Hofrat Kempelen, Turing und der Schachautomat als ironischer Vorläufer von Künstlicher Intelligenz

Die Erfindungen von Hofrat Kempelen

Mechanische Apparate und Automaten galten an den Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts als begehrtes Spielzeug, dessen ausgefeilte Technik erst mit der langsam einsetzenden Industrialisierung für nützlichere Aufgaben Verwendung finden sollte. Der berühmteste Automat wurde 1769 von Wolfgang von Kempelen, Hofrat von Kaiserin Maria Theresia, gebaut: Der „Türke“ oder Schachtürke, wie man die Puppe auf Grund ihrer orientalischen Tracht nannte, zählte als Schachautomat zu den größten Techniksensationen seiner Zeit.

Funktionierte die Maschine wirklich autonom, dann wäre sie die „wunderbarste über jedwede Vergleichung turmhoch erhabene Erfindung der Menschheit“, bemerkte Edgar Allen Poe, der die Maschine in Richmond bestaunen durfte. 

Die Erfindung des Schachtürken machte Kempelen in Europa und den USA berühmt. Sie war zwar eine Täuschung, „aber eine Täuschung, die dem menschlichen Verstande Ehre machte“, so Karl Gottlieb Windisch über das Genie der Mechanik.

Sprachautomat für Gehörlose

Die meiste Energie verwendet Kempelen auf seine sprechende Maschine. Durch ihre Bedienung sollten Gehörlose in die Lage versetzt werden, ihre Gedanken zu artikulieren. Der Apparat war in der Lage, kurze aber vollkommen verständliche Sätze auf Französisch, Italienisch und Latein aufzusagen.

Die von Kempelen gebaute Sprechmaschine, die nach 1780 im Einsatz war, steht heute im Deutschen Museum in München. 1791 schrieb Kempelen zu seinem Projekt ein Buch unter dem Titel: „Mechanismus der menschlichen Sprache nebst Beschreibung einer sprechenden Maschine“.

Kempelen unternahm in den 1780er Jahren ausgedehnte Tourneen durch Europa, um seinen Schachtürken vorzuführen. Die Sprechmaschine diente als Einführung. Sie war kein Schwindel und erhöhte die Glaubwürdigkeit des Schachtürken. Die Sprechmaschine hatte auf die philosophische, technische und literarische Szene eine nachhaltige Wirkung: Zauberflöte Mozart (mechanisches Glockenspiel), Alexander Graham Bell (Erfindung des Telefons), Charles Babbage (Erfindung der ersten Rechenmaschine) – die menschliche Stimme synthetisch hervorzubringen auf elektronischem Weg war die nächste Station: Dudley, Riesz und Watkins bauten sie 1939 – den Voice Demonstrator. 

Napoleon verliert gegen Schachtürken

Nach Kempelens Tod 1804 nahm Johann Nepomuk Mälzel den Schachautomaten in Besitz und ging mit ihm in Amerika auf Tournee. Als Napoleon Bonaparte 1809 die Stadt Wien besetzt, wünscht er gegen den Schachautomaten zu spielen, und Mälzel arrangiert eine Zusammenkunft in Schloss Schönbrunn. Der französische Kaiser verliert zwei Partien gegen den Türken.

In der dritten Partie macht der Korse wiederholt falsche Züge, worauf der wütende Androide sämtliche Figuren mit dem Unterarm vom Brett fegt – zur großen Erheiterung Bonapartes. Mälzel entwickelte wiederum das erste Metronom und beeinflusste Beethoven in seiner 8. Symphonie (1817). 

„Die Sprechmaschinen des 18. Jahrhunderts stehen am Beginn einer Geschichte der künstlichen Sprachsynthese; sie erweisen sich als systematische Strategien einer Visualisierung menschlicher Sprach und Kommunikation“, bilanziert die Wissenschaftlerein Brigitte Felderer.

Turing und die KI

Eine der seltenen historischen Ausflüge Alan M. Turings, der sich mit dem Prinzip der Universalmaschine beschäftigte, betrifft Kempelen. In „Digital Computers applied to Games“, erwähnt Turing den mechanischen Schachspieler als ironischen Vorläufer der Forschung zur Künstlichen Intelligenz. Turing konnte natürlich nicht ahnen, dass aus der Ironie Wirklichkeit geworden ist – zumindest bei denjenigen Protagonisten, die den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nur vortäuschen.

