
Sabine Dörings neues Buch „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ ist ein Eingriff in eine Debatte, die sich in Deutschland zuletzt allzu oft im Alarmismus erschöpft hat. Mal wird die Universität als von Gesinnungsaktivisten gekaperte Anstalt beschrieben, mal als notorisch reformunwilliges Machtkartell, das sich gegen gesellschaftliche Ansprüche abschottet. Die Philosophin Döring geht einen anderen Weg. Sie versucht, den Begriff der Wissenschaftsfreiheit von beiden Übertreibungen zu befreien: von der nostalgischen Vorstellung einer je unpolitischen Universität ebenso wie von der progressiven Versuchung, wissenschaftliche Geltung an moralische und politische Passung zu binden. Der Gegenstand ihres Buches ist nicht bloß der äußere Schutz der Wissenschaft. Es geht um die Eigenlogik einer Praxis, die auf Wahrheit, Rechtfertigung und Revision angewiesen bleibt.
Der politische Hintergrund dieses Buches ist bekannt, aber er darf nicht mit dessen Inhalt verwechselt werden. Döring war Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium und verlor ihr Amt in der Fördermittelaffäre. Patrick Bahners hat im FAZ-Einspruch-Podcast mit Klaus Ferdinand Gärditz darauf hingewiesen, dass dieser Fall womöglich einmal die Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftssoziologie beschäftigen werde. Das ist als Kontext wichtig, weil Döring die Affäre später selbst als Beispiel für die Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit deutet. Für die Qualität des Buches ist jedoch entscheidender, dass es sich nicht in einer nachträglichen Rechtfertigung erschöpft. Es ist breiter, systematischer und intellektuell ambitionierter als ein bloßes Buch nach einem Sturz aus dem Amt.
Aktivismus als ambivalente Machtform
Der stärkste begriffliche Zug des Buches liegt in der Verschiebung der Frage. Döring behandelt Wissenschaftsfreiheit nicht allein als Abwehrrecht gegen den Staat. Sie fragt vielmehr, ob nicht auch nichtstaatliche Akteure, inneruniversitäre Milieus, wirtschaftliche Interessen, digitale Öffentlichkeiten und politische Erwartungskulturen in die Autonomie wissenschaftlicher Prozesse eingreifen. „Bedrohlich“ seien, so Döring, „alle Machtwirkungen“, die wissenschaftliche Rationalität durch „normative Setzungen, Erwartungsdruck oder Sanktionierungsmechanismen“ überlagern. Für diese Konstellationen wählt sie den weiten Begriff des „Aktivismus von unten“. Schon diese Begriffswahl verrät die Stoßrichtung des Buches: Nicht nur Verbote und Gesetze gefährden freie Forschung, sondern auch moralischer Druck, institutionelle Konformität und die politisch codierte Umstellung von Gütekriterien.
Döring ist dabei klug genug, Aktivismus nicht pauschal zu denunzieren. Ihre historische Skizze über den Aktivismus an Universitäten gehört zu den instruktivsten Partien des Bandes. Die Universität erscheint dort nicht als unberührter Schutzraum, sondern als ein seit dem Vormärz politisch aufgeladener Ort. Die Paulskirchenverfassung, die Wissenschaftsfreiheit erstmals ausdrücklich garantierte, war selbst Ergebnis einer hochpolitischen Bewegung. Auch später blieb die Hochschule eine Arena politischer Selbstverortung: im nationalen Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts, im akademischen Illiberalismus des Kaiserreichs, in der entpolitisierten Nachkriegszeit, in der Studentenbewegung der sechziger Jahre und in den identitätspolitischen Mobilisierungen der Gegenwart. Dörings Pointe lautet deshalb nicht, Politik habe an der Universität nie etwas zu suchen gehabt. Ihre Pointe lautet, dass aus der historischen Verflechtung von Wissenschaft und Politik noch keine normative Erlaubnis folgt, die Maßstäbe der Wissenschaft politisch umzucodieren.
