Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland?

Google

Wo die zentralen, digitalen Schwachpunkte der deutschen Wirtschaft liegen oder was sie konkret schädigen sollen, ist nach meinem kleinen Rundumschlag über das Versagen der Positionselite (nicht gleichzusetzen mit geistiger Elite) für Robert Basic nicht erkennbar.

„Das reine Meckern, dass Südkorea ein soviel schnelleres Breitbandnetz für Alle habe, ist kein ernstzunehmendes Argumentbeleg für die Wirtschaftsleistung und Aussichten eines Landes, wenn man nicht gerade für den Spiegel etwas populistisch und verkaufswirksam formulieren soll“, postet Basic auf Facebook und fordert mich auf, doch mal etwas konkreter zu werden.

Dann folgen die üblichen Hinweise auf unsere Exporterfolge (bei denen man allerdings die Vorleistungen in anderen Ländern abziehen muss mit Hinweis auf die sinkende Fertigungstiefe in Deutschland), unseren in der Tat recht krisenfesten Maschinenbau, die Autoindustrie (Stichwort wieder Fertigungstiefe – man kann sich beispielsweise anschauen, wo die Zulieferer produzieren) und unsere gut ausgebildeten Ingenieure. Einige industrielle Säulen funktionieren recht gut und sind das Ergebnis eines robusten mittelständischen Unternehmertums, wofür uns andere Länder zu recht beneiden. Soweit so gut. Aber was kommt dann? Schaut man sich die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung etwas genauer an, zählen die Konsumausgaben zum wichtigsten Wachstumsmotor in den vergangenen Jahren. Dagegen gingen die Investitionen zurück: Im Inland investierten Unternehmen und Staat 2013 zusammen 2,2 Prozent weniger in Maschinen und Geräte sowie Fahrzeuge als ein Jahr zuvor. Auch die preisbereinigten Bauinvestitionen gingen um 0,3 Prozent zurück. Auf der Entstehungsseite des Bruttoinlandsproduktes stagniert die Wirtschaftsleistung des produzierenden Gewerbes. Hier kommen die Impulse von den Unternehmensdienstleistern mit einem deutlichen Zuwachs von 3,4 Prozent – insgesamt lag das Wachstum bekanntlich nur bei mageren 0,4 Prozent.

Zur volkswirtschaftlichen Relevanz des verarbeitenden Gewerbes ist die Zahl der Erwerbstätigen ein aussagekräftiger Indikator (Sichtwort wieder Fertigungstiefe): Insgesamt kam das produzierende Gewerbe 2013 auf durchschnittlich 5,2 Millionen Beschäftigte, davon arbeiten 930.000 im Maschinenbau.

Die Zahl der Erwerbstätigen lag in Deutschland im vergangenen Jahr insgesamt bei knapp 42 Millionen! Das Arbeitsplatz-Potenzial des Maschinenbaus liegt bei rund 2,2 Prozent. Wir könnten uns jetzt zurücklehnen und sagen, so lange die Inlandsnachfrage stabil bleibt, Exporte funktionieren und die Zahl der Beschäftigten nicht einbricht, ist alles in Ordnung – schließlich zählen wir zu den stabilsten Volkswirtschaften der Welt. Aber wie viel Zukunft steckt in dieser Geisteshaltung? So langsam werden wir zur verlängerten Werkbank, die sich auf die Veredelung von Produkten und Diensten zurückzieht. Wie viele unserer Projekte in der Grundlagenforschung, Patente und Ingenieurleistungen bringen wir zum Markterfolg? Welchen Stellenwert hat bei uns die Digitalisierung und die Konzentration auf Anwendungen, die bei Produkten immer entscheidender wird? Von der Heimvernetzung bis zur großspurig verkündeten Energiewende, die im Streit um das EEG gerade kräftig zerredet wird, verspielen für wichtige Themen, die eng mit der vernetzten Ökonomie zusammenhängen.

Wo die Reise hingehen könnte, hat der „populistische“ Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe mit einem tiefen Blick in die Forschungslabors von Google skizziert: Der Silicon Valley-Riese sei längst kein reines Internet-Untenehmen mehr, sondern ein globaler Hightech-Konzern, der im Eiltempo zur Wirtschaftssupermacht mit einem Umsatz von 60 Milliarden Dollar und einem Jahresgewinn von 13 Milliarden Dollar aufgestiegen ist. Das Betriebssystem Android dominiert nicht nur die Smartphone-Welt, sondern wird künftig das Internet der Dinge beherrschen und selbst den Maschinenbau dominieren. Google verlegt Glasfaserkabel, produziert Laptops, Tablets und Software, steigt in die Pharmaindustrie ein, experimentiert mit fliegenden Windturbinen zur Produktion von Ökostrom, bringt die Robotik in der industriellen Produktion auf ein höheres Level, engagiert die besten Genetiker, Hirnforscher, Elektrotechniker, Maschinenbau-Ingenieure (!) und Chemiker.

„All die Projekte, Ideen und Experimente verbindet die Vision, das Leben mit intelligenten Maschinen zu verbessern, sei es im Büro, zu Hause oder im Auto“, schreibt der Spiegel.

SAP, Daimler, Siemens, BMW, Bosch, ABB, Conti und Co. werden weiterhin zu den Schwergewichten in der Wirtschaft zählen. Aber wie viel „Made in Germany“ wird künftig in diesen Firmen stecken? Welche Organisation packt rund acht Milliarden Dollar nur in das Forschungsbudget, wie Google im vergangenen Jahr? Entsprechend groß ist die Verwunderung von Google-Chef Larry Page über die Zaghaftigkeit vieler traditioneller Firmen, die nur das weiter machen, was sie immer schon gemacht haben. Wo ist sind die großen Moonshot-Projekte im Land der Ingenieure, Dichter und Denker? Warum arbeitet ein Multitalent wie der Solinger Sebastian Thrun als anerkannter Experte für Robotik und Künstliche Intelligenz für das Forschungslabor Google X und nicht für Bosch?

Müssten wir nicht wagemutiger sein, um technologische Visionen nicht nur in der Grundlagenforschung anzugehen, sondern sie zu Erfolgen auf dem Weltmarkt zu führen? Die digitale Infrastruktur ist dafür nur ein Baustein für die Entfaltung eines neuen Unternehmertums. Aber selbst auf diesem Feld stümpern wir herum. Wenn es die Netzbetreiber und der Staat nicht schaffen, wird auch hier Google eingreifen und über Stratosphären-Ballons Wifi-Signale zur Erde senden, bis in die entlegensten Winkel unserer Republik. Klingt verrückt, könnte scheitern und würde hier in Deutschland wohl keinen Investor begeistern. Wer wilde Phantasien hat, darf damit bei Google auch scheitern. So macht man Zukunft.

Siehe auch:

Bosch und das Vorgangsverfolgungssystem – Internet der Dinge mit Hängeregister.

Wir schlagen uns aber wohl auch in den nächsten Jahren mit Verwertungs-Gichtlingen wie der GEMA herum.

Beliebt auch die Bullshit-Bingo-Laberei.

VOM NIEDERGANG DER SLIPPERSCHUH-MANAGER.

Google X, the Secret Google Lab.

Was entwickelt Google in seinen X Lab?