So sagte der Gründer von Engineer.ai, Sachin Dev Duggal, dass bereits 82 Prozent einer App, die das Unternehmen entwickelt hat, automatisch mit der firmeneigenen Technologie erstellt worden seien. „Doch Reporter des Wall Street Journals berichteten, dass das Unternehmen bei der Erledigung des größten Teils dieser Arbeit auf menschliche Ingenieure in Indien setzte“, schreibt die SZ.

Besonders problematisch sei es, wenn KI bei sogenannten Chatbots vorgetäuscht wird. „Studien haben gezeigt, dass Menschen mitunter Maschinen mehr anvertrauen als menschlichen Chatpartnern, weil sie davon ausgehen, dass niemand davon erfährt. Es gibt Start-ups, die auch in diesem Bereich Leute dafür bezahlen, sich wie Maschinen zu verhalten, um dann ihr System als maschinelles Lernen zu verkaufen. 2016 enthüllte die Nachrichten-Agentur Bloomberg, dass einige Menschen zwölf Stunden am Tag damit verbrachten, sich als Chatbots für Kalenderdienste wie X.ai und Clara auszugeben“, führt die SZ aus.

Da ist mir der Schachautomat von Hofrat Kempelen viel sympathischer.

Zu diesem Komplex hatte ich mal eine Veranstaltungsidee. Leider scheiterte das Projekt an der Finanzierung.

Hier die Idee, die ich immer noch sehr gerne realisieren möchte: 

Wissenschaftler, Literaten und Experten diskutieren über den Erfindungsreichtum des 18. Jahrhunderts, der einen entscheidenden Impuls für die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert hatte, zu weiteren Technologieschüben im 20. Jahrhundert beitrug und bis heute Kunst, Kultur und Wissenschaft beschäftigt. 

Veranstaltung und begleitende Maßnahmen: 

Lesung aus dem Werk von Edgar Allan Poe „Die Entdeckung des Herrn von Kempelen“. Das könnte Wolfgang Schiffer übernehmen.

Danach Talkrunde zum Thema „Magischer Schachtürke, Sprechautomaten und die Maschinenwunder des 18. Jahrhunderts“ mit: 

Robert Löhr, Autor des Romans „Der Schachautomat“, geboren am 17.1.1973 in Berlin, arbeitet als Schriftsteller und Autor für Film, Fernsehen und Bühne – und nebenher als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler. Aufgewachsen ist er in Berlin, Bremen und Santa Barbara (USA). Zur Zeit lebt er in Berlin-Schöneberg. Tageszeitung „Die Welt“ über Löhrs Roman: „Robert Löhr wagt sich aufs Neue in den Türken und entdeckt die Geschichte als die, die sie tatsächlich ist, als Schlüsselgeschichte der Aufklärung. Er erzählt eine Mentalitätsgeschichte, eine Sittengeschichte, eine Gesellschaftsgeschichte. Alles leicht und flüssig und süchtig machend. Sag mal noch einer, die Deutschen könnten das nicht – den Historischen Roman“. 

Brigitte Felderer, Universität für Angewandte Kunst in Wien. Über ein Buchprojekt von Felderer: Begeistert zeigt sich FAZ-Rezensent Ernst Horst von Brigitte Felderers und Ernst Strouhals Buch „Kempelen – Zwei Maschinen“, das die Sprechmaschine und den schachspielenden Androiden des Barons Wolfgang von Kempelen (1734 bis 1804) vorstellt. Wie Horst hervorhebt, handelt es sich dabei nicht um ein Sachbuch im üblichen Sinn, sondern um ein „schönes Leporello“ in einer „altmodischen Mappe“. Felderer und Strouhal verwendeten eine von Jakob Scheid gebaute „Kempelenbox“, um die Erfindungen des Barons anschaulich zu machen. Die Box und ihr Inhalt seien keine Nachbauten, sondern künstlerische Neuinterpretationen aus modernem Material. Alles in allem ein „Sachbuch“, das nicht nur Texte biete, so der Rezensent, sondern auch Modelle „im Sinne der etwas anderen Bastelanleitung für lange Adventsabende“.

