Welche Spuren sind aussagekräftig?

Moderne Gesellschaften produzieren ununterbrochen beobachtbare Signale. Sie schreiben Rezensionen, bewerten Produkte, teilen Videos, lesen Nachrichten, suchen Begriffe, verlassen Warenkörbe, abonnieren Kanäle, kommentieren Kandidaten, ignorieren Kampagnen, reagieren auf Ereignisse, bilden Resonanzräume. Diese Signale sind nicht identisch mit Meinung. Aber sie sind auch nicht weniger wirklich als eine Antwort auf einer Skala von eins bis zehn. Oft sind sie sogar näher an der sozialen Dynamik, weil sie nicht erst in der künstlichen Situation der Befragung erzeugt werden. LeFloid hat das auf der dmexco sehr gut zusammengefaßt.

Bonn als Praxistest: Prognose ohne Befragung

Ein Beispiel dafür war die Oberbürgermeisterwahl in Bonn. Guido Déus von der CDU gewann die Stichwahl gegen die grüne Amtsinhaberin Katja Dörner. Das Ergebnis lag bei 53,99 Prozent für Déus und 46,01 Prozent für Dörner. Unsere Prognose lag im Korridor: Für Déus hatten wir 52 bis 55 Prozent erwartet, für Dörner 45 bis 48 Prozent. Auch die Stärke der CDU im Bonner Stadtrat hatten wir mit 25 bis 30 Prozent prognostiziert; tatsächlich kam die CDU auf 31,9 Prozent und wurde stärkste Kraft.

Das Entscheidende war nicht die Punktlandung als solche. Eine einzelne Wahl validiert kein Modell im strengen wissenschaftlichen Sinn. Aber sie kann zeigen, dass ein anderes Beobachtungsregime belastbare Signale liefert. Seit dem Frühjahr 2025 haben wir bei Sohn@Sohn ein alternatives Prognosemodell getestet: keine Umfrage, keine klassische Befragungsstichprobe, kein „Wenn am Sonntag Wahl wäre“. Stattdessen eine kontinuierliche Sentiment-Analyse.

Das Modell klassifizierte Signale aus News-Portalen, Social Media, Websites und digitalen Veranstaltungsformaten entlang positiver, neutraler und negativer Tonalitäten. Hinzu kamen Sichtbarkeitswerte, Interaktionsdaten, Resonanzräume und Verlaufskurven. Es handelte sich nicht um ein einzelnes KI-Tool, sondern um eine kuratierte, methodisch überformte Beobachtungsschicht: täglich aktualisiert, kontextsensitiv, mit manuellem Feintuning, offen für qualitative Verschiebungen und zugleich gestützt auf strukturierte Massendaten.

Sichtbarkeit ist nicht Zustimmung — aber ein Signal

Der Bonner Fall ist deshalb interessant, weil er zeigt, was klassische Befragungslogik oft unterschätzt. Nicht jede Interaktion ist Zustimmung. Nicht jede Sichtbarkeit ist Stärke. Nicht jede Empörung ist Ablehnung. Aber über längere Zeiträume entstehen Muster: Wer wird außerhalb des eigenen Lagers erwähnt? Welche Narrative setzen sich durch? Wo kippt Tonalität? Welche Kandidatur erzeugt nur Lagerkommunikation, welche erreicht fremde Resonanzräume? Wo verdichten sich Themen, wo versenden sie sich?

Genau hier liegt der Unterschied zwischen Befragungsdaten und Resonanzdaten. Die Befragung erzeugt eine Antwort. Die Resonanzanalyse beobachtet Bewegung. Die Befragung fragt nach Präferenz. Die Resonanzanalyse sucht nach Dynamik. Die Befragung ist eine Momentaufnahme. Die Resonanzanalyse ist eine Zeitreihe.

Damit verschiebt sich der Forschungsgegenstand. Nicht mehr die einzelne Antwort ist die elementare Einheit, sondern das Muster. Nicht mehr die punktuelle Befragung ist der Königsweg, sondern die Entwicklung über Zeit. Nicht mehr das Versprechen, eine Bevölkerung im Kleinen abzubilden, ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, Bewegungen, Brüche, Resonanzverschiebungen und semantische Verdichtungen früh zu erkennen.

Der Kommentarstrang ist nicht repräsentativ — aber diagnostisch

Natürlich ist ein Kommentarstrang nicht repräsentativ. TikTok ist nicht die Bevölkerung. Reddit ist nicht die Mitte. Die Leserbriefspalte ist nicht das Wahlvolk. Aber diese Feststellung ist trivial. Die wichtigere Frage lautet: Welche Veränderung zeigt sich dort früher als in einer Befragung? Welche Begriffe wandern von der Peripherie ins Zentrum? Welche Themen verlieren Anschlussfähigkeit? Welche Akteure erzeugen Resonanz jenseits ihrer eigenen Anhängerschaft? Welche Botschaften werden nicht nur gesehen, sondern aufgenommen, umgedeutet, verspottet, weitergetragen?

