Konsens für #GWB-Novelle, die dennoch vom Justizministerium blockiert wird

In der Corona-Krise wächst die Gefahr der Konzentration auf unterschiedlichen Märkten. „Konzentrationstendenzen gibt es vor allem auf den Plattform-Märkten“, warnt der Wettbewerbsökonomen Professor Justus Haucap im #NextTalk.

Man müsse jetzt aufpassen, nicht so genannte Tipping Markets zu bekommen. Also Märkte, die umkippen und eine Wiederbelebung des Wettbewerbs nicht mehr zulassen. Diese Netzwerk-Effekte sollte die Wirtschaftspolitik stärker beachten. „Man geht als Käufer dahin, wo viele Verkäufer sind. Verkäufer gehen dahin, wo wiederum viele Käufer sind. Hier ist eine Spirale in Bewegung gesetzt worden, die sich nach oben dreht“, betont Haucap. Um so wichtiger sei die zehnte Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), die vom Bundeswirtschaftsministerium erarbeitet wurde.

„Dabei zeigt sich die Notwendigkeit des GWB-Digitalisierungsgesetzes jetzt besonders: Kernbestandteil des Gesetzes ist eine Verschärfung der Missbrauchsaufsicht für marktmächtige Digitalunternehmen. Durch die COVID-19-Pandemie wird sich der Strukturwandel insbesondere im Handel deutlich beschleunigen. Große Internetplattformen können in der Krise ihre Marktstellung ausbauen und so noch dominanter werden. Damit setzen wir uns mit Nachdruck für den zügigen Abschluss der Ressortabstimmung ein“, sagt Beate Baron, Sprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. 

Dennoch ist die GWB-Novelle ins Stocken geraten. Der Gesetzentwurf sei inhaltlich in der Bundesregierung abgestimmt und auch mit dem Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) konsentiert, heißt es in Regierungskreisen. Allerdings blockiere das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz die Verabschiedung des GWB im Kabinett, um später Zugeständnisse bei dem geplanten „Gesetz für faire Verbraucherverträge“ zu erzwingen.

Das Bundeswirtschaftsministerium sei bereit, beim Gesetzentwurf für faire Verbraucherverträge konstruktiv mitzuwirken. BDI, ZAW, DIHK, VDZ / BDZV, Bitkom, DAV lehnen die Vorschläge des BMJV ab. Das Justizministerium habe diesen Gesetzentwurf jedoch seit Januar 2020 nicht weiter vorangetrieben. Die Stellungnahmen der bereits erfolgten Anhörung der Verbände wurden wohl noch nicht eingearbeitet. Ein neuer Entwurf liege nicht vor. Vonnöten sei eine weitere Erörterung auf Fachebene, um eine kabinettsreife Vorlage zu erarbeiten. Das GWB-Digitalisierungsgesetz sei beschlussreif, das Gesetz für faire Verbraucherverträge noch nicht. Daher sei die Blockade-Haltung des BMJV unverständlich, da gerade in der Krise die GWB-Novelle umso dringlicher ist.

Homerisches Gelächter und Kombinationslabyrinthe: Notizen zum 100. Geburtstag von #HansBlumenberg

Was soll ich als Nicht-Philosoph zum 100. Geburtstag des großen Philosophen Hans Blumenberg kundtun? Es erscheinen gerade unfassbar gute Artikel und Bände über Blumenberg und aus dem Nachlass neue Werke des Nachtschreibers. „Er schrieb dermaßen viel, dass die allerletzte Edition aus seinem Nachlass erst vor einigen Monaten erschien, also 24 Jahre nach seinem Tod am 28. März 1996“, so Alexander Kluy.

