Literatur im Feuerkreis der Politik: Gerrit Brand prüft die Freiheit des Schriftstellers an seinem Roman „Naar Beiroet“ @gjbrand

Gerrit Brand stellt in seinem Essay „Moet een schrijver partij kiezen?“ eine alte Frage neu: Muss ein Schriftsteller Partei ergreifen? Der Beitrag erschien in der Juni-Ausgabe 2026 der niederländischen „Boekenkrant“ in der Rubrik „Literatur en politiek“. Anlass ist Brands Roman „Naar Beiroet“, erschienen bei Uitgeverij Nobelman. Der politische Hintergrund ist der 7. Oktober 2023, der Angriff der Hamas auf Israel, die Zerstörung Gazas und die europäische Debatte über Schuld, Gewalt, Macht und Erinnerung.

Brand schreibt keinen Theorietext über engagierte Literatur. Er prüft die Frage an der eigenen Arbeit. Er spricht als Autor, der merkt, dass seine Stoffe sich der reinen Ästhetik entziehen. Beirut ist für ihn kein fernes Motiv. Der Libanon gehört zu seiner Biografie. Seine Frau stammt von dort. Seit zwanzig Jahren reist er in das Land, spricht mit Familien, hört Berichte über Krieg, Bombardierungen, Angst und Verlust. Aus dieser Nähe entsteht der Kern seines Essays: Literatur beginnt bei Wahrnehmung. Wer genau hinsieht, verliert die bequeme Distanz.

Die Antwort liegt in der Unterscheidung

Brand beantwortet seine Leitfrage mit einer präzisen Unterscheidung. Ein Schriftsteller muss kein Aktivist sein. Er muss keine Parolen liefern. Er muss keine politischen Programme illustrieren. Doch er kann seine Zeit auch nicht ausblenden. Wer schreibt, wählt Perspektiven, Figuren, Schauplätze, Konflikte und Auslassungen. Diese Entscheidungen haben politisches Gewicht.

Damit grenzt Brand Literatur von Propaganda ab. Ein Roman, der bloß überzeugen will, verliert seine literarische Beweglichkeit. Er verengt Figuren zu Trägern einer These. Brand verteidigt deshalb den Zweifel, die Mehrdeutigkeit, den inneren Widerspruch. Literatur soll Fragen freilegen, keine Parteitagsrede imitieren. Objektivität erscheint bei ihm als Aufgabe, nicht als Besitz. Wer über Krieg schreibt, muss wissen, von wo aus er blickt.

Orwell, Nabokov, Atwood, Sartre, Camus und Pinter als Gegenstimmen

Brand führt George Orwell, Vladimir Nabokov, Margaret Atwood, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Harold Pinter an. Diese Namen bilden kein dekoratives Bildungspanorama. Sie markieren Konfliktlinien. Orwell steht für die Einsicht, dass Kunst Entscheidungen trifft. Nabokov erinnert an den Eigensinn der Sprache und an die Gefahr, Kunst in Moralunterricht zu verwandeln. Atwood warnt vor dem Autor als Megafon einer Glaubensgemeinschaft. Jean-Paul Sartre versteht Schreiben als Handlung. Camus vertritt die genauere Position: Der Schriftsteller steht in seiner Zeit, darf sich von ihr aber nicht verschlucken lassen. Harold Pinter zeigt, wie literarisches Prestige zur politischen Anklage werden kann.

Brand nutzt diese Figuren geschickt. Er baut keinen Kanon auf, aus dem eine fertige Lehrmeinung folgt. Er lässt die Stimmen gegeneinander arbeiten. Daraus entsteht ein Denkraum. Der Leser erkennt: Die Frage nach Literatur und Politik lässt sich nicht mit einem moralischen Reflex erledigen.

Beirut als Erfahrungsraum

Der beste Teil des Essays liegt in Brands persönlicher Verbindung zum Libanon. Sobald er über seine Reisen, Familiengespräche und Begegnungen spricht, verlässt der Text die bekannte Debatte über engagierte Literatur. Beirut wird kein Symbol. Beirut wird ein Ort konkreter Erfahrung.

Das verändert auch den Blick auf seinen Roman „Naar Beiroet“. Brand beschreibt ihn als Ideenroman. Gemeint ist ein Roman, in dem Weltbilder, politische Fragen und philosophische Konflikte ein eigenes Gewicht erhalten. Der Begriff ist wichtig. Ein Ideenroman ist kein Thesenaufsatz im Kostüm der Fiktion. Er lebt von Figuren, die denken, streiten, irren, lieben, erinnern und handeln. Ideen treten in die Handlung ein. Sie verändern Figuren und Beziehungen.

Brand zeigt, dass sein Schreiben seit längerem um den Nahen Osten kreist. Schon sein erster Roman „Tolvlucht“ verhandelte Antisemitismus, Flucht und die Entstehung Israels. In „Naar Beiroet“ verschiebt sich der Blick auf Macht, Gewalt und historische Traumata. Aus Erinnerung an Opfer wird eine Frage nach politischer Gegenwart. An dieser Stelle wird der Essay heikel und interessant: Brand verlangt dem Leser ab, Judentum, Israel, Palästina, Libanon, Schuld, Schutzbedürfnis und Gewalt aus den schnellen Lagerformeln herauszulösen.

Der offene Punkt: soziale Medien und Soforturteil

Der Essay bleibt an einer Stelle zu knapp. Brand streift am Ende die sozialen Medien und gesteht eigene Beteiligung an digitaler Erregung ein. Dieser Punkt hätte mehr Raum verdient. Der heutige Autor schreibt unter Bedingungen permanenter Reaktion. Jeder Satz kann sofort eingeordnet, verdächtigt, gefeiert oder abgeurteilt werden. Die Netzöffentlichkeit verlangt Bekenntnisse im Minutentakt. Literatur arbeitet langsamer. Sie braucht Umwege, Perspektivwechsel, Ambivalenz und Zeit. Gerade deshalb trägt Brands Beitrag. Er akzeptiert, dass Literatur politisch berührt wird, sobald sie Krieg, Herkunft, Macht und Erinnerung verhandelt. Zugleich schützt er den Roman vor der Verwechslung mit einem Flugblatt. Ständig sind Oberlehrer in der Gefechtsstellung für Aburteilungen.

Die Freiheit der Literatur verlangt Genauigkeit

Muss ein Schriftsteller Partei ergreifen? Brands Antwort lautet: Er muss die Welt ernst nehmen. Er muss wissen, woher sein Blick kommt. Er darf sich keiner Bewegung als Lautsprecher andienen. Er darf sich aber auch nicht hinter einer Neutralität verstecken, die bloß Distanz simulier Brand verteidigt die Freiheit der Literatur als anspruchsvolle Freiheit. Sie besteht im genauen Hinsehen, im Aushalten von Widersprüchen, im Wechsel der Perspektive. In einer Zeit, in der jeder sofort einen Standpunkt liefern soll, wirkt diese Langsamkeit fast schon subversiv.

Markus Gabriel will keine Moralmaschine – aber sein KI-Ethikmodell verlagert Urteilskraft in Datensätze

Auf LinedIn, Reddit, TwitterX und Co. gibt und gab es eine heftige Debatte über die Äußerungen des Bonner Philosophie-Professor Markus Gabriel in Köln. Höhepunkt die Headline des Kölner Stadt-Anzeigers: „‚Kant war ein Schwachkopf‘: Philosoph Markus Gabriel will Moralfragen der KI überlassen“. Der Abgleich mit meiner Transkription der Session auf der Phil.Cologne ergibt einen klaren Befund: Die Reddit- und Schlagzeilenfassung trifft einzelne Reizwörter, verfehlt aber den argumentativen Kern. Zugleich hat Markus Gabriel selbst Formulierungen geliefert, die solche Verkürzungen fast einladen.

Was Gabriel tatsächlich sagt

Gabriel eröffnet seine These mit einer steilen normativen Behauptung. Er sagt, es sei eine „moralische Tatsache“, dass wir KI-Systeme bauen sollten, die er „ethische Intelligenzen“ nennt. Er erklärt zugleich, dass er die genaue Methode wegen zweier Start-ups nicht offenlegen werde. Das ist kein Nebensatz. Es verbindet philosophische These, Geschäftsmodell und proprietäre Technik in einem einzigen Auftritt.

Seine Definition lautet: Eine ethische Intelligenz sei ein KI-System, das darauf trainiert ist, „moralische Tatsachen in großflächigem menschlichen Verhalten zu erkennen“. Der entscheidende Gedanke: Menschen urteilen laut Gabriel moralisch zu eng, zu lokal, zu sehr aus Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis, Stadt und Kultur heraus. KI könne größere Datensätze menschlichen Verhaltens auswerten und dadurch Muster erkennen, die Menschen entgehen.

Daraus macht Gabriel eine zweite These: KI-Systeme sollen moralische Tatsachen erst erkennen und dann in einem „Tugendkreislauf“ in Assistenzsysteme übersetzen. Seine Beispiele sind bewusst alltagsnah: ein System, das einen müden Fahrer nicht bloß mit einer Kaffeetasse warnt, sondern ihn in ein Gespräch verwickelt und im Zweifel zum Rastplatz führt. Das ist keine simple Forderung, Moral vollständig an ChatGPT zu delegieren. Es ist die Idee eines moralischen Assistenzsystems.

Gabriel sagt sogar ausdrücklich, er wolle nicht behaupten, man ersetze den Menschen durch ChatGPT. Seine These lautet: Es gebe einen Markt für ethische Intelligenzen, der einen europäischen Wertansatz praktisch realisieren könne.

Was an der Schlagzeile stimmt

Die Formulierung „Kant war ein Schwachkopf“ ist kein journalistischer Fantasietitel. Gabriel sagt tatsächlich, Kant sei „ein abscheulicher, rassistischer, misogyner Schwachkopf in der Ethik“ gewesen; direkt danach schränkt er ein, Kants theoretische Philosophie sei „etwas besser“. Die Schlagzeile greift also einen echten Satz auf, kappt aber die interne Präzisierung. Aus einer polemischen fachlichen Abwertung von Kants Ethik wird ein Schlagwort gegen Kant insgesamt.

Auch die Lesart, Gabriel überschätze KI bei moralischen Fragen, hat Material in der Transkription. Er sagt später, die meisten Menschen seien in moralischen Urteilen schlechter als „jedes billige KI-System“. Er spricht davon, der Wettbewerb sei verloren, und vergleicht die Lage mit Schach und Go: Bei den meisten intellektuellen Fähigkeiten hätten Menschen keine Chance mehr. Das ist radikaler als ein bloßes „KI kann helfen“.

Was die Reddit-Kritik verzerrt

Die Behauptung, Gabriel wolle „die Moral der KI überlassen“, greift zu kurz. Er fordert kein blindes Maschinenorakel, das eigenmächtig Gut und Böse festlegt. Er fordert ein KI-System, das aus großflächigem menschlichen Verhalten moralische Muster erkennt und Menschen anschließend als Assistenzsystem moralisch besser machen soll. Das ist immer noch hoch angreifbar. Aber es ist eine andere These als: „Lasst die Maschine entscheiden.“

Auch der Vorwurf, Gabriel verstehe bloß nicht, dass Large Language Models „Worte zusammenwürfeln“, trifft nur begrenzt. Im Gespräch wird ausdrücklich erwähnt, dass KI-Systeme statistische Mustererkennungsmaschinen sind. Gabriel bestreitet diese technische Beschreibung nicht frontal. Er dreht sie vielmehr um: Gerade Mustererkennung hält er für den Zugang zu moralischen Tatsachen aus großen Datensätzen.

Dort liegt der eigentliche Streit. Nicht bei der Frage, ob Gabriel weiß, dass LLMs Muster erkennen. Die Frage lautet: Darf man aus Mustererkennung moralische Erkenntnis ableiten?

Wo Gabriel angreifbar bleibt

Roberto Simanowski formuliert in der Runde genau den Einwand, der in den Reddit-Kommentaren oft grob auftaucht. Er fragt, ob man Moral dadurch mathematisiert, dass man Präferenzen, Verhaltensmuster und Trainingsdaten auswertet. Er verweist auf Repräsentationsprobleme: Nicht alle Kulturen, Sprachen und Lebensformen hinterlassen den gleichen digitalen Abdruck. Wer weniger Internetzugang hat oder oral geprägten Kulturen angehört, kommt in den Daten schwächer vor. Zudem wächst das Problem, dass KI-Ausgaben wieder zu KI-Eingaben werden und Systeme ihre eigene Perspektive verstärken.

Simanowski bringt auch den Machtpunkt ins Spiel: Wer legt den Ethikkodex fest? Er zitiert in der Transkription die Warnung, dass diejenigen, die KI kontrollieren, ihre eigene moralische Auffassung zur unsichtbaren Infrastruktur der Systeme machen könnten. Genau hier wird die Debatte politisch. Es geht nicht nur um Kant, Gabriel oder LLMs. Es geht um Plattformmacht, Trainingsdaten, Geschäftsmodelle und kulturelle Dominanz.

Gabriel weist den Einwand zurück, er wolle der KI einfach menschliche Normen vorgeben. Er sagt ausdrücklich: „Das ist nicht mein Ansatz.“ Und weiter: „Wir kennen die Norm nicht.“ Das ist wichtig. Er möchte gerade nicht eine fertige Kant-, Bentham- oder Aristoteles-Ethik in ein System schreiben. Er hält diese klassischen Ethiken in konkreten Entscheidungslagen für unbrauchbar und sucht den Zugang über große Verhaltensdaten.

Damit wird seine Position aber nicht harmloser. Sie wird riskanter. Denn er verschiebt die Frage von der normativen Begründung zur Mustererkennung. Aus „Welche Norm gilt?“ wird: „Welche moralischen Tatsachen lassen sich aus großflächigem Verhalten erkennen?“ Genau hier müsste die Kritik ansetzen.

Der Unterschied zwischen Ethik und Moral

Zorns Einwand auf TwitterX, viele Kritiker verwechselten Ethik und Moral, hat nach meiner Audio-Aufzeichnung einen tragfähigen Punkt. Ethik ist die philosophische Reflexion über moralische Fragen. Moral bezeichnet Normen, Werte, Gebote, Verbote und Handlungsurteile im sozialen Leben. Gabriel verwendet beide Ebenen zugleich: Er spricht von Ethik als wissenschaftlicher Teildisziplin der Philosophie, von „moralischen Tatsachen“, von „ethischen Intelligenzen“ und von Systemen, die Menschen „moralisch verbessern“ sollen.

Das ist begrifflich nicht zwingend falsch. Es ist aber kommunikativ brandgefährlich. Wer „ethische Intelligenz“ sagt, „moralische Tatsachen“ meint und zugleich erklärt, Menschen seien schlechter in moralischen Urteilen als billige KI-Systeme, erzeugt fast automatisch die Schlagzeile: Der Philosoph will Moralfragen der KI geben.

Sauberer Befund

Gabriel hat nicht gesagt: Wir sollen unsere moralische Verantwortung an ChatGPT abgeben.

Gabriel hat gesagt: Wir sollen KI-Systeme bauen, die moralische Tatsachen in großen Datensätzen erkennen und Menschen als Assistenzsysteme moralisch verbessern.

Gabriel hat außerdem gesagt: Menschen seien in moralischen Urteilen oft schlechter als einfache KI-Systeme.

Gabriel hat Kant tatsächlich scharf attackiert, aber gezielt im Blick auf dessen Ethik.

Gabriel hat seine eigene technische Methode nicht offengelegt und auf zwei Start-ups verwiesen. Dieser Punkt macht den Vorwurf des kommerziellen Interesses plausibel, auch wenn er die These nicht widerlegt.

Die bessere Kritik lautet daher nicht: „Gabriel will Moral der Maschine überlassen.“ Die bessere Kritik lautet: Gabriel setzt zu viel Vertrauen in die moralische Lesbarkeit großer Verhaltensdaten und unterschätzt, wie sehr Datensätze, Modellarchitekturen, Firmeninteressen und kulturelle Dominanz schon vor jeder moralischen Auswertung mitentscheiden.

Siehe auch:

Der fehlende produktive Dienstleistungsmotor: Peter F. Druckers Wachstumsfrage, die Christofzik-Grimm-Zahlen und Deutschlands blinder Fleck bei Smart Services #WirMüssenReden

Peter F. Drucker sah die Jahrhundertaufgabe der entwickelten Volkswirtschaften früher als fast alle deutschen Standortredner. „Die erste wirtschaftliche Priorität der Industrieländer besteht darin, die Produktivität in den Wissens- und Dienstleistungsbereichen zu erhöhen.“ Der zweite Teil seines Gedankens war noch härter: Das Land, dem dies zuerst gelingt, prägt das 21. Jahrhundert.

Deutschland hat diesen Test bislang verfehlt.

Das Land redet über Industrie, als läge dort noch der ganze Wohlstandskern. Es diskutiert über Stahl, Chemie, Autos, Maschinen und Subventionen, als könne man eine alternde, datengetriebene Volkswirtschaft mit der Erinnerung an Werkstore und Exportrekorde in Bewegung halten. Beim Webmontag Frankfurt lag diese These schon 2015 auf dem Tisch.

Vor zwei Jahren ließ sie sich im Umfeld des Tags der Industrie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie erneut formulieren: Die deutsche Wirtschaft ist viel weiter in der Dienstleistungs- und Wissensökonomie angekommen, als ihre Verbände, Ministerien und Sonntagsreden einräumen.

Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe schrieb bereits 2009, die Bundesrepublik sei gemessen an den wichtigen Parametern kein klassisches Industrieland mehr. Wolfgang Münchau hielt der deutschen Debatte vor, sie klammere sich an die Vorstellung, industrielle Produktion sei die zentrale Quelle der Stärke. Hermann Simon ging noch weiter und erklärte Deindustrialisierung an vielen Stellen als Lösung. Die Textilindustrie verschwand weitgehend, der Bergbau ebenso. Der Wohlstand brach deswegen kaum ein. Der Strukturwandel kann Gewinn sein, falls neue produktive Felder entstehen. Das Wort „falls“ trägt hier die ganze Last. An dieser Stelle liegt Deutschlands Problem.

Der deutsche Strukturwandel erzeugt zu wenig neue Dynamik

Désirée I. Christofzik von der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer und Veronika Grimm von der Technischen Universität Nürnberg liefern mit ihrer Studie „Wachstumsgrundlagen erneuern, Sicherheit nachhaltig stärken“ die aktuelle Zahlenbasis für diese alte Debatte. Ihre Diagnose beginnt 2018. Seitdem befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer anhaltenden Wachstumsschwäche. Demografie, schwache private Investitionen und ein nachlassender technologischer Fortschritt greifen ineinander.

Die Zahlen auf Seite 20 der Studie zeigen die ganze Verschiebung. Der Anteil der industriellen Bruttowertschöpfung an der gesamten Bruttowertschöpfung sinkt in Deutschland seit 2018 merklich. Aus den Kurven lässt sich näherungsweise ablesen: Deutschland lag in den späten 2010er Jahren bei gut 24 Prozent, 2024 bei rund 22 Prozent. Das ist kein Absturz, aber ein klarer Bruch. Fahrzeugbau, Metall- und Elektroindustrie sowie Maschinenbau stehen unter Druck. Die Rüstungsproduktion dämpft den Rückgang etwas.

Der Rückgang der Industrie allein wäre noch kein ökonomisches Todesurteil. Moderne Volkswirtschaften können mit weniger Industrieanteil gut leben, falls produktive private Dienstleistungen wachsen. Informationstechnologie, Unternehmensdienste, Forschung, Logistik, Plattformen, Finanzdienste, Ingenieurleistungen und Smart Services können industrielle Wertschöpfung erweitern, ersetzen, ergänzen und in neue Geschäftsmodelle übersetzen. Die Vereinigten Staaten haben genau diesen Pfad deutlich entschlossener beschritten. Dort stieg die reale Bruttowertschöpfung von 2001 bis 2024 nach der Studiengrafik auf einen Indexwert von etwa 164. Deutschland kam auf rund 128. Frankreich lag bei etwa 132, Italien bei rund 110. Das ist der entscheidende Abstand: Deutschland verliert Industrieanteile und gewinnt zu wenig private Smart-Service-Dynamik.

Die Dienstleistungsgesellschaft bleibt in Deutschland halbiert

Der Begriff Dienstleistung führt in die Irre, sobald er nur nach Callcenter oder dergleichen klingt. Christofzik und Grimm fassen private Dienstleistungen breiter. Dazu zählen Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungswesen, Immobilien, unternehmensnahe Dienstleistungen, Kultur, Freizeitangebote und weitere private Dienste. In der Wachstumsdebatte zählen besonders die wissensintensiven und industrienahen Felder: Software, Cloud, Engineering, Datenanalyse, Cybersecurity, Wartungsplattformen, digitale Bauakte, Logistiksteuerung, Finanztechnologie, Forschung, Design, Beratung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz.

An dieser Stelle bleibt Deutschland zurück. Die Studiengrafik zu privaten Dienstleistungen zeigt: Deutschland lag 2024 nur bei rund 50,5 bis 51 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Frankreich kam auf etwa 57 bis 58 Prozent, Italien auf rund 56,5 bis 57 Prozent, die Vereinigten Staaten auf etwa 59 Prozent. Noch wichtiger ist der Verlauf. Deutschland steigt bis 2009 an, fällt danach zurück und verharrt am unteren Rand der Vergleichsgruppe. Andere Länder gewinnen Dienstleistungsanteile, Deutschland verliert dort Tempo.

Das erklärt die Wachstumsschwäche besser als jede Erzählung über Energiepreise allein. Die deutsche Volkswirtschaft hat ihre industrielle Sonderrolle noch lange gehalten. Als der Rückgang sichtbarer wurde, fehlte der zweite Motor. Aus Industriekompetenz entstanden zu wenige Plattformen, zu wenige skalierende Unternehmensdienste, zu wenige digitale Services, zu wenig datenbasierte Wertschöpfung.

Arbeit wandert in Bereiche mit begrenzter Produktivitätskraft

Der Arbeitsmarkt verschärft das Bild. Deutschland erreichte 2024 mit rund 46,1 Millionen Erwerbstätigen einen Rekordstand. Der Dienstleistungssektor stellte 75,5 Prozent der Beschäftigten. Zugleich sanken Beschäftigung im Produzierenden Gewerbe und im Bau. Diese Zahlen beruhigen nur auf den ersten Blick. Deutschland hat Arbeit. Die Frage lautet, welche Wertschöpfung diese Arbeit erzeugt.

Christofzik und Grimm zeigen, dass der Bereich „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ an Gewicht gewinnt. Zwischen 2017 und 2024 wuchs die Beschäftigung im öffentlichen Dienst um 14 Prozent, im Bereich politische Führung und zentrale Verwaltung um 24 Prozent. Das kann gesellschaftlich notwendig sein. Es ersetzt aber keine produktive Service-Ökonomie.

Öffentliche Dienste stabilisieren. Sie organisieren Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Sicherheit und soziale Sicherung. Ihre Produktivität lässt sich schwer messen. Viele staatliche Leistungen haben keinen Marktpreis. In den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen folgt der gemessene Output daher oft den eingesetzten Kosten. Mehr Personal und höhere Löhne können statistisch als mehr Leistung erscheinen, auch falls Verfahren für Bürger und Unternehmen langsamer bleiben.

Für die Wachstumspolitik heißt das: Der Staat wächst an vielen Stellen, die privaten produktiven Dienste wachsen zu langsam. Arbeitszeit wandert in Bereiche, die gesamtwirtschaftlich weniger Produktivitätsdynamik erzeugen. Genau das ist Druckers Prüfstein.

Totale Faktorproduktivität ist Druckers Kennzahl im neuen Gewand

Christofzik und Grimm nennen den entscheidenden Hebel: Totale Faktorproduktivität, kurz TFP. Sie misst jenen Teil des Wachstums, der aus besserer Technik, besseren Verfahren, Daten, Software, Organisation, Bildung, Management und Skalierung entsteht. Mehr Kapital hilft. Mehr Arbeitsstunden helfen. In einer alternden Gesellschaft reichen beide Quellen kaum aus. Die geburtenreichen Jahrgänge gehen in Rente. Private Investitionen schwächeln. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken in Deutschland von 21,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2022 auf 20,3 Prozent im Jahr 2025. Der Staat investierte mehr, private Investitionen gingen stärker zurück.

TFP ist daher kein abstrakter Restposten der Volkswirtschaftslehre. TFP ist die Frage, ob ein Betrieb mit gleicher Mannschaft mehr Kunden bedienen kann, ob eine Verwaltung mit weniger Formularen schneller entscheidet, ob ein Handwerksbetrieb Angebote automatisch kalkuliert, ob eine Maschine Wartungsbedarf meldet, ob Kundendaten aus der Servicehistorie neue Leistungen erzeugen.

Ein SHK-Betrieb, der Materialdaten, Arbeitszeitwerte und Erfahrungswissen in automatische Angebotserstellung überführt, hebt TFP. Ein Elektroinstallateur, der Einsatzplanung, Lagerbestand und Kundentermine verbindet, hebt TFP. Eine Tischlerei, die digitales Aufmaß direkt in Planung und Fertigung schickt, hebt TFP. Ein Wartungsdienst, der Sensordaten aus Anlagen analysiert, hebt TFP. Ein Maschinenbauer, der sein Produkt über Fernwartung, Softwareupdates, Ersatzteillogistik und Ergebnisgarantien erweitert, hebt TFP.

Druckers Frage nach der Produktivität der Wissens- und Dienstleistungsarbeit wird hier messbar.

Der BDI redet zu lange über den alten Kern

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat gute Gründe, die industrielle Basis zu verteidigen. Maschinenbau, Fahrzeugbau, Chemie, Elektrotechnik, Medizintechnik und Zulieferer bleiben wichtig. Doch der Verband beschreibt Deutschland häufig aus der Perspektive seiner Mitglieder und ihrer bestehenden Anlagen. Das ist legitim. Es wird gefährlich, sobald daraus ein nationales Selbstbild entsteht.

Ein Land, das sich als Industrieland erzählt, lenkt Kapital, politische Aufmerksamkeit und Rettungsroutinen in industrielle Pfade. Nach Krisen werden Abwrackprämien, Energiepreisbremsen, Standortsicherungsversprechen und Subventionsarchitekturen entworfen. Digitale Infrastrukturen, Datenräume, private Dienste, Gründungsfinanzierung, Software-Exporte, berufliche Dienste und Plattformmärkte erhalten weniger politisches Theater. Die Statistik folgt dieser mentalen Ordnung. Über industrielle Produktion gibt es fein aufgelöste Monatsdaten. Private Dienstleistungen erscheinen oft als Restgröße, obwohl sie den Kern der künftigen Wertschöpfung tragen müssten.

Reuters hat diese Verzerrung in einer Analyse zur deutschen Dienstleistungsökonomie auf den Punkt gebracht: Der Dienstleistungssektor steht für rund 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, trifft aber auf Regulierungsbarrieren, fragmentierte Interessenvertretung und wenig politische Aufmerksamkeit. Die Industrie hat eine machtvolle Lobby. Der Service-Sektor besteht aus vielen kleinen und mittleren Anbietern, regulierten Berufen, Kammern, freien Berufen, Softwarefirmen, Beratungen, Logistikern, Ingenieurbüros, Plattformanbietern und Spezialdienstleistern. Er besitzt kaum eine gemeinsame Stimme. Damit fehlt Deutschland ein Service-BDI.

Europa verstärkt die Bremsen

Die Schwäche privater Dienstleistungen ist kein rein deutsches Problem. Der europäische Binnenmarkt funktioniert bei Dienstleistungen bis heute schlecht. Dienste machen etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union aus, grenzüberschreitend werden nur rund 20 Prozent erbracht. Der Europäische Rechnungshof kritisierte 2026, dass 60 Prozent der bereits 2002 identifizierten Hindernisse im Jahr 2023 weiter bestanden. Der Internationale Währungsfonds vergleicht die Wirkung rechtlicher und administrativer Hürden im Binnenmarkt mit Zöllen von 110 Prozent auf grenzüberschreitende Dienstleistungen. Die Europäische Kommission rechnet mit einem Wachstumsschub von 2,5 Prozent, falls diese Barrieren fallen.

Das trifft den deutschen Engpass direkt. Wer Smart Services skalieren will, braucht Märkte. Software, Engineering, Wartung, Cybersecurity, Datendienste und Plattformmodelle leben von Wiederholbarkeit. Nationale Sonderregeln, Zertifikate, Berufszugänge, Steuerlogiken und Datenschutzvarianten treiben Kosten hoch. Ein deutsches Unternehmen kann eine Maschine weltweit verkaufen. Ein digitaler Service rund um diese Maschine stößt in Europa oft auf einen Flickenteppich. So scheitert Skalierung dort, wo Drucker den zentralen Produktivitätstest sah: in Wissensarbeit, Serviceprozessen und Management.

KI zeigt den möglichen Ausweg

Die neue KI-Welle verschärft die Frage. Produktivitätssprünge entstehen in jenen Feldern, in denen Wissen, Daten und Routinen digital verarbeitet werden. Eine Analyse von PwC, über Reuters berichtet, fand in KI-intensiven Sektoren zwischen 2018 und 2022 ein Produktivitätswachstum von 4,3 Prozent. In weniger KI-intensiven Bereichen lag es bei 0,9 Prozent. Besonders betroffen sind berufliche Dienste, Finanzdienste und Informationstechnologie.

Das ist die Drucker-Welt. KI kann Verträge analysieren, Angebote vorbereiten, Supportfälle sortieren, Bauakten strukturieren, Wartungsberichte schreiben, Rechnungen prüfen, Produktionsdaten erklären, Compliance-Risiken melden und Wissen im Unternehmen auffindbar machen. Sie hebt Produktivität dort, wo viele Beschäftigte mit unstrukturierten Informationen arbeiten.

Deutschland könnte hier gewinnen. Das Land besitzt industrielle Daten, Ingenieurwissen, Qualitätsanspruch, Mittelstandsnähe und viele komplexe Kundenprozesse. Doch diese Vorteile werden erst wertvoll, sobald daraus Services entstehen: Predictive Maintenance, digitale Zwillinge, Energieoptimierung, Serviceverträge, sichere Datenräume, Branchen-KI, Cyberdienste, operative Plattformen, Engineering-as-a-Service.

Ohne diese Übersetzung bleibt die Industrie ein Lieferant hochwertiger Gegenstände. Mit dieser Übersetzung wird sie Teil einer wissensintensiven Service-Ökonomie.

Die falsche Angst vor Deindustrialisierung

Hermann Simon und Wolf Lotter haben den deutschen Reflex gegen Deindustrialisierung zu Recht angegriffen. Der Verlust alter Industriearbeitsplätze ist historisch oft Ergebnis höheren Wohlstands. Landwirtschaft beschäftigte einst die Mehrheit. Niemand fordert ernsthaft ihre Rückkehr als Massenarbeitgeber. Textilindustrie und Bergbau prägten Regionen, Familien, Identitäten. Ihr Rückzug war hart. Die Volkswirtschaft wurde dadurch beweglicher.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Tätigkeiten treten an die Stelle alter Produktion? Falls die Antwort Verwaltung, Transfers, Subventionen und Reparatur alter Strukturen lautet, droht Stagnation. Falls die Antwort Forschung, Software, unternehmensnahe Dienste, Plattformen, Logistik, Energie- und Gebäudedaten, Cybersecurity, Engineering und Smart Services lautet, entsteht ein neuer Wachstumspfad.

Das ist Schumpeters alte Lektion. Der Unternehmer erneuert die Wirtschaft durch neue Kombinationen. Er verbindet vorhandenes Wissen, Kapital, Technik, Organisation und Nachfrage neu. Nicht der nostalgische Schutz des Bestehenden erzeugt Wohlstand. Wohlstand entsteht aus der produktiven Umlenkung von Ressourcen.

Jochen Röpkes Satz passt daher in diese Debatte: Wissen ohne schöpferisches Unternehmertum bleibt wirtschaftlich totes Wissen. Deutschland hat Forschung. Deutschland hat Patente. Deutschland hat Ingenieure. Deutschland hat Mittelstand. Was zu oft fehlt, ist der Schritt in skalierbare Dienste.

Die neue Agenda für private Dienste

Druckers Produktivitätsfrage verlangt eine andere Standortagenda. Erstens braucht Deutschland bessere Messung privater Dienstleistungen. Was die Politik nicht misst, versteht sie kaum. Was sie kaum versteht, priorisiert sie selten. Monatliche Produktionsindizes der Industrie reichen für eine Dienstleistungsökonomie nicht aus. Wir brauchen bessere Daten zu Software, professionellen Diensten, Engineering, Wartung, digitalen Plattformen, KI-Einsatz, Datenräumen, Serviceexporten und Unternehmensproduktivität.

Zweitens braucht der Mittelstand digitale Prozessfähigkeit. Förderprogramme helfen wenig, falls sie Anträge, Nachweise und Beratungsroutinen erzeugen. Entscheidend sind Standards, Schnittstellen, digitale Identitäten, elektronische Rechnungen, Registermodernisierung, Cloudfähigkeit, sichere Datenräume und verwertbare Branchenlösungen. Ein Betrieb muss Daten vom Angebot bis zur Rechnung nutzen können.

Drittens braucht Europa einen echten Binnenmarkt für private Dienste. Der freie Warenverkehr half der deutschen Industrie. Ein freier Service- und Datenmarkt könnte die nächste Wachstumsbasis schaffen. Dafür müssen Zulassungen, Zertifikate, Berufsregeln, Steuerverfahren, Vergaberegeln und Haftungsregime einfacher zusammenpassen.

Viertens braucht Deutschland mehr Risikokapital für wissensintensive Dienste. Christofzik und Grimm zeigen eine tiefe Lücke. Die Venture-Capital-Investitionen lagen 2024 in Deutschland nur bei etwa 0,06 bis 0,07 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Vereinigten Staaten kamen auf rund 0,5 Prozent, Israel auf knapp 1,8 Prozent. Wer Dienste skalieren will, braucht Kapital für Software, Vertrieb, Internationalisierung und schnelle Produktentwicklung.

Fünftens muss die Industrie lernen, ihre Produkte als Serviceplattformen zu begreifen. Ein Auto ist Software, Wartung, Energie, Finanzierung, Flottenlogik und Datenprodukt. Eine Maschine ist Sensorik, Fernwartung, Ersatzteillogistik, Prozessberatung und Verfügbarkeitsgarantie. Ein Gebäude ist Energiefluss, Wartung, Sicherheit, Finanzierung, Dokumentation und Nutzerkomfort. In diesen Verbindungen liegt der neue Wert.

