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Wie Mainstream-Ökonomen Kritiker abwatschen – Über die Abschottungstaktik der VWL-Formelkonstrukteure #NEO16x

Lektüreempfehlung für Mainstream-Ökonomen
Lektüreempfehlung für Mainstream-Ökonomen

Die Mainstream-Ökonomen markieren eine merkwürdige Kampflinie gegen die pluralen Ökonomen: Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten.

„Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg nach einem Bericht der FAZ.

Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung.

„Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann.

Etwas ärmlich die Replik, die sich immer noch in Kategorien der politischen Gesäßgeografie bewegt. Dabei gibt es gute Gründe, dass naturwissenschaftliche Gehabe der neoklassischen Wirtschaftstheorie mit ihrem pseudo-neutralen Habitus in Frage zu stellen: Man braucht sich nur die Kollateralschäden der Deregulierung anschauen, um die Werturteilsfreiheit, die in VWL-Lehrbüchern fast religiös gepredigt wird, werten zu können. Etwa beim Investment-Banking, beim Buchhaltungsrecht oder im Sicherheitssektor. Stichworte wie WorldCom-Pleite, Lehman-Untergang, Savings and Loans-Debakel, Enron-Arthur-Andersen-Skandal mögen da ausreichen. Wir könnten jetzt noch VW, Deutsche Bank, Thyssen, RWE und Co. hinzufügen. Es gibt kein Naturgesetz und keinen Automatismus in der Ökonomik, um für Wohlfahrt zu sorgen. Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Was kann man ändern jenseits der Erbsenzählerei, die sich in Algorithmen, ceteris paribus-Formeln und sonstigen von Menschen gemachten mathematischen Rechenexempeln verstecken.

Auch in Algorithmen verstecken sich Werturteile

Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation.

„Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch.

Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen und sich nicht hinter Formeln, Kennzahlen, Rankings, aufgeblähten Umsätzen und Renditen zu verstecken.

„Es muss grundsätzlich eine Änderung der Ökonomik herbei geführt werden, die nicht mehr von mechanistischen Paradigmen geprägt ist“, fordert Professor Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen.

Auch Formelkonstrukteure müssen sich einem normativen Diskurs stellen

Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen. Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Ich sehe die Notwendigkeit für eine Radikalkur an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden. Diesen Vorschlag machte der Innovationsexperte Jürgen Stäudtner im #NEO16x Käsekuchen-Diskurs:

„Man hat an den guten Kunstakademien gar keinen richtigen Unterricht mehr. Es gibt ein Orientierungsjahr, in dem versucht man, seinen Weg als Künstler herauszufinden. Es wird erwartet, dass man sich die dafür notwendigen Fähigkeiten selber beibringt. Im Hauptstudien geht es dann rund drei bis vier Jahre nur darum, eigene Projekte durchzuführen, besser zu werden und an der Verbesserung seiner Fähigkeiten zu arbeiten.“

All das ist auch in der Ökonomik möglich – in der BWL und in der VWL.

Wir sollten die nächste netzökonomische Debattenrunde in einer Kunstakademie machen – vielleicht trauen sich ja auch ein paar Mainstream-Ökonomen hin. Ist allerdings ein offenes Format ohne Sprachregelungen mit Liveübertragung – es gilt das gesprochene Wort. Für manche Establishment-Wissenschaftler vielleicht schon zu offen und nicht kalkulierbar. Man könnte zu schnell die heiße Luft spüren, die von den neoklassischen Ökonomen verbreitet wird.

Eure Meinung interessiert mich.

Siehe auch die Diskussion auf Facebook.

Goethe, Weltpoesie und internationale Diskurse: Über die Wiederbelebung der Salonkultur #StreamingEgos @meta_blum

Vorbereitungen des Salon-Gespräches mit Sabria David
Vorbereitungen des Salon-Gespräches mit Sabria David

Das Internet ändert die Strukturen unserer Öffentlichkeiten, es ändert die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, es macht es einzelnen einfacher, sich in politische, kulturelle und gesellschaftliche Debatten einzumischen, es macht institutionelle Grenzen durchlässiger und Entscheidungsprozesse transparenter, es ist anders als Massenmedien interaktiv und wird so auch genutzt.

