
Heinrich von Kleists Satz über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden bekam in der Emil-Figge-Bibliothek an der TU-Dortmund eine philologische Probe. Walter Grünzweig stand vor dem großen Präsentationsmonitor, die Widmung Albert Einsteins lag vergrößert vor dem Publikum, und aus einer scheinbar gesicherten Lesart wurde ein Arbeitsfall. Heißt es „seiner Kollegen“ oder „seines Kollegen“? Das ist kein pedantischer Streit um einen Endbuchstaben. An dieser Stelle entscheidet sich, ob Einstein einen ganzen geistigen Berufsstand, eine politische Familie, eine sozialistische Denktradition oder einen einzelnen akademischen Kollegen Otto Nathans ironisch in den Blick nahm. Der Satz begann zu sprechen, als er groß auf dem Bildschirm stand.

Die Dortmunder Universitätsbibliothek hat den Fund inzwischen öffentlich eingeordnet: In der von Professor Walter Grünzweig überlassenen Sammlung nordamerikanischer Literatur mit mehr als 4.000 Bänden fand sich auf dem Vorsatzblatt des ersten Bandes von „Socialism and American Life“ eine bislang unbekannte Widmung Albert Einsteins aus dem Jahr 1952 an Otto Nathan. Die offizielle Lesung lautet: „Dem lieben Otto Nathan / Dem Freund und Heiligen / Dies Buch über die Irrfahrten / seiner Kollegen. A. Einstein 1952.“
Der Weg des Bandes klingt nach Antiquariatserzählung, verdient aber genauere Aufmerksamkeit. Grünzweig kaufte das zweibändige Werk im Juli 1993 im New Yorker „Strand“; das Preisschild von 35 Dollar klebt noch im Buch. Die handschriftliche Notiz fiel damals weder ihm noch dem Buchhandel auf. Erst bei der Katalogisierung der Dortmunder McGovern-Sammlung trat sie hervor. Die Universitätsarchivarin Dr. Stephanie Marra verglich die Schrift mit digital zugänglichen Einstein-Autographen und bewertet die Widmung als Original.
Ein Geschenk unter Verdacht der Ironie
Die vier Zeilen haben eine private Wärme, aber keine harmlose Oberfläche. „Dem lieben Otto Nathan“ klingt vertraut. „Dem Freund und Heiligen“ verschiebt die Widmung sofort ins Spiel. Ein Heiliger ist Nathan kaum im kirchlichen Sinn. Die Formulierung trägt Witz, Zuneigung, kleine Neckerei. Grünzweig griff bei der Dortmunder Präsentation genau diesen Zug auf: Nathan habe links von Einstein gestanden, Einstein mache sich mit der Formulierung vom „Freund und Heiligen“ möglicherweise über den moralischen Aktivismus seines Freundes lustig; im Englischen liege der Typus des „do-gooder“ nahe.
Otto Nathan war dafür die passende Figur. Der deutsch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler emigrierte nach 1933 in die USA, lehrte zunächst in Princeton, später unter anderem an der New York University, am Vassar College und an der Howard University. In Princeton begegnete er Einstein. Daraus entstand eine Freundschaft, die über Wissenschaft, Exil, politische Fragen, Vermögensangelegenheiten und Nachlassfragen hinausreichte. Vassar College beschreibt Nathan als einen engen Vertrauten, dem Einstein rechtliche, finanzielle und persönliche Angelegenheiten anvertraute; in seinem Testament von 1950 bestimmte Einstein Nathan zum alleinigen Testamentsvollstrecker und zusammen mit Helen Dukas zum Treuhänder seines Nachlasses.
Diese Nähe erklärt den Ton der Widmung. Einstein schreibt hier nicht für die Öffentlichkeit. Er formuliert für einen Freund, der seine politische Sprache versteht. Genau deshalb ist der Satz so schwer. Private Ironie spart oft die erklärenden Übergänge aus. Sie rechnet mit gemeinsamer Erfahrung, mit alten Gesprächen, mit geteilten Abneigungen, mit vertrauten Übertreibungen.
Das Buch als politischer Resonanzkörper
„Socialism and American Life“ erschien 1952 bei Princeton University Press, herausgegeben von Donald Drew Egbert und Stow Persons, mit einer Bibliografie von T. D. Seymour Bassett. Die zeitgenössische Anzeige in der „American Political Science Review“ führt zwei Bände mit 776 und 575 Seiten auf. Google Books verzeichnet das Werk als Band der „Princeton studies in American civilization“ und nennt in der Inhaltsübersicht Kapitel zu Klassifikationen des Sozialismus, mittelalterlicher Ökonomie, industrieller Revolution und verwandten Traditionslinien.
