Vom MP3-Debakel zum Olymp der Sprunginnovationen? #Zukunftstaucher @rafbuff

Mit einer Agentur für Sprunginnovationen will die Bundesregierung aus der exzellenten Grundlagenforschung in Deutschland Impulse für die Volkswirtschaft ableiten. „Zahlreiche Erfindungen, die völliges Neuland eröffnen und ganze Märkte umkrempeln können, sind in Deutschland entstanden, scheitern jedoch häufig noch in der Anwendung. Die neue Agentur zielt darauf ab, aus diesen hochinnovativen Ideen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft auch erfolgreiche Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsplätze in Deutschland entstehen zu lassen“, so Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. 

Fahndungsauftrag 

Die Agentur verfolgt einen personenzentrierten Ansatz. Sie setzt auf hochkompetente und kreative Innovationsprotagonisten, die zeitlich befristet in der Agentur tätig sind und besondere Handlungsfreiräume genießen. Sie können nach Angaben der Bundesregierung Forschungs- und Entwicklungsvorhaben mit Sprunginnovationspotential von der Idee möglichst bis hin zur Anwendung auswählen, steuern und – je nach Projektverlauf – beenden oder fortsetzen. Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Unternehmen setzen die Vorhaben um. Geförderte Ideen werden über Ausgründungen, durch Unternehmen oder auch durch den Staat selbst, im Rahmen der öffentlichen Beschaffung verwertet und in den Markt eingeführt.

Die Mitarbeiter der Agentur sollen nach innovativen Ansätzen in der Wissenschaft fahnden und Erfinder ermuntern, ihre Ideen auch in der Praxis umzusetzen. Bis zum Ende der Legislaturperiode stellen Bundesforschungs- und Bundeswirtschaftsministerium dafür mindestens 151 Millionen Euro bereit. Für die gesamte Laufzeit der Agentur – zehn Jahre sind geplant – wird mit einem Mittelbedarf von rund einer Milliarde Euro gerechnet.

Das deutsche Trauma

„Dass der Bund nun eigens eine Agentur zur Förderung solcher Entwicklungsschritte gründet, hat auch mit einem deutschen Trauma zu tun, das in der Regierung seit Monaten immer wieder zitiert wird: die Geschichte des MP3-Players. Die Technik für dieses Gerät wurde schon in den achtziger Jahren in Deutschland entwickelt, von einer Gruppe von Forschern um Karlheinz Brandenburg am Fraunhofer-Institut in Erlangen und der dortigen Universität. Damit viel Geld verdient haben später allerdings nicht deutsche Unternehmen, sondern in erster Linie die asiatischen Elektronikkonzerne“, schreibt die FAZ. Das dürfe nicht noch einmal passieren, betonte vor einigen Wochen die Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

Nur waren es nicht Firmen in Asien, die MP3 zur Entfaltung brachten, sondern Apple mit ihrem kongenialen Chef Steve Jobs. Und es waren nicht in erster Linie neue Erfindungen, die Jobs erfolgreich auf dem Markt etablierte, sondern Kombinationen von bestehenden und neuen Technologien. Der Apple-Mitgründer entsprach dem innovativen Unternehmen, wie ihn der Ökonom Joseph Schumpeter in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ beschrieben hat – vor über 100 Jahren:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Kombinatoriker müssen keine Erfinder sein 

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich dabei deutlich vom Routineunternehmer, der auf überkommenen Grundlagen arbeitet und nie Neues schafft. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Steve Jobs und seine Entwickler folgten konsequent dem Less-and-More-Diktum des legendären Industriedesigners Dieter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Und was noch wichtiger für die Erfolgsstory von Apple ist: Jobs erzeugte neue Märkte. Der dynamische Unternehmer orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern „er nötigt seine Produkte dem Markte auf“, so Schumpeter. Das ist Steve Jobs mit Produkten und Diensten für das mobile Internet und für den Tablet-Markt gelungen. 

Gelingt so etwas mit einer staatlich initiierten Agentur für Sprunginnovationen? 

