Gromnica-Ihle: „Ärzte sollten mehr den Patienten als den Verwaltungsdirektoren verpflichtet sein“

Professorin Erika Gromnica-Ihle
Professorin Erika Gromnica-Ihle

„Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung“, sagte Professorin Erika Gromnica-Ihle bei ihrer Verabschiedung als Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Rheuma-Liga in Berlin. Und so kurz die Ansprache auch war, sie beinhaltete das Vermächtnis ihrer achtjährigen Amtszeit. Mit Verweis auf Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut fordert sie bessere Patienten, bessere Ärzte, bessere Medizin und bessere Selbsthilfe:

„Bessere Patienten: das heißt für mich ganz allgemein, Menschen mit mehr Gesundheitskompetenz.“

Sie müsse bereits früh, vermittelt werden und ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

„Eine Ursache vieler chronischer Krankheiten ist Bewegungsmangel, somit ist in einer immer älter werdenden Gesellschaft höhere Bewegungskompetenz unabdingbar. Und noch etwas: Noch immer ist unser Leitbild der stets leistungsfähige und absolut funktionierende Mensch. Aber Krankwerden gehört, und das besonders in einer alternden Gesellschaft, zum Menschen unweigerlich dazu“, so Gromnica-Ihle.

Hilfsbedürftigkeit, wie auch das Hilfe-Leisten, seien entscheidende Merkmale des Menschseins.

„Bessere Ärzte heißt für mich: Heraus aus der Ökonomisierung. Auf dem gerade statt gefundenen Orthopäden- und Unfallmediziner Kongress sagte Professor Reichel, einer der Kongresspräsidenten: ‚Patienten sind keine Kunden, Ärzte keine Dienstleister und Kliniken keine Schraubenfabriken’. Ärzte sollten mehr den Patienten als den Verwaltungsdirektoren verpflichtet sein. Hier bestehen noch viel zu oft falsche finanzielle Anreize, Beispiel Durchführung nicht notwendiger Diagnostik oder Therapie. Das ist die tiefe Identitätskrise der heutigen Medizin.“

Medizin könne nicht nach den Leitkategorien der Industrie organisiert werden, die Gesetze des Marktes sind hier fehl am Platze. Es müssten die Gesetze der Heilkunde gelten, was das Prinzip der Wirtschaftlichkeit nicht ausschließt.

„Bessere Medizin bedeutet somit, der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht die Gewinne von Klinikkonzernen, Pharmaunternehmen oder der Medizinindustrie. Medizin ist authentische Sorge um den ganzen Menschen. Weiterhin – heute ist die Behandlung oft noch angebotszentriert. Die Forderung der Zukunft ist: Patienten-orientierte Behandlung“, erklärt Grominica-Ihle.

Wandeln müsse sich auch die Selbsthilfe. Früher war sie ein Stachel im schlecht funktionierenden Versorgungssystem. Heute komme es auf die Mitgestaltung an. Experte aus Betroffenheit zu sein, reiche nicht aus.

„Es ist mehr Professionalisierung notwendig. Dabei ist aber die richtige Balance zwischen Ehrenamt und ‚Professionellen’ in der Selbsthilfe unabdingbar und wird aber auch eine echte Herausforderung werden. Und es bedarf dabei zukünftig einer Fokussierung der Mitsprache durch die Selbsthilfe auf ausgewählte Aufgaben. Das heißt es wird mehr Systematisierung der Aufgaben der Selbsthilfe notwendig und schließlich auch mehr Solidarität zwischen den einzelnen Gruppierungen der Selbsthilfe.“

Die aktive Beteiligung der Selbsthilfe werde das Gesundheitssystem und die Selbsthilfe verändern.

Deutsche Rheuma-Liga auf Facebook.

Digitaler Revierstress am Arbeitsplatz #msw14

Wünsche fürs Arbeitsleben
Wünsche fürs Arbeitsleben

Viele Menschen brauchen die Onlineverbindung zur Welt und zur Nachrichtenlage mittlerweile als tägliches Rüstzeug.

„Bei nicht wenigen Menschen läuft während des gesamten Arbeitstages das Internet im Hintergrund – jederzeit bereit, auf Wissen zuzugreifen, Auskunft zu geben, Zerstreuung zu bieten und Kontakte herzustellen. Das Internet ist ein beruflicher und sozialer Interaktionsraum“, schreibt Sabria David im Fehlzeiten-Report 2013.

Das Ganze eineindeutig mit Internet-Sucht gleichzusetzen, wie es der liebwerteste Neuro-Gichtling Manfred Spitzer bei jeder sich bietenden Gelegenheit zelebriert, greift dabei zu kurz.

Der digitale Alarmismus schadet dem Verständnis für digitales Leben und digitale Arbeit. Den Hauptimpuls des Netzgeschehens sieht David in der Möglichkeit, Distanzen zu überwinden. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan prägte mit einem Ausflug zum Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Karl Popper den Begriff der Retribalisierung. Nach dem Gutenberg-Zeitalter der distanzierten Schriftkultur erleben wir nun die tribalen Elemente einer oralen Kultur, die das unmittelbare Miteinandersein wiederbelebt. Also unser berühmtes Netz-Lagerfeuer, was wir etwa in Bloggercamp.tv kultivieren. Es gibt aber auch Schattenseiten. David spricht vom Revierstress und der Revier-Verteidigung. Das spielt sich vor allem im beruflichen Umfeld und in Unternehmen ab, die noch eine ausgeprägte Präsenzkultur von ihren Mitarbeitern verlangen.

Arbeitnehmer überwachen ihr Interaktionsfeld

Arbeitnehmer sind konditioniert, ihr Interaktionsfeld zu bewachen, die Kollegen im Auge zu behalten, die Nähe zu Vorgesetzten zu suchen und möglichst spät das Büro zu verlassen. Anwesenheit wird gleichgesetzt mit Engagement und Einsatzbereitschaft. Überträgt man eine solche Präsenzkultur in das digitale Zeitalter, steigt nach Erkenntnissen von David der Druck exponentiell.

