Das Risiko wohnt oben: Costes Schweiz-These als Management-Erzählung

Oliver Coste hat ein Talent für die große Vereinfachung. Die Schweiz, sagt er, habe weder Silicon Valley noch Binnenmarktgröße, weder Euro noch demografische Wucht. Neun Millionen Einwohner, ein Zehntel Deutschlands. Und doch stehe sie seit Jahren an der Spitze der Innovationsranglisten. Die Erklärung, die Coste daraus ableitet, passt in einen LinkedIn-Post und wirkt wie ein Ordnungsruf an die Politik: Die Schweiz lebe mit einem der flexibelsten Arbeitsrechte der Welt. Restrukturierung koste dort im Schnitt 2,5 Monatsgehälter, in Deutschland 31. Folglich investierten Schweizer Unternehmen deutlich mehr in Tech- und Biotech-Forschung, deutsche deutlich weniger. Aus dieser Differenz macht Coste den Hebel für Europas Zukunft.

Die Attraktion des Arguments ist offensichtlich. Es liefert eine Zahl, eine Kausalkette, einen Reformknopf. Wer ihn drückt, so die Verheißung, bekommt mehr Wagnis, mehr Umsteuerung, mehr Innovation. In Zeiten, in denen das Land nach Orientierung sucht, ist das ein politisch dankbares Angebot.

Monatsgehälter als Masterkennziffer

Nur entsteht aus einer gut gewählten Kennzahl noch keine hinreichende Erklärung. Restrukturierungskosten in Monatsgehältern fassen einen Ausschnitt, der sich leicht vergleichen lässt. Gleichzeitig verschwindet in dieser Kennzahl genau das, was in Konzernen über Innovationsfähigkeit entscheidet: Anreizsysteme, Machtstrukturen, Entscheidungswege, Kontrollqualität, Risikoteilung. Wer alles auf eine arbeitsrechtliche Reibungszahl reduziert, landet schnell in einer Welt, die ordentlich aussieht, aber die falschen Ursachen priorisiert.

Der entscheidende Punkt lautet: In großen Unternehmen hängt der Mut zum Neuen selten an der Frage, wie teuer ein späterer Abbau wird. Er hängt an der Frage, wie teuer eine falsche Entscheidung für diejenigen wird, die sie treffen.

Vorstandsverträge und die Abkopplung von Konsequenzen

Coste argumentiert mit Führungskräften und hochbezahlten Spezialisten. Ausgerechnet dort ist die deutsche Praxis oft ein Gegenbeweis gegen die Reformlogik „Kündigungsschutz lockern = mehr Risiko“. Viele Vorstände arbeiten typischerweise mit mehrjährigen Verträgen. Scheitert eine Strategie, endet ein Mandat, folgt häufig eine komfortable finanzielle Landung. Man sieht regelmäßig Fälle, in denen ein Vorstand nach kurzer Zeit wieder geht und dennoch den Restlaufzeitwert oder vergleichbare Kompensationen erhält. Die Organisation zahlt und die Führungskraft geht bis zum nächsten Mandat auf den Golfplatz (ich weiß, ein Klischee). Innovative Schumpeter-Unternehmer, dass hat der von mir schon häufig zitierte Wirtschaftswissenschaftler Jesko Dahlmann in seiner Arbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie und Wirtschaftsgeschichte“ kristallklar herausgearbeitet: Die in seiner Arbeit untersuchten Unternehmer waren mehr Schöpfer als Zerstörer. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen, denn ein langfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch neuartige bzw. qualitativ bessere Produkte, neue Produktionstechniken etc. Unternehmer, die sich durch ihr innovatives Wirken einen Vorsprung erarbeiten, können ihre Mitarbeiter auch besser entlohnen….“

Wer das ernst nimmt, erkennt eine Schieflage: Risiko und Entscheidungsmacht fallen an der Spitze zu selten zusammen. Das dämpft Innovationsneigung weit wirksamer als die Frage, ob ein Projektteam im Fall der Fälle schneller getrennt werden kann. Das eigentliche Problem liegt in der Absicherung der Entscheider, nicht in der Absicherung der Ausführenden. Damit rückt ein Thema in den Vordergrund, das in Costes Erzählung kaum vorkommt: Corporate Governance.

Aufsichtsräte, Investoren, Anreize: Wer steuert die Steuernden

Die Innovationsfähigkeit eines Konzerns wird in der Realität von Aufsichtsräten, Vergütungsausschüssen, Großinvestoren und dem Management selbst geformt. In Deutschland hat sich diese Architektur seit den späten neunziger Jahren stark verändert. Institutionelle Anleger prägen vielerorts den Ton, Aufsichtsräte werden in Teilen zu politischen Gremien, in denen Netzwerke und Loyalitäten eine Rolle spielen. Zugleich bleibt die operative Macht häufig beim Management, das Informationsvorsprünge organisiert, Narrative kontrolliert und die eigenen Systeme gestaltet. Martin Hellwig hat diese Konstellation früh analysiert: In großen Unternehmen liege die faktische Macht oft bei den Managern; der Shareholder-Value-Diskurs habe sich vielfach mit aktiver Unterstützung der Führungsetagen etabliert, inklusive Bonus- und Kursfixierung. In einem solchen Umfeld ist die arbeitsrechtliche Debatte ein Nebenschauplatz. Sie lenkt Aufmerksamkeit auf Personalbeweglichkeit, während die zentrale Frage offen bleibt: Wer trägt die Folgen von Fehlsteuerung, wer profitiert von kurzfristigen Effekten, wer bezahlt die Langfrist?

Quartalslogik gegen Entwicklungszeit

Tech- und Biotech-Innovation folgt Entwicklungszeiten, die sich nicht auf Quartale herunterbrechen lassen. Wer in Forschung investiert, akzeptiert Umwege, Fehlversuche, Rückschläge. Die Börsenkommunikation bevorzugt jedoch Planbarkeit, Storytelling und kurzfristige Signale. Diese Spannung ist kein deutsches Sonderproblem, sie wirkt hierzulande jedoch besonders stark, weil der Kapitalmarkt in vielen Fällen als Disziplinierungsinstrument verstanden wird, nicht als Ermöglicher langer Zyklen.

Coste stellt das Umsteuern in den Mittelpunkt. Das ist plausibel. Nur entsteht Umsteuern in Konzernen primär aus Entscheidungsfähigkeit, nicht aus Kündigungsfähigkeit. Entscheidungsfähigkeit wiederum hängt an Governance: an Aufsichtsräten, die Technologien verstehen, an Vergütung, die Entwicklung belohnt, an Investoren, die Geduld mitbringen, an einer Kultur, die Widerspruch zulässt. Wer diese Bedingungen schwach ausprägt, bekommt Umsteuern als Ritual und Innovation als Folie.

Alter, Nachfolge, Investitionsstau im Mittelstand

Ein weiterer Teil der deutschen Innovationsdebatte spielt jenseits der börsennotierten Welt. Deutschland altert, und damit altert auch Unternehmertum. KfW-Analysen weisen seit Jahren darauf hin, dass mit zunehmendem Alter vieler Inhaber die Bereitschaft sinkt, in neue Themen zu investieren. Das Verhalten nähert sich dem Bestandsmanagement an, häufig mit Blick auf Risikominimierung. Unerledigte Nachfolgefragen verschärfen den Effekt: Wer nicht weiß, wie es weitergeht, verschiebt Investitionen.

Diese Faktoren lassen sich durch arbeitsrechtliche Eingriffe bei Spitzengehältern kaum beeinflussen. Wer den Innovationsmotor anwerfen will, kommt an Nachfolgemodellen, Gründungsfinanzierung, steuerlichen Übergängen und verlässlichen Eigentümerwechseln nicht vorbei.

Inhaberführung, Haftung, Hidden Champions

Ausgerechnet dort, wo Haftung, Vermögen und Lebensarbeit zusammenfallen, zeigt sich oft die robustere Innovationspraxis. Inhaber- und familiengeführte Unternehmen investieren häufig in Produkte, Verfahren und Marktnischen mit langem Atem. Die von Hermann Simon beschriebenen Hidden Champions stehen exemplarisch für eine Logik, die in Konzernen schwer zu replizieren ist: technische Tiefe, Kundennähe, Disziplin in der Kapitalallokation, Fokus auf dauerhafte Wettbewerbsvorteile. In dieser Welt taugt Kündigungsschutz selten als Hauptthema. Entscheidend ist die Fähigkeit, Talente zu halten, Kompetenzen aufzubauen, Technologien zu beherrschen, Lieferketten resilient zu organisieren, Kundenprobleme präzise zu lösen.

Diese Beobachtung ist ein Hinweis auf das eigentliche Zentrum der Debatte: Innovationsfähigkeit hängt an Eigentümerlogik und Haftungsnähe. Wo Haftung verschwindet, wachsen Ersatzmechanismen, die Risiken auspreisen und Verantwortung verdünnen.

Reformauftrag im Aktienrecht und in der Corporate Governance

Genau hier liegt der Aktualisierungsbedarf, den Coste gar nicht auf der Agenda hat. Deutschland diskutiert Arbeitsrecht, während es zugleich eine Reformdebatte über Aktienrecht und Governance braucht, die an die heutigen Machtverschiebungen angepasst ist. Es geht um Transparenz in Einflussketten, um Offenlegung wirtschaftlich Berechtigter, um Interessenkonflikte zwischen Investoren, Aufsichtsräten und Management. Es geht um Stimmrechtsausübung, die langfristige Verantwortung abbildet. Für bestimmte Beschlüsse könnte man Haltefristen oder Loyalitätsmechanismen prüfen, die Einfluss nicht allein an kurzfristige Positionierung koppeln. Es geht um Vergütungsarchitekturen, die echte Langfristigkeit erzwingen: klare Clawback-Regeln, strengere Bedingungen für Abfindungen, konsequente Kopplung variabler Vergütung an mehrjährige Technologie- und Produktziele, nicht an kurzfristige Kurs- und Bilanzmomente.

Ein weiterer Hebel liegt in der Qualifikation und Unabhängigkeit von Aufsichtsräten. Technologieentscheidungen werden in vielen Gremien mit einer Mischung aus Finanz-, Rechts- und Politikkompetenz verhandelt, technische Tiefe bleibt knapp. Wer AI, Halbleiter, Biotech oder Plattformökonomie steuern will, braucht dort Verständnis für Pfade, Risiken und Entwicklungslogik. Ohne diese Kompetenz wächst die Neigung zu Symbolmaßnahmen. Diese Reformpunkte adressieren das, was Coste als „Kosten des Scheiterns“ beschreibt, nur eben an der Quelle: bei Risikoallokation und Verantwortungsdurchgriff.

Innovationspolitik jenseits des Kündigungshebels

Coste verdient Anerkennung für den Versuch, die europäische Debatte aus der Komfortzone zu holen. Seine Schweiz-Erzählung schärft den Blick für die Folgen langsamer Restrukturierung. Sein Schluss, Deutschlands Innovationsproblem lasse sich über gelockerten Kündigungsschutz bei Führungskräften lösen, bleibt ein Sprung.

Die entscheidenden Bremsen sitzen höher: in Vertragslogik, in Aufsicht und Kontrolle, in der Machtbalance zwischen Eigentümern, Investoren und Management, in der Kapitalmarkttaktung, im demografischen Investitionsstau, in ungeklärten Nachfolgen. Wer diese Ebenen ausblendet, bekommt eine Reformdebatte mit klarer Zahl, klarer Forderung, klarer Schlagzeile. Die Wirkung entsteht woanders.

Der Preis des Scheiterns beginnt im Vorstandszimmer. Dort wird entschieden, ob ein Fehlversuch als Lernkosten akzeptiert wird oder als Karrieregefahr gilt. Dort wird definiert, ob Entwicklungszeit als Vermögenswert behandelt wird oder als Störfaktor. Dort wird festgelegt, ob Verantwortung real greift oder in Verträge verpackt wird. Genau dort gehört die Debatte hin, bevor man am Kündigungsrecht herumjustiert.

Bargfeld auf 34 Zeilen: Chausseestraße, plötzlich Heide @lfbrecht

Im Brecht-Haus rückte Berlin-Mitte für einen Abend nach Norden. Christian Nipp eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis, Arno Schmidt und Bertolt Brecht hätten wenigstens eines gemeinsam: die lange Übung des Notierens, die Hefte für Alltag, Arbeit und Werkgenese. Gleich darauf fiel jener Satz, der den Ton des Abends traf wie ein Nagel den Kopf: Die Chausseestraße entwickle sich allmählich zu einer „Bargfelder Chaussee“. Auf dem Podium saßen Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma; vorgestellt wurde die Edition „Tagebücher 1957–62“, also jenes einzige erhaltene Tagesnotizbuch Arno Schmidts, das den Weg von Darmstadt nach Bargfeld, die Entstehung von „Die Gelehrtenrepublik“ und „Kaff auch Mare Crisium“, die Übersetzungen, die Rundfunkarbeiten, die Geldsorgen, die Wetterlagen und den Ehealltag in einem erstaunlich schmalen Format festhält.

Der editorische Bau dieser Ausgabe verdient Beachtung. Fischer erläuterte, der Tagebuchtext stehe auf der rechten Seite, die Erschließung gegenüber links; dazu komme auf jeder Doppelseite ein Schwarzweißbild aus dem Archiv von Arno und Alice Schmidt. Auf diese Weise wächst aus mehr als zweitausend verzeichneten Tagen ein Mosaik, das Arbeit, Lektüre, Korrespondenz, Reisen und Krisen zugleich lesbar macht. Man blickt also auf keinen fromm verglasten Nachlaßgegenstand. Man hat ein Arbeitsbuch vor sich, in dem die Literatur noch in der Schwebe hängt.

Der Mann, der seinem Tagebuch mißtraut

Von besonderem Reiz war der Auftakt der Lesung. Gelesen wurde zuerst aus Schmidts Rundfunkessay von 1964 über Autoren, die Tagebuch schreiben. Das klang wie eine kleine Strafpredigt gegen das Genre. Tagebücher erscheinen dort als Lieblingsform des Dilettanten; Historiker und Biographen, von Schmidt boshaft „Vergangenheitslüsterne“ genannt, verfolgen sie mit dem Eifer von Schatzgräbern; Ehrlichkeit wird ihnen ausdrücklich abgesprochen. „Die große Literatur ist weit weit ehrlicher denn jegliches Tagebuch“, heißt es in diesem Text. Kaum hat Schmidt die Gattung zerlegt, folgt der Haken: Er selbst führt selbstverständlich eines. Nur nach einer eigenen, fast asketischen Regel.

Diese Regel hat Witz, Strenge und einen Stich ins Groteske. Schmidt kauft, wie er sagt, alle vier bis fünf Jahre ein fertiges „Tagesnotizbuch“, Format 11 mal 30, jedem Tag seine Seite, 34 Zeilen von zehn Zentimetern Länge. Daraus folgt das Gesetz, das in Berlin mit hörbarer Freude aufgenommen wurde: „Je länger die Eintragung, desto wertloser der Tag.“ Die Formel ist Komik und Selbstdisziplin zugleich. Hinter ihr steht das Arbeitsethos eines Autors, der den Tag nicht ausgießt, sondern zusammenzieht; der ausläßt, rafft, verknappt; der im Kalender schon jene Energie des Weglassens übt, aus der seine Prosa ihre Spannung gewinnt.

Wetteramt des Geistes

Sobald Susanne Fischer aus den ersten Januarseiten von 1957 las, war der ganze Schmidt im Raum. „Erde weiß; Himmel grau. Später Aufklärung: fatales Hoch!“ Dann vier Seiten „Goethe“ geschrieben, Alice Schmidt liest „Tina“, das Feuer geht aus, Joyce wird verglichen, Kohlen werden bestellt, mit Rowohlt und der „FAZ“ wird abgerechnet, die Katze provoziert Debatten, Ullstein kündigt Geld an. Wenige Tage später folgt die Zeile „Luft wie graue Seide“; vier Wörter, und der Darmstädter Winterabend liegt da mit Kälte, Nässe und einem leisen Glanz auf dem Asphalt. Genau in solchen Formulierungen springt das spätere Werk bereits an.

Schmidt erklärt selbst, weshalb zwei volle Zeilen stets dem Wetter gehören. Er wolle Landschafter sein, sammele Beleuchtungen, beobachte Luftdruck und Temperatur; hinzu komme die Rücksicht auf die eigene Gesundheit, denn Hochdrucklagen machten ihm schwer zu schaffen. Aus dieser Verbindung von Körperkunde und Sprachlust gewinnt das Tagebuch seine eigentümliche Farbe. Das Wetter ist bei Schmidt keine Staffage. Es ist Arbeitsbedingung, Seismograph des Befindens, Vorratskammer für spätere Sätze. Daher rührt wohl die Genauigkeit, mit der sich in den Notizbüchern Regen, Tauwetter, Halbmond, Kälteeinbruch und „wundervolles Tief“ aneinanderreihen.

Kasse, Katze, Kränkung

Die Berliner Lesung zeigte zugleich, wie eng Werk und Tageslauf verzahnt sind. Fischer machte darauf aufmerksam, daß in den Notizbüchern fast alles in Abbreviaturen, Zeichen und kurzen Reizwörtern erscheint: Posteingang, Nachmittagsruhe, Liebe, Alkohol, Schlaftablette. Dazu kommt das berühmte „Gewäsch“, das in den Tagebüchern mehr als fünfzig Mal auftaucht und Besuch, Gespräch, Gesellschaftspflicht, kurz alles bezeichnet, was Schmidt Zeit kostet. Die Katze Purzel, die wiederkehrenden „Katzendebatten“, das Warten vorm Kaufhaus, die Vorleserituale von Alice Schmidt, das Ringen um Geld, Wettbewerbe, Honorar und Ruhe: all das tritt in diesen Heften mit einer Gereiztheit hervor, die komisch wirken kann, gelegentlich auch hart. Gerade darin liegt ihr Wert. Hier sitzt ein Autor, der jeden Verlust an Arbeitszeit wie einen körperlichen Angriff registriert.

Der Kommentar der Edition macht diese Kürzelwelt auf exemplarische Weise begehbar. Er erläutert, wofür Ullstein die tausend Mark zahlte, welche Texte im „Darmstädter Echo“ oder in der „FAZ“ erschienen, was die Remissen bedeuteten, welche Bücher bei Bläschke gekauft wurden, weshalb das „fatale Hoch“ medizinisch ernst zu nehmen war.

Wie „Die Gelehrtenrepublik“ anläuft

Für das Verständnis von Schmidts Werk sind die Passagen über „Die Gelehrtenrepublik“ besonders aufschlußreich. Im Januar 1957 taucht beim Rasieren die Überlegung auf, das Nachtprogramm über Klopstock so anzulegen, daß ein Beschauer in eine Gelehrtenrepublik reist. Zunächst bleibt das ein Gedanke mit Warnschild: „Gefahr des Grotesken.“ Ende März kehrt die Sache zurück, nun im Umfeld von „Texte und Zeichen“, dem „Spiegel“, von Reporterbesuchen und Revolutionslektüren. Im Juni häufen sich „Fantasien Gelehrtenrepublik“, „Gedanken zur gelehrten Republik“, „Einfälle“. Mitte Juli ist die Kartei angelegt, der französische Revolutionskalender wird abgeschrieben, und plötzlich läuft die Sache in tägliche Seitenzahlen um. Am 1. August heißt es schließlich, hundert Seiten seien um 12.53 Uhr beendet. Der Roman von 160 Druckseiten ist in elf Tagen niedergeschrieben. Der Kalender zeigt hier das Anlaufen eines Werks mit einer Präzision, wie man sie sonst nur aus Werkstattberichten der Malerei kennt.

Von besonderem Interesse war dabei ein Hinweis, der im Brecht-Haus fast nebenbei fiel und doch viel erklärt. Kurz bevor „Die Gelehrtenrepublik“ im Tagebuch wieder auftritt, erscheint der Journalist Richard Weber vom „Darmstädter Tagblatt“, schreibt ein Porträt über Schmidt, berichtet über Neuerscheinungen und Rundfunksendungen. Fischer ließ offen, wie weit sich daraus schon eine direkte Linie zur Gestalt des Berichterstatters in „Die Gelehrtenrepublik“ ziehen lasse. Ganz abwegig wirkt die Vermutung nicht. Der Journalist, der in ein künstliches Reservat reist, befragt, umworben und manipuliert wird, hat in diesem Darmstädter Alltag durchaus einen Vorboten.

Thomas Franke und die eiserne Insel

Im literarischen Gespräch in Bonn hat Thomas Franke diesen Roman aus einer ganz anderen Richtung aufgeschlossen. Für ihn ist „Die Gelehrtenrepublik“ jenes Arno-Schmidt-Buch, das den Leser rasch in seinen Bann zieht und mit verblüffender Gegenwart anspricht. Franke sprachvon seinem Projekt „Bücher aus den Städten die es nicht gibt“, einer Reihe, in der das einzelne Buch schon durch Material, Haptik und Bildsprache als Inkarnation seines Inhalts erscheinen soll. „Die Gelehrtenrepublik“ stand in seinem Plan am Anfang. Die eiserne Insel, draußen in den windarmen subtropischen Meerzonen, ist für Thomas Franke einer jener erfundenen Schauplätze, an denen Literatur Wirklichkeit dichter speichert als ganze Straßenzüge der Geschichte.