Das lässt sich mit klassischen Stichproben nur schwer erfassen. Eine Befragung misst häufig das, was Befragte im Moment der Befragung zu sagen bereit und fähig sind. Digitale Resonanzanalyse misst, was in Kommunikationsräumen tatsächlich zirkuliert. Das ist ein anderer Erkenntnistyp. Er ist weniger sauber im alten Sinn, aber oft näher an der Dynamik.

Die „Sonntagsfrage“ ist eine nützliche Fiktion

Gerade in der politischen Prognostik wird das sichtbar. Die Frage „Wenn am Sonntag Wahl wäre?“ ist eine große zivilisatorische Erfindung der Demoskopie, aber sie ist auch eine eigentümliche Fiktion. Sie unterstellt eine Entscheidungssituation, die gerade nicht stattfindet. Sie zwingt Unentschlossene in Kategorien, die sie vielleicht noch gar nicht gebildet haben. Sie misst Präferenz als Selbstauskunft.

In fragmentierten Öffentlichkeiten kann jedoch die Veränderung der Resonanz wichtiger sein als der abgefragte Stand. Wer gewinnt Anschluss? Wer verliert Deutungshoheit? Wer wird außerhalb des eigenen Lagers positiv erwähnt? Wo kippt Tonalität? Wo entsteht Mobilisierung?

Dass solche Modelle funktionieren können, heißt nicht, dass sie klassische Wahlforschung ersetzen. Für amtliche Wahlforschung, Exit-Polls und methodisch saubere Nachwahlbefragungen gelten andere Regeln. Aber für Kampagnensteuerung, Frühindikatoren, Kandidatenwahrnehmung und strategische Kommunikation ist die Stichprobe oft zu langsam, zu statisch und zu sehr an Selbstauskunft gebunden.

Marktforschung darf nicht nur Absicherungsforschung sein

In der Marktforschung ist die Lage ähnlich. Seit Jahrzehnten fragt man Menschen nach Kaufabsichten, Wiedererkennung, Weiterempfehlung, Markenpräferenz. Man erhält Zahlen, Balken, Scores. Doch ein großer Teil dieser Forschung ist nicht Erkenntnisproduktion, sondern Absicherung. Sie legitimiert Entscheidungen, die längst getroffen wurden. Sie erzeugt Mittelmaß, weil sie das Neue an den Maßstäben des Bekannten prüft.

Wer radikale Kreativität durch Befragung vorab validieren will, bekommt selten Überraschung, aber häufig Beruhigung. Der Verzicht auf die Stichprobe bedeutet hier nicht den Verzicht auf Forschung. Er bedeutet den Verzicht auf die falsche Autorität der Befragung. Statt hypothetische Kaufabsichten abzufragen, kann man reales Such-, Klick-, Kauf-, Nutzungs- und Empfehlungsverhalten analysieren. Statt einzelne Kampagnenmotive in Panels zu testen, kann man semantische Resonanz, kulturelle Anschlussfähigkeit und Diffusionsgeschwindigkeit beobachten. Statt Menschen zu fragen, ob sie eine Botschaft verstanden haben, kann man untersuchen, wie sie diese Botschaft tatsächlich weiterverwenden.

Die Zukunft heißt nicht hybride Stichprobe, sondern hybride Evidenz

Das bessere Modell der Zukunft ist daher nicht die hybride Stichprobe, sondern die hybride Evidenzarchitektur. Sie kombiniert kontinuierliche Beobachtungsdaten mit qualitativer Tiefeninterpretation, experimentellen Designs, kleinen validen Ankerstudien und gelegentlichen hochwertigen Befragungen.

Die Stichprobe verschwindet nicht vollständig. Aber sie verliert ihre Rolle als Zentralorgan der Erkenntnis. Sie wird Kalibrierinstrument, Kontrollgruppe, Plausibilitätsanker. Nicht mehr der ganze Erkenntnisapparat.

Das ist auch die angemessene Antwort auf synthetische Daten. Synthetische Stichproben können nützlich sein, um Hypothesen zu simulieren, Fragebögen zu testen, Szenarien zu modellieren. Aber sie dürfen nicht zur billigen Ersatzbevölkerung werden. Ein Modell, das auf alten Befragungen trainiert wurde, reproduziert alte Verzerrungen. Ein Modell, das auf synthetischen Daten weitertrainiert wird, erzeugt irgendwann den statistischen Hallraum seiner eigenen Voraussetzungen.

Die Zukunft kann nicht darin liegen, Menschen durch plausibel klingende Maschinenantworten zu ersetzen. Sie liegt darin, menschliches Verhalten dort zu beobachten, wo es ohnehin Spuren hinterlässt — und diese Beobachtung methodisch zu kontrollieren.

Neue Daten brauchen strengere Gütekriterien

Dazu braucht die Branche neue Gütekriterien. Nicht mehr nur Fallzahl, Quote, Feldzeit und Gewichtung. Sondern Abdeckungslogik, Quellenarchitektur, Plattformbias, Bot-Resistenz, semantische Validität, Zeitreihenstabilität, Modelltransparenz, menschliche Nachcodierung, Fehlerprotokolle.

Eine Resonanzanalyse ist nur so gut wie ihre Fähigkeit, zwischen Lautstärke und Bedeutung zu unterscheiden. Sichtbarkeit ist nicht Zustimmung. Empörung ist nicht Ablehnung. Ironie ist nicht Negativität. Aktivität ist nicht Repräsentativität.