Udacity founder: MOOCs can help the economy, even if they can’t replace college

Romantischer Industriekapitalismus und Anti-Streber-Bekenntnisse

Industrieschild

Auf Carta und Facebook laufen gerade sehr nette Streitgespräche zu meinen Ergüssen über die Positionselite in Wirtschaft und Politik.

Das geht von romantischen Positionen über die vermeintliche Industriestärke Deutschlands bis Frage über die Sinnhaftigkeit des mobilen Arbeitens. Zu diesen Themen habe ich nun in der Vergangenheit eine ganze Menge geschrieben, Interviews geführt, Studien recherchiert, Zahlen geprüft, öffentliche Debatten angestoßen. Und Streit gehört einfach dazu.

Im Diskurs zum Lob auf die heile Bürowelt finde ich aber dieses Video recht eindrücklich. Ist auch wieder nur so ein Aspekt am Rande. Aber wer sagt denn, dass die Art unserer Zusammenarbeit in Unternehmen so verlaufen muss wie zu Generaldirektor-Zeiten:

Zur Frage der Industrieromantik bringt Wolf Lotter immer noch die schönsten O-Töne 🙂

Zur Notwendigkeit der digitalen Infrastruktur:

Zur Netzwerk-Ökonomie:

Aber man soll ja nicht nur mosern, die digitale Inkompetenz der politischen und wirtschaftlichen Elite beklagen oder den Status quo beweinen. Es gibt auch Stimmen im Land, die die richtigen Konsequenzen aus der Veränderung des Wirtschaftslebens ziehen. Zu ihnen zählen Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen, die in ihrem Opus „New Business Order“ (Hanser Verlag) dokumentieren, wie die von vielen belächelte unternehmerische Start-up-Szene Wirtschaft und Gesellschaft verändert.

Die Ökonomie der Selbermacher braucht keine BWL-Lehrsätze

Was die beiden Autoren schreiben, wird den Prozess-Gurus, Powerpoint-Strategen und den Change-Managern mit ihren Innovations-Lippenbekenntnissen nicht gefallen. Prozessoptimierer, die mit ihren auswendig gelernten BWL-Lehrsätzen zunehmend ins Leere greifen, müssen erkennen, dass sich in einer vernetzten Welt alles sehr leicht kopieren lässt. Jeder benutzt die gleichen Tools und die gleiche Software. Natürlich können wir von Bits und Bytes nicht leben. Wir brauchen auch in Zukunft Energie, Finanzdienstleistungen oder Lebensmittel, aber eben keine Energiekonzerne, Banken oder Supermarktketten im alten Stil.

Etablierte mögen den Trend zur Jedermann-Ökonomie noch belächeln, der über 3-D-Drucker und Mitmach-Technologien im Social Web ausgelöst wird. Vor ein paar Jahren war es technologisch ohne große Anstrengungen noch nicht möglich, aus dem Stand Bewegtbilder live zu übertragen. Heute reicht eine App wie Bambuser und schon geht das Livestreaming ohne Ü-Wagen und Sendezentrum los. Zwar alles noch recht stümperhaft, aber auch hier professionalisiert sich die Netzszene in einem rasenden Tempo. Mit entsprechender Software wird sich das auch bei der Produktion über 3-D-Drucker abspielen. Mit Scannern ist es jetzt schon möglich, jedes Objekt zu replizieren oder zu veredeln. Man sollte solche Szenarien konsequent zu Ende denken, um nicht wieder mit den üblichen Pöbeleien auf die Verwerfungen des Internets zu schimpfen und Schutzgesetze einzufordern.

Die weltweit organisierten Wertschöpfungsketten lösen sich nach und nach auf.

„Wenn Produkte immer seltener in Asien massenproduziert, sondern in Deutschland nach Bedarf und individuell gedruckt werden, betrifft das nicht nur den Produzenten, der sich fragen muss, welche Rolle er in diesem Wertschöpfungsprozess noch spielt. Es betrifft genauso den Händler, egal ob stationär oder online. Es betrifft die Unternehmen, die heute per See- oder Luftfracht die Logistik für die Warenlieferungen koordinieren und ausführen, und schließlich die Logistikfirmen, die in Deutschland die Lagerung und die sogenannte letzte Meile – den Weg zum Endkunden – bedienen“, schreiben Giesa und Clausen.

Die Verwerfungen treten ein, wenn zehn, 20 oder 30 Prozent des Marktes wegbrechen oder von neuen Unternehmen erobert werden.

Schlechte Zeiten für provisionsgeile Banker

Auch die überschlauen und provisionsgierigen Manager in den Investmentbanken bekommen ihr Fett weg. Firmengründer müssen nicht mehr vor der Macht der Banker erzittern und schweißgebadet ihre „Business-Pläne“ erläutern, um dann die Gnade der Finanzierung zu erfahren. Sie sprechen direkt mit ihren Kunden über Crowdfunding-Plattformen und überzeugen ihre Unterstützer von der Sinnhaftigkeit ihres neuen Dienstes oder Produktes. Die Transaktionskosten sind minimal, die Barrieren für den Einstieg der Investoren gering und das Risiko überschaubar. Wird das Projektziel nicht erreicht, geht der Betrag an die Unterstützer zurück. Viele kleine Beträge können einen gewaltigen Effekt erzeugen. Giesa und Clausen verweisen auf das Hamburger Start-up Protonet, das für das Einwerben einer Darlehenssumme von 200.000 Euro gerade einmal 48 Minuten und insgesamt 216 Kreditgeber brauchte. Bei der Geschäftsbank wäre das Unternehmen wohl nicht zum Zuge gekommen oder hätte schlechtere Konditionen in Kauf nehmen müssen.

Wer mit Open-Source-Projekten und einer Kultur der Beteiligung sozialisiert wurde, wird mit der Krawattenfraktion im Konzernkapitalismus wenig anfangen können. Das gilt auch umgekehrt. Deshalb ist es so rührend, wenn die Elite von Wirtschaft und Politik auf sündhaft teuren Kongressen von der digitalen Revolution überzeugt werden soll mit irgendwelchen Schockmeldungen über traditionelle Branchen, die kurz vor dem Untergang stehen. Die Halbwertzeit dieser Botschaften hat ungefähr die Wirkung von Filmen über die Amputation von Raucherbeinen. Sie reicht bis zur nächsten Kaffeepause, in der man sich in aller Gemütlichkeit einen Glimmstängel anzündet und die Chefsekretärin am Handy zusammenscheißt, weil sie den Rückflug nicht schon umgebucht hat.

Management-Gichtlinge hängen am Rockzipfel des Industriezeitalters

Wer mit BWL-Diplom oder MBA-Abschluss ins Arbeitsleben eintaucht, erfreut sich nach wie vor an den Spielregeln des alten Kapitalismus. Position bedeutet Macht, um Prozesse zu steuern, Budgets festzulegen, Ressourcen zu planen, von Synergien zu schwafeln, sich gut und weltweit führend aufzustellen, Zeit in Strategiemeetings zu verplempern und kritische Mitarbeiter rauszufeuern. Die Arbeits- und Wirtschaftswelt hängt immer noch am Rockzipfel des fordistischen Industriezeitalters (Maschinenbau und so….).