„Während bisher selbe nach langen Überstunden irgendwann einmal das Revier bestellt war, hat sich das berufliche Revier nun mittels digitaler Möglichkeiten in ungeahntem Maße ausgedehnt: zeitlich auf 24 Stunden an sieben Tage der Woche. Diese Kombination aus Präsenzkultur und digitaler Verfügbarkeit ist eine für Arbeitnehmer höchst riskante und belastende Konstellation“, erläutert David.

Es fehlen im Büro-Alltag die natürlichen Rückzugsräume und Filter, um Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Sich entziehen zu können und verpassen zu lernen sind nach Ansicht von David die zentralen Lektionen, die es im Umgang mit digitalen Medien zu erlernen gilt. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Gefordert ist vor allem das Personalmanagement, den digitalen Revierstress zu minimieren und die Personalentwicklung an die technologischen Entwicklungen anzupassen. Mitarbeiter dürfen sich medial nicht verausgaben und müssen in der Lage sein, fokussiert zu arbeiten.

Keine Konzepte gegen digitalen Stress am Arbeitsplatz

In der Arbeitsorganisation von Unternehmen und Behörden passiert bislang allerdings wenig: In Deutschland kann man die Rückständigkeit als vernetzte Ökonomie an der Kompetenz von Personalmanagern festmacht. relativ simpel überprüfen. Alle großen Institutionen sind in irgendeiner Weise im Netz aktiv.

„Aber 64 Prozent der deutschen Mitarbeiter in Personalabteilungen schauen nicht ins Internet“, sagt Professor Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro. Den Lippenbekenntnissen nach außen folgen keine Taten nach innen. Ein Befund, den ich in meinen Kontakten zur Wirtschaft fast täglich erlebe. Technisch sei die Reise relativ klar vorgezeichnet, sagt Wippermann. Es gebe in den Organisationen große Widerstände, die allerdings öffentlich nicht zugegeben werden: „Man verteidigt ein System der arbeitsteiligen Industriekultur mit einer Kommunikation, die Top-Down verteilt wird und nicht interaktiv ist. So lange wir noch von Neuen Medien und den Herausforderungen des Internets sprechen, wird es noch weitere 20 Jahre dauern, bis sich unsere Kultur umgestellt hat.”

Zwei Jahrzehnte darf es allerdings nicht mehr dauern, um den Revierstress im digitalen Arbeitsleben abzubauen. Schon in den vergangenen zehn Jahren verzeichnete die AOK einen Anstieg der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um zwei Drittel.

Slow Media-Ausstellung auf der MS-Wissenschaft
Slow Media-Ausstellung auf der MS-Wissenschaft

Slow Media-TÜV

Umso löblicher ist eine Initiative von TÜV-Rheinland und dem Bonner Slow Media-Institut, die neue Bewertungsverfahren für digitalen Arbeitsschutz entwickelt haben und die ich in meiner The European-Mittwochskolumne ausführlich darstelle.

Wer das Slow Media-Konzept selbst in Augenschein nehmen möchte, sollte an Bord der MS-Wissenschaft gehen.

Machen Currywurst, Grießbrei und Himbeermarmelade gesund? Antwortversuche mit dem Kritischen Rationalismus von Popper

Kritischer Rationalismus gefragt
Kritischer Rationalismus gefragt

„Was für ein Quatsch ist das denn wieder“, so kontert Ibo Evsan auf Facebook einen Focus-Artikel, der wiederum behauptet, dass Fleischesser seltener krank seien als Vegetarier.

„Focus/Burda, meine Güte. Seit ich weniger Fleisch esse bin ich fast gar nicht mehr KRANK. Das kann sogar meine Facebook Timeline bestätigen. Seit ich keine Milch mehr trinke, bekomme ich kaum noch Ausschlag“, meint wiederum Evsan.

Hat er damit nun den Gegenbeweis gebracht? Unterscheidet er zwischen Ursache und Wirkung? Natürlich nicht. Helmut Schmidt könnte mit der These antreten, dass sein kettenrauchender Konsum von Menthol-Zigaretten dazu beigetragen hat, seinen 95. Geburtstag in relativ guter Verfassung zu feiern. Körperlich hat er einige Beschwerden, aber geistig ist er noch in bester Verfassung und kann mit dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger über die weltpolitischen Entwicklungen diskutieren. Auch ich rauche bekanntlich Menthol-Zigaretten, esse seit Jahrzehnten zum Frühstück Brötchen mit Himbeermarmelade (Achtung, enthält Blausäure), verspeise mit Wonne Berliner Currywurst, Grießbrei, Milchreis und saftige Steaks. Ich erfreue mich einer fabelhaften Gesundheit, leide seit meiner Pubertät nicht mehr unter Ausschlag und kann auch in meinem 53. Lebensjahr im Volleyball-Verein gut mithalten, obwohl ich der Älteste in der Mixed-Mannschaft bin.

Liegt es jetzt an den Menthol-Zigaretten, an Himbeermarmelade, Currywurst oder Grießbrei? Keine Ahnung. Hab ich klinisch nie testen lassen. Ist mir auch völlig egal. Es liegt wohl daran, dass ich seit meiner Kindheit in verschiedensten Disziplinen sportlich unterwegs bin. Als Leistungssportler im Fußball, als Leichtathlet, Volleyballspieler, Bergwanderer und Skifahrer. Ich habe die Alpen überquert, scheue keinen 3.000er Berggipfel, bin regelmäßig bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad unterwegs. Wahrscheinlich liegt hier eher die Ursache meiner derzeitigen körperlichen Konstitution. Ist meine Lebensart jetzt für andere kopierbar? Nee. Niemals. Ich könnte mich nicht auf irgendein Podium stellen und behaupten, mein Konzept sei ein Orientierungsmaßstab für andere Menschen – das wäre anmaßend.

