Lahmes Internet, fragwürdiger Lobbyismus und bräsige Digitalpolitik #GroKo

„Im Moment haben wir ja das Problem, dass die Telekommunikationsunternehmen auch ihre 100 oder 200 Mbit/s-Anschlüsse nicht loswerden“, erklärte die Internetexpertin der CSU, Dorothee Bär zu den Digitalplänen der kommenden Bundesregierung. Bär sei ohne Zweifel sehr sachkundig, bemerkt Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne.

„Das aber macht ihre Aussage zugleich erstaunlich, skandalös und unerstaunlich. Erstaunlich ist, dass Bär den angeblich mangelnden Verkaufserfolg als eigentliches Problem hinstellt. Denn bisher kann nur eine Minderheit der deutschen Haushalte das angeblich ungewünschte Produkt überhaupt kaufen, und das fast nur in größeren Städten. In der wichtigsten Breitbandstatistik des zuständigen Ministeriums ist ernsthaft ‚größer 50 Mbit/s‘ die schnellste Internetkategorie. Ironie der Realität: An drei zufällig ausgewählten Standorten von Bärs Geburtsstadt Bamberg (Moosstr. 10, Vogtstr. 2, im Gewerbegebiet Am Börstig 25) beträgt die von der Telekom angebotene Maximalgeschwindigkeit 16 Mbit/s (Stand 13. Februar 2018). Tja, warum nur kaufen so wenig Leute 100 Mbit/s“, fragt sich Lobo.

Skandalös an Bärs Aussage sei, dass sie exakt die Perspektive der Konzerne übernimmt, die neben der Politik eine große Mitschuld an der Breitbandmisere tragen. „Ihre Formulierung verschiebt nämlich die Verantwortung für die schlechte Breitbandversorgung auf die Kunden. So blendet sie aus, dass neben der erwähnten Verfügbarkeit auch Preis, Upload-Geschwindigkeit, Drosselung und Vertragsbedingungen eine erhebliche Rolle beim Verkauf spielen“, so Lobo.

Unerstaunlich an Bärs Aussage sei schließlich ihre Existenz, denn die regierende Politik kommuniziert im Digitalbereich auffällig konzernnah. „Die Politiker tun das oft auch, wenn es den Bevölkerungsinteressen erkennbar entgegensteht. Die Telekom erklärte 2017, dass 100 Mbit/s derzeit ausreichen, was zufällig auch der für sie flächig erreichbaren Maximalgeschwindigkeit entsprach. Dorothee Bär gibt dieser Argumentation politische Rückendeckung, als sei sie Interessenvertreterin der Telekom.“

So kann der Magenta-Laden immer noch genügend Geld aus den Daten-Leitungen quetschen, da andere Geschäftsmodelle nach wie vor nicht funktionieren.
Das ist heute unser Problem und das war in den vergangenen Jahren das Problem in der Digitalpolitik. Erinnert sei an die „Studie“ des Ifo-Instituts, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums konstatierte, dass die Nachfrage für schnelles Internet einfach zu gering sei.

Dabei dürfte selbst den Spitzenökonomen in München klar sein, dass besonders in Fragen der Infrastruktur das Angebot die Nachfrage schafft.

„Ohne Highspeed-Internet können Unternehmen digital nicht aufrüsten und fallen im globalen Wettbewerb zurück. An neue webbasierte Geschäftsmodelle ist in einem solchen Umfeld gar nicht erst zu denken“, so Manager Magazin-Redakteurin Müller.

Die teutonische Breitband-Müdigkeit von Spitzen-Politikern und Top-Managern wirkt sich fatal auf die Volkswirtschaft aus.