Die dezentralen Jedermann-Technologien der Digitalisierung bewirken sogar eine Verhärtung im Establishment: Man klammert sich fester an die warme Schürze einer überkommenen Denkschule. Die traditionellen Organisationen wirken auf die Netzszene wie gallische Dörfer, die nicht aufhören wollen, einem übermächtigen Eindringling Widerstand zu leisten, betonen die Buchautoren Giesa und Clausen. Auf die liebwertesten Gichtlinge des Konzern-Kapitalismus mit ihren Slipper-Schühchen sollte man keine allzu großen Hoffnungen mehr setzen. Selbstorganisation ist angesagt:

„Wenn Selbständigkeit bis vor einigen Jahren noch bedeutete, dass man viel alleine arbeitete, bieten virtuelle und reale Netzwerke, Projektgruppen und Gemeinschaftsbüros heute eine Vielfalt an Kooperationsmöglichkeiten und den täglichen Kontakt zu Gleichgesinnten. Die neuen Strukturen sind keine steilen Organisationsdiagramme, sondern breite Netzwerke aus Schnittstellen“, so Giesa und Clausen.

Nicht Untergebene werden gesteuert, sondern Märkte, Aufgaben und Inhalte, Kooperationen mit Mikrounternehmern, vernetzte Kunden, gleichgestellte Mitgründer und Unterstützer, mit denen man auf Augenhöhe spricht. Zudem lernt man das Scheitern. Acht oder neun Projekte gehen vielleicht in die Binsen. Beim zehnten Ding hat man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und erntet die Früchte beim Auf-die-Schnauze-Fallen. Wie fördert man diese Mentalität, um dem kritischen und vernetzten Nachwuchs adäquate Inhalte zu bieten: durch „ANTI-STREBER-STIPENDIEN“!

Gibt es nicht? Doch. An der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Hier geht es nicht um das Auswendiglernen irgendwelcher Controlling-Weisheiten, sondern um interdisziplinäres Universitätsleben. Etwa bei einem zweisemestrigen Forschungsvorhaben zu Energie, Architekturen, Katastrophen oder Revolutionen im ersten Studienjahr. Vamos. Viva la Revolución digital, so das Motto des Internet Magazins. Richtig so. Siehe auch: VOM NIEDERGANG DER SLIPPERSCHUH-MANAGER.

Und wie erfolgreich wir bei der Vermarktung unserer Grundlagenforschung sind, dürfte ja auch bekannt sein: Man sollte einen Steve Jobs an die Spitze von Fraunhofer stellen.

Malen nach Zahlen: Über Management-Imponiergehabe und Marketing-Metaphysik

Klare Worte
Klare Worte

Besonders die Marketing-Gilde sollte so langsam anfangen, über die eigene Existenzberechtigung nachzudenken, wenn selbst Blog-Projekte, die man intern mit riesigem Getöse neben Twitter und Facebook als gigantischen Schritt in die Social Web-Welt verkauft, kläglich scheitern. In Wahrheit interessiert sich keine Sau für das immer gleiche Wortgeklingel der keimfreien „Kommunikationsexperten”. Schaut auf die Reaktionen der Netzöffentlichkeit und es wird klar, welchen Wert die Strategien, Pläne, Erfolgsstorys, Leuchttürme, Referenzen und Media-Schaltungen wirklich haben. Fast zwei Drittel der von Karrierebibel untersuchten Blogs von DAX-Konzernen können keine Kommentare vorweisen. Der Rest erhält im Schnitt zwei magere Reaktionen. Nur fünf Blogs kommen auf drei und mehr Kommentare pro Beitrag.

Die Blog-Reaktionen sind sicherlich nur ein kleiner Indikator für die Unfähigkeit von Organisationen der Wirtschaft, ohne autoritäre Abstimmungsschleifen mit Kunden, Journalisten oder NGO-Vertretern ins Gespräch zu kommen. Aber welche validen Daten bringen denn Berater, Agenturen und Marketing-Abteilungen ins Spiel? Da regiert der Selbstbetrug.

Vorstände und sonstige Führungskräfte im Unternehmen verlangen Daten, um die eigene Existenzberechtigung abzusichern. Befragungen von Testteilnehmern, Reichweiten, Einschaltquoten, Werbeträger-Analysen, Monitoring, Targeting und sonstige Zahlenspielchen bringen genau das, was der Auftraggeber verlangt, die Agentur glücklich macht und fette Budgets absichert. Not more.

Es ist wie bei den frühkindlichen Erfahrungen mit dem Märchen „Schneewittchen“, „in der die furchtbar unsympathische Königin von sich behauptet, die Schönste im Land zu sein. Spätestens da kam bei jedem von uns vermutlich Zweifel am Eigenlob auf“, schreibt Heino Hilbig in seiner vergnüglichen Schrift „Marketing ist eine Wissenschaft….und die Erde eine Scheibe?“

Jeder kritische Einwand wird als Majestätsbeleidigung weggebügelt – man will doch sein Gesicht nicht verlieren. Malen nach Zahlen ist ja ok – aber Qualen der Selbsterkenntnis sollen dabei nicht ans Tageslicht gelangen. Gefahndet wird nach Bestätigung der eigenen Annahmen oder konstruierten Wahrheiten. BWLer sollten mehr Einstein oder Popper lesen und sich mit der Notwendigkeit auseinandersetzen, die eigenen Annahmen zu widerlegen als nur mit der Lupe nach windelweichen Beweisen zu suchen – in dem Fall wären sie an der theologischen Fakultät besser aufgehoben.

„Agenturen haben auf die Frage, was zu tun ist, meist nur eine Antwort: mehr! Mehr Mediageld, mehr Klassik, mehr Web, mehr Social Media – je nachdem, ob man eine Media-, Klassik-, Web- oder Social-Media-Agentur befragt. Ich habe in all den Jahren als Marketingleiter nie empfohlen bekommen, irgendetwas weniger zu tun“, schreibt Hilbig in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift brandeins (Februar-Ausgabe).

In den Zeiten der klassischen Unternehmenskommunikation mit strahlend weißen Dr. Best-Kampagnen funktionierte die Marketing-Metaphysik im wahrsten Sinne des Wortes wie „geschmiert“. In der digitalen Sphäre kommen die liebwertesten Gichtlinge der Wirtschaftswelt mit dieser Geisteshaltung immer mehr ins Stolpern. Da gibt es kein oben oder unten mehr, da läuft das generaldirektorhafte Management-Imponiergehabe ins Leere und selbst Vorzimmer oder ölig gekämmte Vorstandsassistenten helfen nicht weiter, wenn sich Kunden oder Kritiker im Netz zu Wort melden und schlechten Service, miese Produkte oder fragwürdiges Geschäftsgebaren an die Öffentlichkeit bringen.

Mehr dazu in meiner Mittwochskolumne für „The European“.

