
Der deutsche Mittelstand verliert Höhe – und merkt es oft erst an der Marge
Die große Schwäche des deutschen Mittelstands beginnt selten mit einem Knall. Sie beginnt mit Gewohnheit. Mit Abläufen, die seit Jahren irgendwie funktionieren. Mit Kosten, die man für normal hält. Mit einer Technik, die noch läuft und gerade deshalb nicht ersetzt wird. Die neue Gemeinschaftsstudie von KfW Research und ZEW Mannheim hat diese Trägheit in Zahlen gegossen: Der Mittelstand gab zuletzt nur noch 23,8 Milliarden Euro für Digitalisierung aus, 8,1 Milliarden Euro weniger als in der Vorperiode, preisbereinigt 8,6 Milliarden. Zugleich sank der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben von 35 auf 30 Prozent. Fünf Prozentpunkte weniger Fortschritt in einer Phase, in der Produktivität zur Schicksalsfrage geworden ist.
Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW, und Irene Bertschek, Digitalökonomin am ZEW Mannheim und an der Universität Gießen, haben damit mehr beschrieben als eine Investitionsdelle. Sie zeigen eine neue Teilung der Wirtschaft. Oben die Firmen, die Daten, Software und Prozesse bereits in Betrieb genommen haben. Unten die Betriebe, die Digitalisierung noch immer wie einen Sonderfall behandeln. Bertscheks Befund trifft hart: Zehn Prozent mehr digitaler Kapitalstock heben die Produktivität im Durchschnitt um 0,159 Prozent. Bei den bereits stark digitalisierten Unternehmen bringt derselbe Schritt 0,808 Prozent. Fast der fünffache Hebel. Wer bereits gelernt hat, mit Daten zu arbeiten, beschleunigt. Wer noch tastet, schleppt.
Die Zukunft zischt im Frittierbecken
An dieser Stelle betritt Oliver Schwarz die Bühne. Kein Vordenker aus der Folienwelt, kein Prophet der Plattformökonomie, kein Mann für aufgepumpte Zukunftssätze. Schwarz arbeitet bei Testo, einem Mittelständler aus dem Schwarzwald, seit Jahrzehnten in der Messtechnik zu Hause, längst erweitert um Software und digitale Dienste. Im Smarter Service Talk erzählt er eine Geschichte, die klein anfängt und groß endet: beim Frittieröl in Großküchen.
Schwarz nennt dieses Öl „eines der teuersten Assets“ in solchen Betrieben. In dem Satz steckt die ganze Verschiebung des Blicks. Was der Gast als beiläufigen Teil einer Portion Pommes erlebt, ist für den Betreiber Kostenstelle, Qualitätsfaktor, Gesundheitsfrage und Regulierungsproblem zugleich. Das Öl darf nicht kippen. Es soll nicht zu früh verschwinden. Es muss im richtigen Zustand bleiben. Wer das im Bauchgefühl verwaltet, zahlt Lehrgeld. Wer es misst, gewinnt Spielraum.
Wenn zu frisches Öl auch keine gute Nachricht ist
Schwarz erzählt den Fall mit sichtbarer Freude an der Sache. Gerade das macht ihn stark. Denn seine Geschichte lebt von einem Widerspruch, den man in Wirtschaftsseminaren selten so hübsch serviert bekommt: Altes Öl ist schlecht. Neues Öl ist auch nicht automatisch gut. Zu spät gewechselt, sinken Qualität und Sicherheit. Zu früh gewechselt, schmeckt das erste Produkt nicht richtig, weil das Öl „seinen Geschmack“ noch nicht entfaltet hat. Das perfekte Öl lebt im Zwischenreich. Dort, wo Gefühl bisher herrschte, rückt bei Testo die Messung ein.
Gemessen werden die sogenannten Total Polar Materials, Stoffe, die sich bei längerer Erhitzung bilden und den Zustand des Öls sichtbar machen. Testo zeichnet diese Werte auf und erstellt daraus Vorhersagen. Schwarz sagt, man habe „ein Modell trainiert“, um zu erkennen, wann das Öl schlechter wird und mit welcher Rate. Das klingt technisch. In Wahrheit ist es eine kleine Befreiungstat. Denn auf einmal läuft der Betrieb nicht mehr gegen die Uhr, er läuft gegen einen präzisen Grenzwert.
