Gabriel im industriepolitischen Tal der Gedankenlosigkeit: Wir brauchen Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz #bcbn15 @wmfra

Im Land der Industrie-Romantik
Im Land der Industrie-Romantik

Sigmar Gabriel lebt nach Auffassung von The European-Chefredakteur Alexander Görlach noch im 19. Jahrhundert.

„Für unseren Wirtschaftsminister zählt die Industrie, deutsche Autos und so. Digitale Innovation, neue Geschäftsmodelle? Nichts für unseren Siggi. Er zettelt lieber Krach mit Google an. Fabuliert von der Zerschlagung des Konzerns. Wenn am Anfang des 21. Jahrhunderts der deutsche Wirtschaftsminister die Harfe auf ein Lied der alten Zeit anstimmt, dann ist die Frage mehr als angebracht, ob er wirklich denkt, dass wir in fünfzig Jahren den Chinesen immer noch Autos verkaufen oder ob Google nicht wirklich das Zukunftsauto auf den Markt bringen wird oder Apple vielleicht.“

Görlach verweist auf den englischen Publizisten Charles Percy Snow, der 1959 darauf hinwies, wie England gegenüber Deutschland den Anschluss im 19. Jahrhundert verloren hat. „Die Briten waren sich zu snobistisch, als dass sie von ihrem ererbten Bildungskanon hätten ablassen wollen. Kein Problem, sagte man in Deutschland, und so wurden hier die Applied Sciences geboren. Die exzellenten Ingenieurswissenschaften sind das Fundament für den Erfolg des ‚German Engineering‘, von dem Deutschland bis heute profitiert.“

Aber selbst bei uns verlief dieser Prozess nicht ohne Reibungen und Widerstände. Das belegen die Forschungsarbeiten des Ökonomen Joseph Schumpeter in seiner Bonner Zeit von 1925 bis 1932.

In meiner Schumpeter-Session auf dem Barcamp Bonn erwähnte ich vor allem die Abhandlung von 1928 „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“. Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute industriekapitalistisch. Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte. Auch politisch waren die „Landjunker“ in der Weimarer Republik tonangebend.

Heute sind es die Lobbyisten und wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung, die immer noch das industriepolitische Lied singen, obwohl wir seit den 1960er Jahren gar keine Industrienation mehr sind. Man braucht nur einen Blick in das Werk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ von Professor Werner Abelshauser werfen.

Der Stellenwert von industriellen Produkten soll damit nicht in Frage gestellt werden – auch wenn es kaum noch eine industrielle Massenfertigung in Deutschland gibt. Wir exportierten 2013 Autos und Maschinen im Wert von über 350 Milliarden Euro. Darauf verweist Jonas Sachtleber von der studentischen Unternehmensberatung OSCAR in einem Beitrag unter dem Titel „Digitalisierung in Deutschland: Ein Desaster“.

„Hinzu kommen Datenverarbeitungsgeräte und elektronische Ausrüstung für mehr als 150 Milliarden Euro. Diese Produkte machen Deutschland zur Exportmacht. Um diese Stellung zu halten, muss Deutschland allerdings zum Ausrüster der Digitalisierung werden oder sich wenigstens an deren Umsetzung beteiligen“, fordert Sachtleber.

Einen wichtigen Punkt erwähnen die Studienautoren vom „Trendbook Smarter Service“:

„Wenn Produkte immer mehr zu intelligenten Services werden und die vernetzte Erlebniswelt der Kunden die Gewinner auf den Märkten der Zukunft definieren, dann werden smarte Services zu überlebenswichtigen Erfolgsfaktoren.“

Thyssen als Menetekel

Es geht dabei nicht um „Software STATT Spoiler“, wie die Zeit titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz. Inhaltlich liegt der Zeit-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in München, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserümpfender Arroganz beantwortet werden. “

Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent“, so Hamann.

Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser. Das ökonomische Design eines vernetzten Unternehmens ist ein Gesamtkunstwerk.

„Was macht der Komponist? Erfindet er die Noten neu? Nein. Erfindet er das Orchester neu? Nein. Muss der Komponist alle Instrumente des Orchesters spielen können? Auch nicht“, so Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship.