Die Antwort auf Drucker

Drucker hatte recht. Die Produktivität der Wissens- und Dienstleistungsarbeit entscheidet über das 21. Jahrhundert. Christofzik und Grimm liefern die aktuelle Diagnose für Deutschland: Industrieanteil sinkt, reale Bruttowertschöpfung wächst schwächer als in den Vereinigten Staaten, öffentliche Dienste gewinnen Gewicht, private Dienstleistungen bleiben zurück, private Investitionen schwächeln, der technologische Fortschritt reicht kaum aus.

Die alte deutsche Frage lautete: Wie halten wir Industrie im Land? Die neue Frage lautet: Wie machen wir aus Industriekompetenz, Daten, Software, Forschung, Kapital und Unternehmertum eine produktive private Service-Ökonomie? Der Unterschied ist groß. Die erste Frage führt zu Schutz, Subvention und Standortnostalgie. Die zweite führt zu Smart Services, Plattformen, Wissensarbeit, Forschungstransfer, Wagniskapital, digitalen Abläufen und internationaler Skalierung.

Der Tag der Industrie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie müsste genau diese Frage annehmen. Ein Industrieland im alten Sinn ist Deutschland längst nicht mehr. Ein Dienstleistungsland mit hoher Produktivität ist es ebenfalls noch zu wenig. Zwischen beiden Selbstbildern liegt die deutsche Wachstumsschwäche. Druckers Jahrhundert hat schon lange begonnen. Deutschland behandelt es noch zu oft wie eine Randnotiz.

Siehe auch:

Die falsche Rechnung der Mehrarbeitsrepublik #ZukunftPersonal @GuidoZander @BMAS_Bund @Bundeskanzler

Unternehmen scheitern selten an der fehlenden Stunde. Sie scheitern an alten Regelwerken, verdrängten Konflikten und einer Personalpolitik, die den Kunden zu spät sieht.

Eine Dienstreisevereinbarung aus dem Jahr 1981 kann mehr über den Zustand deutscher Arbeitsorganisation erzählen als manche Regierungserklärung. In einem Unternehmen regelt ein solches Papier noch Reisen in und durch die Deutsche Demokratische Republik und die Sowjetunion. Zugleich enthält es Sätze, die bis heute wirken: reisende Monteure fliegen erster Klasse, Reisezeit gilt als Arbeitszeit. Die politische Landkarte, für die diese Vereinbarung geschrieben wurde, existiert seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Regel lebt weiter.

Das Beispiel fiel in der Diskussion nach dem Webinar des Arbeitszeitexperten Guido Zander am 16. Juni 2026. Es klang zunächst wie Betriebsfolklore. Tatsächlich öffnete es den Blick auf ein Strukturproblem. Viele Unternehmen arbeiten mit Betriebsvereinbarungen aus den achtziger und neunziger Jahren. Später kamen Ergänzungen hinzu, Protokollnotizen, Sonderfälle, Nebenabreden, tarifliche Bezüge, IT-Umgehungen und lokale Gewohnheiten. Aus Schutz wurde Sediment. Aus Einzelfalllogik wurde Steuerungsblockade.

Wer heute über Arbeitszeit spricht, redet daher selten über eine zusätzliche Wochenstunde allein. Er redet über Jahrzehnte organisationaler Ablagerung. Er redet über den Mut, Regeln neu zu schreiben. Er redet über Führung, Mitbestimmung, Daten, Kundenbedarf, Beschäftigtenschutz und Produktivität. Die öffentliche Debatte macht daraus oft eine moralische Kurzformel: Deutschland müsse mehr arbeiten. Der Betrieb kennt eine andere Wahrheit. Mehr Stunden helfen wenig, falls der Plan falsch ist.

Die Angst vor dem Arbeitszeitkonflikt

In der Diskussion wurde klar, weshalb viele Unternehmen das Thema meiden. Arbeitszeit ist gefährlich. Sie berührt Routinen, Familienleben, Pendelzeiten, Pflegepflichten, Schlafrhythmen, Vereinsleben, Schichtgewohnheiten und Statusfragen. Beschäftigte haben ihr Privatleben über Jahre an bestehende Pläne angepasst. Betriebsräte verteidigen erreichte Sicherheiten. Führungskräfte fürchten Unruhe. Geschäftsführungen zweifeln, ob der Aufwand lohnt. HR sieht den Bedarf, bekommt aber häufig kein Mandat.

So entsteht eine paradoxe Lage. Viele Betriebe kennen die Defekte ihrer Arbeitszeitmodelle. Sie sehen Leerstunden, Überstunden, Fehlzeiten, Überlastung, Planungschaos, teure Zuschläge und sinkende Attraktivität. Dennoch vertagen sie den Umbau. Sie halten alte Pläne aufrecht, weil der Konflikt um neue Pläne als riskanter erscheint als die laufenden Kosten des schlechten Systems.

Konfliktvermeidung erzeugt später neue Konflikte. Schlechte Pläne erhöhen Krankenstände. Fehlende Flexibilität treibt Überstunden. Alte Regeln schaffen Ungleichbehandlung. Starre Schichtlogik verschärft Personalengpässe. Wer die Auseinandersetzung um Arbeitszeitgestaltung scheut, bezahlt später in Fluktuation, Lieferschwierigkeiten, Recruitingkosten, Fehlzeiten und sinkender Arbeitgeberattraktivität.

In manchen ländlichen Regionen hält diese Vermeidung länger. Beschäftigte wechseln seltener, Alternativen wirken begrenzt, Betriebe vertrauen auf Tradition. Doch der Markt rückt näher. Fachkräfte vergleichen Arbeitgeber. Junge Beschäftigte akzeptieren starre Muster seltener. Familien organisieren Erwerbsarbeit anders. Pflegeaufgaben nehmen zu. Digitalisierung verändert Tätigkeiten. Künstliche Intelligenz verschiebt Aufgabenprofile. Das alte Gleichgewicht trägt noch an manchen Orten. Verlässlich ist es nicht mehr.

HR zwischen Regelverwaltung und Machtverlust

Die Personalabteilung sitzt dabei oft in der ungemütlichsten Position. Sie kennt die Regelwerke, soll sie pflegen und spürt zugleich deren Überalterung. Sie sieht die betrieblichen Folgen, wird aber als Kostenstelle behandelt. Sie soll moderieren, ohne Gestaltungsmacht zu erhalten. Sie soll Konflikte befrieden, ohne den wirtschaftlichen Zweck des Konflikts ausreichend erklären zu dürfen.

In der Diskussion fiel deshalb ein harter Befund: In manchen technologiegetriebenen Umfeldern spielt HR kaum noch eine gestaltende Rolle, obwohl Menschen, Fähigkeiten und Zusammenarbeit den Geschäftserfolg prägen. Das hat mit der Geschichte der Funktion zu tun. Viele Personalbereiche wurden über Jahre auf Verwaltung trainiert: Verträge, Abwesenheiten, Zeitkonten, Entgelt, Regelwerke, Prozesse, Compliance. Diese Arbeit bleibt notwendig. Sie verschafft aber kein strategisches Mandat.

Arbeitszeit wird damit zum Lackmustest. Wer Arbeitszeit als Regelbestand führt, bleibt Verwalter. Wer sie als Kapazitäts-, Markt- und Produktivitätsfrage behandelt, kann Führung beanspruchen. Das verlangt eine andere Sprache: Leerzeiten, Überstundenkosten, Krankenmuster, Ausfallwahrscheinlichkeiten, Qualifikationsprofile, Schichtfolgen, Kundenservicezeiten, Produktionsabbrüche, Rekrutierungskosten, Return on Investment von Workforce-Management-Systemen.

Die HR-Funktion muss rechnen. Sie muss auch übersetzen. Denn Arbeitszeitprojekte scheitern selten an Mathematik allein. Sie scheitern an Angst, Misstrauen, alten Kränkungen, schlechten Projekterfahrungen, Statusverlust und Kontrollbedürfnissen. Hier braucht Organisation affektive Intelligenz: die Fähigkeit, Emotionen zu lesen, ohne sie regieren zu lassen; Widerstände ernst zu nehmen, ohne jede Veränderung zu stoppen; Daten und Beteiligung so zu verbinden, dass aus Abwehr eine prüfbare Entscheidung wird.

Der Kunde kommt zu spät in die Personaldebatte

Winfried Felser brachte in der Diskussion Dave Ulrich ins Spiel und damit eine alte, immer noch offene Frage: Ist HR auf den internen Regelbetrieb fixiert oder auf den Markt ausgerichtet? Die Rede vom Business Partner ist in vielen Unternehmen vertraut. Doch häufig meint sie den internen Fachbereich. Der zahlende Kunde kommt zu spät vor.

Bei Arbeitszeit ist das fatal. Arbeitszeit ist kein isoliertes Personalthema. Sie entscheidet über Lieferfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Servicequalität, Kostenstruktur und Innovationsfähigkeit. Wer Schichten plant, plant die Antwortfähigkeit des Unternehmens. Wer flexible Arbeitszeit gestaltet, gestaltet Kundenfähigkeit.

Die entscheidenden Fragen lauten daher: Was braucht der Kunde wann? Welche Kapazität muss der Betrieb bereitstellen? Welche Qualifikation ist zur richtigen Zeit verfügbar? Welche Regel erzeugt Wartezeit? Welche alte Vereinbarung verhindert schnelle Reaktion? Welche Schichtfolge schont Beschäftigte und hält zugleich die Lieferzusage? Welche digitale Planung macht Volatilität beherrschbar?

In vielen HR-Debatten kreisen die Begriffe um Prozesse, Rollen, Benefits und Kultur. Der Markt erscheint als Kulisse. In volatilen Branchen reicht das nicht. HR muss Marktorientierung lernen. Arbeitszeit ist dafür ein guter Einstieg, weil sie die Abstraktion sofort beendet. Der Kunde wartet nicht auf eine Betriebsvereinbarung aus dem letzten Jahrhundert.

Die skurrile Ordnung alter Vereinbarungen

Das Beispiel der Monteure mit Erste-Klasse-Flügen zeigt eine zweite Schwierigkeit. Alte Regelwerke sind nicht bloß veraltet. Sie enthalten Besitzstände, Symbole und Verhandlungsgeschichte. Einzelne Sätze haben emotionale und tarifpolitische Ladung. Sie stehen für Anerkennung, Schutz, frühere Härten oder gewonnene Konflikte. Darum lassen sie sich schwer entfernen.

Wer solche Regelwerke nur juristisch liest, unterschätzt sie. Wer sie nur emotional liest, bleibt gefangen. Unternehmen brauchen beides: Respekt vor den Gründen, aus denen Regeln entstanden, und die Bereitschaft, ihre heutige Wirkung zu prüfen. Eine Regel kann historisch verständlich und gegenwärtig schädlich sein. Eine Vereinbarung kann einst Schutz gebracht haben und heute Steuerung verhindern.

Zander plädiert in solchen Fällen für einen Schnitt. Statt alte Regelwerke über Jahre zu flicken, könne es sinnvoller sein, sie beiseitezulegen und ein neues, schlankeres System zu entwickeln. Das verlangt Managementrückhalt, betriebliche Dringlichkeit, Vertrauen in die Verhandlung und eine HR-Funktion, die den wirtschaftlichen Zweck des Umbaus erklären kann. Fehlt einer dieser Faktoren, wird aus Reform schnell Klein-Klein. Dann wächst der Stapel weiter.

Daten als Friedensangebot

Ein wiederkehrender Gedanke der Diskussion war die Kraft evidenzbasierter Arbeit. Wer Krankenstand, Schichtsysteme, Überstunden, Leerstunden, Ausfallmuster und Fluktuation sauber analysiert, nimmt der Debatte Schärfe. Daten ersetzen keine Verhandlung. Sie verändern aber die Ausgangslage.

Dann streiten Unternehmen weniger über Eindrücke. Sie sehen Muster. Steigt der Krankenstand nach bestimmten Schichtfolgen? Häufen sich Ausfälle nach langen Blöcken? Kaufen bestimmte Bereiche regelmäßig Mehrarbeit hinzu, während anderswo Kapazität brachliegt? Welche Führungsteams planen präzise? Welche Regel erzeugt Wartezeiten? Welche Beschäftigtengruppen profitieren von Wunschdienstplanung? Welche Modelle erhöhen zugleich Verlässlichkeit für Kunden und Privatleben?

Moderne Systeme erweitern diesen Blick. Workforce-Management-Software kann Bedarf, Qualifikationen, Verfügbarkeiten, Arbeitszeitgrenzen, Zeitkonten und Präferenzen zusammenführen. Beschäftigte melden Wünsche oder Verfügbarkeiten. Zusatzschichten gehen an Personen mit passender Qualifikation und zulässigem Zeitfenster. Teams tauschen Schichten kontrolliert. Führungskräfte sehen Lücken früher. Planung wird weniger Telefonkette, mehr Steuerung.

Zander verweist auf einen einfachen wirtschaftlichen Zusammenhang: Kosten solche Systeme wenige Euro pro Beschäftigtem und Monat, reicht oft eine geringe Verbesserung im wirksamen Einsatz der Arbeitszeit, um den Aufwand zu rechtfertigen. In einer Umgebung aus Excel, improvisierten Telefonlisten und überalterten Schichtplänen ist das keine Spielerei. Es ist Kostenrechnung.

Die falsche politische Verheißung der Mehrarbeit

Vor diesem Hintergrund wirkt die politische Debatte über längere Arbeitszeiten wie eine Ersatzhandlung. Sie spricht über Menge, wo Organisation gebraucht wird. Sie moralisiert Krankheit, wo Datenanalyse nötig wäre. Sie erklärt Teilzeit zum Problem, wo Kapazitätsmodelle differenziert werden müssten. Sie ruft nach gesetzlichen Lockerungen, obwohl viele Betriebe schon an ihren eigenen Vereinbarungen scheitern.

Natürlich gehört das Arbeitszeitrecht auf die Agenda. Die tägliche Höchstarbeitszeit, Ruhezeiten, mobile Arbeit, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Tarifbindung und Dokumentation brauchen zeitgemäße Antworten. Doch gesetzlicher Spielraum allein modernisiert keinen Betrieb. Er beseitigt keine alten Betriebsvereinbarungen. Er qualifiziert keine Führungskraft. Er baut keine Kinderbetreuung. Er schafft kein Vertrauen. Er ersetzt kein Workforce-Management.

Die Formel „eine Stunde mehr“ wirkt politisch entschlossen, betriebswirtschaftlich bleibt sie häufig grob. Sie unterstellt, dass zusätzliche Anwesenheit in zusätzlichen Output übergeht. In volatilen Betrieben ist das oft falsch. Nachfrage schwankt. Maschinen stehen. Material fehlt. Produkte variieren. Kunden bestellen kurzfristig. Starre Mehrarbeit erhöht dann bezahlte Jahresarbeitszeit, ohne die Wertschöpfung entsprechend zu erhöhen.

Zanders Gegenrechnung

Hier setzt Guido Zanders fachlicher Kern an. In seiner Session während der ZP Nachgefragt Week im Februar 2026 hatte er die politische Erzählung von der zusätzlichen Wochenarbeitsstunde durchgerechnet. Mehr bezahlte Jahresarbeitszeit erzeugt keine zusätzliche Wertschöpfung, falls der Bedarf schwankt. In schwachen Phasen entstehen Leerstunden. In Spitzenphasen kauft der Betrieb Mehrarbeit hinzu. Ein starres System bezahlt zuerst ungenutzte Zeit und später Zuschläge.

Die betriebliche Alternative heißt nicht bloß weniger oder mehr Arbeit. Sie heißt bessere Synchronisation von Kapazität und Bedarf. Zeitkonten, variable Wochen, Wunschdienstplanung, digitale Schichttauschbörsen, qualifikationsbasierte Zusatzschichten, Pilotbereiche, moderne Workforce-Management-Systeme und reifere Führung können dieselbe Arbeitszeit wirksamer machen.

Das Webinar am 16. Juni 2026 führte diese Logik vom politischen Schlagabtausch in die Unternehmenspraxis. Zander zeigte, wie Arbeitszeit als lernender Kreislauf gedacht werden kann: planen, messen, abweichen, analysieren, verbessern. Entscheidend ist der Einfluss auf die Arbeitszeit. In White-Collar-Bereichen heißt das: Servicezeiten statt Kernzeiten, mobile Arbeit, konzentrierte Arbeitsphasen, Führung über Ergebnisqualität. In Blue-Collar- und Schichtbereichen heißt es: mehr Selbstorganisation in geeigneten Teams, Wunschdienstplanung, digitale Unterstützung, Qualifikationslogik, belastbare Regeln und vorsichtige Pilotierung.

Wunschdienstplanung ist kein Gefallen

Der Begriff Wunschdienstplanung klingt weich. Er trifft aber einen harten Produktivitätshebel. Beschäftigte arbeiten besser, falls Arbeitszeit planbar bleibt und Lebensrealitäten berücksichtigt werden. Unternehmen gewinnen Flexibilität, sobald sie Wünsche, Verfügbarkeiten und Bedarf systematisch zusammenführen. Daraus entsteht kein Wunschkonzert. Es entsteht ein präziserer Abgleich.

Ein Betrieb kann Zusatzschichten digital ausschreiben. Nur Beschäftigte mit passender Qualifikation und zulässigem Arbeitszeitfenster erhalten das Angebot. Teams können Schichten tauschen, ohne die Planung zu sprengen. Zeitkonten werden aktiv gesteuert. Bedarfsschwankungen werden früher sichtbar. Führungskräfte telefonieren weniger hinter Ausfällen her. Beschäftigte erleben Einfluss auf ihre Arbeitszeit.

