DER ZUKUNFT EINE STIMME GEBEN – 11 Uhr Liveübertragung der Berliner Pressekonferenz #D2030

Man hört, sieht und streamt sich um 11 Uhr

Hier könnt Ihr die Pressekonferenz der D2030-Initiative live verfolgen. Der Webplayer erscheint, wenn ich den Livestream starte:

Wenn Ihr Fragen stellen wollt, dann müsst Ihr auf die Facebook-Seite klicken.

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Götterdämmerung des Verbrennungsmotors abgeblasen?

Die Freunde der Verbrennungsmotoren – von Lindner bis Seehofer – verweisen in schöner Regelmäßigkeit auf vermeintliche Ökobilanzen, die Tesla und Co. als ökologisch fragwürdig darstellen. Das wurde ausführlich im FutureHubs Diskurs mit Professor Lutz Becker (Hochschule Fresenius), Professor Uwe Schneidewind (Präsident des Wuppertal Instituts) und Jörg Heynkes (Unternehmer) erörtert.

Hier ein kleiner Auszug (ausführlich nachzulesen heute bei den Netzpiloten im Laufe des Tages):

„Es gibt mehrere solcher Studien – aus Schweden und die ifeu-Studie aus Heidelberg. Die berechnen nicht, dass das Benzin, bis es zur Tankstelle gelangt, Unmengen an Strom verbraucht. Etwa die Nordwest-Ölleitung. Da wird der Treibstoff erst mal vom Schiff runter in den Tank gepumpt, dann wird es nach Köln gepumpt, dann wird es in Köln raffiniert, das verbraucht auch Strom. Meiner Meinung nach ist das ein ganz gezielter Ausschnitt, den man da in den Studien über E-Autos genommen hat. So wurde der Strom-Mix aus dem Jahr 2003 als Grundlage genommen. Das ist absurd und hat nichts mehr mit der heutigen Realität zu tu. Viele Menschen machen das natürlich mit nachhaltiger Energie. Jörg Heynkes arbeitet viel mit Sonnenenergie, mit Grünstrom. Die nutzen nicht den normalen Strommix aus der Braunkohle“, so Becker.

In einer netzökonomischen Käsekuchen-Runde sollten wir mal Ökobilanzen auf die Agenda setzen.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

#DFG Präsident kann mit „Großer Transformation“ nichts anfangen – bedauerlich

Was zur Zeit unter den Stichworten von „Großer Transformation“, „Forschungswende“ oder „Transformative Wissenschaft“ diskutiert wird, hält Professor Peter Strohschneider strukturell für populistisch.

Auf Seite 83 der Publikation „Nachhaltige Zeitenwende“ schreibt Strohschneider:

Die Pluralität und die Widersprüchlichkeit der Welt- und Problemlagen werde unter einem einzigen
Prinzip homogenisiert und eine Letztgeltung beansprucht.

„Dieses Prinzip wird sozusagen für transzendent und unverfügbar erklärt: Es gehe um nichts Geringeres als um die Rettung der Welt. Und man kann sich also gar nicht dieses Prinzip nicht zu Eigen machen, ohne dem Anathema zu verfallen. Anders gesagt, die transformative Wissenschaft überspielt ihre analytische Unterkomplexität durch guten Willen und stellt von Argumentation auf Moralisierung um.“

Das sei für die Ziele der Nachhaltigkeit keineswegs von Vorteil, so der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Der Diskurs der „Großen Transformation“ und der „Forschungswende“
sei auch deshalb zu kritisieren, weil er zurück in die kontraproduktive Dichotomie von Wahrheit und Nutzen führt und Wissenschaft zugunsten des Letzteren vereinseitigt – wie wenn unwahres Wissen nützlich
oder wissenschaftliche Wahrheitssuche programmatisch nutzlos sein könne.

„Jedenfalls: Dass überhaupt etwas über den Klimawandel bekannt ist – der sich nämlich der alltäglichen sinnlichen Wahrnehmung lange weithin entzogen hat –, wäre ohne wahrheitsorientierte, neugiergetriebene Forschung ganz unmöglich. Folglich ist gegenüber Postulaten einer generellen normativen Wende des Wissenschaftssystems im Zuge von ‚Großer Transformation‘ und ‚Forschungswende‘ die Notwendigkeit von Balancen zu betonen – und zwar nicht nur auf Ebene der Forschungsprozesse selber, sondern vor allem auch auf Ebene der Entscheidungssysteme, in denen über die Finanzierung von Forschung diskutiert wird“, so Strohschneider.

