Sag – hast du sie gesehen? Nicht die Miliana auf Fotos, nicht die auf Urkunden, oder in Mails. Ich meine sie – so wie sie war. Die, die plötzlich lachen konnte, mit einem Blick, der ganze Räume wärmte.
Ich habe manchmal Angst, dass ich vergesse, wie sich ihre Stimme anhörte, wenn sie meine Ironie durchschaut hat und dann einfach nur leise den Kopf schüttelte. Nicht vorwurfsvoll. Sondern mit diesem Blick. Diesem Blick, der am 6. Mai 2019 verschwand.
Aber wenn ich die Augen schließe – dann sehe ich sie manchmal noch. Ganz kurz. So wie sie war, bevor sie ging.
Heute wäre sie 53 geworden. Ich sehe sie vor mir, wie sie in der Küche zaubert – mit Hingabe, Ruhe und diesem besonderen Funkeln in den Augen. Am Tisch: die engste Familie, ein paar liebe Cousinen, vielleicht alte Freunde. Goran Bregović läuft im Hintergrund, leise, dann wieder laut – ganz wie sie. Der Duft ihres Essens zieht durchs Haus – kein Menü, sondern ein Geschenk. Der Wein ist auf den Punkt, das Lächeln echt, die Stimmung warm. Und sie – in ihrem Element, voller Herz, voller Leben.
Ich bin heute nicht bitter. Nur etwas leer. Und das vergeht nicht. Es war schön, solange es dauerte. Viel zu kurz. Aber es war.
Ich wünschte, ich könnte dich heute umarmen. Nicht, um dich zurückzuholen. Sondern nur, um dich noch einmal zu sehen, so wie du warst – the way you were before.
Das Geräusch kommt, bevor überhaupt ein Gedanke zu Ende gedacht ist. Ein gedehntes „mmmmmh“, als würde da jemand tief in den Brunnen der Vernunft blicken, dabei ist es nur der Deckel: Du liegst falsch, und ich bin zu erhaben, es auszusprechen. Danach ein „tztztz“, dieser Zungenklick, der nicht argumentiert, sondern etikettiert. Du wirst nicht widerlegt, du wirst abgewertet. Und das Beste: Es bleibt völlig unbewiesen, weil es ja nur ein Geräusch war. Wie praktisch, wenn man geistig gern schießt, aber nie die Fingerabdrücke auf der Waffe haben will.
Das ist keine Klugheit, das ist Geräusch-Herrschaft. Die akustische Variante des Augenbrauenhochzugs. Eine Form von Überlegenheit, die keine Verantwortung trägt, weil sie nirgendwo richtig steht. Sie hängt wie schlechte Luft im Raum und man wird sie nur schwer wieder los.
Die Andeutungstäter und ihr Lieblingssport: Korrigieren ohne Risiko
Widerspruch wäre ehrlicher. Aber Widerspruch könnte scheitern. Also wird nicht widersprochen, sondern suggeriert. Da wird „interessant“ gesagt und „lächerlich“ gemeint. Da wird „puh“ gehaucht und so getan, als hätte man gerade ein komplexes Gegenargument in der Lunge sortiert. Da kommt „nur zur Einordnung“, als wäre dein Satz ein falsch aufgehängtes Bild, das die semantischen Hausmeister des Richtigen jetzt mit Handschuhen wieder gerade rücken.
Streber bleiben Streber, auch wenn sie jetzt „Meeting“ sagen
Man erkennt sie wieder, nur das Klassenzimmer wurde umdekoriert. Früher waren das die Schüler, die sofort den Finger heben, wenn jemand einen kleinen Fehler macht. Heute sind es dieselben Typen im Büro: Sie sagen ständig „rein formal“ und nutzen Meetings vor allem, um andere zu korrigieren. Es ist das gleiche Verhalten wie früher – nur als Job.
Diese Sorte Mensch redet nicht, sie nimmt ab. Gespräche sind bei ihnen Prüfungen. Sätze sind bei ihnen Unterlagen. Du sprichst, und sie scannen dich. Nicht auf Wahrheit, sondern auf Abweichung. Sobald etwas zu frei klingt, wird es eingefangen, glattgezogen, entmutigt. Der Sinn des Austauschs ist nicht Austausch, sondern Disziplin. Die Welt soll nicht verstanden werden, sie soll korrekt aussehen.
Die Ermahnung als Handseife der Macht
Besonders fettig wird es, wenn die Ermahnung kommt. Ermahnung ist Macht, die nach Hygiene riecht. „Bitte sachlich bleiben“, sagt die Person, die gerade mit „mmmmmh“ die emotionalste Handgranate geworfen hat: den Hinweis, dass du nicht ernst zu nehmen bist. „Ton macht die Musik“, sagt sie, und ihr Ton ist das Geräusch, das ein Aktenordner macht, wenn er dir über den Schädel gezogen wird.
Das Geniale daran: Wer ermahnt, stellt sich automatisch auf die Seite des Guten. Du bist dann nicht einfach anderer Meinung, du bist unsachlich, unhöflich, problematisch. Die Diskussion wird zur Moralveranstaltung.
Emoji-Pädagogik und andere digitale Ohrfeigen
Im Gruppenchat wird daraus eine Kunstform. Da wird nicht geantwortet, da wird markiert. Ein Smiley als Handschuh, damit die Ohrfeige nicht so rot aussieht. Ein Zwinker-Emoji als Köder: Ich weiß mehr, aber ich gönn’s dir nicht. Falls du dich wehrst, war ja nur Spaß. So entsteht eine Kommunikation, die wie ein Escape Room funktioniert. Du suchst ständig den Ausgang, und sie stellen dir Hinweise hin, die keine sind, aber sehr nach Überlegenheit riechen.
Die Andeutung ist digital noch feiger, weil sie schneller ist. Ein „lol“ ersetzt ein Argument. Ein „hm“ ersetzt Verantwortung. Ein „tja“ ersetzt Empathie. Und wenn du fragst, was genau gemeint war, kommt der Klassiker: Man habe doch gar nichts gesagt. Stimmt. Und genau das war der Angriff.
Das Pusteröhrchen: Wie man Geräusche wieder zu Sätzen zwingt
In der Schule gab es dafür das passende Gegenmittel: das Pusteröhrchen. Nicht aus Mordlust, sondern aus Gleichgewichtssinn. Ein kleiner Stich, ein klares Signal: Wer hier mit Nebel arbeitet, bekommt einen Hauch zurück. Heute ist das Pusteröhrchen sprachlich. Heute schießt man keine Papierkügelchen, heute schießt man Klarheit.
Man sagt: Sag’s als Satz. Sag, was du meinst. Leg’s auf den Tisch. Denn in dem Moment, in dem sie wirklich aussprechen müssen, was vorher nur „mmmmmh“ war, passiert etwas Wunderbares: Sie riskieren plötzlich selbst etwas. Sie können dann nicht mehr gleichzeitig schlagen und unschuldig gucken.
Und falls sie sich wieder in die Metaebene retten wollen, in diese kleine pastorale Zone aus „Ich will ja nur helfen“ und „nicht falsch verstehen“, dann bleibt ein letzter, sauberer Schuss: Ich rede gern über das Thema. Nicht über deine Geräusche dazu.
Hans-Wilhelm Dünn warnt auf der KOMI-Zukunftswerkstatt in Stuttgart vor trügerischer Sicherheit – und fordert Resilienz-Architektur sowie digitale Souveränität
Cybersicherheit ist keine klassische IT-Disziplin mehr, sondern eine sicherheitspolitische Kernfrage. Im Smarter-Service-Interview auf der KOMI-Zukunftswerkstatt in Stuttgart skizziert Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrats Deutschland e.V., warum Deutschland seine digitale Verwundbarkeit unterschätzt – und weshalb Regulierung allein keine Handlungsfähigkeit im Ernstfall erzeugt.
Dünn beschreibt eine wachsende Asymmetrie: Angreifer agieren mit industrieller Skalierung, während Verteidigung in Behörden und Unternehmen häufig in Zuständigkeiten, Prozessen und Budgetzyklen steckenbleibt. Die Folge seien Ketteneffekte, die weit über einzelne Unternehmen hinausreichen – von Energie und Telekommunikation bis hin zu Wasser, Gesundheit und Produktion.