„Wir wollen, wir werden, es gilt, es muss, wir möchten, es soll.“

Die „geeigneten“ Maßnahmen der Bundesregierung

Die Inflation der Unverbindlichkeiten im „Vertrag“ der Großen Koalition zur digitalen Agenda vor vier Jahren hatte „zielgerichtet“ mit „geeigneten Maßnahmen“ die Wirkung eines Wackelpuddings, den man an die Wand nagelt. Was Unionsparteien und SPD für die digitale Infrastruktur in Deutschland planten, knüpft nahtlos an die Bund-Online-Projekte der vergangenen Jahre an: Sie wurden zu Tode verwaltet. Fehlgeburten mit Lutschpastillen-Wirkung, die mangels zentraler Zuständigkeit und politischem Nachdruck in den verschiedensten Ressorts mit minimaler Sauerstoffzufuhr am Leben erhalten werden. Ab und zu erfährt der Netz-Patient eine Reanimation, bevor er seine letzten Bits und Bytes aushaucht.

Völlig außer Acht bleibt die Korrelation zwischen Digitalisierung, Netzausbau und Arbeitsplätzen – übrigens auch in der von der Großen Koalition so geliebten Industrie: Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Schon 2013 gab es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zwischen Maschinen und Produkten. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir konsequent in den Breitbandausbau investieren.

Die Digitalisierung in Deutschland krankt nach Meinung des Technologieexperten Roman Friedrich an einem Wirrwarr von Einzelmaßnahmen. Es versickere jedwede Initiative in irgendwelchen Gremien.

„Da gibt es hier einen Gipfel und dort einen Gipfel. Dann gibt es eine D21-Initiative, die sich tot gelaufen hat. Das Thema Breitband und Digitalisierung hätte es verdient, zur Chefsache erklärt zu werden“, sagte mir Friedrich vor vier Jahren im Interview.

Selbst die anfänglich eingeplanten vier bis fünf Milliarden Euro würden für den Breitbandausbau nicht ausreichen. Es sei nicht ersichtlich, wie wir den Rückstand in der Digitalisierung mit den Plänen der neuen Bundesregierung aufholen können. „Es sind Lippenbekenntnisse und keine klaren Ziele. Der Breitbandausbau auf 50 Mbit/s ist noch nicht einmal zu tief gegriffen. Im Gegenteil. Diese Geschwindigkeit benötigen wir für einen modernen Standort. Mit einer entsprechenden politischen Unterstützung ist mehr möglich. Das sehen wir in anderen Ländern“, weiß Analyst.

Strukturschwache Gebiete brauchen dezentrale Cloud-Arbeitsplätze

Die digitale Revolution bezieht sich dabei gar nicht so sehr auf den Konsumenten. Viel entscheidender sei die Anbindung eines jeden Unternehmens an Breitband.

„Um die Wirtschaftskraft vor allem des Mittelstandes zu erhalten, braucht man die digitale Autobahn. Wir können sonst unsere ökonomische Dynamik nicht ausreichend entfalten. Dabei geht es um innovative Geschäftsmodelle, um die richtigen Dienste und um nachfragestimulierende Applikationen. Ohne die entsprechende technologische Grundlage wird das nicht erreichbar sein“, meint Friedrich.

Auch das Märchen von der zu geringen Nachfrage nach schnellem Internet, was von Wirtschaftsforschern im Auftrag der Bundesregierung in die Welt getragen werde, ist nur ein weiterer Beleg für das mangelhafte Verständnis der politischen Akteure für die Relevanz der digitalen Infrastruktur:

„Wir haben schon jetzt Engpässe. Unsere politische Elite und auch viele klassische Wirtschaftsführer verstehen nicht, was zurzeit im Markt passiert. Die digitale Revolution ist mindestens so relevant wie die Energiewende.“

Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren.

Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.
Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern.

Die Prioritäten in der Regierungspolitik werden falsch gesetzt, was man an der lärmenden und lächerlichen Maut-Debatte in der vergangenen Legislaturperiode sehr schön ablesen konnte. Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, in den Köpfen der politischen Akteure ein Umdenken zu bewirken.

Um 11:45 Uhr wollen wir darüber in einem Live-Talk noch einmal reden.

Siehe auch:

Deutsche Digitalpolitik: Rückwärts gewandt und von Lobbyismus geprägt – Hilft da eine neue Behörde?

