Big Data: Sind die Weltsimulatoren so klug, wie das Orakel von Delphi?

Die Revolution der Kundendaten sei Teil einer größeren Umwälzung, proklamieren die Roland Berger-Berater Björn Bloching und Lars-Luck sowie brandeins-Autor Thomas Range in ihrem Buch „Data Unser – Wie Kundendaten die Wirtschaft revolutionieren“ (erschienen im Realien Verlag – auch in einer Kindle-Version erhältlich). Die Digitalisierung habe nach PC und Internet gerade die dritte Zündstufe zugeschaltet.

„Speicher wird immer günstiger, die Rechenleistung immer größer, die Algorithmen immer intelligenter. Informatiker haben dieser Revolution die Überschrift ‚Big Data‘ gegeben“, so die Autoren.

Oder ist es vielleicht nur die neueste Sau, die gerade durchs IT-Dorf getrieben wird, wie Smart Service-Blogger Bernhard Steimel im ichsagmal-Interview ketzerisch bemerkte.

Vielleicht sind es ja gerade die semantischen Übertreibungen, die zu einem kritischen Diskurs über die Daten-Götter einladen. Wenn man von der informationellen Rohmasse für Innovationen redet. Oder von einer Trittleiter zu einer neuen Erkenntnisstufe. So soll Big Data Gesellschaft, Politik und Wirtschaft verändern wie der elektrische Strom und die Erfindung des Internets. Da werde an Apparaturen wie aus einem guten Science Fiction-Roman gebastelt. Es seien die ehrgeizigsten Vorhaben der Prognostik seit dem Orakel von Delphi. Weltsimulatoren sollen durch Echtzeitanalyse der anschwellenden Datenmasse den epidemischen Weg von Schweinegrippenviren vorausberechnen. Es sollen Empfehlungen zur Bewältigung des Klimawandels ausgespuckt und rechtzeitig Alarm geschlagen werden, wenn eine neue Finanzkrise droht. Im unternehmerischen Anwendungsmodus können die Entscheidungsmaschinen Aussagen treffen, ob die Einführung eines neuen Produktes den Wettbewerber in die Bredouille bringt oder eher das eigene Portfolio kannibalisiert. IT-Systeme im Zeitalter von Big Data seien zu Leistungen fähig, die von IT-Visionären vor Jahrzehnten versprochen wurden.

„Sie aggregieren das Wissen der Welt auf einem Bildschirm. Sie erkennen Zusammenhänge, die für die menschliche Auffassungsgabe zu komplex waren. Und sie bilden Modelle, die uns mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung (was für eine Überraschung, gs) ein Fenster für den Blick in die Zukunft öffnen. Zumindest sagen sie oft zuverlässiger als wir selbst voraus, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten werden. Mietwagen-Firmen wissen aufgrund unseres Kundenprofils, mit wie viel Benzin im Tank wir das Leihauto zurückgeben. Ein analytisch getriebener Online-Händler weiß, bei welchem Preis ein Stammkund mit welcher Wahrscheinlichkeit zuschlägt. Und wie viel Budget es für personalisierte Werbung dafür einsetzen muss. Kreditkartenunternehmen können mit sehr hoher Trefferquote prognostizieren, wer sich in den kommenden fünf Jahren scheiden lässt“, so die Data Unser-Buchautoren.

Kennen eigentlich die Buchautoren die Tricks und das Schicksal des Orakels von Delphi? Mal so eine Bemerkung am Rande.

Auf welcher Datenbasis hat eigentlich Steve Jobs das iPhone eingeführt? Wie kommt es zu disruptiven und nicht vorhersehbaren Innovationen? Auch wenn der Blick in den Rückspiegel immer schneller gelingt und die Daten aus der Vergangenheit fast in Echtzeit vorliegen, was können die Big Data-Systeme wirklich? Hinter jedem Algorithmus stecken ja auch Konstruktionen der Wirklichkeit. Annahmen, Gewichtungen, Verzerrungen – die Datenbasis muss wiederum von Menschen interpretiert werden für Entscheidungsempfehlungen.

