
Stuttgart als Verdichtungsmaschine
Zwei Tage Zukunft Personal Süd, und plötzlich liegt die Arbeitswelt nicht mehr in ordentlichen Ressorts vor einem, fein säuberlich getrennt nach Recruiting, Learning, Arbeitsrecht, KI, Employer Branding und Führung, sondern als dichtes, lärmendes, funkelndes Durcheinander. Eine Bühne ruft nach der Zukunft der Arbeit, die nächste nach den Verletzungen der Gegenwart. Ein Stand verteilt Hoffnung in Prospekten, zwei Gänge weiter zerlegt jemand den Glauben an die nächste Managementmode. Dazu das Stimmengewirr der Branche, die sich selbst besichtigt, neu sortiert, anpreist, befragt, bezweifelt, umarmt.
Wer das alles aufheben, ordnen und wiedergeben will, braucht eine Fähigkeit, die im modernen Konferenzbetrieb kaum noch vorkommt: ein Gedächtnis, das nicht nur speichert, sondern auswählt. Vielleicht jenes Staunen, das die Zeitgenossen im Prager Café Parlament erfasste, als dort die junge Ena du Prèl auftrat, Gedächtnis- und Rechenkünstlerin, siebzehnjährig, ein Phänomen. Hartmut Binder beschreibt sie als Frau, die beliebige Stellen aus einem 760seitigen Gedichtbuch hersagen, 1056 Nummern eines Opernlexikons erinnern, schwierige Schachprobleme lösen und siebenstellige Zahlen im Kopf multiplizieren konnte. Das Publikum wollte mehr, die Engagements drängten sich, die Monate waren ausgebucht. Nachzulesen im Opus von Binder „Gestern abend im Café – Kafkas versunkene Welt der Prager Kaffeehäuser und Nachtlokale“.
Ena du Prèl in Stuttgart, das wäre eine schöne Vorstellung gewesen. Sie hätte zwischen HR Roundtable, Employer Branding Stage, Keynotes, Messestudio, Buchstand und Kaffeegespräch wahrscheinlich mühelos den Überblick behalten, während andere längst im Seminarnebel der Gegenwart verschwinden. Jule Jankowski und Harald Schirmer kamen dieser Kunst an den beiden Messetagen am nächsten. Nicht, weil sie Kunststücke vorführten. Weil sie aus Splittern eine Lage formten.
Jule Jankowski und der Realismus der Baustelle
Jule Jankowski brachte eine Metapher mit, die hängenblieb. Stuttgart, sagte sie, sei geradezu das Bild dieser Arbeitswelt: überall Baustelle, überall Umbau, überall ein Suchprozess, bei dem das Zielbild noch nicht feststeht. Die Region, die jahrzehntelang aus der Kraft ihrer Industrie lebte, steht auf einmal im Zwischenzustand. Nichts an dieser Beobachtung hat Folklore. Sie trägt die Schwere der Gegenwart in sich. ZF, Layoffs, Unsicherheit, Parallelwelten eines Arbeitsmarktes, in dem auf der einen Seite zehntausende Stellen verschwinden und auf der anderen Seite ganze Branchen um Menschen ringen wie um ein seltenes Gut. Jankowski sah darin keinen Widerspruch, keine Rechenaufgabe, kein Feld für die übliche Beschwichtigung, vielmehr die neue Gleichzeitigkeit der Republik.
Damit traf sie den Kern. Die Zukunft Personal lebt in diesem Jahr nicht von der Behaglichkeit des Austauschs, auch nicht von der bloßen Freude an Tools, Formaten und Trends. Über den Gängen liegt die Ahnung, dass die Arbeitswelt ihre Grammatik wechselt. Employer Branding verliert seinen Hochglanz, sobald die Werkstore nicht mehr nur öffnen, sondern auch schließen. Der Ton ändert sich. Ein Unternehmen wie ZF gewinnt in dieser Lage keine Glaubwürdigkeit durch freundliche Kampagnensprache, nur durch das Risiko der Offenheit. Jankowski hat das sehr klar gefasst: Nicht in den guten Zeiten zeigt sich, ob eine Arbeitgebermarke etwas taugt. Der Ernstfall entscheidet.
Das ist ein Satz gegen die PR der Ausweichbewegung. Gegen jenes Sprechen, das Entlassungen in „Transformation“ verwandelt und Härte in Prozesspoesie auflöst. Wer so redet, verliert nicht nur Vertrauen. Er verliert Kontakt zur Wirklichkeit. Jankowski hat in Stuttgart genau dort hingehört, wo Sprache kippt und Ehrlichkeit beginnt.
Harald Schirmer und die Republik der Verbindungen
Harald Schirmer wählte einen anderen Weg. Weniger Verdichtung, mehr Verknüpfung. Weniger Bühne, mehr Strecke. Sein Rückblick trägt die Form eines Foto-Protokolls und verrät darin viel über die gegenwärtige Messekultur. Das Ereignis endet nicht mehr an der Hallentür. Es setzt sich fort in Bildern, Links, Namen, Empfehlungen, Gesprächen, Newslettern, abendlichen Runden, Follow-ups, einem dichten Geflecht aus Anschlüssen. Schirmer läuft durch diese zwei Tage wie ein Chronist der Verbindungen. Freunde, Arbeitsrecht, Ärger, KI, Corporate Learning, Transformation, Community, Haltung. Alles gehört zusammen, weil die Arbeitswelt aufgehört hat, sich säuberlich in Kästen einzusperren.
