Über das Märchen vom ehrbaren Kaufmann: Autorengespräch mit Amit Ray und Lutz Becker @HS_Fresenius

Das Bild des ehrbaren Kaufmanns ist wohl nur eine Chimäre, genauso wie die Segnungen der unsichtbaren Hand, führen Professor Lutz Becker und Amit Ray in einem Beitrag für das Fachbuch „CSR und Marketing“ aus. Wenn sich ökonomisch, ökologische und soziale Dysfunktionalitäten ergeben, stellt sich die Frage nach den Regulativen.

Solche Moralzehrer findet man vor allem bei den Routineunternehmen, bei den Platzhirschen, bei den verkrusteten Konzernen sowie bei jenen Protagonisten, die sich über Kartelle organisieren und absichern. Atypisch-verantwortungsvolle Unternehmer findet man vor allem bei neuen Akteuren, die sich von alten Routinen, Absprachen und Ritualen abgrenzen. Es sind Unternehmer, die Anstand und Gemeinwohl als mindestens genauso wichtig erachten, wie Gewinn und Verlust.

„Unternehmer, die mit den Regeln des Marktes, die sie unanständig finden, brechen – wie etwa Viva con Agua, eine sich als Social Business verstehende Mineralwassermarke, die sich der Sicherung der Trinkwasserversorgung in den so genannten Entwicklungsländern verschrieben hat“, schreiben Becker und Ray.

Routineunternehmer lieben die Wahrung des Status quo und nutzen Situationen, um Vorteile zu erschleichen. Diese Logik zwingt den Gesetzgeber dauerhaft zum Nachziehen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Handlungsethik auf der Strecke bleibt.

Im einstündigen Autorengespräch habe ich das heute mit Amit Ray und Lutz Becker erörtert.

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Was soll denn nun eine Gesellschaft 4.0 bedeuten? #NEO17x Session des Soziologen @KlausMJan

Die Thesen des Soziologen Klaus Janowitz zu seiner #NEO17x Session am Donnerstag, den 9. November 2017, um 13 Uhr.

Im Diskurs zur Digitalen Transformation schleicht sich im Gefolge von Industrie 4.0 ein weiterer Begriff ein: Gesellschaft 4.0. Industrie 4.0 ist ursprünglich die Idee der webbasiert vernetzten Fabrik.

Die Versionsnummer folgt den vorhergehenden Stufen der Industrialisierung: Dampfmaschine (1.0), Elektrizität (2.0), Computer (3.0). Alle diese Stufen lösten Strukturveränderungen und Produktionsschübe in der Wirtschaft aus.

„Wenn Deutschland die Produktionstechnologie-Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.“ (Siemens CTO Russwurm) – so lässt sich das Ziel der Initiative zusammenfassen.

Was soll dann eine Gesellschaft 4.0 bedeuten? Die Stufen der Industrialisierung haben in der Vergangenheit gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst. Die Versionsnummer macht aber wenig Sinn – bedeutet bestenfalls, dass eine transformierte Industrie die passende Gesellschaft braucht. Gesellschaften wandeln aber sich nicht so, wie es beabsichtigt war.

„Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften, und die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert die Funktionsweise und die Ergebnisse von Prozessen der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur wesentlich“ , diesen Satz von Manuel Castells (2001) kann man voranstellen.

Das bedeutet, dass Formen der Vergemeinschaftung und der Organisation sich aus den örtlichen Verankerungen gelöst haben.

Unsere Gegenwart ist bereits von einer ´Kultur der Digitalität bestimmt. Digitalität verweist auf die neuen Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung von Akteuren, Inhalten und Ideen, ein relationales Muster, das bestimmend wird. Die Wurzeln reichen in die Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre (mit dem Verdikt der Selbstverwirklichung), wie in die neoliberale Ideen und Politik. Wenn auch mit unterschiedlichem Hintergrund operierten beide mit Begriffen der persönlichen Freiheit und gesellschaftlicher Flexibilisierung – und bewirkten eine Aufweichung einer vorausgehenden „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.

Es entsteht ein Antagonismus zwischen „kreativer“ und „profaner“ Arbeit. In der Realität stehen dann lovely jobs und lousy jobs gegenüber.

Alles Sessions der Next Economy Open 2017 werden live gestreamt.

Deutsche Organisationskultur hemmt Innovation – #CIOKuratorLive mit @chbieck

Live-Gespräch mit dem IBM-Zukunftsforscher Christian Bieck:

Link zur Studie.

Link zur Studien-App für iOS-Geräte.

Link zur Studien-App für Android-Geräte.

Siehe auch:

WIE DEUTSCHLAND ALS POWERHOUSE IN DER WELT BESTEHEN KANN

Künstliche Intelligenz und die Trivialisierung des Menschen – Ausblick auf die #NEO17x Session von @condet020274

KI-Forschung und das mechanistische Weltbild der Anwender. Der Mathematiker Conny Dethloff gibt einen Ausblick auf seine Thesen zur Digitalisierung der Arbeitswelt, die er am 10. November auf der Next Economy Open vorstellen wird:

Man hört, sieht und streamt sich auf der Next Economy Open vom 8. (Preview) bis 10. November.

Eventseiten auf Facebook:

Preview.

Und Hauptprogramm.

Digitale Universität für politische Experimente und akademische Störenfriede #ThomasiusAkademie

Kann eine Ökonomisierung den akademischen Betrieb über Studiengebühren beflügeln? Dazu gab es vor einigen Wochen eine ausgiebige Disputation auf Twitter.

Wollen wir wirklich einen universitären Verwaltungsmoloch weiter füttern mit dem Geld von Studierenden, bei dem es um dümmliche Ranglisten und eine Verarmung des Denkens mit Kennzahlen geht? Wie kümmerlich. Als Gegenentwurf schlage ich die Gründung einer digitalen Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit vor.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten – Gebührenfinanzierung hin oder her. Man sollte schlechten Institutionen nicht noch Geld hinterher schmeißen. Durchbrechen wir mit Studiengebühren den bildungspolitischen Teufelskreis, der da heißt: „Herkunft gleich Zukunft“? Untermauern wir nicht den pseudo-elitären Zirkel, wo Müller den Müllerchen nachzieht und akademische Klone in Führungspositionen gelangen – also eine ständische Gemeinschaft, die sich abschottet und gegenseitig Pöstchen zuschiebt?

Wer über die nötige Finanzzufuhr über Papi und Mami verfügt, soll ruhig ordentlich zur Kasse gebeten werden und an den Lemuren-Anstalten den Kadettengehorsam der Lehrpläne an „Elite-Unis“ aufsaugen. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Auflkärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Social Web im 17. Jahrhundert ohne AGB-Diktatur

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen.

„Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, ausgrenzende Studiengebühren, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die unterstützten auch Thomasius in seinem Rebellentum.

Siehe auch das Sommerinterview mit @bildungsdesign