
Tegernsee, Klartext, keine Ausflüchte
Auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee, in der Reihe „LEG Klartext“, setzt Ansgar Graw, Herausgeber von „The European“ (WEIMER MEDIA GROUP), gleich zu Beginn den harten Schnitt: Was hat der Angriff auf den Iran gebracht? Armin Laschet, als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses mit der Materie täglich befasst, antwortet klarsichtig – und die Diagnose ist niederschmetternd: Im günstigsten Fall wird die Straße von Hormus wieder offen sein. Aber sie war es vor dem Krieg auch. Wenn das als Triumph verkauft wird, ist es keiner: Es ist die Rückkehr zum Ausgangspunkt, nur teurer, riskanter und strategisch schlechter – bezahlt mit Raketen, Milliarden und einem Risikoaufschlag für die Weltwirtschaft, der sich längst in Preisen, Versicherungsprämien, Lieferzeiten und Nervosität an den Märkten niederschlägt.
Der Krieg sei unnötig und zugleich strategisch wirksam – nur eben zu Gunsten Teherans. Denn der Iran hat in dieser Episode etwas gelernt, das im 21. Jahrhundert mehr wert ist als Geländegewinne: welche Knöpfe er drücken muss, um den Westen zu zwingen, über seine Themen zu reden. Die Straße von Hormus ist dabei nicht Geographie, sondern eine Taste am Weltwirtschafts-Klavier.
Der neue Knopf: Weltwirtschaft als Druckpunkt
Wer die Straße von Hormus glaubhaft stören kann, muss sie nicht dauerhaft schließen. Es genügt, die Möglichkeit in den Raum zu stellen, Minen schwimmen zu lassen, Drohkulissen aufzubauen, Frachter zu stoppen, Versicherer nervös zu machen. Die Wirkung entsteht nicht erst im Ereignis, sondern in der Erwartung. Genau darin liegt die neue Machtposition, die Laschet beschreibt: Der Iran muss nicht gewinnen, um zu erpressen; er muss nur zeigen, dass er kann.
Man kann das als raffinierte Asymmetrie lesen: Der Westen wirft technologischen und finanziellen Aufwand in einen Konflikt, um am Ende zu beweisen, dass eine Engstelle wieder passierbar ist, die vorher passierbar war. Teheran hingegen gewinnt an strategischer Bedeutung, weil es demonstriert, wie schnell die Welt wirtschaftlich zuckt, wenn Tankerwege fragil wirken. Der Krieg hebt das Regime nicht moralisch, aber er hebt es politisch. Es wird zum unvermeidlichen Störfaktor, um den herum alle handeln müssen.
Das Vergessen der Freiheit: Pahlavi als Symbol der europäischen Untätigkeit
In der Tegernseer Debatte fällt ein Detail, das den Zynismus dieser Lage beleuchtet. Laschet hat in Berlin Reza Pahlavi getroffen, den Sohn des letzten Schahs, der versucht, die zerstreuten Strömungen der iranischen Opposition zu bündeln. Er erzählt von der Ambivalenz: Tausende Nachrichten, die sagen „Trefft ihn“, und genauso viele, die sagen „Trefft ihn nicht“. Er beschreibt Pahlavi als sachlich, ruhig, präzise – und als den einen Namen, der überhaupt sichtbar ist, weil jeder Oppositionsführer im Land selbst das Leben riskieren würde.
Dann kommt Laschets eigentliche Sorge: Während jetzt über Hormus, Atomfragen und Raketen gesprochen wird, wird über das, wofür Menschen im Iran auf die Straße gingen und starben, kaum noch geredet. Die Freiheit verschwindet aus der Tagesordnung, sobald die Weltwirtschaft nervös wird. Damit vollzieht sich eine zweite Verschiebung: Nicht nur Teheran lernt die westlichen Druckpunkte kennen, auch der Westen zeigt, wie schnell er Menschenrechte ausblendet, wenn der Ölpreis wackelt.