Deswegen ist es in diesen Debatten auch wichtig, persönliche Befindlichkeiten nicht mit „Beweisen“ zu verwechseln. Als Orientierungsmaßstab eignet sich der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper und die Theorie des Kritischen Rationalismus: Den Geistesblitz (nachzulesen in dem Opus von Manfred Geier: Geistesblitze, Rowohlt Verlag) für seine Erkenntnisse bezog Popper in der Wiener Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche des Individualpsychologen Alfred Adler. Dass alles menschliche Handeln durch einen tiefverwurzelten Minderwertigkeitskomplex beherrscht sein soll, konnte Popper in seiner Tätigkeit für Adler nicht überzeugen. Er berichtete Adler im Jahre 1919 über einen Fall in der Beratungsstelle, der nicht in das Schema „Inferioritätskomplex“ passte. Adler aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte.

„Ich war darüber etwas schockiert und fragte ihn, was ihn zu dieser Analyse berechtigte. ‚Meine vieltausendfältige Erfahrung, war seine Antwort; worauf ich mich nicht enthalten konnte zu erwidern: ‚Und mit diesem Fall ist Ihre Erfahrung jetzt eine vieltausend-und-einfältige“, so Popper.

In den folgenden Jahren arbeitete er am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere an einem Kriterium, das zwischen Wissenschaft und Scheinwissenschaft unterscheidet. Adler, Freud und Co. ging es ausschließlich darum, nach Bestätigungen ihrer Theorien zu suchen – also eine induktive oder positivistische Vorgehensweise, die damals Standard war. Man schließt vom Einzelnen auf das Allgemeine. Schon Ende des Jahres 1919 kam Popper zu dem Schluss, „dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging; sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen könnten“.

Suspekt waren Popper trügerische Sicherheiten, die nicht kritisch in Frage gestellt wurden. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt, unaufgeklärt oder als Teil einer feindlich gesinnten Verschwörung. Skepsis und Zweifel werden ausgeblendet. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Jeder sollte daher immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen und Theorien anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Currywurst, Grießbrei und Himbeermarmelade werde ich auch weiterhin essen, weil es mir schmeckt 🙂

Siehe auch:
Verschwörungstheorien in der Abfallwirtschaft.

Kritische Reflexion benötigen übrigens auch die Untergangspropheten mit ihren recht faktenarmen Vorhersagen.

Die Sache mit der bevorstehenden Implosion von Facebook.

Cebit, Big Data und Datenverbrechen

Big Data-Revolution?

Immer, wenn es um Zukunftsprognosen geht, steigt die Fehlerquote der Rechenmethoden. Auch wenn man schmutziges Big Data zum Einsatz bringt und einfach nur Muster aus der amorphen Datenmasse herausschält. Man operiert mit Annahmen und Hypothesen, die mehr über das mechanistische Menschenbild der Analysten als über die untersuchten Personen aussagen – auch wenn das die zumeist naturwissenschaftlich geprägten Big Data-Gurus anders sehen. Wenn fehleranfällige Maschinen Entscheidungen über einzelne Menschen treffen, etwa bei der Verweigerung von Krediten, hört der Spaß auf.

Es reicht dann auch nicht aus, einen Big Data-TÜV ins Spiel zu bringen, bei dem ich die Möglichkeit habe, die Vorhersagen der automatischen Denunzianten-Systeme zu entkräften. So eine Institution hat Professor Mayer-Schönberger vom Internet Institute in Oxford ins Gespräch gebracht: Algorithmen, die Risiko-Vorhersagen für Internetnutzer berechnen, müssten für Experten einsehbar sein, sagte der Autor des neuen Buches „BIG DATA – A REVOLUTION THAT WILL TRANSFORM HOW WIE LIVE, WORK AND THINK“ im Gespräch mit der Zeit:

„Die Faktoren, die in die Berechnung der Prognose einfließen, müssen transparent sein, und es muss Regeln geben, wie der Betroffene das Ergebnis widerlegen kann.“

Umgekehrt wird ein Schuh draus, Meister Mayer-Schönberger. Die Beweislast muss beim Big Data-Anwender liegen. Wenn er mich ohne meine Zustimmung und ohne Offenlegung der Berechnungsmethoden als kriminellen und nicht zahlungsfähigen Alkoholiker einstuft, kann ich das betreffende Unternehmen oder die Organisation als „Datenverbrecher“ anzeigen und strafrechtlich belangen.

„Das Maß aller Dinge ist meine Bereitschaft, Daten von mir preiszugeben. Hier liegt der Kern von Big Data-Anwendungen. Mein digitales Ich, meine digitale Repräsentanz und mein digitales Beziehungsnetzwerk müssen in meiner Hand liegen. Sozusagen ein Recht auf virtuelle Selbstbestimmung. Die Nutzung dieser Daten kann ich den Big Data-Systemen zu jeder Zeit wieder wegnehmen“, so Unternehmensberater Bernhard Steimel, nachzulesen in meinem Beitrag für die Frühjahrsausgabe der Zeitschrift GDI-Impuls.

Wir sollten uns im netzpolitischen Diskurs nicht länger mit personalisierter Werbung aufhalten, die über Big Data im Internet eingeblendet wird. Ich lasse mich von den blöden Anzeigen nicht zum willenlosen konsumsüchtigen Käufer degradieren.

Anders sieht es mit Entscheidungshilfen von Maschinen aus, die mein Leben beeinflussen und hinter meinem Rücken ablaufen. Deshalb fordern wir (also Bloggercamp-Kollege Hannes Schleeh und ich) die Big Data-Vielschwätzer heraus, in unserer Schreibwerkstatt für das Crowdfunding-Buch „Die Streaming Revolution“ den Giftschrank ihrer Systeme zu öffnen und die Treffsicherheit der Prognosen nachzuweisen. Live und ohne doppelten Boden. Das Ganze fließt ein in das Kapitel „Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air“.

Ansonsten klassifiziere ich die Big-Data-Gichtlinge weiterhin nach der Devise von Hoffmann von Fallersleben:

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Was das Ganze mit meinem Zigarettenkonsum und meinen Vorlieben für Gerstensaft ohne Hopfenextrakt zu tun hat, erkläre ich morgen in meiner The European-Kolumne.

Absurde Korrelationen findet man ja schon zahlreich: Je mehr Likes ein Krankenhaus hat, desto weniger Menschen sterben dort.

Humane Arbeitsplätze und die Versäumnisse der Architekten: Meinung gefragt

Mein Kollege hat sich mal die Mühe gemacht, eine Transkription meines Interviews mit der Wohlfühlinitiative zu erstellen.

Vor allem das letzte Drittel finde ich spannend: Die Rolle der Architekten bei der Arbeitsplatzgestaltung. Wer da noch fachlich etwas beisteuern kann, ist herzlich eingeladen. Bis Montag benötig ich Statements. Wie immer hier als Kommentar posten (mit Vor- und Nachnamen, Funktion) oder per Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com

GS: Wir sind auf der Call Center World in Berlin. Es gibt sehr viele technische Themen, auf der anderen Seite gibt es aber auch das Thema der Qualität der Arbeitsplätze. Sie sind Mitglieder der Initiative „Wohlfühlarbeit“. Herr Giesel, Herr Harrer, auf was kommt es an um sich bei der Arbeit wirklich wohl zu fühlen?

Giesel: Der Bogen ist natürlich relativ weit gespannt. Es geht im Grunde los mit den ganz normalen Wohlfühlfaktoren ,die jeder kennt, aus dem ganz normalen Arbeitsleben. Ich muss mich gut fühlen, das Klima muss gut sein, es darf nicht zu laut sein, das Licht muss passen. Wenn man diese drei Faktoren schon mal abgedeckt hat, dann hat man 80% der Leistung abgelegt.

GS: Nun genießen Call Center nicht gerade den besten Ruf was die Arbeitsplatzbedingungen angeht. Man spricht von Legehennenbatterien und von Massenarbeitsplätzen, wo 300 Leute in einem Großraumbüro sitzen. Was kann man da arbeitstechnisch oder bürotechnisch ändern?

Harrer: Ich gebe Ihnen Recht, das ist so. Die Botschaft die wir mit der Initiative Wohlfühlarbeit geben möchten ist, die Erkenntnis zu akzeptieren und auf die Bedürfnisse der Menschen im Büro oder Call Center und die ergonomischen Bedürfnisse auch einzuhalten um den Arbeitsplatz so zu schaffen, dass er auch wirtschaftlich interessant ist für das Unternehmen. Effektiv in der Leistung. Und durch das Wohlfühlen die Gesundheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhalten bleibt.

GS: Wo sind denn die meisten Defizite? Sie werden auch die Branche analysiert haben. Wo sehen Sie die meisten Defizite?

Giesel: In der Tat ist es so wie ich eben sagte. Die drei Top-Faktoren sind 1. Akustik, 2. Klima, 3. Licht. Das sind die Dinge die im Büro stören. Wenn es zu laut ist, das Klima oder das Licht nicht stimmen, dann fühlen sich die Mitarbeiter gestört. Jeder weiß, wenn man sich gestört fühlt, kann man nicht gut arbeiten.
GS: Großraum gibt es nicht nur im Call Center, sondern überall in der Büroarbeitswelt. Wie kann man Dinge umgestalten, was kann man tun? Welche Technik wendet man an um die Belichtung, die Luft und den Büroarbeitsplatz zu verbessern? Herr Harrer?

Harrer: Der Büroarbeitsplatz sollte immer so geschaffen sein, dass er im Einzelbüro den Arbeitsplatzbedürfnissen des Menschen entspricht und die Bedürfnisergonomie als erste Priorität gesetzt wird. Auch in Gruppenbüros ist es so, dass die Privatheit, die Territorialen der Mitarbeiter beachtet werden müssen. Nicht der Neuzeitliche Mensch ist neu, sondern der Mensch ist Mensch geblieben. Er hat das Bedürfnis, dass er in seiner Arbeitswelt so arbeiten kann, dass er die Konzentration hat die er benötigt für seinen Job und seine Arbeit und er die Kommunikation nach innen und nach außen hat. Und dass er auch das Gefühl hat eine Art Zuhause zu haben, seinen Arbeitsplatz im Büro auch zu finden. Sich nicht erst eindocken und einbuchen muss, wo er heute gerade arbeiten soll.

GS: Ich kann mir vorstellen, bei den Arbeitgebern, den Personalchefs, die für die Arbeitsplatzausstattung zuständig sind, dass bestimmte Faktoren gar nicht ernst genommen werden, wie die Luftqualität. Ist das eine Erfahrung die sie auch in Ihrer täglichen Arbeit kennenlernen?

Giesel: Leider, es ist unsere Grundaufgabe dieses Bewusstsein zu schaffen, bei den Entscheidern, die letztendlich auch das Geld dafür ausgeben müssen. Auf dieser Messe, der Call Center World ist es immer wieder ein Argument, dass es sich die Mitarbeiter wünschen. Dass das Klima besser ist, die Akustik besser ist, dass auch schon große Probleme da sind, aber auch oft gehört wird, „unsere Chefs geben das Geld dafür nicht aus, die sehen nicht den Nutzen.“. Es ist eine prinzipielle Frage, dass man auch weiter thematisiert und sensibilisiert. Dass derjenige der es entscheidet davon überzeugt ist, dass er etwas Gutes für seine Mitarbeiter tut.

GS: Bleiben wir mal bei der Luftqualität, welche Stellschrauben kann man da bewegen? Was kann man da machen? Und was machen Sie in der Status Quo Analyse?

