Die letzte Instanz der alten Bundesrepublik – Zum Tod von Jürgen Habermas

Ein Abschied von historischem Format

Mit Jürgen Habermas ist eine Gestalt des deutschen Geisteslebens gegangen, an der sich die Bundesrepublik über Jahrzehnte gemessen hat. Er wurde 96 Jahre alt. Sein Tod markiert mehr als das Ende eines außergewöhnlich langen und produktiven Lebens; er markiert den Abschied von einer Figur, in der sich Theorie und Intervention, Gelehrsamkeit und Zeitkritik, philosophische Strenge und politische Einmischung auf seltene Weise verbanden. Habermas war nie nur Philosoph und Soziologe. Er war Prüfstein, Reizfigur, moralischer Bezugspunkt.

Dass sein Tod als Epochenbruch empfunden wird, hat mit dieser eigentümlichen Doppelstellung zu tun. Kaum ein anderer Denker hat die intellektuelle Physiognomie der alten Bundesrepublik so nachhaltig geprägt und zugleich ihr Selbstbild so beharrlich irritiert. Von den frühen fünfziger Jahren an hat Habermas sich in fast alle großen Kontroversen der Republik eingemischt: in die Auseinandersetzung mit Heidegger, in die Konflikte um die Studentenbewegung, in den Historikerstreit, in die Debatten über Europa, Krieg, Erinnerung, Öffentlichkeit. Er war, in einem präzisen Sinn, kein bloßer Kommentator der Zeit, sondern ihr intervenierender Denker.

Der heideggersche Anfang

Es gehört zu den aufschlussreichen, lange eher verdeckten Zügen dieser Biographie, dass sie nicht in der Helligkeit diskursethischer Vernunft begann, sondern in der Faszination für Martin Heidegger. Der junge Habermas schrieb zunächst in einem Ton, den Philipp Felsch jüngst, bei einer Lesung in Bonn, treffend als „Heidegger-Sound“ beschrieb: jenes Pathos des Vernehmens, der Umkehr, des rechten Verhältnisses zu den Dingen. Man muss sich diesen Anfang vergegenwärtigen, um die spätere Bewegung dieses Denkens zu verstehen.

Denn Habermas wurde nicht als fertiger Demokrat zum Philosophen der Öffentlichkeit. Er hat sich in diese Rolle hinein argumentiert. Der Bruch mit Heidegger war deshalb mehr als eine politische Distanzierung; er war eine geistige Häutung. Als Heidegger seine kompromittierten Vorlesungen aus der NS-Zeit ohne ernsthafte Revision veröffentlichte, widersprach Habermas öffentlich. Von da an war der Weg vorgezeichnet: weg von der beschwörenden Tiefensprache des Seins, hin zu einer Philosophie, die Geltung nur noch im Medium der Begründung anerkennt. Nicht Ursprung, sondern Rechtfertigung. Nicht Sendung, sondern Argument.

In diesem Bruch liegt die eigentliche Signatur seines Werkes. Habermas hat die deutsche Philosophie nach 1945 aus der metaphysischen Düsternis in die Nüchternheit demokratischer Verfahren überführt, ohne sie der Banalität des bloß Funktionalen preiszugeben.

Gegenmodell zu den Franzosen

Für viele der späteren Leser war Habermas zunächst weniger eine Verheißung als ein Widerpart. Philipp Felsch hat diese Erfahrung einer ganzen Generation plastisch beschrieben. Wer in den achtziger und neunziger Jahren von den Franzosen her kam, von Derrida, Foucault, Deleuze, begegnete Habermas oft in Gestalt des Gegners: als staatstragendem Denker, als Vertreter einer strengen, professoralen Vernunft, der gegen die elegante Leichtigkeit und intellektuelle Verspieltheit des Poststrukturalismus wie ein deutscher Verwaltungsbeamter der Theorie wirkte.

Gerade in dieser Abstoßung lag jedoch ein produktives Missverständnis. Denn was damals wie Steifheit erschien, erwies sich rückblickend als eine besondere Form von intellektueller Redlichkeit. Habermas schrieb nicht, um zu verführen. Er schrieb, um Belastbarkeit zu erzeugen. Seine Sätze waren oft schwer, manchmal unerquicklich, fast nie brillant im schimmernden Sinn des Wortes. Aber sie wollten tragen. In einer Kultur, die den Gedanken zunehmend nach seiner Stilfähigkeit beurteilte, hielt Habermas an der Zumutung fest, dass Begriffe Arbeit verlangen dürfen.

Der Philosoph der Verständigung – und des Konflikts

Habermas wurde zum Philosophen der Verständigung. Darin liegt der Kern seines Denkens. Die Sprache, so seine grundlegende Annahme, ist nicht bloß Instrument der Behauptung, sondern auf Verständigung angelegt; wer spricht, erhebt Geltungsansprüche, die sich nicht beliebig machen lassen. Aus dieser Einsicht erwuchs die Theorie des kommunikativen Handelns, und aus ihr speiste sich auch sein normatives Vertrauen in die Lernfähigkeit demokratischer Öffentlichkeiten.

Gleichwohl war Habermas im politischen Raum selten der versöhnliche Moderator, als den seine Theorie ihn erwarten ließe. Im Gegenteil: Er konnte scharf, verletzend, unerbittlich sein. Felsch hat das mit leichter Bosheit auf die Formel gebracht, Habermas sei in seinen Feindschaften „schmittianischer“, als er selbst je zugeben wollte. Das ist nicht ungerecht. Wer seine Polemiken liest, erkennt rasch, dass hier einer kämpfte, identifizierte, zuspitzte, Gegner markierte und Fronten definierte.

Diese Spannung ist keine Nebensache. Sie gehört zum Kern der Figur. Der Denker der Verständigung wusste, dass Verständigung nicht im harmonischen Einverständnis besteht, sondern in der Austragung von Konflikten unter Bedingungen, die Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit nicht preisgeben. Seine Schärfe war oft der Preis seines Anspruchs.

Das Wohnzimmer der Republik

Vielleicht lässt sich diese Figur nirgends anschaulicher fassen als in jenem Bild, das Philipp Felsch von seinem Besuch in Starnberg gezeichnet hat. Der modernistische Bungalow, die helle Schurwollcouch, die abstrakten Bilder, die ruhige Behaglichkeit eines Hauses, das gleichermaßen Weltläufigkeit und Provinz ausstrahlt. Dazu der alte Mann in Chinos und fabrikneuen Reeboks, der Tee zubereitet und sich dafür entschuldigt, dass der Marmorkuchen zu dick geschnitten sei.

Das ist mehr als Anekdote. In diesem Interieur verdichtet sich etwas vom sozialen Stil der alten Bundesrepublik: die Nüchternheit des Wiederaufbaus, das Pathos der Sachlichkeit, die stille Bildungsgewissheit, die Bereitschaft, Weltgeschichte im Wohnzimmer zu verhandeln. Habermas war dieser Republik nicht äußerlich. Er war ihr Ausdruck und ihr Kritiker zugleich. Vielleicht konnte er gerade deshalb so wirksam gegen ihre Selbstzufriedenheit anschreiben: weil er aus demselben Material gemacht war.

Der öffentliche Intellektuelle

Habermas’ Sonderstellung erklärt sich nicht nur aus dem Rang seiner Bücher, sondern aus seiner unablässigen Präsenz im öffentlichen Streit. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ machte früh sichtbar, dass moderne Gesellschaften nicht allein durch Institutionen, sondern durch Kommunikationsformen zusammengehalten oder zersetzt werden. Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ versuchte später, diese Einsicht systematisch auszubauen. Doch seine eigentliche historische Bedeutung liegt vielleicht darin, dass er seine Begriffe immer wieder in den rauhen Stoff der Zeit hineintrug.

Im Historikerstreit war diese Rolle am deutlichsten zu sehen. Habermas verteidigte damals mit Entschiedenheit die Einsicht, dass Auschwitz nicht in eine historische Normalität eingeebnet werden dürfe. Er machte die deutsche Vergangenheit zum Prüfstein republikanischer Vernunft. Man kann mit guten Gründen sagen, dass er damit nicht bloß eine Debatte gewann, sondern der Bundesrepublik für eine ganze Phase ihr moralisches Vokabular lieferte. Von da an ließ sich über Nation, Erinnerung und politische Identität nicht mehr sprechen, ohne sich zu ihm zu verhalten.

Europa als Horizont der Vernunft

In seinen späteren Jahrzehnten rückte Europa ins Zentrum seines Denkens. Für Habermas war die europäische Einigung nie nur ein institutionelles Arrangement. Sie war die politische Form, in der die universalistischen Lernprozesse der Nachkriegszeit bewahrt werden konnten. Europa bedeutete ihm die Chance, nationale Selbstbehauptung in eine postnationale Rechts- und Bürgergemeinschaft zu überführen. Nicht Machtbalance, sondern Zivilisierung war der Maßstab.

Gerade darum gewannen seine späten Texte einen zunehmend melancholischen Ton. Das europäische Projekt erschien ihm mehr und mehr als unvollendet, technokratisch verengt, politisch mutlos. Der alte Habermas blickte mit wachsender Skepsis auf die Erosion demokratischer Institutionen, auf das Wiedererstarken nationalistischer Reflexe, auf die Schwäche eines Kontinents, der zwar ökonomische Größe, aber immer weniger politische Form besaß. In seinen letzten Interventionen sprach ein Denker, der an der Vernunft festhielt, ohne sich über die Beschädigungen der Wirklichkeit hinwegzutäuschen.

Die Melancholie nach Habermas

Was mit Habermas nun fehlt, ist nicht bloß ein großer Name. Es fehlt eine Form von Ernsthaftigkeit, die in der deutschen Öffentlichkeit selten geworden ist. Habermas war nie bequem. Den einen war er zu moralisierend, den anderen zu akademisch, den Dritten zu links, den Vierten zu westlich, den Fünften zu universalistisch. Aber gerade in dieser Zumutung lag seine Größe. Er verlangte, dass man Gründe gibt. Er verlangte, dass Geschichte nicht verdrängt, sondern durchgearbeitet wird. Er verlangte, dass Demokratie mehr ist als das Management wechselnder Stimmungen.

Vielleicht wird man ihn künftig weniger als Architekten eines Systems lesen denn als Repräsentanten einer intellektuellen Haltung, die sich dem Zeitgeist nicht auslieferte. Seine Sätze werden nicht leichter werden. Manche seiner Gewissheiten werden weiter bestritten werden. Aber sein Rang liegt tiefer. Er hat gezeigt, dass Philosophie in einer Demokratie mehr sein kann als gelehrte Selbstbespiegelung: ein Eingriff, eine Verpflichtung, eine Form öffentlicher Verantwortung.

In Starnberg ist nun einer gestorben, der die Deutschen über Jahrzehnte dazu anhielt, vernünftiger zu sein, als sie es im Zweifel sein wollten. Darin liegt das eigentlich Melancholische dieses Abschieds. Nicht nur ein Leben ist an sein Ende gekommen. Ein Maßstab ist verschwunden.

Ein erster Tag in Pfunds: Ankunft im Richterdorf

Gegen 11 Uhr kamen wir in Pfunds an, nach einer Nachtfahrt, die wegen der Sperrung auf der A3 länger dauerte als geplant, aber weit weniger unerquicklich war, als es zwölf Stunden auf dem Papier vermuten lassen. Im Bus ließ sich lesen, Musik hören, sogar ein wenig schlafen. Der große Vorteil solcher Anreisen besteht darin, dass man nicht selbst fahren muss. Man steigt nicht zerschlagen aus, eher etwas entrückt.

Umso angenehmer, dass im Hotel Kreuz trotz der Verspätung noch ein Frühstück möglich war. Das Haus empfing uns nicht mit betriebsamer Ferienrhetorik, sondern mit einer wohltuend familiären, gemütlichen Atmosphäre. Nach einer Nacht auf Rädern ist das keine Nebensache. Es ist der Moment, in dem aus Ankunft Aufenthalt wird.

Danach der erste Rundgang durchs Dorf.

Ein Dorf mit Gedächtnis

Pfunds zeigt sich nicht als bloße Kulisse für Wintersportgäste, sondern als Ort mit Geschichten. Die Häuser behaupten sich ohne Pose; sie stehen da, als gehörten sie nicht einer Saison, sondern einer längeren Zeit. Über einer Tür liest man „Dominus providebit“. Das heißt: Der Herr wird vorsorgen. Der Satz kommt aus der Abraham-Erzählung der Genesis und meint mehr als bloßen Optimismus. In ihm steckt die alte theologische Idee der Providenz, der göttlichen Vorsehung: dass der Mensch nicht alles absichern kann und dennoch nicht ins Leere fällt. Für einen ersten Rundgang durch Pfunds ist das ein guter Auftakt.

Wenig später verdichtet sich der Eindruck. An einem Haus lagern sich gleich mehrere Schichten Ortsgeschichte übereinander: der Hinweis auf den Richterhof, das Niedergericht Pfunds 1282–1809, dazu die Tafel für Franz Michael Senn, den „Tiroler Demokrat und Bauernvertreter“, und am selben Gebäude die Erinnerung an den Dichter des „Tiroler Adler“, auf der Inschrift als Joh. Mich. Senn bezeichnet. Gericht, Politik, Freiheitsgeschichte, Literatur – selten steht das alles so nah beieinander wie hier.

Franz Michael Senn war nicht bloß ein lokaler Honoratior, dem man eine Gedenktafel gewidmet hat. Er war Landrichter in Pfunds, Vertreter bäuerlicher Interessen, politischer Kopf und Verfassungsdenker in einer Zeit, in der Tirol seine Stellung zwischen Beharrung und Umbruch neu bestimmen musste. Schon der Umstand, dass man ihn hier ausdrücklich als Demokraten bezeichnet, gibt dem Spaziergang einen anderen Ton. Man sieht plötzlich nicht mehr nur Fassaden, sondern eine politische Topographie des Oberinntals.

Dass Pfunds über Jahrhunderte Gerichtsort und Verkehrsknoten war, passt dazu. Der Ort liegt nicht abseits, sondern in einem Raum, in dem Übergänge immer wichtig waren: Richtung Reschen, Richtung Engadin, Richtung Grenze. Das merkt man selbst dann noch, wenn man nur durch die Gassen geht.

Der Dichter am selben Haus

Fast noch schöner ist, dass am selben Gebäude gleich der zweite Senn auftaucht. Der Dichter des „Tiroler Adler“ gehört in jene österreichische Frühzeit politischer Literatur, in der Regionalstolz und Freiheitssehnsucht ineinander übergingen. Die Zeile auf der Tafel – „Adler, Tiroler Adler, warum bist Du so roth?“ – hat noch immer diesen eigentümlichen Klang aus Pathos und Widerstand. Dass Vater und Sohn, Richter und Dichter, politische Praxis und poetische Verdichtung hier an einer einzigen Hauswand zusammentreffen, hebt Pfunds über das rein Malerische hinaus.

Mehr als ein Wintersportort

Gerade das macht diesen ersten Tag bemerkenswert. Man reist zum Skifahren an und stößt, kaum ist das Gepäck abgestellt, auf ein Dorf, das seine Geschichte nicht dekorativ ausstellt, sondern beiläufig mitführt. Pfunds ist nicht bloß Basislager für die kommenden Skitage, sondern ein Ort mit Tiefenschichten. Vielleicht fällt das gerade am ersten Tag so stark auf, weil der Blick noch nicht von Pistenplänen, Abfahrten und Schneeverhältnissen besetzt ist.

So blieb von diesem Auftakt mehr als die übliche Ankunftsroutine: gegen 11 Uhr eintreffen, im Hotel Kreuz frühstücken, kurz durchatmen, dann hinaus ins Dorf – und dort gleich merken, dass dieser Ort mehr erzählt, als man ihm auf den ersten Blick zutraut.

Die enteignete Zukunft – Über die Wissenschaftspolitik in Deutschland

JUPITER heißt der Rechner, und schon der Name klingt nach einer Epoche, die sich ihre Götter wieder aus Apparaten baut. Vor solchen Maschinen steht eine Gesellschaft gern mit jenem staunenden Gesicht, das früher Kathedralen galt. Man sieht auf Rechenleistung und meint Zukunft. Man blickt auf Kühlkreisläufe, Chips, Datenströme und verwechselt Kapazität mit Richtung. Genau in diesem Missverständnis liegt die heimliche Brisanz von Manfred Ronzheimers taz-Text über das neue Papier des Wissenschaftsrats. Denn sein Gegenstand ist nicht einfach Wissenschaftspolitik. Sein Gegenstand ist die viel grundsätzlichere Frage, ob eine Gesellschaft, die alles vermessen kann, überhaupt noch weiß, wohin sie will.

Ronzheimer ist dort am besten, wo er nicht referiert, sondern den Riss zeigt. Der Wissenschaftsrat, dieses in Deutschland eigentümlich nüchterne Beratungsgremium, wagt den Blick bis 2040 und entwirft nicht eine Zukunft, sondern vier. Das allein ist in einem Land bemerkenswert, das seine Horizonte gern in Förderperioden, Legislaturen und Antragslogiken portioniert. Noch bemerkenswerter aber ist, dass diese Zukunftsbilder nicht beruhigen. Sie sind keine Fortschrittsprospekte. Sie sind Versuchsanordnungen, in denen sichtbar wird, was aus Wissenschaft werden kann, wenn man sie entweder überhöht, globalisiert, situativ zerreibt oder ökonomisch instrumentalisiert.

Vier Szenarien und ein Ausfall

In der „Wissenschaftsrepublik“ wächst die Macht des Systems, und mit ihr wachsen die Spannungen im Land. Im „globalen Forschungsraum“ expandiert die Forschung international, während KI die Zahl der Forschenden sinken lässt. Die „situative Wissenschaftspolitik“ macht aus Wissenschaft eine Dauerverhandlung, deren Signatur Unsicherheit ist. Und in der „instrumentalisierten Wissenschaft“ haben einige wenige Tech-Konzerne nicht nur Daten, sondern auch das Vorwissen darüber monopolisiert, welche Forschung Rendite verspricht und welche verschwindet. Das ist der eigentliche Schrecken der Gegenwart: Nicht das Verbot, sondern die Vorselektion; nicht der offene Angriff auf Erkenntnis, sondern ihre lautlose Sortierung nach Verwertbarkeit.

Ronzheimer erkennt, dass der Text des Wissenschaftsrats genau an dieser Stelle spannend wird. Er begreift, dass Szenarien nur auf den ersten Blick technokratisch wirken. In Wahrheit sind sie politische Selbstporträts einer Zeit, die sich vor ihrer eigenen Konsequenz fürchtet. Und deshalb ist der klügste Satz seines Stücks vielleicht gar nicht ausdrücklich formuliert: Nicht die Zukunft steht hier zur Debatte, sondern die Gegenwart, die sich nur noch unter Zukunftsvorbehalt zu artikulieren vermag.

Der fehlende fünfte Fall

Dann tritt Uwe Schneidewind auf, und mit ihm ändert sich der Ton. Er lobt den Szenarienansatz des Wissenschaftsrats ausdrücklich, aber er stört die Architektur des Papiers durch eine Frage, die man in Berlin ungern hört, weil sie nicht nach Steuerung klingt, sondern nach tektonischer Verschiebung. Warum, fragt er sinngemäß, fehlt das eigentlich radikale Szenario: ein umfassender integrierter Wissenserwerb bei vollständigem Bedeutungsverlust der Präsenzuniversität? Die Formulierung ist so präzise wie beunruhigend. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Reformen des Bestehenden, sondern um die Möglichkeit, dass die Institution selbst historisch werden könnte.

Schneidewind denkt den Befund zu Ende. Wenn Qualifizierung und Wissensaufbau immer unmittelbarer an die Orte der Verwertung wandern, wenn duale Studiengänge anschwellen, wenn Unternehmensforschungszentren staatliche Einrichtungen überflügeln und akademische Einzelstars Hochschulen nur noch als Reputationskulisse benötigen, dann verändert sich nicht nur der Betrieb. Dann verändert sich die Gestalt des Wissens. Ronzheimer greift diese Zuspitzung mit Recht auf, weil in ihr die ganze Fragilität des Systems aufscheint: Hochschulen könnten zu jenen Gebäuden werden, die man umnutzt, sobald der Glaube an ihre zentrale gesellschaftliche Funktion erlischt. Wie Kirchen in einer säkularisierten Welt. Das Bild ist brutal, gerade deshalb bleibt es haften.

Das Missverständnis der Gegenwart

Nun läge es nahe, diese Diagnose als kulturpessimistische Übertreibung zu lesen. Genau dagegen hilft der Blick in den Band „König von Deutschland“ von Lutz Becker und mir, genauer: in das Gespräch mit Uwe Schneidewind, geführt in jener früheren Phase seines Wirkens, als er Präsident des Wuppertal Instituts war und noch nicht in das Wuppertaler Rathaus gewechselt hatte. Dort spricht keiner im Ton des Alarmisten. Dort wird vielmehr das Grundproblem freigelegt, das unter Ronzheimers Text und unter dem Papier des Wissenschaftsrats gleichermaßen liegt: die Austrocknung des normativen Denkens in den Wissenschaften selbst.

Schneidewinds schärfste Formel lautet, die Ökonomie sei zur Bestandswissenschaft geworden und habe darüber verlernt, Gestaltungswissenschaft zu sein. Dieser Satz trifft nicht nur die Wirtschaftswissenschaft. Er trifft das Selbstverständnis einer akademischen Kultur, die ihre Begriffe von Exaktheit, Modellierung und Evidenz so lange verfeinert hat, bis sie den Zweck ihres Tuns aus dem Blick verlor. Was einmal von der Frage ausging, wie sich für viele Menschen ein besseres Leben organisieren ließe, endet als Legitimationsbetrieb des Vorhandenen. Thomas Morus, Adam Smith, die frühen großen Entwürfe — sie alle waren, bei allen Unterschieden, von einer normativen Energie getrieben. Die Gegenwart hat diese Energie gegen methodische Selbstberuhigung eingetauscht.

Der eigentliche Gehalt des Königs

Gerade deshalb ist der Titel „König von Deutschland“ viel besser, als er auf den ersten Blick klingt. Er ist kein Spiel mit Allmachtsphantasien und keine Revue ironischer Herrschaftsgesten. Die Figur des Königs ist bei Becker und Sohn eine kontrafaktische Zumutung. Sie fragt: Was würde einer tun, dem unter den Bedingungen dieser Welt reale Gestaltungsmacht zufällt? Nicht als Monarch, sondern als Probe auf Verantwortung. Damit verschiebt das Buch die Debatte weg von der bloßen Beschreibung des Elends und hin zur Frage nach Richtung, Maß, Priorität. Es holt den Entwurf zurück in ein Land, das sich an Verfahren gewöhnt und über Ziele verlernt hat zu sprechen.

