Peter Thiel, der Politik- und Demokratie-Aussteiger #D2030 #KönigvonDeutschland

Die vornehmste Aufgabe der Libertären besteht nach Ansicht des Vulgärkapitalisten und Trump-Freundes Peter Thiel darin, einen „Ausstieg aus der Politik in allen Formen zu finden“.

„Was nach hehrem Ideal klingt, ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als ein Freibrief für Steuerflucht und Verantwortungslosigkeit. Auch der konstruierte Antagonismus zwischen Politik und Technologie, der suggeriert, im Internet herrsche die große Freiheit, trägt zur Verkennung der Lage bei. Die Kommunikationsströme im Netz sind vermachtet, und die großen Player Google, Amazon, Facebook und Apple bestellen das Feld, sie schränken genau jene Wahlfreiheit ein, die Thiel beschwört. Er redet letztlich der Demontage der Demokratie das Wort, die Trump auf seine Weise bearbeitet: Für Gewaltenteilung hat er nichts übrig, die Presse betrachtet er als Feind, er spricht per Twitter zu seiner Gefolgschaft. In Peter Thiel hat er offenbar einen Geistesverwandten gefunden“, resümiert die FAZ.

Die Politik sollte da nicht zur Tagesordnung übergehen.

„Sie muss die Banker und Manager mit der politischen Macht konfrontieren, muss sie als scheinbar Allmächtige entzaubern. Sie muss sie entlarven als jämmerliche Söldner“, fordert der Schweizer Publizist Frank A. Meyer.

Aber wird das reichen? Professor Reinhard Pfriem hat das im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland verneint. Die Ökonomie sei ein Ausdruck kultureller Verhältnisse, auch was in ihr für wichtig gehalten und wert geschätzt wird.

„Die gleichen kulturellen Strömungen wirken auch auf die Konstellationen der politischen Kräfte ein. Gerade in einem repräsentativen Parteiensystem. Es war die Vorstellung schon immer naiv, daran zu glauben, dass auf dem Weg des Politischen die Akteure zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie selbst nicht machen wollen. Das funktioniert nicht. Wenn man sich das Parteiensystem anschaut sowie das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger.“

Man sei vielleicht gattungsgeschichtlich überfordert, die Gratwanderung zwischen Einheit und gemeinsamen Vorgehen sowie Konflikt- und Streitkultur zu bewältigen. Pfriem ist sehr angetan von den theoretischen Arbeiten der belgischen Wissenschaftlerin Chantal Mouffe. „Sie hat den Begriff der Agonistik geprägt. Damit meint Mouffe, dass es möglich sein muss, in der Gesellschaft Streitkultur zu pflegen und sich vom Einheitsbrei zu verabschieden. Konflikte sollten Konflikte zischen Kontrahenten bleiben und nicht Gegenstand von feindlichen Auseinandersetzungen sein. Das scheint extrem schwierig zu sein.“

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

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@th_sattelberger über die Leuchttürme moralischer Verwahrlosung #VW #DeutscheBank

Und Sattelberger sprach auch über die kalifornische Erlösungsideologie in der Ausnüchterungszelle mit Erwähnung meiner Netzpiloten-Kolumne „Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley“

Wohlstand für alle, Verteilungsgerechtigkeit und die Zufriedenheit mit dem demokratischen System: Eine Trendanalyse

Wie spielen wirtschaftlicher Wohlstand und die Zustimmung zur Demokratie zusammen?

„Dieser Zusammenhang scheint zwar offensichtlich – die meisten reichen Länder sind Demokratien, die meisten armen Länder nicht –, fraglich blieb aber die Richtung der Kausalität. Der amerikanische Soziologe und Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset erinnerte 1959 an die alte aristotelische Hypothese, nach der Wohlstand die Voraussetzung für den Erhalt der Demokratie ist. Dem gegenüber steht die alternative Sichtweise, dass Wohlstand nicht die Voraussetzung, sondern die Folge von Demokratie und guten Institutionen ist“, so Professor Uwe Sunde, Lehrstuhlinhaber am Seminar für Bevölkerungsökonomie der Uni München, in einem Gastbeitrag für die FAZ.

Die neuere Forschung habe auf Basis statistischer Methoden glaubhafte Evidenz für die zweite Sichtweise gesammelt, die Ursächlichkeit von Demokratie und guten Institutionen.