Lobo statt Zetsche: Warum der Daimler-Chef ein schlechter Ratgeber für die vernetzte Ökonomie ist

Neuerfindung des Systems "Auto"
Neuerfindung des Systems „Auto“

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelständischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. Für fast die Hälfte der Unternehmen spielt laut einer DZ Bank-Studie die Digitalisierung der Geschäftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle. Ich halte das sogar für eine konservative Einschätzung. Selbst deutsche Autokonzerne gehen recht lässig mit den Herausforderungen der digitalen Transformation um: So hat sich Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview zum Gerücht geäußert, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen:

„… wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend.“

Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte. Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasst neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen. Nachzulesen in meiner The European-Abhandlung.

Vernetzung, Plattformen und digitale Ökosysteme werden auch für Industriebetriebe immer wichtiger.

„Das kommende System Auto basiert auf einem vernetzten Betriebssystem über das Einzelfahrzeug hinaus, aus dem sich neue Produkte und Märkte ergeben. Uber wird mit rund 40 Milliarden Dollar bewertet (sechs Mal mehr als Lufthansa), weil es das Betriebssystem für den Transportmarkt plant. Viele Anwendungsfälle des Produkts Auto können mit der richtigen Plattform anders abgebildet werden als durch den schnöden Produktkauf. Egal, ob Uber oder ein Wettbewerber den Transportmarkt software-seitig aufessen“, so Sascha Lobo in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne.

Branchenfremde Größen aus der digitalen Sphäre können sehr schnell in traditionelle Geschäfte eindringen und durcheinander wirbeln – das gilt für den Produktionssektor und Dienstleistungssektor gleichermaßen. So erleidet die Hotelwirtschaft zur Zeit schmerzhafte Umsatzeinbrüche durch Airbnb, der Zimmerbörse auf Speed, wie es Lobo formuliert:

„Airbnb bedeutet, dass man inzwischen im Internet übernachten kann. Zetsches Kommentare klingen, als hätte die Vorstandsvorsitzende einer Hotelkette vor Airbnb erklärt, dass sie Digitalkonzerne nicht ernsthaft bedrohen könnten. Weil die Hotelwirtschaft logistisch zu komplex für Anfänger sei.“

Arroganz, Selbstsicherheit und Ignoranz können sich die Firmenlenker der Deutschland AG nicht leisten. Wie das im Mittelstand geändert werden kann, diskutieren wir heute ab 16:30 Uhr in einem Live-Hangout als Vorbericht der diesjährigen Cebit-Mittelstandslounge in Halle 5, wo ich vom 16. bis 20. März als Moderator im Einsatz bin.

Gäste: Hannes Häfele von Oracle Deutschland, Hartwig von Saß vom Cebit-Presseteam, Rechtsanwalt Markus Nessler und Andreas Fischer vom G+F-Verlag.

Mitdiskutieren während der Liveübertragung über die Frage-Funktion der Google Plus-Eventseite oder via Twitter mit dem Hashtag #Mittelstandslounge

Nicht nur Politik und Wirtschaft laufen der Vernetzung hinterher, auch die BWLer #nöcbn

Wo sind die deutschen Internet-Visionäre?
Wo sind die deutschen Internet-Visionäre?

Stichworte wie industrielles Internet, Industrie 4.0, Smart Cities und die Aktivitäten der Silicon Valley-Giganten betreffen mittlerweile jedes Unternehmen, ob klein oder groß, ob produzierendes Gewerbe oder Dienstleistungen.

„Da schaut man zuerst auf Arbeiten der Wirtschaftswissenschaften, um Orientierungshilfe zu bekommen, wie die Welt der digitalen Transformation für das Management begreifbar und besser handelbar wird und wie ein Unternehmen in der digitalen Ökonomie bestehen kann“, schreibt Arno Rolf, Professor für Informatiksysteme in Organisationen und Gesellschaft, in einem FAZ-Gastbeitrag.