Das Werk war kein Agitationspamphlet. Es gehörte zur akademischen Kartierung einer politischen Tradition, die in den USA lange zwischen Utopie, Gewerkschaft, Einwanderungsmilieu, religiöser Gemeinschaftsform, Reformbewegung und Marxismus pendelte. Stow Persons, amerikanischer Ideenhistoriker, hatte in Princeton im Programm „American Civilization“ gearbeitet. Die University of Iowa beschreibt „Socialism in American Life“ als zweibändiges Projekt: ein Band mit Essays von Persons, Daniel Bell und anderen, ein zweiter Band als umfangreiche Bibliografie zum amerikanischen Sozialismus; beide Bände gelten dort weiterhin als Ausgangspunkte für Forschung.
Einstein schenkte Nathan also kein beliebiges Buch. Er legte dem Ökonomen, Exilanten und politischen Freund einen schweren akademischen Atlas sozialistischer Bewegungen in die Hand. Schon der Titel öffnet die Spannung: Sozialismus im amerikanischen Leben. Nicht als Importware, nicht als sowjetisches Schreckbild, nicht als bloßes europäisches Erbe. Das Buch verfolgt sozialistische Spuren im Inneren der amerikanischen Geschichte.
1952 war dafür ein riskantes Jahr. Die TU Dortmund ordnet die Widmung in das links-liberale Milieu jüdischer Exilintellektueller in der McCarthy-Ära ein. Öffentlich sozialistische Ansichten zu vertreten, konnte gefährlich werden; auch Nathan erlitt als linker Pazifist politische Repressalien. Drei Jahre zuvor hatte Einstein in der ersten Ausgabe der „Monthly Review“ seinen Essay „Why Socialism?“ veröffentlicht. Die Zeitschrift selbst weist diesen Text als Beitrag der ersten Ausgabe vom Mai 1949 aus.
Damit bekommt die Widmung ihre politische Ladung. Einstein konnte sozialistische Sympathien äußern. Nathan lebte politisch offenbar kompromissloser. Zwischen beiden entsteht der Ton der Widmung: Zuneigung, Distanz, Spott, Solidarität.
„Irrfahrten“: ein Wort mit Odyssee im Rücken
Das wichtigste Wort steht in der dritten Zeile: „Irrfahrten“. Einstein hätte „Geschichte“, „Wege“, „Versuche“, „Bewegungen“ oder „Abhandlungen“ schreiben können. Er wählt ein Wort, das Wanderung und Verfehlung verbindet. „Irrfahrt“ ruft die Odyssee auf, aber auch den Irrtum. Wer irrt, sucht. Wer auf Irrfahrt ist, kommt womöglich an, nach Umwegen, nach Schiffbruch, nach falschen Küsten.
Für ein Buch über amerikanischen Sozialismus ist das präzise. Die amerikanische Linke des 19. und 20. Jahrhunderts kennt Kolonien, Kommunen, Gewerkschaften, Parteien, religiöse Reformmilieus, Einwanderervereine, intellektuelle Salons, pazifistische Gruppen, marxistische Zirkel. Sie kennt Niederlagen und Wiederanfänge. Sie kennt den Widerspruch zwischen amerikanischem Freiheitsversprechen und kapitalistischer Wirklichkeit. Einsteins „Irrfahrten“ könnte diese Geschichte anerkennen und zugleich belächeln.
Das Wort trifft auch Nathan. Ein Ökonom, der aus Deutschland fliehen musste, in den USA akademisch arbeitete, politisch aneckte und später Einsteins Nachlass verwaltete, lebte selbst in einer historischen Verschiebung. Seine Biografie lag zwischen Weimar, Exil, Princeton, New York, Washington, McCarthy-Zeit und Nachlassverwaltung. Das Buch über amerikanische Sozialismen wurde ihm von einem Freund geschenkt, der ebenfalls aus Deutschland vertrieben worden war und in den USA zur moralischen Weltfigur wurde.
„Seiner Kollegen“ oder „seines Kollegen“
Die Dortmunder Pressefassung liest „seiner Kollegen“. Diese Lesung passt grammatisch und historisch. Dann spricht Einstein von Nathans Kollegen im Plural: Ökonomen, Sozialisten, akademische Reformer, politische Idealisten, linke Intellektuelle. Die „Irrfahrten seiner Kollegen“ wären die Bewegungen jener Menschen, die Nathan geistig nahestanden oder denen Einstein ihn freundlich zurechnete.