Schneidewinds Antwort auf diese Königsfrage ist von einer Nüchternheit, die ihren Ernst gerade daraus bezieht, dass sie jeder Pose misstraut. Wer Macht hat, müsse zuerst die Grundfeste freiheitlich-demokratischer Ordnung sichern, die Würde jedes einzelnen Menschen unangreifbar halten und dafür sorgen, dass Bildung, Gesundheit und Grundversorgung nicht zu Luxusgütern werden. Erst dann beginne die eigentliche Gestaltung. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil hier Wissenschaft nicht als Expertokratie gedacht wird, sondern als Schutzraum für die Kraft des besseren Arguments. Mit einem Mal erscheint Wissenschaftspolitik nicht mehr als Ressortfrage, sondern als Frage der republikanischen Infrastruktur.

Nicht rechnen, sondern urteilen

Noch wichtiger ist, was Schneidewind über den Zustand der Disziplinen sagt. Seine Kritik an der modernen Ökonomie richtet sich nicht gegen Mathematik, sondern gegen die Vergötzung jener Form von Kontrolle, die Mathematik suggeriert. Er beschreibt die psychologische Faszination eines Faches, das einen hochkomplexen Gegenstand durch Modellierung scheinbar in den Griff bekommt — und das auf Kritik deshalb nicht bloß sachlich, sondern identitär reagiert. Genau an dieser Stelle kippt Wissenschaft leicht in einen hierarchischen Habitus: Wer rechnen kann, gilt mehr; wer nur mit Worten argumentiert, weniger. Wer ein komplexes Modell beherrscht, steht über dem, der Zusammenhänge historisch, sozial oder philosophisch ausleuchtet. So entstehen Inseln des Wissens, aber keine Orientierung.

Was Schneidewind dagegen setzt, ist kein anti-intellektuelles Programm der Auflösung, sondern eine anspruchsvollere Idee von Wissenschaft: pluraler in den Methoden, historischer im Selbstverständnis, offener für andere Disziplinen, mutiger im Experiment. Er spricht von Transdisziplinarität, von Realexperimenten, von einer Wissenschaft, die an den realen Problemen der Menschen ansetzt und ihre Fragen auf Augenhöhe formuliert. Berühmt ist in diesem Gespräch die Wendung, man dürfe die Welt nicht am grünen Tisch retten wollen; am Ende müsse man sie mit den Menschen zusammen retten. Das ist der Satz, der den ganzen Unterschied markiert zwischen einer Wissenschaft, die Anwendung simuliert, und einer Wissenschaft, die Wirklichkeit berührt.

Die Rückkehr der Zwecke

Von hier aus liest sich Ronzheimers taz-Text mit einem Mal schärfer. Denn dann wird deutlich, dass der Wissenschaftsrat zwar Szenarien entwirft, die eigentliche intellektuelle Arbeit aber erst dort beginnt, wo man wieder über Zwecke spricht. Wozu Wissenschaft? Wozu Universität? Wozu Innovation? Das sind keine Sonntagsfragen. Es sind die Kernfragen einer Gesellschaft, die Gefahr läuft, ihre leistungsfähigsten Institutionen in Apparate ohne Selbstbegründung zu verwandeln. Der Supercomputer kann rechnen, ob ein Vorhaben effizient ist. Er kann nicht sagen, warum es sinnvoll ist. Genau deshalb reicht Zukunftsforschung nicht aus. Es braucht Zukunftsurteil.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung des Gesprächs im König von Deutschland-Band: Es führt die Wissenschaft aus der Komfortzone ihrer Verfahren zurück in die Unruhe ihrer Legitimation. Es erinnert daran, dass Utopie kein peinlicher Restbestand aus naiven Zeiten ist, sondern die Bedingung dafür, dass Wissenschaft überhaupt noch an den gesellschaftlich relevanten Fragen sensibel wird. Eine utopiefreie Wissenschaft, sagt Schneidewind sinngemäß, wird eng, selbstreferenziell, reputationsfixiert. Sie arbeitet dann mit Datenbeständen, weil sie sich gut auswerten lassen, nicht weil die Welt darin zur Sprache käme. Spätestens an diesem Punkt ist man nicht mehr bei Hochschulpolitik. Man ist bei einer Zivilisationsfrage.

So gesehen erzählt Ronzheimers Text von mehr als vier Zukunftsszenarien. Er erzählt von einem Land, das ahnt, dass seine Wissenschaft in einen Entscheidungsmoment geraten ist. Und Schneidewinds Einspruch erzählt davon, dass diese Entscheidung nicht durch noch mehr Optimierung zu gewinnen sein wird. Die Frage lautet nicht, wie man das System effizienter macht. Die Frage lautet, ob man ihm seinen Grund zurückgeben kann.Nicht mehr Forschung allein. Nicht mehr Transfer allein. Nicht mehr Technologie allein. Sondern Urteil.

Und vielleicht beginnt jede ernsthafte Wissenschaftspolitik genau dort: in dem Augenblick, in dem sie sich nicht mehr mit der Verwaltung ihrer Mittel verwechselt, sondern wieder den Mut findet, ihre Zwecke auszusprechen.

Ölpreis-Schock: Warum Deutschland jetzt gewinnen kann – wenn es schnell handelt

Steigende Ölpreise sind für viele Unternehmen erst einmal ein Warnsignal: höhere Produktionskosten, teurere Transporte, noch mehr Druck auf eine ohnehin fragile Konjunktur. Doch Krisen folgen selten nur einer Logik der Belastung. Sie zwingen zur Anpassung – und setzen dadurch oft genau jene Modernisierung frei, die im Alltag vertagt wird.

Der Punkt ist geopolitisch: Öl ist nicht nur ein Rohstoff, sondern ein Stressmesser für eine Welt, in der Handelsrouten, Lieferketten und Energieflüsse wieder politisch werden. Wer jetzt nur über Mehrkosten klagt, übersieht die eigentliche Frage: Welche Volkswirtschaft kann aus dem Preisdruck einen Vorsprung bauen?

Bernhard Steimel formuliert das prägnant: „Höhere Preise setzen auch Innovationsimpulse frei.“ Genau darin liegen Chancen für eine technologieorientierte Industrie wie Deutschland – bei Effizienz, bei neuen Energiemärkten, bei Resilienz als Geschäftsmodell.

Im Sohn@Sohn-Newsletter zeigen wir, warum der Ölpreis kein reiner Konjunkturschock ist, sondern ein strategischer Weckruf – und welche drei Hebel Deutschland jetzt nutzen kann, um aus der Fragilität globaler Lieferketten einen Modernisierungsschub zu machen.

Siehe auch:

Die erschöpfte Organisation: Mentale Gesundheit ist keine Privatangelegenheit der Mitarbeitenden – Sie ist die Kreislaufstörung moderner Arbeit #ZPNord #ZPNachgefragtWeek

Was Pivi Scamperle in der beschreibt, ist keine neue Mode, kein weiches Thema für schöne Sonntagsreden, kein schmückendes Beiwerk des Employer Branding. Es ist ein Befund. Mentale Gesundheit scheitert in Organisationen selten am Wissen. Sie scheitert am Alltag: an Tempo, Dauerveränderung, Informationsflut, hybrider Vereinzelung und an einer Führung, die oft Gutes will, aber zu wenig in wirksame Praxis übersetzt. Ihre Session „Von Insight zu Impact: Moving Leadership – mentale Gesundheit im Alltag wirklich umsetzen“ war deshalb so relevant, weil sie den Blick weg vom Appell und hin zur konkreten Arbeitswirklichkeit lenkt. Das Format: 45 Minuten, Barcamp-Länge. Das Thema aber reicht tief in die Anatomie der modernen Organisation hinein.

Die Krankheit sitzt nicht im Menschen allein, sondern im Takt der Arbeit

Wir reden in Deutschland noch immer zu oft so, als sei psychische Belastung vor allem ein individuelles Problem. Dann soll der einzelne achtsamer werden, resilienter, gelassener, digital kompetenter. Das greift zu kurz. Denn ein Mensch kann nicht dauerhaft gesund bleiben, wenn das System, in dem er arbeitet, krankmachende Rhythmen erzeugt. Wer ständig zwischen Kanälen springt, auf Signale reagiert, Kontexte wechselt, in Meetings sitzt und zugleich lernen soll, mit immer neuen Werkzeugen umzugehen, dessen Nervensystem lebt nicht mehr in Spannung, sondern in Alarm. Genau diese Lage beschreibt Scamperle: eine hybride Wissensarbeit mit hoher Besprechungsdichte, parallelen Kommunikationskanälen und unsichtbarem Dauerstress, auf die sich nun noch der Druck der KI-Transformation legt.

Damit verändert sich auch der gesundheitspolitische Blick. Mentale Gesundheit ist dann kein Randthema des betrieblichen Wohlbefindens mehr, sondern eine Frage von Arbeitsgestaltung, Prävention und Führungskultur. Scamperle erinnert daran, dass psychische Erkrankungen bereits einen erheblichen Anteil am Krankheitsgeschehen ausmachen und mit langen Ausfallzeiten verbunden sind. Wer das im Unternehmen noch immer als persönliche Schwäche oder private Baustelle missversteht, verwechselt Ursache und Symptom. Nicht der Mensch allein ist erschöpft. Erschöpft ist oft die Logik, nach der gearbeitet wird.

Führung beginnt nicht beim Motivationsspruch, sondern bei Klarheit

Der stärkste Gedanke dieser Session liegt in ihrer Nüchternheit. Scamperle setzt nicht auf Strohfeuer-Programme, nicht auf einmalige Kampagnen und nicht auf jene ritualisierte Empathie, die im Ernstfall folgenlos bleibt. Sie spricht von Micro-Interventionen, von Echtzeit-Feedback, Team-Agreements, Priorisierung, Lern-Check-ins und Gesprächsformaten, die Belastung früh sichtbar machen. Das klingt klein. In Wahrheit ist es groß. Denn Gesundheit entsteht im Betrieb selten durch das spektakuläre Angebot, sondern durch die tägliche Entlastung an den entscheidenden Stellen: bei Rollen, Regeln, Ruhezeiten, Übergaben, Zuständigkeiten und Erwartungen.

Hier liegt auch der eigentliche Führungsauftrag. Führung heißt in solchen Zeiten nicht, noch mehr Druck sprachlich freundlich zu verpacken. Führung heißt, Orientierung zu geben. Was ist wirklich wichtig? Was ist Experiment und was Standard? Welche Reaktionsgeschwindigkeit wird erwartet, welche gerade nicht? Wo darf gelernt, gefragt, gezweifelt, auch einmal nicht gewusst werden? Psychologische Sicherheit ist in diesem Zusammenhang kein Modewort. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen in Unsicherheit nicht verstummen, sondern handlungsfähig bleiben. Scamperle beschreibt sie folgerichtig als gelebte Alltagshaltung: Fragen stellen, Fehler ansprechen, Zweifel äußern, ohne Bloßstellung und ohne Angst vor Abwertung.

Man könnte auch sagen: Eine gesunde Organisation braucht einen ruhigen Puls. Sie braucht Phasen der Konzentration, der Reflexion, der Regeneration. Sie braucht nicht nur Aktivität, sondern Takt. Wer rund um die Uhr sendet, fordert, triggert und beschleunigt, darf sich über Erschöpfung nicht wundern. Der Körper meldet sich, der Schlaf leidet, die Konzentration sinkt, die Reizbarkeit wächst. Und irgendwann verlässt die Leistung den Raum, lange bevor die Person es tut.