Die Universität als Ort der Wahrheit, nicht der Gesinnungsprüfung
Daraus entwickelt Döring ihre leitende These. Auf dem Campus bedürfe es einer „strikten funktionalen Trennung“ zwischen dem Schutzraum epistemischer Praktiken und den Räumen politischer Artikulation. Beides sei schützenswert, beides dürfe gedeihen, aber keines dürfe das andere gefährden. Das ist der normative Kern des Buches. Er richtet sich gegen rechts wie gegen links, gegen populistische Wissenschaftsfeindschaft ebenso wie gegen die moralische Präventivdisziplinierung von Forschung. Man muss diese Trennung nicht in jeder Formulierung teilen, um ihre analytische Kraft zu sehen. Döring erinnert mit Nachdruck daran, dass Wissenschaft nicht einfach die lautere oder sozial wünschbarere Meinung ist, sondern eine institutionalisierte Form öffentlichen Vernunftgebrauchs mit eigenen Standards.
Besonders stark wird das Buch dort, wo es die epistemischen Funktionen von Aktivismus ernst nimmt. In der Tradition Mills kann freie Meinungsäußerung dazu beitragen, dass Wahrheitsansprüche nicht zu „dead dogma“ erstarren. Aktivismus kann blinde Flecken sichtbar machen, Kritik erzwingen, Trägheit aufbrechen. Döring ist hier deutlich differenzierter, als es manche ihrer öffentlichen Leser vermuten dürften. Sie verteidigt Wissenschaft nicht durch Abschottung, sondern durch die Fähigkeit, Irritationen aufzunehmen, ohne die eigenen Prüfmaßstäbe preiszugeben. Produktiv ist Aktivismus dort, wo er wissenschaftliche Rechtfertigungsprozesse herausfordert; gefährlich wird er dort, wo er an ihre Stelle treten will.
Pandemie und die Überforderung der Wissenschaft
Zu den besten Kapiteln des Buches gehören die Seiten über die Pandemie. Döring analysiert dort eine doppelte Fehlentwicklung. Einerseits wurde wissenschaftliche Expertise öffentlich delegitimiert; andererseits übertrug die Politik normative Verantwortung an Wissenschaftler und Institutionen, indem sie Maßnahmen als bloße „Folgen der Wissenschaft“ darstellte. Daraus entstand jene eigentümliche Überhöhung von Experten, die sie zugleich politisch verwundbar machte. Der entscheidende Satz des Buches lautet: „Wissenschaft muss beraten dürfen, ohne zu entscheiden; Politik muss entscheiden, ohne sich hinter Expertise zu verstecken.“ Präziser lässt sich der liberale Rollenunterschied kaum formulieren. Dörings Kritik zielt damit weder auf Wissenschaft noch auf Beratung, sondern auf die politische Selbstentlastung, die normative Konflikte als technische Notwendigkeiten tarnt.
Daran schließt ihre Medienkritik an. Döring beschreibt das Phänomen der „false balance“ als eine fatale Verwechslung von Neutralität und Parität. Wenn methodisch gebundene Expertise und spekulative, ideologisch motivierte oder bewusst irreführende Positionen formal gleichbehandelt werden, entsteht keine Ausgewogenheit, sondern Desinformation. Die Öffentlichkeit verlernt dann, zwischen Gründen und bloßer Sichtbarkeit zu unterscheiden. Das ist eine der überzeugendsten Passagen des Buches, weil sie Wissenschaftsfreiheit nicht als Standesinteresse, sondern als Bedingung einer vernünftigen Öffentlichkeit verteidigt.
Die heikle Zone: Identitätspolitik und ideologisierte Wissenschaft
Am umstrittensten dürfte Döring dort werden, wo sie innerwissenschaftliche Formen der „Anti-Wissenschaft“ beschreibt. Dazu zählt sie nicht nur offene Pseudowissenschaft und verschwörungsideologische Gegenordnungen, sondern auch subtilere Formen ideologisch motivierter Forschung, in denen Standards „selektiv gebeugt“ werden, wo politische oder moralische Zielsetzungen dies opportun erscheinen lassen. Hier nennt sie ausdrücklich bestimmte Strömungen intersektionaler und postkolonialer Theorie. Der kritische Punkt liege nicht im moralischen Anliegen als solchem, sondern in einer Begründungsstruktur, die die Frage nach Wahrheit und Rechtfertigung durch die Frage nach sozialer Position, Identität oder Machtlage ersetzt. An die Stelle universeller Rationalität trete dann eine positionsabhängige Bewertungslogik.
