Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv #rp26

Beckedahls Prüfstein

Markus Beckedahl stellte Karsten Wildberger auf der re:publica eine Frage, die in Wahrheit größer ist als jedes Ressort: Wie steht es um die Digitalisierung in Deutschland? Seine eigene Bilanz fiel vorsichtig hoffnungsvoll aus. Ein engagierter Minister, der die großen Fragen kenne, auch Wege sehe, nun aber an Lösungen gemessen werde. Sabine Gillessen nannte das Gespräch auf LinkedIn angenehm überraschend gut und wartete zugleich auf die Umsetzung. Stephan Noller sprach von Authentizität. Diese Reaktionen markieren den neuen Ton: weniger Misstrauen aus Gewohnheit, mehr prüfende Erwartung.

Das ist für die deutsche Netzpolitik ein seltener Zustand. Die Szene, aus der Beckedahl kommt, hat über Jahre gelernt, politischen Digitalversprechen mit archivarischer Skepsis zu begegnen. Zu oft wurde Freiheit beschworen und Überwachung gebaut. Zu oft wurde Open Source gelobt und proprietär beschafft. Zu oft wurde Bürgernähe angekündigt und ein Formularserver ausgeliefert. Der Applaus auf der re:publica hat deshalb Gewicht. Er war kein Blankoscheck. Er war ein Darlehen.

Wildberger trat dort mit einer Erzählung auf, die sich von der üblichen Digitalrhetorik unterscheidet. Vor einem Jahr habe er noch Absichten vorgetragen, heute spreche er über Umgesetztes und Begonnenes. Aus wenigen Leuten seien 500 Mitarbeitende geworden, die Digitalisierung sitze nun jeden Mittwoch am Kabinettstisch. Das ist noch keine Staatsmodernisierung, aber es ist eine institutionelle Verschiebung. Digitalisierung hat einen Ort bekommen, der mehr sein kann als Koordinationsfolklore. War übrigens meine Forderung – also nicht mehr am Katzentisch des Kabinetts zu sitzen.

https://www.linkedin.com/pulse/laber-rituale-der-digitalpolitik-groko-meinung-gefragt-gunnar-sohn

Souveränität als demokratische Infrastruktur

Der wichtigste Satz des Vortrags war nicht technisch. Er lautete: Digitale Souveränität ist eine Demokratiefrage. Wildberger zeichnete die Abhängigkeit Deutschlands von fremden Plattformen, fremden Standards und fremden Wertordnungen als machtpolitisches Problem. Wer Kommunikationsräume kontrolliert, kontrolliert Sichtbarkeit. Wer Datenräume kontrolliert, kontrolliert Handlungsoptionen. Wer Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert die Voraussetzungen künftiger KI.

Damit berührt er einen Kern der Netzpolitik, der lange zwischen Bürgerrechten, Plattformkritik und Industriepolitik zerrieben wurde. Souveränität darf nicht zur Subventionsformel für heimische Anbieter verkümmern. Sie darf auch nicht als digitaler Protektionismus missverstanden werden. Gemeint ist Wahlfähigkeit. Der Staat muss auswählen können, welche Infrastruktur er nutzt. Er muss Verträge gestalten können, statt Bedingungen nur zu akzeptieren. Er muss im Zweifel ausweichen können.

Hier liegt die Verbindung zu Ralph Brinkhaus’ 100 Vorschlägen für den Neustaat. Der CDU-Politiker beschreibt den Vertrauensverlust öffentlicher Institutionen, die zu langsam, zu umständlich und zu wenig digital arbeiten. Regeln seien zu oft wichtiger geworden als Zielerreichung, Wirkungskontrolle und Ergebnisverantwortung. In seiner Diagnose steckt ein Satz, der Wildbergers re:publica-Auftritt rahmt: Ohne funktionierenden Staat geraten alle großen politischen Vorhaben ins Stocken.

Wildberger spricht nun über Souveränität, Brinkhaus über Leistungsfähigkeit. Beides gehört zusammen. Ein Staat, der keine eigenen digitalen Grundlagen beherrscht, kann auch seine demokratischen Versprechen nicht einlösen.

Regeln, Code, Plattform, KI

Wildberger ordnete seine Agenda in vier Ebenen: Regeln, Code, Plattform und KI. Diese Ordnung ist brauchbar, weil sie das ewige Durcheinander der Digitaldebatte sortiert. Auf der Ebene der Regeln verteidigte er DMA und DSA als europäische Antwort auf die Macht der Plattformkonzerne. Zugleich sprach er die deutsche Selbstblockade an: fragmentierte Aufsicht bei der DSGVO, ein Datenschutzverständnis, das industrielle Maschinendaten und sensible Personendaten zu häufig gleich behandelt, zu wenig Raum für verantwortungsvolle Datennutzung.

Das ist eine heikle, aber notwendige Linie. Grundrechte brauchen Schutz. Der Staat braucht zugleich Datenfähigkeit. Wer jede Datennutzung unter Generalverdacht stellt, erzeugt keine Freiheit, er erzeugt Verwaltungsohnmacht. Gerade für KI, Planungsbeschleunigung, Sozialleistungen und Bürgerkonten wird die Frage entscheidend, ob Deutschland aus Daten Nutzen ziehen kann, ohne Vertrauen zu zerstören.

Auf der Ebene des Codes kündigte Wildberger Verbindlichkeit an. Open Desk soll als vollständig quelloffene Arbeitsplatz-Suite in der Bundesverwaltung eingeführt und ausgeweitet werden. Neue Beschaffungen des Bundes sollen Open Source bevorzugen, sofern tragfähige Lösungen existieren. Mit Steuergeld entwickelter Code soll öffentlich werden. Das alte netzpolitische Motto „Public money, public code“ ist damit im Ministerton angekommen.

Das ist mehr als Symbolik. Es trifft einen der blinden Flecken deutscher Verwaltung: Hunderte Millionen Euro Lizenzkosten, Abhängigkeiten von wenigen Anbietern, Verträge, in denen der Staat eher Kunde als Gestalter ist. Wildberger nennt es Komfort, der teuer wird, sobald politische Konstellationen kippen. Diese Formulierung sitzt.

Der Deutschland-Stack als Bewährungsarchitektur

Der Deutschland-Stack ist bei Wildberger keine bloße Metapher. Er beschreibt ihn als Architektur mit gemeinsamen Standards, souveräner Cloud-Infrastruktur und einer Anwendungsebene für digitale Identität, Verwaltungszugänge und KI-Plattform. Das Entscheidende daran ist der Gedanke der Nachnutzung: Was eine Behörde einmal gut baut, sollen andere übernehmen können. Offenheit wird hier zum Skalierungsprinzip.

Das passt zu Brinkhaus’ Vorschlägen. Dort finden sich bundesweite IT-Standards, ein Bundes-IT-Rahmengesetz, eine souveräne Bundescloud, eine Bundesdigitalagentur, ein App Store für Verwaltungssoftware und ein Rechtsanspruch auf digitale Verwaltungsakte. Gerade der Rechtsanspruch wäre der Unterschied zwischen freundlich gemeinter Modernisierung und einklagbarer staatlicher Leistungsfähigkeit. Zielverfehlungen und Zeitüberschreitungen dürfen nicht folgenlos bleiben.

Der Stack kann diese Ideen bündeln. Er darf aber nicht zur neuen Großvokabel werden, die alles verspricht und wenig erzwingt. Architektur wird erst politisch, sobald sie Standards setzt, Mittel bindet, Zuständigkeiten klärt und Dopplungen beendet. Die alte deutsche Krankheit heißt Nachbau. Jede Ebene entwickelt ihre eigene Lösung, jede Lösung bekommt ihre eigene Schnittstelle, jede Schnittstelle ihren eigenen Arbeitskreis. Wildbergers Versprechen der Nachnutzung muss genau diesen Mechanismus brechen.

Wallet, Vertrauen und die alte Netzpolitik

Die EUDI-Wallet ist auf der re:publica naturgemäß umstritten. Beckedahl fragte nach Daten, Zugriffen und Risiken. Wildberger antwortete mit Bauprinzipien: Datensparsamkeit, Selective Disclosure, Open-Source-Komponenten in kritischen Schichten, externe Audits, Transparenz über Nutzungsvorgänge. Die Wallet soll im Januar 2027 einsatzbereit sein; mehr als 100 Unternehmen entwickeln Anwendungen in einer Sandbox.

Hier entscheidet sich viel. Eine digitale Identität kann Verwaltung vereinfachen, Geschäftsprozesse beschleunigen und Once-Only endlich greifbar machen. Sie kann zugleich zum Albtraum der Bürgerrechte werden, falls sie zentralistisch, intransparent oder zwanghaft aufgebaut wird. Wildberger klang in diesem Punkt dialogbereit. Das reicht für den Anfang. Der Nachweis folgt im Code, in den Audits, in der Architektur und im Umgang mit Kritik.

Die Netzpolitik sollte sich hier nicht in Reflexen einrichten. Ablehnung aus Prinzip schützt keine Grundrechte. Vertrauen entsteht durch überprüfbare Technik, offene Verfahren, Widerspruchsmöglichkeiten und klare Grenzen staatlicher Datennutzung. Die re:publica-Community ist an dieser Stelle nicht Publikum. Sie ist Prüfinstanz.

KI als Verwaltungsinstrument mit Revisionspflicht

Wildberger berichtete über KI in Genehmigungsverfahren. Komplexe Infrastrukturgenehmigungen seien über acht Teilprozesse weitgehend automatisiert worden; der Arbeitsaufwand sei um 80 Prozent gesunken, Nachnutzung laufe in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesnetzagentur. Am Ende entscheide ein Mensch, die Maschine unterstütze. Entscheidungen müssten nachvollziehbar bleiben.

Hier kommt die Verwaltung in den Bereich, in dem KI tatsächlich Wirkung entfalten kann: Vollständigkeitsprüfungen, Widerspruchserkennung, Dokumentenanalyse, Fristenmanagement, Aktenstrukturierung, Vorprüfung. Das ist weniger glamourös als die großen AGI-Erzählungen, aber für den Staat ungleich relevanter. Eine Baugenehmigung, die Monate schneller bearbeitet wird, ist mehr wert als das nächste KI-Strategiepapier.

Brinkhaus schlägt vor, KI in jeder öffentlichen Einrichtung systematisch zu prüfen, Routinearbeiten und Routinekommunikation zu automatisieren und KI-Kompetenz zur Führungsaufgabe zu machen. KI-Projektteams und finanzierte Projekte gehören für ihn zur Grundausstattung einer modernen Verwaltung. Genau hier liegt der Abgleich: Wildberger zeigt ein Beispiel, Brinkhaus fordert die Systematisierung. Aus Pilotfällen muss Verwaltungsstandard werden.

Zendis, Open Desk und der Preis der Bequemlichkeit

Besonders aufschlussreich war die Passage zu Open Desk und Zendis. Wildberger räumte ein, dass der Bund weiterhin erhebliche Mittel für proprietäre Software ausgibt, während Zendis mit deutlich kleineren Summen arbeiten muss. Er kündigte an, die Struktur, Produktfähigkeit und Ausstattung von Zendis zu überprüfen. Das ist politisch wichtiger, als es klingt.

Open Source scheitert in staatlichen Organisationen selten an Sympathie. Sie scheitert an Produktpflege, Migration, Support, Beschaffung, Verantwortlichkeit und Geduld. Der Staat kann nicht nur fordern, dass offene Lösungen entstehen. Er muss ein professioneller Kunde werden. Er muss Wartung finanzieren, Communities pflegen, Repositories absichern und Produktqualität einfordern.

Hier trifft Wildberger den Punkt, an dem digitale Souveränität zur Haushaltsfrage wird. Wer jährlich viel Geld an globale Anbieter überweist und offene Alternativen mit Projektmitteln abspeist, wählt Abhängigkeit. Wer Souveränität will, muss Beschaffung, Budget und Organisationsform ändern.

Plattformregulierung ohne eigene Plattformen bleibt defensiv

Beckedahl fragte zu Recht nach DMA, DSA, TikTok, Instagram und der Durchsetzung europäischer Regeln. Wildberger verteidigte die europäischen Plattformgesetze, verwies aber auf das Problem stumpfer werdender Regulierung, sobald Europa keine eigene technologische Fähigkeit mehr besitzt. Das ist der unangenehme Kern der Debatte.

Europa kann Plattformen regulieren. Es kann Bußgelder verhängen, Transparenz verlangen, Risiken prüfen. Doch eine Ordnungsmacht ohne eigene digitale Produktionsfähigkeit bleibt abhängig von den Systemen, die sie beaufsichtigt. Das regulatorische Schwert glänzt, aber es wird schwerer zu führen.

Wildbergers Hinweis auf eigene Plattformen ist deshalb wichtig, bleibt aber noch offen. Mastodon, Eurosky und föderierte Alternativen brauchen mehr als wohlwollende Nutzung durch Ministerien. Sie brauchen Finanzierungsmodelle, Produktentwicklung, Skalierungsarchitekturen, Moderationsstrukturen und öffentliche Ankerkunden. Gerade hier könnte der Staat experimenteller auftreten: als Nutzer, Förderer, Standardsetzer, Auftraggeber. Die alte Plattformkritik muss zur Plattformpolitik werden.

Rechenzentren, Gemeinwohl und der fehlende Gesellschaftsvertrag

Die Debatte über Rechenzentren zeigte einen weiteren Bruch. Wildberger will die Kapazität bis 2030 deutlich erhöhen, KI-Kapazitäten vervielfachen und Nachhaltigkeit mitdenken. Beckedahl fragte nach Ressourcenverbrauch, Wasser, Energie und gemeinwohlorientiertem Zugang zu Rechenleistung. Das ist mehr als Umweltkritik. Es geht um den neuen Gesellschaftsvertrag der KI-Infrastruktur.

Rechenzentren werden zur Grundversorgung der digitalen Republik. Sie verbrauchen Strom, Fläche, Wasser und politische Aufmerksamkeit. Sie schaffen zugleich die Voraussetzung für Forschung, Verwaltung, Startups und KI-Anwendungen. Wer private Rechenzentren zulässt, darf fragen, welche Gemeinwohlrendite entsteht. Zugang für öffentliche Forschung, vergünstigte Rechenzeit für Startups, Kapazitäten für Verwaltung und Zivilgesellschaft, Transparenz über Energie- und Wasserverbrauch: Das wären keine antitechnischen Forderungen, sondern Bedingungen demokratischer Infrastrukturpolitik.

Brinkhaus’ Ziel- und Wirkungsorientierung liefert auch hier das Raster. Input allein genügt nicht. Rechenzentren sind kein Erfolg, weil sie gebaut werden. Der Maßstab liegt in Wirkung: mehr souveräne Anwendungen, bessere Verwaltungsverfahren, europäische KI-Fähigkeit, geringere Abhängigkeit, messbare Energieeffizienz.

Vom Bürgerhackathon zur Delivery Unit

Wildberger sprach vom Einfachmachen-Portal mit mehr als 20.000 Hinweisen und vom „Bürgerhackathon Deutschland, was geht“. Sohn@Sohn finden das Angebot nicht so überzeugend. Aus Problemen sollen Prototypen werden, die besten Lösungen in die Bundesverwaltung wandern. Das klingt nach offenerem Staat. Doch offene Formate allein verändern noch keine Verwaltung. Entscheidend wird der Weg vom Prototyp in den Regelbetrieb.

Brinkhaus beschreibt dafür eine härtere Struktur: Transformationsentwicklung soll nachverfolgt und kontrolliert werden, angelehnt an Tony Blairs Prime Minister Delivery Unit. Ein kleines Team überwacht Reformfortschritte, identifiziert Hindernisse, bringt Ministerien zur Rechenschaft. Daneben fordert er Transformationsteams mit Budgets, Reallabore, Experimentierräume und bessere Nutzung der vorhandenen Transformationsressourcen aus Verwaltung, Wissenschaft, GovTech und Zivilgesellschaft.

Genau hier liegt die Anschlussfähigkeit an Beckedahls Frage. Ein Hackathon ist gut, sobald er ein Eingang in eine Umsetzungsarchitektur ist. Er wird zur Folklore, sobald Prototypen nach dem Wochenende in Präsentationsordnern verschwinden. Die digitale Republik braucht ein Gedächtnis für gute Lösungen und ein Verfahren, das diese Lösungen in Betrieb bringt.

Der neue Minister und die alte Prüfung

Karsten Wildberger wirkte auf der re:publica anders als viele seiner Vorgänger in digitalpolitischen Rollen. Weniger Ausweichrhetorik, mehr konkrete Baustellen. Er sprach über Abhängigkeiten, über Open Source, über Wallet-Risiken, über Rechenzentren, über KI in Verwaltungsverfahren, über die Sperrigkeit staatlicher Zuständigkeiten. Dass Beckedahl, Gillessen und Noller darauf mit vorsichtigem Zuspruch reagieren, ist bemerkenswert.

Aber die Prüfung beginnt erst. In einem Jahr wird weniger zählen, wie gut der Ton war. Dann wird zählen, ob Open Source in Vergabekriterien steht. Ob Open Desk skaliert. Ob Zendis handlungsfähig finanziert und strukturiert wurde. Ob der Deutschland-Stack Nachnutzung erzwingt. Ob die Wallet Vertrauen verdient. Ob die Deutschlandapp mehr ist als ein Zugangssymbol. Ob KI-Verfahren nachvollziehbar bleiben. Ob die souveräne Cloud tatsächlich souverän gebaut wird. Ob die Community nicht nur konsultiert, sondern technisch ernst genommen wird.

Brinkhaus liefert mit seinen 100 Vorschlägen den Maßstab. Wildberger liefert erste Bausteine. Beckedahl liefert die öffentliche Prüfung. Die Netzpolitik sollte daraus kein Tribunal machen, aber auch kein Vertrauensfest. Sie sollte genau das tun, was sie am besten kann: Code lesen, Macht befragen, Standards prüfen, Rechte verteidigen, bessere Lösungen verlangen. Die digitale Republik verlässt den Konjunktiv erst, wenn ihre Infrastruktur trägt. Die Rede war ein Anfang. Jetzt zählt das Protokoll der Umsetzung.

Stil, Maske, Akte: „Euphorion“ 1952 und die Philologie nach der Katastrophe

Ein Heidelberger Jahrgang als Arbeitsprobe

Der 46. Band von „Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte“, 1952 im Karl-Winter-Universitätsverlag Heidelberg erschienen, gehört zu jenen Nachkriegsjahrgängen, an denen sich ablesen lässt, wie die deutsche Literaturwissenschaft nach 1945 ihre Begriffe, Verfahren und Gegenstände neu ordnet. Die Zeitschrift, begründet von August Sauer, tritt als Fachorgan mit einem hohen Bewusstsein für ihre Aufgabe auf: Literaturgeschichte soll quellenfest, begrifflich genau, europäisch anschlussfähig und offen für Nachbardisziplinen betrieben werden.

Schon das Geleitwort „Zum neuen Jahrgang“ formuliert die Lage ohne Pathos. Nach dem Wiederbeginn 1950 sei der regelmäßige Fortgang der Zeitschrift vorschnell als gesichert erschienen; die „Ungunst der Verhältnisse“ habe nach Abschluss des 45. Bandes eine weitere Stockung erzwungen. Der Text spricht von der „Unentbehrlichkeit der Zeitschrift“, von Subventionen, Abonnenten, Hochschulseminaren, Forschungsinstituten, Bibliotheken. Philologie erscheint hier als geistige Arbeit mit materieller Voraussetzung. Papier, Verlag, Leser, Beiträge, Druckkosten: All das gehört zur Existenzform wissenschaftlicher Zeitschriften.

Der Band versammelt Rainer Gruenters „Formen des Dandysmus. Eine problemgeschichtliche Studie über Ernst Jünger“, Gerhard Baumanns Arbeit über „Dilettantismus“, Friedrich Sengles Forschungsbericht „Bemerkungen zu Technik und Geist der populären Biographie. Am Beispiel von Otto Heuscheles ‚Herzogin Anna Amalia‘“, die Besprechung von Klara Duskas „Die Rhetorik als Quelle des vorromantischen Irrationalismus in der Literatur- und Geistesgeschichte“ sowie die Auseinandersetzung mit Werner Kirchners „Der Hochverratsprozeß gegen Sinclair. Ein Beitrag zum Leben Hölderlings“. Die thematische Nachbarschaft führt in ein gemeinsames Feld: Stil, Rolle, Affekt, Überlieferung, Popularisierung, Quellenkritik.

Wer umfangreiche Zeitschriftenbestände besitzt, bewahrt keine bloße Reihe von Aufsätzen. Er bewahrt Denkbewegungen. Die zwanziger Jahre mit Franz Blei, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und ihrer Zeitschriftenkultur stehen für eine Phase, in der Literatur, Essay, Übersetzung, europäische Vermittlung und ästhetische Distinktion eng verbunden waren. Nach 1945 tritt mit Max Bense und verwandten Projekten eine andere Tonlage hinzu: analytischer, technischer, konstruktiver, näher an Zeichen, Struktur und Information. „Euphorion“ 1952 steht zwischen diesen Polen: älterer Gelehrsamkeit verpflichtet, doch bereits unter den Bedingungen einer beschädigten Gegenwart.

Rainer Gruenter: „Formen des Dandysmus“

Rainer Gruenters Studie über Ernst Jünger beginnt mit methodischer Vorsicht. Die „kritische Betrachtung eines zeitgenössischen Autors“ biete dem Literaturhistoriker „Schwierigkeiten grundsätzlicher Art“. Gruenter sucht daher keinen schnellen Zugriff auf Jünger. Er wählt den Weg über Formen, Lektüren, Motive, Gesten. Der Dandy wird zur problemgeschichtlichen Figur. Er ist bei Gruenter kein Mann des Kostüms, kein eleganter Müßiggänger, keine Gesellschaftskarikatur. Er ist ein Typus der Distanz, der Kälte, der Selbstinszenierung, der Provokation.

Jüngers Welt erscheint in Gruenters Analyse früh als Raum aristokratischer Semantik. Eine der Formeln lautet: „die großen Residenzen der Leidenschaften: die Herrschaft, die Liebe und der Krieg“. Schon diese Trias zeigt den Ton. Jünger denkt Leidenschaft räumlich, herrschaftlich, repräsentativ. Die Leidenschaften wohnen nicht im bürgerlichen Interieur, sie residieren. Diese Sprache gehört zur inneren Architektur seines Dandyismus.

Gruenter legt die Leitbegriffe offen, um die sich Jüngers Schriften gruppieren: „Macht – Desinvolture – Sulla – Kälte – Maske und Maskierung – Provokation – Manieren“. Diese Reihe ist ein kleines Vokabular des Dandys. „Désinvolture“ meint kein bloß lockeres Auftreten. Es ist die Kunst, Überlegenheit ohne direkte Anstrengung sichtbar zu machen. Sulla steht für den römischen Zugriff auf Macht, Kälte für den Blick ohne Mitleid, Maskierung für die inszenierte Unzugänglichkeit, Provokation für den Angriff im Medium der Form.

