Die Dienstleistungsgesellschaft, wie wir sie heute noch kennen, wird bald der Vergangenheit angehören. So jedenfalls sieht es Gunter Dueck, IBM-Cheftechnologe und Autor des Buches „Aufbrechen – Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“. „Viele Dienstleistungsberufe werden in den nächsten Jahren automatisiert. Ein Beispiel: Fast das gesamte Wissen über die Angebote einer Bank oder Versicherung steht irgendwo im Internet. Wenn ich eine Riester-Rente abschließen will oder einen Investmentfonds kaufen will, kann man im Web alle nötigen Informationen beziehen. Der Kunde recherchiert das nötige Wissen über diese Produkte bei allen Banken, kommt mit diesem Wissen zu seiner Hausbank und stellt fest, dass das Personal in diesem speziellen Punkt weniger weiß als er und bei Konkurrenzprodukten meist keine Ahnung hat. Gleiches spielt sich auch in Bau- oder Elektronikmärkten ab. Für diese Trivialverkäufer gibt es keine Verwendung mehr. Gebraucht werden vielleicht High-End-Berater, der Rest steht herum und verärgert eher Kunden, die mehr erwarten“, so Dueck im Interview, das ich für den Düsseldorfer Fachdienst Business Insiders geführt habe.
Hier könne man erkennen, wie viele Serviceberufe überflüssig werden. Man brauche nur noch die echten Koryphäen und die anderen eben nicht mehr. Ähnliches spiele sich bei telefonischen Diensten ab. „Wenn die Kunden daran gewöhnt sind, die meisten Probleme direkt mit einem Anruf in einem Call Center zu lösen, dann ist der Weg von der Standardisierung der Arbeit im Call Center zur direkten Erledigung durch den Kunden selbst nicht mehr weit“, so Dueck. Das liege an der Industrialisierung der Dienstleistungen, einhergehend mit Effizienz-Trimmung des Personals, das immer schlechter bezahlt wird. Das liege aber auch an der Schlauheit der Konsumenten: „Wenn ich einen Fonds kaufen will, weiß ich schon einiges über Hausinvest der Commerzbank und Deka Immobilienfonds der Sparkasse. Der Agent im Call Center kennt den Markt in der Breite und über die Institute hinweg nicht. Wer bei einer Hotline anruft, möchte aber eine umfassende Beratung, die über den Tellerrand des angerufenen Unternehmens hinausgeht und die wird ihm nicht geboten. Das Internet führt zu einem Strukturbruch. Der Kunde kennt sich besser aus als ein Verkäufer, Berater oder Agent.“.
Die Leistungen der Call Center würden so langsam Jahr über Jahr als Self-Services ins Internet verlagert. Die entstehenden Dienstleistungsfabriken werden diesen Prozess beschleunigen. „Man sieht es bei den Transaktionsbanken, die immer mehr zentriert werden. Man gibt so langsam die Idee der Autarkie auf. Die Volks- und Raiffeisenbanken zum Beispiel hatten früher eine Vielzahl von Rechenzentren. Heute schaffen das zwei, die GAD in Münster und die Fiducia in Karlsruhe, die wiederum über eine Fusion nachdenken. Die Sparkassen, die früher auch viele, viele Rechenzentren hatten, haben inzwischen alle Arbeit auf die Finanz Informatik übertragen. Einen ähnlichen Trend gibt es bei den Abrechnungen der Krankenkassen. Da vollzieht sich etwas, was in der Öffentlichkeit gar nicht so stark beachtet wird: Gleichartige Dienstleistungen werden nur noch von einer einzigen Fabrik erbracht. Dadurch verschwinden sehr viele Arbeitsplätze. Diese Bewegungen hat man noch vor zehn Jahren für undenkbar gehalten. Jeder wollte etwas Eigenes haben. Die nächste Welle kommt als Cloud Computung. Organisationen verzichten auf eine eigene IT-Infrastruktur – das Netz wird in der Computerwolke abgebildet. Da gibt es genau die gleichen Diskussionen, die wir bei Banken und Krankenversicherungen mit der eigenen IT hatten. Mittelständler haben bereits begriffen, dass sie keine eigene IT benötigen und verlagern alles ins Netz – bei Konzernen sieht das noch etwas anders aus“, erläutert Dueck.
Selbst an Hochschulen werde sich einiges ändern: „Bill Gates hat kürzlich gesagt, dass die universitären Vorlesungen in fünf Jahren im Netz als superedle Konserve von Superprofessoren allgemein verfügbar sind und dass Professoren für die Lehre nicht wirklich mehr gebraucht werden. Das war schon lange absehbar. Ein paar Starprofessoren übernehmen die gesamte Ausbildung.“ Die Gesellschaft als Ganzes sei gefordert, um diesem Niedergang vieler Dienstleistungsberufe etwas entgegen zu setzen und den Weg zur Wissensgesellschaft zu ebnen. „Wir gehen vom Servicezeitalter in ein anderes. Dabei gibt es zwei verschiedene Denkrichtungen. Wir gehen in ein neues Gleichgewicht und erleben in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren einen Wandel. Und in dieser Zeit gibt es einen Konflikt zwischen Modernisierern und Predigern der Nachhaltigkeit. Es gibt eine natürliche Polarität zwischen Fortschritt und Beharren. Das war schon immer so. Das ist keine Vernunftdebatte, sondern eine Charakterdebatte. Wir erleben einen Kampf, wie schnell der Wandel vollzogen werden kann“, sagt Dueck. Am Beispiel der Call Center kann man diesen Überlebenskampf übrigens sehr gut nachvollziehen. Siehe den Beitrag: Totgesagte leben länger.
Diskurs über die Nachkriegsmoderne vonnöten – Baudenkmäler wie die Beethovenhalle gehören zur Identität der Bundesrepublik. Auszug:
Selten erfahren Bauwerke einer gerade zurückliegenden Epoche eine große Wertschätzung. Derzeit ergeht es vielen bedeutsamen Bauten der Nachkriegsmoderne so. 50 Jahre wurden die Gebäude sich selbst überlassen; Bauerhaltung, Instandsetzung, Renovierung oder Sanierung erfolgten so gut wie nicht. Deshalb sei es wichtig, so Professor Michael Braum von der Bundesstiftung Baukultur, über diese Themen in der Öffentlichkeit vehementer zu streiten, wie es derzeit bei Stuttgart 21 der Fall ist. „Baukultur muss wehtun“, so Braum beim Netzwerktreffen mit Architekten und Publizisten im Kölner „Kulturzentrum am Neumarkt“, das in Kooperation mit dem Haus der Architektur veranstaltet wurde.
