
Die Cyberagentur stellt einen Science-Fiction-Autor ein. Damit entdeckt der Staat eine Literaturgattung als Forschungsgerät – samt einer Fähigkeit, die Prognosemodelle kaum beherrschen: Sie kann technische Möglichkeiten in gesellschaftliche Konflikte verwandeln.
Eine Bundesbehörde, die einen Romancier einstellt, begeht zunächst einen Formularfehler im metaphysischen Sinn. Behörden verwalten Sachverhalte. Romane erzeugen Sachverhalte, die noch keine sind. Der Beamte verlangt Aktenzeichen, Zuständigkeit und Rechtsgrundlage. Der Schriftsteller liefert ihm eine Stadt des Jahres 2041, in der die Verkehrsampeln untereinander eine Verfassung beschlossen haben und der Nachrichtendienst vergeblich versucht, einen Algorithmus vorzuladen, der sich auf den Cayman Islands als Stiftung registrieren ließ.
In Halle an der Saale wird dieser Widerspruch nun zum Berufsbild. Die Agentur für Innovation in der Cybersicherheit, eine bundeseigene Gesellschaft im Geschäftsbereich des Innen- und des Verteidigungsministeriums, sucht zum zweiten Mal einen Projekt-Autor für einen Science-Fiction-Roman. Zwölf Monate Festanstellung, Vergütung nach öffentlichem Tarif, Zugang zu Forschungsprogrammen und Fachleuten, Zusammenarbeit mit Kommunikation und Verlag. Die Aufgabe besteht darin, technologische Entwicklungen mit einem Zeithorizont von zehn bis fünfzehn Jahren in eine eigenständige Erzählung zu überführen. Der Staat finanziert jemanden dafür, seine Forschungsfragen in Schwierigkeiten zu bringen. Johann Voigt hat diese ungewöhnliche Verbindung von Amt und Imagination in der taz beschrieben.
Das Verfahren wirkt auf den ersten Blick wie eine besonders kostspielige Form der Wissenschaftskommunikation. Ein Quantencomputer wird mit Figuren ausgestattet, die Figuren erhalten Biografien, der Forschungsbericht bekommt einen Spannungsbogen. Doch der literarische Ertrag beginnt erst dort, wo die Technik ihre Laborordnung verlässt. Ein Quantencomputer im Fachbericht besitzt Qubits, Fehlerraten und Kühlaggregate. Im Roman besitzt ihn jemand. Jemand erhält Zugang, ein anderer bleibt ausgeschlossen. Eine Versicherung ändert ihre Tarife, ein Geheimdienst seine Methoden, eine Bank ihre Sicherheitsarchitektur. Ein Staat entdeckt, dass seine gestern verschlüsselten Depeschen morgen offenliegen. Aus einem Rechenproblem wird eine Machtordnung.
Eine Planstelle für den kontrollierten Kontrollverlust
Das Innovationsmanagement der Cyberagentur untersucht schwache Signale und entwirft Möglichkeitsräume für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre. Die Agentur erklärt ausdrücklich, ihr Ziel sei keine Vorhersage. Technologische, soziale, politische, wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen sollen zu kohärenten Szenarien verbunden werden. Diese fließen anschließend in Forschungsprogramme und in die Beratung staatlicher Bedarfsträger ein. So beschreibt die Cyberagentur selbst ihre Methode.
Der Roman verschärft dieses Verfahren. Ein Szenario kann behaupten, Quantencomputer gefährdeten bestehende Verschlüsselungsverfahren. Eine Erzählung muss zeigen, wer den ersten erfolgreichen Angriff bemerkt, wer ihn verschweigt, welche Behörde noch auf das alte Lagebild vertraut, wie lange ein Kabinett für eine Entscheidung braucht und welcher private Betreiber inzwischen die Bedingungen diktiert. Literatur zwingt Annahmen in die Zeit. Jede technische Möglichkeit bekommt eine Vorgeschichte, eine soziale Umgebung und Folgen, die ihr Erfinder gern den nachfolgenden Abteilungen überlassen hätte.