Dazu führe ich gleich noch ein weiteres Gespräch mit dem Organisationswissenschaftler Dr. Gehard Wohland.

Seine Steilvorlage für das Interview kam per Mail:

„Soziale Systeme sind selbstbeobachtende Systeme, wobei jede Beobachtung das System verändert. Ein soziales System ist nicht, es wird und zwar durch Beobachtung! Egal mit welchen Algorithmen beobachtet wird. Beobachtung ist nur wirksam, wenn sie kommuniziert wird. Also selbst beobachtet wird. Durch Kommunikation fügt sich die Beobachtung dem System zu. Jede Beobachtung verändert das Beobachtete. Die Beobachtung beobachtet immer auch sich selbst. Solche Systeme nennt man komplex. Sie produzieren ständig Überraschungen, die nicht einmal Wahrscheinlichkeiten folgen.“

Könnte mal einer der weltweit führenden Weltsimulations-Konstrukteure in eine Live-Kommunikation via Hangout On Air kommen – also in unserer Blogger Camp-Sendung.
Dann könnte der oder die Entwicklerin die algorithmischen Zaubertricks der Netzöffentlichkeit vorführen. Wer traut sich?

Zudem gilt mein Credo, wer von Big Data redet, sollte sich vor Open Data nicht fürchten. Oder besser: Open Data ist für jeden Big Data-Anwender Pflicht! Ansonsten gibt es eine sehr harte netzpolitische Auseinandersetzung.

Big Data und die Algorithmus-Herrschaft über Web-Maden

Klein-Gunni

Hallo, ich bin Dein Algorithmus und ab sofort gehörst Du mir. Deine zwanzig Datenpunkte, die Du im Internet zurückgelassen hast, reichen mir, um zu wissen, wer Du bist. Und als willenloser und dummer User, wie ich Dich täglich im Netz wahrnehme, entscheide ich fortan für Dich, was Du in Zukunft machen wirst, Du kleine Web-Made.

Mit diesen drei Sätzen könnte man die prosaischen Gedankenflüge von Miriam Meckel zusammenfassen, die sie in unterschiedlichen Varianten verkündet. Die Kommunikations-, Politik-, Rechts- und Chinawissenschaftlerin wandelt auf den Spuren des Filterblasen-Diskurses, den der Online-Pionier Eli Pariser in seinem Opus „The Filter Bubble“ ausgelöst hat. Auch er wählt als Ausgangspunkt für seine steilen Thesen einer drohenden Maschinen-Gatekeeper-Herrschaft den Dezember 2009: In diesem Monat änderte Google seinen Suchalgorithmus und läutete eine neue Ära der Personalisierung ein. Eine Zeitenwende. In der feuilletonistischen Variante von Frau Meckel sterben wir nun den Tod der virtuellen Berechenbarkeit.

Die Netzmenschen erleben eine Neuauflage des Schicksals von Narziss, dem Sohn des Flussgottes Kephissos, der sich in sein Spiegelbild verliebte, als er sich an einer Quelle niederließ und starb:

„Enttäuschung, Entzauberung und Verirrung – sie bescherten dem Götterjungen sein Ende“, schreibt Meckel im Spiegel.

Diesmal ist es nicht die Wasserquelle, die uns ins Unglück stürzt, sondern Software, die von Google, Facebook und anderen Internet-Giganten programmiert wird.

„Immer mehr Entscheidungen werden uns im personalisierten Internet durch Algorithmen abgenommen“, skizziert Meckel die Lage.

