Das Tribunal der Sätze: Sebastian Haffners Blick auf die Gruppe 47 und der Nachruhm einer literarischen Macht

Kritik, fragt Felicitas von Lovenberg zu Beginn dieser Kulturzeit-Sendung, was war das einmal, was ist das heute noch? Schon diese Frage trägt die ganze Distanz in sich. Man blickt nicht auf ein Archivstück wie auf ein museales Kuriosum. Man sieht eine Republik bei einer ihrer Selbstprüfungen. Das Material aus dem Jahr 1963, von Sebastian Haffner mit kühler Neugier und feinem Spott betrachtet, zeigt kein gemütliches Autorentreffen, keine gesellige Lesevereinigung, keinen literarischen Betriebsausflug. Es zeigt ein Tribunal aus Rauch, Krawatten, Stirnfalten, Manuskriptblättern, Machtgesten und Urteilen.

Die Gruppe 47 war zu diesem Zeitpunkt längst Legende und Betrieb, Freundeskreis und Auswahlapparat, Labor und Gerichtshof. Hans Werner Richter lädt ein, andere warten auf das kleine Zeichen der Zugehörigkeit, Verlage horchen, Kritiker rücken nach vorn, Autoren nehmen Platz auf einem Stuhl, der in der literarischen Erinnerung längst heißer geworden ist, als er damals physisch gewesen sein mag. Haffner zeigt diese Welt mit jener englisch geschulten Distanz, die ihn auszeichnete. Er lässt das Pathos des westdeutschen Literaturbetriebs stehen, ohne ihm zu verfallen. Er nimmt die Rituale ernst und legt ihre Komik frei.

Im Studio sitzen 2011 Felicitas von Lovenberg, Ijoma Mangold, Sibylle Lewitscharoff und Denis Scheck. Vier Stimmen, die keineswegs den alten Betrieb nachspielen, ihn aber in seinen Nachwirkungen kennen. Scheck sieht sofort die männliche Konkurrenzordnung. Sein Bild vom literarischen Höhenpinkeln mag derb sein, trifft aber die Körperlichkeit dieser Szene. Lewitscharoff erkennt die Rechthaberei einer Generation, die im Alter vielfach zu Kanonen der Republik wurde. Mangold liest die Szene als Schule des öffentlichen Urteils. Von Lovenberg achtet auf die Veränderung des Tons, auf die verlorene Zumessung, auf das Verhältnis von Autor, Kritiker und Publikum.

Das Schwarzweiß der Gesichter

Das Filmmaterial ist schwarzweiß, doch die eigentliche Schwärze liegt nicht im Bild. Sie liegt in der Entschiedenheit der Urteile. Die Kamera zeigt Hans Werner Richter, Peter Rühmkorf, Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Walter Höllerer, Martin Walser, Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger. Namen, die später ganze Regalmeter der Bundesrepublik füllen. Hier aber sind sie noch in einem Raum zusammengedrängt, rauchend, lauschend, wartend, prüfend. Man sieht keine Denkmäler. Man sieht Menschen bei der Herstellung von Autorität.

Die Physiognomien erzählen fast so viel wie die Sätze. Reich-Ranicki erscheint in jenem Aggregatzustand vor der endgültigen Fernsehverwandlung, Walter Jens als Professor mit Angriffslust, Hans Mayer mit gewichtiger Formulierung, Höllerer mit einer anderen, leichteren Beweglichkeit. Enzensberger lächelt schmal, Grass spricht überraschend geschmeidig, Walser wirkt bereits als Teil eines Kraftfelds, das aus Zustimmung, Rivalität und Selbstbehauptung besteht. Bachmann, deren Name im späteren Betrieb als Taufpatin eines anderen Wettbewerbs weiterlebt, gehört in dieser Erinnerung bereits einer anderen Sphäre an: nicht der bloßen Gruppenzugehörigkeit, mehr der Zerbrechlichkeit literarischer Evidenz.

Haffners Film hat eine seltene Qualität. Er glaubt der Gruppe 47 ihre Bedeutung und misstraut ihrer Selbstbeschreibung. Diese Doppelperspektive rettet ihn vor der Denunziation und vor der Verehrung. Er nimmt wahr, dass hier eine Gesellschaft das Sprechen übt, die sich eben erst aus den Trümmern der Diktatur, des Krieges, der Sprachvergiftung herausgearbeitet hat. Zugleich sieht er die Rituale der Zugehörigkeit, die Herrschaft des Einladers, die ungeschriebene Verfassung, die gerade dadurch wirksam wird, dass niemand sie abstimmen muss.

Hans Werner Richters kleine Republik

Richter sagt im Film sinngemäß, er gebe jedes Jahr ein Fest und lade seine Gäste ein. Dieser Satz enthält die ganze Verfassung der Gruppe. Kein Statut, kein Vorstand, kein offizielles Mandat. Ein Mann lädt ein, und die Eingeladenen bilden für ein paar Tage eine literarische Republik mit sehr klaren Grenzen. Wer liest, darf sich nicht verteidigen. Wer kritisiert, braucht keine schriftliche Begründung. Wer draußen bleibt, darf sich über Ausschluss empören und bestätigt damit zugleich die Macht des Kreises.

Das ist vormodern und modern zugleich. Vormodern ist die persönliche Souveränität Richters, seine Rolle als Gastgeber, Patron, Zeremonienmeister. Modern ist die Öffentlichkeit, die sich bald dazuschaltet: Rundfunk, Fernsehen, Feuilleton, Verlage, Preise. Die Gruppe 47 hat ihre Autorität nie im Namen einer Institution ausgeübt, sie wirkte institutionell, weil der Literaturbetrieb sie als Instanz akzeptierte. Der alte Satz vom literarischen Leben als Republik der Briefe bekam hier eine bundesdeutsche Nachkriegsfassung: Einladungskarten, Manuskripte, Verrisse, Schnaps nach der Lesung, Gerüchte am Rand.

Fritz J. Raddatz hat diese Welt in seinen Tagebüchern mit einer Mischung aus Faszination, Verletztheit und Spott festgehalten. Seine Notizen zu Richter sind von Sympathieverlust, Rangbewusstsein, Rivalität durchzogen. Er sieht den Organisator, den Machtverteiler, den Mann, der andere anzieht und zugleich kränkt. In den Tagebuchpassagen über Saulgau steht die Gruppe nicht als Mythos da, eher als soziales Gewebe aus Eitelkeit, Sehnsucht, taktischer Nähe, abfälligen Urteilen, dem Wunsch, dazugehörig zu sein, und der Angst, von der falschen Instanz beurteilt zu werden. Gerade bei Raddatz wird sichtbar, wie wenig diese Literaturgeschichte aus reinen Texturteilen bestand. Sie bestand aus Tonfällen, Blicken, Tischordnungen, Einladungen, gekränkten Erwartungen.

Die Kritiker in der ersten Reihe

Der entscheidende Strukturwandel, den die Sendung sichtbar macht, liegt in der Verschiebung vom Autorenkreis zur Kritikerbühne. Am Anfang stand ein Kreis von Schreibenden, die sich gegenseitig Manuskripte vorlasen. Später sitzen die Berufskritiker vorn, ordnen, werten, fällen Sätze mit sofortiger Wirkung. Günter Grass spricht im Film von diesem Vordrängen der Kritiker. Er sagt das noch mit einer Milde, die spätere Selbstinszenierungen überdeckt haben. Im alten Material wirkt er weniger als Poltergeist, eher als Beobachter seiner eigenen literarischen Umgebung.

Die Kulturzeit-Runde erkennt daran eine bis heute wirkende Frage: Wem gehört die Öffentlichkeit der Literatur? Den Schreibenden, den Deutenden, den Verlagen, den Medien, dem Publikum? Die Gruppe 47 entschied diese Frage nie offiziell. Praktisch aber verschob sich die Macht zu jenen, die Sätze über Sätze sprechen konnten. Kritik wurde Ereignis. Ein Verriss war nicht Nachtrag zur Literatur, er wurde Teil des literarischen Vorgangs. Das Urteil trat neben den Text, manchmal vor den Text.

Das erklärt die Mischung aus Faszination und Abwehr, die dieses Material auslöst. Man bewundert die Konzentration, die Schnelligkeit, den Anspruch, den Ernst der Textarbeit. Man erschrickt über die Selbstgewissheit, mit der Urteile gesprochen werden. Ijoma Mangold weist darauf hin, dass viele Argumentfiguren gar nicht so weit entfernt sind von heutigen Jurydiskussionen. Langweilig, zu direkt, formal gelungen, stofflich verfehlt, keine innere Notwendigkeit: Die Vokabeln altern weniger schnell als die Kleidung. Was sich verändert hat, ist die Aura des Urteils. Damals klang es, als könne eine literarische Instanz den Wert eines Textes feststellen. Heute hört man in jedem Urteil die Möglichkeit seiner Revision mit.

Die Rechthaber-Kanonen der Republik

Sibylle Lewitscharoffs Formulierung von den Rechthaber-Kanonen trifft die Nachgeschichte. Viele der damals Anwesenden wurden zu Großkritikern, Großautoren, Großintervenienten der Bundesrepublik. Das Präfix „Groß“ ist hier nicht nur Würde, es ist auch Last. Wer in der Nachkriegszeit öffentlich sprechen lernte, sprach später oft weiter, als habe er einen Dauerausweis für moralische, ästhetische, politische Letztinstanzen erhalten. Walter Jens, Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki: Sie alle wurden auf unterschiedliche Weise Figuren einer Republik, die ihre Konflikte gern über Personen dramatisierte.

Lewitscharoff sieht in diesem Material eine Rechthaberei, die durch Biographien bestätigt wird. Man muss ihr nicht in jedem Einzelfall folgen, um die Diagnose ernst zu nehmen. Die Gruppe 47 war auch eine Schule des endgültigen Satzes. Wer dort bestehen wollte, musste zuspitzen, abwehren, einordnen, mit wenigen Worten Wirkung erzeugen. Die späte Bundesrepublik liebte solche Gestalten. Sie wollte Kritiker, die den Daumen senkten. Sie wollte Schriftsteller, die bei politischen Fragen mit Donnerstimme auftraten. Sie wollte öffentliche Intellektuelle, denen man widersprechen konnte, weil sie überhaupt noch als Gegner geeignet waren.

Heute wirkt diese Welt fremd. Nicht, weil es weniger Eitelkeit gäbe. Auch nicht, weil die Urteile milder geworden wären. Die sozialen Medien haben eigene Formen der Sofortkritik hervorgebracht, oft roher, schneller, weniger verantwortlich. Fremd wirkt die Voraussetzung, dass Literatur im Zentrum gesellschaftlicher Selbstverständigung stehen könne. Die Gruppe 47 konnte sich als Avantgarde fühlen, weil die Bundesrepublik noch auf der Suche nach Sprache, Legitimität und Weltgeltung war. Das Gewicht des literarischen Wortes kam aus einer geschichtlichen Lage, die man nicht wiederherstellen kann.

Die Werkstatt als Zivilisierungsritual

Denis Scheck und Ijoma Mangold lesen die Gruppe 47 in der Sendung auch als Zivilisierungsritual. Einer liest vor, wird angegriffen, hört zu, schweigt, bleibt im Raum. Danach geht man trinken. Das klingt harmloser, als es war. Nach einer deutschen Geschichte, in der Gegner rasch zu Feinden erklärt wurden, hatte diese Form der ritualisierten Kritik tatsächlich politische Bedeutung. Der Gegner im Saal blieb Gesprächspartner. Der Verriss ersetzte nicht die Person. Das war keine geringe Leistung.

Hans Werner Richter bestand auf Werkstattcharakter. Keine Grundsatzreferate, keine politischen Debatten während der Tagung, Lesen und Kritik. Haffner lässt diese Selbstbeschreibung stehen und zeigt zugleich, wie politisch diese angebliche Entpolitisierung war. Denn der Verzicht auf große Reden schuf einen Raum, in dem literarische Verfahren als demokratische Praxis erscheinen konnten. Zuhören, urteilen, widersprechen, aushalten. Die Bundesrepublik lernte auch an solchen Formen.

Dabei war die Gruppe nie unschuldig. Ihre Auswahlmechanismen waren intransparent, ihre Geschlechterordnung offenkundig, ihre ästhetischen Präferenzen begrenzt. Der Realismus hatte es leichter als das Abseitige, der gesellschaftlich lesbare Stoff leichter als die stille, schwer einzuordnende Prosa. Hermann Lenz ist in der Sendung ein Beispiel für Fehlurteile, die im Rückblick besonders grell erscheinen. Was nicht in die Erwartung passte, fiel durch. Auch ein Kanon entsteht aus Übersehen, nicht allein aus Entdeckung.

Haffners liberale Kunst des Abstands

Sebastian Haffner ist in diesem Material eine eigene Hauptfigur. Seine Stimme, seine Blickführung, sein ironisches Wohlwollen geben dem Film eine Haltung des Abstandes, ohne dass er sich über den Gegenstand erhebt. Er porträtiert die Gruppe als Macht ohne Amtszeichen. Er zeigt den Ritus und die Lächerlichkeit, die Ernsthaftigkeit und das Provinztheater, die literarische Ambition und die menschliche Komödie.

Sein Kommentar besitzt die Kunst der Beobachtung, die weder auf deutsche Weihe noch auf deutsche Verdammung angewiesen ist. Er fragt Richter nach Zuständigkeit, nach Regeln, nach dem Erfolgsgeheimnis, nach Politik. Er zwingt die Gruppe, sich selbst zu erklären. Gerade dadurch wird sichtbar, wie viel sie voraussetzt. Wer dazugehört, weiß, was getan werden darf. Wer neu ist, lernt es am Schmerz. Wer eingeladen wird, ist bereits geadelt. Wer nicht eingeladen wird, erkennt die Macht des Einladers.

Haffner zeigt die Gruppe 47 im Jahr 1963 als Institution ohne Schild an der Tür. Man könnte sagen: als literarische Machtform. Sie funktioniert über Präsenz. Alle müssen im Raum sein, die Stimme hören, den Körper des Lesenden sehen, die Reaktion der anderen spüren. In diesem Sinn ist der Film selbst Teil des Umbruchs. Das Fernsehen macht sichtbar, was vorher als halbprivates Ritual wirkte. Mit der Kamera beginnt die Verwandlung der Gruppe in ihr eigenes Archiv.

Raddatz und die Kränkung des Dabeiseins

Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz liefern dazu eine Gegenbeleuchtung. Raddatz schreibt aus dem Innern des Betriebs, jedoch mit der Schärfe eines Mannes, der nie vergisst, wo er steht, wer ihn übergeht, wer ihn einlädt, wer ihn benutzt. Seine Notizen zu Hans Werner Richter zeigen, wie sehr die Gruppe 47 auch eine Ökonomie der Anerkennung war. Es ging um Literatur, gewiss. Es ging ebenso um Rang, Nähe, Zugang, Verlagsmacht, publizistische Platzierung.

Raddatz’ Blick auf Saulgau, auf Richter, auf Johnson, auf die Gespräche am Rand, auf den Ton der Anwesenden, entzaubert den Mythos gerade dadurch, dass er ihn nicht zerstören muss. Er zeigt die soziale Temperatur. Wer liest? Wer kommentiert? Wer sitzt wo? Wer glänzt? Wer wird geschont? Wer gilt als schwierig? Wer darf verletzen? Wer wird verletzt? Die Literaturgeschichte der Gruppe 47 kann ohne solche Nebengeräusche nicht geschrieben werden. In ihnen spricht die Wahrheit des Betriebs.

Richter erscheint bei Raddatz weder als bloßer Tyrann noch als bloßer Ermöglicher. Er ist der Mann, der Türen öffnet und das Geräusch der Tür kontrolliert. Er schafft die Bühne und begrenzt sie. Er lädt ein, und die Einladung wird zum Urteil vor dem Urteil. Diese Macht ist nicht skandalös im plakativen Sinn. Sie ist die normale, alltägliche, schwer fassbare Macht kultureller Felder. Genau deshalb wirkt sie lange nach.

Das Ende des einen Raums

Die Kulturzeit-Diskussion fragt immer wieder, ob eine solche Gruppe heute noch denkbar wäre. Die Antwort liegt im Material selbst. Die Gruppe 47 brauchte einen Raum, in dem literarische Autorität konzentriert werden konnte. Einen Kreis, der noch nicht vollständig medial zerfasert war. Eine Öffentlichkeit, die auf wenige Kanäle reagierte. Eine Republik, die Schriftsteller und Kritiker als Instanzen akzeptierte, weil ihr eigener kultureller Grund noch verhandelt wurde.

Heute existiert der eine Raum nicht mehr. Es gibt Festivals, Jurys, Preise, Blogs, Podcasts, Feeds, Newsletter, Universitäten, Buchmessen, Streaming-Formate, soziale Plattformen. Jeder Kreis bildet sofort seine Gegenöffentlichkeit. Jede Einladung erzeugt den Verdacht der Auslassung. Jede Kritik steht im Schatten ihrer Kommentierung. Das bedeutet keinen Verlust an Literatur. Es bedeutet den Verlust jenes konzentrierten Machtformats, das die Gruppe 47 verkörperte.

Der rare Film von Haffner ist deshalb kein nostalgisches Dokument. Er zeigt eine politische Ästhetik des Nachkriegs: die Herstellung von Urteil unter Anwesenden. Er zeigt eine Literatur, die noch glaubte, sie könne der Republik Sprache geben. Er zeigt Kritiker, die glaubten, Wert lasse sich mit entschiedener Stimme feststellen. Er zeigt Autoren, die bereit waren, sich diesem Verfahren auszusetzen, weil die Wunde zugleich Eintrittskarte war.

Rauch, Rang und Nachruhm

Am Ende bleibt ein Bild: ein Saal voller Rauch, Männer in Anzügen, wenige Frauen, Manuskriptseiten, Gesichter im Halbprofil, Stimmen, die heute historisch klingen und doch wieder nahe rücken. Denn die Frage, die über diesem Material liegt, ist nicht vergangen. Wer darf urteilen? Wer stellt die Regeln auf? Wer nennt sich Werkstatt, während er Kanon produziert? Wer hält Kritik aus? Wer verwechselt Urteil mit Wahrheit?

Die Gruppe 47 war groß, notwendig, eitel, produktiv, ungerecht, geschichtsmächtig. Ihre Treffen waren keine literarische Idylle. Sie waren Orte der Formung, Auslese, Kränkung, Entdeckung. Haffners Film bewahrt diese Ambivalenz. Die Kulturzeit-Runde liest sie mit dem Abstand einer Epoche, die ihre eigenen Rituale längst erfunden hat und doch auf jene alte Szene blickt wie auf ein Gründungsdrama der Bundesrepublik.

Die Rechthaber-Kanonen sind verstummt oder historisch geworden. Ihre Einschläge hört man noch im Feuilleton, in den Preisreden, in der Vorstellung vom öffentlichen Intellektuellen, in der Sehnsucht nach einem Urteil, das Gewicht besitzt. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Materials: Literatur braucht Kritik, Kritik braucht Form, Form braucht Öffentlichkeit. Sobald daraus ein Hofstaat wird, beginnt der Nachruhm zu rosten. Sobald der Streit ganz verschwindet, bleibt nur noch Betrieb.

Deutschland ist nicht der Weltmittelpunkt #UNSicherheitsrat

Die verlorene Wahl zum UN-Sicherheitsrat ist keine nationale Demütigung. Sie ist eine Erinnerung an alte Bonner Tugenden: Maß, Respekt, Institutionenvertrauen und die Kunst, sich selbst nicht größer zu machen, als man ist.

Deutschland hat verloren. Nicht an Schurkenstaaten, nicht an eine Weltverschwörung, nicht an eine globale Undankbarkeit gegenüber deutscher Großzügigkeit. Deutschland hat eine Wahl verloren gegen Österreich und Portugal. Man muss diesen einfachen Satz einen Augenblick lang gegen die Erregung der Hauptstadt halten. Gegen das Wort von der Blamage. Gegen die schnelle innenpolitische Ausschlachtung. Gegen die Gewohnheit, jedes internationale Votum zunächst als Kommentar zur Berliner Regierungsfähigkeit zu lesen.

Portugal erhielt 134 Stimmen, Österreich 131, Deutschland 104; gewählt wurden neben den beiden europäischen Staaten auch Kirgistan, Trinidad und Tobago sowie Simbabwe für die Amtszeit 2027/2028 im UN-Sicherheitsrat. Die deutsche Bewerbung war in der westlichen Regionalgruppe keine Formsache. Österreich hatte seine Kandidatur bereits 2011 bekanntgemacht, Portugal folgte 2013, Deutschland stieg erst 2020 in das Rennen ein. Diese Chronologie allein sollte das Pathos dämpfen. Wer spät antritt, darf verlieren, ohne daraus gleich eine Staatskrise zu machen.

Die Kränkung einer Mittelmacht

Das Merkwürdige an den deutschen Reaktionen ist nicht die Enttäuschung. Merkwürdig ist der Unterton, als habe die Weltgemeinschaft eine Pflicht versäumt. Als sei ein Sitz im Sicherheitsrat eine Art moralischer Dauerauftrag zugunsten der Bundesrepublik. Als könne ein Land, weil es zahlt, mahnt, vermittelt, liefert und deklariert, am Ende Anspruch auf Zustimmung erheben.

Internationale Politik funktioniert anders. Sie kennt Dankbarkeit, aber sie organisiert sich nicht nach Dankbarkeit. Sie kennt Vertrauen, doch dieses Vertrauen entsteht nicht allein aus Selbstbeschreibung. Und sie kennt Respekt, auch gegenüber Ländern, die in Berlin gern als freundliche Nachbarn wahrgenommen werden, solange sie deutsche Erwartungen nicht durchkreuzen.

Österreich und Portugal haben diese Wahl gewonnen. Das verdient Anerkennung. Wien und Lissabon sind keine diplomatischen Platzhalter, die Deutschland ungebührlich den Weg versperrt hätten. Österreich verfügt über eine lange Tradition der internationalen Vermittlung, über Wien als Ort multilateraler Institutionen, über eine außenpolitische Grammatik, die im globalen Süden oft weniger belehrend wirkt als deutsche Weltverbesserungsprosa. Portugal wiederum hat historische, sprachliche und politische Verbindungen, die in Afrika, Lateinamerika und im atlantischen Raum Gewicht besitzen. Lissabon spricht in manchen Weltregionen nicht als verspäteter Oberlehrer Europas, Lissabon spricht als alter Seefahrer, als postimperiales Land, als europäischer Staat mit anderen Resonanzräumen. Deutschland sollte diese Resonanzräume nicht unterschätzen. Die Welt besteht nicht aus Fußnoten zur deutschen Debatte.

Bonner Maß gegen Berliner Reizbarkeit

Vielleicht ist der eigentliche Verlust nicht der Sitz im Sicherheitsrat. Vielleicht ist der eigentliche Verlust die Fähigkeit, Niederlagen politisch zu verarbeiten, ohne sofort in Selbstanklage oder Selbstüberhöhung umzuschlagen. Die Bonner Republik, bei allen Legenden, die sich später um sie legten, besaß eine Kunst des Maßes. Sie wusste um Begrenzung. Sie wusste, dass Deutschland nach 1945 keine außenpolitische Bühne betrat, auf der es mit großen Gesten glänzen sollte. Es trat ein in ein System aus Bindungen, Korrekturen, Westintegration, europäischem Ausgleich, parlamentarischer Kontrolle und historischer Verantwortung.

Bonn stand für die Einsicht, dass Demokratie nicht durch permanente Selbstinszenierung lebt. Sie lebt durch Institutionen, durch Verfahren, durch verlässliche Sprache, durch das Wissen um die eigene Geschichte. In Bonn entstanden die Sicherungen gegen Weimarer Verhältnisse: repräsentative Demokratie, Verhältniswahlrecht, Fünf-Prozent-Klausel, föderale Architektur, Bundesrat, Bundesverfassungsgericht, die Unterscheidung zwischen Mehrheit und Macht. Die Republik lernte, dass Demokratie nicht bloß aus Abstimmungen besteht. Sie braucht Formen, Schranken, Geduld, Vermittlung.

Joachim Gauck hat in seiner Abschiedsrede 2017 das vereinte Deutschland als „das beste, das demokratischste Deutschland“ bezeichnet, das es je gegeben habe. Dieser Satz war kein Triumphgesang. Er war eine Verpflichtung. Er sagte nicht: Wir sind fertig. Er sagte: Wir wissen, was auf dem Spiel steht.

