
Deutschland wurde nicht reich, weil es billig war. Sein Aufstieg beruhte auf dem Zusammenspiel von Energie, Wissen, Kredit, Wettbewerb und Unternehmertum. Heute droht weniger der Verlust eines alten Geschäftsmodells als der Fähigkeit, ein neues hervorzubringen.
Es gehört zu den Eigenarten der deutschen Selbstdeutung, den eigenen Wohlstand entweder als Wunder oder als Charakterleistung zu erzählen. Die eine Erzählung beginnt mit der D-Mark, Ludwig Erhard und den rauchenden Schloten der fünfziger Jahre. Die andere beruft sich auf Fleiß, Sparsamkeit, Ingenieurskunst und jene schwer übersetzbare Gründlichkeit, die angeblich schon immer zur wirtschaftlichen Grundausstattung des Landes gehört habe. Beide Erzählungen sind bequem. Und beide greifen zu kurz.
Das eigentliche deutsche Wirtschaftswunder begann lange vor dem Wirtschaftswunder. Es begann im 19. Jahrhundert, in einem Deutschland, das politisch noch gar nicht existierte: einem Flickenteppich aus Staaten, Rechtsordnungen, Währungen und Verwaltungsräumen, landwirtschaftlich geprägt, in weiten Teilen arm und den industriellen Pionieren Großbritannien, Belgien und Frankreich deutlich unterlegen. Dass ausgerechnet dieses Gebilde innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer führenden Industrie- und Exportnation aufstieg, ist erklärungsbedürftiger als der Wiederaufbau nach 1945. Denn die Bundesrepublik konnte nach dem Krieg auf Fähigkeiten zurückgreifen, die bereits vorhanden waren. Das Deutschland der Gründerzeit musste sie erst hervorbringen.
Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe beschreibt in seinem Gespräch mit Filipp Piatov überzeugend, dass es den einen Grund für diesen Aufstieg nicht gab. Bevölkerungswachstum, Eisenbahnbau, Kohleförderung, Maschinenbau, Stahl, Telegraphie, Banken, qualifizierte Handwerker und entschlossene Unternehmer wirkten gleichzeitig und verstärkten einander. Die Eisenbahn verlangte nach Schienen, Lokomotiven, Signaltechnik und Kapital. Der Bergbau benötigte Maschinen, Transportwege und Verfahren zur Verarbeitung der Kohle. Aus dem bei der Verkokung entstehenden Teer gewann die chemische Industrie Farben, Brennstoffe und pharmazeutische Produkte. Eine neue Industrie schuf die Voraussetzung für die nächste.
Joseph Schumpeter hätte darin keine bloße Anhäufung günstiger Standortbedingungen gesehen. Er hätte von der Durchsetzung „neuer Kombinationen“ gesprochen. Wirtschaftliche Entwicklung besteht bei ihm nicht darin, dass von allem Vorhandenen etwas mehr produziert wird. Sie beginnt dort, wo Dinge miteinander verbunden werden, die zuvor wirtschaftlich nicht zusammengehörten: ein wissenschaftlicher Befund mit einem industriellen Verfahren, ein neuer Energieträger mit einer Maschine, ein Kredit mit einer unternehmerischen Vorstellung, eine Erfindung mit einem bis dahin unbekannten Markt. Deutschlands Aufstieg war ein solcher Kombinationsprozess.
Der Vorteil des Nachzüglers
Das Land begann als Nachahmer. Deutsche Unternehmer und Techniker reisten nach England, Belgien und Frankreich, studierten Maschinen, Verfahren und Fabrikorganisationen und brachten das Gesehene nach Hause. Doch sie begnügten sich nicht lange mit der Kopie. Aus englischen Lokomotiven wurden eigene Konstruktionen, aus französischen und belgischen Chemieverfahren deutsche Spezialitäten, aus übernommener Technik entstanden firmenspezifisches Wissen und neue Produkte.
Gerade darin lag der Vorteil des Nachzüglers. Wer später beginnt, kann Fehler vermeiden, aus fremden Erfahrungen lernen und die jeweils modernste verfügbare Technik übernehmen. Dieser Vorteil bleibt allerdings wertlos, wenn ein Land nicht über die Fähigkeit verfügt, fremdes Wissen zu verstehen, anzupassen und weiterzuentwickeln. Deutschland besaß diese Absorptionsfähigkeit. Es importierte nicht nur Maschinen, sondern lernte, Maschinen zu verbessern. Es übernahm nicht nur Verfahren, sondern bildete Menschen aus, die neue Verfahren entwickeln konnten.