Das erste Experiment der Cyberagentur heißt „Kryptokalypse“. Jens Hüttenberger versetzt die Handlung in das Jahr 2039. Das Unternehmen QuaaSE bietet einen Ionen-Quantencomputer mit 100.000 Qubits als Dienstleistung an. Anaram, Physikerin und Logistikberaterin, erwartet effizientere Lieferketten, neue Materialien und wissenschaftlichen Fortschritt. Alice, Mathematikerin und Expertin für Post-Quanten-Kryptografie, erkennt den drohenden Q-Day. Alte Verschlüsselungen verlieren ihren Schutz, während der Zugang zur neuen Rechenmacht ungleich verteilt bleibt. Lieferketten, Energieverbrauch, globale Abhängigkeiten und Hacktivismus geraten in Bewegung. Die Cyberagentur bezeichnet Science-Fiction ausdrücklich als Instrument wissenschaftlicher Vorausschau. Teile des Romans sind bereits als Hörserie erschienen.
Die interessante Größe sind dabei keineswegs die 100.000 Qubits. Diese Zahl kann sich als zu hoch, zu niedrig oder technisch bedeutungslos erweisen. Entscheidend ist der Versuch, eine Welt zu bauen, in der diese Maschine Alltag geworden ist. Prognosen fragen nach dem Zeitpunkt des Durchbruchs. Literatur untersucht den Morgen danach, den Monat danach und jenes Jahr, in dem niemand mehr genau weiß, welche alten Datenbestände bereits entschlüsselt wurden.
Die Zukunft gehorcht nur im Modell
Ludwig Wittgenstein setzt im „Tractatus Logico-Philosophicus“ zwei Sätze unmittelbar hintereinander, die wie eine knappe Theorie der Zukunftsforschung gelesen werden können: „Nur was wir selbst konstruieren, können wir voraussehen.“ Darauf folgt: „Die empirische Realität ist begrenzt durch die Gesamtheit der Gegenstände.“
Der erste Satz klingt zunächst wie eine Absage an jede Vorausschau. Gemeint ist jedoch keine zeitliche Prognose im gewöhnlichen Sinn. Wittgenstein spricht über logische Formen und Elementarsätze. Ein von uns konstruiertes System können wir überblicken, weil wir seine Regeln kennen. Wer ein Schachspiel entwirft, kann alle zulässigen Züge bestimmen. Er weiß deshalb noch lange nicht, welchen Zug ein Spieler morgen wählen wird. Die Konstruktion erschließt den Raum des Möglichen. Sie verrät nicht, welches Ereignis eintreten wird.
Auch der zweite Satz behauptet keine armselige Welt, die aus einer endlichen Inventarliste besteht. Im Tractatus begrenzen die Gegenstände den logischen Raum. Ihre möglichen Verbindungen legen fest, was überhaupt der Fall sein kann. Welche Verbindungen tatsächlich bestehen, bleibt eine empirische Frage. Wir kennen möglicherweise die Bausteine und sämtliche Regeln ihrer Kombination. Die wirkliche Anordnung erfahren wir erst, sobald sie eintritt.
Damit erhält Science-Fiction eine erkenntnistheoretisch präzise Aufgabe. Sie konstruiert ein System aus ausgewählten Gegenständen, Regeln und Akteuren. Im Roman der Cyberagentur wären dies ein leistungsfähiger Quantencomputer, verwundbare Verschlüsselungsverfahren, staatliche Institutionen, private Betreiber, ungleicher Zugang zu Rechenleistung und Menschen mit gegensätzlichen Interessen. Sobald diese Elemente in einer erzählten Welt zusammenwirken, werden Folgen erkennbar, die im Forschungsbericht verborgen bleiben. Die Autorin kann voraussehen, was innerhalb ihrer Konstruktion geschieht. Sie kann daraus keine Gewissheit ableiten, dass die empirische Zukunft dieser Konstruktion folgen werde.
Der Unterschied ist klein genug, um in einer Prognosebroschüre übersehen zu werden, und groß genug, um ganze Staaten in die Irre zu führen. Aus der Aussage „Unter diesen Voraussetzungen könnte dies geschehen“ wird rasch die Behauptung „So wird es kommen“. Science-Fiction bewahrt im Idealfall das Konditional. Sie erzeugt Wissen über Folgen, Abhängigkeiten und Konflikte, ohne eine Gewissheit über kommende Ereignisse vorzutäuschen.