Hennis und die drei Prüfsteine

Wilhelm Hennis, der große Leser der politischen Antike und der modernen Verfassungskunst, hätte in dieser Lage vermutlich nicht zuerst nach Empörung gefragt. Er hätte gefragt, ob die Gesetze klug genug sind, ob das politische Personal seinem Amt gewachsen ist und ob die Bürger eine republikanische Selbstbeherrschung besitzen. In der Tradition von Thukydides, Aristoteles und Tocqueville wird Stabilität nicht aus moralischer Lautstärke gewonnen. Sie entsteht aus Institutionenkraft, Personalqualität und Bürgertugend. Das klingt altmodisch. Gerade deshalb ist es aktuell.

Denn die überhitzte Reaktion auf die New Yorker Abstimmung verrät eine gefährliche Verschiebung. Außenpolitik wird zur Projektionsfläche innenpolitischer Erregung. Die einen wollen in der Niederlage den Beweis sehen, dass Deutschland moralisch versagt habe. Die anderen erklären sie zur Folge finsterer Intrigen. Wieder andere nutzen sie als Material für das tägliche Geschäft der Verächtlichmachung demokratischer Institutionen. So redet eine Republik, die sich selbst zu wenig zutraut und zugleich zu wichtig nimmt.

Die Republik braucht weniger Gekränktheit

Natürlich muss Deutschland aus dieser Wahl lernen. Es sollte prüfen, ob die Kampagne zu spät, zu schwerfällig, zu selbstgewiss geführt wurde. Es sollte verstehen, dass seine Nahostpolitik in vielen Regionen anders gelesen wird als in Berlin. Es sollte registrieren, dass Entwicklungspolitik, humanitäre Hilfe, Ukraine-Unterstützung, Israel-Verantwortung und wirtschaftliche Interessen international nicht in getrennten Schubladen liegen. Es sollte die Stimmen des globalen Südens nicht erst dann ernst nehmen, wenn sie bei geheimen Abstimmungen fehlen.

Doch Lernen beginnt mit Respekt. Respekt gegenüber Österreich. Respekt gegenüber Portugal. Respekt gegenüber den Staaten, die anders votiert haben. Respekt auch gegenüber der Tatsache, dass Deutschland eine wichtige Macht ist, aber kein natürlicher Mittelpunkt der internationalen Ordnung.

Die Bonner Republik wusste noch, dass Größe im deutschen Fall nicht in der Geste liegt. Sie liegt im Verzicht auf Geste. In der Fähigkeit, verlässlich zu sein, ohne sich ständig als unverzichtbar zu erklären. In der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ohne aus Verantwortung einen moralischen Überlegenheitsanspruch abzuleiten.

Der falsche Triumph der Agitatoren

Gerade deshalb sollte man die Niederlage nicht den völkisch gesinnten Agitatoren überlassen, die jede außenpolitische Schwierigkeit als Beleg für den angeblichen Untergang der Republik ausgeben. Diese Kräfte wollen nicht bessere Diplomatie. Sie wollen die Bundesrepublik delegitimieren. Sie interessieren sich nicht für Portugal, Österreich oder die Vereinten Nationen. Sie interessieren sich für den Affekt, der aus Kränkung Verachtung macht.

Demokratische Politik darf ihnen diesen Affekt nicht liefern. Sie muss die Lage erklären. Sie muss Fehler benennen. Sie muss Zurückhaltung üben. Sie muss zeigen, dass eine Niederlage in New York kein Beweis gegen die Republik ist, wohl aber ein Hinweis auf die Notwendigkeit politischer Selbstkorrektur.

Deutschland ist nicht der Nabel der Welt. Dieser Satz ist keine Demütigung. Er ist eine Befreiung. Wer ihn ausspricht, kann international glaubwürdiger auftreten. Wer ihn versteht, gewinnt vielleicht beim nächsten Mal nicht automatisch mehr Stimmen, aber er gewinnt etwas, das in der Weltpolitik mindestens so wertvoll ist: Maß.

Der Snob als Marktakteur: Proust, Rüstow und die Börse des gesellschaftlichen Rangs

Bei Marcel Proust haben Namen einen Kurs, Einladungen eine Rendite, Ehen eine Bilanz, Blicke einen Preis, Schweigen einen Marktwert. Der Salon ist keine Kulisse. Er ist ein Handelsplatz. Wer eingelassen wird, gewinnt Kredit. Wer warten muss, zahlt. Wer draußen bleibt, lernt die Härte einer Gesellschaft kennen, die ihre Macht gern in Manieren versteckt.

Die Zürcher Tagung „Marcel Proust und die Ökonomie“ vom 11. bis 13. Juni 2026 nimmt diesen Zusammenhang auf. Geld, Börse, Verschwendung, Arbeit, Liebe, Gefühlshaushalt, der homo oeconomicus: Proust lässt sich von der Ökonomie her lesen, weil sein Roman die feinen Vorgänge gesellschaftlicher Bewertung sichtbar macht. Eine Figur gehört in diese Debatte, obwohl sie dort leicht übersehen wird: Alexander Rüstow, Nationalökonom, Kulturkritiker, Exilant, einer der geistigen Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft.

Die Spur führt über Istanbul und über Erich Auerbach. Auerbach und Rüstow gehören zur deutschen Exilwelt in der Türkei; beide schreiben aus der Entfernung über Europa, beide suchen nach den Bedingungen einer zivilisierten Ordnung, der eine in der Literaturgeschichte, der andere in Sozialtheorie und Nationalökonomie. In „Mimesis“ liest Auerbach Proust als Autor der wiedergefundenen Wirklichkeit. Ein scheinbar nebensächlicher Vorgang, der Geschmack der Madeleine, öffnet die Tiefe der Zeit. Erinnerung wird zur Methode, das Verborgene der Wirklichkeit freizulegen. An dieser Stelle erhält die ökonomische Lesart Prousts ihren philologischen Halt: Was bei Proust zählt, liegt häufig nicht im offenen Geschäft, im Vertrag oder im Geldfluss, es liegt in Zeichen, Blicken, Ranggesten, Erinnerungen, im kaum sichtbaren Verkehr gesellschaftlicher Wertungen.

Von Auerbach führt der Weg zu Corrado Fatta. Fatta, ein italienischer Historiker und Essayist aus dem Umkreis Giuseppe Tomasi di Lampedusas, veröffentlichte 1961 in Paris „Du snobisme. Un chapitre d’Anthropologie“. Das Buch untersucht Snobismus nicht als Gesellschaftslaune, es behandelt ihn als anthropologische und soziale Rangfigur. Gerade deshalb ist Fatta für die Proust-Rüstow-Achse nützlich: Er rückt Prousts Salons in die Nähe einer allgemeinen Theorie von Prestige, Ausschluss, Klassenverhalten und symbolischer Überlegenheit. Proust steht in dieser Tradition als großer literarischer Analytiker des Snobs. Rüstow erscheint im selben Problemfeld als Denker sozialer Differenzierung, Herrschaft und gesellschaftlicher Ordnung.

Damit entsteht der tragfähige Zusammenhang: Auerbach zeigt, wie Proust verborgene Wirklichkeit sichtbar macht; Fatta zeigt, dass diese Wirklichkeit im Fall des Snobismus eine Ordnung von Rang, Anerkennung und Ausschluss bildet; Rüstow liefert die ordnungspolitische Frage, welche Institutionen eine Gesellschaft braucht, damit Freiheit nicht in private Macht, soziale Abhängigkeit und symbolische Übermacht kippt.

Der Snob zahlt mit Lebenszeit

Der Snobismus ist bei Proust kein Ornament mondäner Gesellschaft. Er ist eine Herrschaftsform. Er teilt Menschen ein, ordnet Zugänge, schafft künstliche Knappheit. Wer in den Salon der Guermantes will, sucht nicht bloß Gesellschaft. Er sucht Aufwertung. Der Name Guermantes wirkt wie ein Wertpapier, dessen Kurs aus Distanz, Herkunft, Legende, Architektur, Gerücht und Ausschluss gespeist wird. Der Erzähler nähert sich diesem Namen mit der Erwartung eines sozialen Gewinns. Er will nicht kaufen, er will verwandelt werden.

Madame Verdurin baut den bürgerlichen Gegenhof. Auch dort herrscht Knappheit. Auch dort zählt Zugehörigkeit. Auch dort wird Loyalität verlangt. Der kleine Kreis der „Getreuen“ funktioniert wie eine soziale Kammer, die ihren Wert aus Aufnahme und Verbannung gewinnt. Der Zutritt ist die Prämie, die Anpassung der Preis.

Fattas Snobismus-Buch macht aus solchen Szenen ein anthropologisches Problem. Der Snob sehnt sich nach einer Erhöhung, die von außen bestätigt werden muss. Er lebt aus Vergleich, Rang, Distanz, Nachahmung, Angst vor Entwertung. Der Snob braucht die Gesellschaft als Spiegel und Tribunal. Er braucht Menschen, die ihn anerkennen, und Menschen, von denen er sich absetzen kann. Sein Glück ist kreditabhängig. Sein Selbstgefühl hängt am Kurs fremder Zeichen.

Rüstows Denken kreist um eine Frage, die Proust literarisch vorführt: Was geschieht mit Freiheit, sobald gesellschaftliche Macht sich in Formen, Namen, Besitz, Herkunft und Netzwerke kleidet? Der alte Liberalismus hatte zu lange darauf vertraut, dass Marktprozesse aus eigener Kraft Ordnung hervorbringen. Rüstow hielt diesen Glauben für eine gefährliche Verwechslung von Freiheit und Laufenlassen. Freiheit braucht Institutionen. Wettbewerb braucht Regeln. Eigentum braucht Grenzen. Gesellschaft braucht Formen, die den Menschen tragen, statt ihn an Statusmärkte auszuliefern.

Prousts Salons zeigen das Gegenbild. Sie besitzen Regeln, aber keine gerechte Ordnung. Sie kennen Codes, doch keinen Maßstab jenseits der eigenen Exklusivität. Sie beherrschen die Kunst der Höflichkeit und die Praxis der Demütigung. Der Snob zahlt mit Lebenszeit, mit Würde, mit Selbstverformung.

Die Börse der Namen

In der „Recherche“ verliert der Adel reale politische Macht, behält aber eine symbolische Übermacht. Das Bürgertum bringt Geld, Bildung und Aufstiegswillen mit, leidet jedoch am Mangel an genealogischem Glanz. Aus diesem Gefälle entsteht eine Tauschbeziehung. Alte Namen benötigen neues Geld. Neues Geld sucht alte Namen. Heiraten, Einladungen, Protektionen, Gerüchte und Salonkarrieren werden zu Instrumenten der Umwertung.

Proust erzählt diesen Übergang ohne Fortschrittsrhetorik. Die alte Welt geht nicht einfach unter. Sie verwandelt sich in Aura. Die neue Welt triumphiert nicht einfach. Sie kauft sich in eine Ordnung ein, deren Spielregeln andere geschrieben haben. Das Bürgertum steigt auf, aber es steigt in Räume auf, die es zugleich bewundert und fürchtet. Der Adel sinkt ab, aber sein Name bleibt handelbar.

Diese Beobachtung ist ökonomisch präziser als manche Theorie. Wert entsteht hier aus Knappheit, Geschichte, Anerkennung, Illusion und kollektivem Glauben. Ein Name kann überbewertet sein wie eine Aktie. Ein Salon kann Blasen bilden. Ein Gerücht kann Kredit zerstören. Eine Einladung kann soziale Liquidität schaffen. Proust analysiert keine Börse, weil die Gesellschaft selbst zur Börse geworden ist.

Rüstows ordnungspolitische Frage gewinnt an dieser Stelle ihre literarische Schärfe. Eine Marktwirtschaft darf Rang nicht in Schicksal verwandeln. Sie darf Besitz nicht in kulturelle Oberhoheit übersetzen lassen. Sie darf Wettbewerb nicht mit sozialer Auslese verwechseln. Die spätere soziale Marktwirtschaft war in ihrem besseren Kern ein Versuch, genau diese Kippstellen zu bändigen: Markt ja, private Herrschaft nein; Eigentum ja, gesellschaftliche Versteinerung nein; Wettbewerb ja, Rangmonopol nein.

Auerbachs Proust und Rüstows Istanbul

Istanbul ist für diese Konstellation ein geistiger Ort. Auerbach und Rüstow fanden dort nach 1933 Zuflucht. Auerbach schrieb wesentliche Teile von „Mimesis“, Rüstow arbeitete an seiner kulturkritischen Weltdeutung. Beide beobachteten Europa aus der Entfernung. Beide schrieben im Schatten der Katastrophe. Beide suchten nach den Voraussetzungen einer zivilisierten Ordnung.

Auerbachs Proust-Passagen in „Mimesis“ sind für diesen Zusammenhang kostbar. Im Kapitel „Der braune Strumpf“ rückt er Proust in die Nähe Virginia Woolfs und der modernen Bewusstseinsdarstellung. Eine äußerlich geringfügige Begebenheit löst bei Proust einen tiefen Bewusstseinsvorgang aus. Die Erinnerung an das Werk Prousts liege nahe, weil Proust das Verfahren konsequent durchgeführt habe: die Wiederfindung verlorener Wirklichkeit in der Erinnerung, ausgelöst durch ein scheinbar nebensächliches Ereignis.

Auerbach beschreibt den Geschmack der Madeleine nicht als sentimentale Szene. Er liest ihn als Verfahren der Wirklichkeitsgewinnung. Ein Zufallsvorgang öffnet die Tiefe der Zeit. Die verlorene Wirklichkeit steigt aus dem erinnernden Bewusstsein auf. Das Vergangene erscheint nicht als bloßer Rückblick, es wird in seiner inneren Ordnung wieder sichtbar.

Für Rüstows Thema ist das kein philologischer Seitenweg. Rüstow fragt ebenfalls nach verlorener Wirklichkeit: nach den zerstörten sozialen Formen, nach den Bedingungen von Freiheit, nach der Einbettung des Marktes in eine lebensfähige Ordnung. Auerbachs Proust zeigt, wie Literatur eine Wirklichkeit zurückholt, die im äußeren Ablauf verdeckt war. Rüstows Ordnungstheorie fragt, wie Gesellschaft eine Freiheit zurückgewinnen kann, die im Liberalismus des Laufenlassens verschüttet wurde.

Liebe als Kreditgeschäft

Auch die Liebe steht bei Proust unter dem Gesetz der Knappheit. Swanns Verhältnis zu Odette ist kein Gegenreich zur Gesellschaft. Es folgt einer Logik aus Unsicherheit, Überbewertung, Verlustangst und Kontrollzwang. Je ungewisser Odette wird, desto höher steigt ihr innerer Kurs. Eifersucht arbeitet wie Buchhaltung. Sie sammelt Indizien, prüft Spuren, bilanziert Verdacht. Der Liebende wird zum Revisor seiner eigenen Qual.

Später wiederholt sich dieses Muster mit Albertine. Der Erzähler will Gewissheit über einen Menschen, dessen Freiheit ihn beunruhigt. Er versucht, Verfügbarkeit herzustellen, wo Beziehung nur durch Vertrauen leben könnte. Jede Abwesenheit wird zum Risiko. Jede Unklarheit erzeugt Spekulation. Liebe wird zur privaten Planwirtschaft der Angst.

Damit zeigt Proust die Ausweitung ökonomischer Denkformen in den intimsten Bereich. Der Markt endet nicht am Eingang des Salons. Seine Formen wandern in Begehren, Erinnerung, Eifersucht, Freundschaft und Selbstwahrnehmung. Geld ist dabei nur eine Währung unter anderen. Anerkennung, Nähe, Exklusivität, sexuelle Verfügbarkeit und Wissen über den anderen werden ebenso gehandelt.

Rüstows Begriff von Vitalpolitik zielte auf das Gegenteil einer solchen Totalökonomisierung. Wirtschaft sollte dem Leben dienen. Sie durfte nicht zur verborgenen Herrin aller Beziehungen werden. Eine humane Ordnung musste Räume schützen, in denen Menschen nicht nach Verwertbarkeit, Rang oder Zugriff bewertet werden.

Der Liberalismus im Salonspiegel

Rüstows Kritik am Paläoliberalismus trifft sich mit Prousts Gesellschaftsdiagnose an einem heiklen Punkt. Beide zeigen, dass Freiheit ohne soziale Form zerfallen kann. Bei Proust erscheint dieser Zerfall in elegantem Gewand. Niemand schreit. Man lädt ein oder lädt nicht ein. Man grüßt wärmer oder kälter. Man erwähnt einen Namen oder lässt ihn fallen. Die Sanktionen sind fein, aber wirksam.

Der Salon ist ein Lehrstück privater Macht. Er verfügt nicht über Polizei, Gericht oder Gesetzbuch. Trotzdem richtet er. Er belohnt, straft, adelt, entwertet. Sein Urteil lebt aus kollektivem Glauben. Genau darin liegt seine Ökonomie. Wert entsteht, weil alle an ihn glauben, aus Angst, aus Hoffnung, aus Gewohnheit, aus Nachahmung.

Rüstows sozialer Liberalismus wollte solchen privaten Machtballungen Grenzen setzen. Der Staat sollte nicht alles lenken. Er sollte die Bedingungen sichern, unter denen Freiheit mehr sein kann als die Freiheit der bereits Mächtigen. Wettbewerb musste gegen Monopole geschützt werden. Eigentum musste eingebunden bleiben. Soziale Sicherung, Bildung, Rechtsordnung und kulturelle Bindung gehörten zum Bestand einer freien Gesellschaft.

Prousts Roman zeigt, weshalb ein solcher Liberalismus die Menschen kennen muss. Der Mensch ist kein abstrakter Nutzenrechner. Er ist verletzlich, eitel, liebesbedürftig, rangempfindlich, nachahmend, erinnernd, beschämbar. Eine Wirtschaftslehre, die diese anthropologische Wahrheit verdrängt, versteht die Gesellschaft nicht, in der ihre Modelle wirken sollen.

Der braune Strumpf und die Ordnung der Zeichen

Auerbachs Kapitel „Der braune Strumpf“ hilft, Prousts Verfahren genauer zu fassen. An Virginia Woolf zeigt Auerbach, wie ein scheinbar nebensächlicher äußerer Vorgang Bewusstseinsräume öffnet. Von dort führt er zu Proust: Erinnerung wird zur Methode, eine tiefere Wirklichkeit freizulegen. Das Wesentliche liegt nicht im äußeren Ereignis, es liegt in dem, was es auslöst.

Diese Einsicht lässt sich auf Prousts Ökonomie übertragen. Die großen ökonomischen Vorgänge erscheinen selten als Vertrag, Zahlung oder Geschäft. Sie erscheinen als kleine gesellschaftliche Regung: eine Einladung, ein Warten, ein verschobener Besuch, eine veränderte Anrede, ein Name im falschen Ton. In solchen Details steckt die Ordnung der ganzen Gesellschaft.

Proust ist deshalb kein Nostalgiker des Salons. Er ist dessen genauester Gerichtszeichner. Er zeigt, wie sich Macht in Geschmack verwandelt, Geschmack in Ausschluss, Ausschluss in Sehnsucht, Sehnsucht in Selbstverlust. Die verlorene Zeit ist auch die Zeit, die Menschen an falsche Werte verlieren.

Rüstows Begriff der Ordnung bekommt hier seine literarische Probe. Eine Gesellschaft kann elegant sein und doch krank an Rang. Sie kann frei wirken und doch von Abhängigkeiten durchzogen sein. Sie kann Märkte haben und dennoch keine soziale Freiheit hervorbringen. Der Preis für diese Verfehlung wird nicht allein in Geld bezahlt. Er wird in Lebenszeit bezahlt.

Die soziale Marktwirtschaft als Anti-Salon

Die soziale Marktwirtschaft lässt sich vor Proust neu lesen: als Anti-Salon. Sie will keine Gesellschaft, in der Rang, Herkunft und geschlossene Kreise über Lebenschancen entscheiden. Sie will Wettbewerb öffnen, Macht begrenzen, Aufstieg ermöglichen, Sicherheit gewähren, Würde vor Abwertung schützen. In ihrem besseren Sinn ist sie kein technischer Kompromiss zwischen Markt und Staat. Sie ist eine zivilisatorische Ordnungsidee gegen die Tyrannei privater Rangsysteme.

Prousts Gesellschaft kennt viele Regeln. Doch ihre Regeln dienen der Exklusivität. Die soziale Marktwirtschaft braucht ebenfalls Regeln. Ihre Regeln sollen Zugang sichern. Das ist der entscheidende Gegensatz. Der Salon verknappt Anerkennung. Eine freie Ordnung muss Anerkennung von Herkunft, Besitz und Netzwerk lösen. Der Salon liebt Abhängigkeit. Eine freie Ordnung muss Menschen befähigen, ohne demütigende Patronage zu leben.

Rüstow sah im Markt ein notwendiges Instrument, aber keine Weltanschauung. Er wusste, dass Märkte zerstörerisch wirken können, sobald sie ungerahmt bleiben und soziale Bindungen auflösen. Proust zeigt den Innenraum dieser Zerstörung. Seine Figuren werden nicht nur ärmer oder reicher. Sie werden abhängig von Zeichen. Sie verlieren Maß. Sie werden Buchhalter der eigenen Kränkungen.

Zürich, Proust und der fehlende Ordoliberale

Der Beitrag zur Zürcher Debatte liegt in der Rekonstruktion eines Problemfeldes. Fatta führt Proust und Rüstow über den Snobismus zusammen. Auerbach verbindet Proust-Deutung und Rüstow-Nähe im Exil. Die soziale Marktwirtschaft liefert die ordnungspolitische Antwort auf eine Gesellschaft, in der Rang, Geld, Herkunft und Anerkennung zu einer schwer durchschaubaren Ökonomie verschmelzen.

Damit gewinnt Proust für die Ökonomie eine andere Bedeutung. Er ist kein Romancier der Salons, der Eifersucht und der Erinnerung allein. Er ist der Analytiker einer Ranggesellschaft, deren Währungen vielfältiger sind als Geld. Rüstow wiederum erscheint nicht bloß als Wirtschaftspolitiker im Vorfeld der Bundesrepublik. Er wird lesbar als Denker jener sozialen Voraussetzungen, ohne die Freiheit zur Fassade wird.

Diese Verbindung entsteht aus sachlicher Nähe. Proust beschreibt, wie Menschen in einer Gesellschaft der Zeichen, Namen und Zugänge ihre Lebenszeit verlieren. Rüstow sucht eine Ordnung, in der Freiheit vor Macht geschützt wird. Auerbach zeigt, wie Literatur verborgene Wirklichkeit aus scheinbar beiläufigen Vorgängen gewinnt. Fatta erkennt im Snobismus den anthropologischen Knoten, an dem Proust und Sozialtheorie einander berühren.

Die Würde jenseits des Kurszettels

Am Ende steht bei Proust kein wirtschaftspolitisches Programm. Es steht die Kunst. Doch diese Kunst ist keine Flucht aus der Gesellschaft. Sie gewinnt zurück, was der gesellschaftliche Betrieb zerstreut hat. Erinnerung hebt die verlorene Wirklichkeit aus dem Lärm der Rangkämpfe. Form rettet Erfahrung vor der Verwertung.

Rüstows Ordnungsidee zielt auf eine verwandte Rettung im Politischen. Der Markt soll produktiv sein, aber nicht total. Eigentum soll gesichert sein, aber keine gesellschaftliche Allmacht erzeugen. Wettbewerb soll öffnen, nicht versteinern. Soziale Sicherung soll Würde ermöglichen, nicht Abhängigkeit verwalten. Kultur, Bildung, Recht und Institutionen sollen den Menschen vor seiner Reduktion auf Kaufkraft, Rang und Netzwerk schützen.

Guermantes notiert über Pari, solange eine Gesellschaft an den Zauber des Namens glaubt. Proust zeigt, wie dieser Zauber wirkt. Rüstow fragt, welche Ordnung ihn entmachtet. Zwischen beiden entsteht ein Beitrag zu „Proust und die Ökonomie“, der über Geld hinausführt. Es geht um die Ökonomie der Anerkennung, die Börse des Snobismus, den Kredit der Gefühle und die Frage, wie eine freie Gesellschaft den Menschen vor dem Marktgericht des gesellschaftlichen Rangs bewahrt.

