Als Jugendlicher war der Physiker Michio Kaku von der Aussicht begeistert, auf Zeitreise zu gehen, Strahlenpistolen zu haben oder Kraftfelder, Paralleluniversen und dergleichen zu erforschen. „Magie, phantastische Literatur und Science-Fiction-Geschichten regten meine Vorstellungskraft an, und so begann meine lebenslange Liebe zum Unmöglichen“, schreibt Kaku in seinem Opus „Die Physik des Unmöglichen – Beamer, Phaser, Zeitmaschinen“, erschienen im Rowohlt Verlag. Als Naturwissenschaftler hat er gelernt, dass sich das „Unmögliche“ häufig als relativer Begriff erweist. 1863 erwies sich Jules Verne in seinem Roman „Paris im 20. Jahrhundert“ als äußerst weitsichtig. Darin stellte er sich vor, wie es in der französischen Hauptstadt des Jahres 1960 aussehen würde. Verne bringt eine Technik zum Einsatz, „die im 19. Jahrhundert zweifellos als unmöglich betrachtet wurde, nämlich Faxgeräte, ein weltumspannendes Kommunikationsnetzwerk, Wolkenkratzer aus Glas, benzinbetriebene Autos und Hochgeschwindigkeitszüge auf Stelzen“, so Kaku. Da Verne großes Verständnis für die Grundlagen der Wissenschaft aufbrachte, gelang ihm dieser bemerkenswerte Blick in die Zukunft. Im Gegensatz zu Lord Kelvin, der Flugapparate, die schwerer als Luft sind, für undenkbar hielt. Röntgenstrahlen betrachtete er als Schwindel und für das Radio sah er keine guten Erfolgsaussichten. Lord Rutherford, der den Atomkern entdeckte, verwarf die Möglichkeit einer Atombombe. „Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Schwarze Löcher als Science-Fiction betrachtet“, führt Kaku aus.
Wie man aus der Vergangenheit die Zukunft ableiten lässt, könne man sehr schön an Star Wars erkennen, sagte Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies in einem Vortrag über die Entwicklung der Sprachkommunikation. Was könnte passieren mit einer Kombination aus Star Wars, Facebook und semantische Technologien. „Stellen Sie sich vor, es hätte bei Star Wars schon ein Facebook gegeben und der Kanzler Kanzler Palpatine, Count Dooku, Jabba the Hut und andere Bösewichte wären miteinander befreundet gewesen. Da hätte Obi-Wan Kenobi sofort herausgefunden, wer hinter der großen Verschwörung steckte und das Ganze wäre geplatzt. Wir gehen in unserem Zukunftsszenario über Star Wars hinaus. Damals gab es noch kein Facebook, keine Suchmaschinen oder semantische Technologien. Es gab zwar R2D2, den bekommen wir aber auch bald“, so Stahl in seiner launigen Rede in Stuttgart.
So ist eine Energiewende in Deutschland nur möglich mit einer leistungsfähigen Netzinfrastruktur. Stromfressenden Endgeräte in Unternehmen und privaten Haushalten bekommen nur dann Öko-Intelligenz, wenn sie über das Internet mit den Stromerzeugern und Netzbetreibern gekoppelt werden. Verlängerte Laufzeiten machen Atomkraft nicht mehr zum Zukunftsmarkt, sondern sorgen eher für ein quälendes Ende. Auch für die Energieversorgung braucht man Internetkompetenz, liebwerteste Gichtlinge der Politik. Siehe auch: Energiemarkt 2.0: Wie man mit Netzintelligenz die Öko-Wende schafft.
Das hat der Mathematiker Gerd Antes in einem Gastbeitrag für die FAZ sehr schön zusammengefasst. Für Deutschland als rohstoffarmes Land sei eine überlebenswichtige Frage, ob uns der Umgang mit einem unbegrenzten Rohstoff gelingt: Wissen. Im Informationszeitalter seien wir noch nicht angekommen. „Wie weit wir davon tatsächlich entfernt sind, zeigt sich daran, dass es einer apokalyptischen Katastrophe bedarf, um von der Kanzlerin zu hören, dass auch für Deutschland Umdenken angesagt ist“, so Antes.