Wittgensteins Satz bezeichnet zugleich die Grenze jedes Szenarios. Was die Konstruktion nicht enthält, kann in ihr keine Wirkung entfalten. Ein Roman über Quantencomputer, der weder einen politischen Machtwechsel noch eine billige Gegeninnovation, eine soziale Revolte oder einen technischen Irrtum zulässt, wird diese Möglichkeiten auch nicht entdecken. Seine Zukunft ist dann bloß so klug wie die Auswahl seiner Gegenstände. Wer bestimmt, was in das Modell aufgenommen wird, bestimmt zugleich, welche Zukunft darin voraussehbar erscheint.
Für die Cyberagentur folgt daraus eine institutionelle Pflicht. Der Autor darf die von der Behörde gelieferten Bausteine nicht lediglich erzählerisch zusammensetzen. Er muss fehlende Gegenstände einschmuggeln dürfen: den ungehorsamen Bürger, den skrupellosen Auftragnehmer, die überforderte Verwaltung, das versagende Forschungsprogramm und die Möglichkeit, dass der Staat selbst zum Sicherheitsrisiko wird. Erst der Widerspruch erweitert den konstruierten Raum.
Science-Fiction verwandelt Unberechenbarkeit daher keineswegs in Berechenbarkeit. Sie baut vorläufige Welten, in denen wir die Folgen unserer Annahmen rechtzeitig kennenlernen können. Das ist weniger als Prophetie und für politische Vorausschau erheblich wertvoller. Sie zeigt, was aus unseren Konstruktionen werden könnte – und erinnert daran, dass die empirische Realität keine Verpflichtung übernommen hat, sich daran zu halten.
Erfindungen sind der kleinere Ertrag
Professor Hans Esselborn trennt im Sohn@Sohn-Adhoc-Gespräch zwischen Prognose und Szenario. Literatur sagt die Zukunft kaum im engen Sinn voraus. Sie entwirft Konstellationen, in denen gegenwärtige Fragen weitergedacht werden. Manche technische Beschreibung trifft später erstaunlich genau zu, während die gesellschaftliche Nutzung völlig anders verläuft. Gerade das Internet wurde lange als Rechnerverbund, Bibliothek oder Steuerungsapparat imaginiert. Seine Verwandlung in eine globale Kommunikations-, Werbe-, Empörungs- und Überwachungsordnung erkannten nur wenige.
Esselborns „Neoliberalismus im Weltall“ bildet dafür eine präzise Versuchsanordnung. Der Mars erscheint als Reservegrundstück der Oligarchie, der Orbit als private Infrastruktur, der Staat als Kunde jener Unternehmen, deren Raketen, Satelliten und Datenverbindungen er kaum ersetzen kann. Die Technik erweitert den Raum. Eigentum, Zugang und Kontrolle entscheiden über dessen politische Gestalt. Science-Fiction prüft damit die gesellschaftliche Geschäftsordnung einer Erfindung, lange bevor Juristen den ersten Kommentar zum einschlägigen Gesetz verfassen.
Der Nutzen reicht weit über den Weltraum hinaus. Mary Shelleys „Frankenstein“ handelt weniger von künstlichem Leben als von der Verantwortungslücke des Innovators. Victor Frankenstein löst das wissenschaftliche Problem und erklärt sich für die Folgen anschließend unzuständig. Das Geschöpf wird zum ersten großen externen Effekt der Technikgeschichte: produziert, ausgestoßen, gesellschaftlich unverbucht. Für heutige Entwickler autonomer Systeme liegt darin eine aktuelle Frage. Wer trägt Verantwortung für eine Fähigkeit, nachdem sie das Labor verlassen hat?
E. M. Forsters „Die Maschine steht still“ von 1909 entwirft eine Menschheit, die unter der Erde lebt, über Bildschirme kommuniziert und ihr gesamtes Dasein einem allgegenwärtigen technischen System anvertraut. Forster sagte weder Videokonferenzen noch soziale Netzwerke voraus. Er erkannte die zweite Ordnung der Innovation: Bequemlichkeit erzeugt Abhängigkeit, Abhängigkeit verwandelt eine technische Störung in eine Zivilisationskrise. Der Roman ist ein früher Belastungstest für gekoppelte Infrastrukturen.