Die Mär von den faulen Deutschen: Ein arbeitsmarktpolitisches Dossier über Löhne, Leistung, Teilzeit und die Frage, weshalb die Regierungsrhetorik an der betrieblichen Wirklichkeit vorbeigeht #ZPNachgefragtWeek

Friedrich Merz hat ein Talent für Sätze, die Ordnung versprechen und Unordnung erzeugen. Deutschland arbeite zu wenig. Die Kosten seien zu hoch. Die Sozialabgaben müssten sinken. Die Arbeitsleistung der Volkswirtschaft reiche nicht. Der Krankenstand sei verdächtig. Die Teilzeitquote werde zum Standortproblem. Markus Söder fügt die griffige Rechenübung hinzu: Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche könne doch wirklich niemanden überfordern. Carsten Linnemann spricht von Teilzeit-Falle, andere in der Union von Lifestyle-Teilzeit. So entsteht der Sound einer neuen Arbeitsmoralpolitik: Die Menschen müssten wieder ran.

Das klingt entschlossen. Es klingt nach Führung. Es klingt nach jener Härte gegen die Wirklichkeit, die in Parteitagsreden Applaus bringt. Arbeitsmarktpolitik ist aber kein Fitnessprogramm für Sonntagsreden. Sie ist Statistik, Betriebswirtschaft, Tarifgeschichte, Familienökonomie, Produktivitätsanalyse und Sozialpsychologie in einem. Wer sie auf Appelle reduziert, verwechselt Volkswirtschaft mit Wandzeitung.

Die Rhetorik des Kanzlers hat eine politische Funktion. Sie verschiebt den Blick von den konkreten Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche auf die vermeintliche mangelnde Einsatzbereitschaft der Beschäftigten. Energiepreise, Investitionsstau, Bürokratie, schwache Digitalisierung, falsche Anreizsysteme, unproduktive Leerzeiten, Fachkräftemangel, Mismatch, fehlende Kinderbetreuung, schlechte Personalprozesse, verschleppte Weiterbildung, fragile Tarifbindung: All das ist kompliziert. Die Erzählung vom zu wenig arbeitenden Land ist einfacher. Sie ist auch gefährlicher.

Der Kanzler spricht von Kosten, doch die Lohnordnung ist das eigentliche Thema

Merz hat seine Formulierung inzwischen mehrfach eingehegt. Es gehe ihm nicht um die Nettolöhne der Beschäftigten, heißt es dann, gemeint seien Steuern, Abgaben, Bürokratie und Energie. Das ist eine wichtige Klarstellung. Sie rettet die Aussage aber nur teilweise. Denn sobald von Arbeitskosten die Rede ist, steht ein ganzer Deutungsraum offen: Löhne erscheinen als Last, Beschäftigte als Kostentreiber, Sozialstaat als Standorthemmnis. In dieser Grammatik wird Arbeit nicht als Quelle von Nachfrage, Qualifikation, Innovation und Stabilität verstanden, sie erscheint als Block auf der Ausgabenseite.

Heiner Flassbeck hat diese Denkfigur mit der ihm eigenen Schärfe angegriffen. Seine Zuspitzung mag nicht jedermanns Ton treffen, der sachliche Kern ist schwer zu übergehen. Deutschland hat seit den frühen 2000er Jahren keine Geschichte überbordender Lohnsteigerungen erlebt. Die Reallöhne wurden über lange Strecken gedrückt, der Abstand zwischen Produktivität, Exporterfolg und Einkommen der Beschäftigten hat eine volkswirtschaftliche Schieflage erzeugt. In den Jahren nach der Finanzkrise kamen Verbesserungen, dann rissen Pandemie, Energiepreisschock und Inflation neue Löcher in die Kaufkraft.

Die Destatis-Reihe zu Reallöhnen und Nominallöhnen macht die Bruchlinie sichtbar. 2022 fielen die Reallöhne um vier Prozent. 2023 gab es praktisch Stillstand. Erst 2024 folgte eine Erholung. Wer daraus den Befund ableitet, die Beschäftigten seien zu teuer geworden, liest die jüngste Lohnentwicklung ohne Vorgeschichte. Wer die Lohnstückkosten betrachtet, sieht zwar eine aktuelle Spannung, weil die Produktivität schwach blieb und die Arbeitsentgelte zuletzt anzogen. Doch daraus folgt keine einfache Lohnsenkungsagenda. Daraus folgt eine Produktivitätsagenda.

Das ist der entscheidende Unterschied. Die Frage lautet nicht, wie man Menschen billiger macht. Die Frage lautet, wie man Arbeit produktiver organisiert, wie man Qualifikation schneller erneuert, wie man Arbeitszeit genauer an Bedarf koppelt, wie man Erwerbspotenziale hebt, ohne Familienleben und Gesundheit zu beschädigen. Genau an dieser Stelle wird die politische Debatte oft grob.

Die eine Stunde mehr ist keine Strategie

Söders Forderung nach einer zusätzlichen Wochenarbeitsstunde wirkt auf den ersten Blick harmlos. Eine Stunde klingt klein. Auf die Woche verteilt wird daraus eine Viertelstunde am Tag. Ein solches Bild funktioniert rhetorisch, weil es den Einzelnen moralisch adressiert: Wer sich dagegen wehrt, wirkt kleinlich.

Betriebswirtschaftlich ist die Rechnung weit weniger überzeugend. Guido Zander hat in der ZP-Nachgefragt-Week gezeigt, weshalb lineares Denken bei Arbeitszeit fast immer in die Irre führt. Eine Stunde mehr bezahlte Arbeitszeit erzeugt keine Stunde mehr Wertschöpfung, sobald Nachfrage, Materialfluss, Schichtbedarf oder Kundenfrequenz schwanken. In volatilen Betrieben entstehen Leerzeiten. Im Handel, in der Produktion, in Logistik, Pflege, Gastronomie oder Servicebereichen ist die zentrale Frage nicht die maximale Anwesenheit, die zentrale Frage ist die passende Besetzung zum passenden Zeitpunkt.

Zanders Modell ist einfach und lehrreich. Ein Betrieb mit starrem Schichtplan bezahlt heute schon Stunden, die in schwachen Bedarfsphasen nicht produktiv genutzt werden. In Spitzenzeiten entstehen Überstunden. Wird nun pauschal eine Stunde pro Woche addiert, steigen die bezahlten Stunden, während die genutzten Stunden gleich bleiben können. Flexibilisiert man dagegen Schichtmodelle, Zeitkonten und Einsatzplanung, kann die gleiche Jahresarbeitszeit passgenauer eingesetzt werden. Das Ergebnis: weniger Leerzeit, weniger Mehrarbeit, bessere Planbarkeit.

Das klingt weniger kernig als Söders Formel. Es ist dafür näher an der Wirklichkeit der Betriebe. Wer wirklich wirtschaftsfreundlich argumentieren will, sollte also nicht zuerst nach längeren Wochen rufen. Er sollte fragen, wo Arbeitszeit in Leerlauf verbrennt. Er sollte fragen, weshalb Führungskräfte schlechte Personaleinsatzplanung als Naturereignis behandeln. Er sollte fragen, weshalb der Staat Kinderbetreuung, Ganztag, Pflegeinfrastruktur und steuerliche Erwerbsanreize noch immer so organisiert, dass Menschen weniger arbeiten, als sie eigentlich könnten oder wollten.

Teilzeit ist kein moralischer Defekt

Die Teilzeitdebatte ist das vielleicht beste Beispiel für den Rückfall in alte Bilder. In der Statistik sinkt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit, weil mehr Menschen in Teilzeit arbeiten. Daraus wird schnell die These einer freizeitorientierten Gesellschaft. Doch der Durchschnitt verschleiert, was wirklich geschehen ist.

Vollzeitbeschäftigte arbeiten weiterhin um die 40 Stunden. Die große Veränderung liegt in der gestiegenen Erwerbstätigkeit von Frauen und in der Ausweitung von Teilzeit. Das kann man als Problem erzählen. Man kann es auch als zivilisatorischen Fortschritt verstehen. Früher tauchte die Hausfrau in der Erwerbsstatistik gar nicht auf. Heute arbeitet sie häufig zusätzlich bezahlt, oft bei weiter hoher Care-Last. Was in der Statistik als geringere durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit erscheint, kann im Leben der Betroffenen eine Arbeitsverdichtung sein.

Zander hat diese Verzerrung mit dem Rollenbild von Heinz, Gudrun, Simon und Emma anschaulich gemacht. Heinz arbeitet Vollzeit, Gudrun erledigt Haus- und Care-Arbeit ohne Erwerbsarbeitszeit. Statistisch wirkt Heinz vorbildlich, Gudrun stört die Erwerbsarbeitszeitrechnung nicht. Simon und Emma teilen sich Erwerbsarbeit und Care-Arbeit, jeweils mit 25 Stunden. Gemeinsam stellen sie dem Arbeitsmarkt mehr bezahlte Stunden zur Verfügung als das klassische Modell. Trotzdem gerät einer von beiden rasch unter Lifestyle-Verdacht.

Das ist keine moderne Arbeitsmarktanalyse. Es ist alte Familienpolitik im Gewand der Standortdebatte. Teilzeit kann Ausdruck von Care-Arbeit sein, von Studium, Alter, Krankheit, Ehrenamt, Erschöpfung in belastenden Berufen oder einer bewussten Lebensplanung. In vielen Branchen ist Teilzeit zudem kein Störfall, sie ist betriebliche Notwendigkeit. Der Einzelhandel kennt Kundenfrequenzen, die sich im Tagesverlauf massiv verschieben. Pflege und Service kennen Belastungsspitzen. Wer dort nur Vollzeitblöcke denkt, produziert Fehlbesetzung. Teilzeit kann Flexibilität schaffen, Ausfallrisiken verteilen und Produktivität erhöhen.

Damit ist Teilzeit nicht automatisch gut. Unfreiwillige Teilzeit, geringe Stundenlöhne, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und Teilzeitfallen im Steuer- und Transfersystem bleiben reale Probleme. Doch die Antwort darauf ist nicht Beschämung. Die Antwort heißt bessere Kinderbetreuung, mehr Netto vom Brutto, andere Steueranreize, Weiterbildung in Teilzeit, Führungskarrieren mit reduzierter Arbeitszeit, klügere Personaleinsatzplanung.

Krankenstand: Der bequeme Verdacht ersetzt keine Ursachenanalyse

Ähnlich läuft die Debatte über Krankheit. Die elektronische Krankmeldung und die telefonische Krankschreibung wurden zu Symbolen einer angeblichen Bequemlichkeitskultur. Zander hat in der ZP-Nachgefragt-Week eine wichtige Unterscheidung eingebracht: Ein Teil des Anstiegs in den Krankenkassendaten ist Erfassungseffekt. Was früher nicht oder lückenhaft gemeldet wurde, taucht seit der elektronischen Übermittlung sauberer in den Daten auf. Dazu kamen Atemwegserkrankungen, Corona-Folgen und ein verändertes Infektionsbewusstsein.

Natürlich gibt es Missbrauch. In jedem großen System gibt es Missbrauch. Gute Führung erkennt Muster, spricht Menschen an, dokumentiert sauber, nutzt arbeitsrechtliche Möglichkeiten. Schlechte Politik nimmt die wenigen Fälle als Hebel, um Millionen unter Generalverdacht zu stellen.

Ein Karenztag, pauschale Verdächtigung oder die Abschaffung einer erleichterten Krankschreibung wirken hart. Sie lösen aber keine Grundfrage: Weshalb sind Menschen krank? Wer über Pflege, Schichtarbeit, Dauerbelastung, psychische Erschöpfung, schlechte Führung, Personalmangel und Arbeitsverdichtung schweigt, verkürzt das Thema auf Disziplin. Damit wird aus Gesundheitspolitik eine Charakterprüfung.

Die Dienstleistungsökonomie hat die Mitte nicht automatisch reicher gemacht

Die Debatte über Arbeitszeit verdeckt eine größere soziale Verschiebung. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aus der Welt der industriellen Normalarbeit herausbewegt. Bergbau, Stahl, Autoindustrie, Chemie, Maschinenbau und große Infrastrukturbetriebe waren nie romantische Paradiese. Sie waren hart, hierarchisch, konfliktreich. Doch sie hatten etwas, das vielen neuen Dienstleistungssegmenten fehlt: Tarifbindung, Betriebsräte, klare Entgeltstrukturen, Facharbeiterstolz, Aufstieg über Ausbildung, Betriebsrenten, Vorarbeiterrollen, planbare Einkommen.

Die neue Dienstleistungsökonomie versprach Wissen, Kreativität, Selbstverwirklichung, Agilität. Für einen Teil der gut Qualifizierten stimmt das. Für viele andere brachte sie Schichtpläne, Abrufarbeit, geringe Tarifbindung, Franchise-Strukturen, Plattformlogik, Werkverträge, Subunternehmen, Teilzeit ohne Perspektive. Die Wissensökonomie schlägt in der Mitte der Gesellschaft nur ungleich durch. Der gut bezahlte Industriearbeiter hatte häufig eine bessere soziale Position als der heutige Servicebeschäftigte mit App-Schichtplan, unsicherem Stundenumfang und geringem institutionellem Rückhalt.

Das ist die Schattenseite der Dienstleistungsgesellschaft. Nicht jede neue Arbeit ist schlechter, gewiss nicht. Doch viele neue Jobs sind weniger organisiert. Der Arbeitsmarkt verliert an sozialer Architektur. Wo Betriebsrat, Tarifvertrag und Fachkarriere fehlen, wird der Einzelne zum Einzelkämpfer. Genau deshalb ist die Rede von der Arbeitsmoral so unzureichend. Sie individualisiert, was strukturell entstanden ist.

Binnennachfrage ist kein Nebenthema

Flassbeck hat dort recht, wo viele Standortdebatten blind bleiben: Löhne sind nicht allein Kosten. Sie sind Einkommen. Einkommen ist Nachfrage. Nachfrage stabilisiert Betriebe, Kommunen und ganze Volkswirtschaften. Die Finanzkrise 2008/2009 hat gezeigt, wie wichtig diese binnenwirtschaftliche Stabilisierung ist. Kurzarbeit, Sozialversicherung, Tarifstrukturen und vergleichsweise stabile Haushaltseinkommen haben den Absturz gedämpft. Das deutsche Exportmodell geriet unter Druck, doch die Binnennachfrage half, Schlimmeres zu verhindern.

Dieser Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Eine Volkswirtschaft kann nicht dauerhaft auf Kostenwettbewerb, Lohnzurückhaltung und Exportüberschüsse setzen, ohne innere Spannungen zu erzeugen. Wer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern heute erklärt, sie seien zu teuer, zu oft krank, zu häufig in Teilzeit und insgesamt zu wenig leistungsbereit, verkennt ihre makroökonomische Rolle. Sie sind Käufer, Steuerzahler, Beitragszahler, Fachkräfte, Eltern, Pflegende, Ehrenamtliche, Wähler.

Die Mitte der Gesellschaft lebt nicht von Appellen. Sie lebt von Einkommen, Sicherheit, Aufstiegschancen und planbarer Zeit.

Der Arbeitsmarkt ist angespannt, auch in der Krise

Tobias Zimmermann beschreibt in „Zeit der Chancen“ ein Paradox, das die politische Debatte oft verfehlt. Deutschland steckt wirtschaftlich in einer schwierigen Lage. Zugleich ist der Arbeitsmarkt historisch betrachtet keineswegs leergefegt im Sinne einer klassischen Massenarbeitslosigkeit. Offene Stellen bleiben hoch, Fachkräfteengpässe bestehen, Unternehmen halten Personal trotz schwacher Auslastung, weil sie wissen, wie teuer Neubesetzung geworden ist.

Zimmermann nennt den Arbeitsmarkt einen Zangengriff aus Wirtschaftskrise und Fachkräftemangel. Das trifft die Lage. In einigen Segmenten werden Stellen abgebaut, in anderen wird gesucht. White-Collar-Rollen kühlen ab, Pflege, Technik, Infrastruktur, Energie, IT, Bildung und bestimmte Handwerksfelder bleiben angespannt. Die alte Gleichung „Krise gleich Arbeitgebermarkt“ stimmt nicht mehr durchgehend.

Genau deshalb greift die Mehrarbeitsrhetorik zu kurz. Das Problem liegt nicht allein in der Zahl der Stunden. Es liegt im Matching. Menschen arbeiten an der falschen Stelle, verfügen nicht über die gesuchten Fähigkeiten oder finden wegen schlechter Prozesse den Weg zum passenden Arbeitgeber nicht. Unternehmen suchen Kandidaten, schrecken sie aber mit Registrierungszwang, langen Verfahren, Funkstille und überzogenen Auswahlritualen ab.

Robindro Ullah hat diesen Punkt auf der ZP-Nachgefragt-Week datenbasiert gezeigt. Fachkräfte brechen Bewerbungsprozesse ab, wenn sie sich nicht wertgeschätzt fühlen. Viele lehnen Prozesse ab, die unnötig lange dauern oder vor der Bewerbung Registrierungspflichten aufbauen. Recruiting ist damit keine weiche Nebensache. Es ist Arbeitsmarktpolitik im Unternehmen.

Die Produktivitätsfrage beginnt beim Management

Wer mehr Wachstum will, muss die Produktivität erhöhen. Das ist richtig. Doch Produktivität entsteht nicht durch moralische Ansprache der Beschäftigten. Sie entsteht durch Kapitalstock, Technologie, Organisation, Qualifikation, Führung, Prozesse, Infrastruktur und passende Anreize.

Die deutsche Debatte verwechselt zu oft Anwesenheit mit Leistung. Eine Stunde zusätzlich im Kalender ist noch keine zusätzliche Wertschöpfung. Ein langer Bewerbungsprozess ist noch keine sorgfältige Auswahl. Ein voller Schichtplan ist noch keine gute Auslastung. Präsenz im Büro ist noch keine Innovation. Ein hoher Krankenstand ist noch kein Beweis für Faulheit. Teilzeit ist kein Beweis für mangelnden Leistungswillen.

Produktivität entsteht, wo Arbeit sinnvoll zugeschnitten ist. Wo Beschäftigte das können, was gebraucht wird. Wo KI Routine reduziert. Wo Führung Nachfrage und Kapazität plant. Wo Weiterbildung nicht als Broschüre im Intranet liegt, sondern reale Mobilität ermöglicht. Wo Eltern arbeiten können, weil Kinderbetreuung funktioniert. Wo Ältere bleiben können, weil Belastung reduziert und Erfahrung genutzt wird. Wo Pflegekräfte nicht ausbrennen, weil Dienstpläne planbar sind. Wo Bewerber nicht sechs Wochen auf ein Lebenszeichen warten.

Die ehrliche Reformagenda wäre damit anspruchsvoller als der Satz von der einen Stunde. Sie würde Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen. Sie würde den Staat an seiner Infrastruktur messen. Sie würde Sozialabgaben, Steuerkeile und Fehlanreize reformieren, ohne Beschäftigte als Kostenproblem zu behandeln. Sie würde Tarifbindung und Mitbestimmung nicht als Relikte abtun, weil organisierte Arbeitsmärkte in Krisen stabilisieren.

Was die ZP-Nachgefragt-Week gezeigt hat

Die ZP-Nachgefragt-Week hat in dieser Debatte einen anderen Ton gesetzt: faktenorientiert, betriebsnah, frei von Arbeitsmoraltheater. Guido Zander hat gezeigt, dass „smart statt hart“ keine Wohlfühlparole ist, es ist eine betriebswirtschaftliche Anweisung. Flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Schichtplanung, Lebensarbeitszeitkonten, Personalbedarfsermittlung und kluge Führung bringen mehr als pauschale Mehrarbeit.

Tobias Zimmermann hat den Blick auf Chancen gelenkt. Arbeitskräfte werden knapper, der Wert qualifizierter Arbeit steigt, Unternehmen müssen mehr tun, um Menschen zu gewinnen und zu halten. Daraus folgt keine bequeme Zukunft. Daraus folgt eine Arbeitswelt, in der Weiterentwicklung, Wechsel, KI-Kompetenz und interne Mobilität wichtiger werden.

Robindro Ullah hat gezeigt, dass datengetriebenes Recruiting keine Mode ist. Wer Fachkräfte gewinnen will, muss wissen, wie sie suchen, was sie abschreckt, welche Prozesse funktionieren und wie KI den Dialog verändert. Arbeitgeber, die sich weiterhin verhalten, als hätten sie Bewerber im Überfluss, verlieren Zeit, Geld und Zukunft.

Gemeinsam ergibt sich daraus eine andere arbeitsmarktpolitische Erzählung. Deutschland braucht keine neue Verdachtskultur gegen Beschäftigte. Deutschland braucht eine neue Präzision in der Organisation von Arbeit.

Der konstruktive Gegenentwurf

Man kann Merz zugutehalten, dass er ein reales Problem adressiert. Deutschland hat zu wenig Wachstum, zu geringe Produktivitätsdynamik, zu hohe Abgabenlast, zu komplizierte Verfahren, zu wenig Tempo bei Investitionen und Digitalisierung. Niemand sollte die Lage schönreden. Doch gute Diagnose verlangt, den richtigen Hebel zu wählen. Die rhetorische Kette der Union lautet häufig: Krise, Kosten, Arbeitsmoral, Mehrarbeit. Eine bessere Kette lautete: Krise, Produktivität, Organisation, Qualifikation, Erwerbsanreize, Nachfrage. Der Unterschied ist politisch erheblich. Die erste Kette sucht Disziplin. Die zweite sucht Leistungsfähigkeit.

Ein konstruktiver Kanzler könnte sagen: Wir wollen Arbeit lohnender machen. Wir senken Fehlanreize im Steuer- und Abgabensystem. Wir bauen Kinderbetreuung aus. Wir ermöglichen flexiblere Arbeitszeit über Tarifpartner und Betriebe. Wir investieren in Weiterbildung, damit Menschen in produktivere Tätigkeiten wechseln können. Wir bekämpfen Missbrauch gezielt, ohne alle Beschäftigten zu verdächtigen. Wir halten Ältere länger im Erwerbsleben, indem wir Arbeit gesünder organisieren. Wir machen Bewerbungsprozesse schneller. Wir stärken Tarifbindung dort, wo sie Stabilität gibt. Wir reden über Lohnstückkosten im Zusammenhang mit Produktivität, nicht als Vorwand für Lohndruck. Wir verstehen Binnennachfrage als Standortfaktor. Das wäre kein linker Gegenmythos. Es wäre ordnungspolitische Sauberkeit.

Die Mitte arbeitet längst

Die Formel von den faulen Deutschen ist politisch bequem, weil sie Gegner markiert. Sie trifft Bürgergeldempfänger, Teilzeitbeschäftigte, Kranke, junge Beschäftigte, Homeoffice-Nutzer, Pflegekräfte mit reduzierter Arbeitszeit, Eltern, Studierende, Ältere. Am Ende trifft sie die gesellschaftliche Mitte, die den Laden am Laufen hält.

Diese Mitte arbeitet längst. Sie arbeitet bezahlt und unbezahlt, sichtbar und unsichtbar, im Betrieb und zu Hause, im Schichtdienst, im Ehrenamt, in der Pflege der Eltern, in der Betreuung der Kinder, im Nebenjob zum Studium, im Handwerk, im Büro, im Krankenhaus, im Lager, in der Schule, im Einzelhandel. Wer ihre Leistung politisch kleinredet, bekommt vielleicht Applaus in bestimmten Sälen. Er verliert aber den Kontakt zur Wirklichkeit.

Die arbeitsmarktpolitische Aufgabe der kommenden Jahre ist nicht, Menschen härter anzutreiben. Sie besteht darin, Arbeit besser zu organisieren, Einkommen zu stabilisieren, Produktivität zu erhöhen und Erwerbschancen fairer zu verteilen. Wer das schafft, wird mehr Arbeitsvolumen mobilisieren als jede Strafpredigt. Wer es versäumt, kann jede Woche eine weitere Stunde fordern und wird doch nur zusätzliche Leerzeit produzieren.

Deutschland braucht keine Moralkeule gegen Beschäftigte. Es braucht eine Arbeitsmarktpolitik, die rechnen kann.

Die Einflüsterer der Innovation: Was ein Managementbuch von 2008 über Europas Schwäche von heute verrät

Ein Fachbuch aus der Zeit vor der großen Erschütterung

Das Jahr 2008 liegt wirtschaftlich in einer anderen Epoche. Die Finanzkrise begann, China war noch nicht der strategische Herausforderer von heute, Künstliche Intelligenz kein tägliches Vorstandsthema. Gerade deshalb ist der Band „Führung, Innovation und Wandel“ interessant: Er fragt nicht nach der nächsten Technologie, sondern nach der Fähigkeit, Potenziale zu erkennen, Organisationen zu bewegen und Entscheidungen gegen die Trägheit des Erfolgs durchzusetzen.