Von einer Baukultur als Gesamtkunstwerk sei man noch weit entfernt.
Das zeige die Baukultur des Alltags: „Sind es die eingezäunten Straßenbahntrassen, die miserablen Brücken, die unsäglichen, dem ordnungsrechtlichen Überregulierungswahn entsprechenden Schilderwälder, die Lärmschutzwände, die wärmegedämmte Fassaden, unsere photovoltaischen Dachlandschaften oder einfach nur unsere Bahnhöfe und Bahnhofsvorplätze, um nur einige ganz offensichtlichen baukulturellen Desaster zu nennen“, sagte Braum in seiner Eröffnungsrede.
Man müsse bessere Wege finden, die Öffentlichkeit, die Baukultur alltäglich nutzt, mitzunehmen. „Die Möglichkeiten reichen dabei von einer transparenten und frühzeitigen Kommunikation bis zur begleitenden aktiven Beteiligung. Wir müssen eine Akzeptanz dafür schaffen, Neues zu bauen, Altes zu bewahren und Vorhandenes zu pflegen“, so das Plädoyer des Stiftungspräsidenten. Man müsse die Nachkriegsmoderne weiterdenken und nicht verdrängen, forderte Jörg Jung von der Initiative „Mut zur Kultur“ in seinem Vortrag. Man benötige den öffentlichen Diskurs über die Zukunft von Bauten, die zur Identität der Bundesrepublik Deutschland gehören. Dazu zähle das Schauspielhaus in Köln und die Beethovenhalle in Bonn.
Eine weitere höchst interessante Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) beschäftigt sich mit der Konversationskunst von Kurd Alsleben und Antje Eske (die Ausstellung zu Leben und Werk von Professor Herbert W. Franke habe ich ja schon vorgestellt). Die weltweite Vernetzung der Computer habe zu einem Austausch von Botschaften aller Art geführt, der in seiner Quantität alle Vorstellungen überschreitet. Social Software-Dienste wie Facebook oder Twitter würden neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs erzeugen.
Alsleben, Eske und befreundete Künstler, Philosophen und Wissenschaftler – erkunden, welche künstlerischen Möglichkeiten mit diesen neuen Kommunikationsformen auftreten und entwickeln eine Kunst der Konversation, die auf eine lange Tradition verweisen kann: von der antiken „ars sermonis“, den Musenhöfen der italienischen Renaissance, der französische Salonkultur des 17. und 18. Jahrhunderts, bis zum Surrealismus und Dadaismus des 20. Jahrhunderts.
„Konversationskunst“ sei eine Kunst des Austauschs, die sich von der alltäglichen Kommunikation abhebt. Sie produziere kein Werk, sondern erlaubt das gemeinsame, spielerische Sammeln von Erfahrungen und das Entstehen von Ideen, die den aktuellen gesellschaftlichen Common Sense überschreiten. „Ich weiss allein nicht weiter“ ist das Leitmotiv dieses Konversierens.
In einem Pressegespräch erläuterte die ZKM-Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. „Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‚Wie wäre es denn schön'“, sagte Rosen.
Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Wie wäre es denn schön? Diese Frage hätte am Anfang des Stuttgart 21-Projektes stehen müssen, um im Dialog mit den Bürgern zu einer vernünftigen Entscheidung „Oben“ oder „Unten“ zu gelangen. Die Polit-Apparatschicks hätten sich eine Menge Ärger erspart und vielleicht sogar eine Zustimmung erlangt, wie es bei dem weitaus größeren Vorhaben des Gotthard-Tunnels der Fall ist. Die Schweizer haben der weltweit einzigartigen technischen Meisterleistung in mehreren Volksabstimmungen zugestimmt – allerdings vor dem Baubeginn. Bei Stuttgart 21 hat man es genau anders herum gemacht. Erst im Nachhinein wird publik, „auf welch fragwürdiger, der Öffentlichkeit vorenthaltener ‚Faktenbasis‘ Entscheidungen getroffen und schöngerechnet wurden“, schreibt Zeit Online in dem Beitrag „Wir haben die Nase voll“. Die Massenproteste in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind kein Menetekel für eine blockierte Republik bei technische anspruchsvollen Großprojekten, wie es Westerwelle und Co. mit Drohgebärde an die Wand malen.
Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room: „Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert. Wir erleben gerade in Stuttgart den von Habermas beschriebenen Strukturwandel der Öffentlichkeit.“
Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst“. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Hier die Audio-Aufzeichnung des Pressegespräches:
Während der gesamten Ausstellungszeit ist eine Konversation mit den Künstlern Kurd Alsleben und Antje Eske über Facebook, Twitter und Skype möglich.
Freitag, 10. Dezember 2010 — 15 Uhr
Kunst ohne Publikum. Common Sense. Emanzipation
Samstag, 11. Dezember 2010 — 11 Uhr
Social Web vor dem Social Web. Kunstgeschichte
Mittwoch, 29. Dezember 2010 — 15 Uhr
»Globophagia«, konversationelle Netzwerkmusik
Donnerstag, 30. Dezember 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web: Algorithmische Klangprogrammierung. „Terpsichore“ et al.
Donnerstag, 06. Januar 2011 — 15 Uhr
Erfahrungen im Social Web: SoundVision et al.
Freitag, 07. Januar 2011 — 15 Uhr
Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen?
(Human Computer Interaction | Mensch/Mensch-Kommunikation)
Samstag, 08. Januar 2011 — 11 Uhr
Kybernetik. Soziale Bewegungen. Social Web
Sehr löblich von der Wirtschaftswoche, dass sie sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit Serviceinnovationen beschäftigt. Fortschritt bestehe nicht nur aus Technik schreiben die Redakteure Sebastian Matthes und Roland Tichy in ihrem Artikel „Auf neuen Wegen“. Der Fokus auf Mikrochips und Motoren greife viel zu kurz. Deutschland brauche ein neues Verständnis von Innovationen, so das Plädoyer der Wiwo. Wenn in Talkshows die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft seziert werde, sitzen dort in der Regel Geschäftsführer von Maschinenherstellern, Chemiekonzernen sowie Forschungsinstituten und diskutieren über Turbinen, Computerchips (also Hardware) und hocheffizienten Motoren. Aber wann gehe es in solchen Runden um neue Marketingideen? Um neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen? Wann um nachhaltige Designkonzepte und eine neue Architektursprache? Oder gar gesellschaftliche Innovationen?