Auf der Strecke bleiben Zufälle, Überraschungen, Zweifel und Ungewissheit. Als Ergebnis entsteht eine Gesellschaft, die auf dem weltkurzsichtigen digitalen Narziss beruht. Was hat uns der arabische Algebraiker Al-Khwarizimi da nur eingebrockt? Oder hat die Kommunikations-, Politik-, Rechts- und Chinawissenschaftlerin die faszinierenden Denkanstöße und Prozeduren der Informatik zur Lösung eines Problems vielleicht falsch verstanden? Die Behauptungen der Professorin für Corporate Communication und Beraterin für strategische Kommunikation stoßen auf Skepsis:

„Man muss zwei Dinge unterscheiden. Wenn wir im Internet etwas preisgeben, was Maschinen lesen können, dann werden wir in gewisser Weise analysierbar in unserem Verhalten in der Vergangenheit. Man kann rückwärts Informationen über Personen gewinnen. Eine völlig andere Frage ist, ob ich das Verhalten von Menschen vorhersagen kann. Da stehen wir, wenn es überhaupt möglich sein sollte, allenfalls am Anfang einer Entwicklung, die bis zum Ende unseres Jahrhunderts keine Ergebnisse zeitigen wird“, erwidert der Jurist und Informatiker Christoph Kappes.

Gute Algorithmen sind lernfähig

Es komme darauf an, um welche Arten von Vorhersagen es geht. Über großvolumige Datenmassen habe man schon heute die Möglichkeit, etwa über Gesundheit, Kriminalität, Wohlstand oder Bonität Wahrscheinlichkeitsaussagen über Personengruppen zu treffen.

„Das ist aber etwas völlig anderes. Das Handeln einer einzelnen Person fernab von Clusteranalysen kann man nicht vorhersagen“, betont Kappes.

Herrschaft der Automaten?

Was Frau Meckel vorbringt, sei viel zu undifferenziert. Algorithmen, wenn man sie klug programmiert, seien schon lange in der Lage, zu lernen. Und dieses Lernen beruhe auf Testverfahren, um erkennen zu können, wie sich ein Nutzer entscheiden könnte.

„Nehmen wir die Personalisierung bei Textilwaren. Hier kann eine Maschine nicht vorhersagen, ob ich eine bestimmte Art von Bikini in der nächsten Sommersaison kaufen werde. In der Vorsaison galten vielleicht andere Regeln oder ein anderes Modebewusstsein. Die Maschinen müssen also immer wieder Neues in ihre Analysen einbeziehen, um das Interesse der Konsumenten zu testen. Genauso ist es mit politischen Ereignissen. Wenn etwa Themen wie die Sarrazin-Debatte oder der Fukushima-Atomunfall in den Nachrichten auftauchen, ist es für Maschinen nicht möglich zu sagen, was der Nutzer tun soll. Diese Ereignisse sind in ihrer Singularität einzigartig“, erklärt Kappes.

Gute Algorithmen seien so konzipiert, dass sie erst Wissen erzeugen müssen. Und das würden sie aus dem aktuellen Verhalten generieren.

„Sie legen mir nicht nur Sachen vor, die sie schon können. Das kann nicht funktionieren. Hier liegt auch ein Unverständnis gegenüber der Funktionalität von E-Commerce vor. Die Maschine muss mir doch immer etwas anderes vorschlagen als das, was ich schon gekauft habe. Wer gerade ein Auto erworben hat, sollte am nächsten Tag nicht sofort wieder die Empfehlung für ein Auto bekommen“, so der Berater für Online-Strategien.

Empfehlungssysteme leben nicht von der Monotonie, sondern auch von Zufällen und Überraschungen.

„Algorithmen sind keine statischen Regeln. Das stellen sich vielleicht Laien so vor. Es sind andere Mechanismen. Berechnet und bewertet werden Verhaltenswahrscheinlichkeiten auf Basis des sozialen Graphen oder der Crowd eines Nutzers. Vorschläge werden also dynamisch generiert“, sagt Kappes.

Wie könnten denn nun personalisierte Dienste fernab von den Sirenen-Gesängen von Kulturkritikern wie Meckel funktionieren? Welche Versprechen kann der Bullshit-Bingo-Tanz um das Goldene Kalb namens „Big Data“ wirklich einlösen? Wird es Apps geben, die sich automatisch um meine Anliegen als Verbraucher kümmern – die mir also nervige Routinearbeiten abnehmen, so dass ich mehr Zeit bekomme für die Lektüre schöngeistiger Literatur? So behauptet Michael Wexler, Leiter Digital Insights bei Citigroup, über Big Data-Systeme die „Bedürfnisse“ ganz unterschiedlicher Kunden vorauszusehen.