Darin lag der Übergang vom industriellen Nachzügler zum technologischen Vorreiter. Die Unternehmen, die in dieser Zeit entstanden – Siemens, Bayer, BASF, Höchst, AEG, Bosch und andere –, waren nicht deshalb erfolgreich, weil sie dauerhaft billiger produzierten als alle Konkurrenten. Sie lernten vielmehr, etwas herzustellen, das andere in derselben Qualität, Zuverlässigkeit oder technischen Komplexität nicht anbieten konnten. Diese Unterscheidung ist für die Gegenwart von erheblicher Bedeutung. Ein Land wird durch niedrige Kosten konkurrenzfähig. Reich wird es auf Dauer nur durch Fähigkeiten.
Kohle ist noch keine Industriestrategie
Plumpe weist mit Recht auf die Bedeutung preiswerter Energie hin. Ohne die großen deutschen Kohlevorkommen wäre der Aufstieg von Stahlindustrie, Eisenbahn, Maschinenbau und Chemie kaum denkbar gewesen. Wer die Industriegeschichte des 19. Jahrhunderts verstehen will, darf über Energie nicht so sprechen, als sei sie eine beliebig austauschbare Kostenposition.
Doch Kohle allein erklärt wenig. Auch der reichste Bodenschatz bleibt wirtschaftlich unbedeutend, solange es an Fördertechnik, Transportwegen, Fachkräften, Kapital und Absatzmärkten fehlt. Die deutsche Kohle wurde erst produktiv, weil Bergwerke, Eisenbahnen, Hüttenwerke, Maschinenbauer, Chemiker und Banken ein zusammenhängendes System bildeten. Eine Ressource ohne komplementäre Fähigkeiten ist Geologie, keine Industriepolitik.
Das gilt auch für die Energiefrage der Gegenwart. Die historische Lehre lautet nicht, Deutschland müsse lediglich zu möglichst billigen fossilen Energieträgern zurückkehren. Energie muss für industrielle Entscheidungen verfügbar, berechenbar und skalierbar sein. Unternehmen investieren in Anlagen, deren Laufzeit Jahrzehnte betragen kann. Sie benötigen deshalb nicht nur einen günstigen Preis, sondern Netze, Anschlüsse, Genehmigungen, Lieferverträge und ein Regelsystem, dessen Entwicklung einigermaßen vorhersehbar ist. Der entscheidende Begriff lautet nicht „billig“, sondern „investierbar“.
Hohe Preise können technische Neuerungen auslösen. Sie schaffen Anreize, Energie einzusparen, Verfahren zu verändern und andere Energieträger einzusetzen. Unberechenbare Preise und widersprüchliche politische Signale haben eine andere Wirkung. Sie erzeugen nicht schöpferische Anpassung, sondern Aufschub. Das Unternehmen investiert dann nicht in eine bessere Anlage, sondern dort, wo es die Bedingungen wenigstens kalkulieren kann.
Die Industrialisierung des Wissens
Der vielleicht wichtigste deutsche Erfolgsfaktor war die Verbindung von Handwerk und Wissenschaft. Das Land verfügte über gut ausgebildete Facharbeiter, die aus einer ausgeprägten handwerklichen Tradition kamen. Zugleich entstanden technische Hochschulen und Universitäten, an denen Chemiker und Ingenieure experimentell ausgebildet wurden. Die großen Unternehmen wiederum bauten eigene Labore, beschäftigten wissenschaftliches Personal und verbanden akademische Forschung mit konkreten Produktionsproblemen. Damit wurde Wissen selbst zum industriellen Produktionsfaktor.
Die deutschen Chemie- und Elektrokonzerne beobachteten ihre Konkurrenten, entwickelten Verfahren weiter, meldeten Patente an und organisierten Forschung nicht mehr nur als persönliche Tätigkeit eines genialen Gründers, sondern als dauerhafte betriebliche Funktion. Plumpe verweist auf die außerordentlich enge Verbindung zwischen staatlich geförderten Hochschulen und industrieller Forschung. Diese frühe Verwissenschaftlichung verschaffte deutschen Unternehmen einen Vorsprung gegenüber Teilen der britischen und französischen Konkurrenz.
