Gibt es neue Eliten im Social Web, die den Ton angeben?

Wer sind die neuen Meinungsmächtigen?
Wer sind die neuen Meinungsmächtigen?

Gestern habe ich mich ja mit der sinkenden Deutungsmacht der alten Eliten bei der Bildung öffentlicher Meinung beschäftigt. Das wird in meiner morgigen The European-Kolumne vertieft. Die Frage sei erlaubt, ob die alten Machtstrukturen und Meinungsmacher sich in irgendeiner Form über Wasser halten. Können die Offline-Taktgeber auch online den Ton angeben? Wenn sie nicht in den Dialogmodus umschalten, wird das schwer fallen:

„Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen“, schreibt etwa Dirk von Gehlen.

Wenn die etablierten Journalisten das Gespräch mit der Netzöffentlichkeit nicht suchen, profitieren andere Meinungsmacher, die sich nicht bequem zurücklehnen und auf Kommentare mit Nichtbeachtung reagieren. Sozialwissenschaftlich wären aber andere Fragen interessanter:

Gilt auch im Social Web das berühmte Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung? Ziehen also 20 Prozent aller Knoten im Netz 80 Prozent aller Links auf sich? Wo sich Vielfalt, Ungleichheit und Abweichungs-Verstärkung verkoppeln, stellt sich die 1897 von Vilfredo Pareto entdeckte Verteilung ein, die man in einfachster Mathematik durch die Formel y = 1/x abbilden kann.

Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte:

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Im Netz gibt es aber sehr viele 80/20-Verteilungen mit sehr geringen Schnittmengen. Systemingenieure, die sich über Netzwerke austauschen, unterscheiden sich von der Gaming-Community oder von Koch-Fans. Die politischen Netzaktivisten haben kaum Zugang zu den Stars der Youtube-Szene. In all diesen Netzwerken könnte Pareto mit seiner Formel fündig werden – nur den einen großen Haufen gibt es nicht mehr. Die liebwertesten Elite-Gichtlinge der Republik müssen halt etwas bescheidener auftreten oder alternative Beschäftigungen zur Ego-Pflege suchen – Golf, Mensch-ärgere-Dich-nicht oder Pullover stricken. Gibt es nun eine neue deutungsmächtige Elite, die sich im Netz etabliert und gelten die alten Mechanismen der Meinungsbildung auch im Internet? Wer dazu empirische Befunde hat, kann sie gerne live bei Bloggercamp.tv oder in ichsagmal-Inteviews via Hangout on Air vorstellen. Würde mich freuen.

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Was wir beim Kölner #StreamCamp13 am Wochenende so alles vorhaben

Endlich ist StreamCamp-Zeit
Endlich ist StreamCamp-Zeit

So langsam steigt bei mir die Nervosität. Übermorgen geht es im Kölner Startplatz los mit dem ersten StreamCamp, das bislang zur Streaming-Technologie auf die Beine gestellt wurde. Beim Barcamp seid Ihr ja die Programmgestalter und stellt jeweils am Samstag und Sonntag im Session-Pitch Eure Ideen vor. Auch wir halten uns an diese Gepflogenheiten. In den vergangenen Wochen sind aber schon einige Themen von uns eingesammelt worden, um Euch Anregungen zu geben. Ihr habt die Qual der Wahl – an den URLs erkennt man ja das jeweilige Thema zum Herausfischen 😉

Preise:

http://schleeh.de/streamcamp-informationen-und-attraktive-preise-fuer-die-besten-sessions/

Themen:

https://ichsagmal.com/2013/11/13/webvideos-livstreaming-und-die-graswurzel-talkkultur-streamcamp13-grimme_akademie-videopunk/

http://streamcamp.de/livestreaming-statt-schwerfaellige-pressekonferenz-streamcamp13-bloggercamp-tv/

https://ichsagmal.com/2013/11/11/jedermann-tv-jenseits-vom-massenmarkt-mfmw-streamcamp13/

http://streamcamp.de/warum-unternehmen-eine-erweiterte-medienkompetenz-benoetigen-und-zum-streamcamp13-kommen-sollten/

https://ichsagmal.com/2013/11/08/best-of-livestreaming-streamcamp13-sessionvorschlag/

https://ichsagmal.com/2013/11/08/presskoter-und-tintenstrolche-audio-livestreaming-von-wortspielradio-beim-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/11/07/warum-wir-merkel-medienpolitisch-weiter-besiegen-mussen-sessionvorschlage-furs-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/11/06/echtzeitkommunikation-via-livestreaming-streamcamp13-vorschau-bloggercamp-tv/

