Über den Roman „Die ungleichen Gleichen“ – Autorengespräch mit Andreas Lukas

Liebwerteste Gichtlinge, erlauchte Zecher, es gilt die Narrenfreiheit

“Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?” – so begann der Renaissance-Denker François Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin „The European“, die ich vor längerer Zeit wegen des rechten Kurses der neuen Macher eingestellt habe. Auf ichsagmal.com könnte ich dieses Format ja jeden Montag wieder mit Leben füllen. Das wird hiermit umgesetzt. Liebwerteste Gichtlinge der Aburteilung und moralischen Empörung: Ich verstehe Eure Verärgerung über blödsinnige Witze und Scherze – seien es zotige Altherren-Sprüche über Doppelnamen oder saarländische Altweiber-Weisheiten mit konservativer Doppelmoral.

Aber kleidet sie in der Karnevalszeit doch in derbe Gegenreden. Es gilt die Karnevalsfreiheit, die ungestüme Karnevalsrede, die Logik der Umkehrung, des Auf-den-Kopf-Stellens, die Vertauschung von Oben und Unten, von Gesicht und Hintern (Arsch, hätte Rabelais geschrieben), die Parodie und Travestie, die Degradierung und Profanisierung, die närrische Krönung und Entthronung. Es regiert der Ton des Marktschreiers und der rechtfertigt selbst die gröbsten Scherze und Schimpftiraden. Nachzulesen im Rabelais- Schelmenstück „Gargantua und Pantagruel“. Das Werk enthält freche Narrengedanken, um meckernde Hausmeister und Hausmeisterinnen, Heuchler, Verleumder, schulmeisterliche Besserwisser und bigotte Aburteilungs-Wichtel bloßzustellen. Letztere gibt es inflationär im Social Web. Wir leiden netzöffentlich nicht an einem Überschuss an Meinungen und derben Reden, sondern an einem Überschuss an moralistischen und humorlosen Aburteilungen.

Was Rabelais zu Papier brachte, ist das wirkungsvolle Gegenmittel. Es ist ein Traktat der fröhlichen Anarchie. Der Held des Romans für unkalkulierbare Scherze ist Panurge. Den Magistern steckte er Scheißkegel in die Klappenkrempe, heftete ihnen hinten kleine Fuchsschwänze oder Hasenohren an den Rücken oder tat ihnen sonst irgendeinen Schimpf an. In seinem Wams hatte Panurge mehr als sechsundzwanzig Täschchen und kleine Flicken, die waren allezeit einsatzbereit – eine unverzichtbare Ausrüstung für den Flashmob-Aktivisten. Dazu zählen Kletten, mit feinem Flaum befiedert, von Gänschen und jungen Kapaunen; die warf er den biederen Leuten auf Rück und Mützen, und oftmals setzte er ihnen so artige Hörner auf, die sie durch die Stadt trugen, manchmal ihr Leben lang. Dümmlichen Frauen setzte er zuweilen hinten solcherlei Dinger auf die Hauben, jedoch in Form eines Männergliedes. Zum Sortiment zählten auch kleine Tüten, alle gefüllt mit Flöhen und Läusen.

Das Geziefer pustete er durch kleine Röhrchen oder Federkiele auf den Halskragen von zimperlichen Zeitgenossen, die er in der Regel in der Kirche fand. In einer anderen Tasche trug er einen erklecklichen Vorrat an Hämen und Haken, mit denen er manches Mal Männer und Frauen aneinander hakte, zumal solche, die feine Taftkleider anhatten. Wenn sie dann auseinander gehen wollten, zerrissen sie ihre Gewänder. Nützlich sind für den Gottesdienst auch Brenngläser. Es bringt so manchen Gläubigen außer Rand und Band und verwischt den Unterschied zwischen einem Kirchgänger, der seine Sünden bereut im stillen Gebet und einem Kirchgänger, der seine Sünden im Stillen begeht.

Nützlich für Panurge sind auch Nadel und Zwirn. So half er einem Franziskaner-Mönch am Ausgang des Palastes beim Ankleiden. Doch während er ihm in die Kleider half, nähte er ihm das Messgewand mit seiner Kutte und dem Hemd zusammen, und als dann die Herren vom Parlamentshof kamen und ihre Plätze einnahmen, um die Messe zu hören, stahl er sich davon. Als der Mönch sein Messgewand wieder ausziehen wollte, streifte er zugleich Kutte und Hemd über den Kopf, die daran festgenäht waren, und stand bis zu den Achseln splitternackt da, zeigte auch aller Welt seinen Zippidilderich, der wahrlich nicht klein war. Und je mehr der Franziskaner zerrte und zog, umso weiter enthüllte er sich, bis einer der Herren vom Hof sagte: „Ei was? Will uns denn der ehrwürdige Pater hier die Opferung und seinen Arsch zum Kuss bieten? Soll ihn das Sankt-Antons-Feuer küssen.“

Liebwerteste Gichtlinge, denkt Euch doch mal etwas besseres aus, um karnevalistische Reden im Jägerzaun-Modus zu kontern. Schreibt und redet mal lustig oder fangt an, Rabelais zu lesen, Ihr Arsch Köttel-Twitterati. Hört auf mit Euren Hartwurst-Repliken. Alaaf.

Welche Zukunft sehen Sie, Herr Professor Franke?