Mit dem Guttenwahn-Drama werden sich die liebwertesten Gichtlinge des Journalismus, der Politikwissenschaft und Demoskopie noch lange beschäftigen. In meiner morgigen Kolumne für „The European“ werde ich mich damit ausführlicher auseinandersetzen. Hier nur ein kleiner Auszug: Eingeübte Politikrituale, wie man sie in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten kennt, funktionieren nicht mehr. Man braucht zum Regieren mittlerweile nicht nur Bild, BamS und Glotze – im Fall Guttenberg müsste man noch Meinungsumfragen hinzufügen. So funktionierten noch die Leitplanken von Altkanzler Gerhard Schröder. Die politische Willensbildung ist durch das Internet schwieriger und unübersichtlicher geworden. „Wir erleben ein Ende der Leitmedien“, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview mit WDR 2.
Ein Medium wie Bild könne einen Politiker wie Guttenberg in einer linearen Weise nicht mehr durchsetzen oder halten. Die massive Positivkampagne des größten Boulevardblattes für den baronesken Welterlöser war nicht von Erfolg gekrönt, da man die sich selbst organisierende Web-Öffentlichkeit nicht mehr unter Kontrolle bringt.
„Die Schwarmintelligenz im Netz benötigte gut zwei Tage, um Guttenbergs Dissertation bis auf die Knochen abzunagen. Wie Piranhas“, schreibt Volker Zastrow in einem opulenten und höchst lesenswerten Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die blitzschnelle Recherche des GuttenPlag Wikis habe auch die Qualitätsmedien des Landes beeindruckt, sie mit Material und der nötigen Entschiedenheit versorgt, meint Pörksen. Und nicht zuletzt die Wissenschaftscommunity auf die Barrikaden gebracht.
Die Netzöffentlichkeit positionierte sich sofort gegen den freiherrlichen Plagiator, erst danach setzten die klassischen Medien nach und zerbröselten die bizarren Scheinwelten des ehemaligen Selbstverteidigungsministers. Insofern hinkt die Verschwörungstheorie der Guttenberg-Fans, die von einer Kampagne der Massenmedien sprechen.
Was erleben wir aber beim Aufstieg und Untergang des adligen Polit-Shootingstars? Bild und BamS scheitern beim Versuch, den erlauchten Minister im Amt zu halten. Die Mehrheit der Deutschen trauert um den Abgang eines Heilsbringers und die Schwarmintelligenz des Netzes entzauberte den Meister der Camouflage. Da müsste man wohl von einem dreifachen oder vielfachen Meinungsklima sprechen. Mehr dazu bitte morgen im Debatten-Magazin „The European“ lesen.
„Alle haben sie plagiiert, spätestens seit Büchner mit 23 Jahren mitten in der Sünde des Abschreibens starb, der in seinen ‚Woyzeck‘ teilweise wörtlich zwei gerichtsmedizinische Gutachten einarbeitete und in seinem Stück ‚Dantons Tod‘ wörtlich Redeprotokolle der Französischen Revolution zitierte. Ohne Quellenangabe“, so Karasek.
Das ist die künstlerische Betrachtung. Aber auch wirtschaftlich gibt es Vorteile durch Nachahmung, Trittbrettfahrertum und Imitation. Wer ist schon ein genialer Erfinder. Manchmal reicht es aus, einen richtigen Riecher zu haben und aus den bestehenden Erfindungen etwas Neues zu machen – das hat Guttenzwerg ja gerade nicht getan. In einem lesenswerten Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind die volkswirtschaftlichen Vorteile des Kopistentums ausführlich dargestellt worden. Dort gibt es auch den Verweis auf einige interessante Veröffentlichungen: Zum Beispiel der Band von Marcus Boon „Lob des Kopierens“, erschienen bei Harvard University Press.
