#StreamingEgos – Digital Identities: The Prince of Poets as a Social Web Enthusiast #Goethe

Goethe

How excited would Johann Wolfgang von Goethe have been to harness the boundless, real-time World Wide Web for his transnational dialog. The Prince of Poets was limited to snail mail, with one special privilege: Mail service was in the hands of a private authority and considered the cornerstone of pre-industrial modernization. The clout of its “inventor” Franz von Taxis was on par with that of Christopher Columbus. Provider “Thurn und Taxis” granted Goethe free postage for life.

“Goethe did not have to pay for any letters sent or received,” literary expert Peter Goßens mentioned in his interview with Sabria David, curator of the “Streaming Egos” project.

Goethe could write as many letters as he pleased. With this free communication tool, he evolved into the networking agent for European discourse. This was the driving force behind his cosmopolitan Humanism. Populist right-wing politicians would be well advised to take a leaf out of Goethe’s book. Today, Goethe would be using Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air and a blog. Back in his day, he mainly used his own journal “On Art and Antiquity” to enter into a dialog with Europe’s literary minds.

“In addition to his prolific correspondence, his visitors and the conversations that were part of his daily life in Weimar, it was mainly his journal project that enabled an aging Goethe to cast his web of communication (which was virtual, yet manifest in its printed format), and to share his views on significant matters of world literature,” Goßens writes in his habilitation thesis Weltliteratur [World Literature], published by J.B. Metzler-Verlag.

Goethe sought to engage the erudite classes of his time in a debate on how old knowledge can be preserved for new times and how to develop a new social model:

“When we dared proclaim a European, even universal, World Literature, we didn’t mean that the various nations take note of one another and their cultural products; for in that sense, World Literature has been existing for a long time, more or less perpetuating and renewing itself. No, what we are talking about is rather that the living and ambitious literary minds get to know each other and, united by their shared inclinations and a sense of community, feel compelled to work together,” universal scholar Goethe wrote in a greeting to the Assembly of Naturalists and Physicians in the year 1828.

An Action Plan to Overcome Nationalist Delusion

Goethe created a small, but highly influential European public sphere. He sought and found allies for his world-literary endeavor to create a transnational communication system. Goethe does not define World Literature as a canon, but rather as an action plan to overcome nationalist delusion. It was not primarily about reading works of literature, but gaining a basic knowledge of other countries’ cultures. The Prince of Poets saw himself as a catalyst to build a European readership. One of his own favorite reads was “Le Globe”, which took a stance against national prejudices and quests for cultural supremacy.

Nationalist observers interpreted his cause as an un-German mindset. AfD (“Alternative für Deutschland”, German right-wing / populist party; editorial note), Pegida („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, German xenophobic and islamophobic organisation; editorial note) and the like would probably put it exactly the same way today. With his strong international network, Goethe was able to drown out these bawling populist voices. Günther Rüther hopes that the intellectuals of our day will do the same. In the 19th and 20th centuries, it was mainly wars that rekindled the European idea. Intellectuals strove to overcome nationalist stereotypes, control hatred and intolerance and, above all, reforge the lost friendships between peoples, as Rüther writes in his new book Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945 [The NonPowerful – Writers and Intellectuals Since 1945], published by Wallstein Verlag. Europe now needs the voices of the intellectuals. They must decipher the language of power and politics of expertise in order to relaunch the European idea.

Source: STREAMING EGOS – DIGITAL IDENTITIES.

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Goethe: Netzwerk-Kosmopolit und Social Web-Enthusiast #StreamingEgos @meta_blum

Goethe und Dichter-Freund Schiller
Goethe und Dichter-Freund Schiller

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg. Aber auch hier gab es eine Besonderheit. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr „Erfinder“ Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider „Thurn und Taxis“ gewährte Goethe ein Freibriefrecht.

„Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden“, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, die in einem internationalen Projekt des Goethe-Instituts die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts reaktivieren möchte.

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die besorgten Bürger eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals setzte er vor allem seine eigene Zeitschrift „Ueber Kunst und Alterthum“ ein, um mit den „Literatoren“ Europas in Kontakt zu treten.

„Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen“, schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift „Weltliteratur“, erschienen im J.B. Metzler-Verlag.

Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung

Goethe schuf damit eine kleine, aber sehr einflußreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte.

Sein Anliegen wurde von nationalistischen Gichtlingen als undeutsche Gesinnung ausgelegt. Seine internationale Netzwerkstärke konnte dieses Stammtisch-Gebrüll deutlich übertönen. Das StreamingEgos-Projekt des Goethe-Instituts könnte ähnliches leisten. Es wird am Samstag im NRW-Forum in Düsseldorf vorgestellt und natürlich via Hangout on Air live ins Netz übertragen.

Eine Vorschau lieferte Sabria David als Kuratorin des Gesamtprojektes im ichsagmal-Bibliotheksgespräch.

Eine ausführliche Version dieses Beitrags erscheint in meiner Gichtlingskolumne für The European.

Siehe auch:

BIBLIOTHEKSGESPRÄCH ÜBER DIE WIEDERBELEBUNG DER SALONKULTUR

Man hört, sieht und streamt sich am Samstag 🙂

Mit @stporombka und Adorno-Adiletten die digitale Gegenwart ändern: Über Gamification und den Nutzen der Torheit #Gamescom15 #NEO15

Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.
Eine vom Fluch der ständigen Erreichbarkeit genervte Familie.

Man spürt die Verkrampfung vieler Führungskräfte der Deutschland AG, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns h-ä-n-g-e-n. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Den neuen Technologien begegnet man mit den Reizreaktionsmustern der alten. In Phasen des Übergangs sei daher ein Zusammenprall unvermeidlich:

„In der Kunst des ausgehenden Mittelalters erkennen wir bereits die Angst vor der neuen Technologie des Buchdrucks, die im Motiv des Totentanz ihren Ausdruck fand“, so Fiore.

Es ist der absurde Versuch, die von der neuen Umwelt geforderten Aufgaben mit dem Rüstzeug von gestern zu erledigen. Heute wird der Untergang des Buchdrucks mit kulturpessimistischen Tönen bekleidet:

Etwa die Idee von Amazon, das Lesen von eBooks nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen. Das Buch als Ganzes wird aufgelöst.

„Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heisst, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind“, sagt Literaturprofessor und Twitterat Stephan Porombka.

Letztlich sind es lustvolle und kombinatorische Gegenwartsexperimente, die die Gegenwart nicht nur beobachten, sondern sie verändern. Erfolge habe schließlich NICHT in erster Linie der Erfinder oder kreative Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert und kombiniert, bemerkte der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Zeit an der Bonner Universität.

Schumpeter richtig zitieren.001

Als wahrer Pionier der kombinatorischen und experimentellen Gegenwartskultur erweist sich Porombka. Selbstporträts macht er nicht mit Selfie-Stab, sondern mit einer autonom fliegenden Drohne, die Fotos sogar in heiklen Momenten bei der Bettlektüre von Werken schießt wie „Josefine Mutzenbacher – oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“.

Die tägliche Rasur der Geheimratsecken, die zum professoralen Habitus von Porombka zählen, bleibt der Drohne nicht verborgen. Man sieht ihn auch bei frühsportlichen Übungen in der Disziplin „American Bookball“. Ein extrem hartes Buchtraining mit literarisch ausstaffierten Schulterpolstern im Stil der 1980er Jahre.

Legendär ist auch der vierarmige Pullover mit dualem Stinkefinger für langweilige Konferenzen. Wegweisend sein achtjähriges Forschungsprojekt beim Abpausen des Gesamtwerkes von Franz Kafka. Das Gerüst von Heideggers Opus „Sein und Zeit“ hat der Twitteratur-Trendsetter mit Streichhölzern nachgebaut. Den Silberstreif am Horizont gibt es in der innovativen Porombka-Werkstatt in mobiler Version zum Mitnehmen.