In Deutschland werde als Innovation nur ernst genommen, was mindestens eine Schweißnaht, besser noch einen Motor hat, kritisieren Matthes und Tichy. Als Bestätigung ihrer Thesen zitieren die beiden Autoren Klaus Engel, den Vorstandschef des Industriekonzerns Evonik: „In Zukunft wird es weniger reine Produktinnovationen geben. Viel stärker kommt es darauf an, attraktive Kombinationen zu schaffen aus verschiedenen Innovationsformen – wie technische Neuerungen, neuen Dienstleistungen und innovativem Marketing.“ Als Beispiel für diesen übergreifenden Innvationsansatz wird Apple genannt: iPod, iPhone und iPad würden höchst erfolgreich neue Technik, Distributionswege und eine geniale Marketinginnovation verbinden. In Deutschland werde viel zu selten so umfassend gedacht.
Die Industrielogik von Engel würde ein wenig an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“ erinnern: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert“. Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. „So langsam sollten sich die Meinungsführer, die immer noch Weltbilder aus den Zeiten der florierenden Massenproduktion verbreiten, in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und sich eines Besseren besinnen. Schaut man sich die vielen Servicebranchen an, die sich als Konjunkturlokomotive erweisen, erkennt man, wie hirnverbrannt die wirtschaftspolitischen Akzente in Deutschland immer noch sind. Wenn Industrie-Nostalgiker Serviceleistungen auf Reisebüros, Friseure oder Piercing-Studios (siehe das Welt-Interview mit Engel) reduzieren, haben sie nicht begriffen, was eine smarte Dienstleistungsökonomie wirklich auszeichnet“, erläutert Steimel.
Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. Nur mit den alten Methoden des Fordismus sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen. „Um seine Thesen zu untermauern, führt der Verbandsfunktionär Engel auch noch das Beispiel Apple an. Das Industrieprodukt ‚iPhone‘ sei der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste und Applikationen, meint Engel. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Steve Jobs-Konzerns. Der Apple-Chef ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion“, kontert Steimel.
Faktisch mache die industrielle Wertschöpfung weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. „Daran waren die Industriekonzerne nicht ganz unbeteiligt durch die Auslagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer. Geistig stecken Repräsentanten wie Engel noch in einer Ideologie der ökonomischen Skalierung“, führt Steimel aus. Selbst unsere Exportrekorde, die wir jedes erzielen, stärken nur minimal die heimische Industrieproduktion. Darauf hat Udo Nadolski vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash hingewiesen. „Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab.“
Wir müssten uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf kluge Servicekonzepte: „Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben“, so der Ratschlag des Harvey Nash-Geschäftsführers. Treffend analysiert habe das der Zukunftsforscher und Kondratieff-Kenner Erik Händeler. Konjunkturforscher Nikolai Kondratieff schrieb, dass die Märkte von morgen durch knappe Produktionsfaktoren entstehen. In der Informationsgesellschaft von morgen werde der Wohlstand davon abhängen, wie effizient die Wissensarbeiter zusammenwirken.
Die Smart Service Initiative geht sogar soweit, sich vom Gütesiegel „Made in Germany“ zu verabschieden. Die Kanzlerin Angela Merkel wolle ja das Gütesiegel „Made in Germany“ reformieren. Den im 19. Jahrhundert eingeführten Herkunftsnachweis möchte die Bundesregierung mit dem Kürzel CSR (Corporate Social Responsibility) zu einem neuen Gütesiegel kombinieren: „CSR – Made in Germany“: „Es ist richtig, das gesellschaftliche Engagement deutscher Unternehmen zu fördern und nach außen zu dokumentieren. Wir sollten uns dann allerdings dazu durchringen, die Formulierung an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Wir sind nur noch in seltenen Fällen das Herkunftsland für die Herstellung von Produkten. Unsere Unternehmen profilieren sich über Forschung und Entwicklung, über die Leistungen der Ingenieure, über die Veredelung von Produkten und über Service-Innovationen. Insofern wäre die Formulierung ‚CSR – Design in Germany‘ sehr viel treffender“, so Steimel.
Technik bleibe wichtig. Das betont auch der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann im Interview mit der Wiwo: „Aber die Differenzierung findet verstärkt über Design, Service und maßgeschneiderte Kundenlösungen statt“, so der Chef der Deutschen Technikakademie. Die Bundesregierung würde nur 30 Millionen Euro zur Förderung von Dienstleistungen ausgeben. Dabei seien sie ein Schlüssel für wirtschaftlichen Erfolg. Mangelhaft sei zudem die Ausbildung an Universitäten. So sei es kein Wunder, dass Deutschland keine kreativen Zerstörer wie Mark Zuckerberg, Larry Page, Sergey Brin oder Jeff Bezos hervorbringt, bemerkt ITK-Fachmann Peter B. Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic: „Das ist eine gefährliche Gemengelage. Produktivitätsschübe werden heute fast ausschließlich durch die Informationstechnologie ausgelöst. Selbst einfache Dienstleistungen bringen in Zukunft keine positiven Effekte mehr für den Arbeitsmarkt, da auch hier Automatisierung, Self Service, Apps und Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben erledigen. Deshalb brauchen für mehr Investitionen für Wissensberufe, um neue Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten hervorzubringen“, fordert Záboji.
Wirtschaftswoche, Accenture, EnBW und Evonik (!) wollen übrigens innovative Geschäftsmodelle, Prozesse, Marketingkonzepte und Dienstleistungen mit dem Deutschen Innovationspreis auszeichnen. Mal schauen, ob da auch Vertreter der Kreativwirtschaft dabei sind, die keine Gewerbesteuern zahlen.
Mit einer neuen Gruppenfunktion, die am Mittwoch von Mark Zuckerberg vorgestellt wurde, könnte sich das Wesen von Facebook fundamental ändern, meint zumindest die Süddeutsche Zeitung. „Facebook wird privat – zumindest, wenn die Nutzer dies künftig möchten. Das größte soziale Netzwerk der Welt erlaubt es seinen Mitgliedern ab sofort, sich in geschlossenen Gruppen zu organisieren“, so die SZ.