Herausgegeben wurde das Buch von Lutz Becker, Johannes Ehrhardt und Walter Gora. Der Untertitel lautet: „Wie Sie Potenziale entdecken und erfolgreich umsetzen“. Schon diese Formulierung wirkt heute wie eine Gegenrede zur politischen Innovationsrhetorik der Gegenwart. Deutschland und Europa kennen ihre Diagnose. Zu wenig Tempo, zu wenig Skalierung, zu wenig Kapital für Deep Tech, zu viel Verfahren, zu viele Schnittstellen, zu viel Angst vor dem Irrtum. Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Regierung können Hightech-Agenden ausrufen, Forschungsetats anheben, neue Programme benennen und Technologieführerschaft beschwören. Der entscheidende Mangel liegt tiefer. Er betrifft Führung, Antizipation, Sprache, Organisation und den Mut, alte Erfolgsmuster zu verlassen.

Der Band von 2008 ist deshalb kein Fundstück aus einer verblichenen Managementwelt. Er ist ein Prüfstein für die Gegenwart. Seine Beiträge kreisen um eine Frage, die heute wieder offen vor uns liegt: Wie wird aus Wissen Handeln, aus Potenzial Wirkung, aus Kreativität Innovation, aus Diagnose Richtung?

Die wichtigsten Texte bilden eine erkennbare Denkkette. Mihai Nadin untersucht in „How can anticipation inform creative leadership?“ die Fähigkeit, mögliche Zukünfte in gegenwärtige Entscheidungen einzubauen. Winfried W. Weber fragt in „Managementinnovation durch Injunktion“, wer Führungskräften überhaupt neue Denkformen zuführt. Philippe Rixhon beschreibt in „Innovation leadership: Best practices from theatre creators“, was Unternehmen von Theatermachern über kreative Führung lernen können. Thomas Lützenrath und Frank H. Witt zeigen am strategischen Wandel bei Philips, weshalb große Organisationen an den eigenen Erfolgsmustern scheitern. Der abschließende Disput „Visionen der Führungskunst“ mit Lutz Becker, Johannes Ehrhardt und Walter Gora führt diese Linien zusammen: Globalisierung, Technologie, Werte, Organisation und Führung werden als zusammenhängende Herausforderung verhandelt.

Diese Architektur macht den Band heute relevant. Er sucht keine Patentlösung. Er zeigt, wo Innovationsfähigkeit wirklich entsteht: in der Wahrnehmung von Zukunft, in der Sprache des Managements, in der Organisation von Kreativität, in der Fähigkeit zum strategischen Bruch und in der Bereitschaft, Führung als Verantwortung auszuüben.

Mihai Nadin: Zukunft ist kein Anhang der Vergangenheit

Mihai Nadin beginnt mit einer Unterscheidung, die in der aktuellen Debatte über Deutschland und Europa fast schmerzhaft aktuell wirkt. Antizipation ist für ihn kein Raten, keine Prognose, kein statistischer Ausblick. Sie bezeichnet die Fähigkeit, Möglichkeitsräume zu erkennen und in gegenwärtige Führung einzubauen. Wer antizipiert, wartet nicht auf die fertige Datenlage. Er verarbeitet Zeichen, Spannungen, technische Entwicklungen, kulturelle Bewegungen, Marktveränderungen und intuitive Einsichten früher als andere.

Das unterscheidet Antizipation von Forecasting. Forecasting verlängert Daten aus der Vergangenheit. Antizipation arbeitet mit der noch unfertigen Zukunft. Sie fragt, welche Optionen sich öffnen, welche Pfade sich schließen, welche Nebenfolgen heutige Entscheidungen erzeugen und welche schwachen Signale später strukturprägend werden könnten.

Für die europäische Innovationsschwäche ist das zentral. Viele Schwachstellen wurden früh sichtbar: Abhängigkeit von amerikanischen Plattformen, fehlende Cloud-Souveränität, Halbleiterlücken, Defizite bei KI-Infrastrukturen, zersplitterte Kapitalmärkte, langsame Skalierung, überdehnte Genehmigungsverfahren, teure Energie, schwache Verbindung von ziviler und sicherheitsrelevanter Technologie. Die Signale waren vorhanden. Die Übersetzung in unternehmerische, politische und institutionelle Praxis erfolgte zu spät.

Nadin wendet sich gegen ein mechanisches Organisationsbild. Unternehmen, Verwaltungen und Institutionen sind keine Maschinen, die man durch präzisere Steuerung, mehr Kennzahlen und bessere Verfahren zukunftsfähig macht. Sie sind offene Systeme mit Rückkopplungen, Störungen, Intuitionen, Erwartungen und Lernprozessen. Führung ist in diesem Denken kein bloßer Vollzug eines Plans. Sie ist eine Fähigkeit, Möglichkeiten zu ordnen, ohne die Zukunft vollständig besitzen zu wollen.

Gerade darin liegt die Aktualität. Deutschland hat viele Pläne, Roadmaps, Strategien und Zuständigkeiten. Was häufig fehlt, ist eine institutionelle Antizipationskraft, die schneller arbeitet als die Routine. Eine solche Kraft müsste Forschung, Markt, Technologie, Kapital, Sicherheit, Regulierung und unternehmerische Erfahrung enger verbinden. Sie müsste Versuchsanordnungen ermöglichen, bevor der letzte Einwand ausformuliert ist. Sie müsste auch akzeptieren, dass manche Experimente scheitern, weil jedes ernsthafte Zukunftshandeln unter Ungewissheit steht.

Nadin liefert damit den ersten Baustein einer heutigen Innovationsagenda: Europa braucht weniger Zukunftsverwaltung und mehr antizipative Führung.

Winfried W. Weber: Die Soziologie der Managementeinflüsterer

Winfried W. Webers Beitrag „Managementinnovation durch Injunktion“ ist der analytische Kern des Bandes. Weber fragt nicht nur, welche Managementmethode sich gerade durchsetzt. Er fragt, wie Managementinnovationen überhaupt entstehen. Wer bringt neue Begriffe in Umlauf? Wer verändert die Wahrnehmung von Führungskräften? Wer sorgt dafür, dass eine Organisation ihre eigene Lage anders beschreibt?

Sein Begriff der „Injunktion“ ist dabei entscheidend. Gemeint ist keine plumpe Anweisung. Gemeint ist eine verdichtete Setzung, eine irritierende Formel, ein sprachlicher Eingriff, der die Deutung einer Situation verändert. Managementinnovationen entstehen nicht allein durch neue Organigramme, Systeme oder Prozesse. Sie entstehen, wenn Manager andere Begriffe verwenden, andere Vergleiche ziehen, andere Autoritäten akzeptieren und andere Handlungsoptionen für legitim halten.

Weber beschreibt Manager als Grenzgänger. Sie bewegen sich zwischen Organisation und Umwelt, zwischen Mitarbeitenden und Kunden, zwischen Eigentümern, Kapitalgebern, Staat, Wettbewerbern und Netzwerken. An diesen Grenzen nehmen sie Entwicklungen wahr, verstärken sie, blockieren sie oder übersetzen sie in neue Formen der Organisation. Innovation im Management bedeutet daher nicht nur, neue Produkte zu ermöglichen. Sie bedeutet, die Logik zu verändern, nach der Unternehmen handeln.

Besonders aufschlussreich ist Webers Blick auf jene Akteure, die Führungskräften ihre Denkfiguren liefern. Er nennt Managementphilosophen wie Peter Drucker, Tom Peters, Charles Handy und Fredmund Malik. Sie schreiben, reisen, beraten, sprechen auf Kongressen, verdichten Erfahrungen, erzeugen Paradoxien, stellen Formeln bereit. Weber zitiert Handy mit dem Bild der „bees of management“, die um die Welt fliegen: „writing, preaching, consulting“. Diese Honigbienen des Managements schaffen ein Kommunikationsforum, in dem Top-Leute ihre Probleme mit neuen Begriffen versehen.

Das ist kein Nebenthema. Es ist eine Machtfrage. Wer Managementsprache prägt, beeinflusst Entscheidungen. Wer bestimmt, was als modern, mutig, professionell, effizient oder zukunftsfähig gilt, verändert Investitionen, Personalpolitik, Strategien und Organisationsstrukturen.

Weber bleibt nicht bei der Theorie. Er verweist auf eine empirische Erkundung im deutschsprachigen Raum. Online wurde gefragt, wer Führungskräfte maßgeblich beeinflusst. An der Spitze stand Peter F. Drucker mit 19,1 Prozent. Danach folgten Hermann Simon mit 9,5 Prozent und Fredmund Malik mit 7,9 Prozent. Weber deutet diese drei als Generalisten mit managementphilosophischem Stil. Danach erscheinen Michael Porter mit 5,4 Prozent, Philip Kotler mit 5,1 Prozent, Tom Peters mit 4,4 Prozent, Dieter Brandes mit 4,1 Prozent, Jack Welch mit 3,9 Prozent und Reinhard Sprenger mit 3,6 Prozent.

Diese Rangfolge ist eine kleine Soziologie der Führungseinflüsterung. Drucker steht für Management als gesellschaftliche Aufgabe. Simon steht für Fokus, Hidden Champions, Preis, Gewinn, Kundennähe und Weltmarktführerschaft in engen Märkten. Malik steht für systemorientiertes Management. Porter steht für Wettbewerbsvorteile und strategische Positionierung. Kotler steht für Marketing als Führungsdisziplin. Peters steht für Energie, Provokation und rhetorische Beweglichkeit. Brandes steht für Komplexitätsreduktion und Aldi-Prinzip. Welch verkörpert die heroische CEO-Figur. Sprenger steht für Freiheit, Verantwortung und Kritik an Steuerungsillusionen.

Schon diese Liste widerspricht der verbreiteten Annahme, Manager folgten in erster Linie der akademischen Betriebswirtschaftslehre. Sie folgen Denkfiguren. Sie suchen handlungsfähige Begriffe, nicht nur empirisch abgesicherte Modelle. Wirtschaftswissenschaftler bleiben wichtig, sobald sie Orientierung erzeugen. Sie verlieren Einfluss, sobald ihre Sprache den Entscheidungskontext nicht mehr erreicht.

Weber sieht genau dieses Spannungsverhältnis. Wissenschaft kann erklären, ordnen, begrifflich schärfen, methodisch prüfen. Doch Manager handeln unter Zeitdruck, unvollständiger Information, politischem Druck, Machtkonflikten, Kundenanforderungen, Kapitalzwängen und technischer Unsicherheit. Sie brauchen nicht nur Modelle. Sie brauchen Sätze, die Handeln ermöglichen.

Daraus ergibt sich die Gegenwartsfrage: Wer sind heute die Einflüsterer der europäischen Führungskräfte? Sind es noch Unternehmer wie Hermann Simon, die aus Erfahrung, Forschung und Beratung heraus sprechen? Sind es Strategieberater? Sind es KI-Konzerne? Sind es Venture-Capital-Stimmen aus den USA? Sind es Brüsseler Regulierer? Sind es geopolitische Analysten? Sind es chinesische Industrieplaner? Sind es Cloudanbieter, die zugleich die Sprache und die Infrastruktur liefern?

Der Unterschied zu 2008 ist erheblich. Damals lieferten Managementgurus vor allem Begriffe, Bücher, Vorträge und Beratungsprojekte. Heute liefern viele Einflüsterer zugleich Plattformen, Modelle, Chips, Clouds, Datenräume, Standards und Kapital. Der Guru von gestern verkaufte Deutung. Der Infrastrukturguru von heute verkauft Abhängigkeit, Zugang, Rechenleistung und Betriebssysteme der Wertschöpfung.

Damit gewinnt Webers Beitrag eine neue Dringlichkeit. Europas Innovationsschwäche ist auch eine Schwäche der geistigen Selbstbeschreibung. Wer beschreibt den europäischen Führungskräften die Welt? Wer übersetzt KI, Sicherheit, Kapital, Energie, Plattformökonomie und Skalierung in handlungsfähige Begriffe? Wer verhindert, dass Europa die Sprache anderer übernimmt und anschließend deren Infrastruktur mietet?

Weber und Simon: Führung gegen die Konsensfalle

An dieser Stelle gehört Hermann Simon in die Debatte. In „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt“ findet sich der Satz: „Alter Hut, aber wahr: Wer führen will, darf nicht die Stimmen zählen.“ Er steht im Kapitel über Führung, in dem Simon über Charisma, Stimme, Vertrauen, Personalentscheidungen, Schwarmintelligenz, den Hofnarren als Schutz gegen Ja-Sager und den Advocatus Diaboli schreibt.

Der Satz ist keine Verachtung von Beratung, Gegenrede oder Expertise. Im Gegenteil. Simon zeigt an mehreren Stellen, dass Führung gute Ratgeber braucht, gerade solche, die widersprechen. Doch am Ende kann Führung nicht durch arithmetische Meinungsbildung ersetzt werden. Wer jede Entscheidung an der Zahl der Zustimmungen misst, verwechselt Legitimation mit Richtung.

Das ist für Deutschland und Europa wichtig. Die politische und wirtschaftliche Kultur ist reich an Abstimmungen, Runden Tischen, Beiräten, Ressortschleifen, Konsultationen, Förderkulissen und Verbändegesprächen. Vieles davon hat seinen Platz. Doch aus Verfahren entsteht noch keine Führungsenergie. Innovationspolitik scheitert nicht selten an der geordneten Vertagung.

Simon ergänzt Weber deshalb ideal. Weber fragt, welchen Stimmen Führungskräfte zuhören. Simon sagt: Führung beginnt dort, wo man nicht alle Stimmen zählt, obwohl man die richtigen Stimmen gehört haben muss. In einer Innovationslage heißt das: Widerspruch einholen, Irrtümer einkalkulieren, Gegenpositionen ernst nehmen, Experten nicht als Dekoration benutzen, dann entscheiden.

Thomas Lützenrath und Frank H. Witt: Philips als Lehrstück strategischen Wandels

Der Beitrag von Thomas Lützenrath und Frank H. Witt über strategischen Wandel bei Philips holt den Band aus der Welt der Begriffe in die Härte großer Organisationen. Philips war lange ein Technologiekonzern mit breitem Portfolio, vielen Aktivitäten, hoher Komplexität und wiederkehrenden Restrukturierungen. Nach schweren Verlusten Anfang der neunziger Jahre richtete sich der Konzern stärker auf Consumer Electronics aus, setzte auf etablierte Technologien, Marketing, Kundenbindung und eine Stärkung der Marke Philips gegenüber vielen Einzelmarken. Später setzte Gerard Kleisterlee den Kurs fort, trennte Randaktivitäten ab und verkaufte 2006 große Teile der Halbleitersparte, aus der NXP hervorging. Philips bewegte sich in Richtung Healthcare und Lifestyle.

Lützenrath und Witt interessieren sich nicht nur für diesen Einzelfall. Sie unterscheiden Strukturwandel, Systemwechsel und Kulturwandel. Eine Umorganisation kann notwendig sein, bleibt aber oberflächlich, falls sie nicht die tiefer liegenden Denk- und Verhaltensmuster verändert. Ein Systemwechsel gerät oft in Konflikt mit der vorhandenen Kultur. Ohne kulturellen Wandel bleibt strategische Erneuerung ein Organigramm auf Papier.

Der härteste Gedanke betrifft das Beharrungsvermögen erfolgreicher Organisationen. Unternehmen lernen aus dem, was funktioniert hat. Dieses Wissen lagert sich in Strukturen, Prozessen, Rollen, Kontrollsystemen und Selbstbildern ab. Je erfolgreicher eine Organisation über längere Zeit war, desto größer wird die Gefahr, dass sie den eigenen Erfolg für ein Naturgesetz hält. Ehemals führende Unternehmen fallen dann ihren alten Stärken zum Opfer.

Das ist die deutsche Lage in einem Satz. Die Bundesrepublik wurde mit Ingenieurskunst, Qualitätsbewusstsein, mittelständischer Spezialisierung, Exportkraft, Verbändelogik, sozialer Marktwirtschaft und inkrementeller Verbesserung erfolgreich. Diese Muster bleiben wertvoll. Doch sie können zur Bremse werden, sobald KI, Plattformökonomie, Kapitalgeschwindigkeit, Energiepreise, Sicherheitsrisiken und globale Skalierung andere Zeithorizonte erzwingen.

Lützenrath und Witt formulieren sinngemäß: Langfristig erfolgreiche Unternehmen müssen Innovationen aktiv managen, ihren eigenen Erfolg auch kannibalisieren und vorhandene Assets im Zeitverlauf neu positionieren. Viele Unternehmen schaffen genau das nicht. Sie verwalten den Ertrag alter Innovationen, zögern mit der eigenen Neuerfindung und merken zu spät, dass der Markt bereits weitergezogen ist.

Deutschland steht vor einer ähnlichen Aufgabe. Die alte Stärke des Standorts darf nicht abgeschafft werden. Sie muss neu kombiniert werden: Mittelstand mit KI, Maschinenbau mit Software, Chemie mit Kreisläufen, Automotive mit Energie- und Datenarchitekturen, Verwaltung mit digitalen Prozessen, Sicherheit mit ziviler Innovation. Das verlangt strategischen Wandel, keinen Etikettenwechsel.

Philippe Rixhon: Theater als Schule der kreativen Führung

Philippe Rixhon Beitrag „Innovation leadership: Best practices from theatre creators“ wirkt zunächst wie ein Ausflug in eine ferne Welt. Theater und Innovationspolitik scheinen wenig miteinander zu tun zu haben. Bei genauer Lektüre liefert der Text ein Gegenmittel gegen die technokratische Verengung der Innovationsdebatte.

Rixhon beschreibt Innovation als organisierte Kreativität. Theaterarbeit verbindet Vision, Regie, Ensemble, Probe, Konflikt, Rollenklärung, Disziplin, Improvisation und Aufführung. Kreativität allein reicht nicht. Sie muss in eine Form gebracht werden, sonst bleibt sie Energie ohne Wirkung. Zugleich erstickt zu viel Steuerung den kreativen Prozess.

Er unterscheidet Leadership, Management und Coaching. Theatermacher brauchen eine künstlerische Vision, müssen Menschen dafür gewinnen, Ressourcen organisieren, Talente freisetzen, Konflikte bearbeiten und am Ende eine Aufführung ermöglichen. Führung gibt Richtung. Management sorgt für Umsetzung. Coaching hilft Menschen, eigene Lösungen zu entwickeln. Innovation entsteht dort, wo diese drei Funktionen zusammenkommen.

Besonders interessant ist sein Gedanke der dualen Führung. Theater kennt den doppelten Maßstab von Kunst und Finanzen. Auch Unternehmen arbeiten unter doppelten Anforderungen: Kreativität und Wirtschaftlichkeit, Experiment und Markt, Freiheit und Verantwortung, Kunde und Technologie. Eine Organisation, die nur die kreative Seite feiert, verliert wirtschaftliche Tragfähigkeit. Eine Organisation, die nur Effizienz kennt, verliert die Fähigkeit zum Neuen.

Er beschreibt zudem kollektive Kreation als anspruchsvollen Prozess. Sie verlangt Vertrauen, klare Rollen, Geduld, geteilte Verantwortung, Kommunikation, ästhetisches Urteil und die Fähigkeit, Konflikte produktiv zu machen. Der Director zieht nicht alles an sich. Er schafft den Raum, in dem andere wirken können.

Für Deutschland und Europa ist das eine wichtige Korrektur. Innovationspolitik baut gerne Programme. Unternehmen bauen gerne Labs. Verwaltungen bauen gerne Prozesse. Riachi erinnert daran, dass Innovation einen Proberaum braucht: einen Ort, an dem Wissen, Talent, Konflikt, Experiment und Verantwortung zusammenkommen. Wer nur Projektpläne erstellt, bekommt keine Premiere.

Führungskunst zwischen Globalisierung, Technologie und Werten

Der abschließende Disput „Visionen der Führungskunst“ mit Lutz Becker, Johannes Ehrhardt und Walter Gora verbindet die Beiträge des Bandes. Die Herausgeber gehen von der These aus, dass Führungskunst sowie Innovation und Wandel zwei Seiten einer Medaille sind. Die Frage lautet, ob Innovationsfähigkeit in Politik, Verwaltung und Wirtschaft durch die Qualität der Führung geprägt wird.

Johannes Ehrhardt rückt Globalisierung ins Zentrum. Westliche Gesellschaften müssten erkennen, dass Globalisierung keine Einbahnstraße ist. Die Krise des Westens wird damit auch zur Krise seiner Führung. Lutz Becker beschreibt Globalisierung mit dem Bild einer Achterbahn: Man könne unterwegs weder aussteigen noch einfach den Rückwärtsgang einlegen. Der Erfolg von Führung in Wirtschaft, Politik und Verwaltung werde daran zu messen sein, ob es gelingt, sich mit dem Wettbewerb der Volkswirtschaften und Kulturen zu arrangieren.

Dieser Gedanke ist 2026 noch schärfer. Europa steht nicht mehr nur in einem Wettbewerb um Produkte. Es steht in einem Wettbewerb um technologische Plattformen, Kapital, Sicherheitsfähigkeit, Energie, Talente, Daten, Standards und industrielle Souveränität. Wer diesen Wettbewerb mit den Routinen der alten Wohlstandsordnung führen will, wird an Tempo verlieren.

Im Disput kommt auch Ludwig Erhard ins Spiel: Konsumfreiheit und Freiheit wirtschaftlicher Betätigung werden als Grundrechte einer freien Wirtschaftsordnung erinnert. Das ist kein historischer Zierrat. Innovationsfähigkeit braucht Freiheitsräume. Unternehmen müssen experimentieren, investieren, scheitern, wachsen und global agieren können. Ein Staat, der jedes Risiko absichern und jeden Konflikt vorab befrieden will, erzeugt keine Innovationskultur.

Lutz Becker bringt zudem einen Gedanken ein, der 2008 erstaunlich vorausschauend wirkt. Organisationen würden künftig in Teilen von Maschinen übernommen. Führung werde sich weniger über Hierarchie definieren, stärker über Zugang zu Wissen und Information zu einem bestimmten Zeitpunkt. Rollen, Rechte und Systeme bestimmten Handlungsspielräume. Organisationsaufgaben würden ad hoc und „on the fly“ organisiert. Führung unter Gleichen, Peer-to-Peer-Leadership, werde wichtiger.

Das liest sich im Zeitalter künstlicher Intelligenz wie eine frühe Beschreibung digitaler Organisationsmacht. Wer Zugang zu Daten, Modellen, Rechenleistung, Plattformen und Wissenssystemen hat, besitzt Handlungsmacht. Führung hängt nicht mehr allein an Positionen. Sie hängt an Zugriffsrechten, Urteilsfähigkeit, Netzwerkfähigkeit und technologischem Verständnis.

Walter Gora warnt zugleich vor modischen Schlagworten. Sind traditionelle betriebswirtschaftliche Konzepte wirklich überholt? Oder werden nur neue Vokabeln durchgereicht? Diese Frage ist heute unverändert berechtigt. Viele Unternehmen schmücken alte Abläufe mit neuen Etiketten. Aus Digitalisierung wird Prozessscan, aus KI wird Chatbot-Test, aus Transformation wird Workshop, aus Innovationskultur wird Post-it-Ritual. Becker antwortet mit einem vermittelnden Gedanken: Das Risiko des Scheiterns steigt mit der Radikalität des Umbruchs, aber auch mit der Ignoranz von Veränderungen. Beides ist gefährlich.

Der Disput endet praktisch. Veränderung hängt von Marktsituation, Organisationsstrukturen, Prozessen, Situationsanalysen, gemeinsamen Problemlösungen, Schlüsselpersonen und informellen Bewertungen ab. Hohes Engagement der Führung muss mit Einbeziehung und guter Information verbunden werden. Tiefgreifende Veränderungen lassen sich leicht postulieren, aber schwer leben. Viele Menschen haben in regelorientierten Arbeitswelten Sicherheit gelernt. Eigenverantwortliches Nutzen von Freiräumen ist in vielen Branchen weder vertraut noch eingeübt.

Damit trifft der Band einen wunden Punkt der Gegenwart. Europa will Innovation, aber liebt Absicherung. Es will Tempo, aber hält an Verfahrensritualen fest. Es will Gründergeist, aber misstraut großen Gewinnen. Es will technologische Souveränität, aber zögert bei Kapital, Skalierung und Beschaffung. Es will Zukunft, aber schützt häufig die Vergangenheit.