„So gilt als gesichert, dass ein Haupthindernis für die wirtschaftliche Entwicklung vieler afrikanischer Länder deren mangelhafte Institutionen sind, sprich, dass sie von korrupten Autokraten und Eliten regiert werden“, schreibt Sunde.

Gleichzeitig würden neuere empirische Befunde die bislang herrschende Meinung in Frage stellen, dass eine positive Wirtschaftsentwicklung die Demokratie fördert.

„Überraschenderweise konzentrierte sich diese empirische Debatte jedoch fast ausschließlich auf den Zusammenhang zwischen dem Durchschnittseinkommen und der Qualität der politischen Institutionen, während die Verteilung von Einkommen und Vermögen meist komplett ausgeblendet wurde“, führt Sunde weiter aus und verweist auf den amerikanischen Soziologen Seymour Martin Lipset, der darlegte, dass die Spaltung der Gesellschaft in eine große verarmte Masse und in eine kleine bevorzugte Elite unweigerlich in einer Oligarchie oder Tyrannei enden.

Je größer das Einkommens- und Vermögensgefälle, desto größer seien die Anreize der benachteiligten Gruppen, Politikmaßnahmen für mehr Umverteilung zu ergreifen.

„Gleichzeitig haben die wirtschaftlichen Eliten stärkere Veranlassung, ihr Vermögen durch politische Einflussnahme vor Versuchen der Umverteilung zu schützen. Es liegt also nahe – unter dem Vorwand, dem Land die gebührende Größe wiederzugeben, Unternehmen zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen –, an die politische Macht zu streben, um dort tatsächlich die eigenen Pfründen vor Umverteilung zu schützen und gegebenenfalls (etwa durch Kaufempfehlungen für die Produkte von Unternehmen im Familienbesitz) noch zu mehren, ohne Rücksicht auf die bestehenden Institutionen“, erläutert Sunde.

Höhere Ungleichheit kann sich also negativ auf die bürgerlichen Freiheiten auswirken, und zwar unabhängig von der (demokratischen oder nichtdemokratischen) Regierungsform. Mehr noch, der positive Einfluss der Demokratie auf die individuelle Freiheit werde durch die Ungleichheit verringert und beschnitten.

„Überprüft man diese Hypothese auf Basis der weltweit verfügbaren Daten zu Volkseinkommen, Ungleichheit und institutioneller Qualität (gemessen anhand verschiedener Indizes für wirtschaftliche und bürgerliche Freiheiten) für die vergangenen sechzig Jahre, so findet man in der Tat, dass die Demokratie die individuellen bürgerlichen Freiheiten und die Qualität der wirtschaftsrelevanten Institutionen fördert (vergleiche dazu den eben erschienenen Aufsatz von Kotschy und Sunde: „Democracy, Inequality, and Institutional Quality“, in der European Economic Review 2017). Eine höhere Ungleichheit wirkt sich dagegen negativ aus“, so Sunde. Selbst in Demokratien werde somit die Qualität der Institutionen durch exzessive Ungleichheit erodiert.

Nun muss Sunde gar nicht so sehr in die Ferne schweifen, da es exzellente empirische Befunde über die deutsche Nachkriegszeit gibt. Und es ist dabei wohl ein Glücksfall, dass noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (23. Mai 1949) das Institut für Demoskopie Allensbach entstand, nämlich am 16. Juni 1948. Entsprechend reichhaltig ist das Material für politische Trendanalysen. Etwa der Zusammenhang von Demokratie, Marktwirtschaft und Verteilungsgerechtigkeit. Letzteres würde ich unter die Formel des ersten bundesdeutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard subsumieren: WOHLSTAND FÜR ALLE. So beschrieb es Erhard in einem Tagesspiegel-Artikel im April 1949 noch vor dem Gründungsakt der Bundesrepublik:

„Das Ziel der Sozialen Marktwirtschaft ist abseits von Interessen- und Gruppenwünschen aller Art die gesunde Wirtschaft, die die Existenz des gesamten Volks sichert und jeden nach Maßgabe seiner Leistung am Sozialprodukt der Nation teilhaben lässt.”