Wer Facebook Gruppen verwendet, erhält die Möglichkeit, Kontakte gezielt auszusuchen und ihnen den Zugriff auf die eigenen Fotos, Videos, Daten und Fakten zu ermöglichen. Bislang konnte man Daten entweder offen präsentieren oder ganz verstecken. Zudem bietet Facebook ein Dashboard, auf dem die Nutzer sehen können, welche Apps sie aktiviert haben und mit welchen Daten diese Apps operieren. Recht praktisch ist die Möglichkeit zum Herunterladen der eigenen Daten. Sie werden nach Passworteingabe in einen Zip-Ordner verpackt und zum Download bereit gestellt.
Ob sich über die neue Gruppenfunktion ein Paradigmenwechsel abzeichnet, ist umstritten. Netzwertig-Blogger Peter Sennhäuser geht von einer deutlichen Richtungsänderung aus: „Der Umstand, dass alle, mit denen ich mich verknüpft habe, grundsätzlich auch alles mitkriegen, was ich poste, sorgte bisher für ein Bewusstsein für ein soziales Gefüge. Die weit höhere Komplexität der in Gruppen verschiedener Intensität unterteilten Netzwerke schafft neue Möglichkeiten, hebt aber auch dieses simple Gefühl von Verbundensein oder eben nicht auf. Anders gesagt: Fußt der Erfolg von Facebook nicht auf der extrem vereinfachten Abbildung sozialer Beziehungen – ich kenne jemanden, also gehört er in mein Netz? Oder ist Facebook als System vielleicht jetzt groß genug, um neue Layer einzuführen? Für den Nutzer dürfte der Überblick komplizierter werden. Das Risiko, etwas aus Versehen auf der eigenen Wall und damit öffentlich statt in einer bestimmten Gruppe zu posten, dürfte steigen, so der Netzwertig-Blogger: „Die Gruppen können wie bisher öffentlich sein (jeder kann sich ihr anschließen), geschlossen (das Profil der Gruppe ist sichtbar, man kann eine Mitgliedschaft auf Knopfdruck bei den Administratoren beantragen) oder ‚geheim‘: noch nicht mal die Existenz der Gruppe ist öffentlich (ich bin gespannt, was die NSA und das Homeland-Departement dazu sagen…). Die Nachrichten aus der Gruppe werden indes im Newsstream der Mitglieder auftauchen.“
Olaf Kolbrück sieht Vorteile: „Mit den neuen Facebook-Gruppen können Nutzer nun einen Raum für wichtige Menschen in ihrem Leben einrichten. Dort können sie Informationen teilen, die für einen ausgewählten Kreis bestimmt sind. Zudem gibt es einen Gruppen-Chat und eine gemeinsame Mailingliste für alle Gruppenmitglieder. Die neuen Gruppen erlauben damit eine engere Zusammenarbeit und erzeugen ein exklusiveres Ambient.“ Das schaffe nicht nur Anreize, das eigene Netzwerk weiter und differenzierter zu organisieren, es verbessert auch den Social Graph. „Die Intensität und die Verbindung der Menschen jenseits bereits vorhandener Kommunikation manifestiert sich deutlicher. Milieus und spezialisierte Verbindungen bilden sich klarer heraus. Damit lässt sich der Social Graph noch besser vermarkten, weil sich die Verbindung der Menschen untereinander qualitativ genauer darstellen lässt. Dem Targeting eröffnen sich damit neue Optionen. Obendrein dürfte die Kommunikation in Gruppen die Verweildauer erhöhen“, schreibt Kolbrück.
Völlig daneben geht allerdings die Wertung des FAZ-Redakteurs Jordan Mejas, der über die Folgen des Kinofilms „The Social Network“ für Facebook sinniert. Die Einsamkeit, Planlosigkeit und Unbeholfenheit der Geeks, die in Harvard herumsaßen und dabei ziemlich unversehens eine Sache aufstöberten, die später Facebook heißen sollte, würden den Drehbuchautor Aaron Sorkin an Situationen und Konditionen in „Freedom“ von Jonathan Franzen erinnern: „Niemand sagt klar und deutlich, Zuckerberg und seine Gefährten (fast hätte ich sie ,Freunde‘ genannt) wüssten nicht zu leben, wie es jemand von den Berglunds früh in Franzens Buch sagt, aber das Problem scheint dasselbe zu sein.“ Was aber, wenn „The Social Network“ sich in den kommenden Wochen tatsächlich als Film erwiese, in dem der Mensch zeitgeistmäßig in Gestalt des Nutzers nicht nur mit seiner Isolation konfrontiert wird, sondern auch mit seiner Illusion, in einer möglichst unüberschaubaren Ansammlung von Mitnutzern endlich die Freunde zu finden, nach denen er sich im nichtdigitalen Leben vergeblich sehnt, fragt sich Mejas.
„Die Saga vom Geek und Nerd wäre dann weniger ein moralisches Gleichnis traditioneller Bauart als ein Spiegel, der eine halbe Milliarde Menschen herausforderte, sich in ihm wiederzuerkennen. Dass sie sich von dem, was sie da sähen, enttäuscht oder gar bestürzt abwendeten, wäre kaum anzunehmen. Eher dürften sie an dem Glauben festhalten, dass ihnen ein Mausklick die zwischenmenschliche Wärme bringt, die sich sonst so rar macht, dass er die Leere füllt und die Einsamkeit vertreibt, in der Angst und Melancholie gedeihen“, führt der FAZ-Feuilletonist aus. Ist das der Netzwerkgedanke von Facebook. Erwarte ich zwischenmenschliche Wärme per Mausklick? Was für ein Schwachsinn.
Wer sich auf Facebook mit anderen verbindet, ist fortan auch eingebunden in die sozialen Interaktionen seiner „Facebook-Freunde“. Hier spielt sich das ab, was der Soziologe Mark Granovetter in seiner Netzwerktheorie als schwache und starke soziale Bindungen bezeichnet hat. Mit den engeren Kontakten kommuniziere ich über E-Mail, Skype, Telefon – die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken zielt auf die entfernteren Bekanntschaften und auf die anonyme Gemeinschaft aller anderen Mitglieder. Sonst würde ich ja wieder im eigenen Saft schmoren – deshalb erwarte ich auch nicht so viel von den geschlossenen Gruppen.