Entscheidend war dabei nicht allein die Zahl der Akademiker. Industrielle Innovation entsteht selten in einem wissenschaftlichen Labor und springt von dort unmittelbar in die Fabrik. Zwischen Erkenntnis und Massenproduktion liegt ein breites Feld aus Versuchsanlagen, Materialkunde, Fehlerdiagnose, Fertigungsroutinen und Erfahrungswissen. Dieses schwer formulierbare praktische Wissen besaßen Facharbeiter, Meister, Techniker und Ingenieure. Das deutsche Modell verband beides: wissenschaftliche Theorie und industrielle Praxis.
Der heutige Bildungsstreit wird dieser historischen Erfahrung selten gerecht. Er kreist um Schulformen, Hochschulquoten, Abschlüsse und Zuständigkeiten. Die wirtschaftlich entscheidende Frage lautet jedoch, ob das Bildungssystem jene Wissensketten hervorbringt, die von der Grundlagenforschung über die technische Anwendung bis zur stabilen Produktion reichen. Ein Land kann mehr Hochschulabsolventen denn je besitzen und zugleich unter Fachkräftemangel leiden, wenn Qualifikationen und industrielle Erfordernisse auseinanderfallen.
Der Kredit auf die Zukunft
Auch der Unternehmer und die Unternehmerin stehen bei Plumpe an der richtigen Stelle. Werner von Siemens erkannte in der beschleunigten Nachrichtenübermittlung nicht bloß eine technische Kuriosität, sondern ein Geschäftsfeld. Er verband militärtechnisches Wissen, Telegraphie, Elektrotechnik und internationale Nachfrage. Andere Gründer taten Vergleichbares in Stahl, Chemie, Maschinenbau und Handel.
Die Unternehmer sind in der schumpeterianischen Theorie weder notwendigerweise Erfinder noch bloß Eigentümer. Ihre Funktion besteht darin, unter Unsicherheit eine neue Verbindung herzustellen und durchzusetzen. Dazu benötigen sie Kapital. Der Kredit finanziert in diesem Sinne keine bereits vorhandene Wirklichkeit. Er finanziert eine Wirklichkeit, die erst entstehen soll.
Die Entwicklung von Industrie, Großbanken und Börsen verlief deshalb nicht zufällig parallel. Sie war eine Koevolution. Banken entschieden mit darüber, welche Fabriken, Verfahren und Märkte ausprobiert werden konnten. Die Industrialisierung verlangte nach Finanzierungsformen, die über den Besitz einer Familie oder die Ersparnisse eines einzelnen Gründers hinausgingen.
Auch die im Plumpe-Interview hervorgehobene Rolle jüdischer Unternehmer und Banker gehört in diesen Zusammenhang. Sie war nicht nur eine Frage einzelner Biographien. Sie verweist darauf, dass wirtschaftlicher Aufstieg dort wahrscheinlicher wird, wo ein Land seinen Talentpool erweitert, internationale Netzwerke nutzt und Kompetenz wichtiger nimmt als Herkunft. Ausgrenzung ist deshalb nicht nur moralisch verwerflich. Sie ist ökonomische Selbstbeschädigung.
Die aktuelle Finanzierungsfrage lautet entsprechend nicht, ob Deutschland über genügend Ersparnisse verfügt. Daran mangelt es kaum. Die Frage lautet, ob das Kapital jene Unternehmen erreicht, die zunächst hohe Verluste, technische Risiken und unsichere Märkte in Kauf nehmen müssen, bevor sie industrielle Größe erreichen. Eine Volkswirtschaft kann reich an Kapital und arm an Zukunftsfinanzierung sein.
Der Staat war schlank – und erstaunlich tätig
An diesem Punkt wird Plumpes historische Erzählung komplexer als die wirtschaftspolitische Schlussfolgerung, die er daraus zieht. Er betont den „preiswerten Staat“ des Kaiserreichs, niedrige Abgaben und eine im Vergleich zur Gegenwart geringe Staatsquote. Daraus lässt sich ohne Zweifel eine Warnung vor übermäßiger Belastung und lähmender Regulierung ableiten. Doch derselbe historische Befund zeigt einen Staat, der keineswegs untätig war.
Die Obrigkeit schuf und förderte Verkehrsinfrastruktur, Schulen und technische Hochschulen. Sie entwickelte Patentordnungen, erleichterte die Freizügigkeit, unterstützte die Gewerbeförderung und half mit dem Zollverein, die zersplitterten deutschen Märkte zu einem größeren Wirtschaftsraum zu verbinden. Ohne diese Leistungen hätten die vorhandenen Kohlevorkommen, Arbeitskräfte und Unternehmertalente kaum dieselbe Wirkung entfalten können.