Zudem offeriert er ein Brot mit USB-Schnittstelle und für den intellektuellen Sauna-Gang Adiletten mit Theodor W. Adorno-Plateausohlen. Smartphone-Hüllen mit dem Wittgenstein-Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ reduzieren die Blödheit beim öffentlichen Einsatz dieser mobilen Geräte.

Technologien der Torheit

Vielleicht sollten die Unternehmensentscheider im Umgang mit den digitalen Technologien dem Weg von Porombka folgen oder sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James C. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. Er meint damit aber nicht Albernheit, sondern Verspieltheit, um Raum für Experimente zu schaffen. Organisationen kommen nicht ohne Wege aus, Dinge zu tun, für die sie keine guten Gründe haben. Es existiert in allen Entscheidungssituationen eine Menge Unsicherheit und Konfusion, die von den traditionellen Managementkonzepten und verstaubten BWL-Theorien ignoriert werden. Klugheit im Durcheinander der Vernetzung speist sich nicht aus dem kümmerlichen Geist des Controllings.

„Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, erläutert March im Interview mit Harvard Business Review.

So könne der Spieltrieb genutzt werden, um die Torheit zu fördern:

„Beim Spielen gibt es keine Hemmungen. Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern.“

Vielleicht bringt die Gamification mehr Leichtigkeit ins Wirtschaftsleben. Wir sollten nicht alles so bedeutungsschwer auf die Waagschale legen. Schließlich sei das Streben nach Bedeutsamkeit und Wichtigkeit die Illusion des Unwissenden, betont March. Recht hat er.

Darüber wollen wir reden – auf der Gamescom am 6. August, um 12:30 Uhr. Und natürlich auch auf der Next Economy Open im November. Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Erzählstränge für die autonomen TV-Macher – Besprechung unseres Live Streaming-Opus in „Praxis der Wirtschaftsinformatik“

Tolstoi. Live Streaming-Literatur und die Leidenschaft der ausgiebigen Lektüre
Tolstoi, Live Streaming-Literatur und die Leidenschaft der ausgiebigen Lektüre

Es ist wohltuend, dass es Rezensenten gibt, die sich nicht an der gigantisch kurzen Halbwertzeit bei der Besprechung von Büchern orientieren. Das Zeitfenster für die Erwähnung neuer Werke wird immer kleiner. Man behandelt Sachbücher und literarische Werke wie heiße Kartoffeln, die sofort serviert werden müssen.

“Die Beschleunigung ist derart wahnsinnig, dass ein Buch nicht nach einem Jahr, sondern schon nach drei Monaten veraltet. Spätestens nach sechs Monaten ist es sinnlos, noch auf Rezensionen zu hoffen, um Bände zu verkaufen”, moniert der Bonner Verleger Stefan Weidle – festgehalten im Wortspielradio-Podcast, den ich zusammen mit dem ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer in unregelmäßigen Abständen produziere.

Die meisten Buchhandlungen würden ihren Bestand nach spätestens sechs Monaten remittieren, moniert Weidle. Kaum einer bestellt mehr nach, wie es noch zu Zeiten des Buchlaufzettels war. Um so wichtiger seien Literaturbuchhandlungen wie Wetzstein in Freiburg, Bittner in Köln oder Felix Jud in Hamburg, die sich von diesem Trend abkoppeln. Klaus Bittner führe eine vorbildliche Buchhandlung in Köln.

Als Weidle zum ersten Mal seinen Verlag bei Bittner vorstellte, führte er nicht nur ein sehr langes Gespräch mit dem Buchhändler, sondern wunderte sich über das breite Sortiment an Titeln, die in anderen Läden schon längst remittiert wurden. Ohne prall gefüllte Tüten geht man selten aus dem Geschäft von Klaus Bittner raus – was ich bei meinen samstäglichen Exkursionen nach Köln freudig bestätigen kann – zu Lasten meines Geldbeutels.

Einen Beitrag zur Entschleunigung könnten auch die Literaturblogs leisten, die sich ebenfalls eher an den Neuerscheinungen orientieren, meint Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.

