
Die Bläser fahren in den Abend wie ein Einsatzkommando. Posaune, Trompete und Saxofon setzen kurze, helle Schläge über den Groove, die Orgel schiebt von unten, zwei Gitarren halten die Flanken frei. Vor der Bühne stehen die Menschen dicht. Sonnenhüte, Bierbecher, graue Schläfen, junge Gesichter, Handys über den Köpfen. Dann treten Jake und Elwood vor: schwarze Anzüge, schwarze Hüte, schwarze Brillen. Bonn liegt an diesem Freitagabend für gut zwei Stunden kurz vor Chicago.
„Es sind 106 Meilen nach Chicago, es ist dunkel, und wir tragen Sonnenbrillen.“ Heart & Soul braucht den Dodge Monaco aus dem Film dafür kaum. Die elfköpfige Bonner Band besitzt ein besseres Fahrzeug: eine Rhythm’n’Blues-Revue, die den Motor im roten Bereich hält und doch genug Kontrolle behält, damit der ganze Apparat durch die Kurven kommt.
Das SWB-Sommerfestival in der Rheinaue liefert dafür den passenden Ort. Die Bühne wirkt für elf Musiker fast zu klein, was der Show eine angenehme Dringlichkeit gibt. Hinter Jake und Elwood stehen keine anonymen Begleiter. Die Rhythmusgruppe arbeitet mit jener Präzision, die den Soul körperlich macht. Der Bass läuft, das Schlagzeug treibt, die Orgel füllt die Ritzen. Die Horn-Section kommentiert jede Bewegung der Sänger. Sie jubelt, stichelt, widerspricht, feuert an. Aus dem Arrangement wird Gespräch.
Elf Musiker gegen das Tribute-Museum
Tribute-Shows geraten leicht in die Nähe des Wachsfigurenkabinetts. Kostüm, Pose und bekannte Refrains reichen dort als Eintrittskarte. Heart & Soul wählt den lebendigeren Weg. Oli „Jake“ Glosch und Dirk „Elwood“ Zepuntke spielen die Figuren mit Lust an der Übertreibung. Ihre schwarze Uniform gibt ihnen Kontur, ihre Bewegungen lösen sie wieder auf. Elwood hält die Bluesharp wie ein Beweisstück. Jake wirft seinen Körper in die Songs, als müsse er jeden Takt persönlich zur Flucht überreden.
Die Show kennt ihre Bilder. Später gehen im Publikum die Arme hoch, Reihe um Reihe. Die Grenze zwischen Bühne und Park verschwindet. Die Menschen singen, tanzen, filmen und antworten. Aus vielen Einzelnen entsteht für die Dauer eines Refrains eine Gemeinde.
Der Kanon reicht von „Soul Man“ und „Gimme Some Lovin’“ bis zu „Sweet Home Chicago“ und „Everybody Needs Somebody“. Diese Songs leben von der Reibung zwischen Disziplin und Kontrollverlust. Heart & Soul versteht diese Mechanik. Die Band spielt kompakt, die Bläser schneiden sauber durch das Arrangement, die Gitarren widerstehen der Versuchung zur Dauerpose. Tobias Röhsers Orgel legt den warmen Film über den Sound, den diese Musik braucht.
Cinja „Aretha“ Pausewang gibt dem Ensemble eine dritte Stimme. Sie vertritt jenen Teil der Blues-Brothers-Geschichte, der weit über Jake und Elwood hinausführt. Der Film von 1980 lebte von Aretha Franklin, James Brown, Ray Charles, Cab Calloway und John Lee Hooker. Diese Musiker waren Staffage für eine Komödie. Sie bildeten ihr musikalisches Zentrum. Heart & Soul nimmt dieses Erbe ernst und öffnet die Revue für Soul, Gospel, Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll.
Der Abend liebt den Überschuss. Mehr als zwei Stunden Revue, Filmzitate, Soul-Hymnen, Rock’n’Roll und Blues lassen wenig Luft zwischen den Attraktionen. Gelegentlich glättet das Tempo die Eigenart eines Songs. Ein tieferer Blues könnte länger atmen, ein leiser Übergang dürfte sich mehr Zeit nehmen. Dann kommt die Horn-Section, zieht eine scharfe Linie durch den nächsten Refrain und gewinnt den Park zurück.
Der Exzess gehört zum Stoff. Jake und Elwood waren schon 1980 Figuren, die mit einem Streifenwagen durch jede Grenze brachen, die ihnen Drehbuch, Polizei oder Physik setzen wollten. Heart & Soul imitiert diesen Furor mit lokalem Eigensinn. Die Band feiert einen amerikanischen Popmythos im Rheinland, ohne ihren Bonner Akzent zu verstecken. Das Publikum kennt viele Einsätze. Aus Repertoire wird Gebrauchsgegenwart. So arbeitet populäre Kultur: Sie bleibt, weil Menschen sie wiederholen.
Am Anfang summten die Bienen
Die Blues Brothers selbst begannen als Betriebsunfall. In der zehnten Folge von „Saturday Night Live“ am 17. Januar 1976 standen John Belushi und Dan Aykroyd mit Sonnenbrillen vor der Hausband und spielten Slim Harpos „I’m a King Bee“. Schwarze Anzüge und Filzhüte kamen später. An diesem Abend steckten beide in lächerlichen Bienenkostümen. Hinter ihnen musizierte „Howard Shore and His All-Bee Band“.
Die Killer Bees gehörten zu den ersten wiederkehrenden Figuren der jungen Sendung. Ein früher Sketch namens „Bee Hospital“ war abgestürzt. NBC schickte Lorne Michaels die knappe Anweisung: „Cut the bees.“ Michaels brachte die Bienen zurück. Aus der schwachen Nummer wurde ein Running Gag, aus dem Running Gag wuchs der erste musikalische Auftritt von Belushi und Aykroyd.
Belushi sang, Aykroyd spielte Mundharmonika, die Antennen wackelten, der Sänger schlug Purzelbäume. Zwei Jahre später erschienen Jake und Elwood in ihrer endgültigen Montur bei SNL. Das Album „Briefcase Full of Blues“ erreichte Platz eins. 1980 folgte der Film. Die Bienen-Episode markierte den kuriosen Beginn einer Weltkarriere.
Diese Geschichte erzählt viel über Kulturpolitik. Ein Publikumsliebling entsteht selten nach Plan. Er braucht Wiederholung, Vertrauen, Räume und Menschen, die eine misslungene erste Runde aushalten. Lorne Michaels reagierte auf „Cut the bees“ mit Beharrlichkeit. Bonn beherrscht derzeit die Gegenbewegung: Was drei Jahrzehnte gewachsen ist, landet zum Jubiläum in der Abschiedssaison.
Bonn schreibt Zukunft aus und streicht Gegenwart
Seit drei Jahrzehnten gehört das SWB-Sommerfestival zur Rheinaue. Die Stadtwerke nennen es die größte eintrittsfreie Konzertreihe des Rheinlandes. Sechs Tage pro Woche brachte das Parkrestaurant im Juli und August Live-Musik in den Park. Diese niedrige Schwelle war Teil des Erfolgs. Man konnte kommen, bleiben, weitergehen, Freunde treffen, tanzen. Kultur erschien als Sommeralltag.
Am 7. Juli 2026 eröffnete Queen May Rock die dreißigste Saison. Bis zum 29. August läuft die offiziell angekündigte Abschiedstournee. Ende des Jahres endet der Pachtvertrag des bisherigen Betreibers. Die Stadt setzt auf Neuausschreibung statt Verlängerung.
Sie sucht einen Erbbaurechtsnehmer, der das denkmalgeschützte Gebäude saniert und die Gastronomie langfristig führt. Rund 150 Innenplätze, etwa 200 Terrassenplätze und ein Biergarten für bis zu 650 Menschen bilden das Paket. Bewerbungen für den vorgeschalteten Teilnahmewettbewerb nimmt die Stadt bis 15. August entgegen. Sanierungsplan, gastronomische Qualität, wirtschaftliche Stabilität, Marke und Service bestimmen die öffentlich genannten Vergabekriterien.
Die Sanierung ist geboten. Denkmalschutz kostet Geld, Zeit und Fachwissen. Gerade deshalb hätte die Stadt die kulturelle Kontinuität separat sichern müssen. Eine verbindliche Fortführung des Sommerfestivals fehlt. Für zusätzliche Großkonzerte auf der Blumenwiese kam in der letzten Saison keine Zusatzvereinbarung mehr zustande. Aus einem Immobilienverfahren wird so ein kultureller Abbruch.
Die Stadt kann das formal sauber erklären. Der Vertrag läuft aus. Das Gebäude braucht eine Grundkur. Ein Wettbewerb soll Qualität sichern. Jede Aussage stimmt für sich. Zusammen ergeben sie das alte Bonner Problem: Zuständigkeiten werden korrekt sortiert, Verantwortung verdunstet zwischen den Akten. Kulturpolitik beginnt dann zu spät, meist beim Nachruf.
Eine Institution besteht aus Publikum, Kalender, Technik, Sponsoren, Bands, Personal und Gewohnheit. Dreißig Jahre haben dieses Geflecht geschaffen. Ein neuer Betreiber kann später erneut Konzerte anbieten. Das Netzwerk der bisherigen Reihe hat dann bereits seine Bindung verloren. Musiker suchen andere Termine, Dienstleister andere Kunden, Sponsoren andere Bühnen, Besucher andere Rituale.
Kommunale Kulturpolitik müsste diesen Übergang organisieren. Eine Kulturklausel in der Ausschreibung, eine Übergangsvereinbarung für die Spielzeiten 2027 und 2028 sowie eine feste Nutzungsperspektive für die Blumenwiese hätten das Festival über den Betreiberwechsel tragen können.
Die Rheinaue kennt diesen Film
Die Stadt darf sich über den Vorwurf kaum wundern. Die RhEINKULTUR endete 2011 nach ihrer 29. Ausgabe. Sie gehörte zu den größten eintrittsfreien Festivals Europas und machte die Rheinaue weit über Bonn hinaus zur Adresse. Die Veranstalter trugen damals das finanzielle Risiko und gaben schließlich auf.
Nun trifft es nach der 30. Ausgabe die größte eintrittsfreie Konzertreihe des Rheinlandes. Zwei Formate, zwei runde Lebensläufe, zweimal ein Gelände, das im Stadtmarketing gern als kulturelle Kulisse erscheint.
Bonn verfügt über ein seltsames kulturpolitisches Talent. Die Stadt feiert das Monument und vernachlässigt den Betrieb. Die Beethovenhalle wurde nach neun Jahren Sanierung für 221,6 Millionen Euro wiedereröffnet. Beim Parkrestaurant sollen Denkmalschutz und Gastronomie nun ebenfalls in einem großen Verfahren zusammenfinden. Der materielle Wert bekommt Gutachten, Fristen und Kriterien. Die über Jahrzehnte aufgebaute Konzertpraxis erhält eine Abschiedstournee.
Die Blues Brothers drehten diese Logik um. Jake und Elwood wollten ein Waisenhaus retten. Dafür holten sie ihre alte Band zusammen, jagten durch Chicago und machten aus Verwaltungsfrist und Steuerschuld eine Mission. Die Stadt Chicago öffnete dem Film Straßen, Behörden und sogar das Daley Center. Bonn brauchte für sein Sommerfestival weit weniger: einen gesicherten Übergang.
Heart & Soul liefert an diesem Abend den Soundtrack zu einer Gelegenheit, die Bonns Politik verpasst. Die Band zeigt, wie Tradition funktioniert. Sie nimmt bekanntes Material, hält das Gerüst fest und füllt es mit neuer Energie. Jeder Einsatz der Bläser, jede Grimasse hinter der Sonnenbrille, jedes erhobene Paar Arme im Publikum verlängert die Geschichte.
Am Ende steht eine bittere Umkehrung des Filmstoffs. Jake und Elwood bringen die Band wieder zusammen, um eine Institution zu retten. Die Bundesstadt lässt eine Institution auslaufen, während auf ihrer Bühne die Band spielt.
Der letzte Refrain verhallt zwischen Bäumen und Biergarten. Noch laufen die Konzerte bis Ende August. Bonn besitzt also ein paar Wochen, um zu hören, was es verliert. In Chicago waren sie auf göttlicher Mission. In der Rheinaue würde fürs Erste kommunale Vernunft reichen.










