#Notizzettel: Innovationspolitik der Parteien – Eine Analyse von Professor Volker M. Banholzer @VBanholzer #btw21

Man hört, sieht und streamt sich um 12 Uhr.

„Für westliche Industrienationen ist die Orientierung an gesellschaftlichem Fortschritt seit langem
durch eine Innovationsorientierung, ja einem Innovationsimperativ in allen Bereichen gewichen (Passoth & Rammert 2018). Auch die im Bundestagswahlkampf 2021 konkurrierenden Parteien nehmen
Innovationen als wesentliche Bestandteile mit auf und wollen dieses Thema für sich besetzen. In den
Wahlprogrammen und den begleitenden Veranstaltungen oder Diskussionsbeiträgen von CDU/CSU,
SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP spiegelt sich das in unterschiedlicher Weise wider. Kommt bei
Unionsparteien und FDP vor allem ein technologischer Innovationsbegriff zum Tragen, was sich in einer Betonung von Ingenieurleistungen oder dem naturwissenchaftlichen Beitrag zur Problembewältigung zeigt, so wird bei den Programmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ein erweiterter Innovationsbegriff und das Hervorheben holistischer Konzepte zu einer sozialökologischen Transformation deutlich. Es wird sich nach der Regierungsbildung zur 20. Legislaturperiode einiges im Politikfeld Forschungs & Innovation (F&I) verändern bzw. es stehen Aufgaben an, die sowohl technische als auch soziale Innovationen sowie deren Kombination erfordern“, schreibt Professor Volker M. Banholzer in seinem Wahlcheck unter dem Titel: „Innovationssouveränität: Innovations-, Digitalisierungs- und Technologiepolitik als Wahlkampfthema“.

„Von der internationalen Wissenschaft wird kritisiert, dass trotz aller Bemühungen um eine
ganzheitliche und an Problemen bzw. Missionen ausgerichtete Forschungs- & Innovationspolitik (F&I) immer noch das lineare Verständnis von Innovationen und zudem eine Fokussierung auf Technologien vorherrscht. Innovationspolitik in Deutschland ist in der Ausprägung als Industriepolitik zu sehr von Pfadabhängigkeiten geprägt. Das zeigt sich in der Diskussion von Reindustrialisierung oder in der Installation der Agentur für Sprunginnovationen, die beide die Bedeutung von Diversität und Netzwerken außer Acht lassen.“

„Wie diese Ausführungen gezeigt haben, hat sich Innovationspolitik in der Bundesrepublik in den zurückliegenden Jahrzehnten auf Technologien und naturwissenschaftliche Forschung fokussiert, was
sich in einer „Hightech-Obsession“ der Innovationspolitik (Hirsch-Kreiensen 2010: 71) manifestiert
hat. Die technischen Innovationen können allerdings nicht losgelöst von ihrem sozialen Umfeld gesehen werden, was den Blick auf „soziale Innovationen“ lenkt und die Zielvorgabe der Technologiesouveränität als ergänzungsbedürftig erscheinen lässt. So unterstreicht Buhr (2015), dass unter sozialen
Innovationen Neuerungen zu verstehen sind, die sowohl zur Diffusion und Akzeptanz von Entwicklungen und Technologien beitragen als auch Praktiken, die von Betroffenen – einzelnen Personen, Gruppen oder Organisationen – generiert und genutzt werden, um gesellschaftliche Herausforderungen
bewältigen zu können. Eine soziale Innovationspolitik muss neben der technologischen Entwicklung
auch die Potentiale und Restriktionen von Technologien für die gesellschaftliche Entwicklung berücksichtigen (Buhr, Fink & Stöber 2016: 5). Gerade in der oben bereits beschriebenen Transformationsphase ist dieser Aspekt elementar. Nach Reckwitz (2019: 270) muss aktuell „die Kombination einer sozioökonomischen, einer soziokulturellen und einer demokratiepraktischen Krise“ analysiert und bearbeitet werden. Die Forderung nach einer stärkeren Rolle des Staates (vgl. Mazzucato 2015 und 2019; Buhr 2015) bei der Gestaltung nicht nur von Technologien und Innovationen bei gleichzeitiger Freiheit und Dynamisierung von F&I kann im Sinne von Reckwitz (2019: 285) als Ausdruck eines „eingebetteten Liberalismus“ verstanden werden. Dieser wiederentdeckte Bedarf an teilweiser Regulierung betrifft allerdings nicht nur ordnungspolitische Rahmensetzungen, sondern umfasst auch „informelle Institutionen“ (Herzog 2020: 14). Vor diesem Hintergrund wird hier vorgeschlagen, die Zielvorstellung einer zu erlangenden Technologiesouveränität zugunsten einer anzustrebenden Innovationssouveränität zu erweitern.“