Vorhandenes müsse nur neu kombiniert werden. Über die Kombinatorik von Komponenten gewinnen vor allem neue Unternehmen eine Geschwindigkeit, von der industrielle Großkonzerne nur träumen können – mit einem sehr geringen Geschäftsrisiko. Das ist eine Zäsur. Ein Unternehmen wie ThyssenKrupp könne bei neuen Projekten Teile auslagern, wenn etwa in Thailand ein neues Zementwerk gebaut werden soll. Vieles kommt aber aus dem eigenen Haus zu entsprechend höheren Fixkosten. Wenn Faltin mit einem freien Ingenieurbüro gegen den Konzern antreten und die Expertise für den Bau des Zementwerks dazukaufen würde, wäre er bei der Schnelligkeit der Projektplanung und der Kostenkalkulation nicht zu schlagen. Faltin sagte das einem Diplom-Ingenieur von ThyssenKrupp auf einem Flug nach Asien. Der Konzernmanager nickte und gab die Antwort:

„Ich gehe in anderthalb Jahren in Pension.“

Das spielte sich 2007 ab. Schaut man sich die Entwicklung von ThyssenKrupp in den vergangenen Jahren an, wirkt der Gesprächsverlauf wie ein Menetekel, Herr Gabriel. Ein gutes Thema für unsere Sendereihe „Kompetenzgespräche“ via Hangout on Air.

Nächsten Montag werde ich beim Webmontag in Frankfurt dazu einen kleinen Vortrag halten: Im Land der digitalen Bräsigkeit – Wie wir den Weg in die vernetzte Ökonomie versemmeln

Kurzfassung: Wo bleiben die Impulse in Wirtschaft und Politik, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt? Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten?

Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus​.

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Der neue Gatekeeper für Nachrichten heißt mobiler Internetnutzer und nicht Facebook

Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung
Vinewalker bei der mobilen Internet-Nutzung

Als sich der Mobilfunkstandard UMTS im Jahr 2008 auf dem deutschen Massenmarkt durchsetzte, etablierte sich auch das mobile Internet im Alltag, schreibt der Dienst Statista, was natürlich großer Humbug ist. Als im Jahr 2000 der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumten die Netzbetreiber vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen auf Smartphones, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Was 2008 statistisch messbar wurde, lag nicht an UMTS, sondern hängt mit einem Datum zusammen: Es geht um den 9. Januar 2007. Apple stellte an diesem Tag der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Erst mit dem iPhone-Marktstart reden wir intensiv über 3G, Apps und Datendienste. Die Explosion an intelligenten Datendiensten bringt bis heute die Telcos in Verlegenheit. Das App-Fieber führte zu Schüttelfrost bei den Netzbetreibern. Davon haben sich die Telekoms dieser Welt nie so richtig erholt. Und nun bekommen auch die klassischen Medien mit etwas Verspätung eine mobile Infektion, wie Huffington Post Deutschland-Chefredakteur Sebastian Matthes sehr schön beschreibt.

Die Smartphone-Revolution
Die Smartphone-Revolution

Die Smartphone-Dominanz und der steigende Anteil bei der mobilen Nutzung des Internets haben dramatische Auswirkungen für Dienstleister, Händler, Medienunternehmen – kurz:

„Es lässt kaum einen Wirtschaftszweig unberührt. Ganz besonders wird es die Arbeit von News-Seiten verändern: Sie müssen in vielen Bereichen ganz anders arbeiten. Wir bewegen uns anders durch das mobile Internet Denn das mobile Internet funktioniert grundlegend anders als das Internet, das wir vom PC aus ansteuern. Wir navigieren hier seltener mit Suchmaschinen durch das Internet, nicht mehr von Website zu Website und wieder zu unseren Bookmarks. Wir nutzen stattdessen entweder die nativen Apps der Anbieter oder wir bewegen uns mit sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter durchs Netz. An der Bushaltestelle, im Flughafen, vor dem Einschlafen: Ein kurzer Blick in die Apps, ein Klick auf einen spannenden Text – so sieht die Zukunft der Massenmedien aus. Jeder Dritte konsumiert Nachrichten bei Facebook. Der Schmierstoff dieser mobilen Zukunft sind die Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Jeder dritte Amerikaner liest bereits Nachrichten via Facebook, haben die US-Forscher von Pew Research beobachtet. Aber nicht, so schreiben die Forscher, weil jeder von ihnen zig Nachrichtenseiten geliked hat. Sie lesen vor allem Texte, die ihre Freunde empfohlen haben. Wir lesen, was unsere Freunde lesen. Und das ist die eigentliche Revolution“, so Sebastian Matthes.

Früher bestimmten die Massenmedien als Gatekeeper unseren Nachrichten-Konsum. Jetzt ist es der mobile Internet-Nutzer und nicht Facebook, wie es der Netzökonom ausdrückt. Facebook ist als auswechselbare Plattform nur Mittel zum Zweck.

