Über die Altherren-Kofferträger-Weisheiten von Verbrennungsmotor-Gichtling #Lindner

Bei den Schüler-Demonstrationen „Fridays For Future“ für Klimaschutz sollte nach Meinung von FDP-Chef Christian Lindner kein Unterricht ausfallen: „In der Unterrichtszeit sollten sie sich lieber über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren“, sagte Lindner im Interview mit „Bild am Sonntag“. „Ich bin für Realitätssinn. Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis.“

Was für eine anmaßende Altherren-Kofferträger-Weisheit des liebwertesten Gichtlings der FDP, der sich vor politischer Verantwortung drückt. Thomas Knüwer sprach in Austin auf der South by Southwest trefflich von Filterblasen-Elitismus. Was Lindner gesagt habe, sei ein Fuck-You an die Wähler. „Lindner hatte nicht den Arsch in der Hose, in die Regierung zu gehen und wertet junge besorgte Wähler ab.“

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger schreibt auf Facebook:

„Ich bin beginnend als 16-Jähriger jahrelang demonstrieren gegangen, gegen Notstandsgesetze, Schülerzeitungszensur, Vietnamkrieg, Springer-Presse. Ich finde es gut, dass junge Menschen sensibel auf die Probleme reagieren, dass sie demonstrieren. Wir haben das Apolitische lange genug beklagt. Und wenn sie die Schule schwänzen, müssen sie halt auch mit Sanktionen leben. Freiheit ist nicht grenzenlos. Es gibt Schulpflicht und auch Konsequenzen, wenn man etwas versäumt. Wer im Wissen um das alles demonstriert, hat meine Sympathie. Weil er/sie bewusst den Trade Off in Kauf nimmt.“

So sollte man das sehen.

Lindner nicht wählbar

Das bestärkt mich ja in meiner Argumentation, die ich im Bundestagswahlkampf über die Kampagne von Lindner gegen die Elektromobilität gesagt hat:

Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf industrielle Produktion von vorgestern gepolt. Man erkennt es an den fragwürdigen Argumentationsschleifen von Lindner:

„Denn reine Elektromobilität ist angesichts von so viel Braunkohle, die für die Batterien benötigt werden würde, um sie zu laden, ökologisch schlechter als moderne Verbrennungsmotoren“, sagte der FDP-Politiker dem Deutschlandfunk.

Besser hätten es die Lobbyisten der Autokonzerne in Deutschland nicht ausdrücken können. Wir setzen die Energiewende nicht konsequent um, steigen bei den Kohlekraftwerken nicht aus und nutzen das dann als Argument gegen die Elektromobilität. Die Freunde der Verbrennungsmotoren verweisen dann in schöner Regelmäßigkeit auf vermeintliche Ökobilanzen, die Tesla und Co. als ökologisch fragwürdig darstellen. Das wurde ausführlich im FutureHubs Diskurs mit Professor Lutz Becker (Hochschule Fresenius), Professor Uwe Schneidewind (Präsident des Wuppertal Instituts) und Jörg Heynkes (Unternehmer) erörtert.

Die Antworten kann sich FDP-Boss Lindner hinter den Spiegel klemmen:

Immer diese Schweden-Studie

„Es gibt mehrere solcher Studien – aus Schweden und die ifeu-Studie aus Heidelberg. Die berechnen nicht, dass das Benzin, bis es zur Tankstelle gelangt, Unmengen an Strom verbraucht. Etwa die Nordwest-Ölleitung. Da wird der Treibstoff erst mal vom Schiff runter in den Tank gepumpt, dann wird es nach Köln gepumpt, dann wird es in Köln raffiniert, das verbraucht auch Strom. Meiner Meinung nach ist das ein ganz gezielter Ausschnitt, den man da in den Studien über E-Autos genommen hat. So wurde der Strom-Mix aus dem Jahr 2003 als Grundlage genommen. Das ist absurd und hat nichts mehr mit der heutigen Realität zu tun. Viele Menschen machen das natürlich mit nachhaltiger Energie. Jörg Heynkes arbeitet viel mit Sonnenenergie, mit Grünstrom. Die nutzen nicht den normalen Strommix aus der Braunkohle“, so Becker.