„Die Ausgestaltung von Innovationspolitik, als Wirtschafts- oder Industriepolitik bzw. als Anhängsel
der Bildungs- und Forschungspolitik war sehr lange mit dem marktliberalen Dogma verbunden, dass
staatliches Engagement nur im Falle von Marktversagen oder im Sinne einer erhöhten Input-Leistung
bei der Förderung von Grundlagenforschung und der allgemeinen Ausbildung erwünscht ist. Dieses
Paradigma hat wie oben beschrieben Risse bekommen, was sich auch in der lauter werdenden Forderung nach einem investiven Staat oder einem innovativen Staat zeigt (Mazzucato 2015). Marktversagen wurde vor allem als Folge von Informationsasymmetrien, fehlendem Wettbewerb, hohen Transaktionskosten oder hohen Externalitäten beschrieben (Mazzucato, Kattel & Ryan-Collins 2020: 423). Diese Perspektive des Marktversagens hatte eine bestimmte politische Lösungsstrategie zur Folge.Ausgehend von der Grundannahme, dass der Staat risikoavers sei und Gefahr laufe, weitreichende
Fehlentwicklungen durch das Setzen auf Gewinnerunternehmen anzustoßen, sollte der Staat nur den
Rahmen für den Wettbewerb von leistungsfähigen Privatunternehmen setzen, Anschubfinanzierungen leisten und sich ansonsten aus dem Markt zurückziehen (Mazzucato, Kattel & Ryan-Collins 2020:
Innovationssouveränität und F&I-Politik IKOM Workingpaper 1/2021 21
424). Das hatte zudem zur Folge, dass das Instrumentarium zur Politikevaluation, zur genaueren politischen Zielvorgabe und zur exakten Messung von politischer Praxis21 ausgebaut wurde und der Einfluss von Politikberatung zugenommen hat.“

„Die aktuelle Debatte für die (Neu)Ausrichtung der Technologie- und vor allem Innovationspolitik umfasst unterschiedliche Konzepte.26 Darunter fallen eigenständige Ministerien für Digitalisierung (EFI
2017, Hunnius et al. 2017, Heumann 2021, Koenen & Heckler 2021) oder für Innovation sowie als Ergänzung der Agentur für Sprunginnovationen (Sprin-D) eine Innovationsagentur D.Innova (Grünberg
et al. 2021) oder eine Weiterentwicklung des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen
Bundestag (Brandenburg & Ullmann 2021) sowie eine ressortübergreifende Task Force (Bundestagsdrucksache 19/21266 und 19/24618) bzw. ein beim Bundeskanzleramt angesiedelte Innovation Board (Koenen & Wehmeyer 2021), die Weiterentwicklung der KfW zu einer Investitions- und Innovationsagentur bzw. den Aufbau einer Deutschen Transfergesellschaft (Roessler 2018: 62; ZET 2021a: 8). Für alle Lösungen und Ansätze gilt allgemein das, was die Expertenkommission bereits 2017 in ihrem Jahresgutachten (EFI 2017, 29) zur Digitalisierungspolitik hervorgehoben hatte: Es „bedarf (…)
einer politischen Entscheidung, die eine effektive Bündelung von Kompetenzen erreicht, ohne erneut
hohe Komplexität zu schaffen“. Der Einsatz bestimmter innovationspolitischer Instrumente oder deren Mißachtung ist „immer auch Spiegel der allgemeinen Vorstellungen zur Rolle und Funktion des
Staates im Innovationsgeschehen“ (Kovač 2019: 128).“