Verrückte Persönlichkeiten vonnöten 

Dazu braucht man charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten, die Neues durchsetzen, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Es sind nicht nur Unternehmer, die das schaffen, sondern auch Beamte wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan, der Ende des 19. Jahrhunderts unter Reichskanzler Otto von Bismarck aus Berlin ein Silicon Valley der Telekommunikation machte. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. So einen könnte die neue Agentur, die Anfang des nächsten Jahres ihre Arbeit aufnimmt, gut gebrauchen. 

Propheten der Innovation brauchen wir nicht  

Als Vorbild dient der Bundesregierung die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) in den USA.

Als bekanntestes und erfolgreichstes Projekt kann das ARPANET angesehen werden, aus welchem das Internet hervorging. Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? brand eins-Autor Wolf Lotter hat im vergangenen Jahr auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte. 

Etwa Propheten, die es in Glaubensgemeinschaften, in der Dogmatik und in der Ideologie gibt. „Entweder Du machst mit oder Du landest in der Hölle. Ich bin gut und Du bist böse, hier ist mein Evangelium. Das sind die nicht sehr anschlussfähigen Damen und Herren, die in ihren Bubbles leben und den anderen die Welt erklären“, so Lotter. 

innovate or die-Gelaber 

Es sind Bühnenkünstler, die von Disruption und kreativer Zerstörung labern, aber Clayton M. Christensen oder Schumpeter nie im Original gelesen haben. Es sind alarmistische Lautsprecher, die vom Darwinismus schwadronieren, aber die Evolutionstheorie schlicht nicht verstehen. Als weiteren Vertreter der Innovationstypologie benennt Lotter den Eroberer. Er folgt dem Propheten auf dem Fuß und erklärt Innovationen zum Maß der Dinge. Religionskriege, ideologische Eroberungen aber auch die darwinistische Variante des „innovate or die“ sind sein Credo. „Wer sich nicht digitalisiert, ist von gestern und dessen Unternehmen wird sterben. Das sind die Sprüche, die wir kennen“, erläuterte Lotter auf der Keynote Arena der Zukunft Personal-Messe: Artificial intelligence sofort einführen und zum Segen der Industrie erklären. Wer noch ein paar Fragen zur Sinnhaftigkeit hat, ist von vorgestern und hat nichts kapiert. 

Fragen zur Intelligenz nicht erwünscht 

Dass mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Intelligenz noch nicht alles geklärt ist, sei dahingestellt. Auch das Rätselraten von Biologen und Neurologen bei der Erklärung von natürlicher Intelligenz darf die KI-Verkäufer nicht stören. Alles nur Marketinggeschwurbel, kritisiert Lotter.  Selbst Erfinder werden uns wohl nicht mit volkswirtschaftlich relevanten Sprunginnovationen beglücken. Sie verbohren sich in ihrem Fach, so Lotter. Ihre Metamorphose endet im Fachidiotentum. 

Ich habe Patente, also bin ich?

Das systematische und planmäßige Erfinden in Konzernen produziert nach Auffassung von Lotter zuverlässig eine Vielzahl an Patententen und Rechten, der Wirksamkeit allerdings fraglich ist, lieber FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger. Da helfen dann auch nicht Erbsenzählereien in irgendwelchen Studien zur KI-Forschung weiter. Lotter verweist auf die amerikanische Innovationsforscherin Rosabeth Moss Kanter, die dieses Dilemma sehr schön auf den Punkt bringt: Meistens folgen den großartigen Innovationsankündigungen mittelmäßige Ausführungen, die anämische Resultate nach sich ziehen. Irgendwann schlägt dann das Controlling zu. Moss Kanter nennt diese Vertreter „Innovations-Ersticker“. Welche Typologien sind besser?

Lotter nennt sie Erkenner und Ermöglicher. Also Persönlichkeiten, die Ideen aufsaugen, orchestrieren und kombinieren. Sie führen keinen Krieg gegen Talente, sie belohnen nicht Opportunismus, sondern Individualismus. Ich bin gespannt, ob wir das mit der neuen Agentur hinbekommen. Die Ansätze des Gründungsdirektors Rafael Laguna de la Vera ein paar Antworten und werden von mir in einem ausführlichen Beitrag für die Netzpiloten in den nächsten Tagen gewürdigt.