Und wenn wir schon beim kritischen Rationalisten Karl Popper sind. Wie wäre es, die diversen Marketing-Theorien, Big Data-Systeme zur Vorhersage oder sonstige Analyse-Tools, Zielgruppen-Segmentierungen, Kampagnen-Pläne, Media-Planungen, Quoten und Werbewirkungsforschungen einer Überprüfung zu unterziehen – aber eben im Stil von Popper. Wir suchen nach den Fehlern, die die Theorie widerlegen können – Falsifikation. Live bei Bloggercamp.tv – wer hätte Lust? Metaphysiker und Theologen sollen sich von meinem Aufruf auch angesprochen fühlen. Eine Woche vor der Sendung wird uns eine Hypothese geschickt, die wir auf dem Blog von Hannes Schleeh und meinem Blog veröffentlichen. Dann startet der Wahrheits-Wettkampf und am Schluss gibt es eine halbstündige Verteidigungsmöglichkeit in unserer Hangout on Air-Sendung. Einfach bei Hannes oder mir melden oder hier einen Kommentar hinterlassen.

Ich bin übrigens sehr wohl in der Lage, Texte bis zum Ende zu lesen – auch wenn dann meine Ableitungen einigen Social Web-Experten wieder nicht gefallen. Aber da könnten wir uns in der Bloggercamp.tv-Sendung weiter streiten – so ganz ohne Hilfsmittel von Angesicht zu Angesicht.

Facebook-Lamento, Klickbomben und barfüssige Propheten.

Recycling-Wettbewerb und das Ende der Müllbeseitigung

Recyclingideen von TerraCycle
Recyclingideen von TerraCycle

Seit zehn Jahren gibt es nun Wettbewerb beim Verpackungsrecycling. Vorher hatte der Grüne Punkt-Konzern eine Monopolstellung. Erst durch die Intervention des Bundeskartellamtes gibt es Konkurrenz bei der Sammlung und Sortierung von Verpackungsabfall.

„Der Marktanteil des ehemaligen Monopolisten DSD liegt heute deutlich unter 50 Prozent, die Entsorgungskosten für die Verbraucher, die die Kosten letzten Endes als Teil der Produktpreise zahlen, sind ganz erheblich gesunken, wie die ausführliche Sektoruntersuchung des Bundeskartellamtes vom Dezember 2012 eindrucksvoll belegt. Während die Kosten ursprünglich bei etwa zwei Milliarden Euro lagen, betragen diese heute weniger als die Hälfte. Zugleich ist es zu erheblichen Qualitätsverbesserungen beim Recycling gekommen, vor allem durch Innovationen bei der Trenn- und Sortiertechnik“, bemerkt Professor Justus Haucap, Mitglied der Monopolkommission.

Dennoch fordern nun vor allem kommunale Entsorger eine Rückkehr zum Monopol und eine Abschaffung des Wettbewerbs dualer Systeme. Der Grund liegt nach Ansicht des Düsseldorfer Wettbewerbsexperten vor allem in unternehmerischen Interessen der Kommunen, die mit der Sammlung und Verwertung von Verpackungen gern Monopolgewinne realisieren möchten.

„Die geplante Ablösung der Verpackungsverordnung durch ein neues Wertstoffgesetz bietet für die Bestrebungen zur Re-Monopolisierung ein Einfallstor, wie bereits die Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes im Jahr 2011 in unrühmlicher Weise gezeigt hat“, moniert der Düsseldorfer Wissenschaftler.

Nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz könne privaten Anbietern nur noch dann eine Lizenz zum Wertstoffsammeln erteilt werden, wenn sie „wesentlich leistungsfähiger“ als die kommunale Konkurrenz sind.

„Das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz ist sowohl ordnungspolitisch als auch umweltpolitisch ein Rückschritt. Anstatt Rahmenbedingungen für eine weitere Entwicklung Deutschlands als Recyclingstandort zu schaffen, werden im Wesentlichen kommunale Monopole abgesichert, um den Kommunen in Zeiten leerer Kassen Monopolgewinne zu garantieren“, so Haucap.

In einer Sonderpublikation widmet sich der Mainzer Recyclingspezialist Landbell dem zehnjährigen Wettbewerbsjubiläum und blickt nicht nur auf die Auflösung des Grüne Punkt-Monopols zurück, sondern richtet den Blick auch in die Zukunft. Im Kapitel „Weiterdenken“ geht Professor Gunter Stephan vom Oeschger Center of Climate Change Research der Universität Bern der Frage nach, wie man die Abfallberge langfristig in den Griff bekommt. Ein wichtiger Punkt sei die Verbesserung der Recyclingfreundlichkeit der Produkte. Zudem sollte am Produktlebenszyklus gearbeitet werden. Auch die reine Müllbeseitigung könnte man verteuern. Zur Zeit werden die Überkapazitäten der Müllverbrennungsanlagen zu Dumpingpreisen angeboten. Ein Tatbestand, den Tom Szaky von TerraCycle kritisiert.

„Mehrheitlich gehen Abfälle, die nicht über die Gelbe Tonne gesammelt werden, noch immer in die Verbrennung und werden somit stofflich verwertet. Genau diese Abfälle wollen wir nutzen. Außerdem möchten wir den aus dem Recycling hervorgegangenen Sekundärrohstoff als echte Alternative zu neuem Rohmaterial etablieren. Für die Herstellung vieler Plastikprodukte wird noch immer häufig hochwertiger reiner Kunststoff verwendet, obwohl auch Recyclingmaterial ausreichen würde.“

Das dürfte noch perfekter laufen, wenn alle Gegenstände des Alltags und damit auch alle Verbrauchsgüter im „Internet der Dinge“ digital vernetzt werden, heißt am Schluss der Landbell-Publikation. Produkte könne man mit „ökologischer Intelligenz“ aufladen.

„Dann würden sie über ihre Herkunft und Ökobilanz informieren sowie Empfehlungen über eine sinnvolle Weiterverwendung zum Ende ihre Lebenszyklus geben. So fänden die Produkte allein ihren Weg von der Produktion bis zum Kunden – und wieder zurück zum Recycling. Dann würden 99 Prozent der mobilen Endgeräte nicht mehr in der klassischen Müllentsorgung verschwinden, sondern signalisieren spezialisierten Logistikern, wo man sie findet und wie man ihre verborgenen Schätze aus Gold, Platin, Kupfer, Aluminium und seltenen Metallen heben kann.“

Dann werde es spannend, wie der Gesetzgeber die hoheitlichen Aufgaben der Müllentsorgung gestaltet, wenn gar kein Müll zur archaischen Beseitigung mehr anfällt. So utopisch ist die Vision gar nicht mehr.

Über die Göttin der Gelegenheit und die Illusionen der Controlling-Geister

Kunst des Entscheidens

Controlling-Geister hassen Kontrollverlust und Zufall. Sie sind krampfhaft auf der Suche nach Leitplanken, Plänen und Strategien, um den schönen Schein der Berechenbarkeit ihres Daseins zu erhalten. Führungskräfte in Organisationen umgeben sich gerne mit Rationalitätsmythen und konstruierten Kausalketten, um ihre Entscheidungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Zufall, Glück und Unberechenbarkeit sind die natürlichen Feinde des allwissenden Dirigenten in Politik und Wirtschaft. Der Glaube an Kontrolle und Steuerung zählt zum Bullshit-Einmaleins der Positionselite, um am Ruder zu bleiben. Oder in den Worten des Philosophen Harry G. Frankfurt: Bullshitting lässt den Klugscheißer klug erscheinen und sei immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände es erfordern zu reden, ohne zu wissen worüber.