Baudelaire, d’Aurevilly, Huysmans

Die europäische Genealogie führt Gruenter vor allem nach Frankreich. Baudelaire, Barbey d’Aurevilly, Huysmans, Théophile Gautier, Stendhal, Benjamin Constant, Flaubert und später Oscar Wilde liefern die Figuren, an denen Jüngers Dandyismus geschichtlich lesbar wird. Der Dandy ist bei Baudelaire ein Künstler seiner selbst. Barbey d’Aurevilly verleiht ihm aristokratische und fast religiöse Aura. Huysmans führt ihn in die künstliche Innenwelt, in Dekadenz, Rückzug. Gautier steht für Formkult. Stendhal für eine Technik sozialer Macht. Bei Flaubert interessiert Gruenter vor allem die „impersonalité de l’artiste“: das Programm, die subjektive Erregung nicht auszustellen, sondern in Form zu überführen.

Gruenter zitiert Baudelaires berühmte Bestimmung: „Le dandysme est le dernier éclat d’héroïsme dans les décadences“ — Dandyismus sei also „der letzte Glanz des Heroismus in Zeiten des Verfalls“. Gemeint ist: Der Dandy tritt dort auf, wo alte aristokratische Ordnungen bereits ihre politische Macht verloren haben, aber in Stil, Selbstbeherrschung, Kälte und Distinktion noch einmal eine ästhetische Nachform gewinnen. Heroisch ist der Dandy bei Baudelaire nicht durch Tat, Opfer oder Dienst, vielmehr durch die asketische Formung seiner Person gegen Vulgarität, Massengeschmack und soziale Einebnung. „Décadence“ bezeichnet dabei keinen bloßen Sittenverfall, sondern eine historische Lage, in der verbindliche Ordnungen zerfallen und das Subjekt sich nur noch durch Stil behaupten kann.

Für Gruenters Jünger-Lektüre ist diese Baudelaire-Formel zentral. Jüngers Dandyismus erscheint als Versuch, unter den Bedingungen von Krieg, Technik, Massengesellschaft und Nihilismus eine letzte aristokratische Form zu behaupten. Der Dandy ist bei ihm kein Mann der Mode. Er ist eine Figur des späten Heroismus: nicht mehr Ritter, nicht mehr Höfling, nicht mehr klassischer Held, doch ein Subjekt, das aus Kälte, Maske und Selbstdisziplin eine Form von Überlegenheit erzeugt.

Bei Stendhal fesselt Gruenter „das typische Verhältnis des Dandy zur Macht“. Der Dandy sucht Einfluss durch Zurückhaltung. Er herrscht durch schweigende Beobachtung, durch Urteilsenthaltung, durch die Kunst, im Raum präsent zu sein, ohne sich dem Raum preiszugeben. In Gruenters Formulierung entwickelt er eine „Technik der Gesellschaftsbeherrschung“. Dieser Gedanke führt unmittelbar zu Jünger: Auch bei ihm wird Beobachtung zu Machttechnik.

Flaubert liefert eine andere Linie. Gruenter erinnert an die „impersonalité de l’artiste“, an die Tilgung des lyrisch-persönlichen Anteils. Die Objektivität der Form wird hart erarbeitet, sie ist kein einfacher Realismus. In Flauberts „Kult der Form“ erkennt Gruenter einen Dandyismus der Kunst. Das Werk wird zum Ort, an dem Erlebnis absorbiert, verschlossen, ziseliert wird. Auch hier führt die Spur zu Jünger: Der Stil entlastet das Subjekt, indem er Erschütterung in Form überführt.

Kälte, Zirkus, Maske

Zu den präzisesten Passagen gehört Gruenters Analyse der Kälte. Er spricht vom „unbeteiligten Blick, mit dem man von den Rängen des Zirkus aus das Blut der Fechter verströmen sieht“. Diese Formulierung trifft das Zentrum der Jünger-Problematik. Der Blick befindet sich am Ort des Geschehens und bleibt doch auf Distanz. Er nimmt Gewalt wahr, verwandelt sie in Szene und rettet das Subjekt in die ästhetische Position des Zuschauers.

Diese Kälte besitzt eine europäische Vorgeschichte. Bei Baudelaire wird aus Künstlichkeit ein aristokratischer Protest. Bei Huysmans entsteht aus Empfindlichkeit ein kunstvoller Rückzug. Bei Wilde wird das Leben selbst zur Bühne. Bei Jünger wandert diese Linie in die Welt von Krieg, Stahl, Technik und Mobilmachung. Der Dandy des 19. Jahrhunderts kämpfte gegen den Philister. Jüngers Dandy steht vor der Massengesellschaft, vor der technischen Apparatur, vor dem Nihilismus.

Die Maske gehört dabei zur sozialen Grammatik des Dandys. Gruenter formuliert über die Maskierung: Sie sei eine „paradoxe Umschreibung für Erraten-sein-wollen“. Der Maskierte verbirgt sich also nicht einfach. Er organisiert die Neugier seiner Umgebung. Er zwingt andere, ihn zu lesen. In diesem Sinne ist Maskierung keine Flucht aus der Öffentlichkeit. Sie ist eine raffinierte Form der Herrschaft über Aufmerksamkeit.

An „Das abenteuerliche Herz“ zeigt Gruenter, wie Jünger unterschiedliche Traditionslinien zusammenführt: romantische Nachtseite, französische Décadence, Nietzsche-Lektüre und die Sprache soldatischer Selbstdisziplin. Die Lektüren reichen von Dante, Ariost und Cervantes über Hamann, Swedenborg, Hoffmann, Novalis und Nietzsche bis zu den Franzosen des 19. Jahrhunderts. Gruenter nennt diesen Umriss nicht zur Zierde. Er zeigt, wie Jüngers Sprache ihre Farben aus fremden Traditionen gewinnt: aus romantischer Nachtseite, französischer Décadence, nietzscheanischem Pathos, soldatischer Sachlichkeit.

Der Dandy als Antichrist

Eine der schärfsten Passagen der Studie betrifft Baudelaire. Gruenter schreibt: „der Dandy auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Selbstbewußtseins ist der Gegentypus des Christlichen, ist Antichrist.“ Der Kernbegriff des Dandyismus, „independence“, wird als Unabhängigkeit von Christus, als satanische Vereinzelung verstanden. Dazu passt Baudelaires Satz: „J’ai cultivé mon hystérie avec jouissance et terreur!“ — „Ich habe meine Hysterie mit Genuss und Schrecken kultiviert.“ Gruenter interessiert daran nicht ein klinischer Befund. Entscheidend ist die ästhetische Selbstbehandlung: Das Subjekt macht seine Nervosität, seine Überreizung und seine Gefährdung zum Material der Form. In dieser Selbstkultivierung berühren sich Baudelaire und Jünger: Die Verletzbarkeit wird nicht bekannt, sie wird stilisiert.

Damit gewinnt Gruenters Jünger-Lektüre moralische Schärfe. Dandyismus ist kein harmloses Stilspiel. Er verknüpft Selbstbeherrschung mit Hochmut, Formbewusstsein mit Kälte, Distanz mit Entpflichtung. Der Dandy will unabhängig sein, doch diese Unabhängigkeit kann in Beziehungslosigkeit umschlagen. Gruenter hält Jünger vor, er habe „kein Verhältnis zum Nächsten“. Diese Formulierung trifft den empfindlichen Punkt. Die Distanz, die Jünger literarisch so produktiv macht, begrenzt zugleich seinen humanen Horizont.

Darum wirkt die Studie auch heute tragfähig. Sie erklärt Jünger weder aus bloßer Politik noch aus bloßer Ästhetik. Sie zeigt, wie eng beides verschränkt ist. Der Dandyismus eröffnet eine Form der Selbstrettung im Zeichen der Form. Zugleich kann er die Welt in eine Szene verwandeln, deren Leid nur als Material des Stils erscheint.

Goethe „Über den Dilettantismus“ – Ein Plan von 1799

Gerhard Baumanns Beitrag „Goethe ‚Über den Dilettantismus‘“ führt in einen der konzentriertesten Arbeitszusammenhänge der Weimarer Klassik. Am 27. und 28. Mai 1798 legte Goethe seinem Verleger Cotta eine Planübersicht für die „Propyläen“ vor; unter den vorgesehenen Themen stand „Über Dilettantism, seinen Nutzen und Schaden. Rat an Dilettanten und Künstler“. Zwischen dem 3. März und dem 26. Mai 1799 arbeitete Goethe in Jena gemeinsam mit Schiller an einer schematischen Darstellung des Problems. Kurz darauf zog er Wilhelm von Humboldt hinzu und bat ihn um Material zum praktischen Dilettantismus in Spanien und Frankreich. Aus einem Zeitschriftenplan wurde ein europäisch angelegtes kunsttheoretisches Unternehmen.

Die Namen zeigen die Spannweite: Cotta als Verleger der „Propyläen“, Schiller als systematischer Partner, Humboldt als europäisch gebildeter Beobachter, später Riemer als Herausgeber der Schemata, schließlich die Weimarer Ausgabe als philologische Rückgewinnung der ursprünglichen Anordnung. Baumann rekonstruiert daraus keinen Nebenschauplatz Goethes, vielmehr ein klassisches Kunstprogramm im Zustand der Planung. Dilettantismus meint hier keine harmlose Liebhaberei. Der Begriff führt in das Zentrum von Goethes Kunstdenken: Natur und Kunst, Manier und Stil, Handwerk und Pfuscherei, Gattungsgesetz und Form, Wirkung und Wahrheit.

„Im Dilettantism ersoffen“

Der Ton dieses Unternehmens ist energisch. Am 26. Mai 1799 schrieb Goethe an Wilhelm von Humboldt, es gehe um den „Dilettantismus in allen Künsten“, um seinen „Nutzen und Schaden fürs Subjekt sowohl als für die Kunst und für das Allgemeine der Gesellschaft“. Der Plan sollte die Kunstpraxis ordnen und zugleich die gesellschaftliche Rolle von Liebhabern, Käufern, Verkäufern, Unternehmern und Künstlern bestimmen.

Noch schärfer formulierte Goethe am 22. Juni 1799 an Schiller: „wie Künstler, Unternehmer, Verkäufer und Käufer und Liebhaber jeder Kunst im Dilettantism ersoffen sind, das sehe ich jetzt mit Schrecken“. Danach folgt die große Kampfansage. Goethe und Schiller wollten ihre Schemata mit „größter Sorgfalt“ durcharbeiten; sobald die „Schleußen“ gezogen würden, werde es „die grimmigsten Händel“ geben, denn man werde „geradezu das ganze liebe Tal“ überschwemmen, „worin sich die Pfuscherei so glücklich angesiedelt hat“.

Damit ist der Gegenstand gesetzt: kein liebenswürdiger Amateur, kein bildungsbürgerlicher Nebencharakter, kein gelegentlicher Geschmacksmensch. Baumann liest Goethes Dilettantismus-Komplex als Streit um die Grundlagen der Kunst. Goethe und Schiller wollten den Liebhaber erziehen, soweit er bildungsfähig ist. Zugleich zielte ihr Unternehmen auf Pfuscherei, Anmaßung, Stoffhuberei und auf jene Verwechslung von Wirkung und Kunst, die Goethe als ästhetische Gefahr empfand.

Das „Offenbare Geheimnis“ der Kunst

Baumann macht deutlich, dass Goethes Dilettantismus-Aufzeichnungen weit über ein pädagogisches Schema hinausgehen. Goethe spricht über Künstler und Dilettanten mit einer Formelsprache, die Baumann als bekenntnishaft liest. Der späte Goethe notiert: „Ich habe verschiedenes über Künstler und Dilettanten auf dem Herzen, welches ausgesprochen beiden nützlich werden kann.“ Besonders wichtig ist der anschließende Satz: „Es gibt so viele offenbare Geheimnisse, weil das Gefühl derselben bei wenigen ins Bewußtsein tritt.“

Hier liegt der Kern von Baumanns Deutung. Goethe geht es um ein Wissen, das in der Kunst wirksam ist, aber selten klar ausgesprochen wird. Dilettantismus entsteht dort, wo ein Gefühl für Kunst vorhanden ist, aber der Weg zur bewussten Einsicht, zur Formbeherrschung und zum Gesetz der Gattung ausbleibt. Der Dilettant fühlt etwas Richtiges, kann es jedoch nicht sicher in Kunst überführen.

Schemata, Maximen, Leitgedanken

Baumann beschreibt die überlieferten Aufzeichnungen als Schemata, erläuternde Notizen, Belege, aphoristische Bemerkungen und Maximen. Vieles gelangte später, teils verändert, in „Maximen und Reflexionen“. Für Baumann entsteht daraus kein loses Fragmentfeld. Er erkennt eine innere Geschlossenheit der Goethe’schen Gedanken. Wiederkehrende Begriffe sind „Vermischung von Kunst und Natur“, „Wahrheit und Wirklichkeit“, „das besondere Gesetz der Gattung“, „das stufenweise Streben“, „Handwerk und Pfuscherei“, „das Gesetzliche in aller Kunst“, „Manier und Stil“.

Dilettantismus wird damit zum Prüfbegriff für Goethes Kunstlehre. Wer über den Dilettanten spricht, spricht bei Goethe über die Bedingungen der Kunst überhaupt. Der Dilettant markiert die Stelle, an der Neigung, Stoffreiz, Nachahmung, Talent und gesellschaftlicher Geschmack in Berührung mit Kunst geraten, ohne schon Kunst zu ergeben.

„Aufmerksamkeit“, „Urteil“, „Einsicht“

Baumann legt Goethe nicht auf pauschale Verwerfung der Liebhaberei fest. Der Dilettantismus enthält bei Goethe einen bildungsfähigen Anteil. Die „Propyläen“ wollten Leser und Kunstfreunde „erst aufmerksam, dann urteilend und zuletzt einsichtig“ machen. Der Liebhaber kann also vom ersten Reiz des Gegenstands zur Erkenntnis von Form und Gesetz gelangen.

Gerade darin liegt die Schwierigkeit. Der Dilettant ist für Goethe keine Karikatur. Er kann den Zugang zur Kunst eröffnen, Kunstsinn verbreiten, Nachfrage schaffen, Urteil bilden helfen. Zugleich gefährdet er die Kunst, sobald er den ersten Eindruck für das Ganze nimmt und die Unmittelbarkeit des Gefühls gegen Arbeit, Regel, Handwerk und Form ausspielt.

Die Verwechslung von Kunst und Stoff

Der zentrale Goethe-Satz lautet bei Baumann: „Der Dilettant ist im Stande, manches Schöne hervorzubringen, aber er verderbt das Urteil, indem er die Kunst mit dem Stoff verwechselt.“ Dieser Satz gehört in den Kern des Essays. Der Dilettant scheitert nicht an völliger Kunstferne. Er kann Schönes hervorbringen. Seine Schwäche liegt in der falschen Zuordnung: Er nimmt Stoff, Wirkung, persönliche Erregung und äußeren Reiz für Kunst.

Baumann fasst damit Goethes entscheidenden Einwand: Kunst entsteht nicht aus Stofffülle. Auch ein reizvoller Gegenstand, eine empfindsame Stimmung, ein schönes Motiv, eine große Vorlage ergeben noch kein Werk. Kunst verlangt Formung, Maß, innere Organisation, Kenntnis der Mittel. Der Dilettant hält häufig den Anlass für die Sache.

„Halb Natur, halb Puppenspiel“

Besonders anschaulich wird Baumann bei Goethes Bemerkungen zur Malerei. Dort bleibt der Dilettant oft bei „halb Natur, halb Puppenspiel“. Die „Gestalten der Kunst“ werden aus „Kupfern, Galerien, Gipsen, Schriften und Berichten“ zusammengesetzt. Goethe diagnostiziert damit Kunst aus zweiter Hand: viel Anschauung, viel Sammlung, viel Nachahmung, doch keine innere Notwendigkeit der Form. Der Dilettant besitzt Material und Vorbilder; das Baumeisterliche der Kunst erreicht er damit noch nicht.

Diese Kritik richtet sich gegen zusammengesetzte Kunst, gegen ein Verfahren, das Versatzstücke aufnimmt und arrangiert, aber keine eigene Form hervorbringt. Baumanns Goethe liest den Dilettanten als Figur des Ersatzes: Ersatz von Erfahrung durch Vorlage, Ersatz von Formgesetz durch Geschmack, Ersatz von Arbeit durch Eindruck.

Dante-Nachahmung und falsche Größe

Auch die Literatur gerät in Baumanns Blick. Goethe warnt vor der dilettantischen Nachahmung großer Modelle. Wer sich an Dante hält, kann „Hölle und Fegefeuer“ übernehmen, ohne Dantes innere Ordnungskraft zu besitzen. Der Dilettant möchte die „ganze Welt als sein Phänomen“ behandeln und gerät gerade durch diesen Anspruch in Gefahr. Große Stoffe erzeugen noch keine große Kunst. Das Danteske kann zur Gebärde werden, sobald Formgesetz, Maß und innere Konstruktion fehlen.

Baumann zeigt daran Goethes Abneigung gegen angemaßte Totalität. Der Dilettant greift nach großen Stoffen, weil er Größe mit Umfang verwechselt. Er übernimmt Hölle, Fegefeuer, Weltgericht, Mythos, Landschaft, Pathos. Doch bei Goethe zählt nicht der Umfang des Stoffes, sondern die formende Kraft.

Rollenlust, Theaterexistenz, falsches Talent

Baumann führt die Dilettantismusfrage bis in Goethes spätere Werke. In „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ erscheint die Gefahr des spielenden Rollenwechsels, der theatralischen Existenz, der Bewegung ohne Bildung. Dazu passt Goethes Mahnung: „Man soll sich hüten, ein Talent zu besitzen, zu dessen Ausübung man eigentlich durch die Natur nicht berufen ist.“ Der Satz verschiebt die Frage von der Kunsttheorie in die Lebensform. Nicht jede Neigung begründet Berufung. Nicht jede Begabung rechtfertigt Ausübung.

Gerade hier berührt Baumanns Beitrag die Anthropologie Goethes. Dilettantismus betrifft nicht nur Kunstproduktion. Er bezeichnet auch eine Gefahr der Selbstverfehlung. Wer einem Talent folgt, das nicht zu seiner Natur gehört, verfehlt die eigene Bestimmung. Kunstkritik und Lebenslehre greifen ineinander.

Das fehlende Baumeisterliche

Am Ende rückt Baumann Goethes Kritik auf einen Begriff: Kunst verlangt das Baumeisterliche. Wo Stoff, Reiz, Empfindung oder Eindruck herrschen, fehlt jene innere Konstruktion, die Dauer ermöglicht. In einem Plan zu „Pandora“ erscheint die Einsicht, dass Kunstwerke einstürzen, sobald ihnen diese souveräne Gestalt fehlt. Der Dilettantismus ist für Goethe daher keine harmlose Liebhaberei. Er ist eine Prüfung der Kunst am Maß der Form.

Baumanns Beitrag gewinnt seine Bedeutung aus dieser genauen Rekonstruktion. Goethe erscheint hier als Autor, der den Dilettanten nicht bloß verspottet, vielmehr seine Funktion im Kunstleben bestimmt. Der Liebhaber kann zur Kunst hinführen, der Pfuscher kann sie entstellen, der Sammler kann Aufmerksamkeit schaffen, der Nachahmer kann das Urteil verderben. Zwischen Kunstfreund und Kunstverderber verläuft bei Goethe keine bequeme Grenze. Genau diese Spannung macht Baumanns Aufsatz für den 46. Band von „Euphorion“ so ergiebig.

Friedrich Sengle: Die populäre Biographie

Friedrich Sengles Forschungsbericht „Bemerkungen zu Technik und Geist der populären Biographie. Am Beispiel von Otto Heuscheles ‚Herzogin Anna Amalia‘“ führt in ein anderes Grenzgebiet. Hier geht es um die Lebensbeschreibung zwischen Forschung, Erzählung und Bildungspublizistik. Sengle setzt mit einer Diagnose ein: Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs habe die von Dichtern oder Publizisten geschriebene populäre Biographie einen „gewaltigen Aufschwung“ erlebt und drohe, die wissenschaftliche Biographie „vollständig zu verdrängen“.

Sengle nimmt Heuscheles „Herzogin Anna Amalia“ zum Anlass, die Regeln eines Genres zu prüfen. Der populäre Biograph muss erzählen, gliedern, charakterisieren, vergegenwärtigen. Gerade darin liegt die Gefahr. Eine Biographie kann lesbar sein und doch historische Genauigkeit opfern. Heuschele selbst lehnt jene Lebensdarstellungen ab, die eine „schlechte Mischung von Dichtung und Wissenschaft“ bilden. Sengle misst ihn an diesem Anspruch.

Konkret wird die Kritik bei scheinbar kleinen Dingen. Sengle verweist auf Heuscheles Umgang mit Wieland. Aus einem Brief von 1802, in dem Wieland über den Tod seiner Gattin klagt, werde bei Heuschele die Angabe, die Gattin sei 1802 gestorben; tatsächlich starb sie im November 1801. Sengle fragt nach dem Sinn solcher Datierung. Die Jahreszahl erzeuge den „Eindruck einer geschichtlichen Tatsachentreue“, dem die Arbeitsweise des Buches gar nicht entsprechen könne.

Der Befund verschärft sich durch Heuscheles Umgang mit Anna Amalias Weimar. Der Musenhof wird zur Szene. Goethe, Wieland, Parklandschaft, Tempel, Inschrift, Bildungsglanz: Alles tritt als Atmosphäre auf. Sengle zitiert die Inschrift „Steile Höhen besucht die ernste, forschende Weisheit, / Sanft gebahnteren Weg wandelt die Liebe im Tal“ und führt weiter zu Goethes Vers „Wenn zu den Reihen der Nymphen …“. Solche Zitate schaffen Stimmung. Genau hier setzt Sengles Kritik an: Stimmung kann historische Erklärung verdrängen.

Weimar als Kulisse

Sengles Einwand richtet sich gegen die Weichzeichnung des Weimar-Bildes. Er vermerkt, dass Heuschele bei Goethes Einladung nach Weimar eine Szene formt, in der Goethe und Karl August „sich gleichsam wortlos einander gaben“. Das ist biographische Dramaturgie im Zeichen des Unausgesprochenen. Auch das „Schicksal“ tritt auf: Es lege „Faden um Faden auf die Spule“ bis zur „Vollendung seines Geflechts“. Sengle spürt solchen Wendungen genau nach. Der historische Prozess wird hier zum poetischen Gewebe, die Quellenarbeit zum Ausdruck einer höheren Fügung.

Sengles Urteil über den Effekt ist hart: „Wie eine süße leichte Musik bietet sich die Geschichte Weimars dem Leser dar.“ Diese Metapher ist kein Lob. Sie benennt die Gefahr der Gefälligkeit. Die populäre Biographie ist angenehm lesbar, doch sie kann aus historischen Konflikten ein Kulturidyll machen. Von Mühsalen und Unzulänglichkeiten des klassischen Weimar erfahre man weniger als bei Bode, Heuscheles wichtigster Quelle.

Der Forschungsbericht berührt damit eine bis heute aktuelle Frage: Wie schreibt man literarische Biographie für ein größeres Publikum, ohne aus historischer Komplexität eine Kulissenfolge zu machen? Sengle verlangt keine trockene Archivprosa. Er fordert Genauigkeit in der Auswahl, Kontrolle der Zitate, klare Trennung von Beleg und Erfindung, Misstrauen gegenüber allzu glatten Lebensbildern. Sein Begriff der „halben Wahrheiten“ trifft das Problem der populären Biographie: Sie ist selten ganz falsch, doch oft zu schön gebaut.

