#DMEXCO2021 findet komplett digital statt

Schön wär’s

Auch wenn im September das Herbstprogramm der Koelnmesse wieder vor Ort in den Kölner Messehallen starten soll, die DMEXCO 2021 wird am 7. und 8. September als DMEXCO @home wie im Vorjahr noch einmal komplett digital stattfinden. Der Grund: Die vielfach bis zum Jahresende 2021 festgelegten Pandemie-Vorgaben der weltweit agierenden Unternehmen der Branche. Eine hybride DMEXCO in Köln gibt es erst wieder ab 2022.

„Bei vielen AusstellerInnen und BesucherInnen der DMEXCO – insbesondere aus dem amerikanischen und asiatischen Raum – gelten leider noch firmeninterne Vorgaben, die Auslandsreisen und Messepräsenzen bis zum Jahresende nicht zulassen. Deswegen haben wir uns nach intensiven Gesprächen mit Ausstellenden und Partnern – trotz aktuell sinkender Inzidenzwerte in Deutschland und in vielen europäischen Ländern – entschieden, die DMEXCO auch 2021 wieder rein digital zu veranstalten. Damit wollen wir möglichst frühzeitig Planungssicherheit für alle Beteiligten schaffen und die globale DMEXCO Community erneut auf ein digitales Erlebnis einstimmen”, sagt Oliver Frese, COO der Koelnmesse.

Matthias Wahl, Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW), begrüßt die Entscheidung: „Die digitale Wirtschaft hat in der Pandemie nachgewiesen, wie wichtig sie für eine funktionierende Gesellschaft ist. Und trotzdem wissen wir natürlich alle, wie wichtig soziale Kontakte sind. Deshalb freuen wir uns schon jetzt auf eine DMEXCO 2022, bei der wir uns auch wieder persönlich treffen können.”

Tickets kosten ab 39 € und sind ab Mitte Juli online verfügbar

In diesem Jahr wird es zwei Ticketarten für die DMEXCO @home geben. Mit dem Premium-Ticket für 99 Euro können TeilnehmerInnen unbegrenzt networken und Meetings vereinbaren, können alle Conference-Inhalte sowohl live als auch in der Mediathek der DMEXCO erleben und haben Zugang zu allen Features und Formaten wie z. B. Roundtables. Das neue Standard-Ticket für 39 Euro hat einen B2B- und Education-Fokus: Damit erhält man Zugang zu allen Masterclass-Streams, kann mit allen Ausstellern und ihren Mitarbeitern netzwerken und genießt alle Basic-Features der Plattform. Der Online-Ticketshop öffnet Mitte Juli 2021. Die ersten Speaker für die DMEXCO Conference werden im Juni bekanntgegeben.

Was tun, wenn die Online-Marketing-Blase platzt?

Marketing-Schreihälse

Die Cluetrain-Autoren Doc Searls und David Weinberger kritisierten vor einigen Jahren die Online-Marketing-Strategien der Unternehmen massiv: Anbieter betreiben Tracking und Targeting, sie fangen und akquirieren, managen und verwalten „ihre“ Kunden, als ob wir Sklaven oder Vieh wären. „Das meiste sogenannte Conversational Marketing ist genau genommen peinlich“, so David Weinberger. Vieles sei roboterhaftes Gefasel. Netzunterhaltungen werden verfälscht und verseucht.

Es dominieren konstruierte Statistiken über Views, Likes und Reichweite. Es geht leider nicht um Relevanz.

„Ebenso wie sich die Finanzindustrie in weiten Teilen von der Realwirtschaft abgekoppelt hat, geht es in der Ökonomie der Aufmerksamkeit nur noch um Traffic. Große Agenturen machen nichts anderes, als zu beobachten, welche Webseiten gerade eine hohe Wachstumsrate an Zugriffen haben. Es zählt nur das Ausnutzen dieser Fluktuation. Es geht ganz sicher nicht um Substanzwerte oder Inhalte, es geht nicht einmal um Information“, so der Wissenschaftler Georg Franck, Autor des Buches „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin brandeins.

Der Content ist nur Mittel zum Zweck, Aufmerksamkeit einzutreiben, ohne Rücksicht auf Verluste. Um das zu erreichen, zumindest im Controlling, messen die Verantwortlichen im Management unerbittlich jeden Pups im Social Web. 

