Online-Werbung: 2018 wird das Jahr der Abrechnung – #PopcornLounge mit @johannesceh und Hakan Han @socialconfmuc

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#Adblocker und der neoklerikale Ablasshandel

Nervige Online-Werbung zu blockieren, ist verständlich. Sich über generelle Verbote von Adblocker-Systemen aufzuregen, kann ich nachvollziehen.

Genauso zweifelhaft ist es allerdings, wenn Unternehmen aus der Blockade ein höchst zweifelhaftes Geschäft machen wollen.

Was Adblock Plus macht, wirkt wie ein neoklerikaler Ablasshandel, um nicht in der Reklame-Hölle zu landen. Ein willkürliches Hausmeister-System zur Abwehr von Cookie-Attacken. Denn mit dem so genannten „Whitelisting“ kann man sich als Publisher von der Werbeblockade freikaufen. Beim Axel Springer Verlag wertet man dieses „Geschäftsmodell“ als erpresserisches Vorgehen und geht gerichtlich gegen die Kölner Eyeo GmbH als Betreiber von Adblock Plus vor. Und da könnte es eine Überraschung geben. Eine Rolle spielt der neue Paragraf 4a im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, der „aggressive geschäftliche Handlungen“ verbietet:

„Unlauter handelt, wer eine aggressive geschäftliche Handlung vornimmt, die geeignet ist, den Verbraucher oder sonstigen Marktteilnehmer zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die dieser andernfalls nicht getroffen hätte.“

Im Berufungsverfahren des Axel-Springer-Verlags gegen die Firma Eyeo vor dem Oberlandesgericht (OLG) Köln deuteten die Richter an, dass diese Vorschrift beim Whitelisting von Anzeigen greifen könnte. Das sagte der Chefjurist von Eyeo, Kai Recke, auf Anfrage von Golem.de. Damit könnte erstmals ein deutsches Gericht dieses „Geschäftsmodell“ für unzulässig erklären, ohne jedoch Werbeblocker als solche zu verbieten. So sieht es ja auch der Bundesgerichtshof: Als „Gatekeeper“ habe die Beklagte durch die Kombination aus „Blacklist“ und „Whitelist“ eine so starke Kontrolle über den Zugang zu Werbefinanzierungsmöglichkeiten, dass werbewillige Unternehmen in eine Blockadesituation gerieten, aus der diese sich sodann freikaufen müssten.

Mein Kommentar ist ausführlich in der März-Ausgabe des PR-Magazins nachzulesen.

TTIP, Diesel-Autos und die Apfel-Birnen-Gleichnisse des VW-Chefs #dieselgate

vw-manager

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung offenbart VW-Chef Matthias Müller wieder einmal, was er von Kunden, der Konkurrenz und der eigenen Herrlichkeit hält. Kunden in Deutschland und Europa entschädigen, die mit der Mogel-Software verarscht wurden, hält er nicht für notwendig. Da sei ja die Ausgangslage ganz anders – also die rechtlichen und regulatorischen „Umstände“ im Vergleich zu den USA.

„In Amerika werden wir für 2,0-Liter-TDI-Fahrzeuge auch nach dem Rückruf die dort sehr viel strengeren Emissionswerte nicht zu 100 Prozent erfüllen können. Dies trifft für unsere Kunden in Europa nicht zu“, so Müller.

Bekanntlich sieht beispielsweise das Landgericht München die Gemengelage etwas anders: Das Gericht hatte im Mai einen Autohändler dazu verpflichtet, das manipulierte Fahrzeug zurückzunehmen und den Kaufpreis zu erstatten. Und wie sah das mit den Werbebotschaften bis zum Bekanntwerden des Software-Skandals auf dem europäischen Markt aus? Gibt es nicht auch hierzulande eine Menge Käufer, die die Dieselfahrzeuge vor allem wegen der niedrigen Verbrauchswerte erworben haben?

Emotional könne Müller die Aufregung ja nachvollziehen. „Aber man kann das nicht über einen Kamm scheren, denn die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich. Den Kunden in Europa entsteht ja kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften“, so Müller und ergänzt die Ausführungen mit einer weiteren Hammer Aussage:

„Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, selbst Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein.“

Wahnsinn. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Deutsche und europäische Käufer, denen die Schummelsoftware untergejubelt wurde, instrumentalisieren die amerikanischen Gesetze, um Vorteile zu erlangen. Mal davon abgesehen, dass zwischen den TTIP-Protesten und der VW-Thematik kein Zusammenhang besteht, äußert Müllerchen hier eine bodenlose Unterstellung. Im selben Atemzug proklamiert der leidenschaftliche Porsche-Fahrer, dass der VW-Konzern sich auf die traditionellen Stärken besinnen wolle und das Vertrauen bei Kunden, Händlern und Mitarbeitern zurückgewinnen möchte.

Die Basis dafür sei, dass Integrität bei VW ganz oben steht, mehr als früher. Und da folgt der nächste Ausrutscher. Die deutsche Autoindustrie habe nichts verschlafen bei der Elektromobilität. Am Angebot würde es nicht mangeln, sondern an der Nachfrage.

„Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger. So ganz habe ich dieses paradoxe Phänomen noch nicht verstanden“, erläutert Müller.

Muss ich also erst mal meine Nachfrage bei Herrn Müller adressieren, damit der Konzern sich bewegt? Da bleibt mir die Spucke weg. Warum kritisierte der VW-CEO vor ein paar Wochen die Deutsche Post, die es wagt, mit dem Streetscooter einen eigenen Elektro-Transporter auf die Straße zu bringen? Müller frage sich, warum man so etwas nicht mit VW auf die Beine stelle, sagte er im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Die Deutsche Post reagierte auf die Vorwürfe: Man habe sehr wohl bei den Konzernen wegen eines Elektroautos angefragt, sagte ein Post-Sprecher der FAZ zufolge. „Doch es war kein Fahrzeug zu bekommen, das unseren Ansprüchen gerecht wurde.“ Oder der Preis sei zu hoch gewesen.
Liegt es nun an der mangelhaften Nachfrage oder an dem schlechten Angebot?

Was muss man sich eigentlich noch an Beschimpfungen und Unterstellungen gefallen lassen von diesem selbstherrlichen Konzernführer?

Hat sich etwas geändert an der Nachrichtenwert-Theorie, liebwerteste Content-Strategen?

Nachrichtenwert Überraschung
Nachrichtenwert Überraschung

In der ständig steigenden Informationsflut zählt nach Auffassung von PR-Bloggerin Kerstin Hoffmann nur noch eines:

„Der Nutzen für den Empfänger; und zwar der, der sich unmittelbar erkennen lässt. Das ist natürlich gar nichts Neues. Doch die Auswirkungen werden immer dramatischer. Wo sich Menschen früher womöglich noch einige Sekunden Zeit nahmen, um sich auf irgendwelche Abstraktionsebenen vermuteten Wertes von Informationen zu begeben, muss dieser heute blitzartig erkennbar sein.“

Da hat sie recht. Nur würde ich nicht von Nutzen sprechen, sondern von Nachrichtenwert. Und das betrifft alles, was ich so als Medienkonsument rezipiere. Ob es nun um Unternehmensbotschaften geht, um Blogbeiträge oder um klassische Nachrichten. Und da hat sich nicht viel in der Nachrichtenwert-Theorie geändert. Es bleibt beim Dreiklang „NEU-WICHTIG-INTERESSANT“.

Da kann noch soviel von Storytelling, Content-Strategie oder Content-Marketing geredet werden. Was im Kopf bleibt, funktioniert nach dem Nachrichtenwert. Das kann jeder mal in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis testen. Ich habe es gerade bei einer Gesprächsrunde ausprobiert. Jeder bekommt ein Kärtchen und schreibt eine Headline auf, die den Probanden von der letzten Nachrichtensendung im Gedächtnis geblieben ist. Ergebnis: Epidemie, Tote bei einem schweren Unfall, Naturkatastrophe.

Da kann noch so sehr über „Kanalstrategien“, Suchmaschinen-Optimierung und sonstige Tricks nachdenken. An den Mechanismen der Aufmerksamkeit ändert das nichts. Vor ein paar Jahren haben Journalisten in einer Umfrage die wichtigsten Nachrichtenfaktoren bewertet. Das Ergebnis überrascht nicht wirklich. Rangfolge der wichtigsten Faktoren:

Reichweite: Unter der Reichweite eines Ereignisses wird die Anzahl der Personen verstanden, die direkt von ihm betroffen sind/ sein werden/ waren/ sein können.

Negative Folgen/ Schaden/ Misserfolg: Hierbei geht es um Ereignisse, deren negative Folgen im Nachrichtenbeitrag explizit dargestellt werden.

Überraschung: Überraschend ist ein Ereignis, das nicht ankündbar ist sowie ein Ereignis, das bestehenden Erwartungen widerspricht.

Meinungsunterschiede/ Kontroverse

Prominenz: Darunter wird der Bekanntheitsgrad einer namentlich erwähnten Person verstanden

Personalisierung: Personen werden – unabhängig von ihrer etwaigen Funktion – als Einzelperson dargestellt. Es geht also um die Bedeutung, die Einzelpersonen in einem Ereignis zugesprochen wird.

Etablierung von Themen: Die Etablierung von Themen meint den Zeitraum, den die Medien bereits über ein bestimmtes Thema berichten. Je länger die Medien bereits berichten, desto etablierter ist das Thema.

Visualität: Dieser Faktor gibt den Grad der Visualisierung eines Nachrichtenthemas an. Hierbei werden Lebendigkeit, Bewegtheit und Dynamik von Bildern in Betracht gezogen

Verfügbarkeit von Bildern: Hierbei geht es darum, dass ein Ereignis erst zur Nachricht wird, WEIL Bilder dazu verfügbar sind.

Ortsstatus: Darunter wird die Bedeutung von Ereignisorten verstanden. Die Bedeutung ergibt sich aus der Einwohnerzahl, der politischen Bedeutung und der Wirtschaftskraft eines Ortes.

Kann man das durch Content-Strategien steuern, planen oder berechnen? Eher nicht. Im Nachgang ist es sicherlich möglich, die Gründe für den Erfolg einer Story darzulegen. Sollten die Content-Strategen anderer Meinung sein, könnten wir gemeinsam mal einen Feldversuch machen.

Schickt Hacker in die DAX-Vorstände – „Marktversagen“ der europäischen Unternehmen im Technologie-Wettbewerb #32c3

Google

Netzaktivistin Katharina Nocun beklagt beim Jahreskongress 32c3 des Chaos Computer Clubs die Dominanz von einigen wenigen amerikanischen Plattform-Betreibern und meint dabei vor allem Facebook. Es sei kein wirklicher Wettbewerb mit dem Zuckerberg-Konzern möglich. Faktisch sei Facebook der Anbieter für soziale Netzwerke für den Großteil der Welt. Dann folgt das übliche Datenkraken-Lamento:

„Basierend auf den Informationen, welche Profile wir anklicken, weiß Facebook, in wen wir verliebt sind und ob wir nach einer Trennung noch an einer alten Beziehung hängen“, so Nocun nach einem Bericht der SZ. Die gesammelten Informationen, die normalerweise für Werbung genutzt werden, könnten gefährlich werden, wenn sie in falsche Hände gelangen.