Dr. Stefan Stein, Heinz Nixdorf Museumsforum, Experte über die Geschichte und die mechanische Funktion des Schachtürken.

Die Moderation würde ich übernehmen.

Präsentation des Kempelen-Sprechautomaten (Nachbau von Jakob Scheid aus Wien) und des Schachtürken (eine voll funktionsfähige Kopie aus dem Paderborner Heinz Nixdorf Museumsforum).

Kleine Ausstellung über die Geschichte der Sprachautomatisierung.

Ist doch ein feines Konzept. Wer würde so etwas denn finanzieren?

KI, Plattformen und die durchlöcherte Innovationstheorie von #Schumpeter: Autorengespräch mit @thomasramge @MurmannVerlag

Dystopische Szenarien können helfen, den Blick für die Gefahren durch den Missbrauch von KI von Menschen gegen Menschen zu schärfen. „Doch nur ein gut begründetes, optimistisches Zukunftsbild, in der KI zum Wohl von allen Menschen in pluralen Gesellschaften wirkt, kann konstruktive Hinweise geben auf die Frage: Wie können wir KI-Technologien so einsetzen, dass sie viel mehr Menschen viel mehr nützen als schaden?“, fragt sich Thomas Ramge, Autor des Buches „postdigital“. Beide Szenarien werden in dem Opus von Ramge ausführlich beleuchtet.

Etwa die Rolle von Feedbackdaten für lernende Systeme: „Die Skaleneffekte des Industriekapitalismus haben Produkte günstiger gemacht und damit zugänglich für mehr Kunden. Die Netzwerkeffekte der Informationswirtschaft haben die erste Phase des digitalen Kapitalismus geprägt, indem sie den Aufstieg von datenreichen Marktplattformen begünstigten, aus denen die heute wertvollsten und profitabelsten Unternehmen der Welt hervorgingen. Beide Effekte beschleunigten die von Marx vorhergesagte Konzentration der Märkte, doch gegen beide gab es jenseits des Kartellrechts immer ein Mittel, Oligopole zu brechen: die kreative Zerstörung mithilfe guter Ideen. Das war nie leicht, schon gar nicht bei gut etablierten Plattformen, aber Facebook löste MySpace nahezu über Nacht ab, Apple verdrängte Nokia mit einem einzigen Produkt, und wer kennt heute noch den Namen Netscape? Die bessere Idee schlug auch in der IT-Industrie in bester Tradition von Joseph Schumpeters Innovationstheorie zu“, erläutert Ramge, Research Fellow am Weizenbaum-Institut in Berlin.

Die Feedbackeffekte durchlöchern die Innovationstheorie von Schumpeter. Sie haben etwas Alchimistisches: Sie schaffen den Rohstoff selbst, mit dem sie sich verbessern. KI teilautomatisiert die Innovation. Die Start-up-Davids mit den guten Ideen werden die datenreichen Goliaths immer seltener schlagen können. Die Innovationsrate sinkt. Fehlende Vielfalt im Markt wiederum heißt weniger Wettbewerb. Und weniger Wettbewerb heißt weniger Anreiz zu Innovation. Die vergangenen zehn Jahre war die digitale Regulierungsdebatte von der Frage bestimmt: Wie schützen Gesetze die Privatsphäre von Nutzern und Bürgern? In den kommenden zehn Jahren wird die große Frage lauten: Wer darf welche Daten nutzen?

Im Buch bezieht sich Ramge auf den Blogger und Plattform-Kenner Michael Seemann: „Der blinde Fleck des Datenschutzes ist folgender: Facebook ist nicht so mächtig, weil es so viele Daten hat. Es ist mächtig, weil es die Daten exklusiv hat, sie exklusiv auswerten darf und damit exklusive Inhalte erstellen kann.“

Die Plattformen der Internet-Giganten sind in der Lage, durch Internalisierung bestimmter ökonomischer und gesellschaftlicher Übereinkünfte, Regeln und Prozeduren, sowie deren Unterwerfung unter die eigenen Geschäftsmodelle (nennen wir es „take-over“), die Spielregeln von Angebot und Nachfrage, von Märkten und Branchen, von Kultur und Gesellschaft, von Arbeit und Kapital, substanziell und radikal zu verändern und damit den Markt und in der Folge Gesellschaften digital zu kolonialisieren, nämlich spätestens dann, wenn die Plattformen faktische Voraussetzung zur Teilnahme an Markt oder Gesellschaft werden.