Der Netzökonom hat allerdings recht, wenn er die Aktivitäten der Leistungsschutz-Gichtlinge gegen Google als sinnlos darstellt. Der Suchmaschinen-Gigant wird für den Nachrichtenkonsum irrelevanter. Scheiße für die Abmahn-Bubis von VG Media und Co.

Auf Facebook gab es zu den Thesen des Huffington Post Deutschland-Chefredakteur heftige Kritik.

Die beiden Hauptakteure des Streits, Karsten Werner und Sebastian Matthes, haben wir in unsere Bloggercamp.tv-Sendung am Mittwoch eingeladen. Start wie immer direkt nach der Tagesschau um 20:15 Uhr.

Ich selbst werde das Thema in meiner The European-Kolumne am Mittwoch aufgreifen und würde gerne Eure Meinung zu diesem Thema einbauen. Schickt mir also Eure Sicht der Dinge bis morgen (Dienstag) so gegen 14 Uhr zu. Entweder hier als Kommentar oder per Mail an gunnareriksohn@gmail.com.

Man hört und sieht sich spätestens am Mittwoch bei Bloggercamp.tv. Oder man trifft sich am Donnerstag auf der Buchmesse. Da produziere ich mit meinem Kollegen Wolfgang Schiffer wieder eine Folge von Wortspiel-Radio.

Bonner Science TweetUp und Netzdiskurs mit einem klagenden Telekom-Chef – Über die Datenmisere der Netzbetreiber #wiss14

Da freuten wir uns noch auf die Netzdebatte in der Bundeskunsthalle
Da freuten wir uns noch auf die Netzdebatte in der Bundeskunsthalle

Sind Netzbetreiber wie die Telekom die geschundenen Esel, die für Silicon Valley-Riesen wie Google die schweißtreibende Arbeit für die Bereitstellung der Infrastruktur leisten müssen, damit die Internet-Stars ihre Datengeschäfte machen können? Oder waren die Telekommunikations-Konzerne einfach zu blöd, attraktive Geschäftsmodelle im Internet zu etablieren – stationär und mobil? Aktuell muss Google als Feindbild für die Telekom herhalten, um das lecken der eigenen Wunden erträglicher zu machen. Diesen Eindruck gewann man jedenfalls beim Auftakt der Follow me-Auftaktveranstaltung in der Bundeskunsthalle mit dem Telekom-Chef Timotheus Höttges, Netzaktivist Markus Beckedahl, Kryptographie-Professor Jörn Müller-Quade und der Medienwissenschaftlerin Caja Thimm.

Um die Klagelieder der Telekom etwas besser zu beurteilen, lohnt ein Blick auf die Versteigerung der UMTS-Lizenzen vor rund vierzehn Jahren, die die Netzbetreiber kurzseitig in Champagner-Laune versetzte.

50,8 Milliarden Euro spielte die Vergabe der Mobilfunk-Lizenzen in die Kasse des Bundes. Vier Jahre später wurde klar, dass die Netzbetreiber nicht in der Lage waren, die enormen Ausgaben wieder zu Geld zu machen. Trotz der „Alles-wird-gut-Kommentare“ zu UMTS auf der 3GSM Summit in Cannes waren die Zeichen nicht zu übersehen, dass die Hoffnungen auf Erfolge und Geschäfte mit UMTS im Grunde ad acta gelegt wurden. Bis 2006 hatten es die Netzbetreiber und auch die Hersteller nicht einmal geschafft, attraktive und leistungsfähige Endgeräte bereitzustellen. Betreiber und Hersteller zerhackten sich damals mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Wo lag die Ursache für das UMTS-Debakel? Es existierten keine überzeugenden Dienste, die mobiler Datenverkehr mit höheren Bandbreiten auf einem Handy oder Smartphone erfordern.

Als der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumte die Branche vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Die grundlegenden Probleme der 3G-Netze waren aber nicht technischer Natur. Es fehlten nutzerfreundliche Endgeräte, smarte Dienstprogramme und Marketingideen. Die TK-Branche hat mit wenigen Ausnahmen nie Inhalte bereitgestellt, sondern immer als Transportmedium fungiert und damit ihre Profite erzielt. Die stolzen Geschäftsmodelle für UMTS basierten aber substantiell auf Erlösen für Content. Der durchschnittliche monatliche Umsatz pro Subscriber im 3G-Netze auf 60 Euro und mehr geschätzt. Das haben die Netzbetreiber aber nie erreicht. Es zeichnete sich ab, dass genau das eintreten wird, wovor Experten schon vor Jahren gewarnt haben: wenn die TK-Konzerne es nicht schaffen, das Nutzerverhalten und damit auch die alltäglichen Gewohnheiten der Anwender in Richtung mobile Anwendungen zu modifizieren, wenn die Mobilität sich nicht in den täglichen Bedürfnissen der Anwender und in ihren Lebensprozessen wieder findet, bleibt der Mobilfunk im bloßen mobilen Telefonieren stecken und somit weiterhin ein Transportmedium.

Für den Durchbruch von werthaltigem Content und entsprechende Umsätze zählen nicht die technischen Features, sondern überzeugende Anwendungen, die schnell die kritische Masse im Markt erreichen und dann einen Anwendungs-Standard bilden. Auf diesem Feld haben die Netzbetreiber kläglich versagt. Dann kam der 9. Januar 2007. Apple stellte der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Was konnten wir dann lesen. Auf der Mobile World in Barcelona sprach man vom iPhone-Schock.

Die Explosion an intelligenten Datendienste läuft bis heute an den Telcos vorbei. Ohne Steve Jobs hätte es keinen 3G-Aufschwung, keine App-Economy und auch keine nutzerfreundlichen Smartphones gegeben. Einfache und kostengünstige Entwicklerwerkzeuge sowie neue Vertriebsformen über das weltumspannende Netz schufen eine Ökonomie mit neuen Regeln, in gewisser Weise sogar eine neue Welt. Alte Grenzen wie die zwischen Telefonie und Computer oder Fernsehen lösen sich auf.Wenn Unternehmen der Telekommunikation nicht dazu in der Lage sind, aus der Bereitstellung von Breitbanddiensten am Cash Flow der aufkommenden App-Economy zu partizipieren, die Schere zwischen den Netzbetreibern und Firmen wie Apple und Google immer weiter auseinander geht, dann könnten Übernahmeschlachten auch mal umgekehrt laufen. Die Schwergewichte der Web-Welt kaufen sich einfach die Netzbetreiber.

Vielnutzer sind schuld, Google ist schuld, Youtube ist schuld, Gott-und-die-Welt sind schuld – sie alle und noch viel mehr bereiten der Telekom Datenschmerzen. Dabei war und ist es doch eher die Flatrate-Propaganda der Netzbetreiber, die zu dieser Gemengelage führte.

Von Experten ist vor diesem Szenario gewarnt worden: Eine Umkehr sei nur möglich, wenn die Netzbetreiber konsequent in Innovationen, Inhalte und neue Geschäftsmodelle investieren. Diese Warnung kam vom TK-Berater Roman Friedrich: Die Agenda für Netzbetreiber sei eigentlich klar. Man sollte an der App-Welle partizipieren. Die Zahl der App-Downloads werde weltweit in den nächsten fünf Jahren von 1,4 Milliarden auf rund 19 Milliarden steigen. Dieses Volumen bringe den Anbietern einen App-Umsatz von 17 Milliarden Euro ein. Zudem sollten Netzbetreiber über die Vermarktung eigener mobiler Werbeformen nachdenken und ihre Aktivitäten im Videogeschäft ausbauen. Notwendig seien konvergente Betreibermodelle, eine radikale Kostenreduzierung und die Entwicklung zum „Smart Innovator”. So smart operieren Netzbetreiber wie die Telekom leider immer noch nicht: Übrig geblieben ist nur noch das Wehklagen über Google und Co. sowie die Erhöhung der Transportgebühren, nachdem andere heilige Kühe nicht mehr gemolken werden können, wie etwa SMS und Sprachdienste. Wo man doch so lange Skype und andere Angebote blockieren wollte. Auch WLAN-Hotspots sind über lange Zeit nur mit der Zange angepackt worden, um nicht das eigene Brot-und-Butter-Geschäft zu gefährden.

Kann man den Google-Argumenten der Telekom wirklich folgen?
Kann man den Google-Argumenten der Telekom wirklich folgen?

Immer ging es nur darum, als Quasi-Monopolist den schnellen Euro mit möglichst geringem Aufwand zu verdienen – ohne sich das Gehirn über neue Geschäftsmodelle zu zermartern. Nun klagt Telekom-Chef Timotheus Höttges über die marktbeherrschende Stellung von Google, bemängelt die Bevorzugung von Diensten des Mountain View-Konzern, beschwert sich beim EU-Wettbewerbskommissar über den Suchmaschinen-Marktführer und lenkt damit von den eigenen Plänen ab, im Internet über die Bevorzugung von eigenen Angeboten wie Home Entertain eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu schaffen. Ein durchsichtiges Manöver des TK-Dinosauriers aus Bonn.