Ich finde diese Debatte ermüdend. Ähnlich geht es wohl dem Publizisten Gunter Dueck, der ständig mit Aussagen zum Ausverkauf unserer Daten konfrontiert wird. Was die Silicon Valley-Größen bei der personalisierten Werbung praktizieren, ist erst einmal nichts anderes als ein Service. Facebook, Google und Co. geben ihre Daten nicht weiter. Wo liegt nun eigentlich die Gefahr, liebe Katharina Nocun? Dueck fordert in solchen Debatten mehr Fachwissen. Wenn man Google oder Facebook Fehler oder gar Verbrechen beim Umgang mit Daten nachweisen würde, käme es direkt zum Zusammenbruch ihrer Aktienkurse. Das können diese Unternehmen nicht riskieren. Wer dann noch den Staat ins Spiel bringt, um die Datensammlung dieser Konzerne einzuschränken, macht sich vollends lächerlich.

“Der Staat selber ist der große Sünder, weil er keinen Aktienwert am Markt hat. Die machen in den Geheimdiensten, was sie wollen”, betont Dueck.

Und wenn der Staat mit seinen Geheimdiensten so operiert, kann er wohl nicht sehr glaubwürdig die Oberaufsicht über Google und Facebook übernehmen. Viele dieser Datensünden müssen wir also eher beim Staat verorten.

“Überraschenderweise gibt es dagegen keine Montagsdemonstrationen”, beklagt der ehemalige IMB-Cheftechnologe.

Nun bringt Nocun nicht den Staat ins Spiel, sondern dezentralisierte Netzwerke. Finde ich sympathisch. Aber wenn die Wirtschaftsfachfrau und Campact-Mitarbeiterin die Dominanz der amerikanischen Plattformen als „Marktversagen“ tituliert und von der Notwendigkeit einer Regulierung des Marktes (durch den Staat?) spricht, fehlen wohl noch ein paar Pflichtscheine in volkswirtschaftlicher Theorie.

Nocun meint wohl Marktmacht und nicht Marktversagen. Und dann käme das Wettbewerbsrecht ins Spiel und die Frage, ob Verbraucherinteressen durch die Marktdominanz beeinträchtigt werden. Das ist weder bei Google noch bei Facebook der Fall. Siehe auch: Für hausgemachte Geschäftsprobleme ist nicht das Kartellrecht zuständig.

Das Marktversagen liegt ganz woanders. Ursache für die digitale Macht von Apple, Google-Alphabet, Amazon und Facebook ist die Unfähigkeit der europäischen Unternehmen, mit der Digitalisierung zu spielen und neue Geschäfte zu erschließen. Um das zu erreichen, darf man eben nicht mehr auf IT-Abteilungsniveau mit klassischen CIOs arbeiten, die die bestehende Organisation nur auf Effizienz trimmen sollen, sondern muss experimentierfreudige Nerds, Hacker und Gamer an die Spitze des Managements stellen. Im Handelblatt-Ranking der 100 nach Börsenkapitalisierung größten Unternehmen sind 54 in den USA beheimatet. Und das liegt an den Champions für digitale Technologie. Allein das Trio Apple, Alphabet und Microsoft ist mit 1,4 Billionen Euro rund 300 Milliarden Euro mehr wert als die 30 größten Konzerne Deutschlands im Leitindex DAX. Bei den Europäern können nur Roche, Nestlé, Norvatis, die Baurerei Anheuser-Busch, Novo Nordisk und der Ölkonzern Royal-Dutch mithalten unter den Top 50 – also Old Economy. Im unteren Drittel findet man Bayer, SAP, Daimler, Siemens, Deutsche Telekom und Allianz. Hier liegt unser Problem.

Vielleicht sollte man darüber stärker auf dem nachweihnachtlichen Kongress des Chaos Computer Clubs reden und weniger im Abwehrmodus lamentieren. Gefragt ist also netzökonomische Expertise – bei den Netzaktivistin und bei den Führungskräften der Wirtschaft. Wäre zu einem Streitgespräch auf dem 33c3-Event in Hamburg bereit 🙂

In diesem Sinne. Man hört, sieht und streamt sich im nächsten Jahr. Wünsche Euch einen guten Rutsch.

Update:

Sieht nicht nach Facebook-Enthaltsamkeit aus
Sieht nicht nach Facebook-Enthaltsamkeit aus

Campact und der Einsatz von Social Media-Buttons