Seine Ausgabe von „Die Gelehrtenrepublik“ ist als kleine, kostbare Auflage konzipiert worden, mit eigens gewähltem Einbandmaterial, Holzstich-Collagen, Grafikdruck und jener Aufmerksamkeit für die Haptik des Buches, die Franke aus seiner ostdeutschen Buchsozialisation mitgebracht hat. In Bonn sprach er über den Hominidenstreifen, die mobile Insel, die Ost-West-Spaltung, die Wissenschaftler als Dienstleister des Militärs und über eine Expertokratie, die sich auch im einundzwanzigsten Jahrhundert wieder ziemlich leicht dingfest machen läßt. Das fügt sich erstaunlich gut in den Berliner Befund. Während Fischer im Tagebuch zeigt, wie der Roman entsteht, führt Franke vor, wie weit sein politischer und ästhetischer Schatten heute noch reicht.

Der Zettel denkt weiter

Hektor Haarkötter stellt diesen Kalenderraum in einen noch größeren Zusammenhang. In „Notizzettel“ beschreibt er Arno Schmidts Arbeitsweise als Zettelwirtschaft im eigentlichen Sinn. Für „Seelandschaft mit Pocahontas“ sind 620 kleine Zettel und 18 Fotografien der Dümmer-Reise erhalten. Schmidt klebte die Notate direkt in Typoskriptseiten, sparte sich Abschrift und Reinschrift, montierte aus Karte, Bild, Stichwort und Satzfragment seine Prosa. Später wächst dieses Verfahren ins Gewaltige: „Abend mit Goldrand“ verlangt 25.000 Zettel, „Julia“ 30.000, „Zettel’s Traum“ dehnt sich auf 1334 Typoskriptseiten in mehreren Spalten aus. Haarkötters Satz, der Zettelkasten verknüpfe die Welt der Literatur mit der Welt des Büros, gehört zu den Formulierungen, die Arno Schmidt mit einem Griff in die Tradition stellen. Plötzlich steht er in einer Reihe mit Conrad Gesner, Vincent Placcius, Johann Jacob Moser und Jean Paul, also mit jener langen europäischen Kunst des Exzerpierens, Umordnens, Wiedervorlegens, Wiederbeschreibens.

Von hier aus erscheinen die Tagesnotizbücher in neuem Licht. Sie sind die Taschenfassung dieses großen Zettelreichs. Im Kalender liegt der Rohstoff noch unter freiem Himmel: Wetter, Geld, Post, Traum, Ehekrieg, Spaziergang, Herz, Katze, Lektüre, Manuskript. Im Kasten beginnt die zweite Karriere des Materials. Dort wird geordnet, versetzt, geklebt, verdichtet, umadressiert. Wer im Brecht-Haus zuhörte und Haarkötters Seiten danebenlegt, sieht Arno Schmidt bei einer uralten europäischen Tätigkeit: beim Bau von Literatur aus Resten, Vermerken, Einfällen und winzigen Papierstücken, die sich irgendwann zu einer eigenen Welt zusammenschieben.

Der Schriftsteller am Barometer

Das eigentliche Bild dieses Berliner Abends bleibt darum klein und groß zugleich. Arno Schmidt sitzt morgens an seinem Tagesnotizbuch, sieht aufs Barometer, prüft den Himmel, registriert Luftdruck, Herzlage, Arbeitsziel, Remisse, Katzenärger und Schachpartie. Aus diesen wenigen Zeilen wächst später eine Prosa, deren Raumweite man mit bloßem Biographismus nie erklären könnte. Gerade im kleinen Format wird sie verständlich. Bargfeld paßt auf eine Seite. Die Heide schrumpft auf 34 Zeilen. Und plötzlich sieht man sehr genau, wie der Satz entsteht, der später das Blatt beherrscht.

Salons, Slums und symbolisches Kapital: John Ruskin, Marcel Proust und die Zürcher Frage nach der (Netz-)Ökonomie

Marcel Proust gehört zu jenen Autoren, deren Werk immer wieder in neue Gegenwarten hineintritt. Als Roman der Erinnerung wurde die „Recherche“ kanonisch. Als Anatomie der Salons wurde sie berühmt. Als Analyse von Eifersucht, Prestige, sozialer Verstellung und Zeitverlust bleibt sie unerschöpflich. Die Zürcher Tagung „Marcel Proust und die Ökonomie / Marcel Proust et l’économie“, veranstaltet von der Marcel Proust Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Romanischen Seminar der Universität Zürich, unterstützt von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie dem Collegium Romanicum, öffnet einen Zugang, der Proust aus der Sphäre des rein Literarischen herausführt: Proust als Diagnostiker von Wertordnungen.

Das Programm setzt schon mit Jochen Hörischs Abendvortrag „Der snobistische Blick der Literatur auf das Geld“ den Ton. Der Snobismus ist bei Proust keine gesellschaftliche Nebensache. Er ist eine Wahrnehmungsform. Er taxiert Namen, Gesten, Herkunft, Distanz, Vermögen und Umgangsformen. Geld erscheint darin selten allein als Geld. Es tritt verkleidet auf: als Stil, als Adresse, als Einladung, als Zugang, als falsche Selbstverständlichkeit. In der „Recherche“ zirkuliert fast alles. Namen wechseln ihren Kurs. Salons gewinnen und verlieren Kredit. Körper, Einladungen, Erbschaften, Titel, Gerüchte, Kunsturteile und Liebesversprechen werden zu sozialen Währungen.

Wer diese Ökonomie der Zeichen verstehen will, muss John Ruskin hinzunehmen. Jérôme Bastianellis „Dictionnaire Proust-Ruskin“ zeigt Ruskin als intellektuelles Nervensystem Prousts. Der Band rekonstruiert ein Geflecht aus Personen, Orten, Motiven, Kirchen, Städten, Bildern, Übersetzungen und Denkfiguren. Ruskin wird dabei als Autor sichtbar, der Proust das Sehen lehrt: Kunst als Erkenntnis, Architektur als Moral, Schönheit als soziale Frage. Der Band spricht von einem „réseau complexe“ von Konvergenzen zwischen Proust und Ruskin. Dieser Ausdruck könnte als Schlüssel für die Zürcher Ökonomie-Tagung dienen: Prousts Werk ist ein Netzwerk von Wertzuschreibungen, Ruskins Denken ein Netzwerk moralischer Wertfragen.

Der snobistische Blick auf das Geld

Michel Ermans Vortrag „Proust et l’argent“ schließt an Hörischs Auftakt an. Geld ist in Prousts Welt stets in symbolische Ordnungen eingebunden. Es verleiht Zugang, verliert aber an Glanz, sobald ihm der alte Name fehlt. Es kauft Nähe, ohne Zugehörigkeit zu garantieren. Es ermöglicht Sammlungen, Reisen, Wohnungen, Geliebte und Lebensstile, erzeugt aber keine stabile Identität.

Esther Schomachers Thema „Svevo, Mann, Proust und die neoklassische Wirtschaftstheorie“ rückt diesen Befund in die Nähe der Theoriegeschichte. Die neoklassische Ökonomie denkt Kalkül, Präferenz, Nutzen, Gleichgewicht. Prousts Figuren kalkulieren ebenfalls, doch sie kalkulieren mit Kränkungen, Erinnerungen, Rangphantasien, Begehrensresten. Wer bei Proust handelt, handelt unter dem Druck unsichtbarer sozialer Preise.

Hier tritt Ruskin als Gegenfigur zur klassischen politischen Ökonomie auf. Seine Kritik richtet sich gegen die Reduktion des Lebens auf Nutzen, Marktwert und Akkumulation. Schönheit, Bildung, Arbeit, Würde und Gemeinsinn gehören für ihn zur Frage des Reichtums. Darum führt die Zürcher Tagung, auch wo sie Geld, Börse oder Luxus behandelt, auf eine ältere moralökonomische Debatte zurück.

Albertine als Spekulationswert

Der Albertine-Komplex macht diese Verbindung besonders sichtbar. Annelies Schulte Nordholt spricht über „Fragments économiques d’un discours amoureux. Le cycle d’Albertine“. Schon der Titel liest Liebe als ökonomische Form. Albertine ist Geliebte, Geheimnis, Projektionsfläche, Verlustobjekt, Investitionsfeld. Der Erzähler setzt Aufmerksamkeit, Zeit, Angst, Überwachung und Erinnerung ein. Er will Gewissheit gewinnen, erzeugt aber immer neue Unsicherheit.

Bastianellis Eintrag zu Albertine führt diese Figur ausdrücklich zu Ruskin. Dort heißt es über eine Äußerung Albertines, Ruskin sei „un merveilleux poète en prose“. Albertine, die im Roman meist Objekt der Beobachtung ist, wird hier zur Trägerin eines Ruskin-Urteils. Sie spricht über Ruskin, während sie selbst für den Erzähler zum Gegenstand permanenter Interpretation wird.

Ruskins Schule des genauen Sehens kehrt damit in Prousts Liebesökonomie verwandelt wieder. Der Erzähler liest Albertine wie Ruskin eine Fassade, ein Bild, eine Kirche gelesen hätte. Doch ein Mensch bleibt unabschließbar. Albertine gewinnt Wert durch Entzug, Distanz, Geheimnis. Je mehr der Erzähler wissen will, desto größer wird die Spekulation. So entsteht eine Liebesbörse der Unsicherheit.

Verluste, Vermögen, Untergrabungen

Bernd Blaschkes Beitrag „Prousts Poetik der niedrigen Muse, der hohen Verluste, der großen Vermögen und die Untergrabung des homo oeconomicus“ trifft den Kern der Tagung. Prousts Figuren bewegen sich durch Vermögen, Erbschaften, Salons und Besitzverhältnisse, doch der ökonomische Mensch zerfällt unter ihren Händen. Sie begehren gegen ihren Vorteil, verschwenden Zeit, verwechseln Prestige mit Glück, Liebe mit Verfügung, Kunst mit Besitz.

Jacques Letertres Thema „Proust spécialiste: une esthétique de la Bourse“ ergänzt dies um die Marktform der Moderne. Die Börse arbeitet mit Erwartung, Gerücht, Vertrauen, Panik, Übertreibung, Korrektur. Prousts Gesellschaft funktioniert ähnlich. Ein Name steigt, ein Salon fällt, eine Familie verliert Kredit, ein Neureicher gewinnt vorübergehend Aura. Die „Recherche“ ist auch ein Roman der Kursbewegungen.

Wolfram Nitschs Vortrag „Rollender Luxus. Prousts Pferdewagen als Vehikel demonstrativer und transgressiver Verschwendung“ führt diese Dynamik in die Dinge hinein. Wagen, Mobilität, Luxus und Verschwendung sind bei Proust soziale Zeichen. Bewegung ist Auftritt. Konsum wird Sichtbarkeit. Das Fahrzeug wird zur Bühne der Distinktion.

John Stuart Mill als liberaler Gegenspieler

Der Eintrag zu John Stuart Mill im „Dictionnaire Proust-Ruskin“ führt mitten in die politische Ökonomie des 19. Jahrhunderts. Mill steht für Freiheit, Nutzenkalkül, Liberalismus, Individualität und Gesellschaftstheorie. Ruskin griff jene Reduktion des Lebens auf Nützlichkeit und Marktwert an, die er in der politischen Ökonomie seiner Zeit erkannte.

Bastianelli vermerkt, Ruskin habe Mill keineswegs geschätzt; er habe ihn sogar „crétin“ und „coq“ genannt. Die Polemik ist grob, aber aufschlussreich. Sie zeigt, dass Ruskin Mill als Gegenspieler einer moralischen Ökonomie wahrnahm. Der Konflikt lautet: Akkumulation oder Bildung, Nutzen oder Schönheit, Marktwert oder Würde.

Proust führt diesen Konflikt in die Romanform. In der „Recherche“ erscheinen Adel, Großbürgertum und Kunstwelt als Märkte symbolischer Güter. Ein Name kann mehr wert sein als Vermögen. Eine Einladung kann eine soziale Bilanz verändern. Ein geschmackvolles Urteil kann Kredit schaffen. Ein falscher Ton kann einen Kurssturz auslösen.

Schopenhauers Wille im Salon

Schopenhauer rückt den Willen ins Zentrum. Bei Proust wird daraus eine Theorie des Begehrens, der Vorstellung und der leidvollen Fixierung. Bastianelli zitiert in seinem Schopenhauer-Eintrag den Satz: „L’artiste nous prête ses yeux pour regarder le monde.“ Der Künstler leiht uns seine Augen, damit wir die Welt betrachten können.

Der Satz verbindet Schopenhauer, Ruskin und Proust. Bei Ruskin ist Sehen eine moralische Übung. Bei Schopenhauer eröffnet Kunst eine andere Beziehung zur Welt. Bei Proust wird der Blick selbst zum Ort der Ökonomie. Wer etwas sieht, bewertet es bereits. Wer begehrt, steigert den Wert des Begehrten. Wer verliert, erzeugt im Rückblick eine neue Form von Besitz: Erinnerung.

Damit lässt sich auch die Zürcher Frage nach Verschwendung, Luxus und Liebe vertiefen. Der Wille schafft Unruhe, Vergleich, Mangel. Er treibt den Erzähler in die Eifersucht, den Snob in den Salon, den Sammler zum Kunstwerk, den Aufsteiger zur Aristokratie. Wert entsteht aus Entfernung, Projektion, Verlangen.

Oscar Wilde und der Kredit der Oberfläche

Oscar Wilde bringt die Ästhetik der Oberfläche ins Spiel. Bastianellis Eintrag zu Wilde führt Ruskin, Wilde und Proust in eine Zone, in der Schönheit, Kritik und sozialer Schein ineinandergreifen. Wilde wird mit der Formulierung zitiert, die Kritik verfüge über „formes objectives d’expression“ wie die Kunst selbst. Kritik ist damit Schöpfung, kein Begleittext.

Für Proust ist das zentral. Seine Gesellschaft lebt von Oberflächen: Tonfall, Kleidung, Möbel, Einladungskarten, Gesten, Mimik, Pausen, Titeln, Namen. Diese Oberflächen sind Speicher sozialer Macht. Wer sie lesen kann, versteht die Ordnung der Salons.

Ruskin will Schönheit an Wahrheit und Moral binden. Wilde gibt der Oberfläche Autonomie. Proust verarbeitet beide Impulse. Ein Kleid, ein Name, eine Geste, ein Satz in einem Salon können bei ihm so folgenreich sein wie ein Börsensignal. Letertres Börsen-Thema erhält hier seine ästhetische Grundierung.

Jo Yoshida und die Weltreise eines Einflusses

Der Eintrag zu Jo Yoshida öffnet den internationalen Horizont. Yoshida, japanischer Proust-Forscher, promovierte über „Proust contre Ruskin“. Bastianelli referiert seine These, Prousts Leidenschaft für Ruskin habe sich abgeschwächt; zugleich habe Proust Gründe gehabt, Ruskin aus dem eigenen Text zurücktreten zu lassen. Im „Dictionnaire“ fällt die Formulierung, Proust habe „d’autres raisons de vouloir effacer Ruskin de son texte“.

Einfluss zeigt sich bei Proust gerade dort, wo er verdeckt wird. Ruskin verschwindet als Name und bleibt als Verfahren: in der Aufmerksamkeit für Architektur, in der moralischen Aufladung des Sehens, in der religiösen Intensität der Kunstbetrachtung, in der Verbindung von Ästhetik und Gesellschaft. Yoshida macht außerdem die globale Zirkulation dieses Verhältnisses sichtbar: England, Frankreich, Japan, französische Romanistik, Zürcher Ökonomie-Debatte.

Vom Schreiben leben

Jürgen Rittes Beitrag „Vom Schreiben leben“ führt die Frage nach der Ökonomie zur Autorschaft selbst zurück. Proust war kein Autor einer Boheme des Mangels, aber die „Recherche“ entsteht dennoch aus einer eigentümlichen Ökonomie des Schreibens: Zeit, Krankheit, Rückzug, Erbe, sozialer Abstand, Gedächtnisarbeit. Schreiben erscheint als Lebensform, als Verausgabung, als Verwandlung von sozialer Erfahrung in literarischen Wert.

Auch hier ist Ruskin gegenwärtig. Übersetzen, kommentieren, lesen, sammeln, erinnern: Prousts Verhältnis zu Ruskin war eine Arbeitsform. Es ging um Aneignung, Umformung, Distanzierung. Aus Lektüre wurde Stil. Aus Bewunderung wurde Romanverfahren. Aus Ruskins Kunstreligion wurde Prousts Ökonomie der Wahrnehmung.

Vom Oxford-Zirkel zur Netzökonomie

An dieser Stelle gewinnt Winfried Felsers Gedanke der „Next Ruskins“ seine gegenwärtige Brisanz. Ruskin war Kunsttheoretiker, Sozialkritiker, Bildungsreformer, Netzwerkknoten. Von Oxford aus wirkte sein Denken in Toynbee Hall, Settlement-Bewegung, Reformmilieus, Round-Table-Strukturen und jene imperialen wie geoökonomischen Netzwerke hinein, die für Großbritannien und das Commonwealth prägend wurden.

Diese Netzwerke hatten eine moralische Sprache, institutionelle Formen, Zeitschriften, Gesprächskreise, Orte und langfristige Bindungen. Ihre imperiale Schattenseite gehört zur Geschichte. Ihre Organisationsform bleibt lehrreich. Sie zeigt die Macht von Netzwerken, die Ideen, Personen, Kapital, Institutionen und Narrative koppeln.

Felser überträgt diese Logik auf die heutige Netzökonomie. Plattformen, Datenräume und digitale Märkte erzeugen Kontakte in enormer Geschwindigkeit. Kontakt ergibt aber noch keinen Zusammenhang. Reichweite ergibt noch keine Urteilskraft. Moderne Ökonomie braucht vermittelnde Figuren, die Technologie, Kultur, Sozialkapital, Bildung und wirtschaftliche Transformation zusammendenken.

Die „Next Ruskins“ wären Übersetzer zwischen Feldern. Sie müssten industrielle Innovation, digitale Infrastruktur, ökologische Transformation, Bildung, Kultur und soziale Kohärenz verbinden. Produktive Netzökonomie entsteht durch Beziehung, Vertrauen, geteilte Sprache und gemeinsame Deutungsarbeit.

Proust liefert dafür die literarische Anatomie. Seine Salons sind Netzwerke. Sie produzieren Zugehörigkeit, Ausschluss, Reputation, Kredit, Distanz. Ruskin liefert die moralische Frage nach dem Sinn solcher Ordnungen. Felser fragt nach den institutionellen Formen, die aus Netzwerken mehr machen als Plattformverkehr.

Zürich als Probebühne einer Wertdebatte

Die Zürcher Tagung wird so zu einem intellektuellen Knoten. Hörischs snobistischer Blick auf Geld, Ermans Geldfrage, Schomachers neoklassische Theorie, Blaschkes Untergrabung des homo oeconomicus, Schulte Nordholts Albertine-Lektüre, Letertres Börsenästhetik, Nitschs rollender Luxus und Rittes „Vom Schreiben leben“ ergeben zusammen ein Panorama der Proust’schen Wertformen.

Der Ruskin-Horizont vertieft diese Debatte, weil er Wert, Schönheit, Arbeit, Moral und soziale Bindung zusammendenkt. Mill liefert den liberalen Gegenspieler. Schopenhauer erklärt den Drang, der Begehren und Mangel erzeugt. Wilde zeigt die Macht der Oberfläche. Yoshida macht die internationale Zirkulation des Ruskin-Proust-Verhältnisses sichtbar. Felser überträgt das Ganze in die Gegenwart der Netzökonomie.

Ein „Wirtschaftswunder 2.0“ wäre aus dieser Perspektive mehr als Industriepolitik, Digitalisierung und Kapitalmobilisierung. Es wäre eine kulturelle Aufgabe. Es bräuchte neue Orte, an denen Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler, Philologen, Technologen und politische Akteure gemeinsame Maßstäbe entwickeln. Proust und Ruskin lehren, dass gesellschaftlicher Reichtum aus der Fähigkeit entsteht, Wert zu erkennen, zu deuten und zu teilen. Genau daran entscheidet sich auch die Zukunft der Ökonomie.

Homer im Zeitalter der Sirenen aus Glas

Die Antike als Gegenwartskunde

Sylvain Tesson liest Homer wie einer, der in einer Epoche der Beschleunigung nach einem älteren Takt sucht. „Un été avec Homère“ ist kein Kommentar zur „Ilias“ oder zur „Odyssee“ im gelehrten Sinn, eher eine Probe auf die Haltbarkeit des Menschen. Tesson sucht bei Homer keine Bildungsgirlande, keine Herkunftsurkunde Europas, keine museale Akropolis des Geistes. Er sucht das, was unter wechselnden Kostümen wiederkehrt: Krieg, Heimkehr, List, Zorn, Meer, Müdigkeit, Ruhmverlangen, Herdsehnsucht, Tiernähe, göttliche Überhöhung durch Sprache.

Schon im Vorwort schlägt Tesson den Ton an: Homer sei der Musiker, wir lebten im Echo seiner Symphonie. Dieser Satz vertreibt den modernen Menschen aus seiner Lieblingsrolle. Wir halten uns gern für spät, kompliziert, irreversibel aufgeklärt. Bei Homer wirken wir plötzlich altbekannt. Die Drohne liefert den GoPro-Blick, die Nachrichtenlage läuft in Echtzeit über den Globus, die seelischen Grundfiguren bleiben eigentümlich archaisch. Tesson rückt mehrfach das Motiv des Unveränderlichen ins Zentrum: Homer zeige keine Vergangenheit als Museum, er lasse Konstanten des Menschen sichtbar werden, jene alten Triebkräfte, die unter technischen Oberflächen weiterarbeiten.