Mit seiner Emeritierung 1985 wurde Blumenberg, der da schon länger einen ungewöhnlichen Lebensrhythmus gepflegt hatte, endgültig nur noch Wort, zog sich in Denkzimmer und Bibliothek zurück, führt Kluy weiter aus. In seiner Zeit als Professor, letzte Station war die Uni Münster, zog er sicht am späten Nachmittag in sein Arbeitszimmer zurück, las, schrieb und diktierte die Nacht hindurch bis in den frühen Morgen, schlief bis mittags und gab eine Vorlesung. So könnte ich mir einen Tagesablauf vorstellen, wenn ich mich für einen akademischen Berufsweg entschieden hätte. Auch die Zettelkasten-Verwandtschaft zu Niklas Luhmann interessiert mich bei Hans Blumenberg: „Um 1941 hatte er damit begonnen; im Lauf von 50 Jahren wuchs sich dies zu einem gigantischen Kombinationslabyrinth mit mehr als 30.000 Funden, Notizen, Überlegungen und „Reflexionsinseln“ aus. Ausuferndes, stolz Exzentrisches miteinander verbindendes Zitieren wurde ihm oft vorgehalten. Den Vorwurf parierte Blumenberg indirekt. Was sei die Gegenwart? Eine Zeit der Verachtung von Gelehrsamkeit. Und Bildung? ‚Bildung ist kein Arsenal, Bildung ist ein Horizont.‘ Ungeschichtlichkeit, so Blumenbergs wie so häufig stilistisch brillante Wortfindung, ist ‚eine opportunistische Marscherleichterung mit verhängnisvollen Folgen“, schreibt Kluy.

Blumenberg las übrigens intensiv den schon legendären Aufsatz „Kommunikation mit Zettelkästen“ von Niklas Luhmann. Die Unterstreichungen nahm er mit Stift und Lineal vor. Blumenberg markiert Gemeinsamkeiten und Differenzen. Luhmann benutzte normales Papier und keine Karteikarten, wie Blumenberg. Zudem verzichtete er auf eine Sachordnung zugunsten einer Stellordnung. Übereinstimmungen sieht Blumenberg bei der Vorgehensweise, Heterogenes zueinander in Beziehung zu setzen oder den Zufall bei der Arbeit mit dem Zettelkasten zu befördern. Der Innovationseffekt eines Zettelkasten beruhe auf dessen kombinatorischen Möglichkeiten.

Im Akt des Zitierens vollzieht sich sich bei Blumenberg eine stufenweise Aneignung der Lesefrüchte. Er selektiert im gelesenen Buch Textteile durch Unterstreichung. Der Übergang zur Karteikarte folgt dann den Prinzipien einer analytischen Lektüre. Nicht der Gesamtsinn des Werkes ist entscheidend, sondern verschiedene Gesichtspunkte, die für Blumenberg relevant waren. In einem zweiten Schritt folgt gar die Herauslösung aus dem Textzusammenhang. Es findet quasi eine Dekontextualisierung statt.

Das wird besonders auf jenen Karteikarten sichtbar, auf denen der Autor Zeitungsausschnitte klebte. Beispielsweise Fundstücke für kuriose Definitionen – etwa beim „Schnitzelstreit“. Das deutet auf den Humor von Hans Blumenberg hin. So schildert es Ferdinand Fellmann in einem Interview für den Band „Poetik und Hermeneutik im Rückblick“, erschienen im Wilhelm Fink-Verlag: „Bei Jauß im Seminar ging es eher asketisch zu, protestantisch. Bei Blumenberg herrschte das Homerische Gelächter. Bei diesen Treffen konnte man nach einer gewissen Zeit wegen des Rauchs der dicken Zigarren die Hand vor Augen nicht mehr sehen; dazu wurde Likör herumgereicht. Es war unglaublich, wie weltmännisch Blumenberg auftrat. Das war ein neuer Stil, der Blumenbergs außenorientiertem Charakter entsprach, geradezu ein hedonistisches Lebensgefühl, das typisch für die Zeit des Wirtschaftswunders war. Über Philosophie haben wir dabei fast nie geredet. Unsere Hauptthemen waren Autos, die Aufbewahrung von Zigarren im Wäscheschrank, die Märklin-Eisenbahn und die Bequemlichkeiten der neuesten Hausgeräte. Blumenberg war ein Technikfan.“

Das ist ganz nach meinem Geschmack. In meiner Abschiedsbotschaft zum Ausstieg aus der Hochschullehre an der HS Fresenius hatte ich das ja in Ansätzen zum Ausdruck gebracht:

Wir könnten die „Wirtschaftstheorie“ mit einem Gestus der Revolte gegen die vorherrschenden Weltanschauungen aufladen – im Geiste der 68er. Theorie fängt schließlich mit Kulturkritik an und mit Abgrenzung von der herrschenden Lehre – schon Schopenhauer hat das in seinen kleinen philosophischen Schriften „Parerga und Paralipomena“ außerordentlich unterhaltsam zelebriert. Siehe auch: NIEMAND BETREIBT THEORIE OHNE GRUND.

