Das alte Kanzleramt am See und die neuen Agenten

Meine Exkursion vom 23. bis 26. August 2026 führt mich an einen Ort, der für die junge Bundesrepublik einmal eine ungewöhnliche Nebenadresse hatte: Villa La Collina, Cadenabbia, Comer See. Konrad Adenauer kam zwischen 1957 und 1966 sechzehnmal nach Cadenabbia, vierzehn Aufenthalte verbrachte er in der Villa auf dem Hügel. Das Kanzleramt reiste gewissermaßen mit. Akten mussten aus Bonn herangeschafft werden, Kommunikationsverbindungen eingerichtet, Gesprächspartner empfangen werden. Urlaub und Regierungsgeschäft ließen sich bei Adenauer ohnehin schwer trennen.

Fast siebzig Jahre später reist eine andere politische Technologie an den Comer See. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zu einem Seminar über Künstliche Intelligenz eingeladen. Am ersten Seminartag, dem 24. August, führt Teresa Holley zunächst durch die Geschichte des Hauses. Danach übernehmen Michael Bücker, Professor für Data Science, Mathematik und Wirtschaftsinformatik an der FH Münster, und die Kommunikationsexpertin Kerstin Bücker. Der Vormittag gehört den technischen Grundlagen, der Nachmittag den Anwendungen in Kommunikation und politischer Arbeit. Später steigen wir hinunter zur Villa Carlotta. Nach dem Abendessen folgt ein Programmpunkt, den Adenauer vermutlich ohne jede didaktische Einführung verstanden hätte: Boccia.

So geraten an einem einzigen Tag das erste Kanzleramt der Bundesrepublik, Large Language Models, italienische Adelsgeschichte, Marmorskulpturen, kommunale Verwaltung und eine beleuchtete Bocciabahn miteinander ins Gespräch.

Adenauers italienische Nebenadresse

La Collina heißt schlicht „der Hügel“, und wer vom See hinaufgeht, erfährt die Bedeutung des Namens in den Beinen. Lange Treppen ziehen sich durch den Garten. Oben tritt die Straße akustisch zurück. Zwischen Bäumen erscheint der Comer See. Die Berge schließen ihn ein, als hätten sie beschlossen, diesem Wasser keine belanglose Umgebung zu gestatten.

Die Villa entstand 1899. Später gehörte sie einer französischen Adelsfamilie. Adenauer fand hier ab den fünfziger Jahren genau jene Mischung aus Rückzug und Erreichbarkeit, die ihm lag. Er gärtnerte, ging spazieren, arbeitete, empfing Gäste und spielte Boccia. Cadenabbia nahm ihn seinerseits in Besitz. 1957 ernannte ihn der Ort zum Ehrenbürger.

An der Uferpromenade steht heute eine markante Figur Adenauers. Hut, Anzug, leicht vorgeneigter Körper, eine Bocciakugel in der Hand. Zu seinen Füßen liegen weitere Kugeln. Kein Kanzler hinter einem Rednerpult, kein Staatsmann in zeremonieller Pose. Cadenabbia zeigt seinen deutschen Ehrenbürger beim Spiel.

Das passt erstaunlich gut zu seiner Geschichte an diesem Ort. Die Villa war Rückzugsraum und politischer Arbeitsort zugleich. Gesprächspartner aus Politik, Diplomatie und Öffentlichkeit kamen hierher. Der Ortswechsel veränderte die Form des Gesprächs. Ein Treffen in einem Garten über dem Comer See folgt anderen sozialen Regeln als eine Unterredung in einem Bonner Dienstzimmer.

Seit 1977 gehört La Collina der Konrad-Adenauer-Stiftung. Rund 2.000 Gäste kommen jährlich, 70 bis 80 Konferenzen und Bildungsveranstaltungen finden hier statt. Internationale Politik, Sicherheit, politische Kommunikation und europäische Fragen haben damit eine Adresse behalten, die bereits in Adenauers Zeit politische Bedeutung besaß.

Um neun Uhr beginnt die Zeitreise

Der Seminartag startet um neun Uhr mit der Geschichte der Villa. Eine Viertelstunde später wechseln wir vom ersten Bundeskanzler zu neuronalen Netzen, Sprachmodellen und Daten. Dieser Übergang wirkt weniger gewaltsam, als man zunächst erwarten könnte. Denn beide Themen handeln von Infrastruktur politischer Arbeit.

Adenauer musste Akten, Telefonverbindungen und Mitarbeiter nach Italien bringen. Heute genügt ein Rechner. Das Archiv kann in einer Cloud liegen, der Assistent in einem Sprachmodell, die Recherche in einem agentischen System. Die Entfernung zwischen Bonn und Cadenabbia hat technisch fast jede Bedeutung verloren. Der Vormittag beginnt deshalb mit einer Frage, die angesichts des inflationären Gebrauchs des Kürzels KI dringend geworden ist: Was ist künstliche Intelligenz überhaupt?

Nicht jedes Programm, das sortiert oder automatisiert, verdient diese Bezeichnung. Klassische Software führt Regeln aus, die Menschen programmiert haben. Moderne KI gewinnt Muster aus Daten. Bei großen Sprachmodellen entsteht daraus ein System, das Sprache mit einer verblüffenden Sicherheit erzeugen kann, obwohl seine Arbeitsweise mit unserem alltäglichen Begriff von Wissen wenig gemeinsam hat.

Das Sprachmodell schlägt in seinem Kern das jeweils wahrscheinlich folgende Wort vor. Danach folgt das nächste. Und das nächste. Aus dieser statistischen Architektur entstehen Texte, Analysen, Zusammenfassungen und Dialoge, die längst den Eindruck eines Gesprächspartners erzeugen. Der Eindruck ist mächtig. Er verführt zugleich zu einem Denkfehler: sprachliche Sicherheit und faktische Sicherheit fallen auseinander.

Damit verändert KI eine alte kulturelle Übereinkunft. Wir haben gelernt, Sicherheit im Ton mit Wissen zu verbinden. Wer flüssig spricht, Begriffe beherrscht, Zusammenhänge herstellt und auf Einwände reagieren kann, erhält einen Vertrauensvorschuss. Das Sprachmodell imitiert genau diese Oberfläche. Der Mensch muss deshalb eine Fähigkeit neu trainieren, die ihm die perfekte Formulierung beinahe abgewöhnt: Misstrauen.

Aus dem Chatbot wird ein Akteur

Nach der Kaffeepause wird aus dem vertrauten Chatfenster ein komplexeres Gebilde. Die Entwicklung führt zu KI-Systemen, die Werkzeuge benutzen. Ein Sprachmodell kann eine Internetsuche starten, Datenbanken durchsuchen, Kalender lesen, E-Mails vorbereiten oder Software ansteuern. Damit entsteht die agentische KI: ein System erhält eine Aufgabe, zerlegt sie in Schritte, wählt passende Werkzeuge und verarbeitet deren Ergebnisse weiter.

Dieser Übergang verändert die Dimension der Debatte. Ein Textgenerator schreibt etwas. Ein Agent tut etwas. Für Verwaltungen und Unternehmen öffnet sich damit ein riesiges Feld. Aktenbestände können erschlossen, interne Regelwerke abgefragt, Sitzungsvorlagen analysiert und komplexe Dokumentensammlungen über semantische Suche zugänglich gemacht werden. Das Sprachmodell muss dafür kein vollständiges Verwaltungsarchiv aufnehmen. Ein vorgeschaltetes System sucht jene Textpassagen heraus, die zur jeweiligen Frage passen, und reicht sie als Kontext weiter.

Das klingt technisch. Die politischen Folgen sind unmittelbar. Wer früher Stunden brauchte, um eine Vorlage zu lesen, Streitfragen zu markieren und daraus fünf Fragen für eine Ausschusssitzung zu formulieren, kann diesen ersten Durchgang heute in Minuten erzeugen. Ein komplizierter Verwaltungstext lässt sich für Bürger übersetzen. Aus einem Thema können unterschiedliche Fassungen für Presse, Facebook, Instagram oder TikTok entstehen. Eine Kampagne lässt sich vorbereiten, bevor die erste Agentur überhaupt ein Angebot geschrieben hat.

Nach dem Mittagessen zeigt Kerstin Bücker diese Welt aus der Perspektive praktischer Kommunikation. Jetzt wandern Vorlagen, Texte und Szenarien durch die Modelle. Prompts werden präziser, Ergebnisse besser, Aufgaben komplexer. Das Prinzip ist schnell erkennbar: Je genauer Rolle, Ziel, Adressat, Format und Material beschrieben werden, desto brauchbarer wird die Antwort. Das Seminarprotokoll zeigt die Spannweite von E-Mails und Pressemitteilungen über Kampagnenplanung bis zur Aufbereitung von Sitzungsvorlagen.

Doch mit jeder gewonnenen Minute wächst eine neue Verantwortung. Jemand muss wissen, ob das Ergebnis stimmt. Jemand muss Quellen prüfen. Jemand muss erkennen, ob ein Modell eine plausible Geschichte erfunden hat. Die neue Arbeit beginnt dort, wo die alte Arbeit scheinbar verschwindet.

Politische Kommunikation bekommt einen zweiten Autor

Gerade bei Politik wird das heikel. Ein Sprachmodell kann Bürgerreaktionen formulieren, Reden vorbereiten, Einwände antizipieren und Inhalte für verschiedene Zielgruppen variieren. Das spart Zeit. Es verändert zugleich die Herkunft politischer Sprache. Wer spricht, wenn eine Politikerin einen perfekt formulierten Text vorliest, dessen erster Entwurf von einer KI stammt? Wie viel Bearbeitung verwandelt maschinell erzeugte Sprache wieder in persönliche Sprache? Wann wird Assistenz zur Delegation?

Der Seminartag liefert darauf keine fertige Doktrin. Interessanter ist die Verschiebung der Fragen. Vor wenigen Jahren lautete die Debatte: Kann eine KI einen brauchbaren Text schreiben? Diese Frage hat sich erledigt. Heute lautet sie: Welche Teile unserer Kommunikation wollen wir einer Maschine überlassen, und wer trägt die Verantwortung für das Resultat?

Eine weitere Verschiebung betrifft die Bürger selbst. KI stärkt ihre Möglichkeiten gegenüber Institutionen. Eine komplizierte Anfrage, ein Widerspruch oder ein Auskunftsersuchen lässt sich heute mit digitaler Unterstützung formulieren. Verwaltungsexpertise verliert damit einen Teil ihres sprachlichen Schutzwalls. Gleichzeitig kann eine einzelne Person Hunderte präzise Fragen produzieren und eine kleine Behörde mit einem Aufwand konfrontieren, für den früher eine ganze Arbeitsgruppe nötig gewesen wäre. Genau diese neue Asymmetrie zieht sich durch die Diskussion des Nachmittags. KI demokratisiert Fähigkeiten und industrialisiert zugleich ihre Anwendung. Das ist eine explosive Kombination.

Europa und die Rechnung hinter der Wolke

Dann kommt das Gespräch auf digitale Souveränität. Auch dieser Begriff verliert schnell seine beruhigende Oberfläche. Ein eigenes Interface, ein Server im eigenen Haus oder eine interne Wissensdatenbank schaffen Kontrolle über wichtige Teile einer Anwendung. Die leistungsfähigsten Modelle, Chips und Rechenzentren stammen weiterhin überwiegend aus den USA oder Asien. Europa verfügt über einzelne Anbieter und Forschungsprojekte, doch die Größenordnungen amerikanischer Hyperscaler bewegen sich in einer anderen finanziellen Liga. Die technische Diskussion führt deshalb rasch zu Kapital, Energie, Halbleitern und globalen Lieferketten.

Damit bekommt die scheinbar immaterielle KI plötzlich wieder Gewicht. Rechenzentren brauchen Land. Chips brauchen Fabriken. Modelle brauchen Strom. Jede Anfrage hat Kosten, auch dort, wo die Oberfläche den Eindruck kostenloser Magie erzeugt. Vielleicht ist dies eine der interessantesten Veränderungen unserer digitalen Kultur: Die Benutzeroberfläche wird immer einfacher, während die Infrastruktur dahinter immer gigantischer wird. Ein Prompt kann aus sechs Wörtern bestehen. Seine Beantwortung hängt an einer weltweiten Industriekette.

Um vier Uhr übernimmt das 17. bis 19. Jahrhundert

Der Weg am Nachmittag führt zur Villa Carlotta. Nach Stunden mit Modellen, Tokens, Agenten und Trainingsdaten ist der Ortswechsel fast komisch. Die Villa antwortet auf die digitale Gegenwart mit Marmor, Öl, Holz, Stoff, Gold und einer verschwenderischen Menge europäischer Geschichte.

In einem Saal begegnet mir Marchese Giorgio Antonio Clerici im schweren Ornat. Auf einem anderen Bild kämpft eine ganze antike Welt über die Wand. Marmorbüsten stehen zwischen Vorhängen und Wandbespannungen. Eine geflügelte Figur beugt sich über den Körper einer Frau. In weiteren Räumen folgen Empire-Möbel, Globen, Porzellan, Spiegel, kostbare Tische und eine gedeckte Tafel, deren Ordnung vermutlich mehr Personal erforderte als manche heutige Kommunikationsabteilung. Nach dem KI-Seminar sieht man diese Räume anders.

Auch das 17. bis 19. Jahrhundert erzeugte Medienwirklichkeiten. Ein Porträt war politische Kommunikation. Kleidung, Pose, Raum, Rahmen und Symbolik teilten dem Betrachter mit, wie eine Person gesehen werden wollte. Ein Adeliger benötigte dafür Maler, Handwerker, Material, Zeit und Geld. Heute lässt sich eine entsprechende Inszenierung in Sekunden erzeugen.

Adenauer wartet mit der Kugel

Am Abend kehren wir nach La Collina zurück. Nach dem Essen gehen wir zur Bocciabahn. Adenauer spielte hier regelmäßig. Die Einführung am Morgen hatte seinen Tagesrhythmus beschrieben: arbeiten, Gespräche führen, spazieren, Boccia spielen, wieder arbeiten. Die Bahn gehört bis heute zum Haus. Also spielen wir.

Nebren einer Lampe entsteht sofort jene eigentümliche Mischung aus Gelassenheit und Ehrgeiz, die Boccia hervorruft. Jeder hat nach zwei Würfen eine Theorie über Boden, Winkel, Geschwindigkeit und Technik. Die Kugel eines anderen liegt selbstverständlich nur deshalb besser, weil der Untergrund an dieser Stelle günstiger war. Der Tag endet damit auf denkbar analoge Weise.

Ein paar Stunden zuvor haben wir darüber gesprochen, wie KI-Systeme selbständig Werkzeuge auswählen, Aufgaben zerlegen und digitale Prozesse ausführen. Jetzt steht ein Mensch mit einer schweren Kugel in der Hand und muss selbst entscheiden, wie viel Kraft er einsetzt. Vielleicht passt La Collina deshalb so gut zu diesem Seminar.

Adenauer hatte den Ort gewählt, weil Entfernung produktiv sein kann. Das politische Zentrum blieb in Bonn, doch Denken und Entscheiden konnten zeitweise an einen anderen Ort wandern. Heute wird der Arbeitsplatz selbst beweglich. Akten, Modelle, Wissensbestände und digitale Assistenten begleiten uns überallhin. Das ausgelagerte Kanzleramt von damals brauchte Personal, Fahrzeuge, Telefonleitungen und Aktenkoffer. Unser digitales Gepäck passt auf einen Laptop. Die entscheidende Veränderung betrifft allerdings weniger das Gepäck als den Mitreisenden.

Zum ersten Mal nehmen wir Werkzeuge mit, die Texte formulieren, Fragen entwickeln, Quellen suchen, Pläne entwerfen und zunehmend Handlungen ausführen können. Wir beginnen, Arbeit an Systeme zu delegieren, deren Fähigkeiten während ihrer Benutzung weiter wachsen. Dann rollt wieder eine Bocciakugel über den Sand. Sie wird langsamer. Sie nähert sich dem Pallino. Alle schauen hin. Für einige Sekunden braucht niemand Künstliche Intelligenz.

Der Fortschritt liegt auf der Müllhalde: Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung“ führt Joseph Conrads kolonialen Handelsposten in die Ruinen einer Industriegesellschaft

Die Zukunft riecht nach PVC, Asbest und fauligem Brunnenwasser. Zwischen Schutthalden, verrosteten Fässern, Mauerresten und Baracken suchen zwei Männer nach verwertbaren Stoffen. Der Untergang kam offenbar schleichend. Städte zerfielen, Schulen verschwanden, Computer wurden gegen Kartoffeln und Konservendosen eingetauscht. Eine Firma schickt ihre Angestellten dorthin, wo die alte Gesellschaft ihren Müll hinterlassen hat. Aus den Altlasten sollen wieder Rohstoffe werden.

Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung oder In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt“ entstand 1993 beim Radio der deutschen und rätoromanischen Schweiz. Der DRS reichte die Produktion als Schweizer Beitrag zum Prix Futura ein. Später übernahmen deutsche Sender das Stück. Radio Bratislava produzierte in den neunziger Jahren sogar eine slowakische Fassung. Ein solches zweites Leben blieb deutschsprachigen Hörspielen meist versagt.

Piel hat die Geschichte als freie Transposition von Joseph Conrads Erzählung „Ein Vorposten des Fortschritts“ angelegt. Schon der Untertitel stammt aus Conrad. Der literarische Bezug öffnet eine zweite Ebene. Conrads Elfenbeinhandel erscheint bei Piel als Bergung chemischer Rückstände. Die koloniale Handelsstation wandert aus dem afrikanischen Regenwald in das verseuchte Entsorgungsgebiet einer europäischen Zukunft. Aus der Zivilisierungsmission wird die Verwertung ihrer Überreste.

Zwei Männer übernehmen das Reich der Abfälle

Reuter und Berger erreichen die Niederlassung nach einer dreitägigen Fahrt durch Täler, Halden und verwüstete Siedlungen. Bracher, ein Vertreter der Firma, präsentiert ihnen das Gelände mit dem Stolz eines Unternehmers, der eine ergiebige Lagerstätte entdeckt hat. Soweit das Auge reicht, liegen die „Rohstoffe aus der goldenen Zeit der Polymerisation“. Bracher nennt die Deponie eine Goldgrube. Was frühere Generationen als Altlasten bezeichneten, gilt nun als „abgelagerte, aufgesparte, vorveredelte Energie“.

Die Wortwahl vollbringt bereits den ersten Akt der Verwertung. Gift wird durch Sprache zum Vermögen. Asbest erhält den Rang eines Bodenschatzes. PVC erscheint als kostbare Substanz. Die Firma entsorgt nichts. Sie fördert, sortiert und verkauft die Hinterlassenschaften einer Epoche, die an ihrem eigenen Stoffwechsel zugrunde gegangen ist.

Reuter soll die Niederlassung leiten. Er hat zwanzig Jahre lang Arztrechnungen in einen Computer eingegeben, bis Ärzte keine Rechnungen mehr schickten und ihre Honorare in Naturalien erhielten. Berger war Lehrer für Sozialkunde, Geschichte und Sport, damals, als Kinder noch Schulen besuchten. Beide haben ihre gesellschaftliche Funktion verloren. Die Firma bietet ihnen Arbeit, Einkommen und einen letzten Rest von Rang.

Bracher spricht vom Vertrauen, das sein Unternehmen in die beiden Männer investiert habe. Er erklärt ihnen ihre Verantwortung für Zivilisation, Würde und Anstand. Danach fährt er weiter. Hinter seinem Lastwagen bleibt eine Ödnis zurück, die Reuter und Berger voreinander zu verbergen versuchen. Der Firmenauftrag liefert ihnen eine Rolle. Die Landschaft zeigt ihnen täglich, wie wenig diese Rolle trägt.

Conrads Außenposten am Rand des Kongo

Joseph Conrad schrieb „An Outpost of Progress“ 1896. Die Erzählung erschien im Juni und Juli 1897 in der Zeitschrift „Cosmopolis“ und ein Jahr später in seinem Band „Tales of Unrest“. Conrad griff auf seine Reise in den Kongo-Freistaat zurück. 1890 hatte er dort für eine belgische Handelsgesellschaft gearbeitet und die Verwüstungen des Kolonialregimes kennengelernt.

Conrad bezeichnete die Erzählung später als den leichteren Teil der literarischen Beute, die er aus Zentralafrika mitgebracht habe. Den umfangreicheren Teil bildete „Herz der Finsternis“. In beiden Texten zerlegt Conrad die europäische Vorstellung, Handel, Technik und Verwaltung würden Licht in vermeintlich dunkle Weltgegenden tragen. Der englische Text samt Conrads Autorennotiz lässt sich bei Project Gutenberg lesen.

Kayerts und Carlier leiten bei Conrad einen abgelegenen Handelsposten. Kayerts war Angestellter der Telegraphenverwaltung. Carlier diente beim Militär. Beide besitzen weder praktische Fähigkeiten noch Kenntnisse des Landes. Sie verbringen ihre Tage mit Essen, Reden und dem Warten auf das Dampfschiff der Handelsgesellschaft.

Der kompetenteste Mann der Station heißt Makola. Er spricht mehrere Sprachen, führt die Bücher und organisiert den Handel. Conrad zeichnet ihn durch den kolonialen Blick seiner Epoche, gibt ihm jedoch eine Handlungsmacht, die Kayerts und Carlier fehlt. Makola erkennt die Gier der Gesellschaft und weiß, wie sich ihre Regeln umgehen lassen.

Bewaffnete Händler tauchen an der Station auf. Makola überlässt ihnen die Arbeiter der Gesellschaft und erhält dafür sechs mächtige Elfenbeinstoßzähne. Kayerts und Carlier reagieren empört. Kurz darauf wiegen sie das Elfenbein, tragen es ins Lager und berechnen ihre Prozente. Ihre moralische Entrüstung begleitet den wirtschaftlichen Nutzen. Sie verurteilen Makola und führen das Geschäft zu Ende.

Conrad zeigt eine Verwaltung des Verbrechens, die ohne schriftlichen Befehl auskommt. Der Direktor bleibt fern. Makola organisiert den Tausch. Kayerts und Carlier profitieren davon. Jeder kann später behaupten, der andere habe gehandelt. Die Ware liegt trotzdem korrekt gewogen im Lagerhaus.

Elfenbein verwandelt sich in Chemie

Piel übernimmt die Konstruktion und führt sie in eine spätere Stufe der Zivilisationsgeschichte. Reuter trägt Züge von Kayerts. Berger folgt Carlier. Bracher vertritt den fernen Direktor der Handelsgesellschaft. Der einheimische Vermittler Makola kehrt als Gossing wieder. Selbst der tote Vorgänger besitzt sein Gegenstück.

Bei Conrad liegt der erste Leiter der Station unter einem schiefen Kreuz begraben. Er war ein erfolgloser Maler, der in Afrika sein Glück gesucht hatte und am Fieber starb. Piels Eschenbach war ebenfalls Künstler. Er hatte die Niederlassung aufgebaut, große Ideen entwickelt und das Klima der Deponie körperlich nicht überstanden. Sein Grab liegt am Rand des Geländes.

Auch der verhängnisvolle Handel folgt Conrads Vorlage. Fremde Männer aus dem Norden erscheinen mit Gewehren und abgerichteten Hunden. Sie brauchen Fleisch für ihre Tiere und bieten dafür Fässer mit wertvollen Chemikalien an. Nach einem Betriebsfest verschwinden mehrere Arbeiter. Ein Mann liegt erschossen und von Hunden angefressen hinter der Halde. Gossing bringt die Fässer ins Lager und prüft ihren Inhalt.

Piel lässt den Tausch zunächst im Halbdunkel. Reuter versteht die Zusammenhänge und weicht vor diesem Wissen zurück. Die Firma wird mit der Ausbeute zufrieden sein. Bracher dürfte kaum fragen, woher die Fässer stammen. Diese Erwartung reicht aus, um aus einem Verbrechen eine betriebliche Leistung zu machen.

Bei Conrad werden Menschen gegen Elfenbein getauscht. Bei Piel werden Menschen zu Fleisch und damit selbst zum Rohstoff. Die Ware verschlingt den Arbeiter. Der Hund, ein alter Begleiter der Zivilisation, erscheint als Endverbraucher einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen längst in Materialeinheiten aufgelöst hat.

Die Kolonie kehrt nach Europa zurück

Conrad beschreibt einen Außenposten des europäischen Imperialismus. Eine Handelsgesellschaft dringt in den Kongo ein, eignet sich Rohstoffe an und nennt diesen Vorgang Fortschritt. Piel lässt das koloniale Modell heimkehren. Die verwüstete Zone liegt in einer zerfallenen Industriegesellschaft. Ihre Bewohner erscheinen den Firmenvertretern wie eine fremde Bevölkerung.

Reuter nennt sie Nomaden, Pack und zivilisationsmüde Aussteiger. Er macht ihre Väter für den Zusammenbruch der Städte verantwortlich. Sie hätten irgendwann alles liegen gelassen und seien davongelaufen. Die Trümmer der alten Ordnung belegen eine andere Geschichte. Produktion, Verpackung, Chemie und Ressourcenverbrauch haben eine Landschaft geschaffen, in der gesellschaftliches Leben kaum noch möglich ist.

Der Begriff „Entsorgungsgebiet“ verrät die neue Geographie. Die wohlhabenden Zentren haben ihre gefährlichen Stoffe an einen Rand verschoben. Die Firma kehrt dorthin zurück, sobald diese Stoffe wieder einen Preis erzielen. Das Gebiet zählt erst als wertlos, dann als Rohstofflager. Seine Bewohner zählen als Arbeitskräfte, später als Tauschgut.

Piel zeigt Kolonialismus als wiederkehrende Organisationsform. Eine Zentrale schickt Menschen in eine Randzone. Dort errichten sie eine Niederlassung, beanspruchen das Land und verwalten die Körper anderer. Die Firmenvertreter nennen sich Träger der Kultur. Ihre Geschäfte erzeugen Gewalt, Krankheit und Tod.

Conrads Kritik bleibt dabei in die Sprache und den europäischen Blick des späten 19. Jahrhunderts verstrickt. Die afrikanischen Figuren erhalten nur begrenzten Zugang zu eigener Erinnerung und Erfahrung. Piel verändert die ethnische Ordnung des Stoffes. Seine Niederlassung steht nach der Katastrophe in Europa. Der koloniale Abstand entsteht durch Armut, Bildung, Firmenrang und die Verfügung über Waffen.

Alte Zeitungen sprechen aus dem Grab

In beiden Geschichten spielen vergilbte Zeitungen eine zentrale Rolle. Kayerts und Carlier finden alte Blätter aus Europa. Darin lesen sie schwungvolle Artikel über die koloniale Expansion, die Pflichten der Zivilisation und das heilige Werk jener Männer, die Handel und Licht in entlegene Gebiete tragen. Die Lektüre hebt ihre Stimmung. Sie beginnen, sich selbst für bedeutende Pioniere zu halten.

Carlier schaut über die Station und entwirft ihre Zukunft: „In hundert Jahren steht hier vielleicht eine Stadt.“ Er sieht Kais, Lagerhäuser, Kasernen und Billardsäle. Spätere Generationen sollen Kayerts und Carlier als die ersten zivilisierten Männer an diesem Ort verehren. Piel übernimmt diesen Satz als Untertitel seines Hörspiels.

Berger findet ebenfalls alte Zeitungen. Sie stammen aus den Jahren vor dem Zusammenbruch. Ihre Meldungen handeln von Verpackungsmüll, sterbenden Wäldern, Umweltpolitik und den Gefahren des Computerzeitalters. Eine Zeitung berichtet über die wachsende Kunststofflawine aus Polyethylen, Polyvinylchlorid und Polystyrol. Ein Umweltbeauftragter empfiehlt zu Weihnachten ein Geschenk, das weder giftig sei noch die Abfalleimer verstopfe: Zeit.

Die Meldungen besitzen im Entsorgungsgebiet eine makabre Gegenwart. Alles, wovor sie warnten, umgibt die beiden Männer als Landschaft. Berger liest einen Satz des Informatikers Joseph Weizenbaum vor. Die Menschheit sitze auf einer Titanic, die auf einen Eisberg zufahre. Nur ein Wunder könne sie retten. Reuter und Berger lachen über den alten Alarm. Ihr Arbeitsplatz beweist, dass das Wunder ausgeblieben ist.

Die Zeitungen wirken wie ein Chor aus einer untergegangenen Epoche. Ihre Warnungen waren vorhanden, wurden gedruckt, gelesen und abgelegt. Jahrzehnte später dienen die Blätter als Unterhaltung beim Frühstück. Die Katastrophe erscheint dadurch als Ergebnis eines langen Wissens ohne Folgen.

Bei Conrad liefert die Zeitung den Männern eine heroische Selbsterzählung. Bei Piel liefert sie Anklagematerial. Berger liest weiter, weil er in den alten Meldungen die Vorgeschichte ihrer Lage erkennt. Reuter verlangt Ruhe. Das Rascheln des Papiers wird zum Geräusch seines schlechten Gewissens.

Eine Rose zwischen Asbest und Löwenzahn

Gossing lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern am Rand der Niederlassung. Seine Frau hat vor dem Haus einen Garten angelegt. Zwischen verrosteten Dosen, Fahrradfelgen und Schläuchen wachsen Rittersporn und eine rote Rose. Reuter erinnert sich an den Garten seiner Mutter. Seit Jahren hat er keine Rose mehr gesehen.

Diese kurze Szene verändert den Blick auf die verwüstete Welt. Leben kehrt durch Pflege zurück. Frau Gossing gestaltet einen kleinen Raum, in dem Erinnerung, Schönheit und Ordnung fortbestehen. Die Firma betrachtet den Boden als Lager chemischer Werte. Der Garten behandelt ihn als Lebensgrundlage.

Berger knüpft daran seine eigene Stadtvision. Er sieht Straßen, Geschäfte, einen Park und ein Schulzentrum. In künftigen Lesebüchern sollen zwei tüchtige Männer stehen, die die Kultur zurückgebracht hätten. Seine Vorstellung wiederholt den Traum Carliers aus Conrads Erzählung. Auch Berger schreibt sich selbst bereits in die Geschichte der erhofften Stadt ein.

Sein Wunsch, den Arbeitern Lesen und Schreiben beizubringen, entspringt Mitgefühl und Selbstüberschätzung. Er erkennt ihre Lage und spricht von Verantwortung. Zugleich entwirft er sich als Kulturbringer. Piel lässt Fürsorge, Eitelkeit und koloniale Erinnerung ineinanderlaufen. Berger bleibt Teil der Firmenordnung, deren Gewalt ihn bald verfolgt.

Das Gift zieht in die Körper

Die Niederlassung vergiftet ihre Bewohner langsam. Das Brunnenwasser stinkt. Die Sonne brennt. Ratten fallen über die Vorräte her. Berger leidet unter Durchfall und Fieber. Auf seinen Armen wächst ein Ausschlag. Seine Haare fallen büschelweise aus. Auch Reuter bekommt Kopfschmerzen und spürt ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Der Körper führt Buch über jene Stoffe, die Reuters Zeichensystem als betriebliche Leistung verbucht. Asbest, PVC und pharmazeutisch angereichertes Erdreich lassen sich sortieren und wiegen. Ihre Wirkung entzieht sich der Bilanz. Die Männer fördern einen Reichtum, der sie zerstört.

Bracher hatte den Tod Eschenbachs mit dessen empfindlicher Gesundheit erklärt. So individualisiert die Firma den Schaden. Der Verstorbene war dem Klima körperlich nicht gewachsen. Die Niederlassung, ihr Wasser und ihre Chemikalien bleiben aus dieser Sicht unschuldig. Später wenden Reuter und Berger dieselbe Erklärung auf sich selbst an.

Die Sprache der Firma schützt das Geschäft vor der Erfahrung. „Altlasten“ werden „vorveredelte Energie“. Vergiftung wird Klimaempfindlichkeit. Verschwundene Arbeiter gelten als Vertragsbrecher. Menschenhandel erscheint als unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz. Piel verfolgt, wie Begriffe Verantwortung verschieben und eine verwüstete Ordnung betriebsfähig halten.

Der Streit um das Gedächtnis

Bei Conrad eskaliert die Beziehung zwischen Kayerts und Carlier in einem Streit um Zucker. Die Vorräte sind fast aufgebraucht. Krankheit, Hunger und Angst haben beide Männer verändert. Kayerts erschießt Carlier. Danach versucht er, die Tat vor sich selbst zu erklären.

Piel ersetzt den Zucker durch eine Zeitung. Berger liest einen Bericht über Hundefleisch, das in einer Fleischfabrik zu Würsten verarbeitet wurde. Dann spricht er aus, was in der Niederlassung geschehen sein dürfte. Gossing habe die verschwundenen Arbeiter als Fleisch für die Hunde verkauft und dafür die Chemikalien erhalten.

Reuter verlangt die Zeitung. Berger wirft ihm Heuchelei und Zusammenarbeit mit Gossing vor. Reuter beruft sich auf seine Stellung als Vorgesetzter. Er droht, Berger wie einen Hund zu erschießen. Die Formulierung verbindet den betrieblichen Machtkampf mit dem Menschenhandel, den beide verdrängt haben.

Der spätere Reuter behauptet immer wieder, Berger habe ihn töten wollen. Gossing findet jedoch nur einen Revolver. Er gehört Reuter. Berger war unbewaffnet. Das Hörspiel verwandelt Reuters Rechtfertigung in einen sprachlichen Kreislauf. Er wiederholt sie, weil keine Wiederholung sie wahr machen kann.

Der Streit entzündet sich damit am Gedächtnis. Berger liest die Vergangenheit und erkennt die Gegenwart. Reuter braucht das Schweigen, damit seine Weltordnung hält. Die Zeitung wird gefährlicher als eine Waffe. Sie verbindet Warnung, Katastrophe und persönliche Schuld.

Trommeln, Hunde und die Geräusche der Angst

Piel erzählt die Geschichte vom Ende her. Zu Beginn ist Berger bereits tot. Reuter spricht in abgerissenen Sätzen über den angeblichen Angriff. Erst danach kehrt das Hörspiel zur Ankunft der beiden Männer zurück. Die Handlung nähert sich Schritt für Schritt jener Szene, deren Ergebnis der Hörer bereits kennt.

Diese Kreisform macht Reuter zum Gefangenen seiner eigenen Erzählung. Seine Sätze kehren wieder: Berger habe den Verstand verloren. Berger habe ihn töten wollen. Berger hätte zuerst schießen können. Jede Wiederholung legt den Widerspruch weiter frei.

Die akustische Landschaft trägt einen großen Teil der Erzählung. Nachts schlagen die Bewohner auf Fässer und vertreiben damit Ratten und wilde Hunde. Reuter und Berger hören darin bald eine Drohung. Die Trommeln kommen aus der Dunkelheit, während die Feuer zwischen den Halden zittern. Aus mangelnder Orientierung wächst Furcht, aus Furcht wächst Feindseligkeit.

Später verstummen viele Trommeln. Arbeiter sind verschwunden. Krankheit und Gewalt haben die Niederlassung entleert. Das Schweigen besitzt nun ein anderes Gewicht. Die Männer hören den Motor des erwarteten Lastwagens sogar dort, wo keiner fährt. Hoffnung und Angst nehmen denselben Klang an.

Die Regie von Mario Hindermann gibt der Wiederholung Raum. Peter Kner als Reuter führt den Hörer durch die Geschichte eines Mannes, der seine Wahrnehmung fortwährend zu einer Entlastungserzählung umbaut. Klaus Knuth als Berger kippt vom pädagogischen Enthusiasmus in Krankheit und Anklage. Horst Warning spricht Bracher, Ingold Wildenauer den Gossing. Emil Moser komponierte die Musik; die Produktion dauert rund 51 Minuten.

Walter Benjamins Trümmerfeld wird zur Deponie

Walter Benjamin beschrieb 1940 den Engel der Geschichte, der auf eine einzige Katastrophe blickt. Vor ihm wachsen die Trümmer. Ein Sturm treibt ihn rückwärts in die Zukunft. Diesen Sturm nennt Benjamin Fortschritt. Die neunte These „Über den Begriff der Geschichte“ liefert dafür das berühmte Denkbild.

Piels Niederlassung liegt mitten in diesem Trümmerfeld. Verfallene Straßen, Mauerreste, Kunststoffe, Autoteile und chemische Fässer bilden die Ablagerungen der vergangenen Epoche. Die Firma schaut auf diese Landschaft und entdeckt Vermögenswerte. Sie will das Zerschlagene weder heilen noch erinnern. Sie will es bilanzieren.

Der Fortschritt erscheint damit in zwei Gestalten. Zuerst produziert er die Stoffe, die das Leben erleichtern sollen. Danach zerstören ihre Mengen und Rückstände die gesellschaftliche Ordnung. Schließlich kehrt der Fortschritt als Geschäftsidee zurück und verkauft die Hinterlassenschaften seiner eigenen Verwüstung.

Piel entwirft eine finstere Kreislaufwirtschaft. Materie erhält einen neuen Preis. Menschen verlieren ihren. Die Firma rettet PVC, Asbest und Chemikalien aus den Ruinen. Für Berger, die Arbeiter und die Bewohner des Entsorgungsgebiets kennt ihre Bilanz keine Rettungsposition.

Der zivilisierte Mensch auf seinem letzten Außenposten

Conrads Kayerts und Carlier verlieren in der Isolation jene gesellschaftlichen Regeln, die sie für persönliche Tugenden hielten. Ohne Polizei, Nachbarn und öffentliche Kontrolle zerfällt ihr Selbstbild. Ihre Zivilisation bestand weitgehend aus Gewohnheit, Versorgung und institutioneller Aufsicht.

Reuter und Berger erleben einen verwandten Abstieg. Beide stammen aus Berufen einer geordneten Welt. Der eine war Verwaltungsangestellter, der andere Lehrer. In der Niederlassung führen sie ihre alten Rollen weiter. Reuter entwickelt eine Buchhaltung. Berger plant Unterricht. Die Formen bleiben erhalten, ihr gesellschaftlicher Boden ist verschwunden.

Piel behandelt Zivilisation als ein empfindliches Geflecht aus Institutionen, Erwartungen und materieller Versorgung. Bricht dieses Geflecht, treten Angst, Rangdenken und Gewalt hervor. Der Vorgesetzte schützt seine Stellung mit dem Revolver. Der Lehrer sucht Halt in vergilbten Zeitungen. Der Firmenvertreter kommt erst zurück, nachdem alles geschehen ist.

Auch Gossing bleibt in dieser Ordnung gefangen. Er versteht das Gelände, die Bewohner und die fremden Händler. Seine praktische Kompetenz macht ihn für die Firma unentbehrlich. Sein Garten schützt ein Stück Leben. Sein Handel liefert zugleich die Ware, die den Betrieb erfolgreich erscheinen lässt. Piel verteilt Schuld über ein System, in dem jeder Akteur seinen Bereich verwaltet und die Folgen beim anderen ablegt.

Das Kreuz als Gerät der Selbstabrechnung

Das Grabkreuz des Vorgängers verbindet Conrad und Piel bis in die letzte Szene. Bei Conrad richtet Carlier das schiefe Kreuz auf. Er prüft seine Arbeit, indem er sich mit beiden Händen an den Querbalken hängt. Nach Carliers Tod benutzt Kayerts dieses Kreuz für seinen Suizid. Das Dampfschiff erreicht die Station wenige Augenblicke später.

Bei Piel repariert Reuter gleich nach seiner Ankunft Eschenbachs Kreuz. Auch er prüft, ob es sein Gewicht hält. Nach Bergers Tod spricht er davon, sich daran aufzuhängen. Bracher findet ihn schließlich am Kreuz. Der Firmenvertreter bringt einen Brief von Bergers Tochter Emily mit.

Das Kreuz markiert zuerst den gescheiterten Vorgänger, dann die Wiederholung seines Schicksals. Es trägt keine Erlösung. Es wird zum technischen Gegenstand, sorgfältig instand gesetzt und am Ende zweckentfremdet. Reuter baut zu Beginn selbst das Gerät, an dem seine Geschichte endet.

Brachers Rückkehr vollendet den Rhythmus der Firma. Er kommt mit Post und vermutlich mit neuen Aufträgen. Der Betrieb sollte weitergehen. Der Leiter ist tot, sein Assistent ermordet, mehrere Arbeiter sind verschwunden. Die chemischen Fässer stehen jedoch im Schuppen. Der wirtschaftliche Erfolg der Niederlassung hat die Katastrophe überlebt.

In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt

Der Untertitel trägt eine Hoffnung, die Conrad bereits als Selbsttäuschung entlarvt hatte. Seine Kolonialbeamten sehen eine künftige Stadt mit Kais, Lagerhäusern und Billardsälen. Sie verwandeln ihre belanglose Gegenwart in eine heroische Gründungsgeschichte. Piels Berger sieht Gärten, Straßen, Geschäfte und eine Schule. Auch er möchte am Anfang einer neuen Zivilisation stehen.

Die rote Rose vor Gossings Haus bewahrt die Möglichkeit eines anderen Anfangs. Sie wächst durch Arbeit, Pflege und Kenntnis des Bodens. Die Firma gründet ihre Zukunft auf Förderung und Verwertung. Zwischen beiden Modellen entscheidet sich das Schicksal der Niederlassung.

Dreißig Jahre nach der Produktion klingt Piels Zukunftswelt vertraut. Elektronikschrott reist über Kontinente. Chemische Altlasten belasten Böden und Wasser. Rohstoffknappheit verwandelt alte Deponien in mögliche Lagerstätten. Unternehmen entdecken im Abfall neue Geschäftsmodelle und sprechen von Kreisläufen, Effizienz und Rückgewinnung.