Im Zentrum steht dabei der Ruf nach einem Umbau der Sicherheitsarchitektur: Weg von fragilen Zentralitäten, hin zu verteilter Resilienz. „Wir müssen von der zentralen in die dezentrale Ausbreitung gehen – Inseln bauen“, so Dünn mit Blick auf Rechenzentren und Energieversorgung. Digitale Souveränität bedeute vor allem Kontrolle über die eigenen Abhängigkeiten – technisch, organisatorisch und strategisch.
Kernaussagen aus dem Interview:
Resilienz statt Reaktion: Cybersicherheit muss wie Brandschutz gedacht werden – als Standard, nicht als Krisenmaßnahme.
Dezentralisierung als Schutzprinzip: Redundanz und „Inseln“ reduzieren die Wirkung von Nadelstichen und Kaskaden.
Hybrid denken: Schutz braucht Zusammenspiel von Cyberabwehr, Krisenmanagement, physischer Sicherheit und Desinformationsresilienz.
Souveränität durch Fähigkeiten: Deutschland müsse eigene Erkenntnis- und Abwehrfähigkeiten stärken – statt struktureller Abhängigkeit von Partnerhinweisen („Five Eyes“).
Ein Schild in Palma erinnert an eine Mystikerin – und daran, dass Mallorca auch aus Kommentaren besteht
An einer dunklen Steinmauer in Palma hängt ein Schild, das nichts verkaufen möchte: keine Aussicht, kein „Must-see“, keine Verheißung von Authentizität. Es nennt einen Namen und ein Datum – Sor Anna Maria del Santíssim Sagrament (Valldemossa 1649 – Palma 1700) – und fügt drei Zuschreibungen hinzu, die wie eine kleine Programmschrift wirken: erste mallorquinische Schriftstellerin, Mystikerin, Lul·lista. Das Schild vermerkt zudem ihren Ort: das Kloster Santa Caterina de Siena, wo sie lebte und starb – und wo sie ihren Kommentar zu Ramon Llulls „Llibre d’amic e amat“ verfasste. Mehr steht nicht da. Aber es reicht, um die Insel kurz aus der Gegenwart herauszudrehen und in eine Tradition zurückzustellen, die Mallorca gern verschweigt: die Tradition der geduldigen Auslegung.
Llull: Ein Text, der wie ein Gebet denkt
Ramon Llulls „Buch vom Freund und der Geliebten“ ist, bei allem Titelzauber, kein romantisches Stück. Es ist verdichtete Spiritualität: kurze Prosaminiaturen, die Liebe als Erkenntnisweg behandeln, als Bewegung zwischen Nähe und Entzug, zwischen Sehnsucht und Ordnung. Man kann diese Texte wie Gebete lesen – und zugleich wie Denkübungen, die den Geist schärfen sollen. Llull schreibt nicht, um zu erzählen; er schreibt, um eine Haltung zu erzeugen.
Gerade deshalb ist das Werk so kommentierwürdig. Es ist offen genug, um darin zu wohnen, und streng genug, um einen nicht in beliebiger Innerlichkeit versinken zu lassen. Wer Llull liest, merkt schnell: Hier ist jemand, der Mystik nicht als Nebel, sondern als Disziplin versteht.
Der Kommentar als Lebensform
Und genau hier beginnt Anna Marias eigentliche Modernität. Ein Kommentar ist kein Beipackzettel; er ist eine zweite Stimme, die sich an einen Text bindet, um sich an ihm zu üben. Kommentieren heißt: nicht nur zustimmen, sondern mitdenken, nachsprechen, widersprechen, verdichten, klären. Im klösterlichen Kontext ist der Kommentar zudem Praxis: ein Rhythmus aus Lesen, Wiederholen, Auslegen – eine Methode, aus Sprache Erfahrung zu machen.
Dass Anna Maria im Kloster Santa Caterina de Siena einen Kommentar zu Llull schrieb, lässt sich daher als mehr begreifen als als gelehrte Beschäftigung. Es ist ein Hinweis darauf, wie Llullismus auf Mallorca funktionierte: nicht als museale Verehrung eines großen Namens, sondern als Weiterverarbeitung – als geistige Technik, die in der Zelle weiterlebte. Anna Maria stellt sich damit in eine Tradition, die im Mittelalter begann und im 17. Jahrhundert nicht einfach fortlief, sondern sich veränderte: Llulls knappe Strenge trifft auf barocke Innerlichkeit, auf die religiöse Erfahrungsdichte einer Zeit, die mit Heilsgewissheit ebenso vertraut war wie mit Heilsangst.
Ihr Kommentar wird so zur Schnittstelle: zwischen einem mittelalterlichen Denker, der Systeme baute, und einer Frau, deren Schreibraum eine Klosterzelle war. Zwischen öffentlicher Gelehrsamkeit und privater Arbeit am Text. Zwischen Autorität und Aneignung.
Eine erste Schriftstellerin – und warum das nicht klein ist
Das Schild nennt Anna Maria die „erste mallorquinische Schriftstellerin“. Diese Formel wirkt heute wie ein Etikett, ist aber in ihrer historischen Konsequenz alles andere als klein. Denn Schreiben im Kloster bedeutet nicht: Schreiben im Abseits. Es bedeutet: Schreiben unter Bedingungen, die Öffentlichkeit anders organisieren – über Handschrift, Überlieferung, über geistliche Netzwerke, über das langsame Wandern von Texten. Der Kommentar ist in diesem Milieu kein Nebenprodukt, sondern eine legitime Form, sich Autorität zu erarbeiten: nicht durch Originalitätsgesten, sondern durch Präzision.
Man könnte sagen: Anna Maria wählt nicht die Pose der Schöpferin, sondern die Rolle der Auslegerin – und trifft damit eine Form, die ihre Zeit ernst nimmt. Wer Llull kommentiert, stellt sich bewusst unter einen Text, aber nicht unterwürfig. Man akzeptiert das Gefälle – und nutzt es, um sich daran aufzurichten.
Wir haben Mallorca nicht „bereist“, wir haben es bewohnt – zumindest für ein paar Tage. Unser Quartier war das Hotel Eden im Port de Sóller, dort, wo die Bucht den Rhythmus vorgibt und der Winter die Insel in einen ruhigeren Aggregatzustand versetzt. Keine Hochsaison-Gesten, kein touristisches Dauerlächeln. Stattdessen Licht, das länger bleibt als erwartet, und eine Gelassenheit, die sich wie eine zweite Haut über den Ort legt.
Port de Sóller ist im Winter nicht leer, sondern entlastet. Man hört wieder, was sonst untergeht: Schritte auf Holz, Stimmen aus den Cafés, das Klirren von Geschirr, das kurze Aufatmen einer Tür, die ins Warme fällt. Von dieser Basis aus haben wir Tagesausflüge gemacht – und sind abends immer wieder in den Hafen zurückgekehrt, als hätte er eine eigene Gravitation.
Tagesausflug 1: Valldemossa und der andere Mallorca-Winter
Valldemossa ist im Winter eine Art Gegenentwurf zum Hafen: enger, steinerner, kontemplativer. Dort, in der Kartause, wird Geschichte nicht erzählt, sie liegt einfach herum – in Korridoren, Zellen, Innenhöfen. Und genau dort, zwischen Mauern und feuchter Kühle, bekommt die berühmte Episode mit George Sand und Frédéric Chopin eine physische Plausibilität.
Sie kamen mit der Hoffnung auf ein heilendes Klima und fanden einen Winter, der ihnen unerquicklich erschien: feuchte Luft, kühle Räume, eine Umgebung, die dem unverheirateten Paar skeptisch begegnete. Sand hat das später in ihrem Bericht scharf festgehalten – nicht ohne Übertreibung, aber mit der Präzision der Enttäuschten. Chopins Krankheit machte den Aufenthalt zur Daueranspannung; selbst das Klavier wurde zum Symbol der Reibung zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Und doch: Wer heute bei Sonne durch Valldemossa geht, merkt, wie sehr das Urteil über einen Ort auch von den Bedingungen abhängt, unter denen man ihn erlebt. Dass wir nach Port de Sóller zurückfahren konnten – ins warme Licht, ins bewohnte Heute –, ist ein Luxus, den Sand und Chopin in dieser Form nicht hatten.