Karl Stackmann bespricht Klaus Dockhorns Studie „Die Rhetorik als Quelle des vorromantischen Irrationalismus in der Literatur und Geistesgeschichte“, erschienen in den „Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen“, philologisch-historische Klasse, Jahrgang 1949, Nr. 5. Dockhorn versteht seine Schrift als „Prolegomena zu einer umfassenden Arbeit über die Rhetorik, ihren Zusammenhang mit der Geschichte des ästhetischen Problems und ihre Bedeutung für die Literatur- und Geistesgeschichte“. Stackmann setzt bei diesem Anspruch an: Dockhorn will die Rhetorik aus dem engen Bereich der Schulregel herausführen und als geschichtliche Kraft für Affekt, Pathos, Erhabenheit und vorromantische Erregung lesbar machen.

Dockhorn fragt also nicht bloß nach rhetorischen Figuren, Redeschmuck oder Stilvorschriften. Ihn interessiert, wie alte rhetorische Wirkungsmodelle in Poetik, Ästhetik und Literaturkritik weiterleben. Die Rhetorik wird bei ihm zu einer Vorgeschichte jener Begriffe, die im 18. Jahrhundert eine hohe Bedeutung gewinnen: Genie, Enthusiasmus, Erhabenheit, seelische Bewegung, Würde, Anmut, dichterische Erregung.

Antike Rhetorik: Was Rede mit der Seele macht

Dockhorn beginnt bei der antiken Rhetorik. Stackmann beschreibt seinen Zugriff genau: Dockhorn fragt nicht zuerst danach, welcher Autor des 18. Jahrhunderts Aristoteles, Cicero, Quintilian oder eine andere antike Autorität direkt gelesen hat. Wichtiger ist ihm das längere Nachwirken rhetorischer Theorie. Gemeint sind Grundbegriffe, Unterscheidungen und Wirkungsmodelle, die aus der Antike stammen und später in anderen Zusammenhängen weiterarbeiten.

Zu diesen Hauptstationen gehören Aristoteles, Cicero und Quintilian. Hinzu kommt die Schrift „Über das Erhabene“, die traditionell unter dem Namen Pseudo-Longin geführt wird. „Pseudo-Longin“ ist kein Eigenname im gewöhnlichen Sinn. Die Schrift wurde lange einem Autor namens Longin zugeschrieben; diese Zuschreibung gilt als unsicher. Deshalb spricht die Forschung von Pseudo-Longin. Für Dockhorn zählt weniger die sichere Verfasserschaft als die Wirkung der Schrift: „Über das Erhabene“ fragt danach, wie Sprache Größe, Erhebung, Staunen und seelische Überwältigung hervorbringt.

Damit ist der Weg zu Dockhorns Thema vorbereitet. Vorromantische Literatur liebt Grenzerfahrungen: Begeisterung, Erschütterung, Erhebung, das Außerordentliche, die Bewegung der ganzen Seele. Dockhorn zeigt, dass solche Wirkungen nicht erst mit dem Geniezeitalter entstehen. Die Rhetorik der Antike hatte längst darüber nachgedacht, wie Rede auf Verstand, Gefühl und Vorstellungskraft wirkt.

Aristoteles verständlich: Sache, Erregung, Charakter

Im Zentrum von Dockhorns Ausgangspunkt steht Aristoteles. Stackmann referiert dessen rhetorisches Grundschema mit den drei Begriffen „πρᾶγμα“, „πάθος“ und „ἦθος“. Diese Wörter müssen im Essay nicht als gelehrte Chiffren stehen bleiben. Sie bezeichnen drei verschiedene Wege, auf denen Rede wirken kann.

„Πρᾶγμα“ meint die Sache selbst: den Gegenstand, das Argument, den sachlichen Beweis. Eine Rede überzeugt hier durch Gründe, Belege, Folgerungen. „Πάθος“, gesprochen etwa „Pathos“, meint die Erregung der Leidenschaften. Eine Rede kann Zorn, Furcht, Mitleid, Bewunderung oder Begeisterung hervorrufen. Sie wirkt dann auf die seelische Verfassung der Hörer. „Ἦθος“, gesprochen etwa „Ethos“, meint den Charaktereindruck des Redners. Wer glaubwürdig, maßvoll, würdig oder vertrauenswürdig erscheint, überzeugt auch durch die Art seines Auftretens. Stackmann beschreibt diese Wirkung als „gelassene Gemütsmotion“: keine heftige Erregung wie beim „πάθος“, eher eine ruhigere Einstimmung zugunsten des Redners.

Für Dockhorn ist dieses Schema entscheidend, weil es zeigt, dass Rhetorik von Anfang an mehr umfasst als sachliche Beweisführung. Sie organisiert auch Affekte und Vertrauen. In der Rede arbeiten drei Kräfte zusammen: das Argument, die leidenschaftliche Bewegung und der Eindruck einer glaubwürdigen Person. Genau hier setzt Dockhorns These an. Was im 18. Jahrhundert als Erhabenheit, Enthusiasmus, Genie oder seelische Bewegung erscheint, hat ältere rhetorische Voraussetzungen.

Von „πάθος“ und „ἦθος“ zu Erhabenheit und Anmut

Stackmann verfolgt, wie Dockhorn aus diesen antiken Begriffen eine ästhetische Linie entwickelt. Aus „πάθος“ entsteht die Linie des Erschütternden, Gewaltigen, Überwältigenden. Aus „ἦθος“ entsteht die Linie des Maßvollen, Anmutigen, Vertrauenerweckenden. In der späteren Ästhetik können daraus Gegensatzpaare werden: Erhabenheit und Anmut, Würde und Gefälligkeit, Bewunderung und angenehme Wirkung.

Diese Verschiebung ist für Dockhorn bedeutsam, weil die vorromantische Literatur ihre Sprache der Erregung nicht aus dem Nichts gewinnt. Sie übernimmt alte rhetorische Mittel und deutet sie um. Was ursprünglich zur Kunst der Rede gehörte, wandert in die Poetik, in die Theorie des Dramas, in die Lyrik, in die Genieästhetik.

„Probare“, „conciliare“, „movere“: Beweisen, gewinnen, bewegen

Stackmann folgt Dockhorn besonders dort, wo die römische Rhetorik ins Spiel kommt. Dort begegnet eine klassische Dreiteilung der Redewirkung: „probare“, „conciliare“ und „movere“. „Probare“ heißt beweisen. „Conciliare“ heißt gewinnen, also das Publikum günstig stimmen. „Movere“ heißt bewegen, erschüttern, affizieren.

Dockhorn interessiert vor allem, dass „movere“ an Gewicht gewinnt. Die Rede wird dann nicht mehr vor allem als Beweisgang verstanden, sie soll die Seele in Bewegung setzen. Daraus entwickelt Dockhorn seine Verbindung zur Wirkungsästhetik des 18. Jahrhunderts: Dichtung soll nicht nur richtig gebaut sein, sie soll ergreifen. Sie soll nicht nur gefallen, sie soll heben, erschüttern, verwandeln.

Stackmann referiert auch die zugehörige Stilartenlehre: Das „genus tenue“ gehört eher zum Beweisen, das „genus floridum“ zum Gewinnen, das „genus grave“ zum Bewegen. Aus der Stiltheorie wird bei Dockhorn eine Vorgeschichte literarischer Wirkungsmacht.

Pseudo-Longin: Das Erhabene als Überwältigung

Der Hinweis auf Pseudo-Longin gehört in diesen Zusammenhang. Die Schrift „Über das Erhabene“ fragt danach, wie Sprache den Hörer über das Gewöhnliche hinaushebt. Erhaben ist hier nicht einfach das Schöne oder Angenehme. Erhaben ist eine Wirkung der Größe, der Steigerung, der geistigen Erhebung.

Für Dockhorn ist Pseudo-Longin wichtig, weil sich hier Rhetorik und Ästhetik berühren. Sprache wird nicht nur als Mittel der Überzeugung verstanden, sie kann eine Erfahrung des Außerordentlichen erzeugen. Daraus ergibt sich eine Vorgeschichte des vorromantischen Interesses an Größe, Enthusiasmus, Genie und seelischer Grenzerfahrung. Stackmann akzeptiert diese Linie als ergiebig, verlangt aber, dass sie nicht zur Alleinerklärung der Literaturgeschichte wird.

„Admirabile“ und „iucundum“: Bewunderung gegen Gefälligkeit

Ein wichtiger Gegensatz bei Dockhorn lautet „admirabile“ und „iucundum“. „Admirabile“ meint das Bewunderungswürdige, Große, Erhebende. „Iucundum“ meint das Angenehme, Gefällige, Anmutige. Stackmann zeigt, wie Dockhorn aus solchen rhetorischen Gegensatzpaaren eine ästhetische Genealogie entwickelt. In der Besprechung heißt es, „πάθος“ erscheine als „admirabile“, „ἦθος“ als „iucundum“.

Von hier aus führt Dockhorns Weg zu den großen ästhetischen Begriffspaaren des 18. Jahrhunderts: Schönes und Erhabenes, Anmut und Würde. Die Rhetorik hat demnach nicht nur Regeln der Rede bereitgestellt. Sie hat Begriffe und Wertungen geliefert, mit denen die spätere Ästhetik weiterarbeitet.

Lessing und die Grenze der Systembildung

Dockhorn zieht aus seiner rhetorischen Perspektive weitreichende Folgerungen. Die deutsche Barockästhetik folgt für ihn einer Linie, die auf Pathos, Größe und Bewunderung zielt. Die Gegenbewegung des 18. Jahrhunderts, etwa bei Lessing, kann dann als Rückgriff auf andere rhetorische Wertungen beschrieben werden, in denen Maß, Charakterwirkung und das Angenehme stärker hervortreten.

Stackmann nimmt diese Konstruktion auf, behandelt sie aber mit Vorsicht. Die Einordnung großer literarischer Bewegungen über rhetorische Kategorien darf das historische Material nicht überformen. Die Rhetorik erklärt vieles, doch sie kann die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts nicht aus einem einzigen Schema ableiten.

„Heteronome Kategorien“ und die Eigenart des Werks

Stackmann formuliert seinen methodischen Vorbehalt mit dem Begriff der „heteronomen Kategorien“. Gemeint sind Deutungskategorien, die von außen an die Dichtung herangetragen werden: Philosophie, Psychologie, Soziologie, Kunstgeschichte, Theologie, auch Rhetorik. Solche Zugriffe können fruchtbar sein, sie müssen ihre Tauglichkeit aber am literarischen Werk beweisen.

Der Einwand trifft den Kern von Stackmanns Besprechung. Rhetorik kann historische Beleuchtung liefern, aber sie darf die Eigenart der Dichtung nicht überdecken. Ein Begriff ist für ihn nur so viel wert, wie er an einem Gedicht, einem Drama, einer konkreten literarischen Form sichtbar machen kann.

Klopstock als Prüfstein: Die ganze Seele in Bewegung

Stackmann wählt Klopstock als Prüfstein. Er verweist auf Klopstocks Aufsatz „Gedanken über die Natur der Poesie“, in dem es heißt: „Das Wesen der Poesie besteht darin, daß sie … die ganze Seele in Bewegung setzt.“ Ferner wird die „Definition der höheren Poesie“ angesprochen: Sie dürfe den Namen einer „versificierten Prosa“ nicht verdienen. Die eigentlichen Geheimnisse der Poesie lägen „in der Action, in welche sie unsere Seele setzt“.

Diese Stellen sprechen zunächst für Dockhorn. Klopstock denkt Poesie als Bewegung der ganzen Seele. Wirkung, Erregung, innere Tätigkeit stehen im Mittelpunkt. Der Gegensatz von „admirabile“ und „iucundum“, die Abneigung gegen bloß angenehme Versprosa, die hohe Bedeutung des Wirkungsmoments: All das lässt sich rhetorikgeschichtlich beschreiben.

„Die Natur schrieb in das Herz sein Gesetz“

Doch Stackmann fragt weiter. Reicht Rhetorik aus, um Klopstocks dichterisches Selbstverständnis zu fassen? Dafür zitiert er zwei Strophen aus Klopstocks Gedicht „Ästhetiker“:

„Bürdet ihr nicht Satzungen auf dem geweihten
Dichter? erhebt zu Gesetz sie? und dem Künstler
ward doch selbst kein Gesetz gegeben,
wie’s dem Gerechten nicht ward,“

und:

„Lernt: die Natur schrieb in das Herz sein Gesetz ihm!
Thoren, er kennt’s, und, sich selbst streng, ist er Thäter;
Kommt zum Gipfel, wo ihr im Anlauf,
Gehet ihr einmal, schon sinkt.“

Diese Verse verschieben die Frage. Klopstock spricht hier von Gesetz, doch dieses Gesetz kommt nicht aus der Regelpoetik und nicht aus der Rhetorik. Es steht im Herzen. Der Dichter kennt es, weil er sich selbst streng ist. Damit tritt ein Dichterbild hervor, das auf innere Gesetzgebung, Berufung und Selbstverpflichtung zielt. Rhetorik kann die Wirkung der Verse beschreiben; das Selbstverständnis, aus dem sie sprechen, verlangt eine weitere Deutung.

„Messias“ und „Fanny-Oden“: Weitere Quellen des Pathos

Stackmann nennt auch konkrete Werkfelder. Von Klopstocks „Messias“ und den „Fanny-Oden“ sagt er, sie wiesen in bekannten Teilen der Produktion „Merkmale nicht-rhetorischer Prägung“ auf: „positiv gesagt: pietistischer Provenienz verschiedener Art und originaler Schöpfung“. Damit öffnet er die Frage über Dockhorns Raster hinaus. Klopstocks Pathos ist nicht nur aus rhetorischer Tradition verständlich. Pietismus, religiöse Erfahrung, dichterische Originalität und neues Selbstgefühl treten hinzu.

Das ist der entscheidende Akzent der Besprechung. Stackmann verkleinert Dockhorns Leistung nicht, er begrenzt ihren Geltungsanspruch. Rhetorik erklärt eine wichtige Linie der Vorromantik, aber die Entwicklung des vorromantischen Irrationalismus entsteht aus mehreren Quellen. Gerade Klopstock zeigt, wie rhetorische Wirkung, religiöse Erregung und dichterische Selbstgesetzgebung ineinandergreifen.

Ein präziserer Begriff von „Irrationalismus“

Am Ende fragt Stackmann nach dem Begriff „Irrationalismus“. In hergebrachter Bedeutung umfasst er mehr, „als sich mit den Mitteln einer Wirkungsästhetik begründen läßt“. Die Konsequenz von Dockhorns Fragestellung könnte darin liegen, „heteronome“ oder „wirkungsästhetische“ Formen des Irrationalismus genauer zu bestimmen. Stackmann sieht darin den eigentlichen Gewinn: Nicht ein großer Sammelbegriff entscheidet, sondern seine genaue Unterteilung.

So wird die Besprechung zu einem Modell philologischer Kritik. Dockhorns These wird ernst genommen, an Aristoteles, Cicero, Quintilian, Pseudo-Longin, Lessing und Klopstock geprüft, durch Beispiele geschärft und an ihrer Grenze markiert. Rhetorik erscheint als Quelle vorromantischer Erregung, jedoch nicht als alleiniger Ursprung.

Hölderlin, Sinclair und die Akten des Verdachts

Die Besprechung von Werner Kirchners „Der Hochverratsprozeß gegen Sinclair. Ein Beitrag zum Leben Hölderlins“ setzt bei einer wichtigen Verschiebung der Forschung ein. Seit Wilhelm Michels Hölderlin-Biographie von 1940 seien zahlreiche neue Dokumente erschlossen worden: zum Vater, zur Mutter, zu Jugendfreunden, zum Stift, zu Kant, Hegel, Schelling, Waltershausen, Homburg, Hauptwil, Bordeaux. Kirchners Arbeit wird in diese Bewegung eingeordnet. Ihr Gewinn liegt nach Adolf Beck weniger in unmittelbaren neuen Nachrichten über Hölderlin, mehr in dem „dichten Bild der rings um ihn sich vollziehenden Ereignisse“.

Sinclair als politische Figur

Isaac von Sinclair erscheint in der Besprechung nicht nur als Freund Hölderlins. Er wird in ein politisches Feld gestellt: Württemberg, Homburg, napoleonische Hegemonie, deutsche Kleinstaaten, revolutionäre Hoffnungen, obrigkeitliche Angst. Der Prozess gegen Sinclair wird damit zu einem Zugang zur Umgebung Hölderlins. Beck formuliert knapp: Die Welt, die in Kirchners Darstellung sichtbar werde, sei Hölderlins „Umwelt und Schicksal“.

„Quid haeret?“ – was bleibt am Verdacht haften?

Beck würdigt Kirchners Arbeit, verlangt aber mehr Schärfe bei den zentralen Fragen. Die erste lautet lateinisch: „Quid haeret?“ Was bleibt an der Beschuldigung gegen Sinclair haften? Die Anklage wegen eines geplanten Mordanschlags auf den Kurfürsten wirkt in der überlieferten Form von Rachsucht entstellt; dennoch hält Beck fest, dass die Homburger Fürstenkinder Sinclair „objektiv“ nicht für unschuldig hielten. Gerade hier müsse die Verhörakte genauer ausgelegt werden.

„Nichts anders als eine Repüblik“

Besonders markant ist die aus einem Gutachten der Kurfürstlichen Regierung vom 23. August 1805 referierte Stelle. Sinclair sei als Demokrat bekannt gewesen; Seckendorf habe von revolutionärer Tendenz gesprochen; auf die Frage nach dem letzten Zweck seiner Projekte soll Sinclair geantwortet haben: „nichts anders als eine Repüblik“. Beck liest Sinclair deshalb als „Idealist als Aktivist und Revolutionär mit unzulänglichen Mitteln“, als „Janusgestalt“, an der sich die Tragik politischer Phantasien um 1800 abzeichnet.

Die offene Frage der Freundschaft

Am Ende rückt Beck die eigentliche Hölderlin-Frage nach vorn: die „Art, Entwicklung und Spannung“ der Freundschaft zwischen Hölderlin und Sinclair. Kirchner berührt dieses Problem, führt es aber nach Becks Urteil nicht aus. Gerade hier liegt der Anschluss für die Hölderlin-Forschung: Sinclair gehört nicht nur zur biographischen Umgebung des Dichters. Seine politischen Pläne, seine Homburger Rolle und seine Nähe zu Hölderlin führen mitten in die Frage, wie Dichtung, Freundschaft und revolutionäre Erwartung um 1800 miteinander verbunden waren.

Ein Band mit innerer Spannung

Der 46. Band von „Euphorion“ gewinnt seine Kontur durch diese Verfahren. Gruenter liest Jüngers Dandyismus als europäische Stilgeschichte mit moralischem Risiko. Baumann prüft den Dilettantismus als Grenzform ästhetischer Produktion. Sengle untersucht die populäre Biographie am Beispiel Weimars. Die Rhetorik-Besprechung führt Pathos, Affekt und vorromantischen Irrationalismus auf antike und frühneuzeitliche Wirkungslehren zurück. Der Sinclair-Komplex bindet Hölderlin an Prozessakten, politische Verdachtslogik und Freundschaftsgeschichte.

Die Ausgabe zeigt eine Germanistik, die mehrere Arbeitsweisen zusammenführt: Motivgeschichte, Begriffsgeschichte, Gattungskritik, Rhetorikanalyse, Quellenprüfung. Sie fragt nach Texten, nach Lebensformen, nach Stilen des Denkens, nach Akten und ihren blinden Stellen. Der Dandy blickt von den Rängen des Zirkus, der Biograph baut Weimar zur Szene, die Rhetorik organisiert Affekte, der Prozess legt politische Phantasien frei. Literaturgeschichte wird hier als Kunst des Zusammenhangs betrieben.

Von Jünger zu Tolkien, Grass und Güçyeter

Ein Organ, das 1952 noch um seine materielle Sicherung ringt, reicht im 119. Jahrgang bis zu Ernst Weiß, Tolkien, Grass und Dinçer Güçyeter. Die Rückkehr zum 46. Band zeigt, wie Philologie nach der historischen Zäsur ihre Genauigkeit erneuert: durch Begriffe, Belege, Zitate, Akten und ein Formbewusstsein, das weiß, dass Stil nie nur Stil ist. Es gibt sie noch, die exzellenten Zeitschriften 🙂

Die offene Rechnung der Künstlichen Intelligenz: Europa verwaltet Technik – Japan und Amerika entwerfen Weltzustände

Künstliche Intelligenz tritt in Europa meist als Verwaltungsfall auf. Sie wird eingeordnet, beaufsichtigt, haftungsrechtlich umstellt, sicherheitspolitisch gerahmt, arbeitsmarktpolitisch berechnet. Man behandelt sie wie eine gefährlich gewordene Apparatur, die in eine bestehende Ordnung eingepasst werden muss. Genau darin liegt der Denkfehler. KI ist kein neues Instrument im alten Haus der Moderne. Sie zeigt, dass dieses Haus anders gebaut ist, als seine Bewohner glauben.

Das Gespräch zwischen Gert Scobel und Markus Gabriel gewinnt seine Kraft aus dieser Verschiebung. Es beginnt in Japan, in Tokio, an der University of Creativity, führt nach Kyoto, zum buddhistischen Denken der Nicht-Zweiheit, über Hegel und Rilke bis zu DeepMind, Silicon Valley, Neurostimulation, unternehmerischer Kreativität und der deutschen Unfähigkeit, aus Wissen wieder Wagnis zu machen. Was zunächst wie eine freie Assoziation großer Namen wirken könnte, ergibt bei genauerer Betrachtung eine Diagnose: Europa hat KI in die falsche ontologische Schublade gelegt.

Die Zukunft wird ausgeschenkt

Eine kleine Szene aus Japan enthält mehr Erkenntnis als viele europäische Strategiepapiere. Gabriel spricht über die Praxis, beim Essen zuerst dem anderen einzuschenken. Wer selbst trinken möchte, antizipiert das Begehren des anderen. Kein Tauschvertrag, keine kalkulierte Gegengabe, keine Ökonomie im engen Sinn. Die Beziehung trägt die Ordnung. Daraus entsteht eine Sozialform, in der der eigene Wunsch durch den Umweg über den anderen erfüllt wird.

Genau an dieser Stelle wird Japan für die KI-Debatte interessant. Intelligenz erscheint dort leichter als Beziehungsgeschehen, als situative Feinabstimmung, als Bewegung zwischen Personen, Rollen, Zeichen und Erwartungen. Europa sucht die Intelligenz gern an einem Ort: im Kopf, im Rechner, im Modell, im Subjekt. Japanische Denkformen haben weniger Mühe damit, Intelligenz als Ereignis zwischen Kräften zu verstehen.

Gabriel beschreibt Japan als eine Gesellschaft übereinanderliegender Wertschichten. Buddhismus, Shintoismus, indigene Traditionen, moderne Industrie, Popkultur, globale Technologie und alte Rituale liegen dort nebeneinander, ohne sich zu einer einzigen linearen Erzählung glätten zu lassen. Tiefe ist hier keine Dekoration. Sie ist eine Methode, Gegenwart wahrzunehmen.