“Wir sollten es uns selbst zur Pflicht machen, eine Erinnerungskultur zu pflegen und stärker auf das schauen, was gestern war. Das leisten die Feuilletons und Kultursendungen der klassischen Medien nicht. Wir sollten in diesen Aktualitätswettbewerb nicht einsteigen.”

Stefan Weidle ergänzt das Schiffer-Credo mit einem Zitat aus dem opulenten Werk “Zettel’s Traum” von Arno Schmidt:

“Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes.”

Wie schön, dass auch noch sechs Monate nach dem Erscheinen des Buches „Live Streaming mit Hangout on Air – Techniken, Inhalte und Perspektiven für kreatives WebTV“ ein höchst erbaulicher Beitrag über unser Opus erscheint. Verfasst von Josephine Hofmann, Leitung Competence Center Business Performance Management des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, für die Februar-Ausgabe der Zeitschrift „HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik“ mit dem Schwerpunkt eLearning. Ich durfte bereits einen kleinen Blick in die Rezension werfen und kann Euch verraten, dass die Rezensentin das 275-seitige Live Streaming-Werk von vorne bis hinten gelesen hat. Kleiner Auszug:

„Live Streaming dürfte jedem Leser ein Begriff sein, während nicht jeder wissen dürfte, dass ‚Hangout on air‘ der Live Streaming-Dienst von Google ist, mit dem Live-Sendungen für das Internet-TV aufgezeichnet werden können. Diesen Dienst nicht nur bekannter zu machen, sondern auch einem breiteren Nutzerkreis zuzuführen, hat sich das Autorenteam Hannes Schleh und Gunnar Sohn vorgenommen, wobei sich in ihrem Buch zwei Erzählstränge wiederfinden: Während Hannes Schleeh in Software und Technik einführt, stellt Gunnar Sohn das Einsatzspektrum in einem sehr weit gefassten Bogen vor, der die gesellschaftspolitische Dimension mit unzähligen Teilaspekten einschließt. Aufgrund dieser Zweiteilung des Buchs liegt es auch nahe, beide Teile getrennt zu betrachten, da jeder Autor dem jeweiligen Strang zugeordnete Kapitel verantwortet. Diese folgen zwar abwechselnd aufeinander, sind aufgrund ihres Aufbau und sprachlichem Duktus jedoch eindeutig zuzuordnen.“

Und dann wird fast jedes Kapitel akribisch dargestellt. Ein sehr guter Navigator für potenzielle Käufer. Ich freue mich schon auf das Belegexemplar.

Das Netz der Konspiration – Über die Verschwörung der Facebook-Freunde #FAZ

Gerüchte im konspirativen Netz
Gerüchte im konspirativen Netz

Mathias Müller von Blumencron, der FAZ-Mann für das digitale Geschäft, sorgt sich in einem Leitartikel seiner Zeitung um die Wahrheit. Eine Wahrheit habe sich in den vergangenen Jahrtausenden wohl durchgesetzt. „Wirklich ist, wo man gerade steht“, so die Blumencron-Erkenntnis.

Aber dann kam die digitale Revolution und erschütterte diesen Geist des Pragmatismus. Die unendliche Erreichbarkeit von Wissen mündet nicht automatisch in Wissen – eine simple Wahrheit, die schon beim Besuch einer analogen Bibliothek den Gelehrten klar wurde.

Das Internet als Empörungsmaschine

Das Internet hat aber nach Meinung des FAZlers noch viel mehr bewirkt. Es mutierte in den vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie:

„Die eingebildete Wahrheit verdrängt die Fakten, eine scheinbare Welt die Realität.“

Aus einem Medium der Information werde ein Vehikel der Desinformation. Wer suchet, der findet für jede noch so abwegige Ansicht eine Theorie.

„Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Mondlandung inszeniert worden sei. Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die klaffenden Einschlaglöcher im World Trade Center zu schmal für die Flugzeuge gewesen seien, die sie aufgerissen haben. Und es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Täter von Paris nicht radikale Islamisten gewesen seien, sondern westliche Islam-Hasser“, schreibt Blumencron.