Tagesausflug 2: Sóller – Wanderung durchs Tal der Zitrusfrüchte
Ein zweiter Tag gehörte Sóller selbst, dem Tal hinter dem Hafen, das wie ein aufgeschlagenes Buch zwischen den Bergen liegt. Die Wanderung beginnt dort, wo das Städtische ausfranst: an Trockenmauern, an Wegen, die von Generationen geglättet wurden, an Plantagen, die der Landschaft Struktur geben.
Dann Orangen – nicht als Dekoration, sondern als Selbstverständlichkeit. Zitronen, die in der Wintersonne fast zu leuchten scheinen. Mandelbäume, je nach Woche noch karg oder schon mit jenem zarten Weiß-Rosa, das den Frühling ankündigt, bevor er offiziell da ist. Der Duft ist das eigentliche Souvenir: Zitrus, kühl, klar, mit einer Spur Bitterkeit. Und immer wieder diese unaufdringliche Freundlichkeit der Menschen – ein Nicken, ein Gruß, kein Theater.
Ramon Llull: Die Insel als Denkraum
Mallorca ist nicht nur Landschaft, Mallorca ist auch Idee. Wer nach einer Wanderung mit Zitrusduft in der Kleidung auf die Klarheit des Winterlichts schaut, versteht besser, warum die Insel eine Figur wie Ramon Llull hervorbringen konnte: Philosoph, Mystiker, Sprach- und Systemarbeiter – ein Mann, der nicht beim Eindruck stehen blieb, sondern nach Ordnung suchte.
Llulls Denken passt erstaunlich gut zu dieser Jahreszeit. Der Winter macht die Insel nicht spektakulärer, sondern deutlicher: Linien statt Schleier, Struktur statt Überwältigung. Als wolle Mallorca sagen, was Llull gewusst haben muss: Dass Klarheit nicht kalt ist – sondern eine Form von Wahrhaftigkeit.
La Miranda: Die große Pfanne und die richtige Wärme
Und dann, am Abend, zurück im Hafen: La Miranda. Das leuchtende Schild über der Tür ist weniger Reklame als Versprechen. Drinnen warmes Licht, Holz, Stimmen, ein Service, der nicht animiert, sondern willkommen heißt.
Die Paella kommt in der großen Pfanne – ein Moment, der fast still macht. Rotgoldener Reis, tief in Fond und Safran verankert, Muscheln wie dunkle Klammern am Rand, Garnelen obenauf, Zitronenspalten als präziser Eingriff in die Fülle. Der Reis trägt das Gericht, nicht umgekehrt: Körnig, aber saftig, konzentriert, ohne schwer zu wirken. Man schmeckt Meer, Würze, Zeit – und diese seltene Sicherheit, dass hier jemand kocht, um zu treffen, nicht um zu beeindrucken.
Rückkehr ins Hotel Eden: Winter als Einladung
So entsteht eine kleine Dramaturgie, ganz ohne Planungsaufwand: morgens los, tagsüber Insel – abends Hafen. Hotel Eden als ruhige Basis, Valldemossa als historische Gegenfolie, Sóller als Landschaftserlebnis, La Miranda als kulinarischer Schlusspunkt.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Mallorca viele Winter hat. Sand und Chopin erlebten einen, der ihnen die Insel verschloss. Wir erleben einen, der sie öffnet: sonnig, freundlich, kulinarisch präzise. Vielleicht ist das die eigentliche Reiseerkenntnis: Orte ändern sich – aber noch mehr ändern sich die Bedingungen, unter denen wir sie lesen. Und manchmal reicht ein Tag zwischen Orangen und Mandelbäumen und ein Abend mit Paella, um zu begreifen, dass Winter auf Mallorca kein Urteil ist, sondern eine Einladung.
Eine fiktive Glosse, geschrieben so, als säße Hugo von Hofmannsthal heute wieder im Sommer in Salzburg und führte – mit jener höflichen Bosheit, die er den Masken zutraute – Protokoll über das, was man nicht auf der Bühne sieht.
Ich bin, wider alle Biologie, wieder da. Und kaum bin ich da, ist es wieder da: dieses sonderbare Gemeinwesen, das im Juli und August seine eigene Wirklichkeit auswechselt wie andere Leute das Tischtuch. Die Stadt ist dann nicht Stadt, sondern Behauptung: dass Kunst möglich sei, obwohl ringsum alles nach Verordnung riecht. Ein Sommerstaat. Ein Operettenhof. Ein religiöses Fest der Zuständigkeiten.
Man spielt Jedermann, selbstverständlich. Aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie zuverlässig man daneben ein anderes Stück aufführt – ein Stück ohne Programmheft, ohne Premierenfeier, doch mit großem Ensemble: „Der Prozess“. Und ich meine nicht Kafka, sondern die schönere, neuere Tragikomödie: das Verfahren als Moral, die Ausschreibung als Liturgie, die Anhörung als Hochamt.
Neulich nun wurde, so verlautete es, eine gelbe Karte gezeigt. Die Festspielstadt hat den Barock hinter sich gelassen und ist im Sportjournalismus angekommen – man muss das als Fortschritt würdigen. Gelb ist das perfekte Drohmittel unserer Zeit: nicht endgültig, nur öffentlich. Nicht Strafe, eher Vorahnung. Eine Farbe wie ein Räuspern.
Weshalb Gelb? Weil hier, wie in allen höfischen Gebilden, nicht das Falsche das Schlimmste ist, sondern das Unabgestimmte. Man wirft einander nicht vor, dass man etwas gedacht habe – das wäre privat. Man wirft einander vor, dass man es zu früh gesagt habe. Dass ein Name ins Licht gehalten wurde, ehe das Licht offiziell eingeschaltet war. Dass die Reihenfolge der Verkündung nicht eingehalten wurde, diese feinste aller Rangordnungen.
Denn in solchen Häusern gilt eine Wahrheit, die ich früher unter dem Titel „Maske“ behandelte und die heute „Governance“ heißt: Wahr ist nicht, was stimmt. Wahr ist, was autorisiert ist.
Da gibt es oben einen Kreis, der gern „Gremium“ genannt wird, als sei das ein Naturphänomen wie Nebel. Dieser Kreis spricht in Sätzen, die sich nicht festnageln lassen: „Das kann man so nicht stehen lassen.“ „So geht es nicht.“ „Man muss ein Zeichen setzen.“ Das „man“ ist die Plüschdecke der Macht: Sie wärmt den Sprecher und lässt niemanden greifen.
Und darunter, in einer Zone, die man früher „Künstler“ nannte und heute „künstlerische Leitung“ – wobei schon das Wort „Leitung“ verrät, wie sehr man inzwischen an Rohre denkt –, darunter also sitzt jemand, der offenbar glaubte, ein Fest sei noch immer auch ein Ort der Entscheidung. Und nun erfährt er, dass in der Festspielstadt Entscheidungen nicht getroffen, sondern abgewickelt werden: über Kanäle, Stufen, Zustimmungen, Gegenzeichnungen, Flurgespräche, „kurze Abstimmungen“.
Einmal, so heißt es, standen sieben Stühle bereit. „Finalrunde“ stand darüber, dieses hübsche Wort, das die letzte Auswahl wie ein Sportturnier aussehen lässt. Und irgendwo im Halbdunkel winkte ein achter Stuhl aus einer Zeitung heraus – ich nenne sie nicht; sagen wir: Sie trägt gern Krönchen. Ob dieser achte Stuhl wirklich dazugehört habe, darüber entbrannte plötzlich eine Erregung, als hätte jemand beim Hochamt die Hostie selbst gebacken.
Dann fiel das große Wort: Unwahrheit. Das ist, im Kulturbetrieb, ein besonders nützliches Wort, weil es zugleich moralisch klingt und doch meist organisatorisch gemeint ist. Unwahrheit heißt hier oft: Du hast die Dramaturgie des Apparats missachtet. Du hast die falsche Stelle gewählt, um das Richtige zu sagen. Du hast die Hierarchie der Veröffentlichung verletzt, also die eigentliche Verfassung.