Hier zeigt sich zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Die Stärke liegt im Mut zur Unterscheidung. Döring benennt ein reales Problem: Wissenschaft gerät unter „präventiven Rechtfertigungsdruck“, wenn moralische Sensibilität zum Kriterium epistemischer Zulässigkeit selbst wird. Die Schwäche liegt in der Weite des Aktivismusbegriffs. Nicht alles, was unter moralischem oder identitätspolitischem Vorzeichen auftritt, folgt derselben Logik; nicht jede normative Aufladung wissenschaftlicher Debatten ist schon ein Angriff auf Wissenschaftsfreiheit. Döring weiß das selbst und baut Sicherungen ein, wenn sie betont, nicht jede Abweichung vom Mainstream sei illegitim. Dennoch bleibt der Eindruck, dass das Buch diagnostisch stärker ist als soziologisch fein. Als Streitschrift ist das wirkungsvoll. Als Theorie kostet es Präzision.
Der Fall Döring als Illustration, nicht als Zentrum
Erst vor diesem Hintergrund gewinnt die Fördermittelaffäre ihren Platz im Buch. Sie steht nicht am Anfang, sondern als Beispiel für ein allgemeineres Problem: die politische Instrumentalisierung bestehender Regeln durch Verwaltung und Exekutive. Genau hier ist die knappe Einordnung durch Bahners und Gärditz hilfreich. Bahners rahmt den Fall im Einspruch-Podcast als Vorgang von über den Tag hinausreichender Bedeutung. Gärditz, Professor für Öffentliches Recht in Bonn, liest ihn als Beispiel strategisch missverständlicher amtlicher Kommunikation und als Lehrstück über die Grenzen des Quereinstiegs. Staatssekretärsämter seien Leitungsfunktionen, sagt er; man brauche dafür Verwaltungs- und Politikerfahrung, um „auf diesen beiden Klaviaturen“ spielen zu können. „Für Freigeister ist da gar nicht so viel Raum.“ Das ist nicht bloß eine Bemerkung über Personal. Es ist eine institutionelle Ergänzung zu Dörings eigener Theorie der Rollendifferenz.
Gerade weil Bahners und Gärditz den politischen Fall knapp, aber treffend rahmen, wird deutlicher, was Dörings Buch eigentlich leistet. Es ist kein Buch nur über eine Affäre. Es ist ein Buch über die Bedingungen, unter denen Wissenschaft in liberalen Demokratien frei bleiben kann: gegen populistische Delegitimierung, gegen moralische Übercodierung, gegen administrative Lenkung und gegen eine Öffentlichkeit, die zwischen Kritik und Gleichmacherei nicht mehr sauber unterscheidet. In diesem Sinn ist „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ mehr als ein zeitgebundener Debattenbeitrag. Es ist eine interventionistische Theorie der Universität im Zeitalter politischer Dauererregung.
Kleines Resümee
Dörings Buch ist streitbar, manchmal scharfkantig, gelegentlich überdehnt, aber fast nie unerquicklich banal. Sein Ertrag liegt in der Wiederherstellung von Grenzlinien, die in den vergangenen Jahren absichtlich oder fahrlässig verwischt worden sind: zwischen Wissenschaft und Meinung, zwischen Beratung und Entscheidung, zwischen moralischem Anliegen und epistemischer Geltung. Nicht jede These überzeugt im Detail. Doch der Kern des Buches ist stark: Wissenschaftsfreiheit ist nicht bloß Schutz vor Verboten, sondern Schutz einer Praxis, die nur dann gesellschaftlich nützlich bleibt, wenn sie nicht vorab auf politische und moralische Eindeutigkeit verpflichtet wird. Genau deshalb verdient dieses Buch eine ernsthafte Lektüre — nicht nur als Dokument eines Falls, sondern als Diagnose einer Ordnungskrise der Wissenschaft selbst.
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