Genau deshalb darf diese Forschung nicht an Tools delegiert werden. Sie verlangt mehr Methode, nicht weniger.

In diesem Punkt haben Thunigs Gesprächspartner recht: Qualität bleibt der entscheidende Maßstab. Aber Qualität wird künftig anders hergestellt. Nicht durch die nostalgische Rückkehr zu einer Stichprobenwelt, die gesellschaftlich immer schwerer erreichbar ist. Sondern durch die kontrollierte Verbindung unterschiedlicher Evidenzformen.

Die alte Marktforschung suchte die repräsentative Antwort. Die neue muss das belastbare Signal finden.

Gesellschaften sind keine Säcke

Der Begriff der Stichprobe stammt aus einer Welt, in der man aus einem Sack eine Probe zog, um auf den Inhalt des Ganzen zu schließen. Diese Metapher war schon immer unvollkommen. Gesellschaften sind keine Säcke. Märkte sind keine homogenen Mischungen. Öffentlichkeiten sind dynamische, asymmetrische, technisch vermittelte Resonanzsysteme.

Wer aus ihnen eine Handvoll Befragte zieht, bekommt nicht automatisch Wahrheit, sondern einen methodisch erzeugten Ausschnitt.

Die Stichprobe der Zukunft besteht deshalb im aufgeklärten Verzicht auf die Stichprobe als Mythos. Wo klassische Stichproben stark sind, soll man sie nutzen. Wo sie nur noch Ritual sind, soll man sie lassen. Die entscheidende Frage lautet nicht länger, ob wir genug Menschen gefragt haben. Sie lautet: Haben wir die richtigen Signale verstanden?

Das wäre eine Zumutung für eine Branche, die ihr Selbstbild lange aus der Befragung bezogen hat. Aber Wissenschaft beginnt selten mit der Verteidigung ihrer Routinen. Sie beginnt mit der Einsicht, dass eine Methode, die einmal modern war, irgendwann selbst zum Erkenntnishindernis werden kann.

Die Stichprobe hat die empirische Sozial- und Marktforschung groß gemacht. Ihre Zukunft könnte darin liegen, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen.

Siehe auch:

https://www.bvm.org/jahrbuch-der-marktforschung/branchen-insights/artikelseite/die-stichprobenziehung-in-der-online-marktforschung-befindet-sich-in-einer-hybridphase

https://www.bvm.org/jahrbuch-der-marktforschung/branchen-insights/artikelseite/stichprobe-der-zukunft-ki-kosten-und-der-kampf-um-repraesentativitaet

Abgeholt. Das neue Universalverb der pädagogisierten Republik.

Man wird nicht mehr überrascht, nicht mehr herausgefordert, nicht mehr beleidigt durch Gedanken, nicht mehr überwältigt durch Kunst, nicht mehr genötigt, sich zu strecken, sich zu verrenken, sich lächerlich zu machen vor dem Höheren, Größeren, Komplizierteren. Nein. Man wird abgeholt.

Wie ein Kind mit Wechselwäschebeutel.

Wie ein Dreijähriger, der mit Apfelstückchen in der Brotdose vor der Kita steht und noch nicht weiß, dass draußen schon die Fördermittel warten, die Antragslyrik, die Workshopkultur, der moderierte Kreis, der Impuls, die Feedbackrunde, das niedrigschwellige Angebot.

Abgeholt werden die Leute dort, wo sie sind.

Wo sind sie denn?

Im Sandkasten der eigenen Voraussetzungslosigkeit offenbar. Im Schlammloch der kulturellen Unterforderung. Im warmen Matsch der Zumutungsfreiheit. Dort stehen sie also, die Leute, und frieren, oder sie frieren nicht, sie sind ja dort, wo sie sind, jedenfalls müssen sie da abgeholt werden, von Leuten, die wissen, wo man selbst schon ist, nämlich weiter. Viel weiter. So weit, dass man zurückgehen kann. Großzügig. Herablassend. Pädagogisch lächelnd.

Abholen heißt: Ich weiß, dass du nicht kannst.

Abholen heißt: Ich senke den Gegenstand, bis er in deine Tasche passt.

Abholen heißt: Die Sache hat keinen eigenen Anspruch mehr, sie bekommt eine Zielgruppe.

Das ist das Ekelhafte daran.

Nicht die Freundlichkeit. Nicht die Vermittlung. Nicht die Geduld. Sondern diese verschmierte, sozialarbeiterisch parfümierte Vorannahme, dass zwischen Mensch und Gedanke erst ein Betreuungsvorgang geschaltet werden muss. Früher hieß das Lesen. Heute heißt es Zugang schaffen. Früher hieß es Denken. Heute heißt es Resonanzraum. Früher hieß es Kunst. Heute heißt es Format.

Und immer diese Haltung.

Haltung einfordern.

Als müsste man Hühner aufrichten.

