
Man kann ein Autorengespräch routiniert hinter sich bringen: ein paar Fragen zum Buch, ein paar Sätze zur Lage, ein freundlicher Schlussakkord. Im RBB-Format „Thadeusz lang & breit“ geschieht etwas anderes. Jörg Thadeusz lädt Jörg Baberowski ein, den Berliner Osteuropahistoriker und langjährigen Gewaltforscher, und schon im Auftakt ist klar, dass hier kein wohltemperiertes Gespräch über Neuerscheinungen bevorsteht. Thadeusz beginnt mit Viktor Orbán, mit dem Machtwechsel in Ungarn, mit der Frage, was eine liberale Demokratie eigentlich sei und warum diese Regierungsform gerade jetzt so prekär wirke. Der Moderator führt damit mitten in den Gegenstand von Baberowskis neuem Buch „Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie“. Der Abend gewinnt seine Spannung daraus, dass einer fragt, als wolle er die Gegenwart in ihrer Anschaulichkeit fassen, während der andere antwortet, als müsse er erst die Begriffe retten, bevor über Politik vernünftig gesprochen werden kann.
Baberowski sitzt dort nicht als beliebiger Kommentator des Betriebs. Er sitzt dort als Historiker, der an Diktaturen gelernt hat, wie ungenau die Gegenwart wird, sobald sie sich selbst mit moralischen Floskeln beruhigt. Wer aus Stalins Archiven kommt, betrachtet das Wort Demokratie nicht als Weihrauchspender, sondern als problematische Form der Herrschaftsbegrenzung. Genau das macht dieses Gespräch und dieses Buch für den Wissenschaftsteil interessant. Hier wird nicht politisch erregt, sondern begrifflich entwirrt. Nicht das Tagesurteil zählt, sondern die Konstruktion, auf der die Urteile ruhen.
Die liberale Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Sonderform
Die stärkste Passage des Gesprächs liegt an einer Stelle, die zunächst fast unscheinbar wirkt. Thadeusz referiert die verbreitete deutsche Alltagserwartung: Man wählt Parteien, diese bilden Koalitionen, dann regieren sie – das sei liberale Demokratie. Baberowski antwortet mit einer Definition, die den gesamten Streit neu ordnet. Liberale Demokratie sei eine Regierungsform, in der nicht allein gelten solle, was eine Mehrheit will, sondern in der sich der Souverän „an die Kette des Rechts“ lege. Mit diesem einen Bild ist die Sache entschieden. Demokratie erscheint nicht mehr als unmittelbare Herrschaft des Mehrheitswillens, sondern als gebundene Volkssouveränität. Freiheit der Entscheidung und Begrenzung der Entscheidung fallen zusammen.
Das Buch verstärkt diese Pointe historisch. Baberowski zeigt, dass Demokratie nie einfach das war, was gegenwärtige liberale Gesellschaften gern rückwirkend in sie hineinlesen. Im Gespräch erinnert er daran, dass die Athener unsere Ordnung eher für eine Oligarchie gehalten hätten und dass Demokratie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einen üblen Beigeschmack hatte. Wer heute so tut, als sei die liberale Demokratie die einzige denkbare Form von Demokratie, hat bereits vergessen, dass dieser Begriff eine Geschichte besitzt – und damit Alternativen, Brüche, Zumutungen, Ausschlüsse. Genau an diesem Punkt wird Baberowskis Buch erkenntnisstark. Es zielt nicht auf Relativismus. Es zielt auf historische Nüchternheit.
Das Volk soll herrschen – und kann doch nicht handeln
Von hier aus öffnet sich das eigentliche Problem. Im Gespräch fragt Thadeusz, ob es in einer diversen Gesellschaft wie der deutschen überhaupt noch ein Volk gebe. Baberowski antwortet kühl: Das Volk sei „eine Fiktion“. Darin steckt keine Geringschätzung, sondern eine Strukturdiagnose. Der absolutistische Herrscher konnte souverän sein, weil er eine Person war. Das Volk kann nicht souverän im gleichen Sinn sein, weil es kein einheitlicher Körper ist, sondern eine Vielheit von Staatsbürgern. Eben deshalb, sagt Baberowski, müsse es repräsentiert werden.
Im Buch wird dieser Gedanke in den vielleicht entscheidenden Satz der ganzen Argumentation überführt: Das Volk soll Souverän sein, kann sich aber nicht selbst regieren; deshalb muss es repräsentiert werden. Aus diesem Widerspruch, schreibt Baberowski, erwächst der „immerwährende Streit“ zwischen Repräsentanten und Repräsentierten. Man versteht nun auch den Titel „Am Volk vorbei“ genauer. Nicht ein homogener Volkskörper wird von einer Elite übergangen. Vielmehr ist jeder Anspruch, im Namen des Volkes zu sprechen, von Anfang an prekär, weil zwischen Berufung und Vertretung eine Lücke klafft, die sich nie endgültig schließen lässt. Das Gleiche gilt übrigens auch für Protagonisten, die im Namen der „Zivilgesellschaft“ sprechen – auch das ist eine Schimäre.