Es müsse Entscheidungszusammenhänge geben, in denen Kriterien der wissenschaftlichen Relevanz, der Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Wissens, der Neugier, der Welterkenntnis ausschlagend sind. Und es müsse Entscheidungszusammenhänge geben, in denen Kriterien gesellschaftlicher, politischer oder
ökonomischer Relevanz von Wissenschaft, sowie Kriterien der Lösung gesellschaftlicher Problemvorgaben leitend sind. Und diese beiden Entscheidungszusammenhänge und ihre entsprechenden Finanzierungssysteme
müssten in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Nutzlos, mindestens hinderlich für die Verfolgung der Sustainable Development Goals sei ein totalisierender Nachhaltigkeitsutilitarismus, der sich unter neuer wissenschaftlicher Erkenntnis nichts vorstellen kann, als was er derzeit für relevant hält.

„Demgegenüber sind es gerade die überlebenswichtige Bedeutung der SDGs, das enorme Gewicht und die im Wortsinne unfassbare Komplexität der mit ihnen verbundenen Fragen und Aufgaben sowie die herausragende Wichtigkeit und Leistungsfähigkeit der wissenschaftlichen Forschung in diesem Zusammenhang, die es erforderlich machen, Forschungsorganisierung und Forschungsförderung strukturell pluralistisch anzulegen.“

Was schmeißt der DFG-Präsident da alles in einen Topf? Wer spricht sich denn gegen Pluralität aus? Wer beansprucht den alleinselig machende Kenntnis in Fragen der Nachhaltigkeit?

Wenn die transformative Wissenschaft einfordert, sich nicht am Normativen vorbei zu mogeln, wie es in der VWL und BWL der Fall ist, dann ist das kein Plädoyer gegen pluralistisch ausgerichtete Forschung. Ganz im Gegenteil. Es erhöht sogar die Qualität der Forschungsarbeit. Man zählt nicht mehr Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Publikationen nach der Triple-A-Logik oder versteckt sich hinter irgendwelchen Rankings. Auf dem Feld der Wirtschaftswissenschaft hat das Professor Uwe Schneidwind, Präsident des Wuppertal Instituts ausführlich im FuturHubs-Diskurs der D2030-Zukunftsinitiative erläutert:

Es sei interessant zu sehen, wie schnell sich das Fach nach der Finanzkrise wieder seine eigene Rechtfertigungserzählung zurechtgelegt hat.

„Gerade diese verhaltensökonomischen Entwicklungen, es wird ja heute sehr viel mehr mit Laborexperimenten gearbeitet. Den homo oeconomicus versteht man heute sehr viel besser und damit hat man ein wichtiges Defizit in dem klassischen Ökonomie-Ansatz wieder ein Stück gekittet und denkt: Alles wieder bestens. Wir haben letztens einen Aufsatz geschrieben, den wir ‚Von der Reparatur-Ökonomie zur Orientierungswissenschaft’ genannt haben. Da kommt das so ein bisschen zum Tragen. Die Ökonomie hat ihr Standardmodell, dann wirft man ihr irgend etwas vor: Kein Problem, das kriegen wir gefixt. Jetzt machen wir Experimente, jetzt haben wir doch einen sehr viel differenzierteren homo oeconomicus. Aber was sie eben nicht leistet, und das ist unser Vorwurf, ist, in einer Zeit des massiven Umbruchs wirklich Orientierung zu geben. Diese Welt, in der wir heute leben, ist ja in einer ganz massiven Form durch die Ökonomie geprägt.