Was von 2008 bleibt

Der Band von Becker, Ehrhardt und Gora bleibt relevant, weil er Innovation nicht als technisches Sonderthema behandelt. Er zeigt, dass Innovationsfähigkeit aus mehreren Quellen entsteht. Nadin liefert Antizipation. Weber liefert die Analyse der Managementsprache. Riachi liefert die organisierte Kreativität. Lützenrath und Witt liefern das Lehrstück des strategischen Wandels. Der Schlussdisput liefert die Verbindung von Globalisierung, Freiheit, Technologie und Führung. Simon liefert die Maxime gegen die Konsensfalle.

Daraus ergibt sich eine klare Gegenwartsdiagnose. Deutschland und Europa haben kein reines Erkenntnisproblem. Die Defizite sind bekannt. Die Studien liegen vor. Die Expertenkommissionen schreiben seit Jahren. Die Standortdebatten wiederholen sich. Das Problem liegt in der Übersetzung von Erkenntnis in Richtung.

Dazu braucht es neue Einflüsterer. Nicht im Sinne modischer Guruverehrung. Gemeint sind Personen, Institutionen und Begriffe, die Orientierung erzeugen. Europa braucht eine Sprache, die technische Komplexität, wirtschaftliche Skalierung, Sicherheitsfähigkeit, unternehmerisches Risiko und gesellschaftliche Legitimation verbindet. Es braucht Managementdenker, Unternehmer, Wissenschaftler, Berater und politische Führungspersonen, die nicht nur moderieren, sondern erklären, auswählen und entscheiden.

Die alten Einflüsterer sind nicht erledigt. Drucker, Simon, Malik, Porter, Mintzberg, Weick, Schumpeter und viele andere bleiben nützlich, weil sie Denkformen liefern. Doch die heutige Lage verlangt zusätzliche Stimmen: KI-Architekten, Kapitalmarktexperten, Sicherheitspolitiker, Deep-Tech-Gründer, Energieökonomen, Plattformanalytiker, Industriepraktiker, Beschaffungsexperten, Mittelstandsunternehmer mit globaler Erfahrung. Der entscheidende Punkt ist nicht die Zahl der Stimmen. Entscheidend ist, ob daraus Führung entsteht.

Die europäische Aufgabe: sehen, entscheiden, proben, skalieren

Aus dem Buch von 2008 lässt sich eine heutige Innovationsformel gewinnen: sehen, entscheiden, proben, skalieren. Sehen heißt bei Nadin: Antizipation aufbauen, mögliche Zukünfte ernst nehmen, schwache Signale verarbeiten, Risiken und Chancen früher in Entscheidungen einbeziehen. Entscheiden heißt bei Simon: Stimmen hören, Gegenrede suchen, dann Verantwortung übernehmen. Führung darf nicht zur Addition von Zustimmungen schrumpfen. Proben heißt bei Riachi: Kreativität organisieren, Rollen klären, Konflikte zulassen, Experimentierräume schaffen, Talent und Disziplin zusammenführen. Skalieren heißt bei Lützenrath und Witt: Erfolgreiche Muster rechtzeitig verlassen, Kernkompetenzen neu positionieren, alte Erträge in neue Geschäfte investieren, Systemwechsel und Kulturwandel verbinden. Weber liefert die übergreifende Frage: Wer bringt diese Begriffe in die Köpfe der Entscheider? Wer prägt die Sprache, mit der deutsche und europäische Führungskräfte ihre Zukunft beschreiben? Wer verhindert, dass sie nur fremde Vokabeln übernehmen, während andere die Infrastruktur liefern?

Deutschland und Europa kommen nicht aus ihrer Innovationsschwäche heraus, solange Innovationspolitik als Addition guter Absichten betrieben wird. Sie brauchen Führung, die Potenziale erkennt, Konflikte nicht scheut, alte Erfolgsmuster prüft und aus Möglichkeiten reale Vorhaben macht. Ein Fachbuch von 2008 erinnert daran, dass Innovation selten mit der neuesten Methode beginnt. Sie beginnt mit der Fähigkeit, Zukunft zu antizipieren, Sprache zu verändern, Menschen zu bewegen und Entscheidungen zu treffen.

Wer jede Stimme zählt, wird am Ende von jenen überholt, die längst bauen.

Siehe auch:

Der journalistische Blick bringt dabei eine wichtige Korrektur. Er misstraut der Selbstbeschreibung von Unternehmen ebenso wie der politischen Beruhigungsformel. Er fragt nach Belegen, nicht nach Stimmungsbildern. Er registriert auch positive Fälle, weiß aber, dass große Entlassungen, Insolvenzen und Werksschließungen eine andere gesellschaftliche Wucht besitzen als eine einzelne Erweiterungsinvestition. Diese Spannung wurde in der Runde offen verhandelt: Berichtet die Presse zu negativ? Oder bleibt das Negative nur stärker im Gedächtnis? Die Antwort fiel differenziert aus. Positive Geschichten gibt es, aber Krise darf nicht weichgezeichnet werden. Wer nur Erfolgsmeldungen produziert, betreibt keine Aufklärung.

Damit bekommt Webers Frage nach den Einflüsterern eine neue Schärfe. Führungskräfte hören nicht nur auf Managementdenker, Berater und Professoren. Sie hören auch auf den öffentlichen Resonanzraum, den Journalisten mitprägen. Gute Wirtschaftsberichterstattung kann Innovationsfähigkeit fördern, wenn sie nicht nur Skandale meldet, sondern Muster sichtbar macht: Wo entstehen neue Geschäftsmodelle? Wo blockieren Eigentümerstrukturen? Wo fehlen Nachfolger? Wo entstehen Ökosysteme? Wo wird aus Forschung ein Produkt? Wo verhindert Bürokratie Tempo? Wo kommuniziert Management ehrlich? Wo versteckt es sich?

Aus dieser Sicht ist Journalismus Teil des regionalen Innovationssystems. Nicht als Jubelabteilung, nicht als Standortmarketing, nicht als Krisenverstärker. Er ist ein Sensorium. Er zeigt, wo die Wirklichkeit den Managementformeln widerspricht. Er zwingt Unternehmen zur Begründung. Er macht sichtbar, was Beschäftigte, Kommunen und Zulieferer längst spüren. Und er kann, im besten Fall, jene Geschichten erzählen, aus denen eine Region Selbstvertrauen gewinnt: nicht durch Schönreden, sondern durch genaue Beobachtung gelungener Erneuerung.

So gelesen führt Webers Runde Ende 2025 zurück zum Buch von 2008. Innovation braucht nicht nur Kapital, Technologie und Programme. Sie braucht Beobachter, die Krisen präzise beschreiben; Einflüsterer, die Begriffe schärfen; Führungskräfte, die entscheiden; und Regionen, die aus ihren alten Kompetenzen neue Wertschöpfung bauen.

Von Weizsäckers Berlin und Wegners Resteverwaltung

Berlin wählt im September. Das klingt nach Republiktheater, nach politischer Entscheidung, nach einer Stadt, die aus ihrer Geschichte gelernt hat und nun prüft, wer ihr gewachsen ist. In Wahrheit steht man vor einem Schaukasten, in dem die Hauptstadt ihre neuesten Miniaturen der Selbstverkleinerung ausstellt. Kulturverwaltung? Macht der Finanzsenator mit. Senatorin zurückgetreten? Irgendwer wird schon einen Schlüssel fürs Haus haben. Nachfolge? Erst kursiert Thomas Heilmann, dann kreisen die Kreisvorsitzenden, dann landet das Ressort bei Stefan Evers, der ohnehin schon mit dem Hauptstadtfinanzierungsvertrag befasst ist. Berlin, die Weltstadt mit Formularstau, gibt sich wieder einmal als Improvisation mit Behördenstempel.

Man kann nun sagen: Das ist eben Wahlkampf. Man kann auch sagen: Es ist Berlin. Beide Sätze taugen als Entschuldigung nur noch für jene, die ihre Ansprüche längst in der Garderobe des Roten Rathauses abgegeben haben. Meine alte Heimatstadt hat Besseres verdient. Sie hat es sogar schon erlebt.

Das Duell der Erwachsenen

1981 standen sich Richard von Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel gegenüber. Das war kein Treffen zweier Lautsprecher mit Parteigrafik im Hintergrund. Es war ein Wahlkampf zwischen zwei Männern, die einander politisch bekämpften und persönlich ernst nahmen. Von Weizsäcker schrieb später über Vogel mit jener Achtung, die heute in Parteizentralen vermutlich als Kommunikationsfehler gälte. Beide hätten den Fehler geteilt, Wahlkämpfe weniger erbittert zu führen, als ihre Parteien es wünschten. Welch altmodische Verirrung: zwei Kandidaten, die die Würde des Gegners nicht für Wahlkampfkleingeld verscherbelten.

Die Lage war damals alles andere als gemütlich. Hausbesetzungen, Leerstände, Gewalt auf dem Kurfürstendamm, eine SPD nach Jahrzehnten der Macht erschöpft, ein sozialliberaler Senat im Verschleiß, eine Stadt im Kalten Krieg, im Schatten der Mauer, im Blickfeld der Alliierten, im Fieber ihrer eigenen Widersprüche. Vogel kam als Arbeiter der Vernunft, als Mann der Ordnung und des Ausgleichs. Von Weizsäcker kam mit der Aura des Nachdenklichen, dem man zunächst kaum zugetraut hätte, Berliner Straßenstaub politisch zu verarbeiten. Dann gewann die CDU mit 48 Prozent ihr historisches Hoch in West-Berlin.

Es war ein Wechsel, der nach Maß roch, nicht nach Machtgerangel im Hinterzimmer. Weizsäcker machte aus dem Senat keine Beutegemeinschaft der Ortsverbände. Er holte Norbert Blüm, Hanna-Renate Laurien, Elmar Pieroth, Ulf Fink, Rupert Scholz und Wilhelm Kewenig aus dem Westen, ergänzte sie mit Berliner Kräften wie Heinrich Lummer, Gerhard Kunz, Edmund Wronski, Ulrich Rastemborsky und Volker Hassemer. Man muss diese Namen gar nicht verklären. Manche Figur hatte scharfe Kanten, manche Ressortpolitik verdiente Widerspruch. Doch die Zusammensetzung verriet einen Anspruch: Berlin sollte regiert werden, nicht verwaltet wie ein ererbter Kiosk.

Ein Senat mit Weltkontakt

Weizsäckers Berlin war keine Provinzbühne mit Hauptstadtgeräusch. Der Regierende Bürgermeister verkehrte mit den Stadtkommandanten, sprach mit Reagan, Mitterrand, Thatcher, Bush und Carrington, während zugleich über Straßenumbenennungen, Wohnungsnot, Besetzungen und Senatswahlen gestritten wurde. Berlin war lokal und weltpolitisch in einem Atemzug. Eine Wilmersdorfer Straße konnte Anlass für Streit sein, der Ost-West-Konflikt lieferte den Hintergrund. Wer in dieser Stadt regierte, musste die Müllabfuhr und die Weltlage zugleich verstehen.

Der Unterschied zu heute liegt weniger in der Größe der Probleme. Auch das Berlin von 1981 war überlastet, gereizt, gefährdet, politisch zerrissen. Der Unterschied liegt in der Verfassung des politischen Personals. Damals hatte man den Eindruck, die Stadt sei eine Aufgabe. Heute wirkt sie zu oft wie ein Verteilungsproblem.

Kultur unter Kassenaufsicht

Nun also Stefan Evers. Finanzsenator und zusätzlich Kulturverwalter bis zur Wahl. Das mag organisatorisch erklärbar sein. Es bleibt ein Symbol von fast literarischer Bosheit. Berlin, Stadt der Bühnen, Museen, Clubs, Orchester, Archive, freien Szenen, Bibliotheken und ruinösen Haushaltsberatungen, stellt seine Kultur in die Obhut der Kasse. Der Etat blickt auf die Kunst, die Kunst blickt zurück, und irgendwo zwischen beiden sucht Kai Wegner nach einem Personalvorschlag, der nicht sofort neue Parteigremien in Bewegung setzt.

Thomas Heilmann wäre eine andere Art von Risiko gewesen. Eigenwillig, schwer einzufangen, juristisch durchsetzungsfähig, innerparteilich nicht immer pflegeleicht. Man kann verstehen, weshalb ein Wahlkampfapparat vor so jemandem zurückschreckt. Man darf sich allerdings fragen, weshalb eine Hauptstadtpartei ausgerechnet vor Eigenwilligkeit Angst bekommt. Berlin braucht keine Ressortbesetzung aus dem Setzkasten der Gefälligkeit. Berlin braucht Köpfe, die eine Verwaltung führen können, ohne beim ersten Gegenwind zur internen Fallstudie zu werden.

Die Affäre um Fördermittel, Rechnungshof, Rücktritt und Nachfolge ist kein bloßer Betriebsunfall. Sie zeigt ein politisches Milieu, das Kultur zugleich schmückt, kürzt, instrumentalisiert und dann kommissarisch unterbringt. Ausgerechnet Berlin, das sich gern als Magnet der Kreativen beschreibt, behandelt sein Kulturressort wie ein freies Zimmer im Senatsflur.

Die Hauptstadt im Format der Bezirksposse

Berlin hat seit Jahrzehnten ein besonderes Talent: Es kann aus großen Fragen kleine Peinlichkeiten herstellen. Aus Wohnungsnot wird Zuständigkeitsgewirr. Aus Verwaltungsreform wird Aktenarchäologie. Aus Kulturpolitik wird Personalroulette. Aus Hauptstadtanspruch wird Bezirksposse mit Pressemitteilung.

Das Bittere daran ist nicht, dass Berlin chaotisch wäre. Berlin war immer chaotisch. Das Bittere ist, dass Chaos früher manchmal Energie freisetzte, heute viel zu oft Ausrede liefert. Die Stadt, die einst Frontstadt war, Labor, Zuflucht, Zumutungsraum der Geschichte und Bühne des Weltkonflikts, präsentiert sich kurz vor der Wahl als Gemeinwesen, das schon bei einer Senatorennachfolge den Eindruck erweckt, der Dienstplan sei wichtiger als die Idee.

Richard von Weizsäcker ist nicht in Sicht. Auch kein Hans-Jochen Vogel. Kein Duell der Erwachsenen, keine Senatsbildung mit gedanklicher Weite, keine erkennbare Lust, Berlin über das eigene Milieu hinaus zu denken. Stattdessen die Frage, wer in der CDU wen wann vorgeschlagen, verhindert, favorisiert oder fallen gelassen hat. Das ist der Stoff, aus dem keine Hauptstadtlegende entsteht, höchstens ein Untersuchungsausschuss mit schlechter Beleuchtung.

Berlin verdient eine größere Bühne als seine Regierung

Die Wahl im September wird deshalb zu einer Frage, die größer ist als Kai Wegner, Stefan Evers, Thomas Heilmann oder die nächste Pressekonferenz im Roten Rathaus. Sie lautet: Will Berlin wieder Stadtpolitik im großen Maßstab, oder begnügt es sich mit der Kunst, jede Ambition in Ressortzuständigkeit zu zerlegen?

Weizsäckers Senat war gewiss kein goldenes Zeitalter ohne Brüche. Doch er stand für den Versuch, Berlin aus der Enge der örtlichen Parteiroutinen herauszuführen. Man holte Leute, die etwas konnten, die Namen hatten, Erfahrungen, Prägungen, Eigensinn. Man nahm in Kauf, dass ein Senat nicht wie eine Kreisdelegiertenversammlung aussieht. Man verstand, dass eine Stadt im Ausnahmezustand auch außergewöhnliches Personal braucht.

Heute wäre schon viel gewonnen, würde Berlin wenigstens so tun, als halte es sich selbst für bedeutend. Eine Stadt, die Weltpolitik in den Knochen hat, darf nicht aussehen wie eine Verwaltung, die nach Feierabend noch schnell Kultur übernimmt. Berlin hat Besseres verdient: eine Regierung, die der Stadt nicht hinterherläuft, eine Opposition, die mehr kann als Empörung verwalten, und einen Wahlkampf, der an die Größe der Aufgabe erinnert.

Im September wird kein Richard von Weizsäcker auf dem Stimmzettel stehen. Das ist kein Vorwurf an die Gegenwart, denn historische Figuren lassen sich nicht nachbestellen. Doch ein Mindestmaß an Format wäre keine nostalgische Überforderung. Es wäre der Anfang von Respekt vor einer Stadt, die zu groß ist für kleine Spiele.

Als Max Weber im Café Landtmann brüllte: Roland Girtlers Wiener Soziologie als kleine Wissenschaftskomödie über Bier, Streit, Charisma und Milieukenntnis

Manchmal braucht eine Wissenschaft keinen Festakt, keine Denkschrift, keine Jubiläumstagung. Manchmal genügt ein Caféhaus, ein schlecht bezahlter Professor, ein paar leere Biergläser, ein Portier mit Unterweltkontakten, eine Bibliothekarin mit Gedächtnis, ein ehemaliger Gangster mit Charme und ein Gespräch, das so laut wird, dass Joseph Schumpeter später nur noch fragen kann, wie man in einem Kaffeehaus derart brüllen könne. Roland Girtlers kleines Buch „Max Weber in Wien“ besitzt genau diesen Vorzug: Es holt die Soziologie aus ihrer feierlichen Selbstversteinerung heraus und stellt sie dahin zurück, wo sie historisch oft entstanden ist – zwischen Akten, Stammtischen, Beobachtungen, Anekdoten, Milieus und verletzter Eitelkeit.

Das klingt zunächst nach Wiener Lokalkolorit. Doch gerade darin liegt die Pointe des Stoffes. Girtler erzählt keine Fußnote aus der Weber-Forschung, er erzählt eine Soziologie der Orte. Die Pension Baltic, das Gasthaus „Zum Goldenen Hirschen“, das Café Landtmann, die Alserstraße 33: Alles sind Bühnen, auf denen sich Wissenschaft nicht als abstrakter Diskurs, sondern als Lebensform zeigt. Max Weber erscheint hier nicht als marmorne Büste des Faches, sondern als Mann mit Verdauung, Ärger, Vorlieben, Geräuschempfindlichkeit, Geldsorgen und Bierdurst. Aus dem Klassiker wird kein Kumpan. Aber er verliert die museale Starrheit, die ihm viele Gedenkreden nachträglich verpasst haben.

Die Pension Baltic oder der Hinterhof der Entzauberung

Weber kam 1918 nach Wien, in eine Stadt, die noch kaiserlich aussah und doch bereits am Rand ihres politischen Zerfalls stand. In der Pension Baltic fand er ein Zimmer mit Blick in einen grünen Hinterhof. Das war für ihn, der an der modernen Welt den Begriff der „Entzauberung“ geschärft hatte, fast schon eine ironische Gegenprobe: Drosseln, Bäume, Wiener Frühling, eine gewisse Anmut der alten Stadt – und daneben die Zumutungen des Alltags. Besonders ein junges Ehepaar im Nebenzimmer reizte ihn, weil es nach seiner Wahrnehmung weder leise noch wohlsittlich genug lebte. Der große Theoretiker der Rationalisierung sah sich mit einer sehr untheoretischen Störung konfrontiert: Menschen.

Girtler nutzt solche Szenen mit feinem Spürsinn. Er weiß, dass sich an ihnen mehr zeigt als Kuriosität. Weber denkt Weltgeschichte, aber er hört durch die Wand. Er analysiert Bürokratien, wartet auf Geld vom Staat und ärgert sich über die Langsamkeit österreichischer Verwaltungswege. Er hält Vorlesungen, geht in die Bibliothek, isst, spaziert, raucht, trinkt Bier und schreibt Briefe, in denen die große Zeitlage manchmal durch eine kleine Verstimmung hindurchscheint. Gerade diese Reibung macht ihn so interessant: Der Theoretiker der Institutionen erfährt die Institution am eigenen Honorarzettel.

Das Gasthaus als Seminarraum der Wirklichkeit

Girtlers eigentliche Stärke liegt darin, dass er Wissenschaft nicht von der Universität her erzählt, sondern von ihren Nebenschauplätzen. Das Gasthaus „Zum Goldenen Hirschen“, später Sitz des Instituts für Soziologie, wird bei ihm zur Brücke zwischen Weber, Wiener Studentenerinnerung und einer ganzen akademischen Volkskunde. Wo einmal Bier ausgeschenkt wurde, residierte später die Soziologie. Man könnte darin einen Zufall sehen. Girtler sieht darin eine heimliche Wahrheit: Eine Disziplin, die Gesellschaft verstehen will, darf ihre Herkunft aus Wirtshaus, Straße, Hinterzimmer, Büro, Archiv und Gespräch nicht vergessen.

Webers Verhältnis zum Bier gibt Girtler genüsslich Raum. Der junge Weber war in Heidelberg Mitglied einer Burschenschaft, schlug Mensuren, trank, pflegte Rituale und kannte jene studentische Welt, in der Ehre, Beleidigung, Trinkfestigkeit und theatralische Körperinszenierung ineinandergriffen. Das „Bierduell“, bei dem Kontrahenten Biergläser leeren, erscheint bei Girtler nicht bloß als Folklore, sondern als Miniatur sozialer Ordnung: Rang, Mut, Männlichkeit, Beschämung, Zugehörigkeit. Wer so etwas vorschnell als lächerlichen Unfug abtut, übersieht den soziologischen Stoff. Rituale sind selten vernünftig, aber fast immer aufschlussreich.

Weber selbst wusste um die Ambivalenz solcher Milieus. Er konnte aus ihnen stammen, sie genießen, sie kritisieren und doch von ihnen geprägt bleiben. In der Figur des „Hundsfott“, die Girtler im Zusammenhang alter studentischer Bräuche erläutert, blitzt eine untergegangene Welt auf, deren Grobheit nicht dadurch verschwindet, dass man sie heute moralisch sauber abheftet. Sie gehört zur Vorgeschichte deutscher Professorenkultur: Ehre als soziale Währung, Bier als Medium, Körperverletzung als Statuszeichen. Man kann das komisch finden. Man sollte es nur nicht harmlos finden.

Café Landtmann: Der Kommunismus als Laborversuch

Die berühmteste Szene des Büchleins spielt im Café Landtmann. Max Weber und Joseph Schumpeter treffen aufeinander, zwei Temperamente, zwei Denkschulen, zwei Arten, Geschichte zu betrachten. Der Streit dreht sich um die russische Revolution. Schumpeter soll das kommunistische Experiment mit intellektueller Kühle betrachtet haben: als eine Art Versuchsanordnung, deren Ergebnis man abwarten könne. Weber reagiert empört. Für ihn war der Bolschewismus kein interessantes Labor, sondern eine Katastrophe mit menschlichen Opfern. Aus der akademischen Differenz wurde ein Wutausbruch.

Die Szene ist so gut, weil sie mehr ist als Anekdote. Hier prallen zwei Formen wissenschaftlicher Distanz aufeinander. Schumpeter, der Ökonom, denkt in historischen Möglichkeiten, Systemexperimenten, Entwicklungslogiken. Weber, der politische Soziologe, hört im Wort Experiment bereits das Klirren menschlicher Schicksale. Der eine bewahrt Kälte, der andere explodiert. Der eine beobachtet Geschichte wie ein grandios riskantes Planspiel, der andere spürt die moralische Ungeheuerlichkeit einer Theorie, die ihre Kosten an lebenden Menschen erhebt.

Natürlich ist auch Weber nicht der gemütliche Humanist, der später zum Patron liberaler Seminarzimmer zurechtgestutzt wurde. Gerade deshalb wirkt seine Empörung glaubwürdig. Er war kein sentimentaler Moralist. Er kannte Macht, Herrschaft, Gewalt, Verantwortung, Schuld. Vielleicht schrie er deshalb so laut. Schumpeters spöttische Bemerkung, wie man in einem Kaffeehaus derart brüllen könne, ist Wienerisch in ihrer besten Form: Sie beantwortet keine Theorie, rettet aber die Contenance des Raumes. Das Caféhaus, diese monarchische Restinstitution der zivilisierten Gesprächsunterbrechung, verteidigt sich gegen den deutschen Ernst.

Die Alserstraße 33 als kleines Welttheater der Soziologie

Der zweite große Erzählstrang führt ins alte Institut für Soziologie in der Alserstraße 33. Girtler beschreibt es als unschönes, umgebautes Haus, hervorgegangen aus einem Gasthaus, später mit Stahlbeton aufgestockt, voller Erinnerungen, Personen, Gerüche, Gewohnheiten und Geschichten. Wer nur nach architektonischer Würde sucht, wird enttäuscht. Wer wissen will, wie eine wissenschaftliche Kultur wirklich lebt, findet hier reiches Material.

