
Im Sohn@Sohn-Ubuntu-Reallabor entsteht auf eigenen Servern ein Altkanzler-Bot. Er verbindet politische Erfahrung mit einer Frage, die Regierungen selten gern hören: Welcher Befund könnte die eigene Überzeugung widerlegen? Marc Aurel lenkt den Blick auf Eitelkeit und Affekt. Kant prüft die allgemeine Regel. Max Weber fragt nach den Folgen. Karl Popper sucht den möglichen Irrtum. Helmut Schmidt führt diese Prüfungen in eine Entscheidung, deren Gründe öffentlich bestehen müssen. Das Projekt zeigt potenziellen Auftraggebern, wie eine spezialisierte KI Wissen ordnet, Gegenargumente aufbaut und Selbstkorrektur in ein digitales Verfahren übersetzt.
Katherina Reiches Serie externer Vergaben liefert dafür einen guten Testfall. Der Vorwurf vom „Berater-Festival“ lebt von einer eingängigen Zahl und einem politischen Verdacht: Das Wirtschaftsministerium kaufe Aufgaben ein, für die es eigene Fachleute beschäftigt. Die Verteidigung des Hauses lautet, einzelne Methoden, Modelle und kurzfristig benötigte Kenntnisse fehlten intern. Der Altkanzler-Bot prüft beide Deutungen anhand der Aufträge, der Zuständigkeiten und der erwartbaren Folgen.
Ein Vertrag für Industriepolitik bis 2030
Am 2. Juli 2026 veröffentlichte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im EU-Amtsblatt die Bekanntmachung 455987-2026. Der vollständige Titel lautet „Rahmenvereinbarung über Beratungs- und Unterstützungsleistungen für die Abteilung IV (Industriepolitik) im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie“. Die interne Kennung lautet 17104/004-25#022. Der Vertrag soll am 15. September 2026 beginnen und zunächst zwei Jahre laufen. Zwei Verlängerungen um jeweils zwölf Monate sind vorgesehen. Aus einem Zweijahresvertrag kann so ein Auftrag bis September 2030 werden. Die Angebotsfrist endet am 5. August 2026.
Los 1 überträgt dem künftigen Dienstleister ökonomische Arbeiten. Er soll neue Förderkonzepte ausarbeiten, wettbewerbliche und regulatorische Fragen bearbeiten und Entscheidungsgrundlagen für Maschinenbau, Automobilwirtschaft und Chemieindustrie erstellen. Die geforderten Referenzen reichen von industriellen Wertschöpfungsketten über Wettbewerbsökonomie und geopolitische Folgen bis zu nachhaltiger Mobilität, Dekarbonisierung und europäischen Förderinstrumenten. Los 2 umfasst Rechtsberatung zu Umweltrecht, Chemikalienrecht und der Regulierung des autonomen und vernetzten Fahrens. Qualität zählt bei der Vergabe zu 70 Prozent, der Preis zu 30 Prozent.
Die Leistungsbeschreibung geht tiefer. Bei der Automobilwirtschaft soll der Dienstleister strukturelle Probleme untersuchen, die CO₂-Flottenregulierung bewerten und Transformationspfade mit Elektromobilität, Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen vergleichen. Für die Chemiebranche verlangt das BMWE rechtliche Analysen zu neuen Gesetzen und zur EU-Chemikalienregulierung. Correctiv berichtet von rund 6.800 vorgesehenen Arbeitsstunden in den ersten zwei Jahren. Die oft genannte Summe von 1,2 Millionen Euro stammt aus einer Modellrechnung mit 180 Euro je Stunde. Die Bekanntmachung lässt den Auftragswert offen. Der Auftragnehmer hat keinen Anspruch auf einen Mindestabruf. Geld fließt erst mit konkreten Einzelaufträgen.
Diese Präzision verändert die Debatte. Der Rahmen greift tief in die tägliche Arbeit einer Industrieabteilung ein. Förderarchitektur, Branchenanalyse, Wettbewerbsregeln und Transformationspfade gehören zum Kern ihres Auftrags. Die politische Frage lautet daher: Welche konkrete Fähigkeit fehlt, wie lange fehlt sie, und welches Wissen bleibt nach dem letzten Beratungstag im Ministerium?
Das Beratermuster reicht von Strategie bis Kommunikation
Der Industrieauftrag steht neben weiteren großen Vergaben. Am 30. März 2026 schrieb das BMWE die „Strategische Top-Management-Beratung für die Behördenleitung“ unter dem Aktenzeichen 17104/004-25#023 aus. Die Leistungsbeschreibung sieht bis zu 9.000 Personenstunden pro Jahr vor. Externe Teams sollen Organisationsgestaltung, Prozesssteuerung, Ressourcenallokation und Effizienzfragen bearbeiten. Als fachpolitische Felder tauchen Rohstoffsicherheit, Zukunftstechnologien, wirtschaftliche Souveränität, außenwirtschaftliche Sicherheit und industrielle Transformation auf. Die Bundesregierung beschreibt die Vereinbarung als vorsorglichen Rahmen. Der Umfang der späteren Einzelabrufe ist offen. Sie bezeichnet die Beratung als Ergänzung zum vorhandenen Fachwissen.
Seit Februar 2026 unterstützen Scholz & Friends und FGS Global das Ministerium bei Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Für diesen Rahmen sind bis zu 2.217.600 Euro netto pro Jahr eingeplant. Die Grundlaufzeit beträgt zwei Jahre, zwei weitere Jahre sind über Verlängerungen möglich. Der Leistungsumfang umfasst strategische Kommunikationsberatung, Positionierung in öffentlichen Debatten, Kampagnen, Content und Informationsmaterial. Auch hier beschreibt die Summe einen Höchstrahmen. Die tatsächlichen Ausgaben können darunter liegen.
Am 8. Juli 2026 folgte die Ausschreibung „Analysen zur Reform des EU-ETS 2026 – mit Fokus auf industriepolitische Auswirkungen“. EU-ETS bezeichnet den europäischen Emissionshandel, über den große Anlagen Zertifikate für ihren CO₂-Ausstoß benötigen. Der Auftragnehmer soll ein Rechenmodell entwickeln, Änderungen an der Zertifikatsmenge quantifizieren und die kostenlose Zuteilung auf Benchmark-Ebene untersuchen. Weitere Arbeitspakete betreffen Carbon Leakage und die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien. Das BMWE veranschlagt bis zu 95 Personentage. Die EU-Kommission legte ihren Reformvorschlag am 17. Juli vor; der Bericht für das Ministerium soll im Herbst vorliegen.
Aus drei einzelnen Beschaffungen entsteht ein politisches Muster. Externe Firmen sollen die Behördenleitung beraten, industriepolitische Fachfragen bearbeiten, ein ETS-Modell bauen und die Kommunikation des Hauses unterstützen. Wer Diagnose, Entscheidungsdesign und öffentliche Vermittlung parallel einkauft, muss die Grenze der eigenen Leistung sichtbar machen. Jeder Vertrag kann für sich plausibel sein. Ihre Summe verlangt eine gemeinsame Begründung.
Externe Expertise hat einen legitimen Platz
Ein Ministerium kann Fachwissen einkaufen. Neue Krisen, seltene Transaktionen, komplexe Modelle und kurze Fristen erzeugen echten Bedarf. Die Stabilisierung eines Energieunternehmens, eine große Netztransaktion oder ein spezielles Emissionsmodell verlangen Fähigkeiten, die eine Behörde kaum für jeden denkbaren Sonderfall dauerhaft vorhalten kann.
Auch ein zweites Modell besitzt Wert. Eine externe Rechnung kann Fehler in internen Annahmen entdecken. Sie kann Szenarien vergleichen und eine Fachabteilung zwingen, ihre Daten offenzulegen. Das Vergabeverfahren für die Industrieberatung gewichtet Qualität deutlich höher als den Preis. Dieser Aufbau spricht für den Anspruch, qualifizierte Arbeit einzukaufen.
Die Kritik von Michael Kellner stammt aus der Opposition. Seine Behauptung, Reiche habe das Haus durch Versetzungen geschwächt und kaufe anschließend Ersatz ein, braucht Belege. Ein anonymer Beamter verweist auf eine dreistellige Zahl methodisch ausgebildeter Ökonomen im Haus. Diese Aussage lässt die verfügbare Kapazität für das konkrete Modell offen. Fachkenntnis, freie Arbeitszeit, Datenzugang und einsatzbereite Software sind verschiedene Dinge. Das BMWE kann diese Entlastung liefern, indem es die interne Bedarfsprüfung veröffentlicht und die fehlenden Fähigkeiten präzise benennt.
Kernkompetenz gehört dauerhaft ins Haus
Die Entlastung endet bei der Dauer. Ein vierjähriger Rahmenvertrag für allgemeine Industriepolitik schafft eine andere Lage als ein Gutachten zu einer seltenen Transaktion. Wer über Jahre Förderkonzepte, Branchenpfade und regulatorische Folgen extern bearbeiten lässt, muss erklären, welches eigene Können parallel wächst.
Ministerialbeamte tragen das Gedächtnis des Staates. Sie kennen frühere Gesetzesversuche, europäische Verhandlungen, Gerichtsurteile, Vollzugsprobleme und die Interessen der Verbände. Ein Beratungsteam kommt mit Methoden und Marktkenntnis. Es verlässt das Haus nach Vertragsende. Ohne gesicherten Wissenstransfer zahlt der Bund beim nächsten Auftrag erneut für die Einführung in das eigene Problem.
Daraus folgt eine einfache Regel. Modelle, Daten, Quellcode, Annahmen und Dokumentation gehören in die Hand des Bundes. Beschäftigte des BMWE müssen jede zentrale Rechnung reproduzieren und weiterentwickeln können. Der Vertrag braucht ein Enddatum für den Kompetenzmangel. Bis dahin muss das Haus eigenes Personal qualifizieren, geeignete Daten beschaffen und die Methode in der Fachabteilung verankern.
Der Koalitionsvertrag erhöht den Erklärungsdruck. CDU, CSU und SPD haben die Reduzierung der Ausgaben für externe Berater in allen Einzelplänen vereinbart. An anderer Stelle versprechen sie, kostenintensive Beratung durch bessere Steuerung auf ein Minimum zu senken. Zugleich wollen sie interministerielle Projektteams ausbauen und Fachwissen ressortübergreifend bündeln. Reiches Vergaben können mit diesem Vertrag vereinbar sein. Dafür braucht es eine Bilanz, die Einsparungen, neue Aufträge, Abrufe und aufgebautes internes Können gemeinsam zeigt.
Zwei Ressorts brauchen eine gemeinsame Rechnung
Die ETS-Ausschreibung berührt eine zweite Staatsfrage. Die Federführung für den europäischen Emissionshandel liegt beim Bundesumweltministerium unter Carsten Schneider. Das Wirtschaftsministerium braucht die Folgen für Stahl, Chemie, Zement, Wasserstoff und Klimaschutzverträge trotzdem. Diese Perspektive gehört in die Kabinettsentscheidung.
Ein eigenes Modell des BMWE kann eine fachliche Gegenprüfung liefern. Es kann auch zum Instrument eines Ressortstreits werden. Der Unterschied zeigt sich in der Arbeitsweise. Eine gemeinsame Datenbasis, gemeinsam dokumentierte Annahmen und wechselseitige Rechenprüfungen erhöhen die Qualität. Zwei abgeschottete Modelle produzieren konkurrierende Tatsachenwelten auf Rechnung des Bundes.
Das Kabinett sollte daher ein gemeinsames ETS-Modell unter Beteiligung beider Häuser aufsetzen. Externe Fachleute können es bauen und testen. BMWE und Bundesumweltministerium müssen Daten, Annahmen und Quellcode gemeinsam besitzen. Der politische Konflikt über Tempo, kostenlose Zertifikate und Industrieentlastung bleibt bestehen. Er gehört in die Regierung. Der Streit über die Rechengrundlage sollte vor der Kabinettssitzung geklärt sein.
Der Altkanzler-Test
Marc Aurel würde Katherina Reiche zuerst nach dem Motiv fragen. Sucht die Ministerin Erkenntnis, Tempo, Absicherung oder Bestätigung? Ein Auftrag, der vor allem die gewünschte Linie absichert, schwächt das Urteil. Ein Auftrag mit offenem Ergebnis kann es verbessern.
Kant würde die Regel verallgemeinern. Wie sähe eine Bundesverwaltung aus, in der jedes Ressort eigene Modelle für gemeinsame Fragen bestellt, seine Kommunikation extern positionieren lässt und allgemeine Fachaufgaben über jahrelange Rahmenverträge abruft? Eine tragfähige Regel muss auch für Finanz-, Innen-, Gesundheits- und Umweltpolitik gelten.
Max Weber würde die Verantwortung bei der Ministerin belassen. Berater können rechnen, formulieren und warnen. Im Bundestag beantwortet Reiche die Regierungsbefragung. Sie trägt die Folgen der Auswahl, der Annahmen und des politischen Einsatzes.
Popper würde den Auftrag als Widerlegungstest formulieren. Der Dienstleister soll die Annahmen suchen, an denen die bevorzugte Politik scheitern kann. Welche CO₂-Preise verändern Investitionen? Welche kostenlose Zuteilung schützt Produktion und belohnt zugleich Stillstand? Welche Förderkulisse erzeugt Mitnahmeeffekte? Welche Daten sprechen gegen die Ausgangsthese des Ministeriums?
Schmidt würde danach entscheiden. Er verband politische Vernunft mit der Pflicht, alle betroffenen Interessen zu prüfen, Folgen zu verantworten, Gründe zu erklären und Irrtümer zu korrigieren. Externe Beratung passt in dieses Verfahren, sobald sie die Entscheidungsfähigkeit des Staates vergrößert. Sie wird problematisch, sobald sie Verantwortung verdeckt oder eigenes Können verdrängt.
Ein Prüfauftrag an Katherina Reiche
Frau Reiche, veröffentlichen Sie für jeden großen Rahmenvertrag eine kurze Bedarfsbegründung. Nennen Sie die konkrete Fähigkeit, die im Haus fehlt. Beziffern Sie interne Alternativen und erläutern Sie die Wirtschaftlichkeitsprüfung. Veröffentlichen Sie nach der Vergabe den Auftragnehmer, den Kostenrahmen, die Einzelabrufe und die erwarteten Ergebnisse. Zeigen Sie jährlich, welches Wissen im Ministerium geblieben ist.
Geben Sie externen Teams einen klaren Gegenauftrag: Suchen Sie nach Befunden, die die bevorzugte Linie des Hauses widerlegen. Legen Sie Minderheitenvoten offen. Veröffentlichen Sie bei Modellen die zentralen Annahmen und Sensitivitäten. Schaffen Sie mit dem Umweltministerium eine gemeinsame Datenbasis für den Emissionshandel.
Setzen Sie für jede extern geschlossene Kompetenzlücke ein Ablaufdatum. Der letzte Beratertag muss einen Zustand hinterlassen, in dem das BMWE die Methode selbst beherrscht. Eine Beratung ohne Lernziel verlängert Abhängigkeit. Eine Beratung mit überprüfbarem Wissenstransfer kann den Staat besser machen.
Urteilskraft bleibt eine staatliche Aufgabe
Die belegten Fakten zeigen einen breiten Beschaffungsumfang, lange mögliche Laufzeiten und eine knappe öffentliche Begründung. Das Sparversprechen der Koalition verschärft den Erklärungsdruck. Ob die Verträge Geld verschwenden, lässt sich an den späteren Abrufen, Ergebnissen und Lerneffekten messen. Das BMWE kann den Verdacht durch präzise Rechenschaft entkräften.
Das Sohn@Sohn-Reallabor entwickelt den Altkanzler-Bot für solche Konflikte. Er prüft die Behauptung der Opposition, die Verteidigung des Ministeriums und die möglichen Widerlegungen beider Seiten. Aus dieser Prüfung folgt ein klarer Maßstab: Der Staat kann Wissen kaufen. Seine Daten, sein Gedächtnis und sein Urteil muss er behalten.