Das ist der erste Schlag gegen die europäische KI-Debatte. Sie fragt: Wo sitzt die Intelligenz? Japan könnte antworten: Intelligenz sitzt nicht. Sie geschieht.

Der europäische Dingglaube

Der alte Kontinent liebt identifizierbare Einheiten. Der Mensch ist Mensch, die Maschine ist Maschine, das Bewusstsein ist innen, das Werkzeug außen, der Markt dort, die Ethik hier, die Forschung drüben, die Wirtschaft nebenan. KI stört diese Ordnung. Sie erzeugt Antworten, die aus keinem menschlichen Mund stammen und dennoch in menschlichen Bedeutungsräumen wirken. Sie ist statistisch erzeugt und sozial wirksam. Sie ist technisch produziert und kulturell aufgeladen. Sie besitzt keine Biografie und tritt doch in Gespräche ein, in denen Menschen ihr Absichten, Nähe, Autorität und Urteil zuschreiben.

Gabriels Gegenbegriff lautet Resonanzfeld. KI liegt demnach keineswegs einfach im Gerät. Sie entsteht zwischen Nutzer, Modell, Interface, Sprache, Erwartung, Projektion und Antwort. In diesem Sinn ähnelt sie weniger einem Ding als einem Ereignis. Das Gespräch ruft Tarkowskijs und Lemms Solaris auf: eine Oberfläche, die Fantasien, Wünsche und Verletzungen zurückwirft. Normale Medien sollen möglichst verschwinden. KI macht das Gegenteil. Das Medium antwortet. Man spricht mit dem Kanal.

Das ist eine epochale Veränderung. Der Buchdruck vervielfältigte Texte. Das Radio übertrug Stimmen. Das Fernsehen synchronisierte Bilder. Das Internet vernetzte Kommunikation. KI tritt als antwortendes Medium auf. Damit verschiebt sie den Ort, an dem Bedeutung entsteht. Sie zwingt Philosophie, Medienwissenschaft, Ökonomie und Technologiepolitik auf ein gemeinsames Feld.

Kontingenz als ungebetener Gast der Moderne

Kontingenz sollte man hier einmal anders einführen: als den unbestellten Gast der Moderne. Sie kommt ohne Termin, setzt sich an den Tisch und bringt die Gespräche durcheinander. In Deutschland wird sie gern zum Risiko umetikettiert. Risiko lässt sich versichern, berechnen, regulieren, in Excel glätten. Kontingenz ist widerspenstiger. Sie bedeutet: Die Welt hat mehr Möglichkeiten, als unsere Planung zulässt.

Künstliche Intelligenz industrialisiert diesen Überschuss an Möglichkeiten. Sie erzeugt Varianten, Hypothesen, Designs, Moleküle, Texte, Bilder, Diagnosen, Geschäftsmodelle und Verbindungen, die vorher verborgen blieben. Sie macht aus dem Unvorhergesehenen keine bloße Störung. Sie macht daraus Material. Die alte Industriegesellschaft lebte davon, Abweichungen zu minimieren. Die KI-Ökonomie lebt davon, Abweichungen produktiv zu machen.

Man kann diese Geschichte eleganter erzählen als über Begriffsdefinitionen. Leonardo empfahl, Flecken an Mauern, Asche, Wolken und Bäche zu betrachten, weil der Blick darin Landschaften, Kämpfe, Gesichter und Erfindungen finden könne. Später wurden bei Ellsworth Kelly zufällig herabgelassene Markisen, Teerflecken und Lichtformen zu Strukturen moderner Kunst. Der Zufall wurde lesbar gemacht.

Genau das tut KI auf industrieller Stufe. Sie liest Muster in Flecken, Signale im Rauschen, Chancen in Unordnung.

Deutschland sieht darin zu oft Kontrollverlust. Amerika sieht Versuchsanordnungen. Japan sieht Wandlung. Der Unterschied entscheidet über Märkte.

MuZero oder die Firma ohne fertige Weltkarte

MuZero ist mehr als ein technisches Verfahren. Das System startet ohne explizites Modell der Spielregeln. Es lernt durch die Folgen der eigenen Züge, was das Spiel überhaupt ist. Es kennt die Welt vorher nicht. Es erschließt sie im Vollzug. Der Name verweist auf „no model“, zugleich öffnet er eine Verbindung zu Mu, dem japanisch-buddhistischen Begriff der Leere als Offenheit, als Befreiung von feststehenden Kategorien.

Darin steckt ein ökonomisches Programm. Die Firmen der nächsten Phase werden weniger durch Besitz an Ressourcen gewinnen als durch die Fähigkeit, sich in offene Weltlagen hinein zu modellieren. MuZero ist der Vorbote eines Unternehmensbegriffs, der ohne fertige Landkarte operiert. Eine solche Firma wartet nicht auf perfekte Daten, vollständige Regeln oder finale Regulierung. Sie handelt, beobachtet, lernt, revidiert, verdichtet und baut daraus ihr Wirklichkeitsmodell.

Das Nintendo-Beispiel aus dem Gespräch gehört genau hierher. Gabriel erinnert daran, dass Nintendo mit Spielkarten begann, westliche Motive in japanische Traditionen einführte und sich immer wieder neu erfand. Entscheidend ist die Fähigkeit, die eigene Identität als vorläufig zu behandeln. In Deutschland bedeutet Innovation oft: bessere Schraube, neues Fahrassistenzsystem, effizientere Produktlinie. Im Nintendo-Modell bedeutet Innovation: die eigene Zukunft als unbekanntes Spiel betreten.

Amerika erlaubt sich den schlechten Einfall

Die zweite große Szene spielt in den USA. Gabriel berichtet von Workshops mit führenden Tech-Unternehmern, Investoren und Wissenschaftlern. Dort springt das Gespräch von hochentwickelten Medikamenten gegen Depressionen zu Neurostimulation, psychoaktiven Substanzen, LSD, Neuroplastizität, mentalen Nebenwirkungen von Abnehmspritzen, Alzheimer-Prophylaxe, Telepathie bei autistischen Kindern, UFOs, NASA, Blockchain und Nichtlokalität. Für deutsche Ohren klingt das wie der Übergang von Spitzenforschung zur Spinnerei. Genau darin liegt der produktive Reiz.

Amerika besitzt eine gefährliche geistige Freiheit. Sie reicht bis an die Grenze des Absurden. Doch ohne diese Grenznähe versiegt das Neue. Wer nur Fragen zulässt, deren Seriosität bereits gesichert ist, wird kaum entdecken, was die Seriosität von morgen sein könnte. Große Innovationen beginnen häufig als Beleidigung des gesunden Verwaltungssinns.

Das heißt keineswegs, dass jeder Unsinn gefördert werden soll. Eine Innovationskultur braucht Räume, in denen der schlechte Einfall nicht sofort vernichtet wird. Aus einem schlechten Einfall kann ein schräger Versuch werden, aus einem schrägen Versuch ein neues Verfahren, aus einem neuen Verfahren ein Markt, aus einem Markt eine Industrie. Europas Problem ist eine überentwickelte Immunabwehr gegen das Unfertige.

Der gefesselte Prometheus trägt einen Compliance-Ordner

Gabriel nennt Europa den gefesselten Prometheus. Das Bild trifft, weil es mehr meint als mangelndes Kapital. Natürlich fehlt es an Venture Capital, Skalierungskraft, Risikobereitschaft, Plattformmacht. Doch der tiefere Mangel liegt in der erlaubten Vorstellungskraft. Europa hat sich eine Kultur der Vorabvernünftigkeit angewöhnt. Alles muss begründet sein, bevor es ausprobiert werden darf. Alles muss seinen Platz kennen, bevor es auftreten darf. Alles muss ethisch sauber gerahmt sein, bevor es ökonomisch interessant werden darf.

Das klingt verantwortungsvoll und endet oft in Sterilität. Der Kontinent schützt sich vor Fehlern und verliert dabei das Verhältnis zur Möglichkeit. Er baut Sicherheitsgeländer um leere Felder. In Amerika wird gebaut, in Japan verwandelt, in Europa geprüft.

Die Kontingenzfrage lautet daher: Wie viel Unordnung verträgt eine produktive Ordnung? Deutschland beantwortet sie meist defensiv. Japan antwortet kulturell. Amerika antwortet unternehmerisch. Europa müsste seine eigene Antwort erst wieder erfinden.

Die neue Fabrik heißt Beziehung

Der entscheidende Markt der KI-Ära wird kein reiner Datenmarkt sein. Daten sind wertvoll, weil in ihnen Wertorientierungen, Bedürfnisse, Ängste, Wünsche, Störungen, Muster gelingender und misslingender Beziehungen verborgen liegen. Ethische Intelligenz wäre dann die Fähigkeit, diese Werte sichtbar zu machen und in kooperative Lebensformen sowie Geschäftsmodelle zu übersetzen.

Genau hier liegt eine europäische Chance: KI als Infrastruktur für moralisch messbare Innovation in Bildung, Pflege, Öffentlichkeit, Kultur und Wissenschaft.

Man muss das marktwirtschaftlich zuspitzen. Die nächste Wertschöpfung entsteht dort, wo Unternehmen bessere Beziehungen ermöglichen. Pflegeunternehmen, die mit KI Einsamkeit, Überforderung und Betreuungslücken früher erkennen. Bildungsanbieter, die Lernwege nicht normieren, vielmehr individuelle Möglichkeitsräume öffnen. Medienhäuser, die KI nutzen, um Vertrauen, Kontext und Orientierung herzustellen. Versicherungen, die Prävention als Beziehungsgeschäft begreifen. Banken, die finanzielle Entscheidungen als Lebenssituationen lesen. Städte, die Verwaltung als antwortende Infrastruktur entwickeln.

Das ist kein Sozialkitsch. Es ist die nächste Stufe des Wettbewerbs. Wer Bedürfnisse präziser erkennt, wird bessere Produkte bauen. Wer Beziehungen stabilisiert, senkt Transaktionskosten. Wer Vertrauen erzeugt, gewinnt Märkte. Wer Sinn liefert, entkommt dem Preiswettbewerb.

Philosophie als Wachstumsfaktor

Der deutsche Reflex lautet noch immer: Philosophie kostet Zeit, Ethik kostet Geld, Nachdenken bremst das Geschäft. Das Gespräch zeigt das Gegenteil. In Japan saß der Präsident von Google Japan bei einem philosophischen Seminar in Kyoto. Gabriel verweist auf Gespräche dieser Art, die auch in Deutschland beginnen, aber noch keinen systemischen Charakter erreicht haben. Seine Antwort ist Deep Innovation: Interdisziplinarität, transsektorale Kooperation, transkulturelle Kompetenz. Wissenschaft und Wirtschaft brauchen dritte Räume, in denen beides zur Zündung kommt.

Das ist der Punkt, an dem eine wirtschaftswissenschaftliche Debatte beginnen müsste. Wir haben eine Theorie des Marktes, der Firma, des Wettbewerbs, der Transaktion, der Innovation. Was fehlt, ist eine Philosophie des Unternehmertums im KI-Zeitalter. Unternehmertum besteht dann nicht allein in der Kombination von Kapital, Arbeit, Technologie und Nachfrage. Es besteht in der Erfindung neuer Wirklichkeitszugänge.

Ein Unternehmer der nächsten Generation verkauft keine Produkte allein. Er entwirft Situationen. Er verändert Aufmerksamkeit. Er modelliert Vertrauen. Er organisiert Ungewissheit. Er baut Interfaces, durch die Menschen sich selbst, andere und ihre Umwelt anders wahrnehmen. Deshalb werden Philosophie, Design, Kognitionswissenschaft, Anthropologie, Kulturwissenschaft und Ökonomie keine Begleitfächer bleiben. Sie werden zum Kern industrieller Strategie.

Innovationsakademien für das erlaubte Spinnen

Deutschland braucht Orte, an denen das Spinnen institutionalisiert wird. Keine weiteren Konferenzformate mit Namensschild, Grußwort und Podiumsdiskussion. Gemeint sind Innovationsakademien, in denen Quantenchemiker mit Pflegepraktikern, Philosophen mit Maschinenbauern, Neurowissenschaftler mit Spieleentwicklern, Mittelständler mit Zen-Kennern, Juristen mit Künstlern, Kommunalpolitiker mit Modellierern arbeiten.

Dort müsste man Szenarien bauen, die heute noch halb verrückt klingen. Eine KI-Pflegearchitektur, die Beziehungsqualität misst. Eine neue Bildungsfirma, die aus jedem Lernenden kein Profil, vielmehr eine offene Entwicklungslandschaft generiert. Eine europäische Suchmaschine, die öffentliche Vernunft trainiert. Ein industrielles Betriebssystem für Mittelständler, das Lieferketten, ökologische Pflichten, Personalwissen, regionale Kultur und KI-Modelle in lebendige Entscheidungsfelder übersetzt. Eine Klinikplattform, die mentale Gesundheit, Neuroplastizität, soziale Lage und persönliche Sprache zusammendenkt, ohne Menschen auf Datensätze zu reduzieren.

Genau so entstehen Märkte: durch erlaubte Vorgriffe auf noch ungebaute Wirklichkeiten.

Die deutsche Universität als zu eng gewordene Schleuse

Scobel weist im Gespräch auf das Karrieresystem der Universität hin: Wer als Plasmaphysiker mit einem Philosophen publiziert, hat im eigenen Fach oft wenig davon. Gabriel will die Spitzenforschung bewahren, aber zusätzliche dritte Orte schaffen. Das ist entscheidend. Die Lösung liegt nicht in der Verwässerung der Disziplinen. Sie liegt in Übergangsräumen, die disziplinäre Exzellenz in gesellschaftliche Erfindung übersetzen.

Die amerikanischen Colleges dienen Gabriel als Gegenmodell zum deutschen Frühkanalisierungssystem. Dort studiert man zunächst Universität, später wählt man den Schwerpunkt. Diese Durchlässigkeit erzeugt biografische Kontingenz. Genau sie fehlt uns. Wer mit achtzehn in Deutschland ein Fach wählt, bekommt oft einen Tunnel. Wer in Amerika beginnt, bekommt eher ein Gelände. Innovation liebt Gelände.

Die KI-Debatte braucht mehr Welt und weniger Gerät

Der gefährlichste europäische Satz lautet: Wir müssen mit KI Schritt halten. Er klingt aktiv und ist passiv. Schritt halten heißt, einem Tempo zu folgen, das andere setzen. Europa braucht keine Kopie der amerikanischen Plattformmacht und keine Kopie japanischer Tiefenkultur. Es braucht eine eigene Form des offenen Denkens.

Dazu gehört die Einsicht, dass KI keine externe Branche ist. Sie wird zur Grammatik fast aller Branchen. Maschinenbau wird Modellbau im semantischen Sinn. Medizin wird relationale Prävention. Bildung wird adaptive Weltöffnung. Medien werden Vertrauensarchitektur. Verwaltung wird Dialogsystem. Kultur wird Labor gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Mittelstand wird nur überleben, falls er seine Erfahrungsbestände in lernende Systeme übersetzt.

Die entscheidende Ressource ist dabei Kontingenzkompetenz. Also die Fähigkeit, mit offenen Lagen produktiv umzugehen. Sie umfasst mehr als Risikomanagement. Sie verbindet Aufmerksamkeit, Experiment, Urteil, Fantasie, Kapital, Technik und Verantwortung. Genau diese Kompetenz fehlt in einer Kultur, die ihre Zukunft am liebsten genehmigen lassen möchte, bevor sie beginnt.

Die größere Welt zulassen

Die große Nachricht aus dem Gespräch lautet: KI zwingt Deutschland, seine Angst vor dem Offenen zu therapieren. Japan zeigt, dass Innovation Tiefe braucht. Amerika zeigt, dass Innovation spekulative Freiheit braucht. KI zeigt, dass Wirklichkeit weniger aus Dingen besteht als aus Beziehungen, Feldern, Resonanzen, Mustern, Antworten und Möglichkeiten.

Europa kann daraus eine eigene Ökonomie entwickeln. Eine Ökonomie der Beziehung. Eine Ökonomie der moralischen Innovation. Eine Ökonomie, die Kontingenz in Lernfähigkeit, Geschäftsmodelle und institutionelle Fantasie verwandelt. Dazu muss Philosophie aus der Rolle des Kommentars heraus. Sie gehört in Vorstände, Labore, Produktteams, Kliniken, Medienhäuser, Ministerien und Mittelstandszentralen.

Die Zukunft der KI entscheidet sich nicht allein an Chips, Rechenzentren und Regulierung. Sie entscheidet sich an der Frage, welche Gesellschaft die größere Welt zulässt. Deutschland ist reich an Wissen, arm an erlaubter Möglichkeit. Genau das muss sich ändern.

Die Dienstleistungsgesellschaft verliert ihre Schutzhaut – Der nächste Produktivitätsschock trifft das Büro #rp26

Deutschland hat den Strukturwandel lange als historische Beruhigungserzählung behandelt. Erst verließen die Menschen die Felder, dann die Fabriken, schließlich fanden sie Arbeit am Schreibtisch. Aus Agrararbeit wurde Industriearbeit, aus Industriearbeit Dienstleistungsarbeit. Der Wohlstand schien jedes Mal zu wachsen, die Beschäftigung fand jedes Mal einen neuen Ort.

Martin Wolf, Präsident der Gesellschaft für Informatik, hat diese alte Gewissheit auf der re:publica in Berlin an einer Zahl sichtbar gemacht: 1950 arbeiteten noch 24,6 Prozent der Erwerbstätigen in Land- und Forstwirtschaft. 2019 waren es 1,3 Prozent. Dennoch versorgt die Agrarökonomie heute sehr viel mehr Menschen mit Lebensmitteln. Der Produktivitätssprung war gewaltig. Nun steht der Dienstleistungssektor vor einer ähnlichen Metamorphose. Rund drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in Dienstleistungen. Dieser Gipfel dürfte abschmelzen. Erst trifft es wissensintensive Routinen, später durch Robotik auch sach- und personenbezogene Dienste.

Die Blackbox-Gesellschaft

Wir feiern Digitalisierung, sprechen über KI-Regulierung, Ethikräte, Transparenzpflichten und europäische Souveränität. Gleichzeitig sinkt in breiten Teilen der Gesellschaft das Verständnis für jene Strukturen, auf denen diese Welt beruht. Software erscheint als Oberfläche. KI erscheint als Antwortautomat. Cloud erscheint als Komfort. Plattformen erscheinen als Bequemlichkeit.

Das ist bedenklich. Wer Digitalisierung nur als Bedienkompetenz vermittelt, erzieht eine Gesellschaft zu Konsumentinnen und Konsumenten proprietärer Blackboxes. Dann kann man Apps bedienen, Formulare ausfüllen, Prompts schreiben und Dashboards interpretieren. Man versteht aber kaum noch, welche Daten fließen, welche Modelle entscheiden, welche Schnittstellen Macht erzeugen, welche Fehler sich in automatisierte Prozesse einschreiben.

Die neue Abhängigkeit beginnt dort, wo Menschen Systeme nur noch nutzen, ohne sie dekonstruieren zu können. Wer Informatik nicht beherrscht, wird von Informatik beherrscht.

Programmieren als Denkform

Informatik gehört deshalb in die Breite: von der Grundschule bis zum Abitur. Das Ziel darf kein früher Berufskurs für angehende Entwickler sein. Es geht um ein intellektuelles Rüstzeug für die automatisierte Welt. Kinder und Jugendliche müssen lernen, was ein Algorithmus leistet, wie Daten entstehen, wie Klassifikationen wirken, wie Fehler skaliert werden, wie Modelle trainiert werden, welche Interessen in Softwarearchitekturen stecken.

Auch Programmieren bleibt wichtig, selbst dort, wo KI künftig Code erzeugt. Der Zweck verschiebt sich. Programmieren ist weniger bloße Schreibarbeit am Rechner als Schule des Denkens: prozedural, datenbezogen, systemisch, konstruktiv, kritisch. Wer nie selbst eine Anweisung formuliert hat, versteht den Eigensinn automatisierter Prozesse kaum. Wer nie mit fehlerhaften Daten gearbeitet hat, glaubt dem Dashboard zu schnell. Wer nie ein System modelliert hat, unterschätzt Nebenfolgen.

Die Vorstellung, Software werde künftig einfach von „der KI“ gebaut, ist ein Luftschloss. KI erzeugt Vorschläge. Verantwortliche Systeme entstehen erst durch Menschen, die beurteilen können, was vorgeschlagen wurde, welche Folgen entstehen, welche Daten fehlen, welche Risiken verdrängt werden.

Das Studium muss aus dem Reservat heraus

Auch die Hochschulen stehen unter Druck. Ein Informatikstudium, das sich in Theorieinseln einrichtet, verfehlt die kommende Aufgabe. Ebenso verfehlt ein rein verwertungsorientiertes Studium den Kern des Fachs. Moderne Informatik muss Systemverantwortung ausbilden. Ethik, Gesellschaft, Ökologie, Energieverbrauch, Lieferketten, Sicherheit, Resilienz und Machtfragen gehören nicht an den Rand der Ausbildung. Sie müssen in die Logik des Entwerfens hinein.

Ein Algorithmus ist nie nur Mathematik. Er verteilt Chancen, beschleunigt Prozesse, verlagert Kosten, sortiert Menschen, verbraucht Energie, erzeugt Abhängigkeiten. Genau deshalb braucht die Digitalisierung mehr Informatik, nicht weniger. Sie braucht Menschen, die Systeme bauen können und zugleich wissen, was sie anrichten können.

Der Dienstleistungsstaat vor seiner Landflucht

Die historische Analogie zur Landwirtschaft ist unbequem. Die Bauern verschwanden nicht, weil ihre Arbeit wertlos wurde. Sie verschwanden, weil Maschinen ihre Produktivität vervielfachten. Die Wertschöpfung blieb, die Beschäftigung wanderte. Ähnliches droht nun dem Dienstleistungsstaat.

Büroarbeit, Verwaltung, Berichtswesen, Support, einfache Analyse, Standardkommunikation, Prozesssteuerung, Übersetzung, Abrechnung, Controlling und Teile der Softwareentwicklung geraten in den Zugriff automatisierter Systeme. Vieles davon galt jahrzehntelang als sicherer Aufstiegspfad der Wissensgesellschaft. Nun wird sichtbar, dass auch der Schreibtisch kein Schutzraum ist. Selbst die Steuerberatung kommt in die Defensive.

Die Frage lautet daher nicht, ob Arbeit verschwindet. Die entscheidende Frage lautet, welche Arbeit entsteht, wer Zugang dazu erhält und wer im Übergang zurückbleibt. Martin Wolf verweist auf Zukunftsfelder wie Erlebnis, Community, Events, menschliche Bestleistung, koordinierte Begegnung. Das klingt zunächst weich, ist aber ökonomisch ernst zu nehmen. Je mehr Maschinen Routinen übernehmen, desto wertvoller werden Tätigkeiten, in denen Vertrauen, Kreativität, Verantwortung, Nähe, Urteil und Gestaltung zählen.

Deutschlands gefährliche Verzögerung

Deutschland besitzt noch immer eine industrielle Substanz, um die viele Länder es beneiden. Doch der alte Reflex reicht nicht mehr: bessere Maschinen, bessere Prozesse, bessere Verwaltung. Die digitale Ökonomie verlangt die Verbindung von Hardware, Software, Daten, KI, Plattformen und Organisationsfähigkeit. Wer diese Verbindung nicht beherrscht, wird zum Zulieferer fremder Systeme.

Das ist die eigentliche Bildungsfrage der kommenden Jahre. Ein Land, das KI regulieren will, muss KI verstehen. Ein Land, das digitale Souveränität fordert, muss Softwarekompetenz demokratisieren. Ein Land, das Arbeitsplätze sichern will, muss Menschen befähigen, mit automatisierten Systemen zu urteilen, zu gestalten und zu widersprechen.

Der Strukturwandel wird nicht warten, bis Lehrpläne, Prüfungsordnungen und Berufsbilder nachgezogen haben. Die Agrarwirtschaft brauchte Jahrzehnte, um Millionen Menschen aus alten Tätigkeiten zu drängen. Der Dienstleistungssektor wird weniger Zeit bekommen. KI wirkt schneller als der Traktor. Genau deshalb ist Informatik keine Spezialdisziplin mehr. Sie ist Allgemeinbildung im Zeitalter der automatisierten Gesellschaft.

Der Mann, der als Holbaum in den Pfahl geriet

Ein Autor mit botanischer Vorgeschichte

Ulrich Holbein hat Axel Matthes zum neunzigsten Geburtstag gratuliert, wie nur Ulrich Holbein gratulieren kann: mit einem Text, der schon im Titel aussieht, als habe ein Brockhaus-Band nach Mitternacht beschlossen, Trampolin zu springen. „Universeller Verknirpsung entragend“ heißt das Stück, und wer bis dahin noch glaubte, Geburtstagsprosa müsse Kerzen auspusten, ahnt sofort: Hier wird eher mit Silben gezündelt.

In den Pfahl-Zeiten hieß Holbein noch Holbaum. Das ist keine Nebensache, das ist literarische Dendrologie. Der spätere Holbein stand damals unter seinem alten Namen im „Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“, jenem Periodikum, das Axel Matthes wie eine Mischung aus Hochamt, literarischem Straflager und Ideensauna betrieb. Holbaum: Schon der Name klang, als sei ein Autor halb Mensch, halb Gewächs, bereit, in der Erde des Zeitgeists zu wurzeln und oben sehr eigentümliche Blätter auszutreiben.

Der Verleger wirft den Text zu Boden

Die erste Begegnung zwischen Matthes und Holbein gehört in ein Museum für Verlegerpädagogik. Matthes hält Holbeins Zeitgeistessay in der Hand, rollt ihn in Zellophan, wirft ihn auf den Boden und lässt ihn dort liegen. Zwanzig Minuten später darf der Autor ihn aufheben. Das ist kein Lektorat, das ist eine Initiation. Andere Verleger schreiben Randbemerkungen. Matthes prüfte offenbar die Fallhöhe.

Holbein, der damals noch am Anfang seiner Autorenlaufbahn stand, musste vor dem Verleger also kurz auf Fußhöhe geraten. Eine sehr Matthes’sche Szene: asketischer Ernst, dramatische Geste, Papier als Prüfungsmaterial. Der Text lag unten, der Autor beugte sich, der Verleger blickte. Man kann sich denken, dass daraus keine einfache Geschäftsbeziehung wurde. Zum Glück.

Frozzelton gegen Metaphysik

Matthes fand Holbein früh „flapsig“. Holbein wiederum hielt manche Matthes-Autoren für gestelzt, pathetisch, professoral und mitunter arg schwerblütig. Schon war die schönste literarische Versuchsanordnung der achtziger Jahre aufgebaut: hier der Verleger als Hüter von Bataille, Artaud, Klossowski, Wense und Cioran; dort der Autor als gelehrter Schelm, der jede metaphysische Kerze sofort auf Brandgefahr untersuchte.

Als Holbein einen Gesualdo-Essay lieferte, schrieb Matthes: „Lieber Herr Holbaum, Ihr Gesualdo-Essay ist sehr packend, einzig mit Ihrem Frozzelton habe ich ein bisschen Schwierigkeiten.“ Als Gegengift legte er Jürgen von der Wense bei. Das ist herrlich. Gegen Frozzeln hilft bei Matthes kein Lavendeltee, kein freundlicher Zuspruch, kein Kürzungsvorschlag. Gegen Frozzeln hilft Wense. Also ein Autor, der schon beim Aufschlagen riecht, als habe ein Einsiedler im Gebirge den Kosmos alphabetisch sortiert.

Die Ideensauna öffnet

Matthes plante damals „Der Pfahl“, sein Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft. In der Vorschau war von einer „Ideensauna“ die Rede. Dieses Wort verdient ein eigenes Denkmal aus Fichtenholz und Fußnoten. Ideensauna: Man weiß sofort, dass hier geschwitzt wird, aber unklar bleibt, ob vor Erkenntnis, Überhitzung oder Furcht vor Gerd Bergfleth.

Holbein trat ein. Sein Text über den Zeitgeist erschien im Pfahl, der dann keineswegs als zierliches Blättchen herauskam, eher als broschiertes Brikett. 519 Seiten, 58 Mark. Darin standen Wolfgang Rihm, Grillparzer, Flaubert, Theodor Lessing, Friedrich Georg Jünger und eben Ulrich Holbaum. Hinten wurde über ihn mitgeteilt, er male und schreibe. Holbein erschrak später über das „malt“. Ein Autor, der schreibt, kann viel ertragen. Ein Autor, der plötzlich malt, sieht sich dem Verdacht ausgesetzt, auch noch eine zweite Begabung verwalten zu müssen.

Der Pfahl und sein botanischer Einschlag

Dass ausgerechnet ein Holbaum im Pfahl stand, ist fast zu schön, um es unkommentiert zu lassen. Pfahl, Baum, Wurzel, Stamm, Jahresringe: Die Namensbotanik arbeitet hier von selbst. Matthes dürfte an solchen Verzweigungen Gefallen finden, Holbein ohnehin, der aus jeder Nebenbedeutung sofort einen kleinen Seitenweg ins Dickicht schlägt. Der eine liebt die großen Verweisungsräume, der andere die anarchische Mehrdeutigkeit. Zusammen ergeben sie eine Art literarisches Forstamt der Gegenmoderne: vorn wird gepfählt, hinten treibt es aus.

Holbeins Zeitgeist-Text selbst ist ein großartiges Monstrum. Schon der Titel „Die Zigarette des Nichtrauchers“ zeigt die Methode: Die Welt wird bei ihm nie geradeaus betreten, immer durch eine Seitentür, auf der ein falsches Schild hängt. Der Zeitgeist erscheint als Geruch, Reflex, Mode, Lärm, Kostüm, Bartform, Autoverkehr, Musikgeschmack, Fernsehschatten. Holbein schreibt, als wolle er die Gegenwart mit einer übervollen Schublade erschlagen.

Sankt Matthesis erhält Gegenfeuer

Jahre später drehte Holbein den Spieß um. Matthes hatte ihn lange wegen Flapsigkeit gerügt; nun nahm Holbein einen Text des Verlegers auseinander und begann mit der Anrede „Lieber, hochverehrlicher Sankt Matthesis“. Schon diese Anrede ist ein kleines Feuerwerk aus Verehrung und Unbotmäßigkeit. Danach folgte ein Beschuss aus Adorno, Jörg Drews, Theologen-Jargon, Botho-Strauß-Verdacht, Agrarkitsch und Formulierungsschelte.

Matthes antwortete lapidar und ziemlich schön. Ein so begabter, sensibler Mensch fabriziere virtuos Wörterbarrikaden; er wolle seit langem herausbekommen, wer dahinter stecke. Das ist vielleicht der zärtlichste Satz, den ein strenger Verleger über einen schwierigen Autor schreiben kann. Holbein baute Wörterbarrikaden, ja. Aber Matthes stand davor und klopfte an.

Die erste Frage nach dreiundzwanzig Jahren

Die schönste Szene kommt am Ende. 2010 trafen sich beide bei einem Wense-Kongress in Kassel. Holbein notiert, Matthes habe ihm nach dreiundzwanzig Jahren erstmals eine Frage gestellt. Sie lautete: „Wo gehts denn hier zur Toilette?“ Man möchte sofort den gesamten deutschen Literaturbetrieb in diese Szene hineinfalten. Zwei Männer, verbunden durch Pfahl, Wense, Zeitgeist, Flapsigkeit, Hochton, Briefe, Bücher, Kränkungen und Zuneigung, erreichen nach Jahrzehnten den interrogativen Durchbruch. Und er führt zur Toilette.

Später sitzen beide im selben Zug. Matthes in der ersten Klasse, Holbein mit Fahrkarte zweiter Klasse. Sie reden weiter, Holbein stehend, Matthes sitzend. Der Zugbegleiter interveniert. Holbein schlägt vor, der Verleger möge in die leere zweite Klasse kommen. Matthes lehnt ab. Auch das ist eine Szene, die niemand erfinden müsste. Die deutsche Geistesgeschichte fährt Intercity, und der Klassenunterschied bleibt im Gang stehen.

Holbein gratuliert, wie Holbein eben gratuliert

Zum neunzigsten Geburtstag von Axel Matthes hat Holbein also keinen Kranz niedergelegt. Er hat ein Sprachfeuer entzündet, in dem der alte Verleger noch einmal als asketischer Denker, schwieriger Förderer, Wense-Apostel, Flapsigkeitsgegner und Liebhaber der großen Abwege erscheint. Der Text ist Erinnerung, Abrechnung, Kabinettstück, Selbstporträt und Dankesrede in einem.

Matthes hat Autoren verlegt, die aus der Reihe fielen. Holbein fiel selbst aus der Reihe derer, die aus der Reihe fallen. Vielleicht passte er gerade deshalb so gut in den Pfahl. Als Holbaum kam er hinein, als Holbein schrieb er zurück. Dazwischen liegt eine jener literarischen Beziehungen, die aus Missverständnissen, Respekt, Eitelkeit, Witz und einer beträchtlichen Menge Papier bestehen.

Am Ende sieht man beide: Matthes, der wissen wollte, wer hinter den Wörterbarrikaden stecke; Holbein, der sofort noch drei Barrikaden errichtete, damit die Suche lohnte. Das ist keine Freundschaft im üblichen Sinn. Es ist ein deutsches Verleger-Autor-Verhältnis in seiner komischsten, gelehrtesten und schönsten Form: einer hält den Pfahl, der andere wächst daran hoch.

Die Firmensterblichkeit der Sieger

Der Rückschaufehler der Börse

Die Rangliste der wertvollsten Unternehmen wirkt immer wie ein Naturgesetz, bis sie verschwindet. 1990 standen japanische Banken, NTT, IBM und Ölkonzerne oben. 2005 regierten Exxon Mobil, General Electric, Microsoft, Citigroup und BP. 2020 war die Welt bereits eine andere: Saudi Aramco, Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Alibaba, Facebook, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson bildeten die Spitze. Die alte Gewissheit der Industriegesellschaft war in eine Plattformordnung überführt worden. Die Zahlen aus der Fink-Grafik zeigen weniger eine Hitparade der Börse als einen Friedhof einstiger Selbstverständlichkeiten. Für 2005 und 2020 lassen sich ähnliche Rangmuster auch in historischen Marktkapitalisierungslisten nachvollziehen.

Alexander Fink zieht daraus die unbequeme Folgerung: Alle 15 Jahre werden die Karten fast vollständig neu gemischt. Nur wenigen Firmen gelingt der Verbleib an der Spitze. Genau hier setzt Daniel Kahnemans Warnung vor dem Rückschaufehler ein. Im Nachhinein wirkt jeder Sieg zwangsläufig. Apple musste Apple werden, Google musste Google werden, Nvidia musste Nvidia werden. In Wahrheit wird aus Glück, Timing, Kapitalzugang, Regulierung, Talentdichte und technischer Anschlussfähigkeit im Rückblick eine Managementlegende gebaut. Die Fink-Analyse verweist auf diese gefährliche Verwechslung von Ergebnis und Gesetzmäßigkeit.

Der Thron aus Glas

Die Gegenwart scheint den Hyper Scalern zu gehören. Cloud, Chips, Datenzentren, Modelle, Plattformen, Betriebssysteme und Agentenketten verdichten sich zu einer neuen Machtarchitektur. Nvidia erreichte 2026 zeitweise eine Marktkapitalisierung von mehr als 5,5 Billionen Dollar; Alphabet näherte sich nach Berichten aus dem Mai 2026 der Marke von 5 Billionen Dollar.

Doch genau diese Größe ist kein Schutz. Sie erhöht den Angriffsdruck. Wer oben steht, wird zum Infrastrukturproblem der anderen. Die Kunden wollen Abhängigkeit senken, Staaten wollen Kontrolle, Wettbewerber wollen Standards brechen. Google arbeitet an eigenen KI-Chips und neuen Cloud-Konstruktionen, um Nvidias Dominanz im Rechenzentrum anzugreifen. Der Hyper Scaler von heute wird so zum Zielbild der Entflechter, Nachahmer und Regulierer von morgen.

2035 könnten deshalb Unternehmen an der Spitze stehen, die heute noch als Zulieferer, Engpasshalter oder Modellbetreiber erscheinen: Nvidia, TSMC, ASML, Microsoft, Alphabet, Amazon, vielleicht ein börsenfähiger OpenAI-Nachfolger, BYD, Eli Lilly oder ein Robotik- und Energiesystemanbieter. Apple, Meta, Alibaba, Tencent, Berkshire Hathaway und Johnson & Johnson könnten aus der Spitzengruppe fallen. Das ist keine Prophezeiung. Es ist ein Szenario. Sein Wert liegt gerade darin, die Selbstgewissheit der Gegenwart zu beschädigen.

Schumpeters vergessene Diagnose

Der historische Vergleich führt weiter als jede Digitalrhetorik. Joseph A. Schumpeter untersuchte 1928 in „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ die Diskrepanz zwischen Wirtschaftsordnung und Sozialstruktur. Deutschland war wirtschaftlich längst kapitalistisch organisiert, gesellschaftlich aber noch von ländlichen, teils feudalen Gewohnheiten geprägt. Genau darin liegt die Aktualität. Heute operiert Deutschland in einer digitalisierten Ökonomie mit industriekapitalistischen Rezepten.

Zur Reichsgründung 1871 lebten nahezu zwei Drittel der Bevölkerung in Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern, kaum fünf Prozent in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, der Anteil der Landbevölkerung war um die Hälfte geschrumpft. Die Mechanisierung der Landwirtschaft trieb Menschen aus alten Erwerbsformen in neue Räume. Aus der Agrarfrage wurde eine Stadtfrage, aus der Stadtfrage eine Klassenfrage.

Schumpeters Text von 1927 über „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“ fügt eine zweite, härtere Beobachtung hinzu: Klassenstatus ist Erbschaft vergangener Ereignisse, damit immer anachronistisch. Reiche Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts an der Spitze standen, waren drei Generationen später oft verschwunden. Sparsamkeit, Routine und solide Verwaltung reichen für den Verbleib oben gerade nicht aus. Wer nur bewahrt, wird von risikofreudigeren Wettbewerbern aus dem Rang gedrückt. Das ist auch heute wieder zu beobachten: Alte Unternehmerinnen und Unternehmer wagen keine neuen Investitionen. Sie verwalten höchstens ihr Vermögen. Dynastie-Untergang häufig die Folge.

Deutschland im falschen Betriebssystem

Der Strukturwandel der Gegenwart vollzieht sich ohne Landflucht, aber mit ähnlicher Wucht. Die Menschen ziehen weniger vom Dorf in die Stadt; ihre Tätigkeiten wandern aus Abteilungen, Werkhallen, Filialen und Verwaltungen in Software, Datenmodelle, automatisierte Workflows und Plattformarchitekturen. Die alte Trennung zwischen Industrie und Dienstleistung verliert an Erklärungskraft. Ein Maschinenbauer, der keine Datenprodukte beherrscht, verkauft bald nur noch Gehäuse. Ein Automobilhersteller ohne Software- und Batteriemacht liefert die Karosserie für fremde Betriebssysteme. Eine Bank ohne KI-fähige Prozessarchitektur wird zur regulierten Hülle.

Deutschland erlebt dabei eine doppelte Verschiebung. Der industrielle Kern bleibt wertvoll, doch sein Anteil an der künftigen Wertschöpfung hängt immer stärker an Software, Sensorik, Simulation, Energieeffizienz, Robotik, Plattformzugang und Halbleiterketten. Zugleich wächst die Gefahr einer k-förmigen Ökonomie. Oben steigen Kapitaleigner, KI-Spezialisten, Modellarchitekten, Cloud-Anbieter und Eigentümer knapper Infrastruktur. Unten geraten jene unter Druck, deren Arbeit standardisierbar, deren Wohnort immobil, deren Qualifikation veraltet oder deren Vermögen gering ist. Studien zur generativen KI in Europa zeigen eine ungleiche Verbreitung: Nutzung und Vorteile konzentrieren sich dort, wo digitale Fähigkeiten, Weiterbildung und organisatorische Mitsprache vorhanden sind.

Die neue Arbeitsfrage

Die Zukunft der Arbeit wird weniger durch den Roboter am Fließband entschieden als durch den Agenten im Büro. Sachbearbeitung, Berichtswesen, Compliance, Controlling, Standardberatung, Einkauf, Marketingproduktion, Übersetzung, Softwaretests und Teile der Entwicklung werden neu sortiert. Hochqualifizierte Tätigkeiten geraten erstmals in den unmittelbaren Zugriff der Automatisierung. Untersuchungen zu KI und Arbeit zeigen, dass gerade analytische, nicht-routinemäßige Tätigkeiten eine hohe KI-Berührbarkeit aufweisen.

Für Deutschland entsteht daraus keine einfache Verlustrechnung. KI kann Produktivität heben, Ingenieurarbeit erweitern, Simulation beschleunigen, Wartung verbessern, Materialeinsatz senken und Mittelständler global anschlussfähig halten. Doch die Gewinne verteilen sich nicht automatisch. Wer über Kapital, Daten, Modelle, Plattformzugang und Weiterbildung verfügt, zieht davon. Wer nur auf Beschäftigungsschutz ohne Fähigkeitsumbau setzt, verteidigt die alte Stelle gegen eine neue Wertschöpfungslogik.

Damit rückt Weiterbildung vom Sozialthema ins Zentrum der Industriepolitik. Es reicht nicht, Beschäftigte an neue Tools heranzuführen. Sie müssen lernen, mit Modellen zu prüfen, zu steuern, zu widersprechen, zu kombinieren. Die kommende Arbeitswelt verlangt Urteilskraft im Umgang mit maschineller Vorarbeit. Der Mensch verschwindet nicht aus der Wertschöpfung. Er verliert aber jene Tätigkeiten, in denen er nur als langsameres Interface diente.

Der Neustaat verträgt keinen weiteren Ausschuss: Vom Reformbuch zur Regierungsprobe – Debattenstoff für die re:publica #rp26

Detlef Gürtler hat den Zorn vieler auf den Punkt gebracht. Vor fünf Jahren erschien mit Neustaat ein Buch, das mehr war als ein hübsch gebundenes Reformversprechen. Es war der Versuch, den deutschen Staat aus seiner administrativen Selbstgenügsamkeit zu lösen. Thomas Heilmann und Nadine Schön legten damals, unterstützt und gefördert von Ralph Brinkhaus, eine Programmschrift vor, die Digitalisierung nicht als Behördenkosmetik verstand, sondern als Umbau staatlicher Handlungsfähigkeit.

Heute ist die Nach-Merkel-Union an der Macht. Heute gibt es ein Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Heute wäre der Augenblick, in dem das Reformwissen von damals in Regierungspraxis übersetzt werden müsste. Gürtler schreibt auf LinkedIn, die damaligen Autorinnen und Autoren seien aus dem Bundestag verschwunden oder hätten ihre Machtpositionen verloren; zuständig sei nun Philipp Amthor, der nach Monaten im Amt vor allem einen Staatssekretärsausschuss für Staatsmodernisierung und Bürokratierückbau in Aussicht stelle. Sein spitzer Satz lautet: „Wir haben nicht ein Umsetzungsproblem, sondern zwei. Sie heißen Karsten Wildberger und Philipp Amthor.“

Man kann diesen Satz zitieren, ohne ihn sich zu eigen zu machen. Gerade beim neuen Minister wäre größere Fairness angebracht. Karsten Wildberger übernimmt kein leeres Feld, das man nur klug bestellen müsste. Er übernimmt ein Gelände voller Kabelreste, Ressortgrenzen, vergaberechtlicher Sicherungen, föderaler Abwehrreflexe und haushalterischer Vorbehalte. Ein Digitalministerium entsteht nicht dadurch, dass man ein Schild an eine Tür schraubt. Es muss sich Zuständigkeiten, Budgetmacht und politische Autorität erst erarbeiten.

Bei Philipp Amthor liegt die Sache anders. Wer Staatsmodernisierung mit dem Hinweis beginnt, man werde erst einmal einen Ausschuss ins Leben rufen, bedient genau jene Verwaltungslogik, aus der der Staat herausfinden muss. Das Land braucht nicht den nächsten Ort, an dem Zuständigkeiten vorsichtig umkreist werden. Es braucht eine Instanz, die Entscheidungen herbeiführt. Das Credo kann daher nur lauten: Kein weiterer Arbeitskreis, Herr Amthor.

Das zweite Regierungsjahr als Wahrheitsprobe

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Digitales und Staatsmodernisierung der CDU/CSU Bundestagsfraktion, hat für das zweite Regierungsjahr eine Formel gewählt, die in ihrer Wiederholung fast administrativ klingt und gerade dadurch trifft: „Umsetzung, Umsetzung, Umsetzung.“ In seinem LinkedIn-Beitrag spricht er von schlechten Konzepten, verschobenen Entscheidungen und weitergereichter Verantwortung. Er richtet den Blick auf Führungskräfte im öffentlichen Dienst, auf Fehlerkultur, Weiterbildung, Projektmanagement und Führungsfähigkeit. Er erinnert daran, dass Veränderung nicht durch Roadmaps entsteht, die vom Tagesgeschäft verschluckt werden.

Bemerkenswert ist die Verschiebung der Perspektive. Brinkhaus redet nicht in erster Linie über Technik. Er redet über Führung. Über formale Qualifikationen, die nicht mehr alles entscheiden dürfen. Über Führungsprinzipien für die Bundesverwaltung. Über externe Erfahrung in Ministerien. Über Projekterfahrung, befristete Führungspositionen und die Trennung von Fach- und Führungskarrieren.

Das ist nicht Verwaltungspoesie, es ist Machtkritik. Denn der deutsche Staat vergibt Verantwortung oft nach Laufbahnlogik, nicht nach Problemlösungskraft. Er belohnt Absicherung, Aktenfestigkeit und Konfliktvermeidung. Wer im Dienstweg reibungslos funktioniert, steigt auf. Wer quer denkt, riskiert Reibung. Wer entscheidet, riskiert Fehler. Wer vertagt, bleibt häufig unbeschadet.