„Alle Manager und Mitarbeiter werden von den Mess- oder Tracking-Systemen des Unternehmens zur Leistungsmessung so hart in die Mangel genommen, dass sie unter allen Umständen ihre Zahlen bringen wollen. Die Drohungen des Chefs bei zu schlechten Zahlen sind in den letzten Dekaden so massiv geworden, dass es schon fast um das persönliche ‚Überleben‘ zu gehen scheint“, so die Erfahrung des früheren IBM-Cheftechnologen Gunter Dueck.

Als Ergebnis entsteht ein Zahlen-Fantasie-Regime wie bei der Erfüllung der Fünfjahres-Pläne in der Sowjetunion. Das Controlling-Reich will sogar beschissen werden, damit man dem Vorgesetzten bessere Ergebnisse serviert. Alle großen Firmen tun das: Place your blame, please. Laber, Rhabarber.

Diese Milliarden- oder gar Billionen-Blase im Netzgeschäft könnte bald platzen. Davon ist der Social Media Watchblog überzeugt.  Dabei geht es nicht nur um die schon viel beschriebene Cookiekalypse, die Apple und Co. befördern. 

„Mit Sicherheit halten Tim Cook und Sundar Pichai Datenschutz und Privatsphäre für wichtig (und ein Großteil ihrer Angestellten ebenfalls). Allerdings bezweifeln wir, dass sie die aktuellen Entscheidungen getroffen hätten, wenn sie nicht überzeugt gewesen wären, dass ihre Unternehmen davon langfristig profitieren“, führt der Social Media Watchblog aus.

Apple habe wenig zu verlieren und viel zu gewinnen: Der Konzern verkaufe nicht Aufmerksamkeit, sondern in erster Linie Hardware. Auch Google könne die Drittanbieter-Cookies killen, weil sein eigenes Geschäftsmodell nicht mehr davon abhängt. „Der Schritt könnte Googles Dominanz sogar stärken, weil er den Wert von First-Party-Data erhöht – und diese Daten sammelt Google wie kaum jemand sonst.“ 

Warum die Marketing-Online-Blase platzt? Weil sie auf dümmlichen und verzerrten Kennzahlen beruht. Nachzulesen im Buch von Tim Hwang, der den Werbemarkt im Netz mit der Immobilienbranche vor der Pleite von Lehman Brothers vergleicht. “Wir haben lange gedacht, dass gezielte Werbung Menschen immer besser beeinflussen kann”, sagt Hwang.

Das sei ein Irrglaube, der auf falschen Daten und Betrug beruhe. Im Online-Werbemarkt stecke so viel Geld, dass es sich lohne, Aufmerksamkeit etwa durch Bots zu simulieren und dann zu verkaufen. Das Wettbieten um Werbeplätze beim Programmatic Advertising baue auf algorithmisch gesteuerten Echtzeit-Transaktionen auf, die an die Hochgeschwindigkeits-Trades an der Börse erinnerten, mit denen Kredite angekauft und verkauft wurden. Hier zirkulieren hunderte von Milliarden Dollar und Euro, die für unterirdisch schlechte Daten ausgegeben werden. Antreiber sind Media-Agenturen, Adtech-Anbieter und schlichtweg Schmierlappen-Verkäufer, die eine gewaltige Aufmerksamkeitsblase produzieren, die nur aus heißer Luft besteht. 

Warum lassen sich die Marketing- und Werbefachleute mit diesem miserablen Zahlen-Salat hinters Licht führen? Glauben sie irgendwann selbst an dieses Lügengebilde mit falschen Metriken und gigantischen Erfolgszahlen? Werbung ist wichtig. Das sehen auch die Autoren des Social Media Watchblogs.

Sie plädieren für kontextbasierte Werbung. Die Anzeigen orientieren sich am Inhalt der Webseite, nicht an den Menschen, die sie lesen. „Dahinter steckt die recht simple Annahme: Wer ein Briefing über Social Media und Journalismus liest, interessiert sich vermutlich für dieses Thema. Du könntest also Werbung für Weiterbildungen, Newsletter oder Social-Media-Suites sehen. Dafür müssen keine Daten gesammelt und keine Nutzerïnnenprofile gebildet werden. Es braucht keine Tracker, keine Adtech-Anbieter und keine Zwischenhändler, die teils mehr als die Hälfte des investierten Werbebudgets schlucken.“

Also Rückkehr zum Brot- und Butter-Geschäft. Wenn wir beispielsweise ein Video-Magazin für Zukunft Personal produzieren, kann doch dort auch Werbung aus der HR-Branche erscheinen. Mit Einspielern, Overlays, Textanzeigen und so weiter und so fort. Direkt als Werbung deklariert. Wird von allen akzeptiert, denn solche Projekte müssen ja auch irgendwie finanziert werden. 