Dieser Glaube sei der Feind von nüchternen Fakten.

Facebook als unüberprüfbare Gerüchteküche

„Ausgerechnet in einer Zeit, in der es das Publikum besser wissen müsste, gewinnen allerorten Bewegungen der Unvernunft an Einfluss, die ohne ihre eigenen Informationskanäle im Netz kaum denkbar wären.“

Über Jahrhunderte sei es üblich, dass Informationen einen Absender hatten. Die griechische Agora, der Marktplatz, später die Zeitung, Radiosender, Fernsehen, die Website oder ein Blogger „waren“ eindeutig identifizierbare Orte der Information. Mit Facebook als Betriebssystem des Internets ist das nun nicht mehr so, glaubt Blumencron. Ein Drittel der Amerikaner informiere sich primär über soziale Medien und auch Deutschland würde sich dorthin entwickeln.

„Infofetzen fliegen heute vor den Netznutzern entlang wie Herbstlaub im Sturm. Woher sie eigentlich kommen, von welchem Baum sie stammen, ob sie authentisch oder manipuliert sind, ob sie sauber recherchiert oder mehr oder weniger geschickte Propaganda sind, lässt sich immer weniger feststellen. Und es scheint auch eine immer geringere Rolle zu spielen.“

Wichtiger sei der Empfehler oder der virtuelle Kurator – also der Facebook-Freund, dieser flüchtige Geselle. Die Algorithmen der Social Web-Plattformen würden das noch über die Filterbubble-Effekte befördern. Man landet mit mathematischen Formeln im Schwarm der Weltverschwörer. Das Internet schütze nicht die Freiheit und gebiert auch nicht die Wahrheit. Aber welche Wahrheit ist nicht konstruierte Realität – egal, ob sie von Profijournalisten, Experten oder Laien kommuniziert wird? Was der besorgte FAZ-Mitarbeiter geschrieben hat, klingt wie die vornehme Variante der Klagerufe von Verlegern, die das Mitmach-Web als Toilettenwand des 21. Jahrhunderts deklassieren wollten.

Nach Einschätzung des Soziologen Dirk Baecker ist Blumencron nur darum bemüht, seine eigenen Thesen zu beweisen. Er schleudere Gerüchte (über das Internet), produziert Desinformation (über das Internet) und beweist, dass noch lange nicht jedes Wissen (etwa die Artikel-Weisheiten des FAZlers) der Wahrheit entspricht.

„Alle Formen der ebenso produktiven wie kritischen Vernetzung unter Wissenschaftlern, Familienmitgliedern, Politkern und politisch Bewegten, Gläubigen und Predigern, Käufern und Verkäufern (Endkonsumenten wie Geschäftsleuten) entgehen dem geschätzten Autor“, so Baecker.

Die nicht überprüfbaren Gerüchte des analogen Zeitalters

Das Problem sind nach Meinung des Soziopod-Bloggers Partrick Breitenbach nicht die zirkulierenden Gerüchte und Verschwörungstheorien, denn die gab es vermutlich schon seit Beginn der menschlichen Aufzeichnungen.

„Man denke nur an die berühmten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, die gerade durch eine monolithische Medienkultur der gedruckten Wahrheit für eine breite Akzeptanz einer kruden Weltverschwörungstheorie damals bis heute wirkte. Ein Buch hatte entsprechendes Gewicht. Das gedruckte Wort galt zunächst als unantastbar, genoss als Medium hohe Reputation und war natürlich relativ schwer und sehr spät korrigierbar. Die Herausforderungen heute liegen ganz woanders. Gibt es so etwas wie die einzige objektive Wahrheit überhaupt? Kann die Stimme eines einzelnen Experten oder Journalisten die komplexe Wirklichkeit, die wir in Summe als solche wahrnehmen, überhaupt abbilden? Genau diese Erwartungen haben die meisten Leser an ‚ihr Medium‘. Es gibt einen Paradigmenwechsel, den die neue Technologie der Kommunikationsvernetzung angestoßen hat, nämlich die Frage nach der einzig wahren Wahrheit selbst.“

Genauso relevant ist die Frage, wie viel Desinformation in der Zeit vor dem Internet unerkannt durchgeschlüpft ist. Schließlich würden sich besonders die aktuellen Verschwörungstheorien auf „alte“ Buch-Quellen berufen.