KI ist nicht nur Werkzeug, sondern ein Stresstest für Kultur

Besonders klug ist an Scamperles Analyse, dass sie die KI-Frage nicht technisch verengt. Sie sagt ausdrücklich, sie sei keine KI-Expertin. Und gerade deshalb trifft sie den Kern. Denn die Belastung durch KI entsteht in Organisationen derzeit weniger durch den Algorithmus als durch die Art seiner Einführung. Lernstress, FOMO, Jobangst, Kompetenzzweifel, Autonomieverlust, Werkzeugchaos: Das alles sind keine Nebengeräusche, sondern psychische Realitäten in Teams. Wer neue Systeme einführt, ohne Transparenz, Kompetenzaufbau und Mitgestaltung zu organisieren, produziert nicht Fortschritt, sondern Verunsicherung.

Die Antwort darauf ist bemerkenswert pragmatisch. Scamperle empfiehlt keine große Wartehaltung, bis irgendwann die perfekte Governance von oben vorliegt. Sie empfiehlt, im Team jetzt Regeln zu schaffen: Was darf KI? Was darf sie nicht? Wo braucht es Review? Wo gilt Rot, Gelb, Grün? Ihre Beispiele sind bestechend einfach: KI für Entwürfe, Zusammenfassungen und Routinen ja; sensible Kommunikation nur mit Rücksprache; Personalentscheidungen, Gesundheitsdaten und sicherheitskritische Anwendungen tabu. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Gesundheits- und Führungsprävention in übersetzbarer Form. Halt entsteht nicht durch Abstraktion, sondern durch konkrete Vereinbarung.

HR muss vom Verwalten ins Begleiten kommen

Auch HR kommt in diesem Bild eine andere Rolle zu. Nicht mehr Content verwalten, Systeme administrieren, Maßnahmen addieren. Sondern moderieren, klären, befähigen, entlasten. Scamperle beschreibt HR als Instanz, die Verantwortlichkeiten zwischen Team, Führungskraft und Organisation neu sortieren, Gesprächsleitfäden entwickeln, kollegiale Fallberatung ermöglichen und Prozesse von Leistungsbeurteilung bis Rückkehrgespräch neu denken kann. Das ist richtig. Denn mentale Gesundheit wird nicht dadurch wirksam, dass man sie moralisch aufwertet. Sie wird wirksam, wenn sie in Prozesse übersetzt wird.

Darin steckt ein grundlegender gesundheitspolitischer Satz: Prävention ist kein Plakat, sondern Strukturarbeit. Wer weniger Fehlzeiten, mehr Bindung und eine belastbare Leistungsfähigkeit will, muss die Verhältnisse bearbeiten, nicht nur die Befindlichkeiten kommentieren.

Sessions auf der

Genau deshalb lohnt der Blick auf die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg. Dort lässt sich lesen, ob aus der Einsicht nun tatsächlich ein Markt der Wirkung wird. Mehrere Sessions greifen das auf, was Scamperle systemisch angelegt hat. Wenn Robin Freitag über „Digitale Dauerablenkung: Wie wir Fokus und mentale Gesundheit schützen“ spricht, wird die Reizüberflutung des Arbeitsalltags konkret. Wenn Barbara Gerhards „Arbeiten ohne Ärger und Stress“ thematisiert, dann geht es um jene emotionale Entzündung, die in überlasteten Systemen fast zwangsläufig entsteht. Wenn OpenUp erklärt, mentale Gesundheit sei kein Feelgood-Thema, sondern Business-Faktor, dann wird ausgesprochen, was viele Unternehmen noch immer scheuen: psychische Stabilität ist kein Benefit, sondern Produktivitäts-, Bindungs- und Kostenfrage.

Besonders aufschlussreich ist, dass Hamburg die Debatte nicht bei der inneren Verfassung stehen lässt. Vorträge zu gesunder Führung, zu Burnout und Stress als Systemproblemen, zu Wirksamkeitsmessung im BGM, zu Kostenfallen im Gesundheitsbudget und zum Schritt „vom Werttreiber zum Business Case“ zeigen, dass sich die Diskussion verschiebt: weg vom gut Gemeinten, hin zum steuerbaren, evaluierbaren, verantwortlichen Handeln. Genau dort beginnt Seriosität. Gesundheitspolitik im Unternehmen braucht nicht mehr Rhetorik, sondern mehr Evidenz, mehr Führungsfähigkeit und mehr Ordnung im Alltag.

Und doch gehört noch etwas anderes dazu: der Mensch als Ganzes. Auch das spiegelt das Hamburger Programm. Bewegung als Hebel mentaler Gesundheit, Schlaf als Schlüssel zur Regeneration, personalisierte Gesundheitsdaten, Firmenfitness, Lernräume, Kulturfragen, Inklusion. Das ist dann schlüssig, wenn es nicht in eine neue Maßnahmensammlung zerfällt. Der entscheidende Punkt bleibt: Starke Teams entstehen nicht durch Einzelaktionen, sondern durch Systeme, die den Menschen nicht verbrauchen, sondern tragen.

Pivi Scamperles Session gibt dafür den richtigen Takt vor. Nicht erst reden, bis alles geregelt ist. Nicht beschwichtigen, wo Klarheit nötig wäre. Nicht individualisieren, was strukturell verursacht wird. Gesundheit im Unternehmen beginnt dort, wo Arbeit wieder atmen kann: in klaren Regeln, in vernünftigen Rhythmen, in psychologischer Sicherheit, in guter Führung. Hamburg kann daraus eine Messebotschaft machen. Oder mehr noch: eine überfällige betriebliche Wirklichkeit.

Siehe auch:

Terminübersicht ZP Nord – Gesundheit & mentale Gesundheit

25. März 2026
10:00–10:30 „Mentale Gesundheit ist kein Feelgood-Thema – sie ist ein Business-Faktor“
11:10–11:30 „Gesunde Führung: Warum Burnout und Stress Systemprobleme sind“
11:40–12:20 „Gesundheitsförderung nicht nur gut gemeint, sondern nachweislich wirksam“
12:00–12:20 „Betriebliche Gesundheitsförderung neu denken … Brustkrebsfrüherkennung“
12:15–12:35 „BIO AGE – Gesundheit als strategischer Erfolgsfaktor“
12:50–13:10 „Schlaf als Schlüssel zur Longevity“
16:00–16:30 „Ausgebucht statt abgesagt: Wie ihr die Nutzungsrate eurer Mental-Health-Angebote erhöht“
16:50–17:10 „Mental Health & Wellbeing als Führungsaufgabe“ pdf ZP Nord Geundheit

26. März 2026
10:00–10:30 „Vom Werttreiber zum Business Case“
10:20–10:45 „Ihr Unternehmen verbrennt Geld: Die Kostenfalle im Gesundheitsbudget“
10:25–10:35 „Personalisierte Gesundheitsempfehlungen als datenbasiertes Tool“
10:40–11:10 „Arbeiten ohne Ärger und Stress“
11:35–12:15 „Leistungsfördernde Unternehmenskultur und gesund bleiben“
11:40–12:05 „Employer Branding trifft Gesundheit“
12:00–12:30 „Digitale Dauerablenkung: Wie wir Fokus und mentale Gesundheit schützen“
12:50–13:15 „Unsichtbare Krise: Wie mentale Belastung ganze Firmen lahmlegt“
13:15–13:35 „Betriebliche Gesundheitsförderung neu denken … Brustkrebsfrüherkennung“
14:05–14:25 „Gesunde Führung: Warum Burnout und Stress Systemprobleme sind“
14:40–15:10 „Secure Work. Strong People – Das Live-Finale“
14:50–15:15 „Fit im Kopf, stark im Job“

Wenn in der Bonner Harmonie der „Piano Man“ wieder das Licht anmacht

Das ferne Leuchten aus Manhattan

Als ich Billy Joel vor knapp drei Jahren im Madison Square Garden sah, war das kein gewöhnlicher Konzertabend, sondern eine Begegnung mit einem musikalischen Kosmos, der seit Jahrzehnten den Soundtrack für Sehnsucht, Melancholie und Großstadtromantik liefert. Der Garden wirkte tatsächlich wie das Wohnzimmer des „Piano Man“, ein Ort, an dem jede Wendung, jede vertraute Melodie, jede kleine ironische Brechung ihren Platz hatte. Ein Jahr später, in der Bonner Harmonie, stellte sich dieses Gefühl überraschend noch einmal ein. „All About Joel“ schaffte das Kunststück, Songs nicht wie Erinnerungsstücke auszustellen, sondern die Gegenwart eines Künstlers aufzurufen, dessen Musik sich dem Altern mit bemerkenswerter Sturheit widersetzt.

Am Freitag, dem 27. März 2026, kehrt die Band nun um 20 Uhr zum dritten Mal in die Harmonie Bonn zurück. Auf der offiziellen Veranstaltungsseite heißt es, die Harmonie sei für „All About Joel“ längst mehr als nur ein Spielort, sondern beinahe eine zweite Heimat geworden. Nach zwei restlos begeisternden Abenden ist das keine sentimentale Übertreibung, sondern eine Formulierung mit Ortskenntnis.

Die Kunst, nicht zu verkleiden

Die meisten Tribute-Shows scheitern an einem Missverständnis. Sie glauben, Nähe entstehe durch Nachahmung. Dann werden Gesten kopiert, Grimassen einstudiert, Requisiten geschniegelt, bis am Ende nur eine etwas ratlose Wachskabinett-Version des Originals auf der Bühne steht. „All About Joel“ wählt den intelligenteren Weg. Thomas Matiszik versucht nicht, Billy Joel zu spielen. Er singt diese Songs, als hätte er begriffen, dass in ihnen bereits alles steckt, was man braucht: Witz, Zärtlichkeit, Kränkung, Größenlust, Müdigkeit, Hoffnung. Das Ergebnis ist erfreulich frei von Maskerade.

An seiner Seite sitzt mit Marius Ader ein Pianist, der diese Musik nicht als Pflichtübung behandelt, sondern als das, was sie ist: präzise gebauter, rhythmisch hellwacher, harmonisch oft raffinierter Pop. Dazu kommt eine Band, deren Klasse sich schon in ihren Biografien andeutet. Auf der Bühne stehen Maurizio de Matteis am Bass, Stefan Turton am Schlagzeug, Benedikt Zöller an der Gitarre und Michael Hennig am Saxophon. Die Harmonie verweist dabei auf Verbindungen zu Formationen wie Cool Chocolate, Central Park Band, Mind2Mode, ReCartney und Floydside of the Moon. Das klingt nicht nach Feierabend-Nostalgie, sondern nach Leuten, die wissen, was sie tun.

Lieder mit offenen Fenstern

Billy Joel war immer dann am besten, wenn seine Songs mehr wussten als ihre eigene Oberfläche. „Vienna“ klingt zunächst wie Trost und ist in Wahrheit auch eine kleine Ermahnung gegen die Hast. „Honesty“ wirkt wie eine Ballade und enthält doch eine ganze Theorie der zwischenmenschlichen Erschöpfung. „Leningrad“ trägt Geschichte in sich, ohne in Gedenkton zu verfallen. Und „Piano Man“ ist längst größer geworden als die Bar, aus der es einmal herausgeschrieben wurde.

Fred Schruers beschreibt in seiner Biografie einen Soundcheck im Madison Square Garden, an einem Montagnachmittag, in einer noch leeren Halle. Joel kommt auf die Bühne, überprüft die Einstellungen, macht Witze, hört alles, wiederholt ungern etwas ein zweites Mal. In dieser Szene steckt viel von dem, was ihn ausmacht. Da ist einer, der den Apparat des Starruhms beherrscht und ihm zugleich nicht restlos traut. Einer, der vor Tausenden spielen kann und dennoch jene leise Unsicherheit bewahrt, aus der seine besten Lieder überhaupt erst entstehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie noch immer nicht geschniegelt wirken. Sie haben Risse. Und gerade deshalb Glanz.