Wir erschaffen eine neue Wissenschaft und verabschieden uns von BWL und VWL. Wie das geht, hat Friedrich Kittler mit der Erfindung der Medientheorie unter Beweis gestellt – in einem antiakademischen Gestus übrigens. Statt der Märklin-Eisenbahn würde ich Spielzeug aus meiner Kindheit nach vorne schieben: Etwa den legendären Aston Martin mit Schutzschild. Oder das Batmobil aus den 1960er Jahren, mit dem man Plastikraketen abfeuern kann (hat einer noch die Raketen?).

Die Spione sind unter uns

Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft.

Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Mit diesem doch eher freidenkerischen Ansatz bin ich gnadenlos auf die Schnauze gefallen im Sommersemester 2019. 

Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

Die Laien sollten nach Auffassung von Feyerabend ein Interesse am Aufbruch dieser Strukturen haben. Die Deutungshoheit der Expertokratie sei nicht hinnehmbar. Müssten sich diese geschlossenen Kreisen öffnen und Einblicke in ihre Methoden gewähren, würde man schnell erkennen, mit welch dünner Sauce die Experten operieren.

Obertöne der Rebellion

Der Fernsehmacher Alexander Kluge erinnert an die Obertöne der Musik. Er nennt es Obertöne der Rebellion in Anlehnung an die 68er Bewegung. Man könnte in der Zukunft etwas weiter machen, was in der Vergangenheit nur den Grundton hatte. Beispielsweise die Forderungen „Die Stadt gehört uns“ im öffentlichen Raum. Das sei nackte Wiederholung aus den Tagen der Studentenrevolte. Gleiches kann man dem Sachverständigenrat entgegen schmettern: „Die Wirtschaft gehört uns und darf nicht hinter verschlossenen Türen verhandelt werden.“

Dafür brauchen wir neue Theoriebewegungen, die sich nicht auf der Leimspur der vorherrschenden Lehre bewegen.

Einschub: Vor mir liegt ein Notizzettel über die Diktatur des Antiquariats – denkt mal drüber nach. Spruch ist von Jürgen Kaube.

Weiterer Notizzettel: Überlegungen zu einer Universalgeschichte der Niedertracht. Ist nichts daraus geworden.

Zurück zur Wissenschaft: Ich wollte eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“ gründen.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm ist ermüdend und geistlos. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle (ja Halle) testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Akademische Krawalle vonnöten

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen. „Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in einer Digitalen Thomasius-Akademie für Wirtschaftsphilosophie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die hatte Thomasius auch.

Gründen wir neue Akademien! Hat das was mit Blumenberg zu tun? Na klar. Es geht doch hier um heterogene Kombinationslabyrinthe.

„Wir brauchen einen New Deal zwischen Unternehmen und Beschäftigten“: #NextTalk mit @GuidoZander und Robert Schüler

Die Analyse von Arbeitsmarktdaten scheint die Hoffnung zu zerstören, dass
Corona die Digitalisierung quasi zum Selbstläufer macht. Zwangs-Digitalisierung wie Remote Work und Virtualisierung von Services (Beratung, Training) sind unvermeidbar. Es bleibt Organisationen schlichtweg nichts anderes übrig. Strategisch wichtige Digitalprojekte werden hingegen verschoben oder sogar gestrichen. Software-Spezialisten, die auf dem Arbeitsmarkt nie sonderlich auf die Suche gegangen sind, müssen das jetzt tun.

„Jetzt zeigt sich, was in der jüngeren Vergangenheit nur Lippenbekenntnis oder Cargo-Kult war und was nicht“, so die Erfahrung von Winfried Felser, Mister #NextAct, mit dem ich seit ein paar Monaten die Gesprächsreihe #NextTalk organisieren. Diesmal mit Robert Schüler von plano und Guido Zander von SSZ Beratung.