Die Kommentare unter Brinkhaus’ Beitrag zeigen, dass dieser Nerv getroffen wurde. Georg Stephan Barfuß verweist auf Leadership, Diversität, Quereinstieg, Projekterfahrung, Digitalkompetenz und KI. Katherina Orlinska weitet den Führungsbegriff über disziplinarische Personalverantwortung hinaus. Peggy Staffa spricht von entscheidungsfähigen, empathischen, mit agilen Techniken vertrauten Führungskräften und kritisiert Beurteilungssysteme, die solche Fähigkeiten kaum abbilden. Hans-Christian Witthauer weist darauf hin, dass Führung im öffentlichen Dienst oft keinen eigenen Wert besitzt, während die Bundeswehr jede Führungsebene gezielt ausbildet.

Mathias Greb verweist auf den MPA-Masterstudiengang der Hochschule des Bundes, in dem digitale Vorhaben, Change Management, agiles Management und digital-soziale Interaktion eine Rolle spielen. Kateryna Haas macht den entscheidenden Einwand: Verantwortung lässt sich nur übernehmen, wo Entscheidungsspielräume geklärt sind. Jan-Hinrich Hey spricht von organisatorisch verdünnter Verantwortung. Kerstin Meißler sieht Technik als politisch leichter verkäuflich als die Arbeit an Menschen, Anreizen und Entscheidungswegen. Sascha Soyk und Witthauer erinnern an militärische Führungsgrundsätze: Entscheiden bei Unsicherheit, Auftrag statt Weisungswarten, Risiko nicht verdrängen. Das sind keine Randbemerkungen. Es ist ein Gegenbild zur Gremienrepublik.

Richenhagens Vermächtnis

An diesem Punkt führt die Debatte zurück zu Gottfried Richenhagen. Der verstorbene Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Personalmanagement und Public Management hat vor Jahren formuliert, woran die öffentliche Verwaltung bei der Digitalisierung wirklich scheitert. Nicht zuerst am Mangel an Software. Nicht zuerst am Datenschutz. Nicht zuerst am Föderalismus. Diese Faktoren spielen ihre Rolle. Doch der eigentliche Bruch liegt tiefer.

Richenhagen beschrieb die Spannung zwischen der klassischen Max-Weber-Verwaltung und einer agilen Verwaltung. Die Max-Weber-Verwaltung bleibt notwendig. Sie sichert Rechtmäßigkeit, Gleichbehandlung, Verlässlichkeit. Niemand sollte einen Staat wollen, der nur noch experimentiert. Aber diese Verwaltungsform reicht nicht mehr aus, um digitale Prozesse zu entwerfen, über Ressortgrenzen hinweg zu arbeiten, aus Fehlern zu lernen und bürgernahe Lösungen iterativ zu entwickeln.

Richenhagen sprach von einem zweiten Modus. Verwaltung muss beides können: rechtssicher handeln und beweglich lernen. Genau das meint Ambidextrie im öffentlichen Sektor. Die eine Hand hält den Rechtsstaat stabil, die andere baut neue Verfahren. Deutschland hat die erste Hand über Jahrzehnte perfektioniert. Die zweite wurde oft als modische Zumutung behandelt.

Seine Analyse des Onlinezugangsgesetzes bleibt ein Lehrstück. Bürgerinnen und Bürger füllen digitale Formulare aus, die in der Behörde als PDF oder in ähnlicher Form landen. Der Sachbearbeiter überträgt die Angaben in alte Abläufe. Aus Digitalisierung wird Zusatzarbeit. Die Benutzeroberfläche sieht nach Zukunft aus, der Prozess dahinter bleibt Vergangenheit. Das ist nicht Transformation, das ist eine elektronische Verlängerung des Papierstaats.

Richenhagen verstand: Digitalisierung beginnt erst, wo der Prozess selbst neu gedacht wird. Der digitale Staat entsteht nicht am Portal, sondern im Ablauf. Nicht an der Oberfläche, sondern in der Organisation. Nicht bei der App, sondern bei der Frage, wer entscheidet, wer lernt, wer Verantwortung trägt und wer die Arbeit wirklich anders macht.

Digitalkompetenz ist Anwendungskompetenz

Besonders wichtig bleibt Richenhagens Hinweis auf die doppelte Kompetenzlücke. Natürlich braucht die Verwaltung IT-Fachkräfte. Natürlich braucht sie Menschen, die Daten, Schnittstellen, Softwarearchitekturen und Sicherheit verstehen. Aber Richenhagen sah den größeren Mangel bei den außerfachlichen Fähigkeiten: Teamarbeit, Kommunikation, Lernfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Führung in unsicheren Lagen.

Hier berührt sich sein Denken mit dem, was Thomas Jennewein von SAP unter „Adoption“ fasst. Technologie verändert nichts, solange sie nicht angenommen, verstanden und in Arbeitsvollzüge integriert wird. Digitalkompetenz bedeutet nicht, eine Schulung zur E-Akte besucht zu haben. Digitalkompetenz bedeutet, digitale Werkzeuge in Entscheidungen, Kooperation und Problemlösung einzubetten. Sie ist Anwendungskompetenz.

Der Unterschied ist gewaltig. Eine Behörde kann Software einführen und dennoch analog bleiben. Sie kann eine Cloud nutzen und weiter in Zuständigkeitskästchen denken. Sie kann KI-Piloten starten und ihre Beschäftigten zugleich in Beurteilungssystemen halten, die Risikovermeidung belohnen. Dann entsteht kein digitaler Staat. Dann entsteht ein analoger Staat mit besserer Verpackung.

Richenhagen kritisierte deshalb klassische Weiterbildungskataloge, in denen Beschäftigte am Jahresanfang Seminare auswählen, ohne dass Kompetenzentwicklung strategisch gesteuert wird. Eine agile Verwaltung benötigt Lernbegleitung, Projektlernen, Fallarbeit und Rückmeldung im Alltag – Sohn@Sohn nennen das Ingame-Coaching, also Lernen in Echtzeit. Wer digitale Prozesse gestalten soll, muss an echten Problemen lernen. Nicht an Folien. Nicht in ritualisierten Webinaren. Nicht durch Unterweisung allein. Das wäre auch ein Thema für die Zukunft Personal: Denn Richenhagens Blick auf Stellenanzeigen im öffentlichen Dienst zeigte, wie tief das Problem reicht. Digitale Kompetenzen werden für fachliches Verwaltungspersonal so gut wie gar nicht nachgefragt; ihre relative Häufigkeit liegt unter einem Prozent. Damit verraten die Ausschreibungen mehr über den Zustand der Verwaltung als manches Strategiepapier. Gesucht wird noch immer, was gestern genügte. Benötigt würde aber, was morgen trägt: Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, digitale Anwendungskompetenz, Projektfähigkeit und die Bereitschaft, Verwaltung nicht nur zu vollziehen, sondern neu zu lernen.

Das ist der Kern der Anwendungskompetenz: Verwaltung muss ihr eigenes digitales Hundefutter essen. Wer Bürgerinnen und Bürgern digitale Prozesse zumutet, muss intern selbst digital arbeiten können. Wer E-Government predigt, darf keine Entscheidungswege pflegen, die aus dem Kaiserreich stammen.

Die Bitkom-Runde und der Sinn für Wirklichkeit

Die Bitkom-Tacheles-Runde über das neue Digitalministerium zeigte, dass diese Einsichten allmählich in der politischen Debatte ankommen. Brinkhaus sprach dort von „Denken auf Vorrat“ und warnte zugleich vor der Illusion schneller Quick Wins. Rebecca Lehnhard rückte die Akzeptanz der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Digitalisierung gelinge nur, wo sie genutzt werde. Change-Schmerzen müssten benannt werden. Parsa Marvi verwies auf solide Titel bei der Registermodernisierung, wobei die strukturelle Verankerung im Haushalt die eigentliche Bewährungsprobe bleibt.

Das ist ein anderer Ton als die alte Digitalpolitik der Sonntagsreden. Der Deutschland-Stack, die E-Wallet, Registermodernisierung, Cybersicherheit, strategische Vorausschau und KI-Investitionen sind keine isolierten Projekte. Sie ergeben nur Sinn, wenn sie einem gemeinsamen Leitbild folgen: Der Staat muss nicht digital dekoriert, er muss arbeitsfähig gemacht werden.

Bitkom-Präsident Achim Berg hatte dafür schon früher die richtige Richtung formuliert: Digitalisierung darf kein Anhängsel bleiben. Sie gehört ins Zentrum. Ein echtes Digitalministerium benötigt Kernkompetenzen, eigenes Budget, Federführung bei Verwaltungsdigitalisierung, E-Government, Telekommunikation, Breitbandausbau und Schlüsseltechnologien. Es braucht Spiegelreferate in andere Häuser, ein Veränderungsbudget und im Zweifel Vetorechte gegen Maßnahmen, die den Anspruch einer Digitalpolitik aus einem Guss zerstören.

Genau daran entscheidet sich Wildbergers Erfolg. Er muss aus einem neuen Ressort eine steuernde Kraft machen. Nicht allein durch Charisma. Durch Verfahren, Haushaltsmacht, Prioritätensetzung und sichtbare Ergebnisse. Die Schonfrist ist kurz, aber sie sollte real sein. Ein neu geschaffenes Ministerium kann nicht in wenigen Wochen reparieren, was über Jahre in Ressortlogiken und föderalen Aushandlungsroutinen zerfasert ist. Es darf allerdings auch nicht die Sprache dieser Routinen übernehmen.

Der Ausschuss als Ausrede

Hier wird Amthors Ankündigung problematisch. Ein Staatssekretärsausschuss kann koordinieren. Er kann Konflikte vorbereiten. Er kann Informationen bündeln. Aber er ersetzt keine Entscheidung. In der deutschen Digitalpolitik ist Koordination zu oft das Wort gewesen, mit dem man Führung vermieden hat.

Der digitale Staat scheitert nicht an fehlenden Runden. Er scheitert an fehlender Verbindlichkeit. Wer darf Standards setzen? Wer verfügt über Budget? Wer stoppt Doppelentwicklungen? Wer zwingt Ressorts, ihre Fachverfahren Ende-zu-Ende zu digitalisieren? Wer entscheidet, welche Pilotprojekte beendet werden? Wer trägt die Verantwortung, wenn die föderale Einigung ausbleibt?

Ein weiterer Ausschuss beantwortet diese Fragen nicht. Er vertagt sie mit Geschäftsordnung.

Der Satz „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“ ist nur dann mehr als eine Formel, wenn daraus eine Änderung der politischen Arbeitsweise folgt. Umsetzung bedeutet, Prioritäten gegen Widerstände durchzuhalten. Umsetzung bedeutet, lieb gewonnene Ressortautonomie zu begrenzen. Umsetzung bedeutet, Personalrecht, Haushaltsrecht und Vergaberecht nicht als Naturgesetze zu behandeln. Umsetzung bedeutet, Pilotprojekte nicht endlos zu feiern, sondern nach Wirkung zu beurteilen.

Neustaat als Handlungsarchiv

Das Reformprogramm liegt längst vor. Neustaat enthält zahlreiche Vorschläge, die heute fast dringlicher wirken als 2020. Eine digitale Plattform für Mitarbeiterbefragungen würde helfen, Verwaltungskultur überhaupt messbar zu machen. Vereinfachte Reisekostenprozesse wären mehr als eine Kleinigkeit, weil sie den Beschäftigten zeigen, dass Modernisierung auch ihnen das Leben erleichtert. Rotations- und Projektpflichten würden Silos aufbrechen. Inter- und intrabehördliche Taskforces könnten Krisenfähigkeit und projektbezogene Flexibilität erhöhen. Austausch mit der Privatwirtschaft würde neue Kompetenzen in den Staat bringen. IT-Erfahrung für Vorgesetzte wäre ein Signal, dass digitale Veränderung nicht an Spezialisten delegiert werden darf. Eine IT-Fachkräftezulage auch für Beamte könnte Personalbindung verbessern. Digitales Personalvertretungsrecht würde Beteiligung in agilen Prozessen ermöglichen. Offene Stellenausschreibungen, neue Beförderungssysteme und 360-Grad-Feedback würden Loyalitätskarrieren schwächen. Eine Laufbahnreform, mehr Durchlässigkeit für Quereinsteiger, Kompetenzpools für Bewerber, ein Informatikstudiengang des Bundes und Zukunftstalentpläne würden den öffentlichen Dienst auf den demographischen Abgang vorbereiten. Das alles ist keine Fantasie. Es ist ein Werkzeugkasten. Man muss ihn öffnen.

Gerade Richenhagens Denken gibt diesem Katalog Tiefe. Denn er zeigt, dass einzelne Reformen nur wirken, wenn sie eine andere Verwaltungslogik ermöglichen. Projektpflicht ohne Entscheidungsspielräume bleibt Symbolik. Weiterbildung ohne Anwendung bleibt Beschäftigung. Digitale Plattformen ohne Prozessumbau bleiben Fassade. Führung ohne Risiko bleibt Verwaltung des Vorhandenen.

Agilität ohne Theater

Agilität ist in Deutschland oft als Folienwort beschädigt worden. Zu viele Workshops, zu viele bunte Klebezettel, zu wenig Veränderung. Richenhagen war gegen diese Verflachung immun. Für ihn hieß Agilität nicht Unordnung, Beliebigkeit oder Start-up-Imitation. Sie hieß: kleine Schritte, Lernen am Fall, interdisziplinäre Teams, andere Didaktik, schnellere Rückmeldung, mehr Selbstorganisation, klare Aufträge.

Der klassische Dienstweg, wie Kerstin Meißler in der Diskussion schrieb, führt häufig in die Sackgasse. Vielleicht sogar auf einen Holzweg. Das ist kein Angriff auf die Verwaltung. Es ist ein Hinweis auf eine Organisationsform, die für andere Zeiten gebaut wurde. Der Rechtsstaat braucht Regelbindung. Die digitale Transformation braucht zusätzlich Entscheidungstempo. Wer beides gegeneinanderstellt, verliert beides.

Die Bundeswehr, auf die mehrere Diskussionsbeiträge verweisen, ist hier nicht als martialisches Vorbild interessant. Interessant ist der Gedanke der Auftragstaktik: Handeln im Sinne des Auftrags, nicht bloß Warten auf Weisung. Entscheidungen auch unter Unsicherheit. Verantwortung dort, wo die Lage sichtbar wird. Für die zivile Verwaltung wäre das ein enormer Kulturwechsel.

Das Vermächtnis bleibt Auftrag

Gottfried Richenhagen ist verstorben. Seine Gedanken sollten nicht in Tagungsbänden und Transkripten verschwinden. Er hat früh gesehen, dass Deutschland die Digitalisierung der Verwaltung falsch adressiert, solange Technik vor Organisation behandelt wird. Er hat verstanden, dass Agilität und Digitalisierung zusammengehören. Er hat die Kompetenzfrage gestellt, bevor sie unter dem Schlagwort KI unausweichlich wurde. Er hat die soziale Seite der Modernisierung ernst genommen, ohne die technische zu unterschätzen.

In seinem Sinne müsste die neue Digitalpolitik drei Dinge leisten. Erstens: digitale Vorhaben konsequent mit Prozessumbau verbinden. Zweitens: Führung und Anwendungskompetenz in der Verwaltung zur Kernfrage machen. Drittens: agile Einheiten schaffen, die außerhalb der üblichen Trägheit handlungsfähig sind, ohne den Rechtsstaat zu relativieren.

Das neue Digitalministerium kann dafür der richtige Ort werden. Es braucht dafür Rückendeckung aus dem Kanzleramt, Klarheit im Haushalt 2026, einen Deutschland-Stack mit verbindlicher Architektur und ein Personalverständnis, das den öffentlichen Dienst nicht nur verwaltet, sondern befähigt. Es braucht Führungskräfte, die Digitales nicht an Referate abschieben. Es braucht Beschäftigte, deren Erfahrung einbezogen wird. Es braucht ein Parlament, das Kennzahlen verlangt und nicht nur Absichtserklärungen beklatscht. Was es nicht braucht, ist die nächste Runde im Besprechungskarussell.

Herr Amthor, der Neustaat wartet nicht auf seinen Arbeitskreis. Er wartet auf Entscheidungen.

Die Zumutung des Zuhörens: Eine freie Gesellschaft beginnt dort, wo Irrtum erlaubt ist – Auf der Suche nach einer Popper-KI #rp26 #Pörksen #VonGehlen #Niggemeier

Karl Poppers kritischer Rationalismus beginnt mit einer Zumutung an das eigene Ich: Die vernünftige Person sucht nicht zuerst nach Belegen, die sie bestätigt, sie sucht nach Widerlegungen. Erkenntnis entsteht nicht durch die Politur der eigenen Gewissheiten, vielmehr durch die Bereitschaft, sie einem Test auszusetzen. Poppers Wissenschaftsbild ist deshalb auch eine politische Zumutung. Eine freie Gesellschaft braucht Bürgerinnen und Bürger, die Irrtum nicht als Demütigung begreifen, Korrektur nicht als Niederlage und Meinungsänderung nicht als Verrat am eigenen Selbst.

Genau hier berühren sich zwei Sessions auf der re:publica-Konferenz in Berlin. Bernhard Pörksen spricht über Zuhören in einer Medienwelt, in der Information nicht mehr knapp ist, Aufmerksamkeit jedoch zur umkämpften Ressource wird. Soziale Medien versprechen Resonanz und produzieren doch häufig Enttäuschung, Ungeduld und Eskalation. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen fragen im Gespräch über bessere Debatten nach der Fähigkeit zur Meinungsänderung, nach der Trennung von Mensch und Meinung, nach privaten Räumen der Klärung in Zeiten von Desinformation und AI-Slop. Beide Vorträge kreisen um ein gemeinsames Problem: Die offene Gesellschaft verfügt technisch über mehr Stimmen denn je, verliert jedoch an Formen des Empfangens.

Poppers Theorie liefert dafür eine präzise Grammatik. Wissenschaft ist bei ihm kein Tempel endgültiger Wahrheiten. Sie ist ein Verfahren, Irrtümer sichtbar zu machen. Eine Theorie verdient Aufmerksamkeit, weil sie riskierbar ist, weil sie scheitern kann. Auf Politik übertragen heißt das: Auch Institutionen, Reformen, Debattenformate und öffentliche Routinen müssen so gebaut sein, dass Fehler entdeckt, korrigiert und ohne Gewalt bearbeitet werden können. Demokratie erscheint bei Popper nicht als Herrschaft einer moralisch reinen Mehrheit, vielmehr als Ordnung, in der Macht kontrolliert, Regierungen abgewählt und Irrtümer institutionell bearbeitet werden können.

Die Klugen sind nicht automatisch die Offenen

Das klingt nach einer Ethik der Vernunft, aber der Alltag widerspricht. Menschen suchen Bestätigung. Sie lesen, was zu ihnen passt. Sie abonnieren Stimmen, die ihnen die Welt erklärbar machen. Sie halten Gegenargumente nicht immer für Anlässe zur Prüfung, oft für Angriffe auf die eigene Person. Besonders unangenehm ist dabei die Einsicht, dass Intelligenz nicht automatisch gegen Selbsttäuschung schützt. Im Gegenteil: Wer schneller denkt, kann auch schneller ausweichen. Wer rhetorisch geübt ist, findet leichter Gründe, weshalb der eigene Irrtum keiner sein kann. Darauf machte Niggemeier aufmerksam.

Die besonders Schlauen sind daher nicht zwingend bessere Popperianer. Sie können raffiniertere Immunisierungsstrategen sein. Sie prüfen fremde Quellen härter als eigene. Sie bemerken Fehler der Gegenseite schneller als die Lücken im eigenen Lager. So entsteht eine paradoxe Figur der Gegenwart: der kritische Mensch, der Kritik vor allem als Werkzeug gegen andere verwendet.

Popper hätte darin kein Randproblem gesehen. Sein Denken richtet sich gegen jene Versuchung, die eigene Theorie gegen jede Erfahrung zu versiegeln. Eine Überzeugung, die nie scheitern kann, ist erkenntnistheoretisch verdächtig. Eine politische Identität, die jede Kritik als Feindseligkeit behandelt, ist demokratisch gefährlich. Genau an diesem Punkt wird der kritische Rationalismus aus einer Wissenschaftslehre zu einer Schule der Selbstbegrenzung.

Meinung wird zur sozialen Haut

Die Schärfe der Gegenwart liegt darin, dass Meinung immer seltener nur Meinung ist. Sie wird zur sozialen Haut. Sie wärmt, schützt, grenzt ab. Sie macht erkennbar, zu wem man gehört, welche Codes man versteht, welche Empörung man teilt, welche Verdächtigen man benennt. Man will nicht nur recht haben. Man will auf der Seite stehen, auf der das eigene Milieu Recht verteilt. Der Mainstream ist dann weniger eine inhaltliche Kategorie als ein sozialer Schutzraum: Dort wird Zustimmung wahrscheinlicher, Widerspruch kontrollierbarer, Zugehörigkeit sichtbarer.

Dirk von Gehlen hat für diesen Vorgang den Begriff der Memifizierung von Meinungen geprägt. Meinungen verhalten sich wie Memes: Sie erzeugen Innen und Außen, Eingeweihte und Unkundige, Zugehörige und Fremde. Ein Wort reicht, eine Formel, ein ironischer Code, eine vertraute Abwertung. Dann weiß das Publikum, wo jemand steht. In solchen Momenten muss kein Argument mehr entfaltet werden. Das Signal genügt.

Damit verändert sich der Sinn öffentlicher Rede. Man spricht nicht mehr mit dem Gegenüber, man spricht vor den eigenen Leuten. Man antwortet nicht, um geprüft zu werden, man antwortet, um Zustimmung aus dem eigenen Resonanzraum zu erhalten. Streit wird zur Aufführung. Die gegnerische Person dient als Requisit. Der Satz wird weniger nach seinem Wahrheitsgehalt beurteilt als nach seiner Lagerfunktion.

Das große Rauschen und der Verlust des Empfangens

Bernhard Pörksen setzt genau hier an. In einer Medienwelt, in der fast alle senden können, wird Zuhören zur knappen Kulturtechnik. Die alte publizistische Ordnung kannte Zugangshürden. Wer senden wollte, brauchte Redaktion, Verlag, Frequenz, Druckmaschine, Studio. Heute genügt ein Gerät, ein Account, ein Impuls. Die Demokratisierung des Sendens hat unbestreitbar befreiende Seiten. Sie hat Stimmen hörbar gemacht, die früher leichter übergangen wurden. Sie hat Macht kontrollierbarer und Öffentlichkeit vielstimmiger gemacht.

Doch die Explosion des Sendens hat das Empfangen nicht automatisch verbessert. Aufmerksamkeit bleibt begrenzt. Je mehr Botschaften zirkulieren, desto größer wird der Druck, sie zu verschärfen. Aus Mitteilung wird Reiz. Aus Argument wird Trigger. Aus Kritik wird moralische Sofortverurteilung. Das Resonanzversprechen der Plattformen lautet: Du kannst gehört werden. Die alltägliche Erfahrung lautet oft: Du gehst unter. Also wird lauter gesprochen, schneller geurteilt, härter markiert.

