
Auf der 39. AFCEA-Fachausstellung in Bonn spricht Norbert Ahrend von Arvato Systems über ein Thema, das in der Sicherheitsdebatte leicht übersehen wird, weil es nicht nach großer Strategie klingt: Information muss im Ernstfall weiterfließen. Nicht nur im militärischen Führungsnetz. Nicht nur in Behörden. Nicht nur in den Datenräumen der Betreiber kritischer Infrastrukturen. Auch dann, wenn Strom ausfällt, Mobilfunknetze überlastet sind, digitale Systeme gestört werden und Bürger nicht mehr wissen, welche Anweisung gilt.
Damit führt Ahrend die Untersuchung zum gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem an einen Punkt, der bislang zu selten im Mittelpunkt steht. Die Debatte über Verteidigungsfähigkeit spricht gern über Truppen, Transportkorridore, Cyberabwehr, künstliche Intelligenz, Cloud und Lagebilder. Ahrend erweitert den Blick. Er fragt, ob Deutschland seine zivilen und militärischen Strukturen so verbinden kann, dass das Land nicht nur kämpfen, verlegen und versorgen kann. Es muss auch informieren, erklären und handlungsfähig bleiben.
Im Interview beschreibt er den Kern der Untersuchung als ganzheitlichen Blick auf das deutsche Sicherheitsökosystem. Entscheidend sei vor allem das Zusammenwirken der zivilen und militärischen Seite. Genau dort sieht er eines der größten Handlungsfelder.
Deutschland ist Drehscheibe, nicht Zuschauerraum
Ahrend greift einen Gedanken auf, der in der Rede von General Vollmer auf der AFCEA-Fachausstellung besonders stark war: Deutschland ist im Verteidigungsfall Drehscheibe. Dieses Wort klingt nach Logistik. Tatsächlich beschreibt es eine staatliche Belastungsprobe. Truppen müssen nach Osten bewegt werden. Verwundete und Verletzte kommen zurück. Nicht nur deutsche Soldaten, auch alliierte Kräfte müssen transportiert und versorgt werden. Verkehrswege, Brücken, Straßen, Ausweichstrecken, zivile Versorgung und militärische Priorität geraten zugleich unter Druck.
Ahrends Hinweis ist wichtig: Selbst in einer militärischen Auseinandersetzung steht das zivile Leben nicht still. Das zeigen die Erfahrungen der Ukraine. Während militärische Transporte Vorrang bekommen, brauchen Bürger weiterhin Versorgung, medizinische Hilfe, Mobilität und Information. Der Verteidigungsfall verwandelt Deutschland nicht in eine leere Karte mit Pfeilen für Truppenbewegungen. Er trifft ein bewohntes, arbeitendes, verletzliches Land.
Genau hier liegt eine Schwäche vieler Planspiele. Sie betrachten Bewegung, aber zu wenig Gleichzeitigkeit. Sie betrachten militärische Korridore, aber zu wenig zivile Umleitung. Sie betrachten Nachschub, aber zu wenig Krankenhäuser. Sie betrachten Führung, aber zu wenig öffentliche Orientierung. Ahrend lenkt den Blick auf die praktische Frage: Was passiert auf den Straßen, Schienen, Brücken und in den Kliniken, wenn militärische Notwendigkeit und ziviler Alltag denselben Raum beanspruchen?
Siegfähigkeit braucht Durchhaltefähigkeit
Im Gespräch fällt auch der Begriff Siegfähigkeit. Ahrend nähert sich ihm ohne Pathos. Gemeint sei, einen Angreifer möglichst schnell dort zurückzudrängen, wo er angreift, damit kein langer Abnutzungskonflikt entsteht. Zugleich warnt er vor einer falschen Annahme: Resilienz darf nicht voraussetzen, dass eine Krise nach drei Tagen beendet ist. Wer widerstandsfähig sein will, muss Vorsorge für längere Lagen treffen.