Plattformen vernichten Märkte

Professor Lutz Becker spricht gar trefflich von der Marktfiktion, die die digitalen Plattformen erzeugen. Der Markt als sozio-kulturelle Veranstaltung verschwindet in den Untiefen der Plattform-Algorithmen. Man mag nun angesichts des gerne beschworenen Begriffes vom ‚Digital Marketplace‘ meinen, dass Plattformen, wie Amazon, Facebook und Uber, die Funktionen des Marktes reproduziert und dazu noch zu einem größeren Angebot (durch Vergrößern des Marktes und Senken von Marktschranken), Effizienz (durch Senkung von Transaktionskosten und mehr Transparenz) geführt hätten.“ Das ist Mimikry.

Auf Chatbot- und KI- basierten Plattformen, insbesondere unter den Bedingungen von (Big-) Nudging sieht das anders aus. Es dominieren mehr oder weniger fest verdrahtete Sequenzen von Regeln, die sozio-technische Abläufe präzise strukturieren, automatisieren und/oder bewerten, um bestimmte ökonomische Ziele zu erreichen.

„Der Nutzer reagiert einseitig auf die Plattform, während auf der Plattform nur ein algorithmisches System, also in einem einseitig kontrollierten Prozess, eine Illusion wechselseitiger Kontingenz erzeugt wird, die mit einem ‚Verlust von Partitäten‘ einhergeht“, führt Becker aus.

Entscheidend ist also das Geschäftsmodell und nicht mehr, dass sich die Preise über Angebot und Nachfrage bilden, sondern von einem Algorithmus die Profitraten der Plattform durch Werbeeinnahmen oder Vertriebsprovisionen und am Ende den Shareholder-Value maximiert. Man könnte auch sagen, dass die Plattformen wie ein Schwarzes Loch den Markt ansaugen und verschlucken.

Es dürfte für jeden eine Plattform dabei sein, um sich die Aufzeichnung des Autorengesprächs mit Thomas Ramge anzuschauen:

Über das Märchen vom ehrbaren Kaufmann: Autorengespräch mit Amit Ray und Lutz Becker @HS_Fresenius

Das Bild des ehrbaren Kaufmanns ist wohl nur eine Chimäre, genauso wie die Segnungen der unsichtbaren Hand, führen Professor Lutz Becker und Amit Ray in einem Beitrag für das Fachbuch „CSR und Marketing“ aus. Wenn sich ökonomisch, ökologische und soziale Dysfunktionalitäten ergeben, stellt sich die Frage nach den Regulativen.

Solche Moralzehrer findet man vor allem bei den Routineunternehmen, bei den Platzhirschen, bei den verkrusteten Konzernen sowie bei jenen Protagonisten, die sich über Kartelle organisieren und absichern. Atypisch-verantwortungsvolle Unternehmer findet man vor allem bei neuen Akteuren, die sich von alten Routinen, Absprachen und Ritualen abgrenzen. Es sind Unternehmer, die Anstand und Gemeinwohl als mindestens genauso wichtig erachten, wie Gewinn und Verlust.

„Unternehmer, die mit den Regeln des Marktes, die sie unanständig finden, brechen – wie etwa Viva con Agua, eine sich als Social Business verstehende Mineralwassermarke, die sich der Sicherung der Trinkwasserversorgung in den so genannten Entwicklungsländern verschrieben hat“, schreiben Becker und Ray.

Routineunternehmer lieben die Wahrung des Status quo und nutzen Situationen, um Vorteile zu erschleichen. Diese Logik zwingt den Gesetzgeber dauerhaft zum Nachziehen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Handlungsethik auf der Strecke bleibt.

Im einstündigen Autorengespräch habe ich das heute mit Amit Ray und Lutz Becker erörtert.