Onliner, die sich in Netzgemeinschaften organisieren sind zudem keine lichtscheuen Elemente oder Bildschirmjunkies, die sich hinter ihren Monitoren verkriechen – eingebettet von Pizzakartons. Sie verbringen ihre Zeit im Netz nicht auf Kosten der Pflege von Offlinekontakten, sondern auf Kosten ihres Konsums von klassischen Massenmedien. Insofern geht der Kinofilm überhaupt nicht um Facebook. So verkündet der Drehbuchautor Sorkin im Interview mit der Welt stolz, dass er nicht auf Facebook war, bevor er begann, sein Drehbuch zu schreiben. „Und ich bin es noch immer nicht. Ich benutze Technologie, aber ich liebe sie nicht.“ Na toll.
Da stürzt man sich lieber auf den reißerischen Schinken „Milliardär per Zufall“ von Ben Mezrich, der die Popularität von Facebook nutzt, um Auflage zu machen, die „Technik des rekonstruierten Dialogs“ einsetzt und sich auf die Seite der Winklevoss-Brüder und Eduardo Saverin schlägt. Das Ganze wird dann noch kräftig mit College-Saufereien, Sex, Geld, Macht und Betrug vermischt.
Vielleicht wollten die drei Antipoden den Nerd und Underdog nur ausnutzen, um an das schnelle Geld zu kommen? Vielleicht war der Facebook-Macher auch nur sauer auf das elitäre Gehabe der Zwillinge und führte sie deshalb am Nasenring durch die Web-Arena?
Aus der angedachten Website „Harvard-Connection“ sollte doch nur ein exklusives Dating-Portal mit dem Harvard-Siegel werden. Wäre daraus mehr geworden, als ein elitärer Netz-Zirkel von großen Jungs aus gutem Hause, die bei der kleinsten Schwierigkeit den reichen Daddy einschalten und sich ansonsten in der edelsten Studentenverbindung des Campus auf die Karriere als Ruderer für die olympischen Spiele vorbereiten?
Selbst im Kinofilm wird klar, „dass Geld für Zuckerberg nichts bedeutet. Doch warum hat er dann Facebook erschaffen? The Social Network gibt keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht, dass er als Outsider zu den Insidern gehören wollte. Doch dies erklärt noch lange nicht, was er geschaffen hat und vor allem warum. Und damit ist der Film grob vereinfachend. Er will uns nicht vermitteln, dass Zuckerberg die Welt vernetzen wollte und eine elegante Organisation von Internet Communities anstrebte. Der Film ignoriert das einfach. Es ist ein Film über Taktiken, nicht über Strategien. Es geht darum, dass Menschen hartherzig miteinander umgehen. Woanders nennt man das einfach Business“, so Jeff Jarvis in einem Namensbeitrag für evangelisch.de.
Drehbuch-Autor Sorkin kenne die Entwicklung von Facebook im Jahr 2010 überhaupt nicht. Er brüstet sich sogar damit (siehe Welt-Interview). Sein Interesse für Computer beschränke sich auf das E-Mail-Schreiben an seine Freunde. Seine Wahrheit sei nicht die Wahrheit; er möchte eine Geschichte erzählen. „Also Mist erfinden“, so Jarvis. Mark Harris vom „New York Magazine“ beschreibe in einer Nebenbemerkung, worum es in dem Film wirklich geht: „In The Social Network bespucken die alten Medien die neuen Medien gezielt mit Papierkügelchen“. Doch nicht die alten Medien bespucken die neo-neuen Medien, bemerkt Jarvis. „Sorkin ist Mitglied der Young Curmudgeons‘ Guild, der unter anderem auch Vertreter wie Gladwell, Carr, Anderson, Rowan, Morozov und Lanier angehören. Die alten Medien sträuben sich vor Veränderung. Diese Typen möchten am Internet kein gutes Haar lassen“, moniert der Medienprofessor.
„The Social Network“ sei ein Anti-Computerfreak-Film. Der Film behaupte, dass das Internet keine Revolution ist, sondern die Erfindung einiger seltsamer Maschinenmenschen, die in der Schule nur gehänselt wurden. „The Social Network“ revanchiere sich für die Revanche der Computer-Nerds. „Ich sehe in Zuckerberg und Facebook – und dem Internet – eine viel größere und bessere Story als die von Sorkin. Bei meinen Recherchen für Public Parts stieß ich auf das wunderbare Buch ‚The Gutenberg Revolution‘ von John Man, der sich durch dürftige Aufzeichnungen kämpft, um zu verstehen, warum der Mensch Technologien benutzt, um die alte Welt zu zerstören und eine neue Welt zu erschaffen. Gutenberg war ein Technologe, verschlossen und kontrollierend. Er war Geschäftsmann (ein früher Kapitalist, der einen der ersten Industriezweige erschuf). Er verhandelte hart, er war konkurrenzfähig. Er wurde von den Holländern beschuldigt, die Idee eines anderen gestohlen zu haben. Oh, und er hat sich scheinbar nicht gerade gütlich von mindestens einer Frau getrennt, bezeugt Man. Würde Sorkin ihn heute beschreiben, wäre Gutenberg nur ein Spinner: Wir glauben nicht daran, was er unserer Welt antut. Wir verstehen es nicht, also mögen wir ihn nicht“, resümiert der Buzzmachine-Blogger.
Heute um 17,20 Uhr habe ich mir am Premierentag den vermeintlichen Facebook-Thriller angeschaut. Die Sitzreihen waren recht spärlich besetzt – muss nicht viel bedeuten. Das Filmchen hat mich nicht vom Hocker gehauen. Es gibt die üblichen amerikanischen Uni-Klischees zu sehen. Wilde Partys, elitäre Studentenverbindungen, arrogante Schnösel aus den besten Kreisen des Landes und nette Uni-Streiche.
Daher bleibt „Animal House“ der einzig wahre College-Film. Der Kampf der Studentenverbindung Delta – die Underdogs – gegen die superspießigen Verbindungsstudenten vom Omega-House – sozusagen die Harvard-Connection. Mit dabei: der legendäre John Belushi.
