@wiwo @BeatBalzli Ökonomen-Ranking Informatiker ist der beste Betriebswirt mit einem fantastischen CIO-Netzwerk

Die Digitalisierung fordert alle Unternehmen und auch die akademischen Disziplinen heraus. Eine Antwort will die BWL im Strategischen Management liefern. Das dokumentierten jedenfalls vor rund zwei Jahren die Autoren Thomas Hutzschenreuter, Torsten Wulf und Dodo zu Knyphausen-Aufseß in einem Gastbeitrag für die FAZ. Keiner wisse genau, wie neue Branchenstrukturen aussehen, welche Plattformen und Technologien sich durchsetzen und wie digitale Technologien zukünftig ausgeprägt sein werden. Zudem hänge die Beschaffenheit der Welt jenseits der digitalen Transformation von den Akteuren selbst ab. 

„Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Endogenität, womit gemeint ist, dass die Veränderung eines Systems aus dem System selbst heraus und nicht ausschließlich von außen beeinflusst wird.“

Auch wenn die Forschung zum Strategischen Management eine Reihe von inhaltlichen Beiträgen zum Umgang mit Chancen und Risiken der Digitalisierung geleistet habe, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Digitalisierungsansätze in Unternehmen so unterschiedlich sind wie die Unternehmen selbst. Deshalb könne das Strategische Management nur in begrenztem Maße generell gültige, allgemeine Empfehlungen für den Umgang mit der digitalen Transformation liefern. Strategie sei immer individuell.

Wie Lehrstühle sowie Lehrbücher mit diesen Empfehlungen umgehen und wie man sich auf das Echtzeit-Management in der Datenökonomie ausrichtet, bleibt abzuwarten. Zumindest eine Erkenntnis hat sich bei den drei FAZ-Gastautoren durchgesetzt: Die Zeit der „Wöhe-BWL“ sei vorbei. Was nun kommt, dass müsste erst erkundet werden. Löblich ist zumindest das Bekenntnis der Wissenschaftler, dem Ansatz des Nationalökonomen und Soziologen Joseph Schumpeter zu folgen. In seinem Erstlingswerk „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“ aus dem Jahr 1908 (!) hat er auf die Bedeutung individueller Erscheinungen besonders für die Ökonomik hingewiesen. Einige Jahre später verwies er auf die Relevanz von endogenen Faktor für die Entwicklung der Wirtschaft in Abgrenzung zur Mainstream-Ökonomik, die sich eher auf exogene Größen kaprizierte und teilweise immer noch kapriziert.

Bewirkt hat das an den Lehrstühlen der BWL wohl noch nicht sehr viel. Im BWL-Ranking der Wirtschaftswoche rangiert auf dem ersten Platz mit Helmut Krcmar ein Wirtschaftsinformatiker.

Er ist zwar Diplomkaufmann und war auch mal BWL-Professor. Seine Expertise liegt aber eindeutig in der Informatik und zwar an der Fakultät für Informatik der TU-München.

„Er hat ein 800 Seiten starkes Standardwerk über Informationsmanagement geschrieben und ein Netzwerk von fast 1000 Chief Information Officers (CIO) aus der Wirtschaft mit aufgebaut. Und er führt, neben seinem Professorenjob, als wissenschaftlicher Direktor die fortiss GmbH, eine IT-Ideenschmiede des Landes Bayern“, schreibt die Wiwo. Das wird doch die CIO-Kuratoren entzücken.

Er sei „kein Kämmerleinschreiber“, sagt Krcmar. Seine Inspiration erhalte er vor allem durch die Diskussion mit anderen Forschern und den CIOs von Unternehmen. Dabei habe er stets die Neigung, bei ökonomischen Themen die Perspektive zu wechseln und immer wieder infrage zu stellen, ob alte Wahrheiten heute noch gelten, so die Wiwo. Sehr sympathisch.

„Jüngst analysierte Krcmar, warum E-Government in der deutschen Verwaltung nur so quälend langsam vorankommt“, führt die Wiwo weiter aus. Zudem will er sich mit dem Plattformwettbewerb im Netz auseinandersetzen. Für Justus Haucap, Gründungsdirektor des Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE), ist das Ranking keine Überraschung: „Die Zeit, in der man in der BWL vor allem Pfeile zwischen Kästchen gemalt hat, ist lange vorbei. Auch hier wächst die Bedeutung empirischer und experimenteller Forschung“, so Haucap gegenüber der Wiwo. Und nicht nur das. Es zeigt auch die Relevanz von Data Science-Kompetenz in der BWL.