Pörksens Kunst des Zuhörens ist unter diesen Bedingungen kein pädagogisches Wohlfühlprogramm. Sie ist eine politische Technik. Zuhören bedeutet nicht, jede Position zu übernehmen. Es bedeutet, eine fremde Weltsicht so weit an sich heranzulassen, dass die eigene Ablehnung nicht auf einem Zerrbild beruht. Es bedeutet, den anderen nicht schon vor dem ersten Satz erledigt zu haben. Es bedeutet, sich kurz der Möglichkeit auszusetzen, dass im fremden Einwand ein Hinweis auf den eigenen blinden Fleck liegt.

Die Talkshow liebt die unveränderte Meinung

Das erklärt auch, weshalb viele öffentliche Debatten so unbefriedigend wirken. Sie sind nicht auf gemeinsame Prüfung angelegt, eher auf Wiedererkennbarkeit. Die Rollen stehen vorher fest. Die Zuschauer wissen, wer wofür eingeladen wurde. Die Beiträge bestätigen Erwartungen. Der eine sagt, was der eine sagen muss, die andere widerspricht, wie sie widersprechen soll. Erkenntnis ist nicht ausgeschlossen, aber sie ist nicht die tragende Form.

Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen interessieren sich deshalb für die Frage, wie Debatten aussehen müssten, in denen Meinungsänderung nicht als Gesichtsverlust erscheint. Das ist ein hoher Anspruch, denn öffentliche Kommunikation belohnt häufig das Gegenteil. Wer nachgibt, verliert. Wer differenziert, schwächt die eigene Position. Wer ein Argument der Gegenseite anerkennt, riskiert, aus dem eigenen Lager Misstrauen zu ernten.

In dieser Logik wird die alte republikanische Tugend des Lernens beschädigt. Ein freier Bürger darf nicht nur reden. Er muss auch anders aus einem Gespräch herauskommen dürfen, als er hineingegangen ist. Ohne diese Möglichkeit wird Meinungsfreiheit halbiert. Dann bleibt vom öffentlichen Austausch nur die Sendelizenz der bereits Überzeugten.

Der ideologische Turing-Test als Schule der Fairness

Ein praktisches Gegenmittel ist der ideologische Turing-Test. Wer eine gegnerische Position kritisiert, soll sie zuerst so darstellen, dass deren Vertreter sich darin wiedererkennen. Erst dann beginnt der Streit. Diese Übung wirkt simpel, ist aber radikal. Sie unterbricht den bequemsten Mechanismus der Polarisierung: die Karikatur des anderen.

Man kann eine Position weiterhin falsch, gefährlich oder abwegig finden. Doch man muss wissen, welche Position man ablehnt. Wer nur gegen eine verzerrte Version kämpft, beweist vor allem die eigene Immunität gegen Erkenntnis. Der ideologische Turing-Test zwingt dazu, den Gegner nicht als bloßes Bündel schlechter Motive zu behandeln. Er fragt nicht: Wie kann ich den anderen besiegen? Er fragt: Habe ich verstanden, was ich zurückweise?

Damit nähert sich Debatte dem popperschen Ideal. Eine Theorie soll nicht gegen ihren schwächsten Gegner getestet werden, vielmehr gegen die beste Einwendung. Eine Meinung gewinnt nicht dadurch an Qualität, dass sie sich mit Dummheit umgibt. Sie gewinnt, falls sie ernsthafte Gegenargumente übersteht oder sich unter ihrem Druck verändert.

Zuhören ist kein Nachgeben

Gegen diese Gesprächsethik gibt es einen berechtigten Einwand. Nicht jeder Konflikt ist ein Missverständnis. Nicht jede aggressive Position verdient eine Bühne. Nicht jede autoritäre Strategie lässt sich durch Geduld entschärfen. Es gibt Propaganda, Einschüchterung, Lüge, organisierte Verachtung. Wer hier nur vom Zuhören spricht, verharmlost Macht.

Gerade deshalb ist Popper wichtig. Die offene Gesellschaft ist keine wehrlose Gesellschaft. Toleranz darf nicht zur Selbstabschaffung führen. Demokratische Öffentlichkeit muss ansprechbar bleiben, aber sie muss auch jene begrenzen, die diese Ansprechbarkeit zerstören wollen. Zuhören bedeutet nicht Unterwerfung. Verstehen bedeutet nicht Billigung. Fairness gegenüber einem Argument bedeutet nicht Blindheit gegenüber den Folgen einer Politik.

Die Schwierigkeit besteht darin, diese Grenze nicht zu bequem zu ziehen. Wer jede Zumutung zur Gefahr erklärt, verwandelt Demokratie in ein Schutzsystem für die eigene Empfindlichkeit. Wer jede Gefahr zur bloßen Zumutung erklärt, macht Demokratie naiv. Zwischen beiden Fehlern liegt die anspruchsvolle Kunst öffentlicher Urteilskraft.

Künstliche Intelligenz als Probezimmer des Widerspruchs

In der Session von Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen taucht ein Gedanke auf, der zunächst technikoptimistisch klingen kann, aber politisch interessant ist: KI-Sprachmodelle könnten Räume privater Klärung eröffnen. Nicht als Wahrheitsrichter, nicht als Ersatz für Öffentlichkeit, nicht als Autorität. Eher als Probezimmer des Widerspruchs. Die KI-Maschine als Kurator für Offenheit.

Vor dem öffentlichen Beitrag könnte man eine Maschine fragen: Welche Einwände gegen meine Position übersehe ich? Wo verwechsle ich Kritik mit Kränkung? Welche gegnerische Formulierung wäre die fairste? Was müsste ich wissen, um weniger selbstsicher zu urteilen? Das wäre eine poppersche Nutzung von KI. Nicht die Maschine hätte recht. Sie würde helfen, die eigene Meinung riskierbarer zu machen.

Natürlich liegt darin auch Gefahr. KI kann Textmüll vermehren, Scheingewissheit erzeugen, Phrasen glätten und Konflikte verkitschen. Doch als Instrument der Selbstprüfung könnte sie das leisten, was öffentliche Räume oft verhindern: Widerspruch ohne sofortigen Statusverlust. Man kann im Privaten testen, bevor man im Öffentlichen sendet. Man kann die eigene Überzeugung belasten, bevor sie zur sozialen Rüstung wird.

Demokratie lebt von korrigierbaren Menschen

Der gemeinsame Gedanke der beiden re:publica-Sessions lautet daher nicht, alle sollten netter miteinander reden. Das wäre zu klein. Es geht um die epistemische Grundausstattung der Demokratie. Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die ihre Überzeugungen nicht wie Besitzstände verwalten. Sie braucht Medien, die nicht nur Rollen ausstellen. Sie braucht Institutionen, die Korrektur nicht als Störung behandeln. Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die zwischen Person und Meinung unterscheiden können.

Popper liefert die theoretische Härte dieses Gedankens. Pörksen liefert seine kommunikative Form. Stefan Niggemeier und Dirk von Gehlen liefern seine medienpraktische Zuspitzung. Zusammen entsteht ein Bild demokratischer Reife, das wenig mit Harmonie zu tun hat. Streit bleibt notwendig. Konflikt bleibt produktiv. Kritik bleibt scharf. Aber sie muss auf eine Weise geführt werden, die Veränderung möglich macht.

Die offene Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, die immer schon richtig lagen. Sie besteht aus Menschen, die irren dürfen, ohne ihr Gesicht zu verlieren, und aus Institutionen, die Fehler auffindbar machen, bevor sie zerstörerisch werden. Im großen Rauschen wird Zuhören deshalb zu einer Freiheitsübung. Nicht als Dekoration guter Manieren. Als Bedingung dafür, dass Meinung wieder beweglich wird.

Axel Matthes und das Recht auf gefährliche Bibliotheken

Ein Verleger ist kein Register

Ein Verleger wird neunzig, und sofort steht die Literaturkritik vor jener Versuchung, die ihr seit den Tagen der großen moralischen Sortierapparate am liebsten ist: Man legt die Akte auf, ordnet die Namen, streicht mit rotem Bleistift durch das Zwielicht und nennt das Ergebnis ein Leben. Bei Axel Matthes führt diese Methode rasch zu dramatischen Funden. Man muss nur Bataille, de Sade, Artaud, Klossowski, Apollinaire, Syberberg, Bloy, Maschke hintereinander aussprechen, und schon knistert das Papier, als hätte der Katalog ein Vorstrafenregister. Doch ein Verleger ist kein Register. Er ist der Mensch, der die unausgesprochenen Verwandtschaften zwischen Texten spürt, ehe die Literaturwissenschaft sie nachträglich mit Apparaten, Fußnoten und Gattungsdisziplin versieht.

Autobiographie in Lieferverzeichnissen

Axel Matthes gehört zu den seltenen Figuren der deutschen Nachkriegsliteratur, bei denen das Verlegen nicht Beruf, Branche, Karriere war, vielmehr eine Form der Selbstbefragung mit typographischen Mitteln. Andreas Rötzer hat dafür die schöne Formel vom „autobiographischen Verlegen“ gefunden. Sie trifft, weil sie den Verlag nicht als Firma auffasst, vielmehr als ausgelagertes Bewusstsein, als gedruckte Nervenschrift eines Lesers, der glücklicherweise nie ganz Unternehmer wurde.

Matthes selbst hat den Ursprung dieses Lebens denkbar unheroisch beschrieben. Seit dem neunten Lebensjahr sei er ein unersättlicher Leser, nun sei eine Null hinzugekommen. Herrlicher kann man neunzig Jahre kaum zusammenfassen: nicht als Bilanz, als Rechenfehler der Leidenschaft. Aus dem Kind, das las, wurde kein Funktionär des Buchmarkts, kein Verwalter von Novitäten. Aus dem Leser wurde einer, der eines Tages entscheiden durfte, dass ein Buch auf Deutsch erscheinen sollte. 1967, bei einem traditionellen Verlag, erwarb er Rechte, bestimmte Übersetzung, Umschlag, Ausstattung; das Buch hieß „All Night Stand“. Ein kleiner Poproman, ein englischer Titel, ein Anfang als Weihnachtsrausch. Die erste verlegerische Tat war kein Manifest, eher eine Lizenz zum Glück.

Das Bild sucht sein Buch

Hier beginnt die eigentliche Philologie dieses Lebens. Matthes denkt das Buch vom Umschlag her, vom Bild her, von jenem Vorschein, der dem Text vorausgeht. Beim Herbig Verlag erhielt er früh Verantwortung für Cover; bald darauf, in der Gründungszeit von Rogner & Bernhard, blieb die Überzeugung erhalten, dass Bücher im Imaginären entstehen. „Bilder zu entdecken, zu denen nur noch das Buch fehlte“: Dieser Satz gehört in jede künftige Geschichte des deutschen Verlegens. Er enthält das Gegenteil der heutigen Inhaltsverwaltung. Nicht der Stoff sucht seine Verpackung. Das Bild ruft den Text herbei.

Zwischen Marx und Benjamin

Rogner & Bernhard, diese wunderbare Namenskupplung aus Patriziat und Garagenrevolte, bewegte sich für Matthes zwischen Karl Marx und Walter Benjamin. Auch hier war die Philologie sofort elektrisiert. Marx, Benjamin: Das hieß Ware und Aura, Revolution und Zitat, Druckerschwärze und Erlösungsfunke. Es war die Zeit, in der der Verlag den Furor der späten sechziger Jahre mit der Gelehrsamkeit der Bibliothek kurzschloss. Theorie trat nicht als Seminarstoff auf, Literatur nicht als Ornament. Beides roch nach Druckerschwärze, Verdacht, Befreiung.

In diese Rogner-&-Bernhard-Zeit gehört Apollinaire, genauer: „Die elftausend Ruten“. Man muss dieses Buch nicht lieben, um seine Rolle in der Verlagsmythologie zu verstehen. Die Ausgabe trat als „Bibliotheca Erotica et Curiosa“ auf, mit Übersetzernamen, Vorwort, Nachwort, Reihensiegel, mithin mit allem, was aus dem Anstößigen zunächst ein ordentliches bibliographisches Objekt macht. Doch das eigentliche Kabinettstück lag nicht im Buch, es lag ihm bei: ein Revers, ein kleiner Sittenpass aus der Bundesrepublik der verschlossenen Wohnzimmerschränke.

Leser-TÜV im Adenauer-Biedermeier

Da heißt es, in einem Deutsch, das noch nach Amtsstube, Ausweiskontrolle und Adenauer-Biedermeier riecht: „Hiermit versichere ich, daß ich das 21. Lebensjahr vollendet habe und Guillaume Apollinaire DIE ELFTAUSEND RUTEN ausschließlich für meinen privaten Gebrauch erwerbe.“ Der Käufer verpflichtet sich, das Buch „verschlossen aufzubewahren“, Jugendlichen unter einundzwanzig Jahren unzugänglich zu machen und es vor allem jenen Personen vorzuenthalten, „die mit Wahrscheinlichkeit zu einer objektiven Kenntnisnahme nicht in der Lage sind“. Schließlich werde er den Band weder privat noch gewerblich verleihen.

Das ist komischer als jede spätere Skandalisierung. Der Text will schützen und verrät dabei die ganze Phantasie der Gefahr. Man sieht sofort den abschließbaren Bücherschrank, die Schlüsselgewalt des Familienvaters, die pädagogische Panik, den erotischen Ausnahmezustand im Gewand einer Leihverkehrsordnung. Apollinaire wird nicht verboten; er wird unter Quarantäne gestellt. Die Bundesrepublik erfindet für die Lektüre des Obszönen eine Art Leser-TÜV.

Gerade darin liegt die verlegerische Schönheit der Episode. Rogner & Bernhard machten aus dem Buch nicht allein einen Text, sie machten aus seiner Zirkulation ein kleines Theater. Der Beileger gehört zur Aufführung. Er zeigt, wie sehr Literatur damals noch als Gegenstand mit Temperatur galt: Man konnte sie verstecken, einschließen, weiterreichen, beschlagnahmen, verleihen oder eben ausdrücklich nicht verleihen. Die Obszönität beginnt hier nicht erst bei Apollinaire. Sie beginnt bei der Vorstellung, ein erwachsener Leser müsse seine Lektürefähigkeit vorab durch Unterschrift beweisen.

Zwischen Rimbaud und Léon Bloy

Mit Matthes & Seitz verschob sich das Gestirn. Nicht mehr Marx und Benjamin gaben die heimlichen Koordinaten ab. Auch Adorno und Nietzsche, die als Hausgeister im Hintergrund weiter flackerten, erklären den Verlag nur zur Hälfte. Der eigentliche Spannungsbogen führte von Rimbaud zu Léon Bloy: vom jugendlichen Seher, der das Ich zertrümmert, zum rasenden Pamphletisten, der die Welt mit katholischer Wut überzieht. Zwischen beiden liegt jene Zone, in der Matthes & Seitz unverwechselbar wurde: Dichtung als Exorzismus, Kommentar als Angriff, Philologie als Abenteuer in gefährlichem Gelände.

Rimbaud steht für die Verwandlung des Lesens in eine optische und sprachmagische Expedition. Bei Matthes wurde er nicht domestiziert, nicht in die Schulbuchmoderne einsortiert. Er erschien als Autor, an dem sich zeigte, was Übersetzung leisten kann, sobald sie mehr sein will als Transport. Die deutschen Rimbaud-Bände aus dem Münchner Verlag trugen jene verwilderte Buchästhetik, die aus dem Gedicht ein Ereignis machte: Text, Bild, Nachwort, Umschlag, Legende. Aus der Lektüre wurde eine Szene.

Bloy wiederum gab dem Verlag eine andere Grammatik: die des Zorns, des Gegenjournalismus, der verfluchten Randnotiz. In „Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“ fand Matthes dafür eine Form, die zu ihm passte. Neun Ausgaben erschienen. Schon der Titel verriet die Herkunft aus Bloys „Le Pal“, jenem vollständig von Bloy geschriebenen Zeitschriftenprojekt, das 1885 auf fünf Hefte kam. Im Deutschen, merkt der Verlagsapparat boshaft an, wäre „Le Pal“ wohl eher mit „Das Pfählen“ wiederzugeben. Credo von Bloy: „Der Tritt in den Arsch, eine der nobelsten Regungen okzidentaler Wut, ist nichts als ein vager, fast erloschener Reflex der ehrfurchtgebietenden Tradition des Pfählens! Darum unternehme ich es, sie literarisch wieder einzuführen.“

Der Surrealismus als verschämte Romantik

Die Wurzel, aus der dieser Verlag seine wunderlichen Gewächse trieb, lag in Paris. Matthes hat den Surrealismus, diesen in Literatur, bildender Kunst und Lebenspraxis gleichermaßen ausgreifenden Aufstand, als verschämte neue Romantik des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen. Diese Formulierung ist kostbar, weil sie den Surrealismus vom bloßen Stil befreit. Traumprotokoll, Automatismus, Collage: all das interessiert bei Matthes weniger als der romantische Rest, der in der Moderne weiterlebt, maskiert, verschoben, manchmal obszön, manchmal mystisch.

1978 wurde Matthes & Seitz in München zur neuen Adresse dieser Seitenwege. Bataille, Leiris, Artaud, Baudrillard, Klossowski: Das waren keine Autoren für den Strandkorb der Bildung. Es waren Probebohrungen in die dunklen Reserven des Denkens. Der Verlag nahm Autoren auf, deren Werke in Deutschland keine bequeme Empfangszone besaßen. Er machte aus dem französischen Zwanzigsten Jahrhundert keine Repräsentationssammlung, eher eine Gegenbibliothek. Dort standen Autoren, die wussten, dass Aufklärung auch durch Keller führt.

Der Pfahl als verlegerisches Selbstporträt

Am schönsten zeigt sich Matthes vielleicht nicht in den großen Namen, vielmehr in den Nachreden, Epilogen, editorischen Nachschüben, in jenem Bereich, den ordentliche Leser gern überblättern. Dort wird der Verleger Autor, ohne den Autor zu verdrängen. Die profunden Epiloge von Matthes in „Der Pfahl“ sind keine Nebenprodukte. Sie bilden das geheime Nervensystem dieses Projekts. In ihnen kommentiert der Verlag sein eigenes Risiko. Er erklärt nicht, er exponiert sich.

Das ist Matthes pur: ein Titel, der zugleich Folterinstrument, Satzzeichen, Zeitschriftenarchäologie und Selbstbeschreibung ist. Der Pfahl steckt im Boden und zeigt nach oben. Er befestigt und verletzt. Er markiert einen Ort und macht ihn unbewohnbar. Genau dort, im Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, wollte Matthes stehen. „Der Pfahl“ sollte keine Statistik des Zeitgeists liefern, keine journalistische Entzauberung, keinen friedlichen Salon. Er sollte die falschen Versöhnungen aufreißen, die Schwärmereien der Klugen, die Dummheiten der Gebildeten, die Sentimentalitäten der Fortschrittsgläubigen. Bloy, der alte Pamphletist, war dafür der richtige Schutzheilige: katholisch, wütend, ungerecht, grandios; ein Autor, der die Nächstenliebe in der Form der Beschimpfung praktizierte.

Der Enthusiast und der Skeptiker

Matthes ist Enthusiast und Skeptiker, eine Kombination, die im Verlag gefährlicher ist als reine Euphorie. Der Enthusiast glaubt an die Geburt eines Buches gegen alle Rechnungen. Der Skeptiker weiß, dass jedes Buch sofort in die Welt der Missverständnisse eintritt. Deshalb wirkt sein Verlegen oft wie ein Kopfstoß gegen eine Wand, auch ökonomisch. Die de-Sade-Ausgabe „Justine und Juliette“ wurde zum Triumph der philologischen Besessenheit und zum Ruinposten. Übersetzer arbeiteten weiter, obwohl die Finanzierung versandete. Die Vernunft der Betriebswirtschaft hätte abgebrochen; die Unvernunft der Literatur hielt durch.

Dass aus solchen Programmen später der Verdacht entstand, Matthes suche den Skandal um seiner selbst willen, ist die bequemste aller Deutungen. Gewiss, Irrtümer gehören in diese Geschichte, auch schwerwiegende. Das Syberberg-Buch beschädigte den Verlag, und die Kritik daran war nicht bloße Empfindlichkeit. Aber wer Matthes auf diese Akte reduziert, versteht die Logik seines Katalogs nicht. Er war kein Kurator politischer Eindeutigkeit. Er war ein Leser mit gefährlichem Vertrauen in die Produktivität des Konflikts. Der Fehler bestand dort, wo dieses Vertrauen die Urteilskraft überholte. Das Leben im Katalog ist kein Freispruch. Es ist eine schwierigere Form der Verantwortlichkeit.

Komik des pathetischen Verlegens

Man kann über solche Programme lachen, und man sollte es sogar. Matthes hat die Komik des pathetischen Verlegens nie ganz verlassen. Wer ein Bild sieht und daraufhin ein Buch sucht, das dazu passt, arbeitet nahe an der Parodie des Verlagswesens. Wer Luther noch im Bleisatz neu setzen lässt, während die digitale Welt vor der Tür die Schuhsohlen abtritt, wirkt wie ein Mönch mit Herstellungsabteilung. Wer in der Buchgestaltung ein Schicksal erkennt, riskiert das Lächeln jener Leute, die Bücher am liebsten als Datenpakete auffassen. Doch gerade dieses Lächeln schützt ihn vor der Heiligsprechung. Matthes war als Verleger kein Heiliger der Avantgarde. Er war ein sehr gelehrter Eigensinniger, zuweilen furchtlos, zuweilen töricht, oft hellsichtig.

Von München nach Berlin

Die Münchner Geschichte lief auf Grund, und Rötzers Berliner Fortsetzung hat aus dem Erbe etwas anderes gemacht: professioneller, marktgängiger, sichtbarer, mit Naturkunden, Gegenwartsliteratur, französischen, russischen, chinesischen Linien, mit Taschenbüchern, Imprints, Preisen. Aus dem autobiographischen Verlag wurde ein Verlag mit Mannschaft, Kalendern, Produktionszwängen. Rötzer berichtete einmal, er habe bei Axel Matthes gelernt, dass ein angekündigtes Buch erscheine, sobald es fertig sei; heute verlangen die Strukturen erst Monats-, dann Tagesangaben. Das klingt wie eine kleine Kulturgeschichte des Buchs im Zeitalter der Lieferkette.

Und doch bleibt im Berliner Verlag etwas von jenem ersten Glück, das Matthes 1967 empfand. Ein Buch darf erscheinen. Ein Autor, den der Betrieb übersehen hat, bekommt Gestalt. Ein Übersetzer tritt auf den Umschlag. Ein Logo aus surrealistischer Fundgeschichte, nordafrikanischer Felszeichnung, Dogon-Maske, Minotaure-Archiv und Appropriationsdebatte wandert weiter. Der Verlag ist kein Denkmal für Axel Matthes. Er ist das Überleben einer Zumutung: Lesen als Risiko, Gestaltung als Erkenntnis, Übersetzung als zweite Geburt.

Die Null als Klammer um ein Jahrhundert

Zum neunzigsten Geburtstag sollte man Axel Matthes nicht glätten, nicht verklären, nicht erneut vor das Tribunal der alten Debatten führen, als ließe sich ein Verlegerleben dort vollständig erfassen. Man sollte ihn lesen wie eine seiner Reihen: mit Misstrauen, Vergnügen, philologischer Neugier, Sinn für Abwege. Matthes hat dem deutschen Lesen eine französische Unruhe eingepflanzt, eine Lust am Rand, am Exzess, am gefährlichen Kommentar. Er hat gezeigt, dass ein Verlag nicht nur Bücher herausbringen kann, auch Temperamente, Genealogien, Obsessionen, Feindschaften, Masken.