Selten hat in den vergangenen Jahren ein Trend-Thema die Branche derart polarisiert wie die Bedeutung der sozialen Netzwerke für die Zukunft des Kundenservice. Das zieht sich durch den gesamten Markt. Selbst unter den „alten Füchsen“, die die Call-Center-Branche seit Mitte der 80er Jahre aktiv prägten, gibt es kontroverse, zum Teil recht emotional geführte Debatten. Durch welche Faktoren das Hotline-Anrufvolumen in den kommenden Jahren beeinflusst wird, ist schwer abzuschätzen. Experten warnen die Servicebranche jedoch davor, am Status quo festzuhalten. „Unsere Kinder sind in den vergangenen Jahren durch SMS, Web, E-Mail & Co. sozialisiert worden und entwickeln ein anderes Informations- und Kommunikationsverständnis. Sie werden die Gestalter des Kundenservice 3.0 sein – nicht wir. Ich persönlich glaube an die Zukunft des Telefons als Servicekanal. Allerdings nur noch im Premium-Segment. Dass junge Marken aus der Telekommunikations- und Elektronikindustrie in wenigen Jahren noch auf Hotlines und Sprachcomputer setzen werden, halte ich für ausgeschlossen“, so der Kölner ITyX-Vorstand Andreas Klug.
„Jedes Call Center legt noch schnell ein Ei und dann kommt der Tod vorbei. Witwe Bolte hat sich das auch nicht träumen lassen und bei den Call Center-Verantwortlichen hat sich das geänderte Kundenverhalten auch noch nicht rumgesprochen. Die junge Generation will und wird nicht telefonieren und die Generation der Silver Surfer entdeckt den Nutzen von Communities und Facebook. Nur die Branche selbst schläft. Call Center Forum, Call Center Club in XING, alle warten ab. Der Umbruch – und der Tod – wird für einige Call Center schneller kommen als ihnen lieb ist. Call Center sind nach wie vor gefragt; allerdings in einer anderen Rolle und mit einem anderen Selbstverständnis“, vermutet Serviceexperte Harald Henn, Geschäftsführer von Marketing Resultant.
Für Call Center-Nekrologe sei es noch etwas verfrüht, meint der Berater Rolf Lohrmann, Geschäftsführer von Qualitycube: „Ein modernes Call Center ist keine reine Telefonbude mehr wie in den achtziger Jahren. Hier arbeiten heute überwiegend gut ausgebildete Servicespezialisten, die per Telefon, Brief, Fax oder E-Mail den Kunden kompetenten Service bieten. Die Unternehmensberatung Steria Mummert stellt zudem klar, dass für fast 60 Prozent der Kunden das Telefon immer noch erste Wahl im Kundendialog sei. In manchen Branchen sogar für über 70 Prozent. Die Verhältnisse werden noch deutlicher, wenn man weiß, dass bei großen Telekommunikationsunternehmen auf mehrere Tausend Kundenberater, die Telefon und Mail im Kundendialog nutzen, gerade einmal ein paar Handvoll ‚Social Media Agenten‘ kommen. Vom langsamen Sterben der Call Center also keine Spur“, so Lohrmann. Allerdings belegt die Umfrage von Steria Mummert nicht, ob Verbraucher telefonische Services gegenüber anderen Kontaktmöglichkeiten bevorzugen. Gefragt wurde lediglich, mit welchem Medium man in der Vergangenheit mit einem Unternehmen kommuniziert habe. Sein Beitrag ist eine Replik auf meine Story „Social Media und der langsame Tod der Call Center“. Die Experten der Branche sollten sich wirklich einmal mit validen Daten über das Kommunikationsverhalten der Verbraucher beschäftigen. Hier benötigt man eine solide demoskopische Arbeit beim Fragebogen. Bei dieser Thematik sind mehrere Fragen vonnöten, um ein Gesamtbild zu gewinnen. „Grundsätzlich muss bei der Präsentation von Ergebnissen von Repräsentativ-Umfragen der Wortlaut der gestellten Fragen angegeben werden“, so meine alte Lehrmeisterin Professor Noelle-Neumann. Die Aussage, dass das Telefon erste Wahl sei, ist definitiv falsch. Das kann man von der Testfrage nicht ableiten! Interessant wären doch noch Fragebatterien zur Zufriedenheit mit der Hotline, Alternativen, Korrelationen mit dem Alter, Vergleich mit früheren Jahren (gibt es signifikante Veränderungen in den Trendreihen?), und, und, und.
Auf dem Fachkongress Voice Days plus werden Wittrock und Firmenvertreter von Buch.de, Baur Verlag und eBay über ihre Erfahrungen berichten, wie sie mit den informierten Kunden umgehen. Die Echtzeitkommunikation über das Social Web werde den Kundenservice gründlich umkrempeln, sagt der Innovationsforscher Nils Müller von Trendone. „Wenn der Web-Service in Echtzeit funktioniert, muss er im Call Center natürlich auch in Echtzeit funktionieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist eigentlich das Ende der Warteschleife. Denn dem User geht es immer darum: Ich hab jetzt ein Problem und ich brauche Hilfe. Im Endeffekt nimmt er nur die Hilfe in Anspruch, die mit der höchsten Geschwindigkeit und in bester Qualität geliefert wird. Eine Service-Nummer ruft er also nur an, wenn diese da auch mithalten kann.“
Früher hätten Unternehmen einfach in den Markt hinein gebrüllt und brauchten sich um die Kontrolle ihrer Markenbotschaften keine großen Sorgen machen. Durch Social Media würden sie einen eklatanten Kontrollverlust erleiden: „Jetzt sind die Kunden plötzlich untereinander im Dialog und Unternehmen müssen viel mehr zuhören als vorher. Sie müssen genau verfolgen, worüber ihre Kunden sprechen, womit sie sich beschäftigen. Und genau dieses Ohr brauchten Unternehmen früher ja gar nicht“, erläutert Müller, der zu den Hauptrednern der Voice Days plus zählt, die vom 12. bis 13. Oktober in Nürnberg stattfinden.
Der Kundendialog laufe mit einer höheren Transparenz ab. „Es ist falsch, soziale Netzwerke nur als eine Ergänzung der klassischen Kundenkommunikation zu sehen. Hier entwickelt sich eine autonome Gesprächskultur, die nicht mehr zentralistisch gesteuert werden kann. Egal, ob ich auf klassische Weise dem Unternehmen meine Servicewünsche artikuliere, die Leistungen und die Qualität bei der Umsetzung meiner Wünsche kann ich über Twitter oder Facebook sofort mitteilen. Und wenn das Negativerlebnisse sind, die von anderen Kunden auch noch bestätigt werden, kann sich daraus sehr schnell eine Lawine entwickeln“, resümiert Peter Záboji, Chairman des After Sales-Dienstleisters Bitronic.
Das wird bei vielen Call Center-Experten noch nicht so gesehen. Social Media ist eben keine Möglichkeit, „das Produktportfolio zeitgemäß zu erweitern“. Das Zusammenspiel von Konsumenten und Unternehmen verändert sich radikal. So wird aus gutem Grund von den vernetzten Verbrauchern gesprochen, die ihre Vorlieben und Erfahrungen in sozialen Netzwerken offenbaren. Die Gespräche im Netz beeinflussen die Märkte immer stärker und nicht mehr das Kunde-ist-König-Geschwafel der Marketing-Manager.
Google-Chef Eric Schmidt ist davon überzeugt, dass wir eine Welt mit 100 Megabit mobiler Übertragungsgeschwindigkeit erleben werden. Also wesentlich schnellere Verbindungen als heute. Jeder Mensch wird ein Smartphone in der Tasche haben. „Wenn ich eine Straße hinuntergehe, können Passanten per Livestream Informationen von der Oper, dem Kino, dem Händler und den Schulen empfangen. An der Oper könnte das Telefon dann ein Stück der Oper vorspielen. Wenn der Nutzer die Oper hasst, bekommt er eine andere Einspielung. Das allwissende System trifft also Entscheidungen in Echtzeit und versorgt die Menschen mit Informationen“, so Schmidt im Interview mit der FAZ.
In fünf bis zehn Jahren werde das Gerät wissen, was um den Nutzer herum passiert, und es wird Vorschläge machen, was für den Nutzer besonders wichtig sein kann. „Das Gerät wird also wissen, ob der Nutzer lieber Oper hört oder lieber den Film anschaut. Die nächste Stufe werden dann die Freunde sein. Das Gerät wird mir sagen, ob einer meiner Freunde auch gerade in Berlin ist und ob es ihn kontaktieren soll“, erläutert der Google-Chef. Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der Augmented Humanity, der erweiterten Menschheit. Die Menschen sollten das, was sie tun, noch besser machen. Sie sollten produktiver werden zum Beispiel. „Computer brauchen die Hilfe des Menschen, um besser zu werden, sie brauchen Training. Auf der anderen Seite sind wir Menschen mit unserer Intelligenz überfordert, wenn es etwa um die Bereitstellung eines perfekten Gedächtnisses geht. Da stoßen wir Menschen an Grenzen. Meine Idee ist, dass wir die Computer verbessern, die den Menschen helfen, und gleichzeitig Menschen besser darin werden, die Computer zu trainieren. Das Ziel muss sein, dass die Leute weniger Zeit verschwenden und mehr Spaß im Internet haben“, sagt Schmidt.
Das kommt sehr nah an die Prognosen des Informatik-Professors Herman Maurer von der TU-Graz heran, die ich hier vor ein paar Jahren vorgestellt habe. „Lange vor dem Jahr 2100 werden alle Menschen jederzeit und an jedem Ort auf alles Wissen der Menschheit zugreifen können, ähnlich wie wir das heute bei materiellen Gütern können. Dieser Zugriff wird mit Geräten erfolgen, die stark mit den Menschen integriert sind, und wird sich auf Wissen beziehen das entweder aus Datenbanken kommt oder aus Dialogen mit Experten entsteht. Das Gehirn des Einzelmenschen wird nur noch ein vergleichsweise winziger Bestandteil eines gewaltigen Wissensvorrates sein, der durch die Vernetzung aus Milliarden von Menschenhirnen und Datenbanken entsteht“, prognostiziert Maurer.
Skeptiker, die vor einer nicht beherrschbaren Informationsüberflutung warnen, werden bald verstummen: „Am Horizont zeichnet sich bereits ab, dass die Informationslawine allmählich gebändigt und strukturiert werden wird zu sinnvollen, verlässlichen und auf die Person maßgeschneiderte Wissenseinheiten. Das wird geschehen über die stärkere Verwendung von Metadaten, von intelligenten Agenten, von vertikalen Suchmaschinen, wo Fachleute Informationen gefiltert und kombiniert haben, von Gigaportalen für die verschiedensten Anwendungsbereiche, von aktiven Dokumenten, die von sich aus antworten geben können“, so Maurer. Bei der Wissensvernetzung und dem Wissensmanagement sei es erforderlicht, Wissen jederzeit und an jedem Ort verfügbar zu machen.
Er habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer vorhergesagt: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit allen ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems (GPS), einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts- , Buchungs- und Kommunikationsgerät. Die allgegenwärtigen Computer werden stärker mit dem Menschen selbst verbunden. „Die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern wird so weit gehen, dass man sie in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können“, so der Ausblick über die Entwicklung in den nächsten knapp 100 Jahren.
Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Szenarien sehr viel schneller kommen werden. Einiges davon ist ja schon jetzt möglich!
Der SPD-Finanzpolitiker und Bundesbanker Thilo Sarrazin ist Umgeben von Zahlenkolonnen. Alles schön aufbereitet in aggregierten Statistiken. Geldmengenentwicklung, Inflation, Arbeitslosigkeit, Demografie, Währungs- und Börsenkurse, Zuwanderung, Auswanderung, Steuereinnahmen und Steuerausgaben. Menschen, Ideen, Erfindungen, Schicksale, Zufall, Glück, Unglück, Kreativität, Hilfsbereitschaft, Weisheit, Lebensklugheit, Intuition, Fleiß, Zuverlässigkeit, Selbstdisziplin, Geschicklichkeit oder Talent kommen in der Makrowelt des Statistikers nicht vor.
Die Eugenik-Analysen von Sarrazin sind ein Ausfluss dieser kalten Sichtweise auf Populationen, Einwanderungsbewegungen, Intelligenzquotienten, genetische Dispositionen, Herkunft oder Konfessionen.Siehe dazu auch: Die Freude, andere Menschen verachten zu dürfen.
Es sind Scheinwelten, Scheingewissheiten, Scheinwahrheiten und Scheinkorrelationen. Die statistischen Annahmen, Prognosen und Implikationen des Zahlenfetischisten Sarrazin sind ein Ausfluss von Wissensanmaßung. Der staatlich alimentierte Bundesbanker repräsentiert die töpelhafte Variante der Makroökonomen, die glauben, mit statistischen Methoden belastbare Prognosen für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu treffen. Die Treffgenauigkeit dieser Modellrechnungen konnten wir in den vergangenen zwei Jahren hautnah miterleben. Dazu habe ich ja einige Beiträge geschrieben u.a. VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.