Auf dem großen Bildschirm kam bei Grünzweig eine zweite Möglichkeit ins Spiel. Er fragte während der Präsentation, ob der fragliche Buchstabe am Ende von „seine-“ vielleicht ein „s“ sei. Dann hieße die Stelle „seines Kollegen“. In diesem Fall bezöge sich Einstein auf einen einzelnen Kollegen Nathans, möglicherweise auf einen der Herausgeber oder Autoren des Princeton-Bandes. Grünzweig formulierte den Gedanken in Echtzeit: Falls „seines Kollegen“ zuträfe, müsse man den Autor oder Herausgeber des Buches näher prüfen; falls „seiner Kollegen“ zutreffe, läge die Deutung über Linke, Ökonomen und sozialistische Reformer näher.
Philologisch spricht vorerst mehr für Vorsicht als für Entscheidungslust. Die institutionelle Lesung „seiner Kollegen“ ist dokumentiert. Die Projektion zeigte aber, wie riskant Lesungen werden, sobald man sie aus der üblichen Bildgröße löst. Handschriften verändern ihre Evidenz mit dem Maßstab. Ein Buchstabe, der auf dem Vorsatzblatt beiläufig wirkt, verwandelt sich auf dem Monitor in einen Tatort.
Bei „seiner Kollegen“ trägt der Satz die ganze politische Gruppe. Bei „seines Kollegen“ wird er spitzer. Dann könnte Einstein einen akademischen Autor, Herausgeber oder Fachgenossen Nathans meinen. Donald Drew Egbert lehrte in Princeton; Stow Persons hatte seine einschlägigen Arbeiten aus der Princeton-Lehre heraus entwickelt und gab das Werk mit Egbert heraus. Die University of Iowa nennt Egbert ausdrücklich als Persons’ Kollegen bei der Edition. Der Singular hätte also Material. Er wäre aber erklärungsbedürftiger, da „Socialism and American Life“ ein kollektives Unternehmen ist und gerade seine Vielstimmigkeit zum Gegenstand passt.
Der rationalistische Einstein und das Telepathie-Fenster
Grünzweig führte in Dortmund noch eine zweite Irritation ein: Einstein und Telepathie. Das klingt zunächst wie ein Bruch im Bild des Physikers. Die Spur ist real. Upton Sinclair veröffentlichte „Mental Radio“, ein Buch über telepathische Experimente. Project Gutenberg führt Einstein als Autor des Vorworts. In diesem Vorwort schreibt Einstein, Sinclairs Buch verdiene ernsthafte Beachtung; zugleich hält er offen, ob die beschriebenen Phänomene auf Telepathie oder auf andere psychologische Einflüsse zurückgehen könnten.
Das ist kein Freibrief für Okkultismus. Es zeigt eine bestimmte intellektuelle Temperierung. Einstein konnte Behauptungen aufnehmen, ohne sie vorschnell in den Orkus zu werfen. Er konnte Sympathie für einen Autor wie Sinclair äußern und zugleich die Erklärung offenhalten. Grünzweig verwies in Dortmund auf Einsteins Korrespondenz mit Sinclair und auf die politisch linke Prägung beider; er erwähnte zugleich die gemeinsame Faszination für Telepathie und Sinclairs „Mental Radio“.
Damit gewinnt die Widmung eine zusätzliche Schicht. Einstein erscheint hier weder als Denkmal aus Marmor noch als reiner Physikapparat. Er schreibt als Freund, politischer Mensch, Leser, Spötter, Exilant. Er konnte Sozialismus ernst nehmen, Nathan necken, Sinclair lesen und über Telepathie nachdenken. Der Dortmunder Fund bringt diese beweglichere Figur ans Licht.
Das entlaufene Buch
Ein weiteres Rätsel betrifft den Weg des Exemplars. Nathans Privatbibliothek gelangte später an die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden. Dort wurden 17 Autographen entdeckt, keines davon von Einstein. Der Dortmunder Band blieb also außerhalb dieses Bestands. Joachim Kreische, Leiter der Dortmunder Universitätsbibliothek, nennt ihn daher das bislang einzige bekannte Buch, das Otto Nathan von Einstein mit Widmung erhielt.
Grünzweig skizzierte in Dortmund mögliche prosaische Lösungen. Das Buch könnte verliehen und nie zurückgegeben worden sein. Es könnte aus einem anderen Besitzweg in den Antiquariatshandel geraten sein. Im „Strand“ hätten Mitarbeiter die Schrift gesehen, aber die Signatur nicht erkannt. Das alles klingt unspektakulär. Gerade darin liegt die Plausibilität. Viele Sensationsfunde entstehen aus übersehenen Alltagsbewegungen: kaufen, lesen, verleihen, verkaufen, katalogisieren.