Sollte es ab 2030 keine Verbrennungsmotoren mehr geben, wie es die Grünen fordern, lautete meine Frage in der interessanten Gesprächsrunde in Wuppertal:

„Das ist eine interessante Frage. Wir diskutieren ja hier über Instrumente, die genauso eine Erwartungssicherheit herstellen. Wir wissen, dass wir bis zur Mitte des Jahrhunderts komplett decarbonisiert sein wollen. Am Wuppertal-Institut diskutieren wir das sehr intensiv. Vielleicht machen Verbrennungsmotoren im Gesamtmix durchaus Sinn, wenn der Treibstoff für diese Motoren aus Überschussstrom, aus den volatilen regenerativen Energien kommt und wir damit das Treibstoffregime einbetten in eine Abfederung des Energiesystems insgesamt. Wobei man natürlich höllisch aufpassen muss, dass dieser Verweis darauf, dass es Verbrennungsmotoren auch künftig braucht, schnell politisch ein Vehikel wird, um den ganz klassischen fossilen Pfad weiterzuführen“, warnt Schneidewind.

Die Ineffizienz des Verbrennungsmotors

So ganz unberechtigt sind die Bedenken nicht, wenn man sich die Gestern-Politik von Lindner & Co. anschaut. Deshalb sei es nach Ansicht von Schneidewind schon interessant, dass es eine ganze Reihe von Wählern gibt, die jetzt sagen: Nein, wir gehen komplett raus aus den Verbrennungsmotoren in unserem Mobilitätssystem.

Heynkes ist davon überzeugt, dass das psychologisch ein ganz wichtiger Impuls wäre, wenn das nicht nur die Grünen fordern würden, sondern wenn das tatsächlich sogar Regierungshandeln wird, weil das der Industrie ganz andere Rahmenbedingungen gibt. Das wäre sicherlich das Beste.

„Warum ich glaube, dass diese Ersatz-Diskussion mit Treibstoffen, die dann über Bio- oder über alternative Energien gewonnen werden, aus meiner Sicht keinen Sinn ergibt, liegt in der Natur der Sache: Der Ineffizienz des Verbrennungsmotors. Auch, wenn der Treibstoff unter ökologischen Gesichtspunkten sauber hergestellt werden könnte. Der Wirkungsgrad des Verbrennungsmotors liegt bei 20 Prozent. Das heißt, 80 Prozent der Energie geht in Wärme auf. Dem Verbrennungsmotor ist völlig egal, wo der Treibstoff herkommt.“ Es werde auch in absehbarer Zeit keine Verbrennungsmotoren geben, die einen höheren Wirkungsgrad als 23 oder 24 Prozent haben.

„Das ist thermodynamisch einfach gar nicht möglich. Es bleibt dabei: Der Verbrennungsmotor hat zur Zeit einen Wirkungsgrad von circa 20 Prozent, im Schnitt über alle Verbrennungsmotoren, und der Elektromotor hat einen Wirkungsgrad von über 90 Prozent. Wir müssen effizienter werden, wir müssen einfach viel weniger Energie verbrauchen, nur deswegen ist die Debatte um den Antriebsmotor eigentlich obsolet. Der kann nur elektrisch sein“, meint Heynkes.

Professor Lutz Becker verweist darauf, dass wir ja auch noch eine Kostendegression bei E-Autos erleben werden.

Tipping Point bald erreicht

Heynkes ergänzt: „Es ist ja auch klar, dass in dem Moment, in dem Elektroautos in großen Stückzahlen gebaut werden, die Preise für die Herstellung sinken. Der Tipping Point, dass Elektroautos genauso viel kosten wie Verbrenner, liegt circa 100 Wochen vor uns. Der Elektro-Smart wird mittlerweile günstiger verkauft als der Diesel-Smart. Das ist ein Beispiel dafür.“ Der Antrieb der Zukunft könne also nur elektrisch sein.

„Wir haben gerade eine Studie gemacht über Elektro-Gebrauchtwagen. Das ist eine Übergangsphase, da sind wir uns sicherlich einig. Aber die sind heute schon günstiger als Gebrauchtwagen mit Verbrennungsmotor, weil sie weniger komplex und weniger reparaturanfällig sind. Wenn ich einen Nissan habe, dann habe ich da meine Stromzellen drin, dann geht mal eine kaputt, die nehme raus und kann sie immer noch für den Haus-Energiespeicher nutzen. Kommt eine neue Zelle rein, dann hat die noch mal einen kompletten Lebenszyklus als Hausspeicher und dann werden sie noch für industrielle Anwendungen gebraucht. Am Ende des Lebenszyklus werden sie komplett recycelt“, sagt Becker.

Ob diese Erkenntnisse den FDP-Bundesvorsitzenden überzeugen? Wohl nicht.

Genauso katastrophal ist übrigens die Haltung einer Lehrerin zum Kinderkriegen. Also jene egozentrische Protagonistin, die wegen der Klimabelastung keine Kinder mehr zur Welt bringen möchte. Sie sollte mal den kategorischen Imperativ von Kant durchdenken.