„Die Vorstellungen der Parteien zum Thema Technologie- und Innovationspolitik weisen unterschiedliche Richtungen auf. Das Zentrum Emanzipatorische Technologieforschung (ZET 2021a: 1) sieht eine
Spanne zwischen den Polen sozial-ökologischer Transformation und marktwirtschaftlicher Wettbewerbsorientierung. Sowohl die Klimakrise als auch die Pandemiebewältigung erfordern den Einsatz und die Weiter- und Neuentwicklung von Technologien, d. h. in den Worten der Parteien, das Fördern und den Einsatz von Innovationen. Im Wahlkampf erscheint Technologieentwicklung nicht als
Selbstzweck, sondern wird als Mittel zur Erreichung von politischen und gesellschaftlichen Zielen verstanden. Die Unionsparteien, die SPD und Bündnis 90/Die Grünen stimmen in dem Ziel überein, bis
2025 3,5 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung auszugeben. Die FDP kündigt die Etablierung
eines neuen Universitätstypus – einer European Digital University (EDU) – an, die Unionsparteien verweisen auf die Stärkung des Exzellenzprogramms und unterstreichen auch mit Blick auf die Grundlagenforschung den Transfer aus der Wissenschaft in Wirtschaft und Gesellschaft. CDU und CSU wollen Biowissenschaften und Informationstechnologien über ein zu gründendes Bio-IT-Forschungszentrum verknüpfen. Darüber hinaus soll eine nationale Agentur für biomedizinische Forschung und Entwicklung eingerichtet werden, welche die Forschung an Impfstoffen, Medikamenten und Therapien bündeln soll. Bündnis 90/Die Grünen treten für eine neue Innovationsagentur D.Innova ein, die weiter unten detailliert besprochen werden soll. Im Programm der FDP steht die Gründung einer Deutschen Transfergemeinschaft (DTG) für eine innovationsorientierte Verbindung von Grundlagenforschung und Anwendung.30 Die Analyse der Wahlprogramme durch den BDI (2021: 2) attestiert dem Parteiprogramm der Bündnis 90/Die Grünen eine „strategische Verbindung zwischen Forschungs- und Innovationspolitik mit der Industriepolitik“ und den Wunsch „einen gezielten Kompetenzaufbau (zu) unterstützen, während die anderen Parteien diesen Aspekt unerwähnt lassen“.“

„Allgemein werden Wirtschafts- und Industriepolitik unter jeweils unterschiedlichen Narrativen verhandelt, die dann auch Konsequenzen für die Erzählungen zu Technologie und Innovation haben. So
spricht die SPD von der „Zukunftsfähigkeit“31 des Standorts Deutschland benennt sie den Staat als
Innovationstreiber, der die Rahmenbedingungen setzt. Bündnis 90/Die Grünen betonen den Green
Deal (vgl. Rifkin 2019) und Ökologie als wirtschaftlichen Impuls32, um auch eine Reindustrialisierung
durch ökologische Umgestaltung möglich zu machen (ZET 2021b: 1). Sowohl die Positionen von SPD
und Bündnis 90/Die Grünen als auch die der FDP sind von einem Gestaltungs- und Technikoptimismus geprägt, wobei die FDP vor allem auf eine „Entfesselung der Innovationskraft der Sozialen
Marktwirtschaft“ (ZET 2021b: 2) setzt und hierbei Deregulierung und Marktmodelle in den Mittelpunkt stellt33. Das „Modernisierungsjahrzehnt“ der Unionsparteien34 fokussiert ebenso auf Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Innovationspolitik ist in diesem Sinn die Grundlage, um den Wettbewerb um Köpfe und Märkte gewinnen zu können. FDP und die CDU/CSU sind
sich darin einig, dass staatliche Aktivitäten generell als Einmischung und damit hinderlich für eine
gute Innovationskultur sind (ZET 2021a: 2). Die Unionsparteien und die FDP konzentrieren sich auf
wirtschaftliche Freiheiten und die daraus zu erwartenden Innovationen, dabei „blenden (sie) soziale
Prozesse weitgehend aus und überlassen die Technikgestaltung ökonomischen Akteur*innen“ (ZET
2021a: 3). Die Notwendigkeit technologischer Entwicklung unterstreichen auch Bündnis 90/Die Grünen und die Linkspartei.“