Worüber man dabei kaum spricht – und das ist das Komische –, ist die Kunst. Die Kunst ist in diesen Debatten wie der Kronleuchter: teuer, glitzernd, selbstverständlich da, aber selten Thema. Man redet über Vertrauen, über Verfahren, über beschädigte Abläufe – und nur am Rand, wie über eine empfindliche Zimmerpflanze, über das Programm. Dabei wirkt ausgerechnet das, was nach außen hin angekündigt wird, plötzlich einmal so, als sei es nicht bloß Dekoration des Sommers: riskant, sperrig, anspruchsvoll, mithin unerquicklich für alle, die Kultur gern als Beruhigungsmittel führen.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Skandal: dass die Kunst sich an einem Punkt wieder einbildet, sie dürfe stören.
Denn die Festspielstadt liebt das Störungsfreie. Sie liebt den Glanz, der nicht kratzt, die Bedeutung, die nicht widerspricht. Sie liebt die Tradition, weil Tradition zuverlässig ist – sie kommt jedes Jahr wieder und stellt keine Fragen. Aber wenn Fragen auftauchen, dann kommen sie selten von der Bühne. Sie kommen von der Eitelkeit.
Ach, diese Eitelkeit. Sie ist hier kein Laster, sie ist ein Baustoff. Und wie jeder Baustoff wird sie verarbeitet: zu Cliquen, zu Klüngeln, zu Karrieren. Die Clique ist der warme Raum, in dem man sich gegenseitig bestätigt, dass man recht hat. Der Klüngel ist die Abkürzung, die alle kennen und keiner zugibt. Die Karriere ist das Märchen, in dem Macht sich als Verantwortung verkleidet.
Das alles ist nicht neu. Neu ist nur die Sprache, in der es geschieht: früher sagte man „Hof“, heute sagt man „Stakeholder“. Früher sagte man „Gunst“, heute sagt man „Vertrauen“. Früher sagte man „Intrige“, heute sagt man „Kommunikationsproblem“. Die Substanz bleibt: Man verletzt einander nicht mit Worten, sondern mit Prozeduren.
Und nun, da Gelb gezeigt wurde, beginnen alle das Spiel, das die Festspielstadt so hervorragend beherrscht: das öffentliche Ungefähre. Man lässt offen, wie ernst es ist. Man lässt offen, was folgen könnte. Man lässt offen, wer eigentlich gekränkt ist – und gerade damit stellt man sicher, dass alle gekränkt sind. Es ist eine Form von Nebelkrieg, der so höflich geführt wird, dass man ihn für Wetter halten könnte.
Dabei steht im Hintergrund ein viel soliderer Gegner als jedes verletzte Ego: Beton. Die Festspielstadt ist, man hört es bereits, im Begriff, sich umzubauen. Sanierungen, Sperren, Schließungen, Kosten. Das sind die Momente, in denen künstlerische Biographien sehr schnell in Projektpläne übersetzt werden. Dann braucht man weniger Genie als Termintreue, weniger Vision als Risikomanagement, weniger Bühne als Baustellenkoordination.
Die Kunst hat in solchen Phasen eine gefährliche Eigenschaft: Sie ist nicht berechenbar. Und das ist, für Apparate, der eigentliche Affront.
So sitze ich also, fiktiv lebendig, und sehe dem Maskenspiel zu. Es hat, wie jedes gute Stück, einen Chor: Er singt nicht, er stempelt. Er ruft nicht „Weh!“, er sagt „so kann es nicht bleiben“. Und das Publikum? Es applaudiert, wie es immer applaudiert. Denn die Festspielstadt hat ihr Publikum darauf dressiert, dass selbst das Lächerliche würdig zu wirken hat, solange es im richtigen Ton vorgetragen wird.
Am Ende bleibt die gelbe Karte als Emblem eines Systems, das sich gern für Kunst hält, aber in Wahrheit ein Ritual der Macht ist – mit Sommerfrack und Protokoll. Und ich, der ich einst glaubte, man könne mit Theater eine Stadt zu sich selbst erheben, muss nun feststellen: Die Stadt hat das Theater so gründlich gelernt, dass sie es auch dort spielt, wo niemand Eintritt bezahlt.
Das ist unerquicklich. Und, in seiner vornehmen Lächerlichkeit, leider sehr gelungen.
Wer am 6. Februar 2026 durch Valldemossa geht, erlebt zunächst das Übliche: Stein, Schatten, eine sorgfältig kuratierte Langsamkeit. Und doch ist diese Langsamkeit hier nicht bloß Kulisse, sondern – historisch betrachtet – ein Medium des Denkens. Denn oberhalb des Ortes, dort wo die Tramuntana zum Meer hin abrupt abfällt, hat ein Mallorquiner im 13. Jahrhundert einen der kühnsten Versuche unternommen, Vernunft als Verfahren zu entwerfen: Ramon Llull.
Man kann Llull leicht falsch einsortieren: als Mystiker, als Missionar, als mittelalterlichen Vielschreiber. Alles stimmt – und verfehlt doch den Punkt. Entscheidend ist nicht, dass er glaubte, sondern wie er glauben wollte: nicht über Ekstase allein, sondern über Struktur, über Kombination, über eine Methode, die Streit in eine Art Rechenaufgabe verwandeln sollte. Das klingt modern, nicht weil Llull „Computer“ geahnt hätte, sondern weil er einen Gedanken vorwegnimmt, der die Moderne durchzieht: dass Erkenntnis nicht nur gefunden, sondern hergestellt werden kann – durch Regeln.
Miramar: Schule, Labor, Balkon
1276 gründet Llull – unter der Herrschaft Jaume (Jakob) II. – im Kloster/Monasterio von Miramar bei Valldemossa eine Missionarsschule. Der Zweck ist bemerkenswert nüchtern: Franziskaner sollen Arabisch lernen und zugleich die lullistische Kunst studieren, um in islamischen Gebieten argumentieren zu können. Eine päpstliche Bestätigung aus dieser Zeit belegt die Gründung und Zielsetzung; die Vita coetanea schreibt Llull eine maßgebliche Rolle bei der Initiative zu.
Die Zahl hat etwas Symbolisches und etwas Praktisches: dreizehn Brüder, die in einem begrenzten Setting eine universale Ambition einüben. (Und die Topographie liefert das passende Bild dazu: Miramar liegt an der maritimen Flanke der Tramuntana, ein „Balkon“ über dem Mittelmeer – schön, ja, aber vor allem: exponiert. Wer hier denkt, denkt gegen Wind und Weite an; Universalität wird nicht behauptet, sie wird erzwungen.
Llull selbst hält sich nach den gängigen Angaben mehrere Jahre dort auf (bis etwa 1279). Später wird Miramar verlassen (um 1295), und Llull beklagt diesen Verlust in seinem Desconhort: Der Mann der Methode trifft auf die Unzuverlässigkeit der Institution.
Die „Kunst“ als Algorithmus ohne Maschine
Llulls berühmte Ars ist im Kern eine Kombinatorik von Grundbegriffen. Man ordnet zentrale Prädikate und Relationen, setzt sie in systematische Paarungen und Dreiergruppen, prüft die resultierenden Aussagen – und gewinnt so Argumentationsketten, die sich nicht auf Eingebung, sondern auf Durchlauf stützen. In moderner Sprache: eine endliche Symbolmenge, Regeln der Verknüpfung, ein Verfahren zur Generierung und Prüfung von Sätzen.
Darin liegt der Grund, warum Llull heute gern als Vorläufer programmatischen Denkens aufgerufen wird: Nicht weil er „programmierte“, sondern weil er Denken als ausführbaren Prozess begriff – als etwas, das man in Schritte zerlegen und wiederholen kann. Eine aktuelle KI- und Informatik-Perspektive beschreibt Llulls kombinatorische Kunst ausdrücklich als Prozess von Analyse und Rekonstruktion und stellt sie in Beziehung zu späteren formalen Verfahren.
Der Clou (und die Ambivalenz) liegt in Llulls Ziel: Diese Maschine aus Begriffen sollte nicht nur elegant sein, sondern bekehrungsfähig. Vernunft als Missionsinstrument – ein Projekt, das heute fremd wirkt und zugleich vertraut, weil wir die Verfahrensgläubigkeit behalten haben, nur die Theologie ausgetauscht: Damals sollte die Methode zur Wahrheit führen, heute soll sie zur Optimierung führen.