Nächste Woche zeigen wir mal, wie das aussehen könnte. 

KKR, Boos und die Suche nach einer zweiten SAP: Was Gurus für Künstliche Intelligenz so alles treiben

Es sind häufig völlig überdrehte, anmaßende und werbegetriebene Thesen, die man mit Big Data, Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich vielleicht positiv auf den Verkauf von Büchern aus, die über das Ende des Zufalls schwadronieren oder über die Wunderwirkung von Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz herumlabern.

Es ist auch eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen verlieren. Diese Sätze schrieb ich vor etlichen Jahren.

Erinnert sei an dieser Stelle an die KI-Heizdecken-Verkäufer, die sich in der Öffentlichkeit mit geheimnisvollen Andeutungen über ihre Welterklärungs-Maschinen in Szene setzen, aber sofort zu lichtscheuen Subjekten schrumpfen, wenn man ihre Systeme live in der Öffentlichkeit präsentieren möchte. 

So geschehen bei einer kleinen Disputation auf Facebook über selbstgewisse „Neuro-Experten“, die Abläufe des menschlichen Gehirns noch nicht einmal in Ansätzen erklären können. Ein Systemingenieur warnte vor zu großem Pessimismus. Man werde sich noch wundern, was in der Hirnforschung und beim künstlichen Nachbau der Gehirne in den nächsten Jahren so alles passieren werde.

Über die „Intelligenz“ seiner eigenen Prognose-Maschine äußerte sich dieser Geschäftsführer eines Softwareunternehmens ähnlich euphorisch. Ist ja völlig in Ordnung. Jeder Krämer lobt seine Ware. Als ich nachfragte, ob er sein System live vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal.com-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation.

Wahrscheinlich besteht das System des KI-Lautsprechers nur aus heißer Luft. Und da kommen wir zu einem aktuellen Fall. Es handelt sich um Chris Boos, seines Zeichen Mitglied des Digitalrats der Bundesregierung. Mal wird er als Visionär, Seher und KI-Pionier gefeiert oder zum „Christian Drosten der künstlichen Intelligenz“ geadelt. 

Hans-Christian „Chris“ Boos sei „Deutschlands Antwort auf Elon Musk und Jeff Bezos“, schrieb euphorisch die Wirtschaftswoche. Der Titel lautete: „Auf diese Leute sollte die neue Regierung hören“. Nach den Recherchen des Stern bleibt von der KI-Herrlichkeit aber nicht mehr viel übrig. 

„Inzwischen hat der Stern eine Fülle interner Unterlagen ausgewertet und mit etwa 20 Menschen gesprochen, die den Unternehmer kennen oder für ihn gearbeitet haben. Das Ergebnis passt schlecht zum öffentlichen Bild des angeblichen Digitalpioniers. Sein Unternehmen Arago in Frankfurt gibt es schon seit 1995. Heute lässt er auf der Website der Bundesregierung erklären, dass die Firma ‚für die Erforschung und Kommerzialisierung allgemeiner künstlicher Intelligenz gegründet‘ wurde. Tatsächlich war sie eine Abspaltung der Dresdner Bank – so erzählte es noch vor einigen Jahren Boos’ Onkel Bernhard Walther, ein früherer Bankmanager. Beides sei ‚zutreffend‘, lässt Boos heute antworten.“

Und was machte Arago? Das Unternehmen war ausgerichtet auf IT-Wartung, den Betrieb von Websites und entwickelte ein Automatisierungssystem für Rechenzentren. Gähn. Also das Brot- und Butter-Geschäft vieler IT-Unternehmen in den 1990er Jahren. Ein Autopilot namens Hiro sollte einfache Aufgaben bei der IT-Wartung übernehmen. Nach Angaben des Stern sei es mit einigen Weiterentwicklungen noch heute das Kernprodukt der Firma. 

Spektakulär verlief 2014 der Einstieg des Private Equity-Giganten Kohlberg Kravis Roberts (KKR). Leser meines Blogs kennen ja meine besondere Zuneigung zu diesem mehr als diskussionswürdigen Finanzinvestor.