Die Herzkammer der Netzökonomie sind eben Daten und deren ökonomische Nutzung. Und da können viele BWL-Professoren noch nicht viel bieten in ihrer Forschungsarbeit. Der Sieg von Helmut Krcmar ist daher nachvollziehbar. 

Das Wiwo-Ranking wurde übrigens vom Forschungsinstitut KOF der ETH Zürich und vom DICE in Düsseldorf erarbeitet. Hauptkriterium: Die Zahl der Veröffentlichungen in wichtigen Journals, gewichtet nach der Reputation der Zeitschrift. Das ist zu wenig. Da fehlt eine qualitative Dimension, dann kämen noch ganz andere BWLer in die Top 100-Wertung.

Philosophy, Politics and Economics – Bachelor-Studiengang in Düsseldorf

Wir brauchen mehr Freiheitsgeist in der Ökonomik. So habe ich das in einem Beitrag zum Buch von Axel Gloger über die Leere in der BWL formuliert. Für die VWL gilt ja ähnliches.

Gloger bringt in seinem Opus die klassische Bildung ins Spiel. Etwa den Lehrplan des St. John’s College in Santa Fe als Vademekum gegen die Stoff-Huberei in BWL und VWL. In der Leseliste findet man Homers „Odyssee“, die „Nikomachische Ethik von Aristoteles“, Machiavellis „Fürst“ und Thomas Hobbes’ „Leviathan“. Dante, Molière, Leibniz, Kafka, Kant, Goethe, Plato und Einstein sind die Wegbegleiter der Studierenden und nicht die technokratischen Schwurbeleien in den üblichen Lehrbüchern der Wirtschaftswissenschaft.

Nun geht wohl auch die Uni Düsseldorf einen interessant Weg – das berichtet die FAZ. Ob das zu mehr Freigeist führt, muss man mal abwarten. Aber die ersten Ansätze sind schon vielversprechend.

Es sei ungewöhnlich, dass VWL-Erstsemester ein Lehrbuch für Philosophen mit dem recht sperrigen Titel „Logik: Grund- und Aufbaukurs der Aussagen- und Prädikatenlogik“ studieren. „Hier in Düsseldorf tun sie es nun. Sie büffeln Semantik und Beweistheorie, diskutieren über logische und unlogische Aussagen, sezieren Beispielsätze“, so die FAZ. Es geht um den Bachelor-Studiengang „Philosophy, Politics and Economics“, der in diesem Wintersemester in Düsseldorf gestartet ist.

„Geplant war, 50 Studierende im Jahr aufzunehmen, jetzt sitzen viermal so viele in den Vorlesungen. Sie hören eine bunte Mischung: Praktische und Theoretische Philosophie, Logik, Politikwissenschaft, Methoden der Sozialwissenschaft. Und natürlich Ökonomie (Mikro, Makro und Statistik). In den späteren Semestern kommen Vorlesungen über Entscheidungs- und Spieltheorie, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftsethik, Internationale Beziehungen, Organisationen und Strukturen hinzu“, schreibt die FAZ.

Es werde immer gefordert, dass Entscheider in Unternehmen und Politik nicht eine rein ökonomische Perspektive einnehmen, sagt der Düsseldorfer Philosophieprofessor Gottfried Vosgerau gegenüber der FAZ, der den neuen Studiengang mitbetreut. Wirtschaft isoliert ohne Politik und Gesellschaft könne man nicht denken. Wer über die neoklassischen Modelle der VWL sinniert und beispielsweise in der Mikroökonomie über eine Nutzenfunktion stolpert, sollte zumindest mal was über Utilitarismus und Thomas Hobbes gehört haben. Oder über Kant als Antipode der Nützlichkeitsfraktion – also das Spannungsfeld von Nützlichkeitsethik und Pflichtethik.

Welche wirtschaftspolitischen Konsequenzen ergeben sich denn aus dem kategorischen Imperativ von Kant?