Giesel: Wenn man das Thema Raumklima analysiert, sollte man immer bei dem 1×1 anfangen. Das Thema Temperatur ist immer ganz entscheidend. Temperatur, Luftwechsel, also der Frischluftanteil, und die Luftfeuchtigkeit. Das sind die drei wichtigen Faktoren. Wir gehen so vor, dass wir direkt vor Ort, im Unternehmen schauen: Wo sind die Engpässe? Wie ist die Temperatur gestaltet? Um dann Lösungen vorzuschlagen.

GS: Wir sehen es auch hier am Stand, hier sprüht etwas heraus. Was genau kommt da raus?

Giesel: Dort kommt jetzt reines Wasser raus, reines, speziell aufgearbeitet Wasser. Was hier im Dauereinsatz gezeigt wird, wird dann im Betrieb weniger sichtbar sein, aber genau diese Wirkung hat. Den Organismus, die Gesundheit und die Schleimhäute schützt und dem Menschen wohlbefinden schafft. Ein ganz wichtiger Aspekt, und da ist der große Stellhebel, dass die Gesundheit dazu führt, dass die Mitarbeiter weniger krank sind und seltener Zuhause bleiben und dadurch der Wirtschaftliche Faktor erhöht wird.

GS: Trockene Luft kann ja sogar bis zur Nierenkolik führen. Was ist noch zu berücksichtigen? Beispielsweise in der Ausstattung?

Harrer: Unsere Philosophie des Hauses „Preform“, das ich seit 20 Jahren als Vertriebsleiter vertreten darf, hat in der Philosophie den Leitfaden „Humanisierung“ am Arbeitsplatz, Büro, die Prävention in den Vordergrund gestellt. Der Mensch soll sich nicht den Möbel anpassen, sondern die Möbel an den Menschen. Dass Wirbelsäulenprobleme dadurch reduziert werden, dass die Reizflut wesentlich geringen wird. Menschen haben ja nicht in der Häufigkeit Stress durch den Arbeitsablauf oder die Aufgabe, sondern durch die Reizflut, die im Kopf erstmal gefiltert werden muss. – Was will ich wissen, was will ich sehen, was will ich nicht wissen – Das diese Überinformation erstmal so gestaltet wird, dass sie reduziert wird, dass der visuelle Schutz gewährleistet wird, sowie auch der akustische Störbereich wesentlich reduziert wird. Dann sind die Menschen auch am Arbeitsplatz in dem Bereich Wohlfühlarbeit.

GS: Wie viel müssen Sie sich dann mit den Architekten anlegen? Es gibt viele die sind da sehr empfindlich. Die Architekten haben bestimmte Konzepte und denken vielleicht am Ende des Tages gar nicht an den einzelnen Menschen, der da arbeiten muss. Es gibt in Bonn ein berühmtes Beispiel, das ich hier aber nicht anführen will. Dort gibt es dann Lichtkonzepte, Glaskonzepte, da gibt es sogar ein Ordentlichkeitskonzept, dass ein bestimmter Glastisch immer von irgendwelchen Unterlagen befreit werden muss, wenn man den Raum verlässt. Daran würde ich Beispielsweise scheitern, weil ich ein unordentlicher Mensch bin, bei dem in der Unordnung aber noch eine gewisse Ordnung besteht. Meine Individuelle Note könnte ich da schon mal nicht durchsetzten.

Harrer: Bei Glas wäre ich sehr vorsichtig. Das hat nicht nur etwas mit der Transparenz des Lichtes, der Durchsichtigkeit und Offenheit, sondern auch mit Hygiene zu tun. Glas und Hygiene, beides verträgt sich überhaupt nicht. Ich habe solche Fälle schon im Hochsommer gesehen. Jeder Mensch hat irgendwann mal Schweisshände und gerade das hat hygienische Gründe, Gesundheitserhaltung und Krankheitserreger zu erhalten.

GS: Was sind denn Trends, die auch in der Architektenszene spielen, damit müssen Sie sich ja auch auseinandersetzten.

Giesel: Natürlich, das ist auch oftmals das große Problem. Die Architekten legen sehr viel Wert auf Ästhetik und Design. Man muss ihnen aber entgegenrufen, „Liebe Architekten, achtet auf die Menschen. Schaut auf die Menschen die im Büro arbeiten, macht es funktional. Das ist das kleine 1×1, Akustik, Licht, Klima. Darauf müsst ihr achten. Alles andere herum ist zwar nett, sieht auch gut aus, wenn es die Funktion erfüllt ist es perfekt. Ansonsten lieber darauf verzichten, und den Menschen im Fokus sehen.“

GS: Eigentlich müssten Sie dann in der Frühphase mit eingebunden werden. Das wäre doch die Perfektion, oder?

Harrer: Wenn wir in der Frühphase eingebunden sind, wäre es für alle Seiten vorteilhaft. Für den Investor, den Architekten, sowie unsere Unternehmen, die als Hersteller gelten. Wir werden leider Gottes erst zu spät eingebunden. Dann müssen wir mit sehr viel Engagement und Überzeugungskraft auch den Architekten überzeugen, dass unsere Philosophie gedacht ist für den Menschen und die Leistungsfähigkeit seiner Arbeitsprozesse sowie die Wirtschaftlichkeit für das Unternehmen. Mit Schönheit, das erleben wir im Wohnen – schöner Wohnen – und Büroleben sind zweierlei.

GS: Frühzeitige Einbindung bedeutet aber auch Geld zu sparen, oder?

Giesel: Ja natürlich. Das möchte auch jeder Architekt gerne. Sollte er zumindest, außer er hat Bauherren die viel Geld ausgeben wollen. Das ist genau der Punkt. An diesem Punkt setzten wir auch mit der Initiative Wohlfühlarbeit an. Das wir einfach sagen, wir müssen frühzeitig sensibilisieren. Wir müssen es kommunizieren, dass die Architekten, die die Arbeit machen müssen das auch frühzeitig wissen. Aber auch, dass die Bauherren, die mitentscheiden was passiert, sensibel sind für die wichtigen Themen heute sind.

GS: Kann man das auch prozentual ausdrücken? In wie vielen Fällen werden Sie im Vorfeld zumindest schon einmal gefragt?

Giesel: Die gute Nachricht ist, dass es steigend ist. Tendenz steigend. Aber es ist noch zu wenig. Wir haben nun den Vorteil, die Firma „Preform“ und die Firma „Draabe“, dass wir sehr viel Endkundengeschäft machen und wir den direkten Kontakt zu dem Endkunden sehr frühzeitig haben, da kann man viel mehr bewegen als über Planer die etwas schwerfälliger sind.

Büroarchitekten ignorieren Faktoren für Wohlfühlarbeit #ccw12

Im meinem Beitrag „Über Lichtsuppen, schrumpfende Büros und Lärmstress: Moderne Büros vernachlässigen den Faktor Mensch“ habe ich mich ja schon über die planerischen Mängel beim Bau von Bürogebäuden ausgelassen.

Wenn Architekten und Designer sich in der Bürowelt austoben, bleibt häufig die individuelle Note auf der Strecke: Glasfassade mit Lichtkonzept, Glastische, Glaswände – fehlt eigentlich nur noch das gläserne Klo. Aseptische Arbeitsplätze, die kaum Raum für persönliche Vorlieben lassen. „Denkt immer an die Menschen! Das muss man heute mehr denn je allen zurufen, die Büros planen und einrichten“, fordert Dominic Giesel, Sprecher der Initiative Wohlfühlarbeit. Ruhe, Entspannung, gesunde Atemluft, Wohlbefinden und der Schutz der Gesundheit seien Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen. „Design und Funktionalität sind bedeutungsloses Beiwerk, wenn Architekten ihre Hausaufgaben nicht machen. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“, sagt Giesel im Gespräch mit Service Insiders.

Das gilt für Raumgestaltung, Lärmpegel, Luftqualität, Beleuchtung, Büromöbel, individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes und Bepflanzung. In der Regel achten Bauherren und Architekten wenig auf Kriterien, die für Büro-Mitarbeiter wichtig sind. Dabei müsste man schon bei der Planung entsprechende Expertisen einholen und in das Baukonzept integrieren, statt nachträglich mühsam Schwachstellen zu beseitigen. Unter dem Strich wird das nämlich teurer, wie mir zwei Vertreter der Initiative „Wohlfühlarbeit“ im Interview auf der Call Center World in Berlin bestätigten:

Plan B der Menschheitsretter: Wie man das Nichtraucher-Reinheitsgebot bundesweit durchsetzen könnte

Auf die Bajuwaren ist doch Verlass. Mit einem eindeutigen Votum beenden sie endlich die kruden und verschwörerischen Ausnahmeregelungen beim Nichtraucher-Reinheitsgebot. Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass sich Kneipen, Restaurants und Raucher in pseudolegalen Zirkeln, Clubs sowie Sekten organisieren, um dem Nikotinrausch zu frönen. Schön, dass es noch eine Partei zur Volksbeglückung und Hygiene gibt: die ÖDP! Sie hat sich an die Spitze eines radikalen Vorgehens gegen Raucher gesetzt und nun den nötigen plebiszitären Rückenwind erhalten, um nicht nur Bayern, sondern die gesamte Republik vom Joch des blauen Dunstes zu befreien. Ein wahrer Kenner der parteipolitischen Anti-Raucher-Szene ist der FAZ-Redakteur Christian Geyer. Er kommentiert den bayerischen Volksentscheid geradezu enthusiastisch. Die Behauptung, das Ergebnis im Lederhosen-Freistaat gefährde Arbeitsplätze, sei absurd. Wo kommen wir denn hin, wenn Eigentümer von Kneipen, Restaurants oder Bierzelten auf irgendwelche nebensächliche Grundrechte pochen und verfügen würden, Raucherzonen festzulegen oder konspirative Raucherclubs zu gründen, um Nichtrauchern das Leben zur Hölle zu machen.

Sollen aus wirtschaftlichen Gründen etwa Asbesthersteller weiterhin Asbest verbauen dürfen, fragt sich der FAZ-Feuilletonist. Kann man es Spaziergängern zumuten, wenn Hunde öffentliche Gehwege und Parkanlagen zuscheißen? Oder einer meiner Nachbarn mit lauter Musik von Metallica in den Wahnsinn getrieben wird?

Einen zweiten Vorwurf hat der Mehrheit-ist-Mehrheit-Apologet Geyer ebenso eindrucksvoll widerlegt. Es sei nicht hinnehmbar, wenn eine Minorität im Lande jetzt herumheult und vor einem Verbotsstaat warnt. Was noch so alles möglich wäre mit Verbots-Volksentscheiden, sei nebensächlich. Ein Verbot von alkoholischen Getränken oder fetten Schweinebraten würde doch keiner ernsthaft fordern. Passive Alkoholtrinker würde es nicht geben und vom Geruch eines Schweinebratens könne man nicht dick werden. Aber wie sieht es mit der Hundescheiße an meinen Straßenschuhen aus? Da wird nicht nur passiv, sondern höchst aktiv mein Haus kontaminiert. Hier böte sich doch ein Verbot des öffentlichen Hundekackens an. Besonders gefährlich sind zudem die fanatischen Anhänger der Grill-Bewegung, die mit ihrer Holzkohle das Klima schädigen und die guten Stuben der Nachbarschaft verpesten. Ein Grill-Verbot sollte deshalb ganz oben auf der Agenda von Geyer, ÖDP und Co. stehen.

In Bundesländern oder auf Bundesebene, wo man staatliche Regeln zur Volksbeglückung nicht mit Volksentscheiden durchsetzen kann, sollte die ÖDP einfach auf das Repertoire ihres Gründungsvaters Herbert Gruhl zurückgreifen, den sie ja auch stolz auf ihrer Website präsentiert.

Wenn das Überleben der Menschheit und Passivraucher auf dem Spiel steht und eine liberal-demokratische Regierungsform nicht zur Schonung der Betroffenen beitragen könne, müssten halt andere Maßnahmen greifen. Dann müsse der Staat „wegnehmen, entziehen, rationieren – und das nicht nur einer Gruppe, sondern allen! Er müsste eine Überlebensstrategie nicht nur konzipieren, sondern auch rücksichtslos durchsetzen“, schreibt Gruhl in seiner biblischen Schrift „Ein Planet wird geplündert“ auf Seite 307 in der Ausgabe von 1992. Nötig sei vor allem Verzicht, der mit einem tendenziell diktatorischen Maß an Zwang durch den Staat durchgesetzt werden müsste. Die Feiheit, so Gruhl, werde unvermeidlich abnehmen müssen, wollten wir die Lebensbedingungen auch nur der nächsten Generation erhalten.

Eine freie Wirtschaft oder freie Raucher werden dann nicht mehr möglich sein. „Jetzt muss die Zukunft geplant werden. Und es ist weit und breit niemand sichtbar, der das tun könnte, außer dem Staat. Wenn er es aber tut, dann muss er jetzt tatsächlich viele Freiheiten entschlossen aufheben, um das Chaos zu verhüten. Infolgedessen werden weitere Freiheiten nicht deshalb verlorengehen, weil alle immer besser leben wollen, sondern weil sie überleben wollen“, führt Gruhl in seinem Opus aus. Geradezu prophetisch sah er vor 1989 voraus, dass nur die westlichen Industrieländer dem Untergang geweiht seien. Sie seien von den Rohstoff-Lieferungen der Entwicklungsländer abhängig. Die aufkommenden Krisen würden daher nur die nichtkommunistischen Staaten treffen: „Die östlichen Länder werden davon faktisch nicht berührt. Wenn sie nicht wollen, dann berichtet bei ihnen nicht einmal eine Zeitung darüber (wie praktisch doch der kommunistische Meinungsmonopolismus war, gs)….Die kommunistischen Länder können die ganze übrige Welt in ihrem eigenen Saft schmoren lassen, ohne selbst betroffen zu sein…Ob diese Entwicklung in den kommunistischen Staaten nun gewollt ist oder nicht: Sie haben noch unausgebeutete und wahrscheinlich noch unentdeckte Reserven im Boden und damit einen entscheidenden Vorteil. Sie haben den weiteren Vorteil, dass ihre Menschen noch an ein weniger anspruchsvolles Leben gewohnt sind“, so Gruhl 1978.

Da können wir uns doch auf einen ÖDP-Jagerzaun-Gruhl-Staat freuen. Sollte die Mehrheit nicht mitziehen bei diesem Konzept, haben die Menschheitsretter noch einen Plan B in der Tasche.

Siehe auch:
Exkurs zur Glühbirne – Gutgemeinte Verbote und die Gefahr eines paternalistischen Staates“>Exkurs zur Glühbirne – Gutgemeinte Verbote und die Gefahr eines paternalistischen Staates (Ich bekenne mich schuldig. Ich kaufe Glühbirnen in Bosnien und importiere sie heimlich nach Deutschland. Darf ich jetzt mit einer verdienten Strafe rechnen?)

Triumph der Alpen-Puritaner.

Was Sprachcomputer noch leisten werden – O-Töne von Professor Wahlster sind sehr interessant

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Über die Voice Days plus habe ich ja schon einiges berichtet. Interessant sind noch die Ausführungen von Professor Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) zu den sprachgesteuerten Diensten. Hier die O-Töne der Pressekonferenz. Am Anfang reden die beiden Vertreter der Nürnberg-Messe, dann Voice Days plus-Sprecher Bernhard Steimel und am Schluss dann Professor Wahlster.

Ernährung als Glaubensfrage

panoramaEigentlich wollte Sandra Maischberger in ihrer Talkrunde „die größten Ernährungslügen“ mit Hilfe von Spitzenköchen, Verbraucherschützern und einer Vertreterin der Lebensmittelindustrie aufdecken. Herausgekommen ist die übliche Brühe an Verdächtigungen gegen die Lebensmittelindustrie und wissenschaftlich höchst zweifelhafte Hypothesen über die Grundsätze gesunder Ernährung. Von Omega-3-Broten bis Anti-Aging-Bier wird der Verbraucher mit zweifelhaften Wunderwirkungen und Zusatznutzen veräppelt.

Einzig der streitbare Lebensmittelchemiker Udo Pollmer setzte den naiven Weisheiten der versammelten „Experten“ etwas Realismus entgegen: „Essen macht satt. Nicht schön oder gesund“, so Pollmer. Ungesund sei Essen nur dann, wenn aus Versehen eine Glasscherbe mit hineingerührt wurde. Bier gegen das Altern, vegetarische Ernährung gegen Krebserkrankungen und sonstige Mythen seien hochgradiger Quatsch. So bestehe der „ernährungsphysiologisch so wertvolle“ Kopfsalat zu 95 Prozent schlichtweg aus Wasser und zu 2 Prozent Zellulose. „Packen Sie ein Taschentuch in ein Glas Wasser, dann kommen Sie schon ungefähr auf diesen Wert“, so Pollmer. „Mit einer 100-Gramm-Portion nimmt man phantastische 1,52 Gramm Eiweiß, 1,10 Gramm Kohlenhydrate sowie geschlagene 1,52 Gramm Ballaststoffe zu sich. Dafür ist er mit 0,22 Gramm Fett ziemlich mager. Da schlagen Ernähungsberaterherzen doch gleich höher“, so Pollmer.

Die Vitamine könne man im Salat mit der Lupe suchen: „Was, Sie finden immer noch nix? Es braucht wohl besonders empfindlich Analysemethoden, um des Vitamins C habhaft zu werden. Ansonsten duckt es sich gern unter die Nachweisgrenze“, erklärt Pollmer. Anders verhält es sich mit Nitrat. Da komme man auf 250 Milligramm. Nitrat liege deutlich vor Chlorid, Phosphor und Calcium. Und wenn der Bauer ordentlich dünkt, könne es schon mal das Doppelte sein. Dann kommen noch hormonelle Wirkstoffe hinzu. „Der Salat im alten Griechenland hieß bei Pythagoräern nicht ohne Grund Eunuchenkraut“, sagte Pollmer in der Sendung.
All das konnte die Schauspielerin Marion Kracht als „Ernährungsexpertin“ nur schlecht verdauen. Die bekennende Vegetarierin konterte schlicht und einfach: Sie könne das von Pollmer Gesagte nicht glauben. Na ja, der Glaube versetzt Berge und irgendwie müssen die Anbieter von super-gesundem Obst und Gemüse auch ihr Geschäft machen.

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Spracherkennung als Bürokratiekiller im Gesundheitswesen

Sie produzieren Berge von Bürokratie – so lautet einer der häufigsten Kritikpunkte an modernen Gesundheitssystemen in aller Welt. „Doch gegen Bürokratie lässt sich etwas unternehmen: Kliniken, die bei der Erstellung von Dokumenten auf digitales Diktat und Spracherkennung setzen, beschleunigen damit das Anfertigen von Arztbriefen und Befunden“, berichtet der Fachdienst HealthTech Wire.

Sie würden das medizinische Personal entlasten, die Patientensicherheit erhöhen und die einrichtungsübergreifende Vernetzung voranbringen. „Aktuelle Daten dazu liefert zum Beispiel Javier Quiles del Rio, IT-Leiter des Gesundheitsdienstes in der spanischen Region Galizien. Dort werden derzeit alle 14 öffentlichen Krankenhäuser mit Spracherkennung ausgestattet“, so HealthTech Wire. „In einem Krankenhaus mit 1.200 Betten hat sich durch die Spracherkennung die Zeit bis zur Erstellung eines endgültigen radiologischen Befundes von knapp zwei Tagen auf einen halben Tag reduziert“, erläutert Quiles del Rio.

Die Vorteile einer automatisierten Dokumentation bestätigt der Radiologe Dr. Robert Kierse vom Institut für Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin am Klinikum Neuperlach: „Der ganze Prozess der Dokumentenerstellung mit Diktat auf Band, Transkription im Schreibbüro oder Korrektur konnte von sieben Schritten auf nur drei Schritte reduziert werden“, so Kierse gegenüber dem CIO-Magazin. Auf diese Weise werden nicht nur Kosten gespart, der Patient könne durch die beschleunigte Erstellung des Befundes auch schneller behandelt werden. Mittlerweile werden in Neuperlach 90 Prozent aller radiologischen Dokumente mit Online-Spracherkennung erstellt, die übrigen zehn Prozent mit Offline-Spracherkennung.

Das intelligente Heim - Projekte des Bundesfamilienministeirums
Das intelligente Heim - Projekte des Bundesfamilienministeriums
Auch das Pflegeheim „Im Münchfeld“ des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) in Mainz sammelte positive Erfahrungen in einem Pilotprojekt. Über eine intelligente Vernetzung von Hard- und Software sollen die Pflegeprozesse optimiert werden. Das umfasst die Software OPAS Sozial und moderne Spracherkennungstechnologien. Die technische Basis der in diesem Pilotprojekt entwickelten Lösung, die mittels Telefon und Sprache eine strukturierte und zugleich individuelle Dokumentation der Pflege ermöglicht, bildet eine modulare, integrierte Informations- und Telekommunikations-Plattform von Aastra-DeTeWe. Sie umfasst einen Kommunikations-Server sowie die neuesten Versionen der Kommunikationslösungen für stationäre Pflege und Betreutes Wohnen: Aastra Voice Portal für die Spracherkennung und die OPAS Sozial Software-Lösung für die stationäre Pflege.

Die Dokumentation mittels Spracherkennung erfolgt häufig im Bewohnerzimmer oder direkt im Anschluss an die Pflegeleistung. Der Anteil des Pflegepersonals, der so vorgeht, ist deutlich gestiegen. So geben knapp 90 Prozent zu Protokoll, dass die Lösung leicht bedienbar sei und rund 80 Prozent der Umfrageteilnehmer ziehen die EDV-gestützte Pflegedokumentation mit OPAS Sozial einer Papierbasierten Dokumentation vor.

Zusätzlich hierzu wurde in einem Überwachungsaudit der Einrichtung im Münchfeld von 2008 zur Zertifizierung nach DIN ISO 9001:2000 von den Auditoren festgehalten, dass die im Rahmen des Modellprojekts modifzierte Pflegedokumentation einen nachvollziehbaren Fortschritt im Hinblick auf Vereinfachung, Zeitersparnis und Erhöhrung der Zuverlässigkeit in der Dokumentation darstellt. Die digitale Sprachverarbeitung und insbesondere die Spracherkennung könnten auch dazu beitragen, Kliniken den Umstieg von der Papierdokumentation auf elektronische Patientenakten zu erleichtern.

„Im Zusammenhang mit elektronischen Patientenakten ist Spracherkennung für mich ein strategisches Werkzeug. Spracherkennung hilft uns dabei, die Digitalisierung umzusetzen, weil es ein schnelles und einfaches Verfahren ist, elektronische Dokumente zu erstellen“, betont Quiles del Rio. Auch hier hat er Zahlen aus Spanien parat: In radiologischen Abteilungen mit Spracherkennung liegt die Quote der Befunde, die elektronisch verfügbar gemacht werden, bei mehr als 90 Prozent. Einrichtungen ohne Spracherkennung kommen nur auf die Hälfte.