Achilles steht vor Troja, zugleich steht er im Kommentarbereich. Er ist verwundet durch Kränkung, maßlos in der Antwort, berauscht vom eigenen Recht. Sein Zorn beginnt mit einer Beleidigung, keiner strategischen Lagebeurteilung. Genau darin ist er unserer Zeit nah. Öffentliche Debatten kippen rasch vom Argument in die Ehrverletzung. Ein Satz, ein Bildausschnitt, ein alter Fehltritt, schon liegt das Lager geteilt vor den Mauern der Stadt. Troja ist dann kein Ort in Kleinasien mehr, es wird zum Belagerungszustand einer Öffentlichkeit, in der Abrücken als Niederlage gilt.

Odysseus irrt durch das Mittelmeer, zugleich durch Flughäfen, Migrationsrouten, Hotelkorridore, Karrierelabyrinthe und Datenwolken. Er ist der Mann, der überall ankommt und nirgends ganz da ist. Am Gate überprüft er seine Bordkarte wie einst den Wind, im Posteingang lauern die Sirenen, auf LinkedIn die Lotosesser der permanenten Selbstoptimierung. Sein Ithaka kann ein Haus sein, ein verlorenes Verhältnis, eine Sprache, ein gelöschter Kindheitsgeruch, vielleicht der Zustand, morgens aufzuwachen, ohne sich selbst erklären zu müssen.

Penelope wartet in Ithaka, doch ihre Größe liegt im Verwalten der Zeit. Ihr Webstuhl ist heute der Kalender, die Pflegearbeit, das Durchhalten einer Bindung inmitten beschleunigter Optionen. Sie ist keine passive Figur, eher die große Strategin der Verzögerung. Während die Freier das Haus besetzen, verteidigt sie die Ordnung mit dem unscheinbarsten aller Mittel: Geduld. Eine Epoche, die jede Verzögerung für Ineffizienz hält, versteht kaum noch, welche Intelligenz im Warten liegt. Penelope weiß, dass Treue kein bloßes Gefühl ist. Treue ist Formbewusstsein unter Druck.

Fortschritt ohne Erlösung

Die philosophische Provokation dieses kleinen Buches liegt im Verdacht, dass der Fortschritt zwar Apparate, Verfahren, Institutionen, Diagnosen, Therapien hervorgebracht hat, den Menschen jedoch aus der tragischen Grammatik keineswegs entlassen konnte. Er wurde beweglicher, länger lebend, informierter. Seine alten Energien blieben erhalten. Anerkennung, Ruhm, Besitz, Rache, Begehren, Angst, Heimkehr: Die Namen wechseln, die Grammatik bleibt.

Die „Ilias“ ist für Tesson das Gedicht des Kampfes. Gemeint ist mehr als militärischer Kampf. Leben heißt Reibung, Widerstand, Verwundbarkeit. Der moderne Humanismus behandelt Konflikt gern als Betriebsunfall. Genug Kommunikation, genug Moderation, genug Psychologie, genug Governance — der Friede werde schon aus vernünftiger Verwaltung entstehen. Das alles sind Schönwetter-Weisheiten. Homer singt gegen diese Hoffnung an. Der Mensch will anerkannt werden, gesehen werden, siegen, rächen, glänzen, bewahren, besitzen. Politik beginnt dort, wo diese Energien Form gewinnen. Tragödie beginnt dort, wo sie aus der Form fallen.

Hektor ist der Verteidiger Trojas, zugleich der Mann, der seinen möglichen Untergang kennt und trotzdem hinausgeht. In ihm liegt die Würde dessen, der an die Pflicht glaubt, auch ohne Siegesgewissheit. Man findet ihn heute bei Ärzten in überfüllten Notaufnahmen, bei Feuerwehrleuten vor brennenden Wäldern, bei Lehrern in beschädigten Institutionen, bei Eltern, die morgens Brotdosen füllen, während die Weltlage apokalyptisch kommentiert wird. Hektor ist der Held ohne Rausch. Er kämpft, weil jemand den Platz halten muss.

Agamemnon, der beleidigte Oberbefehlshaber, ist ebenfalls keineswegs verschwunden. Er sitzt in Vorstandsetagen, Ministerrunden, Fakultätsgremien, Redaktionskonferenzen. Er verwechselt Rang mit Wahrheit, Macht mit Urteil, Besitz mit Recht. Seine Schwäche ist die alte Krankheit aller Hierarchien: Wer oben steht, hält die eigene Kränkung für ein Staatsproblem. So beginnt bei Homer ein Krieg im Krieg. So entstehen bis heute institutionelle Katastrophen, die als Sachkonflikte ausgegeben werden und doch aus verletzter Eitelkeit stammen.

Achill im Kommentarbereich

Die kriegerische Grammatik der „Ilias“ liegt unter der Oberfläche digitaler Zivilität. Man spricht von Debattenkultur, oft herrscht Zweikampf. Man spricht von Sichtbarkeit, oft glimmt das alte Verlangen nach Ruhm. Man spricht von Empörung, Achills Zorn hat nur ein neues Übertragungsmedium gefunden. Der Unterschied zwischen Speerwurf und Shitstorm ist technisch erheblich, anthropologisch geringer, als der Fortschrittsstolz zugibt. Der antike Held wollte seinen Namen im Gesang bewahren; der Gegenwartsmensch will ihn im Feed stabilisieren. Beides ist ein Kampf gegen das Verlöschen.

Tesson liebt an Homer die Epitheta, jene festen Beiwörter, die Figuren und Dingen Glanz verleihen: der listenreiche Odysseus, die eulenäugige Athene, der göttliche Achilles, das weinfarbene Meer. Das klingt zunächst ornamental. Tatsächlich steckt darin eine Theorie der Erkenntnis. Ein Epitheton ist kein Etikett, eher eine Verdichtung. Es hält eine Erscheinung im Licht fest. Die moderne Sprache zersplittert zwischen Fachjargon, Managementformel und digitaler Verkürzung. Sie benennt immer genauer, sieht oft weniger. Homer sieht, weil er wiederholt. Wiederholung ist bei ihm kein Mangel an Originalität; sie ist Treue zur Gestalt.

Für die Gegenwart, berauscht von Aktualität, ist das fast skandalös. Unsere Kultur misstraut dem Feststehenden. Sie bevorzugt Update, Revision, Wechsel der Oberfläche. Homer erinnert daran, dass Welt erst bewohnbar wird, sobald Dinge Namen erhalten, die länger halten als der Reiz des Augenblicks. Ein Baum ist mehr als Biomasse, ein Meer mehr als Verkehrsraum, ein Körper mehr als Datensatz, ein Toter mehr als Kollateralschaden. Die homerische Sprache rettet die Erscheinung vor der Verrechnung.

Die Treue der Wörter

Darin liegt ihre ökologische Kraft. Tesson sieht bei Homer die Natur als kosmische Ordnung, in der Tiere, Pflanzen, Winde, Flüsse und Menschen ein gemeinsames Drama bilden. Der Mensch ist kein Herr der Szene. Er ist ein Wesen unter anderen, groß durch Sprache, klein vor dem Sturm.

Gerade hier gewinnt „Un été avec Homère“ eine wissenschaftliche Aktualität, die über Literaturkritik hinausgeht. Das Anthropozän hat dem Menschen eine mythische Rolle gegeben, ohne ihm mythische Weisheit zu verleihen. Er verändert Klima, Meere, Böden, Artenvielfalt, Atmosphärenchemie. Zugleich wirkt er erstaunlich unfähig, sich selbst als Naturwesen zu denken. Homer kannte keine Erdsystemmodelle. Seine Welt besitzt dennoch jene dichte Verbundenheit, die moderne Ökologie in Diagrammen rekonstruiert. Ein Fluss ist bei ihm mehr als Wasserlauf, er kann zürnen. Ein Meer ist mehr als Fläche, es trägt Schicksal. Ein Tiervergleich ist keine hübsche Metapher, er rückt den Menschen zurück in die Ordnung des Lebendigen.

Athene, die Göttin der klugen Intervention, lässt sich heute kaum als reine Vernunft allegorisieren. Sie ist raffinierter. Sie tritt auf, sobald rohe Kraft eine Form braucht. Sie flüstert, tarnt, lenkt, verschiebt den Blick. In unserer Gegenwart wäre sie vielleicht die Kunst, Wissen rechtzeitig anzuwenden: eine klare Stimme im Krisenstab, eine gute Richterin, eine Ingenieurin, die vor dem schönen Plan die Bruchstelle sieht, eine Redakteurin, die den Satz rettet, bevor er zur Parole verkommt. Athene steht für Intelligenz, die ordnet, ohne sich selbst zu feiern.

Das Mittelmeer als Prüfungsraum

Die Entzauberung hat ungeheure Klarheiten geschaffen. Sie hat auch eine Sprache der Verfügbarkeit hervorgebracht. Was keinen Preis, keine Kennzahl, keinen Nutzwert besitzt, gerät leicht aus dem Blick. Homer kennt eine andere Ökonomie: Ehre, Maß, Gastfreundschaft, Heimkehr, Bestattung, Erinnerung. Der tote Feind bleibt ein Toter, der begraben werden muss. Der Gast bleibt ein Gast, bevor er zum Fremden, Konkurrenten, Risiko oder Fall wird. Die „Odyssee“ ist auch ein großes Gedicht der Aufnahme und Prüfung: Wer am Tisch sitzt, verrät die Moral derer, die ihn bewirten.

Damit trifft Tesson einen Nerv Europas. Das Mittelmeer, bei Homer mythischer Raum der Prüfung, ist heute Grenzraum, Grab, Handelsweg, touristische Projektionsfläche. Odysseus, der Schiffbrüchige, wäre in unserer Gegenwart Aktenvorgang, Sicherheitsfrage, humanitäres Symbol, politischer Zankapfel. Homer zwingt dazu, hinter jeder Kategorie wieder den Körper zu sehen: durchnässt, hungrig, listenreich, erschöpft, gefährdet, mitunter gefährlich. Die Größe der „Odyssee“ liegt darin, Fremdheit weder sentimental zu glätten noch administrativ zu entsorgen. Sie weiß, dass der Ankommende geprüft wird. Sie weiß auch, dass die Prüfenden sich im Umgang mit ihm selbst enthüllen.

Die Sirenen singen heute aus Geräten. Ihr Lied ist personalisiert, algorithmisch verfeinert, immer schon auf die Schwäche des Hörers gestimmt. „Nur noch ein Video“, „nur noch eine Nachricht“, „nur noch diese Erregung“: Das ist der kleine Gesang, der Heimkehr verhindert. Odysseus ließ sich an den Mast binden, weil er die Schwäche des eigenen Willens kannte. Die Moderne nennt das Medienkompetenz, Homer nennt es Klugheit gegenüber der eigenen Verführbarkeit.

Auch die Lotosesser leben weiter. Sie wohnen in Komfortsystemen, die den Schmerz betäuben und die Richtung löschen. Man denkt an jene Formen weicher Verwahrlosung, in denen das Leben angenehm wird und gerade dadurch seine Kontur verliert: endloses Scrollen, Konsum als Sedativ, Reisen ohne Ankunft, Wellness ohne Heilung. Der Lotos tötet nicht. Er macht das Vergessen angenehm.

Die Einhegung der Rache

Tessons Homer ist kein Pazifist, kein Moralist, kein Therapeut. Gerade seine Härte macht ihn brauchbar. Eine Epoche, die alles in Verletzung, Diskurs, Prävention und Prozess übersetzt, begegnet bei Homer einer Welt, in der Schmerz nicht verschwindet, weil man ihn benennt. Die Götter sind launisch, der Ruhm ist blutig, das Meer bleibt unzuverlässig, der Heimkehrer kommt beschädigt zurück. Am Ende der „Odyssee“ steht keine Wellness der Versöhnung, eher eine fragile Wiederherstellung der Ordnung. Frieden ist Arbeit am Zorn. Zivilisation beginnt nicht bei der Behauptung allgemeiner Güte. Sie beginnt bei der Einhegung der Rache.

Die Freier in Ithaka sind eine besonders moderne Gruppe. Sie wohnen im Haus eines anderen, verbrauchen fremde Vorräte, reden sich gegenseitig ihre Ansprüche schön und halten ihre eigene Dreistigkeit für Normalität. In ihnen erkennt man die parasitäre Seite jeder Ordnung: Milieus, die von Institutionen leben, ohne sie zu achten; Profiteure, die das Gemeinsame rhetorisch preisen und praktisch verzehren. Odysseus’ Heimkehr ist deshalb mehr als eine private Rückkehr. Sie ist die Wiederherstellung einer Grenze.

Das erklärt, weshalb Homer im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht altert. Seine Welt ist brutal, doch nicht zynisch. Sie ist fatalistisch, doch nicht nihilistisch. Sie kennt Götter, doch keine billige Erlösung. Sie kennt Helden, doch zeigt ihre Tränen. Diese Mischung fehlt vielen Gegenwartsmythen. Unsere Populärkultur liebt den Sieger, unsere politische Kultur liebt das Opfer, unsere Technik liebt das lösbare Problem. Homer kennt Menschen, die zugleich Täter, Leidende, Irrende, Liebende, Prahlende, Betende sind. Kein Algorithmus liebt solche Mehrdeutigkeit. Die Maschine klassifiziert; Homer singt.

Bewunderung als Erkenntnisform

Tessons eigener Stil, manchmal pathetisch, manchmal aphoristisch, manchmal von aristokratischer Weltmüdigkeit durchzogen, eignet sich für diesen Gegenstand, weil er Homer nicht neutralisiert. Er nähert sich dem Text mit Bewunderung, nicht mit Besitzanspruch. Das ist riskant. Bewunderung kann blind machen. Sie kann auch eine Form der Erkenntnis sein, besonders bei Werken, die größer sind als die Methoden, die sie sezieren. Wer Homer nur erklärt, verfehlt ihn. Wer ihn nur verehrt, verfehlt ihn ebenfalls. Tesson bewegt sich auf dieser gefährlichen Linie. Er will kaum beweisen, dass Homer wichtig ist; er schreibt aus der Erfahrung, dass Homer ihn erwischt hat.

Die Gegenwart braucht vielleicht genau diese Art Lektüre: keine Flucht in die Antike, keine gelehrte Nostalgie, keine konservative Pose, die in jedem Hexameter eine verlorene Ordnung wittert. Homer taugt nicht als Parteiprogramm. Er ist älter, wilder, uneindeutiger. Er erinnert daran, dass der Mensch vor jeder Ideologie ein Wesen mit Hunger, Angst, Stolz, Schlaf, Sprache, Gewaltfähigkeit und Heimweh ist. Wer das vergisst, baut Systeme für Fantasiegeschöpfe. Wer es bedenkt, gewinnt Klarheit über die menschliche Lage.

Selbst die Götter Homers sind weniger fremd, als es scheint. Man kann sie als Namen für Mächte lesen, die größer sind als der Vorsatz des Einzelnen: Aphrodite für die Verblendung der Begierde, Ares für den Rausch der Gewalt, Poseidon für die störrische Welt, die Pläne zerbricht, Hermes für die Beweglichkeit zwischen den Sphären. Die Gegenwart hat diese Mächte nicht abgeschafft. Sie hat ihnen andere Ressorts gegeben: Biochemie, Märkte, Stimmungen, Infrastrukturen, Netzwerke. Die alten Götter tragen heute Laborkittel, Firmenlogos, Einsatzwesten, Push-Mitteilungen.

Unter den Glasfaserkabeln liegt Troja

Am Ende bleibt bei Tesson das Bild eines Sommers mit Homer: Licht, Meer, Wind, Insel, Gesang. Doch dieses Idyll täuscht. Im Licht liegt Troja. Im Meer liegen die Toten. Im Wind liegt die Stimme, die den Menschen aus seiner Aktualität herausruft. Homer ist kein Gegenteil der Gegenwart. Er ist ihr Röntgenbild. Unter Glasfaserkabeln, Satelliten, Börsentickern, Talkshows, Laboren, Parlamenten, Plattformen liegt weiterhin die alte Szene: Jemand bricht auf. Jemand kämpft. Jemand verliert den Namen. Jemand sucht den Weg nach Hause.

Troja ist überall dort, wo eine Stadt zur Bühne verletzter Ehre wird. Ithaka ist überall dort, wo Heimkehr Wiedergewinnung einer Ordnung heißt. Achilles lebt in jedem Menschen, der lieber die Welt brennen sieht, als eine Kränkung hinunterzuschlucken. Hektor lebt in jedem, der ohne Illusion standhält. Penelope lebt in jeder Form treuer Intelligenz. Odysseus lebt in jedem, der den Umweg nicht mit dem Scheitern verwechselt. Homer bleibt nicht, weil er alt ist. Er bleibt, weil wir es sind.

Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv #rp26

Beckedahls Prüfstein

Markus Beckedahl stellte Karsten Wildberger auf der re:publica eine Frage, die in Wahrheit größer ist als jedes Ressort: Wie steht es um die Digitalisierung in Deutschland? Seine eigene Bilanz fiel vorsichtig hoffnungsvoll aus. Ein engagierter Minister, der die großen Fragen kenne, auch Wege sehe, nun aber an Lösungen gemessen werde. Sabine Gillessen nannte das Gespräch auf LinkedIn angenehm überraschend gut und wartete zugleich auf die Umsetzung. Stephan Noller sprach von Authentizität. Diese Reaktionen markieren den neuen Ton: weniger Misstrauen aus Gewohnheit, mehr prüfende Erwartung.

Das ist für die deutsche Netzpolitik ein seltener Zustand. Die Szene, aus der Beckedahl kommt, hat über Jahre gelernt, politischen Digitalversprechen mit archivarischer Skepsis zu begegnen. Zu oft wurde Freiheit beschworen und Überwachung gebaut. Zu oft wurde Open Source gelobt und proprietär beschafft. Zu oft wurde Bürgernähe angekündigt und ein Formularserver ausgeliefert. Der Applaus auf der re:publica hat deshalb Gewicht. Er war kein Blankoscheck. Er war ein Darlehen.

Wildberger trat dort mit einer Erzählung auf, die sich von der üblichen Digitalrhetorik unterscheidet. Vor einem Jahr habe er noch Absichten vorgetragen, heute spreche er über Umgesetztes und Begonnenes. Aus wenigen Leuten seien 500 Mitarbeitende geworden, die Digitalisierung sitze nun jeden Mittwoch am Kabinettstisch. Das ist noch keine Staatsmodernisierung, aber es ist eine institutionelle Verschiebung. Digitalisierung hat einen Ort bekommen, der mehr sein kann als Koordinationsfolklore. War übrigens meine Forderung – also nicht mehr am Katzentisch des Kabinetts zu sitzen.

https://www.linkedin.com/pulse/laber-rituale-der-digitalpolitik-groko-meinung-gefragt-gunnar-sohn

Souveränität als demokratische Infrastruktur

Der wichtigste Satz des Vortrags war nicht technisch. Er lautete: Digitale Souveränität ist eine Demokratiefrage. Wildberger zeichnete die Abhängigkeit Deutschlands von fremden Plattformen, fremden Standards und fremden Wertordnungen als machtpolitisches Problem. Wer Kommunikationsräume kontrolliert, kontrolliert Sichtbarkeit. Wer Datenräume kontrolliert, kontrolliert Handlungsoptionen. Wer Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert die Voraussetzungen künftiger KI.

Damit berührt er einen Kern der Netzpolitik, der lange zwischen Bürgerrechten, Plattformkritik und Industriepolitik zerrieben wurde. Souveränität darf nicht zur Subventionsformel für heimische Anbieter verkümmern. Sie darf auch nicht als digitaler Protektionismus missverstanden werden. Gemeint ist Wahlfähigkeit. Der Staat muss auswählen können, welche Infrastruktur er nutzt. Er muss Verträge gestalten können, statt Bedingungen nur zu akzeptieren. Er muss im Zweifel ausweichen können.

Hier liegt die Verbindung zu Ralph Brinkhaus’ 100 Vorschlägen für den Neustaat. Der CDU-Politiker beschreibt den Vertrauensverlust öffentlicher Institutionen, die zu langsam, zu umständlich und zu wenig digital arbeiten. Regeln seien zu oft wichtiger geworden als Zielerreichung, Wirkungskontrolle und Ergebnisverantwortung. In seiner Diagnose steckt ein Satz, der Wildbergers re:publica-Auftritt rahmt: Ohne funktionierenden Staat geraten alle großen politischen Vorhaben ins Stocken.

Wildberger spricht nun über Souveränität, Brinkhaus über Leistungsfähigkeit. Beides gehört zusammen. Ein Staat, der keine eigenen digitalen Grundlagen beherrscht, kann auch seine demokratischen Versprechen nicht einlösen.

Regeln, Code, Plattform, KI

Wildberger ordnete seine Agenda in vier Ebenen: Regeln, Code, Plattform und KI. Diese Ordnung ist brauchbar, weil sie das ewige Durcheinander der Digitaldebatte sortiert. Auf der Ebene der Regeln verteidigte er DMA und DSA als europäische Antwort auf die Macht der Plattformkonzerne. Zugleich sprach er die deutsche Selbstblockade an: fragmentierte Aufsicht bei der DSGVO, ein Datenschutzverständnis, das industrielle Maschinendaten und sensible Personendaten zu häufig gleich behandelt, zu wenig Raum für verantwortungsvolle Datennutzung.