Die Null, die zu den neun Jahren des Kindes hinzugekommen ist, macht aus dem Leser keinen alten Mann. Sie macht aus ihm eine runde Klammer um ein Jahrhundert der Bücher. In dieser Klammer stehen Poproman und Bleisatz, Apollinaire-Beileger und Bloy-Pfahl, Sade-Philologie und Rimbaud-Fieber, Marx und Benjamin, München und Berlin. Axel Matthes hat nicht einfach verlegt. Er hat gelesen, bis aus der Lektüre eine Institution wurde.

Siehe auch: „Mit dem Kopf durch die Wand“. Zum 90. Geburtstag von Axel Matthes von László F. Földényi

Die neue Ordnung der Verbindung: Dominik Freiherr von Wolff Metternich, Heinrich von Stephan und das Sicherheitsökosystem 2030: Von der Reichspost zur mobilen Verteidigungsfähigkeit #AFCEA #Bonn

Ein Demo-Fahrzeug als kleines Modell des großen Problems

Auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn sitzt Dominik Freiherr von Wolff Metternich nicht in einem Einsatzfahrzeug, das morgen in eine Lage fährt. Es ist ein nachgestelltes Demo-Fahrzeug für den Messebetrieb, ein generisches, geländegängiges Firmenfahrzeug. Gerade deshalb erzählt es viel. Es ist eine Bühne für Integration. Antennen, Kommunikationsmittel, Bedienelemente für unbemannte Luft- und Bodensysteme, Einbauten verschiedener Partner: Das Fahrzeug zeigt, was Sicherheitsfähigkeit heute verlangt. Nicht das einzelne Gerät zählt. Entscheidend ist sein Platz im Zusammenhang.

Von Wolff Metternich beschreibt das Fahrzeug als „Medium“, in das jeder Partner auf dem Gemeinschaftsstand einbringen könne, was er beizutragen hat. Dort lassen sich Kommunikationsmittel, Antennen von Comrod oder Bedienelemente für unbemannte Systeme so zeigen, dass aus Einzelkomponenten eine mobile Lösung wird. Aus einer Messekabine wird ein kleines Labor des Sicherheitsökosystems. Das Fahrzeug fragt nicht: Wer hat das beste Produkt? Es fragt: Was passt zusammen, was lässt sich bedienen, warten, bewegen, vernetzen, im Einsatz nutzen?

Der abstrakte Begriff Sicherheitsökosystem bekommt hier einen Körper. Ein Ökosystem entsteht nicht durch große Worte. Es entsteht durch Anschlussstellen. Antenne an Fahrzeug. Bediengerät an Nutzer. Sensor an Lagebild. Kommune an Land. Polizei an Bundeswehr. Betreiber an Krisenstab. Industrie an Beschaffung. Ein Teil, das für sich glänzt, hilft wenig, falls es im Gefüge nicht spricht.

Die offenen Flanken des Sicherheitsverbunds

Von Wolff Metternich leitet bei der Mosolf-Gruppe Sales Defense. Die Business Unit Special Vehicles kommt ursprünglich aus der Welt der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Mosolf rüstet Polizeistreifenwagen in Nordrhein-Westfalen aus und arbeitet mit Bundesbehörden. Aus dieser Erfahrung heraus geht das Unternehmen nun stärker in die Verteidigung.

Wer die Ausrüstung, Ausbildung, Beschaffungspraxis und Handlungsmöglichkeiten der Polizeien von Bund und Ländern kennt, erkennt auch die offenen Flanken des deutschen Sicherheitsverbunds. Gerade im Zusammenspiel von Bundeswehr, Heimatschutz, Landesbehörden und Bundesbehörden sei „noch Luft nach oben“, sagt von Wolff Metternich.

Dieser Satz passt in die Bonner Gesamtdebatte. Das Projekt „Sicherheitsökosystem 2030“ kreist um genau diese Leerstelle. Deutschland besitzt viele Fähigkeiten. Polizei, Bundeswehr, Bundesbehörden, Länder, Kommunen, Betreiber kritischer Infrastruktur, Industrie und Hilfsorganisationen können in ihren Feldern stark sein. Das macht noch kein belastbares Ganzes. Der Ernstfall prüft nicht die Einzelqualität. Er prüft die Übergänge.

Drohnenabwehr als Realitätstest des Rechts

Bei der Drohnenabwehr wird aus der Architekturfrage ein harter Praxistest. Das novellierte Luftsicherheitsgesetz schafft keine militärische Hauptzuständigkeit im Inland. Die Gefahrenabwehr bleibt bei den Polizeibehörden von Bund und Ländern. Die Streitkräfte leisten bei der Abwehr unbemannter Luftfahrzeuge Amtshilfe. Der neue Paragraf 15a des Luftsicherheitsgesetzes erweitert ihre Befugnisse: Auf Anforderung der Bundes- oder Landespolizei können sie tätig werden, in engen Grenzen auch mit Waffengewalt, um einen besonders schweren Unglücksfall abzuwenden. Dazu zählen etwa Angriffe auf kritische Infrastruktur oder Sabotage an Flughäfen. Das Entscheidungsverfahren wurde für Eilfälle beschleunigt; die Entscheidung liegt beim Bundesministerium der Verteidigung, das frühere Benehmen mit dem Bundesinnenministerium entfällt.

Von Wolff Metternich liest diese Neuregelung nicht als bequeme Lösung. Durch das novellierte Luftsicherheitsgesetz gebe es „eigentlich eine klare Aufgabenzuweisung“. Alles, was Drohnenabwehr mit Waffengewalt betreffe, liege nun bei der Bundeswehr. Doch er schiebt sofort die operative Begrenzung nach: Die Bundeswehr baue schnelle Reaktionskräfte auf, aber „bundesweit kritische Infrastruktur mit den Kräften der Bundeswehr mit Waffengewalt zu schützen, ist ein hoher Anspruch“.

Recht klärt Zuständigkeit. Es schafft keine flächendeckende Präsenz. Es stellt keine Bediener. Es bewegt keine Fahrzeuge. Es ersetzt keine lokalen Kenntnisse. Unterhalb des Waffeneinsatzes sieht von Wolff Metternich die Polizeien weiter gefordert. Mit elektronischer Störung, mit Jamming, mit mobilen Einheiten könne man viel leisten, auch falls nicht jede Drohne abgewehrt werde. Wichtig sei, dass solche Systeme in der Fläche verfügbar werden. Nicht jede Polizeidienststelle müsse alles haben. Aber in einer Gebietskörperschaft könne ein mobiles Kommando nötig sein, das Drohnenabwehr betreibt. Im Rheinland oder Ruhrgebiet, wo kritische Infrastruktur dicht liegt, brauche man „sicherlich auch noch einen größeren Kräfteansatz“.

Die Fläche widerlegt die Zentralphantasie

Drohnenabwehr klingt nach Technik. Tatsächlich führt sie in Geographie, Zuständigkeit und Infrastruktur. Wer schützt ein Umspannwerk, einen Hafen, eine Raffinerie, ein Rechenzentrum, eine Bahntrasse, ein Krankenhaus, eine Wasseranlage? Wer erkennt eine Drohne, wer bewertet die Absicht, wer entscheidet über Störung oder Waffeneinsatz, wer trägt Verantwortung, wer hält Material und Personal vor?

Von Wolff Metternichs Hinweis auf Energieversorgung geht in die gleiche Richtung. Die deutsche Energielandschaft sei „polypolistisch“ aufgestellt: Windräder, Solarfelder, kommunale Betreiber, private Gesellschaften, Spezialdienstleister, lokale Entscheidungen. Das könne man „gar nicht zentralistisch lösen“. Bei Krankenhäusern beobachte man bereits, dass Schlüsseldienstleister und Einrichtungen über eigene Notstromversorgung nachdenken. Doch oft entscheidet eine Betreiber-GmbH oder Kommune. Landes- oder Bundesmittel seien ihm dafür nicht ohne Weiteres bekannt.

Das ist die unbequeme Lage: Kritische Infrastruktur ist kein Schaltpult in Berlin. Sie ist eine Landschaft aus Eigentümern, Betreibern, Kommunen, Regulierern, Dienstleistern, Netzen, Verträgen und Verwundbarkeiten. Der Staat kann Verantwortung nicht einfach ausrufen, falls die operative Verfügung woanders liegt. Er braucht Beziehungen in die Fläche, finanzielle Anreize, abgestimmte Lagebilder, geübte Meldewege und mobile Fähigkeiten.

Mittelstand als Sicherheitsreserve

Von Wolff Metternich hält Deutschland nicht für unfähig. „Was wir schon können in diesem Land ist, wenn die Not erkannt ist, auch wirklich schnell und pragmatisch zu handeln“, sagt er. Der Satz hat Gewicht, weil ihm sofort die Einschränkung folgt: „Der Punkt ist aber in meinen Augen noch nicht wirklich erreicht.“ In drei Jahren könne viel geschehen. Doch dafür müssten sich große Hersteller und Anbieter stärker öffnen. Kleine und mittlere Unternehmen sollten als Teil eines Produktionsnetzwerks akzeptiert werden. „Es muss nicht jeder kleine Zulieferer gleich Teil eines Großkonzerns sein. Das ist vielleicht sogar gar nicht wünschenswert.“

Das ist eine wirtschaftspolitische Aussage von erheblicher Reichweite. Die Sicherheitsökonomie der kommenden Jahre darf nicht nur auf Großprogramme und Großauftragnehmer schauen. Sie braucht spezialisierte Integratoren, regionale Nähe, Anpassungsgeschwindigkeit, Produktionstiefe, Wartungskompetenz und praktische Nutzerkenntnis. Der Mittelstand ist keine Randfigur der Verteidigungsfähigkeit. Er kann Sicherheitsreserve sein, falls seine Fähigkeiten in Netzwerke eingebunden werden.

Das Demo-Fahrzeug zeigt diese Logik anschaulich. Es ist kein Monolith. Es ist ein Träger für Beiträge. Ein Partner liefert Antennen, ein anderer Bedienkonzepte, weitere liefern Kommunikation, Sensorik, Einbauten, Energie, Software, Schutz oder Wartung. In solch einer Struktur steckt mehr Gegenwart als in mancher Hochglanzstrategie. Sicherheitsfähigkeit entsteht heute häufig zwischen Firmen, nicht nur in einer Firma.

Ein alter Name führt zu einer alten Staatsfrage

Der Name Wolff Metternich führt in eine rheinische Geschichte von Adel, Katholizismus, Preußen, Reichspolitik und Diplomatie. Interessant ist daran nicht das Dekor. Interessant ist die Lage zwischen alten Bindungen und neuer Staatlichkeit. Die rheinischen Eliten mussten sich im 19. Jahrhundert zu einem preußisch-deutschen Staat verhalten, der Verwaltung, Militär, Infrastruktur und Kommunikation mit neuer Härte ordnete.

Paul Graf Wolff Metternich trat 1882 in den Auswärtigen Dienst ein und machte Karriere als deutscher Diplomat, unter anderem in Wien, Paris, London und später als Botschafter in Großbritannien. Sein Werdegang liegt genau in jener Epoche, in der das Reich seine Instrumente der Macht verdichtete: Heer, Diplomatie, Eisenbahn, Telegrafie, Reichspost, Telefonie.

Der preußische Heeres- und Verfassungskonflikt zeigt diese Dynamik. Die Reform des Heeres wurde zur Staatskrise. Es ging um Budgetrecht, politische Führung, Wehrpflicht, Organisationsmacht und die Frage, wer über Sicherheitsfähigkeit entscheidet. Bismarcks Aufstieg hängt mit diesem Konflikt zusammen. Roon, Moltke, Eisenbahn, Telegrafie, Generalstab und Mobilmachung standen nicht isoliert nebeneinander. Sie gehörten zu einer neuen Staatsmaschine der Geschwindigkeit.

Der Gegenwartsbezug liegt nicht in Bewunderung für den autoritären Staat. Er liegt in der Strukturfrage. Sicherheitsreformen greifen immer tiefer als in Beschaffungslisten. Wer heute über Drohnenabwehr, Heimatschutz, Operationsplan Deutschland, kritische Infrastruktur, Kommunikation, Mittelstand und Wehrpflicht spricht, berührt den Staat als Ganzes.

Clausewitz, Moltke und das Problem der unvollständigen Lage

Clausewitz dachte Krieg als politisches Geschehen unter Ungewissheit. Sein Begriff der Reibung bleibt modern: Informationen fehlen, Absichten bleiben undeutlich, Zufälle stören, Systeme versagen, Menschen irren. Moltke organisierte darauf eine Antwort: Auftrag, Bewegung, technische Beschleunigung, Eisenbahn, Telegrafie, Generalstab.

Auch das Sicherheitsökosystem 2030 muss mit unvollständiger Lage arbeiten. Eine Drohne über kritischer Infrastruktur ist nicht sofort eindeutig. Ein Cyberangriff tarnt seine Herkunft. Ein Stromausfall kann technischer Defekt, Sabotage, Folgefehler oder Angriff sein. Die erste Meldung ist fast immer unvollständig. Trotzdem muss entschieden werden. Wer dann erst Kontaktlisten sucht, verliert Zeit.

Das Demo-Fahrzeug ist daher ein gutes Bild. Es versammelt Kommunikation, Mobilität und Bedienbarkeit. Es steht für Führung im Raum. Nicht jedes Problem lässt sich aus einem Lagezentrum lösen. Manchmal muss Fähigkeit fahren können.

Heinrich von Stephan und der Staat als Kommunikationsunternehmen

Der technologische Faden führt zu Heinrich von Stephan. Er ist aus dem öffentlichen Gedächtnis weitgehend verschwunden, obwohl er als Leiter der Reichs-Post- und Telegrafenverwaltung an einer der großen Modernisierungen des Kaiserreichs beteiligt war. Entscheidend ist nicht seine Beamtenkarriere. Entscheidend ist seine unternehmerische Leistung im Dienst des Staates. Als Chef der Reichs-Post- und Telegrafenverwaltung hat er am Übergang einer agrarisch geprägten Gesellschaft in eine Industriegesellschaft mitgewirkt; heute ließe sich von einem Beitrag zur Informationsgesellschaft sprechen.

Stephan verband 1876 Post und Telegrafie. Das war Organisationspolitik, Machtpolitik und Betriebswirtschaft zugleich. Die Telegrafie war teuer und defizitär, die Post besaß Fläche, Personal und Organisation. Durch die Zusammenführung wurden Direktionen gebündelt, Stellen eingespart und Netze für den Betrieb nutzbar gemacht. Die seit 1877 mit Telefonen betriebenen ländlichen Telegrafenlinien dienten nicht nur dem Publikum, sie halfen bei Instruktion und Kontrolle des Personals.

In seinem Rundschreiben von 1888 empfahl Stephan den Oberpostdirektoren, innerhalb der Verwaltung stärker mündlich über den Fernsprecher zu arbeiten. Die Zeit des langatmigen schriftlichen Aktenverkehrs sei vorbei; man habe Postanstalten, Telegrafenlinien, Kurse und Häuser zu bauen, „nicht Registraturen“.

Dieser Satz trifft eine alte deutsche Krankheit: Verwaltung kann sich mit Vorgängen beschäftigen, während die Lage Handlung verlangt. Stephan sah Kommunikation als Führungsmittel. Ein Staat, der schnell kommuniziert, kann schneller steuern. Ein Staat, der seine Netze nicht versteht, verliert Geschwindigkeit. Beim Status der E-Akte in Deutschland kommt man ins Grübeln, ob die Schnelligkeit des Generalpostmeisters von Stephan heute wirklich erreicht wird. 

Kreuzberg vor Kalifornien

Berlin-Kreuzberg war im 19. Jahrhundert ein Verdichtungsraum der Telekommunikation. In der Schöneberger Straße nahe dem Anhalter Bahnhof gründeten Werner von Siemens und Johann Georg Halske 1847 ihre Telegraphen-Bauanstalt. Dort begann eine Industriegeschichte, die elektrische Nachrichtentechnik und später Telefonie zu Staats- und Wirtschaftsfragen machte.

Der Vergleich mit dem Silicon Valley ist keine Gleichsetzung. Kalifornien steht für Wagniskapital, digitale Plattformen und Softwareökonomie. Kreuzberg stand für Telegrafen, Kabel, Werkstätten, Postverwaltung, militärische und staatliche Nachfrage, industrielle Erfindung und öffentliche Infrastruktur. Doch die Funktion war verwandt: Ein Raum brachte Technik, Staat und Markt in Bewegung.

Stephan erkannte den Fernsprecher früh. Im Herbst 1877 ließ er Bell-Apparate praktisch erproben. Er sah den Nutzen für Stadtfernsprechnetze und für den Ausbau des Telegrafennetzes. Deutschland machte den Fernsprecher dem öffentlichen Verkehr früher dienstbar als die USA. Das ist mehr als eine historische Kuriosität. Deutschland war in einer frühen Kommunikationsrevolution nicht Nachzügler. Der Staat konnte Technik aufnehmen, organisieren, skalieren und mit Industrie verbinden. Diese Erinnerung ist für die Gegenwart schmerzhaft produktiv. Sie zeigt, dass Trägheit kein deutsches Schicksal ist.

Netze als Macht und Verwundbarkeit

Stephans Telekommunikationspolitik hatte immer auch eine sicherheitspolitische Seite. Der Ausbau unterirdischer Telegrafenkabel wurde mit militärstrategischer Bedeutung und schneller Mobilmachung begründet. Das Telegrafengesetz von 1892 zog auch Fernsprechanlagen in den staatlichen Regelungsanspruch.

In der Debatte spielte die Sorge vor ausländischer Beherrschung des deutschen Telefonwesens eine Rolle. Das Telefonnetz wurde damit zum Gegenstand nationalstaatlicher Sicherheitspolitik.

Der Satz könnte aus einer heutigen Diskussion über Cloud, 5G, Unterseekabel, Satellitenkommunikation oder Rechenzentren stammen. Netze sind nie bloß Netze. Sie transportieren Abhängigkeit, Macht, Tempo, Verwundbarkeit und Steuerungsfähigkeit. Wer sie kontrolliert, prägt Handlungsspielräume. Wer ihren Ausfall nicht vorbereitet, macht sich erpressbar.

Kommunikationsausfall als moderne Urangst

Beim Ahrtal kommt von Wolff Metternich auf den Ausfall des Mobilfunknetzes zurück. Bis zum Ende des Kalten Krieges habe es ein paralleles Netz über den Zivilschutz gegeben. Ob man wieder eine eigene Organisation brauche, die Kommunikation im Kriegs- und Krisenfall aufrechterhält? „Vielleicht. Wird aber schwierig sein.“

Diese knappe Antwort taugt mehr als lange Bekenntnisse. Ein paralleles Kommunikationssystem klingt überzeugend, bis Kosten, Personal, Frequenzen, Betrieb, Wartung, Übungen, Zuständigkeiten und Akzeptanz auf dem Tisch liegen. Doch gerade diese Schwierigkeit macht das Thema zentral. Kommunikation ist nicht Komfort. Sie ist die Nervenbahn des Staates.

Heinrich von Stephan hätte diese Frage sofort verstanden. Seine Reichspost war nicht nur eine Dienstleistung für Briefe und Telegramme. Sie war Verdichtungsinfrastruktur. Sie machte Verwaltung, Wirtschaft, Militär und Gesellschaft schneller. Das Sicherheitsökosystem 2030 muss eine ähnliche Aufgabe unter demokratischen, föderalen, digitalen und privatwirtschaftlichen Bedingungen lösen.

Wehrpflicht als Personalfrage des Systems

Von Wolff Metternichs deutlichster politischer Wunsch betrifft die Wehrpflicht. Man müsse sich bei diesem Thema „langsam wirklich ehrlich“ machen und den notwendigen nächsten Schritt gehen. Aus seiner Sicht gilt: „Fakt ist, wir werden all die Dinge, die wir bis 2029 umsetzen wollen, ohne eine wirkliche Wehrpflicht nicht umsetzen können.“

Das ist eine harte These, weil sie die Technikdebatte auf den Boden zieht. Fahrzeuge fahren nicht ohne Menschen. Drohnenabwehr arbeitet nicht ohne Bediener. Heimatschutzregimente erfüllen keine Aufgaben ohne Personal, Führung, Ausbildung, Logistik und Mobilität. Von Wolff Metternich verweist darauf, dass diese Verbände große geografische Räume abdecken. Um ihren Auftrag wahrzunehmen, müssten die Kompanien mobil sein. Das Demo-Fahrzeug sei für jeden geeignet, der „in diesem Gesamtverbund Gesamtverteidigung unterwegs ist“: vom Führungsfahrzeug für Landespolizeien und das Bundeskriminalamt bis zu militärischen Nutzern.

Das Sicherheitsökosystem ist daher auch ein Personalökosystem. Die Bundesrepublik kann Plattformen kaufen, Netze planen, Gesetze ändern und Fahrzeuge integrieren. Ohne Menschen, die diese Systeme bedienen, warten, führen, schützen und trainieren, bleibt alles Gerät.

Die neue Verbindungsordnung

Der Weg von Dominik Freiherr von Wolff Metternich zu Heinrich von Stephan ist kein Umweg. Er führt zum Kern. Beide erzählen, in sehr unterschiedlichen Zeiten, von der gleichen Staatsfrage: Wie werden einzelne Fähigkeiten zu einem System?

Im 19. Jahrhundert entstanden aus Heeresreform, Eisenbahn, Telegrafie, Reichspost, Telefonie, Industrie und Verwaltung neue Formen staatlicher Geschwindigkeit. Im 21. Jahrhundert müssen Drohnenabwehr, Spezialfahrzeuge, Cloud, Cybersecurity, mobile Führung, kritische Infrastruktur, Zivilschutz, Heimatschutz, Polizei, Bundeswehr, Kommunen, Betreiber und Mittelstand zusammenfinden.

Die Vergangenheit liefert kein Modell zum Kopieren. Sie liefert ein Sensorium. Sicherheit entsteht durch Verbindung. Strategie ohne Infrastruktur bleibt Absicht. Infrastruktur ohne Führung bleibt Material. Führung ohne Kommunikation bleibt stumm. Kommunikation ohne Redundanz bleibt Schönwettertechnik.

Das Demo-Fahrzeug auf der AFCEA zeigt diese Logik im Kleinen. Es führt Komponenten zusammen, damit aus ihnen Einsatzfähigkeit werden kann. Genau das muss Deutschland im Großen leisten. Der Staat des 19. Jahrhunderts lernte, Post, Telegraf, Telefon, Eisenbahn, Heer, Verwaltung und Industrie aufeinander zu beziehen. Der Staat des 21. Jahrhunderts muss Daten, Netze, Fahrzeuge, Personal, Infrastruktur und Verantwortung so verbinden, dass Handlungsfähigkeit nicht erst in der Krise improvisiert wird.

Aktuelle Befragung: Wie handlungsfähig ist Deutschland – wenn es wirklich darauf ankommt?