Das Objekt der Betriebswirtschaftslehre sei nicht mehr allein die einzelne Unternehmung.

„Der Fokus ist auch auf ihre Einbindung in Netzwerke gerichtet. In Netzwerkorganisationen haben einzelne Unternehmen keine scharf umrissenen Grenzen mehr“, so der Uni-Professor aus Hamburg.

Ein Rückzug auf die „Kernkompetenzen“ eines Unternehmens funktioniert nicht mehr. Da vieles nicht mehr selbst entwickelt und hergestellt, sondern an Spezialisten im Netzwerk ausgelagert werde, hat das Management vor allem die Aufgabe, die richtigen externen Netzwerkpartner zu finden, zu koordinieren und bei der Stange zu halten.

Erfolgreich seien jene Organisationen, die neue Netze knüpfen, Projekte wechseln, neuen Knoten im Netz Bedeutung geben und nationale Grenzen überschreiten. „Die fehlende Vernetzung eines Akteurs kann schnell zum Ausschluss führen. Tradierte Hierarchien werden nicht überflüssig, sie sind aber unsichtbarer geworden“, so Rolf. Begrenzungen fallen über weltweit verteilte Rechner weg:

„Die Nutzer – Unternehmen, private Nutzer, Verbraucher, Lieferanten, Regionen oder staatliche Behörden – werden zu Knoten im Netz und arbeiten über das Internet zusammen. Die Netze haben offene Strukturen, können grenzenlos expandieren, neue Knoten einbeziehen und überflüssige rasch abschalten.“

Was in der Forschung noch schwach ausgebildet sei, ist die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley. Sie seien es in erster Linie, die die Umwelt volatil und komplex machen.

„Für diese Entwicklung hat weder die Business-Ecosystems-Forschung noch die Betriebswirtschaftslehre bislang befriedigende Antworten. Dafür braucht es ganz neue Konzepte und Methoden, und neue Metaphern müssen her, weil beispielsweise aus den klassischen linearen Strukturen wie Supply Chains oder Value Chains (Wertschöpfungsketten) dynamische Value Networks (Wertschöpfungsnetze) werden (Zhang, Jianliang/Fan Yushun: Current State and Research Trends on Business Ecosystem)“, erläutert der Informatiker.

Reiche das Business-Ecosystem-Leitbild aus, um eine der drängenden Fragen der Wirtschaftswissenschaften, den steilen Aufstieg der Internetgiganten Google und Co. zu verstehen und die Folgen für die traditionellen Unternehmen abzuschätzen und daraus Schlüsse und Erkenntnisse für die Strategien des Managements zu ziehen?

Welche Antworten hat man auf die „Tsunami-Strategien“ der Internetgiganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Co, die mit ihren Angeboten fast alle Branchen überrollen. Man würde gern wissen, ob die aktuelle ökonomische Forschung diesen Vorgang im Schumpeterschen Sinne als schöpferische Zerstörung einschätzt oder dafür eine neue Metapher gefunden werden müsse.

Eine Herausforderung werde der mit Internet, Smartphones und Applikationen (Apps) einhergehende Kulturwandel sein.

„Bislang setzt die Betriebswirtschaftslehre eher auf hierarchische Modelle. Eine zentrale Instanz müsse alles im Griff haben. Mit den neuen Techniken ist eine Mitmachkultur entstanden, die in alle Generationen hineinflutet und mit einem enormen Zugewinn an Bequemlichkeit und Komfort für die Nutzer verbunden ist; für manche auch mit der Möglichkeit, selbständig in Start-ups arbeiten zu können. Diese Alltagsattraktivität ist der Grund für eine bislang nie dagewesene Technikakzeptanz“, meint Rolf – was vielleicht für die Gründerszene gilt, nicht jedoch für die politischen Akteure.

Es seien vor allem die Start-ups mit ihren hierarchiearmen Projektorganisationen, die die Innovationen vorantreiben.

„Sie sind heute vielfach die Impulsgeber und Schöpfer von Innovationen für große Unternehmen, die sich mit ihren Bürokratien teilweise lahmlegen“, resümiert Rolf.

Die klassische BWL liefert für die digitale Transformation weder Modelle, Methoden noch Metaphern. Vielleicht sollte man spezielle Lehrstühle für Netzökonomie etablieren, um die Wirkungen des Plattform-Kapitalismus, wie es Sascha Lobo formulierte, zu untersuchen.

Autoland bald abgebrannt?
Autoland bald abgebrannt?

Technikbasierte Unternehmen wie Google machen jedenfalls vor keiner Branche und vor keinem etablierten Unternehmen halt – selbst die deutsche Autoindustrie wird das zu spüren bekommen. Siehe: Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland?

Ob die alten Regeln, die in Deutschland gelten, noch zeitgemäß sind, analysiert Professor Klemens Skibicki:

Mit dem Netzökonomie-Campus, der am Sonntag startet, möchte ich eine neue Debatte anstoßen, die dann über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps, virtuellen Expertenrunden via Hangout on Air weitergeführt werden kann.

Der Diskurs startet am Sonntag bei Kaffee und Kuchen um 16 Uhr und wird live übertragen. Hashtag für Zwischenrufe #nöcbn – steht für Netzökonomie-Campus Bonn. Ihr könnte natürlich auch die Frage-Antwort-Funktion auf der Eventseite benutzen.

Siehe auch:

Datenverkehr nur mit Nummernschild.

Symbol für die digitale Inkompetenz: Leistungsschutzrecht.

Lanier und der digitale Angstschweiß: Vom gescheiterten Unternehmer zum „Internet-Pionier“ #fbm14 #Lebenzerstört

Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört
Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es bei einigen Verlagsmitarbeitern ein selbstzufriedenes Lächeln, wenn der diesjährige Friedenspreisträger Jaron Lanier zur Sprache kam. Er spricht das an, was viele andere schon immer mal sagen wollten:

„Das Internet zerstört unser Leben.“

Oder wie es Nico Lumma in einem ironischen Zwischenruf auf Facebook formuliert:

„Die Rückwärtsgewandten haben ihre Vaterfigur gefunden. Alles soll wieder so werden, wie es nie war.“

Lanier bedient zumindest in Deutschland den vorurteilsbeladenen Kanon der Internet-Skeptiker, die am liebsten wieder zur Tagesordnung des traditionellen Geschäfts übergehen wollen. Was der Friedenspreisträger und seine Apologeten in die Welt posaunen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit aus, betont Tim Cole, Co-Autor des Opus „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“.

Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen könne und sich im Rudel bewegt. Ohne mediale Hirten könnte man die Zumutungen des digitalen Lebens nicht überstehen.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Lanier, der das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert.

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier
#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

Lanier gar als „Internet-Pionier“ zu titulieren, liegt wohl eher am Bestreben der Preisjury des Börsenvereins zur Glanzerhellung des gekürten Autors.

Der mediale Hype um den „Programmierer, Sänger und Autor“, der vor Jahren erfolglos mit Avataren herumexperimentierte, hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht.

Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen. Am Status quo der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ändert das leider gar nichts.

Die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann hat das in einem interessanten Vortrag in der digitalen Arena der Frankfurter Buchmesse als „Angstgemeinschaften“ definiert, die sich bilden, um etwas Erhaltenswertes zu schützen und sich gegen Veränderungen zu sperren.

Man sucht Gleichgesinnte zur Abschottung und zur Ausblendung des nötigen Wandels. Dabei geht es der Content-Startup-Szene gar nicht darum, die Buchkultur in Frage zu stellen. Man sollte allerdings etwas unbefangener mit der Digitalisierung und den virtuellen Gütern umgehen.

Guter Content müsse in einer komfortablen und bezahlbaren Form zur Verfügung gestellt werden. Dem Leser müsse es leicht gemacht werden, digitale Formate abzurufen, fordert Frohmann. Das ist eine Lektion, die man in der Musikbranche mittlerweile gelernt hat.

Und das die Virtualisierung sogar die analogen Verlagsangebote beflügeln kann, belegen die Anbieter von Hörbüchern.

Hier wirken die Abrufe auf iTunes und anderen Plattformen als Katalysator für die klassischen Angebote, wie uns Heike Völker-Sieber, eine der Sprecher/innen des Arbeitskreises der Hörbuchverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Hörverlag-Pressechefin sowie dessen Verlagsleiterin Claudia Baumhöver im Wortspielradio-Interview auf der Buchmesse bestätigten.

Ob das auch bei Hörbüchern so bleibt, kann ich mir allerdings für die Zukunft nicht so ganz vorstellen. Zumindest, wenn es um die CD-Angebote geht.

Bei Vinyl sieht das anders aus, weil es hier mehr Möglichkeiten für die Cover-Gestaltung geht und es eine treue sowie wachsende Fangemeinde gibt.

Vielleicht hilft manchmal auch eine Portion Größenwahn weiter, um Neues zu wagen, wie die Gründer von Sobooks, die Amazon herausfordern wollen.

Gespannt bin ich auf die EDITION SOCIAL von Gerhard Schröder, der beim eBook neue Wege gehen will.

Ich selbst plane ein eBook im Frühjahr 2015 pünktlich zur Leipziger Buchmesse. Mehr dazu verrate ich in den nächsten Tagen.

Der Share Economy-Debatte fehlt die ökonomische Expertise

Die gute alte Zeit.
Die gute alte Zeit.

Wirtschaftswoche-Chefreporter Dieter Schnaas teilt die aufgeladene Debatte über die Deutungshoheit der Share Economy in zwei Lager auf. Da sei die Graswurzel-Bewegung, ursprünglich ausgehend von Trendforschern, grünen Nachhaltigkeitsfreunden und netzromantisch bewegten Piraten, die im Teilen von Files und Creative Commons das bessere Haben erblicken; die von Zugang, Teilhabe, Mitsprache, Transparenz und Emanzipation schwärmen. Dann gibt es die Deregulierungsapologeten der alten Schule, die sich von Internet-Plattformen wie „Uber“ und „Airbnb“ frischen Innovationswind versprechen. Sie freuen sich über den Angriff auf verkrustete Strukturen sowie bürokratisierte Traditionen und sehnen sich im Namen des Wettbewerbs den Todesstoß für das zünftische Denken und den Verbotsstaat herbei.

„Sie feiern die Freiheit des Smartphone-Konsumenten und die Freiheit der Jungunternehmer, die alte Regeln brechen und Geschäftsmodelle zerstören: Schumpeter lebe hoch“, so Schnaas.

Nutzen statt besitzen ist nicht naiv

Die Vorstellung, das das „Habenwollen“ an Bedeutung verlieren könne, nur weil gestreamte Musik und Filme fast nichts mehr kosten, ist nach seiner Auffassung genauso naiv wie die Vorstellung, dass das Internet ein machtfreier Bezirk sein kann, eine Infrastruktur unter anderen, ähnlich dem Straßen- oder Schienennetz. So ganz falsch ist die Beschreibung der verschiedenen Lager nicht, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. So ganz richtig aber auch nicht. Was Schnaas unabhängig von seiner ideologischen Sortierung als naiv abtut, ist volkswirtschaftlich ein zentraler Effekt der Digitalisierung: Die Anwendung und der Nutzen von Produkten werden wichtiger als der Besitz, was die liebwertesten Industrie-Gichtlinge im Land der Forscher, Ingenieure und Baggerfahrer nicht so ganz wahrhaben wollen.