„Die Unionsparteien wollen Reallabore mit Blick auf Technologien ausbauen, allerdings ohne
konkreter zu werden (CDU/CSU 2021: 87). Einzig bei der Reform der – noch ausführlich diskutierten –
Agentur für Sprunginnovationen (Sprin-D) wird das aufgegriffen und deren Umwandlung in ein Reallabor vorgeschlagen. Bündnis 90/Die Grünen (2021: 154) sehen neben der Technologieförderung zusätzlich den Aspekt von Partizipationsmöglichkeiten für Akteure der Zivilgesellschaft. In den Wahlprogrammen 2021 von SPD und FDP fehlt dieses Instrument. Im Endspurt des Wahlkampfes hat das
CDU-geführte BMWi noch ein Konzeptpapier für die Stärkung von Reallaboren, d. h. für ein eigenes
Reallabore-Gesetz36 veröffentlicht. Bereits im Koalitionsvertrag für die 19. Legislaturperiode hatten
die Unionsparteien und die SPD gefordert, Reallabore für datengestützte Regulierungsinstrumente
sowie als Säule der Energieentwicklung auszubauen (Bullinger et al. 2021: 12). In der Planung des
BMWi war zudem der Ausbau dieses Instrumentes vorgesehen. Im Mai 2021 hatte der BDI für die
neue Legislaturperiode einen Ausbau der Reallabore gefordert, ein eigenes Bundesexperimentiergesetz und die Einrichtung „einer zentralen Anlauf- und Beratungsstelle für innovative Unternehmen
und Forschungseinrichtungen, die ihre Technologien bzw. Geschäftsmodelle in einem Reallabor testen möchten“ (Rudelt & Bausch 2021: 2).“

„Bündnis 90/Die Grünen greifen die Defizite bei Intermediären der Innovationsförderung im bundesrepublikanischen Kontext auf und wollen zur „Förderung regionaler Innovationsökosysteme aus
Hochschulen, Mittelstand und Zivilgesellschaft“ eine weitere, eigenständige Innovationsagentur D.Innova gründen (Bündnis 90/Die Grünen 2021: 69). Die Arbeit der Agentur soll an den globalen Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet sein, was einer Missionsorientierung entspricht. Die Initiatoren des
Konzeptes D.Innova wollen Forschungstransfer als entscheidenden Wettbewerbsfaktor aufgreifen.
Darunter ist im Sinne der deutschen Forschungspolitik sowohl der eigentliche Technologietransfer zu
verstehen als auch der Transfer von Personen, ein Wissenstransfer durch Politikberatung und die
Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern an Forschungsprozessen (vgl. Dettmar 2020). Mit diesem
Konzept soll einerseits das aufgenommen werden, was unter dem Begriff „Third Mission“ von Hochschulen beschriebenen wird und andererseits die Ausrichtung der Innovationsförderung an den globalen Nachhaltigkeitszielen zu gewährleisten (Bundestagsdrucksache 19/16800: 2). Universitäten
und Hochschulen wird neben Lehre und klassischer Forschung die sogenannte „Third Mission“ (vgl.
Roessler, Duong & Hachmeister 2015; Würmseer 2016) und damit eine aktive Rolle als „Corporate
Citizen“ (vgl. Raueiser & Kolb 2018) im Innovationsprozess der Gesellschaft zugewiesen. Innovationen werden als Ergebnis eines komplexen sozialen Prozesses gesehen, der auch spontan und situativ
sowie flexibel innerhalb von Netzwerkstrukturen ablaufen kann (vgl. Buhr 2015, Banholzer 2020b).“

Soweit ein kurzer Ausschnitt des Banholzer-Papiers.

Um 12 Uhr diskutieren wir das mit dem Autor:

Extremer Fachkräftemangel durch demographischen Wandel in den nächsten Jahren #btw21 #ZukunftPersonalReconnect #EconTwitter

Professor Karlheinz Schwuchow auf der Zukunft Personal Reconnect in Köln

Seit Ewigkeiten beschäftige ich mich mit dem demografischen Wandel und die Konsequenzen für die Volkswirtschaft: Einer meiner VWL-Professoren an der FU-Berlin war Winfried Schmähl. Zu meiner Studienzeit war er Vorsitzender des Sozialbeirates der Bundesregierung. Insofern debattierte wir in seinen Vorlesungen und Seminaren kräftig über die Alterspyramide und die  Auswirkungen auf die Rentenversicherung, die ja über das so genannte Umlageverfahren mehr oder weniger finanziert wird. Problem: Das Verhältnis von Erwerbstätigen und Rentenbeziehern wird immer problematischer.