Schon das Wort: Haltung. Man hört das Federvieh. Legehennenhaltung. Bodenhaltung. Freilandhaltung. Massentierhaltung. Kulturhaltung. Diskurshaltung. Förderantragshaltung. Die Haltung muss stimmen, heißt es, und sofort wird es eng, sofort riecht es nach Erziehungsanstalt, nach Konformitätsprüfung, nach dem kleinen ideologischen Maßband an der Wirbelsäule. Steh gerade. Denk richtig. Fühl angemessen. Sei betroffen, aber nicht hysterisch. Sei kritisch, aber konstruktiv. Sei offen, aber nicht störend. Sei auf Augenhöhe.

Auf Augenhöhe!

Das Lieblingswort aller, die gerade eine Leiter wegtreten.

Auf Augenhöhe begegnen sich inzwischen Intendanten und Publikum, Kuratorinnen und Quartier, Verwaltung und Kreativszene, Antragsteller und Jurys, Erwachsene und Erwachsene, Erwachsene und Kinder, Kinder und Hunde, Hunde und Hühner. Alle auf Augenhöhe, alle flach, alle waagerecht, alle in dieser großen demokratischen Haltungsgymnastik, in der niemand mehr oben sein darf, außer natürlich denen, die definieren, was Augenhöhe gerade bedeutet.

Denn Augenhöhe ist ja nie wirklich Augenhöhe.

Es ist der Moment, in dem der Mächtige in die Hocke geht und dafür Applaus erwartet.

Wie lieb.

Wie zugänglich.

Wie partizipativ.

Und dann Achtsamkeit.

Achtsamkeit ist die Watte, in die der Abholvorgang eingepackt wird. Achtsamkeit heißt: Bitte nicht merken, dass hier gerade Niveau abgesenkt wird. Bitte atmen. Bitte spüren. Bitte die Zumutung als Verletzung interpretieren und die Verletzung als Ressource. Achtsamkeit ist das Beruhigungsspray auf dem brennenden Haus der Begriffe. Es zischt kurz. Dann riecht alles nach Lavendel und Kapitulation.

Man müsse die Menschen mitnehmen.

Noch so ein Satz.

Mitnehmen wohin?

Zur Sache etwa?

Nein, zur Akzeptanz der eigenen Mitgenommenheit. Das Mitnehmen ist schon das Ziel. Der Prozess prozessiert. Die Vermittlung vermittelt Vermittlung. Das Gespräch führt zum Gespräch über Gesprächsformate. Die Kunst wird zum Anlass für Beteiligung, Beteiligung zum Anlass für Dokumentation, Dokumentation zum Anlass für Evaluation, Evaluation zum Beweis, dass man Menschen erreicht habe, die man vorher liebevoll als unerreicht erfunden hat.

Abgeholt, mitgenommen, beteiligt, empowered, gesehen.

Und am Ende?

Am Ende steht ein Mensch vor einem Gedicht und darf nicht mehr scheitern.

Das ist die eigentliche Barbarei.

Denn Scheitern gehört dazu. Nicht alles verstehen. Sich blamieren. Zwei Seiten lesen und nichts begreifen. Wieder anfangen. Einen Satz zehnmal lesen. Einen Namen nachschlagen. Sich ärgern. Sich unterlegen fühlen. Sich diesem Unterlegensein aussetzen. Nicht sofort bedient werden. Nicht sofort vorkommen. Nicht sofort gespiegelt werden. Nicht sofort sagen dürfen: Da finde ich mich aber nicht wieder.

Ja, vielleicht findest du dich nicht wieder.

Sehr gut.

Vielleicht bist du nicht der Maßstab.

Vielleicht ist das der Anfang von Bildung.

Einstein hat 1905 niemanden dort abgeholt, wo er war. Joyce hat niemanden abgeholt, Joyce hat einen Brocken hingeschmissen, groß, unhandlich, wahnsinnig, komisch, überfordernd, und wer wollte, konnte sich daran die Zähne ausschlagen. Hölderlin holt auch niemanden ab. Hölderlin steht da. Patmos steht da. Der Satz steht da. Die Götter stehen da oder sind weg, die Schrift glüht, die Bibel fehlt, der Leser schwitzt. Das ist keine Servicepanne. Das ist Literatur.

Die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist nicht zu überbrücken wie eine Baustelle mit gelben Schildern. Sie ist auszuhalten.

Aushalten.

Auch so ein verlorenes Wort.

Nicht: Haltung einfordern.

Sondern: den Anspruch aushalten.

Nicht: Menschen abholen.

Sondern: ihnen zutrauen, dass sie gehen können.

Nicht: auf Augenhöhe blabla.

Sondern: anerkennen, dass manche Gegenstände größer sind als wir, älter, härter, klüger, fremder. Dass man den Kopf heben muss. Dass man nicht alles auf Kinderhöhe herunterbrechen kann, ohne es zu zerbrechen.

Das Peinlichste sind Erwachsene, die im Umgang mit Kindern deren Manieren übernehmen. Dieses Hocken, dieses Überbetonen, dieses falsche Staunen: Du hast ja ein ganz tolles Bild gemalt! Und jetzt wird die ganze Kultur so angesprochen. Bürgerinnen und Bürger, liebe Zielgruppen, ihr habt ja schon ganz tolle Erfahrungen gemacht! Die Oper kommt zu euch! Die Philosophie kommt zu euch! Der Roman kommt in einfacher Sprache zu euch! Der Gedanke zieht sich die Schuhe mit Klettverschluss an!