Deshalb bleibe ich bei meiner Schlussfolgerung: Wir erleben in Deutschland eine Koalition der Google-Heulsusen.

Und so sieht die Realität des Datenschutzes in Deutschland aus: Innenminister de Maizière: “Deutsch-amerikanische Beziehungen sind wichtiger als das Thema NSA”

Genauso spannend: Wie aus der NSA-Affäre eine Google-Affäre wird.

Was hinter der aktuellen Anti-Google-Kampagne steht.

Wie aus der Spähaffäre so langsam eine Googleaffäre wird.

Literatur-Lesung: Hinter dem Müllberg lauert der Taktstock – Eine Hommage an das #Abfallforum in Kassel

Neulich beim Abfallforum in Kassel
Neulich beim Abfallforum in Kassel

Steve Jobs bekommt eine Briefmarke und liest #t3n

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Die US-amerikanische Post plant eine Steve-Jobs-Briefmarke. Das geht aus einem Dokument hervor, das der Washington Post vorliegt und gerade von t3n aufgegriffen wurde: Es zeigt die „streng“ geheimen Briefmarken-Designpläne der Behörde für 2014 bis 2016, die auch Marken zu Michael Jackson und Barack Obama beinhalten.

Jobs und Jackson sind ja ok. Aber bei NSA-Obama geht das nun wirklich zu weit.

Apple, der Payment-Gigant: Bezahlen mit Fingerabdruck

Kleine Innovation mit großer Wirkung?
Kleine Innovation mit großer Wirkung?

Der neue Sensor für Fingerabdrücke, den Apple am Dienstag für das iPhone 5s vorgestellte, werde in Zukunft maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des gesamten App-Ökosystems haben. Zu dieser Einschätzung kommt Tilo Bonow, Gründer und Geschäftsführer, in einem Gastkommentar für MarketingIT.

„Es ist davon auszugehen, dass viele Apps, die bisher nur via Login durch beispielsweise Eingabe von E-Mail und Passwort funktionierten, ihre Benutzerfreundlichkeit durch dieses neue Element erheblich verbessern. Sehr zur Freude der Verbraucher, von denen es mittlerweile viele leid sind, für jedes neue Programm, das sie benutzen wollen, neue Passwörter und Login-Daten generieren zu müssen.“

Strategisch bedeute das aber auch, dass Apple zukünftig seinen Einfluss bei der Zahlungsabwicklung vermutlich weiterhin massiv ausbauen wird.

„Schon jetzt hat Apple die Kreditkartendaten von fast jedem iPhone-Besitzer, der Apps erwirbt. Es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis Apple den nächsten Schritt geht und sich zum allumfassenden Zahlungsabwickler aufschwingt“, prognostiziert Bonow und hat damit wohl ins Schwarz getroffen.

Wenn jetzt iTunes über Passbook die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen auch für externe Produkte (mPayment) öffnet, dann werde dies eine weitere Cashcow, kommentiert Jens Leinert, Co-Autor einer mPayment-Marktstudie, die gerade erschienen ist.

Mutiert nun Apple zum Langweiler, wie Computerwoche-Redakteur Jürgen Hill kommentiert?

Sind die Produkte aus Cupertino nicht mehr so spektakulär?

„Die Schritte sind sicherlich kleiner geworden. Aber der Fingerabdruck-Scanner zählt wohl zu den Dingen, die erst in ein oder zwei Jahren von Relevanz und Bedeutung sein werden“, so StreamCamp-Mitorganisator Gerhard Schröder im Wiwo-Lunchtalk.

Er vergleicht das mit dem iPad-Marktstart. Auch damals sagte fast jeder zweite Analyst, dass die Honks von Apple ein Gerät präsentieren, was keiner so richtig braucht. Zwei Jahre später möchte keiner mehr mit diesen Zitaten in Verbindung gebracht werden.

Ähnlich sieht es der Mind Business-Unternehmensberater Bernhard Steimel im Interview mit Bloggercamp.tv. Man sollte sich von der Illusion verabschieden, jedes Jahr eine bahnbrechende Innovation zu erwarten.