Warum verweigern Ökonomen Antworten auf normative Fragen – etwa bei der Verteilungsgerechtigkeit?

Warum sind Ökonomen wie Hans-Werner Sinn und Ernst Fehr realpolitisch auf dem Holzweg, wenn sie analytisch kaltschnäuzig über die Notwendigkeit von flexiblen Arbeitsmärkten in Europa reden?

Warum ist es fragwürdig, wenn vermeintliche „Wirtschaftsethiker“ den Mindestlohn spieltheoretisch beleuchten?

Warum sollten Makroökonomen mal in den Logik-Büchern im Sachregister unter T wie Tautologien nachschlagen?

Sie könnten natürlich auch im neuen Schumpeter-Band reinschauen (Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums) 😉

Warum sollten VWL-Prognostiker wie Sinn die so genannten DSGE-Modelle unter Z wie Zirkelschluss diskutieren?

Alles Fragen, die ich übrigens in meinen Wirtschaftsethik-Lehrveranstaltungen an der Hochschule Fresenius in Köln diskutiere.

Was da in Düsseldorf auf die Beine gestellt wird, geht in die richtige Richtung.

Über die Theorielosigkeit der Managementberater

Ein bedeutender Indikator für Probleme bei der Komplexitätsbearbeitung in Unternehmen ist nach Ansicht von Professor Rupert Hasenzagl die steigende Zahl an Managementmoden:

„Wie der mittlerweile emeritierte Mannheimer Organisationsprofessor Alfred Kieser bereits 1996 in seinem bekannten Artikel in dem wissenschaftlichen Journal ‚DBW’ gezeigt hat, neigen Manager dazu, auf die steigende Umweltkomplexität mit einfachen Konzepten zu reagieren.“

Business Process Reengineering (BPR), Lean Management, Total Quality Management (TQM), ISO 9000 oder Six Sigma – die Liste derartiger Methoden sei lang.

„Sie sind aber weniger für die Anwender als für Buchautoren und Berater ein gutes Geschäft“, moniert Hasenzagl.

Der Ansatz, steigende Komplexität mit einfachen Konzepten zu bewältigen, sei weder theoretisch argumentierbar, noch lassen sich in der Praxis nachhaltige und tiefgehende Verbesserungen hinsichtlich Unternehmensführung nachweisen. Die Folge der Erfolglosigkeit sei ein ständiger Wechsel der Methoden, ohne dem Management wirklich hilfreich zu sein.

Hinter diesen Moden stecke ein sehr mechanistisches Verständnis der Wirtschaftswelt: „Diese an die Naturwissenschaften angelehnten simplen Organisationsvorstellungen sind aber auch Grundlage der Betriebswirtschaftslehre und des Bürokratismus“, so Hasenzagl.

Aufgrund der extremen Vereinfachungen, besonders bei der Abbildung sozialer Realitäten, sei die BWL aber nicht in der Lage, komplexe soziale Vorgänge auch nur annähernd abzubilden. Die Einfachheit des Organisationsverständnisses der BWL macht sie für die Prediger von Managementmoden so attraktiv.

„Das umso mehr, als das Weltbild der mechanistischen Theorien sich gut mit der atheoretischen Praxis deckt. Auf der Strecke bleiben Manager, die versuchen, überwiegend auf Basis der BWL-dominierten akademischen Managerausbildung ihre Unternehmen zu steuern“, kritisiert Hagenzagl. 

Die dürftige theoretische Durchdringung des ökonomischen Geschehens mit pseudo-rationalen Modellen kompensieren Führungskräfte mit dem Einsatz von Macht und steigern damit die Bürokratisierung ihrer Organisationen. 

In Lehre und Praxis dominieren Aufzählungs-Friedhöfe, moniert Axel Gloger in seinem Opus „Betriebswirtschaftsleere – Wem nützt die BWL noch?“ Je stärker das Kästchendenken die Regentschaft in Organisationen prägt, desto geistloser funktioniert das System. In diesem Sperrgut der Leerformeln gedeihen Kontroll-Biotope, Misstrauen, ermüdende Rechtfertigungs-Meetings und gefälschte Erfolgsmeldungen. Siehe auch meine Ausführungen zu Homer statt Wöhe – Über die Binsenweisheiten in der BWL und im Management.