Das ist eine heikle, aber notwendige Linie. Grundrechte brauchen Schutz. Der Staat braucht zugleich Datenfähigkeit. Wer jede Datennutzung unter Generalverdacht stellt, erzeugt keine Freiheit, er erzeugt Verwaltungsohnmacht. Gerade für KI, Planungsbeschleunigung, Sozialleistungen und Bürgerkonten wird die Frage entscheidend, ob Deutschland aus Daten Nutzen ziehen kann, ohne Vertrauen zu zerstören.

Auf der Ebene des Codes kündigte Wildberger Verbindlichkeit an. Open Desk soll als vollständig quelloffene Arbeitsplatz-Suite in der Bundesverwaltung eingeführt und ausgeweitet werden. Neue Beschaffungen des Bundes sollen Open Source bevorzugen, sofern tragfähige Lösungen existieren. Mit Steuergeld entwickelter Code soll öffentlich werden. Das alte netzpolitische Motto „Public money, public code“ ist damit im Ministerton angekommen.

Das ist mehr als Symbolik. Es trifft einen der blinden Flecken deutscher Verwaltung: Hunderte Millionen Euro Lizenzkosten, Abhängigkeiten von wenigen Anbietern, Verträge, in denen der Staat eher Kunde als Gestalter ist. Wildberger nennt es Komfort, der teuer wird, sobald politische Konstellationen kippen. Diese Formulierung sitzt.

Der Deutschland-Stack als Bewährungsarchitektur

Der Deutschland-Stack ist bei Wildberger keine bloße Metapher. Er beschreibt ihn als Architektur mit gemeinsamen Standards, souveräner Cloud-Infrastruktur und einer Anwendungsebene für digitale Identität, Verwaltungszugänge und KI-Plattform. Das Entscheidende daran ist der Gedanke der Nachnutzung: Was eine Behörde einmal gut baut, sollen andere übernehmen können. Offenheit wird hier zum Skalierungsprinzip.

Das passt zu Brinkhaus’ Vorschlägen. Dort finden sich bundesweite IT-Standards, ein Bundes-IT-Rahmengesetz, eine souveräne Bundescloud, eine Bundesdigitalagentur, ein App Store für Verwaltungssoftware und ein Rechtsanspruch auf digitale Verwaltungsakte. Gerade der Rechtsanspruch wäre der Unterschied zwischen freundlich gemeinter Modernisierung und einklagbarer staatlicher Leistungsfähigkeit. Zielverfehlungen und Zeitüberschreitungen dürfen nicht folgenlos bleiben.

Der Stack kann diese Ideen bündeln. Er darf aber nicht zur neuen Großvokabel werden, die alles verspricht und wenig erzwingt. Architektur wird erst politisch, sobald sie Standards setzt, Mittel bindet, Zuständigkeiten klärt und Dopplungen beendet. Die alte deutsche Krankheit heißt Nachbau. Jede Ebene entwickelt ihre eigene Lösung, jede Lösung bekommt ihre eigene Schnittstelle, jede Schnittstelle ihren eigenen Arbeitskreis. Wildbergers Versprechen der Nachnutzung muss genau diesen Mechanismus brechen.

Wallet, Vertrauen und die alte Netzpolitik

Die EUDI-Wallet ist auf der re:publica naturgemäß umstritten. Beckedahl fragte nach Daten, Zugriffen und Risiken. Wildberger antwortete mit Bauprinzipien: Datensparsamkeit, Selective Disclosure, Open-Source-Komponenten in kritischen Schichten, externe Audits, Transparenz über Nutzungsvorgänge. Die Wallet soll im Januar 2027 einsatzbereit sein; mehr als 100 Unternehmen entwickeln Anwendungen in einer Sandbox.

Hier entscheidet sich viel. Eine digitale Identität kann Verwaltung vereinfachen, Geschäftsprozesse beschleunigen und Once-Only endlich greifbar machen. Sie kann zugleich zum Albtraum der Bürgerrechte werden, falls sie zentralistisch, intransparent oder zwanghaft aufgebaut wird. Wildberger klang in diesem Punkt dialogbereit. Das reicht für den Anfang. Der Nachweis folgt im Code, in den Audits, in der Architektur und im Umgang mit Kritik.

Die Netzpolitik sollte sich hier nicht in Reflexen einrichten. Ablehnung aus Prinzip schützt keine Grundrechte. Vertrauen entsteht durch überprüfbare Technik, offene Verfahren, Widerspruchsmöglichkeiten und klare Grenzen staatlicher Datennutzung. Die re:publica-Community ist an dieser Stelle nicht Publikum. Sie ist Prüfinstanz.

KI als Verwaltungsinstrument mit Revisionspflicht

Wildberger berichtete über KI in Genehmigungsverfahren. Komplexe Infrastrukturgenehmigungen seien über acht Teilprozesse weitgehend automatisiert worden; der Arbeitsaufwand sei um 80 Prozent gesunken, Nachnutzung laufe in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesnetzagentur. Am Ende entscheide ein Mensch, die Maschine unterstütze. Entscheidungen müssten nachvollziehbar bleiben.

Hier kommt die Verwaltung in den Bereich, in dem KI tatsächlich Wirkung entfalten kann: Vollständigkeitsprüfungen, Widerspruchserkennung, Dokumentenanalyse, Fristenmanagement, Aktenstrukturierung, Vorprüfung. Das ist weniger glamourös als die großen AGI-Erzählungen, aber für den Staat ungleich relevanter. Eine Baugenehmigung, die Monate schneller bearbeitet wird, ist mehr wert als das nächste KI-Strategiepapier.

Brinkhaus schlägt vor, KI in jeder öffentlichen Einrichtung systematisch zu prüfen, Routinearbeiten und Routinekommunikation zu automatisieren und KI-Kompetenz zur Führungsaufgabe zu machen. KI-Projektteams und finanzierte Projekte gehören für ihn zur Grundausstattung einer modernen Verwaltung. Genau hier liegt der Abgleich: Wildberger zeigt ein Beispiel, Brinkhaus fordert die Systematisierung. Aus Pilotfällen muss Verwaltungsstandard werden.

Zendis, Open Desk und der Preis der Bequemlichkeit

Besonders aufschlussreich war die Passage zu Open Desk und Zendis. Wildberger räumte ein, dass der Bund weiterhin erhebliche Mittel für proprietäre Software ausgibt, während Zendis mit deutlich kleineren Summen arbeiten muss. Er kündigte an, die Struktur, Produktfähigkeit und Ausstattung von Zendis zu überprüfen. Das ist politisch wichtiger, als es klingt.

Open Source scheitert in staatlichen Organisationen selten an Sympathie. Sie scheitert an Produktpflege, Migration, Support, Beschaffung, Verantwortlichkeit und Geduld. Der Staat kann nicht nur fordern, dass offene Lösungen entstehen. Er muss ein professioneller Kunde werden. Er muss Wartung finanzieren, Communities pflegen, Repositories absichern und Produktqualität einfordern.

Hier trifft Wildberger den Punkt, an dem digitale Souveränität zur Haushaltsfrage wird. Wer jährlich viel Geld an globale Anbieter überweist und offene Alternativen mit Projektmitteln abspeist, wählt Abhängigkeit. Wer Souveränität will, muss Beschaffung, Budget und Organisationsform ändern.

Plattformregulierung ohne eigene Plattformen bleibt defensiv

Beckedahl fragte zu Recht nach DMA, DSA, TikTok, Instagram und der Durchsetzung europäischer Regeln. Wildberger verteidigte die europäischen Plattformgesetze, verwies aber auf das Problem stumpfer werdender Regulierung, sobald Europa keine eigene technologische Fähigkeit mehr besitzt. Das ist der unangenehme Kern der Debatte.

Europa kann Plattformen regulieren. Es kann Bußgelder verhängen, Transparenz verlangen, Risiken prüfen. Doch eine Ordnungsmacht ohne eigene digitale Produktionsfähigkeit bleibt abhängig von den Systemen, die sie beaufsichtigt. Das regulatorische Schwert glänzt, aber es wird schwerer zu führen.

Wildbergers Hinweis auf eigene Plattformen ist deshalb wichtig, bleibt aber noch offen. Mastodon, Eurosky und föderierte Alternativen brauchen mehr als wohlwollende Nutzung durch Ministerien. Sie brauchen Finanzierungsmodelle, Produktentwicklung, Skalierungsarchitekturen, Moderationsstrukturen und öffentliche Ankerkunden. Gerade hier könnte der Staat experimenteller auftreten: als Nutzer, Förderer, Standardsetzer, Auftraggeber. Die alte Plattformkritik muss zur Plattformpolitik werden.

Rechenzentren, Gemeinwohl und der fehlende Gesellschaftsvertrag

Die Debatte über Rechenzentren zeigte einen weiteren Bruch. Wildberger will die Kapazität bis 2030 deutlich erhöhen, KI-Kapazitäten vervielfachen und Nachhaltigkeit mitdenken. Beckedahl fragte nach Ressourcenverbrauch, Wasser, Energie und gemeinwohlorientiertem Zugang zu Rechenleistung. Das ist mehr als Umweltkritik. Es geht um den neuen Gesellschaftsvertrag der KI-Infrastruktur.

Rechenzentren werden zur Grundversorgung der digitalen Republik. Sie verbrauchen Strom, Fläche, Wasser und politische Aufmerksamkeit. Sie schaffen zugleich die Voraussetzung für Forschung, Verwaltung, Startups und KI-Anwendungen. Wer private Rechenzentren zulässt, darf fragen, welche Gemeinwohlrendite entsteht. Zugang für öffentliche Forschung, vergünstigte Rechenzeit für Startups, Kapazitäten für Verwaltung und Zivilgesellschaft, Transparenz über Energie- und Wasserverbrauch: Das wären keine antitechnischen Forderungen, sondern Bedingungen demokratischer Infrastrukturpolitik.

Brinkhaus’ Ziel- und Wirkungsorientierung liefert auch hier das Raster. Input allein genügt nicht. Rechenzentren sind kein Erfolg, weil sie gebaut werden. Der Maßstab liegt in Wirkung: mehr souveräne Anwendungen, bessere Verwaltungsverfahren, europäische KI-Fähigkeit, geringere Abhängigkeit, messbare Energieeffizienz.

Vom Bürgerhackathon zur Delivery Unit

Wildberger sprach vom Einfachmachen-Portal mit mehr als 20.000 Hinweisen und vom „Bürgerhackathon Deutschland, was geht“. Sohn@Sohn finden das Angebot nicht so überzeugend. Aus Problemen sollen Prototypen werden, die besten Lösungen in die Bundesverwaltung wandern. Das klingt nach offenerem Staat. Doch offene Formate allein verändern noch keine Verwaltung. Entscheidend wird der Weg vom Prototyp in den Regelbetrieb.

Brinkhaus beschreibt dafür eine härtere Struktur: Transformationsentwicklung soll nachverfolgt und kontrolliert werden, angelehnt an Tony Blairs Prime Minister Delivery Unit. Ein kleines Team überwacht Reformfortschritte, identifiziert Hindernisse, bringt Ministerien zur Rechenschaft. Daneben fordert er Transformationsteams mit Budgets, Reallabore, Experimentierräume und bessere Nutzung der vorhandenen Transformationsressourcen aus Verwaltung, Wissenschaft, GovTech und Zivilgesellschaft.

Genau hier liegt die Anschlussfähigkeit an Beckedahls Frage. Ein Hackathon ist gut, sobald er ein Eingang in eine Umsetzungsarchitektur ist. Er wird zur Folklore, sobald Prototypen nach dem Wochenende in Präsentationsordnern verschwinden. Die digitale Republik braucht ein Gedächtnis für gute Lösungen und ein Verfahren, das diese Lösungen in Betrieb bringt.

Der neue Minister und die alte Prüfung

Karsten Wildberger wirkte auf der re:publica anders als viele seiner Vorgänger in digitalpolitischen Rollen. Weniger Ausweichrhetorik, mehr konkrete Baustellen. Er sprach über Abhängigkeiten, über Open Source, über Wallet-Risiken, über Rechenzentren, über KI in Verwaltungsverfahren, über die Sperrigkeit staatlicher Zuständigkeiten. Dass Beckedahl, Gillessen und Noller darauf mit vorsichtigem Zuspruch reagieren, ist bemerkenswert.

Aber die Prüfung beginnt erst. In einem Jahr wird weniger zählen, wie gut der Ton war. Dann wird zählen, ob Open Source in Vergabekriterien steht. Ob Open Desk skaliert. Ob Zendis handlungsfähig finanziert und strukturiert wurde. Ob der Deutschland-Stack Nachnutzung erzwingt. Ob die Wallet Vertrauen verdient. Ob die Deutschlandapp mehr ist als ein Zugangssymbol. Ob KI-Verfahren nachvollziehbar bleiben. Ob die souveräne Cloud tatsächlich souverän gebaut wird. Ob die Community nicht nur konsultiert, sondern technisch ernst genommen wird.

Brinkhaus liefert mit seinen 100 Vorschlägen den Maßstab. Wildberger liefert erste Bausteine. Beckedahl liefert die öffentliche Prüfung. Die Netzpolitik sollte daraus kein Tribunal machen, aber auch kein Vertrauensfest. Sie sollte genau das tun, was sie am besten kann: Code lesen, Macht befragen, Standards prüfen, Rechte verteidigen, bessere Lösungen verlangen. Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv erst, wenn ihre Infrastruktur trägt. Die Rede war ein Anfang. Jetzt zählt das Protokoll der Umsetzung.

Stil, Maske, Akte: „Euphorion“ 1952 und die Philologie nach der Katastrophe

Ein Heidelberger Jahrgang als Arbeitsprobe

Der 46. Band von „Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte“, 1952 im Karl-Winter-Universitätsverlag Heidelberg erschienen, gehört zu jenen Nachkriegsjahrgängen, an denen sich ablesen lässt, wie die deutsche Literaturwissenschaft nach 1945 ihre Begriffe, Verfahren und Gegenstände neu ordnet. Die Zeitschrift, begründet von August Sauer, tritt als Fachorgan mit einem hohen Bewusstsein für ihre Aufgabe auf: Literaturgeschichte soll quellenfest, begrifflich genau, europäisch anschlussfähig und offen für Nachbardisziplinen betrieben werden.

Schon das Geleitwort „Zum neuen Jahrgang“ formuliert die Lage ohne Pathos. Nach dem Wiederbeginn 1950 sei der regelmäßige Fortgang der Zeitschrift vorschnell als gesichert erschienen; die „Ungunst der Verhältnisse“ habe nach Abschluss des 45. Bandes eine weitere Stockung erzwungen. Der Text spricht von der „Unentbehrlichkeit der Zeitschrift“, von Subventionen, Abonnenten, Hochschulseminaren, Forschungsinstituten, Bibliotheken. Philologie erscheint hier als geistige Arbeit mit materieller Voraussetzung. Papier, Verlag, Leser, Beiträge, Druckkosten: All das gehört zur Existenzform wissenschaftlicher Zeitschriften.

Der Band versammelt Rainer Gruenters „Formen des Dandysmus. Eine problemgeschichtliche Studie über Ernst Jünger“, Gerhard Baumanns Arbeit über „Dilettantismus“, Friedrich Sengles Forschungsbericht „Bemerkungen zu Technik und Geist der populären Biographie. Am Beispiel von Otto Heuscheles ‚Herzogin Anna Amalia‘“, die Besprechung von Klara Duskas „Die Rhetorik als Quelle des vorromantischen Irrationalismus in der Literatur- und Geistesgeschichte“ sowie die Auseinandersetzung mit Werner Kirchners „Der Hochverratsprozeß gegen Sinclair. Ein Beitrag zum Leben Hölderlings“. Die thematische Nachbarschaft führt in ein gemeinsames Feld: Stil, Rolle, Affekt, Überlieferung, Popularisierung, Quellenkritik.

Wer umfangreiche Zeitschriftenbestände besitzt, bewahrt keine bloße Reihe von Aufsätzen. Er bewahrt Denkbewegungen. Die zwanziger Jahre mit Franz Blei, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und ihrer Zeitschriftenkultur stehen für eine Phase, in der Literatur, Essay, Übersetzung, europäische Vermittlung und ästhetische Distinktion eng verbunden waren. Nach 1945 tritt mit Max Bense und verwandten Projekten eine andere Tonlage hinzu: analytischer, technischer, konstruktiver, näher an Zeichen, Struktur und Information. „Euphorion“ 1952 steht zwischen diesen Polen: älterer Gelehrsamkeit verpflichtet, doch bereits unter den Bedingungen einer beschädigten Gegenwart.

Rainer Gruenter: „Formen des Dandysmus“

Rainer Gruenters Studie über Ernst Jünger beginnt mit methodischer Vorsicht. Die „kritische Betrachtung eines zeitgenössischen Autors“ biete dem Literaturhistoriker „Schwierigkeiten grundsätzlicher Art“. Gruenter sucht daher keinen schnellen Zugriff auf Jünger. Er wählt den Weg über Formen, Lektüren, Motive, Gesten. Der Dandy wird zur problemgeschichtlichen Figur. Er ist bei Gruenter kein Mann des Kostüms, kein eleganter Müßiggänger, keine Gesellschaftskarikatur. Er ist ein Typus der Distanz, der Kälte, der Selbstinszenierung, der Provokation.

Jüngers Welt erscheint in Gruenters Analyse früh als Raum aristokratischer Semantik. Eine der Formeln lautet: „die großen Residenzen der Leidenschaften: die Herrschaft, die Liebe und der Krieg“. Schon diese Trias zeigt den Ton. Jünger denkt Leidenschaft räumlich, herrschaftlich, repräsentativ. Die Leidenschaften wohnen nicht im bürgerlichen Interieur, sie residieren. Diese Sprache gehört zur inneren Architektur seines Dandyismus.

Gruenter legt die Leitbegriffe offen, um die sich Jüngers Schriften gruppieren: „Macht – Desinvolture – Sulla – Kälte – Maske und Maskierung – Provokation – Manieren“. Diese Reihe ist ein kleines Vokabular des Dandys. „Désinvolture“ meint kein bloß lockeres Auftreten. Es ist die Kunst, Überlegenheit ohne direkte Anstrengung sichtbar zu machen. Sulla steht für den römischen Zugriff auf Macht, Kälte für den Blick ohne Mitleid, Maskierung für die inszenierte Unzugänglichkeit, Provokation für den Angriff im Medium der Form.

Baudelaire, d’Aurevilly, Huysmans

Die europäische Genealogie führt Gruenter vor allem nach Frankreich. Baudelaire, Barbey d’Aurevilly, Huysmans, Théophile Gautier, Stendhal, Benjamin Constant, Flaubert und später Oscar Wilde liefern die Figuren, an denen Jüngers Dandyismus geschichtlich lesbar wird. Der Dandy ist bei Baudelaire ein Künstler seiner selbst. Barbey d’Aurevilly verleiht ihm aristokratische und fast religiöse Aura. Huysmans führt ihn in die künstliche Innenwelt, in Dekadenz, Rückzug. Gautier steht für Formkult. Stendhal für eine Technik sozialer Macht. Bei Flaubert interessiert Gruenter vor allem die „impersonalité de l’artiste“: das Programm, die subjektive Erregung nicht auszustellen, sondern in Form zu überführen.

Gruenter zitiert Baudelaires berühmte Bestimmung: „Le dandysme est le dernier éclat d’héroïsme dans les décadences“ — Dandyismus sei also „der letzte Glanz des Heroismus in Zeiten des Verfalls“. Gemeint ist: Der Dandy tritt dort auf, wo alte aristokratische Ordnungen bereits ihre politische Macht verloren haben, aber in Stil, Selbstbeherrschung, Kälte und Distinktion noch einmal eine ästhetische Nachform gewinnen. Heroisch ist der Dandy bei Baudelaire nicht durch Tat, Opfer oder Dienst, vielmehr durch die asketische Formung seiner Person gegen Vulgarität, Massengeschmack und soziale Einebnung. „Décadence“ bezeichnet dabei keinen bloßen Sittenverfall, sondern eine historische Lage, in der verbindliche Ordnungen zerfallen und das Subjekt sich nur noch durch Stil behaupten kann.

Für Gruenters Jünger-Lektüre ist diese Baudelaire-Formel zentral. Jüngers Dandyismus erscheint als Versuch, unter den Bedingungen von Krieg, Technik, Massengesellschaft und Nihilismus eine letzte aristokratische Form zu behaupten. Der Dandy ist bei ihm kein Mann der Mode. Er ist eine Figur des späten Heroismus: nicht mehr Ritter, nicht mehr Höfling, nicht mehr klassischer Held, doch ein Subjekt, das aus Kälte, Maske und Selbstdisziplin eine Form von Überlegenheit erzeugt.

Bei Stendhal fesselt Gruenter „das typische Verhältnis des Dandy zur Macht“. Der Dandy sucht Einfluss durch Zurückhaltung. Er herrscht durch schweigende Beobachtung, durch Urteilsenthaltung, durch die Kunst, im Raum präsent zu sein, ohne sich dem Raum preiszugeben. In Gruenters Formulierung entwickelt er eine „Technik der Gesellschaftsbeherrschung“. Dieser Gedanke führt unmittelbar zu Jünger: Auch bei ihm wird Beobachtung zu Machttechnik.