Jetzt merken wir, dass ganz viele Dinge auf uns zukommen, die eine gewaltige neue Herausforderung darstellen. Die Ökologie- und Nachhaltigkeitsfrage ja schon länger, wobei wir einfach merken: Die ökonomischen Dynamiken treiben die ökologische Sache immer noch in die falsche Richtung. Aber auch Fragen wie die Digitalisierung. Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten zu tun, wir haben mit Produktivitätssprüngen zu tun, die vermutlich das Maß vorangegangener technologischer Wenden noch mal überwinden. Jetzt würde man sich ja eine Ökonomie wünschen, die vordenkt: Was heißt das? Auch so etwas wie Grundeinkommen, wie organisieren wir unseren Sozialstaat? Das sind ganz neue Formen. Was ist denn eigentlich mit der Geldwirtschaft in einem Zeitalter von Bitcoin? Also wenn es vielleicht gar keine Zentralbanken mehr gibt und braucht. Also ganz, ganz viele Fragen“, so Schneidewind und er führt weiter aus:

„Und statt dass wir Ökonomen als öffentliche Intellektuelle haben, die uns dazu Orientierung geben, verkriechen die sich wieder in ihren Boxen und sagen: Hey, wir machen hier tolle Experimente, was kritisiert ihr uns denn eigentlich? Diese Orientierungsfunktion geht komplett verloren. Wir brauchen eine Ökonomie, die uns zeigt, wie die Zukunft aussehen soll“, fordert der Präsident des Wuppertal-Instituts.

Und genau das ist der große Unterschied zur Geisteshaltung des DFG-Präsidenten. Die Wissenschaft muss aus ihren Boxen herauskommen und Orientierung bieten – in einem pluralistischen Diskurs.

Siehe auch die Replik von Schneidewind: Transformative Wissenschaft – Motor für gute Wissenschaft und lebendige Demokratie.

Siehe auch:
Wer denkt wirklich an die große Transformation? #D2030

Good Governance oder: Wirtschaft alleine schafft keine Prosperität

Sehr spannendes Buch, kommentiert Lutz Becker auf Facebook. Gemeint ist das Opus von Steffen Martus.

„Ich habe die ersten 200 Seiten von über 1000 wirklich verschlungen. Gerade treibt mich die Frage um, warum in der Aufklärung die von Handel und Kaufmannschaft geprägten Orte an Strahlkraft verloren, und stattdessen die kleinen Residenzstädte profitieren. Die Antwort ist vermutlich immer die gleiche, inklusive Institutionen und Good Governance. Oder andersrum gedacht, Wirtschaft alleine schafft keine Prosperität (Seite 188)“, so Becker.

Das Werk von Martus bietet aber noch viel mehr. Etwa die Ausführungen des Autors im Interview mit Alexander Kluge.

http://www.dctp.tv/filme/auswege-aus-dem-kerker-newsstories-16052017/embed/

Oder die Passagen im Buch über Kant als Marketing-Genie (sorry Herr Professor Meffert, sie wollen den Begriff ja beerdigen, aus guten Gründen – also das MARKETING):

„Er erkannte das Problem, dass vernünftige Argumente nicht notwendigerweise von sich aus überzeugen. Daher arbeitete er am Gedankenmarketing und machte sich populär. Mit seinen ‚Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können‘ reagierte er im April 1783 auf die schleppende Rezeption seiner ersten ‚Kritik‘ (gemeint ist die Kritik der reinen Vernunft, gs) und versuchte, sein Anliegen in einer überschaubaren, leichter fasslichen Form darzubieten. Zu weiteren Popularisierungsmaßnahmen zählten dann auch die Beiträge, die Kant seit 1783 paralell zu den Prolegomena regelmäßig in der ‚Berliner Monatsschrift veröffentlichte.“

Dazu zählten Polemiken gegen die intellektuelle Bequemlichkeit des Establishments der Philosophie. Wer bei der Rezeption seiner Werke kapitulierte, der musste sich den Vorwurf der Bequemlichkeit gefallen lassen und wurde zu den „faulen“ Denkern gerechnet. Kant drehte an den Stellschrauben des Medienbetriebs, lancierte Rezensionen, haute unliebsame Gegner in die Pfanne, um für gute oder schlechte Stimmung zu sorgen. Hauptsache es entwickelte sich Stimmung. Zudem verfolgte er über Jahre hinweg eine Strategie der kleinen Maßnahmen, bis sich das Meinungsklima zu seinen Gunsten verändert hatte. Tja, so geht das also.

Bildung ohne Unterricht und Ökonomik ohne Erbsenzähler #Sommerinterview mit @bildungsdesign

Die Mainstream-Ökonomen markieren eine merkwürdige Kampflinie gegen die pluralen Ökonomen: Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten.

„Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg nach einem Bericht der FAZ. Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung. „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann.

Etwas ärmlich scheint die Replik, die sich immer noch in Kategorien der politischen Gesäß-Geografie bewegt. Siehe auch den Blogpost: Warum die Ökonomik sich wandeln muss.
Dabei gibt es gute Gründe, dass naturwissenschaftliche Gehabe der neoklassischen Wirtschaftstheorie mit ihrem pseudo-neutralen Habitus in Frage zu stellen.

Wirtschaftswissenschaft auf Excel-Tabellen-Niveau

Hier sehe ich die Notwendigkeit für eine Radikalkur. Die von den pluralen Ökonomen geforderte thematische Ausweitung des Studiums reicht dabei nicht aus. Es muss etwas anderes geben als die ökonomische Erbsenzählerei, bei der man die Bäume vor lauter Wald nicht erkennt. Es erscheint eine Flut von Fachartikeln, die alle im gleichen Stil verfasst werden: Diagramme, Excel-Tabellen (mit fatalen Folgen für die Politik-Beratung zur Euro-Krise: Thomas Herndon versus Reinhart/Rogoff – Wenn inkompetente Excel-Ökonomen irren und zur Tagesordnung übergehen) und pseudo-wissenschaftliche Prognosen durchfluten die Aufsätze, um an der akademischen Karriere zu feilen. Es fehlen sprachmächtige Analysen, großartige Monografien, verständliche Essays, diskursfreudige Utopien und geistreiche Einwürfe. Traditionelle Ökonomen sind nur noch langweilige Buchhalterseelen, die mit ihrer Empirie in den Rückspiegel schauen und Erkenntnisse für den Altpapier-Container produzieren.

Studium ohne Unterricht

(Nicht nur) BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden. Diesen Vorschlag machte der Innovationsexperte Jürgen Stäudtner im #NEO16x Käsekuchen-Diskurs:

„Man hat an den guten Kunstakademien gar keinen richtigen Unterricht mehr. Es gibt ein Orientierungsjahr, in dem versucht man, seinen Weg als Künstler herauszufinden. Es wird erwartet, dass man sich die dafür notwendigen Fähigkeiten selber beibringt. Im Hauptstudium geht es dann rund drei bis vier Jahre nur darum, eigene Projekte durchzuführen, besser zu werden und an der Verbesserung seiner Fähigkeiten zu arbeiten.“

Leidenschaft für Veränderungen

Was generell im akademischen Gefilde fehlt, ist die Vorbereitung auf Unvorhergesehenes und die Leidenschaft für Veränderungen. Studierende an Kunstakademien brennen für ihre Themen:

„Beste Voraussetzungen also, um eine Disziplin zu lehren, die junge Menschen zur eigenen schöpferischen Arbeit und künstlerischen Identität finden lässt — Kunst ist nicht lehrbar, wohl aber künstlerische Techniken, Methoden und Forschungsstrategien“, sagt Stäudtner.

In drei bis endlos langen Jahren gehe es nur darum, eine eigene künstlerische Position zu beziehen und gegenüber seinem professoralen Mentor zu verteidigen. Viel Zeit, um Themen zu erproben und die Gesellschaft zu verändern.

Bestehende Grenzen und Beschränkungen des Denkens, Wollens und Handelns müssen gesprengt werden. Nur so kommt Neues in die Welt, ohne dem Gipsabdruck von karrieristischen Erbsenzählern der Ökonomik zu folgen.

Was sich generell im Bildungssektor ändern sollte, erörtere ich am Samstag, den 19. August, um 10 Uhr mit dem Schweizer Bildungsethiker Christoph Schmitt im Bonner #Sommerinterview. Man hört, sieht und streamt sich nächsten Samstag auf http://www.facebook.com/gsohn.

Vorher gibt es noch einen Livestream am Dienstag, den 15. August, um 18 Uhr zur Podiumsdiskussion über Rheuma & Arbeit.

Siehe auch:

Bildungsethik jenseits der Zeigestock-Pädagogik

So sieht es aus in unserer Bildungslandschaft: 7,5 Jahre Warten auf den Studienplatz – ist das legal?