„Die Kunstfertigkeit der gezielten Wirklichkeitsverformung existiert spätestens seit Edward Bernays Werk „Propaganda“. Auch sie wurde Schwarz auf Weiß im Jahre 1928 gedruckt. Darin beschreibt Bernays als erster namhafter PR-Experte ausgiebig die aus seiner Sicht notwendigen Machenschaften von findigen Public Relation Experten zur aktiven Steuerung einer Demokratie im Sinne von damals herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft.“

Und dabei spielte immer auch die Kriegspropaganda eine große Rolle.

„Wenn wir uns das bewusst machen, so sollten wir uns täglich aufs Neue die Frage stellen, ob das Internet, als neue Informationsinfrastruktur, tatsächlich ein Fluch der freien offenen Gesellschaft ist oder vielmehr zugleich auch die Chance beinhaltet, durch ein permanentes Aushandeln, Abgleichen und Korrigieren den Nährboden für totalitäre Machenschaften einiger weniger Mächtigen zu entziehen. Richtig ist jedoch, dass das Tempo und die Dynamik zugenommen haben, in der sich offensichtlich bereits eindeutig falsifizierte Informationen verbreiten. Schließlich besteht auch die traurige Einsicht, dass Menschen schon immer nur das gelesen haben, was sie im Grunde ihres Herzens und aufgrund ihrer Sozialisation am Ende lesen wollten“, erläutert Breitenbach gegenüber The European. Oder in den Worten von Albert Einstein: „Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil.“

Journalismus im permanenten Korrektur-Modus

Wir sollten uns eher an den neuen Zustand einer unsicheren Unwirklichkeit gewöhnen und offen sein für einen neuen Journalismus, der nie vollständig abgeschlossen sein wird und stärker denn je auf die Wirkmächtigkeit der Korrektur setzen muss.

„Das gedruckte Wort ließ damals weder eine nachträgliche Korrektur noch den Raum für zusätzlich hinzugefügten Kontext zu. Das Internet hingegen hat technologisch jede Menge Raum für genau das. Gerade ältere Artikel müssen kontinuierlich revidiert werden, denn sie sind die Quellen für morgen. Das Korrektiv ist zum Teil der Leser selbst, sie müssen nur einerseits mit glaubwürdigen und vertrauensvollen Quellen und Links versorgt werden und andererseits sicher sein, dass veraltete Artikel immer wieder auch auf Richtigkeit überprüft werden, um gerade den Diskurs im Ganzen entsprechend auszubalancieren“, fordert Breitenbach.

Die konspirativen Facebook-Freunde sind nicht die Ursache für die zirkulierenden Gerüchte und Desinformationen:

„Das Vertrauen bröckelt deshalb, weil unterbezahlte und unter Zeitdruck handelnde Profi-Journalisten zunehmend unter den ökonomischen Druck geraten und gezwungen werden, Nachrichten aus Quellen unreflektiert abzuschreiben, um mit dem erhöhten Takt der täglichen ‚News‘ Schritt halten zu können. Zeit für Gründlichkeit ist somit zum wichtigsten Vertrauensgut geworden“, sagt Breitenbach.

Im Prinzip müsste der Journalismus funktionieren wie die digitale Arbeitsweise des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen bei seinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ oder „Alles fließt“.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Und Qualitätsmedien tun sich wohl auch etwas schwer, Inszenierungen und Manipulationen zu bemerken und einzugestehen.

Wichtige Frage von Richard Gujahr: Journalisten sind in der digitalen Welt wichtiger denn je. Sie prüfen, bewerten, ordnen ein. Professionelle Autoren werden immer gebraucht. Doch was, wenn das gar nicht stimmt?