1485: Von der Denkmühle zur Druckpresse
Miramar ist nicht nur ein Denk-Ort, sondern später auch ein Medien-Ort. Im 15. Jahrhundert lassen sich dort Lullisten nieder und richten eine Druckerei ein; 1485 erscheint das erste gedruckte Buch auf Mallorca. Ein einschlägiger Bericht nennt als ersten Inkunabeldruck aus dieser Presse Jean Gersons Tractatus de regulis mandatorum, datiert auf den 20. Juni 1485.
Damit bekommt Llulls Projekt, ohne sein Zutun, eine zweite Existenzform: Die Methode, ursprünglich als Debattier- und Missionsinstrument gedacht, wird Teil einer Infrastruktur, die Reproduzierbarkeit zur kulturellen Norm macht. Zwischen den Rädern der Begriffe und den Rädern der Druckpresse liegt weniger Abstand, als man denkt.
Der Erzherzog und die Erinnerung als Bauform
Im 19. Jahrhundert tritt eine andere Figur auf die Bühne der mallorquinischen Erinnerungspolitik: Erzherzog Ludwig Salvator erwirbt Miramar 1872, lässt die Kapelle bzw. das Oratorium wiederherstellen und setzt Llull durch Monumente ins Landschaftsbild zurück; für die Restaurierung wird in Darstellungen häufig 1877 genannt.
Man kann das als Romantik abtun. Aber in Wahrheit ist es eine Fortsetzung der lullistischen Idee mit anderen Mitteln: Auch hier wird ein System gebaut, das Bedeutung stabilisiert – diesmal nicht über Logik, sondern über Architektur, Aussichtspunkte, Gedenkzeichen.
Und über allem liegt die Tramuntana als kulturelles Gelände: Seit 2011 ist die Serra de Tramuntana als Kulturlandschaft UNESCO-Welterbe – Terrassen, Wasserwerke, Trockensteinmauern, eine über Jahrhunderte entwickelte „Technik“ der Landschaft. Genau in dieser Kulisse wirkt Llull weniger wie ein Exot als wie ein konsequenter Bewohner: Einer, der Ordnung nicht als Gegensatz zur Natur verstand, sondern als deren lesbare Grammatik.
Von Bruno über Leibniz bis heute
Wer inspirierte sich an Llull? Nicht wenige – und nicht zufällig gerade jene, die an der Grenze zwischen Vorstellungskraft und Formalisierung arbeiteten.
Giordano Bruno verbreitete und kommentierte Llulls ars magna und seine Kombinatorik; Llull wird hier zur Scharnierfigur zwischen Gedächtniskunst, Philosophie und Formexperiment.
Athanasius Kircher übernimmt den Gedanken kombinatorischer Geräte; einschlägige Darstellungen nennen Llull ausdrücklich als einen wichtigen Einfluss auf Kirchers eigene Wissensmaschinen.
Leibniz schließlich zieht aus Llulls Projekt zentrale Aspirationen: die Idee elementarer Begriffsbausteine und eine Methode ihrer Kombination – Grundmotive seiner characteristica universalis und des Traums, Streitfragen durch Kalkül zu entscheiden.
Und „bis heute“? Llull ist in der Gegenwart weniger ein Ahnherr als ein Wiederkehrer: in Ausstellungen über „Denkmaschinen“, in Debatten über formale Logik und KI, in der Kunst, die mit Permutation und Regelspiel arbeitet, und in einer Informatikgeschichtsschreibung, die sich daran erinnert, dass „Rechnen“ einmal bedeutete, Begriffe rotieren zu lassen, nicht nur Zahlen.
Valldemossa, ein Schluss
Wenn man nach einem Tag in Valldemossa zurückblickt, bleibt vielleicht ein paradoxes Gefühl: Diese Gegend wirkt wie der Inbegriff des Unberechenbaren – Fels, Wind, Lichtwechsel. Und doch war sie Schauplatz eines Denkens, das dem Unberechenbaren mit Methode begegnen wollte.
Llulls Versuch, Wahrheit durch Kombination zu erzwingen, wirkt aus heutiger Sicht anmaßend. Aber er ist auch eine frühe Selbstbeschreibung Europas: der Glaube, dass man mit genügend Symbolen, genügend Regeln und genügend Geduld das Fremde nicht nur verstehen, sondern überzeugen könne. Dass daraus später Rechenmaschinen, Logiken, Programme wurden, ist kein gerader Stammbaum – eher eine Reihe von Familienähnlichkeiten. Doch Miramar, dieser Balkon über dem Meer, macht die Pointe sichtbar: Nicht die Technik ist das Moderne an Llull, sondern die Idee, dass Denken formalisiert werden darf – und dass genau darin seine Gefahr und seine Verheißung liegen.
Die deutsche Debatte über digitale Werbung hat eine eigentümliche Eigenschaft: Sie tut so, als ginge es um Staatskunst, wenn es oft um Marktmechanik geht. Persönliche Daten, so heißt es, seien zur Handelsware geworden; private Unternehmen interessierten sich dafür mehr als der Staat; daraus folge zwingend eine moderne Datenschutzstrategie, die möglichst alles bekämpft, was nach Werbung riecht. Im Hintergrund rauscht der vertraute Soundtrack: KONZERNE werden stärker, der STAAT wird schwächer, und der Bürger ist – wie immer – das schutzbedürftige Wesen zwischen den Fronten.
Nur lohnt ein kurzer Realitätstest: Ohne Werbung hätte es viele klassische Medien in dieser Form nie gegeben. Anzeigen sind keine moralische Verirrung, sondern ein Finanzierungsprinzip. Selbst dort, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk gebührenfinanziert ist, existieren Vermarktungslogiken: Rechte, Lizenzen, Tochtergesellschaften, Nebenerlöse. Wer Werbung als „Ausverkauf“ behandelt, verwechselt die Statik des Hauses mit der Tapete.
Das eigentliche Problem liegt woanders: Beide Lager – die Werbe-Evangelisten wie die netzpolitischen Warner – leben von derselben Übertreibung. Die einen behaupten Superkräfte („passgenaues Targeting“), die anderen fürchten Superkräfte („Manipulation“). Und irgendwo dazwischen sitzt der Nutzer und fragt sich, warum er schon wieder ein Banner wegklicken muss, bevor er überhaupt manipuliert werden kann.
Der Marionetten-Mythos mit Fernbedienung und Tab-Leiste
Hinter der Empörung steckt ein Menschenbild, das älter ist als viele der Begriffe, mit denen man heute hantiert. Der Konsument als Marionette: Vance Packards „geheime Verführer“ von 1957 sind der Urtext dieser Vorstellung. Seitdem wird der Gedanke recycelt, nur die Kulisse wechselt: früher TV, heute Feed.
Die Sache ist: Schon in den siebziger Jahren besaß das angebliche Medienopfer eine Fernbedienung – und damit ein überraschend wirksames Mittel gegen Verführung: Wegschalten. Mit dem Internet ist aus dem Wegschalten ein Sport geworden. Tab auf, Tab zu, weiter, zurück, vergleichen, kommentieren. Wer in diesem Biotop noch vom ohnmächtigen Marionettenmenschen spricht, beschreibt eher sein eigenes Bedürfnis nach einer einfachen Erklärung als die Wirklichkeit.
Werbung wird dadurch nicht unschuldig. Aber sie wird etwas, das man nüchtern untersuchen kann, statt es religiös zu verhandeln.
Michael Seemann und die Pythia der Zielgruppen
In der inzwischen eingestellten Philosophiezeitschrift „Hohe Luft“ – Rubrik „Hohe Luft Kompakt“ – hat Michael Seemann (Kulturwissenschaftler und Publizist) im Jahr 2020 genau diesen Mechanismus seziert: Nicht nur, dassGeschichten über Manipulation kursieren, sondern wem sie nützen und warum sie so gut funktionieren.
Seemann erinnert daran, wie klein die behauptete Zauberei oft ist, wenn man sie auf Zahlen herunterbricht. Er verweist auf eine gemeinsame Studie zu „Behavioral Advertisement“, nach der der Unterschied zwischen personalisierter und nicht-personalisierter Werbung im Schnitt nur vier Prozent Mehrumsatz gegenüber ungezielter Werbung bringt. Vier Prozent – nicht vierzig. Kein „Gedankenlenken“, eher ein Aufschlag im Kleingedruckten.