„Auch Ready-mades und objets trouvés sind gewissermaßen Grenzfälle. So ist Marcel Duchamps künstlerische Leistung bei dem Werk ‚Fountain‘ die Erhebung eines präexistenten Alltagsgegenstandes zur Kunst und nicht der Gegenstand selbst. Es wäre auch reichlich absurd, wenn Marcel Duchamp im Anschluss versucht hätte, die Verbreitung von Pissoirs, unter Berufung auf sein ‚geistiges Eigentum‘, zu unterbinden oder am Verkauf davon zu partizipieren. Dennoch werden Versuche dahingehend unternommen. „So waren Jeff Koons und seine Anwälte der Ansicht, Buchstützen in Ballonhund-Form würden gegen die Rechte von Koons verstoßen“, schreibt Presseschauer.
Über Kommentare, Hinweise, weitere Quellen zum Thema und natürlich Retweets würde ich mich freuen 🙂
Die Informare beschäftigt sich im Wissenschaftsjahr 2011 in Berlin vom 3. bis 5. Mai mit der Informationskompetenz. Hier soll die wissenschaftliche Konferenz mit einer Unkonferenz nach Art eines BarCamps verbunden werden. Dazu gibt es Poster-Sessions, Workshops, die Ausstellung „Die Kunst der Information“ und eine „lange Nacht der Suchmaschinen“. „Mit diesen sechs Elementen thematisiert die Informare die drängenden technischen, organisatorischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen beim Umgang mit digitaler Information und zeigt auf, was es zur Lösung schon alles gibt. Veranstaltungsort ist das legendäre Café ‚Moskau‘ an der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Die Frankfurter Buchmesse hat die Schirmherrschaft für die Informare! übernommen“, so die Ankündigung der Veranstalter. „Alle Welt redet über Medienkompetenz. Was wir aber noch mehr brauchen, ist Informationskompetenz“, so der wissenschaftliche Verleger Arnoud de Kemp, Initiator der Informare.
Es geht um Kompetenz zur Bereitstellung, Beschaffung und Bewertung von Information mit elektronischen Medien. Die Informare! wird zeigen, was es in der Wissenschaft, in der Praxis und in der Arbeitswelt an professionellen Angeboten, Lösungen, Ansätzen und Ideen gibt. Viele Vortragsthemen und Ausstellungsprodukte werden in Hands-on und Hands-off Work-shops vertieft.
Deutschland, wo sind Deine Kopisten und Kombinierer? Warum wir für Innovationen mehr Imitationen brauchen
Ist Steve Jobs mit seinen Innovationen ein kreativer Zerstörer und begnadeter Erfinder? In Wahrheit ist er ein Imitator und Meister der Kombinatorik. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Der Steve Jobs-Konzern folgt nur konsequent dem Less-and-More-Diktum des genialen Industriedesigners Dieter Rams, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Wir sollten in Deutschland endlich lernen, die besseren Nachahmer zu werden. Die schnellen Zweiten machen das Rennen, nicht die Ersten – zumindest in der Wirtschaft. Steve Jobs ist allerdings nicht nur ein kluger Unternehmer im Sinne von Joseph Schumpeter. Nun will ich hier nicht wieder die inflationäre verwendete Phrase vom „kreativen Zerstörer“ verwenden. In dem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von 1912 steht schon einiges, was zu meinem Thema passt: „Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt“, schreibt Schumpeter.
Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich deutlich vom Routineunternehmer: „Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenen Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten.“ Kopieren alleine reicht also nicht.
Und generell gilt wohl die Entwicklungslogik, der sich auch Apple oder Google nicht entziehen können: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen.
Über Anregungen für meinen Vortrag würde ich mich sehr freuen. Bis zum Mai werde ich das Thema weiterentwickeln und noch ein paar Beiträge schreiben. Gerne auch Interviews.
„Unsere Datenkommunikation ist inakzeptabel“, meint der IT-Guru David Gelernter. Das Netz produziere immer mehr Daten. Im Gespräch mit Alexander Görlach erläutert Gelernter Möglichkeiten, wachsende Datenmengen neu zu organisieren. Es geht darum, das Netz zu meistern.
Seine Thesen frischt Gelernter mit aktuellen Beispielen auf. Wirklich neu sind sie nicht.