In seinem Text tauchen dann genau jene Figuren auf, an denen man den Zeitgeist besser ablesen kann als an jeder übergeordneten Trendfolie: Sven Semet mit dem Versuch, Widersprüche in Konzernbetriebsvereinbarungen per lokalem LLM sichtbar zu machen. Matthias Schirrmacher mit dem rettenden Begriff der „Beharrungskompetenz“, der den verächtlichen „Blockierer“ aus dem Vokabular drängt. Markus Väth mit der Frage, was in HR eigentlich Wirkung heißt, wenn doch vieles nur deshalb gemessen wird, weil es leicht messbar ist. Anabel Ternès von Hattburg mit dem Satz, Macht verstärke eher Kontrollverhalten als Vertrauen. Sophie Rickmann, Winfried Ebner, Annabel Klarwein, Cawa Younosi, Oliver Ewinger, Monika Mader, Dominique René Fara, Barbara Gerhards – Namen, die bei Schirmer nicht dekorativ aufgezählt werden, sondern als Knoten eines Diskussionsraums erscheinen, der weit über die Messe hinausweist.
Darin liegt der Wert seines Blicks. Er behandelt die Zukunft Personal nicht als Kulisse für Leitmotive, sondern als soziales Labor. Die Arbeit erscheint bei ihm in ihrer ganzen Unübersicht: technologisch überdreht, moralisch erschöpft, lernhungrig, vernetzt, gereizt, suchend. Eine Anti-Ärger-Beraterin wird in diesem Kosmos genauso relevant wie ein KI-Pragmatiker. Das ist keine Beliebigkeit. Es ist das richtige Bild für eine Arbeitswelt, in der die Erschöpfung der Menschen und die Ambitionen der Systeme gleichzeitig verhandelt werden.
Das Kaffeehaus als Denkfigur
Vielleicht hilft an dieser Stelle wirklich das alte Kaffeehaus. Nicht als hübsche literarische Tapete, als Strukturmodell. Prag um 1918, ein Ort der Überlagerungen, der Zeitungen, Künstler, Rechnungen, Gerüchte, Debatten, Auftritte, Blicke. Im Café Parlament saß man nicht nur, man wurde angesprochen, verführt, unterrichtet, überrascht. Ena du Prèl war dort nicht einfach eine Attraktion, sie war der Beweis, dass ein Raum durch Verdichtung zur Sensation werden kann.
Stuttgart war in diesen beiden Tagen genau das, nur ohne Samt, ohne Opernlexikon, ohne Schachbrett, dafür mit WLAN-Lücken, Selfies, Livestreams und LinkedIn-Nachbereitung. Die Messe verwandelte sich in ein Kaffeehaus der Gegenwart: ein Ort, an dem Begegnung und Beobachtung zusammenfallen, an dem Bücher auf Vorträge reagieren, Gespräche auf Studien, Netzwerkpflege auf Ernstfragen, Messestand auf Gewissensbiss. Wer dort nur Stände ablief, sah ein Event. Wer wie Jankowski und Schirmer hindurchging, sah die Republik der Arbeit in Miniatur.
Beide leisten am Ende dasselbe, mit gegensätzlichen Mitteln. Jankowski filtert und verdichtet. Schirmer sammelt und verlinkt. Die eine sucht den neuralgischen Punkt, an dem aus einem Vortrag ein Symptom wird. Der andere baut aus vielen Mosaiksteinen eine Landkarte der Beziehungen. Zusammen liefern sie das, was auf solchen Veranstaltungen meistens fehlt: Orientierung.
Warum diese Blicke mehr leisten als jede Trendfolie
Der Wert solcher Beobachtungen liegt nicht in der Nachberichterstattung. Er liegt in der Korrektur des Maßstabs. Auf Messen gewinnt leicht das Lauteste, das Neueste, das am schönsten Ausgeleuchtete. Jankowski und Schirmer interessieren sich für etwas anderes. Für die Wahrheit hinter dem Auftritt. Für die Tonlage in der Krise. Für die Frage, wie echt eine Geschichte bleibt, wenn ein Unternehmen sie gegen seine Lage verteidigen muss. Für das, was zwischen den Sessions geschieht. Für den Umstand, dass eine Messe längst auch ein soziales Netzwerk in physischer Form ist.
Die Zukunft Personal Süd wurde in diesen zwei Tagen dadurch lesbar. Nicht als Triumphmarsch der HR-Branche. Eher als Proberaum unter Spannung. Die einen kamen, um Kunden zu gewinnen. Andere, um Antworten zu suchen. Wieder andere, um Freunde zu treffen, Zweifel zu sortieren, Bücher zu entdecken, eine These zu prüfen, einen Impuls weiterzutragen. Genau daraus entstand das Bild.

Und hier kehrt Ena du Prèl noch einmal zurück. Die eigentliche Kunst lag nie nur im Merken. Sie lag in der Beherrschung der Fülle. In Stuttgart hieß diese Fülle: Sessions, Gespräche, Debatten, Bücher, Studien, Ausstellerinitiativen, Netzwerk-Treffen, freundschaftliche Begegnungen, Halbsätze mit Langzeitwirkung. Wer daraus nichts anderes macht als einen Terminkalender mit Fotos, hat die Messe konsumiert. Wer daraus eine Lagebeschreibung formt, hat verstanden, worum es ging.
Jule Jankowski und Harald Schirmer haben genau das getan. Die eine mit der Schärfe des Real Talk, der andere mit der Geduld des vernetzenden Flaneurs. Das Ergebnis ist mehr als Rückschau. Es ist ein Protokoll jener Gegenwart, in der Arbeit nicht mehr in Zuständigkeiten zerfällt, sondern in Überlagerungen. Die Messe hatte dafür nur zwei Tage. Manchen reichte das. Andere hätten Ena du Prèl gebraucht.