Zur Erinnerung: Für die Dauerkrise der gesetzlichen Rentenversicherung ist die Reform von 1957 verantwortlich. Damals musste die Politik berücksichtigen, dass die Generation, die in den 50er und 60er Jahren ins Rentenalter kam, kaum Gelegenheit hatte, während ihres Erwerbslebens individuell für ihr Alter vorzusorgen. Zwei Kriege und ihre Nachwirkungen hatten das Vermögen der meisten Privathaushalte vernichtet und neues Vermögen nicht entstehen lassen. Das Geldvermögen aller privaten Haushalte lag nur bei rund 10 Milliarden Euro, was einem Betrag von 500 Euro pro Haushalt entsprach. Ähnlich gering war die Versorgung mit mobilen und immobilen Gütern. Auch die Spartätigkeit stand erst am Anfang. Der Durchschnittshaushalt sparte damals jährlich 80 Euro, das waren drei Prozent des verfügbaren Jahreseinkommens. Das waren die Hauptmotive für die Einführung des Umlageverfahrens und des dynamischen Rentensystems, um auch den Rentenempfänger am wirtschaftlichen Aufschwung zu beteiligen. Statt Rücklagen zu bilden, wurden von den Zwangsmitgliedern der gesetzlichen Rentenversicherung anfangs 15 Prozent des Bruttolohnes abgeführt und sofort für Rentenzahlungen verwendet.

Das führte zu einer drastischen Rentenerhöhung und ermöglichte es, die Rentenhöhe fortan dynamisch an die Bruttolohnentwicklung zu koppeln. Freilich hatte es den Nachteil, dass seither keinerlei Rücklagen mehr gebildet wurden – jede Generation finanziert faktisch mit ihren Beiträgen nicht ihre eigene Altersversorgung, sondern die der eigenen Eltern und Großeltern. Die Reform beruhte maßgeblich auf einer höchst umstrittenen Studie des Kölner Wirtschaftswissenschaftlers Wilfried Schreiber, dessen Konzept allerdings nur unvollständig umgesetzt wurde. Schreiber hatte vorgesehen, die für den Fortbestand des Systems unabdingbare Förderung der Geburtenrate in das System einzubeziehen, unter anderem durch eine Kinderrente und eine Beitragsverdoppelung für Kinderlose. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer entschied sich gegen solche Komponenten und lag damit im Widerspruch zu seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Deshalb sind Rentenreformen seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner und stehen auch Aufgabenliste des Kronberger Kreises, die in einem FAS-Gastbeitrag dargelegt wurde: 

„Noch ist Deutsch­land mit der Bewäl­ti­gung der Corona-Pande­mie beschäf­tigt. Ange­sichts eines fort­schrei­ten­den Anteils Geimpf­ter und Gene­se­ner an der Bevöl­ke­rung ist aber ein Ende abseh­bar. Umso mehr kann sich die neue Bundes­re­gie­rung jenen Aufga­ben widmen, die Deutsch­land auch nach der Pande­mie beschäf­ti­gen werden: demo­gra­phi­scher Wandel, Klima­schutz und Digi­ta­li­sie­rung. Keines dieser Themen ist neu. Die damit verbun­de­nen Heraus­for­de­run­gen dürf­ten aber schon bald deut­lich spür­ba­rer werden als bisher. Die Zeit, in der die Poli­tik diesen Themen mit mangeln­der Konse­quenz und Konsis­tenz begeg­nen konnte, geht zu Ende.“

Dass die Poli­tik Antwor­ten auf den demo­gra­phi­schen Wandel finden müsse, insbe­son­de­re auf die Alte­rung der Gesell­schaft, ist im Grunde schon seit dem dras­ti­schen Rück­gang der Gebur­ten in den 1970er-Jahren bekannt. Man braucht sich nur die Berichte zur Bevölkerungsentwicklung und die Prognosen zur Entwicklung des Beitrages zur Rentenversicherung seit dieser Zeit anschauen.

„Bislang hat der demo­gra­phi­sche Wandel aber gesamt­ge­sell­schaft­lich und insbe­son­de­re finanz­po­li­tisch eher zu einer Entlas­tung als zu einer Belas­tung geführt. Während die gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge im Erwerbs­le­ben stan­den und zur Finan­zie­rung der öffent­li­chen Haus­hal­te beitru­gen, war die Anzahl der noch nicht oder nicht mehr erwerbs­tä­ti­gen Perso­nen vergleichs­wei­se gering. Mit dem anste­hen­den Eintritt der gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge in den Ruhe­stand und mit dem Nach­rü­cken gebur­ten­schwa­cher Jahr­gän­ge ins Erwerbs­le­ben wird sich diese Rela­ti­on in den nächs­ten Jahren drama­tisch verschie­ben. In Zukunft werden deut­lich weni­ger erwerbs­tä­ti­ge Steuer- und Beitrags­zah­ler einer deut­lich höhe­ren Anzahl von Empfän­gern öffent­li­cher Leis­tun­gen gegen­über­ste­hen. Verstärkt wird diese Entwick­lung durch eine – durch­aus erfreu­li­che – Zunah­me der Lebenserwartung“, so der Kronberger Kreis.

