Der Blasebalg und das Gegenüber – Von Wolfgang von Kempelens Sprachmaschine zur empathischen KI: eine Technikgeschichte in zwei Jahrhunderten

Auf dem Tafelblatt von 1792, in Kupfer gestochen, erscheint die Zukunft im Gewand der Mechanik: ein Apparat aus Trichter, Röhren, Hebeln, Ventilen, künstlichem Hals und mechanischem Mundwerk. Zu sehen ist die technische Anatomie eines Gedankens, der die Moderne bis heute nicht losgelassen hat: daß Sprache kein göttlicher Nebel, sondern ein rekonstruierbarer Mechanismus sei. Wolfgang von Kempelen, Hofrat, Erfinder und Sprachforscher, baute damit nicht bloß eine Kuriosität. Er baute ein Modell des Sprechens.

Wer diese Tafel heute betrachtet, sieht deshalb nicht nur ein schönes Objekt aus der Spätaufklärung. Er sieht einen frühen Ursprung jener langen Technikgeschichte, die von der künstlichen Stimme zur künstlichen Intelligenz führt. Am Anfang steht die Frage, wie ein Mensch Laute hervorbringt. Am Ende steht die viel schwierigere Frage, wie eine Maschine ein Gegenüber versteht.

Als 1792 nicht ein Buch, sondern eine technische Rezension die Sache auf den Punkt brachte

Entscheidend ist der historische Ort. Im „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“ wird 1792 nicht irgendein allgemeines Räsonnement über Sprachphilosophie veröffentlicht, sondern eine Besprechung von Kempelens 1791 erschienener Schrift „Mechanismus der menschlichen Sprache, nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine“. Der Rezensent erkennt den Ernst dieses Unternehmens sofort. Kempelens Arbeit sei, heißt es dort, „die Frucht seiner Nebenstunden nach einer vieljährigen mühsamen Pflege“. Und vor allem sei ihr Verfasser „weit entfernt zu glauben, daß er alles, was die Theorie, oder vielmehr, den Mechanismus der menschlichen Sprache betrifft, in diesem Werke erschöpft habe“.

In diesem kleinen Zusatz, „oder vielmehr“, steckt bereits die ganze Modernität des Projekts. Sprache erscheint hier nicht mehr nur als Ausdruck des Geistes, sondern als Mechanismus. Das Wort ist entscheidend. Nicht bloß Grammatik, nicht bloß Beredsamkeit, nicht bloß Metaphysik, sondern Luft, Druck, Verengung, Öffnung, Resonanz, Zunge, Lippen, Zähne. Der Rezensent formuliert die Pointe mit einer Nüchternheit, die auch in einem heutigen Laborbericht nicht fehl am Platz wäre: „Der Mechanismus, durch welchen alle diese so verschiedenen Laute hervorgebracht werden, ist der eigentliche Gegenstand dieser Schrift.“

Damit ist die Sache klar. Kempelens Maschine will nicht einfach den Menschen nachahmen. Sie will zeigen, wie Sprechen funktioniert. Sie ist nicht bloß Imitation, sondern Erkenntnisapparat.

Die Sprachmaschine war keine Schaunummer, sondern eine Hypothese aus Holz, Leder und Metall

Gerade darin liegt die Größe des Unternehmens. Die Apparatur, die auf der Kupfertafel zu sehen ist, ist keine Dekoration des Wunderbaren. Sie ist eine gebaute Theorie. Der künstliche Hals, die regulierte Luftzufuhr, die formbaren Teile für Lippen- und Zungenstellung: All das materialisiert eine Annahme darüber, wie menschliche Sprache zustande kommt.

Die Besprechung von 1792 macht diesen Punkt fast im Stil moderner Phonetik sichtbar. „Ein wenig Luft aus der Lunge durch die enge Spalte des Luftröhrenkopfes gedrückt, giebt die Stimme“; verschiedene Hindernisse, die dieser Luft „durch die Zunge, die Zähne und Lippen in den Weg gelegt werden“, erzeugen die verschiedenen Laute. Man liest hier, in frühneuzeitlicher Orthographie, bereits das Grundschema dessen, was später als artikulatorische Lautlehre und als Quelle-Filter-Denken systematisiert werden sollte.

Besonders eindrucksvoll ist, wie präzise einzelne Lautunterschiede beschrieben werden. Der Unterschied zwischen b und p wird nicht im Vagen von weich und hart belassen. „Die ganze Sache kommt bloß darauf an, daß bei dem b immer die Stimme mitlautet, und bei dem p nicht.“ Mehr technische Klarheit ist kaum denkbar. Stimmhaftigkeit wird hier nicht als Eindruck, sondern als Funktion verstanden.

Ebenso modern mutet die Diskussion über die Stimme selbst an. Ist sie eher Saite oder eher Blasinstrument? Der Bericht zitiert die Debatte zwischen Ferrein und Dodart, vergleicht Stimmritze, Spannung und Öffnung mit Instrumentenbau und zeigt damit, wie Wissenschaft zu dieser Zeit arbeitet: Sie übersetzt Natur in Technik, um sie präziser zu begreifen. Die Stimme wird verstanden, indem man sie konstruktiv denkt.

Aber die erste sprechende Maschine kannte noch keinen Hörer

Und doch markiert dieselbe Sprachmaschine auch eine Grenze. Kempelens Apparat modelliert den Sprecher, nicht den Hörer. Er kann Laute hervorbringen, aber keine Lage erfassen. Er kennt Artikulation, aber keine Situation. Er kann sprechen, aber nicht bemerken, ob sein Gegenüber ratlos, verärgert, ironisch, traurig oder überfordert ist.

Gerade diese Grenze führt in die Gegenwart. Denn die zweite große Stufe der Technikgeschichte beginnt dort, wo nicht mehr nur der Sprechapparat, sondern das Gegenüber modelliert werden soll. Wolfgang Wahlster, einer der prägenden Köpfe der deutschen KI-Forschung, erinnert in der Session der ZP Nachgefragt Week daran, daß es vor vierzig Jahren in Deutschland „den ersten internationalen Workshop zu dem, was wir damals empathische Benutzermodellierung nannten“, gegeben habe; dieser Workshop habe „in Maria Laach bei Bonn“ stattgefunden, „also in einem Kloster“. Aus dieser Linie sei eine bis heute aktive Forschungscommunity hervorgegangen, sichtbar etwa in UMAP, also User Modeling, Adaptation and Personalization.

Der Ort hat fast symbolische Kraft. In einem Kloster beginnt jene KI-Geschichte, die nicht zuerst an Rechenleistung interessiert ist, sondern an Differenzierung: Wer sitzt dem System gegenüber? Was weiß diese Person? Wie reagiert sie? Wie muß Technik sich verhalten, damit Interaktion nicht bloß effizient, sondern passend wird?

Von der künstlichen Zunge zur künstlichen Einfühlung

Wahlster beschreibt den Weg der KI mit einer Unterscheidung, die den Abstand zu Kempelen genau markiert. Man könne Intelligenz, sagt er, in kognitive, sensorphysische, emotionale und soziale Intelligenz gliedern; gerade emotionale und soziale Intelligenz seien lange die Bereiche gewesen, in denen Maschinen den größten Rückstand hatten.

Der Schritt von der Sprachmaschine zur empathischen KI läßt sich darum in drei technischen Aufgaben fassen. Erstens müssen Systeme Emotionen beim menschlichen Gegenüber erkennen. Zweitens müssen sie ihr Verhalten adaptieren. Drittens müssen sie die Reaktion multimodal ausdrücken, also nicht nur sprachlich, sondern auch über Mimik, Gestik und andere Signale. Genau so beschreibt Wahlster das Pflichtenheft empathischer Systeme.

Damit wird sichtbar, worin die eigentliche Verschiebung besteht. Die historische Maschine beantwortete die Frage: Wie kann Sprache erzeugt werden? Die moderne KI muß zusätzlich beantworten: Für wen, in welcher Lage und mit welcher Wirkung wird gesprochen? Die Stimme allein genügt nicht mehr. Technik muß das Gegenüber mitmodellieren.

Dabei ist die Verbindung zur frühen Sprachforschung enger, als man zunächst denkt. Schon die Rezension von 1792 schildert, wie taubstumme Schüler Worte „an der Bewegung des Mundes und der Lage der Zunge“ absehen. Ein still vorgelesener Satz wird, so berichtet der Rezensent, von einem Jungen „Wort für Wort“ aufgeschrieben, allein aus den sichtbaren Artikulationsbewegungen. Das ist, lange vor allen digitalen Systemen, eine frühe Beschreibung multimodaler Sprachwahrnehmung. Die Gegenwart hat dafür neue Rechner; das Grundproblem ist älter.

Der eigentliche Sprung der Moderne heißt Personalisierung

Wo diese neue KI praktisch wird, zeigt sich ihr Unterschied zum bloßen Sprechen besonders deutlich. Im Bildungsbereich, so Wahlster, gehe es um „Losgröße 1“: Systeme sollen nicht nur sagen, daß etwas falsch ist, sondern erkennen, welche Fehlkonzepte hinter dem Fehler stehen, und darauf individuell reagieren. Tutorielles Lernen müsse viel stärker auf einzelne Personen ausgerichtet werden.

Der Ausdruck „Losgröße 1“ stammt aus der Industrie, wirkt hier aber fast philosophisch. Denn er beschreibt einen tiefen Wandel technischer Rationalität. Die Maschine soll nicht mehr bloß für alle gleich funktionieren; sie soll für den konkreten Einzelnen passend werden. Was bei Kempelen der einzelne Laut war, ist bei Wahlster die einzelne Person.

Ähnliches gilt für Beratung, Training und Kundenservice. Wahlster verweist darauf, daß sich starke Emotionalisierung in gesprochener Sprache oft schon über wenige akustische Merkmale wie Sprechtempo und Tonhöhe erkennen lasse; dann könne ein System gezielt an erfahrene Mitarbeitende weiterleiten, die deeskalieren. Hier geht es nicht um Technikromantik. Hier geht es um eine nüchterne Erweiterung des Maschinenbegriffs: Gute Systeme optimieren nicht nur Prozesse, sie erkennen, wann Prozesse an ihre menschliche Grenze geraten.

Auch die neue KI braucht wieder Mechanik

Bemerkenswert ist, daß die Geschichte bei aller Digitalisierung nicht aus der Mechanik herausführt, sondern auf höherer Stufe zu ihr zurückkehrt. Sobald Maschinen Emotionen nicht nur erkennen, sondern selbst sozial verträglich ausdrücken sollen, kehren Hebel, Aktuatoren und Stellmotoren zurück. Wahlster sagt über soziale Robotik und assistierte Systeme, „echte“ Mimik sei technisch aufwendig; für feine Gesichtsausdrücke brauche man „Mechanik, viele Stellmotoren“.

Damit erscheint Kempelens Welt in überraschender Nähe. Die Aufklärung baute künstliche Zungen und Lippen, um Lautbildung zu verstehen. Die Gegenwart baut künstliche Gesichter und Gesten, um Interaktion verständlicher zu machen. Zwischen beidem liegt keine simple Ablösung, sondern eine Vertiefung. Mechanik bleibt wichtig, aber sie wird heute in emotionale und soziale Modelle eingebettet.

Das gilt auch für die Robotik in Teams. Wahlster spricht von gemischten Gruppen aus Menschen und Robotern, die Rollen verteilen, Ausfälle kompensieren und kooperativ handeln müssen. Reines datengetriebenes Lernen reiche dort oft nicht; nötig seien strukturierende Modelle, die im Dialog angepaßt werden. Auch dies ist eine Form technischer Reife: Nicht die maximale Automatisierung steht im Zentrum, sondern die koordinierte Passung zwischen verschiedenen Akteuren.

Die reifste Maschine ist womöglich die, die begründet schweigt

Die vielleicht wichtigste Lehre dieser langen Geschichte liegt jedoch nicht im Sprechen, sondern im Verzicht. Wahlster erläutert, vertrauenswürdige KI brauche „Standards und nachvollziehbare Begründungen“. Systeme müßten nicht nur helfen, sondern auch „begründet verweigern können“.

Das ist der Punkt, an dem die Technikgeschichte ihr moralisches Niveau wechselt. Kempelens Sprachmaschine war ein Triumph der Artikulation. Die heutigen Systeme werden sich daran messen lassen müssen, ob sie nicht nur überzeugend formulieren, sondern auch wissen, wann sie zurücktreten sollen: wann sie Unsicherheit offenlegen, wann sie Menschen übergeben, wann sie eine unzulässige Bitte ablehnen.

So spannt sich ein erstaunlicher Bogen über mehr als zwei Jahrhunderte. 1792 beschreibt eine technische Zeitschrift den Mechanismus der Sprache und die „sprechende Maschine“ eines Hofrats. Im Sommer 1986 beginnt in Maria Laach bei Bonn eine deutsche Forschungslinie, die den Benutzer, seine Absichten und seine Emotionen modellieren will. Heute, im Zeitalter großer Sprachmodelle, fallen beide Geschichten ineinander. Denn die eigentliche Zukunft gehört nicht den Maschinen, die nur am elegantesten reden, sondern denen, die Sprache, Situation und Gegenüber zusammenbringen.

Kempelens Apparat konnte Töne erzeugen. Die empathische KI, von der Wahlster spricht, soll Menschen verstehen, ohne sie zu bevormunden. Zwischen beiden liegt die eigentliche Lektion der Moderne: Gute Technik beginnt nicht dort, wo sie den Menschen perfekt imitiert. Sie beginnt dort, wo sie ihn präzise genug ernst nimmt.

Den Apparat des Hofrats kann man im Deutschen Museum in München bewundern.

https://www.deutsches-museum.de/museum/sammlung/highlights/sprechapparat

Wenn die Krise kommt, greifen viele Chefetagen zum Rohrstock von gestern

In den oberen Stockwerken deutscher Unternehmen schlurft die Angst in Slippern mit Bömmelchen durch die Gänge und verlangt nach Anwesenheitslisten. Kaum wird das Konjunkturbarometer blasser, nimmt sie die alte Hausapotheke aus dem Schrank: Pflicht zur Rückkehr ins Büro, engeres Mikromanagement mit Abwesenheitsmeldungen beim Gang zum WC, neue Leistungsvermessung, nun gern mit künstlicher Intelligenz geschniegelt, damit der alte Kommandoton nach Fortschritt klingt. Professor Carsten Schermuly hat diesem Reflex den passenden Namen gegeben: Neo-Taylorismus. Im bereitgestellten Text erwartet Schermuly, daß viele Vorstände „noch weiter an der Taylorismusschraube drehen werden“; als Symptome nennt er „hartes RTO („Ich will Sie arbeiten sehen“ oder vornehm: Return to Office), Mikromanagement, Restrukturierungen und Performance-Management-Systeme mit KI“. Dem stellt er jene Unternehmen gegenüber, die nicht Leistung selbst verwalten, sondern „die Bedingungen, die für Performance von Menschen notwendig sind“. Darin, schreibt er, liege der eigentliche Wettbewerbsvorteil.

Frithjof Bergmann sah den Schuppen, während andere noch die Fabrikhalle bewunderten

Die neue Sohn@Sohn-Newsletter-Ausgabe verbindet Schermulys Diagnose mit einer Beobachtung, die Frithjof Bergmann schon im Dezember 2004 in Bonn im Sohn-Talk formulierte. Bergmann skizzierte die Fabrik von morgen nicht als noch größere Halle, sondern als kleine, bewegliche Produktionseinheit. „Unser gewohntes Bild von der Fabrik der Zukunft“ weise „ganz und gar in die falsche Richtung“, sagte er. An die Stelle kilometerlanger Roboterreihen setzte er eine andere Szene: „Die ideale Fabrik der Zukunft könnte eine Werkstatt sein, vielleicht sogar nur ein Schuppen oder eine Garage.“ Damals war das kühn. Heute liest es sich eher wie die frühe Skizze einer Entwicklung, die technisch längst greifbar geworden ist. Fertigung bis hinunter zum einzelnen Stück, Druckverfahren, die Bauteile aus Daten wachsen lassen, bewegliche Maschinen und Herstellung auf Abruf rücken jene kleine, verteilte Produktion näher, von der Bergmann sprach.

