Eine literatur-historische Sensation nach 87 Jahren: Die überfällige Veröffentlichung als Buch des Romans „Die braune Pest“ von Frank Arnau – Vorgestellt im literarischen Sommerinterview in Bonn

Ausblick auf das literarische Sommerinterview am Freitag, 13. August, um 19 Uhr mit dem Verleger Adrian Jesinghaus. Eine literatur-historische Sensation nach 87 Jahren: Die überfällige Veröffentlichung als Buch des Romans „Die braune Pest“ von Frank Arnau! Das bis heute unauffindbare Werk Frank Arnaus, von dem der Autor selbst schrieb, dass es verschollen sei, wurde auf abenteuerliche Weise wiederentdeckt und zu neuem Leben erweckt. Nicht nur das Werk selbst erscheint, dessen Inhalt recherchiert, überprüft und bis in Details belegt wurde, sondern auch der hochinteressante Werdegang des Autors und seines Buches bereichern diese historische Erstausgabe nach 87 Jahren.

Frank Arnau, Sohn des Hoteliers Charles Schmitt (Beau Rivage – Genf, Baur au Lac – Zürich), war nicht nur Autor, sondern auch Journalist und Großindustrieberater auf der Vorstandsebene von Unternehmen wie Daimler-Benz, BMW, Deutsche Kabelwerke und der Dresdner Bank, sowie nach dem Krieg Präsident der Liga für Menschenrechte. Als sozialengagierter Mensch, musste er direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten1933 aus Deutschland fliehen. Auf dieser Flucht entstand sein möglicherweise wichtigstes Werk „Die braune Pest“, welches bis in die Führung des Dritten Reiches hinauf hohe Wogen schlug. Erschienen war der Roman nur als Vorabdruck in einer sozialdemokratischen Zeitung im noch nicht zu Hitler-Deutschland gehörigen Saarland mit der Unterstützung des damaligen dortigen SPD-Vorsitzenden Max Braun.

Doch das war genug, um die Verfolgung des Autors durch das Regime erheblich zu verschärfen. Mit der Saar-Abstimmung fiel dasSaarland allerdings 1935 ans Reich zurück, die SPD wurde aufgelöst und die Zeitung vernichtet – ein weiterer trauriger Erfolg der Nationalsozialisten.Nun steht das einzigartige Werk durch die unermüdliche Recherche eines pensionierten Kriminalkommissars, Hans-Christian Napp, und der akribischen Aufarbeitung eines Unternehmensberaters, Autors und Verlegers, Adrian Jesinghaus, nach 87 Jahren endlich vor seiner überfälligen Veröffentlichung als Buch im Klingen-Verlag, in Erinnerung an dessen erstes Lebenszeichen im Saarland, mit einem Vorwort der heutigen SPD-Vorsitzenden Anke Rehlinger. Darüber hinaus wird das Projekt von der Else-Lasker Schüler Gesellschaft unterstützt und das Zentrum für verfolgte Künste wird dem Projekt im kommenden Jahr eine Ausstellung widmen. „Die braune Pest“ weist alle Spuren der Flucht Arnaus auf und belegt, dass bereits zu der Zeit seiner Entstehung ein tiefer Einblick in die politische Situation, die skrupellosenMachenschaften in der zusammenbrechenden Weimarer Zeit und die unrühmliche Rolle derGroßindustrie offenkundig möglich war. So hat Arnaus Werk auch noch heute die Aktualität eines Mahnmals gegen zügellose Radikalisierung und naives Stillhalten, aber für die Menschlichkeit.

Wie aktivistisch darf Wissenschaft sein?

Obwohl vielen Vertretern der Wirtschaftswissenschaften klar ist, dass man politisch nicht im luftleeren Raum operiert und es in sozialwissenschaftlichen Themen fast immer um normative Fragen geht, sehen sich die viele Ökonomen dennoch als politisch neutral. Dazu führte ich vor einiger Zeit mit Rüdiger Bachmann, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana, ein längeres Interview.

Man würde das komplette parteipolitische Spektrum auch bei den Ökonomie-Professoren finden. „Der akademische Mainstream ist bei normativen Fragen zurückhaltender. Man kann Modelle oder Daten erst einmal sprechen lassen ohne direkt abzutesten, welche politischen Implikationen das nach sich zieht“, so Bachmann in einem Streitgespräch mit dem Autor der Notiz-Amt-Kolumne.

