
Kann Deutschland Leadership? Vor der Live-Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ am 28. Juli um 15 Uhr fällt die Antwort aus Wirtschaft, Wissenschaft und HR-Praxis unterschiedlich aus. Einig sind sich die Stimmen in einem Punkt: Führung lässt sich nicht durch Selbstgewissheit, Positionsmacht oder Appelle ersetzen. Sie braucht Menschen, die folgen wollen, Organisationen, die Leistung ermöglichen, und Führungskräfte, die technologische Veränderung verstehen.
Der Leadership-Forscher Professor Karlheinz Schwuchow warnt vor einer verbreiteten Selbstüberschätzung von Führungskräften. „Führungskräfte verkennen regelmäßig, dass Leadership immer auch Followership impliziert – den Willen und das Wollen der Geführten“, sagt Schwuchow. Wer dieses Feuer nicht entfache, erreiche nichts, „da kann man noch so von sich selbst überzeugt sein“.
Joachim Rotzinger, CEO von Ingentis, knüpft Leadership enger an Organisationsleistung. Deutschland könne Leadership, „wenn wir aufhören, Organisationen als irgendwie von Hause aus leistungsfähig zu betrachten“. Die Zukunft gehöre denen, die Komplexität verstehen, Menschen befähigen und Organisationen so bauen, dass Effizienz, Zielorientierung, Anpassungsfähigkeit und Innovation gefördert werden. Daraus entstehe „Organizational Performance“, von der Unternehmen und Beschäftigte profitierten.
Thomas Jenewein, Business Development Manager für AI, Adoption & Transformation bei SAP Services MEE, hält die Fragestellung für zu abstrakt. „Deutschland kann kein Leadership – das können nur Menschen bis jetzt“, sagt Jenewein. Menschen könnten vorangehen: empathisch, klar, verantwortungsvoll und mutig. Statt mit „German Angst“ und Defizitorientierung zu diskutieren, solle man stärker auf positive Beispiele schauen. Sein Bezugspunkt ist die AI Transformation; sein Leitsatz: „Die Zukunft ist schon lange da, sie ist eben nur ungleich verteilt.“
Deutlich skeptischer blickt Robindro Ullah auf die kommenden Jahre. Er schlägt vor, die Frage umzudrehen: „Wird Deutschland zukünftig noch Leadership können?“ Seine Antwort fällt knapp aus: „Unsere Messung sagt nein.“ Vor allem bei KI-Kompetenz sieht Ullah eine große Herausforderung. Leadership in der AI Transformation und in hybriden Teams gelinge nur, wenn Führungskräfte die Technologien, Arbeitsformen und Dynamiken verstehen. „Man kann nichts führen, was man schon im Ansatz nicht versteht.“
Damit verschiebt sich die Debatte von der klassischen Führungsfrage zur Systemfrage. Leadership hängt nicht mehr allein an Charisma, Rang oder Durchsetzungskraft. Sie entscheidet sich an Gefolgschaft, Organisationsdesign, KI-Kompetenz und der Fähigkeit, Menschen in Unsicherheit handlungsfähig zu machen.