„Wir beginnen zu verstehen, wie unterschiedlich Kunden mit Finanzdienstleistungen umgehen wollen und können unsere Angebote an diese Wünsche anpassen. Big Data hilft uns, Offline-Interaktionen mit Online-Banking-Klicks zu verbinden, aber auch mit Mobile- und Tablet-Apps.“

Über neue Tools konzentriere man sich auf „atomic data“:

„Wer jeden kleinen Click und jede kleine Aktion in digitalen Netzen analysiert, entdeckt, was Kunden wirklich frustriert, oder stösst auf ungenutztes Potenzial, wie man Kunden bei ihren Entscheidungen unterstützen kann. Wir betreiben auch «text mining», das heisst, wir untersuchen Inhalte in sozialen Netzwerken und lernen so, was unsere potenziellen Kunden beschäftigt“, so Wexler im Interview mit dem Gottlieb-Duttweiler-Institut.

Es bleibt allerdings immer noch ein Blick in den Rückspiegel. Wie treffsicher sind nun die Prognosen für das zukünftige Verhalten der Kunden? Können die Wünsche der Kunden antizipiert werden.

Fragen über Fragen, die ich gerne in nächster Zeit in Interviews behandeln möchte. Am liebsten als Video-Gespräch via Hangout On Air. Wer Zeit und Lust hat, mit dem mache ich natürlich auch gerne ein Bibliotheksgespräch bei mir zu Hause.

Drogenhandel, Menschenhandel, Waffenschmuggel, Terrorismus: Die Wanze aka #Staatstrojaner rettet uns!

„Staatstrojaner: Bundesinnenminister verteidigt den Einsatz und greift CCC an“ meldete gestern heise.de und zitiert aus einer Vorabmeldung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der BMI-Chef hat eine Woche benötigt, um nach den Enthüllungen des Chaos Computer Club (CCC) seine Sprache als oberster Hüter der Sicherheit wiederzufinden. Der Demutsmodus war gestern. Jetzt schaltet Friedrich wieder auf Angriff. Für Aufklärung sorgt er nicht, da ja Angriff immer die beste Verteidigung zu sein scheint. So besagt es jedenfalls diese Bauernweisheit. Der CCC habe nichts aufgeklärt, so Friedrich im Gespräch mit der Sonntagszeitung, sondern dem Chaos in seinem Namen alle Ehre gemacht. Ah ja.

„Da sind viele Missverständnisse entstanden. Die Landesbehörden haben völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass die die Grenzen dessen, was rechtlich zulässig ist, nicht überschritten haben.“ Man kehrt also wieder zum reflexhaften Abwehr-Argument der ersten Verlautbarungen von Sicherheitsbehörden und Innenministerien des vergangenen Sonntags zurück. Es gebe nach Erkenntnissen des Innenministers keinerlei Hinweise, dass gegen Recht und Gesetz verstoßen worden sei. Jetzt sind wir also in einer neuen Phase der semantischen Nebelkerzen. Was meint Friedrich eigentlich mit „Hinweisen“. Fragt das BMI höflich, liebe Innenminister der Länder, habt Ihr gegen Recht und Gesetz verstoßen? Oder musste jede Schlapphut-Behörde das Leistungsspektrum des Staatstrojaners (Prantl von der Süddeutschen Zeitung spricht von „Staatswanze“, was den Kern der Sache auch besser beschreibt) veröffentlichen? Dann sollten diese Hinweise doch mal konkret veröffentlicht werden, um sie überprüfen zu können. Ansonsten ist das Ganze eine Glaubensfrage. Dafür sind aber die Religionsgemeinschaften zuständig und nicht der Bundesinnenminister. Die Überwachung ließ er übrigens nur stoppen, weil der Code veröffentlicht wurde und jetzt missbrauchsanfällig sei. Vorher war er das nicht? Der CCC hat doch das Gegenteil bewiesen. Wer über Staatswanzen verfügt, die anders programmiert wurden, kann die Software einsetzen.

Denn es ist ja Gefahr in Verzug: „Sollen wir organisierte Kriminalität laufen lassen? Den Drogenhandel? Den Menschenhandel? Den Waffenschmuggel? Und was ist mit dem Terrorismus? Denn nur gegen solche schweren Verbrechen gehen wir mit Hilfe von Überwachungssoftware vor“, sagt Friedrich. Das ist das altbekannte Argumentationsmuster des Staatsretters. Erinnert sei an das von Friedrich beschriebene Szenario über drohende Internet-Kriege:

Es sei nur eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden eine virtuelle Bombe haben, tönte er vor ein paar Wochen. wird der „Mit solchen Angriffen könnte eine Volkswirtschaft empfindlich beeinträchtigt werden“, formulierte der Staatsapologet den Cyberterror im Konjunktiv.

Siehe auch: Der vermeintliche Cyberwar und die Sicherheitskeule

Die Rabulistik der Vertreter eines sicheren und starken Staates ist immer gleich. Ob CSU, BKA oder BDK – sie schüren Ängste, um eine Mehrheit für schärfere Gesetze zu gewinnen oder zweifelhafte Überwachungsmethoden zu rechtfertigen. Politisch funktioniert das in Deutschland wie ein Uhrwerk – demoskopisch ist das sehr gut erforscht. Je dramatischer die Sicherheitslage dargestellt wird, desto einfacher ist es möglich, unter Berufung auf die Sicherheit einen großen Teil der Bevölkerung von der Notwendigkeit massiver Eingriffe in die Freiheitsrechte des Einzelnen zu überzeugen. Allensbach hat folgende Frage gestellt: „Einmal unabhängig davon, ob das tatsächlich verboten ist oder nicht: Was meinen Sie, was sollte der Staat in jedem Fall verbieten, wo muss der Staat die Menschen vor sich selbst schützen?“ Rund 60 bis 80 Prozent nennen eine ganze Latte an Verboten, die weiter gehen als derzeit vom Gesetzgeber gewünscht. Der Schlüssel für diese Meinungsmanipulation steckt in der Formulierung, dass viele Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen. Selbst vom Grundgesetz garantierte elementare Grundrechte werden dann infrage gestellt, sobald der Eindruck entsteht, dass ihre Einschränkung der Verwirklichung größerer Sicherheit dienen könnte. Genau diese Instinkte bedienen die politischen Sicherheitsgichtlinge.

Was von diesem Bedrohungsszenario zu halten ist, hat Richard Gutjahr anschaulich dargestellt:

Dominant ist der Drogenhandel als Anlass für Überwachungen via Telekommunikation. Terrorismus muss man mit der Lupe suchen. Der oberste Verteidiger des Staatswanzen-Einsatzes zieht sich immer wieder auf Behauptungen zurück, alles bewege sich im Rahmen des Gesetzes. Nur einmal formuliert Friedrich seine Rhetorik-Schleife etwas anders: „Unsere Beamten halten sich strikt an das, was sie dürfen. Die Behauptung, sie hätten mehr gemacht, ist falsch.“ Aber was ihnen von ihren Vorgesetzten erlaubt wurde, wissen wir nicht, Herr Friedrich.

Eine Grauzone sieht der Innenminister auch nicht. Dabei fand ich die Bemerkungen von Hans-Peter Uhl, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, so erfrischend ehrlich. Siehe den Gulli-Bericht:

Uhl, der in Sicherheitsfragen als Hardliner gilt, kritisierte die derzeit in Deutschland geführte Diskussion über den Staatstrojaner. Er sprach von einer „unverantwortlichen Hysterisierung“ der Debatte. Wie schon zuvor warf er außerdem Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vor, indirekt an den möglicherweise erfolgten Rechtsbrüchen beim Trojaner-Einsatz schuld zu sein: „Wir haben die Ministerin immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ermittler beim Einsatz von Spionage-Software in Strafverfahren in einer gesetzlichen Grauzone arbeiten.“ Geschehen sei aber „absolut nichts“, sagte Uhl. Er will damit offenbar andeuten, dass keine Rechtsbrüche erfolgt wären, wenn man – wie von den Unionsparteien gewünscht – zügig eine Rechtsgrundlage für den Einsatz von Staatstrojanern geschaffen hätte.

Aber es gibt ja auch keine Grauzone. Ach, da bin ich aber beruhigt. Meine Informationen sind dann wohl falsch, folgt man den „Hinweisen“ des Bundesinnenministers. So schrieb ich folgendes:

Die Sicherheitsbehörden verfahren wohl nach dem Motto, was die Öffentlichkeit nicht weiß, macht sie nicht heiß. Irgendwo findet sich schon ein kleines Zeitfenster, um die illegalen Praktiken ex post durch Gesetzesnovellen zu legalisieren. Dafür sorgen dann die Innenminister von Bund und Ländern.

Stimmt alles nicht. Nein, nein. Keine Grauzone. Beruhigt können wir uns also wieder der normalen Sonntagsunterhaltung widmen. Zum Beispiel das hier:

Siehe auch:

Peter Altmaier, Malte Spitz und die Piraten.

Ein Parlamentarier entdeckt das Internet #Heureka.

Uhl beschwert sich über eine „unverantwortliche Hysterisierung“.

Sensationelle Musik-Tracks der KotKanonen: „Wurst aufs Brot“ – ElektroExpressionismus aus Bonn

Mit „The End of Agony“ und „The Last Journey“ hat das Bonner Kreativduo der KotKanonen die Musikszene kräftig durchgeschüttelt. Mit den neuen Tracks dürften die beiden ElektroKot-Komponisten wohl endgültig den Durchbruch schaffen. In ihrer expressionistischen Schaffensphase neigen die KotKanonen zu besonderst aussagekräftigen und metaphorischen Stücken. Etwa Track 1 „True Power“: Den Auftakt zu DJKloschüssels Meisterwerk „Wurst Aufs Brot“ macht die musikalische Vollendung. Den Namen verdankt dieser Track der Anlehnung an seine Hardstyle Elemente.

Oder Track 2 „Electric Edge“: Von einem neuen Kick und der spannenden Baseline geprägt, deutet dieser Track die Richtung des neuen Albums an. „Lock and Load“ läutet mit Glockentönen das mächtige Fiasko der kompletten Scheibe ein und hinterlässt mehr Fragezeichen denn Antworten. Mit einer Auswahl an Nexus Beats erklimmt der höchst agile DJ Kloschüssel durch seinen Hit „Mighty Thunder“ neue Höhen mit völlig unverständlichen Beschreibungen seines Geistes. Ein legendäres Zusammenspiel aus grandiosen Tönen, mit einem unübertroffenem Abschluß bietet „Spirit of Legend“. Ein Dank gilt der völlig unbekannten Hellmeppo, die bei der Produktion angeblich die entscheidenden Impulse geliefert haben soll und nun in einem Atemzug mit Herrn Latz genannt werden kann.

Höhen und Tiefen, Bewegung und Ruhe, Gedankenpausen und Sprachlosigkeit. Das sind Elemente, die Kloschüssels Album Wurst Aufs Brot ausmachen. „Broken Reality“ bietet im Sturm der Emotionen und hysterischen Reaktionen einen Moment der Ruhe. „Not Only Darkness“ ist das programmatische und optimistische Weltbild am Schluss der famosen Neuerscheinung. Vier bis fünf Vorbestellungen sollen schon vorliegen – phantastisch. Aus Insider-Kreisen wurde bekannt, dass absolut überflüssige Collectors Edition-Scheiben am Bonner Hauptbahnhof kursieren. Sogar handsignierte Exemplare können wagemutige Käufer anfordern – was allerdings völlig sinnlos ist.

Reichen die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums an Steve Jobs heran?