Auf meine Intervention, ob das nicht pharisäerhaft sei, sich hinter Modellen zu verstecken, antwortete Bachmann, das habe mit Pharisäertum nichts zu tun, das ist wissenschaftlich. „Ich habe da keine politische Agenda.“ Man könne Ökonomik betreiben mit einem Minimum an normativer Ausrichtung. Protagonisten, die sich von der herrschenden Lehre abwenden, werden aber nicht als Methoden-Kritiker gewertet, sondern vom Mainstream abgewatscht. Bachmann sprach von politischer Agitation. Der frühere Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, Professor Achim Wambach, sieht das ähnlich. „Der pluralen Ökonomenbewegung geht es vielfach mehr um Politik als um Wissenschaft, da schwingt oft eine markt- und kapitalismuskritische Agenda mit.“

Sind dann die Mainstream-Ökonomen rechts und reaktionär, wenn das andere Lager doch angeblich links ist? Diese Stigmatisierungen führen zu nichts. So wertet Professor Lutz Becker, Studiendekan der Hochschule Fresenius in Köln, die Disputation mit Bachmann:

„Da wird, wenn es um die Pluralen geht, in politischen Kategorien wie rechts und links argumentiert, die in meinen Augen – trotz einer aktuellen Renaissance – historisch obsolet sind.“ Dann gehe es in den Antworten des Mainstream-Ökonomen direkt wieder auf eine empiristische Argumentationslinie. Das sei auch nicht schlüssig, weil beispielsweise mit der Gewichtung von Faktoren riesige Hintertüren offen bleiben. „Oder anders: Man beruft sich auf Daten, verfolgt aber de facto und durch die Hintertür interpretative Zugänge, die aber dann ausgeblendet oder gar scharf zurückgewiesen werden.“

Becker fehlen in den Aussagen von Bachmann sowohl die Verortung der Mainstream-Ökonomik als auch der schlüssige rote Faden in der Argumentation. Bleibt das Argument von Wambach und Co. übrig, dass es ja mit der Verhaltensökonomie in Kombination mit neurowissenschaftlicher Kleckskunde, mit Institutionenlehre, Spieltheorie und finanzwissenschaftlichen Modellen genügend Ansatzpunkte für Methodenvielfalt im Mainstream gibt.

Rechtfertigungserzählungen der herrschenden Lehre

Aber auch das ist eine dürftige Replik. Es sind Rechtfertigungserzählungen. Bei den verhaltensökonomischen Laborexperimenten denkt man, den homo oeconomicus besser zu verstehen. Man hat ein wichtiges Defizit im klassischen Ansatz gekittet und alles ist wieder in bester Ordnung.

„Die Ökonomie hat ihr Standardmodell, dann wirft man ihr irgendetwas vor: Kein Problem, das kriegen wir gefixt. Jetzt machen wir Experimente, jetzt haben wir doch einen sehr viel differenzierteren homo oeconomicus. Aber was sie eben nicht leistet in einer Zeit des massiven Umbruchs, ist Orientierung.  Diese Welt, in der wir heute leben, ist ja in einer ganz massiven Form durch die Ökonomie geprägt. Jetzt merken wir, dass ganz viele Dinge auf uns zukommen, die eine gewaltige neue Herausforderung darstellen“, so Professor Uwe Schneidewind in einer Diskursreihe der D2030-Initiative. 

„Die ökonomischen Dynamiken treiben die ökologische Sache immer noch in die falsche Richtung. Aber auch Fragen wie die Digitalisierung. Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten zu tun, wir haben mit Produktivitätssprüngen zu tun, die vermutlich das Maß vorangegangener technologischer Wenden noch mal überwinden. Jetzt würde man sich ja eine Ökonomie wünschen, die vor denkt. Was heißt das? Auch so etwas wie Grundeinkommen, wie organisieren wir unseren Sozialstaat? Das sind ganz neue Formen. Was ist denn eigentlich mit der Geldwirtschaft in einem Zeitalter von Bitcoin? Also wenn es vielleicht gar keine Zentralbanken mehr gibt und braucht. Also ganz viele Fragen.“

Experimente in Boxen

Mainstream-Ökonomen wirken nicht als öffentliche Intellektuelle. Sie versagen als Orientierungskompass und verkriechen sich mit ihren teilweise irrelevanten Experimenten in Boxen und kanzeln Kritiker als linke Spinner ab, die mit statistischen Verfahren und Mathematik auf Kriegsfuß stehen. Wenn man tradierte Ökonomen mit empirischen Methoden in ihrem Modellplatonismus zerlegt, reden sie sich mit Rechenfehlern heraus oder verweisen auf notwendige Vereinfachungen in den Berechnungen.