Bei unserem Schumpter-Abend am Montag in Bonn werden wir das vertiefen. Kommt vorbei (Ettighoffer Str. 26a, 53123 Bonn):

OpenSpace4Future – Ein Experiment der Zukunft #Zukunftstaucher

Der Zukunft eine Stimme geben, ist das Motto, dass jetzt ausgefüllt, interpretiert und gestaltet werden wird. Immer wieder montags eröffnen wir einen kuratierten Open Space für Zukunftsthemen. 
Wir starten am 21. Oktober (also heute) und enden die Experimentierphase am 16. Dezember. Die Inhalte kommen von Euch und Ihr gestaltet das Programm. Ihr seid die Zukunftsheros für den Tag und die Stunde. 

Ein Wunsch wäre es, dass Ihr auch neue Formate mitdenkt und erprobt, etwa mit “Pro & Contra” hantiert oder mit Interaktionen/Interventionen, oder auch mit Liveschaltungen oder gar mit einer interaktiven Performance Euren “Future Slot” innovativ gestaltet. Solltet Ihr technische Fragen haben, stellt Sie, wir antworten und helfen, wenn wir können. 
Der OpenSpace4Future wird, wenn, immer montags um 18 Uhr eröffnet und nach max. 60 Minuten wieder geschlossen. Anfang 2020 werden wir unsere Erfahrungen gemeinsam auswerten und die nächsten Schritte andenken.

Start: Montag, 21. Oktober, 18 Uhr:

Thema: – Warum mich Zukunft interessiert? 
Die Zukunftsmoderatoren: Klaus Burmeister und Gunnar Sohn
Format: Jede/jeder hat 60 Sekunden Zeit für ein Statement. Der Montag dient also dem Kennenlernen. Wer ist dabei, warum und was treibt diejenigen. Danach soll es inhaltlich werden…

Zugang zu den Konferenzschaltungen über Skype.

Start am Montag: Warum mich Zukunft interessiert? #Zukunftstaucher um 18 Uhr auf Sendung

Montag, 21. Oktober, 18 Uhr: Thema: Warum mich Zukunft interessiert? (via Skype, aber bitte mit Headset oder über Kommentare auf Twitter mit dem Hashtag #Zukunftstaucher oder über die Chat-Funktion von Periscope, wo der Livestream läuft). Zukunftsmoderatoren: Klaus Burmeister und Gunnar Sohn. Das Format: Jede/jeder hat 60 Sekunden Zeit für ein Statement. Der Montag dient also dem Kennenlernen. Wer ist dabei, warum und was treibt diejenigen. Danach soll es inhaltlich werden…

Hier der Link zum Skype-Gruppenchat.

Themenwünsche für Live-Chats hier eintragen.

Sprunginnovationen jenseits des Silicon Valley-Turbokapitalismus: Ideen von @rafbuff – Eure Meinung #Zukunftstaucher

Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen. Nachzulesen in: Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums – Zur Aktualität von Joseoph A. Schumpeter

Der ökonomische Mainstream – ob nun in der BWL oder in der VWL – versagt kläglich bei der theoretischen Fundierung von Entwicklungsdynamiken. Und das ist nach dem Philosophen Immanuel Kant eben keine gute Theorie – eine Theorie mit der sich praktisch arbeiten ließe, um Entwicklung zu fördern. 

Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt der Joseph Schumpeter in seiner Entwicklungstheorie vor über hundert Jahren. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen:

„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter. Wir vertiefen das in unserem Bonn-Duisdorfer Schumpeter-Abend:

Kein Unternehmen könne dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Gütern erschlossen werden, warnt der Schumpeter-Forscher Jochen Röpke:

„An welchen Universitäten, in welchem MBA-Programm lernt man Disruption? Und disruptiv wollen die Absolventen auch nicht tätig sein, sonst würden sie nicht in die ‚Industrie’ gehen, sondern ihr eigenes Unternehmen hochziehen. Ihr universitäres Wissen ist ausgerichtet auf die Problemfälle inkrementellen Managements“, schreibt Röpke in seinem Buch „Reisen in die Zukunft kapitalistischer Systeme (Co-Autor Ying Xia). Wirkliche Innovationen, Neukombinationen und umwälzende technische Erfindungen gehen in erster Linie von neuen Unternehmen aus. 

Die Alternative zu immer billiger, immer flexibler ist die Erzeugung einer neuen Welle von Neukombinationen, einer neuen Basisinnovation. Ansonsten verharren wir in der Logik der DAX-Konzerne – höhere Gewinne durch niedrigere Löhne, Stellenabbau, niedrigere Steuern und Auslagerung. Wie will sich da nun die Regierungsagentur für Sprunginnovationen positionieren? Im Gespräch mit Technology Review (November-Ausgabe ist gerade erschienen) gibt Gründungsdirektor Rafael Laguna de la Vera ein paar Antworten.

Laguna sei tief in der Open-Source-Szene verwurzelt. So war er 2005 an der Gründung der Open-Xchange AG beteiligt und übernahm 2008 deren Leitung. Das Unternehmen bietet Open-Source-Software und Software-as-a-Service an.

Auf die Frage, ob sein Open-Source-Hintergrund bei der Berufung eine Rolle gespielt habe, antwortet er: „Ich denke, ja. Wir müssen unseren deutschen beziehungsweise europäischen Weg der Innovationen finden.“ Diesen sieht er in einer „Antithese zur Silicon-Valley- oder zur China-Version des Internets“.

Open Source sei der europäisch-humanistische Weg der Digitalisierung. „Denn wenn Sie wirkliche Souveränität wollen, müssen Sie die Wahl haben zwischen mehreren Anbietern, ihre Daten mitnehmen können und Anbieter haben, denen Sie vertrauen können, weil sie quelloffene Software einsetzen.“

Disruptive Innovationen amerikanischer Prägung sollen laut Laguna nicht uneingeschränkt als Vorbild dienen: „Es gibt viele Beispiele, die sich nicht ganz im Rahmen bestehender Gesetze bewegen. Diese turbokapitalistischen Silicon-Valley-Systeme wollen ja auch den Staat gleich mit ersetzen“, sagt Laguna im TR-Interview. „Unsere europäisch-humanistische Antwort darauf sollte sein: Aber bitte schön noch im System. In diesem Kontext kann man aber ganz doll sprunginnovieren – zum Beispiel die turbokapitalistischen Plattform-Geschäftsmodelle, die auf Monopolisierung ausgerichtet sind. Lasst uns doch mal die disruptieren und den Wohlstand aus den Monopolen umverteilen, das wäre doch viel cooler.“

Erste Idee: Man könnte ja Open Source-Sprunginnovationen fördern, die den Staat in die erste Liga der Netzökonomie bringen – besonders den Bund 😉

Wir hatten das ja im Bikini Berlin verhandelt: „Freier Code für freie Bürger“

Siehe auch: #BestofLivestreaming2018 KI-Debatten, Staat als Open Source-Vorreiter und offene Formate in der Bildung

Eure Ideen für Sprunginnovationen sind gefragt.

Tataaaa: #Zukunftstaucher hat gewonnen

Es gab in den vergangenen Stunden bis zum Abschluss der Umfrage ein zähes Ringen zweier Fraktionen: #Zukunftstaucher und #Zukunftskurator

Durchgesetzt haben sich die hartnäckigen Fans von #Zukunftstaucher. Das Umfragetool wurde eifrig beackert. Das zeigt auch die Zahl der Besucher auf ne-na.me – sonst ja nicht der Hauptort meiner Publikationen.

So soll es sein.

Hier noch die anderen Vorschläge fürs Protokoll:

Vielen Dank für die rege Beteiligung. Jetzt sollte die Hashtag-Aktion mit Inhalten gefüllt werden.