6,5 Millionen Euro kassierte Boos persönlich, 8,5 Millionen sein Onkel, so der Stern. „27 Millionen Euro steckte KKR in die Firma selbst, die erst zu 34 Prozent und ab 2017 so-gar mehrheitlich den Amerikanern gehörte. ‚Das wird die zweite SAP‘, prognostizierte KKR-Manager Philipp Freise im Oktober 2014: ‚Das hat ein Riesenpotenzial, wir reden hier von Milliarden.‘ Jetzt werde KKR Arago helfen, ‚das explosive Wachstum zu organisieren'“, schreibt der Stern.

Beim Namen Philipp Freise klingeln doch direkt meine Ohren. Ich sage nur Metro, Erich Greipl, Otto Beisheim, Grüner Punkt und dergleichen mehr. 

Welche Expertise KKR und Freise auf dem Geschäftsfeld für Künstliche Intelligenz haben, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht konnte man wertvolle Erfahrungen sammeln beim Portal Geschenk24, das mit einer Metro-Tochter zu PrimusGeschenk24 fusionierte. Freise wird wissen, auf welche Recherchen ich hier anspiele 😉

Was das mit smarten Hühnerställen, Quantensprüngen, geplatzten Projekten, Futterzusätzen, Angela Merkel, Kanzleramtschef Helge Braun und dem Ausstieg von KKR zu tun hat, solltet Ihr in der fein recherchierten Stern-Story nachlesen. Heftnummer 24.

Frage: Wie ermittelt man KI-Expertisen? Lasst sie Euch vorführen – live. Oder dem Beispiel von KKR folgen…..Scherzchen. 

„Awesome, terrific! That’s great“ – Kasse machen mit Bullshit-Bingo im Digitalen

„Meine Vorgesetzten wollten vor allem Leads, also Inhalte, die zu Umsatz führten: Blogposts, Listicles, Katzen-Content – jeden Scheiß, solange er Leute anlockte, denen sie Hubspots Software verkaufen konnten“, so Techjournalist Dan Lyons im Interview mit Business Punk. Je länger er dabei war, desto klarer wurde ihm, dass es so ein Gruppending ist und ein wenig wie Gehirnwäsche. Es gehe um etwas, das es auch bei anderen Startups gibt, den „cultural fit“. Über deinen Erfolg entscheidet allein, ob du dazwischenpasst und keiner, der anders denkt. Die Leute bei Hubspot waren so unbedarft. „Sie haben alles geglaubt, was man ihnen erzählt hat. Vollkommen egal, was ihr Vorgesetzter ihnen erzählt hat, selbst wenn er am Vortag das komplette Gegenteil behauptet hatte. Sie sagten zum einen wie zum anderen: ‚Awesome, terrific! That’s great.'“ Es sei eine sehr seltsame, homogene Kultur junger, weißer Leute. „Der gleichen Art junger, weißer Leute. In den USA gibt es eine ziemlich große Bandbreite von ‚weißen Leuten‘, aber Hubspot hatte nur eine Sorte.“

„Diese Firmen sind gar keine richtigen Firmen. Sie sind Finanzprodukte. Eine kleine Lore, die man runter in die Salzmine schickt und die gefüllt mit Geld wieder rauskommt. Nur aus diesem Grund gibt es diese Firmen. Das veränderte meine Sicht auf den Ort, an dem ich arbeitete, komplett. Mir wurde klar: Unser Produkt ist nicht die Software. Das Produkt ist die Firma selbst. Am Ende bestand mein Job darin, dazu beizutragen, eine Geschichte zu erfinden, die hilft, der Wall Street Aktien anzudrehen. Eine Geschichte, auf die nicht nur Investoren reinfallen, sondern auch die Angestellten“, erläutert Lyons.

Man holt sich Typen, die am College Lacrosse spielen, steckt sie in einen Raum und sagst Ihnen: Du bekommst 35.000 Dollar, Pizza Bier und fangt an zu verkaufen. In der Startup-Welt gebe es viele solcher Arbeitsplätze, die im Grunde Sweatshop-Jobs sind. Die anderen werden mit Storys von Weltfrieden, besseren Orten und Purpose versorgt. Opium für jene, die etwas Sinnvolles in ihrem Leben erreichen wollen.