Dahinter stecken Immunisierungsstrategien, um sich einer  wissenschaftstheoretisch sauberen Überprüfung zu entziehen. Hans Albert hat das in seiner Schrift „Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen“ ausführlich dargelegt: 

„Eines der beliebtesten Mittel, ökonomische Aussagen zu tautologisieren und sie damit empirischer Überprüfung zu entziehen, ist die Verwendung der so genannten ceteris-paribus-Klausel. Wenn ein ökonomisches ‚Gesetz‘ unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen. Wenn ein dem ‚Gesetz‘ widersprechender Fall aufgezeigt werden kann, dient die Klausel sozusagen seiner ‚Rettung‘ durch Aufweis eines Faktors, der nicht konstant geblieben ist.“ Beim so genannten Vorsorge-Paradoxon muss ma auch aufpassen, nicht in eine beliebige Teflon-Strategie abzurutschen. In der profanen Variante wird häufig behauptet, dass das Ausbleiben einer Katastrophe der Beweis für den Erfolg von Schutzmaßnahmen ist, niemals ein Beleg für deren Überflüssigkeit. Das hat schon eine theologische Dimension: Wenn ich die Nichtexistenz von Gott nicht belegen kann, ist es der Beweis für die Existenz Gottes. Dieser Gipfel der Unlogik hat sehr viele Vorteile: Man kann damit alles beweisen: Ufos, die heilende Kraft von Schlümpfen, Stimmen aus dem Jenseits oder Engel. Ihr könnt diese Reihe nach Eurem Gusto fortschreiben.

Wann stellt die Wirtschaftswissenschaft wieder spannende Fragen?

Kommen wir zur Ökonomik zurück: Man kann normativ, plural oder heterodox unterwegs sein und gleichzeitig etwa in der Bewertung von Szenarien mit statistischen Verfahren arbeiten. Was generell fehlt, ist nach Meinung von Schneidewind eine Ökonomie, die spannende Fragen stellt: „Das ist der Grund, warum ich gerne an die Uni gehe, weil ich merke: Wow, die behandeln da genau die richtigen Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Von dorther wird man dann sehen, dass die Ökonomie automatisch pluraler und sehr viel interdisziplinärer sein muss. Etwa beim digitalen Wandel. Das bekommt man nur in den Griff, wenn ich auch ein technologisches Verständnis habe, wenn ich mich mit den sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen Dynamiken auseinandersetze. Dadurch wird das also sehr viel multidisziplinärer und es findet idealerweise auch ein ganz intensiver Austausch mit Leuten statt, die diese Prozesse gestalten. Plötzlich kommen auch Unternehmen und Unternehmer gerne in Unis, um mitzudiskutieren, weil sie merken: Das hilft ihnen.“ Das sei heute alles nicht gegeben, weil sich das Fach nur über seine Methode definiert.

„Du kannst heute Karriere in dem Fach machen, wenn du die irrelevantesten Fragen ökonomisch sauber behandelst“, kritisiert der ehemalige Präsident des Wuppertal-Instituts und heutige Oberbürgermeister von Wuppertal. Da gebe es keine Inspiration – beispielsweise für die Politik. „Wenn die Merkel den Sachverständigenrat weglächelt, weil sie sagt: Hey, das kann ich sowieso gleich in die Kiste schmeißen, weil es mir für meine Wirtschaftspolitik keine Orientierung gibt. Und wenn du einen Management-Praktiker fragst, wann er zum letzten Mal aus der Management-Lehre der BWL-Fakultäten einen Impuls bekommen hat, dann muss der ganz lange überlegen, wenn ihm überhaupt irgendetwas einfällt. Diese komplette Inspirationslosigkeit des Faches kann ich nur dadurch drehen, indem ich wieder die richtigen Fragen stelle. Dann ergibt sich der Rest von selbst“sagt Schneidewind.

Die Ursache sieht Schneidewind im Reproduktionsmodus des akademischen Systems. Nach den Reformwellen in den 60er und 70er Jahren, die sehr stark sozialwissenschaftlich und kritisch geprägt waren, kam eine Gegenbewegung mit einem naturwissenschaftlichen Paradigma. Am Ende verödet halt die Ökonomik an Monotonie.

Bei all den Unmöglichkeiten, wirklich neutrale und werturteilsfreie Positionen zu beziehen, finde ich es dennoch wichtig, möglichst ohne Agitation oder Ideologie sozialwissenschaftlich zu arbeiten. Da bin ich zu sehr geprägt worden von Karl Popper und Hans Albert.