Bei der Ausgestaltung dieser Prinzipien in der politischen Praxis ist Ludwig Erhard wohl durch seinen Doktorvater Franz Oppenheimer sehr stark geprägt worden, der eine Professur für Soziologie und Nationalökonomie innehatte. Oppenheimers Vision war, einen „Dritten Weg” zwischen den beiden extremen Positionen des ungebändigten Kapitalismus und dem Sozialismus zu eröffnen. Er entwickelte dazu das Modell des „liberalen Sozialismus”. In der bundesdeutschen Variante war es dann das ordnungspolitische Konzept der Sozialen Marktwirtschaft. Dieser Befund ist wichtig, um die Unterschiede zum Marktradikalismus unserer Zeit und die politischen Folgen für das Demokratie-System zu verorten.

Jedenfalls war der Erfolg der bundesdeutschen Demokratie nicht selbstverständlich. Politikwissenschaftler sprachen sogar von einer „Demokratie ohne Demokraten“. Die Trendreihen von Allensbach untermauern den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Zustimmung zum demokratischen System der Bundesrepublik Deutschland.

Im Oktober 1948 fragte Allensbach einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, ob die Befragten der Ansicht seien, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, die lediglich schlecht ausgeführt wurde. Satte 57 Prozent teilten diese Meinung drei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes, das ein verwüstetes Land, ein zerstörtes Staatswesen, Tod und Hunger hinterließ. Nur 28 Prozent widersprachen dieser These, 15 Prozent äußerten sich indifferent.

Zwischen Mai 1955 und Mai 1964 wurde von Allensbach gefragt, ob Hitler, hätte der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden, als einer der größten deutschen Staatsmänner anzusehen sei. 1955 bejahten diese Frage 48 Prozent (!) der Befragten – also fast jeder Zweite, 1961 waren es 30 Prozent und 1964 29 Prozent.

Noch eindeutiger wird die Korrelation zwischen Wohlstand und Zustimmung zum politischen System der Bundesrepublik, wenn man sich die Allensbach-Frage aus dem Herbst 1951 anschaut. Damals gaben 45 Prozent zu Protokoll, dass es nach ihrem Gefühl Deutschland im Kaiserreich vor 1914 am besten gegangen sei. 42 Prozent der Nennungen entfielen auf die Zweit zwischen 1933 und 1939 und nur magere 2 Prozent nannten die Gegenwart, also die damals noch junge Bundesrepublik. Im Dezember 1963 war dieser Wert von 2 auf 62 Prozent angewachsen. Nur noch 10 Prozent entfielen auf die kriegslose Zeit des Nazi-Regimes und 16 Prozent auf das Kaiserreich. Entsprechende Befunde gibt es, wenn nach der Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft oder der Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard gefragt wurde.

Ganz anders fallen die Ergebnisse der jüngeren Zeit aus. Nach Angaben von Allensbach stieg der Anteil derjenigen, die mehr Risiken als Chancen in der Globalisierung sehen, im Zeitraum der Jahre 1998 bis 2006 von 25 Prozent auf 47 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch internationale Umfragen der „British American Tobacco” Stiftung für Zukunftsfragen im Herbst 2007. So bezeichneten sich in Deutschland nur 19 Prozent der befragten Personen als Gewinner der Globalisierung.

Sogar noch vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2007 sagte nur noch ein knappes Sechstel der deutschen Bevölkerung, die wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande seien gerecht – so wenig wie nie zuvor in einer Allensbach-Umfrage, die seit 1948 gestellt wurde.

Was sind die Konsequenzen für die Stabilität des demokratischen Systems, wenn man sich Banker, Manager und Silicon Valley-Schnösel wie Uber-Chef Travis Kalanick betrachtet. Ein deftige und diskussionswürdige Antwort liefert der Schweizer Publizist Frank A. Meyer:

„Funktional bildet die Wirtschaft im Grunde genommen einen Gegenpol zur Demokratie.“

Deshalb sei die Politik gefordert. Sie müsse Banker und Manager entlarven: als jämmerliche Söldner.

„Das neoliberale Dogma, wonach es allen gut geht, wenn man alles dem Markt überlässt, ist die Vorstellung vom Abendmahl der Superreichen: Sie setzen sich am üppig gedeckten Tisch. Und je mehr sie haben, desto mehr Brosamen fallen unter den Tisch“, so Meyer.