https://ichsagmal.com/2013/11/06/autodidaktische-tv-produzenten-ein-blick-in-die-streaming-wundertute-bloggercamp-tv-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/11/04/barcamps-statt-hochglanz-gequatsche-uber-die-kalenderweisheiten-der-slipper-manager-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/10/30/digitaler-standstreifen-unterwegs-auf-unternehmens-autobahnen-im-schneckentempo-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/10/28/streamcamp13-als-experimentierlabor-fur-neue-kommunikationsformen/

https://ichsagmal.com/2013/10/21/technik-experimente-auf-dem-streamcamp13-in-koln-ruhrnalist/

https://ichsagmal.com/2013/10/03/digitale-flaschenpost-an-die-zukunft-jeder-ist-ein-fernsehsender-streamcamp13/

https://ichsagmal.com/2013/09/03/themen-furs-streamcamp13-twitch-tv-und-die-uberwacher-uberwachung/

https://ichsagmal.com/2013/09/02/hangout-on-air-hidden-champion-der-kommunikation-streamcamp13/

Und nicht zu vergessen. Es gibt noch Wochenend-Tickets für schlappe 20 Euro.

Bis zum Samstag 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂

Jetzt live: Oldtimer der Landwirtschaft #Agrichtechnica #StreamCamp13 #Bloggercamp.tv

Ab 16 Uhr, Außenreporter Hannes Schleeh berichtet live von der Agritechnica.

Hier gibt es weitere Infos zu den Spielzeugmodellen 🙂

Webvideos, Livstreaming und die Graswurzel-Talkkultur #StreamCamp13 @grimme_akademie @videopunk

Vorstellung des Grimme-Buches "Einfach fernsehen"
Vorstellung des Grimme-Buches „Einfach fernsehen“

Webvideos haben sich in den vergangenen sieben Jahren zu einem Massenphänomen entwickelt, so Markus Hündgen aka Videopunk bei der Präsentation des neuen Buches „Einfach fernsehen“ vom Grimme-Institut in Köln.

Das sei kein Hype und auch keine Internet-Blase wie im Jahr 2000. Als Beleg für seine These verweist Hündgen auf die Popularität des Webvideopreises, der 2011 erstmalig vergeben wurde. Die Idee dabei: Webvideo kills the TV-Star.

„Eine Revolution von ganz unten. Zwei Jahre weiter – wir sind alle ein bisschen erwachsener geworden – spiegelt der Deutsche Webvideopreis den kulturellen Umbruch in der Gesellschaft wider. Gekürt werden die besten Werke und ihre Macher aus dem Vorjahr, eine Retrospektive fernab agentur-verseuchter Viral-Hits und medial-geschwängerter Schluckaufe. In den vier Monaten des Wettbewerbs 2013 nahmen fast eine Millionen Menschen teil. Sie reichten Lieblingsvideos ein, stimmten für ihre Favoriten – oder sich selbst (hat Konrad Adenauer ja auch gemacht, gs)“, schreibt Hündgen gemeinsam mit Dimitrios Argirakos für den Sammelband des Grimme-Instituts.

Die Autoren verweisen auf das Credo des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Tom Sherman, der noch vor dem Youtube-Siegeszug ein radikales Umdenken forderte: Nicht nur sei der Zuschauer der neue Programmchef, er habe auch die Aufgabe, einem neuen Mediengenre neue Deutungen zu geben. Video müsse eine eigene Sprache finden, um sich von der TV-Vergangenheit zu emanzipieren.

Davon lässt sich auch Borja Schwember – in Webvideo-Kreisen als Dr. Allwissend bekannt – treiben. Er grenzt sich ein wenig von Katrin Bauernfeind ab. Sie mache im Fernsehen nichts anderes als im Netz. Ihre Web-Show war nichts anderes als klassische Moderation.

„Was viele Leute auf Youtube machen, ist ein bisschen mehr. Es ist die Interaktion und der Dialog mit dem Publikum. Was wir machen, ist mehr Social Media als Fernsehen.“

Ob die neuen technologischen Möglichkeiten wie Livestreaming, Google Glass oder OneShot-Videojournalismus auch von professionellen Fernsehjournalisten für neue Medienexperimente genutzt werden können, sieht Markus Hündgen kritisch.

Warum stehen Fernsehen und die handelnden Personen vor dem Aus? Hündgen stört die Haltung vieler Akteure, Produktionen, die man für das Fernsehen nicht vermarkten kann, im Netz unterzubringen. Mit dem Netz müsse man anders umgehen:

„Das ist Social Media, wie Borja das sagt. Das begreifen viele dieser TV-Stars nicht. Sie meinen, jetzt mit Hangouts anzufangen oder irgendetwas zu twittern oder zum Twittern noch ein Team einzusetzen und halten das für einen starken Auftritt im Netz.“

Sie würden vielleicht ihre Fernseh-Reichweite ins Internet mitnehmen – mehr nicht. Am Ende des Tages passe das Mind-Set nicht zum Social Web. Das sei nicht kompatibel.

„Das ist auch nicht kompatibel zu einer neuen Generation von Medienproduzenten im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, wo das einfach nicht mehr zusammenpasst“, sagt Hündgen.

Damit setzen sich die Etablierten nicht auseinander. Es sei mehr als ein Handwerk, um Bewegtbild zu produzieren. Es sei eine andere Herangehensweise, eine andere Denke und ein anderes Feeling, die in der Webvideo-Bewegung zum Ausdruck kommt. Das gehe den meisten professionellen TV-Machern ab.

Was Markus ausführt, gilt sicherlich für die selbstgefälligen Großkaliber des TV-Geschäftes, nicht jedoch für TV-Journalisten wie Kai Rüsberg, die sehr offen sind für Medienexperimente.

Spannend dürfte es sein, was die Webvideo-Szene an neuen Formaten und Ausdrucksformen fürs Livestreaming an den Start bringt. Denn hier steht man noch in den Kinderschuhen, wie beim Start von Youtube vor sieben Jahren. Nicht nur der Mitherausgeber des Grimme-Buches Lars Gräßer zählt das zu den interessantesten Entwicklungen, die aktuell ablaufen. Auch Dr. Allwissend sieht das Livestreaming als Grundlage für experimentelle Webvideos.

Die Technik biete tolle Möglichkeiten und auch aus dem kulturellen Blickwinkel heraus könnte da was entstehen – aber was genau, wird man noch sehen müssen. So sei Katerfrühstück ein Versuch, es anders als im Fernsehen zum machen. Was viele in den üblichen Talkshows abnerven würde, seien die immer gleichen Floskeln, die Politiker und Experten zum Besten geben. Das ist ein wichtiger Punkt, den Hannes Schleeh und ich als Macher von Bloggercamp.tv am Wochenende beim StreamCamp in Köln in einer Session diskutieren wollen. Natürlich gehen wir da auch noch ausführlich auf das neue Fachbuch des Grimme-Instituts ein.

Einen Vorschlag habe ich schon für Markus Hündgen: Eine gesonderte Kategorie Livestreaming-Videos für den Webvideo-Preis 2014 🙂

Man sieht und hört sich spätestens am Samstag und Sonntag beim StreamCamp13 im Kölner Startplatz. Es gibt noch Tickets für schlappe 20 Euro.

Siehe auch:

10 Bewegtbild-Thesen.

Jedermann-TV jenseits vom Massenmarkt #mfMW #StreamCamp13

StreamCamp-Vorarbeiten
StreamCamp-Vorarbeiten

Morgen gibt es in einer Session beim Medienforum Mittweida eine schöne Steilvorlage für das Kölner StreamCamp im Startplatz – sind ja nur noch fünf Tage bis zum Barcamp für Streaming-Technologie.

Thema von Claudia Heydolph und Tim Kader in Mittweida: „Livestreams in HD jenseits vom Massenmarkt: Überall live dabei – mehr als Fernsehen“.

Sie beschäftigen sich mit der Frage, wann es sich auch für Inhalte mit geringen Zuschauerandrang lohnt, einen Livestream in HD anzubieten. In 60 Minuten sollen Standards, Chancen, Risiken, sowie Produktionstechniken und Workflows für HD Livestreams anhand von Marktanalysen und Best-Practice-Beispielen skizziert werden. Wie lassen sich HD Livestreams ohne großen Sponsor finanzieren? Bin gespannt, was da von 13 bis 14 Uhr vorgestellt wird. Da die beiden Referenten in der Herbert E. Graus Arena auftreten, müsste es wohl auch einen Livestream geben.