Gerade in Schichtbereichen ist das ein Kulturwechsel. Menschen wurden lange an starre Pläne gewöhnt. Ein neues Modell braucht deshalb Einstiegspunkte mit guten Erfolgschancen. Zander empfiehlt Pilotbereiche, in denen Team, Führung und Aufgabe passen. Funktioniert das Modell dort, entsteht Sog. Andere Bereiche sehen den Nutzen und übernehmen. Veränderung wächst dann aus betrieblicher Erfahrung.

Die Aufgabe der CHROs und CEOs

Der Titel des Webinars richtete sich zu Recht an Chief Human Resources Officers und Chief Executive Officers zugleich. Arbeitszeit ist kein Spezialthema der Personalverwaltung. Sie betrifft Geschäftsmodell, Kundenversprechen, Kostenstruktur, Arbeitgeberattraktivität und Krisenfestigkeit.

CEOs müssen das Thema aus der Ecke der Regelpflege holen. CHROs müssen zeigen, dass sie wirtschaftlich führen können. Produktionsleitungen, Betriebsräte und Fachbereiche müssen Arbeitszeit als gemeinsame Steuerungsfrage behandeln. Ohne Mandat bleibt HR allein. Ohne Daten bleibt der Konflikt emotional. Ohne Beteiligung bleibt die Lösung brüchig. Ohne Marktorientierung bleibt das Modell selbstbezogen.

Die Verbindung zur ZP Nachgefragt Week zeigt den größeren Rahmen. Dort wurde die Mehrarbeitsrhetorik auf ihre betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit geprüft. Im Webinar wurde sichtbar, weshalb Unternehmen trotz besserer Einsicht so schwer handeln: alte Regeln, schlechte Erfahrungen, fehlendes Mandat, Angst vor Konflikten, schwache Datenbasis und eine HR-Funktion, die ihre strategische Rolle vielerorts erst erkämpfen muss.

Arbeitszeit entscheidet über Produktivität. Aber sie wirkt nicht als bloße Stundensumme. Sie wirkt als Steuerungssystem. Wer dieses System beherrscht, macht sein Unternehmen beweglicher, attraktiver und robuster. Wer weiter nur Stunden zählt, verwechselt Politik mit Betriebsführung.

Joyce kommt, aber nicht persönlich: Bloomsday vor der Buchhandlung Böttger – Bonn liest sich nach Dublin

Vor der Buchhandlung Böttger steht ein schwarzer Notenständer. Zwei junge Stimmen lesen in den Junivormittag hinein. Hinter der Scheibe blickt James Joyce aus einem Schaufenster, das Alfred Böttger mit Ernst, Witz und bibliophiler Regie gebaut hat. Auf einem kleinen Plakat steht der Satz, der den Tag auf die freundlichste Weise entlastet: „Joyce kommt, aber nicht persönlich!“ Unterhalb hängt das Foto aus der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Company: Sylvia Beach, James Joyce und ein unbekannter Mann, aufgenommen um 1920. Ein Fenster genügt, und der Tag hat seine Genealogie: Dublin, Paris, Bonn.

Der 16. Juni gehört Leopold Bloom. In Bonn führt sein Weg seit rund fünfzehn Jahren in die Maximilianstraße. Alfred Böttger nennt diese Feier mit trockenem Buchhändlerhumor eine „kleine James-Joyce-Institution“. Das klingt bescheiden, trifft die Sache aber nur halb. Die Buchhandlung Böttger hat sich zu einem literarischen Ort entwickelt, der weit über Bonn hinaus ausstrahlt. Wer dort eine Lesung erlebt hat, kennt diese Verbindung aus Buchliebe, Gedächtnis, Improvisation und stillem Eigensinn. Literatur darf dort vor einer Ladentür beginnen. Motto: Schlange stehen erlaubt – in leiser Verbeugung vor Herbert Anton.

Ein schweres Buch bekommt eine Straße

Der Ablauf folgt einer einfachen, klugen Dramaturgie. Aus sechzehn der achtzehn Kapitel von „Ulysses“ werden Ausschnitte gelesen. Über den Tag hinweg liefern kurze Inhaltsangaben Orientierung. Die zehn wichtigsten Figuren des Romans bekommen knappe Porträts. Böttger nennt das ausdrücklich „höchst oberflächlich“. Gerade diese Selbstironie schützt vor falscher Ehrfurcht. „Ulysses“ verlangt genug Geduld; der Roman braucht keine zusätzliche Sakralbeleuchtung.

Die Lesungen wechseln zwischen Englisch und Deutsch. Im Original hört man den Druck der Silben, die Härte der Alliteration, die Lust am Geräusch. Die deutsche Fassung gibt Halt im Sinn. Aus diesem Wechsel entsteht kein Seminar, eher ein Zugang. Böttger erzählt, Besucher hätten ihm gesagt, durch diese Lesung sei ihnen der Sprung ins Buch endlich gelungen. Dieser Satz trägt den ganzen Tag. Joyce wird dabei nicht geglättet. Man legt dem Leser eine kleine Bohle über den ersten Abgrund.

Dass fast ausschließlich junge Leute lesen, gehört zu den besten Einfällen des Formats. Viele von ihnen verfügen über keine gesicherten Joyce-Kenntnisse. Sie eignen sich das Buch lesend an. Die Stimme kommt vor der Expertise. Das passt zu Joyce, der die Sprache von der Straße, aus Kneipen, Kirchen, Zeitungen, Schlafzimmern und Reklamen in Literatur verwandelte. „Ulysses“ verlangt keine Weihe. Der Roman verlangt Ohren.

Das Schaufenster als zweite Lesung

Böttgers Schaufenster arbeitet wie eine zweite Lesung. Samuel Beckett hängt neben Joyce. Unten stehen verschiedene Ausgaben von „Ulysses“, daneben „Dubliner“, „Finnegans Wake“, Homer, „Odyssee“-Ausgaben, Beckett-Bände, kleine Fundstücke, Querverweise. Die Bücher liegen dort nicht als Dekoration. Sie bilden eine Grammatik. Das Fenster erzählt von Joyce als europäischem Ereignis, von der irischen Moderne, von Paris als Zufluchtsort der verbotenen Literatur, von der erstaunlichen Karriere eines Romans, der in englischsprachigen Ländern unter Obszönitätsverdacht stand und lange mit Verboten, Zensur und Beschlagnahmung verbunden blieb.

Sylvia Beach wird in dieser Bonner Fensterdramaturgie zur entscheidenden Figur. Traditionelle Verlage wichen vor dem Manuskript zurück. Beach nahm das Risiko auf sich. Am 2. Februar 1922, dem vierzigsten Geburtstag von Joyce, nahm sie die ersten druckfrischen Exemplare entgegen. In der Maximilianstraße hängt das Foto dieser Weltliteratur-Vorgeschichte zwischen Plakaten, Büchern und Spiegelungen der Straße. Man sieht darin Paris und Bonn, Moderne und Gegenwart, Ladenfenster und Literaturgeschichte in einem Bild.

Gedichte zwischen Zürich, Triest und Paris

In diesem Jahr erweiterte Böttger das Programm um zehn plus ein Gedicht. Die Auswahl stammt aus den Jahren, in denen Joyce an „Ulysses“ arbeitete. Am Anfang und am Ende steht ein Ausschnitt aus „Post Ulixem Scriptum“, jenem nachträglichen, komisch-melancholischen Blick auf Molly Bloom. Joyce spricht darin nach dem Roman noch einmal aus dem Schatten seines eigenen Werks. Molly ist fort, der Dandy-Look dahin, der Erzähler bleibt zurück mit Tränen, Eifersucht, Witz und körperlicher Komik. Der große Roman erhält einen Nachsatz, der klingt wie eine Kneipennummer nach der Weltliteratur.

Die übrigen Gedichte führen in die Jahre von Triest, Zürich und Paris. „Watching the Needleboats at San Sabba“ hört junge Herzen über dem Ruderschlag. „A Flower Given to My Daughter“ richtet sich an die kindliche Zartheit der Tochter. „Tutto è sciolto“ löst die Liebeserinnerung in Dämmerung und Ferne. „Simples“ spielt mit Sirenengesang und Mondkräutern. „Alone“ verwandelt See, Uferlampen und den Namen der Geliebten in ein kleines Scham- und Lustbild. Dann folgen die Spottstücke, die Reime auf Sax, David, Budgen und die politische Groteske Europas. Joyce zeigt darin eine lyrische Beweglichkeit, die den Roman nicht erklärt, aber seinen Klangraum erweitert.

Besonders reizvoll wirkt der Bezug zum „Sirenen“-Kapitel. In der Gedichtauswahl taucht die Variation auf Bellinis „All is lost now“ auf. Joyce’ Lyrik braucht keinen Schlüsselbund. Sie gibt dem Bloomsday einen zweiten Atem: leiser, knapper, manchmal spöttisch, manchmal verletzlich. Der Roman schreitet durch Dublin. Die Gedichte flackern an seinen Rändern.

Sirenen an der Hotelbar

Im elften Kapitel, „Sirenen“, wird „Ulysses“ selbst zur Partitur. Der Schauplatz ist die Bar des Ormond Hotels. Die Sirenen sind die Bardamen. Bloom weiß, dass Molly in dieser Stunde Blazes Boylan erwartet. Was für andere Gäste Klang, Flirt, Gesang und Gesellschaft bedeutet, trifft ihn als Eifersucht. Die Musik geht durch die Sätze. Wörter stoßen aneinander, Motive kehren wieder, Laute verschmelzen, Geräusche drängen in den Text. Joyce schreibt hier musikalisch.

Bei einer öffentlichen Lesung entfaltet dieses Kapitel seinen eigenen Zauber. Die Stimme muss Sprünge, Wiederholungen und Klangpartikel tragen. Man hört, wie der Text atmet, schneidet, lockt, ausweicht. Eine junge Leserin am Mikrofon, ein schwarzer Notenständer, ein paar Stühle vor der Buchhandlung: Schon rückt die Ormond-Bar an den Bonner Bürgersteig. Der Straßenraum liefert seine Begleitung. Schritte, Rollerklingeln, Gläser aus den Cafés, Stimmen der Passanten. Joyce hätte an dieser Konkurrenz vermutlich seine Freude gehabt.

Skylla, Charybdis und der Lärm der Gegenwart

Das neunte Kapitel, „Skylla und Charybdis“, führt in die Nationalbibliothek. Stephen Dedalus trägt seine Theorie über Shakespeare und „Hamlet“ vor. Um ihn herum sitzen George Russell, John Eglinton, Mr. Best, Mr. Lyster, später Buck Mulligan. Die Szene handelt von Literatur, Vaterschaft, Geist, Körper, Spekulation, Fakten und Eitelkeit. Aus der homerischen Gefahr wird ein intellektuelles Verfahren. Auf der einen Seite steht Skylla, das Ungeheuer der idealistischen Überhöhung. Auf der anderen Seite lauert Charybdis, der Strudel der Tatsachen, der alles verschlingt, was nicht sofort beweisbar erscheint.

Für heutige Debatten besitzt diese Szene eine unheimliche Nähe. Wer sich im Social Web bewegt, kennt beide Gefahren. Links die Skylla der reinen Gewissheit, rechts die Charybdis der Sofortanklage. Dazwischen versucht man, einen Satz zu retten: Geduld, Witz, Genauigkeit, Großmut, Schlaf, Lust am Denken. Stephen manövriert zwischen Platon und Aristoteles. Wir manövrieren zwischen moralischer Selbsterhöhung und digitaler Zertrümmerungslust. Das Kapitel liest sich heute wie eine Bibliotheksszene über Kommentarspalten. Jeder will die Deutung besitzen. Kaum jemand hört lange genug zu.

Joyce lässt Stephen brillant wirken und verletzbar bleiben. Er ist klug, witzig, prahlerisch, einsam. Wer im Netz eine These formuliert, betritt oft jene enge Passage zwischen Skylla und Charybdis. Sechs Gefährten gehen schnell verloren. Das Schiff fährt weiter. Der Preis bleibt im Körper.

Der Kyklop als Kommentarspalte

Im zwölften Kapitel, „Kyklop“, sitzt Bloom in Barney Kiernans Pub. Der nationalistische „Bürger“ herrscht mit großem Ton. Ein anonymer Erzähler führt durch die Szene. Bloom sucht Martin Cunningham, gerät in eine Kneipenrunde, trinkt kein Bier, gibt keine Runde aus, steht unter dem Verdacht, beim Pferderennen gewonnen zu haben, und zieht den Zorn der Anwesenden auf sich. Joyce nennt die Technik dieses Kapitels „Gigantismus“. Alles wächst ins Übermaß. Der Ton schwillt an. Mythische, nationale, journalistische und religiöse Stile blähen das Geschehen auf.

Das Kapitel zeigt, wie schnell ein Raum kippt, sobald Gerücht, Alkohol, Kränkung und kollektiver Stolz zusammenkommen. Der Kyklop sieht nur mit einem Auge. Darin liegt seine Modernität. Er sieht viel, aber nur aus einer Richtung. Aus einer Kneipe wird ein Tribunal. Aus Bloom wird ein Verdächtiger. Aus einer Lappalie entsteht eine moralische Eskalation.

Auch hier drängt sich die Gegenwart auf. Digitale Debatten lieben kyklopische Sichtfelder. Ein Auge genügt, sofern es groß genug auftritt. Der kleine Verdacht wird zum Urteil. Die Pose ersetzt die Prüfung. Joyce hat diese Mechanik lange vor Plattformen und Timelines beschrieben. Barney Kiernans Pub ist keine ferne irische Folklore. Er ist der Vorraum vieler heutiger Empörungsrituale.

Irrfelsen zwischen Kirche und Staat

Auch die „Irrfelsen“ gehören an diesem Bloomsday zum Bonner Parcours. Joyce folgt in diesem Kapitel vielen kleinen Bewegungen durch Dublin. Pater Conmee geht nach Artane. Am Ende fährt der Vizekönig mit seiner Kavalkade zur Eröffnung eines Basars. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich Bürger, Nebenfiguren, Fragmente, Wege und Zufälle. Kirche und Staat stehen wie Felsen, zwischen denen Irland zerrieben werden kann.

Das Kapitel bildet den Roman im Kleinen ab. Dublin wird zum Netz aus Gängen, Blicken, Begegnungen und Ausweichbewegungen. Kein Zentrum hält alles zusammen. Die Stadt selbst montiert den Text. Für eine Lesung auf der Straße passt das ausgezeichnet. Die Buchhandlung öffnet ihre Tür, die Stadt liefert Bewegung, und der Roman legt sich über den Bürgersteig wie eine zweite Karte. Bonn bleibt Bonn. Für einige Stunden darf die Stadt nach Dublin klingen.

Bonn liest, Joyce lächelt hinter Glas

Am Ende bleibt das Bild des Schaufensters. Joyce im Hut, Beckett als Nachbar, Sylvia Beach im kleinen Foto, darunter die Bücher. Ein Plakat verspricht die Ankunft des Autors und zieht den Satz sofort wieder zurück: „Joyce kommt, aber nicht persönlich!“ Literatur lebt von solchen Abwesenheiten. Der Autor fehlt. Die Stimmen sind da. Das Buch liegt im Fenster. Die Straße hört zu.

Alfred Böttger hat für diese Art literarischer Gegenwart ein außergewöhnliches Gespür. Seine Buchhandlung ist Bühne, Archiv, Salon, Auslage, Treffpunkt. Am Bloomsday geschieht das mit Joyce. Der große Dubliner Roman kommt nach Bonn, ohne seine Fremdheit zu verlieren. Er bleibt schwierig, komisch, musikalisch, obszönitätsverdächtig, gelehrt, körperlich und unverschämt lebendig.

Der Sprung ins Buch gelingt so: durch eine Stimme vor einer Buchhandlung, durch ein Fenster voller Zeichen, durch einen Satz, der einen zum Lachen bringt, und durch die Ahnung, dass man dem Jahrhundertroman nicht allein im Lesesessel begegnen muss. Man kann ihm auch auf der Straße begegnen. In Bonn. Am 16. Juni. Vor Böttger.

Die Schleuse hat sich geöffnet

Mai, Juni, Juli, August. Jedes Jahr kehren diese Monate wieder, und mit ihnen kehren Bilder zurück, die mich auf den 6. Mai 2019 zurückwerfen. Auf den Tag, an dem meine liebe Frau Miliana im Sekundentod starb. Für mich, für die Kinder, für alle, die sie liebten, blieb dieser Tod ohne Erklärung. Wir haben keine Obduktion veranlasst. Das klingt im Rückblick wie eine Entscheidung. In Wahrheit war es etwas anderes. Man entscheidet in solchen Tagen nicht aus Ruhe, Übersicht oder Abwägung. Man funktioniert. Mechanisch. Reflexhaft. Man nimmt Anrufe entgegen, beantwortet Fragen, unterschreibt, organisiert, lässt sich Termine nennen, spricht mit Bestattern, hört Sätze, die man kaum versteht. Der Körper steht noch im Leben, der Kopf hängt im Schock fest.

Dann kam der Aufbahrungstermin im Bestattungsinstitut. Wir wollten ihn, auch wegen Milianas orthodox-serbischer Tradition. Viele aus der Familie waren gekommen. Ich war als Ehemann der Erste, der zu ihr gehen durfte. Es war eine der schwersten Stunden meines Lebens. Meine Frau lag da, 46 Jahre alt, zwölf Jahre jünger als ich, in der Blüte ihres Lebens. Ich war damals 58. Dieses Bild verlässt mich bis heute nicht.