Da ist Anton Amort, der Portier, liebenswürdig, wachsam, mit Sinn für Würde und Parkordnung. Er ist bei Girtler keine Randfigur, sondern ein Sozialtypus: Hüter der Schwelle, Kenner der Leute, Vermittler zwischen akademischer Welt und Wiener Wirklichkeit. Er spielt Schnapsen, kennt die Gaunersprache, weiß, wer vor dem Haus parken darf, und besitzt jene soziale Intelligenz, die in Berufungskommissionen selten abgeprüft wird. Neben ihm steht Eliska Stadler, die Bibliothekarin, Bewahrerin der Bücher und der Institutsseele. In solchen Figuren zeigt sich, was Universitäten gern vergessen: Wissenschaft ruht auf Menschen, die keine Lehrstühle besitzen, aber Gedächtnis, Ordnung und Atmosphäre stiften.

Paul Neurath und René König treten als Gastprofessoren auf, jeder mit eigener Emigrations-, Forschungs- und Lebensgeschichte. Neurath, Sohn des berühmten Otto Neurath, bringt die Erfahrung des Exils, der Verfolgung, der amerikanischen Soziologie und der empirischen Forschung mit. König, der große Kölner Soziologe, erscheint als ehrwürdiger Gelehrter, zugleich als Förderer einer Feldforschung, die sich nicht vor Milieus ekelt. Girtler fühlt sich ihm verbunden, weil König verstand, dass Soziologie ohne eigene Anschauung zur Papierwissenschaft vertrocknet.

Das ist der ernste Kern dieses scheinbar leichten Buches. Girtler verteidigt eine Soziologie, die hingeht. Nicht die Soziologie der reinen Tabellenfrömmigkeit, nicht die begriffsverliebte Selbstumkreisung, nicht die steril gereinigte Theorieprosa. Er verteidigt die Beobachtung, das Gespräch, die körperliche Anwesenheit, das Risiko, die Milieukenntnis. Man muss nicht jeden seiner anekdotischen Überschwangsbewegungen teilen, um zu erkennen: Hier spricht einer, der weiß, dass Gesellschaft nicht im Abstract lebt.

Pepi Taschner und die Frage, wer als Quelle zählt

Besonders schön wird das an der Geschichte von Pepi Taschner, dem Wiener Ganoven, den Girtler in seinem Institut empfing. Taschner hatte Schlägereien, Gefängnis, Unterwelt und eine eigenwillige Würde hinter sich. Für Girtler war er kein exotisches Schaustück, sondern ein Gewährsmann. Das irritierte den akademischen Betrieb erwartbar. Plötzlich kamen Prostituierte ins Institut, ehemalige Unterweltfiguren, Leute mit Geschichten, die nicht nach Seminarapparat rochen. Einem Besucher wurde sogar die Brieftasche gestohlen; Pepi klärte die Sache auf seine Weise. Die Universität bekam Besuch von der Wirklichkeit und erschrak über deren Manieren.

Auch hier liegt der Stoff nicht in der Anekdote allein. Es geht um die alte Frage, wer sprechen darf, wer als Quelle gilt, wessen Wissen zitierfähig wird. Der Ganove besitzt kein Zertifikat, aber Milieukenntnis. Der Professor besitzt Methode, aber nicht unbedingt Zugang. Zwischen beiden entsteht jene Spannung, aus der gute Soziologie entstehen kann. Girtler romantisiert die Unterwelt gelegentlich mit spürbarem Vergnügen; doch sein methodischer Impuls bleibt richtig. Wer Devianz verstehen will, darf sie nicht bloß aus Akten rekonstruieren. Wer soziale Welten erforscht, muss mit denen reden, die in ihnen leben.

Damit berührt Girtler eine Grundfrage des Faches: Ist Soziologie eine Wissenschaft der gereinigten Distanz oder eine Kunst kontrollierter Nähe? Die Antwort kann nicht in falscher Verbrüderung liegen. Nähe verführt. Distanz schützt. Aber eine Distanz, die den Gegenstand nie berührt, wird blind. Girtlers Institut in der Alserstraße erscheint deshalb als Schule einer Soziologie, die manchmal unordentlich, komisch, riskant und geschwätzig wirkt, aber einen entscheidenden Vorzug besitzt: Sie riecht nach Welt.

Weber als Wiedergänger einer verlorenen Gelehrtenkultur

Am Ende steht der Abbruch. Das alte Haus verschwindet, ein Ziegelstein bleibt als Erinnerungsstück. Girtler bewahrt ihn wie eine kleine Reliquie. Das könnte kitschig werden, wäre es nicht so passend. Denn dieser Ziegelstein steht für eine Wissenschaftskultur, die sich nicht vollständig in Rankings, Projektskizzen, Drittmittelprosa und Evaluationsbögen übersetzen lässt. In ihm steckt etwas Materielles, Abgenutztes, Widerständiges. Er erinnert daran, dass Denken Orte braucht und dass Orte Geschichten speichern.

Max Weber war 1918 nur kurz in Wien. Und doch macht Girtler aus diesem kurzen Aufenthalt ein Panorama. Weber wartet auf Geld, trinkt Bier, streitet im Café Landtmann, schreibt Briefe, ärgert sich über Lärm und Staat, liest, lehrt, beobachtet. Um ihn herum entsteht ein Wien der Übergänge: Monarchie und Republik, Gasthaus und Institut, Burschenschaft und moderne Soziologie, Caféhaus und Weltrevolution, Ganovenmilieu und Universitätsseminar. In diesem Nebeneinander liegt der Reiz des Buches.

Girtler gelingt damit etwas, das der akademischen Weber-Verehrung selten gelingt: Er macht den Klassiker kleiner und dadurch größer. Kleiner, weil Weber hier als Mensch erscheint. Größer, weil sichtbar wird, wie sehr Theorie aus Erfahrung, Reibung, Affekt und Milieu hervorgeht. Der Begriff der Herrschaft gewinnt eine andere Farbe, wenn man ihn neben Portier Amort liest. Die Theorie der Rationalisierung bekommt einen komischen Schatten, wenn Weber auf sein Honorar vom Staat wartet. Die Ethik der Verantwortung klingt weniger abstrakt, wenn Weber im Café Landtmann gegen Schumpeters kalten Möglichkeitssinn aufbraust.

So wird aus „Max Weber in Wien“ keine Devotionalie, sondern eine kleine Soziologie der Soziologie. Das Büchlein zeigt eine Disziplin, die sich selbst nicht zu feierlich nehmen sollte. Sie begann nicht nur in Hörsälen, sie saß auch in Wirtshäusern, fuhr mit dem Fahrrad, spielte Karten, stritt, trank, sammelte Geschichten, öffnete Türen für Leute, die im akademischen Salon verdächtig wirkten. Vielleicht braucht die Soziologie diese Erinnerung dringender, als sie zugibt. Denn eine Wissenschaft, die Gesellschaft erklären will, darf vor deren unordentlichen Erscheinungsformen nicht zurückzucken.

Und vielleicht ist genau das die schönste Lehre dieses Wiener Weber-Bildes: Die Gesellschaft sitzt selten dort, wo man sie erwartet. Man findet sie im Hinterhof der Pension, am Stammtisch, in der Bibliothek, beim Portier, in der Brieftasche eines bestohlenen Kollegen, im Streit über Revolutionen und in einem Caféhaus, das kurzzeitig zur Weltbühne wird. Max Weber brüllte, Schumpeter lächelte, Wien blieb Wien. Die Soziologie hatte für einen Augenblick alles, was sie braucht: einen Konflikt, einen Ort, Zeugen, Übertreibung, Erinnerung – und jemanden, der daraus eine Geschichte macht.

Der Bonner Philosoph, dessen Spur im Staatsdenken liegt: Harald Korten, Hans Michael Baumgartner und der Band „Recht – Staat – Gesellschaft“

Der Tod eines Freundes reißt eine Lücke, die sich im privaten Gedächtnis anders zeigt als im öffentlichen Raum. Im Privaten bleiben Stimme, Witz, Gesten, gemeinsame Wege, Abende, Gespräche, Musik, Debatte. Im öffentlichen Raum bleibt häufig wenig: ein Name auf einem Titelblatt, ein Herausgebervermerk, ein Beitrag in einem Band, ein Hinweis im Vorwort. Danach kehrt der Betrieb zur Tagesordnung zurück. Dagegen arbeitet Erinnerung, sobald sie mehr leisten will als Trauerbekundung. Harald Korten starb 2017. Sein Tod liegt nicht erst hinter der nächsten Ecke der Gegenwart, er gehört bereits zu jenen Verlusten, die der Alltag gern überdeckt. Umso dringlicher wird der Blick auf das, was von ihm sichtbar bleibt. Einer dieser sichtbaren Orte ist der 1999 im Verlag Karl Alber erschienene Band „Recht – Staat – Gesellschaft. Facetten der politischen Philosophie“, herausgegeben von Petra Kolmer und Harald Korten.

Der Band entstand aus einer Tagung an der Universität Bonn, die am 25. und 26. Juni 1998 aus Anlass des 65. Geburtstags und der Emeritierung Hans Michael Baumgartners stattfand. Geplant war eine Festschrift. Nach Baumgartners Tod am 11. Mai 1999 wurde daraus ein Gedenkband. Diese Verschiebung verleiht dem Buch seine eigene Trauerschicht. Es würdigt einen Lehrer, Mentor und Freund, und es zeigt zugleich die geistige Umgebung, in der Harald Korten arbeitete.

Heute, Jahre nach Haralds Tod, erhält der Band eine zweite Lesart. Was damals dem Andenken Baumgartners galt, wird auch zu einer Spur Kortens. Sein Name steht neben Petra Kolmer auf dem Titelblatt, seine Mitarbeit prägt die Einleitung, seine Auswahl- und Ordnungsarbeit hält einen philosophischen Gesprächszusammenhang fest, der in Bonn am Ende der alten Bundesrepublik eine besondere Färbung hatte.

Harald Korten gehört zu jenen philosophischen Existenzen, deren Rang sich schwer am üblichen akademischen Inventar ablesen lässt. Er hatte Geist, rhetorische Kraft, Bildung, musikalisches Temperament, Geschmack, eine scharfe Wahrnehmung für intellektuelle Verwahrlosung und das Talent, Begriffe aus der Vitrine zu holen. Er hätte sich im universitären Raum profilieren können. Er hätte eine eigene Form der Kritik, der politischen Philosophie, der philosophischen Publizistik entwickeln können. Vieles blieb Möglichkeit. Umso wichtiger ist der Blick auf das, was greifbar vorliegt.

Der Band versammelt die Beiträge einer Tagung, die noch zu Baumgartners Ehren geplant war. Der Dank richtet sich an Autoren, Verlag und Herausgeberkreis. Dann folgt der Einschnitt: Am 11. Mai 1999 habe Hans Michael Baumgartner den harten Kampf gegen eine schwere Krankheit verloren. Der Band werde nun seinem Gedenken gewidmet.

Diese wenigen Sätze zeigen, wie rasch aus akademischer Feier Erinnerung wird. Eine Emeritierungstagung, gedacht als Würdigung eines lebenden Gelehrten, verwandelt sich in ein Buch des Nachrufs. Für Kolmer und Korten war diese Veränderung keine formale Korrektur. Sie betraf ihren Lehrer, ihren Gesprächspartner, ihr philosophisches Zentrum.

Die Einführung als Karte des Politischen

Die von Petra Kolmer und Harald Korten verfasste Einführung trägt den programmatischen Titel „Staat, Recht, Gesellschaft — Grunddimensionen des Politischen“. Sie beginnt mit einer klaren Geste der Einordnung: Die Beiträge des Bandes behandeln das Politische aus unterschiedlichen Perspektiven, doch das Zentrum bildet die Frage nach der Ordnung des staatlichen Gemeinwesens. Damit wird Politik weder auf Parteiengeschäft verengt noch auf Verfassungsjuristerei reduziert. Politische Philosophie meint hier die Grundfrage menschlichen Zusammenlebens unter Bedingungen von Recht, Macht, Geschichte, Freiheit und institutioneller Bindung.

Kolmer und Korten räumen ein, dass manche Autoren des Bandes sich selbst kaum als politische Philosophen verstanden hätten. Gerade diese kleine Distanz ist aufschlussreich. Die Herausgeber wählen bewusst einen weiten Begriff politischer Philosophie. Er umfasst die Ordnung des Gemeinwesens, die Verfasstheit der Gesellschaft, die rechtliche Gestalt des Staates, die historische Erinnerung, die demokratische Verantwortung, die Frage der Führung und die europäische Selbstverständigung.

Der Staat erscheint in dieser Einführung nicht als bloße Verwaltungskonstruktion. Er ist eine besondere Form menschlicher Verbandsbildung. Schon Aristoteles’ Formel vom Menschen als Lebewesen der Polis bildet einen Hintergrund. Kolmer und Korten führen den Leser jedoch rasch in die Moderne, in der Staat, Recht und Gesellschaft auseinandergetreten sind. Der Staat steht nicht mehr selbstverständlich als umfassende Ordnung über allem. Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Familie, Verbände, Öffentlichkeit und Recht gewinnen eigene Formen. Aus dieser Ausdifferenzierung entsteht die Frage, welche Funktion der Staat noch erfüllt, wie er sich legitimiert, wo er begrenzt werden muss und welche Voraussetzungen er braucht.

Der eigentliche Reiz der Einführung liegt darin, dass sie den Staat weder feiert noch verabschiedet. Sie fragt nach seiner Notwendigkeit. Braucht der Mensch den Staat wirklich? Darf man ihn als Maschine verstehen, in der freie Menschen zu mechanischen Rädern werden? Oder ist der Staat ein notwendiges, wenngleich unvollkommenes Ordnungsgebilde, das menschliches Zusammenleben vor Gewalt, Willkür und Zerfall bewahrt? Kolmer und Korten verweisen hier auf Baumgartners Plädoyer für einen imperfekten Staat. Der Staat darf sich nicht als vollendete Gemeinschaft ausgeben. Er bleibt defizitär, korrekturbedürftig, begrenzungsbedürftig. Gerade diese Unvollkommenheit schützt vor politischen Heilslehren.

Damit ist die Einführung zugleich eine Absage an politischen Totalitätsanspruch. Humane Formen des Zusammenlebens entstehen nicht aus der Verschmelzung aller Unterschiede in einem großen Kollektiv. Sie entstehen durch Verständigung, Konfliktfähigkeit, Recht, institutionelle Begrenzung und dialogische Vernunft. Der Staat hat darin eine dienende, ordnende, sichernde Aufgabe. Er ist kein Erlösungsorgan.

Kolmer und Korten führen die Beiträge anschließend wie Stationen eines Problemfeldes zusammen. Isensee fragt nach der Legitimation des Staates im langen historischen Prozess. Brandt untersucht die Institution als Grundform politischer und sozialer Ordnung. Kersting befragt den Sozialstaat auf Verteilungsgerechtigkeit und Solidarität. Kluxen sucht nach ethischen Grundlagen der Demokratie. Wellershoff rückt die Führungspflicht ins Zentrum. Frühwald arbeitet an Erinnerung und Gedächtnis. Gerhardt setzt beim Menschen als rationalem Tier an. Baumgartner richtet den Blick auf Europa. So entsteht keine geschlossene Lehre. Es entsteht eine philosophische Topographie.

Darin zeigt sich Kortens sichtbare Arbeit. Eine Einführung dieser Art hält einen Sammelband zusammen, ohne die Beiträge zu nivellieren. Sie macht verständlich, weshalb sehr verschiedene Texte in einen gemeinsamen Zusammenhang gehören. Sie spricht vom Politischen als einer offenen Ordnung von Fragen, die das Gemeinwesen im Innersten betreffen.

Die alte Frage nach der Rechtfertigung des Staates

Josef Isensee führt diese Grundfrage in seinem Beitrag „Die alte Frage nach der Rechtfertigung des Staates. Stationen in einem laufenden Prozeß“ durch die Geschichte der politischen Philosophie. Schon der Untertitel ist wichtig. Die Rechtfertigung des Staates ist kein erledigtes Kapitel. Sie ist ein Prozess, der immer wieder neu aufgenommen werden muss.

Isensee beginnt bei Platon und der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Der Staat tritt dort als Frage nach Gerechtigkeit auf. Er ist nicht bloß Machtverband, nicht bloß Zweckapparat. Er wird zum Gegenstand philosophischer Prüfung. Darin liegt bis heute die Brisanz: Der Staat darf sich nicht allein dadurch rechtfertigen, dass er existiert. Er steht unter dem Anspruch der Vernunft.

Isensee formuliert diesen Gedanken mit großer Klarheit. Der Staat steht unter Rechtfertigungszwang. Wer nach seiner Rechtfertigung fragt, macht den Staat gleichsam zum Angeklagten vor dem Tribunal der Vernunft. Diese Formulierung hat Gewicht. Sie trennt politische Philosophie von Staatsromantik. Der Staat ist kein sakraler Körper. Er muss Gründe liefern. Er muss zeigen, weshalb seine Macht, seine Gesetze, seine Eingriffe, seine Ordnung und seine Ansprüche legitim sind.

Der Durchgang durch Platon, Aristoteles, Christentum, Moderne und Zweckrationalität zeigt, wie wechselhaft diese Begründungen waren. Mal erscheint der Staat als Ort der Gerechtigkeit, mal als Schutzverband, mal als Ordnungsmacht gegen Sünde und Gewalt, mal als Vertrag, mal als Nutzenkalkül, mal als Garant äußerer Freiheit. Isensee interessiert sich für diese Wandlungen, weil sie zeigen, dass der Staat keine ein für alle Mal feststehende Begründung besitzt. Seine Legitimation wandert mit den geschichtlichen Erfahrungen.

Der Abschnitt zu Platon macht sichtbar, wie eng politische Ordnung und Seelenordnung in der klassischen Philosophie verbunden waren. Die Frage nach dem gerechten Staat ist dort zugleich die Frage nach dem gerechten Menschen. Der Philosoph erscheint als derjenige, der die Ordnung erkennt, die der Staat verwirklichen soll. Isensee zeigt dabei auch die Distanz zwischen Idee und Wirklichkeit. Der Staat als Ideal bleibt gefährdet durch seine geschichtliche Ausführung. Er kann zum Projekt der Erziehung werden, zum Entwurf einer vernünftigen Ordnung, zum Zwangsgebilde.

Aristoteles bringt eine andere Färbung hinein. Der Staat entsteht aus den natürlichen Gemeinschaften und findet in der Polis seine höchste Form. Der Mensch vollendet sich als Bürger. Doch die Moderne zerbricht diese Ganzheit. Der Staat verliert seine umfassende Rolle. Religion, Gesellschaft, Ökonomie, Individuum, Familie und Recht treten auseinander. Der moderne Staat muss sich aus Zwecken rechtfertigen: Schutz, Frieden, Freiheit, Sicherheit, Rechtsordnung, soziale Sicherung. Damit wird er zugleich begrenzbar. Was aus Zwecken begründet wird, kann an Zwecken gemessen werden.

Aus heutiger Sicht wirkt Isensees Beitrag besonders aktuell, weil die Frage nach staatlicher Rechtfertigung wieder unter Druck geraten ist. Der Staat soll schützen, steuern, fördern, sanktionieren, regulieren, digitalisieren, versorgen, integrieren, abwehren, finanzieren. Jede neue Erwartung erweitert seinen Anspruch. Jede neue Krise vergrößert die Versuchung, aus Notwendigkeit Legitimität abzuleiten. Isensee erinnert daran, dass ein Staat gerade im Ernstfall begründungspflichtig bleibt. Ohne diese Pflicht wird politische Ordnung bloße Verfügungsmacht.

Die Einleitung von Kolmer und Korten gewinnt durch Isensees Beitrag ein historisches Fundament. Der Staat steht nicht einfach da. Er wird befragt, angeklagt, verteidigt, begrenzt, neu bestimmt. Seine Legitimation ist ein laufender Prozess. Das passt zu Baumgartners Vorstellung eines imperfekten Staates: Ein Gemeinwesen, das sich rechtfertigen muss, hat seine eigene Begrenzung bereits anerkannt.

Dieter Wellershoff und die Ernstform der Führung

Admiral a. D. Dieter Wellershoff bringt mit „Die Pflicht zu führen“ eine andere Tonlage in den Band. Schon der Autor steht für eine besondere Verbindung von Praxis und Reflexion. Wellershoff schreibt nicht als akademischer Theoretiker des Führungsbegriffs, auch nicht als Managementredner. Er schreibt aus militärischer Erfahrung, politischer Beobachtung und philosophischer Rückbindung.

Sein Beitrag beginnt mit einer kleinen Selbstverortung: Praktische Philosophie stehe über dem Symposium; er nehme für sich den Sinn eines wissenschaftlich gebildeten Liebhabers in Anspruch. Dann wendet er sich einem Thema zu, das in Deutschland sofort gereizte Reaktionen hervorruft: Führung. Wellershoff registriert diese Reizbarkeit genau. Deutsche Geschichte, Demokratieverständnis, Selbstbestimmungsideal und Misstrauen gegenüber Autorität haben den Begriff beschädigt. Doch er lässt sich damit nicht erledigen.

Wellershoff arbeitet zunächst die Vorbehalte heraus. Die deutsche Geschichte habe Führung verdächtig gemacht. Demokratie werde häufig als Gegenbegriff zu Führung missverstanden. Selbstbestimmung richte sich gegen Fremdbestimmung. Naturtalent werde überschätzt. All das führt zu einer Lage, in der Führung gebraucht, zugleich gemieden wird. In Politik, Wirtschaft, Streitkräften, gesellschaftlichen Organisationen und internationalen Hilfsorganisationen steigen die Anforderungen. Wer Verantwortung trägt, kann sich nicht in Nischen zurückziehen oder Aufgaben aussitzen.

Seine Definition von Führung ist präzise und anspruchsvoll. Führung ist ein Prozess sozialen Handelns, in dem Wille zielgerichtet übertragen und durchgesetzt wird. Sie beruht auf gegenseitiger Information, Legitimation, Zielbildung, Einsatz von Mitteln, Bewertung des Verlaufs und Verantwortung für Folgen. Führung ist daher weder Befehlstechnik noch Charisma-Ersatz. Sie verlangt soziale Kompetenz, fachliches Können, Beherrschung von Methoden, Information der Öffentlichkeit und ethische Verantwortung.

Diese fünf Elemente zeigen, wie weit Wellershoff vom platten Führerkult entfernt ist. Er will Autorität nicht als Pose retten. Er bindet sie an Können, Vertrauen, Überzeugung, Verantwortung und Maß. Besonders eindrücklich sind seine klassischen Prüffragen am Ende: Ist es klug? Ist es gerecht? Ist es tapfer? Habe ich das rechte Maß gefunden? Diene ich mit meinem Verhalten dem Gemeinwohl?

Damit rückt Wellershoff Führung in den Bereich praktischer Urteilskraft. Wer führt, entscheidet unter Unsicherheit. Er trägt Folgen. Er kann sich weder hinter Verfahren noch hinter Popularität verstecken. Demokratie braucht Führung, gerade weil Macht begrenzt, geteilt und kontrolliert wird. Führung ohne Recht wird gefährlich. Demokratie ohne Führung verliert Handlungsfähigkeit.

Die Aktualität dieses Textes liegt offen zutage. Politik leidet nicht nur unter falschen Entscheidungen. Sie leidet auch unter verschleppten Entscheidungen, unter taktischer Vermeidung, unter Angst vor Verantwortung, unter der Flucht in Verfahren, Moderation und Zuständigkeitssprache. Wellershoff schreibt dagegen aus einer Welt, in der Führung mit Folgen verbunden ist. Seine militärische Erfahrung führt nicht zu Befehlspathos. Sie zwingt zur Frage, wer Verantwortung trägt, sobald eine Lage unübersichtlich wird.

Am Ende seines Beitrags kehrt Wellershoff persönlich zu Baumgartner zurück. Er dankt ihm für Einsichten in politische Philosophie und für Freundschaft. Er erinnert daran, dass Baumgartner in seinem wichtigen Beitrag zu Wellershoffs Buch über Macht, Sicherheitspolitik und Streitkräfte den Staatszweck im Schutz der Freiheit als Autonomie und in der Sicherung der Freiheit als äußerer Handlungsraum bestimmt habe. Hier berühren sich militärische Praxis und politische Philosophie. Freiheit braucht Recht. Recht braucht Schutz. Schutz braucht Führung. Führung braucht Verantwortung.

So fügt sich Wellershoffs Beitrag in den Band ein. Er zeigt, dass politische Philosophie nicht beim Begriff stehenbleiben darf. Sie muss sich der Wirklichkeit aussetzen: Macht, Entscheidung, Risiko, Öffentlichkeit, Krieg, Frieden, Organisation, Verantwortung. In dieser Nähe zur Praxis liegt eine besondere Qualität des Bandes.

Baumgartners Europa ohne Erlösungsrhetorik

Hans Michael Baumgartners eigener Beitrag „Europa als Thema und Herausforderung der Philosophie“ wirkt im Band wie ein Vermächtnis. Er beginnt mit einer Feststellung, die heute wieder brennend erscheint: Europa wird gerade in Krisenzeiten zum Thema philosophischen Denkens. Baumgartner erinnert an die großen Deutungen Europas nach dem Ersten Weltkrieg, an Kulturpessimismus, Krisendiagnosen, geschichtsphilosophische Entwürfe, politische Hoffnungen und ideologische Übergriffe.

Sein Zugriff ist kantisch geschult und ideologiekritisch. Philosophie hat die Aufgabe, Begriffe zu prüfen, Voraussetzungen freizulegen, Widersprüche aufzudecken und metaphysische oder politische Selbsttäuschungen abzuweisen. Europa darf daher nicht als Mythos behandelt werden. Es ist kein Heilszeichen, kein geschichtlicher Automatismus, keine harmonische Einheit. Europa ist ein Problem politischer Vernunft.

Baumgartner unterscheidet zwischen verschiedenen Staatstheorien, die für Europa lehrreich sind. Der Staat als vollkommene Gemeinschaft, der den Menschen vollständig in sich aufnimmt, führt in gefährliche Nähe totaler Ordnungsphantasien. Der rein instrumentelle Staat, der allein äußere Freiheit sichert, bleibt ebenfalls unzureichend. Baumgartner sucht nach einem Staatsverständnis, das Freiheit, Recht, Institution und geschichtliche Erfahrung zusammendenkt. Der Staat ist dabei kein Ort menschlicher Vollendung. Er ist eine notwendige, begrenzte, korrekturbedürftige Form, die äußere Freiheit sichern und ein Zusammenleben unter Gesetzen ermöglichen soll.

Von hier aus nähert er sich Europa. Europa kann für ihn kein Nationalstaat im Großformat sein. Auch die Vorstellung eines harmonischen Kulturkörpers trägt nicht. Europas Traditionen sind vielfältig, konfliktreich, religiös, philosophisch, politisch und geschichtlich ineinander verschlungen. Gerade diese Verschlungenheit macht jede einfache Identitätsformel verdächtig.

Baumgartner verweist auf die gemeinsame Geschichte Europas, doch er verklärt sie nicht. Das Gemeinsame liegt nicht allein in großen Werken, Kathedralen, Universitäten und philosophischen Traditionen. Es liegt auch in den Katastrophen, Kriegen, ideologischen Verirrungen, nationalen Hybrisformen und gegenseitigen Verletzungen. Europa besitzt keine unschuldige Herkunft. Seine politische Aufgabe entsteht aus dieser beschädigten Geschichte.

Die Aufgabe der Philosophie besteht für Baumgartner darin, Europa gegen zwei Versuchungen zu schützen. Die erste ist die Idealisierung: Europa als moralisch höheres Wesen, als Erfüllung der Geschichte, als sanfte Universalmonarchie des Guten. Die zweite ist die bloße Verwaltung: Europa als Vertragsapparat, als Marktordnung, als technischer Mechanismus ohne geistige Selbstprüfung. Beides reicht nicht. Europa braucht Recht, Erinnerung, politische Form, geschichtliche Wahrhaftigkeit und kritische Vernunft.

Am Ende steht bei Baumgartner keine Utopie. Er warnt davor, Europa als neues Heilsprojekt aufzubauen. Angesichts des Scheiterns großer Vernunftutopien empfiehlt er Maß, Bescheidenheit, Rechtsstaatlichkeit, kritische Vernunft und eine politische Form, die Unterschiede anerkennt, ohne sie in Feindschaft treiben zu lassen. Sein fast ironisch klingender Hinweis, Europa solle es vielleicht machen wie die Schweizer, ist kein folkloristischer Einfall. Er zielt auf Föderalität, Rechtsbindung, Pluralität, Selbstbegrenzung und institutionelle Klugheit.

Das ist Baumgartners Vermächtnis im Band: Europa bleibt Aufgabe, keine Erlösung. Der Staat bleibt notwendig, keine Vollendung. Recht bleibt Schutzform der Freiheit, kein bloßes Instrument der Macht. Philosophie bleibt kritische Prüfung, keine Begleitmusik politischer Großformeln.

Harald Kortens sichtbare Arbeit

In diesem Gefüge liegt Harald Kortens Leistung. Sie besteht nicht darin, dass er den Band mit einem großen eigenen System überragt. Seine sichtbare Arbeit liegt in der editorischen, konzeptionellen und einführenden Formung eines Gesprächs über politische Philosophie am Ende der Bonner Republik. Zusammen mit Petra Kolmer gibt er dem Band eine Architektur. Die Einführung zeigt, wie die Beiträge gelesen werden sollen: als Annäherung an den Staat aus den Perspektiven von Recht, Gesellschaft, Demokratie, Geschichte, Führung, Europa und menschlicher Vernunft.

Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ein Sammelband kann leicht zu einer bloßen Ansammlung von Beiträgen werden. Kolmer und Korten vermeiden das durch eine Einführung, die Zusammenhänge herstellt, Begriffe schärft und die Beiträge in ein gemeinsames Problemfeld stellt. Sie zeigen, dass die politische Philosophie gerade dort lebendig wird, wo sie nicht als Sonderdisziplin auftritt, die nur Fachleute bedient. Sie greift in Fragen ein, die alle betreffen: Wer darf herrschen? Wer muss gehorchen? Was schützt Freiheit? Was leistet Recht? Was begrenzt Macht? Was hält Gesellschaft zusammen? Was kann Europa sein?

Harald Kortens Name steht daher für eine Form philosophischer Vermittlung, die heute selten geworden ist. Er arbeitete an Begriffen, an Übergängen, an Kontexten. Er nahm das Politische ernst, ohne es dem Tageskommentar zu überlassen. Er nahm den Staat ernst, ohne staatsfromm zu werden. Er nahm Europa ernst, ohne Europa in Festrede aufzulösen.

Wer sein Lebenswerk bewahren will, muss auch solche Spuren lesen. Das Werk eines Menschen besteht nicht immer aus einem dicken Hauptbuch, einer Professur, einer Schule, einem Kanon eigener Monographien. Es kann auch in einem herausgegebenen Band liegen, in einer Einführung, in einem Denkzusammenhang, in einer Treue zu einem Lehrer, in einem intellektuellen Milieu, das durch Namen, Gespräche und Bücher fortlebt.

Gerade im Fall Harald Kortens ist dieser Blick wichtig. Er war keine Randfigur des bloß Privaten. Er bewegte sich in einem anspruchsvollen philosophischen Kontext. Er war Schüler und Mitarbeiter Baumgartners. Er gehörte zu einem Kreis, der das Politische nicht als Tagesgeschäft begriff, vielmehr als Frage nach den Bedingungen von Freiheit, Recht und Gemeinwesen. Seine Spur ist leise, aber lesbar.

Ein gemeinsamer Denkraum

Hans Michael Baumgartner war bereits tot, als der Band erschien. Harald Korten starb 2017. Zwischen beiden Namen spannt sich eine kleine Bonner Geistesgeschichte. Der eine war Mentor, der andere Schüler, Mitarbeiter, Freund, Herausgeber. Der Band „Recht – Staat – Gesellschaft“ hält diesen Zusammenhang fest.

Man spürt in ihm eine Zeit, in der politische Philosophie nach Grundlagen fragte. Sie ging an Platon, Aristoteles, Kant, Hegel, Hobbes, Rousseau und Schelling nicht museal heran. Sie brachte diese Traditionen in Berührung mit Bundesrepublik, Sozialstaat, Führung, Europa und Rechtsstaatlichkeit. Das ist die Welt, in der Harald Korten sich bewegte.

Sein Tod im Jahr 2017 darf nicht bedeuten, dass diese Spur versandet. Man muss keine akademische Heroisierung betreiben, um ihm gerecht zu werden. Es genügt, genau hinzusehen: auf den Band, auf die Einführung, auf den geistigen Umkreis Baumgartners, auf die Fragen, die dort gestellt wurden. In diesen Fragen lebt Haralds philosophische Arbeit weiter.

Der Staat bleibt rechtfertigungspflichtig. Führung bleibt verantwortungspflichtig. Europa bleibt eine Aufgabe kritischer Vernunft. Das Gemeinwesen bleibt angewiesen auf Menschen, die Begriffe ernst nehmen. Harald Korten war einer dieser Menschen.

Vielleicht ist das auch der angemessene Ton der Erinnerung. Nicht Überhöhung, nicht Nachrufspathos, nicht die private Anekdote als Ersatz für Werkbetrachtung. Der Blick geht auf die Texte, auf den Band, auf das Denken, auf die Verbindung zu Baumgartner. Freundschaft kann sich gerade darin bewähren, dass sie den Freund nicht in bloßer Wehmut festhält. Sie liest, was er mitgetragen hat. Sie zeigt, was sonst im Regal verschwände.

Gegen das Verschwinden

Nach dem Tod eines Menschen gewinnt die Tagesordnung rasch wieder Macht. Termine laufen weiter. Bücher bleiben im Regal. Namen verschwinden aus Gesprächen. Die akademische Welt ist darin besonders hart. Wer kein Amt mehr ausfüllt, keine Vorlesung hält, keine neuen Texte veröffentlicht, gleitet schnell aus der Wahrnehmung.

Seit 2017 fehlt Harald Korten. Der Abstand macht den Verlust leiser, aber nicht geringer. Erinnerung braucht darum konkrete Orte: Titel, Daten, Beiträge, Gedanken. Bei Harald führt ein solcher Weg zu „Recht – Staat – Gesellschaft“. Zu einem Band, der Baumgartner gewidmet war und zugleich als sichtbare Spur Haralds gelesen werden kann. Zu einem Vorwort, in dem aus einer Festgabe ein Gedenkbuch wurde. Zu einer Einführung, die den Staat aus Recht und Gesellschaft heraus befragt. Zu Isensees Rechtfertigungsprozess. Zu Wellershoffs Pflicht zu führen. Zu Baumgartners Europa der kritischen Vernunft.

Wer Harald Korten bewahren will, sollte diesen Band wieder aufschlagen. Nicht aus Antiquariatsnostalgie. Aus Treue zu einem Denken, das noch wusste, dass politische Begriffe Gewicht haben. Aus Dank für einen Freund, dessen Stimme seit Jahren fehlt, dessen Spur aber lesbar bleibt.

Die Geister, die aus dem Taschentuch kamen: Über Ektoplasma, Séancen, Scharlatanerie und die lange Karriere des okkulten Denkens von der Theosophie bis zur Gegenwart

Die Moderne hat ihre Gespenster nie vertrieben. Sie hat ihnen Apparate hingestellt. Kaum waren Fotoplatten, Nervenkliniken, Laborräume, elektrische Lampen, Stoppuhren und Sitzungsprotokolle verfügbar, kehrte der Spuk in einer neuen Gestalt zurück: als Experiment. Das Unheimliche kam nicht mehr aus der Burgruine, es trat im Versuchsraum auf. Es raschelte hinter Vorhängen, materialisierte sich als Schleier, Rauch, Haut, Gewebe, Maske oder Hand und verlangte im selben Augenblick nach Beglaubigung durch Zeugen, Messgeräte und Kameras.

An dieser Schwelle steht Albert Freiherr von Schrenck-Notzing, Nervenarzt, Sexualpathologe, Hypnotiseur, Parapsychologe, reisender Promotor des Übersinnlichen. Er wollte dem Okkulten methodisch beikommen, dem Tischrücken und den angeblichen Materialisationen ein Protokoll abringen, den Medien ihren Trick entreißen oder ihre Kräfte nachweisen. Er prüfte, fixierte, kontrollierte, fotografierte, verglich. Doch je genauer die Anordnung wurde, desto mehr verwandelte sich das Experiment in Theater. Der weiße Stoff, der aus einem Mund oder einer Körperöffnung trat, war zugleich Präparat, Requisite, Skandalon, Kunstform und Symptom einer Epoche, die alles sehen wollte und deshalb besonders anfällig für das wurde, was sie zu sehen hoffte.

Professor Reiner Speck hat diese Welt in seinem Text „Okkulte Intelligenzen“ mit jenem Blick geöffnet, der vom Sammler, Leser und Kenner der Moderne kommt. Als Präsident der Marcel-Proust-Gesellschaft Deutschland, als Kunstsammler und genauer Beobachter der Übergänge zwischen Literatur, Bild, Wissenschaftsgeschichte und Avantgarde interessiert ihn an Schrenck-Notzing weniger die alte Frage, ob Geister tatsächlich Möbel bewegen können. Ihn interessiert die visuelle Grammatik des Zweifelhaften: die Fotografie als Beweismittel, das Protokoll als Erzählform, die Séance als soziale Bühne, das Ektoplasma als Bildereignis. Wo der Baron Evidenz suchte, erkennt Speck die produktive Unruhe eines Jahrhunderts, das seine Gespenster technisch bannen wollte und sie dabei neu erfand.

Ektoplasma als Stoff der nervösen Epoche

Das Wort Ektoplasma klingt nach Labor, doch seine Erscheinungsform gehört ins Reich der Ambivalenz. In den Sitzungen Schrenck-Notzings erscheint es als weißliche, dampfende, schleierhafte Substanz, als flüchtiger Stoff zwischen Körper und Bild, zwischen Biologie und Phantasmagorie. Es soll aus dem Medium hervortreten und zugleich mehr sein als ein Körperprodukt. Es soll Materie sein und Botschaft, Abdruck und Offenbarung, Beweis und Verheißung.

Gerade darin liegt seine historische Faszination. Das Ektoplasma ist keine bloße Kuriosität des Spiritismus. Es zeigt, wie die Moderne ihre metaphysischen Restbestände bearbeitet. Der alte Jenseitsglaube tritt in Konkurrenz zur Chemie, zur Medizin, zur Physiologie, zur Fotografie. Er übernimmt deren Sprache, deren Möbel, deren Ernst. Der Geist kommt mit Laborvokabular. Das Wunder erscheint mit Datum, Uhrzeit, Versuchsleiter, Zeugenliste und fotografischem Nachweis.

Der Witz dieser Geschichte liegt in ihrer Tragik: Die Wissenschaft der Anomalien will sich von der Scharlatanerie unterscheiden und gerät dabei in eine Zone, in der der Unterschied zwischen Kontrolle und Inszenierung immer schwerer zu ziehen ist. Je dunkler das Kabinett, desto größer die Erwartung. Je strenger die Vorsichtsmaßnahme, desto dramatischer das kleinste Rascheln. Die Fixierung der Hände, die Untersuchung der Kleidung, die Abdichtung des Raumes, die fotografische Platte: alles soll Betrug verhindern. Alles steigert zugleich die Aura des Vorgangs.

Der Versuchsraum als Salonbühne

Die Séance war selten ein stiller Ort reiner Erkenntnis. Sie war Gesellschaftsform. In ihr saßen Ärzte, Barone, Damen von Rang, Schriftsteller, Sammler, Spiritisten, Skeptiker, Neugierige. Jeder brachte seine Erwartung mit. Der Arzt suchte das Phänomen, der Dichter das Motiv, die Dame den Kontakt, der Skeptiker den Trick, der Sammler die Spur. Der Raum selbst wurde zur Maschine der Bedeutung: Tisch, Vorhang, schwaches Licht, Kontrollgriff, Blickrichtung, Schweigen, plötzliches Stöhnen, ein weißer Fetzen, ein Schatten auf der Platte.

Die Versuchsanordnung erzeugte einen merkwürdigen Bund aus Strenge und Hingabe. Man wollte sehen, aber zu viel Licht zerstörte das Phänomen. Man wollte prüfen, aber zu grobe Prüfung vertrieb die Erscheinung. Man wollte glauben, aber der Glaube sollte wissenschaftsfähig wirken. Man wollte zweifeln, doch der Zweifel durfte die Atmosphäre nicht beschädigen. So entstand ein sozialer Zustand gespannter Halbgewissheit. Niemand wollte der Dumme sein, der einem Trick aufsitzt. Niemand wollte der Grobian sein, der das Wunder durch voreilige Skepsis verscheucht.

Schrenck-Notzing war in diesem Milieu keine Randfigur. Er wurde zu einem europäischen Vermittler der parapsychologischen Szene. Er reiste, sammelte Fälle, organisierte Sitzungen, verfasste Berichte, diskutierte mit Ärzten, Künstlern, Dichtern und Aristokraten. Aus dem Nervenarzt wurde ein Promotor jener Grenzwissenschaft, die sich mit besonderem Ernst an das Fragwürdige klammerte. Sein Fall ist deshalb kulturgeschichtlich so ergiebig: Er zeigt den Augenblick, in dem das Unbewiesene in wissenschaftliche Formen schlüpfte.

Thomas Mann, Gustav Meyrink und die literarische Elektrizität der Séance

Dass Thomas Mann und Gustav Meyrink solchen Vorgängen beiwohnten, passt in die geistige Topographie der Zeit. Der Okkultismus war für die Literatur der Moderne kein exotischer Zierrat. Er berührte Fragen, die im Zentrum der damaligen Kunst lagen: Wer spricht in uns? Wie stabil ist Identität? Welche Macht haben Trance, Krankheit, Begehren, Gruppe, Charisma, Suggestion? Wo endet Wahrnehmung, wo beginnt Erfindung? Wie verwandelt sich gesellschaftliche Erwartung in scheinbare Wirklichkeit?

Thomas Manns Nähe zu solchen Séancen lässt sich als Interesse an bürgerlicher Verführung lesen. In der Séance versammelt sich eine gebildete Gesellschaft, die an ihrer Vernunft festhalten möchte und sich zugleich nach Überschreitung sehnt. Das Medium ist dabei weniger eine Prophetin aus dem Jenseits als ein Resonanzkörper des Raumes. Durch sie spricht die Erwartung der Anwesenden. Sie materialisiert Trauer, Lust, Angst, Langeweile, metaphysischen Ehrgeiz und die alte Sehnsucht, der Tod möge doch nur eine schlechte Verbindung sein.

Gustav Meyrink wiederum musste in dieser Welt ein natürliches Biotop finden. Seine Literatur lebt von Doppelgängern, magischen Systemen, verborgenen Zeichen, okkulten Traditionen, inneren Verwandlungen. Bei ihm wird die sichtbare Welt porös. Die Séance liefert dafür eine soziale Form: Menschen sitzen beisammen und warten darauf, dass das Unsichtbare eine Gestalt annimmt. Das kann Betrug sein, Autosuggestion, Gruppendynamik, ästhetische Erscheinung oder alles zugleich. Für die Literatur reicht diese Schwebe. Sie braucht keinen beglaubigten Geist. Ihr genügt die Tatsache, dass Menschen in der Lage sind, aus Erwartung Wirklichkeit zu erzeugen.

Reiner Specks Archiv der fragwürdigen Evidenz

Reiner Specks Zugriff auf die okkulten Intelligenzen besitzt seine besondere Qualität, weil er den Stoff aus der Enge des bloßen Entlarvungsgestus befreit. Gewiss, viele dieser Phänomene sind mit Taschenspielerei, Theatralik, Sehnsucht, Irrtum und sozialer Überwältigung verbunden. Doch die historische und ästhetische Bedeutung verschwindet damit keineswegs. Die Frage lautet nicht allein: War es echt? Die interessantere Frage lautet: Welche Bilder brachte der Glaube an Echtheit hervor?

In dieser Perspektive werden Schrenck-Notzings Fotografien zu Dokumenten einer eigentümlichen Bildproduktion. Sie zeigen keine sichere Transzendenz. Sie zeigen den Versuch, Transzendenz fotografierbar zu machen. Sie zeigen Schleier, Flecken, Masken, deformierte Stoffe, theatralische Körper, starre Posen, unsichere Räume. Sie zeigen eine Bildwelt, die zwischen Präparat und Alptraum schwankt. Das angebliche Jenseits erscheint erstaunlich textil, erstaunlich körpernah, erstaunlich anfällig für schlechte Beleuchtung. Gerade daraus entsteht der Reiz dieser Dokumente: Sie verraten, wie sich eine Epoche das Übernatürliche vorstellte, sobald sie es technisch festhalten wollte.

Speck erkennt darin eine Nähe zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Avantgarde interessierte sich für Zufall, Spur, Automatismus, Abdruck, Fragment, Irritation, Verschiebung. Der Spiritismus lieferte unbeabsichtigt ein Arsenal solcher Formen. Seine Beweisstücke sind ästhetisch oft viel aufschlussreicher als wissenschaftlich. Die Bilder sagen wenig über die Toten, viel über die Lebenden. Sie zeigen den Wunsch, dass Materie sprechen möge. Sie zeigen den Hunger nach einem Zeichen, das außerhalb der gewöhnlichen Ordnung entsteht und doch in diese Ordnung hineinpasst.

Sigmar Polke lässt den Tisch zurückkehren

Sigmar Polkes „Tischrücken“ von 1981 schließt an diese Tradition an, ohne ihr auf den Leim zu gehen. Polke war ein Künstler des chemischen Experiments, der Bildstörung, der Ironie, des Rasters, der Überlagerung, des instabilen Materials. Bei ihm wird das Okkulte nicht als Glaubenssatz erneuert. Es wird als Verfahren lesbar. Was bewegt sich? Wer bewegt wen? Welche Kräfte entstehen zwischen Bildträger, Betrachter, Material, Erinnerung und Erwartung? Der Tisch ist bei Polke kein Möbel des Jenseits mehr. Er wird zur Versuchsanordnung des Sehens.

Darin liegt die Modernität dieses Rückgriffs. Polke nimmt den Spiritismus ernst, indem er ihm seine Wahrheit als Bildproduktion abliest. Die Séance wandert aus dem Salon in die Kunst. Das Ektoplasma verliert seinen Anspruch auf metaphysische Beglaubigung und gewinnt eine neue Rolle als Form, Spur, Fleck, Schleier, Störung. Der Betrug wird damit nicht geadelt. Er wird durchsichtig als Teil einer Kulturtechnik, die Sichtbarkeit erzeugt, wo eigentlich Unsichtbarkeit herrschen müsste.

Reiner Specks Sammlung bildet dafür ein Resonanzfeld. Sie zeigt, wie eng Pseudowissenschaft, Fotografie, Literatur und Kunstgeschichte miteinander verschränkt waren. Schrenck-Notzings Sitzungsprotokolle, die Zeugenaussagen, die Materialisationsbilder, Polkes Arbeiten und Knoefels „Okkultes Brevier“ gehören in eine gemeinsame Genealogie des zweifelhaften Bildes. Das Auge will Gewissheit. Das Bild liefert Anlässe. Die Deutung erledigt den Rest.

Madame Blavatsky und die Manufaktur des höheren Unsinns

Helena Petrovna Blavatsky gehört nicht in die Galerie harmloser Exzentrikerinnen. Ihre Theosophie war keine poetische Spielerei mit fernöstlichen Motiven, kein liebenswürdiges Salonraunen, kein unschuldiger Versuch, Religionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Sie war eine hochwirksame Fabrik des erfundenen Geheimwissens. Aus hinduistischen, buddhistischen, gnostischen, neuplatonischen, christlichen, kabbalistischen und spiritistischen Versatzstücken entstand ein System, das durch seinen gewaltigen Anspruch imponieren sollte: geheime Meister, okkulte Hierarchien, kosmische Entwicklungsstufen, angeblich uralte Weisheit, verborgene Archive, astrale Ebenen, spirituelle Evolution.

Das alles war zusammengelesen, zurechtgebogen, dramatisiert, autoritär aufgeladen. Blavatsky lieferte eine Gebrauchsanweisung für Menschen, die sich nicht mehr mit überprüfbarem Wissen zufriedengeben wollten und gerade daraus ein Gefühl geistiger Überlegenheit gewannen. Der Reiz solcher Systeme liegt in ihrer Immunität gegen Kritik. Wer widerspricht, gilt als uneingeweiht. Wer nach Belegen fragt, hat die höhere Schau angeblich noch nicht erreicht. Wer Zweifel anmeldet, offenbart aus Sicht der Eingeweihten nur seine Bindung an eine niedrigere Erkenntnisstufe. So entsteht eine perfekte Denkfalle: Das System bestätigt sich durch jeden Angriff auf sich selbst.