Das sei die Religion, die uns in den vergangenen Jahrzehnten von Theoretikern wie F. A. Hayek oder Milton Friedman eingehämmert wurde. Vulgärdarwinistisch werde hier für das Recht des Stärkeren plädiert, wie es schon der Faschismus getan habe. Das Fatale sei dieser pseudo-religiöse Glaube, der selbst von jenen hochgehalten wird, die zu den Verlierern dieses Ausleseprozesses zählen – man kann es am Wahlerfolg von Trump ablesen. Es finden mehr Leute die Prinzipien des Marktradikalismus gut, als von ihm ökonomisch begünstigt werden. Das liege nach Ansicht von Meyer an seinen Heilsversprechen. Jeder kann es schaffen. Also das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär. In Wahrheit will die neureiche Elite unter sich bleiben. Das gilt auch für Donald Trump, dem man das Märchen von dem Ozean der ungeahnten Möglichkeiten in einem abgespeckten Staat anscheinend abnimmt.

„Die Demokratie ist das Gegenteil eines Heilsversprechens. Sie relativiert die Heilsversprechen, indem sie diese in Beziehung setzt zu anderen Heilsversprechen – indem sie den Konflikt der Heilsversprechen untereinander erzwingt, sie unter das Maß der Vielheit, des Pluralismus zwingt“, erklärt Meyer.

Für den anschwellenden Reichtum im entfesselten Kapitalismus ist die res publica eine Gefahr für die auf Kosten der Allgemeinheit erworbenen Privilegien. Entsprechend steigt die Sympathie für autokratische Verhältnisse – man braucht sich nur die Unterstützer von Donald Trump anschauen.

In meiner Freitagskolumne für die Netzpiloten werde ich das vertiefen.

Und dann natürlich auch in der März-Käsekuchen-Runde des Netzökonomie-Campus, die am Freitag, den 24. März in meiner Bibliothek in Bonn-Duisdorf stattfindet.

Jeder kann mitmachen – Open-Space-Prinzip. Anmeldungen via Facebook-Eventseite.

Siehe auch:

Interview mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger: „Das hat sich für die Breite der Menschen nicht ausgezahlt“

Blender im Management werden keine Social-CEOs – sie bleiben unter sich

Niedergang der Demokratie – Warum Populismus nicht die Ursache ist

Die irre Kritik von Gründerszene über den Soziologen Harald Welzer

Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion
Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion

„11 irre Thesen zur Digitalisierung – und unsere Erwiderung“, mit dieser klickgeilen Überschrift hat Gründerszene.de im vergangenen Jahr am 29. April auf einen Vorabdruck des Buches „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer im Spiegel reagiert. Fast hätte mich die „Replik“ vom Kauf des neuen Opus abgehalten. Aber nur fast. Ich finde es problematisch, auf Grundlage eines höchst fragmentarischen Appetithäppchens substanzielle Aussagen über einen Band mit 319 Seiten zu treffen – erschienen übrigens im S. Fischer Verlag.

Gründerszene hat sich dann gerade mal mit 11 Zitaten aus dem Welzer-Text auseinandergesetzt. In der Tat gibt es da einiges zu kritisieren. Etwa die vielfach in anderen Medien veröffentlichte Losung:

„Am besten schmeißen Sie Ihr Smartphone überhaupt weg und besorgen sich – die gibt’s noch für Rentner – gute alte Handys, die nichts können.“

Entsprechend locker kann man eine Erwiderung formulieren, die ich natürlich auch so schreiben würde:

„Im Schutze seiner behaglichen Eigentumswohnung und Pensionszusagen kann sich Herr Welzer das in seinem Alter ganz sicher leisten. Die meisten anderen Menschen, gerade junge Leute, sind darauf angewiesen, sich zu vernetzen. Die Zukunft wird digital. Ein Rückzug aus der digitalen Sphäre kommt einem ökonomischen und intellektuellen Selbstmord gleich und bedeutet einen Verzicht, die persönlichen Chancen zu nutzen und seine Zukunft zu gestalten.“

Gleiches gilt für das Welzer-Zitat zur Social Web-Abstinenz:

„Ich fühle mich von Shitstorms gegen mich in sozialen Netzwerken nicht betroffen, weil ich nicht in sozialen Netzwerken bin. Mir muss ein Nazi extra einen Brief schreiben, das machen aber nur die ganz alten. Sehr einfach.“

Berechtigte Replik von Gründerszene:

„Glückwunsch. Das ist das Prinzip, nachdem sich Kinder beim Versteckspiel die Augen zu halten, weil sie denken, dass sie dann nicht entdeckt werden können. Funktioniert übrigens in den seltensten Fällen. Mag sein, dass ein 57-jähriger deutscher Professor in der Lage ist, sich einfach aus allem raus zu halten. Es gibt aber eine Menge Menschen, die auf Vernetzung und frei erhältliche Informationen wirtschaftlich angewiesen sind. Shitstorms können übrigens manchmal ziemlich erfrischend sein. Gegenthese: Gerade ein Soziologie-Professor sollte in den Netzwerken vertreten sein. Ist ziemlich interessant dort.“

Soweit, so wohlfeil. Als die Zitate-„Schnipsel“-Jagd publiziert wurde, war das „irre“ Buch von Welzer schon zwei Tage auf dem Markt. Die Bilderbuch-Redaktion von Gründerszene hätte zumindest analog oder auch digital in dem Opus blättern können, um sich nicht nur auf die Kurzversion im Spiegel zu konzentrieren, die am 23. April erschien.

Was die Vorschläge zur digitalen Abstinenz anbelangt, greift Welzer zu kurz. Man kann beispielsweise auf die propagandistisch ausgerichtete Netz-Gegenöffentlichkeit von rechten Nationalisten nicht mit digitaler Enthaltsamkeit reagieren, sondern muss sich Gedanken für die Gestaltung einer digitalen Öffentlichkeit für eine offene Gesellschaft machen, wie es in meinem Gespräch mit Stephan Porombka zum Ausdruck kam.

Aber so abstinent im Internet ist Welzer ja gar nicht, wie man an den Projekten von FuturZwei ablesen kann 🙂

Um den Welzer-Band zu würdigen, lohnt eine ausführliche Lektüre jenseits von Salamiwurst-Content. Vor allem jene Kapitel, die sich mit Originalquellen der digitalen „Vordenker“ beschäftigen. Und zu diesen Stellen würde ich gerne eine Stellungnahme von Gründerszene lesen, denn nach der Snack-Content-Bilderbuch-Klickreihe kam nichts Substanzielles mehr über die Schrift des streitlustigen Soziologen.

Etwa zu den sozialdarwinistischen Thesen, die in Magazinen wie Business Punk herunter geleiert werden – also sozusagen #JungunternehmerPornoheft Produktionen. Welzer benennt die trumpistischen Techno-Freaks, die mit demokratiefeindlichen Statements aufwarten und das mit Coolness-Habitus verkaufen. Etwa die Weisheiten des Trump-Unterstützers Peter Thiel. Er meint, Freiheit sei mit Demokratie nicht vereinbar; seit den 1920er Jahren seien immer mehr Menschen von Sozialleistungen abhängig (geworden) und Frauen gewannen neue Rechte – beides Gruppen, die bekanntermaßen schwer von libertären Positionen zu überzeugen sind – was dazu geführt hat, dass der Begriff kapitalistische Demokratie eine Art Oxymoron geworden ist. Was Thiel zelebriert, ist nach Meinung von Welzer Totalitarismus in Reinkultur und er zitiert hier wieder Thiel:

„Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft (also die Freiheit von Herrn Thiel, gs) oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.“

Das ist in der Tat totalitär und liegt auf der Linie der Machtanmaßung des neuen US-Präsidenten. Dazu zählt auch die bizarre Vorstellung, etraterritoriale Inselstaaten zu schaffen, in der Staatlichkeit, wie wir sie kannten, keine Rolle spielt. Selbstregierte Parastaaten sollen über das Seasteading Institute ins Leben gerufen werden, mitfinanziert von dem Trump-Lakaien Thiel. Von dort aus will man die Welt steuern. Vornehm ausgedrückt: „Competitive governance from the outside“.

Hedgefonds Milliardär Nicolas Berggruen schwebt gar eine Meritokratie nach chinesischer Machart vor. Zudem sollen die Stimmen von „wissenden“ Wählern höher gewichtet werden. Die minder Informierten – tja, was macht man mit diesen Leuten…? Auch in den „Parlamenten“ sitzen dann nur Wissende. Wie man die findet, skizziert der Google Außenminister Eric Schmidt im Verbund mit Jared Cohen. „Politikberater“ aus der Informatik und Kognitionspsychologie werden mit Big Data die richtigen politischen Persönlichkeiten herausfischen, mit Algorithmen die Reden und Texte auswerten, über Hirnscans die Reaktionen der Wunschpolitiker auf Stress oder Versuchungen testen und am Ende nur wissende Parlamentarier für die Meritokratie ausspucken. Liest eigentlich irgendjemand die Texte von Berggruen, Thiel, Schmidt & Cohen, die übrigens in Deutschland in sehr seriösen Verlagen erschienen sind (Herder, Campus und Rowohlt), fragt sich zurecht Harald Welzer. Wer nur Snack-Content mit bunten Bilderchen publiziert, ist dazu wohl nicht in der Lage. Welzer kredenzt noch ein paar Beispiele – etwa aus der Programmschrift von Schmidt-Cohen:

„Wir werden für unsere aktuellen und früheren virtuellen Beziehungen zur Rechenschaft gezogen werden….Das Verhalten unserer Bekannten wird positiv oder negativ auf uns zurückwirken….Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen….In Zukunft wird dies nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden Freund in Ihrem Netzwerk, auf jedes Like, und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen“, schreiben die Silicon Valley-Google-Fuzzies.

Wenn das von Leuten verkündet wird, so Welzer, deren Firma die größte und mächtigste Datenmaschine der Welt erschaffen, klingt das wie eine unverhohlene Drohung, die übersetzt aus der subjektlosen Technikwunderwelt der Zukunft in die irdische Gegenwart lautet:

„Wir haben Macht über dich, egal wer du bist und wer du zu sein glaubst! Also sieh dich vor!.“

Aber Schmidt-Cohen gehen noch weiter:

„Jede Anwältin, jede Lehrerin und jede Beamtin muss über ihre Vergangenheit Rechenschaft ablegen, wenn sie vorankommen möchte. Was würden Sie davon halten, wenn Ihr Zahnarzt am Wochenende lange Hasstiraden gegen Ausländer ins Internet stellt? Oder wenn der Fußballtrainer Ihres Sohnes nach seinem Studium zehn Jahre lang Touristen durch den Rotlichtbezirk von Bangkok geführt hat (hier geht wohl die Fantasie bei den Autoren durch, gs)? Unser neues Wissen über unsere Kollegen und Führungspersonen wird beispiellose Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Die Dokumente aus unserer Vergangenheit werden uns im Alltag und in der Arbeit verfolgen….“

Hier geht es nicht nur um totalitäres Gedankengut, hier formt man die totalitäre Herrschaft:

„Jeder wird zum potenziellen Richter und Denunzianten seines Nächsten“, schreibt Welzer.

Was sagt die Gründerszene denn zu den politischen Positionen der Silicon Valley-Ikonen? Wie beurteilt sie jetzt im Kontext des Buches die Vorschläge von Welzer zur Verteidigung der Freiheit?

Siehe auch meine Kolumnen zu diesem Thema: Google und die KP China – so groß sind die Unterschiede dann wohl doch nicht. Oder der genaue Titel: Wie brave Staatsbürger mit volkspädagogischen Algorithmen erzeugt werden.

Oder auch: Narrative Simulationen von digitaler Rebellion

Oder: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

In einem totalitären Klima des Denunziantentums passieren dann solche Sachen: Trump lässt Smartphones von Mitarbeitern nach Signal & Co. durchsuchen

Wäre ein probates Mittel gegen die Monopolsehnsüchte von Thiel & Co.: Rettet das dezentrale Netz #reclaimtheweb

Über die Arschlöcher im Silicon Valley

ethik-normativ

Unternehmen sind Institutionen, die auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind. Jede soziale oder ökologische Verantwortung, die über gesetzliche Bestimmungen hinausgeht, sei abzulehnen. Eine solche Orientierung wäre kein Beitrag für die Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus sei das private Gewinnstreben aufgrund der Allokationsfunktion des Marktsystems der Katalysator für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. So sieht es die große Mehrheit der Ökonomen, so steht das in fast jedem Lehrbuch der Ökonomik.

In der vulgär-kapitalistischen Variante von Donald Trump heißt das dann Trickle-down-„Theorie“. These: Wenn die Reichen reicher werden, wird das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern.

In der Realität „erfreuen“ sich über 15.000 Menschen allein im Silicon Valley an ihrer Obdachlosigkeit verbunden mit der lukrativen Perspektive, bei den explodierenden Immobilienpreisen im Tal der Tech-Giganten irgendwann eine Einzimmerwohnung zu ergattern, die durchschnittlich bei 4.000 Dollar pro Monat liegt. Dickerchen Trump will das in seiner US-Präsidentschaft sogar „verbessern“. Der Milliardär möchte den Reichen und Schönen weitere Steuergeschenke machen. Seine Reform wird wohl das Einkommen der Vermögenden um rund 20 Prozent erhöhen und zu horrenden Einnahmeausfällen in der Staatskasse führen. Da lohnen denn auch weitere Spekulationen mit Luxussanierungen sowie Neubauten in San Francisco und Umgebung.

Der rassistische und reaktionäre Teil seiner Politik macht Trump im Silicon Valley wohl nicht salonfähig. Mit seinem Menschen- und Macherbild findet er in Kalifornien allerdings sehr viele Seelenverwandte. Sie sind jung, männlich, unmoralisch, nicht so böse wie Patrick Bateman, der Investmentbanker, Serienmörder und Antiheld aus Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho, aber aus demselben Holz geschnitzt, schreibt Dan Lyons in seinem Enthüllungsbuch „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“:

„Früher wären diese Leute mit ihrem Wunsch, reich zu werden, Börsenmakler an der Wall Street geworden. Jetzt ziehen sie nach San Francisco, wo ihnen Risikokapitalgeber Millionenbeträge anvertrauen und sie ermutigen, ihr Schlechtestes zu geben.“

In nur allzu vielen Fällen sei das Objekt der Investition inzwischen ein Arschloch«, sagt Tech-Bloggerin Sarah Lacy. Man braucht diesen jungen verwöhnten Arschlöchern nur ein paar Millionen US-Dollar geben und sie unbeaufsichtigt lassen. Etwa Gurbaksh Chahal, CEO des Start-ups RadiumOne, der nach einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt – er soll seine Freundin zusammengeschlagen haben – seinen Posten verlor.

„Kürzlich konnte man ihn in der Reality-TV-Show Secret Millionaire auf seinem Bett sitzen sehen. Das Kopfende trägt in einem goldenen Rahmen eine vergoldete Krone, darunter ein goldenes G“, so Lyons.

Erwähnt wird auch Mahbod Moghadam, einen der Gründer von Rap Genius, den sein eigenes Unternehmen vor die Tür setzte, nachdem er geschmacklose Witze über einen Amoklauf an der University of California in Santa Barbara gepostet hatte.

„Oder Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe, die ihr Unternehmen wegen sexueller Belästigung verklagte, weil sie dort angeblich monatelang sexuellen Anzüglichkeiten ausgesetzt war, darunter rassistischen, sexistischen, homophoben, frauenfeindlichen und beleidigenden SMS-Nachrichten, und einmal als ‚Hure‘ bezeichnet wurde. Das Verfahren endete mit einem Vergleich“, führt Lyons aus.

Oder GitHub, das 100 Millionen US-Dollar Risikokapital bekam und das Geld benutzte, um damit das Oval Office im Weißen Haus nachzubauen, und dessen Vorsitzender Tom Preston-Werner zurücktrat, nachdem sich eine Mitarbeiterin über sexuelle Belästigung und sexuell motiviertes Racheverhalten beklagte. Oder auch der so hochgejubelte Evan Spiegel, Gründer von Snapchat, der 850 Millionen US-Dollar Risikokapital bekommen hat und erklären muss, warum er am College seine Kommilitonen in E-Mails gedrängt hat, „deinen großen Studentenschwanz heute einem Mädel so richtig in die Kehle zu rammen“.

Zu solchem persönlichen Fehlverhalten kommen noch Anschuldigungen geschäftlicher Unredlichkeit. All das sollten wir uns wirklich genauer anschauen, wenn wir uns aus guten Gründen über die Präsidentschaft von Donald Trump empören.

Wir sollten uns das kalifornische Tal der Vulärkapitalisten mit ihrem Wertekanon betrachten, bevor Dienste wie Snapchat weiter bejubelt oder irgendwelche digital-disruptiven Pilgerreisen ins Silicon Valley organisiert werden. Wir sollten uns wohl mehr von der Aufklärungsphilosophie in unserem netzökonomischen Handeln leiten lassen und einen europäischen Ton sowie eine europäische Programmatik für die Digitalisierung entwerfen.

Siehe auch: Diskursfähigkeit im Netz statt egozentrisches Wer-hat-den-Größten-Geschrei

Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

Die Sharing Economy war Patrick Stegemanns große Liebe. Bis sie ihr hässliches, kapitalistisches Gesicht zeigte. Bei Z2X fordert er: Lasst euch nicht blenden!