Nein.

Man muss nicht brutal sein. Man muss nicht kalt sein. Man muss nicht die alte Bildungskeule schwingen und dann zufrieden den Staub von Goethe pusten. Vermittlung ist nötig. Lehrer sind nötig. Erklärungen sind nötig. Geduld ist nötig. Aber das alles ist etwas anderes als Abholen. Gute Vermittlung verrät den Anspruch nicht. Sie baut eine Treppe, aber sie sägt nicht am Berg herum.

Die Abholer aber sägen.

Sie sägen und lächeln.

Sie nennen es Zugang.

Sie nennen es Teilhabe.

Sie nennen es Haltung.

Und während sie sägen, wundern sie sich, dass oben nichts mehr steht.

Die Messe als Kaffeehaus der Gegenwart: Warum man für zwei Tage Zukunft Personal fast ein Gedächtnis wie Ena du Prèl braucht #ZPSued

Stuttgart als Verdichtungsmaschine

Zwei Tage Zukunft Personal Süd, und plötzlich liegt die Arbeitswelt nicht mehr in ordentlichen Ressorts vor einem, fein säuberlich getrennt nach Recruiting, Learning, Arbeitsrecht, KI, Employer Branding und Führung, sondern als dichtes, lärmendes, funkelndes Durcheinander. Eine Bühne ruft nach der Zukunft der Arbeit, die nächste nach den Verletzungen der Gegenwart. Ein Stand verteilt Hoffnung in Prospekten, zwei Gänge weiter zerlegt jemand den Glauben an die nächste Managementmode. Dazu das Stimmengewirr der Branche, die sich selbst besichtigt, neu sortiert, anpreist, befragt, bezweifelt, umarmt.

Wer das alles aufheben, ordnen und wiedergeben will, braucht eine Fähigkeit, die im modernen Konferenzbetrieb kaum noch vorkommt: ein Gedächtnis, das nicht nur speichert, sondern auswählt. Vielleicht jenes Staunen, das die Zeitgenossen im Prager Café Parlament erfasste, als dort die junge Ena du Prèl auftrat, Gedächtnis- und Rechenkünstlerin, siebzehnjährig, ein Phänomen. Hartmut Binder beschreibt sie als Frau, die beliebige Stellen aus einem 760seitigen Gedichtbuch hersagen, 1056 Nummern eines Opernlexikons erinnern, schwierige Schachprobleme lösen und siebenstellige Zahlen im Kopf multiplizieren konnte. Das Publikum wollte mehr, die Engagements drängten sich, die Monate waren ausgebucht. Nachzulesen im Opus von Binder „Gestern abend im Café – Kafkas versunkene Welt der Prager Kaffeehäuser und Nachtlokale“.

Ena du Prèl in Stuttgart, das wäre eine schöne Vorstellung gewesen. Sie hätte zwischen HR Roundtable, Employer Branding Stage, Keynotes, Messestudio, Buchstand und Kaffeegespräch wahrscheinlich mühelos den Überblick behalten, während andere längst im Seminarnebel der Gegenwart verschwinden. Jule Jankowski und Harald Schirmer kamen dieser Kunst an den beiden Messetagen am nächsten. Nicht, weil sie Kunststücke vorführten. Weil sie aus Splittern eine Lage formten.

Jule Jankowski und der Realismus der Baustelle

Jule Jankowski brachte eine Metapher mit, die hängenblieb. Stuttgart, sagte sie, sei geradezu das Bild dieser Arbeitswelt: überall Baustelle, überall Umbau, überall ein Suchprozess, bei dem das Zielbild noch nicht feststeht. Die Region, die jahrzehntelang aus der Kraft ihrer Industrie lebte, steht auf einmal im Zwischenzustand. Nichts an dieser Beobachtung hat Folklore. Sie trägt die Schwere der Gegenwart in sich. ZF, Layoffs, Unsicherheit, Parallelwelten eines Arbeitsmarktes, in dem auf der einen Seite zehntausende Stellen verschwinden und auf der anderen Seite ganze Branchen um Menschen ringen wie um ein seltenes Gut. Jankowski sah darin keinen Widerspruch, keine Rechenaufgabe, kein Feld für die übliche Beschwichtigung, vielmehr die neue Gleichzeitigkeit der Republik.

Damit traf sie den Kern. Die Zukunft Personal lebt in diesem Jahr nicht von der Behaglichkeit des Austauschs, auch nicht von der bloßen Freude an Tools, Formaten und Trends. Über den Gängen liegt die Ahnung, dass die Arbeitswelt ihre Grammatik wechselt. Employer Branding verliert seinen Hochglanz, sobald die Werkstore nicht mehr nur öffnen, sondern auch schließen. Der Ton ändert sich. Ein Unternehmen wie ZF gewinnt in dieser Lage keine Glaubwürdigkeit durch freundliche Kampagnensprache, nur durch das Risiko der Offenheit. Jankowski hat das sehr klar gefasst: Nicht in den guten Zeiten zeigt sich, ob eine Arbeitgebermarke etwas taugt. Der Ernstfall entscheidet.

Das ist ein Satz gegen die PR der Ausweichbewegung. Gegen jenes Sprechen, das Entlassungen in „Transformation“ verwandelt und Härte in Prozesspoesie auflöst. Wer so redet, verliert nicht nur Vertrauen. Er verliert Kontakt zur Wirklichkeit. Jankowski hat in Stuttgart genau dort hingehört, wo Sprache kippt und Ehrlichkeit beginnt.

Harald Schirmer und die Republik der Verbindungen

Harald Schirmer wählte einen anderen Weg. Weniger Verdichtung, mehr Verknüpfung. Weniger Bühne, mehr Strecke. Sein Rückblick trägt die Form eines Foto-Protokolls und verrät darin viel über die gegenwärtige Messekultur. Das Ereignis endet nicht mehr an der Hallentür. Es setzt sich fort in Bildern, Links, Namen, Empfehlungen, Gesprächen, Newslettern, abendlichen Runden, Follow-ups, einem dichten Geflecht aus Anschlüssen. Schirmer läuft durch diese zwei Tage wie ein Chronist der Verbindungen. Freunde, Arbeitsrecht, Ärger, KI, Corporate Learning, Transformation, Community, Haltung. Alles gehört zusammen, weil die Arbeitswelt aufgehört hat, sich säuberlich in Kästen einzusperren.

In seinem Text tauchen dann genau jene Figuren auf, an denen man den Zeitgeist besser ablesen kann als an jeder übergeordneten Trendfolie: Sven Semet mit dem Versuch, Widersprüche in Konzernbetriebsvereinbarungen per lokalem LLM sichtbar zu machen. Matthias Schirrmacher mit dem rettenden Begriff der „Beharrungskompetenz“, der den verächtlichen „Blockierer“ aus dem Vokabular drängt. Markus Väth mit der Frage, was in HR eigentlich Wirkung heißt, wenn doch vieles nur deshalb gemessen wird, weil es leicht messbar ist. Anabel Ternès von Hattburg mit dem Satz, Macht verstärke eher Kontrollverhalten als Vertrauen. Sophie Rickmann, Winfried Ebner, Annabel Klarwein, Cawa Younosi, Oliver Ewinger, Monika Mader, Dominique René Fara, Barbara Gerhards – Namen, die bei Schirmer nicht dekorativ aufgezählt werden, sondern als Knoten eines Diskussionsraums erscheinen, der weit über die Messe hinausweist.

Darin liegt der Wert seines Blicks. Er behandelt die Zukunft Personal nicht als Kulisse für Leitmotive, sondern als soziales Labor. Die Arbeit erscheint bei ihm in ihrer ganzen Unübersicht: technologisch überdreht, moralisch erschöpft, lernhungrig, vernetzt, gereizt, suchend. Eine Anti-Ärger-Beraterin wird in diesem Kosmos genauso relevant wie ein KI-Pragmatiker. Das ist keine Beliebigkeit. Es ist das richtige Bild für eine Arbeitswelt, in der die Erschöpfung der Menschen und die Ambitionen der Systeme gleichzeitig verhandelt werden.

Das Kaffeehaus als Denkfigur

Vielleicht hilft an dieser Stelle wirklich das alte Kaffeehaus. Nicht als hübsche literarische Tapete, als Strukturmodell. Prag um 1918, ein Ort der Überlagerungen, der Zeitungen, Künstler, Rechnungen, Gerüchte, Debatten, Auftritte, Blicke. Im Café Parlament saß man nicht nur, man wurde angesprochen, verführt, unterrichtet, überrascht. Ena du Prèl war dort nicht einfach eine Attraktion, sie war der Beweis, dass ein Raum durch Verdichtung zur Sensation werden kann.

Stuttgart war in diesen beiden Tagen genau das, nur ohne Samt, ohne Opernlexikon, ohne Schachbrett, dafür mit WLAN-Lücken, Selfies, Livestreams und LinkedIn-Nachbereitung. Die Messe verwandelte sich in ein Kaffeehaus der Gegenwart: ein Ort, an dem Begegnung und Beobachtung zusammenfallen, an dem Bücher auf Vorträge reagieren, Gespräche auf Studien, Netzwerkpflege auf Ernstfragen, Messestand auf Gewissensbiss. Wer dort nur Stände ablief, sah ein Event. Wer wie Jankowski und Schirmer hindurchging, sah die Republik der Arbeit in Miniatur.

Beide leisten am Ende dasselbe, mit gegensätzlichen Mitteln. Jankowski filtert und verdichtet. Schirmer sammelt und verlinkt. Die eine sucht den neuralgischen Punkt, an dem aus einem Vortrag ein Symptom wird. Der andere baut aus vielen Mosaiksteinen eine Landkarte der Beziehungen. Zusammen liefern sie das, was auf solchen Veranstaltungen meistens fehlt: Orientierung.