„Das Internet hat das technische Potenzial für eine demokratische, partizipatorische Mediennutzung”, frohlockt der Medienwissenschaftler Stefan Münker und verweist auf Jürgen Habermas, der fest davon überzeugt ist, dass das World Wide Web die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenmedien ausgleiche. Für Michel Foucault waren die Ausschlussmechanismen der Massenmedien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Diese Spielregeln werden im Netz untergraben. In einem Pressegespräch des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) erläuterte die Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten von digitalen Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren.

“Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‘Wie wäre es denn schön’”, sagte Rosen.

Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room:

„Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert.“

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst”.

Die Salonkultur im 18. und 19. Jahrhundert war bekanntlich geprägt von der Periodizität des Zusammentreffens, von der Durchlässigkeit bei den Teilnehmern und von der Schaffung von Gegenöffentlichkeit zur höfischen Macht. Das Gespräch galt als wichtigstes Handlungsmoment und die Internationalität.

Letzteres soll in dem Beitrag des deutschen Länderzirkels zur StreamingEgos-Convention des Goethe-Instituts mit digitalen und analogen Mitteln wiederbelebt werden. Kuratorin des Projektes ist Sabria David, Leiterin des Slow Media Instituts in Bonn.

Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Peter Goßens geht Sabria David der Frage nach, wie der Dichterfürst Goethe den transnationalen Diskurs beförderte. Etwa mit seinem Grußwort an die Versammlung von Naturforschern und Ärzten im Jahre 1828. Goethe ging es darum , dass die gebildeten Menschen seiner Zeit miteinander darüber diskutieren, wie man altes Wissen in die neue Zeit rettet und ein neues gesellschaftliches Modell entwickelt:

„Wenn wir eine europäische, ja eine allgemeine Weltliteratur zu verkündigen gewagt haben, so heißt dieses nicht daß die verschiedenen Nationen von einander und ihren Erzeugnissen Kenntnis nehmen, denn in diesem Sinne existiert sie schon lange, setzt sich fort und erneuert sich mehr oder weniger; nein! hier ist vielmehr davon die Rede, daß die lebendigen und strebenden Literatoren einander kennen lernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlaßt finden gesellschaftlich zu wirken.“

Die europäischen Beiträge des StreamingEgos-Projekte werden am 16. Januar in Düsseldorf vorgestellt und von mir live übertragen.

Einen Ausblick auf die Convention des Goethe-Insituts gibt Sabria David im ichsagmal.com-Bibliotheksgespräch.

Hashtag zum Mitdiskutieren über Twitter #StreamingEgos oder über den Frage-Button der Google Plus-Eventseite.

Goethe-Salon-Blog verdient eine Nominierung für den Goldenen Blogger des Jahres.

Ästhetischer Mathe-Unterricht mit digitalen Werkzeugen #DigitalesManifest

Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge - Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.
Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge – Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.

In der Bildungspolitik wäre es jetzt wichtig, sich mehr mit den Vorzügen des vernetzten Lernens auseinanderzusetzen. Stattdessen vergeuden die Kultusminister von Bund und Ländern wertvolle Zeit für Struktur-Diskussionen. An den wirklichen Schwächen der Wissensvermittlung mogeln sich die meisten vorbei.

„Besonders im Schulunterricht werden Dinge gemacht, die eher schädlich sind als nützlich. Ein Lehrer muss sich mit 30, 60 oder 90 Schülern beschäftigen; er hat ja nicht nur eine Klasse und muss das große Ganze im Blick haben, aber nicht den Einzelnen“, sagt der Wiener Naturwissenschaftler Professor Herbert W. Franke.

Eine individuelle Förderung sei unter diesen Umständen nicht möglich. Beim Einsatz von digitalen Lernautomaten würde das anders aussehen.

Wenn man ein analytisches System zur Verfügung habe, ist eine Bestandsaufnahme für jeden einzelnen Schüler möglich. Zudem könne der Unterricht variabler gestaltet werden.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke.

So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich.

„Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, weiß Franke.

Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren.

„Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, erläutert Franke im ichsagmal.com-Interview.

Kluger Kopf.

Digitale Werkzeuge seien unverzichtbar, da das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis wahnsinnig begrenzt ist, so der Psychologe Friedrich Wilhelm Hesse, Gründungsdirektor des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (Knowledge Media Research Center) in Tübingen.

