Stellenwert der Agrarwirtschaft für die Volkswirtschaft #Bloggercamp.tv

Landidylle in den 1960er Jahren
Landidylle in den 1960er Jahren

War früher alles besser, wenn es um die Versorgung mit Lebensmitteln geht? Können wir in einer Volkswirtschaft mit 80 Millionen Menschen zurück zur Natur? Was ist oder war überhaupt natürlich? Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik.

Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen Verfahren wie Räuchern oder Pökeln zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel “entfremden”, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit.

Die “unberührte” Natur taugt wenig zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern. Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu “unverfremdeter” Rohmilch greifen möchte, soll das tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein.

Wer also über die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion lästert, sollte zumindest die Vergangenheit nicht glorifizieren oder verzerren. Ein Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte die Sinne schärfen. Wie sah die Pro-Kopf-Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland aus? Wie hoch war die Lebenserwartung? Wie viele Menschen sind an Mangelernährung gestorben? Und welche Bevölkerungskreise waren davon betroffen und welche nicht?

Und dann hätte ich da noch ein paar Fragen, die mir vielleicht die großen Naturkost-Firmen beantworten können – also Rapunzel und Co.. Wie hoch ist die Importquote an Vorprodukten, die bei der Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen? Aus welchen Ländern werden diese Vorprodukte importiert? Und wie werden die ökologischen Standards in diesen Ländern sichergestellt? Wie werden die Vorprodukte angeliefert (Schiff, Flugzeug und LKW) und was für Transportentfernungen haben diese Vorprodukte auf dem Buckel?

Und warum ist noch mal in den 90er Jahren das Mehrwegsystem der Naturkost-Hersteller für pestizidfreien Karottenmus, Tomatensaft und Honig von glücklichen Bienen zusammengebrochen? Und warum konnten nur mickrige ein bis zwei Umläufe der “Mehrweg-Gläser” erreicht werden, für die sich jeder Bierbrauer schämen würde. Öko-logisch?

Und dann würde mich noch interessieren, wie viel industrielle Massenfertigung in der ökologischen Landwirtschaft steckt, denn schließlich kann ich Bioprodukte schon in jedem Discounter in Deutschland kaufen? Diese Fakten sollten die Agrarblogger liefern, aufarbeiten und präsentieren – mein Wunsch an die heutige Bloggercamp.tv-Runde:

Warum Landwirte Öffentlichkeitsarbeit machen müssen: #bloggercamp.tv am nächsten Mittwoch 16 Uhr

Der Netzlandwirt Alois Wohlfahrt aus dem Allgäu ist seit Anfang Januar als Blogger aktiv. Warum er das jedem Landwirt empfiehlt, wird er in unserer 16 Uhr-Sendung erklären. Während der Liveübertragung könnt Ihr midiskutieren via Twitter mit dem Hashtag #bloggercamp oder über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus.

Um 11 Uhr zeigen wir Euch, wie man Webinare via Hangout on Air organisieren kann.

Siehe auch:

Das Dilemma, nicht zu kommunizieren.

Süße Blogger beim Bonner FoodCamp #bnfc14 #SweetUp

Süße Verführung
Süße Verführung

Es gibt sie noch, die verführerischen Süßigkeiten, die sich von der üblichen Handelsware abheben und den Gaumen umschmeicheln. Ein SweetUp der Blogger Jay F Kay, Christian Kaufmann und Jens A. Heim stellte das beim Bonner FoodCamp unter Beweis. Und jeder hat so seine Obsessionen. Etwa der bekennende Keksologe Jay oder der Lakritzen-Missionar Christian. Entsprechend war auch die Auswahl an Kostproben, die den Teilnehmern nicht nur vorgestellt, sondern auch zur Geschmacksprobe angeboten wurden.