„Das ist schlichtweg unmöglich. Man versucht Apple in ein schlechtes Licht wegen schrumpfender Marktanteile zu rücken. Wenn man sich die Endgeräte anschaut, ist der Konzern aber ein klassischer Premium-Anbieter. Die Betrachtung der Verkaufszahlen reicht deshalb nicht aus. Entscheidend ist die Gewinnmarge im Smartphone-Markt. Überspitzt formuliert nehmen sich Apple und Samsung alles und der Rest macht miese.“

Entscheidend sei auch die Plattformstärke. Vor knapp sechs Jahren gab es rund 100 Millionen aktive iTunes-Konten. Nach Angaben von Apple liegt man jetzt bei knapp 600 Millionen. Im vergangenen Quartal lagen die Umsätze bei vier Milliarden Dollar. Aufs Jahr gerechnet kommt man auf 16 Milliarden Dollar.

„Soviel schaffen noch nicht mal Yahoo, Facebook und Netflix zusammen. Niemand kommt an diese Größenordnung der iTunes-Umsätze heran – auch nicht Nokia, Motorola, Sony, LG, RIM oder HTC. Das ist vor allem ein App- und Content-Geschäft. Hier ist Apple etwas gelungen, was bislang keinem anderen Unternehmen gelungen ist. Und ein Ende des Wachstums ist für diese Plattform nicht in Sicht“, sagt Steimel.

Mit jedem iTunes-Konto mache Apple im Durchschnitt einen Umsatz von 300 Dollar. Davon würde jeder Mobilfunk-Anbieter träumen. Die Vereinfachung des Bezahlsystems mit einer sicheren und smarten Identifikationstechnologie wird die Plattform-Strategie von Apple festigen.

Die kritischen Beiträge aus Datenschutz-Gesichtspunkten dürfen natürlich nicht verschwiegen werden:

Fingerabdrücke, srsly?

Danke, Apple (ironisch gemeint, gs).

Es gibt aber auch positive Wertungen: ENDE DES PASSWORT-CHAOS’ IN SICHT: Warum Apples Touch ID einen genauen Blick wert ist.

Netzintelligenz im Service und Plattform-Gigant Apple – Zweimal #Bloggercamp.tv heute Abend

Um die Sache mit den Postings heute zu vereinfachen, findet Ihr hier unsere beiden Sessions von Bloggercamp.tv (Einbettung erfolgt jeweils kurz vor der Live-Schaltung via Hangout on Air).

Ab 18:30 Uhr sprechen wir über die vernetzte Service-Ökonomie jenseits von Hotline-Blödheit mit Pascal van Opzeeland von userlike, Matthias Meisdrock von OMQ, Alexander Keck von Einfach machen lassen (cooler Firmenname, gs) und
Mark Egert von dozeo. Die glorreichen Vier haben sich bekanntlich zur Deutschen Service Allianz zusammen geschlossen.

Ab 19:30 geht es um den Plattform-Champion aus Cupertino und die Frage: Wollen nicht alle so sein wie Apple?

Diskutanten sind bisher Bernhard Steimel von der Unternehmensberatung Mind Business und Marco Ripanti von Spreadly sowie ekaabo.

Twitter-Zwischenrufe währende der Live-Runden mit dem Hashtag #bloggercamp versehen.

Man sieht und hört sich heute Abend hoffentlich.

Plattform-Champion: Wollen nicht alle wie Apple sein? #Bloggercamp.tv

Apple

„Nokia war der Vorreiter bei bunten Handys“, schreibt Sascha Ostermaier in Cashys Blog. Ja Wahnsinn. Unglaublich. Deshalb geht es diesem Flaggschiff auf dem Smartphone-Markt so unendlich gut.

„Die legendären Xpress-On-Cover, die sich damals fast über die ganze Produktpalette von Nokia zogen, wurden mit den Lumia-Smartphones wieder aufgegriffen. Mit einem Augenzwinkern bedankt sich Nokia UK nun bei Apple. ‚Imitiation is the best form of flattery‘ (‚Nachahmung it der beste Weg der Schmeichelei‘) prangt in großen Lettern über einem Bild bunter Lumias.“

Da kommen mir glatt die Tränen. Wie groß muss eigentlich die Verzweiflung beim früheren Gummistiefel-Hersteller sein, um so einen unwitzigen Werbemüll zu verbreiten? Wenn man sich den Mobilfunkmarkt etwas genauer anschaut, wird man erkennen, wer in Wirklichkeit zu den blökenden Kopisten zählt.

Bernhard Steimel hat das richtig analysiert: Apple ist nicht Nokia, denn Apple hat iTunes!