„Da passen ganz wenige Einheiten rein, die ohne Wiederholungen schnell wieder verschwinden.“

Und das dauert nur 200 Millisekunden. Über die Digitalisierung erfährt man hingegen eine unglaubliche Erweiterung.

„Bei Google Books sind 30 Millionen Bücher eingescannt, Großbibliotheken digitalisieren ihre Bestände. Wir haben Open-Content-Bewegungen. Wir haben User-Generated-Content. Wir haben Wikipedia mit über zwölf Millionen Artikeln. Es existieren über 200 Millionen Blogs. Jeden Tag werden 600 Millionen Kurznachrichten gewittert. Die Nutzbarkeit dieser gigantischen Daten hängt mit der Intelligenz dieser Informationsressourcen zusammen über Hyperlinks, gegenseitige Referenzierung und implizit über maschinell erschließbare Ähnlichkeiten, um emergente Informationen zu erzeugen“, so Hesse bei einer Bonner Fachdiskussion der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Mit den digitalen Werkzeugen bestünde das erste Mal die Möglichkeit, unser Arbeitsgedächtnis zu erweitern. Wir können Informationen sichtbar machen, verschieben, kombinieren, kopieren und visuell aufbereiten. Das Arbeitsgedächtnis müsse die Daten nur noch für Schlussfolgerungen generieren.

„Ich kann die Information nach den Anforderungen des Arbeitsgedächtnisses permanent neu anordnen und unterschiedlich akzentuieren. Man gewinnt nicht nur ein zusätzliches Blickfeld. Ich kann auch Operationen wie im Arbeitsgedächtnis vornehmen“, erläutert Hesse.

Über das digitale Lernen äußert sich Martin Lindner in einem interessanten Podcast von Forschergeist!

Gaming: Der unterschätzte Kulturfaktor in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – Interview zur #Gamescom2014

Gamescom

Der Mensch ist ein Spieler – und ohne seine Lust und Fähigkeit zum Spielen hätten sich viele Kulturformen nicht entwickelt: Dichtung, Recht, Wissenschaft, bildende Kunst oder Philosophie. Das hat der Kulturphilosoph Johan Huizinga schon vor rund 75 Jahren in seinem Buch „Homo Ludens“ konstatiert. Keine neue Erkenntnis also. Wenn man sich Schulen, Universitäten, Unternehmen und die Politik in unserer heutigen Zeit anschaut, ist davon nicht sehr viel übrig geblieben – in Deutschland. Gibt es einen Lehrstuhl für Ludologie? Fehlanzeige. Den findet man aber an der dänischen Kunstakademie, wo sich Jesper Juul wissenschaftlich mit Spielen und besonders mit Videogames auseinandersetzt. Gibt es Unternehmen, die sich im Management mit den Vorzügen des Spiels beschäftigen? Die muss man mit der Lupe suchen. Gibt es politische Initiativen, die die Gaming-Branche als Katalysator für die Digitalisierung nutzen? In Südkorea mit ihrem Framework Act on Information schon. Dort wurden und werden staatliche Milliarden-Beträge in die Hand genommen, um die Digitalisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Auch in anderen Ländern findet man sehr schöne Beispiele, Gaming und Gamification als Wirtschaftsfaktor zu nutzen. Wenn aber Dorothee Bär als parlamentarische Staatssekretärin des Bundesverkehrsministeriums auf der Gamescom mit dem Statement aufwartet, Gaming als Impulsgeber für die Digitale Agenda der Bundesregierung zu sehen, kann das nur als Lachnummer gewertet werden.

All das habe ich in einem ichsagmal.com-Gespräch mit Roman Rackwitz, Gründer und Vorstandschef von Engaginglab, diskutiert. Ein längerer Bericht folgt nächste Woche. Weitere Statements zum Hangout-Diskurs sind hoch willkommen. Bis Dienstagvormittag habt Ihr Zeit, hier Kommentare zu posten oder mir via E-Mail etwas zu schicken, die ich dann für meine Mittwochskolumne verarbeite. E-Mail: gunnareriksohn@gmail.com

Vielleicht sollten wir auch Streitigkeiten im Social Web spielerischer angehen 🙂