Die wahren Gläubigen machen schnell Karriere. Alle anderen sortiert man aus. Wer den ganzen Tamtam mitmacht, hat Erfolg.

Die Erkenntnisse des früheren Newsweek-Redakeurs Dan Lyons sind ein Vademekum zur Überprüfung von digitalen Heizdecken-Verkäufern:

„Im Online-Marketing gibt es eine Reihe von Euphemismen, die beschönigen sollen, dass wir Spam verschicken. Wir bekommen zum Beispiel eingeschärft, dass wir mit unseren E-Mail-Kampagnen die Menschen nicht etwa belästigen oder stören, sondern sie vielmehr ‚pflegen’.“ Das „Lead Nurturing“, die Pflege möglicher Kundenkontakte, sei sehr wichtig. Angesichts dieser Dreistigkeit bleibe einem wirklich der Mund offen stehen. „Es ist Doppelsprech wie bei Orwell: Nacht ist Tag, schwarz ist weiß, schlecht ist gut. Unser Spam ist kein Spam, sondern das Gegenteil von Spam, geradezu Anti-Spam. Er ist ein Abwehrschild gegen Spam, ein Spam-Kondom“, resümiert Lyons.

Bei einem Berliner Startup konnte ich übrigens ähnliche Erfahrungen sammeln. Da ging es um Avatar-Welten im Business. Viele CEOs von DAX-Konzernen gaben sich damals die Klinke in die Hand und fielen auf die hohlen Sprüche und tollen Präsentationen im Partystil herein. Man wollte einfach so cool und so partygeil sein, wie die Firmengründer. Erwin Staudt und Co. können ein Lied davon singen – gelle.

Wer nichts Substanzielles zu sagen hat, bläst sich auf

Vor Jahren schrieb ich ein beratendes Gedicht-Fragment über das Ich-Syndrom im Netz:

Deine tägliche Powerpoint-Folie gib uns heute,
Projektionsflächen mit Wald- und Wiesenweisheiten,
Phrasen im Dreiviertel-Takt,
Nervensäge der Expertokratie.

Hohlräume unter der gelackten Fassade,
Keynote-Speaker der Irrelevanz,
Bulletpoints mit Bullshit im Designer-Outfit,
Semantischer Brei im Zufallsmodus.

Geheiligt ist Dein Wichtigtuertum,
Gesegnet Deine Excel-To-Do-Listen,
Gepriesen sind Deine Budapester Schuhe von der Kö oder roten Edel-Sneaker,
Du predigst Lösungen für erfundene Probleme.

Dein Gedankenreich ist geklaut,
Dein Wille für den nächsten Auftrag ungebrochen.

Demütig schreibst Du an Deiner Autobiografie mit dem Titel „ICH“ und der Unterzeile „Und nur ICH“.

Auf Deinem Grabstein ist zu lesen:
„Hier liege ICH und kann nicht anders“.

Ruhe in Frieden auf dem Friedhof Deiner Eitelkeiten.
Amen.

Leider hat sich an dieser Zustandsbeschreibung wenig geändert. Im Gegenteil. Es ist schlimmer geworden, wie Georg Franck im brandeins-Interview konstatiert. Er prägte vor rund 20 Jahren den Begriff der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“: „Es geht nicht um ein persönliches Anliegen oder um einen bestimmten Inhalt, es geht einzig darum, eine möglichst große Resonanz zu erzielen. Hier wird Aufmerksamkeit zum Selbstzweck.“

Claqueure und Seifenblasen

Wer nichts Substanzielles zu sagen hat, bläst sich auf oder kauft sich gleich ein ganzes Imperium an Sendeformaten und Claqueuren, um der Welt die Wichtigkeit des eigenen Daseins zu demonstrieren. Zu den Meistern der kommunikativen Seifenblasen zählt die Firma Andreessen Horowitz (gegründet von Marc Andreessen und Ben Horowitz), die ihr Kapital in einigen der höchstbewerteten Silicon-Valley-Unternehmen angelegt hat. Dahinter steht eine „Publicity-Maschinerie“ mit eigener PR-Abteilung und befreundeten Journalisten in der Hightech-Presse. Im Frühling 2014 erlebten die Aktien von Softwareabonnement-Anbietern – im Fachjargon SaaS für ‚Software as a Service’ – einen Kurseinbruch.