Akademisches Wissen und eine Ausbildung, die eine Profession begründen, fehlen dem Management, so das ernüchternde Resümee von Hagenzagl: „Würden Sie zu einem Arzt gehen, der im Vorberuf Fleischhauer war und dann vielleicht in drei einwöchigen ‚Arzt Development-Ausbildungen’ Praxisvorstellungen vermittelt bekommt? Für Manager inmitten ihrer komplexen Umwelt ist eine derartige Karriere aber leider viel zu häufig Realität.“ 

Wie könnte man denn jetzt ein belastbares wissenschaftliches Fundament begründen, um die Management-Weisheiten kritisch zu hinterfragen?

In seinem Buch „Freiheit und Verantwortung“ macht der Autor Mark Lambertz folgenden Vorschlag: Anstelle der Falsifizierbarkeit, die nach eigenen Angaben beim kybernetischen Management-Modell nicht möglich ist, sollte die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, ob eine noch untestbare Theorie (oder ein untestbares Modell, gs) zuverlässige Ergebnisse liefert:

„Leider hat sich bisher noch niemand an die Arbeit gemacht, die Wahrscheinlichkeit für das VSM zu berechnen – und ich werde wohl selber nicht mehr in diesem Leben die Bayessche Formel durchdringen.“

Was heißt das nun konkret? Das Modell ist (nicht nur) wissenschaftlich völlig irrelevant, denn es lässt sich in keiner Weise überprüfen. Mit dem Ansatz von Lambertz kommt man nicht weiter.

Einen ersten Schritt könnten die Berater und Management-Denker leisten, in dem sie nicht nur gut durchdachte Ideen, Modelle und Theorien entwickeln, sondern sie auch nachvollziehbar darstellen. So, wie es der Organisationswissenschaftler James G. March in seinem Buch „Zwei Seiten der Erfahrung – Wie Organisationen intelligenter werden können“ formuliert hat. Er belegt, wie anfällig Menschen sind, Erinnerungen so zu konstruieren, dass sie aktuellen Wünschen und Bedürfnissen dienen. „Er bewahrt seine Überzeugungen, indem er gegenüber Beweisen, die bestehende Überzeugungen bestätigen, weniger kritisch ist als gegenüber Beweisen, die sie zu widerlegen scheinen. Der Mensch verzerrt Beobachtungen ebenso wie Überzeugungen, damit sie zueinander passen. Er bevorzugt einfache Kausalzusammenhänge….“

Wer sich auf dieser Leimspur bewegt, endet in einem sektenhaften Mantra von pseudowissenschaftlichen Management-Weisheiten. „Innovation setzt Kritik voraus“, so Professor Lutz Becker bei einer netzökonomischen Diskussionsrunde an der Hochschule Fresenius.

Kritischer Rationalismus bleibt für mich das Maß aller Dinge. Also die Spielregeln der Falsifikation, die der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper entwickelt hat:

Theorien (und Modelle) müssen so eindeutig formuliert werden wie möglich, nur so lassen sie sich überhaupt widerlegen;

Theorien müssen frei von Elementen sein, die man nicht widerlegen kann – also tautologische Annahmen, die man in der Wirtschaftswissenschaft so häufig findet.

Auch im Management muss es ein Ringen um den besten Weg geben. Dieser Weg ist die Abfolge von Theoriebildung, von Kritik und der Korrektur erkannter Fehler. So erhalten auch Aussagen über das Management den Charakter wissenschaftlicher Hypothesen, die an der Wirklichkeit überprüft und im Licht der Erfahrung korrigiert werden müssen.

Im Juni wollen wir dieses Thema in einem Kolloquium vertiefen.

Denken über Wirtschaft benötigt eine Neuauflage – Spannender Runde an der @hs_fresenius mit @larshochmann @thove @gsohn und Professor Lutz Becker

Zu sehen auf Periscope:

Oder YouTube:

Kleine Tagungen mit direkten Gesprächen ohne langatmige Reden oder die Kunst der ungehaltenen Rede – Wie kann man mit Konferenzen dauerhaft wirken?