„Der magische Glaube muss in Organisationen durch Beschwörungen, Zeremonien, Mythen und Legenden des Erfolgs gefestigt werden“, schreibt der Organisationstheoretiker Professor Günther Ortmann in seinem Opus „Die Kunst des Entscheidens“ (Verlag Velbrück Wissenschaft).

Zweifler und Skeptiker stören die Aura pseudo-rationaler Entscheidungen – sie werden abserviert.

Man klopft sich lieber gegenseitig auf die Schultern und erzählt sich nette Geschichten über die Vernunft vergangener Entscheidungen – in Wahrheit sind es billige ex-post-Prognosen nach dem Motto: „Das musste ja so kommen.“

Der Wissenschaftler Karl Weick hat für diese Schein-Rationalität eine hübsche Allegorie auf Lager: So erzählt er vom Militärmanöver einer ungarischen Aufklärungseinheit in den Schweizer Alpen. Zwei Tage galten die Soldaten als verschollen, aber am dritten Tag kehrten sie unversehrt zurück. Wie war das möglich?

„Wir waren eingeschneit und hatten uns schon aufgegeben, aber dann fand einer von uns eine Karte in seiner Tasche, und wir beruhigten uns. Wir schlugen ein Lager auf, überstanden den Schneesturm und fanden mit Hilfe der Karte den Rückweg.“

Der Vorgesetzte ließ sich das bemerkenswerte Dokument zeigen und war überrascht: Auf der Karte waren nicht die Alpen verzeichnet, sondern die Pyrenäen.

Entscheidend war also nicht der Plan, sondern das situative Handeln. Viele Führungskräfte verlassen sich nach Auffassung von Ortmann auf das Flasche, den Plan, verbringen, gestützt auf diesen Irrtum, noch mehr Zeit mit Planung und weniger mit Handeln, und sind am Ende sehr erstaunt, wenn mehr Planung nichts besser macht.

Besonders erfindungsreich sind die Controlling-Geister bei der Schönfärberei mit Kennzahlen:

„Erst untertreibt man, was erreicht werden kann/soll, dann übertreibt man, was erreicht worden ist“, so Ortmann.

Der Harvard-Ökonom Michael Lensen nennt diese Art der Erbsenzählerei auch „Paying people to lie“.

Führungskräfte mit falschen Karten, vieldeutigen Plänen und leeren Strategiekonzepten erinnern Ortmann an den vielzitierten nackten Kaiser und seinen neuen Kleider. Es geht um das Management von Symbolen mit Placebo-Wirkung.

Viel wichtiger sei es, sich mit dem Phänomen der Kontingenz auseinanderzusetzen: Am Reißbrett lässt sich die Zukunft nicht zimmern. Kontingenz heißt: Es geht auch anders – es gibt mehrere Möglichkeiten. Statt die Zeit mit dümmlichen Visionen, Strategien und Plänen zu verschwenden, sollten sich Organisationen als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.

Was das Ganze mit Durchwursteln und digitaler Transformation zu tun hat, erläutere ich in meiner The European-Mittwochskolumne.

Vom Nutzen virtueller Kommunikation #StreamCamp13

Verflüssigte Hotline mit einer Portion Hermann Burger
Verflüssigte Hotline mit einer Portion Hermann Burger

In meiner Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ habe ich ja wild drauflos spekuliert, wie sich die Kommunikation von Organisationen ändern könnte, besonders die Interaktion mit Kunden. Sozusagen Blauer Dunst, denn vieles davon ist reine Utopie – auch wenn hie und da mal etwas ausprobiert wird, wie beim Einsatz von Live-Hangouts in der Kundenberatung. Oder die Möglichkeiten von Google Glass, die Google-Sprecher Stefan Keuchel in die Diskussion gebracht hat:

„Wenn man Hangouts über Google Glass starten kann, ergeben sich völlig neue Einsatzmöglichkeiten“, betont Keuchel.

Nicht nur für journalistische Zwecke sei das hochspannend – etwa bei Live-Berichten aus Krisengebieten. Hier könne genau das filmisch eingefangen werden, was der Reporter gerade sieht. Er hat die Hände frei, trägt keine schweren Gerätschaften und kann sich voll auf das Ereignis konzentrieren. Das gilt natürlich auch für die Wartung einer Maschine oder die Reparatur eines Autos.

Genauso faszinierend sind die generell Veränderungen der Gesprächskultur, die sich intern in Organisationen abspielen und von Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation im Bloggercamp.tv-Interview skizziert wurden.

Und nun schickt mir Frau Dr. Hofmann eine Einladung zu einer Fraunhofer-Fachtagung unter dem Titel „Der virtuelle Berater“, die das Ganze gar nicht mehr so utopisch erscheinen lassen. Da heißt es in der Ankündigung:

„Wir haben uns daran gewöhnt, im Internet einzukaufen und über E-Mail zu kommunizieren. Viele Unternehmen überlegen nun, wie sie wieder mehr persönliche Beziehung und individualisierte Beratung anbieten können, ohne auf die Vorteile zeitversetzter und räumlich ungebundener Kommunikation im Internet verzichten zu müssen. Mit verbesserten Bandbreiten und neuen Technologien wird vieles möglich, von Videokonferenzen über virtuelle Einkaufsassistenzen beim Online-Shopping bis zur persönlichen Online-Beratung bei Dienstleistern.“

Vorträge:

Virtuelle Berater – neue Geschäftsmöglichkeiten. Einsatzpotenziale neuer Beratungsformen: Prof. Dr. Wilhelm Bauer, stellvertretender Institutsleiter Fraunhofer; Der „Virtuelle Experte“ in der Praxis: Vito Caime, MVC Mobile VideoCommunication; Frag den Anwalt – Online-Rechtsberatung im Netz: Rechtsanwalt Daniel Hesterberg, HSV Rechtsanwälte; Auf allen Kanälen erreichbar – die virtuelle Beratung der AOK Baden-Württemberg Bettina Lichtner und Martin Walter; Virtuelle Mobilität – Qualifizierungswege zur guten Online-Beratung: Dipl. Phys. Meinrad Rombach, Video-Coach; Und wie geht das technisch? Ein kurzer Einblick in die Kollaboration der Zukunft
Thomas Rickermann, Computacenter; Qualitätsgesicherte und vertrauenswürdige Beratung im Netz – Perspektive der Verbraucher Dr. Eckhard Benner, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg; Zusammenfassung und Abschlussdiskussion – Moderation: Dr. Josephine Hofmann, Fraunhofer IAO.

Die Veranstaltung läuft am 16. Oktober 2013 im Institutszentrum Stuttgart der Fraunhofer-Gesellschaft. Beginn: 9 Uhr. Hier das Programm als pdf. Fraunhofer Fachtagung

Nun, da werde ich natürlich hinfahren, fleißig berichten und Erkenntnisse sammeln für mögliche Session-Themen, die wir bei unserem StreamCamp in Köln am 16. und 17. November vorstellen. Da gibt es übrigens eine interessante Verstärkung im Orga-Team. Gerhard Schröder @PadLive, Hangouter der ersten Stunde und Geschäftsführer der KreativeKK, wird uns mit Rat und Tat unterstützen. Er treibt ja den Einsatz von Live-Streamings nicht nur in der Unternehmenswelt kräftig voran.

Hier kann man uns übrigens auf Facebook unterstützen.