„Was vielfach ausgeblendet wird: Apple agiert schon lange nicht mehr als ein Hersteller klassischer Prägung. Apple hat sich ein Eco-System aufgebaut, in dessen Zentrum iTunes als Plattform regiert. Mit jeden Verkauf eines i-Gerätes wird das App- und Content-Geschäft weiter angefacht. Dabei profitiert Apple bislang von einer sehr hohen Wiederkaufsrate von 90 Prozent. Die Wechselrate berechnet auf die Gesamtheit alle Kunden liegt bei derzeit nur 5 Prozent. Ein Wert, von dem Kabel- und Telefongesellschaften nur träumen können.“

Apple hat in den vergangenen sieben Jahren den Wandel vom Hardware-Hersteller zum Plattform-Anbieter gemeistert. Die iTunes-Umsätze wachsen schneller als jedes andere Apple-Business (das iPad ausgenommen), berichtete vor kurzem der Finanzanalyst Philip Elmer-Dewitt von Fortune:

„What struck me, looking at Apple’s most recent SEC Form 10-Q, is that revenue from the iTunes Store grew faster sequentially (30 Prozent) and year over year (26 Prozent) than every other line of Apple’s business except the iPad (40 Prozent and 29 Prozent, respectively).“

Apple sei kein abverkaufsorientierter Hard- und Softwarehersteller mit von Quartal zu Quartal schwankenden Einkünften mehr, sondern ein Plattform-Konzern mit stabilen, wiederkehrenden Einnahmen, so Steimel. Und alleine das zählt. Im vergangenen Quartal habe Apple vier Milliarden Dollar über Käufe auf iTunes umgesetzt.

„Wenn man die Zahlen auf das ganze Jahr hochrechnet, dann sind diese Einkünfte aus dem iTunes-Geschäft größer als der Gesamtumsatz von Yahoo, Facebook und Netflix zusammen.“

Vodafone mit der Content-Plattform 360 und Nokia mit OVI seien hingegen mit ihren Plattform-Strategien kläglich gescheitert und versenkten etliche Millionen.

Man sollte also künftig nicht nur Statistiken über die Verbreitung von Betriebssystemen veröffentlichen, sondern auch den Erfolg der Plattformen mit Nutzerzahlen sowie Umsätzen und Gewinne darstellen. Zudem ist der Vergleich von iOS und Android ohne Hersteller-Differenzierung schwachsinnig.

Warum will eigentlich Microsoft mit dem Kauf von Nokia den gleichen Weg gehen wie Apple? Wie lange schaut sich Google die Ausbreitung des Android-Betriebssystem noch an, ohne wirklich gute Umsätze und Gewinne zu machen? Der Suchmaschinen-Riese ist ja nicht gerade als Altruist in der Technologiebranche unterwegs.

Vielleicht gibt es in naher Zukunft einen Dreikampf, um über relativ geschlossene Ökosysteme an der Wertschöpfungskette von Hardware, Software und Plattformen möglichst viel zu partizipieren. Was machen dann allerdings Samsung und Co.?

Man könnte auch sagen, die 575 Millionen aktiven iTunes-Konten stellen die Kundenbasis des Softwareunternehmens aus Cupertino dar.

„Vor drei Jahren lagen die Umsätze je Kunde noch bei 400U Dollar pro Jahr, mit der Versechsfachung der Nutzerzahlen ist dieser Wert zwar auf 300 Dollar gesunken. Wer jedoch die Wachstumslinie fortschreibt, wird verstehen, dass selbst bei sinkendem Prokopf-Umsatz iTunes für Apple noch viele Jahre eine Goldgrube bleiben wird“, prognostiziert Steimel, der heute Abend in Bloggercamp.tv, um 19:30 Uhr zu Gast sein wird und auch über Apple sprechen wird.

Da werde ich mit ihm auch über das neue Apple-Authentifizierungssystem mit Fingerabdruck sprechen. Die ersten Reaktionen in Deutschland waren ja ziemlich ätzend.

Unabhängig von der derzeitigen aufgeladenen NSA-Debatte halte ich jedes System für interessant, dass von der Passwort-Flut weggeht. Neu ist das nicht. Aber notwendig auf jeden Fall. Denn das Wuchern von PINS, TANS und Passwörter zur Identitätsprüfung ist lästig, widersinnig und absurd. Vor allem, wenn man irgendwann anfängt, seine Identitäten zu notieren, weil man sonst den Überblick verliert. Eine einfache und sichere Technologie zur Identifikation könnte also ein weiteres Pfund für Apple sein.

Wer heute Abend in der Hangout-Diskussion mitmischen möchte, ist herzlich eingeladen. Einfach bei mir melden, dann hole ich Euch in den Hangout rein.

Man hört und sieht sich.