Die Ideenwelt der Erbsenzähler pendelt auffällig zwischen physikalischen und sozialen Wissenschaften hin und her. Das Ganze fing mit der Analyse von Meßfehlern an, zum Beispiel in der Astronomie, und wandte dann die dort entwickelten Methoden auf gesellschaftliche Erscheinungen an. „Einer der Pioniere der Disziplin war Sir Francis Galton, dem nicht nur die Theorie der Regression zu verdanken ist; er erfand auch den Begriff der Eugenik und schlug vor, mit ihrer Hilfe eine ‚geistig und moralisch überlegene Rasse‘ zu züchten“, bemerkt der Publizist Hans-Magnus Enzensberger in seinem Buch „Fortuna und Kalkül – Zwei mathematische Belustigungen“ (erschienen in der edition unseld).
Aus einer kruden Mischung von Biologismus, Annahmen zur Intelligenz und Modellrechnungen bastelt Sarrazin an einer höchst fragwürdigen politischen Programmatik. Überhaupt stört mich der Begriff Intelligenz. Ist jemand mit einem hohen IQ klug? Sind die Projekt-Kinder der Macchiato-Eltern vom Prenzlauer Berg schlau? Mitnichten. „Heraus kommen Hochdruckkinder, die Mandarin lernen und Schlagzeug, und deren Mütter nur noch andere Mütter kennen und die alles dafür tun, dass das Leben ihres Kindes gelingen möge“, schreibt die taz in einem gelungenen Kommentar. Das Ergebnis sind verzärtelte und hochnäsige Hedonisten, die beim kleinsten Gegenwind aus ihren Dolce Gabbana-Pantoffeln kippen. Ob sie damit gut durchs Leben kommen, ist höchst fraglich, auch wenn sie die Principea Mathematica von Russel und Whitehead runterbeten können.
Jeder Mensch hat Talente – geistige und körperliche. Auch ohne formale Schulbildung. Unser Problem liegt an der Abschottung gegenüber dem vermeintlich Fremden. Vielleicht ist Sarrazin ja nur ein ängstlicher Hosenscheißer, der seine Komplexe an Ausländern austobt.
Faktum ist, dass es in Deutschland zu wenig Chancen für die „Outsider als Insider“ gibt, wie es der amerikanische Historiker Peter Gay in seinem Buch „Weimar Culture“ ausdrückt. Die von draußen nach drinnen drängen, die härter und länger arbeiten müssen, um die Handicaps ihrer Herkunft zu überwinden, die das Noch-nicht-Dagewesene oder Noch-nicht-Gedachte anbieten müssen, um trotz Abwehr und Abneigung der Alteingesessenen die vielen kleinen Festungen und Mauern sprengen und die trägen Platzhirsche herausfordern: Dazu zählt Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe den koreanischen Händler, der in New York seinen Obstladen die ganze Nacht offen hält, den peruanischen Chauffeur aus den Vororten, dessen Sohn in Stanford landete. „Oder der kleine Handschuhverkäufer Samuel Goldwyn (geb. Gelbfizs) und der Schrotthändler Louis B. (vormals Eliezer) Mayer, die Gründer von MGM, die in Hollywood aus Zelluloid Gold machen konnten, weil Amerikas Etablierte nicht erkannt hatten, welche Zukunftsindustrie sich vor ihnen auftat“, so Joffe.
Herkunft gleich Zukunft?
In keinem Land des Westens sei der Zusammenhang „Herkunft gleich Zukunft“ so ausgeprägt wie in Deutschland, wo über vier Fünftel der Studenten den Mittel- und höheren Schichten entstammen. Der junge Deutsche aus Neukölln, der begabte Türke, Albaner oder Senegalese komme nur selten aus seinem Ghetto raus und werde in Richtung „Stanford“ bugsiert. „Denn erstens gibt es in Deutschland kein ‚Stanford’, also eine talentaufsaugende Bildungsinstitution, die den Ehrgeiz beflügelt und den Aufstieg beschleunigt. Zweitens gibt es auf dem Weg nach ‚Stanford’ keine Zwischenstationen, wie sie in Amerika die John Hopkins University bietet, wo Jugendliche aus ‚bildungsfernen Schichten’ zwei Monate lang in einem ‚bildungsnahen’ Milieu akkulturiert werden, um dort die Techniken zu lernen, die das Kind des Ministerialdirektors schon zu Hause aufnimmt“, erläutert Joffe und bemängelt die Ideologie des Gleichschritts in der Bildungspolitik. Es dürfe niemand aus der Reihe ausscheren und nach vorne gezogen werden, „auch wenn es sich um die Allerletzten handelt, die zwar die Begabung, aber nicht die Fertigkeiten haben, um die Ghettomauern zu überwinden“.
Gut vierzig Jahre nach der von dem Philosophen und Pädagogen Georg Picht diagnostizierten Bildungskatastrophe hat sich in Deutschland wenig geändert. Der „Bildungsnotstand“ an den Schulen wurde damals vor allem auf ungenügende Schulausstattung, fehlendes Lehrpersonal und schlechte Lehrerausbildung zurückgeführt. Die von der Großen Koalition Mitte der 1960er Jahre eingeleiteten Reformen wurden von der sozial-liberalen Regierung weiter vorangetrieben. Zwischen 1970 und 1975 verdoppelten sich die Bildungsausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden. Und trotzdem diskutieren wir heute das gleiche Problem unter dem Stichwort ‚Pisa’.
In Universitäten wie Harvard oder Stanford werden 60 Prozent der Studenten mit Darlehen, subventionierten Nebenjobs und Stipendien unterstützt. Bei Doktoranden kommt die Universität sogar für die gesamten Studiengebühren und Lebenshaltungskosten auf. An der TU München kommen statistisch 44 Studierende auf einen Professor, an der ETH Zürich sind es 35, aber an der Stanford University nur acht. Die TU München gibt für jeden Studierenden jährlich 20.540 Euro aus, die ETH Zürich 57.310 Euro und die Stanford University 188.405 Dollar.
Was sagen Sie zu diesem statistischen Befund, Herr Sarrazin?