Die liebwertesten Gichtlinge gibt es übrigens wieder jeden Montag hier auf ichsagmal.com

Siehe auch: Liebwerteste Gichtlinge, erlauchte Zecher, es gilt die Narrenfreiheit

Plastikmüll und die ökologische Lenkungswirkung des neuen Verpackungsgesetzes #wenigeristmehr @slang_euwid @SvenjaSchulze68 @bmu @peteraltmaier @Wupperinst @AGVU_online @bvsenews

Kleiner Ausblick auf das ab Januar 2019 gültige Verpackungsgesetz. Sozusagen ein #ichsagmalUpdate: 

Mitdiskutieren über die Facebook-Kommentarfunktion. Man hört, sieht und streamt sich um 11:30 Uhr. 

Dialog ist prima, aber einige Fragen sind noch offen @bmu @SvenjaSchulze68 @katarinabarley ‏#wenigeristmehr #Verpackungsgesetz

Wie kommen wir raus aus der Wegwerfgesellschaft? Wie können wir den Verpackungswahnsinn im Supermarkt oder bei To-Go-Produkten beenden? Diese Fragen konnte man im Livestream mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze und Bundesjustizministerin Katarina Barley diskutieren. Das ist wirklich eine tolle Aktion der beiden Ministerinnen. Ist auch gut gelaufen. Alle Fragen konnten während der Liveübertragung nicht beantwortet werden. Aber am Schluss ist noch angekündigt worden, dass man auf die offenen Fragen noch eingehen wird.

Wäre schön, wenn das zeitnah erfolgen könnte. Folgende Fragen von mir wurden noch nicht beantwortet:
Wie sollen denn die Dualen Systeme Anreize für weniger Verpackungen in ihre Lizenzgebühren aufnehmen? Wenn ein System teurer wird, wechselt man zum nächsten. Wie steht es mit den Preisdiktaten der Handelskonzerne, da kommen sachfremde Leistungen in die Kalkulation rein – Wettbewerbsökonomen wie Justus Haucap sprechen in diesem Zusammenhang von der Ölflecktheorie. Über die Nachfragemacht der Handelskonzerne gehen die Preissignale beim Recycling ins Leere. Ökologisch ehrliche Preise werden vom Handel blockiert. Die Preisstaffeln der Dualen Systeme für 2019 müssten eigentlich schon vorliegen. Wie werden die ökologische Impulse in den Preisstaffeln gesetzt?

Wie beurteilt die Umweltministerin die Übernahme des DSD durch Remondis? Wie wird das BMU das Kickback-Verbot des Verpackungsgesetzes vollziehen? Gibt es schon Indizien für Kickback-Zahlungen? Warum hat der Gesetzgeber dieses Verbot überhaupt aufgenommen?

Recycling-Probleme im Musterländle – Fragen an das Umweltministerium in Ba-Wü @UMWELTBW @BMU @euwidrecycling @SvenjaSchulze68

Die EU-Kommission und das EU-Parlament haben dem Plastikmüll den Kampf angesagt. Dazu zählen Verbote und auch höhere Recyclingquoten.

Für Deutschland wird das eine echte Herausforderung. Denn selbst bei den geringeren Anforderungen für die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Plastikabfall gibt es erhebliche Schwachstellen. Etwa im grün-schwarz regierten Musterländle Baden-Württemberg:

„Für das Jahr 2015 ergaben sich aufgrund vertiefter Kontrollen und der Amtshilfe des Bundeskartellamts Hinweise, die zu Nachprüfungen führten.“

Ergebnis nach Angaben des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg: Bei allen Materialien wurden die Verwertungsquoten der Verpackungsverordnung verfehlt, also bei Pappe, Papier, Karton, Leichtverpackungen und Glas.

Branchengerüchten zufolge sollen Duale Systeme Geldzahlungen wegen der Verfehlung der Verwertungsquoten geleistet haben? Antwort des Landesumweltministeriums in Stuttgart:

„Dies sind keine Gerüchte. Es handelt sich entweder um Bußgelder oder um Gewinnabschöpfungen, die mit dem Ordnungswidrigkeitengesetz explizit und für solche Fälle eingeführt wurden. Die Verfahren sind noch nicht komplett abgeschlossen. Eine zusammenfassende Information erfolgt nach Abschluss der Verfahren, die sich in Summe noch mindestens bis Ende November hinziehen werden.“

Gibt es Sanktionen?