Zander sieht beim Thema Employer Branding häufig nur Show: „Im Hintergrund laufen nach wie vor die alten Konzepte aus den 80er oder 90er Jahre. Das ist vergleichbar mit Nokia. Die Entscheider haben nach dem iPhone-Schock und sinkenden Umsätzen die Marketingausgaben erhöht, statt Produkte zu innovieren“, kritisiert Zander.

Häufig ist die Digitalisierung nichts anderes als Camouflage oder Zuckerguss – etwa New Work. „Das ist der erste Kandidat für Maßnahmen zur Kosteneinsparung“, so Felser. Baut ein Unternehmen gar Arbeitsplätze ab, werden die New Work-Lautsprecher im Social Web seltsam leise. Man sei dafür ja nicht verantwortlich – bla, bla, blub.

Zukünftige Gewinner und Verlierer separieren sich gerade im Umgang mit der Krise, glaubt Zander. Etwa im Workforce Management.

Wer bringt die nötige Flexibilität bei der Planung der Personalkapazitäten mit? Wer verabschiedet sich von starren Arbeitszeiten? Wer bezieht die Belegschaft in solche Anpassungen ein? Gibt es einen Rebound-Effekt bei den Anwesenheitspflichten?

„Wir brauchen einen New Deal zwischen Unternehmen und Beschäftigten“, fordert Zander. Statt einseitig nur den Zeitverbrauch zu honorieren, sollten die individuellen Möglichkeiten der Flexibilisierung in den Vordergrund gestellt werden.

„Je stärker und ausgeprägter sich Remote-Work entwickelt, umso höher ist der Druck für Dienstleister über die gesamte Breite des Tages verfügbar zu sein. Ich bin gespannt, welche neuen Erkenntnisse zur Kapazitätsverteilung ein gutes Workforce Analytics hier bringen wird. In der Studie ‚Personalpolitik in der Corona-Krise‘ des Instituts für Beschäftigung und Employability gaben 86,7 Prozent der Befragten an, dass sie jetzt Maßnahmen zur Arbeitszeit für wichtig halten, 83,3 Prozent halten flexible Arbeitszeitmodelle für relevant. Dennoch haben viele Unternehmen immer noch Arbeitszeitmodelle, die nicht zur jetzigen Ausnahmesituation passen“, erläutert Schüler.

Bei vier von fünf Unternehmen passiert da wenig, bestätigt Zander: „Starre Arbeitszeitpläne, die auf flexible Bedarfe treffen, erzeugen Guerilla Flexibilitäten, die zu Lasten der Beschäftigten gehen.“ Genau jetzt wäre die Zeit, neue Modelle zu entwickeln. Beispielsweise ein Beschäftigungs-Sicherungskonto. So etwas ist wohl nur unter dem Eindruck der Krise durchsetzbar. „Individuelle Arbeitszeitmodelle sind schon länger über gut funktionierende Planungsautomatismen verfügbar. Sie werden aber immer wieder gerne verhindert, weil die Verantwortlichen für Dienstpläne und auch die Interessenvertreter der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer damit nur schwer umgehen können“, sagt Schüler.

Es seien die Mitarbeiter selbst, die die Macht zum Umdenken immer mehr ausüben. „Der Ansatz, dass der Mitarbeiter auf die Dienstplan-Gestaltung starken Einfluss nimmt, wird sich durchsetzen“, meint Schüler.

Genügend Debattenstoff für den #NextTalk mit Zander und Schüler am Dienstag um 15 Uhr. Mitdiskutieren via Chat- und Kommentarfunktionen. Wir übertragen live im Multistream via YouTube, Twitter/Periscope, LinkedIn, Facebook-Profil und Facebook-Seite (also über meine Accounts).

Wer nichts Substanzielles zu sagen hat, bläst sich auf

Vor Jahren schrieb ich ein beratendes Gedicht-Fragment über das Ich-Syndrom im Netz:

Deine tägliche Powerpoint-Folie gib uns heute,
Projektionsflächen mit Wald- und Wiesenweisheiten,
Phrasen im Dreiviertel-Takt,
Nervensäge der Expertokratie.

Hohlräume unter der gelackten Fassade,
Keynote-Speaker der Irrelevanz,
Bulletpoints mit Bullshit im Designer-Outfit,
Semantischer Brei im Zufallsmodus.