Was mit relativ kleinem Budget an Liveübertragungen möglich ist, demonstriert gerade der StreamCamp-Mitorganisator Hannes Schleeh auf der Agritechnica in Hannover.

Ton und Bild können sich hören und sehen lassen. Im Einsatz sind Nikon D 800, MacBook Air und Blackmagic Design UltraStudio Mini Recorder. Fertig ist der Ü-Wagen von Hannes. Beim StreamCamp wird er darüber berichten.

Wer sich für diese Medienrevolution interessiert, sollte nicht lange zögern und schnell noch ein Ticket fürs StreamCamp in Kölle besorgen 🙂

Netzökonomie: Über den blinden Fleck der „Netzgemeinde“

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Ob man nun als Social Web-Nerd in einer Filterblase gefangen ist oder nicht, ob man das als konstruierte Wirklichkeit bezeichnet oder nicht, ob man seinen Edgerank auf Facebook kennt (der ist mir übrigens so etwas von wurscht – auch die Frage, ob er tot ist oder nicht) oder nicht: Christine Dingler hat einen wichtigen Punkt in ihrem Blogpost aufgeworfen:

„Ich für meinen Teil bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mir weniger Gedanken um Facebook-Ads, Twitter-Accounts, Google+-Communities und andere Plattformen machen möchte, sondern mehr um die Mechanismen hinter dem, was wir als Social Web bezeichnen: Wie verändert der digitale Wandel das Unternehmen, das Produkt und die Abteilungen? Wie werden wir zukünftig Wissen managen, uns weiterbilden und zusammenarbeiten? Was im Grund auch viel spannender ist, da Plattformen kommen und gehen, die Mechanismen aber bleiben.“

Voll ins Schwarz getroffen. Man darf sich nicht nur mit den Werkzeugen beschäftigen, sondern muss die Veränderungen im Blick haben, die sich aus der Logik des Netzes ableiten.

Christoph Kappes hat sich dazu einige kluge Gedanken gemacht.

Etwa die These, die so manch einem Politiker hinter die Ohren geschrieben werden müsste:

Wirtschaft, die im Internet stattfindet, kann kaum mehr sinnvoll abgegrenzt werden von solcher, die nicht im Internet stattfindet.

Digitalisierung der Landwirtschaft, Robotereinsatz in der Altenpflege, Online-Marktplätze für Handwerker sind nur einige Phänomene, die auch traditionelle Branchen auf den Kopf stellen.

Inwiefern ändert also die Digitalisierung die Ökonomie im Ganzen? Welche Effekte hat Crowdfunding auf Banken und auf das Verhältnis von Unternehmer und Kunden, entsteht eine neue Graswurzelbewegung für Manufakturen, was bewirkt die Repair-Bewegung im Umweltschutz, was bleibt vom stationären Einzelhandel übrig und wie sehen unsere Innenstädte in Zukunft aus?

Was bewirken digitale Kopien und die unendliche Verfügbarkeit von virtualisierten Gütern und Dienstleistungen oder das Phänomen Streaming als Erscheinung ohne Substrat (Kappes-Formulierung)? Welche Relevanz bekommt die von Wolf Lotter in seinem Buch „Zivilkapitalismus“ beschriebene Zugangsökonomie – also Zugang zu Wissen, Technologie, nützlichen Ideen, die zu einer neuen Unabhängigkeit führen?

Wo und wie entstehen neue Märkte durch die Verkürzung von Wertschöpfungsketten, den Wegfall von Vermittlern und das Entstehen neuer Vermittler?

Wie verändert die Kultur der Beteiligung und des Teilens die Unternehmensorganisationen?

Das sind nur einige Aspekte, die mir direkt einfallen. Was fällt Euch dazu ein?

Ich möchte das ausführlich in den nächsten Wochen recherchieren über Interviews und der Lektüre von Studien sowie Büchern.

Für die Interviews favorisiere ich natürlich Hangout on Air von Google. Mikro, Webcam und ein Google Plus-Account sind dafür vonnöten – und gute Belichtung. Not more.

Wer also mit mir über die Netzökonomie diskutieren und disputieren möchte, sollte mich kontaktieren. Entweder hier über die Kommentarfunktion oder per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com.

Wer beim StreamCamp am Wochenende dabei ist, könnte mit mir sogar eine Session zu diesem Thema anbieten. Was bewirkt die Verflüssigung der Kommunikation für Unternehmen oder so ähnlich?

Der REWE-Chef hat wohl die Bedrohungslage für den stationären Einzelhandel richtig erfasst.

Oder auch: So macht Amazon unsere Innenstädte platt.

Brauchen wir für die digitale Transformation ein Internet-Ministerium?

Warum wir Merkel medienpolitisch weiter „besiegen“ müssen – Sessionvorschläge fürs #StreamCamp13

Hangouts Rundfunk? Wir halten dagegen
Hangouts Rundfunk? Wir halten dagegen

Über unseren medienpolitischen Tanz mit Kanzlerin Merkel über die rechtliche Einordnung von Livestreaming habe ich hier und auf dem Tweetcamp in Köln ausführlich berichtet. Als Merkel vorhatte, ein neues Dialog-Format via Hangout on Air zu starten, stellte ich die eigentlich harmlose Frage, ob denn unsere Regierungschefin auch über eine Rundfunklizenz verfügt.

Über den "Piratensender" der Kanzlerin
Über den „Piratensender“ der Kanzlerin
Danach gab es dann eine lustige Medienwelle mit Überschriften wie „Schwarzfunk Merkel“ oder „Piratensender der Kanzlerin“. Um für das Kanzleramt und das Bundespresseamt die Kuh vom Eis zu holen, einigten sich die Medienwächter auf die Einordnung von Streaming-Dienste wie Hangout on Air als „Abrufdienste“.

Entsprechend halten wir die für Bloggercamp.tv zeitlich befristete Sendelizenz, die uns die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) ausstellte, für überflüssig. Aber im Freistaat ticken die Uhren wohl etwas anders, weshalb Hannes Schleeh die BLM um eine Klarstellung bat. Auszug des Schreibens:

„In unserem heutigen Telefonat entstand der Eindruck, wir bräuchten für unser Projekt bloggercamp.tv eine Verlängerung der Ausnahmegenehmigung oder alternativ eine kostenpflichtige Sendelizenz für die Zeit nach dem 31.12.2013. Das entspricht wohl nicht ganz der Linie, die bei den Beratungen der ZAK im April zur Sprache kam. Damit Rechtssicherheit und Klarheit in Bezug auf unser Projekt und ähnliche Projekte besteht, hätten wir gerne eine schriftliche Stellungnahme der BLM, warum diese der Ansicht ist, dass wir weiterhin eine Sendelizenz nach dem Rundfunkstaatsvertrag benötigen. Wir sind davon ausgegangen, dass mit den offiziellen Aussagen von Herrn Dr. Brautmeier und den Ergebnissen der ZAK-Sitzung vom 16.04.2013, die Herr Sohn vom Pressesprecher Dr. Peter Widlok am selben Tag erhalten hat, bundesweit Hangouts on Air nicht unter den Rundfunkbegriff fallen.“

Ein Schreiben der BLM soll uns in den nächsten Tagen erreichen. Das werden wir in einer Session beim StreamCamp vorstellen und mit Euch diskutieren. Zugleich produzieren wir das als Bloggercamp.tv-Sendung und zeigen den Session-Teilnehmern, mit welchem technischen Einsatz das abläuft. Tenor der Session:

Warum wir auch künftig die Kanzlerin medienpolitisch besiegen müssen.

Ist Euch eigentlich bekannt, dass im Freistaat Bayern auch rundfunkrechtlich die Uhren anders gehen? Steht bei Wikipedia:

Aufgrund einer Regelung in Artikel 111a der Bayerischen Verfassung, nach der privater Rundfunk nur in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft veranstaltet werden darf, ist die BLM de iure die Veranstalterin aller bayerischen Rundfunkprogramme, die von privaten Anbietern verbreitet werden. Die BLM schließt im Zuge einer Lizenzierung daher mit den Programmanbietern rechtlich gesehen einen Anbietervertrag ab. Dies unterscheidet die Programmanbieter in Bayern, also eines in der Umgangssprache bezeichneten Radio- oder Fernsehsenders in Bayern, zu den Rundfunkveranstaltern (Hörfunk und Fernsehen) in anderen Bundesländern, in denen ein Programmanbieter grundsätzlich die Stellung eines Rundfunkveranstalters hat. Gegründet wurde die BLM am 1. April 1985, da aufgrund der Bayerischen Verfassung Rundfunk ausschließlich in öffentlicher Verantwortung und öffentlich-rechtlicher Trägerschaft betrieben werden kann.