Der Entzug der Genehmigung für Sammlungen via Gelber Tonne oder Gelber Sack steht noch nicht auf der Tagesordnung. Für die Erfüllung der weitaus höheren Verwertungsquoten im neuen Verpackungsgesetz macht sich der Sprecher des Landesumweltministeriums keine Sorgen.

„Der Bundesgesetzgeber hat anspruchsvolle, aber machbare Verwertungsquoten im Gesetz vorgeschrieben, die auch von den dualen Systemen und den Herstellern als eigentliche Verpflichtete akzeptiert wurden“, so Ralf Heinken.

Bei Plastik wird das ein ehrgeiziges Unterfangen. Nach der zur Zeit noch gültigen Verpackungsverordnung müssen 60 Prozent recycelt werden. Ab 2019 springen diese Rechtspflichten um 30 Prozentpunkte auf 90 Prozent.

Soweit der Status quo meiner Recherchen.

Im Fachmagazin Euwid Ausgabe 45/2018 wird ebenfalls über die Ermittlungen des Umweltministeriums BW gegenüber fünf Dualen Systemen berichtet. Euwid bezieht sich auf die „eigenen Angaben“ des Ministeriums. Nach dem Bericht ermittelt das Ministerium wegen Lizenzmengen-Abzügen. Bislang sollen von drei Systembetreibern Gewinnabschöpfungen in Höhe von „rund eine(r) Million Euro „vereinnahmt“ worden sein. Ferner hätten „die Aktivitäten des Ministeriums … insgesamt auch zu Nachlizenzierungen im Bereich von über zwei Millionen Euro geführt.“

Dazu habe ich folgende Nachfragen:

1. Gegen welche Gesetzesvorgaben haben die betreffenden Dualen Systeme denn nun verstoßen? Handelt es sich um Ordnungswidrigkeiten nach der Verpackungsverordnung? Zunächst war davon berichtet worden, die in Rede stehenden Verstöße lägen in falschen Recyclingquoten-Nachweisen oder der Nichterfüllung der Recyclingquoten.

2. Sie beziehen sich auch auf die Abweichungen zwischen den DIHK-Mengen und den Clearingmengen; gegen welche gesetzliche Grundlage verstößt eine solche Abweichung?

3. Liegt den Gewinnabschöpfungen jeweils ein Bescheid oder ein Verwaltungsakt zugrunde? War das Umweltministerium zuständig oder sind die unteren Abfallbehörden oder Ordnungsämter zuständig? Wurde mit den betreffenden Systemen über die Höhe der Abschöpfungen verhandelt? Und noch einmal nachgefragt: Gab es einen „Deal“? Wurden die Bescheide gerichtlich überprüft oder haben die Dualen Systeme diese ohne gerichtliche Überprüfung akzeptiert?

4. Nach meinen Recherchen bei Dualen Systemen sind bisher keine Verpackungsmengen mit einem Volumen von „über zwei Millionen Euro“ „nachlizenziert“ oder nachträglich in die Clearingstelle gemeldet worden. Hat es bisher gar keine „Nachlizenzierungen“ gegeben?

Bin auf die Antworten gespannt. Das entwickelt sich ja zu einer unendlichen Geschichte….

Geht doch mal zu Fuß – Mach ich doch @Umweltbundesamt #fuß #fußverkehr #gehtdoch

Heise macht mit folgender Überschrift auf: 

Umweltbundesamt: Deutsche sollen deutlich mehr zu Fuß gehen. 

Ich gehe mal davon aus, dass das UBA empfiehlt, in Deutschland sich mehr als Fußgänger zu bewegen, ob man nun Deutscher ist oder nicht: „Wer zu Fuß geht, tut Gutes für seine Gesundheit, spart Geld und schont die Umwelt“, heißt es in dem UBA-Papier mit dem Titel „Geht doch!“. Nach der 55-seitigen Untersuchung liege aus Fußgängersicht vieles im Argen:

„Städtebauliche Leitbilder der vergangenen Jahrzehnte – wie insbesondere die autogerechte Stadt – haben den Fußverkehr im Straßenbild weitgehend als Restgröße an den Rand gedrängt.“

Fußgänger müssten vielfach Umwege, Wartezeiten, Lärm und Abgase in Kauf nehmen. Hohe Bordsteine, Treppen, dunkle Unterführungen, Stolperfallen und parkende Autos auf Gehwegen – zu Fuß zu gehen, sei in vielen Städten zeitraubend und umständlich.

Nach Studien sei jeder zehnte Autofahrt kürzer als ein Kilometer, und auf Strecken von einigen Hundert Metern sei man zu Fuß von Tür zu Tür häufig am schnellsten. Da könnte einiges an Autoverkehr eingespart werden. Sehr richtig.