„All About Joel“ versteht genau diesen Punkt. Diese Band spielt die großen Titel nicht wie polierte Museumsstücke, sondern wie Lieder, in denen weiterhin Leben zirkuliert. Das ist ein erheblicher Unterschied. Man hört nicht bloß Bekanntes wieder. Man merkt, wie gut diese Stücke gebaut sind, wie elegant sie sich winden, wie beiläufig sie Wahrheiten transportieren, für die andere drei Alben und ein Manifest bräuchten.

Frongasse statt Seventh Avenue

Bonn ist nicht New York. Das ist kein Mangel, sondern an diesem Abend sogar ein Vorteil. Billy Joels Musik verträgt die Arena, gewiss. Aber sie gewinnt oft dort, wo man ihr näher kommt als in der monumentalen Geste. In der Harmonie kann ein Klavier noch atmen. Ein Saxophon darf hier mehr sein als Effektbeleuchtung. Und ein Refrain muss nicht gegen die Entfernung ankämpfen, sondern erreicht den Raum mit jener Selbstverständlichkeit, die gute Songs immer besitzen.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Abends. Man muss nicht nach Manhattan fliegen, um für zwei Stunden an jenen Ort versetzt zu werden, an dem Pop nicht aus Pose, sondern aus Handwerk, Gefühl und Erzählkunst entsteht. Die Harmonie verspricht New Yorker Piano-Magie, handgemachte Livemusik und womöglich sogar eine besondere Setlist eigens für Bonn. Selten klang eine Ankündigung so vernünftig.

Ein Freitagabend mit besseren Aussichten

Am 27. März steht also wieder alles bereit: die Rückkehr dieser Band in einen Club, der für sie mehr geworden ist als nur eine Adresse, und ein Repertoire, das sich seit Jahrzehnten nicht klein kriegen lässt. Wer wissen möchte, wie weit Songs tragen können, wenn sie von den richtigen Leuten gespielt werden, dürfte an diesem Abend eine ausgesprochen angenehme Antwort erhalten. Beginn ist um 20 Uhr in der Harmonie Bonn. Der Veranstalter sagte mir, dass es noch Tickets gibt. Na dann. Sieht man sich?

Hier gibt es die Tickets: https://www.harmonie-bonn.de/veranstaltung/all-about-joel-the-billy-joel-tribute-show/

Fotos: Helmuth Grimm

Die Stunde, die alles können soll: Replik auf „Hanks Welt“ @hankrainer

Volkmarsen als Weltmarktmodell

Es hat etwas Rührendes, wie in Deutschland Weltwirtschaft gemacht wird: Ein Kanzler kommt aus China zurück, sagt in Volkmarsen etwas über Work-Life-Balance, und irgendwo in Peking laufen die Klickzähler heiß. Aus dem Video wird ein Hashtag, aus dem Hashtag eine Diagnose, aus der Diagnose eine Forderung. Wenn man das Land lieben will, muss man seine Symbole ertragen. Diesmal heißt das Symbol: die eine Stunde.

Merz will mehr Arbeitseinsatz. Söder will eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich. Schularick will zehn Prozent mehr Arbeit – ebenfalls ohne Lohnausgleich. Und Rainer Hank legt, ganz im Ton der volkswirtschaftlichen Grundschule, die Multiplikation dazu: Produktivität je Stunde mal Stunden gleich Wohlstand. Wer da widerspricht, muss schon sehr populistisch sein. Oder Philosoph.

Der Müllmann als Projektionsfläche

Richard David Precht liefert Hank den perfekten Gegner: rhetorisch stark, ökonomisch unterkomplex. Müllmänner, Bestatter, keine zusätzlichen Tonnen, keine zusätzlichen Leichen – also auch kein Wachstum. Hank kontert: Doch, es gibt Knappheit, es gibt offene Stellen, eine Stunde mehr verbessert die Dienstleistung oder spart Personal. Das ist alles nicht falsch. Nur trifft es das Problem genauso wenig wie Prechts Polemik.

Denn die Debatte tut so, als wäre „Arbeit“ eine homogene Flüssigkeit, die man in beliebige Gefäße gießen kann: eine Stunde mehr hier, zehn Prozent mehr dort, und schon steigt der Pegelstand der Wertschöpfung. In der Realität ist Arbeit aber kein Wasser, sondern ein Gemisch aus Qualifikation, Koordination, Nachfrage, Gesundheit, Technologie – und zunehmend: aus der Fähigkeit, in volatilen Märkten überhaupt steuerbar zu bleiben.

Wenn Kommunen Entsorgungshelfer suchen, ist die Frage nicht nur, ob der vorhandene Müllmann länger arbeitet. Die Frage ist, warum der Job unattraktiv ist, warum Schichten, Löhne, Routendesign, Gerätepark, Digitalisierung der Tourenplanung, Führung und Personalausstattung nicht zusammenpassen. Eine Stunde mehr kann kurzfristig flicken. Sie ist aber kein System.

Robinsons Insel – und unser Festland

Hanks Robinson-Beispiel ist klassisch, gerade deshalb sehr fraglich: Auf Robinsons Insel ist jede zusätzliche Stunde potenziell ein zusätzlicher Fisch. Auf unserem Festland hängt der zusätzliche Fisch daran, ob es überhaupt einen Markt gibt, ob die Lieferkette steht, ob Energiepreise kalkulierbar sind, ob Maschinen laufen, ob Teams koordiniert sind, ob Fehlzeiten explodieren, ob Prozesse so bürokratisch sind, dass man die Stunde vor allem mit internen Schleifen verbringt.

Und noch etwas unterschlägt die Robinson-Mathematik: Die Produktivität je Stunde ist keine Konstante, die man beliebig mit mehr Stunden multipliziert. Wer länger arbeitet, arbeitet nicht automatisch gleich produktiv. Müdigkeit ist keine Ideologie, sondern Biologie. Mehr Stunden können die Stundenproduktivität senken, Fehlerquoten erhöhen und Krankheitstage nach oben treiben – dann wird aus der „Wohlstandsstunde“ eine teure Stunde, die man später mit Ausfällen, Fluktuation und Reibungsverlust bezahlt. Das ist die Ironie: Die Stunde, die den Wohlstand retten soll, kann ihn bei falscher Anwendung unterminieren.

Der eigentliche Skandal heißt nicht Work-Life-Balance

Man kann Hank zugestehen: Deutschland ist kein Land der 9-9-6-Askese. Und wer nur auf Stunden schaut, findet Länder, die mehr arbeiten und dadurch mehr Output pro Kopf haben. Aber das führt zur falschen politischen Moral: als sei der Wohlstand vor allem eine Frage der Sitzfleischbereitschaft. Das ist bequem, weil es Verantwortung verschiebt. Wer „mehr Stunden“ ruft, muss weniger über Standortpolitik reden, weniger über Kinderbetreuung, weniger über Steuer- und Abgabenkeile, weniger über überlastete Verwaltungen, weniger über Investitionsschwäche, weniger über die Tatsache, dass wir in vielen Organisationen nicht an zu wenig Arbeit scheitern, sondern an zu viel unproduktiver Arbeit.

Die Stunde ist ein Ersatzkrieg. Er wird geführt, weil er so herrlich einfach klingt. Er ist der politische Cousin der Diätidee: Iss einfach weniger und alles wird gut. In der Arbeitswelt lautet sie: Arbeite einfach mehr und alles wird gut.

KI als Ausrede – und als Chance

Hank streift am Ende noch die KI: Ob sie kompensatorisch wirkt, stehe „in den Sternen“. Genau da liegt der nächste Denkfehler der Stundenfraktion. KI ist keine Wolke über Robinsons Insel. KI ist ein Werkzeug, das – richtig eingesetzt – Koordination, Suchkosten, Dokumentationslasten, Qualitätskontrolle, Training und Wissenszugriff massiv verändert. Sie kann die berühmte „eine Stunde“ auf zwei Arten schlagen: indem sie dieselbe Arbeit schneller macht oder indem sie neue Arbeit überhaupt erst ermöglicht, weil Menschen nicht mehr in administrativen Nebenkriegsschauplätzen versinken.

Aber KI ist auch das Gegenteil einer Ausrede. Denn KI fordert Organisation: Datenqualität, Governance, Qualifizierung, Change. Wer nur die Stunde erhöht, ohne diese Grundlagen zu bauen, betreibt analoges Nachbessern im digitalen Strukturwandel. Das ist, als würde man bei Gegenwind stärker rudern, während das Segel eingerollt bleibt.

Wo Merz, Söder, Hank – und ja, auch Precht – danebenliegen

Precht liegt falsch, weil er Knappheit und Dynamik ignoriert und aus guten Bildern falsche Schlüsse zieht. Hank liegt falsch, weil er aus richtiger Volkswirtschaftslehre eine politische Monokausalität baut. Merz und Söder liegen falsch, weil sie aus einer Standortfrage eine Moralfrage machen. Und alle zusammen liegen falsch, weil sie so tun, als wäre die Zukunft des Wohlstands ein Wettbewerb um die längste Anwesenheit.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Deutschland braucht nicht zuerst mehr Stunden. Deutschland braucht mehr Wertschöpfung pro Stunde und pro eingesetztem Kopf, weniger krankmachende Reibung, bessere Vereinbarkeit, klügere Arbeitszeitmodelle, höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Integration, bessere Führung, weniger Bürokratie – und eine KI-Strategie, die nicht nach Tool aussieht, sondern nach Betriebssystem.

Wenn man unbedingt ein Bild aus der Entsorgungswirtschaft nehmen will: Der Wohlstand kippt nicht, weil die Müllmänner zu früh Feierabend machen. Er kippt, wenn die Tonne größer wird, die Route chaotischer, das Fahrzeug alt, die Planung analog, die Regeln unübersichtlich, die Krankenquote hoch – und die Politik glaubt, man müsse nur den Fahrer eine Stunde länger im Kreis fahren lassen.

Siehe auch:

Gesundheit als betriebswirtschaftliche Vernunft – Ausblick auf die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg

Wer die Arbeitswelt dieser Jahre verstehen will, sollte nicht nur auf Konjunktur, Energiepreise und Zinsniveaus schauen. Er sollte auch auf Fehlzeiten, psychische Erschöpfung und die wachsende Fragilität betrieblicher Leistungsfähigkeit blicken. Die Zukunft Personal Nord am 25. und 26. März in Hamburg trifft deshalb einen wunden Punkt der Unternehmenspraxis. Denn ausgerechnet in ökonomisch angespannten Zeiten kehrt eine alte Frage mit neuer Härte zurück: Ist betriebliches Gesundheitsmanagement eine entbehrliche Begleitmusik der guten Jahre – oder längst ein nüchtern zu kalkulierender Produktionsfaktor?

Genau an diesem Punkt setzt mein Gespräch mit Oliver Walle im Messe-TV-Studio auf der Zukunft Personal Nord an. Unter dem Titel „Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten – Sparmaßnahme oder bewusste Investition in die Belegschaft?“ geht es um eine Entscheidung, die in vielen Unternehmen noch immer falsch gerahmt wird. Gesundheit wird dort allzu oft als freundliche Zusatzleistung behandelt: sympathisch, kommunikativ dankbar, im Zweifel aber kürzbar. Dabei spricht vieles dafür, dass gerade diese Sichtweise teuer wird – nicht nur kulturell, sondern betriebswirtschaftlich.

Walle ist für diese Debatte ein ebenso erfahrener wie anschlussfähiger Gesprächspartner. Als Geschäftsführer der Health 4 Business GmbH, als Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und der BSA-Akademie, als Lehrbeauftragter an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau sowie als Mitglied einschlägiger Gremien für Corporate Health argumentiert er nicht aus der Distanz, sondern aus der Praxis eines Feldes, das zwischen Prävention, Personalstrategie und Sozialökonomie immer politischer wird. Dass er auf der Messe in Hamburg zusätzlich in der Kamin Lounge über wirksame, also nachweislich evaluierte Gesundheitsförderung spricht, fügt sich folgerichtig ins Bild: Nicht gut gemeint soll Gesundheit sein, sondern wirksam. Nicht dekorativ, sondern überprüfbar. Termin: 25. März, um 11:40. Moderation: Margitta Eichelbaum.

Gesundheit ist keine Folklore des Personalwesens

Wie sehr sich der Ton in dieser Debatte verändert hat, zeigte schon Walles Auftritt im vergangenen Jahr bei „Zukunft Personal Nachgefragt“. Dort sprach er über hohe Krankenstände, Überlastung, psychische Erkrankungen und Depressionen – also über eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr mit den Routinen des klassischen Feelgood-Managements beschwichtigen lässt. Bemerkenswert war dabei, dass Walle den Blick nicht auf tagespolitische Reizwörter verengte, sondern auf den tieferen Strukturwandel der Arbeitswelt. Er beschrieb Gesundheit ausdrücklich auch als Generationenthema: Jüngere Beschäftigte, so sein Befund, bringen ein ausgeprägteres Bewusstsein für die eigene Gesundheit und für Work-Life-Balance mit. Das sei positiv, erhöhe aber zugleich den Druck auf Unternehmen, Arbeit anders zu organisieren, Aufgaben gerechter zu verteilen und Führung neu zu denken. Gesundheit erscheint bei Walle damit nicht als Privatangelegenheit der Beschäftigten, sondern als Prüfstein betrieblicher Ordnung.

Noch interessanter wurde es dort, wo Walle die Debatte aus dem moralischen in ein analytisches Register verschob. Die Frage sei eben nicht nur, dass Fehlzeiten hoch seien, sondern warum sie hoch seien – und was sich daraus lernen lasse. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen und Indikatoren, die Unternehmen helfen können, Entstehungsbedingungen von Fehlzeiten präziser zu erkennen. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen symbolischem und strategischem Gesundheitsmanagement: Wer nur Maßnahmen addiert, verwaltet Symptome; wer Belastungen analysiert, kann Organisation gestalten. Das ist die Stelle, an der BGM den Status einer netten Begleitmaßnahme verliert und zur Managementaufgabe aufrückt.

Walle sprach zudem über die Rolle der Digitalisierung mit einer Nüchternheit, die dem Thema guttut. Vor der Pandemie, so seine Beobachtung, seien digitale Lösungen im Gesundheitsbereich vielerorts noch mit erheblichem Misstrauen betrachtet worden, nicht zuletzt wegen datenschutzrechtlicher Vorbehalte. Seitdem habe sich viel verschoben. Heute existiere eine deutlich reifere Landschaft digitaler Anwendungen, nicht mehr nur oberflächliche Apps, sondern Instrumente mit größerem Tiefgang, gerade auch im Bereich psychosozialer Gesundheit. Weil psychotherapeutische Versorgung häufig knapp sei, stellte Walle die Frage, ob digitale Plattformen Menschen in frühen Belastungsphasen auffangen, informieren und weitervermitteln können, bevor aus Belastung Erkrankung wird. Das ist ein Gedanke, der für Unternehmen ökonomisch ebenso relevant ist wie sozialpolitisch: Prävention wird hier nicht als Imageversprechen, sondern als Infrastruktur verstanden.

Hinzu kam bei Walle ein zweiter, oft unterschätzter Punkt: die Verbindung von Gesundheit, Sozialversicherung und Abgabenlast. Wenn Behandlungskosten steigen und die Systeme der sozialen Sicherung unter Druck geraten, dann ist Gesundheit eben nicht nur ein Thema individueller Fürsorge, sondern auch eine Größe für die Finanzierung von Arbeit selbst. In dieser Perspektive wird deutlich, warum Betriebliches Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten gerade nicht an den Rand gehört. Es berührt Produktivität, Ausfallkosten, Fachkräftesicherung und mittelbar die Tragfähigkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Ton mag sachlich sein, die Konsequenz ist es nicht weniger: Wer Gesundheit im Unternehmen vernachlässigt, produziert Folgekosten, die am Ende an anderer Stelle mit größerer Härte zurückkehren.

Das Gesundheitstage-Dilemma

In dieses Bild fügt sich auch der Rückblick auf die Zukunft Personal Nord 2025 mit bemerkenswerter Klarheit ein. Dort haben Bastian Schmidtbleicher und Fabian Maisch von Moove das Thema Gesundheit entschieden aus der Sphäre bloßer Zusatzangebote herausgelöst. Ihre zentrale Botschaft lautete sinngemäß: Gesundes Arbeiten ist keine freundliche Dreingabe des Personalmanagements, sondern Teil der Unternehmensstrategie. Genau darin lag die Pointe ihres Auftritts. Sie wandten sich gegen die verbreitete Versuchung, betriebliche Gesundheit mit sichtbaren, aber strukturell schwachen Einzelmaßnahmen zu verwechseln. Der Obstkorb, so die Stoßrichtung, senkt keine Fehlzeiten; ein Gesundheitstag ersetzt keine Strategie. Gesundheit wird dann zum unternehmerischen Faktor, wenn sie professionell aufgebaut, differenziert geplant und mit der realen Arbeitswelt der Belegschaft verbunden wird.

Besonders einprägsam war das von Schmidtbleicher und Maisch beschriebene „Gesundheitstage-Dilemma“. Unternehmen, so ihre Beobachtung, veranstalten Gesundheitstage oft in bester Absicht, erreichen damit aber vor allem jene Beschäftigten, die ohnehin gesundheitsaffin sind. Die eigentlich relevanten Gruppen – etwa Mitarbeitende in besonders belasteten Tätigkeiten, in der Produktion, in Schichtsystemen oder mit sehr spezifischen Beanspruchungen – werden dadurch häufig gerade nicht systematisch adressiert. Was oberflächlich wie ein Engagement für Gesundheit aussieht, bleibt dann in Wahrheit eine Maßnahme ohne saubere Zielgruppenlogik. Der Einwand von Moove war deshalb nicht, man solle weniger tun, sondern intelligenter: weg von der Maßnahme, die für alle irgendwie passt, hin zu einem System gesunder Arbeit, das unterschiedliche Bedarfe, Belastungen und Lebenslagen ernst nimmt.

Ebenso interessant war der zweite Akzent des Moove-Gesprächs: der Mut zum ersten, aber richtigen Schritt. Schmidtbleicher und Maisch beschrieben, wie Unternehmen beim Thema BGM oft zwischen Überforderung und Aktionismus schwanken. Entweder wird die Aufgabe so groß gedacht, dass man gar nicht beginnt, oder man kauft isolierte Maßnahmen ein und wundert sich über mangelnde Wirkung. Ihr Gegenentwurf war eine doppelte Logik: Gesundheit müsse erlebbar werden, also konkret im Alltag der Mitarbeitenden auftauchen; zugleich müsse sie strategisch verankert werden, damit sie nicht in Willkür und Einzelaktionen zerfällt. Dafür brauche es keine perfekte Großarchitektur von Beginn an, wohl aber Struktur, Daten und Prioritäten.

Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang auch ihr Verweis auf gesetzliche Pflichten und analytische Grundlagen. Statt sich in symbolischen Formaten zu erschöpfen, solle man mit dem beginnen, was ohnehin erforderlich und nützlich ist – etwa mit einer ernsthaft betriebenen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Genau dort, so die implizite Botschaft, beginnt vernünftiges Gesundheitsmanagement: nicht bei der Inszenierung, sondern bei der Analyse. Wer herausfindet, was im Unternehmen tatsächlich los ist, weiß auch besser, welche Maßnahmen als Nächstes sinnvoll sind. Für eine Wirtschaft, die sich mehr und mehr auf Kennziffern, Wirksamkeit und ESG-Fähigkeit verpflichtet, ist das keine Nebenbemerkung, sondern das Zentrum der Sache.

Am Ende läuft all dies auf eine einfache, aber folgenreiche Einsicht hinaus: Gesundheit ist keine sentimentale Reserve des Personalwesens. Sie ist ein Kosten-, Kultur- und Kapazitätsthema. Gerade in Krisenzeiten spart der kluge Betrieb deshalb nicht an Gesundheit, sondern an Illusionen. Wer Betriebliches Gesundheitsmanagement für verzichtbaren Komfort hält, wird früher oder später mit steigenden Ausfällen, sinkender Bindung und wachsendem organisatorischem Verschleiß bezahlen. Wer es dagegen als bewusste Investition in Leistungsfähigkeit und Stabilität versteht, handelt nicht moralisch überhöht, sondern ökonomisch präzise.

Weitere Gesundheitssessions auf der Zukunft Personal Nord

Wer das Thema in Hamburg weiter vertiefen will, findet über Walles Auftritte hinaus weitere Sessions, die den Gesundheitsbegriff in unterschiedliche Richtungen öffnen. Dazu gehört am 26. März die Session „KI verantwortungsvoll gestalten: Ihr Kompass für BGM mit Zukunft“. Hier geht es um die Frage, wo Künstliche Intelligenz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement tatsächlich Entlastung, bessere Auswertungen und individualisierte Angebote ermöglicht – und wo gut gemeinte Anwendungen in wenig wirksame oder ethisch heikle Praxis umschlagen.

Ebenfalls am 26. März rückt im BBGM-Forum der strategische Zusammenhang von Gesundheit, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung in den Mittelpunkt. Die Session „Personal- und Organisationsentwicklung strategisch mit BGM verknüpfen – und attraktive Fördermittel nutzen“ ist deshalb interessant, weil sie BGM ausdrücklich nicht als Sammelbecken einzelner Maßnahmen versteht, sondern als Hebel für Wandel, Steuerung und Umsetzungsfähigkeit. Gerade der Verweis auf Förderlogiken und Krankenkassen-Insights macht deutlich, dass Gesundheit auch finanzierungs- und steuerungsseitig professioneller gedacht wird.

Bereits am 25. März setzt die Session „Wie du mit KI-Coaching die Lücken von BGM, EAP und LMS schließt – ohne das Budget zu sprengen“ einen eher operativen Akzent. Dahinter steht die Beobachtung, dass viele Unternehmen zwar in unterschiedliche Systeme investieren, deren Wirkung im Alltag aber oft verpufft, weil die Verbindung zwischen Angebot und tatsächlicher Verhaltensänderung fehlt. Der Vortrag verspricht damit eine Diskussion über Gesundheitsmanagement nicht als Programmlandschaft, sondern als Frage tatsächlicher Nutzung und wirksamer Begleitung. Weitere Sessions findet Ihr im Programm der Zukunft Personal Nord.

Zusammen ergeben diese Formate nur einen kleinen Auszug, aber einen bezeichnenden. Sie zeigen, dass Gesundheit auf der Zukunft Personal Nord nicht mehr als randständiges Wohlfühlthema verhandelt wird. Sie wird als Steuerungsfrage, als Digitalisierungsfrage, als Führungsfrage und als Investitionsfrage behandelt. Genau das macht das Thema in diesem Frühjahr so interessant.

Das Messe-TV-Studio von Sohn@Sohn findet Ihr neben der Keynote Stage.

Man hört, sieht und streamt sich in Hamburg 🙂

Autoländ. Die Krokodilstränen der Spitzenverbände @WolfLotter

Wenn Spitzenverbände über den Verlust von Industriearbeitsplätzen klagen, klingt es jedes Mal, als habe jemand nachts die Werkstore abgeschraubt. Ein Schock aus heiterem Himmel. Ein böser Zauber namens „Deindustrialisierung“. Und selbstverständlich: niemand in der Wirtschaft kann etwas dafür.

Nur blöd, dass dieser Zauber seit Jahrzehnten dieselbe Handschrift trägt – die der eigenen Mitglieder.

Wolf Lotter hat das auf X in ein Wort gegossen: „Autoländ.“ Und in einen Satz, den man als Triggerwarnung vor jede Verbandspressekonferenz hängen sollte: „Man muss schon wirklich sehr, sehr dumm sein, um nicht zu merken, was da läuft.“ Der Ton ist derb. Der Befund ist präzise.

Die Kritiker der Elche

Die Empörung über Arbeitsplatzverluste wirkt besonders überzeugend, wenn man sie von jenen hört, die die Wertschöpfung seit Jahren selbst ausdünnen. Die deutsche Industrie – vor allem die Autoindustrie – hat nicht „plötzlich“ Fertigung verloren. Sie hat sie systematisch neu verteilt: erst nach Osteuropa, dann nach Asien, später überall dorthin, wo Kosten, Tempo und Skalierung besser passten als daheim.

Und wenn dann im Inland die Zulieferkette knirscht, wird das Mikrofon gesucht: „Standort retten!“ „Industrie schützen!“ „Arbeitsplätze sichern!“ – als sei das Ergebnis einer globalen Einkaufs- und Produktionslogik ein Verwaltungsfehler im Wirtschaftsministerium.

Die Fertigungstiefe: erst ausgedünnt, dann beweint

Der Trick ist alt und wirkt noch immer: In Deutschland bleibt das Hochglanz-Narrativ – Entwicklung, Premium, Ingenieurskunst. Die harte Wertschöpfung wandert schrittweise ab. Nicht als moralische Verfehlung, sondern als Kalkulation.

So wurde es in meinen Recherchen schon vor über zehn Jahren von Brancheninsidern beschrieben: Zuerst die „verlängerte Werkbank“ in billigere Regionen. Dann Low-Cost-Standorte im Ausland, zunächst nur als Produktionsstätten, während Verwaltung und Entwicklung offiziell „zu Hause“ bleiben. Dann die zweite Stufe: Automatisierung und Roboter, um auch hier die Kosten zu drücken. Und wenn das ausgereizt ist, folgt die dritte Stufe: Entwicklungsumfänge wandern mit – nicht aus Bosheit, sondern weil die Einkaufsvorgaben längst global sind.

Wer diese Stufen selbst baut und anschließend die Trümmer „Globalisierung“ nennt, betreibt Etikettenschwindel.

Global Sourcing: Heimatliebe im Marketing, Target Cost in der Praxis

In den Gesprächen mit Praktikern tauchten seit Jahren dieselben Begriffe auf. Einkaufsvorgaben heißen „Global Sourcing“. Das bedeutet: Lieferanten kommen nur noch zum Zug, wenn sie zu Kosten anbieten, die nicht mehr zur deutschen Lohn- und Abgabenrealität passen.

Dazu kommen jene hübschen Instrumente, die in keinem Sonntagsinterview vorkommen, aber jede Kalkulation dominieren: „Target Cost Squeeze“, „Quick Savings“, jährliche Preisabschläge als Dauerforderung. Das Geschäft läuft dann so: Der Preisnachlass wird im deutschen Altgeschäft abgezogen, die Produktion wandert später in einen billigeren Standort. Die Rendite am Altstandort sinkt mit jedem „gewonnenen“ Auftrag, bis sie nicht mehr existiert. Dann folgt die nächste Pressemeldung: „Leider müssen wir Kapazitäten anpassen.“

Krokodilstränen, industriell gefertigt.

Neue Jobs – nur nicht hier

Und dann kommt die Pointe, die niemand laut sagen will: Wenn neue Jobs entstehen, entstehen sie oft dort, wo investiert wird – und investiert wird nicht aus Sentimentalität. Wenn ein deutscher Konzern tausende Stellen aufbaut, kann das sehr gut in einem Land passieren, das näher an osteuropäischen Kostenstrukturen liegt, näher an neuen Lieferketten, näher an Förderkulissen – kurz: näher an dem, was Einkauf und Standortplanung seit Jahren verlangen.

Das ist nicht „Verrat“. Das ist Strategie. Nur ist es unerquicklich, wenn dieselbe Strategie später als Schicksal verkauft wird.

Die Verbände und das Ritual der Unschuld

Verbände spielen dabei eine Doppelrolle. Sie sind Lautsprecher der Klage – und Schutzschirm der Erzählung, dass „wir“ eigentlich alles richtig gemacht hätten, nur „die Politik“ nicht. Dabei gehört zur Wahrheit, dass die industrielle Wertschöpfung in Deutschland nicht nur durch Energiepreise oder Bürokratie unter Druck gerät, sondern auch durch Entscheidungen, die in Konzernzentralen und Einkaufsabteilungen getroffen werden.

Wer jahrelang die Fertigungstiefe reduziert, Lieferanten global gegeneinander ausspielt und Entwicklungsarbeit dorthin verlagert, wo sie ein Bruchteil kostet, sollte beim Wort „Standorttreue“ wenigstens kurz stocken.

Und Baden-Württemberg? Das Musterländle als Monokultur-Falle

Baden-Württemberg ist dafür ein Lehrstück. Ein Land, das vom Mittelstand lebte, hängt stark an Auto und Maschinenbau – also an Branchen, in denen Globalisierung nicht „passiert“, sondern organisiert wird. Wenn die Autoindustrie umstellt, trifft es zuerst die Zulieferer. Wenn Investitionen ausweichen, bleiben die Netze zurück. Und wenn die Region Kaufkraft verliert, leidet der Rest gleich mit.

Dann kommen die Verbände und entdecken plötzlich die Heimat – ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Mitglieder seit Jahren global rechnen.

Weniger Klage, mehr Geständnis

Industriearbeitsplätze verschwinden nicht einfach. Sie werden verlagert, automatisiert, kleingerechnet, ausgedünnt, neu zugeschnitten – oft lange bevor die Öffentlichkeit es merkt.

Wer darüber reden will, sollte mit Ehrlichkeit beginnen: nicht mit Jammern, sondern mit einem Geständnis über die eigene Rolle im Drehbuch. Sonst bleibt es beim Autoländ-Ritual: Erst global optimieren, dann national beklagen.

Über den diskreten Charme literarischer Ranglisten #SignaturenMagazin

Es gehört zu den kleinen Zumutungen des digitalen Zeitalters, dass es selbst dort zu zählen beginnt, wo man früher noch unterschied. Auch die Literatur bleibt von diesem Hang zur Numerisierung nicht verschont. Was gelesen wurde, wird geklickt; was geklickt wurde, wird gelistet; und was gelistet ist, darf sich, für einen flüchtigen Augenblick jedenfalls, des Anscheins erfreuen, es habe damit schon etwas wie Geltung erlangt. Man sollte darüber nicht allzu entrüstet sein. Denn selbst dort, wo Zahlen den Ton angeben, verraten sie bisweilen mehr, als ihnen lieb sein kann.

Die Charts 2025 des Signaturen Magazins lese ich daher weder als Triumphregister noch als demokratisierte Form des Jüngsten Gerichts, sondern als eine jener aufschlussreichen Nebenerscheinungen literarischer Öffentlichkeit, in denen sich, halb zufällig und halb doch mit innerer Folgerichtigkeit, die Temperatur eines Jahres anzeigt. Fünf meiner Beiträge finden sich in den vorderen Rängen. Das schmeichelt dem Autor, ohne ihn ernsthaft zu verderben. Interessanter als die Platzierung ist ohnehin die Nachbarschaft der Texte untereinander. Denn sie bilden, wenn ich es recht sehe, weniger eine Serie als ein Kaleidoskop: eine literarische Reise durch Denkformen, Tonlagen, Abschiede, Komik, Poesie und jene eigentümlichen Begegnungen, aus denen sich ein Lesejahr erst zusammensetzt.

Von der selten gewordenen Kunst, zu urteilen

Am Anfang stand Herbert Anton. Genauer: ein Abend zu seinen Ehren, in dessen Verlauf sich einmal mehr bestätigte, dass literarische Erinnerung dann am lebendigsten ist, wenn sie nicht den Fehler begeht, sich bloß ehrfürchtig zu verhalten. „Die Urteilskraft der Dichtung“ lautete der Titel meines Beitrags, und er meinte, gegen alle Gewohnheiten des routinierten Kulturbetriebs, tatsächlich genau das, was er sagte. Es ging nicht um den dekorativen Nachvollzug einer akademischen Biographie, nicht um den gepflegten Nachruf mit Bildungsfirnis, sondern um die Rückkehr einer Haltung, die inzwischen beinahe altertümlich wirkt: der Fähigkeit nämlich, Literatur ernst zu nehmen, ohne sie zu sakralisieren, und über sie nachzudenken, ohne sie in methodischen Spezialzonen verschwinden zu lassen.

Herbert Anton erschien an diesem Abend nicht als Denkmal, das man mit den üblichen Kränzen versieht und dann der institutionellen Ewigkeit überlässt, sondern als gegenwärtige Figur eines Denkens, das auf Unterscheidung beharrt. Das ist in Zeiten, in denen vieles Meinung heißt und nur weniges Urteil ist, keine Nebensächlichkeit. Literatur war hier nicht Ornament, nicht Seminarfolklore, nicht der gehobene Restbestand einer besseren Vergangenheit, sondern Erfahrungsraum, Widerlager, Schule der Freiheit. Man darf solche Abende, die weder geschniegelt noch gefällig daherkommen, mit einem gewissen Recht Glücksfälle nennen. Sie erinnern daran, dass Urteilskraft keine Strengepose ist, sondern die zivilisierte Form geistiger Beweglichkeit.

Von Raumforderungen äußerer und innerer Art

Ganz anderer Art, wenn auch nicht geringer an Eindringlichkeit, war die Begegnung mit Willi Achten und seinem Roman „Die Einmaligkeit des Lebens“. Mein Text über diesen Abend kreiste um das Wort „Raumforderung“, jenes klinisch trockene und gerade deshalb so beunruhigende Wort, das im medizinischen Vokabular eine Diagnose tarnt und doch längst eine Metapher auf Vorrat bereithält. Denn plötzlich stand es doppelt im Raum: als Tumor im Körper und als Verwüstung einer Landschaft, die vom Tagebau in Besitz genommen wird. Der Leib und das Land, die Krankheit und der Verlust, das Innere und das Äußere begannen, einander in einer Weise zu spiegeln, die man, wäre sie nicht so genau beobachtet, fast schon für zu kunstvoll halten könnte.

Achtens Roman hat mich gerade deshalb so beschäftigt, weil er sich jeder billigen Verstärkung verweigert. Er macht aus Abschied kein Spektakel und aus Vergänglichkeit keinen sentimentalen Großverbrauch. Was ihn trägt, ist jene seltene literarische Souveränität, die weiß, dass das Schwere umso mehr Gewicht bekommt, je weniger man daran zerrt. Die Brüder Simon und Vinzenz, das Dorf, dessen Zukunft unter Abbruchvorbehalt steht, Martha mit ihrer stillen Präsenz: Das alles ist nicht auf Effekte angelegt, sondern auf Genauigkeit. Man liest oder hört davon und begreift, dass Literatur dort ihre stärkste Form gewinnt, wo sie das Unabwendbare nicht dramatisiert, sondern ihm eine Gestalt gibt. Das ist mehr als Erzählkunst; es ist, im besten Sinne, eine Form der Disziplin des Gefühls.