Und dann kommt die eigentlich hübsche Beobachtung: Für diese vier Prozent Extra-Umsatz zahlen Werbekunden teilweise ein Vielfaches. Seemann nennt dafür eine Größenordnung: bis zu 2,68-mal so viel Werbeetat. Wer das auf dem Küchentisch erklärt bekommen will, kann es so übersetzen:
Beispiel (ohne Branchenmystik): Ein Händler macht 100 000 Euro Umsatz. Personalisiertes Targeting bringt im Schnitt 4 % extra, also 4 000 Euro. Wenn er dafür aber fast das Dreifache an Werbedruck einkauft, ist die entscheidende Frage nicht „Manipuliert Werbung Menschen?“, sondern: Wer manipuliert hier eigentlich wen – der Werber den Kunden oder der Anbieter den Werber?
Der eBay-Moment: Wenn der Zauber ausbleibt
Noch besser wird es mit einem Experiment, das Seemann anführt: eBay stellte 2014 für elf Wochen seine Google-Anzeigen ein. Die Marketing-Abteilung erwartete dramatische Einbrüche. Die Realität war weniger filmreif: Die Umsatzeinbußen waren geringer als die eingesetzten Werbegelder. Seemann nennt eine Zahl, die wie ein Slapstick funktioniert: Für jeden Dollar, den eBay in Google-Werbung steckte, verlor eBay 63 Cent.
Man kann das auch ohne Ökonomie-Seminar verstehen: Viele Menschen, die „eBay“ suchen, wollen ohnehin zu eBay. Die Anzeige kassiert dann nicht die Entscheidung, sondern nur den Weg. Es ist, als würde man Miete zahlen, damit das Straßenschild zur eigenen Haustür noch einmal „Haus“ sagt – und sich anschließend über den „Erfolg“ wundern, wenn Besucher hereinkommen.
Das ist keine Universalwahrheit über jede Werbung. Es ist aber ein Gegenmittel gegen die Superkraft-Erzählung: Ein Teil dessen, was als Werbewirkung verkauft wird, ist Umlenkung, nicht Überzeugung.
Cambridge Analytica: Alchemisten mit PowerPoint
An diesem Punkt wird zuverlässig Cambridge Analytica aufgerufen – die Endgegnerfigur der digitalen Manipulationsoper. Psychografik, Mikrotargeting, Wahlen: alles in einem Namen. Der Fall taugt hervorragend, weil er zwei Dinge gleichzeitig ermöglicht: Empörung über Datenmissbrauch und die romantische Vorstellung, jemand könne mit ein paar Datensätzen ganze Gesellschaften fernsteuern.
Seemann behandelt Cambridge Analytica genau als das: ein gutes Beispiel – aber auch ein Beispiel dafür, wie neue Medien regelmäßig als Bedrohung alter Ordnungen erzählt werden. Früher waren es „Subliminal Stimuli“ im Kino oder Radiopaniken, heute ist es der Datenzauber im Feed. Die Dramaturgie bleibt: Eine neue Technologie erscheint, eine Elite fühlt ihren Status bedroht – und die Manipulationsgeschichte liefert die passende Abwehrformel.
Was man aus Cambridge Analytica nüchtern mitnehmen sollte, ist nicht die Legende der Allmacht, sondern die Lektion der Intransparenz: Wenn Datenflüsse und Zielgruppenlogik im Dunkeln liegen, kann man Wirkungen behaupten, ohne sie sauber beweisen zu müssen. Das ist für politische Kommunikation unerquicklich – und für Marketing ein Geschäftsmodell.
21 statt 20: Wie klein die „Manipulation“ manchmal ist
Seemann liefert dafür eine Zahl, die man sich merken kann, weil sie so unspektakulär ist: Facebook hofft, mit Targeting die Klickrate minimal zu verbessern – etwa so, dass von 1000 Personen in einer Zielgruppe 21 statt 20 auf eine Anzeige klicken. Ein einziger zusätzlicher Klick pro tausend. Das ist als „Manipulationsleistung“ eher überschaubar – und erklärt zugleich, warum sich trotzdem Millionen verdienen lassen: Skalierung macht aus Kleingeld Summen.
Damit kippt die Debatte in eine angenehm ernüchternde Perspektive:
Für den Einzelnen ist es oft nicht die große Gedankenkontrolle.
Für Plattformen kann es trotzdem lohnend sein, weil „ein bisschen besser“ bei Milliarden Kontakten ein Geschäft ist.
Das ist weniger Thriller, mehr Statistik.
Die KI-Orakel und der neue Harvard-Index
Dasselbe Muster wiederholt sich bei den Predigern der Big-Data-KI-Systeme. Auch dort werden Welterklärungsmaschinen versprochen: Frühwarnungen, Epidemieverläufe, Klimaempfehlungen, Finanzkrisenprognosen. Die Rhetorik klingt nach Delphi, nur sitzt die Pythia heute nicht auf dem Dreifuß, sondern im Rechenzentrum. Antworten kommen nicht in Versen, sondern in Dashboards – und sind oft ähnlich zweideutig: beeindruckend, solange niemand nach der Gegenprobe fragt.
Die Geschichte ist alt: Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hofften Ökonomen, aus Statistiken zeitlose Gesetze zu destillieren – etwa den Harvard-Index, später der Traum vom „Weltbarometer“. Der Wunsch ist immer derselbe: Komplexität soll sich in ein Signal verwandeln. Und wenn es dann schiefgeht, war es eben „ein exogener Schock“. Delphi hätte es nicht besser formuliert.
Was wirklich untersucht werden müsste
Die komischste Pointe dieser ganzen Debatte ist, dass beide Seiten oft am Wesentlichen vorbeireden. Während man moralisch über Datenhandel und Manipulation streitet, bleiben drei sehr handfeste Themen unterbelichtet:
Messmythen: Werbewirkung wird häufig so ausgewiesen, als sei sie kausal bewiesen, obwohl sie oft nur plausibel erzählt wird.
Interface-Tricks: Nicht die Anzeige überzeugt, sondern die Bedienoberfläche erleichtert Zustimmung und erschwert Widerspruch.
Betrug und Selbstbetrug: Ein Teil der „Erfolge“ in SEO/GEO etc. und Performance-Marketing ist kreative Buchführung – und ein Teil ist schlicht schmutzig.
Hier wäre tatsächlich Raum für jene Art Analyse, die nicht moralisiert, sondern prüft: Was ist gemessen, was ist behauptet, was ist sauber experimentell abgesichert – und was ist nur ein besonders hübsch gestaltetes Reporting?
Prospektpflicht für Superkräfte
Wer „moderne Datenschutzstrategie“ sagt, sollte weniger über Dämonen sprechen und mehr über Mechanik. Denn die große Erzählung der Manipulation ist selbst eine Manipulation: Sie macht die Welt einfach, sie macht Schuldige sichtbar, sie macht Aufseher notwendig – und sie erspart die unangenehme Frage, ob der Bürger nicht vor allem eines ist: ein Akteur, der wählen, ignorieren, wegklicken, widersprechen kann.
Das ist kein Plädoyer gegen Datenschutz. Es ist ein Plädoyer gegen Aufschneiderei – auf beiden Seiten. Wenn jemand behauptet, Werbung sei Gedankenkontrolle, soll er die Wirkung zeigen. Wenn jemand behauptet, Targeting sei Präzision, soll er die Kausalität nachweisen. Und wenn jemand behauptet, man könne mit Daten die Welt vorhersagen, sollte er wenigstens den Mut haben, Fehlschläge nicht wie Orakelverse umzudeuten.
Die vielleicht vernünftigste Haltung ist daher unerquicklich altmodisch: Misstrauen gegenüber großen Geschichten – besonders dann, wenn sie allen nützen, die sie erzählen.
Die öffentliche KI-Debatte folgt einem einfachen Muster: Reiz – Reaktion. Elon Musk sagt etwas, ein anderer Milliardär legt nach, und wir springen an wie pawlowsche Hunde: empört, begeistert, alarmiert – je nach Tagesform. Die Erzählung ist bequem, weil sie personalisiert: Hier der „Visionär“, dort der „Warner“, dazwischen ein Publikum, das sich an der Lautstärke orientiert.