Der Gegensatz zwischen „viel Staat“ und „wenig Staat“ führt deshalb in die Irre. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einem befähigenden und einem blockierenden Staat. Ein befähigender Staat stellt Infrastruktur, Bildung, Rechtssicherheit und verlässliche Regeln bereit. Er lässt unternehmerische Experimente zu und greift nicht bei jeder Abweichung regulierend ein. Ein blockierender Staat produziert widersprüchliche Vorgaben, lange Verfahren und Verantwortungsdiffusion. Er verlangt hohe Beiträge, ohne die entsprechenden öffentlichen Leistungen zu erbringen.
Die Größe des Staates ist dabei nicht gleichgültig. Aber sie ist auch kein hinreichendes Urteil über seine Qualität. Ein kleiner Staat kann schwach, korrupt und willkürlich sein. Ein großer Staat kann leistungsfähig sein. Problematisch wird es, wenn ein Staat teuer und zugleich handlungsarm ist: stark beim Einziehen und Verteilen von Mitteln, schwach beim Planen, Genehmigen und Bauen.
Auch die großen Unternehmen des 19. Jahrhunderts entwickelten übrigens Bürokratien. Sie benötigten Forschungsabteilungen, Patentexperten, Buchhaltung, Auslandsgesellschaften und komplexe Leitungsstrukturen. Der Unterschied lag darin, dass diese Organisationen einem Zweck dienten und unter Wettbewerbsdruck standen. Bürokratie ist nicht schon deshalb unproduktiv, weil sie Regeln und Zuständigkeiten kennt. Sie wird unproduktiv, wenn das Verfahren seinen Zweck ersetzt.
Mehr als eine Standortkrise
Plumpe benennt vier Felder, auf denen das deutsche Modell heute gefährdet sei: Energie, Bildung und Qualifikation, Infrastruktur sowie Bürokratie. Hinzu kommen Demographie, schwache Investitionen und ein alternder Kapitalstock. Unternehmen, die ihre Anlagen nicht erneuern, können eine Zeitlang von der Substanz leben. Produktivitätsfortschritte erzielen sie so nicht. Diese Probleme sind bekannt. Neu ist weniger ihre Aufzählung als ihre gegenseitige Verstärkung.
Ein Unternehmen investiert nicht in eine neue Anlage, wenn die Energieversorgung unsicher ist. Ein Netzbetreiber baut nicht rechtzeitig aus, wenn Genehmigungen dauern. Eine Hochschule bildet nicht die passenden Fachkräfte aus, wenn Bedarfe und Anreize auseinanderfallen. Ein junger Betrieb wächst nicht, wenn ihm Kapital, erste Kunden oder Produktionsflächen fehlen. Eine öffentliche Förderung bleibt wirkungslos, wenn anschließend die Pilotanlage nicht genehmigt wird. Deutschland leidet deshalb nicht nur unter einem Standortproblem. Es leidet unter einem Entstehungsproblem.
Das alte Modell war außerordentlich gut darin, komplexe Produkte schrittweise zu verbessern, ihre Qualität zu steigern und sie auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Der deutsche Wagen, die deutsche Maschine oder die deutsche Chemikalie mussten nicht die billigsten sein. Sie mussten so viel besser sein, wie sie teurer waren. Genau dieses Verhältnis gerät unter Druck, wenn die Kosten steigen, die Produktivitätsfortschritte ausbleiben und Konkurrenten qualitativ aufholen.
Darauf mit Lohnzurückhaltung, Steuersenkungen und smarter Regulierung zu reagieren kann sinnvoll sein. Es kann bestehende Unternehmen entlasten und Investitionen erleichtern. Doch eine neue Wachstumsordnung entsteht daraus noch nicht. Niedrigere Kosten verbessern zunächst die Position einer vorhandenen Kombination. Sie schaffen nicht automatisch eine neue. Deutschland wurde im 19. Jahrhundert nicht groß, weil es auf Dauer das billigere England war. Es wurde groß, weil es aufhörte, England zu kopieren.
Zerstörung ist noch nicht schöpferisch
Die Formel von der schöpferischen Zerstörung gehört inzwischen zum festen Wortschatz jeder wirtschaftspolitischen Debatte. Häufig dient sie dazu, Betriebsschließungen, Arbeitsplatzverluste oder den Niedergang ganzer Branchen mit dem Hinweis zu beruhigen, das Neue werde schon folgen. Das ist eine gefährliche Verkürzung.