Flaubert liefert eine andere Linie. Gruenter erinnert an die „impersonalité de l’artiste“, an die Tilgung des lyrisch-persönlichen Anteils. Die Objektivität der Form wird hart erarbeitet, sie ist kein einfacher Realismus. In Flauberts „Kult der Form“ erkennt Gruenter einen Dandyismus der Kunst. Das Werk wird zum Ort, an dem Erlebnis absorbiert, verschlossen, ziseliert wird. Auch hier führt die Spur zu Jünger: Der Stil entlastet das Subjekt, indem er Erschütterung in Form überführt.

Kälte, Zirkus, Maske

Zu den präzisesten Passagen gehört Gruenters Analyse der Kälte. Er spricht vom „unbeteiligten Blick, mit dem man von den Rängen des Zirkus aus das Blut der Fechter verströmen sieht“. Diese Formulierung trifft das Zentrum der Jünger-Problematik. Der Blick befindet sich am Ort des Geschehens und bleibt doch auf Distanz. Er nimmt Gewalt wahr, verwandelt sie in Szene und rettet das Subjekt in die ästhetische Position des Zuschauers.

Diese Kälte besitzt eine europäische Vorgeschichte. Bei Baudelaire wird aus Künstlichkeit ein aristokratischer Protest. Bei Huysmans entsteht aus Empfindlichkeit ein kunstvoller Rückzug. Bei Wilde wird das Leben selbst zur Bühne. Bei Jünger wandert diese Linie in die Welt von Krieg, Stahl, Technik und Mobilmachung. Der Dandy des 19. Jahrhunderts kämpfte gegen den Philister. Jüngers Dandy steht vor der Massengesellschaft, vor der technischen Apparatur, vor dem Nihilismus.

Die Maske gehört dabei zur sozialen Grammatik des Dandys. Gruenter formuliert über die Maskierung: Sie sei eine „paradoxe Umschreibung für Erraten-sein-wollen“. Der Maskierte verbirgt sich also nicht einfach. Er organisiert die Neugier seiner Umgebung. Er zwingt andere, ihn zu lesen. In diesem Sinne ist Maskierung keine Flucht aus der Öffentlichkeit. Sie ist eine raffinierte Form der Herrschaft über Aufmerksamkeit.

An „Das abenteuerliche Herz“ zeigt Gruenter, wie Jünger unterschiedliche Traditionslinien zusammenführt: romantische Nachtseite, französische Décadence, Nietzsche-Lektüre und die Sprache soldatischer Selbstdisziplin. Die Lektüren reichen von Dante, Ariost und Cervantes über Hamann, Swedenborg, Hoffmann, Novalis und Nietzsche bis zu den Franzosen des 19. Jahrhunderts. Gruenter nennt diesen Umriss nicht zur Zierde. Er zeigt, wie Jüngers Sprache ihre Farben aus fremden Traditionen gewinnt: aus romantischer Nachtseite, französischer Décadence, nietzscheanischem Pathos, soldatischer Sachlichkeit.

Der Dandy als Antichrist

Eine der schärfsten Passagen der Studie betrifft Baudelaire. Gruenter schreibt: „der Dandy auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Selbstbewußtseins ist der Gegentypus des Christlichen, ist Antichrist.“ Der Kernbegriff des Dandyismus, „independence“, wird als Unabhängigkeit von Christus, als satanische Vereinzelung verstanden. Dazu passt Baudelaires Satz: „J’ai cultivé mon hystérie avec jouissance et terreur!“ — „Ich habe meine Hysterie mit Genuss und Schrecken kultiviert.“ Gruenter interessiert daran nicht ein klinischer Befund. Entscheidend ist die ästhetische Selbstbehandlung: Das Subjekt macht seine Nervosität, seine Überreizung und seine Gefährdung zum Material der Form. In dieser Selbstkultivierung berühren sich Baudelaire und Jünger: Die Verletzbarkeit wird nicht bekannt, sie wird stilisiert.

Damit gewinnt Gruenters Jünger-Lektüre moralische Schärfe. Dandyismus ist kein harmloses Stilspiel. Er verknüpft Selbstbeherrschung mit Hochmut, Formbewusstsein mit Kälte, Distanz mit Entpflichtung. Der Dandy will unabhängig sein, doch diese Unabhängigkeit kann in Beziehungslosigkeit umschlagen. Gruenter hält Jünger vor, er habe „kein Verhältnis zum Nächsten“. Diese Formulierung trifft den empfindlichen Punkt. Die Distanz, die Jünger literarisch so produktiv macht, begrenzt zugleich seinen humanen Horizont.

Darum wirkt die Studie auch heute tragfähig. Sie erklärt Jünger weder aus bloßer Politik noch aus bloßer Ästhetik. Sie zeigt, wie eng beides verschränkt ist. Der Dandyismus eröffnet eine Form der Selbstrettung im Zeichen der Form. Zugleich kann er die Welt in eine Szene verwandeln, deren Leid nur als Material des Stils erscheint.

Goethe „Über den Dilettantismus“ – Ein Plan von 1799

Gerhard Baumanns Beitrag „Goethe ‚Über den Dilettantismus‘“ führt in einen der konzentriertesten Arbeitszusammenhänge der Weimarer Klassik. Am 27. und 28. Mai 1798 legte Goethe seinem Verleger Cotta eine Planübersicht für die „Propyläen“ vor; unter den vorgesehenen Themen stand „Über Dilettantism, seinen Nutzen und Schaden. Rat an Dilettanten und Künstler“. Zwischen dem 3. März und dem 26. Mai 1799 arbeitete Goethe in Jena gemeinsam mit Schiller an einer schematischen Darstellung des Problems. Kurz darauf zog er Wilhelm von Humboldt hinzu und bat ihn um Material zum praktischen Dilettantismus in Spanien und Frankreich. Aus einem Zeitschriftenplan wurde ein europäisch angelegtes kunsttheoretisches Unternehmen.

Die Namen zeigen die Spannweite: Cotta als Verleger der „Propyläen“, Schiller als systematischer Partner, Humboldt als europäisch gebildeter Beobachter, später Riemer als Herausgeber der Schemata, schließlich die Weimarer Ausgabe als philologische Rückgewinnung der ursprünglichen Anordnung. Baumann rekonstruiert daraus keinen Nebenschauplatz Goethes, vielmehr ein klassisches Kunstprogramm im Zustand der Planung. Dilettantismus meint hier keine harmlose Liebhaberei. Der Begriff führt in das Zentrum von Goethes Kunstdenken: Natur und Kunst, Manier und Stil, Handwerk und Pfuscherei, Gattungsgesetz und Form, Wirkung und Wahrheit.

„Im Dilettantism ersoffen“

Der Ton dieses Unternehmens ist energisch. Am 26. Mai 1799 schrieb Goethe an Wilhelm von Humboldt, es gehe um den „Dilettantismus in allen Künsten“, um seinen „Nutzen und Schaden fürs Subjekt sowohl als für die Kunst und für das Allgemeine der Gesellschaft“. Der Plan sollte die Kunstpraxis ordnen und zugleich die gesellschaftliche Rolle von Liebhabern, Käufern, Verkäufern, Unternehmern und Künstlern bestimmen.

Noch schärfer formulierte Goethe am 22. Juni 1799 an Schiller: „wie Künstler, Unternehmer, Verkäufer und Käufer und Liebhaber jeder Kunst im Dilettantism ersoffen sind, das sehe ich jetzt mit Schrecken“. Danach folgt die große Kampfansage. Goethe und Schiller wollten ihre Schemata mit „größter Sorgfalt“ durcharbeiten; sobald die „Schleußen“ gezogen würden, werde es „die grimmigsten Händel“ geben, denn man werde „geradezu das ganze liebe Tal“ überschwemmen, „worin sich die Pfuscherei so glücklich angesiedelt hat“.

Damit ist der Gegenstand gesetzt: kein liebenswürdiger Amateur, kein bildungsbürgerlicher Nebencharakter, kein gelegentlicher Geschmacksmensch. Baumann liest Goethes Dilettantismus-Komplex als Streit um die Grundlagen der Kunst. Goethe und Schiller wollten den Liebhaber erziehen, soweit er bildungsfähig ist. Zugleich zielte ihr Unternehmen auf Pfuscherei, Anmaßung, Stoffhuberei und auf jene Verwechslung von Wirkung und Kunst, die Goethe als ästhetische Gefahr empfand.

Das „Offenbare Geheimnis“ der Kunst

Baumann macht deutlich, dass Goethes Dilettantismus-Aufzeichnungen weit über ein pädagogisches Schema hinausgehen. Goethe spricht über Künstler und Dilettanten mit einer Formelsprache, die Baumann als bekenntnishaft liest. Der späte Goethe notiert: „Ich habe verschiedenes über Künstler und Dilettanten auf dem Herzen, welches ausgesprochen beiden nützlich werden kann.“ Besonders wichtig ist der anschließende Satz: „Es gibt so viele offenbare Geheimnisse, weil das Gefühl derselben bei wenigen ins Bewußtsein tritt.“

Hier liegt der Kern von Baumanns Deutung. Goethe geht es um ein Wissen, das in der Kunst wirksam ist, aber selten klar ausgesprochen wird. Dilettantismus entsteht dort, wo ein Gefühl für Kunst vorhanden ist, aber der Weg zur bewussten Einsicht, zur Formbeherrschung und zum Gesetz der Gattung ausbleibt. Der Dilettant fühlt etwas Richtiges, kann es jedoch nicht sicher in Kunst überführen.

Schemata, Maximen, Leitgedanken

Baumann beschreibt die überlieferten Aufzeichnungen als Schemata, erläuternde Notizen, Belege, aphoristische Bemerkungen und Maximen. Vieles gelangte später, teils verändert, in „Maximen und Reflexionen“. Für Baumann entsteht daraus kein loses Fragmentfeld. Er erkennt eine innere Geschlossenheit der Goethe’schen Gedanken. Wiederkehrende Begriffe sind „Vermischung von Kunst und Natur“, „Wahrheit und Wirklichkeit“, „das besondere Gesetz der Gattung“, „das stufenweise Streben“, „Handwerk und Pfuscherei“, „das Gesetzliche in aller Kunst“, „Manier und Stil“.

Dilettantismus wird damit zum Prüfbegriff für Goethes Kunstlehre. Wer über den Dilettanten spricht, spricht bei Goethe über die Bedingungen der Kunst überhaupt. Der Dilettant markiert die Stelle, an der Neigung, Stoffreiz, Nachahmung, Talent und gesellschaftlicher Geschmack in Berührung mit Kunst geraten, ohne schon Kunst zu ergeben.

„Aufmerksamkeit“, „Urteil“, „Einsicht“

Baumann legt Goethe nicht auf pauschale Verwerfung der Liebhaberei fest. Der Dilettantismus enthält bei Goethe einen bildungsfähigen Anteil. Die „Propyläen“ wollten Leser und Kunstfreunde „erst aufmerksam, dann urteilend und zuletzt einsichtig“ machen. Der Liebhaber kann also vom ersten Reiz des Gegenstands zur Erkenntnis von Form und Gesetz gelangen.

Gerade darin liegt die Schwierigkeit. Der Dilettant ist für Goethe keine Karikatur. Er kann den Zugang zur Kunst eröffnen, Kunstsinn verbreiten, Nachfrage schaffen, Urteil bilden helfen. Zugleich gefährdet er die Kunst, sobald er den ersten Eindruck für das Ganze nimmt und die Unmittelbarkeit des Gefühls gegen Arbeit, Regel, Handwerk und Form ausspielt.

Die Verwechslung von Kunst und Stoff

Der zentrale Goethe-Satz lautet bei Baumann: „Der Dilettant ist im Stande, manches Schöne hervorzubringen, aber er verderbt das Urteil, indem er die Kunst mit dem Stoff verwechselt.“ Dieser Satz gehört in den Kern des Essays. Der Dilettant scheitert nicht an völliger Kunstferne. Er kann Schönes hervorbringen. Seine Schwäche liegt in der falschen Zuordnung: Er nimmt Stoff, Wirkung, persönliche Erregung und äußeren Reiz für Kunst.

Baumann fasst damit Goethes entscheidenden Einwand: Kunst entsteht nicht aus Stofffülle. Auch ein reizvoller Gegenstand, eine empfindsame Stimmung, ein schönes Motiv, eine große Vorlage ergeben noch kein Werk. Kunst verlangt Formung, Maß, innere Organisation, Kenntnis der Mittel. Der Dilettant hält häufig den Anlass für die Sache.

„Halb Natur, halb Puppenspiel“

Besonders anschaulich wird Baumann bei Goethes Bemerkungen zur Malerei. Dort bleibt der Dilettant oft bei „halb Natur, halb Puppenspiel“. Die „Gestalten der Kunst“ werden aus „Kupfern, Galerien, Gipsen, Schriften und Berichten“ zusammengesetzt. Goethe diagnostiziert damit Kunst aus zweiter Hand: viel Anschauung, viel Sammlung, viel Nachahmung, doch keine innere Notwendigkeit der Form. Der Dilettant besitzt Material und Vorbilder; das Baumeisterliche der Kunst erreicht er damit noch nicht.

Diese Kritik richtet sich gegen zusammengesetzte Kunst, gegen ein Verfahren, das Versatzstücke aufnimmt und arrangiert, aber keine eigene Form hervorbringt. Baumanns Goethe liest den Dilettanten als Figur des Ersatzes: Ersatz von Erfahrung durch Vorlage, Ersatz von Formgesetz durch Geschmack, Ersatz von Arbeit durch Eindruck.

Dante-Nachahmung und falsche Größe

Auch die Literatur gerät in Baumanns Blick. Goethe warnt vor der dilettantischen Nachahmung großer Modelle. Wer sich an Dante hält, kann „Hölle und Fegefeuer“ übernehmen, ohne Dantes innere Ordnungskraft zu besitzen. Der Dilettant möchte die „ganze Welt als sein Phänomen“ behandeln und gerät gerade durch diesen Anspruch in Gefahr. Große Stoffe erzeugen noch keine große Kunst. Das Danteske kann zur Gebärde werden, sobald Formgesetz, Maß und innere Konstruktion fehlen.

Baumann zeigt daran Goethes Abneigung gegen angemaßte Totalität. Der Dilettant greift nach großen Stoffen, weil er Größe mit Umfang verwechselt. Er übernimmt Hölle, Fegefeuer, Weltgericht, Mythos, Landschaft, Pathos. Doch bei Goethe zählt nicht der Umfang des Stoffes, sondern die formende Kraft.

Rollenlust, Theaterexistenz, falsches Talent

Baumann führt die Dilettantismusfrage bis in Goethes spätere Werke. In „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ erscheint die Gefahr des spielenden Rollenwechsels, der theatralischen Existenz, der Bewegung ohne Bildung. Dazu passt Goethes Mahnung: „Man soll sich hüten, ein Talent zu besitzen, zu dessen Ausübung man eigentlich durch die Natur nicht berufen ist.“ Der Satz verschiebt die Frage von der Kunsttheorie in die Lebensform. Nicht jede Neigung begründet Berufung. Nicht jede Begabung rechtfertigt Ausübung.

Gerade hier berührt Baumanns Beitrag die Anthropologie Goethes. Dilettantismus betrifft nicht nur Kunstproduktion. Er bezeichnet auch eine Gefahr der Selbstverfehlung. Wer einem Talent folgt, das nicht zu seiner Natur gehört, verfehlt die eigene Bestimmung. Kunstkritik und Lebenslehre greifen ineinander.

Das fehlende Baumeisterliche

Am Ende rückt Baumann Goethes Kritik auf einen Begriff: Kunst verlangt das Baumeisterliche. Wo Stoff, Reiz, Empfindung oder Eindruck herrschen, fehlt jene innere Konstruktion, die Dauer ermöglicht. In einem Plan zu „Pandora“ erscheint die Einsicht, dass Kunstwerke einstürzen, sobald ihnen diese souveräne Gestalt fehlt. Der Dilettantismus ist für Goethe daher keine harmlose Liebhaberei. Er ist eine Prüfung der Kunst am Maß der Form.

Baumanns Beitrag gewinnt seine Bedeutung aus dieser genauen Rekonstruktion. Goethe erscheint hier als Autor, der den Dilettanten nicht bloß verspottet, vielmehr seine Funktion im Kunstleben bestimmt. Der Liebhaber kann zur Kunst hinführen, der Pfuscher kann sie entstellen, der Sammler kann Aufmerksamkeit schaffen, der Nachahmer kann das Urteil verderben. Zwischen Kunstfreund und Kunstverderber verläuft bei Goethe keine bequeme Grenze. Genau diese Spannung macht Baumanns Aufsatz für den 46. Band von „Euphorion“ so ergiebig.

Friedrich Sengle: Die populäre Biographie

Friedrich Sengles Forschungsbericht „Bemerkungen zu Technik und Geist der populären Biographie. Am Beispiel von Otto Heuscheles ‚Herzogin Anna Amalia‘“ führt in ein anderes Grenzgebiet. Hier geht es um die Lebensbeschreibung zwischen Forschung, Erzählung und Bildungspublizistik. Sengle setzt mit einer Diagnose ein: Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs habe die von Dichtern oder Publizisten geschriebene populäre Biographie einen „gewaltigen Aufschwung“ erlebt und drohe, die wissenschaftliche Biographie „vollständig zu verdrängen“.

Sengle nimmt Heuscheles „Herzogin Anna Amalia“ zum Anlass, die Regeln eines Genres zu prüfen. Der populäre Biograph muss erzählen, gliedern, charakterisieren, vergegenwärtigen. Gerade darin liegt die Gefahr. Eine Biographie kann lesbar sein und doch historische Genauigkeit opfern. Heuschele selbst lehnt jene Lebensdarstellungen ab, die eine „schlechte Mischung von Dichtung und Wissenschaft“ bilden. Sengle misst ihn an diesem Anspruch.

Konkret wird die Kritik bei scheinbar kleinen Dingen. Sengle verweist auf Heuscheles Umgang mit Wieland. Aus einem Brief von 1802, in dem Wieland über den Tod seiner Gattin klagt, werde bei Heuschele die Angabe, die Gattin sei 1802 gestorben; tatsächlich starb sie im November 1801. Sengle fragt nach dem Sinn solcher Datierung. Die Jahreszahl erzeuge den „Eindruck einer geschichtlichen Tatsachentreue“, dem die Arbeitsweise des Buches gar nicht entsprechen könne.

Der Befund verschärft sich durch Heuscheles Umgang mit Anna Amalias Weimar. Der Musenhof wird zur Szene. Goethe, Wieland, Parklandschaft, Tempel, Inschrift, Bildungsglanz: Alles tritt als Atmosphäre auf. Sengle zitiert die Inschrift „Steile Höhen besucht die ernste, forschende Weisheit, / Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Tal“ und führt weiter zu Goethes Vers „Wenn zu den Reihen der Nymphen …“. Solche Zitate schaffen Stimmung. Genau hier setzt Sengles Kritik an: Stimmung kann historische Erklärung verdrängen.

Weimar als Kulisse

Sengles Einwand richtet sich gegen die Weichzeichnung des Weimar-Bildes. Er vermerkt, dass Heuschele bei Goethes Einladung nach Weimar eine Szene formt, in der Goethe und Karl August „sich gleichsam wortlos einander gaben“. Das ist biographische Dramaturgie im Zeichen des Unausgesprochenen. Auch das „Schicksal“ tritt auf: Es lege „Faden um Faden auf die Spule“ bis zur „Vollendung seines Geflechts“. Sengle spürt solchen Wendungen genau nach. Der historische Prozess wird hier zum poetischen Gewebe, die Quellenarbeit zum Ausdruck einer höheren Fügung.

Sengles Urteil über den Effekt ist hart: „Wie eine süße leichte Musik bietet sich die Geschichte Weimars dem Leser dar.“ Diese Metapher ist kein Lob. Sie benennt die Gefahr der Gefälligkeit. Die populäre Biographie ist angenehm lesbar, doch sie kann aus historischen Konflikten ein Kulturidyll machen. Von Mühsalen und Unzulänglichkeiten des klassischen Weimar erfahre man weniger als bei Bode, Heuscheles wichtigster Quelle.

Der Forschungsbericht berührt damit eine bis heute aktuelle Frage: Wie schreibt man literarische Biographie für ein größeres Publikum, ohne aus historischer Komplexität eine Kulissenfolge zu machen? Sengle verlangt keine trockene Archivprosa. Er fordert Genauigkeit in der Auswahl, Kontrolle der Zitate, klare Trennung von Beleg und Erfindung, Misstrauen gegenüber allzu glatten Lebensbildern. Sein Begriff der „halben Wahrheiten“ trifft das Problem der populären Biographie: Sie ist selten ganz falsch, doch oft zu schön gebaut.

Karl Stackmann bespricht Klaus Dockhorns Studie „Die Rhetorik als Quelle des vorromantischen Irrationalismus in der Literatur und Geistesgeschichte“, erschienen in den „Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen“, philologisch-historische Klasse, Jahrgang 1949, Nr. 5. Dockhorn versteht seine Schrift als „Prolegomena zu einer umfassenden Arbeit über die Rhetorik, ihren Zusammenhang mit der Geschichte des ästhetischen Problems und ihre Bedeutung für die Literatur- und Geistesgeschichte“. Stackmann setzt bei diesem Anspruch an: Dockhorn will die Rhetorik aus dem engen Bereich der Schulregel herausführen und als geschichtliche Kraft für Affekt, Pathos, Erhabenheit und vorromantische Erregung lesbar machen.

Dockhorn fragt also nicht bloß nach rhetorischen Figuren, Redeschmuck oder Stilvorschriften. Ihn interessiert, wie alte rhetorische Wirkungsmodelle in Poetik, Ästhetik und Literaturkritik weiterleben. Die Rhetorik wird bei ihm zu einer Vorgeschichte jener Begriffe, die im 18. Jahrhundert eine hohe Bedeutung gewinnen: Genie, Enthusiasmus, Erhabenheit, seelische Bewegung, Würde, Anmut, dichterische Erregung.

Antike Rhetorik: Was Rede mit der Seele macht

Dockhorn beginnt bei der antiken Rhetorik. Stackmann beschreibt seinen Zugriff genau: Dockhorn fragt nicht zuerst danach, welcher Autor des 18. Jahrhunderts Aristoteles, Cicero, Quintilian oder eine andere antike Autorität direkt gelesen hat. Wichtiger ist ihm das längere Nachwirken rhetorischer Theorie. Gemeint sind Grundbegriffe, Unterscheidungen und Wirkungsmodelle, die aus der Antike stammen und später in anderen Zusammenhängen weiterarbeiten.

Zu diesen Hauptstationen gehören Aristoteles, Cicero und Quintilian. Hinzu kommt die Schrift „Über das Erhabene“, die traditionell unter dem Namen Pseudo-Longin geführt wird. „Pseudo-Longin“ ist kein Eigenname im gewöhnlichen Sinn. Die Schrift wurde lange einem Autor namens Longin zugeschrieben; diese Zuschreibung gilt als unsicher. Deshalb spricht die Forschung von Pseudo-Longin. Für Dockhorn zählt weniger die sichere Verfasserschaft als die Wirkung der Schrift: „Über das Erhabene“ fragt danach, wie Sprache Größe, Erhebung, Staunen und seelische Überwältigung hervorbringt.

Damit ist der Weg zu Dockhorns Thema vorbereitet. Vorromantische Literatur liebt Grenzerfahrungen: Begeisterung, Erschütterung, Erhebung, das Außerordentliche, die Bewegung der ganzen Seele. Dockhorn zeigt, dass solche Wirkungen nicht erst mit dem Geniezeitalter entstehen. Die Rhetorik der Antike hatte längst darüber nachgedacht, wie Rede auf Verstand, Gefühl und Vorstellungskraft wirkt.

Aristoteles verständlich: Sache, Erregung, Charakter

Im Zentrum von Dockhorns Ausgangspunkt steht Aristoteles. Stackmann referiert dessen rhetorisches Grundschema mit den drei Begriffen „πρᾶγμα“, „πάθος“ und „ἦθος“. Diese Wörter müssen im Essay nicht als gelehrte Chiffren stehen bleiben. Sie bezeichnen drei verschiedene Wege, auf denen Rede wirken kann.

„Πρᾶγμα“ meint die Sache selbst: den Gegenstand, das Argument, den sachlichen Beweis. Eine Rede überzeugt hier durch Gründe, Belege, Folgerungen. „Πάθος“, gesprochen etwa „Pathos“, meint die Erregung der Leidenschaften. Eine Rede kann Zorn, Furcht, Mitleid, Bewunderung oder Begeisterung hervorrufen. Sie wirkt dann auf die seelische Verfassung der Hörer. „Ἦθος“, gesprochen etwa „Ethos“, meint den Charaktereindruck des Redners. Wer glaubwürdig, maßvoll, würdig oder vertrauenswürdig erscheint, überzeugt auch durch die Art seines Auftretens. Stackmann beschreibt diese Wirkung als „gelassene Gemütsmotion“: keine heftige Erregung wie beim „πάθος“, eher eine ruhigere Einstimmung zugunsten des Redners.

Für Dockhorn ist dieses Schema entscheidend, weil es zeigt, dass Rhetorik von Anfang an mehr umfasst als sachliche Beweisführung. Sie organisiert auch Affekte und Vertrauen. In der Rede arbeiten drei Kräfte zusammen: das Argument, die leidenschaftliche Bewegung und der Eindruck einer glaubwürdigen Person. Genau hier setzt Dockhorns These an. Was im 18. Jahrhundert als Erhabenheit, Enthusiasmus, Genie oder seelische Bewegung erscheint, hat ältere rhetorische Voraussetzungen.

Von „πάθος“ und „ἦθος“ zu Erhabenheit und Anmut

Stackmann verfolgt, wie Dockhorn aus diesen antiken Begriffen eine ästhetische Linie entwickelt. Aus „πάθος“ entsteht die Linie des Erschütternden, Gewaltigen, Überwältigenden. Aus „ἦθος“ entsteht die Linie des Maßvollen, Anmutigen, Vertrauenerweckenden. In der späteren Ästhetik können daraus Gegensatzpaare werden: Erhabenheit und Anmut, Würde und Gefälligkeit, Bewunderung und angenehme Wirkung.

Diese Verschiebung ist für Dockhorn bedeutsam, weil die vorromantische Literatur ihre Sprache der Erregung nicht aus dem Nichts gewinnt. Sie übernimmt alte rhetorische Mittel und deutet sie um. Was ursprünglich zur Kunst der Rede gehörte, wandert in die Poetik, in die Theorie des Dramas, in die Lyrik, in die Genieästhetik.

„Probare“, „conciliare“, „movere“: Beweisen, gewinnen, bewegen

Stackmann folgt Dockhorn besonders dort, wo die römische Rhetorik ins Spiel kommt. Dort begegnet eine klassische Dreiteilung der Redewirkung: „probare“, „conciliare“ und „movere“. „Probare“ heißt beweisen. „Conciliare“ heißt gewinnen, also das Publikum günstig stimmen. „Movere“ heißt bewegen, erschüttern, affizieren.

Dockhorn interessiert vor allem, dass „movere“ an Gewicht gewinnt. Die Rede wird dann nicht mehr vor allem als Beweisgang verstanden, sie soll die Seele in Bewegung setzen. Daraus entwickelt Dockhorn seine Verbindung zur Wirkungsästhetik des 18. Jahrhunderts: Dichtung soll nicht nur richtig gebaut sein, sie soll ergreifen. Sie soll nicht nur gefallen, sie soll heben, erschüttern, verwandeln.

Stackmann referiert auch die zugehörige Stilartenlehre: Das „genus tenue“ gehört eher zum Beweisen, das „genus floridum“ zum Gewinnen, das „genus grave“ zum Bewegen. Aus der Stiltheorie wird bei Dockhorn eine Vorgeschichte literarischer Wirkungsmacht.

Pseudo-Longin: Das Erhabene als Überwältigung

Der Hinweis auf Pseudo-Longin gehört in diesen Zusammenhang. Die Schrift „Über das Erhabene“ fragt danach, wie Sprache den Hörer über das Gewöhnliche hinaushebt. Erhaben ist hier nicht einfach das Schöne oder Angenehme. Erhaben ist eine Wirkung der Größe, der Steigerung, der geistigen Erhebung.

Für Dockhorn ist Pseudo-Longin wichtig, weil sich hier Rhetorik und Ästhetik berühren. Sprache wird nicht nur als Mittel der Überzeugung verstanden, sie kann eine Erfahrung des Außerordentlichen erzeugen. Daraus ergibt sich eine Vorgeschichte des vorromantischen Interesses an Größe, Enthusiasmus, Genie und seelischer Grenzerfahrung. Stackmann akzeptiert diese Linie als ergiebig, verlangt aber, dass sie nicht zur Alleinerklärung der Literaturgeschichte wird.

„Admirabile“ und „iucundum“: Bewunderung gegen Gefälligkeit

Ein wichtiger Gegensatz bei Dockhorn lautet „admirabile“ und „iucundum“. „Admirabile“ meint das Bewunderungswürdige, Große, Erhebende. „Iucundum“ meint das Angenehme, Gefällige, Anmutige. Stackmann zeigt, wie Dockhorn aus solchen rhetorischen Gegensatzpaaren eine ästhetische Genealogie entwickelt. In der Besprechung heißt es, „πάθος“ erscheine als „admirabile“, „ἦθος“ als „iucundum“.

Von hier aus führt Dockhorns Weg zu den großen ästhetischen Begriffspaaren des 18. Jahrhunderts: Schönes und Erhabenes, Anmut und Würde. Die Rhetorik hat demnach nicht nur Regeln der Rede bereitgestellt. Sie hat Begriffe und Wertungen geliefert, mit denen die spätere Ästhetik weiterarbeitet.

Lessing und die Grenze der Systembildung

Dockhorn zieht aus seiner rhetorischen Perspektive weitreichende Folgerungen. Die deutsche Barockästhetik folgt für ihn einer Linie, die auf Pathos, Größe und Bewunderung zielt. Die Gegenbewegung des 18. Jahrhunderts, etwa bei Lessing, kann dann als Rückgriff auf andere rhetorische Wertungen beschrieben werden, in denen Maß, Charakterwirkung und das Angenehme stärker hervortreten.

Stackmann nimmt diese Konstruktion auf, behandelt sie aber mit Vorsicht. Die Einordnung großer literarischer Bewegungen über rhetorische Kategorien darf das historische Material nicht überformen. Die Rhetorik erklärt vieles, doch sie kann die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts nicht aus einem einzigen Schema ableiten.

„Heteronome Kategorien“ und die Eigenart des Werks

Stackmann formuliert seinen methodischen Vorbehalt mit dem Begriff der „heteronomen Kategorien“. Gemeint sind Deutungskategorien, die von außen an die Dichtung herangetragen werden: Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kunstgeschichte, Theologie, auch Rhetorik. Solche Zugriffe können fruchtbar sein, sie müssen ihre Tauglichkeit aber am literarischen Werk beweisen.

Der Einwand trifft den Kern von Stackmanns Besprechung. Rhetorik kann historische Beleuchtung liefern, aber sie darf die Eigenart der Dichtung nicht überdecken. Ein Begriff ist für ihn nur so viel wert, wie er an einem Gedicht, einem Drama, einer konkreten literarischen Form sichtbar machen kann.

Klopstock als Prüfstein: Die ganze Seele in Bewegung

Stackmann wählt Klopstock als Prüfstein. Er verweist auf Klopstocks Aufsatz „Gedanken über die Natur der Poesie“, in dem es heißt: „Das Wesen der Poesie besteht darin, daß sie … die ganze Seele in Bewegung setzt.“ Ferner wird die „Definition der höheren Poesie“ angesprochen: Sie dürfe den Namen einer „versificierten Prosa“ nicht verdienen. Die eigentlichen Geheimnisse der Poesie lägen „in der Action, in welche sie unsere Seele setzt“.

Diese Stellen sprechen zunächst für Dockhorn. Klopstock denkt Poesie als Bewegung der ganzen Seele. Wirkung, Erregung, innere Tätigkeit stehen im Mittelpunkt. Der Gegensatz von „admirabile“ und „iucundum“, die Abneigung gegen bloß angenehme Versprosa, die hohe Bedeutung des Wirkungsmoments: All das lässt sich rhetorikgeschichtlich beschreiben.

„Die Natur schrieb in das Herz sein Gesetz“

Doch Stackmann fragt weiter. Reicht Rhetorik aus, um Klopstocks dichterisches Selbstverständnis zu fassen? Dafür zitiert er zwei Strophen aus Klopstocks Gedicht „Ästhetiker“:

„Bürdet ihr nicht Satzungen auf dem geweihten
Dichter? erhebt zu Gesetz sie? und dem Künstler
ward doch selbst kein Gesetz gegeben,
wie’s dem Gerechten nicht ward,“

und:

„Lernt: die Natur schrieb in das Herz sein Gesetz ihm!
Thoren, er kennt’s, und, sich selbst streng, ist er Thäter;
Kommt zum Gipfel, wo ihr im Anlauf,
Gehet ihr einmal, schon sinkt.“

Diese Verse verschieben die Frage. Klopstock spricht hier von Gesetz, doch dieses Gesetz kommt nicht aus der Regelpoetik und nicht aus der Rhetorik. Es steht im Herzen. Der Dichter kennt es, weil er sich selbst streng ist. Damit tritt ein Dichterbild hervor, das auf innere Gesetzgebung, Berufung und Selbstverpflichtung zielt. Rhetorik kann die Wirkung der Verse beschreiben; das Selbstverständnis, aus dem sie sprechen, verlangt eine weitere Deutung.

„Messias“ und „Fanny-Oden“: Weitere Quellen des Pathos

Stackmann nennt auch konkrete Werkfelder. Von Klopstocks „Messias“ und den „Fanny-Oden“ sagt er, sie wiesen in bekannten Teilen der Produktion „Merkmale nicht-rhetorischer Prägung“ auf: „positiv gesagt: pietistischer Provenienz verschiedener Art und originaler Schöpfung“. Damit öffnet er die Frage über Dockhorns Raster hinaus. Klopstocks Pathos ist nicht nur aus rhetorischer Tradition verständlich. Pietismus, religiöse Erfahrung, dichterische Originalität und neues Selbstgefühl treten hinzu.

Das ist der entscheidende Akzent der Besprechung. Stackmann verkleinert Dockhorns Leistung nicht, er begrenzt ihren Geltungsanspruch. Rhetorik erklärt eine wichtige Linie der Vorromantik, aber die Entwicklung des vorromantischen Irrationalismus entsteht aus mehreren Quellen. Gerade Klopstock zeigt, wie rhetorische Wirkung, religiöse Erregung und dichterische Selbstgesetzgebung ineinandergreifen.

Ein präziserer Begriff von „Irrationalismus“

Am Ende fragt Stackmann nach dem Begriff „Irrationalismus“. In hergebrachter Bedeutung umfasst er mehr, „als sich mit den Mitteln einer Wirkungsästhetik begründen läßt“. Die Konsequenz von Dockhorns Fragestellung könnte darin liegen, „heteronome“ oder „wirkungsästhetische“ Formen des Irrationalismus genauer zu bestimmen. Stackmann sieht darin den eigentlichen Gewinn: Nicht ein großer Sammelbegriff entscheidet, sondern seine genaue Unterteilung.

So wird die Besprechung zu einem Modell philologischer Kritik. Dockhorns These wird ernst genommen, an Aristoteles, Cicero, Quintilian, Pseudo-Longin, Lessing und Klopstock geprüft, durch Beispiele geschärft und an ihrer Grenze markiert. Rhetorik erscheint als Quelle vorromantischer Erregung, jedoch nicht als alleiniger Ursprung.

Hölderlin, Sinclair und die Akten des Verdachts

Die Besprechung von Werner Kirchners „Der Hochverratsprozeß gegen Sinclair. Ein Beitrag zum Leben Hölderlins“ setzt bei einer wichtigen Verschiebung der Forschung ein. Seit Wilhelm Michels Hölderlin-Biographie von 1940 seien zahlreiche neue Dokumente erschlossen worden: zum Vater, zur Mutter, zu Jugendfreunden, zum Stift, zu Kant, Hegel, Schelling, Waltershausen, Homburg, Hauptwil, Bordeaux. Kirchners Arbeit wird in diese Bewegung eingeordnet. Ihr Gewinn liegt nach Adolf Beck weniger in unmittelbaren neuen Nachrichten über Hölderlin, mehr in dem „dichten Bild der rings um ihn sich vollziehenden Ereignisse“.

Sinclair als politische Figur

Isaac von Sinclair erscheint in der Besprechung nicht nur als Freund Hölderlins. Er wird in ein politisches Feld gestellt: Württemberg, Homburg, napoleonische Hegemonie, deutsche Kleinstaaten, revolutionäre Hoffnungen, obrigkeitliche Angst. Der Prozess gegen Sinclair wird damit zu einem Zugang zur Umgebung Hölderlins. Beck formuliert knapp: Die Welt, die in Kirchners Darstellung sichtbar werde, sei Hölderlins „Umwelt und Schicksal“.

„Quid haeret?“ – was bleibt am Verdacht haften?

Beck würdigt Kirchners Arbeit, verlangt aber mehr Schärfe bei den zentralen Fragen. Die erste lautet lateinisch: „Quid haeret?“ Was bleibt an der Beschuldigung gegen Sinclair haften? Die Anklage wegen eines geplanten Mordanschlags auf den Kurfürsten wirkt in der überlieferten Form von Rachsucht entstellt; dennoch hält Beck fest, dass die Homburger Fürstenkinder Sinclair „objektiv“ nicht für unschuldig hielten. Gerade hier müsse die Verhörakte genauer ausgelegt werden.

„Nichts anders als eine Repüblik“

Besonders markant ist die aus einem Gutachten der Kurfürstlichen Regierung vom 23. August 1805 referierte Stelle. Sinclair sei als Demokrat bekannt gewesen; Seckendorf habe von revolutionärer Tendenz gesprochen; auf die Frage nach dem letzten Zweck seiner Projekte soll Sinclair geantwortet haben: „nichts anders als eine Repüblik“. Beck liest Sinclair deshalb als „Idealist als Aktivist und Revolutionär mit unzulänglichen Mitteln“, als „Janusgestalt“, an der sich die Tragik politischer Phantasien um 1800 abzeichnet.

Die offene Frage der Freundschaft

Am Ende rückt Beck die eigentliche Hölderlin-Frage nach vorn: die „Art, Entwicklung und Spannung“ der Freundschaft zwischen Hölderlin und Sinclair. Kirchner berührt dieses Problem, führt es aber nach Becks Urteil nicht aus. Gerade hier liegt der Anschluss für die Hölderlin-Forschung: Sinclair gehört nicht nur zur biographischen Umgebung des Dichters. Seine politischen Pläne, seine Homburger Rolle und seine Nähe zu Hölderlin führen mitten in die Frage, wie Dichtung, Freundschaft und revolutionäre Erwartung um 1800 miteinander verbunden waren.

Ein Band mit innerer Spannung

Der 46. Band von „Euphorion“ gewinnt seine Kontur durch diese Verfahren. Gruenter liest Jüngers Dandyismus als europäische Stilgeschichte mit moralischem Risiko. Baumann prüft den Dilettantismus als Grenzform ästhetischer Produktion. Sengle untersucht die populäre Biographie am Beispiel Weimars. Die Rhetorik-Besprechung führt Pathos, Affekt und vorromantischen Irrationalismus auf antike und frühneuzeitliche Wirkungslehren zurück. Der Sinclair-Komplex bindet Hölderlin an Prozessakten, politische Verdachtslogik und Freundschaftsgeschichte.

Die Ausgabe zeigt eine Germanistik, die mehrere Arbeitsweisen zusammenführt: Motivgeschichte, Begriffsgeschichte, Gattungskritik, Rhetorikanalyse, Quellenprüfung. Sie fragt nach Texten, nach Lebensformen, nach Stilen des Denkens, nach Akten und ihren blinden Stellen. Der Dandy blickt von den Rängen des Zirkus, der Biograph baut Weimar zur Szene, die Rhetorik organisiert Affekte, der Prozess legt politische Phantasien frei. Literaturgeschichte wird hier als Kunst des Zusammenhangs betrieben.

Von Jünger zu Tolkien, Grass und Güçyeter

Ein Organ, das 1952 noch um seine materielle Sicherung ringt, reicht im 119. Jahrgang bis zu Ernst Weiß, Tolkien, Grass und Dinçer Güçyeter. Die Rückkehr zum 46. Band zeigt, wie Philologie nach der historischen Zäsur ihre Genauigkeit erneuert: durch Begriffe, Belege, Zitate, Akten und ein Formbewusstsein, das weiß, dass Stil nie nur Stil ist. Es gibt sie noch, die exzellenten Zeitschriften 🙂

Die offene Rechnung der Künstlichen Intelligenz: Europa verwaltet Technik – Japan und Amerika entwerfen Weltzustände

Künstliche Intelligenz tritt in Europa meist als Verwaltungsfall auf. Sie wird eingeordnet, beaufsichtigt, haftungsrechtlich umstellt, sicherheitspolitisch gerahmt, arbeitsmarktpolitisch berechnet. Man behandelt sie wie eine gefährlich gewordene Apparatur, die in eine bestehende Ordnung eingepasst werden muss. Genau darin liegt der Denkfehler. KI ist kein neues Instrument im alten Haus der Moderne. Sie zeigt, dass dieses Haus anders gebaut ist, als seine Bewohner glauben.

Das Gespräch zwischen Gert Scobel und Markus Gabriel gewinnt seine Kraft aus dieser Verschiebung. Es beginnt in Japan, in Tokio, an der University of Creativity, führt nach Kyoto, zum buddhistischen Denken der Nicht-Zweiheit, über Hegel und Rilke bis zu DeepMind, Silicon Valley, Neurostimulation, unternehmerischer Kreativität und der deutschen Unfähigkeit, aus Wissen wieder Wagnis zu machen. Was zunächst wie eine freie Assoziation großer Namen wirken könnte, ergibt bei genauerer Betrachtung eine Diagnose: Europa hat KI in die falsche ontologische Schublade gelegt.

Die Zukunft wird ausgeschenkt

Eine kleine Szene aus Japan enthält mehr Erkenntnis als viele europäische Strategiepapiere. Gabriel spricht über die Praxis, beim Essen zuerst dem anderen einzuschenken. Wer selbst trinken möchte, antizipiert das Begehren des anderen. Kein Tauschvertrag, keine kalkulierte Gegengabe, keine Ökonomie im engen Sinn. Die Beziehung trägt die Ordnung. Daraus entsteht eine Sozialform, in der der eigene Wunsch durch den Umweg über den anderen erfüllt wird.

Genau an dieser Stelle wird Japan für die KI-Debatte interessant. Intelligenz erscheint dort leichter als Beziehungsgeschehen, als situative Feinabstimmung, als Bewegung zwischen Personen, Rollen, Zeichen und Erwartungen. Europa sucht die Intelligenz gern an einem Ort: im Kopf, im Rechner, im Modell, im Subjekt. Japanische Denkformen haben weniger Mühe damit, Intelligenz als Ereignis zwischen Kräften zu verstehen.

Gabriel beschreibt Japan als eine Gesellschaft übereinanderliegender Wertschichten. Buddhismus, Shintoismus, indigene Traditionen, moderne Industrie, Popkultur, globale Technologie und alte Rituale liegen dort nebeneinander, ohne sich zu einer einzigen linearen Erzählung glätten zu lassen. Tiefe ist hier keine Dekoration. Sie ist eine Methode, Gegenwart wahrzunehmen.

Das ist der erste Schlag gegen die europäische KI-Debatte. Sie fragt: Wo sitzt die Intelligenz? Japan könnte antworten: Intelligenz sitzt nicht. Sie geschieht.

Der europäische Dingglaube

Der alte Kontinent liebt identifizierbare Einheiten. Der Mensch ist Mensch, die Maschine ist Maschine, das Bewusstsein ist innen, das Werkzeug außen, der Markt dort, die Ethik hier, die Forschung drüben, die Wirtschaft nebenan. KI stört diese Ordnung. Sie erzeugt Antworten, die aus keinem menschlichen Mund stammen und dennoch in menschlichen Bedeutungsräumen wirken. Sie ist statistisch erzeugt und sozial wirksam. Sie ist technisch produziert und kulturell aufgeladen. Sie besitzt keine Biografie und tritt doch in Gespräche ein, in denen Menschen ihr Absichten, Nähe, Autorität und Urteil zuschreiben.

Gabriels Gegenbegriff lautet Resonanzfeld. KI liegt demnach keineswegs einfach im Gerät. Sie entsteht zwischen Nutzer, Modell, Interface, Sprache, Erwartung, Projektion und Antwort. In diesem Sinn ähnelt sie weniger einem Ding als einem Ereignis. Das Gespräch ruft Tarkowskijs und Lemms Solaris auf: eine Oberfläche, die Fantasien, Wünsche und Verletzungen zurückwirft. Normale Medien sollen möglichst verschwinden. KI macht das Gegenteil. Das Medium antwortet. Man spricht mit dem Kanal.

Das ist eine epochale Veränderung. Der Buchdruck vervielfältigte Texte. Das Radio übertrug Stimmen. Das Fernsehen synchronisierte Bilder. Das Internet vernetzte Kommunikation. KI tritt als antwortendes Medium auf. Damit verschiebt sie den Ort, an dem Bedeutung entsteht. Sie zwingt Philosophie, Medienwissenschaft, Ökonomie und Technologiepolitik auf ein gemeinsames Feld.

Kontingenz als ungebetener Gast der Moderne

Kontingenz sollte man hier einmal anders einführen: als den unbestellten Gast der Moderne. Sie kommt ohne Termin, setzt sich an den Tisch und bringt die Gespräche durcheinander. In Deutschland wird sie gern zum Risiko umetikettiert. Risiko lässt sich versichern, berechnen, regulieren, in Excel glätten. Kontingenz ist widerspenstiger. Sie bedeutet: Die Welt hat mehr Möglichkeiten, als unsere Planung zulässt.

Künstliche Intelligenz industrialisiert diesen Überschuss an Möglichkeiten. Sie erzeugt Varianten, Hypothesen, Designs, Moleküle, Texte, Bilder, Diagnosen, Geschäftsmodelle und Verbindungen, die vorher verborgen blieben. Sie macht aus dem Unvorhergesehenen keine bloße Störung. Sie macht daraus Material. Die alte Industriegesellschaft lebte davon, Abweichungen zu minimieren. Die KI-Ökonomie lebt davon, Abweichungen produktiv zu machen.

Man kann diese Geschichte eleganter erzählen als über Begriffsdefinitionen. Leonardo empfahl, Flecken an Mauern, Asche, Wolken und Bäche zu betrachten, weil der Blick darin Landschaften, Kämpfe, Gesichter und Erfindungen finden könne. Später wurden bei Ellsworth Kelly zufällig herabgelassene Markisen, Teerflecken und Lichtformen zu Strukturen moderner Kunst. Der Zufall wurde lesbar gemacht.

Genau das tut KI auf industrieller Stufe. Sie liest Muster in Flecken, Signale im Rauschen, Chancen in Unordnung.

Deutschland sieht darin zu oft Kontrollverlust. Amerika sieht Versuchsanordnungen. Japan sieht Wandlung. Der Unterschied entscheidet über Märkte.

MuZero oder die Firma ohne fertige Weltkarte

MuZero ist mehr als ein technisches Verfahren. Das System startet ohne explizites Modell der Spielregeln. Es lernt durch die Folgen der eigenen Züge, was das Spiel überhaupt ist. Es kennt die Welt vorher nicht. Es erschließt sie im Vollzug. Der Name verweist auf „no model“, zugleich öffnet er eine Verbindung zu Mu, dem japanisch-buddhistischen Begriff der Leere als Offenheit, als Befreiung von feststehenden Kategorien.

Darin steckt ein ökonomisches Programm. Die Firmen der nächsten Phase werden weniger durch Besitz an Ressourcen gewinnen als durch die Fähigkeit, sich in offene Weltlagen hinein zu modellieren. MuZero ist der Vorbote eines Unternehmensbegriffs, der ohne fertige Landkarte operiert. Eine solche Firma wartet nicht auf perfekte Daten, vollständige Regeln oder finale Regulierung. Sie handelt, beobachtet, lernt, revidiert, verdichtet und baut daraus ihr Wirklichkeitsmodell.

Das Nintendo-Beispiel aus dem Gespräch gehört genau hierher. Gabriel erinnert daran, dass Nintendo mit Spielkarten begann, westliche Motive in japanische Traditionen einführte und sich immer wieder neu erfand. Entscheidend ist die Fähigkeit, die eigene Identität als vorläufig zu behandeln. In Deutschland bedeutet Innovation oft: bessere Schraube, neues Fahrassistenzsystem, effizientere Produktlinie. Im Nintendo-Modell bedeutet Innovation: die eigene Zukunft als unbekanntes Spiel betreten.

Amerika erlaubt sich den schlechten Einfall

Die zweite große Szene spielt in den USA. Gabriel berichtet von Workshops mit führenden Tech-Unternehmern, Investoren und Wissenschaftlern. Dort springt das Gespräch von hochentwickelten Medikamenten gegen Depressionen zu Neurostimulation, psychoaktiven Substanzen, LSD, Neuroplastizität, mentalen Nebenwirkungen von Abnehmspritzen, Alzheimer-Prophylaxe, Telepathie bei autistischen Kindern, UFOs, NASA, Blockchain und Nichtlokalität. Für deutsche Ohren klingt das wie der Übergang von Spitzenforschung zur Spinnerei. Genau darin liegt der produktive Reiz.

Amerika besitzt eine gefährliche geistige Freiheit. Sie reicht bis an die Grenze des Absurden. Doch ohne diese Grenznähe versiegt das Neue. Wer nur Fragen zulässt, deren Seriosität bereits gesichert ist, wird kaum entdecken, was die Seriosität von morgen sein könnte. Große Innovationen beginnen häufig als Beleidigung des gesunden Verwaltungssinns.

Das heißt keineswegs, dass jeder Unsinn gefördert werden soll. Eine Innovationskultur braucht Räume, in denen der schlechte Einfall nicht sofort vernichtet wird. Aus einem schlechten Einfall kann ein schräger Versuch werden, aus einem schrägen Versuch ein neues Verfahren, aus einem neuen Verfahren ein Markt, aus einem Markt eine Industrie. Europas Problem ist eine überentwickelte Immunabwehr gegen das Unfertige.

Der gefesselte Prometheus trägt einen Compliance-Ordner

Gabriel nennt Europa den gefesselten Prometheus. Das Bild trifft, weil es mehr meint als mangelndes Kapital. Natürlich fehlt es an Venture Capital, Skalierungskraft, Risikobereitschaft, Plattformmacht. Doch der tiefere Mangel liegt in der erlaubten Vorstellungskraft. Europa hat sich eine Kultur der Vorabvernünftigkeit angewöhnt. Alles muss begründet sein, bevor es ausprobiert werden darf. Alles muss seinen Platz kennen, bevor es auftreten darf. Alles muss ethisch sauber gerahmt sein, bevor es ökonomisch interessant werden darf.

Das klingt verantwortungsvoll und endet oft in Sterilität. Der Kontinent schützt sich vor Fehlern und verliert dabei das Verhältnis zur Möglichkeit. Er baut Sicherheitsgeländer um leere Felder. In Amerika wird gebaut, in Japan verwandelt, in Europa geprüft.

Die Kontingenzfrage lautet daher: Wie viel Unordnung verträgt eine produktive Ordnung? Deutschland beantwortet sie meist defensiv. Japan antwortet kulturell. Amerika antwortet unternehmerisch. Europa müsste seine eigene Antwort erst wieder erfinden.

Die neue Fabrik heißt Beziehung

Der entscheidende Markt der KI-Ära wird kein reiner Datenmarkt sein. Daten sind wertvoll, weil in ihnen Wertorientierungen, Bedürfnisse, Ängste, Wünsche, Störungen, Muster gelingender und misslingender Beziehungen verborgen liegen. Ethische Intelligenz wäre dann die Fähigkeit, diese Werte sichtbar zu machen und in kooperative Lebensformen sowie Geschäftsmodelle zu übersetzen.

Genau hier liegt eine europäische Chance: KI als Infrastruktur für moralisch messbare Innovation in Bildung, Pflege, Öffentlichkeit, Kultur und Wissenschaft.

Man muss das marktwirtschaftlich zuspitzen. Die nächste Wertschöpfung entsteht dort, wo Unternehmen bessere Beziehungen ermöglichen. Pflegeunternehmen, die mit KI Einsamkeit, Überforderung und Betreuungslücken früher erkennen. Bildungsanbieter, die Lernwege nicht normieren, vielmehr individuelle Möglichkeitsräume öffnen. Medienhäuser, die KI nutzen, um Vertrauen, Kontext und Orientierung herzustellen. Versicherungen, die Prävention als Beziehungsgeschäft begreifen. Banken, die finanzielle Entscheidungen als Lebenssituationen lesen. Städte, die Verwaltung als antwortende Infrastruktur entwickeln.

Das ist kein Sozialkitsch. Es ist die nächste Stufe des Wettbewerbs. Wer Bedürfnisse präziser erkennt, wird bessere Produkte bauen. Wer Beziehungen stabilisiert, senkt Transaktionskosten. Wer Vertrauen erzeugt, gewinnt Märkte. Wer Sinn liefert, entkommt dem Preiswettbewerb.

Philosophie als Wachstumsfaktor

Der deutsche Reflex lautet noch immer: Philosophie kostet Zeit, Ethik kostet Geld, Nachdenken bremst das Geschäft. Das Gespräch zeigt das Gegenteil. In Japan saß der Präsident von Google Japan bei einem philosophischen Seminar in Kyoto. Gabriel verweist auf Gespräche dieser Art, die auch in Deutschland beginnen, aber noch keinen systemischen Charakter erreicht haben. Seine Antwort ist Deep Innovation: Interdisziplinarität, transsektorale Kooperation, transkulturelle Kompetenz. Wissenschaft und Wirtschaft brauchen dritte Räume, in denen beides zur Zündung kommt.

Das ist der Punkt, an dem eine wirtschaftswissenschaftliche Debatte beginnen müsste. Wir haben eine Theorie des Marktes, der Firma, des Wettbewerbs, der Transaktion, der Innovation. Was fehlt, ist eine Philosophie des Unternehmertums im KI-Zeitalter. Unternehmertum besteht dann nicht allein in der Kombination von Kapital, Arbeit, Technologie und Nachfrage. Es besteht in der Erfindung neuer Wirklichkeitszugänge.

Ein Unternehmer der nächsten Generation verkauft keine Produkte allein. Er entwirft Situationen. Er verändert Aufmerksamkeit. Er modelliert Vertrauen. Er organisiert Ungewissheit. Er baut Interfaces, durch die Menschen sich selbst, andere und ihre Umwelt anders wahrnehmen. Deshalb werden Philosophie, Design, Kognitionswissenschaft, Anthropologie, Kulturwissenschaft und Ökonomie keine Begleitfächer bleiben. Sie werden zum Kern industrieller Strategie.

Innovationsakademien für das erlaubte Spinnen

Deutschland braucht Orte, an denen das Spinnen institutionalisiert wird. Keine weiteren Konferenzformate mit Namensschild, Grußwort und Podiumsdiskussion. Gemeint sind Innovationsakademien, in denen Quantenchemiker mit Pflegepraktikern, Philosophen mit Maschinenbauern, Neurowissenschaftler mit Spieleentwicklern, Mittelständler mit Zen-Kennern, Juristen mit Künstlern, Kommunalpolitiker mit Modellierern arbeiten.

Dort müsste man Szenarien bauen, die heute noch halb verrückt klingen. Eine KI-Pflegearchitektur, die Beziehungsqualität misst. Eine neue Bildungsfirma, die aus jedem Lernenden kein Profil, vielmehr eine offene Entwicklungslandschaft generiert. Eine europäische Suchmaschine, die öffentliche Vernunft trainiert. Ein industrielles Betriebssystem für Mittelständler, das Lieferketten, ökologische Pflichten, Personalwissen, regionale Kultur und KI-Modelle in lebendige Entscheidungsfelder übersetzt. Eine Klinikplattform, die mentale Gesundheit, Neuroplastizität, soziale Lage und persönliche Sprache zusammendenkt, ohne Menschen auf Datensätze zu reduzieren.

Genau so entstehen Märkte: durch erlaubte Vorgriffe auf noch ungebaute Wirklichkeiten.

Die deutsche Universität als zu eng gewordene Schleuse

Scobel weist im Gespräch auf das Karrieresystem der Universität hin: Wer als Plasmaphysiker mit einem Philosophen publiziert, hat im eigenen Fach oft wenig davon. Gabriel will die Spitzenforschung bewahren, aber zusätzliche dritte Orte schaffen. Das ist entscheidend. Die Lösung liegt nicht in der Verwässerung der Disziplinen. Sie liegt in Übergangsräumen, die disziplinäre Exzellenz in gesellschaftliche Erfindung übersetzen.

Die amerikanischen Colleges dienen Gabriel als Gegenmodell zum deutschen Frühkanalisierungssystem. Dort studiert man zunächst Universität, später wählt man den Schwerpunkt. Diese Durchlässigkeit erzeugt biografische Kontingenz. Genau sie fehlt uns. Wer mit achtzehn in Deutschland ein Fach wählt, bekommt oft einen Tunnel. Wer in Amerika beginnt, bekommt eher ein Gelände. Innovation liebt Gelände.

Die KI-Debatte braucht mehr Welt und weniger Gerät

Der gefährlichste europäische Satz lautet: Wir müssen mit KI Schritt halten. Er klingt aktiv und ist passiv. Schritt halten heißt, einem Tempo zu folgen, das andere setzen. Europa braucht keine Kopie der amerikanischen Plattformmacht und keine Kopie japanischer Tiefenkultur. Es braucht eine eigene Form des offenen Denkens.

Dazu gehört die Einsicht, dass KI keine externe Branche ist. Sie wird zur Grammatik fast aller Branchen. Maschinenbau wird Modellbau im semantischen Sinn. Medizin wird relationale Prävention. Bildung wird adaptive Weltöffnung. Medien werden Vertrauensarchitektur. Verwaltung wird Dialogsystem. Kultur wird Labor gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Mittelstand wird nur überleben, falls er seine Erfahrungsbestände in lernende Systeme übersetzt.

Die entscheidende Ressource ist dabei Kontingenzkompetenz. Also die Fähigkeit, mit offenen Lagen produktiv umzugehen. Sie umfasst mehr als Risikomanagement. Sie verbindet Aufmerksamkeit, Experiment, Urteil, Fantasie, Kapital, Technik und Verantwortung. Genau diese Kompetenz fehlt in einer Kultur, die ihre Zukunft am liebsten genehmigen lassen möchte, bevor sie beginnt.

Die größere Welt zulassen

Die große Nachricht aus dem Gespräch lautet: KI zwingt Deutschland, seine Angst vor dem Offenen zu therapieren. Japan zeigt, dass Innovation Tiefe braucht. Amerika zeigt, dass Innovation spekulative Freiheit braucht. KI zeigt, dass Wirklichkeit weniger aus Dingen besteht als aus Beziehungen, Feldern, Resonanzen, Mustern, Antworten und Möglichkeiten.

Europa kann daraus eine eigene Ökonomie entwickeln. Eine Ökonomie der Beziehung. Eine Ökonomie der moralischen Innovation. Eine Ökonomie, die Kontingenz in Lernfähigkeit, Geschäftsmodelle und institutionelle Fantasie verwandelt. Dazu muss Philosophie aus der Rolle des Kommentars heraus. Sie gehört in Vorstände, Labore, Produktteams, Kliniken, Medienhäuser, Ministerien und Mittelstandszentralen.

Die Zukunft der KI entscheidet sich nicht allein an Chips, Rechenzentren und Regulierung. Sie entscheidet sich an der Frage, welche Gesellschaft die größere Welt zulässt. Deutschland ist reich an Wissen, arm an erlaubter Möglichkeit. Genau das muss sich ändern.

Die Dienstleistungsgesellschaft verliert ihre Schutzhaut – Der nächste Produktivitätsschock trifft das Büro #rp26

Deutschland hat den Strukturwandel lange als historische Beruhigungserzählung behandelt. Erst verließen die Menschen die Felder, dann die Fabriken, schließlich fanden sie Arbeit am Schreibtisch. Aus Agrararbeit wurde Industriearbeit, aus Industriearbeit Dienstleistungsarbeit. Der Wohlstand schien jedes Mal zu wachsen, die Beschäftigung fand jedes Mal einen neuen Ort.

Martin Wolf, Präsident der Gesellschaft für Informatik, hat diese alte Gewissheit auf der re:publica in Berlin an einer Zahl sichtbar gemacht: 1950 arbeiteten noch 24,6 Prozent der Erwerbstätigen in Land- und Forstwirtschaft. 2019 waren es 1,3 Prozent. Dennoch versorgt die Agrarökonomie heute sehr viel mehr Menschen mit Lebensmitteln. Der Produktivitätssprung war gewaltig. Nun steht der Dienstleistungssektor vor einer ähnlichen Metamorphose. Rund drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Dienstleistungen. Dieser Gipfel dürfte abschmelzen. Erst trifft es wissensintensive Routinen, später durch Robotik auch sach- und personenbezogene Dienste.

Die Blackbox-Gesellschaft

Wir feiern Digitalisierung, sprechen über KI-Regulierung, Ethikräte, Transparenzpflichten und europäische Souveränität. Gleichzeitig sinkt in breiten Teilen der Gesellschaft das Verständnis für jene Strukturen, auf denen diese Welt beruht. Software erscheint als Oberfläche. KI erscheint als Antwortautomat. Cloud erscheint als Komfort. Plattformen erscheinen als Bequemlichkeit.

Das ist bedenklich. Wer Digitalisierung nur als Bedienkompetenz vermittelt, erzieht eine Gesellschaft zu Konsumentinnen und Konsumenten proprietärer Blackboxes. Dann kann man Apps bedienen, Formulare ausfüllen, Prompts schreiben und Dashboards interpretieren. Man versteht aber kaum noch, welche Daten fließen, welche Modelle entscheiden, welche Schnittstellen Macht erzeugen, welche Fehler sich in automatisierte Prozesse einschreiben.

Die neue Abhängigkeit beginnt dort, wo Menschen Systeme nur noch nutzen, ohne sie dekonstruieren zu können. Wer Informatik nicht beherrscht, wird von Informatik beherrscht.

Programmieren als Denkform

Informatik gehört deshalb in die Breite: von der Grundschule bis zum Abitur. Das Ziel darf kein früher Berufskurs für angehende Entwickler sein. Es geht um ein intellektuelles Rüstzeug für die automatisierte Welt. Kinder und Jugendliche müssen lernen, was ein Algorithmus leistet, wie Daten entstehen, wie Klassifikationen wirken, wie Fehler skaliert werden, wie Modelle trainiert werden, welche Interessen in Softwarearchitekturen stecken.

Auch Programmieren bleibt wichtig, selbst dort, wo KI künftig Code erzeugt. Der Zweck verschiebt sich. Programmieren ist weniger bloße Schreibarbeit am Rechner als Schule des Denkens: prozedural, datenbezogen, systemisch, konstruktiv, kritisch. Wer nie selbst eine Anweisung formuliert hat, versteht den Eigensinn automatisierter Prozesse kaum. Wer nie mit fehlerhaften Daten gearbeitet hat, glaubt dem Dashboard zu schnell. Wer nie ein System modelliert hat, unterschätzt Nebenfolgen.

Die Vorstellung, Software werde künftig einfach von „der KI“ gebaut, ist ein Luftschloss. KI erzeugt Vorschläge. Verantwortliche Systeme entstehen erst durch Menschen, die beurteilen können, was vorgeschlagen wurde, welche Folgen entstehen, welche Daten fehlen, welche Risiken verdrängt werden.