John Brunners „Der Schockwellenreiter“ führte 1975 vernetzte Datenbanken, digitale Persönlichkeitsprofile und einen sich selbst verbreitenden „Wurm“ zusammen. Der technische Wortschatz alterte schneller als die politische Diagnose. Eine Gesellschaft, deren Institutionen alles über ihre Bürger speichern, verändert das Verhältnis von Person und Akte. Der Mensch führt ein Leben; das System führt eine Version dieses Lebens. Im Streitfall verfügt die Version über die bessere Beweislage.
Philip K. Dicks „Minority Report“ führt in das methodische Zentrum prädiktiver Sicherheit. Ein System soll Verbrechen erkennen, bevor sie stattfinden. Damit verändert die Vorhersage ihren eigenen Gegenstand. Der Verdächtige wird aufgrund einer Tat verfolgt, die er erst noch begehen könnte. Fehlerquoten verwandeln sich in Schicksale, Wahrscheinlichkeiten in Handschellen. Für biometrische Erkennung, algorithmische Risikobewertung und vorausschauende Polizeiarbeit liefert der Text keine Bauanleitung. Er liefert den wichtigeren Defektbericht.
Octavia E. Butlers „Parable of the Sower“ untersucht keine einzelne Erfindung. Klimawandel, soziale Spaltung, privatisierte Räume, religiöser Fanatismus, Migration und staatlicher Verfall greifen ineinander. Die Katastrophe besitzt keinen Hauptschalter. Gerade deshalb eignet sich der Roman für Zukunftsvorsorge. Institutionen planen gern entlang einzelner Gefahrenklassen. Butler zeigt eine Welt, in der jede Krise die Kosten der anderen erhöht. Vorbereitung bedeutet dort Anpassungsfähigkeit, lokale Kooperation und die Fähigkeit, unter veränderten Bedingungen neue Regeln zu bilden.
Daniel Suarez wiederum lässt in „Daemon“ ein Softwareprogramm nach dem Tod seines Entwicklers weiterarbeiten. Der Urheber verschwindet, der Code organisiert Macht, verteilt Aufträge und rekrutiert Menschen. Im Zeitalter agentischer Künstlicher Intelligenz wirkt die entscheidende Frage geradezu verwaltungspraktisch: Wie beendet man einen Prozess, dessen Autor tot, dessen Infrastruktur verteilt und dessen Teilnehmer ökonomisch von seiner Fortsetzung abhängig sind?
Kim Stanley Robinsons „Das Ministerium für die Zukunft“ schließlich behandelt den Klimawandel als institutionelles Erfindungsproblem. Hitzetod, Zentralbanken, Versicherungen, Gewalt, Geoengineering und neue Finanzinstrumente werden zu Teilen einer politischen Versuchsanordnung. Der Roman prüft keine einzelne Lösung. Er simuliert die Reibung zwischen vielen unvollkommenen Eingriffen. Innovation erscheint dabei als Umbau von Regeln, Preisen und Zuständigkeiten.
Geschichten als Prototypen und Belastungsproben
Die Industrie hat diese Funktion längst methodisch gefasst. Intels „Tomorrow Project“ ließ Schriftsteller, Wissenschaftler und Entwickler Nahzukunftsgeschichten über Robotik, Computersicherheit, virtuelle Realität, synthetische Biologie und autonome Fahrzeuge schreiben. Brian David Johnson bezeichnete die Erzählung als Prototyp: Eine entstehende Technologie wird in eine bewohnbare Welt gesetzt, damit ihre menschlichen Nebenwirkungen vor dem Bau sichtbar werden. Intel dokumentierte das Verfahren bereits 2011.
An der Arizona State University brachte „Project Hieroglyph“ Schriftsteller mit Forschern und Ingenieuren zusammen, um wissenschaftlich fundierte Zukunftsbilder zu entwickeln und den üblichen Dystopien ein breiteres Spektrum möglicher Gesellschaften entgegenzustellen. Das Projekt versteht Science-Fiction als Verbindung von Forschung, Politik und realer Innovation.