Geheiligt ist Dein Wichtigtuertum,
Gesegnet Deine Excel-To-Do-Listen,
Gepriesen sind Deine Budapester Schuhe von der Kö oder roten Edel-Sneaker,
Du predigst Lösungen für erfundene Probleme.

Dein Gedankenreich ist geklaut,
Dein Wille für den nächsten Auftrag ungebrochen.

Demütig schreibst Du an Deiner Autobiografie mit dem Titel „ICH“ und der Unterzeile „Und nur ICH“.

Auf Deinem Grabstein ist zu lesen:
„Hier liege ICH und kann nicht anders“.

Ruhe in Frieden auf dem Friedhof Deiner Eitelkeiten.
Amen.

Leider hat sich an dieser Zustandsbeschreibung wenig geändert. Im Gegenteil. Es ist schlimmer geworden, wie Georg Franck im brandeins-Interview konstatiert. Er prägte vor rund 20 Jahren den Begriff der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“: „Es geht nicht um ein persönliches Anliegen oder um einen bestimmten Inhalt, es geht einzig darum, eine möglichst große Resonanz zu erzielen. Hier wird Aufmerksamkeit zum Selbstzweck.“

Claqueure und Seifenblasen

Wer nichts Substanzielles zu sagen hat, bläst sich auf oder kauft sich gleich ein ganzes Imperium an Sendeformaten und Claqueuren, um der Welt die Wichtigkeit des eigenen Daseins zu demonstrieren. Zu den Meistern der kommunikativen Seifenblasen zählt die Firma Andreessen Horowitz (gegründet von Marc Andreessen und Ben Horowitz), die ihr Kapital in einigen der höchstbewerteten Silicon-Valley-Unternehmen angelegt hat. Dahinter steht eine „Publicity-Maschinerie“ mit eigener PR-Abteilung und befreundeten Journalisten in der Hightech-Presse. Im Frühling 2014 erlebten die Aktien von Softwareabonnement-Anbietern – im Fachjargon SaaS für ‚Software as a Service’ – einen Kurseinbruch.

„Andreessens Content Factory machte sich an die Arbeit. Das Unternehmen stellte Blogposts und Podcasts ins Netz, die erklärten, wie missverstanden doch SaaS-Unternehmen seien. Die Anleger begriffen einfach nicht, wie ungeheuer ertragreich sie einmal sein würden. Die Podcasts quollen über vor verwirrenden Fachbegriffen, Abkürzungen und Messwerten, die sich die SaaS-Branche ausgedacht hat, um ihre eigene Leistung darzustellen. SaaS ist immer noch ein ganz junges Geschäftsfeld und es ist schwer, wenn nicht unmöglich, die Unternehmen aussagekräftig miteinander zu vergleichen“, so der frühere Newsweek-Redakteur Dan Lyons. Im Juni 2014 stoppten die SaaS-Aktien ihre Talfahrt und arbeiteten sich langsam wieder nach oben.

Freibier, Shrimp-Cocktails und Geschlechtskrankheiten

Aber gegenüber Salesforce-Chef Marc Russell Benioff sind wohl selbst Andreessen und Horowitz noch Waisenknaben. Das Forbes Magazine schätzte vor ein paar Jahren sein Vermögen auf vier Milliarden US-Dollar. Entsprechend gigantisch wird die Hausmesse „Dreamforce“ aufgeführt. Benioffs Auftritte seien Großtuerei und seine Kundentagung würde einer viertägigen Orgie ähneln. „Caligula wäre begeistert über diesen Triumph der Vulgarität und Verschwendung mit Freibier, endlosen Shrimp-Cocktails und einer Geschlechtskrankheiten-Ansteckungsquote, bei der die Fleet Week der US Navy kaum mithalten kann. Ich komme mir vor, als schaue ich ins Land Mordor hinab. So viele verlorene Seelen! Diese aufgewerteten Gebrauchtwagenhändler, diese Leute, zu deren Job es gehört, die Kunden zu überrumpeln und zu beschwindeln, deren Lebenssinn es ist, ihre Vorgabe zu erfüllen.“ Jeden Monat, jedes Quartal, jedes Jahr: verkaufen, verkaufen, verkaufen.