Und was Startup-Unternehmen so vorhaben in einer vernetzten Service-Ökonomie, werden wir in der nächsten Bloggercamp.tv-Sendung in Erfahrung bringen am Mittwoch, den 11. September, um 18:30 Uhr. Unsere Gäste: Pascal van Opzeeland von userlike, Mathias Meisdrock von OMQ, Alexander Keck von Einfach machen lassen (cooler Firmenname, gs) und
Mark Egert von dozeo. Die glorreichen Vier haben sich zur Deutschen Service Allianz zusammen geschlossen.

Twitter-Zwischenrufe während der Live-Übertragung natürlich erwünscht!

Man hört und sieht sich spätestens nächste Woche.

Unternehmenskommunikation: Video schlägt Telefon und E-Mail #Bloggercamp.tv

Vom Nutzen der Videokommunikation
Vom Nutzen der Videokommunikation

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wie viel „mehr“ könnten wir dann erst durch Bewegtbilder wie Videokommunikation transportieren?

„Obwohl heute große Datenmengen übertragen werden können, hat sich die Videokommunikation im Berufsalltag noch nicht durchsetzen können. Meiner Erfahrung nach steht bei der Einführung von Videokonferenzen meist immer noch das Einsparpotenzial bei Reisekosten klar im Vordergrund – weshalb die Technologie vor Jahren auch zunächst an der Unternehmensspitze Einzug hielt. Ein recht schnöder Grund, der potenzielle Mehrwerte wie Effektivität und Qualität der Kollaboration völlig vernachlässigt. Um herauszubekommen, ob Video- und Webkonferenzen tatsächlich auf breiter Basis eine Alternative zu anderen Formen der Fernkollaboration darstellt, also für eine echte Kosten- und Nutzenanalyse, haben wir genauer hingesehen. Und sind dieser Frage mit freundlicher Unterstützung von OmniJoin in einem Experiment nachgegangen“, erläutert Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO).

Dazu wurden Gruppenaufgaben sowie typische Probleme aus dem Arbeitsalltag entwickelt, die konvergierende Interessen und Konfliktpotenzial mit sich brachten: eine Budgetverteilung und eine Büroplanung.

„Unsere Vergleichsgruppen bearbeiteten dann jeweils eine Aufgabe mit Telefon und E-Mail und eine über die integrierte Plattform mit Video innerhalb einer festgesetzten Zeit und füllten im Anschluss einen Fragebogen aus“, so Hofmann.

In puncto Schnelligkeit konnte die Videokommunikation keine Vorteile vorweisen. Der Mehrwert liege in der Qualität und im Prozess – und in der Zufriedenheit mit dem Ergebnis. „Unsere Beobachtungen legen nahe, dass die Effekte von Videokollaboration eher ‚weiche‘ Effekte und daher eher über mehrere Meetings hinweg zum Tragen kommen“, sagt Hofmann.

70,2 Prozent der Teilnehmer gaben zu Protokoll, dass bei Einsatz von Videokonferenztechnik eine höhere Motivation und mehr Engagement in der Team-Diskussion zu verzeichnen war, da jeder Teilnehmer das gleiche Dokument vor Augen hatte und man sich im Gegensatz zu Telefonkonferenz und E-Mail gegenseitig sehen konnte.

59,6 Prozent der Teilnehmer sagten, dass die Visualisierung des Diskussionsobjekts und die Sichtbarkeit aller Teilnehmer eine offenere Diskussion gestattet – auch weil man sieht, wer sich zu Wort melden möchte.

Video macht locker
Video macht locker
73,9 Prozent der Teilnehmer vermerkten, dass die direkte und persönlichere Kommunikation via Video zu einer positiveren und damit entspannteren Arbeitsatmosphäre führte. Für Neun von zehn Probanden ist eine positive und entspannte Arbeitsatmosphäre essentiell, um komplexe Teamaufgaben bewältigen zu können.

Telefon und E-Mail schneiden bei diesem Kriterium schlecht ab. 81 Prozent der Studienteilnehmer vertreten die Meinung, dass mit diesen Instrumenten Aufgaben nur aufgeteilt, aber nicht gemeinsam gelöst werden. Mit der integrierten Plattform sei man gemeinsam zu einer Lösung gekommen.

„So lautete unsere Schlussfolgerung, dass die Zusammenführung von Video, Ton und gemeinsam bearbeiteten Dokumenten in der integrierten Kollaborationsplattform Teamarbeit als echten Gruppenprozess ermöglicht. Unterm Strich bedeutet das: die ‚um den Tisch‘ versammelte Intelligenz wird voll ausgeschöpft, Teilnehmer fühlen sich integriert und schalten darum auch nicht so schnell ab“, betont Hofmann.

Die Gespräche über Videokonferenzen seien natürlicher, auch non-verbale Signale können von Gesprächspartnern besser verarbeitet werden, die Moderation kann besser auf Gesprächswünsche, Wortmeldungen und Stimmungen eingehen.

„Wer schon einmal versucht hat, eine Telefonkonferenz mit mehr als drei Teilnehmern zu einem kontroversen Thema zu moderieren, weiß, wie anstrengend und eigentlich unmöglich es ist, eine befriedigende Interaktion zu erzielen. Hier erlaubt gerade der visuelle Kanal eine wesentlich bessere Gesprächssteuerung, die Meetingteilnehmer fühlen sich präsenter, können sich leichter einbringen und auch nicht so leicht zurückziehen. Durch die Möglichkeit, gemeinsam das gleiche Arbeitsdokument zu betrachten und zu bearbeiten, können Misserständnissen und Doppelarbeit vermieden werden“, resümiert Hofmann, die in der nächsten Woche, am 4. September in Bloggercamp.tv, die Studienergebnisse mit uns diskutieren wird. Allerdings nicht in den Abendstunden, wie gewohnt, sondern schon um 11 Uhr.

Auf dem StreamCamp im Kölner Startplatz am 16. und 17. November werden wir das aufgreifen. Das Thema beschäftigt uns schon eine Weile: Warum sich Videokommunikation erst jetzt in Unternehmen durchsetzt – Impulse setzen private Nutzer.

Vorteile ergeben sich ja nicht nur für die unternehmensinterne Zusammenarbeit. Auch die Kommunikation mit Kunden lässt sich verbessern. Statt skriptgesteuerte Fließband-Gespräche mit Hotline-Mitarbeitern zu führen, kann man im Video-Chat viel besser auf Probleme mit Technik und Fragen zu Diensten eingehen. Am Telefon ist es für Verbraucher schwieriger, Service-Anliegen präzise zu erläutern. Viel besser ist es, wenn er es in Wort und Bild zeigen kann. Aber da bewegt sich in der Service-Branche bislang wenig.

Also, liebe Innovatoren der Wirtschaft, kommt zum StreamCamp nach Köln und stellt Eure Systeme für die Videokommunikation mit Mitarbeitern und Kunden vor!

Siehe auch:

Warum sich Call Center in der Weisheit der Vielen verflüssigen #StreamCamp

Altes Wissen für neue Technologien

Die neue Welt kann nicht sein ohne die alten Fertigkeiten
Die neue Welt kann nicht sein ohne die alten Fertigkeiten

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt. Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon zur Zeit des Buchdrucks so.