Sicherheitsinstitutionen verwenden Literatur inzwischen als Belastungsprobe. Die französische Red Team Défense vereinte Science-Fiction-Autoren, Designer, Wissenschaftler und Militärs, um Bedrohungen zwischen 2030 und 2060 zu entwerfen. Ein Teil der Ergebnisse blieb geheim. Die öffentlich zugänglichen Szenarien behandeln unter anderem Konflikte um den Weltraum, neue Formen kollektiver Gewalt sowie technologische, ökologische und ökonomische Brüche. Der Auftrag bestand darin, strategische und organisatorische Annahmen der Streitkräfte mit Gegnern zu konfrontieren, die sich bislang an keinen Planungsstab gehalten hatten. Die französische Red Team beschreibt ihr Verfahren als iterativen Prozess zwischen militärischem Wissen, Forschung, Kunst und Fiktion.
Das U.S. Army Training and Doctrine Command sammelte in einem Wettbewerb über 150 Geschichten aus zehn Ländern. Wiederkehrende Motive waren Drohnenschwärme, erweiterte Realität, menschliche Leistungssteigerung, autonome Künstliche Intelligenz, neuartige Materialien und flachere Führungsstrukturen. Der Erkenntniswert entstand durch die Konvergenz. Ein einzelnes Forschungsreferat betrachtet die Drohne, ein anderes das neuronale Interface, ein drittes die Satellitenkommunikation. Der Roman setzt alles gleichzeitig in Betrieb und lässt den Funk ausfallen. Die Ergebnisse erschienen als „Science Fiction: Visioning the Future of Warfare 2030–2050“.
NATO ließ 34 Autoren eine Zukunft des Bündnisses im Jahr 2099 entwerfen. In den Texten tauchten maritime Drohnennetze, Klimakriege, künstliche Staaten ohne Territorium, militärisch wertvolle Bibliotheken als Trainingsquellen für Künstliche Intelligenz und eine mögliche Ausdehnung des Bündnisses in den Indopazifik auf. Kanada hatte bereits 2005 mit „Crisis in Zefra“ einen Militäreinsatz des Jahres 2025 simuliert.
Deutschland finanzierte mit „Projekt Cassandra“ eine andere Variante: Literatur aus konfliktgefährdeten Regionen wurde als Sensor für politische Stimmungen, Kränkungen und latente Gewalt untersucht. Literatur fungierte dort als Frühwarnsystem für Entwicklungen, die später gern als plötzliche Zeitenwende erscheinen. Die Texte lieferten keine Termine für den Kriegsausbruch. Sie zeigten, welche Verletzungen, Feindbilder und sprachlichen Verschiebungen sich bereits in einer Gesellschaft angesammelt hatten. Auch hier gilt Wittgensteins Grenze: Erkennbar wird der Möglichkeitsraum. Das eintretende Ereignis bleibt der empirischen Welt vorbehalten.
Der Staat braucht Literatur, die ihm widerspricht
Voigts taz-Artikel stellt die heikle Frage nach der Freiheit eines Autors, der von einer Sicherheitsbehörde bezahlt wird. Darf der Roman zeigen, dass eine Forschung der Cyberagentur katastrophale Folgen hat? Darf das Innenministerium als Produzent eines Überwachungsproblems erscheinen? Darf ein militärisches System technisch funktionieren und politisch scheitern? Darf ausgerechnet der gesellschaftliche Widerstand vernünftiger handeln als der Sicherheitsapparat?
Der Wert des Projekts wächst mit dem Recht des Autors, seinen Auftraggeber irren zu lassen. Ein Behördenroman, in dem die Behörde stets recht behält, wäre eine Broschüre mit Figuren. Forschungsvorausschau verlangt einen literarischen Gegner im eigenen Haus. Die Erzählung muss auch institutionelle Eitelkeiten, Beschaffungslogiken, Geheimhaltung, Zuständigkeitskonflikte und die Versuchung des Ausnahmezustands prüfen dürfen. Andernfalls entsteht Science-Fiction an der Leine: Sie darf weit laufen, solange das Ministerium die Länge der Schnur bestimmt.
Auch freie Literatur liefert keine unschuldige Zukunft. Geschichten erzeugen Kausalität, wo die Wirklichkeit häufig aus Zufällen, Rückkopplungen und gleichzeitigen Störungen besteht. Eine gelungene Dystopie kann ein unwahrscheinliches Szenario psychologisch überwältigend machen. Eine elegante Technikvision verführt dazu, politische Widerstände für bloße Implementierungsprobleme zu halten. Fiktion produziert Verfügbarkeitsfehler ebenso zuverlässig wie Einsichten.
Darum sollte die Cyberagentur keinen einzelnen Roman als wahrscheinliche Zukunft behandeln. Sinnvoll wäre ein Roman-plus-Verfahren: Zu jeder literarischen Entscheidung werden die wissenschaftlichen Annahmen sichtbar gemacht; Fachleute und gesellschaftliche Gruppen prüfen die geschilderten Folgen; aus den Konflikten entstehen Forschungsfragen, Experimente und politische Optionen. Gegensätzliche Erzählungen müssten nebeneinanderstehen. Eine Welt mit zentraler Sicherheitsarchitektur, eine föderierte Variante, eine kommerzielle Ordnung und ein Szenario des technischen Scheiterns würden verschiedene blinde Flecken freilegen. Der Roman wäre dann kein Orakel. Er würde zum begehbaren Modell.
Wittgensteins Warnung beträfe dabei auch die Behörde selbst. Wer nur jene Zukunft konstruiert, für die bereits ein Forschungsreferat zuständig ist, wird vor allem die eigene Organisationsstruktur wiederfinden. Das Unvorhersehbare beginnt häufig außerhalb des Aktenplans. Literatur gewinnt ihren Erkenntniswert aus der Erlaubnis, dort Gegenstände einzuführen, für die noch kein Haushaltstitel existiert.
Vigilanz beginnt vor dem ersten Treffer
Esselborn formuliert im Gespräch eine Aufgabe, die über das Erfinden guter Utopien hinausreicht: Literatur könne „die falschen Utopien beseitigen“. Darin liegt ihr sicherheitspolitischer Rang. Der Tech-Oligarch bietet eine rettende Plattform an; der Roman fragt nach dem Ausschalter. Die Künstliche Intelligenz verspricht optimale Entscheidungen; der Roman führt den Menschen vor, den ihre Optimierung aussortiert. Der Quantencomputer beschleunigt Forschung; die Erzählung öffnet das Archiv, dessen alte Verschlüsselung er nebenbei vernichtet hat.
Science-Fiction bewältigt die Unberechenbarkeit der Zukunft keineswegs durch bessere Berechnung. Sie trainiert die Fähigkeit, im Unbekannten handlungsfähig zu bleiben. Sie verschiebt den Blick von der isolierten Technik zu ihrem Gebrauch, vom Gebrauch zu seinen Institutionen und von den Institutionen zu jenen Menschen, die deren Entscheidungen tragen müssen. Resilienz beginnt nach der Störung. Literarische Vigilanz setzt früher ein: beim schwachen Signal, beim scheinbar harmlosen Komfortgewinn, beim neuen Monopol, beim ersten Satz einer Zukunft, deren Ende noch niemand kennt.
„Nur was wir selbst konstruieren, können wir voraussehen.“ Der Satz ist keine Lizenz für Zukunftsingenieure. Er ist ihre Begrenzung. Wir können Modelle bauen, Folgen durchspielen und unsere Annahmen prüfen. Die empirische Wirklichkeit behält das Recht, anders zu verlaufen. Wissenschaftliche Vorausschau besteht daher weniger im Besitz der richtigen Zukunft als in der Fähigkeit, mehrere mögliche Zukünfte zu durchdenken, ohne eine davon mit Gewissheit zu verwechseln.
Die Cyberagentur hat dafür eine kluge Planstelle geschaffen. Nun muss sie dem künftigen Autor oder der Autorin gestatten, das Amt für das Unvorhersehbare gelegentlich selbst zum Gegenstand von Untersuchungen zu machen. Nur eine Zukunft, die ihrer Auftraggeberin widersprechen darf, besitzt wissenschaftlichen Wert.