In den ersten Jahren ging es ums Überleben. Man weiß nicht, wie der nächste Tag aussehen soll. Man weiß nicht, wie man weiterarbeitet, weiterlebt, weiterredet. Unser Seelsorger Johannes sagte damals einen Satz, der sich eingebrannt hat: Die Zeit geht grausam weiter. Draußen öffnet der Bäcker seine Tür, die Geschäfte laufen, Termine werden eingehalten, Milliarden Menschen gehen ihren Pflichten nach. Nur man selbst steht in einer Zeitkapsel. Johannes fand dafür das Bild einer Schleuse. Ein Schiff steht darin still. Es kann nicht vorwärts, nicht rückwärts. Die Tore öffnen sich erst langsam. Millimeterweise. Für manche früher, für andere später. Bei mir dauerte es lange. Vielleicht dauert es noch immer.

Aus dieser Erstarrung heraus entstand die Europatour mit dem legendären E-Bike Reyvolt. Vier Wochen, rund 3.000 Kilometer, quer durch Europa. Belgien, Frankreich, Luxemburg, Schweiz, Italien, Österreich, Bayern, Tschechien, Berlin. Es war eine Reise für Miliana, für Europa, für die Idee, dass Menschen einander tragen können, auch in einer Lage, in der fast nichts mehr trägt. Ich fuhr, weinte, streamte, sprach mit Menschen, wurde aufgenommen, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Diese Tour war keine Heldengeschichte. Sie war ein Überlebensversuch auf Rädern.

Danach stürzte ich mich in Arbeit. Ich nahm rund 30 Kilo zu. Inzwischen sind etwa 25 Kilo wieder runter. Der Körper meldet sich zurück. Volleyball ist wieder Teil meines Lebens. Auch beruflich habe ich vieles neu sortiert. Gemeinsam mit meinem Sohn Constantin ist Sohn@Sohn zu einem Markenzeichen geworden. Wir haben als Zwei-Personen-Agentur einiges aufgebaut, und wir haben noch einiges vor.

In dieser Zeit haben sich Freundschaften verändert. Manche Pärchenfreundschaften verschwanden fast lautlos. Vieles hatte Miliana zusammengehalten. Sie war diejenige, die einlud, vermittelte, organisierte. Im Familienkreis wurden Kontakte schwächer. Ich bin kein perfekter Netzwerker für private Bindungen. Andere meldeten sich gar nicht mehr. Wieder andere fühlten sich durch Halbsätze verletzt, drch Bemerkungen in Interviews, durch meine direkte Art. Zwei Menschen haben mich im Social Web komplett gesperrt. Jeder Mensch bringt eigene Verletzlichkeiten mit. Ich akzeptiere das. Jeder kann durch Sätze getroffen werden, die ein anderer achtlos ausspricht. Auch durch mich. Ich habe eine robuste Ausdrucksweise, geprägt durch Berlin-Neukölln, durch ein langes Berufsleben mit vielen Höhen und Tiefen. Mit 65 Lenzen werde ich daraus keine Entschuldigungsmaschine mehr bauen. Ich habe sortiert, wer bleibt, wer geht, wer Nähe aushält, wer Abstand braucht.

Geblieben sind gute Freunde, gute Bekannte, gute berufliche Verbindungen, meine Kinder, mein Sohn als Partner in der Agentur, die Arbeit, die mich trägt. Ich habe einmal gesagt, ich arbeite weiter bis zur Demenz. Das war halb im Scherz gesagt, halb als politische Botschaft an jene, die über Selbstständige, Kleinstunternehmer und Reformen reden, ohne unsere Lebenswirklichkeit wirklich zu kennen. Als Zwei-Personen-Betrieb wird man vom Steuerstaat eher verwaltet als ermutigt. Aktivrente, Pandemiehilfen, Rückzahlungen, bürokratische Lasten des Alltags: Vieles ging an uns vorbei oder traf uns mit voller Wucht.

Ich hatte lange angekündigt, einen Roman über diese Zeit zu schreiben. Dazu bin ich nicht in der Lage. Vielleicht braucht ein Roman mehr Abstand. Ich habe aber etwas anderes geschafft: „Tagebuch der Tränen: Erinnerungen, Begegnungen und Wege zu Miliana“ wird demnächst erscheinen. Es ist kein literarisches Denkmal aus Marmor. Es ist ein Protokoll aus Schmerz, Erinnerung, Arbeit, Europa, Begegnungen, Musik, Kindern, Garten, Reisen, Abstürzen, Aufstehen. Es zeigt, was in diesen sieben Jahren geschehen ist. Sieben Jahre, in denen die Trauer ihren Ort verändert hat, ohne zu verschwinden. Sieben Jahre, in denen Miliana gegenwärtig blieb: in Gesprächen, Liedern, Sommermonaten, politischen Debatten, europäischen Erinnerungen, Gartengerüchen, Fotos, Tränen.

Miliana war viel mehr als meine Frau. Sie war in europäischen Projekten unterwegs, in Twinning-Projekten der Europäischen Union, in Gesprächen mit Ländern, die ihren Weg nach Europa suchten. Sie dachte politisch, europäisch, verbindend. Kurz vor ihrem Tod schloss sie eine hervorragende Masterarbeit ab. Sie kam in Österreich unter die letzten Kandidatinnen für einen Wissenschaftspreis. Das Thema war Kriegspropaganda. Heute wirkt es bedrückend aktuell. Wer sich für diese Arbeit interessiert, kann sich gerne bei mir melden. Ich schicke die PDF.

Ich will nichts verdrängen. Ich will Milianas Andenken wachhalten. Nicht als Museum, nicht als Pose, nicht als Pflichtübung. Eher als tägliche Vergewisserung: Diese Liebe hat stattgefunden. Dieses gemeinsame Leben war real. Diese zwölf Jahre bleiben ein Teil meines Denkens, Schreibens, Arbeitens.

Bestimmte Lieder greifen mich bis heute an. Bestimmte Situationen auch. Sommermonate, zufällige Sätze, Orte, Gerüche, soziale Netzwerke, Erinnerungen, die plötzlich auftauchen. Das Social Web kann verletzen. Es kann auch tragen. Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren geschrieben, gefragt, geholfen, zugehört. Auch das gehört zur Wahrheit. Die Schleuse hat sich geöffnet. Nicht weit. Nicht schnell. Aber weit genug, um weiterzufahren.

Der Oberlehrer mit dem Flammenwerfer: Über Zunftwächter, Kränkungsakrobaten und digitale Belehrungsanstalten

Über all Zurechtweisungen.

Man kennt die Figur. Sie tritt im Netz auf wie ein Hausmeister der Wahrheit. Am Gürtel hängt der Schlüsselbund der Fachbegriffe, in der Brusttasche steckt der unsichtbare Ausweis der Zuständigkeit. Wer eine Sache beschreibt, bekommt erst einmal die Frage gestellt, ob er überhaupt berechtigt sei, sie zu sehen.

Philosophie? Bitte Fachkarte vorlegen.

Ethik? Seminarerlaubnis nachreichen.

Kritik? Nur mit Prüfvermerk.

Öffentlichkeit? Verdächtig.

So entsteht der neue Zunftwächter der digitalen Debatte: ein Mann mit Textmarker und Sirene. Er liest keine Beiträge, er kontrolliert Grenzübergänge. Er antwortet nicht, er stellt Verfahren ein. Er diskutiert nicht, er verliest Mängelbescheide.

Der Fachausweis als Schlagstock

Die Grundmelodie lautet: Wer nicht aus meinem Fach kommt, darf über mein Fach nur staunen. Urteilen ist untersagt. Fragen sind erlaubt, solange sie knien und im hündischen Jargon vorgetragen werden. Das hat etwas Komisches. Ausgerechnet Philosophie, diese alte Kunst des Fragens, wird zur Zugangskontrolle umgebaut. Der Gedanke soll frei sein, doch am Eingang sitzt der Türsteher mit Literaturverzeichnis.

Der Zunftwächter liebt die kleine Demütigung. Er spricht in Fußnotenlaune. Er wirft lateinische Brocken in den Thread wie Weihrauch in eine Dorfkirche. Q. e. d. hier, Sophisma dort, Satisfaktionsfähigkeit hinten links. Das Publikum soll spüren: Hier spricht kein Mensch. Hier spricht die Prüfungsordnung.

Dabei geht es oft kaum noch um die Sache. Es geht um Rang. Um Revier. Um die Frage, wer sprechen darf, wer schweigen soll und wer nach drei Sätzen als unkundiger Eindringling markiert wird.

Der Choleriker als Dialogtrainer

Besonders reizvoll wird die Figur, sobald sie Mäßigung predigt. Dann wird mit der Handkante doziert. Der Ton steigt, die Wörter werden scharf, der Gegner schrumpft zum Fallbeispiel. Danach folgt der Hinweis auf zivilisierten Dialog. Der Choleriker im Besserwisser-Modus besitzt ein seltenes Talent: Er kann andere in Brand reden und dabei Brandschutzvorschriften zitieren.

Er beklagt Polemik mit Polemik. Er erkennt Empörung überall, außer im eigenen Satz. Er ruft zur Ruhe und gießt Benzin in den Kommentarspalt. Er erklärt, andere hätten das Diskutieren nie gelernt, während er selbst mit der Fuchtel des Oberlehrers durch den Thread stapft. Das wäre nur lästig, hätte es nicht System. Dieser Typus will keine Debatte öffnen. Er will Debatte hierarchisieren. Oben der Wissende. Unten der Rest. Dazwischen der Zeigestock.

Die große Kränkungspädagogik

Kaum widerspricht jemand, beginnt die Kränkungspädagogik. Aus Kritik wird Anmaßung. Aus Erwiderung wird Pranger. Aus einem Link wird Schandpfahl. Aus einem Blogbeitrag wird öffentliche Hinrichtung. Aus einer Replik wird moralischer Notstand. Man staunt über diese Zartheit. Wer eben noch mit schweren Begriffshämmern hantierte, entdeckt plötzlich die eigene Schutzbedürftigkeit. Der digitale Duellant verlangt Samthandschuhe, sobald der Degen zurückkommt. Natürlich darf man falsch liegen. Natürlich darf man scharf schreiben. Natürlich darf man austeilen. Nur sollte man dann nicht die Feuerwehr rufen, sobald es nach Rauch riecht.

Die Pranger-Vokabel als Nebelmaschine

Der Pranger-Vorwurf ist das Drama-Abonnement des gereizten Rechthabers. Er eignet sich wunderbar, um aus normaler öffentlicher Erwiderung ein mittelalterliches Spektakel zu machen. Früher brauchte man Halseisen, Marktplatz und Obrigkeit. Heute reichen Screenshot, Kommentar und Antwortfunktion.

Wer öffentlich schreibt, begibt sich in Öffentlichkeit. Dort kann Zustimmung kommen. Dort kann Widerspruch kommen. Dort können andere die eigenen Sätze zitieren, drehen, prüfen, verspotteten Ernst zurückgeben. Das ist kein Schandpfahl. Das ist Netzkommunikation. Der moderne Pranger hat keinen Pfahl. Er hat einen Permalink. Und meist hat der angeblich Angekettete weiterhin Tastatur, Reichweite, Follower, Mikrofon und letzte Antwort. Also genau das Gegenteil von Prangermethoden.

Der kleine Lehrstuhl im Kopf

Hinter dieser Figur steckt ein winziger Lehrstuhl im Kopf. Er hat keine Öffnungszeiten, vergibt aber ständig Gutachten. Jeder Satz anderer wird geprüft: Ton falsch. Begriff falsch. Format falsch. Medium falsch. Autor falsch. Publikum falsch. Professor falsch (warum hat er einen gut dotierten Lehrstuhl und ich nicht?). Am Ende bleibt die reine Lehre allein im Raum und wundert sich, weshalb niemand mehr zuhört.

Der kleine Lehrstuhl im Kopf verwechselt Autorität mit Unangreifbarkeit. Er verwechselt Fachwissen mit Besitzrecht. Wer ihm widerspricht, offenbart angeblich mangelnde Bildung. Wer lacht, hat den Ernst verfehlt. Wer schreibt, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten, betreibt Grenzverletzung. So wird Wissenschaft zur Ritterburg. Die Zugbrücke ist oben. Unten stehen die Leute mit ihren Fragen.

Der Streit braucht Luft

Gute Debatten brauchen Fachkenntnis. Sie brauchen genaue Begriffe. Sie brauchen Widerspruch, Quellen, Gegenargumente, Geduld. Sie brauchen auch Öffentlichkeit. Ohne Öffentlichkeit wird Denken zur Kartellware. Philosophie gehört in Seminare, Bücher, Vorlesungen, Kolloquien. Sie gehört ebenso in Zeitungen, Blogs, Podcasts, Säle, Feeds und Gespräche. Wer das anstößig findet, verteidigt nicht den Gedanken. Er verteidigt die Sitzordnung. Der Zunftwächter kann weiter stempeln. Fachfremd. Polemisch. Unzuständig. Prangerhaft. Unsachlich. Unqualifiziert. Draußen reden die Menschen weiter. Und genau das scheint ihn am meisten zu stören.

Die zwanzig Folien im Kanzleramt: Jörg Dittrich, Veronika Grimm und die Berliner Kunst der Vertagung @Bundeskanzler @GrimmVeronika @ZDH_news @BMWE_ @BMAS_Bund

Im Kanzleramt trafen sich Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaftsspitzen und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas zu einer Runde, die nach Aufbruch klang und nach Vertagung roch. Es ging um Arbeit, Sozialabgaben, Bürokratie, Steuern und die Frage, ob Deutschland seine Wachstumsschwäche noch politisch bearbeiten kann. Die Arbeitgeber kamen mit Zahlen. Die Gewerkschaften kamen mit roten Linien. Die Politik kam mit Gesprächsbereitschaft.

In dieser Runde konnte Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, offenbar kaum durchdringen. Nach der Schilderung von Gabor Steingart hatte Dittrich zwanzig Charts in der Tasche, vorbereitet von der Wirtschaftsweisen und Pioneer-Co-Herausgeberin Veronika Grimm. Das Bild ist zu gut, um es liegen zu lassen: Der Vertreter von einer Million Handwerksbetrieben sitzt im Kanzleramt, ausgestattet mit Daten zur deutschen Wachstumsschwäche, und erlebt, wie die Berliner Reformpolitik sich im Kreis dreht.

Die Tagesordnung hieß Reform, das Ergebnis hieß Gespräch

Am 10. Juni 2026 kamen im Bundeskanzleramt die Spitzen der Regierungsparteien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften zusammen. Offiziell standen vier Themen auf der Agenda: Arbeitsmarkt, Sozialversicherungen, Bürokratieabbau und Steuerpolitik. Vier Felder, vier offene Rechnungen, vier Prüfsteine für eine Regierung, die Wachstum verspricht und dabei auf einen Staat trifft, der seit Jahren immer mehr Mittel bindet.

Nach außen klang alles geordnet. Konstruktive Atmosphäre. Konzentrierte Diskussion. Gemeinsames Problembewusstsein. Das Vokabular des politischen Betriebs ist verlässlich, sobald Beschlüsse fehlen. Gerade diese Sprache verrät die Lage. Wer Reformen will, braucht Konfliktfähigkeit. Wer vor allem Gesprächsfähigkeit meldet, sendet ein anderes Signal.

Jörg Dittrich stand in dieser Runde für eine Wirtschaftsrealität, die in Berlin häufig als Kulisse behandelt wird. Das Handwerk ist Bau, Energie, Sanierung, Ausbildung, Reparatur, Versorgung, regionale Wertschöpfung. Es elektrifiziert Gebäude, installiert Wärmepumpen, baut Dächer, wartet Maschinen, hält Innenstädte am Leben, bildet junge Menschen aus. Wer dort über Arbeit, Abgaben, Bürokratie und Investitionen spricht, redet über die praktische Leistungsfähigkeit des Landes.

Was in Dittrichs Mappe gelegen haben dürfte

Die zwanzig Folien kennen wir nicht. Ich bin kein Abonnent des Steingart-Dienstes. Die Studie „Wachstumsgrundlagen erneuern, Sicherheit nachhaltig stärken“ von Désirée I. Christofzik und Veronika Grimm gibt aber eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welche Kurven, Balken und Stichworte Dittrich in die Runde getragen haben könnte.

Der Befund lautet: Deutschlands Schwäche ist strukturell. Sie beginnt spätestens 2018. Sie lässt sich durch kurzfristige Programme, zusätzliche Schulden und kommunikative Beruhigung kaum beheben. Die deutsche Wirtschaft stagniert, während andere Volkswirtschaften nach der Pandemie wieder Tritt gefasst haben. Die Ursachen liegen tiefer: Demografie, Investitionsschwäche, sinkende Produktivitätsdynamik, Regulierung, Energiepreise, Sozialabgaben und ein Staat, der immer mehr Ressourcen an sich zieht.

Die ersten Charts dürften das deutsche Bruttoinlandsprodukt gezeigt haben. Der Begriff bezeichnet den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres entstehen. Er bestimmt, wie viel Spielraum ein Land für Löhne, Infrastruktur, Sozialausgaben, Verteidigung, Bildung, Forschung und Steuersenkungen hat. Wer Wachstum verliert, verliert politische Bewegungsfreiheit.

Der nächste Chart hätte das Produktionspotenzial gezeigt. Damit ist jene Wirtschaftsleistung gemeint, die ein Land bei normaler Auslastung seiner Arbeitskräfte, Maschinen, Gebäude, Daten, Energieversorgung und Organisation erreichen kann. Dieses Potenzial sinkt. Das ist gefährlicher als eine schlechte Konjunktur. Konjunktur kann drehen. Ein sinkendes Produktionspotenzial zeigt eine beschädigte Grundlage.