Aber da muss noch mehr kommen. Wie wäre es mit mehr Immobilität? 

67 Prozent der Berufspendler fahren mit dem Auto zur Arbeit, versauern im Stau, belasten die Umwelt und ärgern sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr liegt bei rund 1,2 Personen pro PKW und ist damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. 8,5 Millionen sind täglich länger als eine Stunde unterwegs. Rund sechs Millionen fahren mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. 

Wenn wir uns vom Status der Pendlerrepublik verabschieden wollen, reichen Placebo-Maßnahmen wie Shuttle-Services, Fahrgemeinschaften, der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel oder Fußgänger-Konzepte  nicht aus. Insofern sind viele Mobilitätskonzepte etwas kurzatmig. 

Wir müssen die Arbeit zu den Mitarbeitern bringen und dürfen Arbeit nicht mit Anwesenheit verwechseln. Jeder nicht gefahrene Kilometer entlastet den Verkehr, senkt die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen um 141 Gramm pro Personenkilometer und macht Menschen stressfreier. 

Tim Cole und Ossi Urchs haben in ihrem Buch „Digitale Aufklärung“ die Dezentralität als „Wertschöpfungsnetzwerk“ beschrieben: Komplexe Aufgaben werden in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die dafür die nötige Kompetenz und Zeit besitzen. So werden einzelne Mitarbeiter, Arbeitsgruppen und sogar ganze Organisationseinheiten projekt- und aufgabenbezogen zu Teams zusammengeführt und bilden damit eine Art virtuelle Organisation auf Zeit. Urchs und Cole sprechen sehr treffend von einer „Cloud-Belegschaft“. Technologisch ist das schon längst umsetzbar.

Magere Homeoffice-Bilanz in Deutschland

In der Realität sieht das leider anders aus. Der Anteil der Beschäftigten, die im Homeoffice arbeiten können, stagniert oder wird in manchen Unternehmen sogar wieder zurückgeschraubt. Deutschland liegt nach einer Studie des DIW beim Anteil der Personen mit Homeoffice unter dem EU-Durchschnitt und deutlich hinter anderen Ländern wie Frankreich oder den skandinavischen Ländern zurück. Nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten hierzulande arbeiten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus, obwohl dies bei 40 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch möglich wäre. In den meisten Fällen scheitert der Wunsch nach dezentraler Arbeit an den Arbeitgebern. Würden sie umdenken, könnte der Anteil der Heimarbeiter auf über 30 Prozent steigen.

Viele Arbeitnehmer fürchten sich davor, dass die eigenen Leistungen über dezentrale Strukturen nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Beschäftigte lieber im Büro arbeiten zu lassen, ist auf der Arbeitgeberseite häufig von der Tatsache beeinflusst, dass man Führung über Autorität und weniger über Vertrauen realisiert. Das sind die beiden wichtigsten Angstaspekte: Zum einen die Frage aus Arbeitgebersicht, ob Mitarbeiter ohne Kontrolle überhaupt Ergebnisse leisten und zum anderen, ob Kontrolle außerhalb der Unternehmensgrenzen überhaupt möglich ist.

Pomadiger Breitbandausbau trocknet ländliche Regionen aus

Und dann gibt da noch den pomadigen Breitbandausbau, der sich negativ auf die Verteilung der Arbeitskräfte auswirkt. Der demographische Wandel ist geprägt von Regionen, die durch ihre urbane Struktur überhaupt kein Problem bei qualifizierten Arbeitskräften haben. Aber es gibt immer mehr Regionen, die zurückbleiben. Des Weiteren zeigt sich die Entwicklung, die man landläufig nur für Ostdeutschland vermutet hat, nun auch dramatisch in Westdeutschland.

Es ist also ein generelles Problem, dass manche Regionen regelrecht ausbluten, da die Überalterung zusätzlich damit verbunden ist, dass die jungen und mobilen Leute diese Regionen verlassen. Kritisch wird es vor allem in Regionen, in denen keine angemessene digitale Anbindungs-Konstellation gegeben ist. Gerade für dezentrales Arbeiten benötigt man schnelles Internet. Aber da gibt es einen Teufelskreis. Jene Regionen, in denen Firmen abwandern oder Nachwuchskräfte das Dorf oder den ländlichen Raum verlassen, büßen Steuer- und Gebühreneinnahmen ein. Diese wiederum werden benötigt, um Infrastruktur zu finanzieren. Wir sollten das also etwas breiter diskutieren.