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund. Marshall McLuhan hat das in seiner Tetrade am Beispiel des Radios dokumentiert: Es stellt das gesprochene Wort wieder in den Vordergrund. Ähnliches vollzieht sich in der Videokommunikation. Auf Facebook, Twitter oder Blogs dominiert wieder das geschriebene Wort. Das spielt einem wortmächtigen Autor wie dem ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer in die Karten, der mit seinem Literaturblog „Wortspiele“ in kürzester Zeit für Aufmerksamkeit sorgte.

Die Renaissance der Verschriftung im Kundenservice bestätigt das. Wo dumme Call Center-Anbieter vom Markt gefegt und in die Insolvenz getrieben werden, entdeckt man alte Fähigkeiten mit überraschenden Vorteilen. Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden. Im technischen Service eines größeren Heizungsherstellers sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die speziell für das Social Web geschult werden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.

Altes Ingenieurswissen up to date

Selbst beim Umgang mit Datenbanken ist altes Können gefragt. Egal, wo Daten abgelegt und organisiert werden. In Fragen der Systemsoftware braucht man immer noch Kenntnisse der alten Programmiersprachen, um die Migration der Daten in andere Umgebungen erfolgreich abzuschließen. Auch die radikale Umstellung und Konvergenz von Fernsehen, Telefon, Videokonferenzen oder Musikdienste auf das Internet-Protokoll ist kein profaner Vorgang, der ein- und ausgeschaltet werden kann wie ein Lichtschalter, so die Erfahrung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies.

So genannte All-IP-Netze benötigen einen sanften Übergang von der alten analogen in die digitale Welt.

„Um das zu realisieren, muss man beide Welten gut verstehen. Entsprechend ist auch das alte Systemwissen der Telekommunikation mehr denn je gefragt, wenn es um Ausfallsicherheit und dergleichen mehr geht“, bestätigt Stahl im ichsagmal-Interview.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Zurück in die Zukunft.

Siehe auch:

Telekommunikationsnetze im Übergang – Vom Telefon zum intelligenten Allzwecknetz.

Auch bei der Abwehr von Smartphone-Dieben sind „alte“ Fähigkeiten gefragt 😉

Rückbesinnung auf wirklich lokale Berichterstattung wäre auch nicht schlecht.

Man könnte auch noch die Makers-Bewegung nennen, die alte Manufakturen wieder belebt – allerdings mit anderen Technologien.

Habt Ihr weitere Beispiele für „neu braucht alt“ parat?

Social Web ohne öffentlichen Raum: Versinken wir in Egozentrik?

Social Web als virtueller Salon
Social Web als virtueller Salon

Der Philosophie-Professor Byung-Chul Han provoziert in steter Reihenfolge mit kleinen aber feinen Streitschriften, die im Matthes & Seitz-Verlag in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ erscheinen.

Häufig drehen sich seine Gedanken über die Untiefen des Netzes und die gesellschaftlichen Verwerfungen, die von der digitalen Sphäre ausgehen. Anregend zu lesen und einladend zum Widerspruch. So ergeht es mir auch mit der seiner jüngsten Schrift mit dem Titel „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“.

Seine Grundthese halte ich für falsch und seine Schlussfolgerungen sind dürftig: Angeblich manifestiert sich im Internet heute kein öffentlicher Raum mehr. Ein öffentlicher Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns.

„Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich“, schreibt Han am Anfang seines kleinen Büchleins.

Er räumt noch ein, dass die heutigen Netzteilnehmer vielleicht sogar mündiger als die Empfänger der konventionellen Massenmedien sind, in der jeder Einzelne seine individuelle Meinung haben könne und – so mein Einschub – nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein kann.

„Aber aus diesen Egos bildet sich kein Wir zum kommunikativen Handeln. Zur Entpolitisierung der Gesellschaft führen also der Zerfall der kommunikativen Öffentlichkeit und die zunehmende Narzissifizierung des Selbst.“

Mit dem Zerfall des öffentlichen Raumes verschwinde das Fundament für jene Demokratie, die auf der Herausbildung eines gemeinsamen Willens im öffentlichen Raum beruht. In Anlehnung an Jürgen Habermas behauptet Han, dass auf Blogs und in sozialen Medien, die heute den öffentlichen Raum bilden oder ersetzen, kein Diskurs stattfindet. Digitale Medien behindern die Bildung einer Gemeinschaft im emphatischen Sinne.

„Es entstehen nur zufällige Ansammlungen oder Vielheiten von für sich isolierten Individuen, von Egos, und keine Versammlungen, die Orte des Diskurses wären. Sie sind kein politisches Subjekt mehr, das zu einem Wir fähig wäre.“

Diese Ausgangslage seiner weiteren Analysen und Vorschläge halte ich nicht für stichhaltig. Die krampfhafte Suche nach dem „Wir“, die Verortung eines imaginären öffentlichen Raumes, die Bildung einer Gemeinschaft, die angebliche Vereinzelung im Web oder die Unmöglichkeit des Diskurses im Internet – Widerspruch, Widerspruch, Widerspruch und nochmals Widerspruch.

Immerhin räumt Han die Möglichkeiten einer neuen und womöglich direkteren Demokratie ein, die man über die digitale Vernetzung erreichen könnte. Eine Art direkte Dorfdemokratie – permanente Abstimmungen über ein so genanntes Qube-System. „Question your tube“ war in den 1970er Jahren eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion. Das Internet sei ein wesentlich verbessertes Qube-System. Das politische Engagement bedarf keiner mühsamen Kommunikation und keines anstrengenden Diskurses zum Konsens. Ein Mausklick würde genügen. Der Privatraum sei selbst die Republik. Hm, liebwertester Gichtling Han, das ist doch etwas dünn.

Bislang waren und sind wir eher eine formierte Gesellschaft. Taktgeber der Massenmedien, Funktionäre des Parteienstaates, Hinterzimmer-Seilschaften, Cliquen, Klüngel und so genannte Experten (die fern ihres Fachgebietes auch nur Idioten und Laien sind) beherrschten die öffentlichen Meinung und den öffentlichen Raum. Ich finde es viel sympathischer, den selbsternannten Dirigenten des Meinungsstroms permanent in die Suppe spucken zu können, sie in Frage zu stellen, sich selbst zu Wort zu melden und jeden Tag bei meinem eigenen Tun in Frage gestellt zu werden.

Deshalb formulierte ich mein Blog-Motto in Anlehnung an Fernando Savater:

Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zum Eklektizismus zu bekennen, zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens.

Deshalb mein Bekenntnis zu den Dadaisten vom Cabaret Voltaire in Zürich: Sie wendeten sich gegen allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und man könnte ergäenzen „den öffentlichen Raum“ und irgendein künstliches „Wir“. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

Ob sich aus dem eigenen Tun im Netz bedeutungsschwere Diskurse, bahnbrechende Erkenntnisse, Zuspruch oder Ablehnung ergeben: Entscheidend ist die reine Möglichkeit der Teilnahme, die es früher nicht gab. Als Motto fürs Digitale eignet sich ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg, den Dirk von Gehlen in seinem lesenswerten und über Startnext finanzierten Opus „Eine neue Version ist verfügbar“ zitiert:

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Im Netz etablieren sich virtuelle Zufallsgemeinschaften mit begrenzter Dauer als informeller Versammlungstyp ohne feste Strukturen. Von Gehlen bezieht sich dabei auf die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, die auch Professor Peter Weibel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) betont: Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. “Hier werden Dinge mit Worten gemacht”, so Weibel. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Genügend Stoff für weitere Diskurse.

Ich hätte großes Interesse, zumindest einmal im Monat einen virtuellen Salon zu veranstalten. Vielleicht in einer Buchhandlung, live gestreamt via Hangout on Air, in Co-Moderation mit meinem Kölner Freund Wolfgang Schiffer (den ich aber noch gar nicht gefragt habe). Jeden Monat mit interessanten Gästen, überraschenden Themen und stimulierenden Salonstücken – eine Diskursbühne und zugleich ein Dilettanten-Theater. Hätte noch jemand Interesse?

Vielleicht sollten man gegen die Sicherheits-NSA-Friedrich-BKA-BND-Gichlinge stärker mit dadaistischer Anarchie vorgehen – Netzbewegung hin, Netzbewegung her.

Siehe auch:

Salonkultur und herrschaftsfreier Diskurs im Netz: Über die Sümpfe der digitalen Kommunikation.

„Vous êtes mon ami“: Die Kempelen-Wundermaschine und Sprachdialog-Systeme für Kundenservice #gforce13

Kempelen und die Sprechmaschine

Wird über Sprachautomatisierung debattiert, fallen sicherlich jedem Konsumenten sofort eine Reihe nerviger Hotline-Ansagetexte ein, die den Blutdruck in Wallung bringen. Legendär hat das der Werbefilm von Yello Strom auf die Schippe genommen mit dem roboterhaften Obstverkäufer: „Interessieren Sie sich für unsere Bananen, sagen Sie ‚Bananen’……“

Den Forschungsarbeiten für die künstliche Nachahmung menschlicher Stimmen wird das nicht gerecht. So war schon im 18. Jahrhundert der Hofkammerrat Wolfgang von Kempelen unter Maria Theresia und ihres Sohnes Joseph II. davon beseelt, eine Sprechmaschine zu erfinden, die dem Menschen nützt: Der aufklärerisch gesinnte Beamte konstruierte einen Apparat, der gehörlose Menschen zur Lautsprache führen konnte. Die Maschinen-Sprache sollte nicht nur hörbar, sondern vor allem für das Auge verständlich werden.

Kempelen äußerte sich optimistisch, „dass die Maschine ohne sonderliche Kunst mit Tasten, wie ein Klavier oder eine Orgel einzurichten wäre, dass Spielen auf derselben, gegen die dermalige Art Jedermann viel leichter fallen würde“, berichtet 1792 das „Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte“ (Band 8, Seite 101). Das mechanische Stimm-Wunder funktionierte sogar polyglott und beglückte das staundende Publikum mit Sätzen wie „vous êtes mon ami – je vous aime de tout mon Cœur“. Es glänzte auch in lateinischer Sprache: „Leopoldus Secundus – Romanum Imperator – Semper Augustus“.

Forschung im 18. Jahrhundert

Die Idee, dass ein lebendiger Organismus nach physikalischen Gesetzen funktioniert und prinzipiell mit Mitteln der Mechanik simuliert werden kann, war spätestens seit dem 17. Jahrhundert nicht länger unklar und verdächtig, sondern wissenschaftliche Hypothese. Die Pionierarbeit von Kempelen wirkte bis ins 20. Jahrhundert auf Persönlichkeiten wie Charles Babbage, dem „Father of computing“, Homer Dudley, der den Voice Operation Demonstrator (VODER) baute oder auf Mathematiker wie John von Neumann und Norbert Wiener, die sich mit Sprache und Logik beschäftigten.

Durch die Sprachsteuerung per Computer ist die mechanische Kempelen-Konstruktion heute nicht mehr relevant.

„Wissenschaftsgeschichtlich jedoch ist es nach wie vor von Bedeutung, ebenso seine Ansichten und seine philosophische Betrachtungsweise“, erläutert die Kempelen-Expertin Alice Reininger von der Universität für angewandte Kunst in Wien.

G-Force in Wien

Die natürliche Sprache zur Steuerung von Geräten, beim Diktieren von Texten und zur Abfrage von Standardinformationen zu nutzen, ist längst Realität und funktioniert erstaunlich gut, auch wenn viele Hotline-Betreiber immer noch auf die veralteten Tastenwahl-Systeme „Drücken Sie die 1, 2 oder 3“ setzen.

„Viele Firmen haben die Kosten gescheut und sich auf das Drücken von Knöpfchen konzentriert. Aber immer mehr entscheiden sich für Sprachdialog-Systeme. Der Kunde erwartet personalisierte Services. Und wenn er dann schon mit der einer Maschine reden soll, dann sollte es auch zu Ergebnissen führen. Beim Knöpchen drücken ist das eben nicht der Fall, weil die dahinter liegende Struktur ein Spiegel der inneren Organisation des Kundendienstes ist“, erläutert Heinrich Welter von HFN Medien auf der Technologiekonferenz G-Force in Wien.

In welches Schubfach der Anbieter welchen Service gelegt hat, könne der Kunden bei den alten Systemen nur mit einem Ratespiel beantworten.

„Bei einer Sprachdialog-Anwendung kann ich das konkreter äußern. Ich habe ein Problem mit dem Rechnungsbetrag oder der Rechnungsadresse oder mit der Rechnung generell. Bei den Tastenkombinationen kann man das nicht genau eintüten“, so Welter.

Sprachsteuerung werde immer populärer durch die Erfolge von Apple und Google.

„Die Spracherkennung ist wesentlich besser geworden. Die Hardware ist mittlerweile nicht mehr so teuer und auch die smantischen Analyseverfahren, um den Sinnzusammenhang von Sprache zu deuten, wurden verfeinert. Auf dieser Basis gibt es jetzt Standard-Angebote, die für die Unternehmenswelt erschwinglich sind – ohne großen Schulungs- und Anpassungsbedarf wie früher“, betont der Service-Experte.

Mit dem Voice Content Management sei das ohne Expertenwissen beherrschbar – ohne das Gängelband der Tastenwahl. Interessante Einsatzmöglichkeiten sieht Welter bei der mobilen Kommunikation über Applikationen – etwa die Identitätsüberprüfung via Stimme. Auf Passworte könne man dann verzichten:

„Ist die Überprüfung abgeschlossen kann ich meiner App über die Sprachsteuerung sagen, was sie machen soll. Das ist bei kleinen Geräten mit den Beschränkungen der Tastatur ein großer Vorteil und erleichtert die Navigation.“

Generell gebe es noch sehr viel Nachholbedarf, die Personalsiierung in der Werbung und im Service zu einem echten Erlebnis zu machen.

Das zog sich wie ein Roter Faden durch die Sessions der diesjährigen G-Force in Wien.

G-Force Session in Wien

Besonders in der Service-Kommunikation hapert es immer noch am Wissensmanagement, um an jedem Kontaktpunkt das gleiche Kundenerlebnis hervorzubringen und die Silos der internen Organisation abzubauen, so das Credo von Genesys-Vorstandschef Paul Segre.

Das mechanische Kempelen-Meisterwerk kann man übrigens im Deutschen Museum in München bewundern.