„Andreessens Content Factory machte sich an die Arbeit. Das Unternehmen stellte Blogposts und Podcasts ins Netz, die erklärten, wie missverstanden doch SaaS-Unternehmen seien. Die Anleger begriffen einfach nicht, wie ungeheuer ertragreich sie einmal sein würden. Die Podcasts quollen über vor verwirrenden Fachbegriffen, Abkürzungen und Messwerten, die sich die SaaS-Branche ausgedacht hat, um ihre eigene Leistung darzustellen. SaaS ist immer noch ein ganz junges Geschäftsfeld und es ist schwer, wenn nicht unmöglich, die Unternehmen aussagekräftig miteinander zu vergleichen“, so der frühere Newsweek-Redakteur Dan Lyons. Im Juni 2014 stoppten die SaaS-Aktien ihre Talfahrt und arbeiteten sich langsam wieder nach oben.

Freibier, Shrimp-Cocktails und Geschlechtskrankheiten

Aber gegenüber Salesforce-Chef Marc Russell Benioff sind wohl selbst Andreessen und Horowitz noch Waisenknaben. Das Forbes Magazine schätzte vor ein paar Jahren sein Vermögen auf vier Milliarden US-Dollar. Entsprechend gigantisch wird die Hausmesse „Dreamforce“ aufgeführt. Benioffs Auftritte seien Großtuerei und seine Kundentagung würde einer viertägigen Orgie ähneln. „Caligula wäre begeistert über diesen Triumph der Vulgarität und Verschwendung mit Freibier, endlosen Shrimp-Cocktails und einer Geschlechtskrankheiten-Ansteckungsquote, bei der die Fleet Week der US Navy kaum mithalten kann. Ich komme mir vor, als schaue ich ins Land Mordor hinab. So viele verlorene Seelen! Diese aufgewerteten Gebrauchtwagenhändler, diese Leute, zu deren Job es gehört, die Kunden zu überrumpeln und zu beschwindeln, deren Lebenssinn es ist, ihre Vorgabe zu erfüllen.“ Jeden Monat, jedes Quartal, jedes Jahr: verkaufen, verkaufen, verkaufen.

Das seien die Leute, die sich das Internet, eine der wunderbarsten und meistversprechenden Erfindungen aller Zeiten, unter den Nagel gerissen, es mit Reklame verdreckt und es zu einem großen Versandhandel gemacht haben. „Kein Wunder, dass diese Zombies einmal im Jahr ihre Woche in San Francisco brauchen, um bei Deepak Chopra, einer Prise Kokain und vielleicht einer kanadischen Prostituierten auszuspannen und sich toll vorzukommen“, erläutert Lyons.

Am letzten Tag, der von Lyons besuchten Dreamforce, hält Chopra einen Vortrag. „Er ist ein guter Freund Benioffs. Chopra faselt vor sich hin; irgendwie geht es um Freude, Sinn, Zusammengehörigkeit und wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. Der alte Spruch des Komikers W. C. Fields kommt mir in den Sinn: ‚Wenn du sie nicht mit Genialität blenden kannst, überwältige sie mit Geschwätz.’ Er könnte nicht nur Chopras Vortrag, sondern der ganzen Konferenz als Motto dienen. Benioff und seine karitative Angeberei, der Trockeneisnebel, die Konzerte und Comedians: All das hat nichts mit Software oder Hightech zu tun. Es ist eine Show, mit der die Gäste unterhalten, der Verkauf gefördert und der Aktienkurs hochgetrieben werden soll.“

Wer hat den Größten?

Motto: Meiner ist größer! Meiner ist der größte! Benioff habe eine Art Finanzalchemie erfunden, bei der man Geld nicht nur aus dem Nichts, sondern aus Verlusten schafft. „Je mehr er für Partys zum Fenster hinauswirft, desto reicher wird er“, schreibt Lyons.

Das Zauberwort zur Entzauberung des netzmedialen Trumpismus heißt nach Auffassung von Wolf Lotter Diskursfähigkeit. Also das, woran es nicht nur dem Gebrüll von Trump, Benioff und Co. mangelt, sondern auch der Gesellschaft und den zahlreichen, nur nach Selbstbestätigung gierenden Menschen. Bohrende Fragen stellen, hinter die Kulissen und unter die Motorhaube des Marketing-Nebels schauen, das wären wohl erste Maßnahmen, um wieder klarer in der Netzöffentlichkeit sehen zu können. Nicht Mitklatschen und alles bejubeln, sondern kritische Debatten führen.