Warum diese Blicke mehr leisten als jede Trendfolie

Der Wert solcher Beobachtungen liegt nicht in der Nachberichterstattung. Er liegt in der Korrektur des Maßstabs. Auf Messen gewinnt leicht das Lauteste, das Neueste, das am schönsten Ausgeleuchtete. Jankowski und Schirmer interessieren sich für etwas anderes. Für die Wahrheit hinter dem Auftritt. Für die Tonlage in der Krise. Für die Frage, wie echt eine Geschichte bleibt, wenn ein Unternehmen sie gegen seine Lage verteidigen muss. Für das, was zwischen den Sessions geschieht. Für den Umstand, dass eine Messe längst auch ein soziales Netzwerk in physischer Form ist.

Die Zukunft Personal Süd wurde in diesen zwei Tagen dadurch lesbar. Nicht als Triumphmarsch der HR-Branche. Eher als Proberaum unter Spannung. Die einen kamen, um Kunden zu gewinnen. Andere, um Antworten zu suchen. Wieder andere, um Freunde zu treffen, Zweifel zu sortieren, Bücher zu entdecken, eine These zu prüfen, einen Impuls weiterzutragen. Genau daraus entstand das Bild.

Und hier kehrt Ena du Prèl noch einmal zurück. Die eigentliche Kunst lag nie nur im Merken. Sie lag in der Beherrschung der Fülle. In Stuttgart hieß diese Fülle: Sessions, Gespräche, Debatten, Bücher, Studien, Ausstellerinitiativen, Netzwerk-Treffen, freundschaftliche Begegnungen, Halbsätze mit Langzeitwirkung. Wer daraus nichts anderes macht als einen Terminkalender mit Fotos, hat die Messe konsumiert. Wer daraus eine Lagebeschreibung formt, hat verstanden, worum es ging.

Jule Jankowski und Harald Schirmer haben genau das getan. Die eine mit der Schärfe des Real Talk, der andere mit der Geduld des vernetzenden Flaneurs. Das Ergebnis ist mehr als Rückschau. Es ist ein Protokoll jener Gegenwart, in der Arbeit nicht mehr in Zuständigkeiten zerfällt, sondern in Überlagerungen. Die Messe hatte dafür nur zwei Tage. Manchen reichte das. Andere hätten Ena du Prèl gebraucht.

Wenn der Uhu dreimal huht und der Bräutigam futsch ist: Heike Huhmanns „Endlich Huhzigg“ im Kölner Hänneschen Theater

Nach 220 Jahren Verlobung wird et ärns

Manche Hochzeiten kommen plötzlich. Diese hier nicht. Nach ungefähr 220 Jahren Verlobung dürfen Hänneschen und Bärbelchen nun also endlich vor den Traualtar. In Köln ist das keine private Angelegenheit zweier Puppen, sondern ein Eingriff ins Brauchtumsgefüge. Man könnte auch sagen: Wenn Hänneschen heiratet, wackelt kurz der Alter Markt.

Heike Huhmann weiß das. Ihr Abendstück „Endlich Huhzigg“ tut deshalb nicht so, als sei diese Hochzeit nur ein hübscher Anlass für Schleier, Schnaps und Schunkellieder. Sie macht aus der Sache eine kölsche Versuchsanordnung: Was passiert, wenn man eine Legende, die sich über Generationen in der ewigen Verlobung eingerichtet hat, plötzlich verheiratet?

Die Antwort lautet: Erst einmal wird gefeiert. Dann geht alles schief.

„Nä, dat fängk jo jot aan.“

Der schönste Abend vor dem schlimmsten Morgen

Am Vorabend der Trauung trennen sich die Wege. Die Männer ziehen in die Altstadt, mit Bauchladen, Durst und der bekannten männlichen Zuversicht, dass man schon irgendwie wieder nach Hause findet. Die Frauen feiern derweil ihre eigene Runde und reden über das, was nach dem weißen Kleid kommen könnte: Ehe, Alltag, Kinder, Kochtöpfe, Erwartungen, Enttäuschungen. Das klingt schwerer, als es gespielt wird. Huhmann schreibt keine Volkshochschulkomödie über Rollenbilder, sondern lässt die alten Figuren in eine Gegenwart geraten, in der man nicht mehr jede Eheweisheit unbesehen durchwinkt.

Der Bräutigam hat die Braut vorher im Kleid gesehen. Unglück, sagt der Aberglaube. Im Hänneschen Theater ist Aberglaube kein psychologisches Motiv, sondern ein dramaturgischer Türöffner: Einer tritt falsch ein, und schon poltert die ganze Nacht hinterher.

Hänneschen verschwindet. Schäl schält. Gamaschen-Tünn bekommt seinen finsteren Nutzen. Und aus dem Junggesellenabschied wird eine Rettungsaktion.

„Wat fott es, es fott — außer dä Brüdigam, dä muss widder her.“

Huhuuuu! — Ein Gespräch auf Kölner Niveau

Der Abend hat seine besten Momente dort, wo er gar nicht viel erklären will. Der Uhu oder die Eule ruft: „Huhuuuu!“ Das Publikum antwortet: „Huhuuuu!“ Noch einmal. Wieder Antwort. Ein drittes Mal. Wieder der Saal. Dann fliegt das Tier davon und bedankt sich für das „tiefgehende Gespräch“.