Das ist aber nur ein Teil des Problems. Auch die Unternehmen und der Arbeitsmarkt stehen vor einer immensen Herausforderung. Da die geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren in Rente gehen, verschärft sich der Arbeitskräftemangel und kann zu erheblichen Wohlstandsverlusten beitragen.

Dieser Teil der Überalterung wird im Wahlkampf und von den politischen Parteien überhaupt nicht thematisiert.

Siehe auch das Interview mit Professor Karlheinz Schwuchow auf der Zukunft Personal Reconnect in Köln:

Das hier sind nur die Vorboten:

#DigitalX-Interview mit @profholm: Chipmangel und Lieferketten-Engpässe treiben die Preise nach oben – Nur ein kurzfristiges Phänomen? Wohl nicht!

Bekommen wir eine dauerhafte Inflation? Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, ist Sorgen wegen der aktuell hohen Inflation entgegengetreten. Derzeit gebe es letztlich eine Normalisierung von den gefallenen Preisen in der Corona-Krise im vergangenen Jahr, sagte Fratzscher am Samstag im Deutschlandfunk. Wenn man das über zwei Jahre vergleiche, sei das völlig konsistent mit der Preisstabilität. „Wir sehen also eine willkommene Normalisierung der Preise“, sagte der Ökonom. Es sei zudem relativ wahrscheinlich, dass die Preissteigerung im nächsten Jahr wieder eher unter zwei Prozent liege und damit unter der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB). Inflation werde nur dann zum Problem, wenn sie sich verstetige. Nun, die Frachtkosten pro Container sind von 1.000 Dollar auf teilweise 14.000 Dollar gestiegen. Ähnliche Preisschübe gibt es an den Rohstoffmärkten, in der Produktion, bei Papier, Holz, Autobau, Nutzfahrzeuge. Ich kann nicht erkennen, dass man hier von einer willkommenen Normalisierung der Preise sprechen kann.

Wir werden das in den nächsten Wochen vertiefen.

Anmerkungen auf Facebook:

Lutz Becker: „In UK wohl alles noch dramatischer. Der Brexit ist auch ein Puzzle-Stein in der Geschichte. Übrigens hatten wir das Thema schonmal Anfang 2020 bei #SohntrifftBecker. Du erinnerst Dich an meine Puzzle-Stein-Theorie?“

#Notizzettel #Corona: Welche Unternehmen sind verstärkt betroffen und welche Lehren lassen sich aus der Krise ziehen? Livetalk mit KfW-Chefvolkswirtin Dr. Fritzi Köhler-Geib #DigitalX

Vorbereitung auf den #DigitalXStudio-Livetalk mit Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW Bankengruppe, Mittwoch, 1. September, 11 Uhr.

Corona-Krise: Welche Unternehmen sind verstärkt betroffen und welche Lehren lassen sich aus der Krise ziehen? Die Folgen der Corona-Pandemie treffen den Mittelstand in seiner gesamten Breite. Jedoch fällt die Betroffenheit in einzelnen Segmenten des Mittelstands unterschiedlich stark aus. Welche Gruppen mittelständischer Unternehmen intensiver, welche weniger stark leiden und welche Lehren sich aus der Krise ziehen lassen, ist Gegenstand einer KfW-Analyse:

Insgesamt verzeichnen 24 Prozent der mittelständischen Unternehmen eine im Zuge der Corona-Krise gesunkene Eigenkapitalquote. Rückläufige Eigenkapitalquoten können verstärkt bei jenen Unternehmen ermittelt werden, die bereits vor der Krise eine eher schwache Bonität aufwiesen (39 gegenüber 20 Prozent bei Mittelständlern mit ausgezeichneter bis guter Bonität) sowie bei auslandsaktiven Unternehmen (29 Prozent). Auch kleine Unternehmen (24 Prozent) kommen schlechter durch die Krise als etwa mittelgroße Mittelständler (20 Prozent).

Eine höhere Krisenfestigkeit kann dagegen bei Unternehmen festgestellt werden, bei denen die Bonitätseinstufung auf ausgeprägte Managementfähigkeiten hinweist sowie bei Unternehmen, die bereits im Vorfeld Innovations- und Digitalisierungsprojekte durchgeführt haben (Anteil der Unternehmen mit gesunkener Eigenkapitalquote: 22 bzw. 20 Prozent), und so Innovationskompetenzen und einen höheren Digitalisierungsgrad aufbauen konnten, im Vergleich zu Unternehmen, für die das nicht gilt (25 bzw. 26 Prozent).

Anders als bei gewöhnlichen Rezessionen kam es infolge der Pandemie neben
massiven Nachfragerückgängen auch zu spürbaren Angebotseinschränkungen. Diese haben sich über die internationalen Verflechtungen fortgesetzt und Unternehmen weltweit getroffen. In der Erholung von der Krise und im Zuge der teilweise unerwartet schnellen Belebung der Nachfrage führen die Störungen in internationalen Wertschöpfungsketten nun zu Engpässen bei Rohstoffen, Vorprodukten und Transportkapazitäten.

Die Aussichten eines nur noch moderaten Wachstums des Außenhandels könnte viele ex-
portorientierte Unternehmen und ihre Zulieferer dazu bewegen, ihre bisherigen Wachstumsstrategien zu überdenken und ihre Auslandsaktivitäten zumindest teilweise neu aufzustellen. Ein Rückzug aus globalen Wertschöpfungsketten kann die Widerstandskraft schwächen – und bedeutet einen Verzicht auf Kostenvorteile, wozu nur ein Teil der Unternehmen bereit ist. Unternehmen, die sich allein auf den Inlandsmarkt konzentrieren, haben bei regionalen Schocks wie Naturkatastrophen oder geopolitischen Krisen kaum Ausweichmöglichkeiten. Zwar breiten sich ökonomische Schocks durch globale Wertschöpfungsketten über Ländergrenzen hinweg aus. Sie helfen Unternehmen und Ländern jedoch auch, sich schneller von solchen Krisen zu erholen. Außerdem ist die Bereitschaft des Mittelstands auf Kostenvorteile zu verzichten, um die eigenen Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger zu gestalten, begrenzt. Vor allem größere Unternehmen zeigen
sich hier eher zurückhaltend.

Vor diesem Hintergrund ist damit zu rechnen, dass auch der Mittelstand weiter in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden bleibt. Zwar hatte jeder dritte Mittelständler unter dem Eindruck des Corona-Schocks im vergangenen Sommer die Erwartung geäußert, dass sich viele Unternehmen aus globalen Wertschöpfungsketten zurückziehen werden. Für ihr eigenes Unternehmen ist dies für viele Mittelständler jedoch keine Option. Auch wenn sich drei von zehn kleinen und mittleren Unternehmen in den kommenden fünf Jahren stärker auf Lieferanten im Inland fokussieren wollen – einen Rückzug aus globalen Wertschöpfungsketten beabsichtigen mit rund 6 Prozent nur wenige Mittelständler.

Die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung bleiben trotz der Corona-Krise erhalten. Sie zu nutzen ist für den Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen – und damit auch für Wachstum und Wohlstand in Deutschland – wichtig. Dennoch ist ein Nachdenken darüber, wie globale Wertschöpfungsketten effizient und gleichzeitig krisenfest und vor allem nachhaltig gestaltet werden können, erforderlich. Dazu sind neben den
ökonomischen auch die sozialen und ökologischen Folgen der internationalen Arbeitsteilung in den Blick zu nehmen. Multinationalen Konzernen kommt hier zwar eine Vorreiterrolle zu. Für mittelständische Zulieferer sind jedoch ebenfalls entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen – auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

Hinsichtlich der Lehren aus dieser Krise lässt sich festhalten, dass die höhere Verletzlichkeit kleiner Unternehmen auch auf zukünftige Krisen übertragbar sein dürfte. Dies gilt auch für die hohe Bedeutung der Managementfähigkeiten für eine aktive Krisenbewältigung sowie der Fähigkeit gerade innovativer Unternehmen, kreativ und flexibel auf die Herausforderungen zu reagieren.

Inwieweit bestimmte Wirtschaftszweige oder auslandsaktive Unternehmen von zukünftigen Krisen betroffen sein könnten, lässt sich dagegen nicht vorhersagen. Aufgrund der Krisenerfahrung und der höheren Verschuldung vieler Unternehmen verschärft sich der Zielkonflikt zwischen dem Wunsch nach einer höheren Krisenresilienz und der Notwendigkeit zu verstärkten Investitionen in den Klima- und Umweltschutz sowie in die
Wettbewerbsfähigkeit.

Im Klima- und Umweltschutz sind verlässliche Rahmensetzungen, wie beispielsweise ein klares CO2-Preissignal, ein wichtiger Baustein. Hinzu kommen finanzielle Anreize, von denen in der Breite des Mittelstands Impulse zu Investitionen in Klima- und Umweltschutz, Innovationen und neue Technologien ausgehen.

Das Spektrum der Instrumente dazu reicht von zinsgünstigen Krediten (unter Einbeziehung einer Zuschusskomponente), dem Ausbau der FuE-Förderung bis hin zur Verbesserung des Angebots von Beteiligungsfinanzierungen für Start-ups. Um sicherzustellen, dass nach Überwinden der akuten Krisenphase die Herausforderung der Transformation zu einer resilienten, wettbewerbs- fähigen und klimaneutralen Wirtschaft bewältigt werden können, müssen von der Wirtschaftspolitik die Weichen jetzt richtig gestellt werden.

Habt Ihr Fragen für den Livetalk? Dann her damit. Oder ab 11 Uhr mitdiskutieren über die Chat- und Kommentarfunktionen von YouTube, Facebook, LinkedIn oder Twitter.

Wir werden lernen müssen, Stürme zu reiten @AlexandVerne @DGN_MUC @HoheLuftMagazin

„Wir werden lernen müssen, Stürme zu reiten und strategische Planung als liquide Landschaften unserer Vorstellung zu verstehen, in denen wir auch Kurskorrekturen vornehmen können“ und müssen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Heiko Maas und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer können die Metaphorik von Lars Immerthal, Autor von DigitalX, zur Zeit sicherlich gut nachvollziehen. Und das ist mitnichten neunmalklug oder hämisch gemeint.

Es gibt Entwicklungen, die innerhalb von Stunden alles auf den Kopf stellen und vorhergehende Überlegungen pulverisieren. Ich selbst reagiere dabei eher mit Demut und Zurückhaltung als mit der Geste des Allwissenden, der im nach hinein immer alles genau beurteilt und einordnet. Solche Ex-Post-Aburteilungen gehen mir auf die Nerven. Gefragt ist außenpolitische Solidarität, schnelle Hilfe für die betroffenen Menschen in Afghanistan und ein kluges Management von Kontingenz.

Das ist nicht nur beim Umgang mit Krisen wichtig, sondern in jeder Organisation essentiell. Und darauf müssen sich die Führungspersönlichkeiten verständigen: „In pandemischen Zeiten können wir unterschiedliche politische Kulturen in verschiedenen Ländern, aber auch in Unternehmen beobachten, die diese Form der Verständigung über Risiken und Nichtwissen mehr oder weniger zulassen oder beherrschen und damit mehr oder weniger Vertrauen schaffen“, schreibt Immerthal in einem Beitrag für „Hohe Luft kompakt“ mit dem Schwerpunkt Metanoia.

Die Kontingenz, das Auch-anders-sein-können als ein schillerndes Gesicht der Wirklichkeit bietet jedem Handeln den eigentlichen Ansatzpunkt. Nachzulesen bei Rüdiger Bubner im Sammelband „Kontingenz“ in der Wissenschaftsreihe Poetik und Hermeneutik. Handeln steht mit dem Zufall in Konkurrenz. „Nur dasjenige, was ebensogut auch ausbleiben oder anders eintreten kann, bietet unserer zielgerichteten Aktivität Raum zu Entfaltung“, so Bubner.

Sogar unterwegs, während das Handeln sich vollzieht, stehe es weiter unter dem Vorzeichen des Anders-sein-könnens. Der gelingende Vollzug ist nicht garantiert. Wie man damit umgeht, zeigen Rückversicherungen. Also die Berechnung von Eintrittswahrscheinlichkeiten. Und dann gibt es die positiven Seiten der Kontingenz: Überraschungen etwa bei der Entdeckung von Innovationen.

Darüber sprechen wir mit Deepa Gautam-Nigge (SAP) im Vorfeld der Digital X. Mittwoch, 18. August, 11 Uhr.