Die große Ökonomie der kleinen Portion
Dann kommt der Satz, der aus der Küchenlogik eine Lehre für die ganze Volkswirtschaft macht. Beim Herausnehmen einer Portion Pommes, sagt Schwarz, werde immer auch eine gewisse Menge Öl mit aus dem Behälter genommen. Das Team habe erkannt, dass genau darin ein Hebel steckt. Wenn die richtige Menge regelmäßig entnommen und nachgefüllt wird, muss das Öl „gar nicht“ oder jedenfalls deutlich später komplett getauscht werden. Das alte System arbeitete mit Uhrzeiten: vier Stunden, sechs Stunden, dann Wechsel. Das neue System arbeitet mit Zustand, Verbrauch, Prognose.
Hier zeigt sich, wie digitale Produktivität in Wirklichkeit entsteht. Nicht als Theaterdonner der Innovation. Als präzise Beobachtung eines alltäglichen Verlusts. Eine Portion Pommes wird zur Messgröße. Ein Frittierbecken wird zum Datenraum. Ein Küchenprozess wird zur lernenden Schleife. Wer das einmal verstanden hat, versteht auch die Bertschek-Zahlen besser. Produktivität wächst nicht, weil irgendwo „Digitalisierung“ dransteht. Sie wächst, wenn ein Vorgang durch Daten neu geführt wird.
Der Schwarzwald denkt praktisch – und genau darin liegt sein Vorsprung
Testo ist für diesen Moment fast der ideale Absender. Nicht hip, nicht laut, nicht vom Rausch der Selbsterfindung getrieben. Schwarz schildert das Unternehmen als Haus, das aus der Messtechnik kommt und deshalb früh gelernt hat, dass Messen, Datenübertragung und Interpretation zusammengehören. Für ihn ist Data Excellence kein Schlagwort, kein hübsches Etikett, kein Konferenzmaterial. Er sagt, man müsse mit Daten „sehr sauber“ umgehen, fast schon akademisch, mit klarer Architektur, geordneten Modellen und langfristigem Betrieb. Die Sprache ist unspektakulär. Die Botschaft ist radikal. Wer Daten schlampig behandelt, baut keine Dienste, er baut Enttäuschung.
Daraus entsteht bei Testo eine andere Form von Industrie. Nicht bloß Sensoren, auch Prozesswissen. Nicht bloß Geräte, auch Software. Nicht bloß Messung, auch Anleitung. Schwarz beschreibt, wie die eigene Plattform in Großküchen Handbücher, Temperaturführung, Alarmierungen und Prozessschritte sichtbar macht. Selbst Menschen ohne tiefes Küchenwissen können sich dadurch sicher durch Abläufe bewegen. Know-how wandert aus Köpfen und Schubladen in den laufenden Betrieb. Genau hier beginnt moderne Wertschöpfung.
Von der Großküche nach Britz-Süd
Der stärkste Moment des Gesprächs kommt mit einer Figur, die es zwar nur als Beispiel gibt, die aber das Land besser erklärt als jede Clusteranalyse: Arnos Imbiss in Britz-Süd. Die Currywurstbude um die Ecke, inhabergeführt, klein, robust, seit Jahrzehnten im Geschäft. Was hat so ein Laden von all dem? Kein Chief Digital Officer, kein Datenteam, kein AI-Enabler-Kreis. Nur Druck am Tresen, Personalnot, Einkaufspreise, Hygienevorgaben und am Ende des Tages die Frage, ob genug übrigbleibt.
Schwarz antwortet darauf mit erfreulicher Bodenhaftung. Den Frittieröl-Tester, sagt er, könne man auch ohne Konnektivität verwenden. Display drauf, TPM-Wert ablesen, zur Not auf Papier mitschreiben, regelmäßig prüfen. Der Einstieg in die Digitalisierung beginnt also nicht immer in der Cloud. Er beginnt manchmal mit einem Gerät, das einen unsichtbaren Verlust sichtbar macht. Für Arnos Imbiss ist das keine Weltrevolution. Für die Volkswirtschaft kann genau diese Art von Einstieg den Unterschied machen.
Denn Bertscheks zweite Zahl ist noch schärfer als die erste. Zehn Prozent mehr digitaler Kapitalstock verkleinern die Produktivitätslücke zu den besten Unternehmen einer Branche im Durchschnitt um 0,139 Prozent. In der Spitzengruppe sinkt sie um 0,542 Prozent. Wer digital aufholt, gewinnt also nicht nur intern an Effizienz, er verkürzt auch den Abstand zur Spitze. Diese Bewegung braucht allerdings einen Anfang. Und der Anfang muss für kleine Betriebe erreichbar sein.
Mittelstandspolitik darf nicht länger in Broschüren denken
Hier liegt der politische Kern des Falls Testo. Die übliche Mittelstandspolitik verteilt gern Förderprogramme, lobt Schulungen, beschwört Start-up-Kooperationen und hofft auf kulturelle Offenheit. Alles ehrenwert. Alles zu wenig. Wenn das obere Viertel des Mittelstands im Schnitt über 156.600 Euro digitalen Kapitalstock verfügt, während die untere Hälfte bei weniger als 50 Euro liegt, dann ist das Problem größer als ein Qualifizierungsdefizit. Dann geht es um Diffusion. Um die Verbreitung bewährter Werkzeuge. Um Wissenstransfer in die Breite. Um Investitionskraft.
Der Smarter Service Talk deutet einen Weg an, der in Berlin viel zu selten gedacht wird: stärkere Partnerschaften zwischen digitalen Vorreitern des Mittelstands und kleinen Betrieben, die nicht bei Null anfangen wollen, aber allein kaum vorankommen. Warum sollte Wissenstransfer nur zwischen Konzernen und Start-ups stattfinden? Warum nicht viel stärker zwischen Hidden Champions und inhabergeführten Kleinunternehmen? Schwarz hält solche Partnerschaften für plausibel und verweist auf die eigene Praxis: Auch Testo sucht die Zusammenarbeit mit AI-Forschung, Hochschulen und spezialisierten Firmen, weil niemand jede Kompetenz selbst vorhalten kann. Kooperation ist hier kein freundlicher Zusatz. Kooperation ist ökonomische Infrastruktur.
Die KI-Frage: Aufzug oder Falltür
Dirk Schumacher hat für diese Lage den größeren Rahmen geliefert. KI kann die Kluft zwischen Vorreitern und Nachzüglern weiter öffnen. Sie kann den Abstand auch verringern, wenn der Zugang breit genug ist und Unternehmen lernen, aus den großen Modellen eigene Anwendungen zu bauen. Er skizziert damit die eigentliche Wahl der nächsten Jahre: Wird KI zum Aufzug für die Breite oder zur Falltür für jene, die ohnehin schon hinten laufen?
Testo liefert darauf eine praktischere Antwort als viele Grundsatzdebatten. Das Unternehmen nimmt ein reales Problem, misst es, versteht es, modelliert es und macht daraus einen Dienst, der im Betrieb trägt. Keine Rhetorik, keine Erlösfantasie, kein digitaler Zierrat. Das ist die Schule, in der Produktivität wieder wächst: am Gegenstand, am Schmerzpunkt, am laufenden Prozess.
Der Staat muss die Fettwelle ernst nehmen
„Riding the Fat Wave“ klingt beim ersten Hören nach einem guten Witz. Nach einer dieser Formeln, die kurz aufleuchten und dann im Raum verdampfen. In Wahrheit steckt darin eine Lehre für das ganze Land. Deutschland wird wirtschaftlich nicht wieder stärker, weil es noch mehr über Transformation spricht. Deutschland wird stärker, wenn es alltägliche Verluste in messbare Information verwandelt, Information in Entscheidungen und Entscheidungen in Gewinn, Qualität und Stabilität.
Oliver Schwarz hat im Smarter Service Talk aus der Fritteuse eine kleine Theorie des Fortschritts gemacht. Der Schwarzwald liefert damit, was der Republik gerade fehlt: keine Verheißung, eine Methode. Und vielleicht liegt die Zukunft des Mittelstands tatsächlich nicht zuerst im großen Förderversprechen, nicht im nächsten Gipfel, nicht im Sound des neuen Hypes. Vielleicht liegt sie dort, wo das Fett leise blubbert und jemand endlich auf die Idee kommt, genau hinzusehen.