Vor ein paar Jahren hatte ich zu den Visionen von Gelernter schon mal was geschrieben: Der Computerkunde als Aktenknecht – Benutzeroberflächen funktionieren immer noch wie Schreibtische
Nach Meinung von Gelernter sind die Benutzeroberflächen immer noch die Achillesferse der Computer und zwingen den Anwender zu einem „Dasein als Aktenknecht“, der seine Zeit damit verplempert, Dateien zu beschriften und einzuordnen. „Das Desktop-Interface wurde nach dem Vorbild des Büroschreibtischs entwickelt: Man sitzt an einem Tisch mit Akten, und es gibt Schubladen und Ordner, in die man sie ablegt“, führt der amerikanische Spezialist für Künstliche Intelligenz aus. So arbeitete man bereits vor 80 Jahren. In den 1970ern sei dieses System dann einfach auf den Computer übertragen worden. Man verfolge dabei eine nicht mehr zeitgemäße Logik – sie entspreche nicht mehr der Funktion von Computern.
„Ein Schreibtisch ist passiv, der Computer ist aktiv – er kann Dokumente selber beschriften, suchen und ordnen. Die Idee, dass wir jedem Dokument einen Namen geben sollen, ist schlicht lachhaft. Wenn Sie drei Hunde haben, ist das sinnvoll. Besitzen Sie aber 10.000 Schafe, ist es Irrsinn“, bemängelt Gelernter. Cioforum-Sprecher Andreas Rebetzky sieht das ähnlich. Damals geizte man noch mit Bits und Bytes – eine Festplatte mit 10 MByte kostete mehrere tausend Euros: „Daher kam die Entwicklung des Dateinamens – das ist eine sehr kanonische Entwicklung. Heute gibt es bereits Systeme, die in Workflows und Timeflows arbeiten. Systeme, die Metadaten zulassen, volltextorientierte Suchmechanismen, die sogar zum Teil auf unscharfen Pattern basieren. Wir müssen das nur nutzen. Und das erfordert Zeit, den die tradierten Anwender werden zunächst erst mal in den bekannten Ordnern suchen“, glaubt Rebetzky, der hauptberuflich als CIO für den Lebenmitteltechnologie-Spezialisten Bizerba tätig ist.Bei Benutzeroberflächen sieht er Fortschritte. Der Erfolg von Apple basiere hauptsächlich auf der Ergonomie des ‚Desktops’. Auf die Spitze getrieben im iPhone.
Gelernter entwickelte eine Software, die Informationen auf völlig neue Art strukturiert. Jedes Dokument will er in einer Zeitachse anordnen – einem „Lifestream“. Informationen werden zeitlich strukturiert statt räumlich in Ordnern. So korrespondiert die Anordnung der Information mit den Ereignissen des Lebens. „Unser erstes Dokument ist die elektronische Geburtsurkunde, und jedes Dokument, das hinzukommt, wird chronologisch bis zur Gegenwart eingeordnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um E-Mails, Fotos, MP3s oder den Entwurf eines Buchkapitels handelt – alles wird einfach in den Lifestream geworfen“, erläutert Gelernter. Dateien müsse man dann mehr mit Namen bezeichnen, da sie sich selbstständig nach Inhalten, Stichworten, Ort und Zeit vernetzen. Ordner werden überflüssig. Der Lifestream erstrecke sich auch in die Zukunft: Man könne ein Dokument an jene Stelle auf der Zeitachse kopieren, an der es wieder auftauchen soll.
Für den IT-Fachmann Rebetzky ist das eine nette Idee, aber zu eindimensional: „Bilden wir dadurch nicht alles auf einer Perlenschnur ab? Ich glaube, wir müssen Informationen aus dem Cyberpool filtern, indem wir sie in einen Kontext stellen. Zum Beispiel können wir den Kontext ‚Globalisierung’ mit dem Kontext ‚Offshore Softwareentwicklung’ kombinieren und damit im Cyberpool suchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Google und Co. genau diesen Weg beschreiten werden. Derzeit ist die Suche immer noch zu unspezifisch“. Gelernter setzt auf Assoziationen. Wer eine Stimme höre, denke an ein Gesicht. „Damit ist eine zeitliche Information verbunden: Wann habe ich die Person das letzte Mal gesehen? Eine Kombination aus assoziativer Vernetzung und zeitlicher Strukturierung ist die natürliche Art, Information in einer Software zu speichern“. Leider könnten die meisten Softwaresysteme nicht assoziativ „denken“, bemängelt Rebetzky: „Darin unterscheiden sich Computer noch von Menschen. Höchstwahrscheinlich werden die assoziativen Fähigkeiten von Softwaresystemen in den nächsten 20 bis 30 Jahren extrem zunehmen, was unsere Interaktionsmöglichkeiten mit dem Cyberspace erheblich beeinflussen wird. Vorhersehen kann das aus meiner Sicht niemand: Selbst Computergrößen wie Bill Gates dachten ja einst, dass 640 kByte für jeden völlig ausreichen. Welch ein Irrtum“, stellt Rebetzky fest.