Bachmanns Rechnung: Öl ist Grundpreis, Dünger ist Sprengsatz
Was Laschet politisch beschreibt, rechnet der Ökonom Rudi Bachmann bei „Maischberger“ ökonomisch durch – und seine Warnung ist präziser als manche Regierungsmitteilung. Es beginne bei Öl, sagt er sinngemäß, und Öl sei nicht nur Treibstoff. Es sei ein Grundpreis für alles: Lebensmittelproduktion, Verteilung, Gütertransport. Der Preisanstieg frisst sich durch: Inflation, höhere Zinsen, mit Folgekosten für Bauwirtschaft, Investitionen, Wachstum. Das ist der Mechanismus, vor dem die Finanzpolitik in Abschwüngen am meisten Angst hat: Erst kommt der geopolitische Schock, dann kommt die geldpolitische Reaktion, dann kommt die wirtschaftliche Abkühlung.
Bachmann aber nennt einen zweiten Kanal, der noch gefährlicher ist, weil er nicht nur Wohlstand, sondern Leben betrifft: Dünger. Harnstoff als Input, teure oder knappe Düngemittel, Farmer, die nicht mehr kalkulieren können. In den USA werde das bereits sichtbar, sagt er. Und dort, wo es wirklich eskaliert, sei nicht Europa, sondern Afrika und andere ärmere Regionen: Hungerkrisen, Instabilität, Migration. Wer also Hormus als „regionalen Konflikt“ behandelt, belügt sich – die Folgen laufen über Preis- und Versorgungsketten in die politische Ordnung ganzer Kontinente.
Damit wird klar, warum Laschets Satz so hart ist: Die Rückkehr zu einem offenen Hormus ist nicht die Rückkehr zur alten Welt. Die alte Welt lebte von der stillen Annahme, dass Engstellen zwar existieren, aber nicht als politisches Schaltpult benutzt werden. Diese Annahme ist nun zerstört. Selbst wenn die Straße formal wieder offen ist, bleiben Versicherungsprämien, Risikokalkulationen und politische Unsicherheit. In den Märkten ist das die Definition von Dauerkrise: keine Explosion, aber keine Normalität.
Trump als Risikoquelle: Politik ohne Gedächtnis
Laschet und Bachmann treffen sich in einem Punkt, den man nicht mit Psychologie erklären sollte, weil es um Struktur geht. Laschet beschreibt Trump als Akteur, der sich von Thema zu Thema bewegt, Erfolge anreißt und Folgeschritte liegen lässt. Bachmann beschreibt das gleiche Muster als innenpolitischen Zerfall: Erst die Zölle, dann die Konflikte, dann die Affären, dann der Streit mit dem Papst, dann die nächsten Schlagzeilen. Es entsteht eine Außenpolitik, die nicht auf Strategie beruht, sondern auf permanenter Ablenkung.
Der entscheidende Satz bei Bachmann ist nicht einmal der über Midterms. Er sagt sinngemäß: Selbst wenn Trump Wählergruppen verliert, selbst wenn Isolationisten abspringen, selbst wenn Unterstützer wie Tucker Carlson sich distanzieren – es ist ihm egal. Damit zerbricht das klassische demokratische Beruhigungsargument: „Wähler disziplinieren den Präsidenten.“ Bachmann zeichnet das Bild eines Präsidenten, der nicht in Partei- oder Koalitionslogik denkt, sondern in Selbstlogik, in Selbsterhalt, im schlimmsten Fall in Bereicherung. Diese Darstellung ist als Interpretation zu lesen, nicht als gerichtsfeste Feststellung – aber politisch ist sie hoch relevant: Wenn ein Akteur nicht mehr auf Kosten reagiert, wird er zur Volatilitätsmaschine.
Und diese Volatilität ist nicht nur amerikanisches Innenproblem. Sie wird exportiert. Wer an Engstellen der Weltwirtschaft spielt, sendet Schockwellen in Zinsen, Preise, Versorgung. Bachmann nennt es Operette, weil die politischen Debatten dabei ins Absurde kippen. Laschet nennt es verheerend, weil es strategisch nichts gewinnt und trotzdem neue Risiken schafft. Beide meinen das gleiche: Der Westen ist dabei, sich selbst die Stabilitätsgrundlagen zu beschädigen.
