
Gottfried Benn gehört in Professor Helmuth Kiesels Bonner Abend in der Buchhandlung Böttger als Prüfstein. An kaum einem anderen Autor zeigt sich so scharf, wie schwer das Verhältnis von politischem Fehlgriff, ästhetischer Selbstrettung und späterem Rang zu fassen ist. Benns kurzer, missratener Flirt mit dem Nationalsozialismus bleibt unbeschönigt. Kiesel zeichnet ihn als einen Intellektuellen, der 1933 im neuen Staat eine geschichtliche Form für seine alten Begriffe von Elite, Züchtung, Geist und Macht zu erkennen glaubte. Das Verhängnis lag nicht in bloßer Anpassung. Es lag tiefer: in der Versuchung, Barbarei als Elementarereignis zu deuten.
Der falsche Staat der Intellektuellen
Der Vortrag „Der neue Staat und die Intellektuellen“, im April 1933 in der Berliner Funk-Stunde gesprochen und bald darauf gedruckt, war Benns fatale öffentliche Selbstfestlegung. Der Ton war hochfahrend, die Begriffe waren groß, die politische Urteilskraft erschreckend schwach. Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit erschienen ihm als Überbleibsel einer erschöpften Epoche. Ein autoritärer Machtstaat sollte den Übergang in eine neue anthropologische Ordnung erzwingen. Kiesels Urteil darüber trifft hart: Benns Deutung der „nationalen Revolution“ war idealistisch auf schlechte Weise. Sie verriet Recht, Freiheit, Humanität und Intellektualität, ohne die Wirklichkeit der Gewalt überhaupt sehen zu wollen.
Klaus Mann erkannte früher, was Benn nicht erkennen wollte. Der junge Emigrant schrieb aus Le Lavandou an den bewunderten Dichter, erschüttert über dessen öffentliche Stellungnahme. Benns Antwort verschärfte die Lage: Aus privater Irritation wurde publizistische Attacke auf die Emigranten. Erst viel später, im „Doppelleben“, gestand Benn ein, der Jüngere habe klarer gesehen. Doch dieses Eingeständnis kam aus der Nachgeschichte. Der Schaden von 1933 blieb.
Hannover als Zwischenreich
Paul Raabe hat in „Gottfried Benn in Hannover 1935–1937“ die nächste Szene dieser Biographie beschrieben. Ende 1934 war der Glaube an den „neuen Staat“ zerfallen. Die Hoffnung, Geist und Elite könnten die neue Macht in eine von Benn gedachte Form bringen, scheiterte an deren Banalität, Brutalität und Geistfeindschaft. Benn war kein Parteigenosse, kein Funktionär, kein nationalsozialistischer Autor im organisatorischen Sinn. Gerade das macht seinen Fall gefährlicher. Er zeigt, wie ästhetischer Radikalismus politisch blind werden kann.
Im Dezember 1934 zog er sich in die Armee zurück. Er nannte das eine „aristokratische Form der Emigrierung“. Diese Formel enthält Schutzsuche, Stolz, Selbsttäuschung und Flucht in einem. Am 1. April 1935 kam er nach Hannover, zur Wehrersatzinspektion. Aus dem Berliner Arzt und Dichter wurde der Oberstabsarzt in der Provinz. Die Stadt blieb ihm fremd. Er klagte über Quartiere, Vermieterinnen, Dienstbetrieb, militärische Gesellschaft, graue Straßen, leere Abende. Doch in dieser ungeliebten Stadt entstanden Gedichte, die später zum Kern seines Ruhms gehören sollten: „Anemone“, „Einsamer nie“, „Wer allein ist“, „Die Gefährten“, „Astern“, „Tag, der den Sommer endet“.
Linie 6, Richtung Kleefeld
Frank Schirrmacher hat den Weg zu diesem Hannover-Benn mit einer Genauigkeit beschrieben, die jede Weihestimmung zerstört. Der poetische Ort, so beginnt seine Annäherung, ist mit der Straßenbahn erreichbar: Linie 6 ab Kröpcke, Richtung Kleefeld. Links eine Weinterrasse, rechts eine Bierterrasse, in der Mitte die Musikkapelle; wenige Gäste, viele Invaliden; davor ein Bassin mit zwei Schwänen, Alleen, Blumenbeete. Dort lässt sich der Oberstabsarzt nieder.
Schirrmacher rückt die Prosa der Existenz bis unmittelbar an die Entstehung des Gedichts heran. Benn hat in Hannover Ärger mit der Hausbesitzerin, mit Badbenutzung, Wohnungsschlüssel und der Frage, wer in einem Mehrparteienhaushalt das Klosettpapier zu tragen habe. Er fährt sonntags mit Reiseomnibussen nach Hameln oder Celle. Er sitzt in der Stadthalle bei Bier oder Limonade. Er erlebt wenig und macht gerade daraus eine Art innerer Zwangslage. „Faulheit, Nichtsdenken, Indifferenz“ nennt er seine Beschäftigung; sein Leben, so schreibt er, überziehe sich mit Schimmel. Aus der Stumpfheit der Stadt entsteht Druck nach innen.