Gelernter geht in Zukunft von dreidimensionalen Benutzeroberflächen aus. Das Interface ähnele dann mehr einem Videospiel: „Statt auf den Screen werden wir durch ihn auf eine beliebig große virtuelle Welt sehen. Der Bildschirm wird wie eine Art Fenster sein. Wenn Sie Ihren Computer anstellen, öffnet sich eine Cyberlandschaft vor Ihren Augen, in die Sie meilenweit hineinsehen können. Im Vergleich dazu ist die heutige Desktop-Benutzeroberfläche furchtbar limitiert und langweilig: Ein Hintergrund mit Dokumenten. Ich sehe lieber aus dem Fenster auf Bäume, Menschen und Verkehr als auf Akten auf einem Schreibtisch. Mit dem Lifestream erlauben Benutzeroberflächen virtuelle Zeitreisen: Wir fliegen dann durch die Cyberlandschaft in die Zukunft und die Vergangenheit“. 3D sei nicht der Stein der Weisen, kontert Rebetzky. „Die virtuelle Welt des Business bedeutet Meeting, Prioritäten, Projekte in ständigem Wandel. Wenn mir mein Kalender einmal für die Tagesbesprechungen die Referenzen zu den Dokumenten vorlegt, die für die folgenden Meetings sinnvoll sind, dann haben wir einen ersten Fortschritt. Stand heute: Miles away”.
Daran hat sich bis heute wenig geändert. Es wäre doch mal schön, wenn Gelernter seinen Visionen auch Taten folgen lässt.
Für Branchenexperten kam die Entscheidung der Nürnberg Messe nicht überraschend: Die Kongressmesse Voice Days plus wird in diesem Jahr nicht stattfinden. „Mit Blick auf die Branche und das Umfeld haben wir beschlossen, in diesem Herbst auszusetzen“, so Claus Rättich, Mitglied der Geschäftsleitung der Nürnberg Messe. Die 2004 gestartete Fachveranstaltung wird wohl keine Reanimation erfahren.
„Die Voice Days sind bekannt geworden mit dem Thema Sprachtechnologie. Es ging in den ersten Jahren vor allen Dingen um den Einsatz von Sprachcomputern bei telefonischen Services. In den vergangenen zwei Jahren haben wir uns von diesem Schwerpunkt entfernt und die Kundeninteraktion über alle Kommunikationskanäle in den Vordergrund gestellt. Es ging generell um Serviceinnovationen, die das Leben der Kunden leichter machen. Und dieses Projekt werden wir auch in Zukunft vorantreiben“, erläutert Bernhard Steimel, Sprecher Smart Service Initiative, im Interview mit dem Düsseldorfer Fachdienst Service Insiders. Für die Voice Days sieht Steimel keine Zukunft mehr – in welcher Form auch immer. „Ich habe noch keine Veranstaltung erlebt, die ein Jahr ausgesetzt wurde, um danach wieder zum Leben erweckt zu werden.“
Die Referenten und Fachbesucher seien von der Neuausrichtung der Voice Days begeistert gewesen. Nur in der breiteren Öffentlichkeit habe sich das nicht herumgesprochen, dass man einen neuen Ansatz verfolgt und dazu auch die Smart Service Initiative ins Leben gerufen hat. „Wir haben die richtigen Themen unter einem falschen Label angepackt“, so Steimel. Die Brancheninitiative sei nur für den Kongressteil zuständig gewesen und existiert unabhängig von der Messegesellschaft. „Mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation haben wir gute Vorarbeit für das Smart Service Award-Konzept geleistet und ein valides Testverfahren auf die Beine gestellt. Das wollen wir auch in diesem Jahr wieder durchführen. Als Standort für eine eigene Veranstaltung unter dem Titel ‚Smart Service Day‘ bieten sich Düsseldorf, Köln oder Bonn an. Ob wir das selbst oder mit einem Partner durchführen, wird sich innerhalb der nächsten zwei Wochen klären. Im April wird dann wieder die Kampagne für den Award gestartet“, sagt Steimel.