Die große Anlage wirkt mächtig, ist aber oft nur ein teuer verwalteter Ballastkörper

Der Beitrag arbeitet heraus, warum die kleine Einheit nicht deshalb gewinnt, weil sie hübscher aussieht, sondern weil sie weniger Unfug finanzieren muß. Die große Anlage frißt Raum, Verwaltung, Transporte, Zwischenlager, Vertriebslasten, Eigentümerkaskaden und jenen ganzen Apparat, den Bergmann spöttisch als aufgeblähtes „Tu- und Mach-Werk“ beschreibt. Die kleine, hochgerüstete Einheit spart nicht alle Kosten, wohl aber eine erstaunliche Zahl jener Kosten, die nur aus der Größe selbst entstehen. Sie kann näher am Kunden herstellen, schneller umstellen, mit weniger Vorrat arbeiten und manche Montage dorthin zurückverlagern, wo das Produkt gebraucht wird. Das meint der Übergang von der Massenproduktion zur Fertigung auf Abruf: nicht Askese, sondern Präzision; nicht Verzicht, sondern weniger Verschwendung.

Warum der Neo-Taylorismus unter den Bedingungen neuer Technik ins Leere läuft

Ein großer Teil des Managements hält Freiheit für weich und Zwang für hart, hält Selbständigkeit für nett, aber riskant, und Kontrolle für notwendig. Das erinnert an jene alten Ärzte, die bei jeder Krankheit zuerst schröpften. Gerät der Markt ins Wanken, wird nicht gefragt, welche technische Form der Produktion nun vernünftig wäre, sondern wie man die Leute enger an die Kandare bekommt. Genau hier trifft Schermulys Pointe: Die Furcht vor der Krise ruft nicht nach Erneuerung, sondern nach Rückfall. Die Schraube wird angezogen, obwohl das Gewinde längst überdreht ist. Dabei paßt die alte Fabriklogik immer schlechter zu den tatsächlichen technischen Möglichkeiten. Das Industrieideal des 20. Jahrhunderts liebte große Stückzahlen, lange Serien, riesige Anlagen, ausgedehnte Lager und eine strenge Trennung von Denken und Ausführen. Heute arbeitet die Technik in eine andere Richtung. Der Entwurf liegt digital vor, die Maschine wird vielseitiger, die Serie kleiner, die Herstellung näher am Bedarf. Wer ein Einzelstück wirtschaftlich fertigen kann, verliert die alte Ehrfurcht vor der Masse. Der Fehler sitzt dann nicht mehr in der Werkstatt, sondern in der Chefetage: Dort tickt die Uhr des Fließbands weiter, obwohl die Maschine nebenan längst gelernt hat, verschiedene Aufgaben zu übernehmen.

Nicht Aufsicht, sondern Urteil: Was die neue Arbeitswelt von Menschen verlangt

Hier bekommt Schermulys Diagnose ihren wirtschaftspolitischen Ernst. Neo-Taylorismus ist nicht nur eine Frage des Betriebsklimas. Er ist unter den Bedingungen der neuen Technik womöglich die falsche Antwort auf die falsche Frage. Wer kleine, verteilte, bewegliche Produktionsformen vor sich hat und darauf mit mehr Kontrolle, mehr Präsenzzwang und feinerer Überwachung reagiert, verwaltet die Reste eines Modells, dessen technische Grundlage gerade erodiert. Die neue Maschine verlangt andere Menschen: nicht bloße Vollzugsbeamte, sondern Könner, Umsteller, Planer, Reparierer, Leute mit Urteil. Wer sie wie Schulbuben behandelt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur Schulhofzucht übrigbleibt.

Auf der Zukunft Personal Süd ist diese Debatte längst kein Randthema mehr. Am 22. April 2026 steht auf der Solution Stage 2 die Session „New Work erleben – Arbeit neu denken“ auf dem Programm. Bereits am 21. April folgt im HR-RoundTable „Kopf voll, Akku leer – Mentale Gesundheit zwischen New Work und Realität“. Auch im Programm von „Zukunft Personal Nachgefragt“ für die Live-Sendung am 14. April wird über Konzentration, Erschöpfung und die „biologischen Grundlagen von Energie, Fokus und Belastbarkeit“ gesprochen. Damit rückt eine Frage ins Zentrum, die viele Unternehmen noch immer unterschätzen: Die Arbeitswelt der kommenden Jahre braucht nicht mehr Glocke, sondern mehr Urteil; nicht mehr bloße Verhaltenssteuerung, sondern eine andere Verbindung von Technik, Organisation und menschlichem Vermögen.

Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht im Kontrollraum, sondern in der Werkstatt

Genau daran knüpft die Live-Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ am Dienstag, 14. April 2026, um 15 Uhr an. Im Ausblick auf die Zukunft Personal Süd diskutieren Rolf DudaProfessor Torsten Biemann und Rebekka Ilgner jene Konflikte, die die Arbeitswelt der nächsten Jahre prägen werden: Konzentration und Erschöpfung, datenbasierte Entscheidungen statt Bauchgefühl, Vertrauen im Recruiting, künstliche Intelligenz in der Führung sowie die praktischen Bedingungen guter Zusammenarbeit. Die Sendung läuft auf LinkedIn, YouTube und weiteren Kanälen. Wer verstehen will, warum sich die Zukunft der Arbeit nicht mit den Kommandos von gestern führen läßt, findet hier den richtigen Auftakt.

Sendetermin
Zukunft Personal Nachgefragt
Dienstag, 14. April 2026
15:00 Uhr
Live auf LinkedIn, YouTube und weiteren Kanälen

Übertragung auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/events/vorstuttgart-gespr-che-berarbei7447950516812144640/theater/

Newsletter: https://www.linkedin.com/pulse/die-herren-den-slippern-und-werkstatt-der-zukunft-gunnar-sohn-k4o7e

Zukunft Personal Nachgefragt: Das überhörte Jubiläum des BGB

Warum Rupert Felder an ein Gesetz erinnerte, ohne das weder Wirtschaft noch Gesellschaft Bestand haben

Das 125-jährige Jubiläum des Bürgerlichen Gesetzbuches ist im vergangenen Jahr beinahe lautlos vorbeigezogen. Für ein Land, das seine politische Identität gern aus Rechtsstaat, Ordnung und Verfassung bezieht, war das ein aufschlussreicher Vorgang. Man feiert Jahrestage mit symbolischer Fallhöhe, mit Pathos, mit Fernsehstunden. Das Gesetzbuch, das den Alltag einer Gesellschaft ordnet, das Eigentum, Vertrag, Haftung, Familie und Erbe regelt, durfte dagegen in den Hintergrund treten. Die Herausgeber des Bandes 125 Jahre Bürgerliches Gesetzbuch, Nils Jansen und Sebastian Lohsse, erinnern daran, dass schon der hundertste Geburtstag des Gesetzbuchs im Jahr 2000 „merkwürdig still“ blieb und das BGB nie zum eigentlichen Identifikationssymbol der deutschen Rechtswissenschaft wurde.

Das Schweigen ist kein Zufall. Es sagt etwas über die geistige Lage des Landes. Man lebt vom Recht, aber man interessiert sich lieber für seine Kulissen als für seine Substanz. Der Rechtsstaat wird beschworen, das Privatrecht übersehen. Dabei liegt dort die elementare Grammatik des Zusammenlebens. Dort wird festgelegt, was ein Versprechen gilt, was ein Schaden ist, was Eigentum darf, wo Bindung anfängt und Willkür endet.

SZ-Kolumnist Heribert Prantl gehörte zu den wenigen, die dieses Jubiläum gewürdigt haben. Er nannte das BGB ein Meisterwerk aus Paragraphen. Das traf den Punkt besser als manches gelehrte Kolloquium. Denn hinter dem trockenen Titel verbirgt sich kein toter Normenblock, sondern ein Monument der europäischen Rechtsvernunft: jahrzehntelang vorbereitet, systematisch gebaut, darauf angelegt, einen zersplitterten Rechtsraum in eine kohärente Ordnung zu überführen. Auch der Münsteraner Jubiläumsband versteht die Kodifikation als Anlass, über das Verhältnis von Gesetzgebung, Rechtsprechung und Wissenschaft neu nachzudenken.

Die wahre Nachricht des BGB heißt: Verlässlichkeit

Man kann über die Sprache des Gesetzbuchs spotten. Man kann an Formulierungen verzweifeln, die wie sprachgewordene Schraubstöcke wirken. Prantl hat gerade daraus seinen Witz gezogen. Doch Präzision ist nicht bloß Stilfrage. Präzision ist eine Form der Zivilisation. Wo die Begriffe ausfransen, franst am Ende auch die Wirklichkeit aus.

Darum war das Gespräch mit Rupert Felder bei „Zukunft Personal Nachgefragt“ mehr als ein juristischer Rückblick. Felder sprach nicht als Antiquar des Rechts, sondern als Diagnostiker der Gegenwart. Sein Thema waren die multiplen Krisen: geopolitische Erschütterungen, ökonomischer Druck, politische Radikalisierung, soziale Unsicherheit. Aber er verweigerte sich der üblichen Litanei. Die Krise selbst, so sein Befund, ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie auf sie reagiert wird. Ob eine Gesellschaft noch unterscheiden kann. Ob sie Bedrohungen erkennt, Alternativen prüft, Kräfte bündelt und aus der Bewältigung mehr gewinnt als bloße Erschöpfung.

Das klingt schlicht. In Wahrheit hängt daran die Zukunft wirtschaftlicher Vernunft. Denn Wirtschaft scheitert selten zuerst an der Knappheit. Sie scheitert oft früher an der Auflösung gemeinsamer Maßstäbe. Wenn Sprache nur noch Waffe ist, wenn Verfahren nur noch Verzögerung heißen, wenn jede Bindung als Schwäche verachtet wird, dann wird aus Markt Hektik und aus Freiheit eine Vorstufe der Beliebigkeit.

„Treu und Glauben“ ist keine sentimentale Formel

Felder erinnerte im Gespräch an einen Satz, der älter ist als jede Managementmode und moderner als fast alles, was heute auf Strategietagen verhandelt wird: Treu und Glauben. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist das keine Dekoration. Es ist der zivilrechtliche Kern der Erwartung, dass der andere nicht bloß Mittel zum Zweck ist. Verträge funktionieren nicht allein deshalb, weil Unterschriften unter ihnen stehen. Sie funktionieren, weil nicht jede Lücke sofort geplündert, nicht jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt, nicht jede Formalie in ein Instrument des Übervorteilens verwandelt wird.

Damit ist man mitten in der Ökonomie. Vertrauen ist kein weiches Zusatzgut, sondern ein harter Produktionsfaktor. Wer das unterschätzt, hält Recht für Beiwerk und wundert sich später über erodierende Loyalität, steigende Transaktionskosten und eine Öffentlichkeit, in der keiner mehr ein Wort vom anderen gelten lässt.

Im Münsteraner Band ist nachzulesen, wie das Gesetzbuch in Deutschland lange als Problem galt: als „Gefängniszelle“, als zu starr, zu formal, zu wenig geschmeidig für die Zumutungen der Moderne. Erst spät kehrte die Einsicht zurück, dass klare dogmatische Strukturen und Privatautonomie nicht das Hindernis, sondern die Voraussetzung eines funktionierenden Privatrechts sind. Das ist die eigentliche Pointe dieses Jubiläums: Man beginnt den Wert einer Ordnung oft erst zu begreifen, wenn sie von allen Seiten unter Druck gerät.

Das Recht verliert, wenn die Sprache verwahrlost

Felder hat den Nerv der Gegenwart dort getroffen, wo er am sichtbarsten offenliegt: in der Sprache. Seine Beobachtung war von bestürzender Schlichtheit. Nicht der Stärkere gewinnt, sondern der Lautere. Diese Verschiebung reicht weit über die Politik hinaus. Sie erfasst Unternehmen, Verbände, Institutionen. Überall wächst die Versuchung, Klarheit durch Signalwörter zu ersetzen, Urteil durch Pose, Analyse durch Erregung.

In solcher Atmosphäre verändern Krisen ihren Charakter. Sie bleiben nicht mehr äußere Herausforderungen. Sie wandern nach innen. Sie greifen in die Verständigungsfähigkeit ein. Sie zerstören die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten, Kompromisse zu erarbeiten, Verfahren zu respektieren. Das ist nicht nur ein kulturelles Problem. Es ist ein ökonomisches. Denn moderne Volkswirtschaften leben von komplexer Kooperation. Wo Vertrauen und Sprache verfallen, wird die Koordination teuer, unerquicklich wäre hier noch ein Lob, und am Ende brutal ineffizient.

Felder kam von dort folgerichtig zur betrieblichen Wirklichkeit. Betriebsverfassung, Tarifkompromiss, Mitbestimmung, Interessenausgleich: Das alles wirkt im öffentlichen Gerede oft wie altes Mobiliar der Bundesrepublik. Tatsächlich handelt es sich um hochentwickelte Verfahren zur Befriedung von Konflikten. Während sich draußen die Pose des Unversöhnlichen ausbreitet, wird im Betrieb noch immer gezwungen, miteinander auszukommen. Genau darin liegt ein Teil der Stärke des deutschen Modells.

Der ehrbare Kaufmann ist kein Museumsstück

Felder sprach auch vom ehrbaren Kaufmann. Man kann darüber lächeln. Man kann das für den letzten Gruß aus der Vitrine halten. Man täte gut daran, es nicht zu tun. Denn im Kern steckt darin nur ein Satz: Wirtschaftliches Handeln darf den nächsten Tag mitdenken. Nicht bloß die nächste Zahl, die nächste Marge, den nächsten Quartalsapplaus.

Das unterscheidet Unternehmer von Verwaltern des Augenblicks. Wer ausschließlich opportun reagiert, wird zum Gefangenen äußerer Signale. Dann gilt Diversität, solange sie Reputation verspricht. Dann gilt Nachhaltigkeit, solange Analysten danach fragen. Dann gilt soziale Verantwortung, solange sie nichts kostet. Dreht die Lage, dreht das Vokabular. Zurück bleibt eine Organisation, die sich selbst nicht mehr glaubt.

Hier liegt die Nähe zwischen Felder und Prantl, obwohl beide aus ganz verschiedenen Richtungen kommen. Der eine liest das Gesetzbuch als publizistische Großform der Ordnung, der andere als arbeitsrechtliche Schule der Verlässlichkeit. Beide verstehen, dass eine Gesellschaft nicht nur an den Rändern gehalten wird, sondern in ihren alltäglichen Bindungen. Nicht durch moralische Anrufungen, sondern durch Regeln, die gelten, und durch Worte, die nicht jeden Tag ihr Gegenteil bedeuten.

Warum gerade HR an dieser Stelle politisch wird

Der überraschendste Teil des Felder-Gesprächs lag vielleicht darin, dass ausgerechnet HR zur Scharnierstelle einer größeren Debatte wurde. Personalpolitik erscheint gern als Nebenbühne: ein Feld für Instrumente, Formate, Befindlichkeiten. Felder sah darin etwas anderes. Für ihn ist HR eine betriebswirtschaftliche Funktion unter Druckbedingungen. Dort entscheidet sich, ob Beschäftigungsfähigkeit erhalten bleibt, ob Transformation geordnet verläuft, ob Weiterbildung mehr ist als Dekor, ob Gesundheitspolitik den Betrieb stabilisiert, ob soziale Spannungen eskalieren oder bearbeitet werden.

Damit ist HR sofort mehr als Administration. Es wird zur Praxis des Zivilrechts im Unternehmen. Arbeitsverhältnisse sind nicht nur Kostenpositionen. Sie sind rechtlich gebundene, sozial aufgeladene, ökonomisch folgenreiche Beziehungen. Wer das vergisst, zerstört die innere Statik des Betriebs. Wer nur noch vom Menschen als Ressource spricht, hat den ersten Schritt bereits getan.

Der Münsteraner Jubiläumsband kreist genau um diese Verschiebungen. Er beschreibt, wie das klassische Privatrechtsdenken unter dem Druck von Sondermaterien, Richterrecht und europäischer Regulierung seine frühere Selbstverständlichkeit verloren hat und dennoch als Symbol einer systematischen Ordnung wieder an Bedeutung gewinnt. Für die Wirtschaft heißt das: Ohne verlässliche Strukturen wird Transformation nicht dynamisch, sondern nervös.

Deutschland redet über Zukunft und vergisst die Form, die sie trägt

Vielleicht war das Schweigen rund um den 125. Geburtstag des Gesetzbuchs deshalb so bezeichnend, weil es in eine Zeit fiel, in der überall von Zukunft die Rede ist. Von Künstlicher Intelligenz, von Disruption, von Dekarbonisierung, von geopolitischer Neuordnung, von der Neuvermessung der Arbeit. All diese Debatten haben Gewicht. Aber sie hängen in der Luft, wenn die Form fehlt, die sie tragen soll.

Diese Form heißt nicht nur Grundgesetz. Sie heißt auch Zivilrecht. Sie heißt Berechenbarkeit. Sie heißt Verfahren. Sie heißt Vertrag. Sie heißt Eigentum unter Recht. Sie heißt Treu und Glauben. Das klingt nicht spektakulär. Es ist auch nicht dazu da, spektakulär zu sein. Es ist dazu da, den zivilen Verkehr so zu ordnen, dass Freiheit nicht in Willkür umkippt.

Prantl hat das Gesetzbuch als Meisterwerk aus Paragraphen gewürdigt. Felder hat daran erinnert, warum dieses Werk nicht im Archiv liegen darf. Zwischen beiden liegt ein Gedanke, der in die Gegenwart schneidet: Eine Gesellschaft verliert ihre Zukunft nicht erst dann, wenn ihr das Geld ausgeht. Sie verliert sie früher, wenn sie die Sprache, die Bindung und die Form preisgibt, in denen Vertrauen entsteht.

Drei Termine in Stuttgart, an denen das Thema weiterläuft

Wer diese Debatte nicht nur als Rückblick lesen will, wird auf der Zukunft Personal Süd am 21. und 22. April 2026 in der Messe Stuttgart fündig. Genau dort wird weiterverhandelt, was im Gespräch mit Rupert Felder aufgerufen wurde: Wie Organisationen in einer Lage bestehen, in der Krisen, Überforderung, Regulierungsdruck und Transformationszwang gleichzeitig auftreten.

Am 21. April gehört dazu der HR-RoundTable „Von Polikrise zu Polipotential! Dynamikrobuste Lernökosysteme gestalten“ mit Prof. Dr. Anja Schmitz. Der Titel allein markiert schon die Verschiebung: weg von der bloßen Krisenbeschreibung, hin zur Frage, wie Lern- und Arbeitsfähigkeit unter Dauerveränderung stabilisiert werden können. Dass Anja Schmitz diesen Begriff der „dynamikrobusten Lernökosysteme“ aktuell genau in diesem Zusammenhang entfaltet, ist auch außerhalb des ZP-Programms dokumentiert.

Am 22. April folgt auf der Keynote Stage mit „We the HR – Der Realitätscheck 2026: Was die Branche sagt – und was sie tut“ jener schonungslose Abgleich von Anspruch und Praxis, der in einer Branche mit Hang zur Selbstberuhigung überfällig ist. Mit Christina Pallmann, Giovanna Lo Presti und Cliff Lehnen bekommt das Format genau die Mischung aus Praxisnähe, Streitlust und öffentlicher Fallhöhe, die man sich öfter wünschen würde.

Und am selben Tag spricht Dr. Tobias Zimmermann in seiner Keynote „Zeit der Chancen für HR und Personalmanagende: Trends, Wahrheiten und Mythen zum Arbeitsmarkt 2026“ über den Arbeitsmarkt als widersprüchliches Feld zwischen Unsicherheit, Fachkräftemangel und neuer strategischer Bedeutung von HR. Dass Zukunft Personal diese Session bereits als einen der süddeutschen Keynote-Höhepunkte herausstellt, ist offiziell vorgezeichnet.

Wir debattieren natürlich auch im Messe-TV-Studio weiter – direkt neben der Keynote Stage.

Wo Taylor zurückkehrt und New Work leise hustet – Was bewegt das Personalmanagement auf der ZP Süd in Stuttgart? #ZPNachgefragt

Am Dienstag richtet sich der Blick vor der Zukunft Personal Süd in Stuttgart auf ein Thema, das in vielen Organisationen zugleich vertraut und präzise ist: Arbeit wird aufwendiger, anstrengender und konfliktreicher, obwohl Technik, Programme und Managementwissen in nie gekanntem Umfang vorhanden sind. In der Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ treffen nächsten Dienstag (14. April, 15 Uhr auf LinkedIn Live) dazu drei Perspektiven aufeinander, die gut zueinander passen: Rolf Duda spricht über den Körper und die Bedingungen von Konzentration, Professor Torsten Biemann über Evidenz, Daten und Personalentscheidungen, Rebekka Ilgner über jene Themen der Kamin Lounge, in denen sich die Qualität einer Organisation im Alltag zeigt – beim Recruiting, in der Führung, im Umgang mit KI, in Fragen der Gleichberechtigung, der Talentbindung und der demokratischen Kultur. Gerade diese Kombination macht den Reiz der Vorschau aus. Sie verspricht keine Weltanschauung, sondern einen genaueren Blick auf die betriebliche Wirklichkeit.

Wo der Mensch nur funktionieren soll, beginnt der Verschleiß

Der vielleicht klügste Gedanke in diesem Programm steht gleich am Anfang. Rolf Dudas Thema der „artgerechten Bürohaltung“ klingt zunächst leicht, fast spielerisch. Tatsächlich steckt darin ein ernster Einwand gegen einen großen Teil der heutigen Arbeitsorganisation. In den Unternehmen wird viel über Motivation, Resilienz und Gesundheit gesprochen; zugleich kämpfen viele Teams weiter mit Erschöpfung, Stress und Konzentrationsverlust. Das Programm benennt den Grund ungewöhnlich klar: Man verwalte Symptome, statt die biologischen Grundlagen von Energie, Fokus und Belastbarkeit zu verstehen. Dieser Satz trifft. Denn viele Betriebe behandeln den Menschen noch immer wie ein System, das sich beliebig übersteuern lässt, solange man nur ausreichend Programme, Angebote und gute Worte bereitstellt. Der Körper widerspricht dem früher oder später. Nicht aus Trotz, sondern aus Natur. Wer das übersieht, verliert zuerst Präzision, dann Geduld und am Ende oft die besten Leute. Umgekehrt liegt darin auch eine ermutigende Nachricht: Gute Arbeit ist kein Mysterium. Sie beginnt mit Bedingungen, unter denen Menschen auf Dauer klar denken, ordentlich entscheiden und verlässlich zusammenarbeiten können.

Aus dem Ende des Bauchgefühls könnte ein Anfang werden

Von dort ist der Weg zu Torsten Biemann nicht weit. Denn die zweite große Schwäche vieler Organisationen liegt bekanntlich darin, dass sie sich bei Personalfragen noch immer stärker auf Deutung als auf Erkenntnis verlassen. Die Session zu People Analytics formuliert das erfreulich schnörkellos: Es geht um den Sprung von der Datenverwaltung zur echten Entscheidungsgrundlage, also um den Übergang von Vermutung zu evidenzbasierter Steuerung. Gefragt wird nach Kennzahlen, die der Geschäftsführung tatsächlich nützen, nach frühen Hinweisen auf Fluktuationsrisiken und nach der Messbarkeit von Recruiting-Kanälen. Das mag technisch klingen, ist aber in Wahrheit ein zivilisatorischer Fortschritt im Management. Denn das vielgerühmte Bauchgefühl war oft nur der elegante Name für Unschärfe, Gewohnheit oder Hierarchie. Daten lösen das Urteil nicht ab. Sie disziplinieren es. Sie zwingen dazu, Zusammenhänge sauber zu benennen, statt bloß den Tonfall der Erfahrung zu pflegen. Für Personalabteilungen liegt darin keine Bedrohung, sondern eine große Chance: Wer messen kann, was wirkt, wird im Unternehmen nicht länger um Bedeutung bitten müssen.

Vertrauen beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag

Besonders stark ist das Programm dort, wo es die großen Begriffe auf kleine, aber folgenreiche Verfahren zurückführt. Das zeigt sich in der Kamin Lounge, die Rebekka Ilgner moderiert. Schon das Gespräch über Candidate Experience und Teamkultur setzt den Ton richtig. Vertrauen, heißt es dort, beginne nicht erst im Team, sondern schon im Recruiting – in Erwartungen, Kommunikation und den ersten Entscheidungen. Das ist eine bemerkenswert genaue Beobachtung. Denn Kultur ist eben nicht zuerst das Selbstbild eines Unternehmens, sondern seine Art, Menschen hereinzuholen. Interviews, Preboarding, Onboarding-Handover und klare Rollenerwartungen klingen nach Personalprozess; tatsächlich sind sie die ersten Seiten der inneren Verfassung eines Betriebs. Wer hier klar, fair und verlässlich ist, gewinnt etwas, das sich später kaum noch herstellen lässt: Zutrauen. Wer hier nachlässig, widersprüchlich oder bloß schnell ist, beschädigt die Zusammenarbeit, bevor sie begonnen hat. Es ist gut, dass solche Fragen inzwischen wieder öffentlich verhandelt werden. Sie sind konkreter als manches Leitbild und oft wichtiger.

Künstliche Intelligenz verlangt Urteilskraft, nicht nur Lizenzen

Die Kamin Lounge behandelt Führung im KI-Zeitalter ausdrücklich nicht als Toolfrage, sondern als Kompetenzfrage. Das ist wohl die vernünftigste Formulierung, die man gegenwärtig wählen kann. Denn viele Unternehmen haben künstliche Intelligenz zunächst wie einen Einkaufsvorgang behandelt: Man beschafft Anwendungen, erprobt Oberflächen, verteilt Zugänge und erklärt den Rest zur Transformation. So funktioniert es nicht. Das Programm fragt folgerichtig nach echten Use Cases, nach dem Aufbau eines KI-Teams, nach Lernkultur und nach der Kunst, Menschen für neue Verfahren zu gewinnen, statt sie unter dem Eindruck der Neuheit zu überfordern. Darin liegt eine erfreulich sachliche Aussicht auf Fortschritt. KI muss nicht als Heilslehre und auch nicht als Bedrohung verhandelt werden. Sie kann, vernünftig geführt, zu einer Frage betrieblicher Bildung werden: Wer versteht, was das Werkzeug kann, wo seine Grenzen liegen und wie Verantwortung verteilt wird, wird es produktiv nutzen. Nicht die Maschine entscheidet über den Wert der Technik, sondern die Reife der Organisation.

Gute Führung zeigt sich daran, wen sie nicht übersieht

Dasselbe gilt für die übrigen Gespräche der Kamin Lounge. Female Leadership wird dort nicht als dekoratives Spezialthema verhandelt, sondern als Frage von psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur, Diversität und der Reibung zwischen weiblicher Führung und männlich geprägten Strukturen. Das Gespräch über Gleichberechtigung sucht nicht die bequemste Empörung, sondern einen vernünftigen Weg aus der Lagerbildung; es fragt, warum es auch für Männer sinnvoll ist, sich dafür einzusetzen, ohne in ein schlichtes „Wir gegen Sie“ zurückzufallen. Und das Gespräch über die frühen Signale von Überlastung bei Leistungsträgern erinnert daran, dass Unternehmen ihre wichtigsten Leute oft erst dann bemerken, wenn sie innerlich längst auf Distanz gegangen sind. Das ist keine düstere Botschaft, sondern eine hilfreiche Korrektur. Gute Führung zeigt sich nicht zuerst in großen Bekenntnissen, sondern in der Fähigkeit, Verschleiß, Ausschluss und stille Entmutigung rechtzeitig wahrzunehmen. Wer das lernt, führt nicht weicher, sondern besser.

Demokratie gehört nicht nur in Sonntagsreden, sondern in die Betriebswirklichkeit

Am weitesten über die klassische HR-Debatte hinaus führt das Thema Demokratiebildung. Gerade deshalb verdient es besondere Aufmerksamkeit. In der Kamin Lounge wird es als strategischer Erfolgsfaktor beschrieben, der auf Employer Branding, Arbeitgeberattraktivität und Mitarbeiterbindung einzahlt. Vor allem aber ist dort von Orientierung, Zugehörigkeit und Resilienz in polarisierten Zeiten die Rede. Das sind keine modischen Vokabeln, sondern Begriffe von erheblichem Realismus. Denn Unternehmen sind heute längst Orte gesellschaftlicher Verdichtung: Unterschiedliche Milieus, Erwartungen, Erfahrungen und politische Empfindlichkeiten treffen dort Tag für Tag aufeinander. Wer unter solchen Bedingungen demokratische Standards nur für ein Ornament des Leitbilds hält, unterschätzt ihren praktischen Wert. Es geht um Verfahren, um Fairness, um die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten, Minderheiten nicht zu demütigen und Autorität an Regeln zu binden. Ein Betrieb, der das kann, wirkt nach innen ruhiger und nach außen glaubwürdiger. Ein Betrieb, der es nicht kann, wird früher oder später teuer für alle Beteiligten – für seine Reputation, seine Kooperation und seine Bindungskraft. Dass dieses Thema nun ausdrücklich mit Unternehmenskultur, Fachkräftesicherung und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden wird, ist deshalb kein Ausflug ins Moralische, sondern ein Zeichen ökonomischer Nüchternheit.

Vielleicht ist die neue Bürokratie das eigentliche Gegenprogramm

Hier berührt das Programm einen Gedanken, den Carsten Schermuly mit Blick auf das New-Work-Barometer 2026 auf LinkedIn zugespitzt hat: die Rückkehr des Taylorismus und die wachsende intraorganisationale Bürokratie.

Das trifft einen wunden Punkt. Denn die moderne Organisation hat sich vielerorts ein eigentümliches Doppelgesicht zugelegt. Nach außen spricht sie von Beweglichkeit, Selbstverantwortung und Innovation; nach innen wächst zugleich eine Landschaft aus Abstimmungen, Reportingpflichten, Freigaben, Formularen und Sicherungsritualen. So entsteht jene bleierne Betriebsamkeit, die viele Beschäftigte genau kennen: Es wird vieles bearbeitet, aber zu wenig geklärt; es wird viel dokumentiert, aber zu wenig entschieden. Gerade deshalb passen die Themen der Sendung so gut zusammen. Der Körper erinnert an die Grenzen der Überlastung. Die Daten erinnern an die Pflicht zur Klarheit. Die Gespräche über Recruiting, KI, Gleichberechtigung und Demokratie erinnern an die soziale Form guter Arbeit. Vielleicht liegt darin sogar ein vorsichtig optimistischer Gedanke: Gegen die neue Bürokratie hilft nicht die alte Parole, sondern die Rückkehr zu Maß, Urteil und Verlässlichkeit.

Was am Dienstag verhandelt wird, sind die Grundlagen eines besseren Betriebs

Darin liegt die eigentliche Stärke dieser Vorschau auf Stuttgart. Sie verwechselt die Arbeitswelt nicht mit ihrer Rhetorik. Sie fragt nicht, welches Schlagwort als nächstes Karriere macht, sondern welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Menschen in Unternehmen vernünftig arbeiten können. Konzentration statt Dauerreiz. Evidenz statt Behauptung. Vertrauen statt Verfahrenstheater. Lernkultur statt Technikfrömmigkeit. Fairness statt bloßer Gesinnung. Demokratische Reife statt dekorativer Wertepflege. Das ist, in der Summe, ein erstaunlich konstruktives Programm. Nicht weil es die Probleme verharmlost, sondern weil es sie endlich an der richtigen Stelle verortet: im Aufbau des Betriebs selbst. Und vielleicht ist genau das die gute Nachricht vor der ZP Süd. Dass die interessantesten Debatten derzeit nicht dort geführt werden, wo das Management am lautesten spricht, sondern dort, wo Organisationen wieder lernen, was ihnen im Kern gut tut.

Man hört, sieht und streamt sich am Dienstag, um 15 Uhr.

Siehe auch:

Erst die Verführung, dann die Entscheidung – Der Krieg des Donald Trump: „How Trump Took the U.S. to War With Iran“ @realDonaldTrump

Das Foto wurde auf LinkedIn gepostet – kann aber den User nicht mehr finden – ich Trottel.

Unter dem Titel „How Trump Took the U.S. to War With Iran“ erzählt die New York Times, wie Donald Trump nach Beratungen im Weißen Haus den Weg in einen Krieg freimachte. Wer den Text liest, erkennt aber noch etwas anderes: Nicht ein überraschender Bruch wird hier sichtbar, sondern die politische Vollendung eines Charakters, dessen Defekte schon 1990 beschrieben worden sind.

Der Beitrag der New York Times will zunächst eine konkrete Geschichte erzählen. Benjamin Netanyahu kommt ins Weiße Haus und präsentiert Donald Trump ein Szenario, das nach militärischer Entschlossenheit, nach kurzer Dauer, nach kontrollierbarem Risiko klingt. Iran, so die Botschaft, sei verwundbar. Ein harter Schlag könne das Regime entscheidend schwächen, womöglich sogar zu Fall bringen. Die Inszenierung ist, folgt man der Darstellung von Jonathan Swan und Maggie Haberman, nicht bloß informativ, sondern suggestiv: Bilder, Dramaturgie, die Aura der Unausweichlichkeit.

Danach, und das ist der entscheidende zweite Schritt, versuchen amerikanische Geheimdienstler und Militärs, die Verheißungen der Israelis auf ihren Realitätsgehalt hin zu prüfen. Einige Ziele, so lautet die ernüchternde Bilanz, mögen militärisch erreichbar sein. Aber die große politische Erzählung vom schnellen Regimewechsel, vom kalkulierbaren Chaos, vom fast schon historischen Durchmarsch erscheint aus amerikanischer Sicht als Illusion. Skepsis ist also vorhanden. Warnungen sind vorhanden. Bedenken sind vorhanden. Nur: Sie setzen sich nicht durch.

Genau das macht den Text der New York Times so beunruhigend. Er beschreibt keinen Präsidenten, der ohne Beratung handelt. Er beschreibt einen Präsidenten, der sich beraten läßt, ohne sich korrigieren zu lassen.

„Eine Mittagspause machen nur Verlierer“

Wer diesen Trump verstehen will, muß weiter zurückgehen als bis zur jüngsten Lagebesprechung. Man muß zurück in das Jahr 1990. Damals schrieb Gerd Gerken einen Satz, der heute wie eine frühe Diagnose wirkt: Man erkenne bei Trump „das Antlitz des unsympathischen Siegers“. Das ist keine hübsche Formulierung, es ist eine Vorhersage.

Gerken schilderte den 41jährigen Milliardär als einen Mann, der in New York an seinen Türmen baut und zugleich an seiner eigenen Legende. Wichtiger aber als die Bauten war damals schon der Tonfall. Trump breitete in einem Interview seine Philosophie aus, und dieser Philosophie fehlte schon alles, was später in der Politik fehlte: Maß, Selbstzweifel, die Fähigkeit zur Begrenzung. „Eine Mittagspause machen nur Verlierer“, lautete der Satz, den Gerken als typisch hervorhob.

Das ist mehr als nur der ordinäre Kalenderspruch eines ehrgeizigen Geschäftsmanns. In ihm steckt ein Menschenbild. Wer innehält, verliert. Wer abwägt, wird verachtet. Wer nicht pausenlos auf Sieg programmiert ist, gilt als defizitär. Aus einem solchen Satz spricht keine Energie, sondern Menschenfeindlichkeit. Er ist die Verachtung des Zögerns, und mit ihr beginnt jede Verachtung des Politischen. Denn Politik, die diesen Namen verdient, ist die Kunst, zwischen Möglichkeiten, Folgen und Grenzen zu unterscheiden. Wer aus jeder Pause eine Niederlage macht, wird aus jeder Vorsicht Feigheit machen.

Wer nur Sieger kennt, braucht Feinde

Gerken notierte 1990 noch etwas, das heute fast unheimlich aktuell wirkt: In Trumps Sprache wimmle es von „Feinden“ und „Gegnern“, die Sätze trieften vor brutalem Egoismus, Eitelkeit und Narzißmen. Das ist nicht nur eine Milieustudie aus den späten achtziger Jahren. Das ist die seelische Grammatik eines Mannes, der die Welt nicht als Ordnung von Institutionen, Interessen und Grenzen wahrnimmt, sondern als Arena.

Und in einer Arena gibt es keine Partner, keine Ambivalenzen, keine historischen Tiefenschichten. Es gibt nur Sieger, Verlierer und jene Zwischenwesen, die man verachtet, weil sie zögern. Der NYT-Text zeigt genau diese Logik in staatsmännischer Vergrößerung. Was dort an Risiken vorgetragen wird — ein regionaler Flächenbrand, unkalkulierbare Gegenschläge, strategische Überdehnung, die Möglichkeit eines langwierigen Krieges — verwandelt sich im Trump-Kosmos nicht in Gründe der Vorsicht, sondern in Kulisse für die Inszenierung der Entschlossenheit.

Man könnte auch sagen: Der Präsident hört das Wort „Risiko“ und versteht „Herausforderung“. Er hört „Komplexität“ und versteht „Schwäche“. Er hört „ungewiß“ und reagiert wie jemand, dem man seine Selbstgewissheit streitig machen will. So wird politische Wirklichkeit psychologisch umgeschrieben.

Freunde, die brutal verteidigen

Besonders aufschlußreich ist die letzte Passage, die Gerken damals zitierte. Auf die Frage, ob er Freunde habe, antwortete Trump: wenige. Einsamkeit sei der Preis seines Business. Freunde nenne er nur Menschen, die ihn brutal, wenn nötig auch hinterhältig verteidigten. Gerken kommentierte trocken: „Das sagt alles. Das ist bestes dunkles Management.“

Tatsächlich sagt es fast alles. Denn mit diesem Satz ist bereits das spätere Regierungssystem in Keimform beschrieben. Wer Freunde nur als Verteidigungswaffen versteht, sucht keine Gegenüber, sondern Verstärker. Wer Loyalität so definiert, verachtet den Widerspruch schon im Ansatz. Und wer Widerspruch verachtet, umgibt sich entweder mit Jasagern oder mit Menschen, die gelernt haben, ihre Bedenken so zu formulieren, daß sie den Herrn nicht verletzen.

Genau das ist die eigentliche Nebenlektüre des NYT-Textes. Natürlich gibt es in den Sitzungen Skepsis. Natürlich warnen einige vor den Folgen. Aber fast niemand stellt sich quer. Fast niemand macht den Schritt vom registrierten Zweifel zum offenen Widerstand. Das System Trump erzeugt genau jene Atmosphäre, die Gerken schon 1990 erahnte: Die Umgebung wird nicht nach Urteilskraft sortiert, sondern nach Verwendbarkeit. Die entscheidende Frage ist nicht: Wer hat recht? Sondern: Wer bleibt in der Umlaufbahn des Führenden?

Aus dunklem Management wird Weltpolitik

Die eigentliche Katastrophe beginnt dort, wo man diese Eigenschaften für bloße Stilfragen hält. Narzißmus ist keine Marotte. Eitelkeit ist kein dekorativer Fehler. Selbstüberschätzung ist nicht einfach Temperament. In den Händen eines Präsidenten werden solche Züge zu Strukturen der Entscheidung.

Der NYT-Beitrag beschreibt Trump als einen Mann, der den harten, raschen, geschichtsmächtigen Entschluß liebt. Das mag man für Tatkraft halten. Tatsächlich ist es oft nur die Unfähigkeit, sich von Wirklichkeit belehren zu lassen. Der Staatsmann muß die Welt größer denken als sein eigenes Bedürfnis nach Bestätigung. Trump tut das offenkundig nicht. Er erlebt die Welt als Resonanzraum seiner Instinkte. Deswegen ist bei ihm die außenpolitische Entscheidung nie ganz von der inneren Dramaturgie des Egos zu trennen.

Und hier schließt sich der Kreis zu Gerd Gerken. „Dunkles Management“ — das war 1990 eine Diagnose aus der Welt der Hochhäuser, Deals und Hochglanzinterviews. Heute würde man sagen: Es war die Vorform eines Regierens, das Macht mit Unfehlbarkeit verwechselt und Härte mit Wahrheit. Der Unternehmer, der seine Umgebung moralisch entleert, wird als Präsident zum Risiko für Staaten. Denn Kriege lassen sich nicht mit denselben seelischen Mitteln führen, mit denen man Konkurrenten einschüchtert oder Marken auflädt.

Der alte Trump ist nie verschwunden

Das eigentlich Verstörende an How Trump Took the U.S. to War With Iran ist deshalb nicht, daß ein Präsident Krieg als Option wählt. Verstörend ist, daß man beim Lesen das Gefühl bekommt, einem sehr alten Bekannten zuzusehen. Nicht einem neuen Trump, sondern dem alten. Dem Mann, der schon früh nur in Kategorien des Triumphes sprach. Dem Mann, der Feinde brauchte, um sich selbst als Sieger zu fühlen. Dem Mann, für den Freundschaft ein Instrument der Verteidigung war. Dem Mann, der die Pause verachtete, weil sie ihn an Grenzen erinnerte.

Die Geschichte, die die New York Times erzählt, ist darum größer als ihr Anlaß. Sie handelt nicht nur von Iran, Israel und Washington. Sie handelt von der Verwandlung eines Charakterfehlers in Staatsgewalt. Und das ist die eigentliche Lehre. Die Demokratie scheitert nicht nur an Ideologien. Sie kann auch an Persönlichkeiten scheitern, deren Defekte zu lange als Folklore behandelt werden.

Donald Trump war 1990 bereits erkennbar. Man wollte nur nicht glauben, daß ein solcher Mensch einmal über Krieg und Frieden entscheiden würde. Heute weiß man: Das Problem war nie, daß man zu wenig gesehen hätte. Das Problem war, daß man das Gesehene für Pose hielt. Dabei war es Programm.

Bonn kann fast alles – nur aus Wissen noch keinen Wohlstand machen: Hermann Simons Lernreise erzählt vom Aufstieg eines Bauernsohns – Sein Blick auf Bonn erzählt von einem viel größeren Problem: Deutschland produziert Erkenntnisse, aber zu selten Unternehmen

„Mache das, was du gerade tust, möglichst gut, dann werden sich Chancen eröffnen.“ Man kann diesen Satz als freundliche Lebensklugheit abtun. Man kann ihn aber auch als ökonomische Maxime lesen. Für Hermann Simon ist er beides: persönlicher Leitsatz und praktisches Gegenmodell zu jenem deutschen Sicherheitsdenken, das junge Talente zuverlässig in geregelte Bahnen lenkt, aber nur selten in unternehmerische Risiken. Im Podcast „Neues Lernen“ klingt dieser Satz beiläufig. Tatsächlich steckt in ihm die Quintessenz eines Lebens, das nicht durchgeplant war und gerade deshalb so produktiv wurde.

Die Eifel als Schule der Nüchternheit

Simon stammt nicht aus einer Welt der Powerpoint-Strategien, sondern aus einer Welt der Handarbeit. Bauernhof, Eifel, kleine Verhältnisse, frühes Anpacken: Das ist keine hübsche Herkunftserzählung, sondern die Folie für seinen Blick auf Leistung. Dort, wo Arbeit noch unmittelbar mit Lebenswirklichkeit verbunden ist, wächst eine andere Haltung zu Exzellenz. Nicht Pose, sondern Substanz. Nicht Attitüde, sondern Ergebnis.

Vielleicht erklärt gerade das seine Skepsis gegenüber allem, was gut klingt, aber wirtschaftlich folgenlos bleibt. Simon spricht nicht wie jemand, der Wissen bewundert, weil es Wissen ist. Er interessiert sich für Wissen, das wirksam wird. Seine eigene Biographie folgt genau diesem Muster: Studium der BWL und VWL in Bonn, wissenschaftliche Karriere, Habilitation, Professur – und dann eben nicht das Verharren im akademischen Betrieb, sondern der Schritt in die Praxis. Aus dem Professor wurde ein Unternehmer, aus der Preisforschung ein globales Beratungshaus mit 48 Büros weltweit.

Die eigentliche Lektion heißt: Theorie genügt nicht

Bemerkenswert ist dabei, dass Simon die Wissenschaft gerade nicht geringschätzt. Im Gegenteil. Er verdankt ihr viel. Die Bonner Ausbildung, so schildert er es, war stark quantitativ, mathematisch, theoretisch. Sie legte die Grundlage für seine spätere Pricing-Kompetenz. Aber sie blieb eben nicht der Endpunkt. Aus der „konjekturalen Preisabsatzfunktion“ wurde durch Daten, Computer und Anwendung ein reales Beratungsmodell. Das ist die eigentliche Pointe seiner Laufbahn: Der Weg führt nicht weg von der Theorie, sondern durch sie hindurch – in den Markt.

Hier kommen auch die Namen ins Spiel, die Simons Lernreise geprägt haben. Von Augustinus übernimmt er das Bild von der Flamme, die in anderen entzündet werden müsse – eine Führungsidee, die auf Weitergabe statt Selbstinszenierung zielt. Von Horst Albach kommt die akademische Strenge. Peter Drucker bestärkte ihn darin, im scheinbar schmalen Feld des Pricing zu bleiben, weil dort die Nische zur globalen Größe werden konnte. Philip Kotler wiederum gab ihm den entscheidenden Denkanstoß, dass man mit genau dieser Spezialisierung auch jenseits der Universität Wirkung erzielen kann. Und die Aufenthalte am MIT, in Stanford und Harvard schärften seinen Sinn für anwendungsorientierte Wissenschaft. Dort war Forschung nicht Selbstzweck, sondern Teil eines größeren Produktionszusammenhangs: Erkenntnis, Fallstudie, Markt, Umsetzung.

Bonn glänzt in der Forschung – und versagt bei der Verwertung

Genau an diesem Punkt wird das Gespräch politisch. Denn Simon spricht im Podcast nicht nur über seine eigene Entwicklung, sondern über das strukturelle Versagen eines Standorts, der eigentlich alle Voraussetzungen mitbringt. Er nennt Bonn. Und sein Vorwurf ist von entwaffnender Klarheit: Wenn Bonner Roboter- und Informatikteams fortwährend Robotik-Weltmeisterschaften gewinnen, warum entsteht daraus keine einzige Robotikfirma in Bonn? Warum gehen die Köpfe lieber in die Labore großer Konzerne, statt selbst zu gründen? Warum bleibt ausgerechnet dort, wo die wissenschaftliche Leistung so sichtbar ist, die unternehmerische Konsequenz aus?

Man sollte diesen Satz nicht als lokale Polemik missverstehen. Er beschreibt ein deutsches Muster. Die Bundesrepublik ist stark in Vorstufen des ökonomischen Erfolgs: Grundlagenforschung, Förderprogramme, Institute, Exzellenzcluster, wissenschaftliche Reputation. Was ihr zu oft fehlt, ist die letzte, entscheidende Stufe: die Übersetzung in Unternehmen von Rang. Deutschland feiert seine Erkenntnisse, aber andere skalieren sie.

Gerade Bonn steht dafür exemplarisch. Die Region Bonn-Rhein-Sieg ist ein intellektuelles Kraftzentrum, ausgestattet mit Exzellenzclustern, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten, internationaler Vernetzung und wissenschaftlicher Dichte. Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt nicht an Köpfen. Es fehlt nicht einmal an Renommee. Es fehlt an jener institutionellen und kulturellen Brücke, die aus wissenschaftlicher Brillanz wirtschaftliche Schlagkraft macht.

Luxemburg ist kein Sonderfall, sondern ein Stresstest für Bonn

Darum ist auch Simons Vergleich mit Luxemburg so unerquicklich für die Bonner Selbstzufriedenheit. Die Kaufkraft in Luxemburg liegt pro Kopf bei rund 41.000 Euro, im Rhein-Sieg-Kreis bei 26.000, in Bonn bei knapp 27.000 Euro. Das ist keine Marginalie, sondern ein Strukturunterschied. Gewiss, Luxemburg ist Finanzplatz. Aber gerade darin liegt der Punkt. Luxemburg ist nicht zufällig geworden, was es ist. Es hat seine geringe Größe nicht als Handicap verwaltet, sondern als strategische Bedingung genutzt. Es hat aus Institutionen, Steuerrecht, Internationalität und Regulierung einen Standortvorteil gemacht.

Bonn hingegen verfügt über eine andere, nicht geringere Ressource: Wissenschaft, Forschung, internationale Einrichtungen, akademische Dichte. Was fehlt, ist die Entscheidung, diese Ressource systematisch in Wertschöpfung zu übersetzen. Luxemburg ist deshalb keine Ausrede für Bonn, sondern ein Maßstab. Wer sagt, der Vergleich verbiete sich wegen des Sonderfalls Finanzplatz, übersieht das Entscheidende: Auch Bonn könnte seine spezifischen Stärken in ein tragfähiges Modell verwandeln. Es tut es nur nicht.

Die Bonner Krankheit heißt Fakultätsdenken

Simon benennt den Kern des Problems ohne Umschweife: Es fehlt am Unternehmertum. Dahinter steckt mehr als nur fehlender Wagemut einzelner. Es ist ein Systemfehler. Schulen, Hochschulen, Elternhäuser, Politik – sie alle sind in Deutschland besser darin, Laufbahnen zu verwalten, als Aufbrüche zu befördern. Eltern raten zum Staat oder zum Großunternehmen. Hochschulen belohnen die wissenschaftliche Reputation stärker als die Ausgründung. Kapital für die zweite und dritte Wachstumsphase bleibt knapp. Und wo doch ein Start-up entsteht, endet es nicht selten früh im Verkauf.

So erklärt sich die paradoxe Lage: Deutschland bringt Ideen hervor, aber zu selten Konzerne. Es produziert Pflänzchen, aber keine Wälder. Simon spricht im Podcast von der fehlenden Skalierung, von der Schwierigkeit, aus einem guten Anfang eine große Firma zu machen. Genau darin liegt die deutsche Wachstumsschwäche in Reinform.

Eine Business School wäre mehr als eine Hochschulreform

Sein Vorschlag für Bonn ist deshalb radikal, gerade weil er so pragmatisch klingt: eine Business School, in der Naturwissenschaftler und Informatiker ein Jahr lang Wirtschaft lernen – nicht als nette Ergänzung, sondern als verpflichtende Horizonterweiterung. Das ist keine bloße Bildungsreform, sondern ein Angriff auf das deutsche Missverständnis, wonach wissenschaftliche Exzellenz und unternehmerische Umsetzung zwei getrennte Welten seien.

Am MIT und in Stanford gehört die Verbindung von Technologie, Markt und Gründung längst zum intellektuellen Normalbetrieb. In Deutschland wird sie oft noch wie ein Grenzverkehr zwischen zwei Misstrauensmilieus behandelt. Der Forscher misstraut dem Markt, der Markt dem Forscher, und am Ende bleibt die Idee im Labor. Genau diese Trennung will Simon aufbrechen.

Die Frage an Bonn ist längst politisch

Damit ist die Debatte nicht länger hochschulpolitisch, sondern kommunal- und standortpolitisch. Wer Bonn führen will, muss erklären, warum eine Region mit Weltklasse-Instituten sich mit mittlerem Einkommensniveau abfindet. Warum eine Landschaft mit so viel Geist ökonomisch unter ihren Möglichkeiten bleibt. Warum man sich an wissenschaftlicher Symbolik berauscht, aber die unternehmerische Nüchternheit scheut.

Hermann Simons Lernreise beginnt in der Eifel und führt in die Welt. Der interessante Teil dieses Podcasts liegt jedoch nicht nur in dieser Biographie. Er liegt in der Zumutung, die aus ihr folgt. Lernen ist für Simon nicht Anhäufung von Wissen, sondern Vorbereitung auf Wirkung. Genau daran wird sich auch Bonn messen lassen müssen. Eine Exzellenzuniversität, die Weltmeister hervorbringt, aber keine Weltunternehmen, ist akademisch bewundernswert – und ökonomisch unzureichend.

Der Satz des Bauernsohns aus der Eifel lässt sich deshalb auch an eine Stadt richten: Mach das, was du kannst, möglichst gut. Und wenn Bonn das ernst nimmt, darf es nicht länger nur Wissen erzeugen. Es muss endlich anfangen, daraus Wohlstand zu machen.

Deutschlands Lieblingsirrtum: der Stolz auf den eigenen Abstieg – Warum Moritz Schularicks Diagnose blendet – und warum Wahlster und Müller-Lietzkow ein präziseres Bild der technologischen Republik zeichnen @MSchularick @DFKI

Es gibt in Deutschland eine neue Form des Hochmuts: den Hochmut des Pessimisten. Er tritt mit ernster und wissenden Stimme auf, mit der Miene des schonungslosen Diagnostikers und der Geste des Mannes, der sich nichts mehr vormacht. In Wahrheit ist er oft nur die eleganteste Form der Selbstaufgabe. Man erklärt den eigenen Abstieg zur Nüchternheit und hält den Verzicht auf Differenzierung für geistige Härte.

Moritz Schularick hat mit seiner zugespitzten Diagnose im ZDF bei Markus Lanz genau diesen Nerv getroffen. Deutschland, so der Tenor, sei noch stark in den Technologien des vergangenen Jahrhunderts, aber nicht mehr in denen dieses Jahrhunderts. Bei Künstlicher Intelligenz, Robotik, Patenten und Hochtechnologie spiele das Land nicht mehr dort, wo die Musik wirklich spiele, sondern nur noch im vorderen Mittelfeld. Das ist ein Satz, der sich sofort festsetzt, weil er die deutsche Verunsicherung in eine einzige, scharf geschliffene Formel gießt. Nur: Eine Formel ist noch kein Befund. Und Zuspitzung ist nicht schon Urteilskraft.

Die Lust am großen Kehraus

Selbstverständlich hat Schularick mit einem Teil seiner Warnung recht. Deutschland ist in den großen, sichtbaren Arenen der digitalen Gegenwart nicht die dominierende Macht. Das Land baut keine globalen Konsumentenplattformen von amerikanischer Wucht. Es setzt keine geopolitisch unterfütterten Tech-Ökosysteme chinesischen Maßstabs in Bewegung. Es ist bei den generischen KI-Modellen, bei der globalen Vermarktung digitaler Infrastrukturen und bei der Skalierung von Software nicht das Land, auf das die Welt im ersten Reflex blickt.

Aber der Fehler beginnt dort, wo aus dieser durchaus realen Schwäche ein Generalurteil über den gesamten technologischen Zustand der Republik gemacht wird. Wer alles in einen Topf wirft – Foundation Models, Robotik, Patente, Hochtechnologie, industrielle Tiefe, Plattformmärkte, Forschung, Transfer –, kocht keine Analyse, sondern ein rhetorisches Eintopfgericht. Es wärmt kurz, nährt aber schlecht. Gerade hier lohnt die Gegenrede. Nicht die beschwichtigende, sondern die präzisierende.

Wahlster erinnert daran, dass Zukunft nicht nur aus Chatfenstern besteht

Wolfgang Wahlster, Gründungsdirektor des DFKI, beschreibt in der ZPNachgefragtWeek ein Deutschland, das viel weniger eindimensional ist, als es die Abstiegserzählung behauptet. Er verweist darauf, dass die Bundesrepublik auf bestimmten, für das 21. Jahrhundert durchaus zentralen Gebieten der KI sehr wohl stark ist: in Benutzermodellierung, Adaption, Personalisierung und Emotionserkennung, also in jenen Feldern, in denen KI nicht bloß rechnet, sondern menschliche Situationen versteht, Kontexte erfasst und Verhalten anpasst. Auf diesem spezifischen Gebiet, so Wahlster ausdrücklich, seien Europa und Deutschland „sehr gut aufgestellt“.

Das ist keine akademische Fußnote, sondern ein Hinweis auf einen systematischen Denkfehler im öffentlichen Diskurs. Denn der große Irrtum der deutschen Technologiedebatte besteht darin, Zukunft fast nur noch dort zu vermuten, wo sie laut ist: im nächsten Modell, im nächsten Milliarden-Deal, im nächsten Silicon-Valley-Narrativ. Die leiseren, tieferen und industriell wirksameren Formen technologischer Exzellenz geraten darüber aus dem Blick. Wahlster erinnert daran, dass Intelligenz mehr ist als reine Rechenleistung. Er unterscheidet kognitive, sensorphysische, emotionale und soziale Intelligenz – und macht damit sichtbar, dass genau jene Dimensionen, in denen Maschinen mit Menschen, Organisationen und realen Prozessen interagieren, für die nächste Produktivitätswelle entscheidend werden.

Mit anderen Worten: Die Zukunft der KI entscheidet sich nicht nur im Wettlauf der größten Sprachmodelle. Sie entscheidet sich auch dort, wo Systeme in Bildung, Industrie, Pflege, Service, Diagnostik und Organisation hineinwirken – also in jene Räume, in denen Deutschland traditionell stark war und noch immer stark sein kann.

Das eigentliche Gold der Republik liegt nicht im billigen Massenmarkt

Wahlsters Begriff von der „Losgröße 1“ ist dafür fast ein schönes Symbol. Er meint damit die hochgradig personalisierte Anpassung von Systemen an einzelne Menschen, Situationen und Lernstände. Im Bildungsbereich heißt das: nicht nur Fehler markieren, sondern Fehlkonzepte erkennen; nicht nur standardisieren, sondern individuell helfen; nicht nur belehren, sondern motivieren. In Bewerbungs- und Trainingssituationen heißt es: üben ohne sozialen Druck, personalisieren statt pauschalisieren. In Callcentern heißt es: Emotionen erkennen, deeskalieren, die richtigen Fälle an die richtigen Menschen weiterleiten. In der Pflege und im assistierten Leben heißt es: Tagesformen respektieren, Stimmung erkennen, Interaktion nicht bloß funktional, sondern sozial verträglich gestalten.

Wer das als weiches Beiwerk missversteht, hat nicht begriffen, was Hochlohnökonomien des 21. Jahrhunderts brauchen. Deutschland wird den globalen Wettbewerb nicht durch billige Masse gewinnen. Es kann ihn nur gewinnen, wenn es seine Fähigkeit zur intelligenten Integration ausspielt: KI plus industrielle Prozesse, KI plus Maschinenbau, KI plus Service, KI plus menschliche Interaktion. Genau dort aber liegt ein erheblicher Teil der Wertschöpfung von morgen.

Die deutsche Stärke liegt, wenn man so will, häufig nicht auf der glitzernden Oberfläche des Tech-Marktes, sondern in seinen tragenden Schichten – wie ein Erzgang, der von oben leicht zu übersehen ist und doch das ganze Gebirge hält.

Müller-Lietzkow benennt das deutsche Elend genauer

Jörg Müller-Lietzkow widerspricht Schularicks Diagnose noch direkter – und gerade deshalb aufschlussreich. Sein zentraler Einwand lautet: Das Problem Deutschlands ist nicht in erster Linie ein Mangel an Köpfen oder sogar Kapital, sondern ein Mangel an Rahmenbedingungen, strategischer Konsequenz und regulatorischer Klugheit. Es mangele, so seine Formulierung, „nicht an qualifizierten KI-Köpfen, selten an KI-Kapital aber an KI-Rahmenbedingungen“. Die politisch ausgerufenen KI-Bemühungen wirkten deshalb zweischneidig: viel Willensrhetorik, zu wenig harte Korrektur an den Bedingungen technologischer Verwertung.

Das ist eine ungleich präzisere Diagnose als die Vorstellung, Deutschland sei eben nur noch gut in der Mechanik von gestern. Müller-Lietzkow verschiebt die Frage: nicht von der Fähigkeit, sondern vom institutionellen Willen; nicht vom angeblichen Unvermögen, sondern von der politischen und kulturellen Architektur des Standorts. Das Land scheitert nicht zuerst daran, dass es nichts kann. Es scheitert daran, dass es das, was es kann, zu oft nicht in Markt, Macht und Maßstab übersetzt. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Robotik ist nicht der Blechmensch aus dem Feuilleton

Nirgendwo zeigt sich die Schieflage der Debatte deutlicher als in der Robotik. Wer Robotik nur als humanoides Spektakel versteht, als wandernden Asimov-Roboter, als metallischen Doppelgänger des Menschen, wird Deutschland leicht unterbewerten. Genau darauf zielt Müller-Lietzkows Spott: In der Robotik sei Deutschland „absolut konkurrenzfähig“, und es wäre „ein Witz“, Erfolge wie KUKA oder andere Maschinenbauer als gestrig zu bezeichnen. Was fehle, sei eher „die breite Brust“, also das Agenda-Setting, die Bereitschaft, Science-Fiction-Bilder ins Zentrum zu rücken und technologische Zukunft auch narrativ zu besetzen.

Das ist klug beobachtet. Deutschland beherrscht oft die Substanz, aber selten die Pose. Es baut den Apparat, aber nicht immer den Mythos dazu. In Amerika genügt bisweilen ein Visionär, der eine Aufgabe auf die Tagesordnung setzt, und schon erscheint sie als „state of the art“. In Deutschland beginnt an derselben Stelle häufig die Bedenkenträgerei oder, schlimmer noch, die stille Verachtung für jede Form technologischer Selbstdarstellung.

Wahlster ergänzt dieses Bild von der industriellen Seite her. Seine Überlegungen zur Team-Robotik zeigen, dass die ökonomisch relevante Zukunft der Robotik eben nicht nur aus spektakulären Humanoiden besteht, sondern aus gemischten Teams von Menschen und Robotern, die Rollen verteilen, Ausfälle kompensieren, soziale Beziehungen berücksichtigen und adaptiv zusammenarbeiten. Gerade weil Daten knapp und Situationen variabel sind, braucht es dort nicht bloß rohe Rechenleistung, sondern strukturierende Modelle, soziale Intelligenz und Integrationstiefe. Mit anderen Worten: Wer Robotik nur am Bühnenbild misst, unterschätzt die Fabrik.

Der deutsche Defekt heißt nicht Mangel, sondern Transfer

An einem Punkt treffen sich Wahlster und Müller-Lietzkow fast vollständig. Beide beschreiben einen Standort, der intellektuell oft stärker ist als wirtschaftlich. Wahlster sagt es im Nachgespräch in bemerkenswerter Nüchternheit: Deutschland habe viele starke Namen in der KI – und zugleich ein bekanntes Defizit, nämlich den Transfer. Man liefere Ideen, andere machten die Produkte. Sogar bei Grundlagen, die heute wieder im Zentrum der Debatte stehen, würden deutsche Beiträge oft zu wenig erzählt und noch seltener in weltmarktfähige Strukturen verwandelt.

Müller-Lietzkow formuliert denselben Befund härter: Man rede viel über digitale Souveränität und verschenke sie dann an andere; man sei im Patentwesen „immer schon mittelprächtig“ gewesen; man verweigere sich jener Denkweise, die Märkte groß erschließt, skaliert, verteidigt und zugleich selbstkannibalisierend innoviert. Deutschland, so ließe sich zuspitzen, liebt den Erfinder und misstraut dem Imperium, das aus seiner Erfindung erwachsen könnte.

Das ist womöglich der tiefste kulturelle Riss des Standorts. Die Republik der Ingenieure hat bis heute ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer eigenen technologischen Größe. Sie will Innovation, aber bitte ohne Machtgeruch. Sie will Souveränität, aber ohne strategische Härte. Sie will Exzellenz, aber nicht immer deren ökonomische Konsequenz.

Mehr München, weniger deutsche Gewissensakrobatik

Müller-Lietzkows Hinweis auf München ist darum mehr als ein regionaler Seitenhieb. Er beschreibt dort ein Modell, in dem Exzellenzuniversität und UnternehmerTUM nicht als Gegensatz, sondern als Symbiose erscheinen – also gerade jene Verbindung von Wissen, Unternehmertum, Kapital und institutionellem Mut, an der Deutschland sonst so oft laboriert. Sein Ruf nach „mehr München, weniger Separatismus“, nach mehr SPRIND im Geiste einer DARPA und nach einer nüchterneren Haltung zu Dual Use ist deshalb kein bloßes Organisationsdetail. Es ist ein Angriff auf das deutsche Missverständnis, wonach wissenschaftliche Reinheit und ökonomische Wirksamkeit sich gegenseitig beschmutzten.

Auch Wahlster denkt in diese Richtung, nur weniger polemisch. Seine menschenzentrierte KI ist gerade kein Gegenmodell zur Produktivität, sondern deren zivilisierte Form. Er spricht von Standards, Transparenz, nachvollziehbaren Begründungen und Systemen, die nicht nur helfen, sondern im Zweifel auch begründet verweigern können. Gerade darin liegt ja die eigentliche europäische Chance: nicht eine moralisch geschminkte Schwäche, sondern die Verbindung von technologischer Leistungsfähigkeit und institutioneller Vertrauenswürdigkeit.

Die Republik ist nicht von gestern – sie ist zu oft von vorgestern im Kopf

Was also bleibt von Schularicks Diagnose? Sehr viel Warnung – und zu wenig Trennschärfe. Deutschland ist nicht mehr die unangefochtene technologische Speerspitze, das stimmt. Es hat in den lautesten Zukunftsfeldern reale Rückstände, ebenfalls richtig. Aber daraus zu folgern, das Land sei im Kern nur noch Meister der Technologien von gestern, ist zu bequem. Es unterschlägt die deutsche Stärke in industrieller Tiefe, in spezialisierter Robotik, in menschenzentrierter und sozialer KI, in Integration, Präzision und wissenschaftlicher Substanz. Wahlster zeigt, dass gerade dort beachtliche Zukunft liegt. Müller-Lietzkow zeigt, dass die eigentliche Schwäche nicht im Können, sondern im Mindset, in der Regulierung, in der Kommerzialisierung und in der strategischen Kultur liegt.

Deutschlands Problem ist mithin nicht, dass es technologisch nichts mehr könnte. Sein Problem ist, dass es seine Stärken zu oft so behandelt, als seien sie peinliche Verwandte: nützlich, tüchtig, aber bitte nicht zu laut. Der Standort krankt weniger an fehlender Intelligenz als an fehlender Entschlossenheit, weniger an Substanzverlust als an Selbstverkleinerung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Deutschland nur noch zweite Liga ist. Die entscheidende Frage lautet, warum ein Land mit so viel Können sich so beharrlich daran gewöhnt hat, kleiner über sich zu sprechen, als es sein müsste. Gerade darin liegt die eigentliche Gefahr. Nicht im Abstieg selbst – sondern in der Gewöhnung an seine Erzählung.

Gesundheitspolitik: 66 Empfehlungen, aber kein Entwurf für die Zukunft @BMG_Bund @ninawarken @GKV_SV #ZukunftPersonalSüd

Die FinanzKommission Gesundheit legt ein Sparprogramm vor. Was fehlt, ist eine Idee vom modernen Gesundheitswesen.

Wenn die Wirklichkeit unübersichtlich wird, beruft man ein Gremium, versieht es mit Ernst, Zahlen und Fristen – und hofft, aus der Sprache der Verwaltung möge plötzlich Zukunft entstehen. Die FinanzKommission Gesundheit ist ein besonders lehrreicher Fall. Sie sollte Vorschläge liefern, wie die gesetzliche Krankenversicherung stabilisiert werden kann. Vorgelegt wurden 66 Empfehlungen. Das klingt nach großer Reform. Tatsächlich handelt es sich vor allem um einen Katalog der Begrenzung.

Man muss das nüchtern benennen. Dieses Papier ist kein Zukunftsprogramm. Es ist ein fiskalischer Eingriff in ein überfordertes System. Fast alles kreist um Vergütungsregelungen, Abschläge, Moratorien, Zuzahlungen und Steuererhöhungen. Gespart werden soll bei Honoraren, bei Zuschlägen, bei Erstattungen; herangezogen werden sollen Konsumenten, Versicherte, Arbeitgeber, der Bund. Die innere Logik ist klar: Das System wird teurer, also müssen seine Kosten gedämpft werden.

Nur beantwortet das noch nicht die entscheidende Frage: Warum ist dieses System überhaupt so teuer, so träge, so blind organisiert?

Die große Verwechslung

Die FinanzKommission behandelt die Finanzierungskrise, als wäre sie bereits die ganze Krise. Das ist der Denkfehler.

Denn das deutsche Gesundheitswesen leidet längst nicht nur an steigenden Ausgaben. Es leidet an einer veralteten Architektur. An Bürokratie. An Medienbrüchen. An Daten, die vorhanden sind, aber im entscheidenden Augenblick nicht helfen. An mangelnder Transparenz. An einer Prävention, die meist dort beginnt, wo sie eigentlich längst zu spät kommt. An einem Versorgungsalltag, in dem Menschen von Station zu Station, von Praxis zu Praxis, von Formular zu Formular geschoben werden, während die Informationen hinter ihnen zurückbleiben.

Wer darauf fast ausschließlich mit Vergütungsdeckeln und Steuerideen antwortet, repariert die Bilanz und lässt die Maschine unangetastet.

Das ist, ökonomisch betrachtet, kurzsichtig. Politisch betrachtet, bequem. Gesellschaftlich betrachtet, riskant.

Der Staat spart am Symptom

Natürlich: Ein Sozialstaat darf nicht so tun, als seien Milliardenlöcher eine Fußnote. Die Finanzlage der Kassen ist ernst. Aber Ernst entbindet nicht von Intelligenz. Im Gegenteil. Gerade wenn Geld knapp ist, müsste der Blick auf jene Hebel fallen, die Kosten gar nicht erst entstehen lassen.

Genau dort beginnt das, was man unter Smarter Health verstehen sollte.

Nicht als Schlagwort, nicht als Messevokabel, nicht als digitale Dekoration, sondern als nüchterne Organisationsidee: bessere Diagnosen, weil Daten rechtzeitig verfügbar sind; Echtzeitdaten statt Aktenwanderung; Prävention, bevor Krankheit chronisch und teuer wird; Personalisierung statt Gießkanne; Transparenz über Qualität, Wege und Ergebnisse; Telemedizin dort, wo der physische Termin keinen Mehrwert mehr bringt; digitale Patientenakten, die ihren Namen verdienen; weniger Doppeluntersuchungen, weniger Leerläufe, weniger Reibungsverluste.

Die schlichte Wahrheit lautet: Ein klüger organisiertes System spart anders als ein gekürztes System. Es spart nicht erst hinterher. Es spart vorher.

Die eigentlichen Milliarden liegen in der Dummheit des Systems

Wer heute über Einsparungen spricht, blickt meist reflexhaft auf Honorare und Beitragssätze. Das ist die kleinste Form politischer Fantasie. Die großen Summen liegen an anderer Stelle: in der Ineffizienz.

Sie liegen in zu späten Diagnosen.
In vermeidbaren Krankenhausaufenthalten.
In Rückfragen, Doppelbefunden und Wiederholungsuntersuchungen.
In fehlender Steuerung.
In papiergetriebenen Abläufen.
In Bürokratie, die Fachkräfte bindet, statt Patienten zu helfen.
In mangelnder Transparenz, die Überversorgung ebenso ermöglicht wie Fehlversorgung.

Hier liegt das eigentliche Potenzial. Smarter-Health-Konzepte könnten in den nächsten Jahren Einsparungen in einer Größenordnung von 60 Milliarden Euro ermöglichen – nicht als magischer Kassensturz, sondern als Summe aus vermiedenen Folgekosten, produktiverem Personaleinsatz, präziserer Prävention, weniger Doppelarbeit und einer Versorgung, die den Menschen endlich als Daten- und Behandlungskontinuum begreift statt als Wanderpokal zwischen Sektoren.

Das klingt technisch. In Wahrheit ist es hochpolitisch. Denn hinter jeder ineffizienten Struktur steht eine Entscheidung, sie weiter hinzunehmen.

Warum die Logik des Papiers so unerquicklich ist

Das unerquicklichste an diesem Bericht ist nicht seine Härte. Es ist seine Enge. Er denkt Gesundheit von der Abrechnung her, nicht von der Versorgung. Er fragt, welche Vergütung entfallen kann, nicht, welche Fehlsteuerung beseitigt werden müsste. Er sucht Entlastung im Rotstift, nicht im Umbau. Das ist jene eigentümlich deutsche Form von Nüchternheit, die auf den ersten Blick vernünftig wirkt und auf den zweiten wie ein Mangel an Vorstellungskraft erscheint.

Denn jeder weiß inzwischen, wo die Zukunft läge. In interoperablen Datenflüssen. In digitaler Primärversorgung. In kluger Patientensteuerung. In Präventionsmodellen, die Risiken früh erkennen, statt Schäden spät zu verwalten. In personalisierten Therapien, die wirksamer und oft wirtschaftlicher sind als die teure Gießkanne. In mehr Transparenz über Qualität und Ergebnisse. In einer Gesundheitsökonomie, die nicht jeden zusätzlichen Kontakt vergütet, sondern das bessere Resultat.

All das ist kein utopischer Gegenentwurf. Es ist der naheliegende.

Wo Deutschland sich selbst im Weg steht

Die Bundesrepublik besitzt eine fast rührende Begabung, Zukunft als Kostenproblem zu behandeln. Kaum taucht eine neue Infrastruktur auf, wird nicht zuerst gefragt, welchen Produktivitätsgewinn sie bringt, sondern welchen Haushaltstitel sie belastet. So rechnet man sich um den Fortschritt herum.

Gerade im Gesundheitswesen ist das fatal. Denn hier bedeutet jeder Verzicht auf digitale und datenbasierte Modernisierung nicht Stillstand, sondern Mehrkosten. Wer Prävention nicht intelligent organisiert, zahlt später für Chronifizierung. Wer Daten nicht verfügbar macht, bezahlt mit Doppelarbeit. Wer Transparenz scheut, finanziert Ineffizienz. Wer Fachkräfte mit Routinen überlädt, verschärft den Personalmangel. Wer die Patientenreise nicht steuert, produziert Überlastung an den falschen Stellen.

Das System wird also nicht deshalb unfinanzierbar, weil es zu großzügig wäre. Es wird unfinanzierbar, weil es an zu vielen Stellen noch immer auf eine Weise arbeitet, die sich ein alternder, personalarmer und hochkomplexer Sozialstaat gar nicht mehr leisten kann.

Das wäre eine Reform

Eine wirkliche Reform sähe anders aus.Sie würde die elektronische Patientenakte nicht als Verwaltungsübung behandeln, sondern als Rückgrat der Versorgung.
Sie würde Echtzeitdaten nutzbar machen – für Diagnostik, Prävention und Steuerung.
Sie würde Telemedizin nicht als Behelf dulden, sondern als regulären Bestandteil eines modernen Versorgungspfads.
Sie würde Prävention personalisieren, statt nur moralisch zu beschwören.
Sie würde Transparenz über Qualität, Kosten und Ergebnisse herstellen, damit aus Versorgung endlich auch Lernfähigkeit wird.
Sie würde Bürokratie abbauen, nicht mit Sonntagsreden, sondern mit standardisierten digitalen Prozessen.
Und sie würde die knappen Fachkräfte dort einsetzen, wo menschliches Urteil unersetzbar ist – statt sie in Formularlogiken zu versenken.

Davon liest man in dem 66-Punkte-Katalog zu wenig. Nicht nichts. Aber zu wenig, um von einem Entwurf für das kommende Jahrzehnt sprechen zu können.

Die falsche politische Hauptfrage

Seit Jahren wird die Debatte entlang einer falschen Frage geführt: Wer zahlt mehr? Die richtige Frage lautete: Warum produziert dieses System noch immer so viele vermeidbare Kosten?

Warum sind Diagnosen oft zu spät?
Warum reisen Informationen schlechter als Menschen?
Warum fehlt Transparenz dort, wo Milliarden bewegt werden?
Warum bleibt Prävention so oft unpräzise?
Warum ist digitale Steuerung noch immer die Ausnahme und nicht die Regel?

Solange diese Fragen nicht ins Zentrum rücken, wird jede Kommission nur neue Lasten verteilen. Sie wird Beiträge, Zuzahlungen, Steueranteile, Honorardeckel und Zuschlagslogiken verschieben. Das mag Haushalte beruhigen. Es modernisiert kein System.

Von der Gesundheitspolitik zur Arbeitswelt

Gerade deshalb lohnt der Blick auf jene Orte, an denen Gesundheit bereits praktischer, früher und intelligenter gedacht wird. Auf der Zukunft Personal Süd in Stuttgart am 21. und 22. April wird dieser Perspektivwechsel sichtbar.

Wenn Irene Rah in ihrer Session „Mental Health First Aid im Unternehmen – Von Awareness zu Handlungssicherheit“ zeigt, wie aus bloßer Sensibilisierung konkrete Handlungskompetenz wird, dann liegt darin ein Prinzip, das weit über die betriebliche Gesundheitsförderung hinausweist: Gesundheit verbessert sich nicht durch Absicht allein, sondern durch frühes Erkennen, klares Handeln und verlässliche Prozesse.

Und wenn Emilie Martin in „Der Mental Health Index: klare Daten für eine vorausschauende Gesundheitsstrategie“ darlegt, wie belastbare Daten eine bessere Gesundheitsstrategie ermöglichen, dann wird dort ausgesprochen, was auch für die große Gesundheitspolitik gilt: Ohne Daten bleibt Prävention Behauptung, ohne Transparenz bleibt Steuerung Illusion.

Darüber werden wir auch im Messe-TV-Studio sprechen. Denn die politische Aufgabe ist offenkundig. Das Gesundheitswesen muss nicht nur billiger werden. Es muss endlich intelligenter werden.

Pfaffen, Prüfer, Paragraphen: Arno Schmidt und Max Bense – Briefe im Gegenwind

Der bei Suhrkamp erschienene sechste Band der Bargfelder Ausgabe, herausgegeben von Michaela Nowotnick, versammelt den Briefwechsel Arno Schmidts mit Max Bense und macht sichtbar, was die frühe Bundesrepublik im Innersten war: eine nervöse Ordnungsmacht, die auf literarische Abweichung mit frommer Entrüstung, juristischer Drohkulisse und ökonomischer Austrocknung reagierte.

Ein Buch; und plötzlich liegt ein Jahrzehnt offen

Suhrkamp hat mit dem sechsten Band keinen bloßen Briefband vorgelegt, sondern ein Dokument der frühen Bundesrepublik im Rohzustand. Der Briefwechsel mit Max Bense — erweitert um Schreiben von und an Alice Schmidt, Elisabeth Walther und den AGIS-Verlag — zeigt, wie eng damals Literatur, Lebensnot, Verlagsarithmetik, Weltanschauungskampf und Zensurgefahr ineinandergriffen.

Der äußere Gegenstand ist rasch benannt. Als Arno Schmidt 1952 Max Bense kennenlernt, ist er auf der Suche: nach Geld, nach Publikationsorten, nach Resonanz, nach einem geistigen Umfeld, das ihn nicht mit jenem herablassenden Achselzucken behandelt, das die fünfziger Jahre für neue Prosa so gern bereithielten. Bense, Professor in Stuttgart, erkennt in Schmidts Werk früh eine literarische Radikalität, die er theoretisch zu lesen weiß und publizistisch nach vorn bringen will. Daraus entsteht ein Bündnis. Kein friedliches; kein gleichmäßiges; aber eines von beträchtlicher Energie.

Der eigentliche Reiz dieses Bandes liegt freilich nicht darin, daß sich hier zwei bedeutende Namen schreiben. Er liegt darin, daß diese Briefe das Klima eines Landes offenbaren, das seine Demokratie bereits beschwor, seine geistige Liberalität aber nur ungern praktizierte.

Nicht der Text allein; das Verfahren gegen ihn

Besonders scharf wird das am Fall „Seelandschaft mit Pocahontas“. Diese Erzählung, zuerst in Alfred Anderschs Zeitschrift „Texte und Zeichen“ erschienen und Max Bense gewidmet, wurde in der jungen Bundesrepublik nicht als Literatur gelesen, sondern als Anlaß zur Mobilmachung. Genau hier beginnt jene unerquicklich deutsche Spezialität, die man nicht mehr offiziell Zensur nennt, die aber faktisch auf Unterdrückung hinausläuft.

Im katholischen Milieu, das auf solche Dinge spezialisiert war, beherrschte man das Spiel über Bande. Da empörte sich nicht bloß irgendein frommer Leserbriefschreiber. Da griffen Milieus, Vereine, Anwälte, Wochenzeitungen, Staatsanwälte, Prüfstellen ineinander. Als Hauptwaffe diente die Bundesprüfstelle; ein eifriger Zuträger war der „Volkswartbund“, hervorgegangen aus dem „Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“ und dem Erzbischöflichen Ordinariat Köln unterstellt (die öffentliche Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe wurde erst 2014 in Nordrhein-Westfalen gestrichen). Was nach kirchlichem Vereinswesen klang, war in Wahrheit ein Apparat kultureller Fahndung. Werner Fuld hat diesen Typus treffend beschrieben: Buchhandlungen wurden systematisch durchkämmt, Anstöße gesammelt, moralische Entrüstung juristisch formatiert und an die Staatsanwaltschaft weitergereicht. Genau so funktionierte das. Nicht frontal; vielmehr geschniegelt. Nicht mit dem Bannspruch; mit Eingabe, Anzeige, Aktenzeichen.

Im Fall von „Seelandschaft mit Pocahontas“ wurde aus literarischer Kritik sofort Straflust. Im Rheinischen Merkur war von „Halbstarken“ die Rede; kurz darauf wurden Strafanzeigen gestellt — wegen § 166 und § 184 StGB, also wegen „Gotteslästerung“ und „Pornographie“. Angezeigt waren nicht nur Arno Schmidt als Verfasser, sondern auch Alfred Andersch als Herausgeber von „Texte und Zeichen“ und der Verleger Eduard Reifferscheid. Die Kirche hielt sich auch hier nicht nobel im Hintergrund. Wie die Edition festhält, wurden die Anzeigen auf Betreiben katholischer Stellen erhoben; genauer: Das Erzbistum Köln betrieb die literarische Strafverfolgung.

Und nun kommt das eigentliche Elend dieser Anstoßnehmer. Zwei Kölner Rechtsanwälte erklärten Schmidts Text zu einem Pamphlet „auf einer ganz ungewöhnlich niedrigen Kulturstufe“. Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Religionsgemeinschaften würden beschimpft; einzelne Stellen wüchsen zur öffentlichen Gotteslästerung aus. Beanstandet wurden unter anderem die Sätze: „Ich? Atheist, allerdings! Wie jeder anständige Mensch“ — und jener bitter präzise Gedanke: „Der Herr, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müßte schon ne merkwürdige Type sein — wenn’s ihn jetzt gäbe.“ Selbst „das bigotte Rheinland“ galt als taugliches Delikt. Das intellektuelle Niveau des Vorgangs ist damit hinreichend beschrieben.

Man darf hinzufügen: Das war nicht einfach empfindliche Religiosität. Das war Machttechnik. Es ging nicht darum, einen Satz zu widerlegen. Es ging darum, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

Für Bense ein Risiko; für Schmidt eine Existenzfrage

An dieser Stelle beginnt der Unterschied zwischen Bense und Schmidt, und der Suhrkamp-Band arbeitet ihn glänzend heraus. Bense war offensiv, beweglich, taktisch. Im Umfeld des Verfahrens dachte er, anwaltlich beraten, sogar an Gegenklage. Der Verleger bremste ihn eher, weil die öffentliche Aufregung den Absatz beförderte. Für Schmidt dagegen war dieselbe Sache kein publizistischer Nebel, sondern eine Bedrohung seines Daseins als Schriftsteller. Das ist keine Nuance; das ist der Kern. Bense konnte noch kalkulieren. Schmidt sah den Boden schwinden.

Bei der Marbacher Vorstellung des Bandes wurde diese Differenz noch einmal so deutlich, daß man sie nicht mehr vergaß. Michaela Nowotnick und Jan Philipp Reemtsma, von Jan Bürger moderiert, beschrieben Bense sinngemäß als einen Typus, der im Konflikt beinahe Spiellust entwickelte, während Schmidt in demselben Konflikt den Abgrund sah.

Genau diese Spannung verleiht dem Briefwechsel seine elektrische Ladung. Hier schreiben nicht zwei harmonische Geistesverwandte einander. Hier prallen zwei Arten aufeinander, gegen eine restaurative Gesellschaft anzutreten: die offensive; und die verwundbare.

Der „Augenblick“: Opposition in DM gerechnet

Wer wissen will, wie unerquicklich die materielle Grundlage dieser literarischen Opposition war, muß die Passagen über den „Augenblick“ lesen. Bense übernahm 1955 die Herausgeberschaft und schrieb an Karl Georg Fischer, seit etwa einem Jahr beschäftige er sich mit einem Zeitschriftenplan, „der der philosophischen und literarischen Opposition gewidmet sein soll“. Fischer stellte anfänglich 500 DM pro Heft für Redaktion und Honorare in Aussicht; Bense hielt das zunächst für ausreichend, dachte an geringe Honorare und daran, einen Teil dieser 500 Mark gleich wieder in Werbung zu stecken. Schon dieser Anfang sagt alles: große Frontstellung; kleine Kasse. Hat sich nicht viel geändert…..

Dabei war das Programm von seltener Klarheit. Der Kampf, schrieb Bense, gelte dem „theologisierenden Mischmasch“, der literarischen Gartenlaube, der ästhetischen Reaktion; Besprechungen könnten „nicht aggressiv genug sein“. Der „Augenblick“ sollte, so formuliert die Edition, ein „Sammelbecken neuer junger Autoren“ sein, ein Ort des anderswo nicht Druckbaren. Das war keine kulturpolitische Dekoration. Das war Frontalopposition.

Nur rechnete die Wirklichkeit anders. Im Oktober 1956 zog Fischer Bilanz. Der „Augenblick“ habe 1955 einen Zuschuß von rund 6000 DM erfordert, 1956 bewege sich der Zuschuß wiederum zwischen 5000 und 6000 DM. Jeder Heftsatz koste einschließlich Honorar über 2000 DM, Verwaltungskosten noch gar nicht eingerechnet. Etwa 450 Abonnenten seien vorhanden, für 1957 bereits rund 80 Abbestellungen. Tragen werde sich die Zeitschrift erst bei mindestens 1500 Abonnenten. Also, so Fischer in jener erschöpften Offenheit, die kleinen Verlegern eigentümlich ist, ganz klipp und klar: entweder 1000 neue Abonnenten oder ein externer Zuschuß von 5000 DM; sonst sei ab 1957 Schluß.

Das ist der Punkt, an dem aus Literaturgeschichte plötzlich Wirtschaftsdrama wird. Der Verlag hatte zwei Jahre lang Verluste geschultert und kapitulierte nun an der simplen Frage, wer den Luxus geistiger Unbequemlichkeit bezahlen sollte. Fischer sprach zugleich von der neuen Zeitschrift „maschine 2“, für die bis dahin gerade einmal drei Probebestellungen und eine Viertelseite Anzeigen vorlagen. Das ist fast komisch; wäre es nicht so unerquicklich wahr.

Benses Antwort: kein Rückzug, kein Gesinnungswechsel

Bense reagierte scharf. Das Schreiben vom 1. November 1956 gehört zu den stärksten Dokumenten des Bandes. Was Arno Schmidt betreffe, schrieb er, so sei er überzeugt, daß dieser „ein Autor ersten Ranges“ sei und zugleich „eine politisch-antirestaurative Funktion“ habe; „wir sind verpflichtet, für ihn einzutreten“. Würde man diese Art der Argumentation nun aufgeben, bedeute das eine „ideologische Schwenkung“ des ganzen Verlagsunternehmens.

Noch härter wird der Ton, wo Bense auf die Abwicklung des „Augenblicks“ zu sprechen kommt. Es sei nicht richtig und nicht rechtlich, die Zeitschrift zum 1. Januar 1957 eingehen zu lassen, ohne die angenommenen Manuskripte und die bereits vorbereiteten Hefte ordentlich zu behandeln. So einfach gehe das nicht; zwei weitere Hefte müßten erscheinen, und für das letzte brauche es eine gemeinsame Erklärung. In diesen Sätzen verteidigt Bense nicht nur eine Zeitschrift. Er verteidigt Linie. Kurs. Man könnte auch sagen: Er wehrt sich gegen jenen typisch westdeutschen Rückzug in die kaufmännische Vernunft, sobald es geistig unerquicklich wird.

Der zweite Start; oder: Bense zieht die Klinge

Wie sehr Bense den publizistischen Kampf nicht als Hobby, sondern als Auftrag verstand, zeigt das Vorwort zum Neustart des Augenblicks nach einjähriger Pause. Das ist kein editorisches Beiwerk, das ist ein Manifest. Dort heißt es, die Zeitschrift setze ihre Arbeit fort, „gewidmet dem Experiment und der Tendenz als den unseres Erachtens einzigen wesentlichen Kategorien des Schöpferischen“. Und dann folgt der Satz, der die ganze Härte dieser fünfziger Jahre in die Gegenhärte der Form zurückwirft: „Der Rest ist Unterhaltung oder Manöver, Rosenzucht oder Wallfahrt zu alt gewordener Männer.“

Man muß diesen Satz nicht einmal kommentieren; er kommentiert das Milieu. Da spricht einer, der genau weiß, gegen wen er schreibt: gegen Feuilletongemütlichkeit, gegen Managergeist, gegen jene geschmeidige, vaterländisch geschniegelt auftretende Langeweile, die im Nachkriegsdeutschland so gern für Vernunft gehalten wurde. Bense wollte keine Begleitmusik. Er wollte Störung.

In Marbach wurde aus Archiv wieder Gegenwart

Daß die Vorstellung des Bandes in Marbach nicht mit Weihrauch, sondern mit Spannung verlief, ist im Grunde folgerichtig. Michaela Nowotnick machte zusammen mit Jan Philipp Reemtsma, präzise moderiert von Jan Bürger, sichtbar, was diese Edition leistet: Sie archiviert nicht bloß Briefe, sie gibt Konflikten ihre Körper zurück. Da war plötzlich wieder von Holzklasse und Hotelnot die Rede, von einem Schriftsteller, der sich Stuttgart und den Rundfunk nur für eine Nacht leisten konnte, von einem Kreis, der Schmidt auf einmal ernst nahm, wo Verlage zuvor nur Achseln gezuckt hatten. Vor allem aber war da wieder die Macht der Reaktion spürbar: Pfaffen, Pornographievorwürfe, Prozesse, Zensurdruck. Man hörte, was für Schmidt ein solcher Vorgang bedeutete: nicht PR, sondern Panik.

Ein Briefwechsel, der die Republik verrät

Das große Verdienst dieses Bandes besteht darin, daß er die fünfziger Jahre nicht aus ihren Sonntagsreden liest, sondern aus ihren Reizstellen. Von dort aus erscheint die junge Bundesrepublik in einem anderen Licht. Nicht als geläuterte Ordnung; eher als ein Land, das seine demokratische Fassade schnell aufrichtete und zugleich jene alten Reflexe konservierte, die Literatur nur dann dulden, wenn sie geschniegelt, fromm und folgenlos bleibt.

Arno Schmidt war dafür unbrauchbar. Max Bense ebenfalls — wenn auch auf andere Weise. Deshalb sind diese Briefe heute so lesbar. Sie zeigen nicht bloß zwei Autoren, sondern ein System aus Abwehr und Gegenwehr. Auf der einen Seite Kirche, Milieu, Prüfstelle, Anzeigen, verlegerische Feigheit. Auf der anderen Seite Sätze, die nicht kuschten. Man kann das pathetisch finden. Man kann es auch nüchtern so sagen: Selten hat ein Briefband deutlicher gezeigt, wie sehr Literatur in Deutschland nicht am Stil allein, sondern an den Verhältnissen geprüft wird.

Siehe auch:

https://www.arno-schmidt-stiftung.de

Wenn die Kunst aus dem Rahmen fällt: Ein Sammelband, der die alte Frage wieder unter Strom setzt

Autonomie ist ein schönes Wort, solange es in Seminaren herumliegt. Dort glänzt es wie ein geerbtes Silberbesteck der deutschen Ästhetik: Kant hat es poliert, Schiller hat es aufgedeckt, Adorno hat es gegen den Alltag verteidigt. Sobald man das Wort aber aus der Vitrine nimmt und an die Gegenwart hält, wird es unerquicklich lebendig. Dann sitzt auf einmal nicht nur der Staat mit am Tisch, nicht nur der Markt, nicht nur die Moral, nicht nur der Aktivismus, sondern auch die Maschine, dieses freundliche Rechenungeheuer, das Bilder ausspuckt, als hätte es nachts bei Rembrandt, Duchamp und Instagram hospitiert. Genau in diesem Moment kommt Stefan Oehms Sammelband „Kann Kunst autonom sein?“ zur rechten Zeit. Er versammelt die Frage nicht als Museumsstück, sondern als Streitfall. Und das ist schon mehr, als viele Ästhetikbände leisten, die am Ende klingen, als habe man ihnen die Luft mit einem Philosophiekompressor ausgeblasen. Der Band ist breit angelegt, interdisziplinär, nicht frei von den üblichen Unebenheiten des Formats, aber klug genug, die Autonomie nicht als Besitzstand, sondern als Konfliktzone zu behandeln. Das Spektrum reicht von KI-Kunst über philosophische und soziologische Kritik, Ökologisierung, Musik und Literatur bis hin zu grundsätzlichen begrifflichen und historischen Erkundungen.

Die beiden stärksten Pole dieses Buches liegen für mich nicht zufällig weit auseinander und sprechen doch ständig miteinander: Klaus Honnef mit seiner historischen Genealogie der Kunstautonomie und Oliver Ruf mit seinem medienästhetischen Blick auf die Gegenwart der KI. Der eine seziert die lange Emanzipationsgeschichte der Kunst aus Kult, Hof, Akademie und Salon; der andere zeigt, dass dieselbe Frage heute unter digitalen Bedingungen erneut aufspringt, nur dass der Gegner nicht mehr allein der Fürst oder die Académie heißt, sondern Datensatz, Interface, Rechenleistung und Modell. Zwischen beiden Texten verläuft eine unsichtbare Leitung. Und genau über diese Leitung schießt der Strom des ganzen Bandes.

Vom Altar zum Atelier, vom Hof in den Rauch der Cafés

Honnef beginnt mit einer wohltuenden Unverschämtheit: Kunst ist nicht autonom. Punkt. Oder genauer: Sie ist es nie ganz, sondern nur relativ, nur historisch, nur unter Bedingungen. Das ist der erste gute Satz seines Kapitels und vielleicht der beste Ausgangspunkt des ganzen Buches. Denn damit ist der Kitsch vom Tisch, der Autonomie gern als metaphysische Adelung behandelt. Honnef erzählt stattdessen eine Sozialgeschichte der Freiheit. Künstler waren zunächst keine freien Geister, sondern Handwerker unter Aufsicht. Die Kirche schrieb Zwecke vor, Verträge regelten Gold und Ultramarin, Höfe lockten mit Rang und Versorgung, bezahlten aber mit Unfreiheit. Selbst die Renaissance erscheint bei ihm nicht als Explosion des Genies, sondern als mühsam errungene Lockerung der Fesseln: mehr Spielraum, neue Auftraggeber, wachsendes Selbstbewusstsein, Akademien, Diskurse, Märkte. Freiheit tritt hier nicht als Offenbarung auf, sondern als allmählicher Kompetenzgewinn.

Das ist präzise, historisch satt und wohltuend frei von Sonntagsrhetorik. Honnef zeigt, wie aus Kultbildern Kunstwerke wurden, wie sich ein künstlerisches Feld ausbildete, wie Museen, Kritik, Handel und Sammler jenes komplexe System schufen, das später den Nimbus der autonomen Kunst verwaltete und zugleich ökonomisch verwertete. Er beschreibt, wie sich der alte Glanz des Sakralen in säkularisierter Form auf das Museum übertrug, dieses moderne Heiligtum mit Tempelfassade, und wie Kunsthandel, Sammler und Institutionen am Ende ein autonomes System im soziologischen Sinn bildeten. Das ist stark beobachtet. Denn tatsächlich ist die moderne Kunstfreiheit nie nur die Freiheit des einzelnen Künstlers gewesen. Sie war immer auch die Freiheit eines Apparats, der Kunst als eigenen Wert, als eigenes Spiel, als eigene Währung beglaubigt.

Besonders gut wird Honnef dort, wo er den französischen Knoten aufzieht: Académie, Salon, Manet, symbolische Revolution. Seine Manet-Lektüre hat Wucht. Das „Frühstück im Grünen“ erscheint nicht als bloßer Skandal hübscher Leute, sondern als Frontalkollision mit der akademischen Ordnung. Nicht die nackte Frau war der eigentliche Affront, sondern die malerische Unbotmäßigkeit selbst: Flächigkeit statt Illusion, Farbe statt Regelgehorsam, Bild statt Abbild. Manet malt nicht gegen die Gesellschaft als Tribun, sondern gegen eine falsche Vorstellung von Malerei. Genau daraus gewinnt Honnef seine vielleicht treffendste Einsicht: Kunstautonomie entsteht nicht zuerst durch Botschaft, sondern durch eine Praxis, die ihre Maßstäbe in der Kunst selbst sucht. Darin liegt die Würde dieses Kapitels. Es nimmt die Werkfrage ernst.

Wo Honnef nobel bleibt, lachen die Inkohärenten

Und doch hat Honnefs Geschichte, bei aller Gelehrsamkeit, einen blinden Fleck. Sie ist die Geschichte der Autonomie von oben und aus der Mitte: Altar, Hof, Akademie, Salon, Museum, Kritik. Was ihr fehlt, ist die Autonomie im Gelächter. Die Straßenbahnversion der Freiheit. Die Pariser Rückseite der feinen Revolte.

Hier drängen sich die Inkohärenten ins Bild, diese anarchische Truppe um Jules Lévy, das Chat Noir, die Hydropathen und Fumisten, die in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts aus der Modernisierung von Paris eine explosive Ästhetik des Absurden machten. Man muss sich die Szene vorstellen: Haussmann hat die Stadt geschniegelt, Achsen gezogen, Quartiere zerschnitten, Fassaden gleichgerichtet, den Boulevard zur Choreographie der Ordnung gemacht. Aus dieser überdrehten Urbanistik, aus der Dressur der Sichtachsen, aus der Glätte der neuen Paris-Maschine wächst ihre Gegenkunst wie Schimmel an einer frisch gestrichenen Wand. Alles, was geschniegelt ist, ruft das Obszöne des Zufalls hervor. Alles, was zu ordentlich ist, weckt den Drang, Unsinn zu treiben. Genau darin liegt die historische Pointe. Die Inkohärenten sind keine Fußnote; sie sind die Gassenkinder der Moderne.

Bei ihnen war fast alles erlaubt, nur der Ernst nicht. Preise wurden verlost. Man zeigte Köpfe ohne Gesichter, betende Schweine, bizarre Dingpaarungen, monochrome Witze, frühe Parodien auf die Mona Lisa, also schon vor Duchamps Schnurrbart den Verdacht, dass Kunst auch mit Ironie, Montage und Herabsetzung arbeiten kann. Das ist nicht bloß ein lustiges Kuriositätenkabinett. Es ist eine andere, viel schmutzigere Genealogie der Autonomie. Während Honnef die noble Emanzipation der Kunst aus kirchlicher und akademischer Bevormundung nachzeichnet, führen die Inkohärenten vor, dass Freiheit auch heißen kann, die Zumutung des Sinns selbst anzugreifen. Nicht Freiheit zum Werk, sondern Freiheit zur Sabotage. Nicht nur Malerei aus Malerei, sondern Spott aus Überdruss. Ohne Haussmanns geordnete Schnitte, ohne die Gleichförmigkeit der Boulevards, ohne die neue Pariser Disziplin wäre diese Inkohärenz womöglich nie mit solcher Vehemenz aufgetreten. Sie ist die obszöne Schwester von Honnefs Manet: weniger edel, weniger heroisch, aber vielleicht moderner.

Damit wird auch Honnefs Manet-Geschichte noch einmal schärfer. Die Revolte gegen die Akademie hatte eben zwei Gesichter: hier die malerische Wahrheit der Fläche, dort die Lachsalve gegen jede Wahrheit, die geschniegelt auftritt. Der Salon des Refusés und das Kabarett des Chat Noir gehören tiefer zusammen, als es die offizielle Kunstgeschichte lieb hat. In dem einen Raum wird die Malerei autonom, im anderen die Zumutung, dass Kunst überhaupt kohärent sein müsse.

Oliver Ruf und die Maschine, die nicht bloß Werkzeug sein will

Oliver Ruf setzt an einem ganz anderen Punkt ein und trifft doch denselben Nerv. Sein Kapitel trägt den schönen, leicht sperrigen Titel „Medien-Affizierung. Kunst – ästhetische (Post-)Autonomie – ‚Künstliche Intelligenz‘“. Das klingt zunächst nach einem Wort, das seine eigenen Schuhe zubindet. Der Text selbst ist besser als sein Titel. Ruf geht klugerweise nicht der Kinderfrage nach, ob KI „auch Kunst kann“. Er behandelt KI-Kunst vielmehr als Brennglas. Durch dieses Brennglas werden alte ästhetische Fragen plötzlich wieder heiß: Wer produziert? Wer entscheidet? Wo sitzt Autorschaft? Was heißt Schöpfung, wenn der Produktionsprozess auf verteilten Instanzen beruht? Und was bleibt von der Autonomie, wenn das Werk durch und durch medial affiziert ist? Ruf öffnet den Begriff der Autonomie dabei nach innen und außen zugleich: nicht bloß als Unabhängigkeit von fremden Verwendungsansprüchen, sondern als besondere Weise, wie ästhetische Erfahrung sich konstituiert, wie Kunst wahrgenommen, zugerichtet, affiziert wird. Das ist sein stärkster Gedanke. Autonomie ist für ihn keine Festung, sondern eine Blickbewegung.

Ruf ist besonders überzeugend, wenn er die WDR-Diskussion von 1970 aufruft, jenen herrlich verqualmten, halb außer Kontrolle geratenen Podiumsabend mit Wieland Schmied, Max Bense, Max Bill, Arnold Gehlen und Joseph Beuys. Das Fernsehen konnte damals noch Formate hervorbringen, in denen Denken nicht geschniegelt daherkam, sondern unter Scheinwerferhitze und Rauchdruck miteinander rang. Ruf liest diese Diskussion als Vor-Szene unserer Gegenwart. Und er hat recht. Denn dort stritten nicht nur Männer mit starken Eitelkeiten. Dort prallten zwei Modelle des Schöpferischen aufeinander: hier Beuys mit der Erweiterung des Kunstbegriffs, mit dem Satz, jeder Mensch sei ein Kreativer; dort Bense als Vertreter kybernetischer Rationalisierung, flankiert von Bill und Gehlen, skeptisch gegenüber jeder Weitläufigkeit, die nach Weltpädagogik klingt. Wer dieses Gespräch heute hört, vernimmt bereits die Frage, die später an die KI gestellt wird: Braucht Kunst ein einmaliges schöpferisches Subjekt, oder reicht ein Verfahren, eine Disposition, ein offenes Werk? Ruf zeigt, wie dicht dieser alte Streit an die Gegenwart heranrückt.

Sein Kapitel gewinnt noch einmal, sobald man den von ihm geöffneten Zeithorizont ernst nimmt und die Linie zurück zu Max Bense und zur frühen Computerkunst zieht. Dann wird sichtbar, dass die heutige Debatte nicht in Kalifornien geboren wurde, sondern eine längere europäische Vor- und Untergeschichte besitzt. Bense und die Stuttgarter Schule wollten die Kunst aus der subjektiven Willkür befreien, sie rationalisieren, messen, semiotisch und informationstheoretisch modellieren. Aus Birkhoffs Formel für Ordnung und Komplexität wurde bei Bense eine „exakte“ Mikroästhetik, gespeist aus Shannon und Wiener, also aus Kommunikationstheorie und Kybernetik. Das war nicht einfach technikgläubig; es war der Versuch, dem Ästhetischen eine neue Grammatik zu geben. Herbert W. Franke gehört in diesen Horizont der frühen Computerkunst ebenso wie Noll, Nees und Nake. Die Maschine wird hier zum Studioinstrument, aber nie ganz zum Souverän. Sie generiert, variiert, permutiert, sie produziert Muster und Überraschungen, doch sie ersetzt nicht die Entscheidung, wann aus einem Ergebnis ein Werk wird.

Gerade an dieser Stelle hätte Ruf noch böser werden dürfen. Denn die Geschichte von Bense und Franke ist nicht nur eine Vorgeschichte der KI-Kunst, sondern auch ihr Dementi. Die frühe Computerkunst zeigt nämlich mit einer fast komischen Deutlichkeit, woran alle Maschinenkunst hängt: an Modellen, an Parametern, an den Vorentscheidungen ihrer Zeit. Die Programme spiegeln Geschmack, Imaginäres, ästhetische Konventionen. Und ihr Zufall ist kein wirklicher Zufall, sondern mathematisch erzeugte, also kontrollierte Unberechenbarkeit. Die Maschine improvisiert nicht, sie exekutiert ein Gerüst. Selbst dort, wo die frühe Computerkunst das Subjekt entthronen wollte, blieb am Ende der Moment des Geschmacks, der Auswahl, des Abbruchs, des „So ist es gut“ beim Menschen. Genau deshalb wirkt die Gegenwart mit ihren neuronalen Netzen weniger revolutionär, als ihre Reklame behauptet. Sie ist eine gigantische Ausweitung desselben Problems. Das Programm produziert Varianten; die Zurechnung des Gelingens bleibt unerquicklich menschlich.

Ruf kommt diesem Punkt sehr nahe, wenn er von der Prozessualität spricht, vom „offenen Werk“, von der Medien-Affizierung, davon, dass Kunst und Autonomie dank KI in Bewegung bleiben. Das ist richtig. Und doch steckt die eigentliche Pointe noch tiefer: KI zerstört die Autonomie der Kunst nicht. Sie entzaubert nur eine ohnehin schiefe Vorstellung von ihr. Sie zeigt, dass Kunst nie rein war, sondern immer schon aus Material, Technik, Überlieferung, Wahrnehmung, Macht und Verfahren bestand. Die Maschine demaskiert den Mythos vom absoluten Ursprung. Mehr nicht. Aber das ist schon eine Menge.

Der Rest des Bandes: viel Theorie, einige gute Widerhaken

Dass dieser Sammelband mehr will als die Gegenüberstellung von Freiheitsgeschichte und KI-Debatte, ist sein Verdienst. Markus Ambach rückt die moderne Dekontextualisierung ins Licht, Frauke Kurbacher fragt philosophisch nach der Freiheit der Kunst, Uta Karstein verfolgt die Krise der Autonomie bis in neue Arbeitsbündnisse hinein, Nina Tessa Zahner bringt die Ökologisierung ins Spiel. Dazu kommen Musik und Literatur, Bertrams Paradigma, Feiges Verteidigung, Oehms Kritik am notorisch unscharfen Gebrauch des Kunstbegriffs. Man liest das nicht alles mit derselben Lust. Aber als Chor funktioniert es. Denn aus vielen Richtungen hört man dieselbe Nachricht: Kunstautonomie ist weder Fetisch noch Schrott. Sie ist eine historisch gewachsene, ständig bedrohte und ständig umgebaute Betriebsform des Ästhetischen.

Autonomie ist kein Zustand, sondern eine schlechte Angewohnheit der Freiheit

Am Ende bleibt von Kann Kunst autonom sein? weniger eine Antwort als eine produktive Unruhe. Honnef zeigt, dass Autonomie nie vom Himmel fiel, sondern durch Kirchenportale, Höfe, Akademiesäle, Salons, Museen und Märkte hindurchgegangen ist. Ruf zeigt, dass sie auch im Zeitalter der KI nicht verschwindet, sondern ihre Adresse wechselt. Die Inkohärenten lehren nebenbei, dass man Freiheit nicht nur in der Noblesse der Malerei findet, sondern auch im Gelächter, in der Montage, in der Attacke auf den Ernst. Und Bense samt früher Computerkunst beweisen, dass die Maschine schon lange vor den heutigen Modellriesen im Atelier stand, allerdings nicht als Genie, sondern als hochbegabter Assistent mit Rechenschieberseele.

Der Sammelband von Stefan Oehm ist mit 445 Seiten kein Leichtgewicht und will es nicht sein. Er hat die üblichen Schwächen seiner Gattung, manche Strecke ist trocken, manche Passage zieht den begrifflichen Mantel enger, als gut für sie ist. Aber dort, wo dieses Buch wirklich bei sich ist, gelingt ihm etwas Seltenes: Es macht eine klassische Frage wieder unerquicklich gegenwärtig. Vielleicht ist das die brauchbarste Definition von Kunstautonomie, die man aus dieser Lektüre mitnehmen kann. Nicht Reinheit. Nicht Abschottung. Nicht die Pose des unberührbaren Werks. Sondern die Fähigkeit der Kunst, unter wechselnden Bedingungen ihre eigene Form von Ungehorsam zu entwickeln. Mal als Flächigkeit bei Manet, mal als Pissoirschock bei Duchamp, mal als Pariser Gelächter im Chat Noir, mal als Rechenbild aus Stuttgart, mal als algorithmisch induzierte Sinnesreizung auf dem Display. Autonom ist Kunst nicht dann, wenn sie sich von der Welt fernhält. Autonom ist sie in dem Augenblick, in dem sie sich von keiner Instanz das letzte Wort diktieren lässt.