Bekenntnis zum kritischen Rationalismus

Was ich darzulegen versuchte ist die Unmöglichkeit, aus einer wertenden Sicht des Weltgeschehens herauszukommen. Jeder Mensch trägt sozusagen einen wertenden Rucksack mit sich herum via Erziehung, Prägung, Konditionierung, Lebenslauf, Begegnungen mit Menschen, Lektüre, Gespräche, Rituale, Ausblendungen, Verzerrungen, Rückschaufehler, Reduktion der Wirklichkeit, konstruierte Realitäten, Zufälle, falsche Gewichtung von Ursache und Wirkung, Verwechslung von Kausalitäten und Korrelationen, Unkenntnis, beschränkte Aufnahmefähigkeiten und dergleichen mehr. All das trübt unseren Blick und führt zu Werturteilen – manchmal bewusst, manchmal unbewusst.

Dennoch bekenne ich mich zum kritischen Rationalismus und zum antidogmatischen Wissenschaftsbegriff, den Hans Albert geprägt hat:

„Jegliche Geschlossenheit in Ideologien, jede Abschirmung des Denkens gegen systematische Prüfung, relevante Kritik, empirische Evidenz rationale Analyse und Dogmen wie Deutungsmonopole behauptete Erkenntnisprivilegien und absolute Wahrheitsansprüche, die Enge ideologischer Korridore, Letztbegründungen sowie jegliche ‚Konsensus-Euphorie‘ lehnt Albert ab“, schreibt Arpad-Andreas Sölter in seinem Beitrag „Philosophie ohne archimedischen Punkt“ im Band „Begegnungen mit Hans Albert“. Was folgt daraus nach Ansicht von Albert?

Ein Plä­doyer für präzise Begriffe (keine Phrasen), Thesen und Theorien (ökonomische Theoriear­beit), um Wissen immer wieder kritisch prüfen zu können (Falsifikations­prinzip).

„Bis heute finden diese Grundregeln des Kritischen Rationalismus in der sozialwissenschaftlichen Arbeit Verwendung: 1. Aufstellen von ab­strakten, präzisen Modellen, 2. Aufsuchen allgemeiner Kausalzusammen­hänge, 3. Verwendung möglichst realistischer Annahmen und präziser Be­griffe und Theorien, 4. Prüfung und Systematisierung von Theorien und 5. Unmöglichkeit letzter normative Aussagen in der wissenschaftlichen Arbeit (Albert 1956; 1957; 1965)“, erläutert Andrea Maurer zum 100. Geburtstag von Hans Albert.

In diesen fünf Schritten geht es eben nicht um die Suche nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise, sondern um Widerlegungen. Das ist ein hehres Ziel: Sollte aber auch in wichtigen politischen Fragen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Armut und vielen weiteren Punkten der Maßstab für wissenschaftliches Arbeiten und der Kompass für Politikberatung sein.

Mit Aktivismus und Gesinnungen hab ich meine Probleme. Da stecken zu viele Basta-Urteile drin und wenig Verständnis für die Komplexität unserer Welt.

Siehe auch:

Darf Wissenschaft aktivistisch sein?

Wer hat Interesse daran, aus dieser Thematik eine Diskursreihe zu machen? Einfach bei mir melden. Hier in der Kommentarfunktion, via E-Mail unter gunnareriksohn@gmail.com oder über Mobilfunk 0177 – 620 44 74.

Die Universität als politisches Experiment @acwagner

Im Gespräch mit Anja C. Wagner erwähnte ich noch einmal meine Idee für die Gründung einer digitalen Akademie für Geselligkeit. Genauer: Eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“.

Wer sich der geselligen Disputation an der Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl den Studierenden ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus:

Die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen.

Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen. „Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. Wäre doch ein tolles Projekt.

#Notizzettel zur Studie „Herausforderungen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz“: Ergebnisse einer Befragung von jungen und mittelständischen Unternehmen @zew @BMWi_Econ

Vorbereitung auf das Interview mit dem Studienleiter Dr. Christian Rammer vom ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Einschalten am Mittwoch, 11 Uhr:

Die Studie untersucht Herausforderungen, denen sich Unternehmen in Deutschland bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) gegenüber sehen. Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von fast 1.000 jungen und mittelständischen KI-nutzenden oder KI-affinen Unternehmen zeigen fünf große Themenfelder, die aus Sicht der Unternehmen für die weitere Verbreitung von KI in Geschäftsmodellen und Geschäftsprozessen entscheidend sind:

  1. Hohe Kosten und fehlende Finanzierungsmittel: Größte Herausforderung für Unternehmen, die KI be- reits aktiv einsetzen, sind die hohen Kosten der Entwicklung und Implementierung von KI-Anwendungen. Dies gilt vor allem für jüngere und kleine Unternehmen sowie Unternehmen mit einem noch geringen Rei- fegrad der KI-Anwendungen. Gleichzeitig fehlt es oft an ausreichenden Investitionsbudgets bei den Ge- schäftspartnern, um KI-Lösungen gemeinsam umzusetzen. Folgerichtig ist die Verbesserung der Finanzie- rungsbedingungen der wichtigste Maßnahmenbereich aus Sicht der KI-aktiven Unternehmen. Hier sehen sie auch sehr große Defizite des KI-Standorts Deutschlands im internationalen Vergleich. Für Unterneh- men ohne aktiven KI-Einsatz sind hohe Kosten der KI-Einführung dagegen kein dominanter Grund, auf KI- Anwendungen zu verzichten. Gleichwohl ist auch für diese Unternehmen ein Förderangebot für die Ent- wicklung von KI-Lösungen wichtig, um Risiken und Unsicherheiten des Einstiegs in KI abzufedern.
  2. IT-Infrastruktur: Für Unternehmen, die KI noch nicht aktiv nutzen, ist eine leistungsfähigere IT-Infra- struktur die wichtigste Voraussetzung, um in entsprechende Anwendungen einzusteigen. Aber auch für KI- aktive Unternehmen ist die Qualität der Infrastruktur die zweitwichtigste Maßnahme, um den KI-Standort Deutschland voranzubringen.
  3. Fachkräfte und Weiterbildung: Ein umfangreiches Angebot an KI-Fachkräften ist für bereits KI-aktive Unternehmen die entscheidende Rahmenbedingung, um KI intensiv und effektiv zu nutzen. Wenngleich die Situation in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern als sehr ungünstig eingeschätzt wird, sind Maßnahmen zur Verbesserung der Fachkräftesituation nur auf Rang 3 der Prioritätenliste gereiht. Unter den Unternehmen, die KI noch nicht aktiv nutzen, sind es nur die größeren Unternehmen, für die das Thema Fachkräfte sowie Weiterbildungsangebote wichtige Einstiegsvoraussetzungen sind.
  4. Offenheit von Nutzern/Gesellschaft gegenüber KI: Mehr Vertrauen von Anwendern in KI-Lösungen so- wie eine höhere Awareness der Öffentlichkeit gegenüber dem Nutzen von KI-Anwendungen sehen sowohl die KI bereits aktiv nutzenden Unternehmen als auch die KI-affinen Nicht-Nutzer als ein wichtiges Aktions- feld. Dies ist auch der Standortfaktor, bei dem Deutschland international am schlechtesten bewertet wird.
  5. Datenzugang und Cloud-Angebote: Die eingeschränkte Datenverfügbarkeit (insbesondere von externen Daten) wird als ein großer Standortnachteil von Deutschland gesehen und ist – gemeinsam mit dem Daten- schutz – das größte Problemfeld im Bereich Daten für KI aktiv nutzende Unternehmen. Fragen der Datensi- cherheit folgen gleich dahinter. Datenschutzkonforme Cloud-Angebote mit höchsten Sicherheitsstandards werden als ein wichtiger Beitrag für bessere Datensicherheit gesehen und stellen eine wesentliche Voraus- setzung für den Einstieg in KI-Anwendungen dar.

Was folgt daraus?

Die Befragungsergebnisse zeigen auch Ansatzpunkte in den Unternehmen selbst auf, um die Möglichkeiten von KI breiter und effektiver zu nutzen:

  • Unternehmen mit Digitalkompetenzen, die KI noch nicht aktiv nutzen, sollten die internen Fähigkeiten der Datennutzung weiter entwickeln. Dazu zählen die Identifizierung relevanter Datenquellen in den Geschäftsprozessen sowie der Aufbau methodischer Kompetenzen zu Datenerfassung, Datenmanagement und Datenanalyse. Ein wichtiger Zwischenschritt ist außerdem die passive Nutzung von KI-Anwendungen, beispielsweise über Plattformen und Service-Provider. Cloud-Angebote würden mir noch einfallen.
  • Bei bereits KI-aktiven Unternehmen ist der Aufbau eigener KI-Entwicklungskompetenz ein Weg, um eine effektivere Nutzung von KI zu erreichen. Denn Unternehmen, deren KI-Anwendungen auf Individuallösungen durch Dritte oder auf Open-Source-Software beruhen, ohne selbst Softwarelösungen für KI-Anwendungen zu entwickeln, stehen deutlich häufiger vor Herausforderungen und weisen größere Defizite in der erfolgreichen Anwendung von KI auf.

Habt Ihr noch Fragen?