In der D2030 Futures Lounge habe ich diesem Muster eine Diagnose verpasst.Wir folgen den falschen Narrativen. Wir starren auf die PR-Schlachten der Plattform-Ökonomie – und übersehen, dass es eine Forschungstradition gibt, die nicht vom Krawall lebt, sondern vom Argument. Eine Tradition, die auf einem respektablen ethischen Fundament ruht. Und die ausgerechnet dort ihren frühen, prägenden Moment hatte, wo man eher Stille erwartet als Silicon-Optimismus: im Kloster Maria Laach bei Bonn.
Maria Laach 1986: Die Wiege der Benutzermodellierung
Am 30. und 31. August 1986 fand in Maria Laach der First International Workshop on User Modeling in Natural Language Dialogue Systems statt – organisiert von Wolfgang Wahlster und Alfred Kobsa. Das Kürzel, das sich später eingebürgert hat, lautet UM86: nicht „86 Wissenschaftler“, sondern User Modeling 1986.
Der Gegenstand wirkt heute, im Zeitalter der allwissenden Textmaschinen, fast altmodisch – und ist gerade deshalb so modern: User Models. Also formale Modelle darüber, wer da eigentlich mit dem System spricht: Vorwissen, Ziele, Irrtümer, Präferenzen, Kontext, möglicherweise auch Überforderung. Die These des Workshops war kühn, aber klar: Ein Dialogsystem ist erst dann hilfreich, wenn es nicht nur Sprache verarbeitet, sondern ein Gegenüber.
Dass der Tagungsband erst 1989 bei Springer erschien, weil die Beiträge überarbeitet wurden, erzählt nebenbei etwas über das Tempo jener Zeit: weniger „Ship it“, mehr Substanz. Der Band heißt programmatisch „User Models in Dialog Systems“ und steht in der Springer-Serie Symbolic Computation. In Ihrer Leseliste ist das keine Nostalgie, sondern ein Fingerzeig: Der Begriff „User Model“ war nicht Marketing – er war Methodik.
User Modeling: Respekt in Formalismen
Man kann User Modeling als technische Disziplin beschreiben. Man sollte es als kulturelle Disziplin verstehen. Denn ein User Model ist im Kern eine Entscheidung darüber, wie viel Respekt ein System seinem Gegenüber einräumt.
Ohne Benutzermodell bleibt ein System bei der billigsten Form von Intelligenz: immer dieselbe Antwort auf dieselbe Eingabe. Mit Benutzermodell entsteht Kontext: Eine Erklärung kann kürzer werden, wenn jemand Experte ist – oder ausführlicher, wenn jemand gerade neu im Thema steht. Ein System kann nachfragen, statt zu behaupten. Es kann Unsicherheit markieren, statt Sicherheit zu simulieren. Es kann – und das ist entscheidend – situativ abgeben: an einen Menschen, an eine andere Instanz, an einen besseren Kanal.
In dieser Tradition steckt ein stiller Gegenentwurf zum heutigen KI-Reflex: Nicht „Was kann das Modell?“, sondern „Was braucht der Mensch – jetzt?“
Was die Szene heute macht
Wer Maria Laach als Museum abtut, verwechselt Ursprung mit Ende. Die Themen von UM86 sind nicht verschwunden, sie haben sich verbreitert: Personalisierung, Adaptation, User-Centric AI – heute als Konferenz- und Forschungslandschaft sichtbar, die unter verschiedenen Labels firmiert, aber denselben Kern verteidigt: Systeme sollen nicht nur sprachfähig sein, sondern passfähig.
Was heißt das in der Praxis von heute?
Dialogsysteme mit Gedächtnis und Maß: nicht nur „Antwortgeneratoren“, sondern Interaktionspartner, die Ziele und Grenzen berücksichtigen.
Adaptive Lernsysteme: nicht nur Inhalte ausspielen, sondern Fehlkonzepte erkennen, Lernpfade anpassen, Überforderung verhindern.
Erklärbarkeit als Dialog: nicht nur „Output“, sondern Begründung, warum etwas vorgeschlagen wird – oder warum etwas verweigert wird.
Datensparsamkeit und Privatsphäre als Designfrage: weil ein User Model immer auch die Versuchung in sich trägt, Menschen zu reduzieren: auf Muster, Scores, Schubladen.
Genau an diesem Punkt wird sichtbar, warum Ihre Intervention politisch ist: Wenn wir KI nur als Machtspiel der Plattformen erzählen, unterschlagen wir die Disziplinen, die seit Jahrzehnten daran arbeiten, Macht zu begrenzen – durch Modelle, Regeln, Transparenz.
Ethik: Nicht Predigt, sondern Spezifikation
Wahlsters heutiger Fokus auf empathische KI führt diese Linie weiter – und macht sie heikel. Empathie bedeutet im technischen Sinn: Signale erkennen, Verhalten anpassen, Reaktionen angemessen gestalten. Das kann entlasten (z. B. in Training, Beratung, Bildung). Es kann aber auch manipulieren, weil „Einfühlung“ schnell zur Verführung wird: Wer emotional passend reagiert, gewinnt Vertrauen.
Darum ist Ethik hier keine Sonntagsrede, sondern eine Systemanforderung. Eine Maschine, die „sozial“ wirkt – sei es als Avatar oder in der sozialen Robotik –, muss nicht nur funktionieren, sondern sich begrenzen können. Sie muss kenntlich machen, dass sie simuliert. Sie muss begründen können, warum sie etwas nicht tut. Und sie muss Mechanismen besitzen, die Missbrauch nicht erst nach dem Schaden adressieren.
Der Maßstab, den Maria Laach gesetzt hat, ist deshalb aktueller denn je: Ein System, das Nutzer modelliert, braucht nicht nur Daten – es braucht Normen.
Warum diese Geschichte in die Öffentlichkeit gehört
Die Pointe ist unerquicklich: Deutschland und Europa waren in dieser Tradition früh, sauber, international anschlussfähig – und erzählen es zu selten. Stattdessen lassen wir uns in Debatten ziehen, die von den Lautesten bestimmt werden. Wir diskutieren KI wie ein Feuilleton über Prominente: Wer hat was gesagt? Wer hat wen provoziert? Wer hat wen überholt?
Ihr Punkt aus der Futures Lounge ist deshalb mehr als ein Kommentar: Es ist eine Agenda. Diese Forschungstradition muss sichtbarer werden, nicht aus Nationalstolz, sondern aus strategischer Vernunft. Wer heute über KI-Regeln, digitale Souveränität und vertrauenswürdige Systeme spricht, braucht Geschichten, die zeigen: Es gibt Alternativen zur Hype-Ökonomie. Maria Laach ist eine solche Geschichte – weil sie den Diskurs von der Bühne in den Maschinenraum führt: zu Modellen, Methoden, Begrenzungen.
Ein Termin: Wahlster am 24. Februar
Wer diese Linie vom Kloster bis zur Gegenwart nicht nur lesen, sondern hören will, kann es konkret tun: am 24. Februarin der ZP Nachgefragt Week – in Wahlsters Session zur empathischen KI. Der Nachrichtenwert liegt nicht im Buzzword, sondern im Unterbau: User Models als ethischer Kern einer KI, die Menschen nicht nur bedient, sondern ernst nimmt.
Wer heute „Künstliche Intelligenz“ sagt, sieht meist Glas, Chrom und Kühlaggregate im Silicon Valley vor sich, begleitet von einem wild brüllenden Elon Musk auf irgendwelchen Angeber-Bühnen: Serverfarmen im Nirgendwo, Venture Capital im Überfluss, Produktnamen, die klingen wie Zahnpasta. KI als Kind der Gegenwart, geboren aus Rechenleistung und Datenhunger, geschniegelt von Marketing. Das ist bequem – und falsch. Ein entscheidender Strang dessen, was wir heute in Chatbots, Assistenzsystemen und personalisierten Lernumgebungen bestaunen oder fürchten, hat eine ältere, stillere Herkunft. Und sie führt an einen Ort, der in keiner Tech-Mythologie vorkommt: Maria Laach bei Bonn.
Maria Laach: Wo Personalisierung begann
Dort, in der Abgeschiedenheit eines Klosters, begann vor vier Jahrzehnten eine internationale Diskussionslinie, die bis heute fortlebt und von Tagungsort zu Tagungsort wandert: die Forschung an Benutzermodellen, an Adaption und an dem, was man damals bereits – erstaunlich präzise – als Empathie in technischen Systemen beschrieb. Es ist eine der Ironien der Technikgeschichte, dass ausgerechnet in einem Kreuzgang jenes Thema frühe Gestalt gewann, das uns heute mit voller Wucht heimsucht: die Frage, ob Maschinen nicht nur rechnen, sondern verstehen können – zumindest so weit, dass sie sich auf Menschen einstellen, ohne sie zu überrumpeln.
Wahlsters Tradition: KI am Menschenmaß
Zu den wenigen, die diese Geschichte nicht nur kennen, sondern mit Autorität erzählen können, gehört Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirekter und langjähriger Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). In der öffentlichen Debatte wird er gern auf die Rolle des „KI-Pioniers“ reduziert – eine Etikette, die so ungenau ist wie „Auto-Erfinder“. Tatsächlich steht Wahlster für eine spezifische Tradition: für eine KI, die nicht im luftleeren Raum operiert, sondern am Menschen Maß nimmt. Nicht als romantisches Projekt, sondern als Ingenieursaufgabe. Empathische KI heißt bei ihm nicht, dass Maschinen Gefühle hätten. Es heißt: Systeme sollen merken, in welcher Lage ein Mensch ist, und angemessen reagieren.
Vier Intelligenzen: Kognitiv ist leicht, sozial ist schwer
Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit. In Wahrheit ist es die anspruchsvollste Form von Automatisierung. Wahlster ordnet Intelligenz in Ebenen: kognitiv, sensorphysisch, emotional, sozial. Kognitiv – Muster erkennen, Texte erzeugen, Schach spielen – sind Maschinen inzwischen erstaunlich weit. Sensorphysisch, die „Körperseite“ der Intelligenz, ist Robotik: mühsam, teuer, fehleranfällig. Emotional und sozial aber – also das Reich der Stimmung, der Zwischentöne, der Beziehung – waren lange das Niemandsland. Und genau dort entscheidet sich, ob KI im Alltag Hilfe oder Zumutung ist.
Kontext statt Katheder: Wie Empathie technisch wird
Denn Menschen kommunizieren nicht nur in Sätzen. Sie kommunizieren in Pausen, Blicken, Sprechtempo, Tonhöhe, in einem kurzen Zögern, das im Text gar nicht vorkommt. Was als „empathisch“ erscheint, ist oft schlicht: Kontextsensitivität. Ein System, das dieselbe Antwort immer gleich ausspielt, wirkt wie ein Beamter am Schalter. Ein System, das merkt, dass jemand wütend, ängstlich oder überfordert ist, kann – im besten Fall – deeskalieren, umleiten, an einen Menschen übergeben. Nicht jede Interaktion ist für Automatisierung geeignet; manchmal ist gerade die Fähigkeit zur Eskalation das Zeichen von Intelligenz.
Machttechnik Personalisierung: Komfort oder Lenkung
Hier liegt die Brücke vom Kloster zur Gegenwart: Maria Laach steht sinnbildlich für die Einsicht, dass technische Systeme nicht „neutral“ sind, sondern immer in einer sozialen Umgebung handeln. Ein „User Model“ ist nicht bloß ein Profil, sondern eine Annahme darüber, wer mir gegenübersteht – mit allen Folgen. Personalisierung ist daher kein Komfortfeature, sondern eine Machttechnik: Sie kann entlasten, aber auch lenken; sie kann helfen, aber auch manipulieren.
Ethik als Betriebsvorschrift: Transparenz, Begrenzung, Begründbarkeit
Wahlster macht daraus keinen Skandal, sondern ein Programm: Transparenz, Begrenzung, Begründbarkeit. Eine empathische Maschine darf nicht nur „Nein“ sagen, sie muss erklären können, warum sie verweigert. Ethik ist nicht die Sonntagsrede am Ende der Entwicklung, sondern ein Bestandteil des Systems: Regeln, die mitlaufen, Schutzmechanismen, die nicht erst greifen, wenn der Schaden passiert ist. Das betrifft banal wirkende Fälle – etwa gefährliche Anleitungen – ebenso wie die Grenzbereiche, die unser Gefühl für Realität herausfordern: Avatare, die trauern; digitale Gegenüber, die Nähe simulieren, wo keine ist.
Die Gefahr der Scheinbeziehung
Gerade deshalb wird Wahlsters Feld oft missverstanden. Es geht nicht um „nette“ Maschinen. Es geht um die Frage, wie viel Scheinbeziehung wir zulassen wollen – und wie wir verhindern, dass Simulation als Echtheit verkauft wird. Ein Avatar, der mitfühlend nickt, kann eine Therapie- oder Lernsituation erleichtern. Er kann aber auch Vertrauen erschleichen. Wer hier nur zwischen „gut“ und „böse“ unterscheidet, verpasst den eigentlichen Punkt: Die entscheidende Linie verläuft zwischen kenntlich gemachter Simulation und verdeckter Manipulation.
Soziale Robotik
Am greifbarsten wird das in der sozialen Robotik. Der „soziale“ Roboter ist keine Science-Fiction-Figur, sondern ein technisches Versprechen, das in alternden Gesellschaften politisch wird: Assistenz im Alltag, Begleitung, Sicherheit, vielleicht auch Gespräch. Doch soziale Wirkung entsteht nicht durch Hardware, sondern durch Interaktion. Ein Roboter kann noch so sauber navigieren – wenn er den Menschen permanent irritiert, ist er keine Hilfe, sondern Störfaktor. Und umgekehrt: Schon geringe soziale Signale können große Wirkung entfalten. Ein Roboter, der „merkt“, dass jemand nervös ist, und sein Tempo anpasst, wirkt plötzlich nicht mehr wie ein Gerät, sondern wie ein Partner.
Würde, Abhängigkeit, Verantwortung
Doch auch hier gilt: Je sozialer die Maschine wirkt, desto dringlicher wird die Ethik. Denn soziale Signale sind nicht unschuldig. Sie erzeugen Bindung. Sie erzeugen Erwartungen. Wer soziale Robotik ernst nimmt, muss daher nicht nur über Sensorik und Motorik sprechen, sondern über Würde, Abhängigkeit, Täuschung und Verantwortung. In der Pflege etwa kann eine technische Assistenz entlasten – aber sie darf nicht zur Alibi-Figur werden, hinter der man menschliche Zeit versteckt. Die Grenze ist nicht technisch. Sie ist politisch und kulturell.
Gegen die Mode: Die lange Linie der KI
Dass Wahlster diese Debatte mit einer gewissen Gelassenheit führt, hat mit Erfahrung zu tun. Wer die langen Linien der KI kennt, fällt weniger leicht auf die jeweils neueste Mode herein. Und wer weiß, dass zentrale Ideen – Benutzermodellierung, Adaption, Personalisierung – schon in den 1980er Jahren international diskutiert wurden, sieht die Gegenwart klarer: Die eigentliche Revolution liegt nicht darin, dass Systeme sprechen können. Sie liegt darin, dass Systeme situativ werden – und damit in den sozialen Raum eintreten.
Termin: Wahlster live in der ZP Nachgefragt Week
Genau deshalb lohnt es sich, Wahlster zuzuhören, wenn er über „Team Human X AI“ spricht: nicht als Schlagwort, sondern als Arbeitsmodell. Das menschliche Gegenüber ist nicht der Störfaktor im System, sondern der Maßstab. Technik soll nicht „ersetzen“, sondern umverteilen: Routinen automatisieren, damit Menschen Zeit für das haben, was nur Menschen können – Urteil, Verantwortung, Beziehung, Kreativität.
Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Kloster-Geschichte: Die KI, die uns heute so laut entgegentritt, hat eine stille Herkunft. Und wer sie verstehen will, sollte sich gelegentlich daran erinnern, dass Fortschritt nicht nur aus Geschwindigkeit entsteht, sondern aus Disziplin. Maria Laach ist dafür ein guter Ort – weil er daran erinnert, dass man Komplexität nicht durch Lautstärke besiegt, sondern durch Aufmerksamkeit.