Über Propheten, Berge und netzpolitischen Provinzialismus

Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann

Wenn der Berg nicht zum Netz-Propheten kommt, muss der Netz-Prophet halt zum Berg gehen. So könnte man die Ausführungen von Michael Seemann in seinem Blogpost „Ich habe vergessen, wo vorn ist“ zum Scheitern des Widerstandes gegen das Leistungsschutzgesetz auf eine Kurzformel bringen. Und ich finde diese Analyse sehr zutreffend. Michael bezieht sich in seinen Ausführungen auf Sascha Lobo, der beklagt, dass es in der Debatte zum Verlegerschutzrecht nicht gelungen sei, die Youtube Generation abzuholen.

„Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter so zu finden ist. Insgesamt ist es nicht gelungen das Problem mit dem Leistungsschutzrecht meiner Mutter, meinem Vater – niemandem außerhalb unserer kleinen Filterbubble verständlich zu machen.“

Im ichsagmal.com-Interview mit Michael ist das ausführlich zur Sprache gekommen mit einigen interessanten Vorschlägen für künftige netzpolitische Kampagnen, die ich in meiner morgigen The European-Kolumne vertiefen.

Die Reaktionen auf die Löschung der papstkritischen Beitrage von Jürgen Domian durch Facebook-Moralwächter ist ein guter Indikator für die Selbstbezogenheit einiger Netzaktivisten. Sie reichten von „heul doch“ bis zu Empfehlungen an Domian, seine Anmerkungen zur bigotten katholischen Kirche auf einem eigenen Blog zu veröffentlichen und das Hosting selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ein Ratschlag zum Ausschluss aus der Öffentlichkeit – so eine Art selbst gewähltes Exil der Bedeutungslosigkeit in einer netzpolitischen Filterblase.

Die Musik spielt aber auf Facebook, Youtube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – daneben stellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn Spiegel Online mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, schreibt Michael Seemann.

Wir predigen Blogs auf selbstgehosteten Webspaces laufen zu lassen, weil das mal eine gute Idee war, als wir 2005 das Netz für uns entdeckten.

Es werde Zeit, dass wir mal unsere eigene Narrativ-Mottenkiste entrümpeln. Netzgemeinde” sei auch deswegen der richtige Begriff für uns, weil es das provinzielle und selbstbezogene dieser unserer Filterblase zum Ausdruck bringt.

„Wir sind ein kleines, verschlafenes Bergdorf, das nicht mal mitbekommen hat, dass die Dampfmaschine längst erfunden wurde.“

Die Empfehlung “Zurück zur eigenen Infrastruktur” ist dann eher ein Ausdruck der Ignoranz. Genauso wie die juristische Haarspalterei, ob es überhaupt Facebook-Zensur geben könne oder nicht, weil angeblich Zensur nur vom Staat ausgeht. Dazu habe ich ja auch ein paar Takte geschrieben. Michael sieht es ähnlich:

„Facebook ist die derzeit wichtigste digitale Öffentlichkeit und deswegen ist es eben doch ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wenn Facebook bestimmen darf, was gesagt werden darf und was nicht.“

Man könnte natürlich auch weiterhin die Mehrheit der Internet-Nutzer ignorieren und weiterhin hochnäsig auf Facebookianer herunterschauen. So wurde ja recht besserwisserisch kommentiert, warum Domian denn nun keinen eigenen Blog hat und sich dem Hausmeister-Regime von Facebook aussetzt.

Als Ergebnis droht der Tech-Elite ein weiteres Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Umgekehrt kann das nicht heißen, dass man sich widerstandslos den AGB-Diktatoren ergibt und die Notwendigkeit eines freien Netzes in den Wind schießt.

Deshalb halte ich den vierten Punkt im Blogposting von Michael für entscheidend.

„Man kämpft auf Facebook für Plattformneutralität. Wenn Facebook eine nicht offene, aber extrem populäre Inftrastruktur ist, dann machen wir sie eben zur offenen, populären Infrastruktur. Wir lobbyieren bei Facebook für die Öffnung der Plattform für Standards, etc. und kämpfen für Meinungsfreiheit und demokratische Prozesse.“

Und wir initiieren öffentlich-rechtliche Web-Projekte, die mehr Freiraum für Experimente schaffen.

Ich halte die Empfehlung der Metronauten übrigens für falsch, zur Tagesordnung überzugehen und nicht über Fehler der „Netzgemeinde“ weiter nachzudenken.

Dazu auch lesenswert, was Computerveteranen jetzt tun sollten. Ich zähle ja zu den alten Säcken, die in den 70er Jahren noch mit Lochkarten an IBM-Computern herum hantierten, die so groß waren wie ein ganzes Klassenzimmer.