Das Studium muss aus dem Reservat heraus

Auch die Hochschulen stehen unter Druck. Ein Informatikstudium, das sich in Theorieinseln einrichtet, verfehlt die kommende Aufgabe. Ebenso verfehlt ein rein verwertungsorientiertes Studium den Kern des Fachs. Moderne Informatik muss Systemverantwortung ausbilden. Ethik, Gesellschaft, Ökologie, Energieverbrauch, Lieferketten, Sicherheit, Resilienz und Machtfragen gehören nicht an den Rand der Ausbildung. Sie müssen in die Logik des Entwerfens hinein.

Ein Algorithmus ist nie nur Mathematik. Er verteilt Chancen, beschleunigt Prozesse, verlagert Kosten, sortiert Menschen, verbraucht Energie, erzeugt Abhängigkeiten. Genau deshalb braucht die Digitalisierung mehr Informatik, nicht weniger. Sie braucht Menschen, die Systeme bauen können und zugleich wissen, was sie anrichten können.

Der Dienstleistungsstaat vor seiner Landflucht

Die historische Analogie zur Landwirtschaft ist unbequem. Die Bauern verschwanden nicht, weil ihre Arbeit wertlos wurde. Sie verschwanden, weil Maschinen ihre Produktivität vervielfachten. Die Wertschöpfung blieb, die Beschäftigung wanderte. Ähnliches droht nun dem Dienstleistungsstaat.

Büroarbeit, Verwaltung, Berichtswesen, Support, einfache Analyse, Standardkommunikation, Prozesssteuerung, Übersetzung, Abrechnung, Controlling und Teile der Softwareentwicklung geraten in den Zugriff automatisierter Systeme. Vieles davon galt jahrzehntelang als sicherer Aufstiegspfad der Wissensgesellschaft. Nun wird sichtbar, dass auch der Schreibtisch kein Schutzraum ist. Selbst die Steuerberatung kommt in die Defensive.

Die Frage lautet daher nicht, ob Arbeit verschwindet. Die entscheidende Frage lautet, welche Arbeit entsteht, wer Zugang dazu erhält und wer im Übergang zurückbleibt. Martin Wolf verweist auf Zukunftsfelder wie Erlebnis, Community, Events, menschliche Bestleistung, koordinierte Begegnung. Das klingt zunächst weich, ist aber ökonomisch ernst zu nehmen. Je mehr Maschinen Routinen übernehmen, desto wertvoller werden Tätigkeiten, in denen Vertrauen, Kreativität, Verantwortung, Nähe, Urteil und Gestaltung zählen.

Deutschlands gefährliche Verzögerung

Deutschland besitzt noch immer eine industrielle Substanz, um die viele Länder es beneiden. Doch der alte Reflex reicht nicht mehr: bessere Maschinen, bessere Prozesse, bessere Verwaltung. Die digitale Ökonomie verlangt die Verbindung von Hardware, Software, Daten, KI, Plattformen und Organisationsfähigkeit. Wer diese Verbindung nicht beherrscht, wird zum Zulieferer fremder Systeme.

Das ist die eigentliche Bildungsfrage der kommenden Jahre. Ein Land, das KI regulieren will, muss KI verstehen. Ein Land, das digitale Souveränität fordert, muss Softwarekompetenz demokratisieren. Ein Land, das Arbeitsplätze sichern will, muss Menschen befähigen, mit automatisierten Systemen zu urteilen, zu gestalten und zu widersprechen.

Der Strukturwandel wird nicht warten, bis Lehrpläne, Prüfungsordnungen und Berufsbilder nachgezogen haben. Die Agrarwirtschaft brauchte Jahrzehnte, um Millionen Menschen aus alten Tätigkeiten zu drängen. Der Dienstleistungssektor wird weniger Zeit bekommen. KI wirkt schneller als der Traktor. Genau deshalb ist Informatik keine Spezialdisziplin mehr. Sie ist Allgemeinbildung im Zeitalter der automatisierten Gesellschaft.

Der Mann, der als Holbaum in den Pfahl geriet

Ein Autor mit botanischer Vorgeschichte

Ulrich Holbein hat Axel Matthes zum neunzigsten Geburtstag gratuliert, wie nur Ulrich Holbein gratulieren kann: mit einem Text, der schon im Titel aussieht, als habe ein Brockhaus-Band nach Mitternacht beschlossen, Trampolin zu springen. „Universeller Verknirpsung entragend“ heißt das Stück, und wer bis dahin noch glaubte, Geburtstagsprosa müsse Kerzen auspusten, ahnt sofort: Hier wird eher mit Silben gezündelt.

In den Pfahl-Zeiten hieß Holbein noch Holbaum. Das ist keine Nebensache, das ist literarische Dendrologie. Der spätere Holbein stand damals unter seinem alten Namen im „Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“, jenem Periodikum, das Axel Matthes wie eine Mischung aus Hochamt, literarischem Straflager und Ideensauna betrieb. Holbaum: Schon der Name klang, als sei ein Autor halb Mensch, halb Gewächs, bereit, in der Erde des Zeitgeists zu wurzeln und oben sehr eigentümliche Blätter auszutreiben.

Der Verleger wirft den Text zu Boden

Die erste Begegnung zwischen Matthes und Holbein gehört in ein Museum für Verlegerpädagogik. Matthes hält Holbeins Zeitgeistessay in der Hand, rollt ihn in Zellophan, wirft ihn auf den Boden und lässt ihn dort liegen. Zwanzig Minuten später darf der Autor ihn aufheben. Das ist kein Lektorat, das ist eine Initiation. Andere Verleger schreiben Randbemerkungen. Matthes prüfte offenbar die Fallhöhe.

Holbein, der damals noch am Anfang seiner Autorenlaufbahn stand, musste vor dem Verleger also kurz auf Fußhöhe geraten. Eine sehr Matthes’sche Szene: asketischer Ernst, dramatische Geste, Papier als Prüfungsmaterial. Der Text lag unten, der Autor beugte sich, der Verleger blickte. Man kann sich denken, dass daraus keine einfache Geschäftsbeziehung wurde. Zum Glück.

Frozzelton gegen Metaphysik

Matthes fand Holbein früh „flapsig“. Holbein wiederum hielt manche Matthes-Autoren für gestelzt, pathetisch, professoral und mitunter arg schwerblütig. Schon war die schönste literarische Versuchsanordnung der achtziger Jahre aufgebaut: hier der Verleger als Hüter von Bataille, Artaud, Klossowski, Wense und Cioran; dort der Autor als gelehrter Schelm, der jede metaphysische Kerze sofort auf Brandgefahr untersuchte.

Als Holbein einen Gesualdo-Essay lieferte, schrieb Matthes: „Lieber Herr Holbaum, Ihr Gesualdo-Essay ist sehr packend, einzig mit Ihrem Frozzelton habe ich ein bisschen Schwierigkeiten.“ Als Gegengift legte er Jürgen von der Wense bei. Das ist herrlich. Gegen Frozzeln hilft bei Matthes kein Lavendeltee, kein freundlicher Zuspruch, kein Kürzungsvorschlag. Gegen Frozzeln hilft Wense. Also ein Autor, der schon beim Aufschlagen riecht, als habe ein Einsiedler im Gebirge den Kosmos alphabetisch sortiert.

Die Ideensauna öffnet

Matthes plante damals „Der Pfahl“, sein Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft. In der Vorschau war von einer „Ideensauna“ die Rede. Dieses Wort verdient ein eigenes Denkmal aus Fichtenholz und Fußnoten. Ideensauna: Man weiß sofort, dass hier geschwitzt wird, aber unklar bleibt, ob vor Erkenntnis, Überhitzung oder Furcht vor Gerd Bergfleth.

Holbein trat ein. Sein Text über den Zeitgeist erschien im Pfahl, der dann keineswegs als zierliches Blättchen herauskam, eher als broschiertes Brikett. 519 Seiten, 58 Mark. Darin standen Wolfgang Rihm, Grillparzer, Flaubert, Theodor Lessing, Friedrich Georg Jünger und eben Ulrich Holbaum. Hinten wurde über ihn mitgeteilt, er male und schreibe. Holbein erschrak später über das „malt“. Ein Autor, der schreibt, kann viel ertragen. Ein Autor, der plötzlich malt, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, auch noch eine zweite Begabung verwalten zu müssen.

Der Pfahl und sein botanischer Einschlag

Dass ausgerechnet ein Holbaum im Pfahl stand, ist fast zu schön, um es unkommentiert zu lassen. Pfahl, Baum, Wurzel, Stamm, Jahresringe: Die Namensbotanik arbeitet hier von selbst. Matthes dürfte an solchen Verzweigungen Gefallen finden, Holbein ohnehin, der aus jeder Nebenbedeutung sofort einen kleinen Seitenweg ins Dickicht schlägt. Der eine liebt die großen Verweisungsräume, der andere die anarchische Mehrdeutigkeit. Zusammen ergeben sie eine Art literarisches Forstamt der Gegenmoderne: vorn wird gepfählt, hinten treibt es aus.

Holbeins Zeitgeist-Text selbst ist ein großartiges Monstrum. Schon der Titel „Die Zigarette des Nichtrauchers“ zeigt die Methode: Die Welt wird bei ihm nie geradeaus betreten, immer durch eine Seitentür, auf der ein falsches Schild hängt. Der Zeitgeist erscheint als Geruch, Reflex, Mode, Lärm, Kostüm, Bartform, Autoverkehr, Musikgeschmack, Fernsehschatten. Holbein schreibt, als wolle er die Gegenwart mit einer übervollen Schublade erschlagen.

Sankt Matthesis erhält Gegenfeuer

Jahre später drehte Holbein den Spieß um. Matthes hatte ihn lange wegen Flapsigkeit gerügt; nun nahm Holbein einen Text des Verlegers auseinander und begann mit der Anrede „Lieber, hochverehrlicher Sankt Matthesis“. Schon diese Anrede ist ein kleines Feuerwerk aus Verehrung und Unbotmäßigkeit. Danach folgte ein Beschuss aus Adorno, Jörg Drews, Theologen-Jargon, Botho-Strauß-Verdacht, Agrarkitsch und Formulierungsschelte.

Matthes antwortete lapidar und ziemlich schön. Ein so begabter, sensibler Mensch fabriziere virtuos Wörterbarrikaden; er wolle seit langem herausbekommen, wer dahinter stecke. Das ist vielleicht der zärtlichste Satz, den ein strenger Verleger über einen schwierigen Autor schreiben kann. Holbein baute Wörterbarrikaden, ja. Aber Matthes stand davor und klopfte an.

Die erste Frage nach dreiundzwanzig Jahren

Die schönste Szene kommt am Ende. 2010 trafen sich beide bei einem Wense-Kongress in Kassel. Holbein notiert, Matthes habe ihm nach dreiundzwanzig Jahren erstmals eine Frage gestellt. Sie lautete: „Wo gehts denn hier zur Toilette?“ Man möchte sofort den gesamten deutschen Literaturbetrieb in diese Szene hineinfalten. Zwei Männer, verbunden durch Pfahl, Wense, Zeitgeist, Flapsigkeit, Hochton, Briefe, Bücher, Kränkungen und Zuneigung, erreichen nach Jahrzehnten den interrogativen Durchbruch. Und er führt zur Toilette.

Später sitzen beide im selben Zug. Matthes in der ersten Klasse, Holbein mit Fahrkarte zweiter Klasse. Sie reden weiter, Holbein stehend, Matthes sitzend. Der Zugbegleiter interveniert. Holbein schlägt vor, der Verleger möge in die leere zweite Klasse kommen. Matthes lehnt ab. Auch das ist eine Szene, die niemand erfinden müsste. Die deutsche Geistesgeschichte fährt Intercity, und der Klassenunterschied bleibt im Gang stehen.

Holbein gratuliert, wie Holbein eben gratuliert

Zum neunzigsten Geburtstag von Axel Matthes hat Holbein also keinen Kranz niedergelegt. Er hat ein Sprachfeuer entzündet, in dem der alte Verleger noch einmal als asketischer Denker, schwieriger Förderer, Wense-Apostel, Flapsigkeitsgegner und Liebhaber der großen Abwege erscheint. Der Text ist Erinnerung, Abrechnung, Kabinettstück, Selbstporträt und Dankesrede in einem.

Matthes hat Autoren verlegt, die aus der Reihe fielen. Holbein fiel selbst aus der Reihe derer, die aus der Reihe fallen. Vielleicht passte er gerade deshalb so gut in den Pfahl. Als Holbaum kam er hinein, als Holbein schrieb er zurück. Dazwischen liegt eine jener literarischen Beziehungen, die aus Missverständnissen, Respekt, Eitelkeit, Witz und einer beträchtlichen Menge Papier bestehen.

Am Ende sieht man beide: Matthes, der wissen wollte, wer hinter den Wörterbarrikaden stecke; Holbein, der sofort noch drei Barrikaden errichtete, damit die Suche lohnte. Das ist keine Freundschaft im üblichen Sinn. Es ist ein deutsches Verleger-Autor-Verhältnis in seiner komischsten, gelehrtesten und schönsten Form: einer hält den Pfahl, der andere wächst daran hoch.

Die Firmensterblichkeit der Sieger

Der Rückschaufehler der Börse

Die Rangliste der wertvollsten Unternehmen wirkt immer wie ein Naturgesetz, bis sie verschwindet. 1990 standen japanische Banken, NTT, IBM und Ölkonzerne oben. 2005 regierten Exxon Mobil, General Electric, Microsoft, Citigroup und BP. 2020 war die Welt bereits eine andere: Saudi Aramco, Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Alibaba, Facebook, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson bildeten die Spitze. Die alte Gewissheit der Industriegesellschaft war in eine Plattformordnung überführt worden. Die Zahlen aus der Fink-Grafik zeigen weniger eine Hitparade der Börse als einen Friedhof einstiger Selbstverständlichkeiten. Für 2005 und 2020 lassen sich ähnliche Rangmuster auch in historischen Marktkapitalisierungslisten nachvollziehen.

Alexander Fink zieht daraus die unbequeme Folgerung: Alle 15 Jahre werden die Karten fast vollständig neu gemischt. Nur wenigen Firmen gelingt der Verbleib an der Spitze. Genau hier setzt Daniel Kahnemans Warnung vor dem Rückschaufehler ein. Im Nachhinein wirkt jeder Sieg zwangsläufig. Apple musste Apple werden, Google musste Google werden, Nvidia musste Nvidia werden. In Wahrheit wird aus Glück, Timing, Kapitalzugang, Regulierung, Talentdichte und technischer Anschlussfähigkeit im Rückblick eine Managementlegende gebaut. Die Fink-Analyse verweist auf diese gefährliche Verwechslung von Ergebnis und Gesetzmäßigkeit.

Der Thron aus Glas

Die Gegenwart scheint den Hyper Scalern zu gehören. Cloud, Chips, Datenzentren, Modelle, Plattformen, Betriebssysteme und Agentenketten verdichten sich zu einer neuen Machtarchitektur. Nvidia erreichte 2026 zeitweise eine Marktkapitalisierung von mehr als 5,5 Billionen Dollar; Alphabet näherte sich nach Berichten aus dem Mai 2026 der Marke von 5 Billionen Dollar.

Doch genau diese Größe ist kein Schutz. Sie erhöht den Angriffsdruck. Wer oben steht, wird zum Infrastrukturproblem der anderen. Die Kunden wollen Abhängigkeit senken, Staaten wollen Kontrolle, Wettbewerber wollen Standards brechen. Google arbeitet an eigenen KI-Chips und neuen Cloud-Konstruktionen, um Nvidias Dominanz im Rechenzentrum anzugreifen. Der Hyper Scaler von heute wird so zum Zielbild der Entflechter, Nachahmer und Regulierer von morgen.

2035 könnten deshalb Unternehmen an der Spitze stehen, die heute noch als Zulieferer, Engpasshalter oder Modellbetreiber erscheinen: Nvidia, TSMC, ASML, Microsoft, Alphabet, Amazon, vielleicht ein börsenfähiger OpenAI-Nachfolger, BYD, Eli Lilly oder ein Robotik- und Energiesystemanbieter. Apple, Meta, Alibaba, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson könnten aus der Spitzengruppe fallen. Das ist keine Prophezeiung. Es ist ein Szenario. Sein Wert liegt gerade darin, die Selbstgewissheit der Gegenwart zu beschädigen.

Schumpeters vergessene Diagnose

Der historische Vergleich führt weiter als jede Digitalrhetorik. Joseph A. Schumpeter untersuchte 1928 in „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ die Diskrepanz zwischen Wirtschaftsordnung und Sozialstruktur. Deutschland war wirtschaftlich längst kapitalistisch organisiert, gesellschaftlich aber noch von ländlichen, teils feudalen Gewohnheiten geprägt. Genau darin liegt die Aktualität. Heute operiert Deutschland in einer digitalisierten Ökonomie mit industriekapitalistischen Rezepten.

Zur Reichsgründung 1871 lebten nahezu zwei Drittel der Bevölkerung in Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern, kaum fünf Prozent in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, der Anteil der Landbevölkerung war um die Hälfte geschrumpft. Die Mechanisierung der Landwirtschaft trieb Menschen aus alten Erwerbsformen in neue Räume. Aus der Agrarfrage wurde eine Stadtfrage, aus der Stadtfrage eine Klassenfrage.

Schumpeters Text von 1927 über „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“ fügt eine zweite, härtere Beobachtung hinzu: Klassenstatus ist Erbschaft vergangener Ereignisse, damit immer anachronistisch. Reiche Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze standen, waren drei Generationen später oft verschwunden. Sparsamkeit, Routine und solide Verwaltung reichen für den Verbleib oben gerade nicht aus. Wer nur bewahrt, wird von risikofreudigeren Wettbewerbern aus dem Rang gedrückt. Das ist auch heute wieder zu beobachten: Alte Unternehmerinnen und Unternehmer wagen keine neuen Investitionen. Sie verwalten höchstens ihr Vermögen. Dynastie-Untergang häufig die Folge.

Deutschland im falschen Betriebssystem

Der Strukturwandel der Gegenwart vollzieht sich ohne Landflucht, aber mit ähnlicher Wucht. Die Menschen ziehen weniger vom Dorf in die Stadt; ihre Tätigkeiten wandern aus Abteilungen, Werkhallen, Filialen und Verwaltungen in Software, Datenmodelle, automatisierte Workflows und Plattformarchitekturen. Die alte Trennung zwischen Industrie und Dienstleistung verliert an Erklärungskraft. Ein Maschinenbauer, der keine Datenprodukte beherrscht, verkauft bald nur noch Gehäuse. Ein Automobilhersteller ohne Software- und Batteriemacht liefert die Karosserie für fremde Betriebssysteme. Eine Bank ohne KI-fähige Prozessarchitektur wird zur regulierten Hülle.

Deutschland erlebt dabei eine doppelte Verschiebung. Der industrielle Kern bleibt wertvoll, doch sein Anteil an der künftigen Wertschöpfung hängt immer stärker an Software, Sensorik, Simulation, Energieeffizienz, Robotik, Plattformzugang und Halbleiterketten. Zugleich wächst die Gefahr einer k-förmigen Ökonomie. Oben steigen Kapitaleigner, KI-Spezialisten, Modellarchitekten, Cloud-Anbieter und Eigentümer knapper Infrastruktur. Unten geraten jene unter Druck, deren Arbeit standardisierbar, deren Wohnort immobil, deren Qualifikation veraltet oder deren Vermögen gering ist. Studien zur generativen KI in Europa zeigen eine ungleiche Verbreitung: Nutzung und Vorteile konzentrieren sich dort, wo digitale Fähigkeiten, Weiterbildung und organisatorische Mitsprache vorhanden sind.

Die neue Arbeitsfrage

Die Zukunft der Arbeit wird weniger durch den Roboter am Fließband entschieden als durch den Agenten im Büro. Sachbearbeitung, Berichtswesen, Compliance, Controlling, Standardberatung, Einkauf, Marketingproduktion, Übersetzung, Softwaretests und Teile der Entwicklung werden neu sortiert. Hochqualifizierte Tätigkeiten geraten erstmals in den unmittelbaren Zugriff der Automatisierung. Untersuchungen zu KI und Arbeit zeigen, dass gerade analytische, nicht-routinemäßige Tätigkeiten eine hohe KI-Berührbarkeit aufweisen.

Für Deutschland entsteht daraus keine einfache Verlustrechnung. KI kann Produktivität heben, Ingenieurarbeit erweitern, Simulation beschleunigen, Wartung verbessern, Materialeinsatz senken und Mittelständler global anschlussfähig halten. Doch die Gewinne verteilen sich nicht automatisch. Wer über Kapital, Daten, Modelle, Plattformzugang und Weiterbildung verfügt, zieht davon. Wer nur auf Beschäftigungsschutz ohne Fähigkeitsumbau setzt, verteidigt die alte Stelle gegen eine neue Wertschöpfungslogik.

Damit rückt Weiterbildung vom Sozialthema ins Zentrum der Industriepolitik. Es reicht nicht, Beschäftigte an neue Tools heranzuführen. Sie müssen lernen, mit Modellen zu prüfen, zu steuern, zu widersprechen, zu kombinieren. Die kommende Arbeitswelt verlangt Urteilskraft im Umgang mit maschineller Vorarbeit. Der Mensch verschwindet nicht aus der Wertschöpfung. Er verliert aber jene Tätigkeiten, in denen er nur als langsameres Interface diente.