Zugang mit sinkenden Grenzkosten

Das ganze Szenario spielt sich bei drastisch sinkenden Transaktions- und Grenzkosten ab. „Zugang vor Besitz“, wie es der Internet-Vordenker Jeremy Rifkin in seinem zugespitzten Opus „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ breitet sich auf alle Bereiche der Ökonomie aus, fernab von altruistischen oder neoliberalen Sandkasten-Spielchen. Selbst weltweit operierende Unternehmen reagieren auf den Wechsel von Eigentum auf Zugang, indem sie sich stärker als so genannte „Solution Provider“ positionieren – als Anbieter von Komplett-Lösungen. Was wir erleben und endlich ohne Wehklagen zur Kenntnis nehmen sollten, so Professor Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro, ist die Auflösung von Normen der Industriekultur. Es geht um die Individualisierung des Konsums. Anbieter können sich nicht mehr hinter Industrielobbyisten, Schutzrechten, Meisterbriefen und Innungen verstecken, sondern müssen sich stärker auf die individuellen Präferenzen der Konsumenten ausrichten.

Handelskonzerne werden entmachtet

Globale oder regionale Plattformen ermöglichen es jedem Einzelnen, Kontakte zu Anbietern aufzunehmen, die früher nicht möglich waren, betont Wippermann im ichsagmal.com-Interview.

Über mobile Applikationen bekommt man Auswahlsysteme, um selber mit Knopfdruck Konsumentscheidungen zu treffen, ohne staatliche Vorgaben und Platzhirsch-Gebaren von Dienstleistern und Produzenten. Globale und lokale Plattformen bauen Hierarchien ab, die normalerweise von Händlern und Produzenten gehegt und gepflegt werden. Deshalb geht die Kritik am Plattform-Kapitalismus, der mächtige Meta-Händler hervorbringt, wie es Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne skizziert, an der Realität vorbei. Wir erleben tatsächlich ein Ende der klassischen Mittelsmänner, die über Preisdiktate ihre Dominanz zelebrierten. Beispielsweise die fünf großen Handelskonzerne in Deutschland, die 80 Prozent des Marktes beherrschen und mit ihrer Einkaufsmacht nach belieben in den Herbstgesprächen Produzenten knechten.

Uber, eBay, Amazon und lokale Netzwerke sind nach Ansicht des Kölner Wirtschaftshistorikers Klemens Skibicki in erster Linie perfekte Matching-Plattformen, um Anbieter und potenzielle Käufer in Verbindung zu bringen. Bei den globalen Plattformen besteht das erste Mal auch für kleine Manufakturen und Dienstleister die Möglichkeit, weltweit die eigenen Produkte zu vermarkten und direkt mit Kunden in Kontakt zu treten. Mit den Handelskonzernen war dies nicht möglich.

Was wir im Streit um die Share Economy erleben, sei eher eine Vulgarisierung der ökonomischen Debatte, kritisiert Skibicki, Professor für Economics, Marketing und Marktforschung an der Cologne Business School. Man argumentiere mit Kampfformeln aber nicht mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen. Etwa bei Begriffen wie Dumping-Preisen oder Dumping-Löhnen oder der von Sascha Lobo beschriebenen Dumping-Hölle, die uns die Netz-Plattformen bescheren:

„Dumping bedeutet, dass ich unterhalb meiner Kosten anbiete, um Konkurrenten zu verdrängen. Das kann man in jedem VWL-Lexikon nachschlagen.“

In Wahrheit gehe es um die Senkung der Transaktionskosten.

„Anbieter und Nachfrager können sich so einfach finden wie nie zuvor. Viele Zwischeninstanzen sind nicht mehr nötig“, sagt Skibicki.

Selbst in der Autoindustrie hätten das viele Unternehmen verstanden und investieren ins Car Sharing. Sie sehen sich immer weniger als Automobilhersteller, sondern mehr als Transportunternehmer oder Dienstleister für Mobilität. Mehr dazu in meiner morgigen The European-Kolumne.

Siehe auch:

Kundenbeziehung: Wir belohnen die Falschen.

Die fünf vielleicht größten Fehlentscheidungen in der Geschichte der deutschen Online-Branche.

KEIN INTERESSE AN DEN CHANCEN DER DIGITALISIERUNG: Die deutsche Wirtschaft ruht sich auf “Made in Germany” aus.