Das ist ein zentraler Punkt für die Untersuchung. Deutschland neigt dazu, Krisen als Unterbrechung des Normalbetriebs zu denken. Kurz, heftig, dann Rückkehr zur bekannten Ordnung. Die neue Lage verlangt anderes Denken. Eine Krise kann dauern. Sie kann mehrere Systeme zugleich treffen. Sie kann militärische, zivile, digitale und psychologische Ebenen verbinden. Sie kann gerade dort wirken, wo das Land sich auf schnelle Wiederherstellung verlässt.
Durchhaltefähigkeit ist deshalb kein militärischer Spezialbegriff. Sie ist eine gesamtstaatliche Kategorie. Sie betrifft Energie, Lebensmittel, Krankenhäuser, Transport, Kommunikation, Verwaltung, Unternehmen, Familien, Schulen und Kommunen. Wer nach drei Tagen keine belastbaren Informationswege mehr hat, verliert nicht nur Komfort. Er verliert Vertrauen.
Informationsversorgung gehört zur Verteidigung
Hier kommt Arvato Systems ins Spiel. Ahrend beschreibt das Unternehmen als Dienstleister für Informationsversorgung und Informationssicherheit. Das klingt zunächst nach digitaler Infrastruktur, nach sicheren Systemen, Datenverarbeitung, Schutz und Verfügbarkeit. Genau das ist ein Teil der Aufgabe. Militärische und zivile Stellen müssen im Ernstfall robust aufgestellt sein und die Informationen bekommen, die sie zum Handeln brauchen.
Der bemerkenswerte Teil des Interviews beginnt dort, wo Ahrend den digitalen Raum verlässt. Er verweist auf den Bertelsmann-Konzern und dessen Druckmöglichkeiten. Wenn digitale Systeme nicht mehr funktionieren, können Informationen physisch bereitgestellt werden. Papier wird dann nicht zur Erinnerung an vergangene Bürozeiten. Es wird zur Rückfallebene staatlicher Handlungsfähigkeit.
Dieser Gedanke verdient Aufmerksamkeit. In vielen Digitalisierungsdebatten gilt Papier als Zeichen von Rückstand. In der Resilienzdebatte kann es zum Zeichen von Robustheit werden. Nicht als Ersatz für digitale Systeme. Als letzte Schicht, wenn Bildschirme dunkel bleiben. Ein Staat, der seine Bürger, Einsatzkräfte und Verwaltungen nur digital erreichen kann, ist verwundbarer, als er sich eingesteht.
Redundanz ist kein Rückschritt
Ahrends zentraler Hinweis liegt in einem Wort, das in Digitalisierungsdebatten meist wie eine Bremse klingt: Redundanz. Gemeint ist nicht Doppelarbeit. Gemeint ist Überlebensfähigkeit. Ein System, das nur funktioniert, solange Strom, Netz, Server, Cloud, Mobilfunk und Endgeräte laufen, ist kein robustes System. Es ist ein bequemes System.
Das bricht mit der üblichen Fortschrittserzählung. In normalen Zeiten gilt Print als langsam, teuer, alt. In der Krise kann gerade diese Materialität zum Vorteil werden. Ein gedruckter Hinweis braucht kein Netz. Ein Aushang stürzt nicht ab. Ein Handzettel hat keinen Akku. Eine gedruckte Lageinformation kann weitergegeben, aufgehängt, kopiert, verteilt und gelesen werden, wenn digitale Kanäle nicht mehr verlässlich sind.
Diese Einsicht ist nicht nostalgisch. Sie ist praktisch. Ahrend spricht nicht von einer Rückkehr des Faxgeräts. Er spricht von physischen Informationen, die im entscheidenden Fall verfügbar sein müssen. Niemand will Verwaltung wieder auf Papier zurückdrehen. Doch ein Staat, der keine analoge Rückfallebene mehr besitzt, hat seine eigene Verwundbarkeit erhöht.
Papier kann zur letzten Verbindung werden
Gerade im Bevölkerungsschutz zählt nicht nur, dass eine Information irgendwo existiert. Sie muss ankommen. Bei Bürgern ohne Strom. Bei älteren Menschen ohne Smartphone. In Ortsteilen ohne Mobilfunk. In Krankenhäusern mit überlasteten Systemen. In Notunterkünften. An Sammelpunkten. In Schulen, Rathäusern, Feuerwehrhäusern, Bahnhöfen, Apotheken, Supermärkten. Dort entscheidet sich, ob aus einer Lageinformation richtiges Verhalten wird.
Der Satz „digital first“ reicht für die Sicherheitsarchitektur nicht aus. Im Krisenfall braucht es: digital, solange es geht; analog, wenn es muss. Das klingt weniger modern. Es ist belastbarer.
Damit bekommt Print eine neue sicherheitspolitische Bedeutung. Nicht als Medium der Werbung. Nicht als Beilage für Imagepflege. Print wird relevant als Teil kritischer Kommunikation: Lagehinweise, Verhaltensanweisungen, Karten, Evakuierungsinformationen, Kontaktstellen, medizinische Hinweise, Versorgungsorte, Warnungen vor Falschmeldungen, einfache Checklisten für Haushalte und Betriebe.
In dieser Perspektive ist Bertelsmanns Druckfähigkeit kein Nebenaspekt des Interviews. Sie zeigt, dass private Unternehmen im Sicherheitsökosystem nicht nur digitale Dienste, Cloud-Infrastruktur oder Datenkompetenz einbringen können. Auch industrielle Druckkapazität, Logistik, Redaktion, Verteilung und Medienkompetenz können im Ereignisfall sicherheitsrelevant werden.
Das Kurbelradio war eine Warnung
Ahrend erinnert an Erfahrungen aus dem Ahrtal: Durchsagen per Megafon, Radio, einfache analoge Wege. Das Kurbelradio, über das viele zuvor gelächelt hatten, erwies sich als Bestandteil des Zivilschutzes.
Das ist mehr als eine Anekdote. Es zeigt, wie schnell moderne Gesellschaften ihre eigenen Voraussetzungen vergessen. Strom wird als selbstverständlich angenommen. Mobilfunk auch. Internet ebenso. Digitale Verwaltung, Warn-Apps, soziale Medien, Online-Karten, Messenger-Gruppen und elektronische Zahlungssysteme bilden den Alltag. Doch genau diese Normalität kann in der Krise brüchig werden.
Resilienz beginnt deshalb nicht erst bei der neuesten Plattform. Sie beginnt bei der Frage, welche Botschaft die Menschen erreicht, wenn Plattformen nicht erreichbar sind. Wo erfahren Bürger, ob Wasser trinkbar ist? Wo liegt die nächste Anlaufstelle? Welche Straße ist gesperrt? Welche Klinik nimmt Patienten auf? Wo gibt es Medikamente? Welche Meldung ist echt? Wer spricht mit Autorität, wenn Desinformation zugleich läuft?
In dieser Perspektive ist analoge Kommunikation kein Rückschritt. Sie ist Schutz gegen den vollständigen Kontrollverlust.
Die Bevölkerung muss mehr wissen als Warnmeldungen
Ahrend beobachtet, dass zivile Vorsorge und Handlungsfähigkeit in der Kommunikation wieder häufiger vorkommen. Auch über Vorsorge an Schulen werde erneut gesprochen. Diese Themen seien früher schon einmal präsenter gewesen und kehrten nun zurück. Es brauche einen Wandel im Denken: Es gebe mehr als „Brot und Spiele“.
Dieser Satz führt mitten in die Bevölkerungslücke der Untersuchung. Eine Gesellschaft kann nicht resilient sein, wenn ihre Bürger nur als Empfänger staatlicher Warnungen vorkommen. Sie müssen wissen, wie sie sich verhalten, wie sie Nachbarn helfen, wie sie Informationen prüfen, wie sie einige Tage überbrücken, wie sie lokale Strukturen entlasten. Vorbereitung ist keine Militarisierung des Alltags. Sie ist demokratische Selbstbehauptung im Störfall.
Gerade Deutschland tut sich damit schwer. Zu schnell klingt Vorsorge nach Alarmismus. Zu schnell wird über Zumutungen gestritten. Zu selten wird erklärt, dass Vorbereitung nicht Panik bedeutet, vielmehr Freiheit im Ausnahmezustand. Wer einige Tage selbst zurechtkommt, bleibt handlungsfähig. Wer handlungsfähig bleibt, entlastet andere. Wer andere entlastet, stärkt das Ganze.
Das Zieljahr 2029 macht Prioritäten unausweichlich
Am Ende richtet Ahrend seine Erwartung an die Untersuchung klar aus. Es geht um Handlungsfelder und Prioritäten. Das Jahr 2029 fällt im Gespräch als Zeitpunkt, zu dem Russland nach Einschätzungen in der Lage sein könnte, einen Angriff zu starten. Ahrend sieht in der Untersuchung einen Beitrag dazu, Schwerpunkte zu setzen, damit Deutschland bis dahin besser vorbereitet ist.
Das ist der entscheidende Wert solcher Gespräche. Sie verschieben den Blick von der allgemeinen Sorge zur konkreten Reihenfolge. Was muss zuerst geschehen? Welche Schnittstellen sind kritisch? Welche Informationswege brauchen Rückfallebenen? Welche zivil-militärischen Abläufe müssen geübt werden? Welche Rolle spielen private Dienstleister, Betreiber, Druckkapazitäten, Rechenzentren, Kommunikationskanäle und physische Verteilwege? Welche Aufgaben gehören in die Fläche, bevor der Ernstfall sie erzwingt?
Ahrends Beitrag zeigt: Das Sicherheitsökosystem 2030 darf nicht nur ein digitales Zielbild beschreiben. Es muss den Ausfall mitdenken. Die robuste Gesellschaft braucht beides: sichere digitale Systeme und analoge Sicherungen. Cloud und Papier. Lagebild und Megafon. Datenraum und Aushang. Hochverfügbarkeit und Handzettel. Das klingt zunächst widersprüchlich. In Wahrheit ist es der Kern von Resilienz.
Das digitale Rückgrat braucht analoge Rippen
Das Interview mit Norbert Ahrend bringt eine Dimension in die Untersuchung, die für die deutsche Sicherheitsarchitektur entscheidend wird: Information ist Versorgung. Wer Menschen, Behörden, Einsatzkräfte, Unternehmen und militärische Stellen nicht erreichen kann, verliert Ordnung. Wer nur auf digitale Kanäle setzt, baut Verletzlichkeit ein. Wer analoge Wege belächelt, hat aus Ahrtal, Ukraine und hybriden Angriffen zu wenig gelernt.
Deutschland wird seine Verteidigungsfähigkeit nicht allein an Brigaden, Drohnen, Cloud-Plattformen oder Beschaffungsprogrammen messen können. Es wird sie auch daran messen müssen, ob im Ernstfall noch jemand weiß, was gilt. Ob eine Kommune Bürger erreicht. Ob ein Krankenhaus Anweisungen bekommt. Ob ein Transportweg umgeleitet wird. Ob ein Betreiber kritischer Infrastruktur mit den richtigen Stellen verbunden ist. Ob aus Daten Entscheidung wird und aus Entscheidung verständliche Information.
Ahrends Hinweis auf Arvato Systems und den Bertelsmann-Konzern wirkt deshalb weniger wie Unternehmenspositionierung als wie ein praktischer Realitätscheck. Resilienz entsteht nicht aus Eleganz. Sie entsteht aus Redundanz, vorbereiteten Wegen, getesteten Abläufen und der Bereitschaft, auch das scheinbar Alte wieder ernst zu nehmen, wenn es im entscheidenden Moment das Einzige ist, was noch funktioniert.
Cloud, Datenräume, Lagebilder und sichere Plattformen sind notwendig. Sie reichen nicht. Ein belastbares Sicherheitsökosystem muss den Ausfall seiner bevorzugten Werkzeuge einplanen. Das ist keine Absage an Digitalisierung. Es ist reife Digitalisierung. Ein System ist erst dann ernst zu nehmen, wenn es seine Störung mitdenkt. Redundanz wirkt im Alltag überflüssig. Im Ernstfall entscheidet sie darüber, ob Führung noch sprechen kann oder sprachlos wird.
