Weitere StreamCamp-Sessionvorschläge folgen. Bin auf Eure Ideen gespannt 🙂

Wer noch keine Tickets fürs StreamCamp am 16. und 17. November hat, sollte schnell noch zuschlagen.

Digitale Aufklärung statt Kulturpessimismus

Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke
Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Franke

Statt mit kulturpessimistischen Digital-Debatten wertvolle Zeit zu verplempern, sollten wir uns Hirn vielleicht etwas mehr anstrengen, um Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Beispielsweise in der Bildungspolitik, wo wir uns nicht mit den Potenzialen des vernetzten Lernens beschäftigen, sondern sinnlose Strukturdebatten führen. Dabei wäre es wichtig, sich besonders in der Bildungspolitik mit den Vorzügen des vernetzten Lernens auseinanderzusetzen. Stattdessen vergeuden die Kultusminister von Bund und Ländern wertvolle Zeit für Struktur-Diskussionen. An den wirklichen Schwächen der Wissensvermittlung mogeln sich die meisten vorbei.

„Besonders im Schulunterricht werden Dinge gemacht, die eher schädlich sind als nützlich. Ein Lehrer muss sich mit 30, 60 oder 90 Schülern beschäftigen; er hat ja nicht nur eine Klasse und muss das große Ganze im Blick haben, aber nicht den Einzelnen“, sagt der Wiener Naturwissenschaftler und Science Fiction-Autor Professor Herbert W. Franke.

Eine individuelle Förderung sei unter diesen Umständen nicht möglich. Beim Einsatz von digitalen Lernautomaten würde das anders aussehen. Wenn man ein analytisches System zur Verfügung habe, ist eine Bestandsaufnahme für jeden einzelnen Schüler möglich. Zudem könne der Unterricht variabler gestaltet werden.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke.

So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich.

„Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, weiß Franke.

Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren.

„Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, sagt Franke.

Vielleicht übertragen die omnipräsenten Internet-Skeptiker auch nur ihre eigenen Ängste auf die ganze Gesellschaft. Nicht unüblich für eine Zeitenwende, wie die Autoren Ossi Urchs und Tim Cole in ihrem neuen Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ konstatieren. Was die liebwertesten Gichtlinge der Neo-Phobie in die Welt blasen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit. Sie betrachten die Informationsgesellschaft eher mechanistisch.

„Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen und sich ansonsten von medialen Hirten wie ihnen vorantreiben lassen muss in eine ungewisse, fremdgesteuerte Zukunft“, so Urchs und Cole.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Joran Lanier, der mittlerweile das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert. Er sollte weniger in der Mao-Bibel blättern und mehr Kant lesen: „Jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Vor der gleichen Aufgaben stehen wir heute mit der digitalen Aufklärung, resümieren Urchs und Cole in ihrem Opus. Stimmt! Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Barcamps statt Hochglanz-Gequatsche: Über die Kalenderweisheiten der Slipper-Manager #StreamCamp13

Krümi beim Barcamp
Krümi beim Barcamp

„Der Kunde entscheidet darüber, was ein Unternehmen ist.“ Dieses Zitat stammt vom legendären Management-Berater Peter Drucker. Bemerkenswert an diesem Ausspruch: Er ist 60 Jahre alt!

„Die Konsumentendemokratie ist also kein so neues Phänomen, wie sie uns heute erscheint. Vielmehr bringen Internet und Social Web lediglich ans Licht, dass echte Kundenorientierung allzu häufig eher Absichtserklärung als gelebte Praxis ist“, sagt Questback-Marketingmanager Ken Kasischke.

Das Machtgefüge würde sich zugunsten der Kunden verschieben. Die Unternehmen hätten das Monopol über ihre Markenbotschaften verloren. Everybody’s a publisher: Man vertraue anderen Kunden mehr als irgendwelchen offiziellen Markenversprechen. Ähnliches verkünden Karl-Heinz Land und Professor Ralf T. Kreutzer in ihrem Buch „Digitaler Darwinismus“. Sie sprechen von der Notwendigkeit der digitalen Transformation, die in Europa und Deutschland nicht so richtig vom Fleck kommt. Aber ist das nun ein technologisches Problem im mangelhaften Umgang mit digitalen Technologien, wo doch jeder Laie in kurzer Zeit mit Social Web-Werkzeugen umgehen kann – ohne Informatikstudium?

Es ist eher ein kulturelles Problem. Die Krawattenfraktion im Management, die sich auf Internet-Tagungen salopp mit Polohemd und Slipper-Schuhen in Szene setzt, kann mit der Wirklichkeit des Mitmach-Webs wenig anfangen. Da labern Führungskräfte und so genannte Keynote-Speaker auf öligen Kongressen ihre Kalenderweisheiten ins Publikum und ergötzen sich an irgendwelchen Statistiken über die Relevanz von Facebook und Co. Veredelt wird das Gesagte mit bunten Powerpoint-Präsentationen.

„Die sind reserviert für bullet points – kurze, knappe Statements (‚Sätze’). Gut so, denkt sich der abendländisch geschulte Mensch: Da muss der Autor sich auf das Wesentliche beschränken und prägnant formulieren. Tut er aber nicht, sondern produziert generische Sätze, die zu allem passen und nichts sagen“, kritisiert Zeit-Herausgeber Josef Joffe.

Es fehle alles, was gute Kommunikation ausmacht: So dozierte Telekom-Chef René Obermann vor ein paar Jahren über die neue Markenstrategie seines Konzerns.

„One Company. One Service. Wir haben Marketing und Vertrieb gestrafft, die Zahl der Marken reduziert und die neue Markenarchitektur etabliert… Wir haben die bisherige Kommunikation auf den Prüfstand gestellt und uns für eine Vereinfachung unserer Marktansprache entschieden.“

Er hätte es nach Auffassung von Joffe prägnanter sagen können:

„Wir verringern Personal und Produkte. Wir wollen verständlich mit den Kunden reden“.

Das ist aber überhaupt nicht die Absicht der Top-Manager.

Powerpoint-Monologe

Der Publizist Alexander Ross hat aus seinem langjährigen Erfahrungsschatz im Umgang mit Managern, als Moderator bei Fachkonferenzen und Redner eine Typologie des Powerpoint-Schwätzers erstellt: Da gibt es den „Überflieger“, der uns mindestens zehn Folien pro Minute um die Ohren haut, kurze Kommentare zu jeder Folie brubbelt und vor dem schnellen Weiterblättern noch darauf hinweist, dass die Zuhörer die Wortbrocken später im Detail nachlesen können. Häufig anzutreffen ist der „Im-Bild-Steher“. „Wahre Könner verbinden beides zu einer erratisch anmutenden Choreografie. Der ‚Im-Bild-Steher’ verdeckt gerne die Projektion, während er wieder und wieder auf die Folie schaut“, so Ross.

Artverwandt mit diesem Typus ist der schüchterne Hosenscheißer. Er redet zur Folie oder zur Wand, vielleicht auch zu sich selbst – in jedem Fall ist es unmöglich, diesem inneren Monolog zu folgen. Zum Typus des „Befehlers“ gehören nicht nur Top-Führungskräfte, sondern viele, die sich aufgrund ihrer Position wenigstens einen Leibeigenen oder sonstigen Domestiken leisten können. Befehler beschränken sich bei Präsentationen auf das Reden, unterbrochen durch herrische Kommandos an den subalternen Helfer, endlich die nächste Folie an die Wand zu werfen. Für den strebsamen „Vorleser“ ist Ablesen unverzichtbar, da er mit Folien arbeitet, die überquellen und selbst mit Fernglas schwer zu entziffern sind.

Fließband-Kommunikation

Egal, ob es nun um soziale Netzwerke oder andere Themen geht: Es ist Fließband-Ware von einschlägigen Veranstaltern, die für schlappe 1.000 oder 2.000 Euro pro Teilnehmer über Hochglanz-Broschüren und Newslettern verkauft wird. In der Taktung präsentiert man die Propaganda wie Schweinbauch-Reklame in Anzeigenblättern. Eine Kultur des offenen Austauschs und Dialogs sieht anders aus. Die Vertreter der Wirtschaft sollten sich mal an der Organisation von Barcamps versuchen, wo die Teilnehmer das Programm selbst bestimmen können. Hier gibt es keine Sprachregelungen, dümmlichen Verkäufersprüche von der Kanzel und versnobte Wichtigtuer-Gespräche beim Verzehr von Blätterteigtaschen mit Thunfisch-Füllung, Lachsmousse, Fleischpastetchen und Scampi-Mango–Spießen. Wer vom Social Web redet, sollte auch sein Handeln danach ausrichten.

In zwei Wochen kann man das am 16. und 17. November ausprobieren: Warum Unternehmen eine erweiterte Medienkompetenz benötigen und zum #StreamCamp13 kommen sollten.

Empfehlung gilt nicht nur für die Wirtschaftsvertreter: 10 Gründe, warum (mehr) Journalisten bei BarCamps mitmachen sollten.

Digitale Aufklärung durch Ossi Urchs und Tim Cole heute bei #Bloggercamp.tv

Ossi Urchs und Tim Cole im Test-Hangout
Ossi Urchs und Tim Cole im Test-Hangout

Um 19:30 Uhr diskutieren wir in Bloggercamp.tv mit den Internet-Veteranen Ossi Urchs und Tim Cole über ihr neue Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“. Auf das Opus bin ich ja bereits eingegangen. Auf Twitter erfreut sich mein Artikel in den vergangenen Tagen einer sehr hohen Retweet-Quote:

Hier noch einmal der Content als Steilvorlage für unsere heutige Abendrunde:
Eine mögliche Taktik im Wissensmanagement beschreibt Edgar Allen Poe in einer Kurzgeschichte. Dem Matrosen in Poes Abhandlung über den “Sturz in den Malstrom” bleibt nichts anderes übrig: Er nutzt die Strömung des Wirbels gegen ihre eigene Gewalt. Man muss mit der Geschwindigkeit gehen können, um danach erst an jenen Stellen langsam zu werden, wo es sich lohnt.

Eine ähnliche Empfehlung geben die Internet-Veteranen Tim Cole und Ossi Urchs in ihrem neuen Opus “Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht” (gerade im Hanser Verlag erschienen). Man sollte erst gar nicht versuchen, gegen den (Mal-)Strom zu schwimmen, sondern ihn geschickt für die Erreichung der eigentlichen Ziele nutzen, und zwar ohne Befehl von oben:

“Und erst recht ohne zu jammern und zu verzagen, sondern in dem Bewusstsein, dass eine starke Strömung uns nicht an ein Ziel, wenn es das tatsächlich geben sollte, aber der Lösung anstehender Aufgaben näher bringen.”

In digitalen Ökosystemen, die geprägt sind von sozialen Netzwerken, Peer-to-Peer-Formationen, Communitys und Open Source-Projekte, funktionieren die alten Mechanismen von zentraler Steuerung nicht mehr. Cole und Urchs verwenden den von mir nicht so geschätzten Begriff des Schwarms, weil ich die Analogien zum Tierreich meide. Klar ist nur, dass die Weisheit der Vielen oder die vernetzten Systeme über mehr Fähigkeiten verfügen als die Summe seiner Teile.

“Als Schwarm sind die Kunden seinem Unternehmen, das noch immer als Einzelwesen handelt, grundsätzlich überlegen”, so Cole und Urchs.

Cole Urchs

Warum sollte ich noch das Call Center eines Fachhändlers anrufen, um mich über ein sinnvolles Equipment fürs Livestreaming von Audio und Video beraten zu lassen, wenn ich über Crowd-Services wie Helpouts auf einen Fachmann wie Hannes Schleeh stoße, der als StreamCamp-Mitorganisator sein Wissen und seine Fähigkeiten über den Google-Dienst zur Verfügung stellt. Dort muss er seine Kompetenzen fortwährend unter Beweis stellen und kann sich nicht in der Fließband-Anonymität einer Hotline verkriechen.

Im digitalen Mitmach-Kosmos findet sich Wissen an allen Ecken und Enden von selbst – schlaue Apps auf Smartphones und Tablets wirken dabei als Katalysator. Der TÜV-Rheinland-Berater Johannes Wiele nennt gegenüber der Zeitschrift brandeins ein amüsantes Beispiel:

“Heute läuft ein Chefarzt mit seinem iPad zum IT-Verantwortlichen, zeigt ihm eine englische Gesundheits-App für bessere Krankenbetreuung und sagt: Die brauchen wir in unserem System auch. Der IT-Chef steht dann unwissend da und muss sich erst einmal einarbeiten.”

Zentralistische Organisationen verlieren in diesem Spiel, wie groß und übermächtig sie heute in Gestalt der Marktführer auch noch erscheinen mögen, so die Autoren Cole und Urchs. Organisationen bleibt in dieser vernetzten Welt nur noch eine Option übrig, sie müssen sich wie der Malstrom-Matrose verhalten. Sie können Signale wahrnehmen, deuten, kuratieren und daraus das richtige Verhalten ableiten: “Go with the flow”, lautet die Empfehlung von Tim Cole und Ossi Urchs.

Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Liveübertragung #bloggercamp.