
Thomas Steinfeld hat in „Bilder und Zeiten“ einen historischen Vorgang freigelegt, der in der Erinnerung an 1968 oft untergeht. Der Aufruhr endete in der Bundesrepublik nicht einfach in Resignation, Radikalisierung oder Professorenlaufbahnen. Er verwandelte sich in Rechtsformen. Nach der Revolte kam die Gründerzeit. Verlage entstanden, Buchhandlungen, Theater, Musiklabels, Filmproduktionen, Zeitschriften, Vertriebsnetze. Eine Generation, die dem Kapital misstraute, lernte Buchführung, Vertrieb, Haftungsbegrenzung, Programmplanung und Kundenbindung.
Das klingt wie Verrat. Es war in vielen Fällen die produktivste Fortsetzung der Revolte. Der antiautoritäre Impuls ging nicht verloren, weil jemand eine GmbH gründete. Er bekam einen Ort, einen Briefkopf, ein Konto, eine Druckerei, einen Auslieferer, ein Publikum. Wer Bücher gegen den Betrieb machen wollte, brauchte einen Verlag. Wer Filme gegen die Filmindustrie machen wollte, brauchte eine Produktionsfirma. Wer Theater gegen das Stadttheater machen wollte, brauchte eine Bühne, Verträge und Probenpläne. Der Aufruhr bekam eine Rechtsform.
Mit Kapital gegen Kapital
Steinfelds Blick auf die Jahre nach 1968 trifft einen verdrängten Kern der bundesdeutschen Kulturgeschichte. In kurzer Zeit entstanden Unternehmen, deren Gründer aus dem Milieu des Protests kamen und doch marktfähige, zum Teil dauerhafte Institutionen schufen: der Verlag Roter Stern, Zweitausendeins, ECM, der Filmverlag der Autoren, Merve, später auch jene feinsinnigen, eigensinnigen Häuser, die das kulturelle Inventar der Bundesrepublik verschoben. Die Schaubühne am Halleschen Ufer gewann durch Peter Stein und sein Ensemble eine neue Bedeutung. Das Grips Theater gab der Kinder- und Jugendkultur eine politische Stimme. Alexander Kluge hatte mit Kairos Film bereits vorgearbeitet.
Die Formel lautete: mit Kapital gegen Kapital. Sie enthält eine ganze Theorie der westdeutschen Nachkriegsintelligenz. Wer die Bewusstseinsindustrie verändern wollte, musste in sie eintreten. Wer die Verhältnisse kritisierte, durfte sich nicht mit Flugblättern begnügen. Er musste produzieren. Bücher, Platten, Aufführungen, Filme, Kataloge, Lesereihen, Programmhefte, Übersetzungen, Archive. Die Ware blieb Ware. Doch ihr Inhalt, ihr Ton, ihre Vertriebswege und ihre Käufer veränderten sich.
Die GmbH eignete sich dafür besser als die Aktiengesellschaft. Sie hielt den Gründer sichtbar. Sie begrenzte das Risiko. Sie zwang zur Ordnung und ließ Raum für Eigensinn. Sie passte zu einem Milieu, das Kollektiv sagte und dennoch charismatische Einzelne hervorbrachte. Der kleine Verlag, das Musiklabel, die Theater-GmbH, die Filmproduktion: Das waren keine Fußnoten der Bewegung. Dort wurde entschieden, welche Texte zirkulierten, welche Stimmen hörbar wurden, welche ästhetischen Formen überlebten.
Dutschkes Guerilla und die Bilanzpflicht
Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl hatten den Kampf in den Institutionen gedacht. Ihre Vorstellung einer beweglichen Guerilla richtete sich gegen Kaderstarre und Parteimilitanz. Vieles daran blieb Parole. Doch aus dem Impuls entstand eine Praxis, die ihnen selbst vielleicht fremd erschienen wäre: der Aufbau von Gegeninstitutionen.
Die berühmte Rede vom „Marsch durch die Institutionen“ bekam eine kaufmännische Variante. Man gründete eigene Institutionen und marschierte durch Rechnungen, Lektorate, Druckereien, Subventionsanträge, Programmkonferenzen, Tourneepläne und Auflagenkalkulationen. Das wirkt prosaisch. Genau dort begann die Wirksamkeit. Revolutionäre Rhetorik zerfällt schnell, sobald sie keinen Träger findet. Ein Verlag kann fünfzig Jahre wirken. Ein Theater prägt Generationen. Ein Label verändert Hörgewohnheiten. Eine Buchhandlung schafft Milieus.
Die Niederlage vieler Projekte gehört zur Wahrheit dieser Geschichte. Auch Pleiten sind Quellen. Der gescheiterte Verlag, die eingestellte Zeitschrift, das überforderte Kollektiv, die zerbrochene Produktionsfirma: Sie zeigen, dass kulturelle Gründung kein Spaziergang in bessere Zeiten war. Der Protest musste lernen, dass Freiheit Kosten hat. Und dass Autonomie ohne betriebliche Form schnell verdunstet.
Silicon Valley vor der Versteinerung
Die Parallele zum frühen Silicon Valley drängt sich auf. Auch dort lag ein Teil der Energie im Bruch mit dem Establishment. Homebrew Computer Club, Whole-Earth-Kultur, Garagenmythos, LSD-Nachhall, Designreligion, Personal Computer als Befreiungsinstrument: In dieser Ursuppe mischten sich Gegenkultur, Ingenieursethos und Unternehmerwille. Steve Jobs verkörperte den rebellischen Gestus stärker als Bill Gates, der früh den Weg in die Lizenzordnung und die klassische Marktmacht fand. Jobs konnte brutal führen, doch seine Gründungsmythologie lebte von Anti-IBM, von Ästhetik gegen Bürokratie, von Gerät gegen Großrechnerhierarchie.
Später fraß das Valley viel von seiner Herkunft. Venture Capital, Plattformmonopole, Datenextraktion, Börsenlogik. Aus Befreiungsmaschinen wurden Abhängigkeitssysteme. Diese Entwicklung war kein Betriebsunfall. Sie zeigt, was jeder Gründerzeit droht. Der rebellische Anfang schützt nicht vor späterer Verhärtung. Eine neue Gründerzeit der künstlichen Intelligenz muss diese Geschichte kennen. Sie darf sich nicht vom Klang des Anfangs täuschen lassen.
Künstliche Intelligenz braucht Abtrünnige
Die Frage lautet daher: Was könnte heute aus einer ähnlichen Verbindung von Revolte, Technologie und Gründung entstehen? Die Antwort liegt nicht in staatlich moderierten Innovationsritualen. Auch nicht in Panels, die das Wort „Transformation“ so lange herumreichen, bis niemand mehr weiß, was damit gemeint war. Deutschland braucht Gründerinnen und Gründer, die aus Bildung, Kultur, Forschung, Handwerk, Journalismus und Software neue Institutionen bauen.
Künstliche Intelligenz bietet dafür Material. Nicht als Zaubergerät. Als Werkzeug zur Neuordnung von Wissen, Arbeit, Vermittlung und Öffentlichkeit. Ein rebellischer KI-Geist müsste gegen zwei Gegner antreten: gegen die Plattformmacht der großen Konzerne und gegen die deutsche Neigung, jede neue Technik zuerst in Prüfverordnungen, Leitlinien und Zuständigkeitsgrafiken einzuschläfern. Regulierung bleibt nötig. Doch Regulierung gründet keine Verlage, keine Labore, keine Werkstätten, keine Produkte.
Eine neue Gründerzeit müsste dort ansetzen, wo 1968 die Kultur ansetzte: bei der Bewusstseinsindustrie. Heute heißt sie Suchmaschine, Feed, Modell, Interface, Datenraum, Empfehlungssystem. Wer dort nichts gründet, wird dort regiert. Die alten linken Verlage wussten, dass Vertrieb Macht bedeutet. Die KI-Gegenwart muss lernen, dass Trainingsdaten, Modelle, Werkzeuge und Benutzeroberflächen Macht bedeuten.
Thomasius gegen den Hexenwahn
Hier lohnt der Rückgriff auf ältere Emanzipationsfiguren. Christian Thomasius war kein Start-up-Gründer. Doch er verkörperte etwas, das heutige Gründer dringend brauchen: intellektuellen Ungehorsam gegen gelehrte Selbstherrlichkeit. Er hielt Vorlesungen auf Deutsch, griff juristische Bigotterie an, kämpfte gegen Hexenprozesse, störte die Autorität einer Welt, die sich gern mit Latein, Amt und Dogma gegen Kritik schützte.
Thomasius zeigt: Emanzipation beginnt oft mit einem Medienwechsel. Latein zu Deutsch. Scholastik zu Öffentlichkeit. Dogma zu Streit. Heute könnte der Medienwechsel heißen: geschlossene Expertensprache zu zugänglichen Werkzeugen, Datenmonopol zu nachvollziehbaren Modellen, Behördensprache zu öffentlicher Intelligenz. Eine Thomasius-Akademie der KI wäre kein Seminarbetrieb für Würdenträger. Sie wäre eine Schule des Entzauberns. Sie würde Bürgern, Schülern, Journalisten, Mittelständlern, Kulturschaffenden und Verwaltungen zeigen, wie diese Systeme arbeiten, wo sie täuschen, wo sie helfen, wo sie Macht verstecken.
Leibniz, Llull und die alte Kunst des Kombinierens
Auch Leibniz gehört in diese Linie. Er träumte von Kalkül, Zeichen, Kombinatorik, Rechenmaschinen, einer Ordnung des Denkens, die Streit nicht durch Autorität beendet, sondern durch Verfahren klärt. Ramon Llull hatte Jahrhunderte früher auf Mallorca mit seinen Kombinationsrädern eine Maschine des Denkens entworfen. Beide wirken plötzlich gegenwärtig. Künstliche Intelligenz erscheint dann nicht als Bruch mit der Geistesgeschichte. Sie führt einen alten Traum weiter: Gedanken in Verfahren, Verfahren in Werkzeuge, Werkzeuge in neue Öffentlichkeit.
Der Unterschied bleibt entscheidend. Llull und Leibniz wollten das Denken nicht an Apparate abtreten. Sie suchten eine Kunst der Erfindung. Künstliche Intelligenz darf deshalb nicht zur Auslagerung des Urteils werden. Sie müsste als Verstärker menschlicher Einbildungskraft, Kritik und Kombinationsfähigkeit dienen. Gerade hier könnten die Geisteswissenschaften ihre Zukunft finden, sofern sie sich nicht in Verteidigungsreden verausgaben. Philologie, Philosophie, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Rhetorik, Theologie und Kunstgeschichte besitzen Erfahrung im Umgang mit Zeichen, Deutung, Ambivalenz, Macht und Erinnerung. Sie gehören nicht an den Rand der KI-Debatte. Sie gehören in die Gründungsteams.
Bourgeois-Bohemiens und ihre Gefahr
David Brooks beschrieb die Bobos, die Bourgeois-Bohemiens, als Verschmelzung von Gegenkultur und Bürgerlichkeit. Die Figur erklärt einiges: Aus der Revolte entsteht Geschmack, aus Geschmack entsteht Markt, aus Markt entsteht neue Distinktion. Der ehemalige Bohemien kauft besseren Kaffee, bessere Möbel, bessere Schulen und bessere Moral. Das kann komisch sein. Es kann auch produktiv werden, wenn aus Lebensstil Institutionen entstehen.
Die Gefahr liegt in der Verflachung. Rebellion als Ästhetik ist schnell verbraucht. Ein Bart, ein Loft, ein Manifest, eine App, ein Purpose-Text: Das reicht nicht. Die Gründerzeit nach 1968 war interessant, weil sie Bücher druckte, Theater baute, Platten veröffentlichte, Filme produzierte. Sie schuf Gegenstände. Eine KI-Gründerzeit wird nur zählen, wenn sie Werkzeuge schafft, die Menschen tatsächlich nutzen, bezahlen, prüfen, verändern und weitergeben können.
Der neue Aufstand muss liefern
Deutschland spricht gern über Innovation und behandelt Gründer oft wie Störer der Verwaltungsruhe. Gleichzeitig fehlt vielen Gründern der kulturelle Überschuss. Sie optimieren Prozesse, pitchen Skalierbarkeit, üben Investorenrhetorik und vergessen, dass große Unternehmen aus einem Weltverhältnis entstehen. Nixdorf brachte Datenverarbeitung an den Arbeitsplatz. Hartmut Esslinger wollte kulturelle Veränderung durch Design choreographieren. ECM änderte das Hören. Merve änderte das Lesen. Zweitausendeins änderte den Vertrieb. Die Schaubühne änderte das Theater.
Eine neue Gründerzeit braucht diesen Überschuss. Sie müsste anti-elitär sein, ohne anti-intellektuell zu werden. Sie müsste Unternehmen bauen, ohne im bloßen Unternehmertum zu enden. Sie müsste Gewinn erwirtschaften, ohne Gewinn zum einzigen Sinn zu erklären. Sie müsste die GmbH wieder als Freiheitsform begreifen: begrenzte Haftung für riskante Ideen, sichtbare Personen, klare Verantwortung, Beweglichkeit, Schutz vor Konzernträgheit.
Die Geisteswissenschaften als Gründungskapital
Gerade die Geisteswissenschaften könnten hier aus ihrer Verteidigungsstellung herauskommen. Ihr Kapital liegt nicht nur in Textkenntnis. Es liegt in der Fähigkeit, historische Muster zu erkennen, Begriffe zu prüfen, Erzählungen zu zerlegen, Symbole zu lesen, Institutionen zu verstehen und falsche Evidenzen zu durchschauen. Die KI-Gegenwart braucht genau diese Fähigkeiten. Ein Modell kann Texte erzeugen. Es weiß nicht, welche Öffentlichkeit es verändert. Es kann Muster finden. Es kennt keine Verantwortung. Es kann imitieren. Es besitzt keine Urteilskraft.
Wer daraus Unternehmen gründet, darf nicht an der Universität kleben bleiben. Neue Verlage, neue Recherchehäuser, neue Bildungsplattformen, neue Archive, neue journalistische Werkstätten, neue Kulturtechnik-Labore, neue KI-Werkzeuge für Schulen, Kommunen, Museen und Mittelstand: Das wäre die Bewusstseinsindustrie der Gegenwart. Nicht als akademische Rettungsfantasie. Als Arbeit.
Die Gründerzeit der zweiten Aufklärung
Der historische Bogen reicht weiter als 1968. Thomasius, Leibniz, Llull, Dutschke, Krahl, Kluge, Eicher, Merve, Steidl, Jobs: Sie gehören nicht in eine saubere Ahnenreihe. Sie markieren verschiedene Formen des Ungehorsams. Gegen Dogma. Gegen Großrechner. Gegen Konzernverlage. Gegen Kaderlogik. Gegen die Vorstellung, dass die bestehenden Institutionen schon wissen, was die Zukunft braucht.
Die zweite Aufklärung wird nicht aus bloßer Kritik entstehen. Kritik muss wieder gründen. Das war die Lehre der Jahre nach 1968. Der Aufruhr wurde wirksam, als er Verlage, Bühnen, Labels und Firmen hervorbrachte. Er wurde schwächer, wo er nur noch Symbolpolitik betrieb oder im Betrieb aufging.
Heute steht eine ähnliche Entscheidung an. Künstliche Intelligenz wird die Bewusstseinsindustrie neu ordnen. Entweder übernehmen Konzerne, Behörden und Beratungsapparate diese Ordnung. Oder eine neue Generation gründet dazwischen: eigensinnig, gebildet, technisch wach, haftungsbegrenzt und ungeduldig.
Der Aufruhr braucht eine Rechtsform. Die Hoffnung braucht ein Produkt. Die Idee braucht einen Vertrieb. Und der Geist der Emanzipation braucht wieder Menschen, die nach der Kritik zum Notar gehen.



