Meine erste Kolumne für „The European“ beschäftigt sich mit dem Internet-Provinzialismus in Deutschland. Die Hysterie um Facebook, Google Street View und Co. verdeutlicht nur, wie sehr unsere Politik in ihrer Unwissenheit auf eine Jägerzaunpolitik setzt. Anstatt ständig einen deutschen Sonderweg einzuschlagen, sollten die sich die Damen und Herren im Bundestag besser um die Entwicklung einer deutschen Web-Exzellenz kümmern. Woher kommen der deutsche Verpixelungs-Sonderweg, die Sehnsucht nach technologisch sinnlosen digitalen Radiergummis und die Angst vor einer harmlosen Tracking-Software wie Google Analytics? Vielleicht liegt es daran, dass es für die politischen Jägerzaunregulierer in Deutschland so schön risikolos ist, sich mit Technologiegiganten in den USA anzulegen, um der Internetwelt zu zeigen, dass man als Staat netzpolitisch handlungsfähig bleibt. In Wahrheit verdeckt die politische Klasse ihre technologische Ahnungslosigkeit.
Die mentale Befindlichkeit der selbsternannten Internethausmeister erinnert an das kulturpessimistische und elitäre Credo des früheren FAZ-Herausgebers Karl Korn aus den 50er-Jahren: Auto, Flugzeug und Film verwandelten das „Raum- und Zeitgefühl, die Erlebniswelten, die bildliche und geistige Vorstellungswelt des Menschen“. Die technischen Apparaturen bedingten die Passivität der Menschen, schränkten ihre Spontaneität ein. Das Tempo der Maschinen zwinge sich dem menschlichen Rhythmus auf, führe zu Hektik – ein konditionierter, passiver, gehetzter Mensch sei aber „unfähig zur Kultur“. Klingt ein wenig nach den Schirrmacher-Neurothesen über die Gehirnerweichung durch übermäßigen Internetkonsum.
Offenbar halten die politischen Meinungsführer die Bürger für Volltrottel, die ohne Anweisungen, Verbote und gesetzliche Regeln in ihr Verderben stolpern. Eure Meinung interessiert mich. Auch über Themenvorschläge für die wöchentliche Kolumne würde ich mich freuen! Hier geht es zur Kolumne.
Von den unendlichen Möglichkeiten der drahtlosen Kommunikation waren abendländische Geistesgrößen schon vor hundert Jahren beseelt. Nachzulesen im Opus „Die Welt in 100 Jahren“. In dem 1910 veröffentlichten Werk heißt es:
„Es wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, dem durch die Luft gleitenden Aeroplan oder dem in der Tiefe der See dahinfahrenden Unterseeboot.“
Auf seinem Wege ins Geschäft werde der Mensch seine Augen nicht mehr durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, „er wird sich in der Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad‘ fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der gesprochenen Zeitung in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren, nach denen er verlangt.“ Wenn schließlich auch der „gewöhnliche Sterbliche“ einen solchen Apparat nutzt, „dann werden dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephones geworden sind.“ Dem einflussreichen Journalisten und Schriftsteller Arthur Brehmer gelang es damals, einige interessante Experten zu gewinnen, ihre Gedanken über die Zukunft nieder zu schreiben.
Die spektakulärste Prognose über das Telephon in der Westentasche stammt aus der Feder von Robert Stoss.
Es ist im vergangenen Jahr wieder aufgelegt worden und prompt zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt worden. Stoss sprach vom Ende von Raum und Zeit.