Am 6. August 1935 schickt er Friedrich Wilhelm Oelze ein Gedicht, das er „Stadthallenelegie“ nennt. Es beginnt mit „Tag, der den Sommer endet“ und endet mit „Unwiederbringlichkeit“. Schirrmachers entscheidende Beobachtung liegt darin, dass hier kein romantisches Modell mehr trägt. Nicht Rilkes außerordentliche Lebensführung, nicht Georges prophetische Pose, nicht Kafkas Erlösungsphantasie, nicht einmal Tonio Krögers komfortabler Zwischenraum zwischen Bürgerwelt und Künstlertum helfen weiter. Bei Benn führt der Weg nicht aus dem Alltag hinaus. Er führt tiefer in ihn hinein.
Nach 1933 konnte Benn die großen Gedanken nicht mehr unversehrt benutzen. Die metaphysischen Vokabeln hatten sich mit der Wirklichkeit des Machtantritts verbunden. Seitdem redet er, wie Schirrmacher zeigt, nie wieder von Visionen, ohne zugleich Omnibusfahrten, bunte Abende, schlechte Musik, Kinobesuche und Offiziersgesellschaft mitzuschleppen. Benns eigener später Satz, man komme den Dingen mit Gedanken nicht mehr nahe, erhält hier sein biographisches Bild: Kröpcke, Linie 6, Stadthalle, Musik, Bier, vielleicht abends in den „Zigeunerbaron“. Inmitten solcher Reste erscheint plötzlich das Gedicht.
Die Speisekarte der deutschen Lyrik
Das schönste Dokument dieser Verwandlung ist die Speisekarte der Stadthalle Hannover. Auf ihrer Rückseite schrieb Benn „Tag, der den Sommer endet“. Vorn aber steht der bürgerliche Speiseplan der dreißiger Jahre. Ein Gedeck zu 1,50 Reichsmark: Kraftbrühe mit Rindermark, Schmorbraten mit Rotweintunke, grüne Bohnen, Kartoffeln, Eisbecher. Ein weiteres Gedeck zu 2,25 Reichsmark. Dazu gefüllte Tomaten, Bismarckhering auf Gemüsesalat, Gänseleberpastete, Matjeshering, Steinbutt mit zerlassener Butter, Kalbszunge mit Pilzen, Wildkalbsbraten mit Salat, halbes Hähnchen mit Salat. „Bürgerliche Nahrung“ kostet 1 Reichsmark, „Mayonnaise von japanischen Krebsen“ 1,50 Reichsmark. Am Ende vermerkt die Karte zehn Prozent Bedienungszuschlag.

Das Gedicht „Tag, der den Sommer endet“ ist also nicht in poetischer Entrückung entstanden. Es wächst aus der Nachbarschaft von Kraftbrühe, Rotweintunke, Krebsmayonnaise und Bedienungszuschlag. Gerade das macht die Szene unvergesslich. Die Dichtung ist nicht vom Leben gereinigt. Sie steht auf dessen Rückseite. Der Satz von der „Unwiederbringlichkeit“ bekommt durch die Speisekarte keinen komischen Rand, er erhält historischen Druck. Benns späte Form entsteht dort, wo Pathos sich nicht mehr frei bewegen darf.
Untermieterliteratur und Dämonenzauber
Schirrmacher erweitert diese Hannover-Szene um die Briefe an Elinor Büller und Tilly Wedekind. Hier erscheint Benn nicht als weiser Leidender, auch nicht als geläuterter Mann. Er erscheint als ruheloser, ängstlicher, selbstverliebter und verletzender Briefschreiber. Die Nationalsozialisten hatten seine Hoffnungen enttäuscht; nach der Röhm-Affäre fühlte er sich bedroht; Angriffe auf ihn häuften sich. In Hannover möchte er „versteinern“. An Elinor Büller schreibt er, sie sei die Nabelschnur, die ihn mit der Erde verbinde. Er sei einsam und furchtsam.
Die Briefe aus dieser Zeit sind, wie Schirrmacher zeigt, meisterliche Untermieterliteratur. Benn beobachtet Frau Sattler, ihre Räume, ihre Offiziersbilder, das Gemälde über seinem Bett, den Forstmeister, das Wochenendleben, den roten Schlafrock, die bürgerlichen Insignien. Jeder Bericht über die Wohnung wird zum kleinen Racheakt, auch gegen den Beobachter selbst. Aus der Provinz macht Benn ein Theater der Zumutungen. Aus der Vermieterin wird eine Figur. Aus der eigenen Peinlichkeit wird Stil.
Gleichzeitig organisiert er sein erotisches Leben mit einer Regie, die mehr über ihn verrät, als ihm lieb sein konnte. Elinor Büller, Tilly Wedekind, später Herta von Wedemeyer: Die Beziehungen laufen nebeneinander, verdeckt voreinander, brieflich gesteuert. Oelze wird eingeweiht und eingespannt. Benn schreibt nahezu identische Briefe an verschiedene Frauen, verschiebt Besuche, bittet um Diskretion, inszeniert Abwesenheiten. „Gute Regie ist besser als Treue“ wird zum Motto dieser privaten Ökonomie. In diesem Zusammenhang fällt der Begriff „Doppelleben“ nicht als edle Formel, vielmehr als Praxis eines Mannes, der sich in Rollen rettet.
Der Durchbruch unter der Maske
Gerade in dieser Farce bereitet sich die große Lyrik vor. Schirrmacher hebt hervor, dass Benn fast alles beschreibt, nur nicht das, was man von ihm am meisten wissen möchte: wie die Gedichte entstehen. Er berichtet von Hans Albers, bunten Abenden, Herrenrunden, Offiziersdamen, Kinogängen, Ausflügen, Brieftricks und Wohnungsdetails. Über die innere Formung der Gedichte schweigt er. Im April 1936 schreibt er an Oelze: „Schreibe wenig“, und fügt hinzu: „Weine im Traum.“ Zugleich wartet er mit zäher Erwartung auf den Durchbruch.
Die Briefe von 1936 und 1937 zeigen Benn an der Schwelle. Er spielt den Erschöpften, doch die Gedichte entstehen. „Anemone“, „Einsamer nie“, „Wer allein ist“, „Die Gefährten“, „Astern“: Die Figur vor der Bierterrasse, dieser kleinkrämerische Regisseur seines Privatlebens, wird zu einem der großen Lyriker des Jahrhunderts. Das Schmutzige, Kleine, Lächerliche verschwindet dabei nicht. Es bleibt als Bodensatz in der Form. Das Gedicht erhebt sich nicht über die Scham, es kommt aus ihr.
Doppelleben ohne Freispruch
Benns „Doppelleben“ klingt nach Trennung von Amt und Kunst, Uniform und Gedicht, Tag und Nacht. Tatsächlich bezeichnet es eine beschädigte Selbstordnung. Der Arzt, der Offizier, der Liebhaber, der Briefschreiber, der Dichter, der politisch Gescheiterte: Sie alle wohnen in einer Person, ohne einander zu versöhnen. Kiesels Bonner Ausführungen machen daraus keinen Freispruch. Die Gedichte heben die Reden von 1933 nicht auf. Die Reden vernichten die Gedichte nicht. Benn bleibt schuldig und bedeutend. Genau diese Gleichzeitigkeit macht ihn für Kiesels Literaturgeschichte so wichtig.
Die letzten blauen Stunden
Der Blick auf Benn endet nicht in Hannover. Uwe Lehmann-Brauns führt ihn in „Benns letzte Lieben. Mit Originalbriefen von Gottfried Benn“ weiter nach Berlin, in die letzten Jahre, in Cafés, Restaurants, Kinos, Kneipen und Wohnungen. Wieder erscheinen kleine Zettel, Briefe, Postkarten, Telegramme, Mitteilungen auf Rezepten. Wieder steht neben dem Dichter der Regisseur seines Privatlebens. Gerda Pfau, die etwa dreißig Jahre jüngere Journalistin, wird zur letzten Partnerin seiner „Blauen Stunden“. Sie sammelt seine Schreiben akribisch, wahrt aber die Anonymität der Beziehung. Keine gemeinsamen Fotos, kein öffentlicher Anspruch, keine nachträgliche Pose. Benn trifft sie bei Dramburg, begleitet sie ins Kino, gibt ärztliche Ratschläge, notiert Begegnungen in Tageskalendern.
Daneben stehen Ursula Ziebarth, leidenschaftlich und fordernd, Astrid Claes, ferner und kühler, Ilse, die dritte Ehefrau, Benns „Stecken und Stab“, sowie Nele, die Tochter, deren Geschichte das Bild des alternden Dichters nicht milder macht. Lehmann-Brauns zeigt keinen gezähmten Altersweisen. Er zeigt einen Mann, dessen erotische Energie, Kälte, Bedürftigkeit und Selbstinszenierung bis zuletzt fortwirken.
Damit schließt sich der Kreis. Der Benn der Stadthalle und der Benn der letzten Berliner Jahre gehören zusammen. In Hannover schrieb er ein Gedicht auf eine Speisekarte; in Berlin schrieb er Mitteilungen auf Rezepte. Aus dem hohen Ton von 1933 war ein spätes Schreiben geworden, das nur noch durch die Dinge hindurch konnte. Benns politischer Fehltritt bleibt unverziehen. Seine Dichtung bleibt. Die Speisekarte der Stadthalle Hannover wird damit zu einem Schlüsselblatt: vorne bürgerliche Nahrung, hinten der späte Benn.
