Es fällt sogar schwer, die eigenen Favoriten zu benennen. Etwa die Produkte der Kekswerkstatt, die man nach eigenen Wünschen bestellen kann und die sich vom pappigen sowie trockenen Einerlei in Supermärkten deutlich unterscheidet. Oder die Lakritz-Kreationen von LAKRIDS by Johan Bülow, die man im Verkaufsshop eines großen Bonner Herstellers, der genau gegenüber dem Kochatelier liegt, niemals im Sortiment verorten kann. Als Lakritz-Fan war ich schon über die Kombinationen mit feinster Schokolade überrascht und weiß jetzt, wo ich mit meinen Online-Bestellungen zuschlagen muss.

Und dann gab es ja auch noch die „Haller Comburg-Möndchen“, ein Makronengebäck mit Schokoladencreme und Zartbitterschokolade. Gibt es in keiner Billig-Bäckerei und auch in keiner anderen Allerwelts-Kette, sondern nur in der Conditorei Café Hammel – ein patentiertes Hausrezept. Auch hier kann man online bestellen.

Die drei Sweetup-Blogger haben sich einer tollen Idee verschrieben und brachten das rüber, was man sich von einer FoodCamp-Session verspricht. Bei der diesjährigen republica werden sie auch ein SweetUp über die Bühne ziehen – auch wenn sie nicht im offiziellen Programm auftauchen sollten. Dann gibt es eine Guerilla-Session, die über Twitter „heimlich“ verbreitet wird. Parole #SweetUp #rp14 oder so. Malt-Whiskey soll dabei dann auch eine Rolle spielen, um so lustiger kann man die anderen republica-Vorträge wahrnehmen. Ich freu mich auf die Drei in Berlin :-). Vielleicht machen wir vorher noch ein virtuelles SweetUp in Bloggercamp.tv.

Alles bio?

Die Vorsilben „Öko“ und „Bio“ werden an alles Mögliche geklebt, ohne dass jemand nachfragt, ob die so geadelten Produkte oder Verfahren tatsächlich einen Umweltvorteil bieten. Häufig geht es wohl eher um Glaubensfragen, Placeboeffekte oder um die Beruhigung des schlechten Gewissens, wenn man mit dem Porsche Cayenne (Polemik, aber schon beobachtet;-)) auf den Parkplatz des Bio-Supermarktes rauscht, Ökoprodukte einkauft und meint, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben. Stiftung Warentest (veröffentlicht in der Juni-Ausgabe) hat sich Bio-Lebensmittel etwas genauer angeschaut. Bilanz aus 85 Tests: weniger Pestizide, aber qualitativ nicht immer besser. Biolebensmittel sind nicht automatisch gesünder oder schmackhafter als konventionelle Lebensmittel.

Nach den Qualtiätsurteilen gibt es im Durchschnitt auch sonst keine qualitativen Unterschiede. Allerdings bietet die Ökokost zwei Vorteile gegenüber der konventionellen: Pestizide kommen selten vor. Außerdem engagieren sich die Bioanbieter wesentlich stärker für Umwelt und Soziales als Hersteller herkömmlicher Produkte. Sowohl bei den herkömmlichen als auch bei den Biolebensmitteln gab es Produkte mit „sehr guten“, aber auch „mangelhaften“ test-Qualitätsurteilen – und das in recht ausgewogenem Maße. Bioprodukte haben die konventionelle Konkurrenz zum Beispiel bei Vollmilch oder bei Würzölen deutlich übertrumpft. Bei nativem Rapsöl hingegen schnitten viele konventionelle Produkte besser ab.

Frischem Bioobst, Biogemüse und Biotee können Verbraucher vertrauen: In 75 Prozent dieser Produkte waren gar keine Pestizide nachweisbar, hier ist Bio klar im Vorteil. Mit Keimen und der Sensorik also z. B. dem Geschmack und Geruch haben Bioprodukte heute seltener ein Problem.

Das ist die eine Seite der Medaille. Geht es um die Ökobilanz, dann sollte man die Imagepolitik der Öko-Lobby etwas kritischer analysieren. „Bio ist prima fürs Klima!“ werben Ökoagrarverbände. Ihr Argument: Wir sparen Mineraldünger, zu dessen Herstellung fossile Brennstoffe verbraucht werden. Konventionelle Bauern kontern: „Mehr Milch pro Kuh ist aktiver Klimaschutz!“ Ihr Argument: Konventionelle Höfe erzeugen mehr Milch, Fleisch und Eier pro Tier. Auch erreichen die Tiere ihr Schlachtgewicht viel früher, leben also kürzer und brauchen weniger Futter. Ergo: Sie stoßen weniger klimaschädliches Methan aus. Biosprit, Bionahrung oder Bioplastik – häufig sind das hochtrabende Floskeln mit wenig Substanz. „Die Kritik an ‚industrieller Landwirtschaft’ und ‚entfremdeten Lebensmitteln’ ist schön bequem, aber auch pharisäerhaft. Da hat sich ein ganzer Treck von Sehnsüchten, Nostalgien und Naturverklärungen in Gang gesetzt, der nicht mehr nach Logik oder Fakten fragt. Landwirtschaft war schon immer unnatürlich, auch wenn das manche Verkünder des Biobauerntums gern ausblenden. Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet – und zwar unumkehrbar. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner entstanden durch künstliche Selektion. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik. Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe sogar drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen zurückgedrängt haben, beispielsweise Räuchern und Pökeln. Plastikversiegelung, Dose, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel ‚entfremden’, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit“, so die Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.

Manche Biomethoden könnten sogar schädlicher für die Natur sein als die üblichen Arbeitsweisen. So müssten Biobauern, weil sie auf chemische Unkrautmittel verzichten, unerwünschten Pflanzenwuchs mit mechanischen Geräten aus der Erde reißen. Der Druck schwerer Maschinen verdichte den Boden und verschlechtere den Lebensraum der unterirdischen Kleintierwelt. Viele Konsumenten wüssten zudem nicht, dass auch Biobauern Pestizide spritzen. Sie dürften lediglich keine synthetisch erzeugten Chemikalien benutzen. Erlaubt seien pflanzliche Gifte, Mineralöle, Bakterienstämme und auch einige Chemikalien. Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle könnten riskante Keime transportieren. Beim Obst- und Weinbau werden von den Ökobauern Kupferpräparate eingesetzt, mit schweren Folgen für die Umwelt, monieren Maxeiner und Miersch. Denn das Schwermetall sei toxisch für Bodenlebewesen, Fische, Vögel, Säuger und auch Menschen. Dietmar Groß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft kritisiert, dass Kupferpräparate immer häufiger eingesetzt werden. Da der Biobauer nur wenige wirksame Mittel habe, aber von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont bleibt, werden beispielsweise die Bioäpfel zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt:

„Massiver Landverbrauch, Gifteinsatz, hoher Energie- und Wasserbedarf, erhöhtes Aufkommen von Fäkalien und Methan: Die Umweltbilanz des Biolandbaus sieht nicht sehr gut aus. Obendrein gibt es noch eine andere schleichende Gefahr, die von Biohöfen ihren Ausgang nimmt und über die nur selten geredet wird: die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen von räuberischen Insekten und Spinnentieren ausgesetzt, die Obst, Gemüse und Ackerpflanzen von Schädlingen befreien sollen. Zwar werden Nebenwirkungen dieser Kampf-Insekten vor dem Einsatz nach gesetzlichen Vorgaben geprüft. Denn liegt im vertrauensvollen Umgang mit ihnen ein seltsamer Widerspruch. In den Erklärungen der Bioverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Biolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber aufregt. Dabei sind bereits ökologische Schäden nachweisbar“, kritisieren Maxeiner und Miersch.

Der Glaube kann zwar manchmal Berge versetzen, aber keine ökologischen Wunder vollbringen.