Arbeit wird knapp, Arbeit wird teuer

Für den Zentralverband des Deutschen Handwerks beginnt die Debatte beim Arbeitsvolumen. Der Begriff meint die Summe der geleisteten Arbeitsstunden. Deutschland verliert Arbeitsstunden, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Zuwanderung kann helfen. Mehr Erwerbstätigkeit von Frauen kann helfen. Eine längere Lebensarbeitszeit kann helfen. Doch keine Einzelmaßnahme schließt die Lücke.

Für Handwerksbetriebe klingt das weniger abstrakt. Der Dachdecker findet keinen Nachwuchs. Der Heizungsbauer verliert erfahrene Monteure. Der Bäcker zahlt höhere Löhne und höhere Energiepreise. Der Elektriker kämpft mit Auftragslage, Lieferzeiten, Normen und fehlenden Fachkräften. In Berlin heißt das Fachkräftesicherung. Im Betrieb heißt es: Der Auftrag wird später fertig.

Die Sozialversicherungen verschärfen die Lage. Rentenversicherung, gesetzliche Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung verteuern Arbeit. Steigende Beiträge treffen Beschäftigte und Betriebe. Beim Kunden kommt ein hoher Stundensatz an. Beim Gesellen kommt ein deutlich kleinerer Nettobetrag an. Dazwischen steht ein Sozialstaat, dessen Finanzierungsbasis schrumpft.

Der Begriff Lohnnebenkosten verharmlost das Problem schon seit Jahrzehnten. Für Betriebe sind es Arbeitskosten. Sie wirken wie Steuern. Für Beschäftigte sind es Abzüge. Für Kunden sind es Preise. Für die Volkswirtschaft sind es Beschäftigungsbremsen. Eine Regierung, die Arbeit attraktiver machen will, muss an diesen Kostenblock heran.

Investitionen fallen dort, wo Wachstum entsteht

Ein weiterer Chart dürfte die Bruttoanlageinvestitionen gezeigt haben. Dieser Begriff bezeichnet Ausgaben für Maschinen, Gebäude, Anlagen, Fahrzeuge, Software und andere langlebige Produktionsmittel. Die Studie zeigt: Der Staat investiert etwas mehr, private Investitionen fallen stärker. Für eine Volkswirtschaft ist das gefährlich. Produktivität entsteht in Betrieben, Laboren, Werkhallen, Werkstätten, Softwareprojekten und neuen Geschäftsmodellen.

Private Investitionen brauchen Berechenbarkeit. Unternehmer investieren, wenn Genehmigungen planbar sind, Energie bezahlbar bleibt, Steuern kalkulierbar wirken und Regulierung den Betrieb beherrschbar lässt. Wer jahrelang neue Nachweispflichten, Berichtspflichten, Dokumentationen und Unsicherheiten erzeugt, bekommt weniger Investitionen. Das ist keine Stimmungsschwankung der Wirtschaft. Das ist eine rationale Reaktion.

Die Kanzlerrunde hätte diesen Sachverhalt in einem Satz klären können: Wachstum braucht private Risikobereitschaft. Die Politik kann sie erleichtern oder vertreiben.

Faktorproduktivität: der Kern der Wachstumsfrage

Der wichtigste Begriff in Grimms ökonomischem Baukasten heißt Totale Faktorproduktivität, abgekürzt TFP. Er misst den Teil des Wachstums, der aus besserer Technik, besserer Organisation, besseren Verfahren, besserer Bildung, Software, Daten, Management und Skalierung entsteht. Eine alternde Volkswirtschaft braucht genau diesen Hebel. Weniger Arbeitsstunden lassen sich nur durch mehr Produktivität ausgleichen.

Für das Handwerk heißt Totale Faktorproduktivität nicht Theorie. Sie zeigt sich in digitaler Einsatzplanung, automatisierter Angebotserstellung, präziser Lagerhaltung, besseren Maschinen, sensorgestützter Wartung, schnelleren Genehmigungen, digitalen Bauakten, Künstlicher Intelligenz bei Kalkulation, Dokumentation und Kundenkommunikation. Produktivität wächst, wenn Fachkräfte weniger Zeit mit Formularen und mehr Zeit mit Wertschöpfung verbringen.

Dort kollidiert die Wirklichkeit mit der politischen Sprache. Berlin redet gern über Digitalisierung. Betriebe erleben Schnittstellenbrüche, Papierpflichten, heterogene Portale, Medienwechsel und Fristenlogiken. Ein Staat, der Digitalisierung als zusätzliche Oberfläche über alte Verfahren legt, spart keine Zeit. Er produziert neue Umwege.

Strukturwandel ohne produktiven Aufbruch

Die mittleren Folien hätten den deutschen Strukturwandel gezeigt. Seit 2017 geht die Industrieproduktion zurück. Die Weltindustrieproduktion steigt weiter. Deutschland verliert relativ an Boden. Das ist für ein Land mit hoher Exportabhängigkeit und breiten Zulieferketten eine ernste Verschiebung.

Die Studie beschreibt zugleich eine zweite Bewegung: Wertschöpfung wandert in öffentliche und öffentlich geprägte Dienstleistungen. Der Anteil privater Dienstleistungen wächst im internationalen Vergleich schwach. Das ist entscheidend. Moderne Volkswirtschaften können gut mit weniger Industrieanteil leben, falls produktive private Dienstleistungen wachsen: Informationstechnologie, Unternehmensdienste, Forschung, Logistik, Plattformen, Finanzdienste, Ingenieurleistungen. Deutschland bekommt davon zu wenig Dynamik.

Der öffentliche Dienst wächst dagegen. Zwischen 2017 und 2024 stieg die Zahl der Beschäftigten dort deutlich. Besonders kräftig wuchs der Bereich politische Führung und zentrale Verwaltung. Für Betriebe ergibt sich daraus eine bittere Erfahrung: Während produktive Branchen Personal suchen, baut der Staat zusätzliche Kapazitäten für Regelsetzung, Kontrolle und Bearbeitung auf.

Bürokratie ist ein Produktionsfaktor mit negativem Vorzeichen

Bürokratieabbau klingt harmlos. In der betrieblichen Realität ist er ein Produktivitätsthema. Jede Stunde für Nachweise, doppelte Dateneingaben, Förderanträge, Registermeldungen, Statistikpflichten, Dokumentationen und Genehmigungsschleifen fehlt an anderer Stelle. Große Unternehmen können Rechts- und Compliance-Abteilungen ausbauen. Kleine Betriebe verlieren Chefzeit.

Gerade im Handwerk ist Chefzeit knapp. Der Inhaber verkauft, kalkuliert, bildet aus, fährt zum Kunden, verhandelt mit der Bank, prüft Rechnungen, liest Verordnungen, beantwortet Mails der Verwaltung. Wer diese Zeit in Bürokratie bindet, senkt die Leistungsfähigkeit des gesamten Betriebs. Der Staat erzeugt so Kosten, die in keiner Haushaltszeile sauber auftauchen.

Die Grimm-Christofzik-Studie spricht von steigender Eingriffsdichte. Das ist ein höflicher Begriff für eine politische Kultur, die Probleme mit Regeln beantwortet und die Folgekosten anschließend als Modernisierungsbedarf tarnt.

Energie, Steuern, Abgaben: die Standortrechnung des Handwerks

Dittrich dürfte auch über Energie gesprochen haben. Energiepreise wirken im Handwerk direkt: Backöfen, Kühlung, Werkstätten, Fahrzeuge, Maschinen, Trocknung, Heizung, Baustellenlogistik. Wer Systemkosten der Energieversorgung senkt, verbessert die Wettbewerbsfähigkeit vieler Betriebe sofort. Wer sie politisch erhöht und später über Ausnahmen oder Förderprogramme kompensiert, baut ein teures Umverteilungssystem.

Ähnlich wirken Steuern und Abgaben. Ein hoher Steuer- und Abgabenkeil verteuert Beschäftigung und mindert den Lohnabstand zwischen Arbeit und Transfer. Für die Bundesregierung ist das eine Verteilungsfrage. Für den Betrieb ist es eine Einstellungsfrage. Für Beschäftigte ist es eine Nettofrage. Für Kunden ist es eine Preisfrage.

Die Kanzlerrunde hätte hier eine einfache Antwort geben müssen: Arbeit braucht Entlastung. Sozialausgaben brauchen Begrenzung. Steuerpolitik muss Investitionen erleichtern. Bürokratieabbau muss im Kalender sichtbar werden, nicht im Ankündigungsarchiv.

Sozialversicherungen als Testfall politischer Ehrlichkeit

Die Sozialversicherungen sind der schwierigste Teil dieser Debatte. Sie stehen für Sicherheit im Alter, medizinische Versorgung, Pflege und Schutz bei Arbeitslosigkeit. Niemand kann sie seriös aus der Standortrechnung streichen. Gerade deshalb müssen sie reformiert werden.

Die demografische Alterung erhöht den Druck. Weniger Beitragszahler finanzieren mehr Leistungsansprüche. Die Politik reagiert gern mit Bundeszuschüssen, Beitragssatzanhebungen und Kommissionen. Das verschiebt Kosten, löst aber die Strukturfrage kaum. Wer Sozialversicherungen tragfähig machen will, muss Leistungen, Lebensarbeitszeit, Eigenvorsorge, Steuerzuschüsse und Beitragssätze offen gegeneinander abwägen.

Für das Handwerk ist diese Debatte doppelt sensibel. Es braucht Fachkräfte und faire Nettoeinkommen. Es braucht zugleich eine soziale Ordnung, die Beschäftigte trägt. Der Konflikt lässt sich nicht durch Pathos beenden. Er verlangt Rechnen. Genau dafür waren die zwanzig Charts wahrscheinlich gedacht.

Sicherheit beginnt bei Leistungsfähigkeit

Die Studie verbindet Wachstum mit Sicherheit. Das passt zum Handwerk besser, als viele auf den ersten Blick glauben. Sicherheitspolitik beginnt nicht erst bei Panzern, Drohnen und Munition. Sie beginnt bei Energieversorgung, Baukapazitäten, digitaler Infrastruktur, Reparaturfähigkeit, Lieferketten, Ausbildung, Resilienz von Kommunen und industrieller Skalierung.

Deutschland soll mehr für Verteidigung ausgeben. Doch Geld allein schafft keine Fähigkeiten. Europa leidet an fragmentierten Waffensystemen, schwacher Koordination und zu wenig Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich. Forschung und Entwicklung meint systematische Arbeit an neuen Produkten, Verfahren und Technologien. Eine Volkswirtschaft, die zivile High-Tech-Felder vernachlässigt, wird auch sicherheitspolitisch abhängig.

Für Dittrich ergibt sich daraus ein handwerkspolitischer Satz: Wer Werkstätten, Bauwirtschaft, technische Ausbildung, regionale Infrastruktur und industrielle Zulieferer schwächt, schwächt die Sicherheitsbasis des Landes.

China skaliert, Deutschland moderiert

Die geopolitischen Folien wären besonders unbequem gewesen. China gewinnt industrielle Weltmarktanteile. Bei vielen Zukunftstechnologien liegt die Produktionskapazität weit vor Europa. Die Vereinigten Staaten verbinden Kapitalmärkte, Technologieplattformen, Verteidigungsausgaben und unternehmerische Skalierung. Deutschland diskutiert Berichtspflichten, Schutzversprechen und Ausnahmetatbestände.

Skalierung bedeutet, ein Produkt, Verfahren oder Geschäftsmodell schnell in große Stückzahlen, große Märkte oder breite Anwendung zu bringen. Genau daran hapert es. Deutschland erfindet, prüft, fördert, reguliert und verliert Tempo. Andere Länder produzieren.

Für den Mittelstand ist das keine geopolitische Abstraktion. Chinesische Anbieter treten mit Preisen, Geschwindigkeit und Fertigungstiefe auf. Amerikanische Anbieter setzen Softwarestandards. Europäische Unternehmen geraten zwischen beide Machtzentren. Wer dann in Berlin vor allem über Verteilung redet, hat die Lage falsch sortiert.

Die Kernfragen nach der Kanzlerrunde

Worum ging es im Kanzleramt? Es ging um die Fähigkeit Deutschlands, Arbeit, Kapital, Technologie und Staat neu zu ordnen.

Was hätte Jörg Dittrich wohl zeigen wollen? Die Wachstumsschwäche seit 2018, den Rückgang des Produktionspotenzials, den demografischen Druck, die schwachen privaten Investitionen, die geringe Dynamik der Totalen Faktorproduktivität, den industriellen Rückgang, die Belastung durch Sozialabgaben, die Kosten der Regulierung, die Energiefrage und den sicherheitspolitischen Preis wirtschaftlicher Schwäche.

Weshalb drangen die Wirtschaftsvertreter kaum durch? Die Runde vereinte Akteure mit gegensätzlichen Interessen. Gewerkschaften verteidigen Schutzrechte und Sozialstaat. Arbeitgeber verlangen Entlastung und Flexibilität. Die Sozialministerin muss SPD-Basis, Koalitionsvertrag und Finanzlage zusammenhalten. Der Kanzler braucht Reformrhetorik und Koalitionsfrieden. Aus dieser Konstruktion entsteht selten Tempo.

Welche Entscheidung fehlt? Die Bundesregierung muss Prioritäten setzen. Erstens Arbeit entlasten. Zweitens Sozialversicherungen reformieren. Drittens Regulierung abbauen und Verfahren beschleunigen. Viertens private Investitionen erleichtern. Fünftens technologischen Fortschritt in Betrieben, Verwaltung und Forschung politisch nach vorn ziehen.

Das Land kennt seine Zahlen

Das Dramatische an dieser Szene liegt nicht in fehlenden Daten. Die Zahlen liegen vor. Die Studien sind geschrieben. Die Verbände warnen. Die Betriebe rechnen. Die Demografie lässt sich nicht wegverhandeln. Die Investitionsschwäche verschwindet nicht durch Gipfelkommunikation. Der technologische Rückstand schließt sich nicht durch Förderprosa.

Deutschland kennt seine Lage. Die Kanzlerrunde zeigte etwas anderes: Das Land findet aus der Problembeschreibung nur schwer in die Entscheidung. Jörg Dittrich hatte offenbar zwanzig Charts dabei. Vielleicht waren sie sauber gestaltet, vielleicht dicht, vielleicht unbequem. Für den politischen Betrieb waren sie am Ende vor allem eines: Material für weitere Gespräche. So verliert eine Volkswirtschaft Zeit. Nicht mit einem Knall. Mit Tagesordnungen.

Eine politische Geschichte der Kontrollobsessionen von Los Alamos bis Silicon Valley #WirMüssenReden

Der Computer kam aus dem Krieg. Er rechnete Flugbahnen, Druckwellen, Zündketten, später thermonukleare Szenarien. Lange vor Tabellenkalkulation, Suchmaschine und Chatbot stand der Rechner im Dienst einer Frage: Wie lässt sich ein Vorgang, der zu groß, zu schnell oder zu gefährlich für menschliche Intuition ist, in ein Modell übersetzen? Diese Frage wirkt harmlos. Sie führt tief in das digitale Zeitalter. Von Los Alamos führt sie zur Wasserstoffbombe, von John von Neumann zur gespeicherten Programmierung, von Norbert Wiener zur Kybernetik, von den Macy-Konferenzen zur Phantasie einer allgemeinen Steuerungswissenschaft. Danach zieht sie weiter: in Nachrichtendienste, Stiftungen, Universitäten, Magazine, Stipendienprogramme, Thinktanks, Entwicklungslabore und Plattformkonzerne.

Man kann diese Geschichte als Fortschrittsgeschichte erzählen. Der Rechner beschleunigt Forschung, verbessert Prognosen, erweitert Kommunikation. Man kann sie auch als Geschichte einer politischen Obsession lesen. Wer Gesellschaft besser verstehen will, will sie oft bald lenken. Wer sie lenken will, beginnt, sie zu vermessen. Wer sie vermisst, braucht Daten, Modelle, Kategorien, Feedback. Aus Erkenntnis wird Verwaltung. Aus Verwaltung wird Steuerung. Aus Steuerung wird allumfassende Macht: die Welt als Cockpit.

Los Alamos: Der Rechner als Waffe

John von Neumann war kein kalifornischer Gründer mit Sendungsbewusstsein. Er war Mathematiker, Spieltheoretiker, Physiker, Berater im Manhattan-Projekt und Architekt der Rechenmoderne. Seine Welt war die militärisch-wissenschaftliche Großanlage. Los Alamos brauchte Rechenkraft, weil die Bombe in Gleichungen, Näherungen, Simulationen und Druckwellenmodellen entstand.

Wolfgang Hagen hat in seinem Aufsatz „Die Camouflage der Kybernetik“ diesen Ursprung präzise freigelegt. Er beschreibt den Computer als getarnte Kriegsmaschine: zunächst gebaut für Ballistik, Atombombe, Wasserstoffbombe und militärische Rechenbedürfnisse, später im zivilen Diskurs in eine allgemeine Denkmaschine verwandelt. Bei Hagen ist diese Tarnung kein Nebenthema. Sie markiert die epistemologische Verkleidung eines Instruments, das aus der Logik der Vernichtung kam und sich danach als universales Medium der Erkenntnis ausgab.

Der Schritt von der Artillerietabelle zur Bombe war kürzer, als es die spätere Computerfolklore gern hätte. Die Maschine wurde gebraucht, weil menschliche Rechnerinnen, Lochkartenanlagen und mechanische Apparate an Grenzen stießen. Von Neumann erkannte früh, dass die Rechenmaschine kein bloßes Werkzeug blieb. Sie wurde zur Denkform. Sie erlaubte, Wirklichkeit als berechenbares Problem zu behandeln. Das war ihr politischer Überschuss.