Zerstörung bringt nicht von selbst Neues hervor. Eine geschlossene Fabrik ist zunächst eine geschlossene Fabrik. Verlorenes Erfahrungswissen, zerfallende Zulieferketten und abwandernde Fachkräfte können den Boden für künftige Entwicklung ebenso vernichten, wie sie Raum für Neues schaffen können. Schumpeters entscheidender Vorgang ist nicht der Untergang des Alten, sondern die Durchsetzung der neuen Kombination. Die Zerstörung ist deren mögliche Folge, nicht ihr schöpferischer Ursprung.
Die wirtschaftspolitische Aufgabe besteht daher weder darin, jede bestehende Struktur zu erhalten, noch darin, ihren Niedergang achselzuckend als notwendigen Wandel zu begrüßen. Sie besteht darin, den Aufbau des Neuen zu ermöglichen.
Das verlangt eine nüchterne Industriepolitik. Sie darf nicht darin bestehen, den heutigen Konzernen ihre gegenwärtigen Geschäftsmodelle auf Dauer zu garantieren. Die historische Leistung von Siemens, Bayer, BASF oder Bosch wird nicht dadurch geehrt, dass man sie vor jeder Konkurrenz schützt. Sie wird dadurch geehrt, dass ein Land Bedingungen schafft, unter denen die nächsten Unternehmen dieser Größenordnung entstehen können – auch dann, wenn sie den alten unbequem werden.
Dazu gehören eine kalkulierbare Energieversorgung, eine erneuerte Infrastruktur, leistungsfähige Schulen und Hochschulen, eine engere Verbindung von Forschung und Produktion, ausreichend Wachstumskapital, schnellere Genehmigungen und ein Staat, der seine Kräfte auf öffentliche Güter konzentriert. Dazu gehört aber auch ein Sozialstaat, der Menschen gegen die Folgen des Wandels absichert, ohne jede überkommene Struktur zu konservieren. Menschen müssen geschützt werden, nicht Geschäftsmodelle.
Kein Zurück ins Kaiserreich
Aus der Geschichte folgt kein Rezept zur Wiederherstellung des Jahres 1914. Die Weltwirtschaft ist heute anders organisiert, Wissen verteilt sich schneller, China ist zugleich Markt, Konkurrent und technologischer Akteur, und die Dekarbonisierung zwingt die Industrie zu einem Umbau, für den es kein historisches Vorbild gibt. Nostalgie ist deshalb ebenso unangebracht wie Untergangsrhetorik.
Das 19. Jahrhundert liefert jedoch einen Maßstab. Deutschlands Wohlstand entstand, als Institutionen, Unternehmen und Menschen in der Lage waren, ihre jeweiligen Fähigkeiten miteinander zu verbinden. Wissenschaft traf auf Handwerk, Kredit auf Unternehmertum, Energie auf Technik, staatliche Infrastruktur auf private Initiative und Nachahmung auf eigenen Erfindungsgeist.
Heute sind viele dieser Elemente weiterhin vorhanden. Deutschland besitzt leistungsfähige Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen, industrielle Cluster, Fachkräfte und erhebliches Kapital. Doch die Verbindungen zwischen ihnen werden schwächer. Forschung erreicht die Produktion zu langsam. Kapital findet neue Unternehmen zu selten. Infrastruktur wird geplant, aber nicht fertig. Energie ist vorhanden, aber nicht immer dort, zu dem Preis und zu der Zeit, zu der sie gebraucht wird. Der Staat verfügt über mehr Mittel, als frühere Generationen sich vorstellen konnten, und erzeugt dennoch den Eindruck permanenter Knappheit. Darin liegt die eigentliche Gefahr.
Deutschland droht nicht zuerst seine alten Fabriken zu verlieren. Es droht jene institutionellen Verbindungen zu verlieren, aus denen neue Fabriken, neue Verfahren und neue Weltmarktunternehmen entstehen. Die Antwort kann deshalb weder im Hochhungern noch im bloßen Verteilen zusätzlicher Milliarden liegen. Sie besteht darin, erneut ein Land der wirtschaftlichen Kombinationen zu werden: ein Land, in dem Wissen angewandt, Kapital riskiert, Infrastruktur gebaut und unternehmerische Vorstellungskraft nicht verwaltet, sondern genutzt wird.
Der deutsche Aufstieg war kein Wunder. Er war das Ergebnis einer Ordnung, die Neues entstehen ließ. Ob das Land reich bleibt, entscheidet sich daran, ob es eine solche Ordnung noch einmal hervorbringen kann.