Der Soziologe André Kieserling hat im Wissenschaftsteil der FAZ einen sehr wichtigen Beitrag geschrieben über die Notwendigkeit von intelligenten Tagungsorganisationen für die geisteswissenschaftliche Forschung – und das gilt eigentlich für jede wissenschaftliche Disziplin.

So verweist er auf Überlegungen, die die amerikanische Ethnologin Margaret Mead bereits gegen Ende der sechziger Jahre publizierte. Ihr Buch beginnt mit einer Kritik der wissenschaftlichen Großtagung, an der sie zwei Schwächen hervorhebt.

„Die eine liege im Vorrang der schriftlichen vor der mündlichen Kommunikation: Es würden Texte, die nach Länge und Dichte eigentlich für den Buchdruck bestimmt seien, einem zugleich wehrlosen und überforderten Publikum vorgelesen, mitunter gefolgt von einer Kritik des Vortrags, die ihm an Dichte, und oft auch an Länge, keineswegs nachstehe. Gebunden an diese Vorlagen, könnten die Redner aber weder aufeinander noch auf das Publikum reagieren. Eine zweite Schwäche liege darin, dass die Einladungspolitik einer Art von Proporzdenken folge. Die Wissenschaftler würden nicht als lernfähige Individuen eingeladen, sondern als Gruppenvertreter, die dann etwa ihr eigenes Fach oder die Lehrmeinung ihrer eigenen Schule zu repräsentieren hätten. Belohnt werde damit aber gerade nicht die Offenheit des Urteils, sondern die Treue zu einer bereits eingenommenen Position. Kein Wunder, so Mead, dass es dann oft bei der Wiederholung von schon Bekanntem bleibe und die offiziell doch gerade gesuchten Annäherung der verschiedenen Lager nicht recht vorankomme“, erläutert Kieserling.

Kleine Konferenzen organisieren

Mead plädiert für kleine wissenschaftliche Konferenzen. Vorteil: Dort gibt es kein passives Publikum und man steigt direkt in das Gespräch ein. Aber auch diese Form der wissenschaftlichen Tagung hat nach Ansicht von Kieserling Schwächen:

„Als Wissenschaftsgeselligkeit mag sie das gegenseitige Kennenlernen der Personen und vielleicht auch ihre Gewöhnung an fachliche oder nationale Besonderheiten erleichtern, aber sie hat keine greifbaren Erträge, und damit sind auch breitere Rückwirkungen auf den Forschungsprozess ausgeschlossen.“

Die kleine Gruppe um den Philosophen Hans Blumenberg umging dieses Problem, indem sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit auf intelligente Weise verband. Die eigentliche Innovation der berühmten Tagungsreihe „Poetik und Hermeneutik“ lag in der Idee der ungehaltenen Rede.

„Die Vorträge der Tagungsteilnehmer wurden nicht vorgelesen, sondern vorher an alle Teilnehmer verschickt. Die Zusammenkünfte selbst waren als Diskussion über gemeinsame Lektüren und als Vorbereitung einer gemeinsamen Publikation angelegt, und das hat sie davor bewahrt, sich in bloßer Geselligkeit zu erschöpfen. Zugleich konnten diese ‚Vorträge‘, entlastet von der Rücksicht auf ein anwesendes Publikum, von einer Länge und Gründlichkeit sein, die man keinem Vortragenden jemals gestatten würde, und das wiederum kam dem Niveau der Diskussionen zugute“, führt André Kieserling aus.

Blumenberg war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator und die Tagungsbände „Poetik und Hermeneutik“ haben die Geisteswissenschaften dauerhaft und nachhaltig beflügelt. Wie müsste das heute organisiert.

Plädoyer für die gesellige Disputation in einer digitalen Akademie

Ich selbst habe in einer Kolumne für die Netzpiloten mal die Gründung einer digitalen Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit ins Spiel gebracht – ich bin da näher am Konzept von Mead. Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. 

Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens. 

Akademische Krawalle vonnöten 

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Aufklärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried. „Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus. 

Social Web im 17. Jahrhundert ohne AGB-Diktatur 

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen.

„Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt – müsste Professor Lutz Becker zusagen. Genau sein Wissenschaftskonzept an der Hochschule Fresenius.

„Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt.

So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen und die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – hatte Thomasius auch 😉