Diese Denkform wanderte rasch. Sie verließ die Rüstungsphysik und trat in Biologie, Psychiatrie, Ökonomie, Soziologie, Kommunikationstheorie und Verwaltung ein. Was in der Ballistik begann, wurde zur Grammatik der Nachkriegsmoderne. Die Maschine lieferte eine neue Metapher des Menschen. Der Mensch sendet Signale, verarbeitet Informationen, reagiert auf Rückkopplungen, stabilisiert sich über Regelkreise. Aus Bürgern werden Systeme. Aus Konflikten werden Störungen. Aus Politik wird Regeltechnik.

Macy: Die Welt als Regelkreis

Zwischen 1946 und 1953 trafen sich in den Vereinigten Staaten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das Vokabular des 20. Jahrhunderts neu sortierten. Die Macy-Konferenzen liefen unter dem Titel „Cybernetics. Circular, Causal, and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems“. Claus Pias hat diese Konferenzen in seiner Edition als Schlüsselereignis der Nachkriegswissenschaften behandelt. Steve J. Heims hat in „The Cybernetics Group“ gezeigt, wie dort Mathematik, Neurophysiologie, Anthropologie, Psychiatrie, Ingenieurwissenschaft und Sozialwissenschaften auf eine gemeinsame Sprache drängten: Feedback, Information, Kontrolle.

Norbert Wiener gab dieser Sprache mit „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“ 1948 den Namen. Der Titel enthielt bereits den Sprung, der die Sache so verführerisch machte: Tier und Maschine, Kommunikation und Kontrolle, Organismus und Apparat sollten in einer gemeinsamen Theorie erscheinen. Warren McCulloch, Margaret Mead, Gregory Bateson, Heinz von Foerster und John von Neumann gehörten zu jenem Kreis, der die Grenzen zwischen Nervensystem, Rechenmaschine, psychischem Apparat und Gesellschaft durchlässig machte.

Das Wort Kybernetik war eine Nebelkerz. Dahinter stand in Wahrheit eine Sprache für Maschine, Organismus und Gesellschaft. Eine Theorie, die vom Gehirn zur Organisation, vom Thermostat zum Staat, von der Störung zur politischen Abweichung springen konnte.

Wiener war klüger als viele seiner Erben. Er sah die Gefahren. Er warnte vor gedankenloser Maschinenverehrung, vor Medienlärm, vor der Korruption von Information. Doch die Theorie, die er mitprägte, bot ein Instrumentarium, das andere weniger vorsichtig nutzten. Feedback klingt demokratisch. Kontrolle klingt technisch. Zusammen ergeben sie eine Versuchung: Man sammelt genügend Signale, baut Kanäle, reduziert Störungen, wertet Reaktionen aus und stabilisiert Gesellschaft.

Das kleine Wort „stabilisiert“ trägt die Last. Wer stabilisiert wen? Wer definiert die Störung? Wer sitzt im Kontrollraum? Wer wird zum Datenpunkt? Jede Kybernetik der Gesellschaft braucht einen Beobachter, der den Regelkreis beschreibt. Dieser Beobachter verschwindet gern aus dem Bild. Übrig bleibt die Behauptung, das System reguliere sich selbst. In Wahrheit regulieren Menschen, Apparate, Institutionen, Budgets, Sicherheitsinteressen und Machtzentren.

Intelligence: Aufklärung als Herrschaftstechnik

Parallel zur Kybernetik entstand in Washington ein zweiter Regelkreis: der moderne amerikanische Intelligence-Apparat. Das Office of Strategic Services war im Zweiten Weltkrieg kein gewöhnlicher Nachrichtendienst. Es verband verdeckte Operationen mit wissenschaftlicher Analyse. In der Research and Analysis Branch arbeiteten Historiker, Ökonomen, Sozialwissenschaftler, Sprachkundige und Emigranten. Die Grundannahme lautete: Gute Politik braucht gute Analyse. Das klingt vernünftig. Es enthielt zugleich den Keim einer neuen Herrschaftstechnik.

Intelligence heißt Nachricht, Auswertung, Einsicht. Im Deutschen liegt die Nähe zu Intelligenz und Aufklärung auf der Hand. Genau in dieser Doppelbedeutung steckt das Problem. Die neuen Krieger waren Gelehrte. Sie lasen Zeitungen, Reden, Statistiken, Akten, Radiotranskripte. Sie analysierten Nazi-Deutschland, Eliten, Industrie, Verwaltung, Widerstand, Mentalitäten. Sie arbeiteten gegen Hitler. Viele kamen aus dem Exil. Für sie war der amerikanische Staat der Ort, an dem die Niederlage des Faschismus vorbereitet wurde.

Dann endete der Krieg. Die Apparate blieben. Die Fragestellung wechselte. Aus Kriegsanalyse wurde Nachkriegssteuerung. Unterlagen des amerikanischen State Department zeigen, wie das Office of Strategic Services nach 1945 aufgelöst wurde und die Research and Analysis Branch in das Außenministerium überging. Damit entstand eine Zwischenzone: kein Schlapphut-Theater, kein reines Universitätsseminar, vielmehr ein staatlicher Analyseapparat, in dem Wissen in Strategie übersetzt wurde.

Marcuse im Sicherheitsstaat

Herbert Marcuse gehört in diese Geschichte. Seine Biografie ist kein Agentenroman. Sie ist interessanter. Der spätere Philosoph der Neuen Linken arbeitete im Zweiten Weltkrieg im Analyseapparat des Office of Strategic Services. Nach der Auflösung des OSS blieb er im Regierungsdienst. Er arbeitete im Office of Intelligence Research des State Department. Tim B. Müller hat in „Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg“ diese Phase genau rekonstruiert. Müller zeigt Marcuse als Intellektuellen im Staatsdienst, als Analytiker, als Akteur in einem Wissensapparat, der den Kalten Krieg nicht allein mit Waffen, Geld und Bündnissen führte, auch mit Begriffen, Lagebildern und Diagnosen.

Marcuse war kein CIA-Offizier. Die Gleichung OSS gleich CIA gleich Marcuse als CIA-Mann ist falsch. Doch seine Arbeit stand im Strom der amerikanischen Sicherheitsarchitektur. Müller zeigt, dass Marcuse im Committee on World Communism eine wichtige Rolle spielte. Dieses Gremium untersuchte kommunistische Parteien, sowjetische Macht, nationale Brüche, Reformpotentiale und postkoloniale Bewegungen. Die CIA las und nutzte solche Analysen. In dem Gespräch über Müllers Forschung wird genau diese Beziehung herausgearbeitet: Marcuse und seine Kollegen sahen die CIA als einen Kunden ihrer Analysen. Der Ausdruck klingt kalt, trifft die Struktur aber gut.

Der Ansatz des Committee on World Communism war intelligenter als der rechte Rollback-Antikommunismus. Marcuse und andere sahen den Kommunismus nicht als geschlossenen Block. Sie suchten Risse, nationale Spannungen, dissidente Impulse, Reformpotentiale. Das war analytisch anspruchsvoll. Es war zugleich strategisch brauchbar. Wer Brüche kennt, kann sie vertiefen. Wer Konflikte kartiert, kann Einflusskanäle bauen.

Darin liegt die Ambivalenz. Marcuse brachte linke Theorie in den Sicherheitsstaat. Der Sicherheitsstaat brachte Marcuse empirische Härte bei. Später wandte er diese Schulung gegen den Westen selbst. „Der eindimensionale Mensch“ wirkt wie eine Abrechnung mit der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Doch die Methode, Gesellschaft als integriertes Herrschaftssystem zu lesen, hatte Marcuse über Jahre in einem Regierungs- und Stiftungsmilieu geschärft. Der Dissident kam nicht aus der Wüste. Er kam aus den Akten.

Die elegante Einflussnahme

Nach dem Regierungsdienst verschwand Marcuse nicht aus der Welt des Kalten Krieges. Er wechselte in die Universitätszonen, die selbst Teil des Kalten Krieges waren: Columbia, Harvard, Brandeis, später San Diego. Die Rockefeller Foundation förderte große Forschungsprogramme zum Marxismus-Leninismus. Marcuse spielte darin eine wichtige Rolle.

Auch diesen Zusammenhang behandelt Tim B. Müller ohne Räuberpistole. Eine amerikanische Stiftung finanzierte Marxismusforschung, weil der Westen den Marxismus von Moskau lösen wollte. Frühmarxismus, westlicher Marxismus, Kritische Theorie, Sozialdemokratie, Humanismus, Entfremdung: All das ließ sich gegen den sowjetischen Dogmatismus mobilisieren. Der Westen sollte zeigen, dass Marx in Harvard freier gelesen werden konnte als in Moskau. Das war psychologische Kriegsführung ohne Uniform.

Hier liegt eine der feineren Technologien des Kalten Krieges. Einfluss muss nicht schreien. Er kann ein Stipendium sein, eine Konferenz, ein Archivprojekt, eine Edition, ein Zeitschriftennetz, eine Einladung, ein Sommerprogramm. Niemand muss den Gast zwingen. Der Gast erlebt Großzügigkeit, Gespräch, Bibliotheken, intellektuelle Brillanz, persönliche Nähe. Am Ende entsteht Bindung. Als Dankbarkeit. Als Bewunderung. Als Erinnerung an die eigene Initiation.

Der Congress for Cultural Freedom und die Kultur als Front

Frances Stonor Saunders hat in „The Cultural Cold War“ die verdeckten kulturellen Operationen der Vereinigten Staaten beschrieben. Der Congress for Cultural Freedom wurde 1950 in Berlin gegründet und entwickelte sich zu einem weltweiten Netzwerk von Zeitschriften, Konferenzen, Stipendien und intellektuellen Bühnen. Der CIA-Historiker Michael Warner hat in seiner Darstellung der Ursprünge dieses Kongresses die Verbindung zur Central Intelligence Agency selbst beschrieben: Die CIA wollte antikommunistische Intellektuelle unterstützen, sowjetische Propaganda unterlaufen und die moralische Überlegenheit des Kommunismus beschädigen.

Das deutsche Beispiel „Der Monat“ gehört in diese Landschaft. Melvin J. Lasky, Kiepenheuer & Witsch, die Ford Foundation, Westberlin, Zeitschriften und Literaturprogramme zeigen, wie Kultur zur strategischen Infrastruktur wurde. Die Pointe solcher Operationen liegt gerade darin, dass sie nach Freiheit klingen. Freie Debatte, freie Kunst, freie Wissenschaft. All das konnte wahr sein. Zugleich floss Geld über verdeckte Kanäle. Einfluss arbeitete im Modus der Autonomie.

Kissinger und die höfliche Umerziehung

Henry Kissinger verstand diese Form der Macht früh. Das Harvard International Seminar, das ab 1951 unter seiner maßgeblichen Führung lief, war eine Maschine anderer Art. Der von dir herangezogene Text beschreibt die Anlage genau: Jedes Jahr kamen ungefähr vierzig junge Wissenschaftler, Beamte, Schriftsteller, Künstler und Journalisten nach Harvard. Sie hörten Vorträge, lebten auf dem Campus, besuchten amerikanische Institutionen, trafen Gewerkschafter, Unternehmer, Regierungsleute und Intellektuelle. Das Programm sollte die antiamerikanische Propaganda der Sowjetunion kontern und junge Eliten mit dem amerikanischen Leben vertraut machen.

Siegfried Unseld und Ingeborg Bachmann gehörten 1955 zu den Teilnehmern. Die politische Funktiondes Aufenthalts war beiden zunächst wohl nicht klar. Unseld notierte erst nach einiger Zeit, dass auffallend viele Professoren der Government oder Political Science mit der Regierung verbunden waren. Harvard überwältigte ihn: Bibliotheken, Campus, Seminare, Gesprächskultur, amerikanische Selbstgewissheit. Genau so funktioniert weiche Einflussnahme. Sie braucht keine Marschmusik. Sie braucht Einladung, Glanz, Nähe, Zugang.

Nachzulesen in der in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ – Ausgabe Winter 2027. Unselds Amerika-Erfahrung wird als „Software des Kalten Krieges“ bezeichnet, die in die Köpfe der Stipendiaten eingeschrieben wurde. Das ist eine harte Formulierung, aber sie trifft den Vorgang. Kissinger baute keine Behörde. Er baute ein Beziehungsnetz. Später wussten viele Teilnehmer, dass diese Nähe einen Preis hatte. Uwe Johnson sprach von den „Kissinger Boys“. Unseld hielt an der persönlichen Beziehung fest. Politik, Erinnerung und Karrierebindung ließen sich kaum trennen.

Die Harvard Crimson berichtete 1979, dass CIA-nahe Tarnstrukturen Geld an das Harvard International Seminar geleitet hatten, darunter Friends of the Middle East. Kissinger erklärte, er habe davon nichts gewusst. Selbst diese Unklarheit passt zur Logik. Die amerikanische Nachkriegsordnung arbeitete oft über halbprivate Zonen: Ford Foundation, Rockefeller Foundation, Universitäten, Kulturzeitschriften, Kongresse, Austauschprogramme, literarische Colloquien. Die Grenzlinie zwischen Philanthropie, Kulturpolitik, Nachrichtendienst und geopolitischer Strategie verlief selten gerade. Gerade das machte sie wirksam.

DDR-Kybernetik: Planung als Rechenphantasie

Die Kybernetik blieb keine amerikanische Spezialität. In der DDR wurde sie in den sechziger Jahren zu einem Hoffnungsbegriff sozialistischer Modernisierung. Jérôme Segal hat in seiner Studie „Kybernetik in der DDR“ nachgezeichnet, wie eine zunächst verdächtige, als bürgerlich diffamierte Wissenschaft in den Rang einer Planungs- und Leitungslehre aufstieg. Georg Klaus spielte dabei eine Schlüsselrolle. Er versuchte, Kybernetik, Semiotik, moderne Logik und dialektischen Materialismus zu verbinden.

Rainer Vahrenkamp rekonstruiert in „Mathematik trifft auf Machtkalkül“ den Aufstieg von Kybernetik und Operations Research in der DDR-Reformära von 1960 bis 1970. Er verweist auf die Kommission für Kybernetik an der Deutschen Akademie der Wissenschaften und auf den VI. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 1963. Walter Ulbricht wollte die wissenschaftlich-technische Revolution in den Dienst der sozialistischen Ökonomie stellen. Das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“, am 15. Juli 1963 beschlossen, sollte die starre Kommandowirtschaft beweglicher machen.

Damit wurde Kybernetik zur Sprache der Reform. Betriebe sollten eigenständiger handeln, Planung sollte beweglicher werden, wirtschaftliche Anreize sollten die Produktion verbessern. Der Begriff „Leitung“ verrät den Anspruch. Die DDR wollte den Sozialismus nicht bloß verwalten. Sie wollte ihn berechnen, rückkoppeln, optimieren, dynamisieren.

Karlheinz Steinmüller hat dieses Zukunftsdenken später als Teil der DDR-Prognostik beschrieben. Die Parteiführung suchte Verfahren, um Produktivkräfte zu entfesseln, technischen Fortschritt politisch zu beherrschen und die Volkswirtschaft planbar beweglich zu machen. Das war der kybernetische Traum im Realsozialismus: mehr Flexibilität durch bessere Steuerung, mehr Freiheit im Betrieb durch exaktere Vorgaben, mehr Zukunft durch mehr Planung.

Damit passt die DDR in das große Bild. In Washington hieß der Zugriff Intelligence, bei Macy Cybernetics, bei Rockefeller Marxism-Leninism Research, bei Kissinger International Seminar, in Santiago Project Cybersyn, in Ost-Berlin Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung. Die ideologischen Fahnen wechselten. Die Grammatik blieb verwandt: erfassen, auswerten, rückkoppeln, modellieren, beeinflussen, führen.

Chile: Der Staat im Kontrollraum

Die kybernetische Fantasie blieb nicht im Seminarraum. In Chile erreichte sie Anfang der 1970er Jahre ihre berühmteste politische Gestalt. Eden Medina beschreibt in „Cybernetic Revolutionaries“, wie Stafford Beer, Salvador Allende und der chilenische Technokrat Fernando Flores Project Cybersyn entwickelten. Ein Telexnetz, Daten aus Betrieben, nahezu aktuelle Wirtschaftsindikatoren, ein futuristischer Operationsraum mit Sesseln und Bildschirmen: Die Volkswirtschaft sollte als lebendes System geführt werden.

Der Fall ist wichtig, weil er die Kybernetik aus dem amerikanischen Rahmen löst. Allendes Chile wollte keinen CIA-Staat bauen. Es wollte einen demokratischen Sozialismus technisch regierbar machen. Gerade deshalb zeigt Cybersyn die Anziehungskraft der Denkform über politische Lager hinweg. Sozialisten wollten Planung demokratisieren. Manager wollten Unternehmen steuern. Militärs wollten Kommandostrukturen verbessern. Technokraten wollten Unsicherheit reduzieren. In jedem Fall stand dieselbe Verheißung im Raum: genug Daten, genug Rückkopplung, genug Modell, dann wird Gesellschaft handhabbar.

Chile zeigte die Grenze. Ein Staat ist kein Thermostat. Eine Volkswirtschaft ist kein Laborbecken. Betriebe liefern nicht automatisch Wahrheiten. Menschen reagieren nicht wie Sensoren. Während Beers Team an einer kybernetischen Form sozialistischer Planung arbeitete, betrieb Washington seine eigene Steuerung: Druck, verdeckte Operationen, Kontakte zu Militärs, ökonomische Destabilisierung. Der eine Kontrollraum stand in Santiago. Der andere lag in Washington. Am 11. September 1973 endete Allendes Regierung im Putsch. Der Operationsraum überlebte nicht.