Hier ein Ausschnitt meiner Apple-Story für den Fachdienst Service Insiders:

Die wahren Fähigkeiten des Steve Jobs-Konzerns liegen darin, eigene Ideen mit externen Technologien zusammenzufügen und die Ergebnisse in eine elegante Software und ein unverwechselbares Design zu verpacken. Apple beherrscht wie kaum eine andere Organisation die Inszenierung und Integration von Technologien ohne jede Scheu davor, Ideen von außen zu nutzen und sie mit den eigenen Kniffen zu veredeln. Steve Jobs ist zudem ein Meister der Klugheitslehre, wie sie im 17. Jahrhundert vom Jesuiten Baltasar Gracián zu Papier gebracht wurde. Es sei ein sehr schwieriges Unterfangen, jederzeit „die Erwartung rege zu halten“, denn „die glänzendste Tat kündige noch glänzendere an“, führt Gracián in seinem Opus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus.

Man sollte seine wahren Absichten nicht allzu deutlich preisgeben. „Wer mit offenen Karten spielt, läuft Gefahr, zu verlieren“, bemerkt der spanische Geistliche. Das Gegenteil sei besser: Manchmal müsse man „Luftstreiche“ tun, also praktisch mit dem Schwert in die Luft schlagen, um den Gegner zu verwirren und die eigenen Absichten nicht deutlich werden zu lassen. Gleichzeitig erlauben solche „Luftstreiche“ oder Probierballons das Ausprobieren einer bestimmten Position, die zu Diskussion gestellt wird, ohne gleich als die eigene Meinung gelten zu müssen. Es erfordert ein hohes Maß an Geschicklichkeit, hinreichend Spannung aufzubauen und die anderen „über sein Verhalten in Ungewissheit“ zu halten. „Der Kluge lasse zu, dass man ihn kenne, aber nicht, dass man ihn ergründe“, schreibt Gracián im Handorakel (Nr. 3). Der Handlungsvorschlag setzt allerdings eine hohe Begabung voraus. Denn wichtig sei es, „bei allen Dingen stets etwas in Reserve“ zu haben. Nur dadurch sichert man seine Bedeutsamkeit.

Die Kunst des Gerüchts wird im Internet zum Prinzip, meint Hans-Joachim Neubauer in seiner Abhandlung „Fama – Eine Geschichte des Gerüchts“ (Matthes & Seitz-Verlag). Die Nachricht nährt das Gerücht, und das Gerücht nährt die Nachricht. „Die so genannten Nachrichtenkanäle senden möglichst unmittelbar, steigern die Spannung mit Live-Schaltungen, bewerten, dramatisieren und taktieren im Minutentakt. Nachrichten werden überhöht, Pressekonferenzen geraten zum Spektakel – ein sich selbst infizierender Kreislauf der Wichtigtuerei ist entstanden“, führt Neubauer aus.

Besonders in der grenzenlos vernetzten Welt der automatisierten Nachrichtenspiegel und Informations-Ströme gelte das Gesetz der Popularität. In der Blogosphäre sei Qualität ein qualitativer Faktor. „Nicht mehr die Nachricht von den Fakten ist die Information, sondern die Nachricht vom Erfolg einer Nachricht“, erläutert Buchautor Neubauer. Das Urbild des Cyberspace stamme aber nicht aus dem 20. Jahrhundert, sondern sei schon 2000 Jahre alt. Was Ovid über das Haus der Fama schreibt, liest sich wie eine Vision unserer digitalen Gegenwart. Auch das Internet sei überall; wie Famas Haus hat es „tausend Zugänge“ und „unzählige Luken“, „bei Nacht und bei Tage steht es offen, ist ganz aus klingendem Erz, und das Ganze tönt, gibt wieder die Stimmen und, was es hört, wiederholt es“, weiß Ovid. „Alles, wo es geschehe, wie weit es entfernt sei, von dort erspäht man es; ein jeder Laut dringt hin zum Hohl seiner Ohren.“ Und schließlich „schwirren und schweifen, mit Wahrem vermengt, des Gerüchtes tausend Erfindungen und verbreiten wirres Gerede“. Was stimmt, könne niemand sagen, aber mitsprechen könne jeder. Die Echokammer des Hörensagens beherrscht in der Welt der Kommunikationstechnologien keiner besser als Steve Jobs. Daran werden die Imitatoren des Apple-Imitationsimperiums gemessen.