Das seien die Leute, die sich das Internet, eine der wunderbarsten und meistversprechenden Erfindungen aller Zeiten, unter den Nagel gerissen, es mit Reklame verdreckt und es zu einem großen Versandhandel gemacht haben. „Kein Wunder, dass diese Zombies einmal im Jahr ihre Woche in San Francisco brauchen, um bei Deepak Chopra, einer Prise Kokain und vielleicht einer kanadischen Prostituierten auszuspannen und sich toll vorzukommen“, erläutert Lyons.

Am letzten Tag, der von Lyons besuchten Dreamforce, hält Chopra einen Vortrag. „Er ist ein guter Freund Benioffs. Chopra faselt vor sich hin; irgendwie geht es um Freude, Sinn, Zusammengehörigkeit und wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. Der alte Spruch des Komikers W. C. Fields kommt mir in den Sinn: ‚Wenn du sie nicht mit Genialität blenden kannst, überwältige sie mit Geschwätz.’ Er könnte nicht nur Chopras Vortrag, sondern der ganzen Konferenz als Motto dienen. Benioff und seine karitative Angeberei, der Trockeneisnebel, die Konzerte und Comedians: All das hat nichts mit Software oder Hightech zu tun. Es ist eine Show, mit der die Gäste unterhalten, der Verkauf gefördert und der Aktienkurs hochgetrieben werden soll.“

Wer hat den Größten?

Motto: Meiner ist größer! Meiner ist der größte! Benioff habe eine Art Finanzalchemie erfunden, bei der man Geld nicht nur aus dem Nichts, sondern aus Verlusten schafft. „Je mehr er für Partys zum Fenster hinauswirft, desto reicher wird er“, schreibt Lyons.

Das Zauberwort zur Entzauberung des netzmedialen Trumpismus heißt nach Auffassung von Wolf Lotter Diskursfähigkeit. Also das, woran es nicht nur dem Gebrüll von Trump, Benioff und Co. mangelt, sondern auch der Gesellschaft und den zahlreichen, nur nach Selbstbestätigung gierenden Menschen. Bohrende Fragen stellen, hinter die Kulissen und unter die Motorhaube des Marketing-Nebels schauen, das wären wohl erste Maßnahmen, um wieder klarer in der Netzöffentlichkeit sehen zu können. Nicht Mitklatschen und alles bejubeln, sondern kritische Debatten führen.

Wir brauchen wieder #FutureHubs #D2030 @foresight_lab #NEO20x

Mit den Future Hubs und der D2030-Initiative sind vor drei Jahren wirklich sehr viele interessante Debatten angestoßen worden – etwa beim legendären Statement von Klaus Burmeister zum Verkehrswegeplan und den falschen Akzenten, die man bis heute im Bundesverkehrsministerium setzt.

Das verlangt nach einer Fortsetzung. Wir sollten jetzt nicht nachlassen beim Agenda Setting für wichtige Zukunftsthemen.

Die Idee der Future Hubs können wir weiter entwickeln:

Dezentral, virtuell, vernetzt, offen und kuratiert – so sollen die Diskurse über die Zukunftsszenarien verlaufen.

Es geht um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen.

Ihr könnt Podiumsdiskussionen auf die Beine stellen, Experten-Roundtable initiieren, Zukunftslesungen in Cafés oder Buchhandlungen durchführen, in Unternehmen über digitale Arbeitswelten sprechen, in Seminarräumen die Köpfe zusammenstecken, digitale Akademien auf Zeit bilden, geistige Aktivitäten ins Leben bringen oder virtuelle Diskurse starten.

So etwas können wir jetzt zur nächsten Next Economy Open 2020 #NEO20x realisieren, die am Donnerstag, den 3. Dezember und am Freitag, den 4. Dezember stattfindet.

D2030 könnte einen Themenstrang übernehmen – entweder einen kompletten Vormittag oder einen kompletten Nachmittag. Vier größere Initiativen wollen wir gewinnen, die jeweils einen Themenstrang mit Sub-Events gestalten.

Wer könnte der Zukunft besser eine Stimme geben als Wolfgang Schiffer, dem früheren Hörspielchef des WDR?