„Überall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten und wäre der Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie während der Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag.“
Über hundert Jahre später spricht man nun vom Jahr der Smartphones: Die Minicomputer mausern sich immer mehr zum persönlichen digitalen Assistenten und kommen dem Zukunftsszenario des Grazer Informatik-Professors Hermann Maurer schon sehr nahe:
„Ich habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer prognostiziert: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragungsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit allen ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems (GPS), einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts- , Buchungs- und Kommunikationsgerät“, erläutert Maurer.
Die allgegenwärtigen Computer werden stärker mit dem Menschen selbst verbunden.
„Die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern wird so weit gehen, dass man sie in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können“, so Maurer weiter.
Entsprechende Konsequenzen ergeben sich für die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden:
„Smartphones können über Apps immer intelligenter eingesetzt werden und erweitern die Möglichkeiten für umfassende Web-Services, zu jederzeit und an jedem Ort“, sagt der Kommunikationsexperte Peter B. Záboji.
Über Apps könne man personalisierte Dienste etablieren, um dem Kunden sofort die gewünschten Informationen anzuzeigen:
„Die Programme bewähren sich besonders für Standardabfragen. Beispielsweise Sportergebnisse, Aktienkurse, Restaurantempfehlungen, Apotheken‐Notdienste oder Öffnungszeiten.“
Apple-App-Economy
Die von Apple geschaffene App-Economy wird als Hebel für die Durchsetzung des mobilen Internets gesehen:
„Jeder Nutzer kann sich sein Endgerät so zusammenstellen, wie er es sich wünscht. Für die Hersteller eröffnet sich eine große Chance, ihre Produkte attraktiver zu gestalten. Apple hat es genial vorgemacht. Der Konzern hat die Entwickler-Community auf das Endgerät zugreifen lassen in einem bestimmten Rahmen, um bei den Anwendungen eine größere Vielfalt zu gewährleisten. Spannend sind die Apps, wenn es um die Kundenkommunikation geht“, so die private Einschätzung von Johannes Nünning, Zentrum Mehrwertdienste bei der Deutschen Telekom, im Interview mit dem Online-Fachdienst Service Insiders.
Was bereits machbar sei, zeige die App von Immobilienscout 24. Hier könne man auf rund 1,2 Millionen Angebote von unterwegs zugreifen und geeignete Objekte in richtiger Lage, Größe oder Preiskategorie herausfiltern.
Per Klick auf das integrierte Google Maps könne sich der Suchende über Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, Schwimmbäder und dergleichen in der Umgebung informieren.
„Passt alles, genügt ein weiterer Klick, um via E-Mail oder Telefon in Kontakt zum Immobilienanbieter zu treten; der vereinbarte Termin wird direkt in der Applikation vermerkt. Auch individuelle Fotos und Notizen zur Besichtigung lassen sich darin speichern. Ist der Vertrag für das neue Zuhause unterschrieben, bietet Immobilienscout24 weitere mobile Services“, so Gessenhardt.
In einer App für den Umzug sei eine Check- und Aufgabenliste enthalten, um zu ermitteln, wie viele Umzugskartons benötigt werden oder welche Ämter in der Nähe sind.
„Aus Nutzersicht ist es völlig egal, ob es sich um eine lokal installierte Applikation oder um einen browserbasierten Dienst handelt. Entscheidend wird sein, welche Gedanken sich die Entwickler von Apps und mobilen Internetseiten über die Kontaktstrategien mit den Kunden machen werden. In welcher Situation wird mein Kunde über mobile Services auf mich zukommen und wie kann ich ihm an dieser Stelle gerecht werden. Hier kommt auch wieder die Telefonfunktion des Smartphones auf die Bühne zurück. Es wird sicherlich einen Trend zu Self Services geben. Wenn aber beispielsweise ein starkes Kaufinteresse geweckt wurde, kann es auch ein Bedürfnis nach einer telefonischen Beratung geben“, sagt Nünning gegenüber Service Insiders (ist gestern erschienen).
Ein Call Center bekomme weniger Standardabfragen. Die Anfragen werden spezifischer. Entsprechend qualifizierter müsse das Personal im Call Center sein. Zudem benötigen die Dienstleister hochwertige Technologien.
Hier die Audioaufzeichnung des Interviews mit Johannes Nünning: