Pulver gegen die Prognose: Dritter Skitag in Samnaun – und ein Nachmittag am Stifterhaus

Der dritte Skitag begann mit einer kleinen Widerlegung der Meteorologie. Die Vorhersage war nicht besonders verheißungsvoll, der Morgen dann aber durchaus. Oben lag frischer Pulverschnee, nicht in jener brav präparierten Form, die einem die Arbeit abnimmt, sondern weich, aufnahmebereit, stellenweise geradezu zum Durchpflügen.

Zurück in Pfunds rückt dann wieder etwas anderes in den Blick: nicht die Weite der Hänge, sondern die Dichte des Ortes. Direkt neben dem Hotel Kreuz steht das Stifterhaus, und schon der Name wirkt so, als müsse er aus einer älteren Ordnung stammen, in der Häuser nicht nur Adressen, sondern soziale Rollen hatten.

Die Tafel am Gebäude ist knapp und dabei außerordentlich ergiebig. Das Haus wurde demnach im 15. oder 16. Jahrhundert erbaut. Das Straßenniveau habe früher tiefer gelegen; ein nordseitig zugemauertes Fenster zeuge noch davon. Das obere Fresko zeigt die Heilige Familie auf der Flucht, datiert auf 1772, das untere ein Mariahilf-Bild um 1600. Und selbst die Bezeichnung „Stifterhaus“ wird nicht nur behauptet, sondern vorsichtig hergeleitet: Sie könnte mit der Gründung des daneben erbauten Spitals, des heutigen Gemeindehauses, zusammenhängen.

Das ist für eine einzige Hauswand bemerkenswert viel Geschichte.

Frömmigkeit an der Fassade

Die beiden Wandmalereien sind dabei nicht bloß dekorative Reste, sondern kleine theologische Programme. Oben die Flucht der Heiligen Familie – also jener Moment, in dem das Heilige nicht triumphiert, sondern bedroht ist, unterwegs, verletzlich, auf Schutz angewiesen. Man muss kein Frömmigkeitsspezialist sein, um zu spüren, warum ein solches Motiv in einem Alpenort Sinn ergibt. Die Berge kennen seit jeher das Thema des Unterwegsseins, des Ausweichens, des Sich-Durchbringens.

Darunter das Mariahilf-Bild. Seine kulturgeschichtliche Tiefenschicht reicht weit über Pfunds hinaus. Das Motiv geht auf das berühmte Gnadenbild zurück, das im Tiroler Raum seit dem 17. Jahrhundert in unzähligen Kopien verbreitet wurde und zu den meistverehrten Marienbildern des Alpenraums zählt. Gerade weil Maria darin nicht als entrückte Himmelskönigin, sondern als Mutter mit Kind erscheint, wurde das Bild in Tirol so populär – auf Altären, in Stuben, an Fassaden.

Am Stifterhaus ist davon heute nur noch eine verblasste, aber gerade dadurch eindrucksvolle Spur zu sehen. Das Bild ist nicht restauratorisch geschniegelt, sondern verwittert, ausgedünnt, beinahe ins Mauerwerk zurückgesunken. Und gerade deshalb wirkt es. Es erinnert daran, dass Volksfrömmigkeit früher nicht im Kircheninneren endete, sondern buchstäblich auf die Straße trat.

Wohlstand, Verkehr, Fassaden

Pfunds war über Jahrhunderte kein abgelegenes Nest, sondern ein Ort am Durchgang. Die Gemeinde verweist selbst auf die alte Nord-Süd-Verbindung über den Reschenpass und ins Engadin, die dem Ort Verdienstmöglichkeiten brachte; schon die Römer führten die Via Claudia Augusta durch das Gemeindegebiet. Aus diesem Verkehrsraum erwuchs Wohlstand, und der schrieb sich in Häusern, Höfen und Fassaden ein. In den Zentren der beiden Ortsteile stehen bis heute stattliche Häuser mit Fassadenmalerei im Engadiner Stil – sichtbare Zeichen einer Zeit, in der Handel und Handwerk hier mehr hinterließen als nur Durchreise.

Das Stifterhaus gehört in diese Welt. Es ist kein Solitär, sondern Teil einer Baukultur, die Frömmigkeit, Repräsentation und Alltagsnutzung miteinander verband. Vielleicht ist das der eigentliche Reiz: Das Haus will gar nicht pittoresk sein. Es ist einfach alt, gebraucht, überformt, weitergetragen. Ein Gebäude mit Gedächtnis.

Nebenan das Hotel, gegenüber die Gegenwart

Und daneben das Hotel Kreuz, freundlich beleuchtet, offen, gastlich, ohne falschen Historismus. Zwischen beiden Häusern liegt nur ein paar Schritte Raum und doch eine kleine Dorfgeschichte: hier das alte Pfunds mit seinen Fresken, Stiftungen und Straßenniveaus; dort der heutige Betrieb, in dem man nach dem Skitag zurückkehrt, isst, redet, sich aufwärmt. So sollte ein Wintersportort vielleicht überhaupt funktionieren – nicht als künstliche Themenwelt, sondern als Gegenwart mit Nachbarschaft zur Vergangenheit.

Blick nach morgen

Für morgen ist ein Abstecher nach Galtür geplant. WetterOnline kündigt dort freundliches Wetter an: ein trockener Tag mit Sonne und Wolken. Nach den Erfahrungen dieses dritten Skitags darf man daraus vorsichtigen Optimismus ableiten. In den Bergen ist das bekanntlich die vernünftigste Form der Hoffnung.

Ein Anarchismus mit Gerichtsinstanz

Reizwort mit Methode

Martin Welsch hat seinem Buch einen Titel gegeben, der die falschen Leser zuverlässig anzieht und die richtigen provoziert. „Kantischer Anarchismus“ klingt zunächst nach einer jener geistesgeschichtlichen Kühnheiten, die ihren Effekt aus der bloßen Kopplung zweier ungleicher Namen beziehen: hier der Denker des Rechts, der Pflicht, der Form; dort das schwarze Banner, die Revolte, die Verweigerung des Staates. Doch Welsch betreibt keine feuilletonistische Etikettenschieberei. Er rekonstruiert, im Rückgang auf das Nachlasswerk Hans Friedrich Fuldas, eine Kant-Lektüre, in der das Postulat des öffentlichen Rechts eben nicht schlicht den Eintritt in den Staat fordert, sondern den Übergang in einen Zustand öffentlicher, justizieller Gerechtigkeit, der begrifflich noch nicht mit Souveränität identisch ist. Das Reizwort im Titel ist also keine Pose. Es ist eine These.

Diese These ist stärker, als es das akademische Milieu gewöhnlich duldet. Denn Welsch folgt Fulda darin, den nahezu reflexhaften Kurzschluss von Recht und Staat aufzubrechen. Nicht der Staat ist die erste Wahrheit des Rechts, sondern eine Ordnung, in der jedem das Seine zuteilwerden kann, vermittelt durch öffentliche Instanzen der Entscheidung und des Vollzugs, ohne dass damit schon ein Souverän gesetzt wäre. Welsch erinnert daran, dass Kant selbst unter „Anarchie“ nicht nur das Gespenst des Chaos verstand, sondern „Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt“. Anarchie erscheint hier nicht als Auflösung der Ordnung, sondern als Möglichkeit einer wohlgeordneten, herrschaftsarmen Freiheit. Das ist der eigentliche Skandal des Buches: Es liest Kant nicht gegen, sondern vor dem Staat.

Das schwarze Banner wird juristisch gefaltet

Gerade an diesem Punkt aber beginnt der produktive Streit. Denn was Welsch „kantischen Anarchismus“ nennt, ist kein Anarchismus der Barrikade, sondern ein Anarchismus der Rechtsform. Er will keine ekstatische Negation der Ordnung, sondern eine horizontale Verfassung des Zusammenlebens, in der Herrschaft suspendiert, das Recht aber keineswegs abgeschafft ist. Das ist intellektuell eminent interessant, terminologisch jedoch riskant. Denn die klassische anarchistische Tradition hätte gegen diese Konstruktion Einwände von Gewicht erhoben: zu viel Gericht, zu viel Zuteilung, zu viel Form, zu wenig soziale Explosion. Bakunin hätte wohl gefragt, ob ein Gemeinwesen mit übergeordneter Entscheidungsinstanz, mag es auch noch so wenig souverän heißen, nicht bereits den Keim jener Herrschaft enthält, die man abschaffen wollte.

Bakunins Schriften schärfen diesen Einwand. Dort erscheint Staatlichkeit als mit wirklicher Volksemanzipation unvereinbar; die Abschaffung des Staates ist nicht Verwaltungsreform, sondern Befreiungsakt, Revolution nicht bloß Bruch, sondern kollektive Entfesselung. Gerade in dieser Tonlage wird der Abstand zu Welsch sichtbar. Sein Anarchismus kennt weder die Lust an der Zerstörung noch die Pathosformel des Aufstands; er kennt Gerichtsinstanzen, Übergangsformen, Rechtsvollzug. Bakunin und die Klassiker des antistaatlichen Denkens würden also vermutlich urteilen: Das ist nicht die Abschaffung der Herrschaft, sondern ihre sublimierte Verrechtlichung. Eben darin aber liegt die eigentümliche Modernität von Welschs Zugriff. Er versucht, die antiautoritäre Energie nicht in den Ausnahmezustand, sondern in die Form des Rechts selbst einzuschreiben.

Vor dem Staat, nicht nach ihm

Welschs stärkste begriffliche Erfindung ist die des „Vorstadiums des Politischen“. In dieser Formel steckt der ganze Ehrgeiz des Buches. Das Politische soll nicht erst dort beginnen, wo Souveränität, Gewaltengliederung und Staatsapparat institutionell greifbar werden. Es beginnt früher: in der Kooperation natürlicher Personen, im öffentlichen Bezug auf Gerechtigkeit, in der Möglichkeit, Konflikte rechtlich zu entscheiden, ohne sie bereits staatlich zu überformen. Das ist nicht einfach anarchistisch; es ist präziser gesagt: an-archisch. Welsch interessiert die Entthronung des Anfangsprinzips, die Suspendierung jener letzten Kommandostelle, von der moderne Staatlichkeit noch immer zehrt. Darum ist sein Buch dort am besten, wo es den Staat nicht romantisch dämonisiert, sondern begrifflich kontingent macht.

Zugleich ist Welsch nüchtern genug, die eigene These nicht in die Reinheit einer Schule zu überführen. Auch nach seiner Darstellung bleibt dieser Anfang „in Richtung Staat offen“. Das ist philosophisch redlich und politisch folgenreich. Denn damit wird „kantischer Anarchismus“ gerade nicht zum Namen einer fertigen Gegenordnung, sondern zum Index einer Spannung: Recht verlangt Öffentlichkeit und Verbindlichkeit, droht aber im selben Zug in Herrschaft umzuschlagen. Wer diese Spannung stillstellt, landet entweder bei staatsfrommer Orthodoxie oder bei antijuristischem Affekt. Welsch will beides vermeiden. Man könnte auch sagen: Er verleiht dem Anarchismus die Strenge eines verfassungsrechtlichen Denkens, ohne ihn ganz in dieses aufzulösen.

Die Polemik gegen die Moralisten

Von dort aus gewinnt das Buch seine zweite Schärfe. Welsch belässt es nicht bei einer originellen Kant-Deutung, sondern verfolgt, wie Fulda gegen die Ethisierung des Rechts, gegen menschenrechtlichen Moralismus und gegen bestimmte Linien des Neukantianismus zu Felde zieht. In diesem zweiten Teil ändert sich der Ton: Aus der exakten Rekonstruktion wird eine Genealogie philosophischer Entstellungen. Finalisierung des Rechts, Unterstellung unter ethische Zwecke, Vergemeinschaftung der Autonomie, die Verwandlung praktischer Philosophie in eine bloße Theorie des Praktischen – all dies erscheint als Verlust der genuin kantischen Rechtsvernunft. Welsch arbeitet diese Linie mit bemerkenswerter Präzision heraus. Sein Buch zeigt, wie sehr Fulda die Entkopplung des Rechts von moralischer Selbstberauschung betrieb.

Freilich hat diese Operation ihren Preis. Wo Fulda von „Sünden“ spricht, von nemesis divina, von den deformierenden Folgen eines entstellten Kantianismus bis hinein in die intellektuellen Lähmungen gegenüber dem Nationalsozialismus, gewinnt die Argumentation eine fast strafgerichtliche Temperatur. Der philosophische Gegner wird dann nicht nur widerlegt, sondern genealogisch belastet. Das ist nicht unerquicklich; es verleiht dem Text Wucht. Aber es erzeugt auch eine eigentümliche Asymmetrie. Gerade wer die Moralisierung des Rechts kritisiert, sollte mit moralisch aufgeladenen Zurechnungsfiguren vorsichtig sein. Welsch sieht diese Schärfe und macht sie lesbar; ganz entschärfen will er sie nicht. Das ist klug. Denn ohne diese Polemik verstünde man Fuldas Einsatz nicht, mit ihr aber sieht man umso deutlicher seine Gefahr.

Kants späte Grausamkeit

Die eigentliche Größe des Buches zeigt sich jedoch erst dort, wo sein eigener Titel unter Druck gerät. Welsch geht am Ende nicht den bequemen Weg vieler Kant-Apologien, die das Helle retten, indem sie das Dunkle marginalisieren. Im Gegenteil: Er arbeitet sich in jene Partien der späten Rechtslehre hinein, die Fulda eher scheute – in das Staatsrecht, das Widerstandsverbot, das Strafrecht, in jene Passagen, in denen schon der bloße Gedanke an Widerstand gegen den Souverän als todeswürdig erscheint, in denen Kollektivstrafe und „Blutschuld“ einen fast delirierenden Ton annehmen. Hier zerbricht die beruhigende Fiktion eines unversehrten Kant.

Genau hier fährt Welsch die feinere Klinge. Er verfällt weder dem neuen Kant-Bashing noch hält er an der Idee eines reinen, herrschaftsfreien Kant um jeden Preis fest. Stattdessen deutet er Kant als einen Denker, in dem sich die Dialektik der Aufklärung avant la lettre vollzieht: Freiheit schlägt in Zwang um, Vernunft in Exzess, Rechtsform in Grausamkeit. Das ist der entscheidende Fortschritt dieses Buches gegenüber bloßer Rekonstruktion. Es zeigt, dass die helle Kant-Deutung nur um den Preis der Abspaltung ihrer dunklen Gegenstücke zu haben ist – und dass eben diese Verdrängung die Wiederkehr des Verdrängten vorbereitet. Aus einer Apologie wird so eine Diagnose der Moderne.

Was Bakunin sagen würde

Was also würde Bakunin zu Welschs Anarchismusbegriff sagen? Vermutlich zunächst dies: dass hier einer das Wort Anarchie mit auffallend sauberen Händen führt. Kein Pulverrauch, keine Kommune, kein Aufstand, kein föderatives Pathos der Assoziation – stattdessen Gerichtsverfassung, Rechtszustand, distributive Gerechtigkeit. Gemessen an Bakunins Maxime, wonach Staat und Volksemanzipation unvereinbar seien, wäre das zu kühl, zu formal, zu wenig revolutionär. Und doch wäre es voreilig, darin nur eine akademische Entschärfung zu sehen. Denn Welsch trifft einen wunden Punkt, den auch die anarchistische Tradition nie ganz losgeworden ist: Die Kritik der Herrschaft bleibt unerquicklich abstrakt, wenn sie die Formfrage des Rechts an den Staat verschenkt.

Gerade darum ist „Kantischer Anarchismus“ ein bemerkenswertes Buch. Es ist nicht deshalb wichtig, weil es Kant endlich zum Anarchisten macht. Wichtig ist es, weil es zeigt, dass das Verhältnis von Recht und Herrschaft neu aufgeteilt werden muss, wenn man weder vor dem Staat niederknien noch im Kult der Negation enden will. Welschs stärkster Satz steht nicht wörtlich in seinem Buch, aber er ist dessen eigentlicher Gedanke: Die Freiheit ist politisch noch nicht gerettet, wenn sie sich institutionell verfasst hat; und sie ist philosophisch noch nicht verloren, wenn der Staat nicht ihr letzter Name ist. Bakunin hätte das kaum genügt. Aber unterschätzt hätte er es wohl auch nicht.

Der Tag der Schwarzen Pisten – Zweiter Skitag zwischen Greitspitze und Tunnelröhre

Vor der Reise nach Pfunds werden die Teilnehmenden nach ihrem Können gefragt. Die Skigruppe ist eingeteilt in eine Rote Gruppe und eine Schwarze Gruppe. Ich entschied mich für die Rote Gruppe, mit Claus als Skilehrer. Am Abend dieses zweiten Skitags war klar: Die rote Gruppe hatte einen Tag der schwarzen Pisten hingelegt.

Das hatte Gründe. Nach dem Neuschnee des vergangenen Tages, mit vielen Sonnenstunden und exzellent präparierten Pisten, waren die Bedingungen in Samnaun und Ischgl nahezu ideal. Der Schnee war griffig, die Sicht gut, die Hänge offen. Sechs Stunden Sonne waren angekündigt, am Ende dürften es eher acht gewesen sein. Es war einer jener Tage, an denen das Skifahren früh in einen Flow gerät und sich dann über Stunden nicht mehr aus diesem Zustand herausbewegt.

Dazu kam Claus. Er stellte die kleine Gruppe ausgezeichnet ein, mit vielen knappen, sehr brauchbaren Hinweisen und ohne jedes überflüssige Gerede. Die Gruppe selbst war angenehm kompakt, gut aufeinander abgestimmt und nicht auf Pausen aus. Das machte einen Unterschied. Man wartete nicht dauernd, man zerredete die Sache nicht, man fuhr. Und schwupps waren in Samnaun und Ischgl fast alle schwarzen Pisten absolviert.

Die Lange Wand

Der Höhepunkt des Tages war die Lange Wand, die Piste 14a. Sie gilt in der Silvretta Arena als eine der steilsten und anspruchsvollsten schwarzen Abfahrten des Gebiets. Die Bergbahnen geben für die Lange-Wand-Bahn C5 eine Bergstation auf 2853 Metern an; von dort zieht die Abfahrt mit bis zu 70 Prozent Gefälle hinunter. Andere Darstellungen sprechen sogar von bis zu 78 Prozent. Die Piste ist rund 1,8 bis 2 Kilometer lang und überwindet gut 600 Höhenmeter Richtung Höllkar.

Solche Hänge fährt man am besten am Vormittag. Dann ist der Schnee besonders griffig, und die eigene Kondition befindet sich noch dort, wo man sie gern hat. An einer Steilwand anzuhalten, ist ohnehin keine glänzende Idee. Es fehlt dort nicht nur an Eleganz, sondern meist auch an Notwendigkeit. Also fuhr unsere kleine rote Gruppe die Lange Wand ohne Pause – und meisterte sie mit Bravour. Unten war nicht viel zu sagen. Wer so etwas sauber hinunterbringt, braucht keine rhetorische Verlängerung.

Viel Licht, viel Gelände

Dieser zweite Tag hatte überhaupt eine Großzügigkeit, wie sie nur an wenigen Skitagen wirklich entsteht. Das Licht stand lange über den Bergen, die Hänge waren leer genug, um Linien wirklich fahren zu können, und die Arena zwischen Samnaun und Ischgl zeigte sich von ihrer weiten Seite. Oben am Grat die technischen Schneisen der Gegenwart, darunter große weiße Rücken, Mulden und Kämme, dazwischen jene alpinen Übergänge, die das Gelände nicht nur sportlich, sondern auch landschaftlich lesbar machen. Man fuhr viel, intensiv und konzentriert, und weil alles stimmte, merkte man die Höhenmeter weniger, als man sie abends in den Beinen hatte.

Am Ende die Schmuggler Alm

Am Nachmittag allerdings war mein Akku ziemlich leer. Nach so einem Vormittag freut man sich auf die Talabfahrt mit Ziel. Dieses Ziel hieß Schmuggler Alm. Das Haus liegt in Samnaun Dorf direkt an der Zeblas-Talabfahrt 80/81 und wird von Samnaun Tourismus offiziell als Erlebnisrestaurant mit urigem Ambiente, Panoramaterrasse, Après-Snow und Holzofenpizza geführt. Das ist zunächst die übliche Sprache des alpinen Gastgewerbes, trifft hier aber erstaunlich genau.

Drinnen viel dunkles Holz, schwere Balken, Treppen, Geländer, kleine Ebenen und Nischen; eine Architektur, die das Wort „urig“ nicht als Marketingetikett benutzt, sondern tatsächlich einlöst. In einer Ecke leuchtet ein geschnitzter Widderkopf ins Halbdunkel, an den Wänden und über den Podesten sammelt sich jene leicht verspielte Rustikalität, die man andernorts leicht peinlich finden könnte und die hier doch funktioniert. Nach einem langen Skitag sitzt man dort nicht bloß zum Essen, sondern zum langsamen Wiederzusichkommen. Draußen die Talabfahrt, drinnen Wärme, Holz, Stimmen, Müdigkeit. Besser kann ein Skitag kaum ausklingen.

Die Rückfahrt durch den Fels

Und dann die Busfahrt zurück nach Pfunds. Wer von Samnaun ins Tiroler Oberland zurückfährt, nimmt die Route über Spiss. Samnaun selbst verweist in seinen Anreiseinformationen ausdrücklich auf die Verbindung über Pfunds, Kajetansbrücke, Spiss und Samnaun. Spiss wiederum ist mit 1653 Metern die höchstgelegene Gemeinde Österreichs; auf österreichischer Seite wurde die Straßenverbindung dorthin überhaupt erst 1980 gebaut. Vorher führte lediglich ein schmaler Weg aus dem Inntal herauf.

Gerade deshalb wirkt die Rückfahrt so eigentümlich. Der Bus verlässt Samnaun, quert den Grenzraum und läuft dann auf der L348 Spisser Straße talwärts Richtung Pfunds. Diese Strecke ist wegen Lawinen- und Steinschlaggefahr technisch stark gesichert. Offizielle Tiroler Verkehrsquellen nennen dort den Anna-Tunnel; Bauunterlagen zur Celleswaldgalerie verweisen zudem auf den Gstalda-Tunnel und den Anna-Tunnel, an deren Ende die rund 207 Meter lange Galerie zwischen 2012 und 2014 errichtet wurde, um die Straße besser gegen Naturgefahren zu schützen. Bis zu 4000 Fahrzeuge täglich nutzen diese Verbindung.

Das erklärt die eigentümliche Atmosphäre dieser Rückfahrt. Der Tunnel wirkt nicht geschniegelt und ausgeleuchtet wie eine perfekte Infrastrukturmaschine, sondern roh, beinahe in den Berg hineingeschrieben. Die Fahrbahn läuft wie mit dem Lineal gezogen durch den Fels, links und rechts die unregelmäßigen Wände, das Licht warm und gelb, die Leuchten knapp über dem Asphalt, draußen längst wieder Tal und Abend. Nach einem Tag auf offenen Hängen ist diese Passage durch den Berg fast schon eine abrupte Gegenform: eben noch Weite, jetzt Röhre; eben noch Sonne auf der Greitspitze, jetzt Fels dicht vor der Scheibe. Gerade das macht ihren Reiz aus.

Ein großer zweiter Skitag

So blieb von diesem zweiten Skitag ein sehr klares Bild. Im Vorfeld hatte ich mich für die rote Gruppe entschieden. Tatsächlich wurde es der Tag der schwarzen Pisten. Die Bedingungen waren ideal, Claus stellte die Gruppe bestens ein, die kleine Formation fuhr intensiv und ohne viele Unterbrechungen, die Lange Wand gelang ohne Pause, und am Ende warteten mit der Schmuggler Alm und der eigentümlichen Tunnelrückfahrt zwei Schlussakkorde, die besser waren als jedes routinierte Après-Ski.

Als Schlusspunkt des Tages passte dann noch etwas, das man in durchorganisierten Reisen nicht unbedingt erwartet: im Hotel eine kleine Zimmerfete. Snacks, Bier, Wein, ein wenig Schnaps, dazu diese gelöste Stimmung, die sich nicht herstellen lässt und gerade deshalb so angenehm ist. Es hatte etwas von früher, von Klassenfahrten und Jugendherberge, nur dass inzwischen niemand mehr heimlich Chips unter der Bettdecke rascheln lassen musste und die Gespräche deutlich besser wurden. Die einzige Regel war von schöner Schlichtheit: Jeder bringt sein eigenes Glas mit.

Es war, kurz gesagt, ein grandioser Skitag. Nur dass dieser Satz kaum erzählt, wie schön er wirklich war.

Siehe auch:

Friedrich Engels und die blinden Flecken der Transformation

Mehr als der Mann an Marx’ Seite

Friedrich Engels hat das eigentümliche Schicksal erlitten, in der Wirkungsgeschichte zugleich überpräsent und unterschätzt zu sein. Überpräsent, weil sein Name an einen gewaltigen politischen Traditionsstrom gebunden blieb; unterschätzt, weil man ihn dabei oft auf die Rolle des treuen Gefährten, Redakteurs, Finanziers und Popularisators reduzierte. Gerade darin liegt der erste Irrtum. Wer Engels nur als zweiten Mann neben Karl Marx liest, verfehlt den eigensinnigen Kopf, der sehr früh begriff, dass wirtschaftliche Umbrüche nie bloß ökonomische Vorgänge sind, sondern zugleich technische, soziale, moralische und politische Erschütterungen einer ganzen Lebensform. Die von den Herausgebern des Bandes betonte Eigenständigkeit seines Beitrags ist deshalb keine editorische Höflichkeit, sondern eine sachliche Korrektur: Engels war Ökonom, Sozialanalytiker, früher Empiriker und Theoretiker der Moderne in einem.

Transformation als Erschütterung einer Lebensform

Seine eigentliche Größe zeigt sich dort, wo heute wieder von „Transformation“ die Rede ist. Engels verstand darunter nicht die dekorative Modernisierung bestehender Verhältnisse, sondern eine historische Tiefenbewegung. Er beobachtete die industrielle Revolution nicht von außen, sondern aus einer seltsam privilegierten und zugleich zerrissenen Position: als Unternehmersohn, Fabrikangestellter, Intellektueller und politischer Dissident. Darum sah er früher als viele andere, dass die Fabrik nicht nur Produktionsmengen verändert, sondern Städte, Familien, Zeitrhythmen, Gesundheitsverhältnisse, Geschlechterordnungen und sogar die moralische Sprache einer Gesellschaft. Gerade diese Verbindung von technischer Dynamik und sozialer Verwüstung macht ihn für das Verständnis großer Umbrüche bis heute so wichtig. Engels analysierte, wie technische Innovation und soziale Frage sich gegenseitig hervorbringen; und er ahnte damit bereits, was viele Gegenwartsdebatten erst mühsam wiederentdecken: Dass kein Produktivitätsschub unschuldig ist.

Wirtschaft ist nie nur Wirtschaft

Darin liegt sein Rang für die ökonomische Reflexion. Engels dachte Wirtschaft nie als isoliertes Marktgeschehen, sondern als gesellschaftliches Verhältnis. Konkurrenz, Eigentum, Arbeitsteilung, Urbanisierung, Klassenbildung: Das waren für ihn keine separaten Variablen, sondern Elemente eines Zusammenhangs. Seine frühen Interventionen in die Kritik der Nationalökonomie waren, bei aller Zuspitzung eines jungen Polemikers, ein Angriff auf jene Selbstverständlichkeit, mit der sich Ökonomik als neutrale Wissenschaft des Wohlstands ausgab. Dass Engels Marx überhaupt auf die systematische Beschäftigung mit den ökonomischen Wissenschaften brachte und später dessen Berechnungen im ersten Band des „Kapitals“ prüfte und korrigierte, gehört zu den Tatsachen, die in der gängigen Erzählung erstaunlich häufig unterbelichtet bleiben. Selbst dort, wo er popularisierte, tat er dies nicht als bloßer Vermittler, sondern als scharfer Analytiker mit eigenem Fachverstand.

Fortschritt und Verwüstung

Noch bemerkenswerter ist, wie weit Engels’ Horizont über das hinausreichte, was man heute gern in disziplinäre Zuständigkeiten zerlegt. Er erscheint als Pionier empirischer Sozialforschung, als früher Denker anthropologischer und ökologischer Fragen und als Beobachter der Stoffwechselprozesse zwischen Mensch und Natur. Eben das macht ihn für den Begriff der Transformation so fruchtbar. Denn Transformation meint heute Digitalisierung, Dekarbonisierung, geopolitische Neuordnung, Krisen des Wohnens, Erosion sozialer Sicherheiten und die Rückkehr von Verteilungskonflikten. Engels hätte darin keine lose Ansammlung einzelner Probleme gesehen, sondern die Symptomatik eines Systems, das seine technischen Möglichkeiten steigert, ohne seine sozialen Widersprüche zu beherrschen. Wer so denkt, ist für die Gegenwart nicht antiquarisch, sondern unerquicklich aktuell.

Der lange Schatten von Marx

Warum aber wird Engels in ökonomischen Fragen nicht stärker reflektiert? Der erste Grund ist banal und wirkmächtig: der lange Schatten von Marx. Engels’ eigenständiger Beitrag wurde vielfach unterschätzt; es ist überfällig, ihn aus der ideologischen Zwangsvergemeinschaftung und der Rolle der zweiten Violine zu lösen. Wer jahrzehntelang entweder als orthodoxer Stichwortgeber des Marxismus-Leninismus oder als dessen Mitschuldiger abgeheftet wurde, konnte in der akademischen Ökonomik kaum unvoreingenommen gelesen werden. Engels wurde nicht nur kritisiert; er wurde historisch festgelegt. Aus einem offenen Diagnostiker der Moderne wurde eine Figur der Lagerbildung. Das rächt sich bis heute.

Die blinden Flecken der Ökonomik

Der zweite Grund liegt im Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften selbst. Die heutige Ökonomik neigt dazu, so zu tun, als sei Wirtschaft ein eindeutig konturierter und unumstrittener Gegenstand; Engels dagegen erscheint als Denker des Widerspruchs und als eine Art Möglichkeitswissenschaftler. Genau hier reibt es sich. Engels stört die Sehnsucht nach glatten Modellen. Er insistiert auf Geschichte, Macht, Eigentum, Konflikt, Ideologie, Moral und Naturverhältnis. Wir erleben es ja gerade bei den militärpolitischen Entgleisungen von Donald Trump, die die Weltökonomie erschüttern. Engels erinnert daran, dass Märkte keine meteorologischen Ereignisse sind, sondern institutionell und kulturell eingebettete Ordnungen. Für eine Disziplin, die sich lange durch Formalisierung, Abstraktion und methodische Reinheit legitimiert hat, bleibt ein solcher Denker unerquicklich, weil er die Grenzziehungen selbst infrage stellt.

Gegen die Bequemlichkeit der Modelle

Hinzu kommt etwas Drittes: Engels passt schlecht in die Routinen akademischer Kanonbildung. Er war kein Professor, der eine in sich geschlossene Schule hinterließ. Er schrieb journalistisch, polemisch, historisch, ökonomisch, politisch. Gerade diese Formstärke wurde ihm später als Mangel ausgelegt. Was in Wahrheit ein intellektueller Vorteil war – die Fähigkeit, zwischen Fabrikbericht, Theorieentwurf, politischer Intervention und Zivilisationsdiagnose zu wechseln –, erscheint im Seminarbetrieb leicht als Unschärfe. Doch vielleicht ist es umgekehrt. Vielleicht ist nicht Engels zu breit, sondern der ökonomische Blick zu schmal geworden. Eine Zeit, die ihre Krisen mit Spezialvokabular verwaltet und doch keinen Begriff des Ganzen mehr findet, könnte von einem Denker profitieren, der technische Entwicklung, soziale Ungleichheit und ökologische Grenzen in einem Atemzug zu sehen vermochte.

Warum Engels in die Gegenwart gehört

Engels ist also wichtig, weil er Transformation nicht als Fortschrittsromanze missverstand. Er wusste, dass jede große Modernisierung Gewinner und Verlierer produziert, dass Produktivkräfte Freiheit versprechen und Abhängigkeiten erzeugen, dass Wachstum die Welt erweitern und zugleich ruinieren kann. Und er ist in ökonomischen Debatten unterbelichtet, weil seine Art zu denken den bequemen Frieden der Fachgrenzen stört. Vielleicht ist gerade das der Grund, ihn neu zu lesen. Nicht als Ikone. Nicht als Denkmal. Sondern als einen unbequemen Zeugen der Einsicht, dass Wirtschaft nur dann verstanden wird, wenn man sie als Form des gesellschaftlichen Lebens begreift. Das wäre nicht die Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Es wäre ein Schritt in die Gegenwart.

Siehe auch:

Der erste Skitag: Vom Richterdorf ins Schmugglerland

Um sieben Uhr Frühstück, um 8.15 Uhr der Reisebus, und um neun standen wir schon auf der Piste in Samnaun. Viel schneller lässt sich ein Tag kaum aus der Behaglichkeit eines Hotels in die Hochgebirgswirklichkeit überführen. Nach dem stillen ersten Abend in Pfunds, nach Richterhof, Senn-Tafeln und dem lateinischen Satz über der Tür, ging es nun hinauf in einen ganz anderen Geschichtsraum: vom alten Gerichtsort an die Grenze, vom Dorf der Verfassungs- und Freiheitsfiguren in jenes Gelände, in dem einst Kaffee, Tabak und Nylonstrümpfe über den Berg getragen wurden.

Eine Organisation, die den Tag leicht macht

Zu den stillen Qualitäten dieser Reise gehört, wie mühelos alles ineinandergreift. Das SportBildungswerk Bielefeld beschreibt seine Winterreisen selbst als seit rund vierzig Jahren erprobte Gruppenreisen mit Übernachtfahrt, ausgewählten Unterkünften, Lehrtrainerinnen und Lehrtrainern sowie Reiseleitungen, die für ein persönliches Gruppenklima sorgen sollen. Das klingt auf dem Papier ordentlich; vor Ort erwies es sich als präzise, sympathisch und erstaunlich unaufdringlich. Man musste sich um fast nichts kümmern und konnte sich, was in Skigebieten selten genug vorkommt, vom ersten Lift an ganz auf den Tag konzentrieren. (sportbund-bielefeld.de)

Vielleicht erklärt das auch die Stimmung in der Gruppe. Sie wirkte von Anfang an homogen, nicht im Sinn irgendeiner künstlichen Gleichförmigkeit, sondern in der angenehmen Art, wie sich ähnliche Erwartungen und ähnliche Taktgefühle rasch zueinander finden.

Frischer Schnee, wenig Betrieb

In der Nacht hatte es geschneit. Oben lag ein frischer, griffiger Schnee auf den Hängen, und weil wenig los war, konnte man früh in jenen Rhythmus finden, der einen Skitag trägt: nicht hetzen, nicht warten, einfach fahren. Die Sonne zeigte sich nur zeitweise, aber gerade das machte den Morgen reizvoll. Erst stand man an einer Geländekante und blickte über ein Wolkenmeer, aus dem nur einzelne Gipfel und Rücken hervorragten. Dann riss der Himmel auf, und plötzlich wurden die Konturen scharf: dunkle Felsabbrüche, weich gezeichnete Hänge, breite weiße Flächen, über die die ersten Spuren des Tages verliefen. Später wieder zog der Nebel an, schluckte einen Teil der Weite und gab den Pisten jenen beinahe abstrakten Charakter, den nur Hochgebirge in wechselndem Licht besitzen.

Es war ein Tag, an dem man gut fahren konnte, vielleicht gerade weil nichts Spektakuläres erzwungen werden musste. Rund 6000 Höhenmeter kamen zusammen, und sie kamen ohne Zwang zusammen. Das Gelände trug, der Schnee trug, die Beine taten, was sie sollten.

Zwei Staaten, ein Skigebiet

Die Bühne dieses Tages war die Silvretta Arena Samnaun/Ischgl, jenes grenzüberschreitende Skigebiet zwischen dem schweizerischen Samnaun und dem Paznaun in Tirol. Offiziell sind es 239 Pistenkilometer und 45 Anlagen; Samnaun wirbt damit, dass hier „grenzenloses Skivergnügen“ zwischen Schweiz und Österreich beginne und die Doppelstockgondel hinauf an den Alp Trider Sattel führe. Solche Formeln liest man gewöhnlich rasch hinweg. Dort oben bekommen sie einen sachlichen Kern. Die Grenze ist nicht bloß ein Strich auf der Karte, sondern Teil der Landschaft, ein geschichtlicher Akteur, der heute vom Skibetrieb elegant überfahren wird.

Gerade deshalb fühlt sich das Fahren hier anders an als in manchen abgeschlossenen Wintersportwelten. Man gleitet nicht nur durch ein Skigebiet, sondern durch einen Grenzraum, dessen alte Funktion unter den modernen Sesseln und Gondeln nicht ganz verschwunden ist. Sie hat nur ihre Form geändert.

Die Schmugglertour als Gedächtnislinie

Am Nachmittag folgte dann die Schmugglertour von Ischgl nach Samnaun. Der Tourismusverband beschreibt sie als Runde „auf den Spuren der Schmuggler“; seit der Wintersaison 2016/17 ist sie markiert und wird in Gold, Silber und Bronze gefahren. Die Gold-Variante kommt auf 61,8 Kilometer und bis zu 13.740 Höhenmeter inklusive Liftfahrten. Was heute als sportliches Vergnügen vermarktet wird, ruht auf einer Geschichte, die viel prosaischer und härter war.

Der Schmuggel zwischen Ischgl und Samnaun hat im Paznaun eine lange Tradition. Als 1768 die alten Zollfreiheiten aufgehoben wurden, gewann der heimliche Warentransport neue Bedeutung; in den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vielerorts zur Überlebensstrategie. Über den Alp-Trida-Sattel trugen Männer schwere Rucksäcke über die Berge, oft 40 bis 50 Kilogramm Last, und versuchten, sechs oder sieben Zöllnern auszuweichen. Hinüber gingen Butter und Felle, zurück kamen Kaffee, Reis, Tabak, Mehl, Saccharin und die begehrten Nylonstrümpfe. Eine solche Runde dauerte etwa zehn Stunden, sechs bis sieben davon zu Fuß. Dass die schlecht im Gelände zurechtkommenden Zöllner von den Einheimischen abfällig „Grasrutscher“ genannt wurden, ist eine jener regionalen Vokabeln, in denen ein ganzes Milieu fortlebt.

Vom Schmuggel zum Lift

Die schönste Pointe dieser Geschichte ist vielleicht, dass der Schmuggel nicht nur Not linderte, sondern indirekt den Tourismus mitfinanzierte. Auf Ischgler Seite wird offen darauf verwiesen, dass der erste Skilift des Ortes, 1952 im Ortsteil Brand errichtet, auch ein Zeugnis des Schmugglergeschäfts sei: Gewinne aus dem Grenzhandel flossen in jene frühe touristische Infrastruktur, aus der später der heutige Wohlstand erwuchs. Mit dem Aufschwung des Fremdenverkehrs in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren verlor der Schmuggel dann allmählich seine wirtschaftliche Funktion. Was blieb, war das Gelände – und die Erinnerung.

Wenn man am Nachmittag mit Ski von Ischgl nach Samnaun wechselt, fährt man also nicht bloß eine Themenrunde, sondern über einen historischen Resonanzraum. Man sieht die weiten Rücken, die Einschnitte, die sattelartigen Übergänge und versteht mit einem Mal, warum gerade schlechtes Wetter früher ein Verbündeter der Schmuggler war. Heute ist die Sicht mal offen, mal milchig; damals konnte dieselbe Wolke Schutz bedeuten.

Samnaun, zollfrei bis heute

Samnaun selbst trägt diesen Grenzcharakter bis in die Gegenwart. Das Tal wurde 1892 zollfrei gestellt, nachdem die Einbindung in das Schweizer Zollsystem wirtschaftliche Nachteile für die Bevölkerung gebracht hatte. Der Sonderstatus blieb erhalten, auch nachdem 1912 die Straße von Martina nach Samnaun gebaut worden war. Bis heute ist Samnaun die einzige Schweizer Duty-Free-Zone außerhalb eines Flughafens; über die Talabfahrten gelangt man direkt zu den zollfreien Geschäften, und der Ort wirbt offen mit der Verbindung von Skifahren und Duty-Free-Shopping. Was früher heimlich geschah, wird heute reguliert und legal angeboten. Die Grenze ist geblieben, nur der Umgang mit ihr hat sich geändert.

Gerade das macht den Reiz dieser Landschaft aus. Sie ist nicht bloß schön, sie ist funktional gewesen. Pässe, Sättel, Übergänge und Talabfahrten waren hier nie nur Aussichten, sondern Wege, Handelslinien, Risiken, Gelegenheiten. Skifahrer nutzen heute dieselben topographischen Vorteile, aus denen früher eine Ökonomie des Mangels entstand.

Bewegung in einem geschichtlichen Raum

Vielleicht war das die eigentliche Qualität dieses ersten Skitags: dass die Bewegung durch den Schnee nie ganz von der Geschichte getrennt war. Der Tag begann mit der Effizienz einer perfekt organisierten Sportreise, mit einem Reisebus, der pünktlich kam, und einer Gruppe, in der sich vom ersten Schwung an eine gute, fast heitere Selbstverständlichkeit einstellte. Er führte dann in ein Gelände, das zugleich hochmodern erschlossen und tief in ältere Grenzgeschichten eingelassen ist. Zwischendurch stand man an einer Kante, unter sich das Wolkenmeer, vor sich die weichen Grate und dunklen Felsen, und hatte für einen Moment das seltene Gefühl, dass Wintersport nicht bloß Freizeitbeschäftigung, sondern eine Form der Lektüre sein kann.

Pfunds hatte am Vorabend mit seinen Tafeln und Inschriften gezeigt, dass Tirol Geschichte gern an den Häusern befestigt. Samnaun und Ischgl tun es anders. Dort steht die Geschichte nicht an der Wand, sondern liegt im Gelände. Man muss sie fahren, um sie zu merken.

hen Satz über der Tür, ging es nun hinauf in einen ganz anderen Geschichtsraum: vom alten Gerichtsort an die Grenze, vom Dorf der Verfassungs- und Freiheitsfiguren in jenes Gelände, in dem einst Kaffee, Tabak und Nylonstrümpfe über den Berg getragen wurden.

Pferd, Marx, Merz @Bundeskanzler

Über den deutschen Exportschlager Nr. 1 in China und dessen Bezug zum Jahr des Pferdes verlor Bundeskanzler Merz in Peking kein Wort – zur Analyse des Sinologen Harro von Senger.

Wer China verstehen will, sollte sich nach Auffassung des Sinologen Harro von Senger nicht mit den vordergründigen Daten eines Staatsbesuchs begnügen: mit Handelszahlen, Gesprächsformaten, Pressebildern und dem üblichen Vokabular aus Distanz, Dialog und Austausch. Interessant werde es dort, wo die Wahrnehmung über den Mainstream hinausreicht. „Eine solche Erweiterung des Blickfelds leistet die Morphologie: jene von Fritz Zwicky inspirierte Methode, die Sachverhalte nicht nur entlang der vertrauten Deutungsmuster, sondern auch in ihren Nebenlinien, historischen Tiefenschichten und begrifflichen Verknüpfungen in den Blick nimmt“, so von Senger. Von dort aus erscheint auch die China-Reise des Bundeskanzlers vom 24. bis 26. Februar 2026 in anderem Licht.

Merz sprach in Peking korrekt und protokollgerecht. Beim Empfang durch den chinesischen Ministerpräsidenten Li Qiang sagte er: „Zwischen Berlin und Peking liegen 7.500 Kilometer. Das ist eine Entfernung, die wir gern überbrücken, die wir gern auch als Anlass nehmen, um über diese Distanz hinweg mit unseren beiden Ländern einen guten Dialog und einen guten Austausch zu haben.“ Gegenüber Li Qiang nahm er sodann auf das „Jahr des Pferdes“ Bezug und wünschte „Energie und Kraft, ganz passend zu diesem Symbol“. Auch gegenüber Xi Jinping griff er diesen Kalenderbezug auf und erklärte, er schätze es, „dass er der erste Regierungschef sei, der von ihm im neuen Jahr empfangen werde, im Jahr des Pferdes“.

Karl Marx und die ungenutzten Möglichkeiten

Diese Sätze markieren, was in der diplomatischen Standardsprache gesagt werden kann. Sie zeigen aber auch, wo eine Möglichkeit ungenutzt blieb. Denn der Hinweis auf das Jahr des Pferdes hätte sich mit einem Motiv verbinden lassen, das in Deutschland nur selten wahrgenommen wird, für das offizielle China jedoch von erheblicher Bedeutung ist: mit Karl Marx als dem wohl folgenreichsten deutschen Exportgut in der geistig-politischen Ordnung der Volksrepublik.

Der stärkste Einfluss in China ist nicht notwendig dort zu suchen, wo die deutsche Selbstbeschreibung ihn vermutet: bei Maschinenbau, Automobilindustrie oder Chemie. Im Bereich der staatstragenden Ideenlehre steht vielmehr ein anderer Name im Zentrum. Marx gilt im offiziellen China als Schlüsselfigur von Welterkenntnis und Weltveränderung. Xi Jinping hat ihn den „größten Denker in der Geschichte der Menschheit“ genannt; Hu Yaobang hat in den achtziger Jahren ausdrücklich daran erinnert: „Karl Marx war ein Deutscher.“ Wer in Peking als deutscher Regierungschef spricht, bewegt sich damit in einem Deutungshorizont, in dem Deutschland bereits auf eigentümliche Weise präsent ist.

Hier kommt ein sprachliches Detail ins Spiel, das mehr ist als eine Kuriosität. Das chinesische Wort für Pferd lautet „ma“. Eben mit diesem Laut beginnt der chinesische Name von Karl Marx: Makesi, geschrieben 马克思. Dasselbe Schriftzeichen, mit dem das Pferd bezeichnet wird, eröffnet im Chinesischen auch das Wort für Marxismus: Makesi zhuyi, 马克思主义. Natürlich ist Marx nicht deshalb so benannt worden, weil man ihn mit Pferden assoziiert hätte; im Chinesischen gibt es zahlreiche Schriftzeichen, die als „ma“ ausgesprochen werden, aber das mit der Bedeutung Pferd ist am prominentesten. Doch In einer politischen Kultur, die für Wortfelder, Anspielungen und Traditionslinien empfänglich ist, wäre «ma»  dies ein naheliegender Ansatzpunkt gewesen, um eine geistige Verbindung zwischen Deutschland und China auf elegante Weise sichtbar zu machen.

Weltveränderung

An dieser Stelle wären nicht Ironie sondern Takt, Bildung und die Fähigkeit  gefordert gewesen,  ideologische Selbstbeschreibungen eines Gegenübers ernst zu nehmen, ohne sich ihnen anzudienen, erläutert von Senger. Ein deutscher Kanzler hätte an das Jahr des Pferdes anknüpfen und darauf hinweisen können, dass das Zeichen „ma“ nicht nur das neue den Kalenderjahr, sondern auch den Namen jenes Deutschen eröffnet, dessen Lehre in China bis heute zum Fundament der amtlichen Weltdeutung zählt. Er hätte hinzufügen können, dass im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin ein in China besonders bekannter Satz von Marx eingraviert ist: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Mehr wäre nicht nötig gewesen. Ein solcher Hinweis hätte Signalcharakter gehabt.

Denn der Marxismus ist in der Volksrepublik keine museale Reminiszenz. In der Satzung der Kommunistischen Partei Chinas steht an erster Stelle der ideologischen Richtschnur ihres Handelns der Marxismus-Leninismus, ergänzt durch Mao-Zedong-Ideen, Deng-Xiaoping-Theorie, die wichtigen Ideen des „Dreifachen Vertretens“, das wissenschaftliche Entwicklungskonzept und die Xi-Jinping-Gedanken über den Sozialismus chinesischer Prägung für eine neue Ära. Der Marxismus bildet darin das Fundament; zugleich ist er im chinesischen Kontext fortgeschrieben umgearbeitet und in eine eigene geschichtliche Bahn gelenkt worden. Deshalb spricht vieles dafür, von einem chinesischen Marxismus oder, prägnanter, von einem Sinomarxismus zu sprechen.

„Gerade hier erweist sich der heuristische Wert der Morphologie. Sie fragt nicht nur, was offiziell gesagt wird, sondern auch, wie unterschiedliche Schichten von Sprache, Ideologie, Geschichte und politischer Praxis zusammenwirken. Wer China ausschließlich mit den Kategorien westlicher Tagespolitik liest, wird dazu neigen, die Volksrepublik schlicht als autoritären Staat unter anderen zu behandeln. Damit bleibt jedoch unsichtbar, dass die chinesische Ordnung sich in ihrer Selbstdeutung aus einer Verbindung von primär deutschem und sekundär chinesischem Geistesgut legitimiert. Diese Verbindung prägt nicht alles, aber sie prägt viel“, sagt von Senger.

Die Geschichte der Volksrepublik lässt sich unter dem Signum des Pferdes sogar in einer eigentümlichen Ambivalenz Doppelbewegung lesen. Zwei chinesische Redewendungen geben ihr Kontur. Die eine lautet „wan ma qi yin“: „Zehntausend Pferde stehen stumm da.“ Das Bild bezeichnet eine Atmosphäre, in der niemand zu sprechen wagt. Auf die Zeit der Kulturrevolution lässt sich diese Formel ohne weiteres beziehen. Die Exzesse des dem Marxismus entsprungenen Klassenkampfs, die damit einhergehende Erstarrung des öffentlichen Lebens und die Lähmung geistiger Eigenständigkeit sind in ihr mit bemerkenswerter Präzision gefasst.

Friedrich Engels am Grab von Marx

Die andere Wendung lautet „wan ma ben teng“: „Zehntausend Pferde galoppieren voran.“ Sie steht für Dynamik, Aufbruch und beschleunigte Entwicklung. Nach Maos Tod  (9.9. 1976) deutete sich in China schon wenige Wochen später ein fundamentaler Kurswechsel  an. In einem Zeitungsbericht  aus Peking vom 19. November 1976 wies Harro von Senger  darauf hin,  dass nunmehr die Erhöhung der Produktion betont werde.

Der Gruppe um Jiang Qing wurde vorgeworfen, mit ihrer Überbetonung der Politik der Produktion schweren Schaden zugefügt zu haben. Bemerkenswert war die Begründung: Man berief sich nicht auf Kapitalismus, sondern auf ein „Grundprinzip des Marxismus“, nämlich darauf, dass die Menschen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssten, bevor sie sich mit Politik, Wissenschaft, Kunst oder Religion befassen könnten. Der Akzent verlagerte sich damit vom Klassenkampf auf das, was Engels am Grab von Marx das „Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“ genannt hatte.

Von da an trat in China der Wirtschaftsaufbau in den Vordergrund, auch unter Einbeziehung kapitalistischer Methoden. Nicht die Abkehr vom Marxismus, sondern seine Neuinterpretation unter chinesischen Bedingungen wurde programmatisch. In den Jahrzehnten danach 1976 entwickelte sich das Land unter Führung der Kommunistischen Partei  zur zweitgrößten Volkswirtschaft der  Welt.  Wer nur den Gegensatz von Plan und Markt, Ideologie und Pragmatismus oder Autoritarismus und Modernisierung vor Augen hat, verfehlt die innere Logik dieses Prozesses. Die Morphologie verlangt, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auszuhalten: marxistische Begriffswelt, chinesische Traditionsbildung, ökonomische Rationalisierung und machtpolitische Steuerung.

Die Morphologie verlangt, die aus sinomarxistischer Sicht  problemosen Koexistenz widersprüchlicher Sachverhalte  auszuhalten: deutscher Marxismus und  chinesische Traditionsbildung, ökonomische Rationalisierung und machtpolitische Steuerung, Plan und Markt, Prinzipientreue im Grundsätzlichen und Pragmatismus im Nichtgrundsätzlichen,  politischer  Autoritarismus und technokratische Modernisierung etc..

„Aus dieser Perspektive fällt auf, wie zurückhaltend die deutsche Politik gewöhnlich gegenüber den ideologischen Selbstbeschreibungen Chinas bleibt. Berlin weiß meist sehr genau, was China exportiert, importiert, subventioniert oder reguliert. Weit weniger Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie das offizielle China sich selbst deutet: in den langen Linien seiner Geschichte, in der n Formeln Gedankenwelt der Partei, in den semantischen Signalen der Sprache. Hier liegt eine Leerstelle der amtlichen deutschen China-Wahrnehmung“, mahnt von Senger.

Ein Staatsbesuch in Peking verlangt selbstverständlich nicht nach gelehrter Vortragskunst. Aber er verlangt nach einem Mindestmaß geistiger Präsenz. Wer dort nur korrekt spricht, bleibt unter Umständen dort stumm, wo das Gegenüber auf Resonanzen hört. Gerade Deutschland hätte die Möglichkeit, auf einem Feld sichtbar zu werden, das weder ökonomisch noch militärisch ist, sondern kultur- und ideengeschichtlich: mit dem Umstand, dass der für China bis heute maßgebliche Name Marx ein deutscher Name ist. Das wäre kein Anlass zur Selbstüberhebung, wohl aber ein Pfund, mit dem sich maßvoll wuchern ließe.

Der Hinweis auf das Pferd wäre daher mehr gewesen als eine hübsche Kalenderreferenz. Er hätte den Zugang eröffnet zu einer tieferen, amtlich hoch relevanten Schicht chinesischer Selbstdeutung. Dass diese Gelegenheit ungenutzt blieb, verweist auf ein verbreitetes deutsches Defizit: zu viel Routine im Politischen, zu wenig Aufmerksamkeit für das Geistesgut die Formen, in dem denen sich ein Staat wie China selbst erkennt. Wer nur anwesend ist, ist noch nicht präsent. Wer nur redet, hat noch nichts zum Klingen gebracht.

Weiterführende Hinweise

Harro von Senger: Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte. 3. Auflage. Hanser, München 2024.

Harro von Senger: „Akzentverschiebungen in China“, Neue Zürcher Zeitung, 19. November 1976, S. 2.

16 sinomarxistische Methoden zur Analyse und Lôsung von Problemen, in: Harro von Senger: Einführung in das chinesische Rechtr, Verlag C.H. Beck, München 1994

Veröffentlichungen Harro von Sengers über den Sinomarxismus

http://www.supraplanung.ch/sinomarxismus.html

Harro von Senger: Erinnerungen an China (1975-1977) – Morphologie und China.

Die letzte Instanz der alten Bundesrepublik – Zum Tod von Jürgen Habermas

Ein Abschied von historischem Format

Mit Jürgen Habermas ist eine Gestalt des deutschen Geisteslebens gegangen, an der sich die Bundesrepublik über Jahrzehnte gemessen hat. Er wurde 96 Jahre alt. Sein Tod markiert mehr als das Ende eines außergewöhnlich langen und produktiven Lebens; er markiert den Abschied von einer Figur, in der sich Theorie und Intervention, Gelehrsamkeit und Zeitkritik, philosophische Strenge und politische Einmischung auf seltene Weise verbanden. Habermas war nie nur Philosoph und Soziologe. Er war Prüfstein, Reizfigur, moralischer Bezugspunkt.

Dass sein Tod als Epochenbruch empfunden wird, hat mit dieser eigentümlichen Doppelstellung zu tun. Kaum ein anderer Denker hat die intellektuelle Physiognomie der alten Bundesrepublik so nachhaltig geprägt und zugleich ihr Selbstbild so beharrlich irritiert. Von den frühen fünfziger Jahren an hat Habermas sich in fast alle großen Kontroversen der Republik eingemischt: in die Auseinandersetzung mit Heidegger, in die Konflikte um die Studentenbewegung, in den Historikerstreit, in die Debatten über Europa, Krieg, Erinnerung, Öffentlichkeit. Er war, in einem präzisen Sinn, kein bloßer Kommentator der Zeit, sondern ihr intervenierender Denker.

Der heideggersche Anfang

Es gehört zu den aufschlussreichen, lange eher verdeckten Zügen dieser Biographie, dass sie nicht in der Helligkeit diskursethischer Vernunft begann, sondern in der Faszination für Martin Heidegger. Der junge Habermas schrieb zunächst in einem Ton, den Philipp Felsch jüngst, bei einer Lesung in Bonn, treffend als „Heidegger-Sound“ beschrieb: jenes Pathos des Vernehmens, der Umkehr, des rechten Verhältnisses zu den Dingen. Man muss sich diesen Anfang vergegenwärtigen, um die spätere Bewegung dieses Denkens zu verstehen.

Denn Habermas wurde nicht als fertiger Demokrat zum Philosophen der Öffentlichkeit. Er hat sich in diese Rolle hinein argumentiert. Der Bruch mit Heidegger war deshalb mehr als eine politische Distanzierung; er war eine geistige Häutung. Als Heidegger seine kompromittierten Vorlesungen aus der NS-Zeit ohne ernsthafte Revision veröffentlichte, widersprach Habermas öffentlich. Von da an war der Weg vorgezeichnet: weg von der beschwörenden Tiefensprache des Seins, hin zu einer Philosophie, die Geltung nur noch im Medium der Begründung anerkennt. Nicht Ursprung, sondern Rechtfertigung. Nicht Sendung, sondern Argument.

In diesem Bruch liegt die eigentliche Signatur seines Werkes. Habermas hat die deutsche Philosophie nach 1945 aus der metaphysischen Düsternis in die Nüchternheit demokratischer Verfahren überführt, ohne sie der Banalität des bloß Funktionalen preiszugeben.

Gegenmodell zu den Franzosen

Für viele der späteren Leser war Habermas zunächst weniger eine Verheißung als ein Widerpart. Philipp Felsch hat diese Erfahrung einer ganzen Generation plastisch beschrieben. Wer in den achtziger und neunziger Jahren von den Franzosen her kam, von Derrida, Foucault, Deleuze, begegnete Habermas oft in Gestalt des Gegners: als staatstragendem Denker, als Vertreter einer strengen, professoralen Vernunft, der gegen die elegante Leichtigkeit und intellektuelle Verspieltheit des Poststrukturalismus wie ein deutscher Verwaltungsbeamter der Theorie wirkte.

Gerade in dieser Abstoßung lag jedoch ein produktives Missverständnis. Denn was damals wie Steifheit erschien, erwies sich rückblickend als eine besondere Form von intellektueller Redlichkeit. Habermas schrieb nicht, um zu verführen. Er schrieb, um Belastbarkeit zu erzeugen. Seine Sätze waren oft schwer, manchmal unerquicklich, fast nie brillant im schimmernden Sinn des Wortes. Aber sie wollten tragen. In einer Kultur, die den Gedanken zunehmend nach seiner Stilfähigkeit beurteilte, hielt Habermas an der Zumutung fest, dass Begriffe Arbeit verlangen dürfen.

Der Philosoph der Verständigung – und des Konflikts

Habermas wurde zum Philosophen der Verständigung. Darin liegt der Kern seines Denkens. Die Sprache, so seine grundlegende Annahme, ist nicht bloß Instrument der Behauptung, sondern auf Verständigung angelegt; wer spricht, erhebt Geltungsansprüche, die sich nicht beliebig machen lassen. Aus dieser Einsicht erwuchs die Theorie des kommunikativen Handelns, und aus ihr speiste sich auch sein normatives Vertrauen in die Lernfähigkeit demokratischer Öffentlichkeiten.

Gleichwohl war Habermas im politischen Raum selten der versöhnliche Moderator, als den seine Theorie ihn erwarten ließe. Im Gegenteil: Er konnte scharf, verletzend, unerbittlich sein. Felsch hat das mit leichter Bosheit auf die Formel gebracht, Habermas sei in seinen Feindschaften „schmittianischer“, als er selbst je zugeben wollte. Das ist nicht ungerecht. Wer seine Polemiken liest, erkennt rasch, dass hier einer kämpfte, identifizierte, zuspitzte, Gegner markierte und Fronten definierte.

Diese Spannung ist keine Nebensache. Sie gehört zum Kern der Figur. Der Denker der Verständigung wusste, dass Verständigung nicht im harmonischen Einverständnis besteht, sondern in der Austragung von Konflikten unter Bedingungen, die Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit nicht preisgeben. Seine Schärfe war oft der Preis seines Anspruchs.

Das Wohnzimmer der Republik

Vielleicht lässt sich diese Figur nirgends anschaulicher fassen als in jenem Bild, das Philipp Felsch von seinem Besuch in Starnberg gezeichnet hat. Der modernistische Bungalow, die helle Schurwollcouch, die abstrakten Bilder, die ruhige Behaglichkeit eines Hauses, das gleichermaßen Weltläufigkeit und Provinz ausstrahlt. Dazu der alte Mann in Chinos und fabrikneuen Reeboks, der Tee zubereitet und sich dafür entschuldigt, dass der Marmorkuchen zu dick geschnitten sei.

Das ist mehr als Anekdote. In diesem Interieur verdichtet sich etwas vom sozialen Stil der alten Bundesrepublik: die Nüchternheit des Wiederaufbaus, das Pathos der Sachlichkeit, die stille Bildungsgewissheit, die Bereitschaft, Weltgeschichte im Wohnzimmer zu verhandeln. Habermas war dieser Republik nicht äußerlich. Er war ihr Ausdruck und ihr Kritiker zugleich. Vielleicht konnte er gerade deshalb so wirksam gegen ihre Selbstzufriedenheit anschreiben: weil er aus demselben Material gemacht war.

Der öffentliche Intellektuelle

Habermas’ Sonderstellung erklärt sich nicht nur aus dem Rang seiner Bücher, sondern aus seiner unablässigen Präsenz im öffentlichen Streit. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ machte früh sichtbar, dass moderne Gesellschaften nicht allein durch Institutionen, sondern durch Kommunikationsformen zusammengehalten oder zersetzt werden. Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ versuchte später, diese Einsicht systematisch auszubauen. Doch seine eigentliche historische Bedeutung liegt vielleicht darin, dass er seine Begriffe immer wieder in den rauhen Stoff der Zeit hineintrug.

Im Historikerstreit war diese Rolle am deutlichsten zu sehen. Habermas verteidigte damals mit Entschiedenheit die Einsicht, dass Auschwitz nicht in eine historische Normalität eingeebnet werden dürfe. Er machte die deutsche Vergangenheit zum Prüfstein republikanischer Vernunft. Man kann mit guten Gründen sagen, dass er damit nicht bloß eine Debatte gewann, sondern der Bundesrepublik für eine ganze Phase ihr moralisches Vokabular lieferte. Von da an ließ sich über Nation, Erinnerung und politische Identität nicht mehr sprechen, ohne sich zu ihm zu verhalten.

Europa als Horizont der Vernunft

In seinen späteren Jahrzehnten rückte Europa ins Zentrum seines Denkens. Für Habermas war die europäische Einigung nie nur ein institutionelles Arrangement. Sie war die politische Form, in der die universalistischen Lernprozesse der Nachkriegszeit bewahrt werden konnten. Europa bedeutete ihm die Chance, nationale Selbstbehauptung in eine postnationale Rechts- und Bürgergemeinschaft zu überführen. Nicht Machtbalance, sondern Zivilisierung war der Maßstab.

Gerade darum gewannen seine späten Texte einen zunehmend melancholischen Ton. Das europäische Projekt erschien ihm mehr und mehr als unvollendet, technokratisch verengt, politisch mutlos. Der alte Habermas blickte mit wachsender Skepsis auf die Erosion demokratischer Institutionen, auf das Wiedererstarken nationalistischer Reflexe, auf die Schwäche eines Kontinents, der zwar ökonomische Größe, aber immer weniger politische Form besaß. In seinen letzten Interventionen sprach ein Denker, der an der Vernunft festhielt, ohne sich über die Beschädigungen der Wirklichkeit hinwegzutäuschen.

Die Melancholie nach Habermas

Was mit Habermas nun fehlt, ist nicht bloß ein großer Name. Es fehlt eine Form von Ernsthaftigkeit, die in der deutschen Öffentlichkeit selten geworden ist. Habermas war nie bequem. Den einen war er zu moralisierend, den anderen zu akademisch, den Dritten zu links, den Vierten zu westlich, den Fünften zu universalistisch. Aber gerade in dieser Zumutung lag seine Größe. Er verlangte, dass man Gründe gibt. Er verlangte, dass Geschichte nicht verdrängt, sondern durchgearbeitet wird. Er verlangte, dass Demokratie mehr ist als das Management wechselnder Stimmungen.

Vielleicht wird man ihn künftig weniger als Architekten eines Systems lesen denn als Repräsentanten einer intellektuellen Haltung, die sich dem Zeitgeist nicht auslieferte. Seine Sätze werden nicht leichter werden. Manche seiner Gewissheiten werden weiter bestritten werden. Aber sein Rang liegt tiefer. Er hat gezeigt, dass Philosophie in einer Demokratie mehr sein kann als gelehrte Selbstbespiegelung: ein Eingriff, eine Verpflichtung, eine Form öffentlicher Verantwortung.

In Starnberg ist nun einer gestorben, der die Deutschen über Jahrzehnte dazu anhielt, vernünftiger zu sein, als sie es im Zweifel sein wollten. Darin liegt das eigentlich Melancholische dieses Abschieds. Nicht nur ein Leben ist an sein Ende gekommen. Ein Maßstab ist verschwunden.

Ein erster Tag in Pfunds: Ankunft im Richterdorf

Gegen 11 Uhr kamen wir in Pfunds an, nach einer Nachtfahrt, die wegen der Sperrung auf der A3 länger dauerte als geplant, aber weit weniger unerquicklich war, als es zwölf Stunden auf dem Papier vermuten lassen. Im Bus ließ sich lesen, Musik hören, sogar ein wenig schlafen. Der große Vorteil solcher Anreisen besteht darin, dass man nicht selbst fahren muss. Man steigt nicht zerschlagen aus, eher etwas entrückt.

Umso angenehmer, dass im Hotel Kreuz trotz der Verspätung noch ein Frühstück möglich war. Das Haus empfing uns nicht mit betriebsamer Ferienrhetorik, sondern mit einer wohltuend familiären, gemütlichen Atmosphäre. Nach einer Nacht auf Rädern ist das keine Nebensache. Es ist der Moment, in dem aus Ankunft Aufenthalt wird.

Danach der erste Rundgang durchs Dorf.

Ein Dorf mit Gedächtnis

Pfunds zeigt sich nicht als bloße Kulisse für Wintersportgäste, sondern als Ort mit Geschichten. Die Häuser behaupten sich ohne Pose; sie stehen da, als gehörten sie nicht einer Saison, sondern einer längeren Zeit. Über einer Tür liest man „Dominus providebit“. Das heißt: Der Herr wird vorsorgen. Der Satz kommt aus der Abraham-Erzählung der Genesis und meint mehr als bloßen Optimismus. In ihm steckt die alte theologische Idee der Providenz, der göttlichen Vorsehung: dass der Mensch nicht alles absichern kann und dennoch nicht ins Leere fällt. Für einen ersten Rundgang durch Pfunds ist das ein guter Auftakt.

Wenig später verdichtet sich der Eindruck. An einem Haus lagern sich gleich mehrere Schichten Ortsgeschichte übereinander: der Hinweis auf den Richterhof, das Niedergericht Pfunds 1282–1809, dazu die Tafel für Franz Michael Senn, den „Tiroler Demokrat und Bauernvertreter“, und am selben Gebäude die Erinnerung an den Dichter des „Tiroler Adler“, auf der Inschrift als Joh. Mich. Senn bezeichnet. Gericht, Politik, Freiheitsgeschichte, Literatur – selten steht das alles so nah beieinander wie hier.

Franz Michael Senn war nicht bloß ein lokaler Honoratior, dem man eine Gedenktafel gewidmet hat. Er war Landrichter in Pfunds, Vertreter bäuerlicher Interessen, politischer Kopf und Verfassungsdenker in einer Zeit, in der Tirol seine Stellung zwischen Beharrung und Umbruch neu bestimmen musste. Schon der Umstand, dass man ihn hier ausdrücklich als Demokraten bezeichnet, gibt dem Spaziergang einen anderen Ton. Man sieht plötzlich nicht mehr nur Fassaden, sondern eine politische Topographie des Oberinntals.

Dass Pfunds über Jahrhunderte Gerichtsort und Verkehrsknoten war, passt dazu. Der Ort liegt nicht abseits, sondern in einem Raum, in dem Übergänge immer wichtig waren: Richtung Reschen, Richtung Engadin, Richtung Grenze. Das merkt man selbst dann noch, wenn man nur durch die Gassen geht.

Der Dichter am selben Haus

Fast noch schöner ist, dass am selben Gebäude gleich der zweite Senn auftaucht. Der Dichter des „Tiroler Adler“ gehört in jene österreichische Frühzeit politischer Literatur, in der Regionalstolz und Freiheitssehnsucht ineinander übergingen. Die Zeile auf der Tafel – „Adler, Tiroler Adler, warum bist Du so roth?“ – hat noch immer diesen eigentümlichen Klang aus Pathos und Widerstand. Dass Vater und Sohn, Richter und Dichter, politische Praxis und poetische Verdichtung hier an einer einzigen Hauswand zusammentreffen, hebt Pfunds über das rein Malerische hinaus.

Mehr als ein Wintersportort

Gerade das macht diesen ersten Tag bemerkenswert. Man reist zum Skifahren an und stößt, kaum ist das Gepäck abgestellt, auf ein Dorf, das seine Geschichte nicht dekorativ ausstellt, sondern beiläufig mitführt. Pfunds ist nicht bloß Basislager für die kommenden Skitage, sondern ein Ort mit Tiefenschichten. Vielleicht fällt das gerade am ersten Tag so stark auf, weil der Blick noch nicht von Pistenplänen, Abfahrten und Schneeverhältnissen besetzt ist.

So blieb von diesem Auftakt mehr als die übliche Ankunftsroutine: gegen 11 Uhr eintreffen, im Hotel Kreuz frühstücken, kurz durchatmen, dann hinaus ins Dorf – und dort gleich merken, dass dieser Ort mehr erzählt, als man ihm auf den ersten Blick zutraut.

Die enteignete Zukunft – Über die Wissenschaftspolitik in Deutschland

JUPITER heißt der Rechner, und schon der Name klingt nach einer Epoche, die sich ihre Götter wieder aus Apparaten baut. Vor solchen Maschinen steht eine Gesellschaft gern mit jenem staunenden Gesicht, das früher Kathedralen galt. Man sieht auf Rechenleistung und meint Zukunft. Man blickt auf Kühlkreisläufe, Chips, Datenströme und verwechselt Kapazität mit Richtung. Genau in diesem Missverständnis liegt die heimliche Brisanz von Manfred Ronzheimers taz-Text über das neue Papier des Wissenschaftsrats. Denn sein Gegenstand ist nicht einfach Wissenschaftspolitik. Sein Gegenstand ist die viel grundsätzlichere Frage, ob eine Gesellschaft, die alles vermessen kann, überhaupt noch weiß, wohin sie will.

Ronzheimer ist dort am besten, wo er nicht referiert, sondern den Riss zeigt. Der Wissenschaftsrat, dieses in Deutschland eigentümlich nüchterne Beratungsgremium, wagt den Blick bis 2040 und entwirft nicht eine Zukunft, sondern vier. Das allein ist in einem Land bemerkenswert, das seine Horizonte gern in Förderperioden, Legislaturen und Antragslogiken portioniert. Noch bemerkenswerter aber ist, dass diese Zukunftsbilder nicht beruhigen. Sie sind keine Fortschrittsprospekte. Sie sind Versuchsanordnungen, in denen sichtbar wird, was aus Wissenschaft werden kann, wenn man sie entweder überhöht, globalisiert, situativ zerreibt oder ökonomisch instrumentalisiert.

Vier Szenarien und ein Ausfall

In der „Wissenschaftsrepublik“ wächst die Macht des Systems, und mit ihr wachsen die Spannungen im Land. Im „globalen Forschungsraum“ expandiert die Forschung international, während KI die Zahl der Forschenden sinken lässt. Die „situative Wissenschaftspolitik“ macht aus Wissenschaft eine Dauerverhandlung, deren Signatur Unsicherheit ist. Und in der „instrumentalisierten Wissenschaft“ haben einige wenige Tech-Konzerne nicht nur Daten, sondern auch das Vorwissen darüber monopolisiert, welche Forschung Rendite verspricht und welche verschwindet. Das ist der eigentliche Schrecken der Gegenwart: Nicht das Verbot, sondern die Vorselektion; nicht der offene Angriff auf Erkenntnis, sondern ihre lautlose Sortierung nach Verwertbarkeit.

Ronzheimer erkennt, dass der Text des Wissenschaftsrats genau an dieser Stelle spannend wird. Er begreift, dass Szenarien nur auf den ersten Blick technokratisch wirken. In Wahrheit sind sie politische Selbstporträts einer Zeit, die sich vor ihrer eigenen Konsequenz fürchtet. Und deshalb ist der klügste Satz seines Stücks vielleicht gar nicht ausdrücklich formuliert: Nicht die Zukunft steht hier zur Debatte, sondern die Gegenwart, die sich nur noch unter Zukunftsvorbehalt zu artikulieren vermag.

Der fehlende fünfte Fall

Dann tritt Uwe Schneidewind auf, und mit ihm ändert sich der Ton. Er lobt den Szenarienansatz des Wissenschaftsrats ausdrücklich, aber er stört die Architektur des Papiers durch eine Frage, die man in Berlin ungern hört, weil sie nicht nach Steuerung klingt, sondern nach tektonischer Verschiebung. Warum, fragt er sinngemäß, fehlt das eigentlich radikale Szenario: ein umfassender integrierter Wissenserwerb bei vollständigem Bedeutungsverlust der Präsenzuniversität? Die Formulierung ist so präzise wie beunruhigend. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Reformen des Bestehenden, sondern um die Möglichkeit, dass die Institution selbst historisch werden könnte.

Schneidewind denkt den Befund zu Ende. Wenn Qualifizierung und Wissensaufbau immer unmittelbarer an die Orte der Verwertung wandern, wenn duale Studiengänge anschwellen, wenn Unternehmensforschungszentren staatliche Einrichtungen überflügeln und akademische Einzelstars Hochschulen nur noch als Reputationskulisse benötigen, dann verändert sich nicht nur der Betrieb. Dann verändert sich die Gestalt des Wissens. Ronzheimer greift diese Zuspitzung mit Recht auf, weil in ihr die ganze Fragilität des Systems aufscheint: Hochschulen könnten zu jenen Gebäuden werden, die man umnutzt, sobald der Glaube an ihre zentrale gesellschaftliche Funktion erlischt. Wie Kirchen in einer säkularisierten Welt. Das Bild ist brutal, gerade deshalb bleibt es haften.

Das Missverständnis der Gegenwart

Nun läge es nahe, diese Diagnose als kulturpessimistische Übertreibung zu lesen. Genau dagegen hilft der Blick in den Band „König von Deutschland“ von Lutz Becker und mir, genauer: in das Gespräch mit Uwe Schneidewind, geführt in jener früheren Phase seines Wirkens, als er Präsident des Wuppertal Instituts war und noch nicht in das Wuppertaler Rathaus gewechselt hatte. Dort spricht keiner im Ton des Alarmisten. Dort wird vielmehr das Grundproblem freigelegt, das unter Ronzheimers Text und unter dem Papier des Wissenschaftsrats gleichermaßen liegt: die Austrocknung des normativen Denkens in den Wissenschaften selbst.

Schneidewinds schärfste Formel lautet, die Ökonomie sei zur Bestandswissenschaft geworden und habe darüber verlernt, Gestaltungswissenschaft zu sein. Dieser Satz trifft nicht nur die Wirtschaftswissenschaft. Er trifft das Selbstverständnis einer akademischen Kultur, die ihre Begriffe von Exaktheit, Modellierung und Evidenz so lange verfeinert hat, bis sie den Zweck ihres Tuns aus dem Blick verlor. Was einmal von der Frage ausging, wie sich für viele Menschen ein besseres Leben organisieren ließe, endet als Legitimationsbetrieb des Vorhandenen. Thomas Morus, Adam Smith, die frühen großen Entwürfe — sie alle waren, bei allen Unterschieden, von einer normativen Energie getrieben. Die Gegenwart hat diese Energie gegen methodische Selbstberuhigung eingetauscht.

Der eigentliche Gehalt des Königs

Gerade deshalb ist der Titel „König von Deutschland“ viel besser, als er auf den ersten Blick klingt. Er ist kein Spiel mit Allmachtsphantasien und keine Revue ironischer Herrschaftsgesten. Die Figur des Königs ist bei Becker und Sohn eine kontrafaktische Zumutung. Sie fragt: Was würde einer tun, dem unter den Bedingungen dieser Welt reale Gestaltungsmacht zufällt? Nicht als Monarch, sondern als Probe auf Verantwortung. Damit verschiebt das Buch die Debatte weg von der bloßen Beschreibung des Elends und hin zur Frage nach Richtung, Maß, Priorität. Es holt den Entwurf zurück in ein Land, das sich an Verfahren gewöhnt und über Ziele verlernt hat zu sprechen.

Schneidewinds Antwort auf diese Königsfrage ist von einer Nüchternheit, die ihren Ernst gerade daraus bezieht, dass sie jeder Pose misstraut. Wer Macht hat, müsse zuerst die Grundfeste freiheitlich-demokratischer Ordnung sichern, die Würde jedes einzelnen Menschen unangreifbar halten und dafür sorgen, dass Bildung, Gesundheit und Grundversorgung nicht zu Luxusgütern werden. Erst dann beginne die eigentliche Gestaltung. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil hier Wissenschaft nicht als Expertokratie gedacht wird, sondern als Schutzraum für die Kraft des besseren Arguments. Mit einem Mal erscheint Wissenschaftspolitik nicht mehr als Ressortfrage, sondern als Frage der republikanischen Infrastruktur.

Nicht rechnen, sondern urteilen

Noch wichtiger ist, was Schneidewind über den Zustand der Disziplinen sagt. Seine Kritik an der modernen Ökonomie richtet sich nicht gegen Mathematik, sondern gegen die Vergötzung jener Form von Kontrolle, die Mathematik suggeriert. Er beschreibt die psychologische Faszination eines Faches, das einen hochkomplexen Gegenstand durch Modellierung scheinbar in den Griff bekommt — und das auf Kritik deshalb nicht bloß sachlich, sondern identitär reagiert. Genau an dieser Stelle kippt Wissenschaft leicht in einen hierarchischen Habitus: Wer rechnen kann, gilt mehr; wer nur mit Worten argumentiert, weniger. Wer ein komplexes Modell beherrscht, steht über dem, der Zusammenhänge historisch, sozial oder philosophisch ausleuchtet. So entstehen Inseln des Wissens, aber keine Orientierung.

Was Schneidewind dagegen setzt, ist kein anti-intellektuelles Programm der Auflösung, sondern eine anspruchsvollere Idee von Wissenschaft: pluraler in den Methoden, historischer im Selbstverständnis, offener für andere Disziplinen, mutiger im Experiment. Er spricht von Transdisziplinarität, von Realexperimenten, von einer Wissenschaft, die an den realen Problemen der Menschen ansetzt und ihre Fragen auf Augenhöhe formuliert. Berühmt ist in diesem Gespräch die Wendung, man dürfe die Welt nicht am grünen Tisch retten wollen; am Ende müsse man sie mit den Menschen zusammen retten. Das ist der Satz, der den ganzen Unterschied markiert zwischen einer Wissenschaft, die Anwendung simuliert, und einer Wissenschaft, die Wirklichkeit berührt.

Die Rückkehr der Zwecke

Von hier aus liest sich Ronzheimers taz-Text mit einem Mal schärfer. Denn dann wird deutlich, dass der Wissenschaftsrat zwar Szenarien entwirft, die eigentliche intellektuelle Arbeit aber erst dort beginnt, wo man wieder über Zwecke spricht. Wozu Wissenschaft? Wozu Universität? Wozu Innovation? Das sind keine Sonntagsfragen. Es sind die Kernfragen einer Gesellschaft, die Gefahr läuft, ihre leistungsfähigsten Institutionen in Apparate ohne Selbstbegründung zu verwandeln. Der Supercomputer kann rechnen, ob ein Vorhaben effizient ist. Er kann nicht sagen, warum es sinnvoll ist. Genau deshalb reicht Zukunftsforschung nicht aus. Es braucht Zukunftsurteil.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung des Gesprächs im König von Deutschland-Band: Es führt die Wissenschaft aus der Komfortzone ihrer Verfahren zurück in die Unruhe ihrer Legitimation. Es erinnert daran, dass Utopie kein peinlicher Restbestand aus naiven Zeiten ist, sondern die Bedingung dafür, dass Wissenschaft überhaupt noch an den gesellschaftlich relevanten Fragen sensibel wird. Eine utopiefreie Wissenschaft, sagt Schneidewind sinngemäß, wird eng, selbstreferenziell, reputationsfixiert. Sie arbeitet dann mit Datenbeständen, weil sie sich gut auswerten lassen, nicht weil die Welt darin zur Sprache käme. Spätestens an diesem Punkt ist man nicht mehr bei Hochschulpolitik. Man ist bei einer Zivilisationsfrage.

So gesehen erzählt Ronzheimers Text von mehr als vier Zukunftsszenarien. Er erzählt von einem Land, das ahnt, dass seine Wissenschaft in einen Entscheidungsmoment geraten ist. Und Schneidewinds Einspruch erzählt davon, dass diese Entscheidung nicht durch noch mehr Optimierung zu gewinnen sein wird. Die Frage lautet nicht, wie man das System effizienter macht. Die Frage lautet, ob man ihm seinen Grund zurückgeben kann.Nicht mehr Forschung allein. Nicht mehr Transfer allein. Nicht mehr Technologie allein. Sondern Urteil.

Und vielleicht beginnt jede ernsthafte Wissenschaftspolitik genau dort: in dem Augenblick, in dem sie sich nicht mehr mit der Verwaltung ihrer Mittel verwechselt, sondern wieder den Mut findet, ihre Zwecke auszusprechen.

Ölpreis-Schock: Warum Deutschland jetzt gewinnen kann – wenn es schnell handelt

Steigende Ölpreise sind für viele Unternehmen erst einmal ein Warnsignal: höhere Produktionskosten, teurere Transporte, noch mehr Druck auf eine ohnehin fragile Konjunktur. Doch Krisen folgen selten nur einer Logik der Belastung. Sie zwingen zur Anpassung – und setzen dadurch oft genau jene Modernisierung frei, die im Alltag vertagt wird.

Der Punkt ist geopolitisch: Öl ist nicht nur ein Rohstoff, sondern ein Stressmesser für eine Welt, in der Handelsrouten, Lieferketten und Energieflüsse wieder politisch werden. Wer jetzt nur über Mehrkosten klagt, übersieht die eigentliche Frage: Welche Volkswirtschaft kann aus dem Preisdruck einen Vorsprung bauen?

Bernhard Steimel formuliert das prägnant: „Höhere Preise setzen auch Innovationsimpulse frei.“ Genau darin liegen Chancen für eine technologieorientierte Industrie wie Deutschland – bei Effizienz, bei neuen Energiemärkten, bei Resilienz als Geschäftsmodell.

Im Sohn@Sohn-Newsletter zeigen wir, warum der Ölpreis kein reiner Konjunkturschock ist, sondern ein strategischer Weckruf – und welche drei Hebel Deutschland jetzt nutzen kann, um aus der Fragilität globaler Lieferketten einen Modernisierungsschub zu machen.

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