Die Widmung wurde also dreimal verkannt. Otto Nathan behielt den Band nicht in jenem Nachlasszusammenhang, den man heute erwarten würde. Der New Yorker Antiquariatshandel taxierte ihn nach Buchwert, nicht nach Autographenwert. Grünzweig kaufte ihn als Teil seiner amerikanistischen Sammelarbeit, ohne die Einstein-Zeilen als Fund zu registrieren. Erst die Bibliothek machte aus dem Buch wieder ein Dokument.
Ein Amerika-Bild aus Büchern
Die Präsentation in Dortmund war deshalb keine reine Autographenfeier. Sie handelte von einer Bibliothek als Denkform. Grünzweig beschrieb seine Sammlung als private amerikanistische Arbeitsbibliothek, entstanden aus Studienjahren, Antiquariaten, Postsäcken, Lehrveranstaltungen, Leihgeschichten und Forschungsschwerpunkten. Die Bibliothek ergänzte über Jahrzehnte den Dortmunder Bestand zur amerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte.
Der Fund fügt sich in dieses Bild. „Socialism and American Life“ steht zwischen amerikanischer Ideengeschichte, Exilgeschichte, politischer Verfolgung und Buchgeschichte. Die Widmung macht aus dem Band kein Reliquiar. Sie macht ihn zu einer Schnittstelle. Einstein berührt Nathan. Nathan berührt den amerikanischen Sozialismus. Princeton berührt Dortmund. Ein 35-Dollar-Buch aus New York berührt die McCarthy-Zeit. Eine Präsentation vor Publikum verwandelt eine Lesart in eine offene Frage.
So erklärt sich die eigentliche Qualität des Fundes. Der Wert liegt nicht allein im Namen Einstein. Viele Einstein-Autographen kreisen um Aura, Markt und Prominenz. Der Dortmunder Band verlangt mehr: Grammatik, Provenienz, politische Geschichte, Exilforschung, Amerikanistik, Schriftvergleich, Ironielehre. Das kleine Wort am Ende der dritten Zeile zwingt zur Wissenschaft. Es bewahrt die Widmung vor der schnellen Eindeutigkeit.
Am Ende bleibt der Satz in Bewegung: „Dies Buch über die Irrfahrten seiner Kollegen“ — vielleicht. Oder: „seines Kollegen“ — noch zu prüfen. In beiden Fällen spricht Einstein aus einer Freundschaft heraus, die politisch grundiert war und intellektuell wach blieb. Der große Bildschirm in der Emil-Figge-Bibliothek hat aus der Widmung kein endgültiges Rätsel gemacht. Er hat gezeigt, wie ein Rätsel richtig beginnt.
Drei Lesungen als Schlüssel zur Bibliothek

Die Einstein-Widmung stand im Zentrum des Abends. Doch die Dortmunder Präsentation wäre falsch verstanden, sähe man in ihr bloß die Feier eines prominenten Autographs. Die drei Lesungen aus Mark Twain, Susan Sontag und Edgar Allan Poe führten vor, was diese McGovern-Bibliothek im Inneren zusammenhält: Amerika als Literatur, als Religionsgeschichte, als Exilraum, als ideologischer Streitfall, als Übersetzungsproblem.

Mark Twain eröffnete diese literarische Vermessung mit „Huckleberry Finn“. Gelesen wurde eine Passage vom Mississippi, vom Floß, vom entflohenen Jim, vom falschen König, von religiöser Erregung und betrügerischer Geschäftstüchtigkeit. Die Szene ist komisch, brutal und politisch zugleich. Sie zeigt den amerikanischen Süden als Bühne einer Frömmigkeit, die sofort in Geld, Maskerade und Gewalt umschlägt. Wer darin bloß Jugendliteratur erkennt, verfehlt Twain.
Grünzweig machte daraus eine kleine Geschichte der Lesarten. Das Dortmunder Exemplar stammt aus der DDR-Reclam-Welt. In dem Band fand sich seine eigene Eintragung: Budapest, 15. März 1978. Als junger Amerikanistikstudent kaufte er dort DDR-Ausgaben, teils Bücher, die in der DDR selbst schon schwer zugänglich waren. Ihn interessierte damals, was ein DDR-Amerikanist wie Karl-Heinz Schönfelder über Twain schrieb. Die Antwort führte mitten in die Ideologiegeschichte des Lesens. Amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts passte in der DDR gut in ein marxistisches Deutungsraster, weil die bürgerliche Klasse jener Epoche als fortschrittliche Kraft gelesen werden konnte. Twain, Whitman, Poe, Cooper: Sie ließen sich in dieses Schema einordnen. Spätere amerikanische Literatur verlangte mehr dialektische Verrenkung, mehr Vorwort, mehr Nachwort, mehr ideologische Absicherung. Ein Reclam-Bändchen wurde damit zum Zeugnis der Literaturpolitik.

Susan Sontag verschob den Abend in eine andere Tonlage. Gelesen wurde aus „In America“, aus einer Passage, in der Gott selbst als Schauspieler erscheint: Gott als Bürovorsteher, Reiseveranstalter, alter Komödiant; Migration als Drama, Atlantiküberquerung als historischer Apparat, Amerika als Zukunftsversprechen mit religiöser Kulisse. Sontag nimmt jene große amerikanische Erzählung von Aufbruch, Bühne und Selbstneuerfindung auseinander, indem sie Gott in ein Kostüm steckt und ihn am Schreibtisch arbeiten lässt. Die Theologie wird Verwaltung, Geschichte wird Theater, Auswanderung wird Inszenierung.
Auch hier bestand Grünzweigs Erläuterung aus mehr als Autorinnenverehrung. Er erinnerte an „Against Interpretation“, jenen Essay, mit dem Sontag gegen die Gewohnheit anschrieb, Literatur auf die Frage zu reduzieren, was der Autor gemeint habe. Entscheidend sei, wie ein Kunstwerk arbeitet, wie es Form gewinnt, wie es Wahrnehmung organisiert. Für die Lehre der Dortmunder Amerikanistik wurde Sontag damit zur Verbündeten gegen die Schulroutine der Inhaltsentschlüsselung. Zugleich verwies Grünzweig auf die Übersetzung von Eike Schönfeld, auf die Schwierigkeit, Sontags Prosarhythmus ins Deutsche zu bringen, und auf Armin Mueller-Stahls Porträt der Autorin. Mueller-Stahl notierte auf seinem Bild eine zerbrechliche, traurige Sontag. Grünzweig widersprach aus Erinnerung: Sontag habe auf ihn kämpferisch, präsent, unerschrocken gewirkt. Ihre Arbeit im belagerten Sarajevo gab dieser Erinnerung den historischen Ernst.

Edgar Allan Poe führte schließlich an den Ursprung der amerikanischen Moderne im 19. Jahrhundert zurück. Die Lesung aus „The Tell-Tale Heart“ machte den inneren Monolog zum akustischen Ereignis. Das Herz schlägt, der Erzähler spricht schneller, die Sprache kippt in Zwang, das Verbrechen wandert vom Boden unter den Dielen in das Ohr des Täters. Poe erscheint hier als Autor der psychischen Mechanik, der genauen Überhitzung, der paranoiden Wahrnehmung. In Grünzweigs Sammlung gehört er zu jenem 19. Jahrhundert, das die Dortmunder Amerikanistik über Jahrzehnte prägte: Cooper, Thoreau, Poe, Hawthorne, Melville, Twain. Diese Namen bilden kein Dekor. Sie markieren eine Forschungsgeschichte.
So rahmten die drei Lesungen den Einstein-Fund. Twain zeigte die politische Lesbarkeit Amerikas. Sontag zeigte die ästhetische Arbeit am Mythos Amerika. Poe zeigte die dunkle Innenwelt einer Literatur, die das moderne Bewusstsein lange vor Freud in Sprache fasste. Zwischen diesen Texten lag die Widmung Einsteins an Otto Nathan keineswegs isoliert in der Vitrine. Sie gehörte in eine Bibliothek, in der Bücher ihre Wege durch Staaten, Ideologien, Übersetzungen, Freundschaften und Zufälle nehmen.
Am Ende trat der Sensationsfund damit aus dem Glanz des Namens Einstein heraus. Er wurde Teil einer größeren Ordnung. Ein Vorsatzblatt, ein DDR-Reclam-Band, eine Sontag-Übersetzung, eine Poe-Stimme: Alles sind Spuren einer amerikanistischen Arbeit, die Bücher liest, statt sie bloß zu besitzen. Die Dortmunder McGovern-Bibliothek ist deshalb kein Grab der alten Gelehrsamkeit. Sie ist ein offener Arbeitsraum aus Papier, Randnotizen, Irrwegen, Lesestimmen und wiedergefundenen Zeichen.

