„Die Niederlassung“ richtet den Blick auf den Preis dieser Wiederverwertung. Eine Gesellschaft kann ihre Stoffe zurückholen und zugleich ihre Menschen aufgeben. Sie kann jede Warnung archivieren, jede Katastrophe berechnen und jedes Gift neu benennen. Auf den Halden wächst dann vielleicht wieder eine Stadt. Ihre Gründungsgeschichte läge bereits im Schuppen: sauber sortiert, korrekt verbucht und von den Toten bezahlt.

Die Forschungsrepublik und die Abrissbirne

Thomas Sattelberger nimmt Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max Planck mal wieder als „fette Katzen“ ins Visier. Deutschlands Transferprobleme verdienen eine harte Analyse. Seine Generalabrechnung verwechselt jedoch vier verschiedene Forschungsaufträge, arbeitet mit einer falschen ETH-Zahl und springt von berechtigter Bürokratiekritik zu einer institutionellen Radikalkur, deren Nutzen unbelegt bleibt.

Thomas Sattelberger kann sich auf ein reales Ärgernis berufen. Deutschland produziert Forschung von internationalem Rang und tut sich oft schwer damit, aus wissenschaftlichen Ergebnissen schnell neue Firmen, Produkte und Märkte zu machen. Die Expertenkommission Forschung und Innovation beschreibt für Ausgründungen ein konkretes Hemmnis: Verhandlungen über geistiges Eigentum dauern im Durchschnitt mehr als 18 Monate. Hohe Forderungen in frühen Phasen können junge Firmen finanziell überfordern, uneinheitliche Regeln verzögern Verträge, Unsicherheit beim EU-Beihilferecht bremst zusätzlich.

Dieses Problem ist präzise genug für eine präzise Reform. Sattelberger wählt einen anderen Weg. Unter der Überschrift „Fette Katzen haben wir genug“ erklärt er in einem Beitrag für die Zeitschrift „Weiterdenken“ die großen außeruniversitären Forschungsorganisationen zu einem Teil des deutschen Innovationsproblems. Fraunhofer, Helmholtz und Leibniz sollen tiefgreifend umgebaut werden; Max Planck erhält am Ende eine weitgehende Bestandsgarantie. Fraunhofer und Leibniz will er in Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften zurückführen. Helmholtz soll „filetiert“ und dezentralisiert werden, beginnend mit dem Forschungszentrum Jülich. Die Max-Planck-Gesellschaft darf als juristischer Körper weiterleben, ihre Hauptverwaltung soll schrumpfen.

Sattelberger schreibt mit der Sprache einer Unternehmenssanierung. Forschungsorganisationen erscheinen als Kostenblöcke, Zentralverwaltungen als „Bürokratiemonster“, Institute als Gewinner oder „Fußkranke“. Der Return on Investment von Steuergeld werde immer miserabler, lautet eine seiner Zwischenüberschriften. Seine Erfahrung aus der Wirtschaft liefert dafür einen legitimen Blickwinkel. Für einen Umbau von Institutionen, die Milliarden Euro verwalten, Jahrzehnte an Forschungsinfrastruktur tragen und zehntausende Wissenschaftler beschäftigen, reicht die Sanierungsmetapher jedoch nicht. Eine solche Therapie verlangt Daten über Leistungen, Kosten, Funktionen, internationale Vergleichsorganisationen und die Folgen des Eingriffs.

Vier Organisationen, vier verschiedene Aufträge

Der erste Fehler steckt bereits in der Sammelkategorie. Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max Planck erfüllen verschiedene Aufgaben. Fraunhofer betreibt anwendungsorientierte Vertragsforschung und arbeitet eng mit Unternehmen. Helmholtz bündelt langfristige Programme und große Forschungsinfrastrukturen. Leibniz vereint 96 rechtlich eigenständige Einrichtungen, darunter Forschungsinstitute, wissenschaftliche Infrastrukturen und acht Forschungsmuseen. Max Planck konzentriert sich auf erkenntnisgetriebene Grundlagenforschung.

Diese Unterschiede sind keine organisatorische Folklore. Sie bestimmen, welche Kennzahlen sinnvoll sind. Bei Fraunhofer kann der Anteil von Industrieaufträgen viel über Marktnähe verraten. Bei einem Helmholtz-Zentrum muss man zusätzlich fragen, welche wissenschaftliche und technologische Leistung ein Supercomputer, ein Teilchenbeschleuniger oder eine andere Großanlage für externe Nutzer erbringt. Bei Leibniz zählen Forschungsdaten, Infrastrukturen, Politikberatung und Museen neben Patenten und Firmen. Bei Max Planck kann zwischen einer fundamentalen Entdeckung und ihrer ökonomischen Anwendung ein Jahrzehnt liegen.

Wer alle vier Organisationen primär an der Zahl neuer Firmen misst, baut eine Kennzahl zum Weltbild aus. Ein Spin-off ist ein wichtiger Transferkanal. Lizenzierung, Patente, Auftragsforschung, Standardisierung, gemeinsame Forschungsprojekte, Personalmobilität und die Nutzung wissenschaftlicher Infrastruktur gehören ebenfalls zum Transfer. Der aktuelle Monitoring-Bericht von Bund und Ländern erfasst aus gutem Grund mehrere dieser Größen. Er meldet für 2025 steigende Ausgründungszahlen, mehr Patentanmeldungen, höhere Wirtschaftsdrittmittel und eine wachsende Zahl gemeinsamer Publikationen mit Unternehmen.

Die ETH-Zahl trägt den Vergleich nicht

Besonders angreifbar wird Sattelbergers Argument dort, wo es am präzisesten wirken soll. Er schreibt, die ETH Zürich habe 2023 in einem Rekordjahr 53 Spin-offs hervorgebracht. Die vier von ihm attackierten deutschen Organisationen hätten es zusammen auf 51 gebracht. Für 2025 verweist er auf 46 Schweizer Start-ups.

Die offizielle ETH-Bilanz nennt nach meinen Recherchen für 2023 genau 43 neue Spin-offs. Das war damals tatsächlich ein Rekord. Für 2025 meldet die ETH 46 neue „ETH Ventures“. Hinter dieser Zahl stehen 24 ETH-Spin-offs und 22 ETH-Start-ups. Die Hochschule hat ihre Kategorien 2025 neu geordnet und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zahlen wegen der neuen Regeln nicht exakt mit früheren Jahren vergleichbar sind. (ETH Zürich)

Sattelberger erläutert nicht, nach welcher einheitlichen Definition er die deutschen Organisationen addiert. Gerade bei Ausgründungen entscheiden Anerkennungsregeln, Beteiligungsverhältnisse, IP-Nutzung und Erfassungszeitpunkt darüber, was in der Statistik landet. Die Korrektur der ETH-Zahl beseitigt die zugrunde liegende Sorge keineswegs. Ein Forschungsland, das zweistellige Milliardenbeträge in Wissenschaft investiert, darf höhere Ambitionen bei Deep-Tech-Gründungen haben. Ein seriöser Vergleich braucht allerdings Nenner: Ausgründungen je 1.000 Forschende, je Milliarde Forschungsaufwand, getrennt nach Disziplinen, Technologiereife und IP-Basis, ergänzt um Überlebensraten, eingeworbenes Kapital, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung. Sattelbergers Rohzählung liefert diese Normalisierung nicht.

Ein externer Vergleich passt ebenfalls nur schwer zur These einer Transferwüste. Der European Spinouts Report 2025, erstellt unter Beteiligung von Dealroom.co und mehreren europäischen Deep-Tech-Investoren, führt Max Planck bei den europäischen Forschungsorganisationen auf Rang zwei, Helmholtz auf Rang fünf und Fraunhofer auf Rang zehn. Die Studie bewertet unter anderem VC-finanzierte Spin-offs, jüngere Gründungen, Finanzierungsrunden über zehn Millionen Dollar, Einhörner und Unternehmenswerte. Auch dieses Ranking hat methodische Grenzen. Als Gegenprobe zeigt es jedoch, dass mehrere deutsche außeruniversitäre Organisationen im europäischen Deep-Tech-Transfer sichtbar weit vorne liegen.

Die jüngsten deutschen Zahlen zeigen zugleich, wie schnell sich das Bild verändert. Der GWK-Monitoring-Bericht 2026 weist für das Berichtsjahr 2025 insgesamt 85 Ausgründungen der vier Forschungsorganisationen aus, nach 60 im Jahr zuvor. Helmholtz kam auf 36, Fraunhofer auf 29, Max Planck auf 14. Die Zahl der angemeldeten Patente stieg von 1.095 auf 1.256. Diese Werte beweisen noch keine optimale Transferleistung. Sie widerlegen jedoch das Bild einer institutionellen Landschaft, die sich seit Jahren generell nicht um Ausgründungen kümmere.

Planungssicherheit ist keine wettbewerbsfreie Komfortzone

Sattelberger trifft einen empfindlichen Punkt, als er auf den Pakt für Forschung und Innovation verweist. Bund und Länder erhöhen die Zuwendungen im laufenden Pakt von 2021 bis 2030 jährlich um drei Prozent. Diese langfristige Finanzierungszusage verdient Kontrolle. Öffentliche Planungssicherheit darf weder Leistungsprüfung noch Prioritätensetzung ersetzen.

Aus der Drei-Prozent-Zusage macht Sattelberger jedoch eine „permanente Finanzierung“ ohne angemessene wettbewerbliche Mechanismen. Die institutionelle Architektur sieht differenzierter aus. Bund und Länder haben für den Pakt fünf forschungspolitische Ziele vereinbart: dynamische Entwicklung, Transfer, Vernetzung, Personalgewinnung und Forschungsinfrastrukturen. Für jede Organisation existieren eigene Zielvereinbarungen. Die Organisationen berichten jährlich über ihre Fortschritte, die GWK überwacht die Entwicklung mit quantitativen und qualitativen Indikatoren.

Planungssicherheit erfüllt außerdem eine ökonomische Funktion. Grundlagenforschung, Großgeräte, Langzeitdatenreihen und Forschungsprogramme lassen sich kaum im Rhythmus jährlicher Ausschreibungen aufbauen. Ein Teil des Systems braucht verlässliche Finanzierung, weil Personal, Infrastruktur und wissenschaftliches Risiko langfristige Horizonte haben. Die richtige Frage lautet daher: Welche Leistungen verlangt der Staat für diese Sicherheit, wie misst er sie, und welche Konsequenzen folgen dauerhaft schwacher Leistung? Sattelberger stellt diese Fragen. Für seine Antwort liefert er kaum belastbare Evidenz.

Auch die Behauptung eines weitgehend ausgeschalteten Wettbewerbs hält bei Fraunhofer kaum stand. Im Kernbereich Vertragsforschung bildet die institutionelle Förderung maximal ein Drittel. Mindestens zwei Drittel wirbt Fraunhofer über Aufträge der Wirtschaft und öffentliche Projektfinanzierung im Wettbewerb ein. 2025 lag der Anteil extern eingeworbener Erträge bei 71,1 Prozent.

Fraunhofer verdient Kritik auf der Basis seiner wirklichen Zahlen

Fraunhofer bietet Sattelberger reichlich Material für eine harte Reformdebatte. Die Governance der Gesellschaft hatte dokumentierte Defizite. Der Bundesrechnungshof lieferte Impulse für Veränderungen, der Fraunhofer-Senat beschäftigte sich mit der früheren Vorstandspraxis, und 2024 beschloss die Gesellschaft eine umfassende Satzungsreform. Der Senat erhielt erweiterte Kontrollrechte, ein Rechnungsprüfungsausschuss wurde institutionalisiert, Berichtspflichten des Vorstands wurden festgeschrieben, die Richtlinienkompetenz des Präsidenten entfiel. Die neuen Statuten gelten seit Januar 2025.

Das ist ein gewichtiger Einwand gegen jede bequeme Verteidigung von Fraunhofer. Eine öffentlich finanzierte Forschungsorganisation mit rund 31.000 Beschäftigten und 3,6 Milliarden Euro Finanzvolumen braucht wirksame Kontrolle, saubere Compliance, schlanke Prozesse und überprüfbare Prioritäten. Auch die Größe der Zentrale darf Gegenstand eines externen Benchmarks sein.

Sattelberger behauptet, Fraunhofers Hauptverwaltung sei nach Berechnungen seines damaligen Bundestagsbüros achtmal so groß wie die eines vergleichbaren börsennotierten Konzerns. Im Artikel fehlen Name und Größe des Vergleichsunternehmens, Abgrenzung der Zentralfunktionen, Bezugsjahr, Kostenbasis und Berechnungsmethode. Eine achtfache Abweichung wäre ein alarmierender Befund. Gerade deshalb braucht diese Zahl eine nachvollziehbare Herleitung. Ohne diese Angaben bleibt sie eine Behauptung mit großer rhetorischer Wirkung.

Die aktuelle Leistungsrechnung passt ebenfalls schlecht zum Bild einer gesättigten Organisation ohne Marktbezug. Fraunhofer erzielte 2025 Wirtschaftserträge von 966 Millionen Euro, elf Prozent mehr als im Vorjahr und einen historischen Höchstwert. Aus der Gesellschaft kamen 589 Erfindungsmeldungen, 538 prioritätsbegründende Patentanmeldungen und 29 Spin-offs. Fraunhofer Venture unterstützte 89 neue Ausgründungsprojekte.

Sattelberger nennt die 966 Millionen Euro „bescheiden“. Für diese Wertung fehlt im Text der Benchmark. Man kann fragen, ob 966 Millionen bei 3,6 Milliarden Euro Gesamtvolumen genug sind. Man kann die Entwicklung der Industrieerlöse je Institut, je Forscher, je Technologiefeld oder im internationalen Vergleich untersuchen. Man kann Patente nach Lizenzwert und Firmen nach Überlebensrate gewichten. Eine solche Analyse wäre aufschlussreich. Das Adjektiv „bescheiden“ ersetzt sie nicht.

Helmholtz braucht eine Funktionsanalyse vor dem Filetiermesser

Noch größer wird die methodische Lücke bei Helmholtz. Sattelberger will die Gemeinschaft dezentralisieren und beim Forschungszentrum Jülich anfangen. Er beschreibt Jülich als Managementkonstrukt ohne Mehrwert und schlägt vor, die Struktur in einzelne Institute zu zerlegen. Leistungsarme Einheiten sollen verschwinden, die übrigen Institute an Hochschulen oder andere Forschungsorganisationen wandern.

Für einen Eingriff dieser Größenordnung bräuchte man eine Funktionsanalyse. Helmholtz betreibt Forschungsinfrastrukturen mit hohen Fixkosten und langen Investitionszyklen. Dazu zählen Teilchenbeschleuniger, Forschungsschiffe, Energy Labs und Supercomputer; mehr als 10.000 externe Wissenschaftler aus über 30 Nationen nutzen solche Anlagen pro Jahr. Zentralisierung kann bei solchen Infrastrukturen Kosten erzeugen. Sie kann ebenso Skaleneffekte, technische Spezialisierung und dauerhafte Betriebskompetenz ermöglichen.

Sattelbergers Darstellung einer weitgehend wettbewerbsfreien Welt lässt zudem das tatsächliche Begutachtungssystem aus. Im ersten Halbjahr 2025 bewerteten mehr als 600 Gutachter aus 28 Ländern in 32 mehrtägigen Verfahren die Helmholtz-Zentren. Geprüft wurden wissenschaftliche Leistung, Wirkung, Originalität, Innovationspotenzial und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Eine zweite Stufe bewertet die künftigen Programme für 2028 bis 2035. Auf Basis der Gutachten empfiehlt der Helmholtz-Senat die Höhe und Verteilung der Förderung.

Das schließt Fehlsteuerung, Bürokratie und ineffiziente Einheiten keineswegs aus. Es verändert aber die Beweislast. Wer Jülich zerlegen will, muss zeigen, welche Funktionen nach der Zerlegung billiger oder besser würden, welche Infrastruktur gemeinsam bleiben müsste, welche Transaktionskosten entstünden und welche wissenschaftlichen Verbünde verloren gingen. Sattelbergers Artikel führt diese Rechnung nicht.

Leibniz ist heterogen, weil sein Auftrag heterogen ist

Auch die Leibniz-Gemeinschaft lässt sich schwer als zufällige Ansammlung überflüssiger Institute abtun. Ihre 96 Einrichtungen reichen von Astrophysik und Wirtschaftsforschung über Sozialwissenschaften bis zu Informationsinfrastrukturen und Forschungsmuseen. Acht Forschungsmuseen gehören ausdrücklich zum Profil. Viele Einrichtungen übernehmen Aufgaben, die dauerhaft angelegte Datenbestände, Sammlungen, Archive oder Forschungsservices brauchen.

Sattelberger deutet diese Vielfalt als „eklektische Zusammenwürfelung“ und will Leibniz in Hochschulen reintegrieren. Das könnte für einzelne Institute eine prüfenswerte Option sein. Als Generallösung übersieht der Vorschlag die institutionelle Funktion der Gemeinschaft. Ein Forschungsmuseum, eine große Informationsinfrastruktur oder ein wirtschaftswissenschaftliches Institut mit langfristiger Datenproduktion folgt anderen Organisationsanforderungen als ein universitärer Lehrstuhl.

Leibniz verfügt zudem über einen Mechanismus, der Sattelbergers Bild garantierter Existenz relativiert. Jede Einrichtung wird spätestens alle sieben Jahre extern evaluiert. International ausgewiesene Sachverständige prüfen Leistungen, Strukturen, Kooperationen, Transfer und Zukunftsplanung. Die Förderempfehlung fließt in die Entscheidung von Bund und Ländern ein. Zwischen 2016 und 2023 empfahl der Leibniz-Senat bei drei Einrichtungen die Beendigung der gemeinsamen Förderung.

Auch die behauptete Distanz zur Hochschulwelt ist geringer, als Sattelbergers institutionelle Trennung vermuten lässt. Der GWK-Bericht zählt 2025 über alle Paktorganisationen 1.681 gemeinsame Berufungen mit Hochschulen. Wissenschaftler der außeruniversitären Organisationen erbrachten mehr als 33.000 Semesterwochenstunden Lehre. Mehr als 90 Prozent ihrer Publikationen entstanden als nationale oder internationale Ko-Publikationen. Eine Debatte über engere Verbindungen zu Hochschulen bleibt sinnvoll. Sie beginnt jedoch nicht bei institutioneller Beziehungslosigkeit.

Max Planck widerlegt den einheitlichen Renditemaßstab

Am Ende macht Sattelberger selbst eine Ausnahme. Max Planck würde seine Radikalkur weitgehend überstehen. Die Gesellschaft solle ihren juristischen Körper behalten, die Hauptverwaltung müsse schrumpfen. Grundlagenforschung im „Tal des Todes“ zählt er zu den Kernaufgaben eines schlanken Staates.

Diese Ausnahme ist sachlich plausibel und analytisch folgenreich. Die Max-Planck-Gesellschaft zählt 31 Nobelpreisträger, die bei der Preisvergabe wissenschaftliche Mitglieder der MPG oder ihrer Vorgängerorganisation waren. 2023 erhielt Ferenc Krausz den Physik-Nobelpreis; die Organisation bewegt sich damit seit Jahrzehnten in der internationalen Spitzengruppe der Grundlagenforschung. (MPG) Nobelpreise taugen allein nicht als volkswirtschaftliche Erfolgsrechnung. Sie zeigen jedoch, welche wissenschaftliche Qualität langfristig finanzierte Forschungsräume hervorbringen können.

Auch Max Planck lebt keineswegs transferfrei. 2025 meldete Max Planck Innovation 131 Erfindungen, 105 Patentanmeldungen und 14 neue Ausgründungen. Seit 1990 entstanden 214 Ausgründungen; rund 9.000 Arbeitsplätze werden dem Start-up-Portfolio zugerechnet. Die aktuellen Angaben nennen zudem mehr als 3.100 Verwertungsverträge und über 200 Start-ups.

Die wissenschaftliche Qualität wird regelmäßig durch externe Fachbeiräte geprüft. Diese Gremien begutachten die Institute in der Regel alle drei Jahre und bewerten Qualität, Originalität, Forschungsstrategie, Strukturen und Ressourceneinsatz. Sattelbergers Max-Planck-Ausnahme führt deshalb zu einer grundsätzlichen Frage: Weshalb sollte langfristige institutionelle Finanzierung bei Grundlagenforschung als Voraussetzung für Exzellenz gelten, bei anderen missionsgebundenen Forschungsaufgaben aber bereits als Indiz für Behäbigkeit? Eine Antwort müsste die jeweiligen Aufgaben und Leistungsmechanismen getrennt untersuchen.

BioNTech erzählt eine andere Geschichte des Transfers

Sattelberger setzt BioNTech gegen die „fetten Katzen“. Der Börsenwert des Mainzer Unternehmens soll zeigen, welche volkswirtschaftliche Kraft aus forschungsbasierten Gründungen entstehen kann. BioNTech ist tatsächlich ein herausragendes Beispiel für die wirtschaftliche Wirkung wissenschaftlicher Forschung. Die Entstehungsgeschichte passt allerdings schlecht zu einer einfachen Erzählung vom privaten Gründungswunder gegen die öffentlich finanzierte Wissenschaft.

Die mRNA-Impfstoffplattform, die BioNTech später gemeinsam mit Pfizer für den Covid-19-Impfstoff nutzte, geht nach Angaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf Vorarbeiten in einem DFG-geförderten Mainzer Sonderforschungsbereich zur Krebsforschung zurück. Uğur Şahin leitete dort von 2006 bis 2008 ein Teilprojekt. Die Arbeiten bauten auf früherer DFG-Förderung auf.

BioNTech zeigt damit eine Kette, die Innovationspolitik ernst nehmen sollte: wissenschaftliche Neugier, langfristige öffentliche Förderung, universitäre Forschung, geistiges Eigentum, Gründer, privates Kapital, industrielle Entwicklung und Skalierung. Kein einzelnes Glied erzeugt den Erfolg allein. Wer aus BioNTech eine Rechtfertigung für den Abriss großer Forschungsorganisationen ableitet, müsste nachweisen, dass deren Auflösung häufiger solche Ketten entstehen lässt. Diesen Nachweis führt Sattelberger nicht.

Das Transferproblem liegt offen auf dem Tisch

Eine Replik auf Sattelberger sollte das deutsche Transferdefizit keinesfalls kleinreden. Die EFI liefert dafür die bessere Diagnose. Sie sieht in exzellenter deutscher Forschung erhebliches ungenutztes Innovationspotenzial. Patentzitationen zeigen, dass Forschung aus deutschen Hochschulen häufig in Innovationen ausländischer Anmelder einfließt. Wissen entsteht hier, wirtschaftliche Verwertung findet zu oft anderswo statt.

Die konkreten Hemmnisse sind greifbar. IP-Verhandlungen dauern im Durchschnitt mehr als 18 Monate. Einheitliche Leitfäden fehlen. Hochschulen und Gründer streiten über den Wert frühen geistigen Eigentums. Beihilferechtliche Risiken machen Rechtsabteilungen vorsichtig. Förderketten zwischen wissenschaftlichem Projekt, Validierung, Gründung und Skalierung besitzen Lücken. Die EFI empfiehlt standardisierte Ausgründungsverträge, eine nationale IP-Strategie, schnellere Transferprozesse, mehr Zeit für Wissenschaftler mit Gründungsprojekten und besser abgestimmte Förderinstrumente.

Hier liegt eine Reformagenda, die direkt an den Engpässen ansetzt. Hochschulen und Forschungsorganisationen brauchen professionelle Transferteams mit klaren Fristen. IP-Bedingungen müssen für Gründer und Investoren kalkulierbar werden. Virtuelle Beteiligungen können hohe Zahlungen in der Frühphase vermeiden. Eine unabhängige Schiedsstelle kann festgefahrene Verhandlungen beenden. Forschende brauchen Zeitfenster für Unternehmensgründungen und bessere Möglichkeiten, zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu wechseln. Der Staat kann zusätzlich als anspruchsvoller Erstkunde neue Technologien früher in reale Anwendungen bringen.

Auch die Forschungsorganisationen selbst gehören unter Druck. Institute mit dauerhaft schwacher wissenschaftlicher Qualität oder geringer Wirkung brauchen Konsequenzen. Zentralverwaltungen müssen Funktionen, Kosten und Personal transparent ausweisen. Transferkennzahlen sollten nach Mission differenziert werden und internationale Benchmarks enthalten. Patente zählen wenig, falls sie niemand nutzt. Ein Spin-off zählt wenig, falls es nach kurzer Zeit verschwindet. Industrieerträge verdienen Kontext: Technologiefeld, Personalbasis, Forschungsrisiko und Langfristwirkung gehören in die Bewertung. Eine solche Reform wäre härter als eine Tiermetapher, weil sie jede Organisation an überprüfbaren Ergebnissen misst.

Reformpolitik braucht bessere Maßstäbe als „fette Katzen“

Sattelbergers Artikel hat einen produktiven Kern. Er verlangt Rechenschaft für Milliarden an öffentlichen Mitteln und richtet den Blick auf die wirtschaftliche Verwertung von Forschung. Fraunhofers frühere Governance-Probleme, lange IP-Verhandlungen, administrative Lasten und die deutsche Schwäche bei wissenschaftsbasierten Wachstumsfirmen liefern genügend Stoff für Reformen.

Die Generalabrechnung verliert jedoch an Tragfähigkeit, sobald man ihre zentralen Behauptungen prüft. Die ETH-Zahl für 2023 ist falsch. Die ETH hat ihre Kategorien 2025 verändert. Fraunhofer wirbt einen Großteil seiner Vertragsforschung extern ein und erzielt Rekorderträge aus der Wirtschaft. Helmholtz unterzieht seine Zentren umfangreichen internationalen Begutachtungen. Leibniz kann nach Evaluationen die gemeinsame Förderung verlieren. Max Planck verbindet 31 Nobelpreisträger mit einer beachtlichen Transferbilanz. Der GWK-Bericht dokumentiert für 2025 steigende Ausgründungen, Patente und Wirtschaftsdrittmittel über das gesamte System.

Deutschlands Forschungslandschaft braucht Reformen, Konzentration und mehr wirtschaftliche Verwertung. Sie braucht ebenso die Fähigkeit, Grundlagenforschung über lange Zeiträume zu finanzieren, Großgeräte gemeinsam zu betreiben, Forschungsdaten dauerhaft vorzuhalten und Unternehmen mit anwendungsnaher Forschung zu versorgen. Ein leistungsfähiges System muss diese Aufgaben verbinden und zugleich schlechte Leistung sanktionieren.

Sattelberger fordert den großen Schnitt. Für diesen Eingriff fehlen in seinem Beitrag eine belastbare Kostenrechnung, eine internationale Organisationsanalyse und ein Nachweis, dass die vorgeschlagene Reintegration und Zerschlagung mehr Transfer erzeugen würde. Seine Provokation eröffnet eine Debatte. Die Recherche trägt die Radikalkur nicht.

Bonn tanzt nach Vorschrift: Der Stadtgarten wird zum Lehrstück über eine Verwaltung, die urbane Kultur lieber regelt als ermöglicht

Ein Donnerstagabend im Bonner Stadtgarten. Menschen treffen sich, Musik läuft, Paare tanzen Salsa und Bachata. Keine Großveranstaltung, keine Tribüne, kein abgesperrtes Festivalgelände. Eine jener Formen städtischen Lebens, die einen öffentlichen Raum überhaupt erst zu einem öffentlichen Raum machen.

Die Bonner Verwaltung betrachtet die Sache offenbar durch eine andere Brille. Nach einem Bericht des General-Anzeigers sollen Veranstaltungen im Stadtgarten künftig verbindlich auf zwei Flächen konzentriert werden. Für neue Formate gelten strenge Vorgaben. Die Salsa-Gruppe „Salsa, bachata y más“ besitzt bereits seit 2023 einen Vertrag mit der Stadt über eine Fläche von rund 60 Quadratmetern. Dabei wurden Zeiten festgelegt. „Werbung“ ist untersagt. „Spenden“ dürfen ebenfalls nicht gesammelt werden. Nach Darstellung der Stadt könnte eine Veranstaltung durch Spenden einen kommerziellen Charakter erhalten. Eine merkwürdige Interpretation von Kommerzialität.

Man muss sich diesen Vorgang jenseits seiner verwaltungsrechtlichen Terminologie vor Augen führen: Bürger organisieren auf eigene Initiative ein kostenloses Kulturangebot. Sie benötigen kaum Infrastruktur. Sie verlangen von der Kommune kein kuratiertes Festivalprogramm und keinen Millionenetat. Ihre Tätigkeit besteht überwiegend darin, Musik anzuschalten und miteinander zu tanzen. Die kommunale Antwort besteht aus Flächenzuweisung, Zeitfenstern, Werbeverbot und Spendenverbot. So entsteht aus einem Tanzabend ein kulturpolitisches Dokument.

Kultur darf stattfinden, möglichst geräuschlos

Natürlich braucht ein Stadtgarten Regeln. Grünflächen müssen geschützt, Anwohner vor übermäßigem Lärm bewahrt und unterschiedliche Nutzungsinteressen miteinander vereinbart werden. Niemand kann aus öffentlichem Raum einen rechtsfreien Raum ableiten. Interessant wird der Bonner Fall dort, wo der Schutz einer Fläche in die Regulierung gesellschaftlicher Kommunikation übergeht.

Eine Stadt kann festlegen, dass keine Werbebanner an Bäumen hängen. Sie kann Verstärker begrenzen, Veranstaltungszeiten definieren und Besucherzahlen im Blick behalten. Was aber hat der Schutz eines Rasens damit zu tun, ob eine Salsa-Gruppe auf Instagram bekanntgibt, dass sie am Donnerstag tanzt?

Noch eigentümlicher wirkt das Spendenverbot. Die Verwaltung argumentiert dem General-Anzeiger zufolge mit der Gefahr eines „kommerziellen Charakters“. Damit verwandelt sich bereits der freiwillig gegebene Euro für Technik, Musik oder Organisation in ein verdächtiges ökonomisches Ereignis.

Eine Kulturpolitik, die zwischen Eintrittsgeld, Gewinnerzielung und freiwilliger Unterstützung nicht sauber unterscheidet, verrät ein bemerkenswertes Verständnis bürgerschaftlicher Initiative. Nach dieser Logik ist die kulturell ideale Veranstaltung kostenlos, unsichtbar und vollständig von der privaten Leistungsbereitschaft ihrer Organisatoren abhängig. Das kann kaum das Leitbild einer lebendigen Großstadt sein.

Der öffentliche Raum ist Teil der Kulturpolitik

Kulturpolitik wird in Bonn gern über Institutionen diskutiert. Theater, Oper, Beethoven, Museen, Festivals und große Häuser stehen im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit. Das ist verständlich. Institutionen kosten viel Geld, beschäftigen viele Menschen und prägen das kulturelle Selbstbild einer Stadt. Städtische Kultur entsteht allerdings auch dort, wo keine Intendanz existiert.

Menschen tanzen. Jugendliche fahren Skateboard. Musiker spielen. Nachbarschaften veranstalten kleine Feste. Initiativen treffen sich. Vereine präsentieren sich. Gruppen eignen sich für ein paar Stunden einen Platz an und geben ihn anschließend wieder frei. Gerade solche Aktivitäten entscheiden darüber, ob eine Innenstadt nach Geschäftsschluss weiterlebt.

Der Stadtgarten besitzt dafür eine besondere Qualität. Er liegt mitten zwischen Universität, Hofgarten, Innenstadt und Rhein. Wer dort tanzt, produziert keine geschlossene Veranstaltung hinter einer Bezahlschranke. Die Stadt selbst wird zur Bühne. Der General-Anzeiger berichtet zugleich, dass etablierte Formate wie Stadtgartenkonzerte, Silent Partys, der Bonn-Marathon und weitere Veranstaltungen auch künftig ihren Platz behalten sollen.

Damit drängt sich eine kulturpolitische Frage auf: Ist organisierte Kultur für die Verwaltung leichter zu akzeptieren, sobald sie institutionell bekannt, vertraglich eingehegt und organisatorisch professionalisiert ist? Die kleine selbstorganisierte Gruppe gerät leichter in die Logik des Ordnungsrechts. Gerade jene Kultur, die wenig kostet und aus der Bürgerschaft entsteht, benötigt dann überraschend viel Regulierung.

Bitte tanzen, aber erzählen Sie niemandem davon

Das Werbeverbot besitzt fast literarische Qualität. Eine genehmigte Veranstaltung darf stattfinden. Die Organisatoren sollen darüber allerdings möglichst wenig öffentlich kommunizieren. Nach dem Bericht werden konkrete Termine deshalb vor allem über eine WhatsApp-Gruppe verbreitet. Aus kulturpolitischer Perspektive ist das absurd.

Öffentlichkeit gehört zur Kultur. Wer zu einem offenen Tanzabend einlädt, betreibt noch kein Geschäftsmodell. Eine Terminankündigung bei Facebook macht aus Salsa keinen Einzelhandel. Ein Instagram-Post beansprucht keinen zusätzlichen Quadratmeter Grünfläche. Falls die Stadt eine Obergrenze der Teilnehmerzahl benötigt, kann sie eine Obergrenze festlegen. Falls Lärmschutz erforderlich ist, kann sie Lautstärke und Uhrzeit regeln. Aus einem Kapazitätsproblem folgt kein Kommunikationsverbot.

Hier zeigt sich eine Verwaltungsidee, die den Bürger zunächst als potenzielles Ordnungsproblem betrachtet. Jede zusätzliche Person erhöht aus dieser Perspektive das Risiko. Öffentlichkeit erscheint als Gefahr, Popularität als Belastung, Wachstum als Störung. Stadtpolitik müsste den Blick umdrehen: Eine Veranstaltung, zu der Menschen gern kommen, besitzt zunächst einmal einen öffentlichen Wert.

Der verdächtige Fünf-Euro-Schein

Beim Spendenverbot erreicht die Angelegenheit eine fast groteske Dimension. Niemand muss dulden, dass öffentliche Grünanlagen ohne Genehmigung kommerziell bewirtschaftet werden. Ein Veranstalter, der Eintritt kassiert, Getränke verkauft und Gewinne erwirtschaftet, bewegt sich in einer anderen Kategorie als eine informelle Tanzgruppe. Eine freiwillige Spende ist allerdings noch kein Beweis für kommerzielle Tätigkeit. Gerade kleine kulturelle Initiativen funktionieren häufig über genau solche Beiträge. Jemand bezahlt eine Musikbox, ein anderer übernimmt Technik, jemand organisiert, jemand bringt Material mit. Ein freiwilliger Beitrag verteilt diese Kosten auf mehrere Schultern.

Die Bonner Logik führt in die entgegengesetzte Richtung: Eigeninitiative ist willkommen, ihre Finanzierung wird suspekt. Auch juristisch ist diese Konstruktion keineswegs selbstverständlich. Ob die konkrete Vertragsklausel rechtswidrig ist, lässt sich seriös erst anhand des Originalvertrags, der zugrunde liegenden Satzungen und der rechtlichen Einordnung der Fläche abschließend beurteilen. Ein generelles Gleichsetzen von freiwilligen Spenden und kommerziellem Betrieb erscheint jedoch erheblich begründungsbedürftig. Kulturpolitisch fällt das Urteil schon früher.

Eine Stadt sollte froh über Menschen sein, die Freizeit, Energie und eigenes Geld investieren, um öffentliche Räume zu beleben. Sie sollte ihnen erklären, unter welchen fairen Bedingungen das möglich ist. Ein Verbot freiwilliger Unterstützung sendet die gegenteilige Botschaft.

Ausgerechnet unter Guido Déus

Für Oberbürgermeister Guido Déus besitzt dieser Vorgang eine besondere politische Dimension. Er steht inzwischen an der Spitze der Bonner Verwaltung. Als CDU-Ratsmitglied hatte Déus 2023 im Zusammenhang mit der Zukunft des Theaters Bonn eine Verwaltungsvorlage als „Arbeitsverweigerung der Stadtverwaltung“ bezeichnet und sich über gebrochene Absprachen beklagt. Das geht aus der Niederschrift der Ratssitzung hervor. Der damalige Verwaltungskritiker ist heute Verwaltungschef.

Damit eröffnet sich für ihn eine interessante Gelegenheit. Er könnte zeigen, dass politische Führung einer Stadtverwaltung auch darin besteht, deren Regelungsreflexe zu überprüfen. Nicht jede theoretisch denkbare Auflage ist eine kluge Auflage. Nicht jedes Risiko verlangt einen Vertragspassus. Nicht jede selbstorganisierte Aktivität benötigt ein administratives Korsett. Eine moderne Kommunalverwaltung erkennt den Unterschied zwischen Gefahrenabwehr und Gestaltung.

Große Stadtpolitik beginnt manchmal auf 60 Quadratmetern

Man könnte den Fall für eine Petitesse halten. Rund 60 Quadratmeter Stadtgarten, ein paar Dutzend Tänzer, ein Donnerstagabend im Sommer. Gerade deshalb ist er aufschlussreich. Große kulturpolitische Sonntagsreden sind leicht. Schwieriger ist die tägliche Begegnung zwischen Verwaltung und Bürgerinitiative. Dort entscheidet sich, welches Bild eine Kommune von ihren Einwohnern besitzt.

Sind Bürger Nutzer einer städtischen Fläche, deren Verhalten möglichst detailliert geregelt werden muss? Oder sind sie Mitproduzenten urbanen Lebens? Bonn müsste auf diese Frage eigentlich eine besonders eindeutige Antwort geben. Eine Stadt mit Universität, internationalem Publikum, Bundesinstitutionen, Kulturbetrieb und einer Innenstadt, die um Aufenthaltsqualität ringt, braucht Orte spontaner Begegnung. Der Stadtgarten kann ein solcher Ort sein.

Eine Salsa-Gruppe ist dabei kein Störkörper im öffentlichen Raum. Sie erfüllt ziemlich genau das, was Stadtentwickler andernorts mit beträchtlichem Aufwand herzustellen versuchen: Menschen kommen freiwillig zusammen, bleiben in der Innenstadt, bewegen sich, begegnen einander und schaffen Öffentlichkeit. Dafür muss kein neues Kulturzentrum gebaut werden. Man benötigt 60 Quadratmeter und Musik.

Eine Stadt darf ihren Bürgern etwas zutrauen

Die neue Stadtgartenordnung wird damit zu einem frühen Test für die Verwaltung unter Guido Déus. Natürlich muss die Stadt den Park schützen. Natürlich braucht sie nachvollziehbare Regeln für größere Veranstaltungen. Gerade ein viel genutzter innerstädtischer Raum verlangt Koordination. Doch Regeln verdienen ihre Legitimation durch ihren Zweck.

Ein Werbeverbot, das eine erlaubte kulturelle Aktivität aus der Öffentlichkeit drängt, braucht eine sehr gute Begründung. Ein Spendenverbot, das freiwillige Unterstützung mit Kommerzialisierung gleichsetzt, braucht sie erst recht. Bonn könnte aus dem Vorgang sogar ein kleines Reformprojekt machen. Statt immer feinere Verbotskataloge zu produzieren, könnte die Verwaltung einfache Kriterien für nichtkommerzielle Bürgerveranstaltungen entwickeln: transparente Flächen, nachvollziehbare Zeiten, Schutz von Grün und Anwohnern, einfache Anmeldung und möglichst große Freiheit innerhalb dieses Rahmens.

Das wäre Stadtpolitik im eigentlichen Sinn. Denn eine lebendige Stadt entsteht nicht durch vollständige administrative Kontrolle. Sie entsteht durch Regeln, die genügend Raum lassen, damit Bürger etwas anfangen können. Und manchmal beginnt diese Freiheit damit, dass man Menschen einfach tanzen lässt.

Die Bombe sitzt im Kopf: Über innere Feinde und Sicherheitspsychosen

Edgar Piels Hörspiel „Malchers Wahn oder Die Menschliche Bombe“ verwandelt die atomare Abschreckung in eine Psychose der totalen Sicherheit

Ein Tonbandgerät stellt seinen Dienst ein. Die Spulen werden langsamer und bleiben stehen. Der Bundestagsabgeordnete Siegfried Malcher blickt auf das Gerät, als habe er gerade einen unsichtbaren Krieg gewonnen. Der Journalist Theo Güllner vermutet einen leeren Akku. Doch er hatte die Batterie vor dem Interview geprüft.

(Das Hörspiel gibt es auf dem YouTube-Kanal von Edgar Piel in drei Teilen)

Durch diesen winzigen Riss dringt das Phantastische in die Bonner Republik. Malcher glaubt, elektronische Geräte mit seinen Gedanken ausschalten zu können. Was wie Größenwahn klingt, folgt der Logik seiner Epoche. Die atomare Abschreckung sucht nach der vollkommenen Waffe. Malcher macht sich selbst zu dieser Waffe.

Edgar Piel erzählt eine politische Krankengeschichte. Sein Abgeordneter hat den Sicherheitsbegriff so tief verinnerlicht, dass jede menschliche Bindung zum Risiko wird. Das Hörspiel fragt nach dem Preis einer Gesellschaft, die überall Gefahren erkennt und den Schutz vor ihnen zum obersten Zweck erklärt.

Edgar Piel, mein Freund und früherer Kollege am Institut für Demoskopie Allensbach, baut seine Hörspiele um kleine Geheimnisse. In „Malchers Wahn“ führen die Spuren in die Sicherheitspolitik des Kalten Krieges, zu amerikanischen Geheimdienstexperimenten und in die Nibelungensage. Sie führen ebenso in eine Gegenwart, in der der Verdacht auf einen inneren Feind politische Lebensläufe prägt.

Ein Interview verliert den Boden

Güllner soll den aufstrebenden Sicherheitspolitiker porträtieren. Malcher, Jahrgang 1944, Jurist und seit 1982 Mitglied des Bundestages, gilt unter Parteifreunden und Experten als kommender Mann. Sein Weg könnte bis ins Verteidigungsministerium führen. Piel versieht die Figur mit einer genauen politischen Biografie, hält ihren institutionellen Ort jedoch in leichter Unschärfe. Malcher bündelt ein Bonner Milieu in einer Kunstfigur.

Zunächst erreicht Güllner nur das Privathaus des Abgeordneten. Dort öffnet Edith Malcher die Tür. Der Journalist erliegt ihrem Reiz, und aus dem geplanten Interview wächst eine Affäre. Bereits diese Begegnung verknüpft Politik und Intimität. Während Malcher an der Sicherheit der Menschheit arbeitet, durchbricht seine Frau das elektronische Sicherungssystem des Hauses, um ihre Liebhaber einzulassen.

Später empfängt Malcher den Reporter in seinem Bonner Amtszimmer. Kameras, Wachposten, Sicherheitsschleusen und verwirrende Flure umgeben Raum 525. Das Gebäude erscheint als gebaute Form seines Denkens. Jede Tür verlangt eine Legitimation, jeder Weg führt durch Kontrolle, Kameras könnten jeden Blick aufzeichnen.

Sicherheit frisst Vertrauen

Malchers Denken beginnt mit einem vernünftigen Satz: Im Menschen wirke ein elementares Bedürfnis nach Sicherheit. Aus diesem Bedürfnis baut er ein Weltbild. Er sammelt Versicherungen, kontrolliert Räume und stattet sein Haus mit elektronischen Sperren aus. Die Technik soll den Zufall fernhalten. Jeder neue Sensor erzeugt jedoch eine weitere Angriffsfläche. Eine fremde Macht könnte die Kamera übernehmen, das Mikrofon anzapfen oder den Alarmcode stehlen.

Die Festung verwandelt sich in eine Falle. Malcher sucht Schutz und findet weitere Gefahren. Seine Kontrolltechnik produziert genau jene Unsicherheit, die sie beseitigen soll. So beginnt ein Kreislauf, der sich aus jeder Störung neue Nahrung verschafft.

Edith führt diese Besessenheit auf eine frühe Erfahrung zurück. Malchers Mutter verließ die Familie. Der Sohn reagierte mit Planung: Jurastudium, sichere Stellung, frühe Ehe, fünf Ordner voller Versicherungspolicen. Der Verlust wurde zur inneren Verfassung seines Lebens. Liebe bedeutete fortan Abhängigkeit, Abhängigkeit öffnete den Weg zur Erpressung.

Eine zeitgeschichtliche Spur führt zu Klaus von Schuberts Aufsatz „Bedingungen des Überlebens“, der 1980 in Bonn erschien. Von Schubert beginnt ebenfalls beim menschlichen Grundbedürfnis nach Sicherheit. Er beschreibt eine Zivilisation, die sich mit ihren Waffen in die Lage des Zauberlehrlings gebracht hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt den Aufsatz in ihrem Archiv bereit.

Der innere Feind zieht ins Wohnzimmer

Malchers Denken folgt einer Logik, die auch Sicherheitsapparate erfassen kann. Geheimdienste schulen ihre Mitarbeiter darin, Auffälligkeiten zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und hinter sichtbaren Vorgängen verborgene Absichten zu suchen. Diese Arbeit braucht Zweifel und methodische Kontrolle. Fehlt die Grenze, entwickelt der Verdacht einen eigenen Sog. Jede Widerlegung gilt dann als besonders geschickte Tarnung.

Ich habe diese Logik Jahre später in einer Satire über die deutschen Geheimdienste aufgegriffen. Anlass war der Umgang der Bundesregierung mit Edward Snowdens Enthüllungen. Hans-Georg Maaßen, damals Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, lobte die Auskunftsbereitschaft der NSA und verteidigte die enge Zusammenarbeit mit den Diensten der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erkannte in der Kritik rasch antiamerikanische Reflexe. Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erklärte die Vorwürfe gegen die amerikanischen und britischen Dienste im August 2013 für erledigt. Die damalige Erklärung dokumentiert die „Zeit“.

Meine Satire ließ die Dienste daraufhin eine interne Volkszählung veranstalten. Die Behörde sortierte ihre Mitarbeiter in Vollpfosten, Dummschwätzer und paranoide Aktenknechte. Lügendetektoren, Psycho-Kreuzworträtsel, Malwettbewerbe und Fußballfragen sollten den inneren Feind enttarnen. Der äußere Gegner konnte im Osten, Westen oder am Nordpol sitzen. Der Kollege am Nachbarschreibtisch wirkte plötzlich verdächtiger.

Hinter dem Spott stand eine persönliche Erfahrung. In meinem Umfeld kannte ich Menschen, die nahe an NATO-Strukturen arbeiteten und sich über Jahre fast ausschließlich mit Sicherheitsfragen beschäftigten. Bei einigen wanderte die berufliche Verdachtslogik ins Privatleben. Sie sortierten Bekannte nach möglichen Loyalitäten, lasen beiläufige Äußerungen als Hinweise und deuteten Widersprüche als Verschleierungsversuche. Der innere Feind schien in der Organisation, im Freundeskreis und in der Familie zu lauern.

Eine ständige Beschäftigung mit Täuschung, Verrat und Angriff kann die Wahrnehmung besetzen. Aus einer denkbaren Gefahr wächst eine wahrscheinliche Gefahr. Bald erscheint sie als Gewissheit. Der Verdacht braucht dann weder Beleg noch Korrektur. Aus einer engen Freundin oder einem engen Freund wird plötzlich ein Feind auf Basis von konstruierter Realität.

Maaßen und die Fata Morgana des Verdachts

Hans-Georg Maaßens späterer Weg gibt der alten Satire eine düstere Nachgeschichte. Sein politischer Kurs entfernte ihn Schritt für Schritt von der Mitte. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt griff er gesellschaftliche Gruppen, Medien und politische Gegner mit Begriffen an, die Kritiker als rechtspopulistisch, rassistisch und verschwörungsideologisch einordneten. 2024 verließ er die CDU und gründete die Partei WerteUnion, die einen Platz zwischen Union und AfD suchte. Der Deutschlandfunk zeichnet diesen Weg und die umstrittenen Äußerungen nach.

Dann nahm die Geschichte eine fast pielsche Wendung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz behandelte seinen früheren Präsidenten als „rechtsextremes Beobachtungsobjekt“. Maaßen weist diese Einstufung zurück und klagt vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen seine ehemalige Behörde. Der einstige Beobachter wurde zum Beobachteten. Der frühere Kenner des inneren Feindes geriet selbst unter Verdacht.

Im Oktober 2025 verließ Maaßen auch die von ihm gegründete WerteUnion. Im August 2026 erklärte er sich angesichts der Spekulationen über eine AfD-geführte Regierung in Sachsen-Anhalt für ein politisches Amt verfügbar. Die „Berliner Zeitung“ überschrieb das Interview mit seinem Satz „Ich stehe zur Verfügung“.

Eine Ferndiagnose verbietet sich. Der öffentlich dokumentierte Weg zeigt eine politische Radikalisierung, die immer neue steuernde Mächte und feindliche Kräfte entdeckt. Medien, Parteien, Behörden, Regierungen und gesellschaftliche Gruppen verschmelzen in einem geschlossenen Deutungssystem. Jeder Widerspruch liefert diesem System weiteres Material.

Malcher verkörpert die literarische Extremform dieses Vorgangs. CIA, KGB, Ärzte, Journalisten und sogar Edith können Teil eines unsichtbaren Zugriffs sein. Jede Beziehung bildet eine undichte Stelle. Liebe wird zur Erpressbarkeit, Vertrauen zum Sicherheitsrisiko, Nähe zum Einfallstor. Der innere Feind wandert schließlich in Malchers Bewusstsein und besetzt es vollständig.

„Star Wars“ erobert das Bonner Amtszimmer

Im Interview spricht Malcher über die amerikanische Strategic Defense Initiative, kurz SDI. Ronald Reagan hatte das Programm am 23. März 1983 angekündigt. Weltraumgestützte Systeme sollten anfliegende Atomraketen abfangen und die Abhängigkeit von der gegenseitig garantierten Vernichtung verringern. Reagan verband damit die Vision, ballistische Nuklearwaffen eines Tages militärisch wirkungslos und überholt zu machen. Die Reagan Library dokumentiert die Rede von 1983.

Fünf Jahre später beschrieb Reagan die strategische Verteidigung als moralisch vorzugswürdigen Weg zu einer sichereren Abschreckung. Seine Erklärung zum fünften Jahrestag von SDI steht ebenfalls im Archiv. Malcher übernimmt diese Erlösungsrhetorik und treibt sie weiter. Er spricht von Laserkanonen über Tausende Kilometer, adaptiven Spiegeln im Weltraum, elektromagnetischen Geschützen und Rechenleistungen, die 1989 futuristisch klangen. Mehrere Abwehrgürtel sollen jede Rakete vernichten.

Malcher nennt das geplante System eine humane Waffe. Das Wort verrät seine moralische Sehnsucht. Er will eine Macht besitzen, deren bloße Existenz den Krieg aufhebt. Doch jeder Schutzschirm behält eine Lücke. Elektronische Abwehrsysteme bleiben anfällig für elektronische Störungen. Darum sucht Malcher nach einer Kraft, die sämtliche Geräte ausschalten kann.

Während des Interviews richtet er seinen Blick auf Güllners Tonbandgerät. Die Spulen stocken. Malcher wirkt erschöpft und zugleich triumphierend. Der Apparat schweigt, und aus dem Sicherheitspolitiker wird eine mögliche Wunderwaffe.

Das Phantastische beginnt mit einem leeren Akku

„Wie können wir überleben, wenn das Phantastische in die Realität eingebrochen ist?“ Malcher schiebt Güllner diese Frage unter. Er erfindet die Frage seines Interviewers und liefert damit die Bauanleitung des Hörspiels.

Der Literaturtheoretiker Tzvetan Todorov beschreibt das Phantastische als ein Zögern zwischen einer natürlichen und einer übernatürlichen Erklärung. Piel hält beide Möglichkeiten offen. Der Akku könnte versagt haben. Güllner hatte ihn geprüft. Malcher könnte einer Psychose erliegen. Der Ausfall ereignet sich dennoch im Augenblick seiner geistigen Anstrengung.

Edith löst einen Teil des Rätsels. Sie schaltet die Alarmanlage des Hauses heimlich aus, sobald sie einen Liebhaber empfängt. Malcher bemerkte die Störungen und schrieb sie seiner geistigen Kraft zu. Das Tonband bleibt unerklärt. Die Alltagslist der Ehefrau entzaubert den angeblichen Psychozauber und schützt zugleich den Rest des Geheimnisses.

Piels eigene Bücher weisen auf diese Konstruktion. 1978 veröffentlichte er „Der Schrecken der ‚wahren‘ Wirklichkeit. Das Problem der Subjektivität in der modernen Literatur“. 1988, ein Jahr vor der Erstausstrahlung, folgte „Wenn Dichter lügen … Literatur als Menschenforschung“. Der KIT-Katalog verzeichnet den ersten Band; die Deutsche Digitale Bibliothek dokumentiert weitere Arbeiten Piels.

Das Hörspiel setzt diese Literaturtheorie akustisch in Bewegung. Piel untersucht den Menschen mit einer erfundenen Wirklichkeit, die sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht. Der Hörer muss urteilen und behält seinen Zweifel.

Die Geheimdienste erforschen den Geist als Waffe

Malchers psychische Bombe entstand aus einer Fantasie, die während des Kalten Krieges auch militärische Planer beschäftigte. Amerikanische Geheimdienste und Forschungsstellen untersuchten sogenannte psychoenergetische Phänomene. Dazu zählten Fernwahrnehmung, Telepathie (selbst Albert Einstein beschäftigte sich damit) und die angebliche Fähigkeit, entfernte Gegenstände oder technische Systeme durch mentale Kräfte zu beeinflussen.

Ein freigegebenes Dokument mit dem Titel „On the Strategic Potential of ESP“ erörtert sogar die Möglichkeit, psychisch begabte Personen könnten militärische Geräte aus großer Entfernung stören. Das Dokument liegt im digitalen Lesesaal der CIA. Ein Papier zum Projekt CENTER LANE definiert „Psychoenergetik“ als mentalen Vorgang, der Eigenschaften eines räumlich entfernten Ziels erfassen oder beeinflussen könne. Das Memorandum stammt vom 17. Juli 1984.

Die CIA bestätigt heute die amerikanischen Programme zur Fernwahrnehmung seit den frühen siebziger Jahren. Spätere Vorhaben trugen Namen wie GRILL FLAME und STARGATE. Eine Untersuchung von 1995 bewertete die Resultate als unzuverlässig für geheimdienstliche Zwecke. Die CIA schildert die Geschichte in einem Rückblick.

Das passt zum Malcher-Stück: Ein Mensch soll elektronische Militärsysteme durch Konzentration ausschalten. Piel formt aus einer realen Randzone der Rüstungsforschung den Kern von Malchers vermeintlichem Wahn. Die strategische Fantasie seiner Epoche spricht aus ihm.

Siegfried sucht den lückenlosen Panzer

Auch Malchers Vorname trägt eine Spur. Der Siegfried des Nibelungenliedes badet im Blut des Drachen und erlangt fast vollständige Unverwundbarkeit. Ein Lindenblatt bedeckt eine kleine Stelle seines Körpers. Dort bleibt er verletzlich.

Siegfried Malcher träumt ebenfalls von einem lückenlosen Schutz. Sein unsichtbarer Panzer soll sogar die Menschheit umfassen. Doch seine verwundbare Stelle heißt Edith. Solange er sie liebt, kann ein Gegner sie bedrohen. In der psychiatrischen Klinik beginnt er deshalb, diese Liebe aus seinem Leben zu löschen. Er verstummt gegenüber Edith und verweigert ihr den Blick. So will er jede Erpressbarkeit beseitigen.

Der Versuch macht ihn starr. Malcher sitzt da „wie eine geladene Bombe“. Sein Schutz verlangt den Abbruch aller Bindungen. Ohne Liebe verliert er seine verwundbare Stelle und zugleich den Grund, die Menschheit retten zu wollen. Der Name Siegfried verbindet Sieg und Frieden. Auch die atomare Abschreckung verspricht Frieden durch überwältigende Macht. Malchers Vision vollendet diese Logik im eigenen Körper.

Seine Macht bindet ihm die Hände

Malcher nennt sich die „psychische Bombe“. Er könne alle elektronischen Waffen ausschalten und das Atomzeitalter beenden. Doch ein öffentlicher Beweis würde die Geheimdienste auf ihn aufmerksam machen. CIA, KGB oder eine unbekannte Macht könnten ihn gefangen nehmen und seine Fähigkeit für eigene Zwecke nutzen.

Verweigert Malcher den Beweis, erklären ihn die Ärzte für krank. Führt er ihn vor, liefert er sich den Mächten aus, die er fürchtet. Seine Macht bindet ihm die Hände. Die Weltrettungswaffe darf ihren eigenen Test niemals bestehen.

Damit wiederholt Malcher die Logik der atomaren Abschreckung in einem einzelnen Menschen. Eine Abschreckungswaffe erfüllt ihren Zweck durch ihre ungenutzte Einsatzmöglichkeit. Ihr Gebrauch zeigt das Scheitern der Abschreckung. Auch Malchers Fähigkeit kann die Welt nur retten, solange sie verborgen bleibt.

Sein Körper wird zum geheimsten Waffensystem der Bundesrepublik. Er dient als Gefechtsstand, Gefängnis und möglicher Schutzschirm. Edith beschreibt seinen Größenwahn mit einem Satz: „Er sagt, er sei die Menschheit.“ Malcher verschmilzt seine private Angst mit der globalen Bedrohung. Seine eigene Rettung und die Rettung der Welt fallen zusammen.

Der Reporter verliert seinen Beweis

Theo Güllner könnte Ordnung in die Geschichte bringen. Er arbeitet als Journalist, führt das Aufnahmegerät mit sich und soll Fragen stellen. Doch Piel beschädigt seine Glaubwürdigkeit. Güllner schläft mit Edith, sucht eine aufregende Geschichte und betrachtet die Beteiligten als Material. Das Wort „phantastisch“ gebraucht er für Malchers strategische Visionen und für Frauen, die ihn erotisch reizen.

Das Tonband könnte als objektiver Zeuge dienen. Ausgerechnet dieses Gerät versagt im entscheidenden Augenblick. Später sendet Güllner das Interview nie. Ihm fehlt eine belastbare Erklärung. Der Bericht über den psychisch erkrankten Abgeordneten bleibt ebenso unbeweisbar wie die Geschichte eines Politikers mit psychokinetischer Kraft.

Güllner gerät damit in die Lage des Publikums. Er besitzt Eindrücke, Erinnerungen und Verdachtsmomente. Eine gesicherte Wirklichkeit entzieht sich ihm. Bald widmet er sich einer neuen „phantastischen“ Frau namens Sabine. Malcher bleibt in der Klinik zurück, Edith bei einem Mann, der sie aus seinem Denken entfernt hat.

Das Hörspiel bedroht sein eigenes Medium

Piel erzählt die Geschichte als Hörspiel und macht die Aufzeichnung selbst zum Gegenstand. Ein Hörspiel lebt von Mikrofon, Tonband, Übertragung und elektronischer Reproduktion. „Malchers Wahn“ handelt von einem Mann, der genau diese Technik durch Gedanken ausschalten kann. Das Medium führt seine eigene mögliche Vernichtung vor.

Wir hören eine Aufnahme über eine Aufnahme, die im entscheidenden Augenblick abbricht. Solange Güllners Gerät läuft, scheint die Wirklichkeit dokumentierbar. Mit dem Stillstand der Spulen beginnt das Phantastische. Der technische Ausfall trennt das politisch Sagbare vom Ungeheuerlichen.

Matthias Thurows Musik öffnet dazu einen apokalyptischen Raum. Ihre Bilder vom Knopfdruck, nach dem die Welt ohne Menschen weiterbesteht, begleiten Malchers Erlösungsfantasie. Der Abgeordnete träumt von der Überwindung der Bombe und verwandelt sich dabei selbst in eine.

Die Fata Morgana der vollkommenen Sicherheit

Piels kleines Geheimnis entsteht aus der Überlagerung von Literatur, Zeitgeschichte und Mythos. Der leere Akku hält das Geschehen zwischen Psychose und Psychokinese. Die amerikanischen Programme zur Psychoenergetik geben Malchers Menschenwaffe einen realen historischen Schatten. Der Name Siegfried verweist auf den Traum vom lückenlosen Panzer und auf die winzige Stelle, an der jeder Panzer versagt.

Der innere Feind verbindet diese Spuren. Malcher entdeckt ihn in elektronischen Geräten, fremden Diensten, Ärzten und geliebten Menschen. Schließlich richtet sich der Verdacht gegen sein eigenes Leben. Was er schützen will, muss er kontrollieren. Was er kontrolliert, erscheint ihm bald als mögliche Gefahr.

Der liberale Rechtsstaat braucht Sicherheitsbehörden, Nachrichtendienste und militärische Vorsorge. Zugleich braucht er Grenzen für ihre Begriffe und Methoden. Verdacht verlangt überprüfbare Gründe. Behörden brauchen parlamentarische Kontrolle. Politische Behauptungen müssen an Tatsachen scheitern können. Sonst verwandelt sich die Suche nach dem Feind in ein System, das überall Bestätigung findet.

Maaßens politischer Weg gibt dieser Warnung eine heutige Kontur. Wer der Fata Morgana des inneren Feindes folgt, verlegt die Grenze des Verdachts immer weiter ins Zentrum der Gesellschaft. Piels Malcher geht den ganzen Weg. Er möchte die Menschheit schützen und verliert dabei den Zugang zu den Menschen.

Vollkommene Sicherheit verlangt bei ihm eine Welt ohne Zufall, Verrat, Liebe und Freiheit. Das spielte auch beim Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke eine Rolle:

Eine solche Welt wäre unangreifbar. Sie wäre auch unbewohnbar. Darum wirkt „Malchers Wahn“ im Jahr 2026 so gegenwärtig: Das Hörspiel zeigt, wie eine vernünftige Aufgabe zur alles beherrschenden Idee anwächst und ihren Träger verschlingt.

„Malchers Wahn oder Die Menschliche Bombe“, Hörspiel von Edgar Piel, WDR 1989. Regie: Heinz Dieter Köhler. Komposition: Matthias Thurow. Technische Realisierung: Renate Schlichthörlein und Irene Blaich. Regieassistenz: Annette Kurth. Mit Rudolf Kowalski als Theo Güllner, Cornelia Froboess als Edith Malcher und Peter Fricke als Siegfried Malcher. Erstausstrahlung: 28. Mai 1989. Spieldauer: 38 Minuten 20 Sekunden. Eintrag in der ARD-Hörspieldatenbank.

Duisdorfs Leerstand hat eine lange Geschichte – und verlangt eine neue Stadtökonomie

Wir machen das Einkaufserlebnis schöner….nicht wirklich

Der „General-Anzeiger“ schaut auf die Rochusstraße und findet Händler zwischen Sommerhitze, Stammkundschaft und leeren Schaufenstern. Für mich führt die Geschichte weit zurück. Seit mehr als fünfzehn Jahren beobachte ich in Bonn-Duisdorf, wie das alte Geschäftsmodell der Fußgängerzone an Kraft verliert. Aus einzelnen Pleiten ist ein stadtökonomisches Problem geworden.

Eine Ladenfläche in der Rochusstraße soll seit rund zwölf Jahren leer stehen. Eine andere wartet seit dem Ende der Corona-Pandemie auf eine neue Nutzung. Der „General-Anzeiger“ beschreibt unter der Überschrift „Zwischen Hitzewelle und Leerstand“, wie die Geschäftsleute in Bonn-Duisdorf diesen Sommer erleben. Hitze und Ferien drücken bei manchen auf den Umsatz, gestiegene Preise und knappe Haushaltsbudgets verändern das Kaufverhalten. Andere Geschäfte leben von Stammkundschaft, persönlicher Beratung und einer über Jahre gewachsenen Bindung. Auf einer Zeitungsseite stehen damit kurzfristige Belastungen neben einer Entwicklung, die Duisdorf seit vielen Jahren prägt.

Die Hitzewelle erklärt einen schwachen August. Zwölf Jahre Leerstand verlangen eine andere Erklärung. Wer über die Rochusstraße spricht, muss über Onlinehandel, Immobilienpreise, Stadtplanung, Nutzungsmischung und die ökonomische Funktion einer Fußgängerzone sprechen. Genau diese Fragen begleiten meine Recherchen in Duisdorf seit den frühen Jahren des Social Web.

2013 hieß ein Symptom „Schnauze“

Am 5. Januar 2013 schrieb ich über einen kleinen Tierfutterladen mit GLS-Paketshop, der den programmatischen Namen „Schnauze“ trug. Das Geschäft hatte schon nach gut einem halben Jahr aufgegeben. Rundherum verschwanden eine Billigbäckerei, ein Copyshop und ein Modeladen. Sonnenstudios, Kosmetikgeschäfte, Friseure, Fastfoodangebote und andere Konzepte kamen und gingen. Ich schrieb damals: An der Fluktuation der Geschäfte in meinem Wohnbezirk lassen sich die tektonischen Veränderungen des Handels erkennen.

Die damalige Beobachtung zielte auf den Service. Ein stationäres Geschäft brauchte schon 2013 einen guten Grund, weshalb Menschen dort ihre Zeit verbringen und ihr Geld ausgeben sollten. Persönliche Beratung, besondere Sortimente, Lieferung, Veranstaltungen, Dienstleistungen beim Kunden und echte Fachkenntnis konnten einen solchen Grund liefern. Der reine Warenverkauf verlor bereits damals an Wert, weil das Netz Auswahl, Preisvergleich und Bestellung bequem zusammenführte.

Ein Jahr später schrieb ich über die „ehrbaren Blumenkübel-Kaufleute“. Händler protestierten damals mit schwarzen Schaufenstern gegen den Onlinehandel. Die Reaktion wirkte wie der Versuch, eine wirtschaftliche Verschiebung durch symbolische Gegenwehr aufzuhalten. Schon 2014 lag die Diagnose auf dem Tisch: Amazon beschleunigte den Wandel, während Fußgängerzonen zugleich unter älteren städtebaulichen Fehlern litten.

Die Fußgängerzone geriet lange vor Temu unter Druck

Im Sommer 2013 hatte ich die Duisdorfer Einkaufsmeile mit der Fußgängerzone in St. Tönis verglichen. Dort protestierten Händler gegen das Internet und verwiesen auf Weihnachtsbeleuchtung, Begegnung und ihre Blumenkübel. In Duisdorf sah ich damals eine ähnliche Mischung aus Bäckereien, Optikern, Friseuren, Imbissen, Mobilfunkläden und kurzlebigen Dienstleistern. Meine Frage galt bereits der Urbanität: Welche Straße entsteht, sobald sich ihr wirtschaftlicher Sinn fast vollständig aus dem Verkauf standardisierter Waren ableitet?

Diese Frage ist 2026 dringlicher. Heute konkurriert ein Geschäft in der Rochusstraße mit Amazon, Zalando, Temu, Shein, AliExpress, TikTok Shop und einer Logistik, die Waren innerhalb kürzester Zeit bis an die Haustür bringt. Der Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann beschreibt den deutschen Non-Food-Handel als einen Markt unter massivem Druck. Die asiatischen Billigplattformen haben ihren Anteil nach seiner Darstellung inzwischen auf annähernd sechs Prozent gesteigert. Zugleich verliert der klassische deutsche Onlinehandel Marktanteile gegenüber Amazon und den asiatischen Plattformen.

Damit reicht der Wettbewerb bis tief in die kleinste Stadtteilstraße. Ein Duisdorfer Modegeschäft konkurriert mit Plattformen, die Millionen Produkte ausspielen, Preise permanent anpassen und Kunden über Datenmodelle individuell ansprechen. Ein Händler vor Ort braucht deshalb eine eigene ökonomische Funktion. Lage allein trägt das Geschäft immer seltener.

Dauerhafter Leerstand beschädigt die ganze Straße

Der aktuelle Bericht des „General-Anzeigers“ lenkt den Blick auf einen zweiten Faktor. Geschäftsleute sorgen sich um leerstehende Nachbarlokale. Heruntergekommene Fassaden ziehen nach ihrer Einschätzung das Erscheinungsbild der Rochusstraße herunter. Eine Modehändlerin verweist zugleich auf hohe Mieten. Ein anderer Händler berichtet von einer Fläche gegenüber seinem Geschäft, die seit ungefähr zwölf Jahren ungenutzt sein soll. Gewünscht wird ein aktiverer Umgang der Stadt mit Eigentümern und Nutzungsvorschlägen.

Damit verschiebt sich die Debatte vom Händler zur Immobilie. Jahrzehntelang funktionierten viele Innenstadtobjekte nach einer komfortablen Rechnung: hohe Frequenz, hohe Ladenmieten, hohe Immobilienwerte. Der Strukturwandel des Handels verändert diese Kalkulation. Heinemann verweist auf die Risiken, die aus sinkenden Mieten und fallenden Bewertungen entstehen können. Fremdfinanzierte Immobilien geraten bei größeren Abschreibungen schnell unter Druck.

Eine leerstehende Fläche kann deshalb jahrelang in einer ökonomischen Warteschleife hängen. Der Eigentümer hofft auf eine alte Miethöhe, der Markt trägt diese Miethöhe kaum noch, ein neuer Nutzer findet keine passende Kalkulation, die Kommune besitzt wenige Eingriffsmöglichkeiten. Währenddessen verliert die Straße an Attraktivität. Jeder weitere Leerstand verschlechtert die Bedingungen für die verbliebenen Geschäfte.

Wirtschaftsförderung braucht eine neue Maßeinheit

Die klassische Wirtschaftsförderung misst ihren Erfolg gern an Ansiedlungen. Laden leer, neuer Mieter gefunden, Vorgang erledigt. Dieses Verfahren stößt an seine Grenzen, sobald die nächste Nutzung wieder aus einem Geschäftsmodell besteht, das nach zwei Jahren verschwindet.

Die interessantere Kennzahl lautet: Welche Funktion erfüllt eine Fläche für das Quartier? Ein ehemaliges Geschäft kann Praxis, Büro, Werkstatt, Atelier, Bildungsort, gastronomischer Treffpunkt, Gesundheitsdienstleister oder Showroom werden. Einzelhandel bleibt Teil der Mischung. Die Rochusstraße gewinnt an wirtschaftlicher Stabilität, sobald Menschen aus vielen Gründen dorthin kommen.

Heinemann empfiehlt Kommunen, über den Rückbau überdimensionierter Einkaufsbereiche, den Erwerb problematischer Immobilien und flexiblere Nutzungsregeln nachzudenken. Gerade alte Vorgaben für Handelsnachnutzungen können Flächen blockieren. Solche Änderungen kosten Geld, und viele Städte verfügen über geringe finanzielle Spielräume. Heinemann verbindet die Innenstadtfrage deshalb mit der kommunalen Finanzausstattung und fordert eine stärkere Verankerung des Konnexitätsprinzips zugunsten von Städten und Gemeinden.

Für Bonn ergäbe sich daraus eine konkrete Agenda. Die Stadt könnte Leerstände systematisch erfassen, Eigentümer früher ansprechen, Umnutzungen beschleunigen und problematische Erdgeschossflächen gemeinsam mit dem Quartier entwickeln. Wirtschaftsförderung würde dann Flächen kuratieren und neue Nutzungen ermöglichen. Die Zahl der klassischen Einzelhandelsgeschäfte verlöre ihren Rang als zentrale Erfolgsgröße.

Thalia und dm zeigen die Richtung

Auch der Handel selbst liefert Beispiele für eine neue Logik. Heinemann nennt Thalia als erfolgreichen Fall. Der Buchhändler verbindet Filialen, Onlinegeschäft, Tolino und Kooperationen mit lokalen Buchhandlungen. Das Unternehmen behandelt die Filiale als Teil eines größeren Systems. Der Kunde begegnet der Marke im Laden, auf der Plattform, beim E-Book und über digitale Services.

Ähnlich interessant ist dm. Der Drogeriemarkt erweitert Filialen um Gesundheitsangebote wie Augenscreenings, Hautanalysen oder Blutuntersuchungen und arbeitete früh mit datenbasierter Warensteuerung. Heinemann beschreibt Warenwirtschaft und Daten als Grundlage für moderne Handelsmodelle.

Für eine Stadtteilstraße bedeutet das keinen Aufruf zur Kopie großer Ketten. Das Prinzip lässt sich auf kleinere Unternehmen übertragen. Ein Einrichtungshaus verkauft Beratung und organisiert Lieferung. Eine Buchhandlung schafft Veranstaltungen und lokale Gemeinschaft. Ein Modegeschäft verbindet Sortiment mit persönlicher Auswahl und digitaler Kommunikation. Ein Café schafft Aufenthaltsqualität. Eine Werkstatt verbindet Reparatur, Verkauf und Wissen. Der physische Ort gewinnt seinen Wert durch Leistungen, die weit über das Regal hinausreichen.

Duisdorf braucht Stadt, Handel und Dienstleistungen in neuer Mischung

Im April dieses Jahres habe ich die Debatte bereits mit dem Innenstadt-Manifest von Zunft[Werk] verbunden. Dort entsteht ein anderes Bild der Innenstadt: lokale Produktion, Handwerk, flexible Räume, Gastronomie, Kultur, soziale Treffpunkte und digitale Dienste ergänzen den Handel. Für Duisdorf wäre eine solche Entwicklung besonders interessant, weil der Stadtteil bereits über gewachsene Strukturen, Vereine, Gastronomie, Schulen, Dienstleistungen und eine eigene lokale Identität verfügt.

Die Rochusstraße müsste dafür ihre Geschichte als reine Einkaufsachse hinter sich lassen. Sie könnte wieder stärker Stadtstraße werden: ein Ort zum Arbeiten, Essen, Reparieren, Lernen, Einkaufen und Treffen. Ein solcher Nutzungsmix verteilt das wirtschaftliche Risiko auf viele Funktionen. Auch die verbliebenen Händler profitieren von einer Straße, deren Frequenz aus mehreren Quellen entsteht.

Der heutige Bericht über Hitzewelle und Leerstand liefert deshalb einen guten Anlass für eine Debatte, die in Duisdorf längst überfällig ist. Meine alten Fotos und Texte aus den Jahren 2012, 2013 und 2014 wirken inzwischen wie eine Langzeitbeobachtung. Damals verschwanden „Schnauze“, Billigbäckerei, Copyshop und Modegeschäft. Heute berichtet die Lokalzeitung über eine Ladenfläche, die seit rund zwölf Jahren leer steht.

Fünfzehn Jahre Beobachtung führen zu einer klaren wirtschaftspolitischen Aufgabe. Bonn sollte weniger Energie darauf verwenden, das alte Bild der Einkaufsstraße zu konservieren. Die Stadt kann ihre Zentren als produktive Quartiere entwickeln, Eigentümer in diese Entwicklung einbeziehen und neue Nutzungen leichter ermöglichen. Duisdorf wäre ein guter Ort, damit anzufangen.

Der Manager-Guru im Moor: Edgar Piels Hörspiel „Die Reise nach Wehhagen“ führt in die seelische Unterwelt der Leistungsgesellschaft

Edgar Piel, mein früherer Kollege am Institut für Demoskopie Allensbach, schrieb 1988 ein Hörspiel, das heute wie eine frühe Erkundung jener Beratungswelt wirkt, in der Sinnsuche, psychologische Führung und wirtschaftliche Verwertbarkeit ineinandergreifen. „Die Reise nach Wehhagen“ erzählt von einem geheimnisvollen Gerner, der erschöpfte Manager wieder arbeitsfähig machen soll. Der Konzern betrachtet ihn als eine Art Reparaturbetrieb für beschädigte Führungskräfte. Gerner heilt Sinnkrisen, weil Sinnkrisen Geld kosten.

Der Auftrag an Matthias Raabe klingt zunächst überschaubar: „Finden Sie Gerner!“ Raabe war einmal Privatdetektiv, danach Taxifahrer, davor Student der Philosophie und Psychologie. Kaum etwas in seinem Leben hat er zu Ende gebracht. Nun soll ausgerechnet dieser Mann einen anderen aufspüren, dem die Fähigkeit zugeschrieben wird, fremde Lebensläufe wieder in Ordnung zu bringen.

Christian Brückner spricht Raabe. Klaus Schwarzkopf ist Rüschenberg, der Konzernchef. Ulrich Pleitgen verkörpert Gerner, der im gesamten Stück kaum mehr als einige Sätze benötigt. Hans Rosenhauers Inszenierung macht gerade aus dieser Sprachlosigkeit ein Machtmittel. Gerner wird lange vor seinem ersten Auftreten gegenwärtig. Andere sprechen über ihn, erinnern sich an ihn, verfluchen ihn, verehren ihn. Aus ihren Stimmen wächst eine Gestalt, deren Einfluss umso größer erscheint, je weniger sie selbst erklärt.

Sinnkrisen als Kostenstelle

Rüschenberg empfängt Raabe mit Cognac und einer bemerkenswert offenen Beschreibung seines Problems. Leitende Mitarbeiter geraten um die vierzig ins Grübeln. Sie fragen nach dem Sinn ihrer Tätigkeit, verlassen ihre Familien, kündigen oder nehmen sich das Leben. Für den Konzern ist das ein Verlust an Humankapital. Gerner hatte die Aufgabe, solche Männer aus ihrem seelischen Abgrund herauszuholen und an ihre Schreibtische zurückzuführen.

Die Formulierung „Manager-Guru“ trifft seine Stellung genauer als jede Berufsbezeichnung. Gerner ist Philosoph, Psychologe, Therapeut und Zauberer. Entscheidend bleibt sein betrieblicher Nutzen. Seine Honorare waren hoch, doch die Zusammenarbeit sparte dem Unternehmen Geld. Das seelische Leiden erscheint damit als Störung des Produktionsablaufs. Die Frage nach dem richtigen Leben wird anerkannt, sobald sie die Bilanz berührt.

Piel beschreibt eine frühe Form jener Sinnindustrie, die später unter Begriffen wie Coaching, Purpose, Selbstoptimierung und Resilienz Karriere machen sollte. Der Konzern verändert weder die Arbeit noch ihre Bedingungen. Verändert werden die Menschen, die an diesen Bedingungen zu zerbrechen drohen. Der Zweifel soll verschwinden, die Produktivität zurückkehren.

Gerner versteht dieses Geschäft. Er gibt seinen Klienten keine ausgearbeitete Lehre. Er entdeckt für jeden einen besonderen „Punkt“. Dem Systemingenieur Rose erklärt er, er müsse Klavier spielen. Seitdem übt Rose die Mondscheinsonate und hält sich für einen anderen Menschen. Der Controller Kächler soll laufen, damit sein Körper seinem Verstand davonlaufen könne. Auch er fühlt sich gerettet.

Beide Ratschläge können hilfreich sein. Musik öffnet einen verschütteten Teil des Lebens. Bewegung lindert Ängste. Piel macht Gerner daher nicht zum gewöhnlichen Scharlatan. Seine Interventionen wirken. Gerade darin liegt ihre Gefährlichkeit. Wer gelegentlich recht behält, gewinnt leichter die Deutungshoheit über das ganze Leben eines anderen Menschen.

Rose spielt Klavier und arbeitet wieder. Kächler läuft und funktioniert erneut. Der Konzern erhält seine Mitarbeiter zurück. Ob deren Angst verstanden wurde, interessiert niemanden mehr.

Der Zauberer entsteht in den Köpfen der anderen

Max Weber beschrieb Charisma als eine Herrschaft, die von der Zuschreibung außergewöhnlicher Fähigkeiten lebt. Der charismatische Mensch besitzt seine Macht nie allein. Sie entsteht in den Erwartungen seiner Umgebung. Andere müssen an seine besondere Gabe glauben, seine Worte weitertragen und ihre Lebensgeschichten nach seinem Urteil ausrichten.

Gerner verkörpert diese Form der Herrschaft in nahezu reiner Gestalt. Noch bevor Raabe ihn sieht, begegnet er einer Kette von Menschen, die Gerner in sich aufgenommen haben. Rose hört dessen Stimme im eigenen Klavierspiel. Kächler rennt noch immer auf einer Bahn, die Gerner ihm gewiesen hat. Johann Rehfuß kann keinen Satz mehr schreiben, weil er jeden Satz bereits mit Gerners Augen betrachtet.

Rehfuß wollte Schriftsteller werden. Gerner prüfte seine Texte so unerbittlich, bis der Autor sie selbst vernichtete. Am Ende braucht Gerner keine Zensur mehr auszuüben. Sein Schüler hat den Richter in das eigene Bewusstsein eingebaut. Noch bevor ein Satz auf dem Papier steht, ist er verworfen.

Diese Herrschaft verlangt keine Befehle. Ein Blick genügt, ein Schweigen, eine angedeutete Enttäuschung. Die Unterworfenen vollstrecken das Urteil an sich selbst. Sie nennen diese Selbstauflösung Liebe, Erkenntnis oder Vollkommenheit.

Sylvi Bieger und die Rückseite der Erlösung

Die erschütterndste Begegnung auf Raabes Reise gilt Sylvi Bieger, Gerners früherer Gefährtin. Sie lebt zwischen leeren Flaschen, Schmutz und Erinnerungsstücken. Schon die Nennung seines Namens verändert sie. Ihr Körper richtet sich auf, als sei eine alte Zauberformel gesprochen worden. Sie glaubt, Gerner habe endlich jemanden geschickt, der sie zu ihm zurückbringe.

Sylvi hatte gearbeitet, damit Gerner Philosophie, Psychologie und Theologie studieren konnte. Sie besuchte die Abendschule, um ihm geistig folgen zu können. Seine Rückzüge, seine Beziehungen zu anderen Frauen und seine Grausamkeiten deutete sie als Zeichen seiner Überlegenheit. Selbst die gemeinsame Katastrophe erzählt sie noch in seiner Sprache.

Gerner nannte ihre Liebe „Affenliebe“. Als sie eifersüchtig wurde, behandelte er ihre Eifersucht wie eine Krankheit. Ein Kind sollte sie wieder zu einer „normalen“ Frau machen. Zugleich lebte eine andere junge Frau bei ihm, ebenfalls schwanger von ihm. Jede Verletzung erhielt eine philosophische Erklärung. Für jedes Leid fand Gerner einen Begriff, der ihn selbst von Verantwortung entlastete.

In Sylvis Geschichte verliert das Reden über Liebe seine Wärme. Liebe wird zur Vokabel der Herrschaft. Wer sich wehrt, hat noch nicht genug verstanden. Wer leidet, beweist damit seine mangelnde Reife. Wer geht, verrät den gemeinsamen Weg.

Besonders beklemmend wirkt die Episode mit dem Rollstuhl. Sylvi setzt sich für ein Foto hinein und verspürt später tatsächlich Lähmungen. Während ihre Beschwerden wachsen, scheint es Gerner besserzugehen. Beide analysieren dieses rätselhafte Leiden über Monate. Je ausführlicher Gerner ihr erklärt, die Krankheit sei eingebildet, desto wirklicher werden ihre Schmerzen.

Das Bild berührt den Kern des Hörspiels: Gerner überträgt sein Leiden auf andere. Er braucht Menschen, die seine Angst, seine Schuld und seine Abhängigkeit für ihn tragen. Was als Heilung erscheint, ist häufig eine Verlagerung der Wunde.

Eine Fahrt zu Kurtz

Piel stellt dem Hörspiel einen Satz aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ voran. Darin beschreibt Marlow den rätselhaften Kurtz: Sein Verstand sei vollkommen klar gewesen, mit fürchterlicher Intensität auf ihn selbst gerichtet. Seine Seele jedoch sei wahnsinnig.

Die Parallele reicht weit über das Motto hinaus. Raabes Fahrt nach Wehhagen folgt der Bewegung von Conrads Erzählung. Marlow reist auf einem Fluss immer tiefer in eine Welt, in der die Sicherheiten der europäischen Zivilisation zerfallen. Raabe fährt mit der Eisenbahn von Süd nach Nord. Die Landschaft wird flacher, der Regen dichter, die Verbindungen werden langsamer. Am Ende des Schienenstrangs wartet ein Bauernhaus zwischen Wiesen und Moor.

Auch Kurtz wird lange durch fremde Berichte aufgebaut. Jeder kennt eine andere Version von ihm. Kaufleute bewundern seinen Erfolg, Verehrer seine Stimme, Opfer seine Rücksichtslosigkeit. Als Marlow ihn erreicht, ist Kurtz körperlich fast aufgezehrt und beherrscht seine Umgebung weiterhin durch Sprache und Mythos.

Gerner ist ein deutscher Kurtz der therapeutischen Gesellschaft. Sein Urwald ist das Moor, sein Elfenbein die Seele erschöpfter Manager. Er hat keine Kolonie erobert. Sein Reich besteht aus den Innenwelten jener Menschen, die ihm das Recht eingeräumt haben, über ihr Leben zu urteilen.

Wehhagen klingt schon im Namen nach Schmerz und Einhegung. Der Ort liegt am Ende einer Strecke und außerhalb der gewöhnlichen Zeit. Im Moor verliert der Boden seine Verlässlichkeit. Raabe träumt von Moorleichen und spürt eine Lähmung in den Beinen. Der Raum übernimmt die Eigenschaften Gerners. Alles schwankt, obwohl sich kaum etwas bewegt.

Der philosophische Flüsterer

Als Raabe Gerner schließlich gegenübersitzt, findet er keine dämonische Erscheinung vor. Vor ihm hängt ein schwer kranker Mann im Rollstuhl, in eine braune Decke gewickelt, eine „Mumie aus Haut und Knochen“. Die erwartete große Rede bleibt aus.

Gerner erkennt sofort, dass Raabe kein Journalist ist. Danach stellt er lediglich eine Frage: „Wer sind Sie? Erzählen Sie über sich selbst.“

Mehr braucht er nicht.

Raabe beginnt zu reden. Aus dem Detektiv wird der Gegenstand der Untersuchung. Er erzählt von seinem abgebrochenen Studium, der gescheiterten Ehe, den verlorenen Freunden und den versandeten Träumen. Gerner hört kaum zu. Er wendet sich ab. Gerade diese Verweigerung steigert Raabes Erregung. Der Besucher möchte nun wissen, welches Urteil über ihn gefällt wurde.

Gerner ist ein philosophischer Flüsterer. Er liefert keine Philosophie. Er erzeugt ein Vakuum, das andere mit ihren Ängsten füllen. Seine große Kunst besteht im Entzug. Er verweigert Erklärung, Nähe und Abschluss. Zurück bleibt der Suchende, der jedes Schweigen als Botschaft deutet.

In der alten kirchlichen Seelenführung bekannte der Gläubige seine innersten Regungen vor einer Autorität, die Wahrheit und Erlösung versprach. Gerner hat diese Technik aus dem religiösen Raum in die moderne Arbeitswelt übertragen. Die Beichte heißt nun Selbsterfahrung. Die Erlösung zeigt sich als berufliche Funktionsfähigkeit. An die Stelle Gottes tritt derjenige, der vorgibt, den verborgenen „Punkt“ eines Menschen zu kennen.

Das Geräusch über Raabes Kopf

Die eigentliche Hauptfigur des letzten Teils ist kein Mensch. Es ist das Geräusch des Rollstuhls im oberen Stockwerk. Nacht für Nacht hört Raabe, wie Gerner über ihm hin und her fährt. Die Bewegung wird zum akustischen Bild einer Macht, die körperlich fast erloschen ist und geistig dennoch jede Ecke des Hauses erreicht.

Raabe wartet auf ein weiteres Gespräch. Er will Gerner zur Rede stellen, ihn als Urheber der „Disharmonie“ entlarven. Zugleich hofft er längst auf dessen Urteil. Wut und Unterwerfung wachsen gemeinsam. Raabe rennt durch das Zimmer, um sich zu beweisen, dass seine Beine noch gehorchen. Bald fühlt auch er die Taubheit, die Sylvi beschrieben hatte.

Gerner tut ihm nichts. Darin besteht der Schrecken. Der Besucher arbeitet selbst an seiner Zerstörung. Rehfuß deutet jedes Zeichen, das Schweigen und die Schlaflosigkeit des Meisters. Raabe übernimmt diese Deutungen, obwohl er sie verachtet. Nach wenigen Tagen ist seine Psyche bereit für Gerners Zugriff.

Zwei Polizeibeamte brechen den Bann. Sie erscheinen mit den Begriffen der gewöhnlichen Welt: Tat, Verdacht, Zeuge, Krankheit. Sie halten Gerner für einen gebrechlichen Mann, dem kaum noch eine intensive Einwirkung auf andere zuzutrauen sei. Raabe bestätigt bereitwillig diese Sicht. Er lobt die Stille des Hofes und lässt sich zum Bahnhof bringen.

Das Recht findet vorerst keinen Täter. Die Polizei sucht nach einer beweisbaren Verbindung zwischen Gerner und dem Selbstmord eines jungen Konzernmitarbeiters. Piels Hörspiel untersucht eine feinere Form der Verantwortung. Wie lässt sich Schuld bestimmen, wenn ein Mensch keinen Befehl erteilt, keinen Zwang ausübt und dennoch das Denken eines anderen besetzt?

Die Flucht mit dem Leben

Im Zug Richtung Süden kehren Münzen, Bier und Fahrgeräusche zurück. Raabe glaubt sich in Sicherheit. Wehhagen liegt hinter ihm. Dann merkt er, dass seine Abreise eine Flucht war.

„Ich hatte ganz ernsthaft das Gefühl, mit dem Leben davongekommen zu sein. Aber was für ein Leben?“

Dieser letzte Gedanke verschiebt die gesamte Geschichte. Gerner hat Raabes Lebenskrise nicht erfunden. Er hat sie auch nicht geheilt. Er hat eine Leerstelle berührt, die längst vorhanden war. Darum kann Raabe den Guru durchschauen und ihm dennoch nicht entkommen. Wer weiß, dass ein Zaubertrick ein Trick ist, bleibt vor seiner Wirkung keineswegs geschützt.

„Die Reise nach Wehhagen“ erschien 1988, lange vor der heutigen Konjunktur der Sinnberater, Führungskräftecoaches und unternehmerischen Heilslehren. Piel erkannte früh, welche Versuchung entsteht, sobald Unternehmen die existenziellen Fragen ihrer Mitarbeiter bearbeiten lassen: Der Mensch soll über sein Leben nachdenken, doch das Ergebnis dieses Nachdenkens steht bereits fest. Er soll zurückkehren, funktionieren und seine Zweifel als persönliches Entwicklungsproblem behandeln.

Das Hörspiel ist keine Abrechnung mit jeder Form psychologischer Beratung. Rose findet tatsächlich zum Klavier, Kächler zur Bewegung. Hilfe und Herrschaft lassen sich jedoch schwer trennen, sobald ein Berater beansprucht, den innersten Punkt eines fremden Menschen zu kennen. Gerner heilt, verführt, beschädigt und fasziniert. Piel verweigert das abschließende Urteil.

Gerade deshalb bleibt die Gestalt im Gedächtnis. Gerner ist Betrüger und Wissender, Opfer und Täter, Eulenspiegel und Kurtz. Vielleicht beruht er auf einer realen Begegnung, vielleicht verdichtet Piel mehrere Figuren der damaligen Beratungswelt. Die öffentlich zugängliche Dokumentation des Hörspiels nennt kein identifizierbares Vorbild. Belegt sind Autor, Besetzung, Regie und die Erstausstrahlung am 28. Dezember 1988. Die Frage nach dem Menschen hinter Gerner bleibt offen.

Am Ende hören wir wieder den Zug. Für Raabe klingt in seinem Rhythmus noch immer der Rollstuhl über dem Zimmer. Er ist Gerner entkommen. Gerners Frage reist mit ihm weiter.

„Die Reise nach Wehhagen“, Hörspiel von Edgar Piel. Regie: Hans Rosenhauer. Mit Christian Brückner, Klaus Schwarzkopf, Gerd Baltus, Siegfried W. Kernen, Susanne Lothar, Knut Hinz und Ulrich Pleitgen. Erstausstrahlung: 28. Dezember 1988; Spieldauer: 57 Minuten. Produktionsangaben nach der ARD-Hörspieldatenbank.

Kohls kluge Leute – Eine Replik auf Ulf Poschardts falsche Diagnose vom geistig verlassenen Kanzler @Potomaker @ulfposh

Ansgar Graw greift in seinem The-European-Newsletter eine Passage aus Ulf Poschardts „Bückbürgertum“ auf, in der Helmut Kohl als Politiker erscheint, der zwar „nie davonlief“, den Kampf um die „geistig-moralische Wende“ aber verloren und aufgegeben habe. Besonders scharf ist der anschließende Vorwurf: Kohl habe kaum intellektuelle und politische Unterstützer gehabt; selbst mit den wenigen, etwa Michael Stürmer, sei er unwirsch und unbeholfen umgegangen. Daraus wird bei Poschardt eine große Abrechnung mit der bürgerlichen Politik: kulturelle Alexie, geistige Ignoranz, strategische Unterlassung. Genau diese Diagnose führt in die Irre. Sie verwechselt Kohls schwierigen Umgang mit manchen Intellektuellen mit einem angeblichen Mangel an intellektueller Substanz in seinem Umfeld. Wer auf die Union der siebziger und achtziger Jahre blickt, sieht ein anderes Bild: Heiner Geißler, Kurt Biedenkopf, Wulf Schönbohm, Peter Radunski, Warnfried Dettling, Horst Teltschik, Wolfgang Bergsdorf, Elisabeth Noelle-Neumann und andere bildeten eine politische Intelligenz, von der die heutige CDU weit entfernt ist.

Schon die Formel von der „geistig-moralischen Wende“ taugt nur begrenzt als Kronzeuge gegen Kohl. Horst Teltschik selbst erinnerte daran, dass ihm diese Wendung zu pathetisch und zu substanzarm erschien. Er habe nicht gewusst, von wem sie stammte, und sie stets kritisiert, weil ihr der konkrete Inhalt fehlte; Kohl habe sie später nie wirklich definiert. Das ist ein ernstes Argument gegen die Schlagwortpolitik jener Jahre. Es ist aber kein Argument für kulturelle Blindheit der ganzen bürgerlichen Politik. Es beweist zunächst nur, dass eine Formel misslang. Die intellektuelle Wirklichkeit der Kohl-CDU war weit reicher, konfliktreicher und produktiver.

Gespür für exzellente Persönlichkeiten

Kohl war kein Seminarpolitiker. Er war kein Mann der akademischen Selbstbespiegelung. Aber er hatte ein genaues Gespür dafür, dass politische Macht geistige Zulieferung braucht. Teltschik schildert, wie Kohl nach 1973 nicht im Apparat nach bequemen Figuren suchte, vielmehr Persönlichkeiten von außen holte, die er als Bereicherung empfand: Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Bernhard Vogel, Richard von Weizsäcker und einige andere. Sie kamen nicht als Staffage. Sie waren intellektuell herausfordernd, und gerade die heftigen Streitgespräche mochte Kohl, weil er darin eine Bestätigung seiner Personalentscheidung sah.

Damit ist Poschardts These bereits erschüttert. Ein Politiker, der Biedenkopf und Geißler in zentrale Parteifunktionen bringt, Teltschik an sich bindet, Radunski, Schönbohm und Dettling in der Parteizentrale wirken lässt und Bergsdorf als Verbindungsmann in die Welt der Intellektuellen nutzt, ist nicht von geistiger Armut umstellt. Man kann über Kohls Umgang mit diesen Köpfen streiten. Man kann ihm Undankbarkeit, Machtinstinkt, Grobheit und gelegentliche Angst vor zu großer Eigenständigkeit vorwerfen. Doch man kann nicht behaupten, sie seien kaum vorhanden gewesen.

Grundsatzpolitische Wende in den 1970ern

Die Programmatik der CDU beweist es. Nach 1973 brachte Kohl mit Biedenkopf und später Geißler zwei Generalsekretäre in Stellung, die nicht nur den Reform- und Modernisierungsprozess der CDU organisierten, auch das öffentliche Ansehen der Partei verändern sollten. In der Bundesgeschäftsstelle rückten junge Köpfe wie Peter Radunski und Wulf Schönbohm in Schlüsselpositionen; Warnfried Dettling übernahm die Planungsgruppe, ausdrücklich als neuer Think Tank der Union beschrieben. Das war keine geistlose Bürgerlichkeit. Das war der Versuch, eine Partei sprachlich, organisatorisch und programmatisch neu zu erfinden.

Die Vorgeschichte reicht noch tiefer. Wulf Schönbohm, Peter Radunski und Horst Teltschik gehörten zu jenem RCDS-Milieu, das auf die Herausforderung durch APO und Studentenbewegung nicht nur mit Abwehr reagierte. Es ging darum, die Argumente der Neuen Linken zu durchdringen, Gegenargumente zu entwickeln und Reformfähigkeit in bürgerlicher Sprache zu formulieren. Schönbohm sprach von einer „Revolution in verträglicher Dosis“. Der politische Beirat des RCDS um Schönbohm, Radunski, Teltschik und Dettling sollte ein Gesamtkonzept zur Reform der Bundesrepublik erarbeiten; die „Sonde“ wurde als Theorieorgan christdemokratischer Politik zu einem Forum der Reformdebatten. So etwas könnte auch heute helfen.

Die anderen 68er

Peter Radunski war in diesem Zusammenhang mehr als Wahlkampftechniker. Seine politische Prägung durch die Berliner Jahre, das Otto-Suhr-Institut, den RCDS und die Auseinandersetzung mit Rudi Dutschke erklärt, weshalb seine Wahlkampfführung später nicht bloß Reklame war. Radunski hatte begriffen, dass Institutionen nicht nur verwaltet, auch besetzt, umgebaut, sprachlich neu codiert werden müssen. Die Forschung beschreibt Schönbohm, Radunski und Teltschik als Prototypen einer jungen Politikintelligenz in der CDU, als wichtige intellektuelle Impulsgeber mit wissenschaftlichem Zugang zur Politik. Radunski trug in den siebziger Jahren wesentlich zur Modernisierung der CDU-Wahlkampfführung bei.

Gerade an der Sprache zeigt sich, wie schief Poschardts Verdikt ist. Kurt Biedenkopf erklärte schon 1973, die politische Auseinandersetzung sei auch ein Kampf um Begriffe. Bergsdorfs „Herrschaft und Sprache“, 1983 als Studie zur politischen Terminologie der Bundesrepublik erschienen, steht für diesen Zusammenhang. Die zeitgenössische Besprechung hebt hervor, dass Bergsdorf den Wandel des politischen Sprachgebrauchs als Indikator für veränderte politische Zielvorstellungen, Tendenzen und Geistesströmungen analysiert. Politische Sprache war hier kein Beiwerk. Sie war Erkenntnismittel und Führungsinstrument.

Niederlage der politischen Sprache

Bergsdorf fasste die Lage der Union nach 1972 unmissverständlich: Die CDU hatte der Euphorisierung der politischen Terminologie durch Willy Brandt zunächst nichts entgegenzusetzen; die Niederlage von 1972 war auch eine Niederlage ihrer Terminologie. Danach erinnerte Kohl seine Partei an die sinnvermittelnde Funktion von Intellektuellen und daran, dass die CDU sich dem Gespräch mit ihnen öffnen müsse. Biedenkopf sprach auf dem CDU-Parteitag 1973 von einer „Revolution der Gesellschaft durch die Sprache“: Nicht mehr Gebäude würden besetzt, vielmehr Begriffe, mit denen die Ordnung beschrieben werde. Wer so denkt, leidet nicht an kultureller Alexie. Er weiß, dass Politik an der semantischen Front entschieden werden kann.

Daraus entstanden die Mannheimer Erklärung, das Grundsatzprogramm, die „Neue Soziale Frage“, der Versuch, Freiheit sozial anzureichern und soziale Begriffe aus klassenkämpferischer Engführung herauszulösen. Die Mannheimer Erklärung bemühte sich ausdrücklich, die Spannung zwischen Pragmatismus und Programmatik zu halten; der Freiheitsbegriff der CDU wurde mit „sozial“, mit Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität verbunden. Wer darin nur geistige Ignoranz erkennen will, verkennt die anspruchsvolle semantische Arbeit, die im bürgerlichen Lager jener Jahre geleistet wurde.

Hinzu kam die bewusste Öffnung gegenüber Wissenschaft und Intellektuellen. Wilhelm Hennis wurde nach seinem Austritt aus der SPD Mitglied der ersten CDU-Grundsatzkommission. 1977 diskutierten auf einem Grundsatzprogrammkongress in Berlin fünfhundert Gelehrte mit Vertretern der CDU über den Programmentwurf. Bis 1980 organisierte die CDU-Zentrale fast dreißig Fachkongresse zu Bildungs-, Jugend-, Familien-, Umwelt- und Energiepolitik, speiste Ergebnisse in den Buchmarkt ein und zeigte Präsenz in der zeitgenössischen Debattenkultur. Auch das passt nicht zu dem Bild einer geistig verwaisten Kohl-CDU.

Strategien für die Wiedervereinigung

Selbst bei der deutschen Einheit, dem großen historischen Moment Kohls, sieht man keine leere Intuition, keine einsame Bauernschläue, keine stumpfe Machttechnik. Am 23. November 1989 saß im Kanzlerbungalow eine Runde zusammen, die zunächst über Öffentlichkeitsarbeit sprechen sollte: Rudolf Seiters, Johnny Klein, Eduard Ackermann, Wolfgang Bergsdorf, Redenschreiber, Demoskopen, Teltschik. Aus der PR-Frage wurde binnen kurzer Zeit eine strategische Entscheidung über die deutsche Frage. Die Runde war sich einig, dass Kohl die öffentliche Meinungsführerschaft übernehmen müsse; Teltschik schlug ein realistisches Konzept für die deutsche Einheit vor, eingebettet in eine gesamteuropäische Friedensordnung.

Am nächsten Tag folgte die eigentliche Denkarbeit. Duisberg, Kass, Hartmann, Kaestner, Prill und Mertes analysierten mit Teltschik die Lage in der DDR und das internationale Umfeld von der Sowjetunion über die Vereinigten Staaten bis zu den EG-Partnern. Sie tasteten sich an Vertragsgemeinschaft, konföderative Strukturen und Föderation heran. Am 25. November wurde Satz für Satz gearbeitet, gerungen, formuliert; am Ende war der Entwurf fertig, das Zehn-Punkte-Programm geboren. Das war Beratung im höchsten Sinn: Lageanalyse, historische Intuition, Sprachform und politischer Zugriff in einem.

Auch Bergsdorf wird durch Poschardts Formel ungerechtfertigt an den Rand gedrückt. Teltschik beschreibt ihn als langjährigen Kollegen aus Mainzer Zeiten, als Vermittler zu deutschen Intellektuellen, Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern. Bergsdorf habe trotz Vollzeitarbeit für Kohl promoviert und habilitiert; Teltschik nennt ihn einen „freischwebenden Intellektuellen“, der versuchte, Intellektuelle für Kohl zu gewinnen. Das ist nahezu das exakte Gegenbild zu der Behauptung, Kohl habe kaum Unterstützer in diesem Feld gehabt.

Machtmensch Kohl

Natürlich bleibt ein Rest Wahrheit im Vorwurf. Kohl war kein idealer Kurator intellektueller Nähe. Er suchte Rat, nahm ihn nicht immer an, trennte sich von Leuten, wenn sie ihm gefährlich wurden, und ließ Beziehungen erkalten. In der Rückschau wird ausdrücklich vermerkt, Kohl habe zeitweise öffentlichkeitswirksam Nähe zu bekannten Intellektuellen gesucht, um sein progressives Image zu unterstreichen, ihren Rat im Regelfall aber nicht befolgt; das habe langfristigen und vertrauensvollen Arbeitsbeziehungen geschadet. Das ist die angemessene Kritik: nicht Mangel an Geistern, vielmehr mangelnde Fähigkeit, alle diese Geister dauerhaft produktiv zu halten.

Genau hier liegt der Unterschied. Eine Replik auf Poschardt und Graw muss nicht in Kohl-Verehrung ausweichen. Kohl hatte blinde Stellen. Er war machtbewusst bis zur Härte. Er konnte Kränkung und Loyalität gefährlich miteinander vermischen. Biedenkopf, Geißler, Hennis, Stürmer, viele andere machten ihre eigenen Erfahrungen mit seiner Unwirtlichkeit. Aber eine solche Charakteristik rechtfertigt nicht die Behauptung, die bürgerliche Politik habe aus kultureller Alexie heraus kaum intellektuelle Unterstützung mobilisiert.

Alternative Substanzlosigkeit

Der Vergleich mit der Gegenwart macht das nur deutlicher. Wenn im Umfeld von Friedrich Merz Formeln wie „Alternative mit Substanz“ entstehen können, wirkt das wie ein Echo aus einer CDU, die ihren alten semantischen Ernst vergessen hat. Biedenkopf hätte gewusst, dass in einer solchen Wendung eine gefährliche Nähe zur AfD mitschwingt. Bergsdorf hätte daran erinnert, dass politische Begriffe nicht neutral zirkulieren. Radunski hätte gespürt, dass eine Wahlkampfformel nicht nur Absicht transportiert, auch Assoziationsräume öffnet. Geißler hätte sie vermutlich mit asketischer Härte gestrichen.

Bergsdorf schrieb, wer politisch spreche, wolle Zustimmung, Unterstützung, Gefolgschaft oder Gehorsam erreichen; politische Sprache solle Denken und Verhalten in eine Richtung lenken. Genau deshalb dürfen laienhafte Formulierungen im Umfeld eines Spitzenpolitikers nicht passieren. In der Kohl-CDU war das Wissen um den Rang der Sprache institutionell vorhanden: in der Projektgruppe Semantik, in der Planungsgruppe, in den Grundsatzkommissionen, in der Arbeit von Biedenkopf, Radunski, Dettling, Schönbohm, Bergsdorf und Geißler. Heute wirkt manches, als sei diese Schule politischer Präzision verdunstet.

Die Rache, von der Poschardt spricht, liegt also woanders. Nicht Kohls Erbe welkt, weil er keine intellektuellen Unterstützer gehabt hätte. Es welkt, weil die heutigen Erben die alte anspruchsvolle Verbindung von Macht, Sprache, Programmatik und geistiger Reibung nicht mehr selbstverständlich beherrschen. Die Kohl-CDU wusste, dass Begriffe besetzt, gepflegt, erneuert und gegen falsche Resonanzen geschützt werden müssen. Sie konnte Machttechnik und Ideenarbeit verbinden. Sie konnte Demoskopie lesen und trotzdem Grundsatzprogramme schreiben. Sie konnte Wahlkampf organisieren und zugleich um Freiheitsbegriff, soziale Frage, Europa und Nation ringen.

Darum geht Poschardts Satz fehl. Kohls Problem war nicht geistige Einsamkeit. Sein Problem war der harte, oft ungerechte Umgang mit einer ungewöhnlich reichhaltigen Umgebung. Das ist ein gravierender Unterschied. Wer ihn verwischt, unterschätzt die intellektuelle Leistung der alten Union und überschätzt die gegenwärtige Kommunikationsroutine. Die bürgerliche Politik war damals nicht blind für Kultur. Sie wusste um Sprache, Sinn und Strategie. Blind wirkt eher eine Gegenwart, die diese Tradition vergessen hat und nun Formeln produziert, bei denen man sich fragt, ob im Adenauer-Haus überhaupt noch jemand die alten Lektionen von Biedenkopf, Bergsdorf und Radunski gelesen hat.

Picasso für die Vorstandsetage

Ulrike Lehmann überträgt die Arbeitsweise von Künstlern auf Führung und Innovation. Ihr Buch zeigt, wie Unternehmen durch Experimente, Perspektivwechsel und bewusste Reduktion neue Handlungsmöglichkeiten gewinnen.

Eine leere Leinwand ist der Gegenentwurf zur fertig gerechneten Zukunft. Der erste Strich legt eine Spur, verändert die Fläche und eröffnet den nächsten Schritt. Ulrike Lehmann nutzt dieses Bild, um Führung in unsicheren Märkten zu beschreiben. Manager sollen früher beginnen, genauer beobachten, Entwürfe überarbeiten und Zufälle produktiv aufnehmen.

„Creative Leadership“, zu Deutsch kreative oder künstlerisch geprägte Führung, bezeichnet bei Lehmann eine Arbeitsweise, die Neugier, Vorstellungskraft und Experiment in den Unternehmensalltag einführt. Die Führungskraft entwirft einen Rahmen, in dem Mitarbeiter neue Lösungen ausprobieren können. Fehler liefern Informationen für die nächste Fassung. Aus einer Idee entsteht ein Versuch, aus dem Versuch eine Erfahrung und aus der Erfahrung eine tragfähige Lösung.

Das kompakte Buch aus der Reihe „Springer essentials“ führt durch Kunstgeschichte, Managementlehre und Unternehmenspraxis. Pablo Picasso steht im Zentrum. Weitere Beispiele stammen von René Magritte, Max Ernst, Gerhard Richter und den Expressionisten. Hinzu kommen Unternehmen wie Bosch und Reckhaus, die Künstler gezielt in Entwicklungs- und Veränderungsprozesse einbezogen haben.

Picasso als Unternehmer des Neuen

Picasso eignet sich für Lehmann als Leitfigur, weil er sein Werk über Jahrzehnte immer wieder veränderte. Er wechselte Stile, arbeitete mit Malerei, Druckgrafik, Skulptur und Collage, griff Materialien aus dem Alltag auf und kombinierte Formen, die zuvor getrennten Welten angehörten. Zugleich kannte er seinen Marktwert, pflegte seine Beziehungen zu Galeristen und verstand die wirtschaftliche Seite seiner Arbeit.

Sein Beispiel verbindet künstlerische Erfindung mit unternehmerischer Beweglichkeit. Picasso beherrschte die Tradition und nutzte dieses Wissen als Ausgangspunkt für neue Formen. Führungskräfte können daraus ein einfaches Prinzip ableiten: Wer verändern will, braucht fachliche Erfahrung, genaue Wahrnehmung und die Bereitschaft zur Überarbeitung.

Lehmann beschreibt den schöpferischen Prozess als eine Folge sichtbarer Entscheidungen. Jeder Strich verändert das Bild. Der Künstler betrachtet das Ergebnis, reagiert darauf und setzt seine Arbeit fort. Ein Produkt, eine Strategie oder ein Geschäftsmodell entsteht auf ähnliche Weise. Der erste Entwurf liefert Informationen, die vor dem Beginn der Arbeit noch fehlten.

Strategie entsteht beim Arbeiten

Für diesen Vorgang verwendet Lehmann den Begriff „Effectuation“. Das Wort stammt aus der Forschung über Unternehmertum. Gemeint ist eine praktische Logik für Situationen mit offenem Ausgang. Eine Führungskraft beginnt mit den Mitteln, die bereits verfügbar sind: Wissen, Kontakte, Erfahrungen, Zeit und Budget. Daraus entwickelt sie den nächsten machbaren Schritt.

Eine Unternehmerin fragt also zunächst, was sie bereits kann, wen sie kennt und welche Möglichkeiten daraus entstehen. Sie erprobt eine Idee in überschaubarem Rahmen, beobachtet die Reaktion und entwickelt das Vorhaben weiter. Das Ziel wird während des Prozesses konkreter. Dieses Vorgehen eignet sich für Märkte, in denen verlässliche Prognosen nur einen kurzen Zeitraum abdecken.

Eng damit verbunden ist die „emergente Strategiebildung“. Der Fachbegriff beschreibt eine Strategie, die schrittweise aus dem Handeln wächst. Viele Beobachtungen, Entscheidungen und Korrekturen verdichten sich mit der Zeit zu einer Richtung. Die Organisation lernt aus der Praxis und passt ihren Kurs an neue Erkenntnisse an.

Lehmann übersetzt damit zwei Begriffe aus der Managementlehre in ein anschauliches Bild. Der Künstler vor der Leinwand kennt den Endzustand seines Werkes häufig erst nach mehreren Versuchen. Er beginnt, betrachtet, verändert und entscheidet weiter. Strategie wird auf diese Weise zu einem fortlaufenden Arbeitsprozess.

Auch das Wort „Iteration“ erhält im Buch eine klare Bedeutung. Iterieren heißt, eine vorläufige Lösung zu entwickeln, sie zu prüfen und anschließend zu verbessern. Ein Entwurf führt zum nächsten. Unternehmen kennen dieses Verfahren aus der Softwareentwicklung, aus Prototypen und aus Pilotprojekten. Lehmann zeigt seine lange Vorgeschichte im Atelier.

Der produktive Zufall

Ein weiteres Kapitel widmet sich der „Serendipität“. Der Begriff bezeichnet einen glücklichen Fund, der auf der Suche nach etwas anderem entsteht. Eine unerwartete Beobachtung, ein Missgeschick oder eine zufällige Begegnung eröffnet eine Möglichkeit, die zuvor außerhalb des Plans lag.

Picassos berühmter Stierkopf aus Fahrradsattel und Lenker führt dieses Prinzip eindrucksvoll vor. Zwei gewöhnliche Gegenstände erhalten durch einen neuen Zusammenhang eine andere Bedeutung. Max Ernst entwickelte seine Frottage-Technik aus der Beobachtung einer Holzmaserung. Er legte Papier auf die Oberfläche, rieb mit einem Stift darüber und gewann daraus neue Bildstrukturen. Gerhard Richter arbeitet mit einem großen Rakel, dessen Bewegungen kontrollierte und unvorhersehbare Spuren verbinden.

Lehmann versteht Zufall daher als Ergebnis vorbereiteter Aufmerksamkeit. Menschen müssen Abweichungen erkennen und ihren möglichen Wert prüfen. Unternehmen können solche Entdeckungen fördern, indem sie Zeit für eigene Projekte schaffen, Fachgebiete zusammenbringen und frühe Versuche ermöglichen. Der Zufall lässt sich kaum bestellen. Seine Wahrscheinlichkeit lässt sich erhöhen.

Auch Picassos Satz „Ich suche nicht. Ich finde“ gehört in diesen Zusammenhang. Er beschreibt eine Wachheit für Material, Umgebung und ungeplante Entwicklungen. Für Führungskräfte bedeutet das: Ein Plan gibt Richtung. Die Beobachtung entscheidet, welche neuen Möglichkeiten auf dem Weg sichtbar werden.

Die Kunst des Weglassens

Besonders anschaulich arbeitet Lehmann mit Picassos Lithographien eines Stiers. Über mehrere Fassungen reduzierte der Künstler den Körper des Tieres auf immer weniger Linien. Am Ende blieb eine klare Kontur, in der das Wesen des Motivs weiterhin erkennbar war.

Steve Jobs griff diese Bildfolge für die Apple-Akademie auf. Die leitende Frage lautete, wie viele Elemente bei einem Produkt entfallen können, während Bedienbarkeit und Charakter erhalten bleiben. Lehmann überträgt dieses Prinzip auf Führung und Organisation. Welche Funktionen braucht ein Produkt? Welche Kennzahlen helfen bei einer Entscheidung? Welche Berichte liefern relevante Informationen? Welche Schritte eines Prozesses schaffen einen erkennbaren Wert?

Reduktion verlangt Urteilskraft. Das Weglassen gelingt erst, sobald der Kern einer Sache verstanden ist. Picassos Stier zeigt, wie Konzentration Übersicht erzeugt. Für Unternehmen kann daraus eine einfachere Benutzerführung, eine klarere Strategie oder ein kürzerer Entscheidungsweg entstehen.

René Magritte liefert ein ergänzendes Verfahren. Seine Bilder verbinden vertraute Gegenstände in ungewohnten Zusammenhängen. Männer schweben über einer Stadt. Eine Giraffe steht in einem Weinglas. Lehmann nennt diese Arbeitsweise das „Magritte-Prinzip“: Zwei bislang getrennte Bereiche werden zusammengeführt und erzeugen eine neue Idee.

Viele wirtschaftliche Innovationen folgen diesem Muster. Apple verband digitale Technik mit konsequentem Produktdesign. Tesla verknüpfte Automobilbau mit Softwareentwicklung. Kooperationen zwischen Spielzeug- und Sportartikelherstellern erschließen neue Produktformen und Zielgruppen. Kreativität entsteht hier durch Kombination.

Künstler im Forschungszentrum

Die Praxisfälle verleihen dem Buch wirtschaftliche Anschaulichkeit. Im Bosch-Forschungszentrum in Renningen arbeiten auf der „Plattform 12“ Künstler mit Forschern und Ingenieuren zusammen. Die Künstler wirken als Projektpartner. Sie stellen Fragen, prüfen vertraute Annahmen und bringen andere Formen der Wahrnehmung in technische Entwicklungsprozesse ein.

Für Ingenieure kann eine ungewohnte Frage einen festgefahrenen Lösungsweg öffnen. Künstler betrachten Material, Form, Nutzung und Wirkung aus einer anderen Perspektive. Ihre Beteiligung erweitert das verfügbare Denk- und Ausdrucksrepertoire eines Teams.

Der Fall Reckhaus zeigt die mögliche Reichweite einer solchen Zusammenarbeit. Geschäftsführer Hans-Dietrich Reckhaus beauftragte die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin mit einer Kampagne für einen Fliegenfänger. Die Künstler richteten ihre Aufmerksamkeit auf die ökologische Bedeutung der Insekten und veränderten dadurch die Fragestellung des Projekts. Aus der Begegnung entwickelte sich „Insect Respect“, ein Geschäftsansatz, der den Schutz von Insekten mit unternehmerischer Tätigkeit verbindet.

Die künstlerische Intervention wirkte als Auslöser einer strategischen Neuorientierung. Das Unternehmen betrachtete sein Produkt, seine Verantwortung und sein Geschäftsmodell aus einem erweiterten Blickwinkel. Kunst erschien in diesem Fall als Instrument unternehmerischer Selbstprüfung.

Ein weiteres Beispiel stammt aus einem Workshop mit der Personalabteilung einer Großbank. Das Team gestaltete gemeinsam ein Gemälde über seine Geschichte, seine Zusammenarbeit und seine künftigen Ziele. Abstrakte Fragen erhielten eine sichtbare Form. Das Bild diente anschließend als gemeinsamer Bezugspunkt im Arbeitsalltag.

Lehmann erinnert außerdem an die Medici in Florenz. Unternehmer, Bankiers, Künstler und Gelehrte standen dort in engem Austausch. Der Begriff „Medici-Effekt“ bezeichnet heute die Entstehung neuer Ideen an den Übergängen zwischen Fachgebieten, Kulturen und Denkweisen. Unternehmen können solche Übergänge gezielt organisieren.

Kreativität im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Besondere Aktualität gewinnt das Buch durch den Blick auf Künstliche Intelligenz. Sprach- und Bildmodelle erstellen Entwürfe, analysieren große Datenmengen und erzeugen in kurzer Zeit zahlreiche Varianten. Damit wächst der Wert menschlicher Auswahl und Beurteilung.

Eine Führungskraft muss entscheiden, welches Problem die Aufmerksamkeit des Unternehmens verdient. Sie prüft, welche Idee zur Strategie, zu den Kunden und zur Verantwortung des Unternehmens passt. Sie erkennt austauschbare Ergebnisse und sucht nach einer eigenen Form. Kreativität zeigt sich unter diesen Bedingungen in der Wahl der Frage, in der Qualität des Urteils und in der Verbindung unterschiedlicher Wissensgebiete.

Lehmann spricht in diesem Zusammenhang von „künstlerischer Intelligenz“. Gemeint sind Vorstellungskraft, Empathie, Sinngebung und die Fähigkeit, mit offenen Situationen umzugehen. Künstliche Intelligenz kann Varianten beschleunigen. Menschen geben ihnen Richtung, Bedeutung und Konsequenz.

Das Bild des Künstlers verändert damit auch die Rolle der Führungskraft. Sie liefert weniger fertige Antworten. Sie schafft Bedingungen, unter denen Teams gute Fragen stellen, Varianten prüfen und ihre Entscheidungen begründen können. Führung wird zu einer Form gemeinsamer Gestaltung.

Vom Museumsbesuch zum Geschäftsmodell

Lehmann belässt es bei der Idee einer künstlerisch geprägten Führungspraxis keineswegs. Das Buch beschreibt konkrete Zugänge. Führungskräfte können Museen und Ateliers als Lernorte nutzen, Künstler in Entwicklungsprojekte einladen, interdisziplinäre Teams bilden und Räume für konzentriertes oder experimentelles Arbeiten schaffen.

Ein weiteres Werkzeug heißt „Reframing“. Der englische Begriff bedeutet, ein Thema in einen neuen Rahmen zu stellen. Das Ereignis bleibt bestehen, seine Bedeutung verändert sich. Aus einem vermeintlichen Hindernis kann eine Gestaltungsaufgabe werden. Aus einer Einschränkung kann eine klare Suchrichtung entstehen.

Kunstwerke eignen sich für solche Perspektivwechsel, weil mehrere Deutungen nebeneinander bestehen können. Ein Team betrachtet gemeinsam ein Bild und entdeckt unterschiedliche Einzelheiten, Bezüge und Geschichten. Die Beteiligten erfahren dabei, wie Wahrnehmung entsteht und wie verschiedene Sichtweisen zu einem umfassenderen Bild führen.

Auch die Wirkung kreativer Führung soll beobachtbar werden. Lehmann schlägt dafür eine erweiterte „Balanced Scorecard“ vor. Dieser Begriff bezeichnet ein Kennzahlensystem, das mehrere Seiten des Unternehmenserfolgs gemeinsam betrachtet: Finanzen, Kunden, interne Prozesse sowie Lernen und Entwicklung. Für Creative Leadership können Innovationsideen, Entwicklungszeiten, Zusammenarbeit, Mitarbeiterbindung und Anpassungsfähigkeit einbezogen werden.

Der Gedanke schützt Kreativität vor einer rein dekorativen Rolle. Künstlerische Methoden sollen sich in Produktentwicklung, Zusammenarbeit und Geschäftsmodellen zeigen. Die Beispiele von Bosch und Reckhaus führen vor, wie ein solcher Transfer aussehen kann.

Der erste Strich genügt für den Anfang

Ulrike Lehmann schreibt als Kunsthistorikerin, frühere Kuratorin, Unternehmensberaterin und Coach. Diese Verbindung prägt das Buch. Kunstgeschichte erhält einen unmittelbaren Bezug zur Führungspraxis. Managementbegriffe werden durch Werke und Arbeitsweisen von Künstlern sichtbar.

„Creative Leadership“ erweitert das Repertoire von Führungskräften um Beobachtung, Vorstellungskraft, Experiment und Überarbeitung. Planung und Kennzahlen behalten ihren Platz. Künstlerisches Denken ergänzt sie um Verfahren für Situationen, deren Ausgang offen ist.

Die nächste Innovation beginnt womöglich mit einem kleinen Versuch. Ein Team betrachtet ein Problem aus einer anderen Richtung, kombiniert zwei entfernte Wissensgebiete oder entfernt einen überflüssigen Prozessschritt. Der erste Strich reicht, um die leere Fläche in einen Arbeitsprozess zu verwandeln.

Ulrike Lehmann: „Creative Leadership. Was Führungskräfte von Künstlern wie Picasso lernen können“. Springer Gabler, Wiesbaden 2026. ISBN 978-3-658-51584-3; E-Book ISBN 978-3-658-51585-0.

A Blue Giant in Miniature: The Corgi Toys Écurie Écosse Transporter

Some model cars reproduce a vehicle. Others recreate an entire world. The Corgi Toys Écurie Écosse Transporter belongs firmly to the second category.

My latest acquisition is an imposing piece of British die-cast history. Finished in the unmistakable dark blue and yellow of the celebrated Scottish racing team, the transporter immediately evokes the great age of international motor racing: mechanics in overalls, open paddocks, roaring engines and sports cars being prepared for another long-distance contest.

The first impression is dominated by its sheer presence. This is no ordinary delivery van enlarged for effect. Its long body, low stance and sweeping rear section give it the appearance of a purpose-built racing machine. The raised yellow „ÉCURIE ÉCOSSE“ lettering is beautifully judged against the metallic blue paintwork. Cream-coloured seats, silver wheel hubs and the small yellow roof label provide precisely the right amount of contrast.

Yet the real fascination begins once the mechanisms are operated. The side door slides open to reveal the interior. At the rear, the loading ramps fold down, allowing the racing cars to climb aboard. The upper deck can be adjusted as part of the loading procedure, turning the transporter into a miniature piece of working engineering. Even the „Genuine Track-Rod Steering“ label recalls an era in which Corgi took particular pride in giving its models genuine mechanical functions.

Loading the white competition car bearing number 60 transforms the model from a static display object into a small theatrical production. Add the red rally Mini numbered 177 and the transporter begins to resemble a travelling paddock. Every movement suggests another scene: arrival before dawn, hurried preparations, cars rolling down the ramps and the team setting off for the circuit.

The model also demonstrates what made classic Corgi Toys so compelling. The metal has weight. Doors, ramps and platforms invite careful handling. Nothing about the transporter feels anonymous or disposable. It was designed to be played with, examined and remembered. Decades later, its mechanisms still tell the story of the vehicle more effectively than many perfectly detailed modern miniatures sealed inside display cases.

Signs of age would hardly diminish its appeal. A small mark in the paint or a trace of wear belongs to the biography of such an object. This transporter has survived from an age when toy cars crossed carpets at considerable speed and racing teams were assembled on living-room floors.

For collectors of historic racing cars, the Écurie Écosse Transporter is far more than an accessory. It provides the stage on which the other models can perform. Its combination of colour, scale, engineering and imagination makes it one of the most charismatic vehicles ever produced by Corgi Toys. A magnificent blue giant, built from metal and powered by memory.