Das ist die eigentliche Modernität dieses Buches. Es verabschiedet sich weder in eine romantische Vorstellung unmittelbarer Volksherrschaft noch in eine selbstzufriedene Verteidigung der Apparate. Es hält an der Repräsentation fest und zeigt zugleich, weshalb sie fortwährend Misstrauen erzeugt. Wer das Volk repräsentiert, steht unter dem Verdacht, es nur zu zitieren.
Populismus ist kein Unfall, sondern die Begleitform der Repräsentation
Aus diesem Gedanken folgt Baberowskis auffällig unaufgeregte Deutung des Populismus. Während große Teile der politischen Öffentlichkeit den Populismus noch immer wie einen äußeren Feind der Demokratie behandeln, beschreibt Baberowski ihn als inneres Gegenstück der repräsentativen Ordnung. Im Buch heißt er der „immerwährende Schatten“ der repräsentierten Volkssouveränität. Und im RBB-Gespräch formuliert er den dazugehörigen politischen Reflex mit entwaffnender Klarheit: „Diejenigen, die an der Macht sind und in Gefahr laufen, sie zu verlieren, natürlich immer schon davon geredet haben, dass die Demokratie in Gefahr ist.“ In diesem Satz steckt die ganze Ernüchterung des Historikers. Der Krisenruf ist nicht immer schon unbegründet, aber er ist auch nie nur Diagnose; er ist Teil des politischen Spiels selbst. Die Regierenden alarmieren, wenn ihre Stellung wankt, die Opposition feiert dieselbe Unruhe als Zeichen demokratischer Lebendigkeit. Eben deshalb erscheint der Populismus bei Baberowski nicht als Einbruch der Finsternis in eine zuvor helle Welt, sondern als fortwährende Begleiterscheinung einer Ordnung, die sich auf das Volk beruft und es doch nie unmittelbar sprechen lassen kann.
Gerade deshalb liest sich das erste Kapitel des Buches wie eine Korrektur der wechselseitigen Dämonisierung. Populisten, so Baberowski, beklagen die Selbstbezogenheit und Entrücktheit der politischen Klasse; die liberal gestimmte Elite wiederum erklärt den Populismus zur existentiellen Bedrohung der offenen Gesellschaft und denkt bereits über Gesprächsabbruch, Ausschluss und die Entwertung unliebsamer Konkurrenz nach. Beide Seiten reklamieren die Demokratie für sich, beide Seiten neigen dazu, den anderen aus dem Spiel werfen zu wollen. Im „Modus der Ausschließlichkeit“, notiert Baberowski, lasse sich die Demokratie nicht bewahren. Die Schärfe des Satzes liegt darin, dass er beide Lager trifft. Siehe dazu auch:
Die Bundesrepublik erscheint als Maschine der Entkopplung
In Deutschland, sagt Baberowski, habe sich ein System herauskristallisiert, in dem Politiker nicht mehr für, sondern „von der Politik leben“. Gemeint ist damit nicht die schlichte Bereicherung. Gemeint sind Status, Ansehen, Aufmerksamkeit, Anschlussverwendungen, die Erfahrung, auch nach einer Abwahl weich zu fallen. Parallel dazu verlagere sich Handlungsmacht in supranationale und bürokratische Räume. Das „Responsivitätsverhältnis“ zwischen Bürgern und Parteien habe sich verändert. Ein starker Satz, gerade weil er so technisch klingt. In ihm steckt die Erfahrung einer Demokratie, in der Reaktion und Rückbindung schwächer werden, während Verfahren und Apparate an Gewicht gewinnen.
Das Buch liefert dazu das theoretische Fundament. Auch in der Demokratie, heißt es dort, werden Menschen von Menschen beherrscht, die sie gar nicht gewählt haben. Richter, Beamte, Funktionäre, Intendanten, Bankdirektoren, Behörden, supranationale Instanzen: Sie alle entscheiden mit, ohne aus dem Wahlakt unmittelbar hervorzugehen. Demokratie ist deshalb nicht die Abschaffung von Herrschaft, sondern ihre Mäßigung und Zähmung. Wer in ihr die Selbstregierung des Volkes ohne Rest sehen möchte, wird notwendig enttäuscht. Wer dagegen nur Bürokratie sieht, verkennt den normativen Gewinn der Bindung von Macht an Verfahren und Recht. Baberowski bewegt sich genau in dieser Spannung. Darin liegt die intellektuelle Qualität seines Buches.
Parteien filtern den politischen Aufstieg – und schwächen die Bindung an den Wähler
Ein weiterer Gedanke des Buches wird im Gespräch beinahe nebenbei freigelegt. Baberowski beschreibt die Herrschaft der Parteien und Parteiapparate, die über Listen, Laufbahnen und Loyalitäten entscheiden. Direkt gewählte Abgeordnete seien unabhängiger; doch im Ganzen setze das System eher auf angepasste Funktionäre als auf selbständige Charaktere. Der Satz, das Charisma solle gerade nicht ins Parlament einziehen, bleibt hängen, weil er eine Erfahrung auf den Begriff bringt, die in Deutschland viele teilen, ohne sie theoretisch fassen zu können.
Im Buch wird diese Beobachtung verschärft. Der eigentliche Erfahrungsraum des Politikers, heißt es dort, sei oft nicht mehr das Parlament, sondern der Parteiapparat. Parlamente verwandelten sich mehr und mehr in Genehmigungsagenturen; die eigentliche Handlungsmacht verlagere sich auf Kommissionen, Gerichte, Zentralbanken, Behörden und den mit Parteien verflochtenen institutionellen Komplex. „Nach und nach verschwindet das Politische aus der Politik“, schreibt Baberowski, und die „seelenlose Routine der Bürokratie“ entziehe der Demokratie ihre Lebenssäfte. Das ist zugespitzt, gewiss. Aber gerade die Zuspitzung macht sichtbar, woran die liberale Demokratie seiner Ansicht nach leidet: nicht nur an ihren Feinden, sondern an ihrer eigenen Entleerung.
Das Buch verteidigt die liberale Demokratie, indem es sie ihrer Illusionen beraubt
Wer Am Volk vorbei voreilig liest, könnte den Autor für einen Kronzeugen des Unmuts halten. Tatsächlich betreibt Baberowski etwas Schwierigeres. Er verteidigt die liberale Demokratie nicht im Ton der Gesinnung, sondern durch Entzauberung. Er zeigt, dass Demokratie weder Harmonie noch Selbstregierung ohne Rest bedeutet. Sie ist eine Form, Macht zu begrenzen, Herrschaft auf Zeit zu stellen, Konflikte in Verfahren zu übersetzen und den Wechsel ohne Bürgerkrieg zu ermöglichen. Gerade darum verlangt sie geistige Disziplin: die Bereitschaft, andere Auffassungen gelten zu lassen, Streit auszuhalten, Opposition nicht zu vernichten. Gegen Ende des Buches nennt Baberowski den Streit den „eigentliche[n] Kern der Demokratie“. Der Satz ist nicht versöhnlerisch gemeint. Er ist eine Absage an jene politische Kultur, die Widerspruch sofort moralisiert.
Auch hier hilft die Form des Gesprächs. Thadeusz hält den Autor bei der konkreten Wirklichkeit fest; Baberowski führt die Beispiele immer wieder zurück auf Herrschaft, Repräsentation, Volkssouveränität, Rechtsbindung. Dadurch entsteht eine seltene Balance zwischen öffentlicher Anschaulichkeit und begrifflicher Strenge. Das Gespräch bewirbt das Buch nicht bloß; es demonstriert, wie dieses Buch arbeitet.
Nicht am Volk vorbei hören
Am Ende bleibt weniger eine Parole als eine methodische Mahnung. Baberowski möchte weder den Populismus beschönigen noch die liberale Demokratie sakralisieren. Er möchte den alten Konflikt sichtbar machen, den diese Ordnung nie loswird: dass Herrschaft sich auf das Volk beruft und doch nie mit ihm identisch sein kann. Die Versuchung, diesen Widerspruch moralisch zu überspielen, ist groß. Genau gegen sie richtet sich dieses Buch. Darin liegt seine wissenschaftliche Qualität. Es ersetzt Aufregung durch Formanalyse, Empörung durch Begriffsschärfe, Gesinnung durch historische Tiefenschärfe.
Wer das Gespräch mit Jörg Thadeusz hört, versteht darum rasch, worum es hier eigentlich geht. Nicht um die Tagesmeinung eines Historikers zur Lage. Sondern um den Versuch, die liberale Demokratie wieder so ernst zu nehmen, dass ihre Widersprüche nicht als Skandal, sondern als Arbeitsbedingungen der Freiheit erscheinen. Erst dann wird sichtbar, was Baberowski mit seinem Titel meint. Am Volk vorbei regiert nicht nur, wer Wahlen missachtet. Am Volk vorbei regiert auch, wer den Souverän nur noch beschwört, aber nicht mehr erreicht.