HERBERT W. FRANKE: Ich behaupte strikt, dass wir nicht in der Lage sind, die Zukunft vorauszusagen und dass die Entwicklung der Technik in verschiedenste Richtungen führen kann. Der Wunsch von manchen Autoren, dass sich mehrere Science Fiction Autoren zusammentun sollten, die die Zukunft vereinheitlichen, ist Blödsinn. Stattdessen ist es gerade das Wertvolle an der Science-Fiction, dass man eben die verschiedensten Möglichkeiten beschreibt. Wieder eine neue Möglichkeit gefunden zu haben oder vielleicht eine neue Gefahr entdeckt zu haben – das ist für mich natürlich auch etwas Befriedigendes. Ich bin einmal zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden, wo sehr viele Fachleute zu Gast waren, die sich dort über die Zukunft ausgedrückt haben. Sie waren sich einig darüber, dass sie viele Gefahren in der Zukunft sehen. Ich bin als Letzter an die Reihe gekommen und habe gesagt, dass ich nur ein Science Fiction-Autor bin und dass, wenn es sich bei ihnen um lauter Fachleute handelt, die sich vor der Zukunft fürchten, es sie vielleicht überraschen wird, wenn ich ihnen mitteile, dass ich über jede neue Gefahr, die mit der Technik auf uns zukommt, Freude empfinde, weil das Stoff für meine Bücher gibt.

GUNNAR SOHN: Das ist interessant. Sie sind zwar Österreicher. Aber stellen Sie sich jetzt einmal vor, dass Sie für eine bestimmte Zeit die Möglichkeit hätten, König von Deutschland zu werden. Was würden Sie als Utopiker und Science-Fiction Autor, als Wissenschaftler und Höhlenforscher tun? Was würden Sie im metaphorischen Sinne tun, wenn Sie die Möglichkeit hätten, anstelle von Frau Merkel oder sogar eine Stufe höher, zu sein? Also: Was würden Sie tun, wenn Sie König von Deutschland wären?

HERBERT W. FRANKE: Naja, ein zweiter Hitler würde ich nicht gerne sein.

GUNNAR SOHN: Nein, nein, der war ja auch kein König.

HERBERT W. FRANKE: Ich bezweifle, dass wir mit unseren heutigen Möglichkeiten und Lernmöglichkeiten alle diese Gefahren, die auf uns zukommen, überhaupt erkennen und, dass wir alle Probleme, die wir erkennen, auch lösen können. Also es wäre eine Aufgabe für mich, die mich weit überfordern würde. Daher würde ich das wahrscheinlich kaum annehmen.

GUNNAR SOHN: Wir hatten uns ja einmal auch über digitale Bildung unterhalten. Wenn vieles an technischen Entwicklungen und technischen Wirkungen nicht vorhersehbar ist und auch in der Kombination von unterschiedlichen Dingen vieles nicht zu prognostizieren ist, sollte in der Bildung und in der Bildungspolitik vielleicht mehr mit digitalen Werkzeugen experimentiert werden? Damit man in unterschiedlicher Weise, wie Sie das in Ihrer Computerkunst machen, viele Dinge ausprobiert, um zu ermessen, welche kombinatorischen Möglichkeiten mit neuen Technologien eigentlich bestehen?

HERBERT W. FRANKE: Wenn ich etwas zu bestimmen hätte, was man machen sollte oder was ich mit den utopischen Mitteln machen sollte, dann ist es, dass ich versuchen würde, die Intelligenz der Menschen zu erhöhen. Es würde dann meine Hoffnung sein, dass wir auf diese Weise – und das muss nicht ein einzelner Mensch sein, das kann eine Kombination sein, es kann auch ein isoliertes Gehirn sein – das Gehirn so programmieren, dass wir die Gefahren für den Menschen, wie er heute ist, erkennen und lösen können. Da ich aber die Zukunft nicht voraussagen kann und davon überzeugt bin, zweifle ich natürlich auch daran, dass so etwas auch gelingen kann. Wenn Sie schon nach meiner Zukunftserwartung fragen, dann erscheint mir die unangenehme Entwicklungsmöglichkeit die Wahrscheinlichere zu sein.

GUNNAR SOHN: Professor Franke, ich bedanke mich für dieses Gespräch.

HERBERT W. FRANKE: Ja, bitte sehr. Mir war es ein Vergnügen mit Ihnen zu
reden.

Kleiner Auszug des Interviews mit Herbert W. Franke,  dem Physiker, Informatiker, Höhlenforscher, Kakteen-Erkunder, Entdecker der Mars-Höhlen, Science Fiction-Autor, Philosophen, Pionier der Computerkunst, Hörspielautor, Musikexperimentator und dem leidenschaftlichen Sammler von Kaleidoskopen, kurz vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Schade, dass dieser Podcast bislang so wenig abgerufen wurde.

Glamour ist das Land, in dem man nie landet – Textcollagen in der Bernstein-Verlagsbuchhandlung #WortspieleBlogweitermachen

Über Geld spricht man nicht: Wolfgang Schiffer und Niklas Schütte brechen das Schweigen. Kleiner Ausschnitt der Lesung in der Bernstein-Verlagsbuchhandlung in Siegburg.

Wolfgang möchte übrigens seinen exzellenten Wortspiele-Blog beenden. Wir sollten ihn zum Weitermachen überreden 🙂