Thomas Knoefels „Okkultes Brevier“ zeigt diese Genealogie mit literarischer Präzision. Es geht keineswegs um ein paar wunderliche Figuren, die im 19. Jahrhundert zwischen Séance, Indiensehnsucht und Geheimorden herumirrten. Es geht um eine Denkform, die bis heute überlebt: die Verwechslung von Behauptung und Erkenntnis, von Montage und Offenbarung, von Mythologie und Wissenschaft. Blavatsky war darin eine Schlüsselgestalt. Sie machte aus fremden religiösen Traditionen ein esoterisches Baukastensystem für europäische Sinnsucher. Aus kulturellen Bruchstücken wurde eine angebliche Urweisheit gezimmert. Aus Phantasie wurde Lehre. Aus Lehre wurde Autorität.

Rudolf Steiner und die deutsche Veredelung des Okkulten

Von Blavatsky führt eine direkte Linie zu Rudolf Steiner. Steiner übernahm nicht einfach alles aus der Theosophie, er formte daraus seine eigene Anthroposophie, gab ihr eine deutsche Systematik, eine pädagogische, medizinische, landwirtschaftliche und kulturreformerische Gestalt. Der Ton wurde geordneter, das Auftreten professoraler, die Begrifflichkeit disziplinierter. Der Grundmechanismus blieb: Ein einzelner Seher beansprucht Zugang zu höheren Welten und leitet daraus Aussagen über Menschheitsgeschichte, Erziehung, Krankheit, Kosmos, Pflanzen, Planeten, Rassen, Geistwesen und Zukunft ab.

Das macht Steiner bis heute so wirksam und so problematisch. Seine Anhänger verweisen gern auf Schulen, Architektur, Eurythmie, biologisch-dynamische Landwirtschaft oder medizinische Einrichtungen. Doch unter dieser kulturellen Oberfläche liegt ein System von Behauptungen, das sich der üblichen Prüfung entzieht. Anthroposophie arbeitet mit dem Habitus tieferer Einsicht. Sie spricht gern in der Form eines Wissens, das empirischer Kontrolle gar nicht bedarf, weil es aus geistiger Schau stammen soll. Das ist kein anderes Wissen. Es ist eine Umgehung der Begründungspflicht.

Hier berührt sich die Geschichte des Okkultismus mit der Gegenwart. Der moderne Esoteriker trägt selten noch Zylinder und sitzt im Kerzenlicht am Tisch. Er spricht von Energie, Frequenz, Schwingung, Resonanz, Heilwissen, Bewusstseinssprung, kosmischer Ordnung, natürlicher Immunität, verborgenen Mächten, unterdrückten Wahrheiten. Die alten Meister heißen heute Influencer, Coaches, Querdenker, spirituelle Unternehmer oder alternative Experten. Die Form verändert sich, die Struktur bleibt: Wer sich im Besitz des verborgenen Wissens wähnt, braucht keine Debatte. Er braucht Anhänger.

Verschwörung als säkularisierte Séance

Die Séance des frühen 20. Jahrhunderts wollte Stimmen aus dem Jenseits empfangen. Die heutige Verschwörungsphantasie empfängt Botschaften aus angeblich verdeckten Archiven, geleakten Plänen, geheimen Netzwerken, dunklen Eliten, unterdrückten Studien. Beide Welten leben von einer ähnlichen Dramaturgie. Etwas Unsichtbares lenkt die sichtbare Welt. Der gewöhnliche Verstand erkennt es nicht. Nur das Medium, der Eingeweihte, der Seher, der alternative Forscher, der selbsternannte Aufklärer besitzt Zugang zum verborgenen Zusammenhang.

Damit wird Okkultismus politisch. Aus Tischrücken wird Weltdeutung. Aus Ektoplasma wird Ideologie. Aus Geheimwissen wird Misstrauen gegen Institutionen, Wissenschaft, Presse, Parlamente, Medizin. Der Ton kann sanft klingen, die Wirkung ist zerstörerisch. Wer überall verborgene Mächte am Werk sieht, verliert den Sinn für abgestufte Evidenz. Er glaubt nicht weniger, er glaubt wilder. Er prüft nicht genauer, er sortiert alles nach dem Schema von Erwachten und Schlafenden.

In dieser Linie erscheinen Blavatsky, Steiner und die heutigen esoterischen Verschwörungsmilieus als verschiedene Kapitel einer langen Geschichte der Selbstermächtigung durch Sonderwissen. Der Mensch will nicht bloß verstehen. Er will zu denen gehören, die mehr sehen als die anderen. Das macht die okkulte Intelligenz so verführerisch. Sie schmeichelt dem Ich. Sie verwandelt Unsicherheit in Auserwähltheit. Sie macht aus komplizierter Wirklichkeit ein Geheimdrama mit Eingeweihten und Verblendeten.

Das okkulte Brevier als Gegenarchiv der Aufklärung

Der Wert von Knoefels „Okkultes Brevier“ liegt in der literarischen Montage dieser Erscheinungen. Es handelt von Menschen, die sich zu Medien erklären, von Medien, die als Projektionsflächen dienen, von Forschern, die den Spuk bändigen möchten, von Künstlern, die dessen Bilder retten, von Gesellschaften, die ihre Rationalität durch kleine Dosen Irrationalität würzen. Der Mensch erscheint darin als Wesen, das dauernd empfängt: Stimmen, Zeichen, Bilder, Gerüchte, Erinnerungen, Befehle, Träume, Wünsche.

Der Untertitel „Ein Versuch über das Medium Mensch“ trifft deshalb den Kern. Das Medium sitzt nicht allein im Dunkelkabinett. Der Mensch selbst ist medial. Er nimmt auf, filtert, erfindet, deutet, glaubt, verwirft, wiederholt. Er ist durchlässig für Bilder und Autoritäten, für Trauer und Gruppendruck, für Apparate und Rituale. Die Séance ist nur die konzentrierte Form dieser allgemeinen Empfänglichkeit.

Gerade aus wissenschaftlicher Perspektive bleibt diese Geschichte lehrreich. Sie mahnt zur Genauigkeit gegenüber jenen Zonen, in denen wissenschaftliche Form und metaphysischer Wunsch ineinander übergehen. Die gefährlichsten Irrtümer treten selten als reiner Unsinn auf. Sie kommen mit Methode, Fachsprache, Apparatur, Diagramm, Kommission, Zeugenaussage und einem Hauch von moralischer Überlegenheit.

Der alte Spuk im digitalen Licht

Die okkulten Intelligenzen sind keineswegs vergangen. Sie haben nur die Räume gewechselt. Heute klopfen sie kaum noch unter runden Tischen. Sie antworten aus Displays, Simulationen, Chatfenstern, Persönlichkeitsmodellen, Datenmustern, neuronalen Orakeln. Wieder stellt sich die Frage: Wer spricht? Wieder verwechseln Menschen technische Ausgabe mit höherer Instanz. Wieder entsteht Bedeutung aus Projektion, Erwartung, Autorität und apparativer Form.

Schrenck-Notzing suchte die Geister im Labor. Seine Geschichte zeigt, wie leicht das Labor selbst zum Resonanzraum der Geister werden kann. Reiner Specks Blick auf diese Szene rettet sie vor der bloßen Kuriosität. Sie gehört zur Bildgeschichte der Moderne, zur Literaturgeschichte des Unbewussten, zur Wissenschaftsgeschichte des Irrtums und zur Kunstgeschichte der fragwürdigen Evidenz.

Am Ende bleibt kein Spukhaus, das man mit einem aufgeklärten Lächeln verlassen könnte. Zurück bleibt ein beunruhigender Befund: Der Mensch will Zeichen. Er will, dass die Materie antwortet. Er will, dass das Unsichtbare wenigstens für einen Augenblick Form annimmt. Manchmal nennt er das Religion, manchmal Kunst, manchmal Wissenschaft, manchmal Datenanalyse. Die Namen wechseln. Die alte Bereitschaft, einem flüchtigen Schleier Bedeutung zu geben, bleibt erstaunlich langlebig.

Die Zeitschrift, die den Geist unter Druck setzte: Franz Bleis SUMMA zwischen Schmitt, Scheler, Broch, Musil und Blei

SUMMA: Der Name trägt den Anspruch einer letzten Verdichtung. Franz Blei wählte für seine Zeitschrift ein Wort aus der großen Ordnungssprache Europas, aus Scholastik, Theologie, Systemdenken. Doch die Hefte selbst wirken alles andere als systematisch beruhigt. In ihnen herrscht eine eigentümliche Elektrizität. Autoren, die später in ganz verschiedene Richtungen ausstrahlen sollten, treten hier in eine Nachbarschaft, die vom Krieg, von religiöser Unruhe, vom Zerfall liberaler Gewissheiten und von der Krise literarischer Form gezeichnet ist.

In SUMMA begegnen Carl Schmitts „Recht und Macht“, Max Schelers „Zur Apologetik der Reue“, Franz Bleis „Fragmente zur Literatur“ sowie Inhaltsübersichten mit J. Meier-Graefes „Cézanne“, Ernst Blochs „Die Innerlichkeit“, Peter Tyrells „Christus und das Christentum“, Rudolf Manasses „Struktur der Politik“, Hermann Brochs „Zum Begriff der Geisteswissenschaften“ und weiteren Marginalien. Das ist keine redaktionelle Laune. Es ist eine geistige Topographie der Jahre 1917 und 1918: Kunst, Recht, Gewissen, Politik, Christentum und Geisteswissenschaften treten in eine Reibung, die man heute in Kulturzeitschriften kaum noch findet.

Der Publizist als riskante Figur der Öffentlichkeit

„Die Aufgabe des Publizisten“ eröffnet mit dem „lebendigen Material“ seiner Wirkung: der Öffentlichkeit und ihrer Seele. Schon diese Formulierung erklärt das ganze Unternehmen. Öffentlichkeit ist hier kein Publikum, das man bedient, keine Menge, die man zählt, kein Markt, den man beliefert. Öffentlichkeit ist ein Stoff, der anzieht, verführt, verformt. Wer schreibt, greift in dieses Material ein. Er kann klären. Er kann verderben. Er kann Gedanken in Umlauf bringen, die im Umlauf ihren Rang verlieren.

Der Publizist steht in diesem Text vor einer doppelten Gefahr. Er braucht Wirkung, doch Wirkung kann zur Entstellung des Gedankens führen. Er braucht Verständlichkeit, doch Verständlichkeit kann das Schwierige in gefällige Münze verwandeln. Er braucht Nähe zum Publikum, doch Nähe kann in Unterwerfung umschlagen. Blei und sein Kreis denken Publizistik daher als geistige Disziplin. Das Wort soll die Gegenwart erreichen, ohne sich an ihre bequemsten Reflexe auszuliefern.

Darin liegt der programmatische Auftakt von SUMMA. Die Zeitschrift fragt zuerst nach ihrem eigenen Medium. Was darf Veröffentlichung leisten? Was kostet Verständlichkeit? Wie viel öffentlicher Erfolg verträgt der Gedanke, ehe er seine Form verliert? Diese Fragen geben dem Heft seine Temperatur. Das Ganze ist keine literarische Geselligkeit auf Papier. Die Zeitschrift behandelt Druckerschwärze als Prüfsubstanz.

Carl Schmitts Rechtsfrage unter Kriegslicht

Carl Schmitts „Recht und Macht“ beginnt mit einer Formulierung, die sofort das Messer ansetzt: „alles Recht sei nur ein Ergebnis tatsächlicher Machtverhältnisse“. Dieser Satz steht als These im Raum, als Drohung gegen jeden idealistischen Rechtsbegriff, auch als Versuchung für jeden Realisten. Schmitt prüft, was geschieht, sobald Recht vollständig aus Macht abgeleitet wird.

Der junge Schmitt interessiert sich für den Punkt, an dem Begriffe ihren Halt verlieren. Macht ohne Recht bleibt blind für Geltung. Recht ohne Macht verliert seine Weltberührung. Zwischen beiden Größen entsteht keine Harmonie. Es entsteht eine Spannung, die den Staat, die Norm und die juristische Sprache durchzieht. Schmitt denkt in diesen Seiten gegen die gemütliche Moral des Guten und gegen die rohe Soziologie des Faktischen.

Die Nähe zu SUMMA ist offenkundig. Auch der Publizist kann seine Wirkung nicht aus bloßer Wahrheit gewinnen. Auch er operiert in einem Feld aus Autorität, Resonanz, Macht und Form. Schmitts Essay gibt diesem Problem eine staatsrechtliche Kälte. Das Recht darf nicht bloß fromm sein, die Macht darf nicht das letzte Wort erhalten. Zwischen beiden entscheidet sich die Würde politischer Form.

Max Schelers Reue als Erkenntnisorgan

Max Schelers „Zur Apologetik der Reue“ führt die Zeitschrift in eine andere Tiefe. Der Text beginnt mit den „Regungen des Gewissens“, mit Warnung, Beratung, Verurteilung. Reue erscheint hier als geistiger Akt. Sie ist kein seelischer Defekt, keine bloße Schwäche nach der Tat, keine Krankheit der Rückschau. Scheler verteidigt sie gegen eine moderne Denkweise, die Schuld psychologisch entschärft und Vergangenheit therapeutisch abräumt.

Unter der Überschrift „Der Skeptizismus hinsichtlich der Reue“ beschreibt Scheler die verbreitete Neigung, Reue als Selbstschädigung, Unfreiheit oder nutzlose Fixierung auf Vergangenes zu deuten. Seine Antwort ist scharf: Reue erschließt Wirklichkeit. Sie verändert die Gegenwart des Vergangenen. In ihr erfährt der Mensch, dass Taten nicht einfach hinter ihm liegen. Sie gehören zu ihm, arbeiten an ihm, verlangen Antwort.

Damit steht Schelers Beitrag neben Schmitts Rechtsfrage wie eine moralische Gegeninstanz. Bei Schmitt geht es um Geltung im politischen Raum. Bei Scheler geht es um Geltung im Inneren. Beide Aufsätze wehren sich gegen Entleerung: das Recht gegen seine Auflösung in Macht, die Reue gegen ihre Verflachung zur seelischen Störung. Der äußere Staat und das innere Gericht erscheinen als verwandte Problemzonen.

Franz Blei und die Demaskierung der Dichterrolle

Franz Bleis „Fragmente zur Literatur“ sind der giftigste literarische Beitrag dieser Konstellation. Blei attackiert den Dichter als gesellschaftliche Erscheinung, den Rezensenten als Wächter der falschen Maßstäbe, die literarische Gegenwart als Theater von Rollen, Signalen und Surrogaten. Sein Blick ist so scharf, weil er den Betrieb aus nächster Nähe kennt. Er schreibt wie jemand, der die Salons, Verlage, Kritikerzirkel und Eitelkeitsbörsen durchwandert hat und jedes Parfum wiedererkennt.

Die „Fragmente“ kreisen um eine zentrale Erfahrung: Dichtung kann verschwinden, während alle Zeichen des Dichterischen weiter funktionieren. Es gibt Ton, Pose, Stil, Rezeption, Programme, Zeitgemäßheit, Markt und Legende. Alles kann an seinem Platz stehen. Das Werk kann dennoch fehlen. Blei sieht in der modernen Literatur eine Welt, in der die Darstellung des Dichters oft lebendiger ist als die Dichtung.

Seine Polemik gegen den „Dichter-Darsteller“ trifft den Nerv. Der Autor wird zur Figur seines Milieus. Kritik verwaltet Erkennbarkeit. Die Öffentlichkeit verlangt Belege für Rang, Typus und Aktualität. Wer in diesem System erscheint, muss die Zeichen liefern, mit denen man ihn einordnet. Blei verachtet diese Ordnung, weil sie aus Literatur ein soziales Verfahren macht. Das Werk wird behandelt wie ein Passdokument der Persönlichkeit.

Meier-Graefes Cézanne und die Kunst als Wahrheitsprobe

Die Inhaltsübersicht mit J. Meier-Graefes „Cézanne“ öffnet den Horizont zur bildenden Kunst. Cézanne ist in SUMMA kein Museumsname. Er steht für eine Kunst, die Wahrnehmung gegen Konvention verteidigt. Meier-Graefe, der große Vermittler der französischen Moderne, gehört genau an diesen Ort. Seine Cézanne-Lektüre passt zu einer Zeitschrift, die überall nach dem Preis echter Form fragt.

Cézanne bedeutet in diesem Zusammenhang: Form als Erkenntnis, Farbe als Disziplin, Sehen als Widerstand gegen die glatten Übereinkünfte. Neben Bleis Literaturkritik gelesen, wird Meier-Graefes Thema zur Gegenfigur des Betriebs. Dort zerfällt Dichtung in Rolle und Verkehr; hier ringt Malerei um die Wahrheit des Sehens.

Ernst Blochs Innerlichkeit im Zeitalter der Erschütterung

Ernst Blochs „Die Innerlichkeit“ steht in der Inhaltsübersicht des späteren Heftes an prominenter Stelle. Der Titel wirkt in den Jahren des Weltkriegs wie ein Gegenwort zur äußeren Katastrophe. Bloch denkt Innerlichkeit nie als Rückzug in private Wärme. Bei ihm hat das Innere etwas Unabgeschlossenes, Drängendes, Zukunftshaftes. Es will über sich hinaus.

In der Nachbarschaft von Schmitt, Scheler und Blei gewinnt Blochs Titel einen besonderen Klang. Schmitt prüft das Recht an der Macht. Scheler rettet die Reue als Erkenntnis. Blei zerlegt den literarischen Betrieb. Bloch bringt den utopischen Überschuss ins Spiel, jene innere Bewegung, die aus dem beschädigten Leben heraus nach anderer Wirklichkeit greift. Die Zeitschrift enthält damit auch ein messianisches Flackern, kein Programm, eher ein fiebriges Restlicht.

Hermann Broch am Rand des Wertezerfalls

Hermann Brochs „Zum Begriff der Geisteswissenschaften“ erscheint unter den Marginalien. Aus heutiger Sicht liest sich dieser Eintrag wie eine Voranzeige. Broch wird später einer der großen Erzähler des Wertezerfalls. In SUMMA betritt er den Raum noch essayistisch, begrifflich, suchend. Gerade diese frühe Präsenz macht die Zeitschrift literaturgeschichtlich kostbar.

Brochs Frage nach den Geisteswissenschaften gehört in den Kern der SUMMA-Welt. Was bleibt von geistiger Erkenntnis in einer Epoche, die ihre Ordnungen verliert? Wie lassen sich Werte beschreiben, nachdem ihre Selbstverständlichkeit zerbrochen ist? Welche Sprache besitzt die Wissenschaft vom Geist, sobald der Geist selbst historisch, sozial und psychologisch zersplittert erscheint?

Auch hier zeigt sich Bleis redaktioneller Instinkt. Broch gehört zu einer Generation, für die Literatur, Philosophie und Werttheorie ineinander greifen. Seine spätere Romanform wird diese Fragestellung erzählerisch austragen. SUMMA hält den Augenblick fest, in dem der Gedanke noch im Essay steht, kurz vor seiner großen epischen Ausbreitung.

Robert Musil und die Intelligenz der Möglichkeit

Robert Musil gehört in den Umkreis dieser Zeitschrift, auch dort, wo die Spuren im Heftverzeichnis über Blei, Broch und die essayistische Moderne vermittelt erscheinen. Musils Name steht für jene Art von Intelligenz, die Wirklichkeit nie als abgeschlossen hinnimmt. Seine Prosa lebt von der Prüfung des Möglichen, von der Genauigkeit gegen den Jargon, von der Analyse der Begriffe, bevor sie gesellschaftlich bequem werden.

Damit passt Musil in die geheime Grammatik des publizistischen Projektes. Diese Zeitschrift misstraut der fertigen Welt. Sie befragt Recht, Reue, Kunst, Politik und Literatur an ihren Grenzstellen. Musils Essayismus, seine spätere Unterscheidung von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn, hat hier verwandte Luft. Blei, Broch und Musil gehören zu jener österreichisch-mitteleuropäischen Zone, in der die Literatur beginnt, Philosophie mit erzählerischen Mitteln zu prüfen.

Die Marginalien als zweites Gehirn der Zeitschrift

Die Marginalien verdienen eigene Aufmerksamkeit. In den Inhaltsübersichten stehen sie auf den ersten Blick am Rand. Tatsächlich bilden sie ein zweites Gehirn der Zeitschrift. Dort erscheinen Dreyfus, Baader, Kino, Morgenstern, Erasmus, Chesterton, ein katholisches Friedensprogramm, rechte und linke Fragen der Zeit, Sprachstudien, Geisteswissenschaften. Diese Rubrik wirkt wie ein Seismograph für geistige Nebenschwingungen.

Gerade hier zeigt sich Bleis Kunst der Konstellation. Hauptaufsätze geben der Zeitschrift Gewicht. Marginalien geben ihr Beweglichkeit. Sie erlauben kurze Eingriffe, kleine Diagnosen, polemische Notate, gelehrte Einsprengsel. Die Zeitschrift denkt nicht linear. Sie tastet. Sie koppelt Themen, die auf den ersten Blick fern liegen. Aus diesen Kopplungen entsteht ihr eigentümlicher Ton.

Eine Zeitschrift gegen den Kulturbetrieb

SUMMA war kein Ort des gefälligen Einverständnisses. Ihre Autoren teilen keinen Stil, keine Schule, keine politische Richtung im engen Sinn. Was sie verbindet, ist der Kampf gegen Entwertung. Schmitt kämpft gegen die Entwertung des Rechtsbegriffs. Scheler gegen die Entwertung der Reue. Blei gegen die Entwertung der Dichtung durch ihre gesellschaftliche Nachahmung. Meier-Graefe gegen die bequeme Wahrnehmung. Broch gegen die Zerfaserung geistiger Maßstäbe. Bloch gegen die geschlossene Gegenwart.

In dieser Konstellation erscheint Franz Blei als Regisseur geistiger Reibung. Er wusste, dass eine Zeitschrift nicht durch Gleichklang lebt. Sie lebt durch Nachbarschaften, die den Leser zu Vergleichen zwingen. Ein Heft kann auf diese Weise eine Epoche verdichten. Es kann Autoren in ein Verhältnis bringen, das ihre einzelnen Beiträge übersteigt.

Die kleine Form als europäische Hochform

Der Essay war für SUMMA keine Nebenform. Er war das zentrale Instrument. In ihm konnte ein Gedanke seine Beweglichkeit zeigen, ohne akademische Apparatur, ohne Romanarchitektur, ohne journalistische Verkürzung. Gerade diese mittlere Länge, diese Mischung aus Präzision, Angriff und spekulativer Kühnheit, machte den Essay zur angemessenen Form einer Epoche, die ihre Systeme verloren hatte.

Blei verstand diese Form. Schmitt nutzte sie als juristische Sonde. Scheler als moralphilosophische Verteidigung. Broch als begriffliche Vorbereitung. Musil als Möglichkeitstechnik. Bloch als Vorgriff auf Utopie. In SUMMA wird der Essay zur europäischen Hochform: beweglich genug für die Krise, anspruchsvoll genug für den Begriff, persönlich genug für das Risiko des Urteils.

Vergilbtes Papier mit Gegenwartsdruck

Heute wirken diese Hefte kostbar, weil sie aus einer verlorenen Erwartung an Zeitschriften stammen. Ein Heft durfte ein geistiger Schauplatz sein. Es durfte dem Leser Arbeit abverlangen. Es durfte schwer, dicht, unversöhnlich, gelehrt, polemisch sein. Es musste nicht jede Schwelle absenken. Es durfte verlangen, dass Lesen ein Akt der Konzentration bleibt.

Der antiquarische Reiz von SUMMA liegt daher im Material und im Rang der Konstellation. Papier, Satz, Typographie, seltene Überlieferung: all das gehört dazu. Der eigentliche Wert entsteht aus der Frage, die diese Zeitschrift an jede Gegenwart richtet. Was geschieht mit Begriffen, sobald sie öffentlich verbraucht werden? Was geschieht mit Literatur, sobald sie ihre soziale Maske für ihr Werk hält? Was geschieht mit Recht, Reue, Kunst und Innerlichkeit, sobald sie in Verkehr geraten?

SUMMA lebte kurz, wie so viele Projekte von Franz Blei. Die Kürze passt zu ihrem Temperament. Manche Zeitschriften überdauern durch Anpassung, andere durch die Intensität ihres Verschwindens.