Europa als Statist: Bezahlen ohne Verhandeln
Laschet legt nach, und hier wird der Essay europäisch. Er sagt offen, dass man kaum noch frage, was Europa mache. Früher gab es Formate, in denen Europa mitsprach, heute ist Europa in Gaza wie im Iran eher Zuschauer. In der Ukraine beschreibt Laschet eine Situation, die man in Brüssel nicht gern ausspricht: Amerika liefert, Europa zahlt – und verhandelt wird anderswo. Wer Souveränität ernst meint, müsse nicht nur militärisch aufrüsten, sondern diplomatisch handlungsfähig sein, auch mit Russland sprechen können, europäisch koordiniert, nicht aus Sentimentalität, sondern weil Europa sonst keine Rolle spielt.
Man kann diese Forderung unbequem finden. Aber sie ist konsequent, wenn man die geoökonomische Lage ernst nimmt. Wer an Handelsrouten, Energieflüssen und Lieferketten hängt, kann sich nicht leisten, nur moralischer Kommentator zu sein. Und wer ökonomische Sicherheitspolitik – Rohstoffversorgung, sichere Handelsrouten, technologische Souveränität – als politisches Programm begreift, muss daraus auch Diplomatie ableiten. Sicherheit ist nicht nur Abschreckung, sondern Gestaltung.
Die geoökonomische Lehre: Engstellen sind die neue Waffe
Hier lässt sich die Verbindung zu der Debatte ziehen, die Ökonomen wie Christian Growitsch seit einiger Zeit führen: Ökonomische Sicherheitspolitik ist kein Zusatz zur Außenpolitik, sondern ihr Fundament. Handelsrouten, Rohstoffketten, technologische Abhängigkeiten sind strategische Verwundbarkeiten. Hormus ist das Lehrbuchbeispiel: Eine Meerenge wird zur Drohung, und eine Drohung wird zur Preisbildung. Wer das nicht begreift, reagiert nur noch – mit hektischen Entlastungspaketen, Tankrabatten, Symbolmaßnahmen, die Bachmann bei Maischberger als hilflos beschreibt.
Die eigentliche Aufgabe wäre größer und unpopulärer: Diversifikation, Vorräte, alternative Routen, europäische Koordination, robuste Infrastruktur, eine Industriepolitik, die kritische Inputs nicht als Marktromantik behandelt, sondern als Sicherheitsfaktor. Dazu gehört auch ein politischer Umgang mit der Realität, dass Engstellen nicht verschwinden werden. Man kann sie nur entwaffnen, indem man weniger abhängig ist und schneller reagieren kann.
Die Welt nach Hormus ist eine andere
Laschets Diagnose am Tegernsee ist deshalb so bitter, weil sie auf eine einfache Wahrheit hinausläuft: Der Krieg hat nicht nur keinen Fortschritt gebracht, er hat einen Gegner klüger gemacht. Teheran weiß jetzt genauer, wie es die Weltwirtschaft trifft, ohne sich militärisch zu überdehnen. Bachmann ergänzt, dass diese Treffer nicht an der Tankstelle enden, sondern in Zinsen, in Dünger, in Hunger, in Migration, in politischer Instabilität.
Und Trump? Laschet beschreibt die fehlende Strategie, Bachmann die Gleichgültigkeit gegenüber den Folgeschäden. Das ist die Kombination, die westliche Politik in den fatalen Modus zwingt: Aktion ohne Plan, Kosten ohne Lernprozess, Schlagzeilen ohne Nacharbeit. Europa wiederum bleibt Zuschauer, obwohl es am meisten zu verlieren hat.
Die Frage, die am Tegernsee gestellt wurde, ist damit größer als Iran. Was hat der Angriff gebracht? Er hat die Engstelle als Waffe wieder in die Welt gesetzt. Er hat die Geiselhaft der Weltwirtschaft plausibler gemacht. Und er hat gezeigt, wie schnell der Westen seine eigenen Prioritäten vergisst, wenn die Preise steigen.
Das ist nicht nur eine außenpolitische Niederlage. Es ist eine wirtschaftspolitische. Und sie wird nicht mit einem offenen Hormus behoben, sondern nur mit einem Europa, das endlich wieder handeln kann – militärisch, diplomatisch, geoökonomisch.
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