Jenseits der Sprachglätte

Mit Wolfgang Schiffer verschob sich das Bild erneut. Der Beitrag „Jenseits der Sprache“ war mein Versuch, Poesie und Übersetzung aus jener höflichen Randständigkeit zu befreien, in die der Betrieb sie so gern abschiebt, wenn er sich seiner eigenen Betriebsamkeit nicht gerade allzu deutlich schämen möchte. Wir leben, wie man weiß und täglich besichtigt, in einer Epoche der permanenten Kommunikation, was nicht ausschließt, dass das Gesagte dabei zunehmend an Kontur verliert. Es wird formuliert, aber selten gedacht; es wird gesendet, aber wenig gesagt; und wo Sprache einmal Widerstand leisten könnte, wird sie meist schon im Vorfeld zu Anschlussfähigkeit erzogen.

Schiffer interessierte mich, weil er sich dieser Glättung entzieht, ohne daraus einen Kult des Hermetischen zu machen. Er weiß, was Sprache kann, und vielleicht noch genauer, was sie nicht kann. Eben darin liegt ihre Würde. Übersetzung erschien mir in diesem Zusammenhang nicht als mustergültige Überführung eines Sinnbestands von hier nach dort, sondern als riskante Annäherung, als Arbeit an Brüchen, Verlusten, Verschiebungen. Man gewinnt nicht, ohne zu verlieren; und bisweilen ist es gerade der Verlust, der den Blick schärft. Das ist, mit Verlaub, mehr als Kulturvermittlung. Es ist ein Einspruch gegen die freundliche Verarmung, mit der sich unsere Gegenwart so oft zufrieden gibt.

Poesie, das wurde mir an diesem Abend erneut klar, ist kein hübsches Nebengewerbe des Geistes, sondern die Störung seiner Bequemlichkeit. Sie verlangsamt, wo alles beschleunigt; sie verdunkelt, wo alles sofort verständlich zu sein hat; sie widerspricht dem stillschweigenden Vertrag der Gegenwart, wonach nur gelten soll, was sich umstandslos verwerten lässt. Eben deshalb bleibt sie notwendig, auch — oder vielleicht gerade — wenn man ihr dies kaum noch anmerkt.

Wenn der Irrsinn Verwaltungssprache annimmt

Nun wäre es unerquicklich, wollte man ein literarisches Jahr ausschließlich in ernsten Tonarten bilanzieren. Denn zur Wahrheit der Literatur gehört bekanntlich auch ihre Fähigkeit, die Welt mit dem Mittel des Lachens zu entlarven. Thomas Frankes gläserner Aufzug in die Hölle war in diesem Sinne eine höchst willkommene Erinnerung daran, dass Satire keine leichtere Gattung ist, sondern die heiterere Schwester der Erkenntnis.

Was mich an diesem Text und dem dazugehörigen Abend so amüsierte wie beunruhigte, war die frappierende Gegenwärtigkeit des Absurden. Die Welt von Ilf und Petrow, von Franke in ein heutiges Licht gerückt, wirkte keineswegs wie ein ferner sowjetischer Sonderfall, den man mit historischer Gelassenheit betrachten dürfte. Im Gegenteil: Sie kam einem stellenweise verdächtig bekannt vor. Unfallrenten als Geschäftsmodell, Wunderquellen aus geplatzten Rohren, moralisch geschniegelt auftretende Geschäftigkeit, Prestigeprojekte mit eingebauter Bruchlandung — das alles besitzt, sobald man den Staub der Zeiten ein wenig abklopft, eine erstaunliche Nähe zur bundesrepublikanischen Normalität. Kolokolamsk, so stellte sich heraus, liegt nicht am Ende der Welt, sondern mitunter gleich hinter dem nächsten Verwaltungsflur.

Gerade darin liegt die hohe Kunst der Satire: Sie erlaubt dem Leser das Lachen und entreißt ihm zugleich die Unschuld. Man amüsiert sich, gewiss; aber man amüsiert sich auf eigene Kosten. Das ist angenehmer, als es klingt, und nützlicher noch dazu.

Über die merkwürdige Zähigkeit der Lyrik

Vielleicht am nachhaltigsten beschäftigt hat mich in diesem Jahr der Abend mit Michael Krüger. Mein Text über die „verschwundene Lyrik“ ging von einem durchaus hübschen Paradox aus: Eine Gattung, deren öffentliche Sichtbarkeit seit Jahren mit routinierter Grabesstimme beklagt wird, vermag es immer noch, eine Buchhandlung bis auf den letzten Platz zu füllen. Das ist mindestens unerquicklich für die Untergangsverwalter und erfreulich für alle, die Gedichten noch mehr zutrauen als dekorative Randexistenz.

Krüger sprach nicht als kulturpessimistischer Hohepriester des Verlorenen, sondern als einer, der lange genug im Literaturbetrieb gelebt hat, um dessen Eitelkeiten, Amnesien und Ausschlussmechanismen ohne jede Illusion zu kennen. Vielleicht war gerade das der Grundton des Abends: keine Klage, sondern Nüchternheit; keine Pose, sondern Erfahrung. Es ging um Dichter am Rand, um Namen wie Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Bächler oder Oskar Pastior, um Biographien, denen das Zentrum des Betriebs bestenfalls noch pflichtschuldig zunickt, sofern es sie nicht längst vergessen hat.

Und doch ist es ja gerade diese Randständigkeit, in der die Lyrik ihre eigentümliche Überlebenskunst entfaltet. Sie verschwindet nicht; sie zieht sich zurück. Sie wechselt nur den Aufenthaltsort: aus den großen Sichtbarkeitsmaschinen in Buchhandlungen, in kleine Kreise, in beharrliche Leserschaften, in jene Köpfe, die auf das Urteil des Marktes aus Gründen geistiger Hygiene nur begrenzt Wert legen. Dass eine solche Gattung immer wieder totgesagt wird, gehört beinahe schon zu ihren traditionellen Lebenszeichen.

Kein Programm, sondern eine Bewegungsfigur

Wenn ich diese fünf Beiträge heute nebeneinander sehe, dann erkenne ich darin weniger ein geplantes Vorhaben als eine Bewegungsfigur des Lesens. Da ist Herbert Anton und mit ihm die Frage nach der Urteilskraft; da ist Willi Achten und die Zumutung des Abschieds; da ist Wolfgang Schiffer und der Widerstand gegen die Glätte der Sprache; da ist Thomas Franke und die rettende Schärfe des Komischen; da ist Michael Krüger und die stille, beinahe störrische Beharrlichkeit der Lyrik. Das ist kein Programm im engeren Sinn, und Gott sei Dank keines. Programme altern rasch. Tonlagen, wenn sie gut gewählt sind, halten länger.

Vielleicht erklärt gerade das die Resonanz dieser Texte. Sie wollten nicht gefallen, jedenfalls nicht vorrangig. Sie wollten etwas sichtbar machen: Denkstile, Gefährdungen, Verluste, Gegenkräfte. Abenteuerlich waren diese Entdeckungen nur für jene, die unter Abenteuer ausschließlich äußere Bewegung verstehen. In Wahrheit sind die besten literarischen Expeditionen bekanntlich jene, die in eine Sprache, eine Haltung, ein Bewusstsein führen. Und großartige Begegnungen sind es dann, wenn man aus ihnen nicht bloß mit einer Notiz, sondern mit einer Verschiebung des eigenen Blicks hervorgeht.

Gute Gesellschaft, wie man sagt

Dass ich mich mit diesen Beiträgen unter den Top Ten in Gesellschaft von Kafka, Shakespeare, Enzensberger und Morgenstern wiederfinde, ist, ich räume es ohne falsche Bescheidenheit ein, eine charmante Konstellation. Zugleich ist es eine, die die Proportionen sogleich wiederherstellt. Denn wer neben Kafka rangiert, gewinnt vielleicht eine hübsche Zeile für die eigene Eitelkeit, aber gewiss keinen Anlass zur Verwechslung. Franz Kafka mit dem Steuermann, Shakespeare mit den Sonetten, Enzensberger mit dem Lesebuch für die Oberstufe, Morgenstern mit dem Knie — das ist keine Gesellschaft, in der man sich breitmachen sollte. Es ist vielmehr eine, in der man sich mit Vergnügen etwas gerader hinsetzt.

Und vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Charme solcher Listen: dass sie, für einen kurzen Moment, Gegenwart und Überlieferung auf derselben Seite zusammenführen, ohne deshalb ihre Unterschiede zu verwischen. Die Literatur kennt, anders als der Betrieb, keine peinliche Hierarchie des Tagesaktuellen. Sie lebt von Gleichzeitigkeit. Das Vergangene spricht ins Gegenwärtige hinein, und das Gegenwärtige darf, im Glücksfall, antworten.

Was am Ende bleibt

Man muss literarische Charts nicht überschätzen, um ihren diskreten Mitteilungswert zu erkennen. Sie zeigen, dass es noch Leser gibt, die sich nicht mit der flottesten Oberfläche zufriedengeben. Leser, die sich auf einen Abend über Herbert Anton einlassen, auf Abschiedsräume bei Willi Achten, auf sprachskeptische Präzision mit Wolfgang Schiffer, auf das satirische Furioso eines gläsernen Aufzugs und auf Michael Krügers melancholisch nüchternen Blick auf die Lyrik. Das ist, in Zeiten allseitiger Beschleunigung, alles andere als selbstverständlich.

Vielleicht ist das die freundlichste und zugleich genaueste Deutung dieser Liste: Sie dokumentiert nicht den Sieg des Klicks, sondern die fortdauernde Möglichkeit der Auswahl. Und das heißt eben auch: der Urteilskraft.

So gesehen, hat diese kleine Rangliste etwas Tröstliches. Nicht weil sie Zahlen produziert, sondern weil sie erkennen lässt, dass Literatur auch 2025 noch gefunden werden kann — als Reise, als Kaleidoskop, als Gespräch, als Zumutung, als Heiterkeit, als Form geistiger Anwesenheit in einer Welt, die sich ihrer eigenen Zerstreuung sonst nur allzu bereitwillig überlässt.

Wenn der Staat im Buchladen Gesinnung schnüffelt

Und vielleicht wäre damit auch der unerquicklichste Befund dieses Literaturjahres benannt: dass ausgerechnet ein Kulturstaatsminister meint, Buchhandlungen nach politischer Zuträglichkeit sortieren zu dürfen, drei von einer Fachjury nominierte Läden unter Berufung auf nicht öffentlich gemachte „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ von der Preisliste nimmt und, als der Widerspruch daraufhin nicht wie gewünscht verstummt, gleich auch noch die Preisverleihung absagt. Das verrät ein bemerkenswert kleinkariertes Verständnis von Büchern, Buchhandlungen und überhaupt von Kultur: als sei Literatur ein behördlich zu beaufsichtigender Gesinnungsraum und nicht jenes widerspenstige, offene, oft anstrengende Gespräch, das gerade in unabhängigen Buchhandlungen seine lebendigste Form findet. Wer Buchhandlungen nicht als Orte der geistigen Entfaltung, des Dissenses und der Zumutung begreift, sondern vor allem als potenzielle Fälle administrativer Misshelligkeit, hat vom Eigenleben der Literatur offenbar weniger verstanden, als in einem Ministeramt für Kultur unerquicklich sichtbar werden sollte.