Das ist keine große Allegorie, kein Nachtvogel aus dem Unterbewusstsein, kein Orakel auf Kölsch. Es ist einfach ein Witz, der funktioniert, weil der Saal funktioniert. Drei Rufe, drei Antworten, ein trockener Abgang. Mehr braucht ein gutes Hänneschen-Moment nicht. Die Pointe sitzt, weil sie dem Publikum vertraut. Köln muss man an solchen Stellen nicht bitten mitzumachen; Köln macht mit, wenn der Takt stimmt.

Und an diesem Abend stimmt er oft.

Der Saal spielt mit, als stünde er auf der Besetzungsliste

Überhaupt ist das Publikum an diesem Abend keine höfliche Geräuschkulisse. Es singt. Es schunkelt. Es reagiert schnell, manchmal schneller, als man in einem Stadttheater mit rotem Samt erwarten würde. Im Hänneschen Theater aber gehört diese Unmittelbarkeit zum Vertrag. Wer hier lacht, lacht nicht diskret in die Faust. Wer ein Lied erkennt, hält sich nicht zurück wie im Liederabend. Hier wird der Saal zum Verstärker der Bühne.

Das kann leicht kippen in Heimeligkeit. Tut es aber nicht, weil Huhmann die Figuren nicht nur auf bekannten Knöpfen herumdrücken lässt. Sie gönnt ihnen Widerspruch. Die Frauenrunde ist nicht bloß Gegenprogramm zum Männerausflug. Sie ist ein Ort, an dem Bärbelchens Hochzeit nicht nur gefeiert, sondern auch befragt wird. Was heißt das eigentlich: heiraten? Wird aus Liebe sofort Zuständigkeit? Aus Romantik Hausarbeit? Aus Treue Gewohnheit?

„Jede Jeck es anders — un manche sin et och noch noh der Huhzigg.“

Bärbelchen wartet nicht nur schön herum

Bärbelchen ist in diesem Stück keine Puppenbraut im Wartestand. Sie bekommt keine grelle Emanzipationsrede, die wie aus einem anderen Theater hereingeweht wäre. Besser: Sie handelt. Sie zweifelt, will, sucht, rettet. Huhmann modernisiert das Hänneschen nicht mit Presslufthammer und Warnweste, sondern mit kleinen Verschiebungen. Die Figuren bleiben kenntlich, aber sie stehen nicht mehr ganz dort, wo sie vor fünfzig Jahren gestanden hätten.

Das ist die Kunst dieses Abends. Er erlaubt sich neue Fragen, ohne den alten Tonfall zu verraten. Es wird getrunken, getrickst, getarnt, gesungen, gerettet. Und zwischendurch blitzt auf, dass selbst ein Dorf aus Holz- und Stoffköpfen nicht in der Zeit stehen bleibt.

„Et Hätz es us Holz? Kann sin. Kloppe deit et trotzdem.“

Tünnes als Antonia, Schäl als Schäl — die Ordnung der Unordnung

Natürlich braucht ein solcher Abend seine Unordnung. Der Schäl muss schäbig sein dürfen. Tünnes muss gutmütig bleiben, auch wenn die Lage gefährlich wird. Wenn er als liebliche Antonia verkleidet Trude Herrs „Ich will keine Schokolade“ ins Spiel bringt, ist das mehr als eine Nummer zum Wiedererkennen. Es gehört zu dieser kölschen Theatermechanik, in der Verkleidung nicht verdeckt, sondern freilegt. Einer spielt eine andere, und plötzlich ist die Wahrheit ein bisschen näher.

Die Wendungen kommen mit Tempo, aber nicht wahllos. Der verschwundene Bräutigam ist kein bloßer Vorwand, sondern der Motor des Abends. Erst als Hänneschen weg ist, zeigt sich, wer wen braucht, wer wen verrät, wer wen sucht und wer im entscheidenden Moment mehr kann als nur Sprüche klopfen.

Am Ende steht der Saal

Dass am Schluss geheiratet wird, kann niemanden ernsthaft überraschen. Alles andere hätte vermutlich eine Bürgerversammlung zur Folge. Aber Huhmann lässt diese Hochzeit nicht billig fallen wie Konfetti. Sie muss erst durch die Nacht, durch Schnaps, Aberglauben, Betrug, Verkleidung und Rettung hindurch. Danach ist sie nicht weniger romantisch, sondern rheinischer: Man weiß, was alles schiefgehen kann, und macht es trotzdem.

Die Standing Ovation am Ende wirkt deshalb nicht wie Pflichtapplaus für eine Lokalheilige. Sie ist Zustimmung zu einem Eingriff, der riskanter ist, als er auf den ersten Blick aussieht. Hänneschen und Bärbelchen zu verheiraten heißt, an einer kölschen Dauereinrichtung zu rütteln. Huhmann rüttelt kräftig genug, dass es Spaß macht, aber nicht so grob, dass einem die Figuren aus der Hand fallen.

Das Hänneschen Theater zeigt mit „Endlich Huhzigg“, dass Tradition nicht dadurch lebendig bleibt, dass man sie in Ruhe lässt. Man muss sie gelegentlich stören, besingen, austricksen, retten und am Ende mit dem ganzen Saal hochleben lassen.

„Huhuuuu!“ ruft der Uhu.
„Huhuuuu!“ ruft Köln zurück.
Und dann wird geheiratet. Oder auch nicht.