Herbert W. Franke als Gegenarchiv

Herbert W. Franke verstand früher als viele Feuilletonisten, dass die Kontrollphantasie im Gewand des Fortschritts auftritt. Er war Physiker, Höhlenforscher, Computerkünstler, Science-Fiction-Autor. Er kannte die Technik. Er musste sie nicht dämonisieren, um vor ihr zu warnen. Seine Romane untersuchten genau jene Gesellschaften, in denen Computer, Medien, Überwachung, Simulation und Verwaltung den Menschen sanft an die Leine nehmen. Nachzulesen in meinem Nachruf „Vademekum gegen Kontrollobsessionen“.

Franke schrieb keine Theorie der Macy-Konferenzen. Er schrieb Szenarien. Das war seine Überlegenheit. Theorie erklärt Systeme. Literatur zeigt, wie sie sich anfühlen. In Frankes Welten herrscht nicht immer der brüllende Diktator. Häufig herrscht die perfekte Anordnung. Menschen werden geschützt, sortiert, versorgt, klassifiziert, trainiert, korrigiert. Freiheit verschwindet dann nicht in einem Akt der Gewalt. Sie versickert in Komfort, Anpassung, Medienrealität und algorithmischer Vorhersage.

In „Sirius Transit“ und „Zentrum der Milchstraße“ wird die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit fragil. In den Dystopien und Wohlfahrtsdiktaturen seiner Romane zeigt Franke, wie Fürsorge in Bevormundung kippt. Er ist damit ein Vademekum gegen die technische Erlösungssprache. Er zeigt den Kontrollwahn dort, wo er sich als Fürsorge tarnt.

Das verbindet ihn mit Anthony Burgess und Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, mit den dunklen Linien der Kybernetik, mit den späteren Plattformordnungen. Wer die Zukunft berechnen will, muss den Zufall verdächtig finden. Wer den Zufall verdächtig findet, misstraut dem Menschen.

Stanford, Girard und der neue Fürstenrat

Die Geschichte endet nicht mit dem Kalten Krieg. Sie wechselt die Bühne. Stanford wurde im späten 20. Jahrhundert zu einem Ort, an dem Geisteswissenschaften, Informatik, Risikokapital und Machtphantasien eng beieinander lagen. Hans Ulrich Gumbrecht hat diese Nähe bei der Phil.Cologne am 10. Juni 2026 im Roten Saal des COMEDIA Theaters auf eigene Weise ausgeleuchtet. Die Veranstaltung trug den Titel „Die Zukunft der Geisteswissenschaften nach ihrem Ende“. Im Gespräch mit Cai Werntgen ging es um den Weg von der alten Philologie zum Google-Moment, von der Gutenberg-Ära zur Turing-Ära, von Zettelkästen zu Suchmaschinen.

Das ist kein Nebenschauplatz. Die neuen Oligarchen suchen keine bloßen Werkzeuge. Sie suchen Weltdeutungen. René Girard liefert eine Theorie mimetischen Begehrens, Konkurrenz, Rivalität, Sündenbockmechanismus. Peter Thiel hat daraus eine Gründeranthropologie gemacht: Menschen imitieren, Märkte sind Herden, der echte Unternehmer entzieht sich dem Nachahmungszwang, Monopol schlägt Wettbewerb. Heidegger liefert Vokabular gegen die Verflachung der Technik. Nietzsche liefert Figuren der Überbietung, Selbsterschaffung, Rangordnung. Carl Schmitt liefert Entscheidung, Ausnahme, Freund und Feind.

Man muss Nietzsche nicht für die Lektüren haftbar machen, die ihm im Silicon Valley angetan werden. Bei Heidegger liegt die Sache schwerer, weil sein Denken die Nähe zum autoritären Pathos selbst gesucht hat. Für die Gegenwart zählt ein anderer Befund: Die Tech-Eliten lesen Philosophie nicht als Schmuck. Sie lesen sie als Betriebssystem für Macht. Aus Girard wird Plattformtheorie. Aus Schmitt wird Ausnahmeverwaltung. Aus Nietzsche wird Gründerkult. Aus Heidegger wird Tiefe für Leute, die Datenzentren bauen.

Die neue Steuerung spricht freundlich

Heute klingt Kontrolle selten nach Kontrolle. Sie heißt Personalisierung, Sicherheit, Optimierung, Nutzererlebnis, Prävention, Resilienz, Governance, Alignment. Die alten Regelkreise sind wieder da. Nur sind die Sensoren dichter, die Speicher größer, die Plattformen globaler, die Modelle lernfähiger. Die Macy-Phantasie einer universalen Theorie der Regulation wirkt neben heutigen KI-Infrastrukturen fast handwerklich.

Der Staat will Risiken vorhersagen. Unternehmen wollen Verhalten modellieren. Plattformen wollen Aufmerksamkeit lenken. Sicherheitsbehörden wollen Abweichungen erkennen. Personalabteilungen wollen Bewerber vorsortieren. Schulen wollen Lernpfade individualisieren. Versicherer wollen Lebensweisen bepreisen. Politik will Stimmungen messen. Medien wollen Empörung takten. Alles spricht von Freiheit. Fast alles misst.

Die aktuelle Panik über KI-Texte in Redaktionen und Parteizentralen wirkt da fast klein. Sie verfehlt den Kern, wenn sie nur über Kennzeichnung spricht. Die eigentliche Frage lautet: Wer spricht, wenn ein Text erscheint? Wer recherchiert? Wer kombiniert? Wer haftet für Fehler? Wer verleiht einem Satz Gewicht? Der Skandal beginnt nicht beim Werkzeug. Er beginnt dort, wo Verantwortung an Apparate delegiert wird und die Redaktion anschließend überrascht tut.

Kein Kontrollraum für die Demokratie

Diese Geschichte braucht keine allmächtige Zentrale. Sie braucht Institutionen, die ähnliche Probleme mit ähnlichen Mitteln lösen wollen: Krieg, Unsicherheit, Kommunismus, Märkte, Elitenbindung, Medien, soziale Unruhe, technische Komplexität. Daraus entsteht ein Repertoire. Analyse. Modell. Feedback. Förderung. Auswahl. Netzwerk. Prognose. Intervention.

Diese Geschichte ist auch keine simple Anklage gegen Amerika. Ohne amerikanische Universitäten, Archive, Stiftungen und Exilräume hätten viele europäische Intellektuelle den Faschismus kaum überlebt. Ohne OSS-Analysen wäre manches Wissen über Nazi-Deutschland ärmer geblieben. Ohne Rockefeller-Geld gäbe es andere wissenschaftliche Landschaften. Ohne Harvard-Seminare hätten manche Europäer weiter im engen Nachkriegskeller gesessen. Die Ambivalenz macht die Sache gefährlich. Macht kommt hier als Bibliothek, Seminar, Gastfreundschaft, Datenmodell, Rechenzentrum.

Herbert W. Franke bleibt deshalb so aktuell. Er lehrt keine Technikfeindschaft. Er lehrt Misstrauen gegen geschlossene Ordnungen. Seine Romane zeigen, dass Freiheit dort verteidigt wird, wo Menschen unberechenbar bleiben dürfen. Wo Fehler nicht sofort pathologisiert werden. Wo Zufall kein Sicherheitsrisiko ist. Wo Literatur mehr weiß als ein Dashboard.

Die offene Gesellschaft braucht Störungen. Sie braucht Leser, die Quellen prüfen. Autoren, die sich nicht von der ersten These berauschen lassen. Redaktionen, die Maschinen nutzen, ohne sich von ihnen vertreten zu lassen. Universitäten, die keine Zulieferer für Oligarchen werden. Politik, die den Unterschied zwischen Erkenntnis und Steuerung kennt.

Der Kontrollraum ist die falsche Metapher für Demokratie. Demokratie hat keinen Sessel in der Mitte, keine letzte Anzeige, keinen finalen Hebel. Sie lebt von Streit, Gedächtnis, Irrtum, Korrektur, Eigensinn. Alles, was sie in ein perfektes System verwandeln will, arbeitet bereits an ihrer Abschaffung.

Der Philosoph und der Bote: Daniel-Pascal Zorn verwechselt den Bericht mit dem Ereignis @Fionnindy #PhilCologne

Kleiner Scherz mit Winfried Felser vor ein paar Jahren

Daniel-Pascal Zorn behandelt den Bericht auf ichsagmal.com zur langen KI-Nacht der phil.COLOGNE vom 12. Juni 2026 in Köln, als habe der Bote persönlich die Nachricht verursacht, die er überbringt. Der Bote kommt vom Schlachtfeld zurück, meldet Rauch, Lärm und widersprüchliche Truppenbewegungen. Der Hofgelehrte prüft daraufhin die Stiefel des Boten, tadelt den Staub am Mantel und erklärt die Schlacht zur Unterhaltungsshow. So läuft diese Debatte gerade auf der vulgärkapitalistischen Plattform namens TwitterX. Damit das nicht nur in den Niederungen einer schwächer werdenden Plattform verwest, poste ich das auch mal für die anderen geteilten Öffentlichkeiten im WordPress-Universum und für Mastodon, BlueSky, LinkedIn, Facebook und Co.

Zorn war offenbar nicht im Saal. Er urteilt dennoch über Format, Auswahl, Moderation, Expertise, Ton und Erkenntniswert. Die phil.COLOGNE wird bei ihm zum Jahrmarkt der Scheinzuständigkeit. Gert Scobel wird zum Unterhaltungsmann. Markus Gabriel wird zum Polemiker. Der Bericht wird zum Nicht-Bericht. Das Publikum verschwindet. Der Abend verschwindet. Übrig bleiben die hausmeisterlichen Aburteilungen eines Abwesenden. Das ist komfortabel. Man muss kein Ereignis ernst nehmen, sobald man den Ort und Personen entwertet: Diesen Philosophen da nimmt eh keiner ernst, das mit den moralischen Tatsachen sei längst widerlegt – so wird halt herum gemeint und wenig argumentiert.

Öffentliche Philosophie ist kein Oberseminar

Die phil.COLOGNE ist kein Prüfungsraum der akademischen Philosophie. Sie ist ein öffentliches Forum. Dort sprechen Fachleute vor Menschen, die Orientierung suchen. Das verlangt Verdichtung. Es verlangt Übersetzung. Es verlangt Risiko im Satz. Und es lebt von kontroversen Debatten. Zorn nennt das Unterhaltung. Man kann es auch Öffentlichkeit nennen. Am 12. Juni ging es nicht um eine Kant-Edition. Es ging um Künstliche Intelligenz als Sprach- und Dialogsystem, Machttechnik, Arbeitsmedium, Lernwerkzeug und moralischer Spiegel. Sechs Stimmen aus unterschiedlichen Fachkulturen erzeugen Reibung. Genau dafür baut man solche Abende. Ein reines Spezialkolloquium hätte die KI-Debatte enger, sauberer und ärmer gemacht. Ein Vertreter vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz oder Fraunhofer hätte aber dem Abend sicherlich mehr Substanz gegeben, um die Thesen der Vortragenden auf Herz und Nieren zu überprüfen.

„Vermessen“ hieß in meinem Bericht: Linien sichtbar machen. Moral, Sprache, Politik, China, Arbeit, Lernen, Mensch-Maschine-Kollaboration. Keine endgültige Landkarte. Eher ein Lagebild aus einem Saal, in dem die Debatte hörbar wurde.

Moral urteilt, Ethik prüft

Zorn erinnert daran, dass Moral und Ethik verschieden sind. Das stimmt. Es erledigt Gabriels Punkt allerdings nicht. Moral bezeichnet gelebte Normen und Urteile. Sie sagt: Dieses Handeln ist richtig. Dieses Verhalten verletzt jemanden. Beispielsweise ein schnöder Ton des Aburteilens. Diese Pflicht gilt. Ethik prüft solche Urteile. Sie fragt nach Begründung, Reichweite, Konflikten und Geltung. Sie untersucht, welche Gründe tragen, sobald Interessen, Rechte, Folgen und Institutionen gegeneinanderstehen. Kurz: Moral urteilt. Ethik prüft das Urteil.

Wer Ethik aus der Wissenschaft herausnimmt, verengt Wissenschaft auf Messapparat und Labor. Dann geraten Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie und Theoriegeschichte gleich mit in den Verdachtsraum. Ethik ist keine Naturwissenschaft. Sie ist eine argumentative, normative und reflexive Disziplin. Sie arbeitet mit Begriffen, Fällen, Einwänden, Traditionen und Gründen.

Medizinethik ohne Klinikfall wäre leer. Wirtschaftsethik ohne Unternehmenspraxis wäre Dekoration. Technikethik ohne konkrete Systeme wäre Wortakrobatik. KI-Ethik ohne Daten, Modelle, Plattformmacht und Haftung bleibt folgenlos.

Wirtschaftsethik kennt diese Falle

Ich habe einige Jahre als VWL-Dozent Wirtschaftsethik unterrichtet. Gemeinsam mit Professor Lutz Becker erhielt ich dafür einen Wissenschaftspreis für digitale Lehre. Unser Konzept hieß Lernen durch Lehren. Keine Stoff-Bulimie. Keine Folienshow. Keine Frontalberieselung. Studierende sollten wirtschaftsethische Konflikte selbst erschließen, erklären, prüfen und verteidigen. Alles nachzulesen auf der Next-Economy-Open-Website. Dort wurden und werden viele Forschungsarbeiten von Studierenden vor allem am Ende des Jahres präsentiert.

Dort lernt man schnell: Moralische Empörung reicht nicht. Wer Managergehälter kritisiert, muss über Corporate Governance, Eigentumsrechte, Aufsichtsräte, Anreizsysteme, Transparenz und Macht reden. Wer Klimaschäden beklagt, muss über Märkte, Recht, Haftung, Preise, Institutionen und Gemeinwohl reden. Wer Unternehmensethik fordert, muss klären, wer im Unternehmen widersprechen darf, wer Risiken trägt und wer Entscheidungen stoppt.

Ralf Dahrendorf unterschied Marktfreiheit und Bürgerfreiheit. Peter Ulrich kritisierte die scheinbar wertfreie Ökonomik als Sozialphysik. Karl Popper stellte die institutionelle Frage: Wie begrenzt man den Schaden schlechter Herrschaft? Genau dort beginnt Wirtschaftsethik. Sie predigt keine besseren Menschen. Sie baut bessere Verfahren. Gabriels Idee einer Ethikabteilung oder eines Chief Philosophy Officer geht in die richtige Richtung. Man kann den Titel belächeln. Die Frage bleibt: Wer prüft in Unternehmen systematisch moralische Risiken von Geschäftsmodellen, Datenstrategien, KI-Systemen und Plattformmacht? Auch die Demokratie in den Organisationen ist dabei relevant.

Gabriels Provokation war kein Abdankungsvertrag an die Maschine

Gabriel sagte in Köln nicht: Gebt ethische Entscheidungen an KI ab. Diese Lesart ist bequem und falsch. Seine These zielte auf menschliche Selbstüberschätzung. Menschen urteilen oft aus Nahbereichen: Familie, Stadt, Milieu, Partei, Fachschule, Freundeskreis. Daraus entstehen große Urteile über Weltkonflikte. Gabriel fragte, ob KI als Prüfgerät moralische Muster sichtbar machen kann, die Menschen übersehen. Nicht als Richter. Nicht als Gewissen. Als Spiegel, Störung, Korrektiv. Man braucht sich auf ichsagmal.com nur die demoskopische Gabel bei der Berurteilung von Sachfragen in der Nah- und in der Fernsicht anschauen. Stichwort: Doppeltes Meinungsklima.

Der kategorische Imperativ bleibt ein großes Prüfverfahren. Er liefert aber keine fertige Antwort auf Triage, Schulschließung, Krieg, Migration, Plattformregulierung oder algorithmische Verwaltung. In solchen Fällen arbeiten ethische Argumente. Sie ringen. Sie scheitern manchmal. Sie werden besser durch Anwendung, Kritik und institutionelle Übersetzung. Genau deshalb war Gabriels Zuspitzung interessant: Er holte Ethik vom Sockel in die Praxis. Dorthin, wo Unternehmen, Verwaltungen, Kliniken, Schulen und Plattformen entscheiden.

Der Streit braucht bessere Werkzeuge

Zorn kann Gabriel kritisieren. Er kann Kant verteidigen. Er kann Scobels Moderation zerlegen. Er kann meinen Bericht sprachlich auseinandernehmen. Alles legitim. Aber sein Zugriff wirkt wie eine akademische Grenzkontrolle: Stempel fehlt, Format falsch, Publikum verdächtig, Moderator untauglich, Redner pathologisch, Bericht ungültig. So gewinnt man vielleicht ein Twitter-Gefecht – mehr aber auch nicht.

Die KI-Debatte benötigt Fachpräzision. Sie braucht Technikkenntnis. Sie braucht Ethik. Sie braucht Popper. Sie braucht Wirtschaftspraxis. Sie braucht öffentliche Foren, in denen sich Begriffe bewähren müssen. Die phil.COLOGNE ist dafür kein Ersatz für Forschung. Sie ist ein Ort, an dem Forschung, Öffentlichkeit und Streit aufeinandertreffen. Der Bote hat die Nachricht nicht erfunden. Er hat sie aus dem Saal getragen.

Zum Thema passt ja auch diese Session aus dem vergangenen Jahr: