Manche Länder führen Kulturkämpfe um Öl, Grenzen und Atomprogramme. Deutschland macht es effizienter: Wir nehmen gleich das Atomprogramm im Dokument – und kämpfen um Doppelpunkte.
Schauplatz: eine Bundesbehörde, ein Strahlenschutzpapier, eine Mitarbeiterin, die den Text nach „Rechts- und Verwaltungssprache“ geschrieben hatte. Dann kommt der Wunsch aus der Hierarchie: einmal bitte „konsequent“ gendern. Schriftliche Vorgaben? Fehlanzeige. Aber das macht nichts – im Neusprech gilt: Was nicht geregelt ist, ist umso verpflichtender.
Die Gerichtsverhandlung: Bitte erheben Sie sich, das Gericht tagt in Paarform
„Haben Sie das Dokument gegendert?“, fragt die eine Seite. „Haben Sie eine Richtlinie?“, fragt die andere. „Haben Sie denn Haltung?“, fragt der Zeitgeist als Sachverständiger.
Und irgendwo im Zuschauerraum sitzt die Sprachpolizei in Zivil und notiert: „Zeugin benutzt generisches Maskulinum. Verdacht auf Verbrechdenk.“
Strahlenschutz als Schlachtfeld: Wenn Grammatik wichtiger wird als Geigerzähler
Strahlenschutz soll verhindern, dass jemand Strahlung abbekommt. In der neuen Version geht es vor allem darum, dass niemand sprachlich „verstrahlt“.
Aus „Der Mitarbeiter trägt Dosimeter“ wird dann zum Beispiel:
„Die dosimetrischen Personenden tragen Strahlenmessgeräte, die sich selbst als Messgerät fühlend identifizieren“ (konsequent)
„Die Strahlenschutzbeauftragtenbeauftragte:n überwachen die Expositionsvorgänge in Expositionsteilnehmenden“ (behördlich korrekt, inhaltlich tot)
Die Abmahnung als literarische Gattung: Kafka, aber inklusiver
Früher war eine Abmahnung ein nüchternes Schreiben. Heute ist sie ein pädagogischer Erlebnisraum mit Moral-Upgrade.
Abmahnung 1: „Sie schrieben ‚Bürger‘. Bitte verwenden Sie ‚Bürger:innen‘. Wiederholung führt zu Maßnahmen.“
Abmahnung 2: „Sie verwendeten ‚Bürger:innen‘, aber ohne Sprechpause. Das ist ableistisch gegenüber Publikum, das im Kopf mitliest.“
Abmahnung 3 (Pilotprojekt): „Sie verwendeten ‚Bürger:innen‘, allerdings ist der Doppelpunkt kolonial belastet. Bitte Sternchen.“
Abmahnung 3a (Feinschliff): „Sternchen nur nach Antrag G-17/3a. Ohne Antrag wirkt das Sternchen wie Selbstermächtigung.“
Am Ende ist die Abmahnung nicht mehr Warnung, sondern Weltanschauungs-Newsletter.
Kündigung wegen Gender-Weigerung: Die außerordentliche Entlassung als Satzzeichen-Folge
In der klassischen Arbeitswelt wird man gekündigt, weil man Geld klaut, Leute bedroht oder den Kopierer anzündet.
In der modernen Sprachverwaltung gilt: Man kann auch kündigen, weil jemand nicht bereit ist, ein Dokument zu einem literarischen Escape Room aus Sonderzeichen umzubauen.
„Außerordentliche Kündigung“ klingt dabei herrlich nach einem moralischen Naturgesetz: Wer nicht gendert, verlässt nicht nur den Arbeitsplatz – sondern auch das Gute.
Die Pointe ist: Die Kündigung wird mit „Verständigung“ begründet, während die Verständigung im Text in etwa so endet:
„Die Strahlenschutzverantwortlichen (m/w/d/∅) sind verpflichtet, bei Abweichungen von der Grenzwert*innenlage unverzüglich die Vorgesetzt:innen in Kenntnis zu setzen, sofern diese sich als Kenntnissetzende verstehen.“
So sieht Frieden aus. Im Wörterbuch. Nicht im Flur.
Die Sprachpolizei: Einsatzbericht aus der Abteilung „Wortwohl“
Die Sprachpolizei kommt natürlich nicht mit Blaulicht. Sie kommt mit E-Mail-Betreff:
„Reminder: Sprachsensibilität – dringlich“
Dazu eine Checkliste:
„Kollegen“ gestrichen?
„Mitarbeiter“ entsorgt?
„Fahrer“ neutralisiert? („fahrende Person“)
„Chef“ umgebaut? („Leitungskraft“)
„Damen und Herren“ verboten? (zu binär; bitte „Liebe Anwesende“)
„Liebe Anwesende“ verboten? (zu ausgrenzend für Abwesende; bitte „Liebe Teilhabenden“)
Wer bei dieser Aufzählung noch atmet, hat vermutlich heimlich „man“ gesagt und ist damit ohnehin überführt.
Orwell im Büro: Neusprech, Gedankenverbrechen und das Ministerium für Satzzeichen
Orwell nannte das „Neusprech“: Sprache so umbauen, dass bestimmte Gedanken schwerer werden.
Die Behördenversion ist praktischer: Sprache so umbauen, dass bestimmte Gedanken abmahnfähig werden.
„Gedankenverbrechen“ heißt dann „Sprachverstoß“. „Umerziehung“ heißt „Sensibilisierung“. „Zwang“ heißt „moralische Verpflichtung“. Und „fehlende Richtlinie“ heißt „gelebte Verwaltungskultur“.
Das Geniale daran: Es braucht keine Gesetze, wenn man Prozessfolgen hat. Wer nicht mitmacht, kriegt erst Mails, dann Gespräche, dann Abmahnungen, dann… ein Schreiben, das so neutral formuliert ist, dass es bereits als Kunstinstallation durchgeht.
Der wahre Strahlenschutz ist der Schutz vor dem falschen Wort
Am Ende steht nicht nur die Frage, ob Behörden Gendern vorschreiben dürfen. Sondern auch, ob man in einem Land, das „Verständlichkeit“ als Verwaltungsideal erfunden hat, ernsthaft glaubt, Verständlichkeit entstehe durch mehr Zeichen, mehr Regeln und mehr Sanktionen.
Vielleicht ist die ehrlichste Form der inklusiven Sprache am Ende diese:
„Bitte schreiben Sie so, dass Menschen es verstehen – und lassen Sie die Kündigung aus dem Satz.“
Aber Vorsicht: Wer „Menschen“ sagt, ohne „Menschen jeglicher Geschlechtlichkeit“, könnte schon wieder… na du weißt schon. Die Sprachpolizei liest mit.
Der Jahresauftakt am Arbeitsmarkt fällt ernüchternd aus: Mit 3,085 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von 6,6 Prozent hat die Bundesagentur für Arbeit im Januar wieder die Marke von drei Millionen überschritten. Andrea Nahles ordnet das als „ungute, aber keine dramatische Entwicklung“ ein – und verweist auf saisonale Effekte. Diese Einordnung ist wichtig, aber sie greift zu kurz: Denn parallel sinkt die gemeldete Arbeitskräftenachfrage (598.000 offene Stellen, 34.000 weniger als vor einem Jahr), während Engpässe in einzelnen Bereichen fortbestehen. Das ist kein konjunktureller „Ausreißer“, sondern ein Symptom dafür, dass der Arbeitsmarkt seit Jahren in einer Mischung aus Stagnation, Transformation und Passungsproblemen verharrt.
Das Paradox ist keines: Mismatch wird zur neuen Normalität
Dass Arbeitslosigkeit steigt, Stellen abgebaut werden und gleichzeitig Fachkräfte fehlen, wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. In der Logik moderner Arbeitsmärkte ist es ein klassischer Mismatch: Regionen, Qualifikationen, Mobilität und verfügbare Arbeitszeitmodelle passen nicht mehr sauber zusammen. Wenn mehr als 60 Prozent der Arbeitslosen Vermittlungshemmnisse haben, wird der Engpass nicht über „mehr Stellen“ allein gelöst, sondern über bessere Übergänge – in Tätigkeiten, Branchen und Lebensphasen.
Das Problem ist nicht nur „zu wenig Arbeit“, sondern „zu wenig anschlussfähige Arbeit“ – und zu wenig Unterstützung, um Anschlussfähigkeit herzustellen: Qualifizierung, Mobilität, bezahlbarer Wohnraum, Anerkennung von Kompetenzen, Gesundheitsprävention und ein funktionierendes Matching zwischen Bewerbenden und konkreten Tätigkeitsprofilen.
Dazu kommt eine strukturelle Klammer, die alle Debatten verschärft: der demografische Wandel. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) erwartet, dass das Erwerbspersonenpotenzial erstmals schrumpft – und Enzo Weber beschreibt 2026 als erstes Jahr, in dem die Zahl der Arbeitskräfte tatsächlich sinkt. Damit kippt die Lage: Selbst bei schwacher Konjunktur entsteht ein dauerhafter Druck auf Betriebe, Produktivität und soziale Sicherung.
Warum Stellenanzeigen zur Frühdiagnostik taugen
In dieser Gemengelage gewinnt ein Blick auf hochfrequente Arbeitsmarktdaten an Bedeutung. Klassische Kennziffern (Arbeitslosigkeit, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung) sind unverzichtbar, reagieren aber oft zeitverzögert. Daten aus Online-Stellenanzeigen hingegen bilden Erwartungen von Unternehmen ab – also die „Planungsrealität“ der Personalnachfrage. Genau hier wird der Indeed-Report zum Frühindikator: Er misst, wie sich Ausschreibungen entwickeln, in welchen Berufsgruppen sich Nachfrage stabilisiert oder weiter erodiert – und welche Kompetenzprofile neu entstehen. pdf Indeed Report
Der Report beschreibt für Deutschland eine moderate Stabilisierung nach langem Rückgang: Der Indeed-Arbeitsmarktindex zeigt in der zweiten Jahreshälfte 2025 eine erste Beruhigung; Ende November lag das Stellenangebot 16 Prozent über dem Referenzwert von Februar 2020, ein Boom wie 2021/22 wird aber ausdrücklich nicht erwartet (Trend 1). Gleichzeitig wird die Polarisierung als strukturelles Muster herausgearbeitet (Trend 2): Zuwächse konzentrieren sich auf robuste Bereiche wie Bau, Gesundheit, Pflege und soziale Dienstleistungen; Industrie- und viele Bürojobs bleiben unter Druck. Besonders instruktiv: Das Segement Produktion & Fertigung liegt Ende November 2025 deutlich unter Jahresbeginn, ebenso mehrere White-Collar-Segmente (u. a. Softwareentwicklung, Kundenservice, Büro/Verwaltung).
Als Frühindikator ist das doppelt relevant:
Konjunkturelle Signale: Stabilisierung ohne Dynamik deutet eher auf eine Erholung „mit angezogener Handbremse“ hin als auf einen Umschwung.
Strukturelle Signale: Nachfrage verschiebt sich nicht gleichmäßig, sondern entlang von Investitionsprogrammen, demografischen Bedarfen und technologischem Wandel.
Transformation trifft White Collar: KI als Kompetenz-, nicht als Stellenschub
Besonders aufschlussreich ist Trend 3: Die KI-Transformation gewinnt an Fahrt. Der KI-Anteil in Stellenanzeigen steigt 2025 deutlich (Indeed KI Tracker bis November 3,5 Prozent) und entkoppelt sich in vielen White-Collar-Berufen vom Gesamtmarkt. Das ist arbeitsmarktpolitisch brisant: Während das Gesamtvolumen in einigen Bürosegmenten sinkt, wächst die Nachfrage nach KI-nahen Skills. Die zentrale Botschaft lautet daher nicht „KI schafft massenhaft neue Jobs“, sondern: KI verschiebt Stellenprofile. Routineanteile werden automatisiert, während Kompetenzen für Steuerung, Qualitätssicherung, Compliance, Prozessdesign und Mensch-KI-Zusammenarbeit wichtiger werden.
Für Politik und Unternehmen folgt daraus ein klarer Handlungsauftrag: Weiterbildung muss schneller, modularer und arbeitsplatznäher werden – und sie muss die „mittleren Qualifikationssegmente“ priorisieren, die besonders von Profilverschiebungen betroffen sind (Sachbearbeitung, Koordination, einfache Analytik). Sonst entsteht eine stille Verdrängung: nicht über Entlassungswellen, sondern über ausbleibende Neueinstellungen und nicht mehr passende Profile.
Arbeitszeitdebatte: Das Problem ist weniger „Wollen“, mehr „Können“
In die ohnehin gespannte Lage platzt die Arbeitszeitdebatte. Der Ruf nach Mehrarbeit wirkt plausibel, wenn Fachkräfte fehlen – wird aber zur Scheinlösung, wenn die Bremsen woanders liegen. Die Argumentation von Andrea Nahles ist hier pragmatisch: Selbst bei hoher Arbeitslosigkeit ist die Antwort nicht automatisch, dass „alle länger arbeiten sollen“, weil Arbeitszeit tariflich, betrieblich und lebensphasenspezifisch eingebettet ist.
Die Datenlogik aus dem Indeed-Report stützt eine wichtige Ergänzung: Wenn Teilzeit in Stellenausschreibungen stark zunimmt, ohne dass das entsprechende Suchinteresse der Jobsuchenden im gleichen Maß steigt, ist Teilzeit nicht primär „Lifestyle“, sondern oft Angebots- und Strukturentscheidung der Arbeitgeber – oder Ergebnis von Rahmenbedingungen (Betreuung, Pflege, Gesundheit). Arbeitsmarktpolitisch ist daher der Hebel nicht Zwang, sondern Ermöglichung:
verlässliche Kinderbetreuung und Pflegeinfrastruktur,
lebensphasenorientierte Arbeitszeitkonten,
Rückkehrpfade aus Teilzeit in Vollzeit,
ergonomische und gesundheitliche Prävention (gerade für Ältere),
Ein Realismuscheck für 2026: Was jetzt „stehen“ muss
Die zentrale Herausforderung 2026 ist nicht ein einzelner Engpass, sondern das Zusammenspiel aus fragiler Konjunktur, demografischem Schrumpfen, Mismatch und Profilwandel durch KI. Daraus ergibt sich ein arbeitsmarktpolitischer Dreiklang:
Matching-Infrastruktur stärken Mehr Übergänge schaffen: Qualifizierung, Mobilität, Wohnraum, Anerkennung, Gesundheitsfähigkeit. Ziel ist, Vermittlungshemmnisse aktiv zu reduzieren – nicht nur Stellen zu zählen.
Transformation als Organisationsprojekt denken KI, Prozessdesign und Kompetenzarchitektur gehören zusammen. Ohne klare Rollen, Datenqualität und Qualifizierungsroutinen bleibt KI entweder ein Pilot oder ein Rationalisierungsinstrument ohne Beschäftigungsperspektive.
Fairness und Produktivität gemeinsam adressieren Entgelttransparenz, Mitbestimmung, Arbeitszeitflexibilität und Umgang mit Krankheit sind keine „HR-Nebenthemen“, sondern Standortfaktoren – weil sie darüber entscheiden, ob Betriebe in knappen Talentmärkten attraktiv bleiben.
Anknüpfungspunkte: Drei Sessions der ZP Nachgefragt Week (24.–27. Februar)
Wer diese Linien nicht nur diagnostizieren, sondern praktisch übersetzen will, findet in drei Sessions der Zukunft Personal Nachgefragt Week genau die richtigen Diskussionsräume:
25.02.2026, 14:00–14:45 – „HR unter Druck 2026: Online-Mitbestimmung, Equal Pay, Arbeitszeit & Krankheit – der Klartext-Check“ mit Prof. Dr. Rupert Felder (Schork Kauffmann Bremenkamp; Think Tank Innovation der ZP): als Reality-Check, was rechtlich und organisatorisch jetzt belastbar aufgesetzt werden muss.
26.02.2026, 12:00–12:45 – „Jobwechsel 2026: Lohnt sich das jetzt?“ mit Dr. Tobias Zimmermann: datenbasierte Einordnung für individuelle Wechselentscheidungen – in einem Markt, der nicht „crasht“, aber auch nicht „auftaut“.
26.02.2026, 14:00–14:45 – „Recruiting neu verdrahten: Struktur, Low-Code und KI – vom Interviewprozess bis zum Chancencheck“ mit Robindro Ullah: der operative Gegenentwurf zum Bauchgefühl – inklusive Prozess- und Datenlogik, die im Mismatch-Arbeitsmarkt zum Wettbewerbsvorteil wird.
2026 entscheidet sich weniger an der Frage, ob der Arbeitsmarkt „wieder anspringt“, sondern ob es gelingt, Reibungsverluste systematisch zu senken: zwischen Qualifikation und Tätigkeit, zwischen Arbeitszeitwunsch und Arbeitszeitangebot, zwischen Technologiepotenzial und Kompetenzrealität. Genau dafür taugen Stellenanzeigen-Daten als Frühwarnsystem – und genau deshalb wird Arbeitsmarktpolitik zur Gestaltungspolitik.
Der Kleingarten wurde im Jahr 1961 nach meiner Geburt gepachtet.
Gunni nicht zu sehen. Aber hierUnd hierKartoffeln Der SchuppenDie liebe Oma Frieda.
Von Jahr zu Jahr wurde es schöner:
Erste Freundin? Kann mich nicht mehr erinnern. Erstes FahrzeugEs wurde sportlicherUnd gemütlicherMitte der 1960 wurde die Veranda gebaut mit Bänken der BVG – U-Bahn – die Baumeister sitzen hinten linksPaps auf der Schaukel
Es war eine sehr schöne Kindheit, wie auf dem Dorf, aber mitten in Berlin.
Der härteste Satz fällt nicht über Geopolitik, nicht über Zinsen, nicht über Klima. Er richtet sich an den Beruf, der all das täglich in Nachrichten übersetzt: „You will be on air. The second we can talk about deliverables.“ Roland Schatz, seit 1988 in Davos, Medienforscher und Unternehmer, formuliert damit keine moralische Predigt, sondern eine Arbeitsanweisung – und im Subtext eine Anklage: Der klassische Journalismus, sagt er, habe sich zu sehr an Ankündigungen gewöhnt. Nicht an Belege.
Der Vorwurf ist brisant, weil er aus dem Inneren eines Ortes kommt, der wie kaum ein anderer von medialer Dramaturgie lebt. Davos ist für Schatz nicht primär ein Parlament der Welt, sondern eine Maschine, die Präsenz in Bedeutung verwandelt. Und genau dort, wo diese Maschine am besten schmiert – auf Panels, in „Houses“, in den inszenierten Korridoren –, dort ist Journalismus am anfälligsten für das, was er eigentlich filtern müsste: das Versprechen ohne Nachweis, die Pose ohne Ergebnis.
Zwei Davos, eine Nachricht
Schatz spricht von zwei Gesichtern: dem Davos der Schlagzeilen und dem Davos der Kleinarbeit. Das erste liefert Bilder, Sätze, Konflikte, die in jedes Format passen – von der Talkshow bis zum Push-Alert. Das zweite besteht aus vorbereiteten Sitzungen, aus Projekten, aus mühseliger Koordination, oft abseits der Kameras. Wer die Woche nur nach dem Lärm beurteilt, hält den Lärm für die Substanz.
Das Entscheidende ist: Diese Trennung ist nicht zufällig, sondern systemisch. Der sichtbare Teil ist das Marketing des unsichtbaren Teils. Doch weil Marketing leichter zu berichten ist als Umsetzung, gewinnt die Oberfläche. Schatz’ zugespitztes Urteil über diese Verschiebung – er spricht von einer „Degenerierung unseres Berufsstands“ – trifft einen Nerv, weil es eine bequeme Wahrheit benennt: Auch Redaktionen operieren in einer Ökonomie knapper Aufmerksamkeit. Geschwindigkeit belohnt, Skepsis kostet.
Die Ankündigungsökonomie der Aufmerksamkeit
Davos ist ein Markt, in dem Präsenz ein knappes Gut ist. Wer dort „stattfindet“, kauft sich nicht nur Raum, sondern auch Wahrscheinlichkeit: die Chance, im Bild zu sein, zitiert zu werden, als relevant zu gelten. Damit wird Berichterstattung selbst Teil der Wertschöpfungskette. Je mehr Kamera, desto mehr Bedeutung; je mehr Bedeutung, desto leichter lässt sich die nächste Präsenz rechtfertigen.
Schatz macht aus dieser Mechanik einen journalistischen Prüfstein. Gerade bei Figuren wie Donald Trump, sagt er, versage das System besonders verlässlich: Empörung ersetzt Einordnung, Dauerbeobachtung ersetzt Konsequenz. Sein Gegenmittel ist fast banal und gerade deshalb radikal: weniger Mikrofon für Absichtserklärungen, mehr Öffentlichkeit erst dann, wenn nachprüfbar geliefert wird. Ein halbes Jahr später, ein Jahr später – nicht als Nachsatz, sondern als Bedingung der ersten Meldung.
Das ist unbequem, weil es das übliche Verhältnis umkehrt. Nicht der Politikbetrieb setzt den Takt, sondern die Redaktion. Nicht die Ankündigung ist der Anlass, sondern die Lieferung. In einer Medienwelt, die von „first“ lebt, wäre das eine Kulturrevolution – und zugleich die Rückkehr zu einem alten Kern: Relevanz als Funktion von Wahrheit und Wirkung, nicht von Lautstärke.
Wenn Daten stören
Die exklusivste Passage in Schatz’ Davos-Erzählung ist nicht die Kritik, sondern die Erinnerung daran, wie empfindlich Institutionen reagieren können, wenn Empirie nicht in die Erzählung passt. Er berichtet von einer Phase nach 9/11, in der sein Team für das Forum einen Dialog-Report vorbereitet habe. Die USA hätten in dieser Auswertung schlecht abgeschnitten, und Klaus Schwab habe eine Präsentation zunächst verhindert. Später, so Schatz, sei ein langfristig angelegter Vertrag vorzeitig beendet worden – mit der Begründung, Terrorismus sei „kein Problem mehr“. Er verortet das im Jahr 2009.
Man muss diese Episode nicht als Beweis für irgendetwas Größeres lesen, um ihren Wert zu erkennen: Sie zeigt, wie schnell ein Ort, der sich als Plattform für Weltprobleme versteht, in Plattformlogik kippen kann. Plattformen leben von Anschlussfähigkeit. Daten, die stören, senken Anschlussfähigkeit. Wer das ernst nimmt, versteht Davos nicht als Verschwörungsraum, sondern als Reputationsindustrie – und begreift, warum mediale Oberfläche und institutionelles Eigeninteresse so leicht zusammenfinden.
Der Teil von Davos, den man kaum sieht
Schatz’ stärkstes Argument gegen pauschalen Zynismus liegt ausgerechnet dort, wo die Kameras selten sind: bei Projekten, die sich nicht in eine Rede pressen lassen. Er erzählt von einer Kobalt-Mine in der Demokratische Republik Kongo, in der zuvor Tausende Kinder gearbeitet hätten und die nun „kinderfrei“ sei: Schule für die Kinder, alternative Einkommen für die Familien, der Anspruch, daraus einen Standard abzuleiten. Ob und wie dauerhaft solche Veränderungen sind, ist genau die Frage, die Journalismus stellen müsste – aber sie stellt sich nicht in drei Zitaten nach einer Paneldiskussion.
Ähnlich ist es mit einem Modell, das Schatz als Beispiel für praktische Davos-Logik anführt: Wohneigentum, so seine Beobachtung, scheitere weltweit nicht am Willen, sondern an der Finanzierung. In Davos sei eine Lösung präsentiert worden, bei der Häuser nicht klassisch über Kredite, sondern über die Stromrechnung abbezahlt würden – mit Photovoltaik als Ertragsquelle, gekoppelt an lokale Versorger, als Referenzfolie nennt er RWE. Das ist weniger eine utopische Idee als eine Verschiebung von Sicherheiten: weg von der individuellen Bonität, hin zu kalkulierbaren Zahlungsströmen aus Energie. Auch hier gilt: Es ist umsetzungsnah, aber nicht telegen.
Und selbst dort, wo große Symbole helfen könnten, bleibt die Realität sperrig. Schatz verweist auf Initiativen gegen kindliche Fettleibigkeit, die über Sport und Alltagsaktivität skalieren wollen – mit Blick auf große Ereignisse wie künftige Spiele in Los Angeles. Das ist nicht spektakulär, aber genau das macht es journalistisch interessant: Wirkung entsteht nicht aus Pathos, sondern aus Wiederholung, Infrastruktur, Finanzierung. Aus Dingen, die selten „brechen“.
Warum der klassische Journalismus sich selbst im Weg steht
Schatz’ Kritik trifft am Ende weniger einzelne Redaktionen als ein Geschäftsmodell. Wenn Aufmerksamkeit die Hauptwährung ist, wird das, was am schnellsten Aufmerksamkeit erzeugt, zur Nachricht – unabhängig davon, ob es belastbar ist. Davos wirkt wie ein Katalysator dieser Logik, weil es in kurzer Zeit eine extreme Verdichtung von Macht, Geld, Symbolik und Konkurrenz bietet. Für Medien ist das ein Geschenk. Für Wahrheit ist es ein Risiko.
Das Problem ist nicht, dass über Davos berichtet wird. Das Problem ist, wie über Davos berichtet wird: als permanenter Höhepunkt, als Serie von Ankündigungen, als moralisches Theater. Dadurch wird Journalismus ungewollt zum Verstärker jener Mechanismen, die er später beklagt. Er liefert Reichweite, die er gleichzeitig kritisiert. Und er übersieht, was er eigentlich beweisen könnte: ob aus Versprechen Ergebnisse werden.
Schatz’ Forderung nach „Deliverables“ ist deshalb mehr als Medienkritik. Sie ist eine Aufforderung, den Takt zurückzuerobern – und damit die Hoheit über die eigene Profession. Wer den Mut hat, den ersten Satz später zu setzen, gewinnt die Chance auf den besseren zweiten. Und vielleicht ist das, jenseits aller Davos-Mythen, die eigentliche Nachricht: Nicht Davos braucht den Journalismus. Der Journalismus braucht Distanz zu Davos – um die Welt dort zu messen, wo sie sich verändert, nicht dort, wo sie sich inszeniert.
Schlüsselloch-Exkurs: Klaus Schwab durch die Brille von Roland Schatz
Über Klaus Schwab spricht Roland Schatz nicht in der Pose des Anklägers, sondern im Ton des langjährigen Beobachters – und genau darin liegt die Schärfe. Schwab erscheine ihm als ein Mann der Anschlussfähigkeit: jemand, der Stimmungen schnell aufnimmt und Positionen im Gespräch spürbar mitwandern lässt. Schatz beschreibt das als eine Art „Fähnchen“-Prinzip – weniger als Charakterurteil denn als Mechanik, die in Davos funktional wird, weil sie Brücken baut, Konflikte entschärft und Sponsoren wie Staatsgäste gleichermaßen bei der Stange hält.
Zu dieser Davoser Funktionslogik gehören für Schatz auch kleine Szenen, die mehr erzählen als große Reden. Er schildert etwa Momente, in denen Schwab auf der Bühne unterbrochen worden sei – nicht als Skandal, sondern als sichtbarer Hinweis darauf, wie sehr Protokoll, Hierarchie und symbolische Deutungshoheit in Davos miteinander verwoben sind: Wer den Ablauf bestimmt, bestimmt den Moment; wer den Moment bestimmt, prägt die Erzählung. Und wenn Schatz an die frühen Jahre des Forums erinnert, tut er das ebenfalls ausdrücklich als Perspektive: Schwab habe das Projekt, so seine Darstellung, durch Phasen finanzieller Verwundbarkeit manövriert, auch mit Rückhalt aus der Wirtschaft – ein Ursprung, der für Schatz bis heute erklärt, warum beim World Economic Forum idealistische Weltverbesserungsrhetorik und sehr handfeste Interessen selten sauber zu trennen sind.
Oliver Coste reist, als hätte er eine Deadline mit der Geschichte. Nicht die übliche Konferenzrunde, nicht das gepflegte Panel mit Namensschild, sondern Termin an Termin in den Funktionsgebäuden der Republik: Wissenschaftler, Denkfabriken, Ministerialbeamte, Journalisten. Wer ihn trifft, beschreibt weniger einen Lobbyisten als einen Überzeugungstäter. Coste hat eine Mission – und sie ist so schlicht, dass sie in einer überkomplexen Lage fast wie Erlösung wirkt: Europa brauche nur eine kleine Gesetzesänderung, dann komme der Kontinent wieder in Gang.
Seine These klingt nach Betriebswirtschaft, die sich in nationale Konten übersetzt: Das Scheitern sei in Europa zu teuer, weil Restrukturierungen zu lange dauern und Trennungen zu kostspielig sind. Also investierten Unternehmen vorsichtiger, probierten weniger aus, hielten länger an Pfaden fest, die nicht tragen. Wer dagegen, so Coste, den Kündigungsschutz für die oberen Einkommensgruppen lockere – in der Debatte ist von den Top zehn Prozent die Rede, von etwa 100.000 Euro – senke die „Kosten des Scheiterns“. Dann werde schneller umgesteuert. Und aus schnellerem Umsteuern entstünden Innovation, Investitionen, Wohlstand.
Es ist die perfekte Erzählung für Politik und Medien: ein Hebel, eine Zielgruppe, eine Renditebehauptung. Der Reiz liegt nicht nur in der Einfachheit, sondern im impliziten Moralangebot: Wir tun nicht „irgendwas“, wir tun etwas für Innovation. Und wir tun es nicht „gegen alle“, sondern nur gegen jene, die man als robust genug ansehen kann, den Schutz zu verlieren. So wirkt Reform nicht wie Zumutung, sondern wie Modernisierung.
Nur ist der Kernfehler der Erzählung nicht moralischer Natur, sondern methodischer. Coste erklärt ein Entwicklungsproblem mit einer Durchschnittsvariable – und verfehlt damit das, was Entwicklung überhaupt ausmacht.
Costes blinder Fleck: die Sehnsucht nach dem Durchschnitt
Wer sagt „Top zehn Prozent“, sagt bereits: Durchschnitt. Die Kategorie ist kommunikativ praktisch, ökonomisch aber unerquicklich. Denn sie tut so, als ließe sich Innovationsrelevanz an einer Einkommensschwelle ablesen. Sie unterstellt, dass die entscheidenden Träger des Neuen dort sitzen, wo die Gehaltszettel am höchsten sind. In der Wirklichkeit ist das Segment heterogen: hochinnovative Spezialisten, ja; aber auch Stabilitätsfunktionen, Risiko- und Haftungsverantwortliche, Vertriebsschlüsselrollen, Compliance, Betrieb, kritische Infrastruktur. In vielen Branchen sind gerade die gut bezahlten Rollen nicht die, die Neues hervorbringen, sondern die, die das Bestehende unter Bedingungen hoher Komplexität verlässlich machen.
Das wäre kein Problem, wenn Costes Reform nur ein kleines, technisches Korrektiv wäre. Er verkauft sie aber als Hauptschalter. Und genau hier lohnt sich der Blick auf Joseph Schumpeter – so, wie ihn Jesko Dahlmann in seiner Arbeit nicht als Schlagwortlieferant, sondern als Methodiker rekonstruiert.
Schumpeter setzt auf methodologischen Individualismus: Kollektive Phänomene werden aus dem Handeln Einzelner nachvollziehbar. Vor allem aber warnt er vor der Ökonomenneigung, zu früh zu aggregieren. „Hütet euch vor Durchschnitten“ – dieser Satz ist bei Schumpeter keine Pointe, sondern eine Erkenntnisregel. Wer mittelt, verschleiert Unterschiede. Und wer Unterschiede verschleiert, erklärt am Ende Mechanismen weg.
Costes Argumentation ist genau so eine Durchschnitterzählung: Kosten runter, Innovation rauf. Nur dass Innovation nicht als statistische Reaktion auf einen Kostensatz entsteht, sondern als Ergebnis spezifischer Akteure, spezifischer Organisationen, spezifischer Konstellationen.
Das Schumpetersche Unternehmen: nicht Zweckrationalität, sondern Neues
Das zweite Missverständnis ist anthropologisch. Costes Vorschlag liest den Unternehmer implizit als Homo oeconomicus: als Kalkulierer, der die erwarteten Kosten eines Fehlschlags in seine Investitionsentscheidung einpreist. Wird der Exit günstiger, steigt das Wagnis. Das klingt plausibel, solange man Entwicklung für eine Form von Optimierung hält.
Schumpeter denkt anders. Sein Entrepreneur ist nicht der bessere Rechenknecht, sondern der Störer der Routine. Er realisiert neue Kombinationen – neue Produkte, neue Verfahren, neue Märkte, neue Organisationsformen. Und dieses Handeln folgt nicht primär der Zweckrationalität, sondern einem Motiv, das sich in der traditionellen Modellökonomik nur ungern abbilden lässt: dem Schaffen des Neuen als solchem. Der schumpeterianische Unternehmer „unterläuft“ das reine ökonomische Kalkül, weil er nicht nur reagiert, sondern initiiert, weil er nicht nur Konsequenzen zieht, sondern gestaltet.
Damit verschiebt sich die Frage: Wenn Entwicklung aus dem Durchsetzen des Neuen entsteht – warum sollte man ausgerechnet am juristischen Trennungsakt den Schlüssel suchen? Kündigungsregeln können Umsteuern erleichtern. Sie organisieren aber nicht das Neue. Sie ersetzen weder Durchsetzungskraft noch Kombinationsfähigkeit noch den Mut zur Abweichung innerhalb von Organisationen.
Coste behandelt die Ökonomie wie eine Maschine, die man über Reibungsreduktion schneller macht. Schumpeter behandelt sie wie ein Prozess, der aus Abweichungen entsteht. Das ist kein philosophischer Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen „effizienter werden“ und „anders werden“.
Schöpferische Unternehmer sind sozialer, als die Legende erlaubt
Genau hier wird Dahlmanns empirischer Zugriff zum Stachel gegen Costes Methodenkasten. Dahlmann verweist auf wirtschaftssoziologische Arbeiten (Euteneuer, Niederbacher), die nüchtern festhalten: Für Schumpeters Unternehmerbild gibt es erstaunlich wenige harte Belege; viele Hypothesen über Unternehmer werden theoretisch behauptet, aber empirisch nur dünn abgesichert. Die Konsequenz ist eindeutig schumpeterianisch: weniger Aggregat, mehr Fall. Wer verstehen will, muss hinsehen.
Dahlmann folgt dieser Logik und untersucht neun Persönlichkeiten der zweiten industriellen Revolution entlang der Schumpeter-Kriterien. Und die Ergebnisse passen schlecht zu einem modernen Reflex, der Innovation gern als Härteübung erzählt: Die von Dahlmann analysierten Unternehmer zeichnen sich durch außergewöhnliches soziales Engagement aus. Frühe Versorgungseinrichtungen, Sozialkassen, Arbeitszeitreduktionen, Zusatzvergütungen, betriebliche Fürsorge – keine Randnotizen, sondern wiederkehrende Muster.
Das ist entscheidend, weil es Innovation aus einer anderen Perspektive erklärt: nicht als Produkt maximaler Austauschbarkeit, sondern als Produkt organisationaler Bindung. Wer Neues durchsetzen will, braucht Loyalität, Vertrauen, interne Stabilität – gerade weil der Versuch des Neuen den Betrieb stört. Dahlmanns Zuspitzung bringt es auf den Punkt: Diese Unternehmer waren mehr Schöpfer als Zerstörer; ihre Innovationen ersparten den Unternehmen den aussichtslosen Kampf, immer nur kostengünstiger sein zu müssen. Sie suchten langfristige Wettbewerbsvorteile über bessere Produkte und neue Techniken – nicht über kurzfristige Gewinnexzesse, die man durch Personalpolitik herstellt.
Und damit steht Costes Reformvorschlag in einem paradoxen Licht: Er will Innovationsmut erzeugen, indem er den Schutzrahmen für eine Einkommensgruppe reduziert. Doch wenn empirisch gerade jene Unternehmer, die wirklich Bahnen verschoben, auffällig oft soziale Ordnung aktiv gestalteten – warum sollte Entsicherung der Königsweg sein?
Bedingungen für Innovationskraft
Welche Akteure, welche Organisationsformen, welche Anreizsysteme ermöglichen heute das schöpferische Gestalten? Es ist eine Liste von Bedingungen: schnelle Team- und Projektmobilität ohne biografische Strafzinsen, Weiterbildung im Übergang, Skalierungsmärkte, Beschaffung als erster Kunde, Finanzierungstiefe, Talentzuzug, Wohnraum, und eine Governance in Unternehmen, die experimentieren lässt, ohne dass jede Abweichung karrieregefährlich wird.
Gerade der letzte Punkt ist der unterschätzte: Innovation braucht nicht nur Risiko gegen außen, sondern Widerspruch nach innen. Sie braucht Menschen, die im System unbequem sein dürfen. Wer Austauschbarkeit politisch signalisiert, kann genau das Gegenteil erzeugen: weniger offenes Nein, mehr Absicherung, mehr Anpassung. Dann wird die Organisation nicht mutiger, sondern vorsichtiger – nur mit anderem Vokabular.
Coste hat ein Problem identifiziert – aber den falschen Hauptschalter
Man kann Coste zugestehen, dass er einen realen Schmerzpunkt adressiert: das langsame Umsteuern in großen europäischen Organisationen. Nur ist die daraus abgeleitete Monokausalität das eigentliche Risiko: Als könne man Entwicklung mit einem Paragraphen regieren. Als könne man aus einer Trennungserleichterung eine Schöpfungswahrscheinlichkeit machen.
Schumpeter – in der Dahlmann-Lesart – würde wohl erwidern: Wer aus Durchschnitten erklärt, verpasst die Mechanik. Wer Entwicklung will, muss die Bedingungen des Neuen organisieren. Das Neue entsteht nicht aus der Optimierung des Alten, sondern aus Akteuren, die Abweichung durchsetzen – und aus Organisationen, die diese Abweichung tragen.
Coste wird weiter durch Europas Flure gehen. Vielleicht wird sein Vorschlag irgendwann Gesetz. Aber selbst wenn: Ein Gesetz kann Trennung erleichtern. Es kann nicht erzwingen, dass jemand das Neue will. Und ohne dieses Wollen bleibt jede Reform das, was sie oft ist: ein sauberer Eingriff an der falschen Stelle.
Thema für die Zukunft Personal Nachgefragt Week vom 24. bis 27. Februar 2026
Wer nach Costes „ein Gesetz, ein Aufschwung“-Versprechen ein leichtes Unbehagen verspürt, sollte es sich merken: Diese Lust an der Monokausalität ist kein Ausrutscher, sie ist ein Muster – ungefähr so ausgeprägt wie in der jüngsten Arbeitsmoral-Debatte um Friedrich Merz, in der aus Krankenstand und Tele-AU gern ein einzelner Hebel gemacht wird. Genau deshalb passt der nächste Schritt besser in ein Forum als in die nächste Talkshow: Bei der Zukunft Personal Nachgefragt Week könnten wir das unmittelbar vertiefen – am Freitag, 27.02.2026, 10:00–10:45 Uhr, in der Session von Guido Zander („Zu oft krank, zu wenig Arbeit?“). Denn dort geht es – wie bei Coste – um die entscheidende Frage, die einfache Antworten meiden: Gesundheit, Verantwortung, Umsetzung – also darum, wie aus Insights Wirkung wird, ohne dass man komplexe Ursachen zu einem bequemen Sündenbock zusammenschmilzt.
Der „Wöhe“ ist kein Buch, er ist ein Betrieb. Ein Lehrbuch, mit dem Generationen „rumgequält“ wurden: enzyklopädisch, zum Auswendiglernen gebaut, „gedrucktes Wikipedia-Wasser“. Die Wirtschaft als Gliederung, Problem als Kapitel, Lösung als Schema.
Der Wirtschaftspublizist Axel Gloger hat diese Logik nicht mit Spott erledigt, sondern ausgeleuchtet. Ihn störte weniger die einzelne Binsenweisheit als die Wirkung im Kopf: Scheinsicherheit, Planungsillusion, das beruhigende Gefühl, man habe „alles im Griff“, weil alles in Unterpunkten steht. Genau so entsteht die Bulletpoint-Ästhetik der Chefetagen: Nicht erst im Meeting – schon im Hörsaal.
Die Bullet-Point-Plantage
In seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere“ skizzierte er dafür das Bild, das sitzt: eine „nicht enden wollende Bullet-Point-Plantage“. In Lehre und Praxis dominieren „Aufzählungs-Friedhöfe“. Erst Businessplan, dann Best-Practice-Folien, dann Performance messen – fertig ist das Tunnel-Denken. Je stärker das Kästchendenken regiert, desto geistloser läuft der Laden. Aus dem Sperrgut der Leerformeln wachsen Kontroll-Biotope: Misstrauen, Rechtfertigungsmeetings, geschönte Erfolgsmeldungen.
Das ist die Tautologie im Anzug: Aussagen, die immer „passen“, weil sie nichts riskieren. Scheitert etwas, war es die Umsetzung. Oder die Kultur. Oder der Kontext. Nie das Modell.
Die andere deutsche Wirtschaft
Glogers stärkster Zug: Er ließ es nicht beim Hörsaal. Er stellte die Lehrbuchwelt gegen die Wirklichkeit draußen. Deutschland hängt wirtschaftlich nicht an Konzernkapiteln, sondern an Firmen, die kaum jemand kennt und die trotzdem Weltspitzen bauen: spezialisierte Mittelständler, Familienunternehmen, „Hidden Champions“. Viele denken in Generationen statt in Quartalen; viele arbeiten nicht am „Shareholder Value“, sondern an Fertigungstiefe, Qualität, Kundennähe – an Dingen, die sich nicht sauber in Standardraster pressen lassen.
In diesem Kosmos wirkt das alte Konzern-Lehrbuch wie ein Stadtplan aus der Zeit, als noch Pferde fuhren. Wer damit navigiert, sieht den Wald vor lauter Tabellen nicht.
Forschung statt Folien: Familienunternehmen als Korrektiv
Die gute Nachricht steckt ausgerechnet in der Wissenschaft – dort, wo die Mainstream-BWL oft nachläuft. Rund um Familienunternehmen und Mittelstand hat sich ein Feld gebildet, das nicht nur über Gewinnformeln spricht, sondern über Eigentum, Verantwortung, Nachfolge, Konflikte, Governance, Zweck. In dem Material fällt der seltene Satz über ein Lehrbuch, das man versteht: verständliche Sprache, neue Erkenntnisse, praktisch anwendbar, ein „großes drängendes Thema“. Und dann die Pointe, die Gloger gefallen hätte: Deutschland ist nicht nur Standort starker Familienunternehmen – sondern auch Standort von Forschung, die international mithalten kann.
Das ist die Gegenwelt zur Wöhe-BWL: weniger Schablone, mehr Wirklichkeit. Weniger Rubriken, mehr Reibung. Weniger „gesichertes Wissen“ als Listenware, mehr Erkenntnisarbeit an echten Problemen.
Vermächtnis
Glogers Nachlass ist keine Methode und kein neues Framework. Es ist ein Maßstab: Misstrauen gegen Sätze, die nicht scheitern können. Abneigung gegen Begriffe, die glänzen und nichts erklären. Respekt vor der Wirklichkeit der Weltmarktführer im Verborgenen – und vor der Forschung, die sich nicht mit Lehrbuchberuhigung zufriedengibt. Axel Gloger ist 2018 gestorben; die Bulletpoints leben leider weiter – nur ohne den, der sie am zuverlässigsten zerstochen hat.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten moderner Organisationen, dass ausgerechnet dort, wo Entscheidungen mit größter Reichweite fallen, die methodische Strenge am schnellsten verdunstet. Management, diese erstaunlich erfolgreiche Praxisform ohne konsolidierten Erkenntniskern, präsentiert sich gern als Gegenmodell zur Theorie: handlungsfähig, pragmatisch, „nah am Geschäft“. Und doch ist es nicht die Theorie, von der man sich befreit, sondern die Zumutung der Kritik. Die bequeme Pointe lautet: Wir wissen, was wirkt – auch wenn wir nicht sagen können, warum. Wo sich dieser Satz etabliert, beginnt die Kultur der bekennenden Unverbindlichkeit.
Denn Unverbindlichkeit ist hier nicht bloß ein Mangel an Sorgfalt, sondern ein Arrangement. Man entwirft Modelle, die in der Sprache der Wissenschaft auftreten, im Modus der Wissenschaft aber nicht einlösbar sind. Man behauptet Steuerbarkeit und erklärt zugleich, warum sich der behauptete Steuerungszusammenhang dem Test entzieht. Das ist nicht naiv, das ist klug – jedenfalls marktwirtschaftlich: Wer nicht überprüfbar ist, kann nicht scheitern; wer nicht scheitern kann, bleibt im Spiel.
Moden als Komplexitätsersatz
Dass dieses Spiel Konjunktur hat, zeigt die bemerkenswert stabile Modeökonomie des Managements. Rupert Hasenzagl registriert eine steigende Zahl solcher Wellen: Konzepte, die für kurze Zeit als Rettungsboote gehandelt werden und kurz darauf durch neue ersetzt werden, ohne dass die versprochene Erlösung je sauber bilanziert würde. Das Muster ist älter als das Vokabular. Alfred Kieser hatte bereits Mitte der neunziger Jahre beschrieben, dass Manager auf wachsende Umweltkomplexität gern mit einfachen Konzepten reagieren – weil einfache Konzepte den Eindruck vermitteln, man habe die Komplexität im Griff, ohne sie tatsächlich bearbeiten zu müssen. Das erklärt, warum die Liste der Programme – Business Process Reengineering, Lean, TQM, ISO-Normen, Six Sigma – so lang ist und so verlässlich weiterwächst: Nicht Erkenntnisfortschritt, sondern Anschlussfähigkeit ist das Selektionskriterium.
Die Ironie: Je unübersichtlicher die Welt, desto größer der Hunger nach Schablonen. Und je größer der Hunger nach Schablonen, desto größer der Markt für diejenigen, die sie liefern. Was als Lernbewegung verkauft wird, ist oft eine Ersatzhandlung: Man ersetzt Unsicherheit durch Terminologie.
Kästchenlogik und Kontrollbiotope
Zur Mode passt die Form: Kästchen, Pfeile, Reifegrade, Matrizen. Ein an Naturwissenschaften angelehntes Maschinenbild wird auf soziale Systeme übertragen, als könne man Organisationen wie Apparate einstellen. Das Ergebnis ist nicht selten eine Bürokratisierung im Gewand der Modernität: Wo Verstehen schwierig ist, wird gemessen; wo Messen schwierig ist, wird kontrolliert; wo Kontrolle nicht greift, wird neu etikettiert.
Axel Gloger hat für dieses Milieu eine Formulierung geprägt, die so grob wie treffend ist: In Lehre und Praxis dominierten „Aufzählungs-Friedhöfe“. Das ist mehr als Spott. Es bezeichnet eine Denkform, die Komplexität nicht erklärt, sondern katalogisiert. In diesem Sperrgut der Leerformeln gedeihen Kontrollbiotope: Misstrauen, Rechtfertigungsroutinen, Meetings, in denen die Darstellung der Lage wichtiger wird als die Lage selbst – bis hin zu Erfolgsmeldungen, die vor allem deshalb „stimmen“, weil niemand ein Verfahren hat, sie zu widerlegen.
Der Taschenspielertrick mit der Wahrscheinlichkeit
Besonders entlarvend wird es dort, wo die Immunisierung offen ausgesprochen wird. Man findet inzwischen Autoren, die bei einem kybernetischen Managementmodell ohne Umschweife einräumen, es sei nicht falsifizierbar – und die dann nicht etwa die Konsequenz ziehen, sondern eine Ausweichbewegung vorschlagen: Man könne ja stattdessen „die Wahrscheinlichkeit“ berechnen, dass ein bislang untestbares Modell zuverlässige Ergebnisse liefere. Das klingt nach Demut, ist aber oft nur der Versuch, die eigene Unprüfbarkeit in den Mantel mathematischer Seriosität zu hüllen.
Doch Wahrscheinlichkeit ersetzt den Test nicht, sie setzt ihn voraus. Bayessche Rede lebt von Daten, von klar definierten Beobachtungsregeln, von der Möglichkeit, Erwartungen an der Welt zu blamieren. Wo diese Elemente fehlen, wird „Wahrscheinlichkeit“ zur rhetorischen Zahl: Sie klingt präzise, bleibt aber inhaltlich unverbindlich. Der Taschenrechner ersetzt dann nicht die Kritik, sondern überdeckt ihre Abwesenheit.
Wackelpudding-Modelle und Sektenlogik
In solchen Konstruktionen steckt eine Grundfigur, die man in der Praxis ständig wiedererkennt: das Modell, das sich jeder Widerlegung entzieht. Es gilt, wenn es funktioniert; und wenn es nicht funktioniert, dann war die Implementierung zu halbherzig, die Kultur zu unreif, der Kontext zu speziell. Das Modell selbst bleibt unangetastet. In einer passenden Metapher lässt sich so etwas als „Wackelpudding-Modell“ bezeichnen: Es weicht jeder prüfenden Berührung aus und landet doch stets wieder in der Form, in der man es servieren will.
Die Folge ist eine sektenähnliche Rhetorik: Wer zweifelt, hat es nicht verstanden. Wer widerspricht, zeigt damit nur, dass er „noch nicht so weit“ ist. Kritik wird nicht als Erkenntnisinstrument behandelt, sondern als Charakterschwäche.
Erinnerung als Rohstoff der Gewissheit
Dass diese Logik so gut funktioniert, liegt nicht allein an den Anbietern. Sie trifft auf eine psychologische Infrastruktur, die James G. March in Zwei Seiten der Erfahrung – Wie Organisationen intelligenter werden können mit nüchterner Präzision beschrieben hat: Menschen neigen dazu, Erinnerungen so zu konstruieren, dass sie gegenwärtigen Bedürfnissen dienen; sie behandeln bestätigende Hinweise weniger kritisch als widerlegende; sie bevorzugen einfache Kausalgeschichten. Wer diesen Mechanismus kennt, versteht, warum „Case Studies“ oft wie Beweise wirken, obwohl sie in Wahrheit häufig nur elegant arrangierte Selbsterzählungen sind. Die Organisation wird dann nicht intelligenter, sondern geschickter im Rechtfertigen.
Profession ohne Prüfpflicht
Hinzu kommt ein struktureller Befund, den Rupert Hasenzagl mit einer drastischen Analogie zugespitzt hat: Man würde kaum einem Arzt vertrauen, der nach einem fachfremden Vorleben einige Kurzseminare absolviert hat – im Management jedoch ist eine solche Biografie keineswegs selten, und sie wird sogar als Vorteil gehandelt: Praxisnähe, Machermentalität, „gesunder Menschenverstand“. Die Pointe ist nicht elitär, sondern methodisch: Wo eine Profession keine Prüfpflicht ausbildet, wird Wirkung mit Wahrheit verwechselt. Und weil die Folgen häufig zeitverzögert auftreten, gelingt es, Verantwortung diffus zu halten.
Wenn auch die Wissenschaft sich schließt
Man kann den Blick jedoch nicht allein auf die Praxis richten. Auch Wissenschaft kann sich in geschlossenen Zirkeln einrichten, die weniger am Erkenntnisfortschritt interessiert sind als am Erhalt von Anschlussfähigkeit innerhalb des eigenen Systems. Wo Textgattungen, Methoden und Begriffe zu Eintrittskarten werden, entstehen Ausschlüsse, die alternative Zugänge abwürgen. Paradox genug: Auf der einen Seite eine Managementpraxis, die sich gegen Kritik immunisiert; auf der anderen Seite ein Wissenschaftsbetrieb, der Kritik gelegentlich institutionell erschwert. Zwischen beiden Räumen wächst dann eine Zone, in der Modekonzepte gedeihen: zu „wissenschaftlich“ für das Bauchgefühl, zu unprüfbar für Theorie.
Die Minimalforderung der Nachvollziehbarkeit
Der naheliegende Ausweg ist unerquicklich, weil er keine neue Mode liefert. Er bestünde in einer Minimalforderung: Modelle so zu formulieren, dass nachvollziehbar wird, was überhaupt behauptet wird – und unter welchen Bedingungen die Behauptung scheitern müsste. Nachvollziehbarkeit ist nicht hübsche Visualisierung. Nachvollziehbarkeit ist die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen: den eigenen Irrtum.
Damit ist man bei einem Maßstab, der gerne als altmodisch abgetan wird, weil er den Betrieb stört: Theorien müssen so gebaut sein, dass sie prinzipiell widerlegbar sind. Karl Popper ist dafür nicht als Denkmal interessant, sondern als Erinnerung an eine zivilisatorische Technik: Wissen entsteht nicht durch Bestätigung, sondern durch den Umgang mit möglichen Widerlegungen. Wo diese Technik fehlt, bleibt nur das, was im Management ohnehin reichlich vorhanden ist: Überzeugung.
Kritik als Produktionsbedingung des Neuen
Damit bekommt auch das Wort „Innovation“ eine unromantische Bedeutung. Innovation ist nicht die Behauptung des Neuen, sondern das Resultat eines Prozesses, der Irrtümer sichtbar macht. Lutz Becker hat das in einer Diskussionsrunde an der Hochschule Fresenius in einen Satz gebracht, der in Beratungsfolien selten auftaucht, weil er dort unerquicklich wäre: „Innovation setzt Kritik voraus.“ Wer Kritik als Störung behandelt, bekommt vielleicht Bewegung, aber kein Lernen. Wer Kritik kultiviert, verliert Komfort, gewinnt aber Wirklichkeitskontakt.
Am Ende ist die Dreistigkeit der Theorielosigkeit nicht ihr Mangel an Ideen, sondern ihr Mangel an Rechenschaft. Sie verkauft Steuerung ohne Prüfverfahren, Erfolg ohne Gegenrechnung, Gewissheit ohne Risiko. Und sie nennt das dann „Pragmatismus“. Man sollte ihr diesen Begriff nicht durchgehen lassen. Pragmatismus wäre, sich gerade dort, wo Folgen groß sind, an die einfache Regel zu halten: Wer behauptet, muss sagen können, woran er scheitern würde. Alles andere ist nicht Praxisnähe, sondern Verantwortungslosigkeit mit gutem Sound.
Das Zeitalter liebt das Sofort. Es liebt die rasche Ansage, den schnellen Plan, das frühe Versprechen. Wer heute nicht „proaktiv“ wirkt, gilt schon als rückständig, wer nicht ständig Bewegung simuliert, als verdächtig. Und doch liegt in dieser Betriebsamkeit etwas Seltsam-Unzeitgemäßes: Sie verwechselt Tempo mit Richtung und Zielklarheit mit Wahrheit. Gerade dort, wo die Zukunft das Sagen hat, ist der Imperativ oft nur eine Form der Nervosität.
Ausgerechnet ein kleines Buch aus dem barocken Spanien, entstanden als Konzentrat gesellschaftlicher Klugheit, hält dagegen. Baltasar Graciáns „Oráculo manual y arte de prudencia“, 1647 in Huesca gedruckt, ist ein Regelwerk für den Umgang mit einer Welt, die sich nicht moralisch belohnen lässt, sondern taktisch gelesen werden muss. In Deutschland ist diese Weltklugheit lange Zeit vor allem in der Übersetzung Arthur Schopenhauers präsent gewesen, jener eigentümlichen Mischung aus präziser Kälte und metaphysischer Hintergründigkeit, die auch der Übersetzer selbst als Lebenshaltung pflegte. Schopenhauer hatte das Manuskript bereits 1832 druckfertig vorliegen, und doch dauerte es Jahrzehnte, bis die Übersetzung als Buch erschien. In dieser Verzögerung steckt bereits ein Gracián’scher Wink: Nicht jeder Text gewinnt durch Eile, manche Sätze brauchen die langsame Reife ihrer Zeit.
Die Inszenierung des Auftretens
Gracián kennt die Sucht nach dem großen Auftreten. Er nennt sie nicht so, aber er zielt auf die gleiche Pose, die heute in Präsentationen und Leitbildern wiederkehrt. Eine seiner Sentenzen rät, nicht mit übermäßigen Erwartungen aufzutreten – Ratschlag nicht nur für politische Protagonisten. Die Hoffnung, heißt es dort, verfälsche die Wahrheit; die Klugheit müsse sie zurechtweisen und dafür sorgen, dass der Genuss die Erwartung übertreffe. Besser sei es, wenn die Wirklichkeit größer ausfalle als das, was man sich ausgemalt hat. Das ist keine romantische Bescheidenheit, sondern ein nüchternes Kalkül: Wer Erwartungen mästet, füttert am Ende den eigenen Enttäuschungsapparat.
Wie stark dieses Kalkül in die Moderne hineinstrahlt, zeigt ein Fund aus einem ganz anderen Milieu. In der Bibliothek Bertolt Brechts entdeckte Erdmut Wizisla eine Ausgabe des „Handorakels“, die 1931 im Insel Verlag erschienen war, ein Band aus einem Supplement von Brechts Nachlassbibliothek, ausgerechnet jenen Büchern, die 1940 keinen Platz im Fluchtgepäck fanden. Auf der Titelseite steht in mikroskopisch kleiner Schrift eine Widmung Walter Benjamins, geschrieben mit schwarzer Tinte, und sie ist so boshaft wie präzise: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug.“
Der Satz ist eine minimale Verschiebung, und gerade deshalb ein intellektuelles Ereignis. Denn Brechts eigenes Lied „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ sagt nicht „schlau“, sondern „schlecht“. Benjamin dreht die Schraube: Nicht moralische Minderwertigkeit, sondern kognitive Unterlegenheit ist das Problem.
Man kann diese Widmung als Freundschaftsgeste lesen, als ironische Ermutigung, als dunkle Vorwarnung. In der Jahrbuch-Darstellung von Helmut Lethen liegt eine weitere Möglichkeit: dass Benjamins Geschenk Brecht in einem Moment erreichte, in dem Flucht noch ungedacht war, und doch als Hinweis auf eine Zukunft verstanden werden konnte, die keinen Plan respektiert. Auch hier arbeitet das Motiv der Erwartung gegen den, der sie zu groß macht. Der große Plan, der große Entwurf, die große Linie: Sie sind, unter den Bedingungen der Geschichte, oft nur die ästhetische Form eines Irrtums.
Kanon für Brecht
Brecht, der Textverwender mit sicherem Instinkt, hat Gracián nicht devot studiert, sondern geprüft. Er hat das Buch offenbar wiederholt zu Rate gezogen und 26 der 300 Verhaltenslehren unterstrichen. Das ist nicht viel, aber es ist auch nicht wenig: ein kleines Kanonisieren im Vorübergehen. Und wie immer bei Brecht sind die Zeichen aufschlussreicher als die Menge. An den Beginn der Maxime, nie aus Mitleid gegen den Unglücklichen sein Schicksal auf sich zu ziehen, setzt er ein Fragezeichen, als müsste das Pathos der Härte erst verhört werden.
Neben den Satz, man lüge nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken, setzt er ein Ausrufezeichen, als hätte er darin eine handwerkliche Moral erkannt. Auffällig ist, dass die grelleren, amoralisch klingenden Regeln weniger vorkommen; Brecht markiert eher die gedämpften, defensiven Aphorismen, jene Ökonomie der Zeit, die am Ende sogar in die paradoxe Formel mündet: Das Schwierigste beim Gehen ist das Stillstehen.
Stillstehen, das heißt hier nicht: nichts tun. Es heißt: die Situation nicht durch die eigene Ungeduld verstümmeln. Es ist ein Stillstand, der die Wahrnehmung schärft, weil er nicht mehr durch Aktivität betäubt wird. In diesem Sinn ist das Gracián’sche Warten keine Unterlassung, sondern eine Technik, ein Akt der Kontrolle über das eigene Reiz-Reaktions-System. Und gerade deshalb eignet es sich so gut als Gegenbild zu jener Managementsprache, die aus jeder Unsicherheit sofort eine „Roadmap“ schnitzt und aus jeder Ahnung eine „Vision“, als wäre die Zukunft eine Excel-Tabelle mit launischen Formeln.
Dass diese Technik bis in die Ökonomie der Gegenwart hineinwirkt, zeigt eine Szene, die der Strategietheoretiker Richard Rumelt überliefert hat. Auf die Frage, was Apple nach der gelungenen Sanierung langfristig vorhabe, habe Steve Jobs nur gelächelt und gesagt: „I am going to wait for the next big thing.“ Der Satz ist deshalb so irritierend, weil er im Tonfall des Gegenkapitalismus spricht, mitten im Kapitalismus. Er verzichtet auf die große Zielverkündigung, er leistet sich die Demut vor dem, was man noch nicht wissen kann. Und zugleich ist er aggressiv, denn das Warten meint hier das Lauern auf eine Konstellation, in der ein Sprung möglich wird.
Wer das missversteht, hält es für Passivität. Wer es versteht, erkennt eine Ästhetik der Reduktion. In den japanischen Begriffen kanso, shizen und shibumi steckt genau diese Haltung: Schlichtheit, Natürlichkeit, eine Eleganz des Unaufdringlichen, die nicht um Aufmerksamkeit bettelt, sondern sie anzieht, weil sie nichts beweisen muss. Man kann das als Stilprinzip von Objekten lesen, man kann es aber auch als Ethik des Handelns begreifen. Es gibt Entscheidungen, die durch Weglassen richtig werden, und Pläne, die durch Schweigen präziser werden.
Warten ist keine Schwäche
Die moderne Kultur hat das Warten in Verruf gebracht, weil sie es mit Schwäche verwechselt. Dabei ist es in vielen Bereichen die einzig erwachsene Form von Macht. An der Börse heißt es Geduld, in der Politik heißt es Aussitzen, in der Kommunikation heißt es: nicht jeden Reiz beantworten. Man kann daraus eine kleine Theorie des Nicht-Handelns machen: Die Trumpfkarte besteht darin, gerade nicht zu intervenieren, solange die Lage noch nicht reif ist. Das klingt zunächst kontraintuitiv, weil es gegen das moralische Selbstbild der Moderne arbeitet, die sich gern als tatkräftig versteht. Tatsächlich aber ist vieles von dem, was als Tatkraft auftritt, nur die Angst vor dem Leerlauf.
Gracián wäre darüber nicht überrascht. Sein Handorakel ist, bei allen höfischen Masken, ein Buch über Nerven. Es lehrt, dass die Welt nicht aufrichtig, sondern lesbar ist, und dass man selbst zum Leser werden muss, bevor man zum Autor seines Handelns taugt. Brechts Unterstreichungen passen dazu wie eine späte Bestätigung: Der Dramatiker, der das Handeln auf der Bühne zerlegt hat, findet im Jesuiten ein Trainingsprogramm für das Handeln im Leben, und Benjamin, der Theoretiker des Augenblicks, legt ihm dazu eine Widmung hin, die wie ein Orakel der Moderne klingt.
Vielleicht ist das die eigentliche Aktualität dieses alten Buches: Es rehabilitiert die Verzögerung als Erkenntnismittel. In einer Zeit, die sich selbst dauernd kommentiert, ist Stillestehen nicht Stillstand, sondern Widerstand gegen den Zwang, sofort eine Meinung, ein Ziel, ein Narrativ liefern zu müssen. Die Wirklichkeit, sagt Gracián, soll die Erwartung übertreffen. Man muss ihr dafür nur Platz lassen.
Es ist eine merkwürdige Ironie unserer Gegenwart: Ausgerechnet die Systeme, die uns angeblich ersetzen sollen, zwingen uns, uns wieder mit dem zu beschäftigen, was wir lange verdrängt haben – mit Normen, Beziehungen, Vertrauen. Wenn KI überall „einsickert“, wie es der Bonner Philosoph Markus Gabriel im Webinar des Haufe-Verlags beschreibt, lautet die eigentliche Frage nicht mehr, ob wir sie nutzen, sondern unter welchen Bedingungen sie uns nützt.
Und genau hier setzt sein stärkster Gedanke an: KI nicht kleinreden als bloßes Werkzeug, sondern ernst nehmen als Gegenüber – als Partner in einer Arbeitswelt, in der Information nicht mehr knapp ist, sondern unübersichtlich. Im Webinar wurde das ausdrücklich so zugespitzt: Nicht nur Tool, sondern „Partner, mit dem wir zusammenarbeiten“. Das ist keine Romantik. Das ist Realismus in einer Ökonomie, die sich gerade von der Benutzeroberfläche her umsortiert.
Ethische KI statt „Ethik der KI“: Moral als Geschäftsmodell
Der Satz aus Gabriels neuem Buch (Ethische Intelligenz – wie KI uns moralisch weiterbringen kann, Erscheinungstermin 26. Februar, Ullstein) passt wie ein Bolzen in eine offene Konstruktion: Ethische KI sei „ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges“. Genau diese Verschiebung ist entscheidend – weg von Ethik als nachträglichem Aufkleber, hin zu Ethik als Betriebssystem.
Was heißt das praktisch?
Neue soziale Netzwerke: Nicht als nächster Sogapparat, sondern als Alternative zu Desinformation – wenn sie von Beginn an nach ethischen Prinzipien gebaut werden.
Ethischer Kapitalismus: Wertschöpfung nicht trotz Normen, sondern durch Normen – als moralische Innovationslabore in Start-ups, Mittelstand und Techgiganten.
Soziale Marktwirtschaft als Update, nicht als Museum: „Eigentum verpflichtet“ nicht als Predigt, sondern als Programmzeile – operationalisierbar, überprüfbar, zertifizierbar.
Das ist die Provokation an die deutsche Debatte: Wer Ethik immer nur als Bremse beschreibt, hat die Rechnung der nächsten Jahre nicht verstanden. Wenn Vertrauen knapp wird, steigt sein Preis. Und wer Vertrauen liefern kann – rechtlich, technisch, kulturell –, hat einen Standortvorteil.
Abgrenzung zur Piraten-Ökonomie
Im Haufe-Talk fiel eine klare Kante: gegen jene Spielart des digitalen Kapitalismus, die Regulierung als Kollateralschaden betrachtet und Strafen als Betriebsausgabe verbucht. I
An dieser Stelle ist der Vergleich mit „Grok“ und der Musk-Ästhetik der Gegenwart nicht bloß Polemik, sondern Symptomdeutung: Wenn KI zur Marktschreierei wird – maximal laut, minimal verlässlich –, dann zerstört sie genau das, was sie verspricht: Orientierung. Das Ergebnis ist keine Innovation, sondern eine beschleunigte Erschöpfung der Öffentlichkeit.
Gabriels Gegenmodell ist europäisch gedacht, aber nicht europäisch provinziell: Er spricht von Allianzen auf Augenhöhe – Japan, Indien, Brasilien, Kanada, Australien; und ausdrücklich vom globalen Süden als Partnerraum, nicht als Rohstofflager für Daten und Absatz. Das ist Geopolitik der Normen: Soft Power als Infrastruktur.
Japanische Denkweise – buddhistische KI als Metapher
Dass Gabriel als Senior Global Advisor in Kyoto verankert ist, wurde im Webinar als biografische Brücke mitgeliefert. Und diese Brücke ist inhaltlich fruchtbar: Japan denkt Technik seit Jahrzehnten weniger als „kalte Maschine“ und eher als sozialen Akteur – im Alltag, im Service, in der Pflege. Wenn man dafür die Metapher „buddhistische KI“ wählt, dann nicht, weil Chips meditieren, sondern weil die Leitwerte sich verschieben: Gelassenheit statt Erregung, Fürsorge statt Klickfang, Beziehungsfähigkeit statt Dominanz.
Das klingt kulturell – ist aber am Ende produktpolitisch: Eine KI, die nicht auf maximale Bindung durch Reiz-Reaktions-Ketten optimiert, sondern auf würdevolle Interaktion. Nicht „engagement at all costs“, sondern: Wann hilft das System wirklich – und wann schweigt es?
Kurzer Blick auf die übrigen Haufe-Sessions: Praxisdruck trifft Wissensordnung
Die folgenden Sessions des Haufe-Webinars blieben bewusst praxisnah: Über 10.000 Teilnehmende, sechs Sessions, abwechselnd Talk und Vortrag. Frank Enders (Haufe-Lexware) setzte dann den Punkt, an dem Gabriels Normenfrage in die Organisation fällt: Fachwissen wird gefühlt verfügbarer, aber schwerer zu prüfen; Verlässlichkeit wird zur eigentlichen Leistung. Im Werkstattgespräch folgten Stimmen aus der Unternehmenspraxis – von „pragmatischen Vorreitern“ bis zu „digitaler Souveränität“ als Führungsaufgabe.
Die Dramaturgie war eindeutig: Erst Sinn, dann System, dann Umsetzung.
Und genau hier beginnt das Match mit Wolfgang Wahlster: Was Gabriel als normative Forderung formuliert – verlässliche, vertrauenswürdige KI –, hat Wahlster über Jahrzehnte technisch und institutionell vorbereitet. Als DFKI-Gründungsdirektor und langjähriger CEO baute er das Zentrum bis 2019 zur weltweit größten KI-Forschungseinrichtung mit über 1.000 Beschäftigten aus, prägte als emeritierter Saarbrücker KI-Professor eine ganze Generation (77 Promotionen, 22 spätere Professuren), berät das DFKI heute als Chefberater (CEA), gilt als Vordenker von Industrie 4.0 und leitete die nationale KI-Normungsroadmap der Bundesregierung – ausgezeichnet u. a. mit dem Deutschen Zukunftspreis und hohen Bundesverdienstorden, verankert in zentralen Akademien und internationalen Gremien. Dazu gehört auch ein besonders sichtbares Amt: Wahlster ist Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm – jener Institution, die den Auswahlprozess für die Nobelpreise in Physik und Chemie verantwortet und zudem den Preis der Wirtschaftswissenschaften vergibt; sie fördert Wissenschaft, stärkt deren Einfluss in der Gesellschaft und organisiert die Preisverfahren. Kurz: Bei der Zunkunft Personal Nachgefragt Week steht nicht irgendein Kommentator auf der virtuellen Bühne, sondern einer der Architekten der europäischen KI – mit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Autorität bis in die Nobelpreis-Sphäre.
Wahlster liefert die Maschine: Empathie, Personalisierung, Standards
Während Gabriel den normativen Horizont absteckt, bringt Wahlster die Mechanik mit – und zwar aus einer Tradition, die in Deutschland oft unterschätzt wird. Im Gespräch zur Vorbereitung der Session „Empathische KI“ erinnert er daran, dass vor 40 Jahren der erste internationale Workshop zur empathischen Benutzermodellierung in Deutschland stattfand – in Maria Laach – und daraus eine bis heute aktive Konferenzreihe wurde (heute: UMAP, Personalisierung/Adaptation).
Wahlsters Kern ist nicht die große Geste, sondern der Dreischritt, der aus „KI“ überhaupt erst Interaktion macht:
Emotionen erkennen (nicht als Hokuspokus, sondern als Signalverarbeitung – Tempo, Tonhöhe, Muster).
Adaptiv reagieren (das System passt Sprache, Ton, Vorgehen an den mentalen Zustand an).
Das ist Empathie als Engineering – und damit kompatibel mit Gabriels Forderung nach moralischer Zuverlässigkeit. Denn Vertrauen entsteht nicht aus Versprechen, sondern aus wiederholbarer Verlässlichkeit.
Losgröße 1 – endlich im Bildungs- und Arbeitsalltag
Wahlster übersetzt Personalisierung in ein Wort, das man in Deutschland versteht, weil es aus der Industrie kommt: Losgröße 1. Aber er zieht es bewusst in die Bildung und in HR: Tutorielle Systeme, die nicht nur Fehler zählen, sondern Fehlkonzepte diagnostizieren und individuell korrigieren – weil Lehrkräfte dafür in überlasteten Klassen oft keine Zeit haben.
Hier entsteht ein anderer Begriff von Gerechtigkeit: Nicht Gleichbehandlung, sondern passgenaue Unterstützung. Und plötzlich wird Gabriels Gedanke greifbar, dass Ethik nicht über der Technik schwebt, sondern in ihr steckt – als Designentscheidung.
Wahlster bleibt beim Thema Normen nicht im Abstrakten. Er verweist auf konkrete Normungsarbeit und Roadmaps; und er beschreibt das eigentlich entscheidende Detail: Ein ethisch gebautes System muss verweigern können – und diese Verweigerung begründen. (Sein Beispiel: Hilfe bei klar unethischen Handlungen.)
Das ist die Stelle, an der Gabriels „Ethik in Software übersetzen“ nicht mehr wie ein Essay klingt, sondern wie ein Pflichtenheft.
Save the Date: Zukunft Personal Nachgefragt Week (24.–27. Februar)
Wenn man das Haufe-Webinar als normative Standortbestimmung liest und Wahlster als technische Umsetzung, dann ergibt sich für Ende Februar ein sauberer Anschluss – nicht als Event-Hype, sondern als Debattenfortsetzung:
Dienstag, 24.02.2026 | 12:00–12:45 Uhr Empathische KI: Wenn IT-Systeme einfühlsam werden – und Menschen wieder mehr Mensch sein können (Human X AI) Session-Geber: Prof. Wolfgang Wahlster (DFKI-Gründungsdirektor, KI-Pionier)
Und am selben Tag der Organisationsblick:
Dienstag, 24.02.2026 | 14:00–14:45 Uhr People First – Wie Miele, KUKA & Co. KI in ihre Organisationen bringen Session-Geber: Bernhard Steimel
Wer nach dem Haufe-Webinar nicht beim Gefühl stehen bleiben will, dass „da etwas Großes passiert“, bekommt hier die Fortsetzung: erst die ethische Richtung, dann die empathische Maschine – und dazwischen die Frage, wie Unternehmen das überhaupt tragfähig einführen.
Wenn KI zum Freund wird, entscheidet sich alles an einem Satz: Ist sie zuverlässig – technisch, sozial, moralisch? Gabriel stellt die Forderung. Wahlster zeigt, wie man sie baut.
Man öffnet die Schranktür über der Spüle – und alles darin ist zu groß. Ketchupflaschen im Restaurantformat, Reissäcke wie Sandsäcke, Dosen, die wirken, als hätten sie ein Eigengewicht. Für einen Augenblick kippt der Maßstab: Die vertraute Küche wird zur Bühne, auf der man selbst plötzlich klein ist, ein Gulliver im Küchenschrank.
Hans Ulrich Obrist erzählt eine Szene, die genau aus so einem Maßsturz lebt. Die Künstler (Fischli/Weiss) wollten seine Küche „normal“ machen – und heraus kam eine „Mini-Ausstellung“, die dann sogar Besucher hatte – in drei Monaten kamen 29. Das Komische daran ist nicht der Ketchup, sondern die Verschiebung: Ein Alltagsschränkchen wird, nur durch den Maßstab und den Blick, zu etwas, das sich nicht mehr ganz in „Gebrauch“ auflöst. Und dann passiert der zweite, noch wichtigere Schritt: die Rahmung. Obrist schreibt, er habe „ziemlich schnell verstanden“, dass man selbst über intime Ausstellungen „immer ein Buch veröffentlichen“ müsse – und dass der Katalog selbst zur Ausstellung werden könne, als „tragbare Ausstellung“, 500 Exemplare, Werke und Fotos in Umschlägen.
Man kann das (frech, aber als Denkfigur produktiv) auf die Pointe bringen: Kunst ist es, wenn sie im Katalog erscheint. Nicht weil Papier adelt. Sondern weil Kunst eine soziale Physik besitzt: Sie entsteht nicht nur durch Dinge, sondern durch Zirkulation – durch Formen, die Dinge sichtbar, diskutierbar, zitierbar machen. Der Katalog ist dann nicht Beipackzettel, sondern ein Gerät: Er stellt her, was er zu dokumentieren scheint.
Genau an diesem Punkt beginnt der Konflikt mit Dieter Mersch – und zugleich seine Stärke.
Die Frage, die sich nicht mit „gefällt mir“ erledigen lässt
Mersch setzt in seinem Buch „Kann KI Kunst?“ dort an, wo der neue Kunst-Alltag heute schon beginnt: Die Tools sind frei verfügbar; „jeder kann also seine eigene ›Kunst‹ machen“ – und gerade darin, sagt er, liegt die Gefahr, den Kunstbegriff „endgültig aufzulösen“. Aus dieser Lage macht er keine Kulturpessimismus-Oper, sondern eine begriffliche Zumutung: Bevor man „KI-Kunst“ feiert oder verdammt, muss klar sein, welchen Kunst- und Kreativitätsbegriff man überhaupt meint. Sonst diskutiert man – höflich, erregt, endlos – aneinander vorbei.
Sein methodischer Griff ist dabei fast wissenschaftstheoretisch: Kunst soll zwar nicht „definiert“ werden wie eine chemische Substanz, aber sie muss, gerade unter dem Zeichen ihrer Unschärfe, kritisierbar bleiben – im Sinne von krinein: unterscheiden, trennen, urteilen. Darum schlägt er zwei Bewegungen vor: erstens den Blick „ins Innere“ der Maschine (Mathematik, Daten, Trainingsentscheidungen), zweitens ästhetische Kritik – aber nicht als Geschmacksbeschreibung, sondern als Prüfung dessen, was Kunst bedeutsam macht.
Das klingt streng, und es ist streng. In einer Diskussion nach seinem Vortrag in Köln im Kinosaal des Museum sLudwig prallte das sehr direkt auf eine Einwendung aus dem Publikum: „Für den Rezipienten kann es durchaus auch Kunst sein, unabhängig davon, wie das Bild zustande gekommen ist.“ Mersch antwortet: Das Kriterium „wenn es mir gefällt, ist es Kunst“ führe in ein Banausentum – in das alte „das kann ich auch“; Kunst sei nicht Geschmacksbelohnung, sondern Praxis, „eine bestimmte Art von Erkenntnisarbeit an der Welt“.
Und er legt nach: Kunst müsse dem Betrachter Arbeit abverlangen. Der „größte Fehler“ beim Bild sei, nur darauf zu achten, was zu sehen ist; entscheidend sei das Wie – die Weise, wie etwas gemacht ist und wie sich darin Zeit, Verdichtung, Widerstand ablagern. Kunst mache es einem „schwer“ – nicht als Defekt, sondern als Medium ihrer Bedeutung.
So wird aus der Debatte über KI ganz schnell eine Debatte über Zumutbarkeit. Und damit auch über Elitismus – oder darüber, was man fälschlich dafür hält.
Warum Mersch den Institutionen misstraut – und trotzdem nicht beim „Label“ landet
Wer Obrists Küchenschrank-Geschichte mag, hört bei Mersch zunächst einen Widerspruch: Wenn Kunst auch eine Frage der Rahmung ist – Katalog, Publikum, Dispositiv –, warum dann diese Skepsis gegenüber „Anerkennung“?
Mersch kritisiert tatsächlich die einfache Institutionentheorie (die Idee: Kunst ist, was im Museum hängt oder von der Kunstwelt erklärt wird). Er hält das für zirkulär und zu bequem. Stattdessen interessiert ihn, was ein Werk leistet: ein epistemischer Mehrwert, ein „epistemischer Überschuss“, der aus abweichenden, aporetischen Verbindungen entsteht – nicht bloß als Überraschung, sondern als Erkenntnis, die an den eigenen Bedingungen rührt.
Das ist ein wichtiger Punkt, gerade gegen die verbreitete Gleichsetzung von „Reichweite“ und „Relevanz“. Mersch will nicht, dass Kunst im Applaus verschwindet. Er will, dass sie widerspricht – auch dem Betrachter, auch den eigenen Mitteln.
Und doch lässt sich Obrist hier produktiv zurückspielen: Denn Obrists Katalog ist nicht nur Etikett, sondern Motor. Er ist genau so ein Mittel, das die Bedingungen verschiebt – ein Werk, das seine eigene Öffentlichkeit herstellt. Die „tragbare Ausstellung“ ist nicht weniger Kunst, weil sie auf Zirkulation setzt; sie ist Kunst, weil sie die Zirkulation als ästhetische Operation sichtbar macht.
Vielleicht liegt der Streit also nicht bei der Frage „Institution ja/nein“, sondern bei der feineren: Welche Art von Rahmung erzeugt Erkenntnis – und welche nur Konsum?
KI als „Imaginationsillustrator“: schöne Bilder, aber ein Kurzschluss der Zeit?
Mersch’ stärkste Diagnose ist nicht „KI ist hässlich“. Im Gegenteil: Er nimmt die Attraktivität ernst – und gerade das macht ihn misstrauisch. Text-zu-Bild-Systeme, schreibt er, stellen die Ekphrasis (Textfragmente, Tags) an den Anfang; daraus setzen sich Bildungen aus „Standards kursierender Bildvorstellungen“ zusammen. Das Resultat ist ein Strom automatisierter Imaginationen, Trainingsdaten als „Massenbildwaren“, klischierte Motive und klischierte Ästhetik, oft auf Überwältigung und Immersion angelegt.
Darum schlägt er den Begriff „Imaginationsillustratoren“ vor: Maschinen, die Vorstellungen mit korrespondierenden Bildzeichen versorgen, aber eben – und das ist sein Kern – nicht wirklich „erfinden“. Das Maschinen-Imaginäre greife auf ein „statisches Repertoire aus Allgemeinplätzen“ zurück. Und wo diese Bilder sich als Kunst geben, sieht er oft eine Kunsttäuschung, ein „Aussehen-wie“, eine „Als-ob“-Kunst, die für schnelle, kommerziell zirkulierende Designpraktiken besonders attraktiv ist.
In einer zugespitzten Passage nennt er das Problem beim Namen: Die forciert demokratische Urteilsenthaltung verbeuge sich vor dem „Arbitrarismus des Massengeschmacks“; was sich als non-elitär gebe, entpuppe sich als „Elitismus der Ignoranz“. Und: „KI-Kunst“ mime Kunst; sie fälsche sie; sie produziere ein „Glaubenmachen“.
Das ist hart – und zugleich präzise: Nicht jeder schöne Output ist schon eine künstlerische Operation. Schönheit kann auch ein Default-Setting sein.
Zufall: Würfelstreuung oder Ereignis?
Am deutlichsten wird Mersch’ Unterscheidung dort, wo viele KI-Fans gern ein Rettungswort zücken: Zufall. Ist nicht gerade die Unberechenbarkeit der Generatoren ein Motor der Kunst?
In einer Buchpassage zur Computerkunst insistiert Mersch: Das „Zufallsprinzip“ sei zwar ein Medium der „rechnenden creatio“, ein stochastisches Verfahren – aber damit ist noch nicht das gemeint, was avantgardistische Zufallspraktiken wollten. Denn deren Zufall war immer auch Aussage von Kunst über Kunst: Selbstkritik, Metakritik, ein Reflexionsmanöver.
Und hier kommt Marcel Proust ins Spiel – als Mitglied der Marcel-Proust-Gesellschaft freut mich das sehr. Mersch schreibt, der indeterministische Zufall impliziere eine creatio invitus im Sinne der mémoire involuntaire. Das ist ein strenger, schöner Gedanke: Nicht Zufall als Streuung (Würfel, Statistik), sondern Zufall als Ereignis, als Kairos – als Moment, in dem etwas Unverfügbares zurückschlägt und Subjekt und Zeit verändert.
Prousts berühmter Moment – der Geschmack, der eine verschüttete Zeit öffnet – ist kein Randomness-Effekt, sondern ein Zeitsprung, der den, der ihn erlebt, umstellt. Genau diese Dimension, sagt Mersch, fehlt der Maschine. Er formuliert es drastisch: computergenerierte Produktionen „kennen keine Zeit“, sie stehen als Objekte der Gegenwärtigkeit da, handeln „nur für sich, nicht von sich“.
Damit steht ein Maßstab im Raum, der größer ist als jede Ketchupflasche: Kunst als Zeit-Arbeit.
Einwände, ohne die Strenge zu verschenken
So überzeugend Mersch’ Schärfe ist – sie lädt zu Gegenargumenten ein, die man nicht als bloßes „aber ich mag das Bild“ missverstehen muss.
Erstens: Rezeption ist nicht bloß Gefallen. Wenn ein Publikum sagt, etwas könne „für den Rezipienten“ Kunst sein, meint es nicht zwingend Wohlgefühl. Rezeption kann epistemisch sein: Ein Bild ist Kunst, wenn es im Vollzug der Wahrnehmung neue Unterscheidungen erzwingt, Wahrnehmung umlagert, Begriffe wackeln lässt – unabhängig davon, ob sein Produzent ein Mensch, ein Kollektiv oder ein hybrides Ensemble aus Mensch/Modell/Datensatz ist. Die Frage wäre dann weniger „Wer hat’s gemacht?“ als „Was macht es – und unter welchen Bedingungen?“ Mersch selbst betont ja, es gehe um das Wie, nicht nur um das Was.
Zweitens: Obrists Katalog-Pointe ist mehr als Etikett. Obrist zeigt, dass Distribution selbst eine künstlerische Operation sein kann: Der Katalog ist die Ausstellung – eine Form, die Erfahrung mobil macht und neue Öffentlichkeiten erzeugt. Das ist keine Verflachung, sondern eine andere Art von „Erkenntnisarbeit“: nicht im Werkinneren allein, sondern im Gefüge von Werk, Medium, Publikum.
Drittens: Hybridität kann genau die Reflexivität erzeugen, die Mersch fordert. Wenn KI nicht als Autor-Mythos auftritt, sondern als Material, Widerstand, Störquelle – dann kann Kunst gerade darin liegen, die Klischeemaschine zu sabotieren: Stereotype sichtbar zu machen, Promptlogiken zu brechen, die Bilderflut gegen ihre eigene Ökonomie zu wenden. Auch Mersch beschreibt ja, wie sehr diese Systeme zu Klischee, Überwältigung und „Massenbildwaren“ tendieren.
Viertens: Proust ist nicht nur eine Theorie des Autors, sondern eine Theorie des Auslösers. Die mémoire involuntaire hängt nicht daran, dass der Auslöser „menschlich produziert“ ist. Ein banales Bild – auch ein generiertes – kann im falschen (oder richtigen) Moment eine Zeitfalte öffnen. Dann läge das Kunstereignis nicht „in der Maschine“, sondern im Zwischenraum: Bild – Blick – Lebenszeit. Das macht die Maschine nicht zum Künstler, aber es macht die Frage komplizierter: Vielleicht ist Kunst weniger Eigenschaft des Outputs als eine Konstellation.
Drei Rahmen – und ein Maßstab
Was bleibt nach dem Küchenschrank, nach dem Katalog, nach dem Proust-Moment?
Vielleicht dies: Kunst entsteht dort, wo Rahmung nicht bloß adelt, sondern Bedingungen sichtbar macht; wo Praxis nicht bloß produziert, sondern sich selbst mitreflektiert; und wo Zeit nicht bloß verfließt, sondern als Widerstand oder Rückschlag spürbar wird.
Obrist liefert die Lektion der Zirkulation: Ohne Formen der Veröffentlichung, ohne Kataloge, ohne tragbare Ausstellungen bleiben Erfahrungen privat und stumm – oder verschwinden im Schrank. Mersch liefert die Lektion der Zumutung: Ohne krinein, ohne Unterscheidung, ohne die Arbeit am Wie, wird alles Kunst – und damit nichts. Und Proust liefert die Lektion des Ereignisses: Ohne jene unwillkürliche Zeit, die einen trifft, bleibt Zufall bloße Streuung.
KI-Bilder stehen genau zwischen diesen Polen. Sie können überwältigen, schmeicheln, verführen – und damit in die Kaufhausästhetik kippen. Sie können aber auch – in der Hand einer Praxis, die sich nicht mit „Output“ zufriedengibt – zum Material werden, an dem sich etwas entzündet: eine Kritik der Klischees, eine Störung der Blickgewohnheit, vielleicht sogar (selten, aber möglich) ein Proust-Moment.
Der Küchenschrank lehrt: Manchmal reicht eine kleine Maßstabsverschiebung, damit die Welt nicht mehr „normal“ ist. Aber ob aus dieser Verschiebung Kunst wird, entscheidet sich nicht am Ketchup. Entscheidend ist, ob daraus eine Form entsteht, die mehr tut, als zu gefallen: eine Form, die Zeit hat – oder Zeit macht.
Das ist mein zweiter Beitrag zur sehr interessanten Kölner Veranstaltung. Kunst im Kontext #66: Artistic versus Artificial Intelligence. Zur Kritik künstlicher Kreativität