Die Bibermühle und das Gesetz der Verführung: Über den Antiquar Heribert Tenschert

Der Satz, der eine Tür öffnet

„Life consists in allowing oneself to be drawn in.“ Der Satz steht da wie ein geheimer Mechanismus: Wer ihn liest, hört schon das leise Klicken eines Schlosses. Man könnte ihn für eine Maxime Heimito von Doderers halten, für eine jener eleganten Fallen, in denen seine Romane ihre Leser gefangennehmen. Man könnte ihn aber ebenso gut über das Leben Heribert Tenscherts schreiben, dieses Antiquars, Sammlers, Büchermenschen, Gelehrtenhändlers, der den internationalen Markt der seltenen Bücher nicht wie ein Makler betritt, sondern wie ein Mann, der in jedem Band eine verschlossene Kammer vermutet.

Der Satz führt zunächst nach Wien, ins Hotel Sacher, zum 12. April 1957. Theodor W. Adorno trifft Heimito von Doderer, man spricht über Walter Benjamin. Kaum ist Adorno nach Frankfurt zurückgekehrt, sendet er Doderer die zweibändige Ausgabe von Benjamins Schriften, von ihm mitherausgegeben, erschienen bei Suhrkamp. Die Widmung ist keine Höflichkeit, sondern eine Verbeugung: „Für Heimito von Doderer | als ein Zeichen | meiner herzlichsten Bewunderung | Theodor W. Adorno | Frankfurt, 23. April 1957.“ Dieses Exemplar, später dicht unterstrichen und kommentiert, liegt heute in Tenscherts Sammlung. Aus einem Buch ist ein elektrischer Knoten geworden: Benjamin, Adorno, Doderer, Frankfurt, Wien, Nachkrieg, Suhrkamp, eine nicht geschriebene Literaturgeschichte.

Roland Reuss hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die reizvolle Frage gestellt, warum Adorno nie über Doderer schrieb. Gerade diese Frage paßt zu Tenschert. Denn sein Reich beginnt dort, wo die offizielle Geistesgeschichte eine Tür übersehen hat. Adorno besaß Doderer, Doderer las Benjamin, Benjamin wurde durch Adorno überreicht, und irgendwo zwischen Widmung, Unterstreichung und Schweigen tritt jener Satz hervor: Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Das ist nicht bloß eine literarische Einsicht. Es ist das Grundgesetz des Antiquariats.

Der Mann, der die schönsten Exemplare jagt

Heribert Tenschert hat dieses Gesetz früh verstanden. Im Gespräch mit Gad Saad erzählt er nicht die Karrieregeschichte eines Händlers, sondern die Verwandlung eines Lesers. Als Kind las er, was ihm in die Hände fiel, von Trivialliteratur bis Homer; Walter Benjamin liebte er früh, vielleicht, wie er selbst sagt, ohne alles zu verstehen, aber mit einem unbestechlichen Gespür für Prosa. Aus dem Lesen wurde die Suche nach frühen Ausgaben, aus der Suche ein Gefühl für alte Bücher, aus diesem Gefühl ein Begriff, der bei Tenschert fast religiös klingt: Schönheit. Bibliophilie ist für ihn nicht die vornehme Form des Besitzens. Sie ist eine Schule der Wahrnehmung.

1977 gründete er sein Antiquariat, nachdem er die akademische Laufbahn verlassen hatte; später zog das Geschäft in die Bibermühle am Rhein, jene fast märchenhaft benannte Adresse in der Schweiz, die unter Sammlern längst wie ein eigener Erdteil klingt. Tenschert gilt seit Jahrzehnten als einer der führenden Händler für illuminierte mittelalterliche Handschriften und seltene Bücher. Die Selbstbeschreibung seines Hauses ist dabei erstaunlich präzise: Nicht bloß wichtige Ausgaben sollen versammelt werden, sondern die schönsten, begehrenswertesten, vollkommensten Exemplare. Nicht der Text allein entscheidet, sondern seine Erscheinung auf Erden.

Im Interview mit Saad sagt Tenschert einen Satz, den jeder Bibliophile über seinen Schreibtisch hängen könnte: Er suche die „finest copies on earth“. Das ist kein Luxusgeschwätz. Es ist eine ästhetische Ethik. Denn zwischen einer Kafka-Erstausgabe ohne Schutzumschlag und einem Exemplar mit seltenem, makellos erhaltenem Umschlag kann, wie Tenschert demonstriert, ein Abgrund von Zehntausenden Dollar liegen. Der Text ist derselbe. Das Buch ist ein anderes. Wer das nicht versteht, versteht den ganzen Markt nicht. Im Antiquariat ist Identität keine abstrakte Kategorie. Sie hängt am Umschlag, am Papier, am Rand, an der Bindung, am Geruch der Zeit.

Keine Handschuhe im Paradies

Eine der schönsten Szenen im Gespräch mit Saad ist die kleine Komödie der Handschuhe. Saad, ehrfürchtig vor den gezeigten Kostbarkeiten, fragt, ob man solche Bücher nicht mit Handschuhen anfassen müsse. Tenschert widerspricht sofort. Handschuhe seien geradezu verrückt, weil sie das Tastgefühl zerstörten. Das ist ein wunderbarer Moment, denn darin steckt seine ganze Philosophie. Das kostbare Buch ist für ihn kein klinisch isolierter Patient, sondern ein lebendiger Körper. Man muß es mit wachen Händen berühren, nicht mit musealer Angst.

Das erklärt auch seine Polemik gegen die Vorstellung, wertvolle Bücher seien am besten im Dunkel klimatisierter Magazine aufgehoben. Im Gespräch über die Stuttgarter Antiquariatsmesse spricht Tenschert mit der Sorglosigkeit eines Mannes, der seine Sorgfalt nicht beweisen muß. Er habe zwischen 200.000 und 300.000 Bücher besessen, davon vielleicht 25.000 wirklich bedeutende; keines sei in seinem Besitz schlechter geworden. Ihm mißfällt die institutionelle Logik des Wegschließens. Der private Sammler, sagt er, liebe seine Objekte, kümmere sich um sie und sei keineswegs abgeneigt, sie zu zeigen.

Man hört darin nicht den Trotz des Händlers gegen Bibliotheken, sondern die Erfahrung eines Mannes, der Bücher nicht als Aktenstücke der Kulturverwaltung betrachtet. Die großen Institutionen retten viel, aber sie ersticken manchmal auch. Der Sammler hingegen begeht seine Irrtümer aus Liebe. Das ist gefährlicher, aber auch produktiver. In der Bibermühle herrscht nicht das Archiv als Bunker, sondern die Sammlung als bewohnte Landschaft.

Der Heilsspiegel und der Drucker im eigenen Buch

Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse zeigte Tenschert ein Stück, das wie eigens geschaffen scheint, seine Theorie des vollkommenen Exemplars zu illustrieren: das Speculum humanae salvationis, gedruckt 1472 oder 1473 von Günther Zainer, dem ersten Augsburger Drucker. Knapp eine halbe Million Euro soll dieses Exemplar kosten. Man muß diese Zahl nicht skandalisieren. Man muß sie lesen lernen. Das Buch umfaßt 269 Blätter und 192 zeitgenössisch kolorierte Holzschnitte; es handelt sich nach Tenscherts Beschreibung um Zainers eigenes Exemplar, mit dessen Wappen auf der ersten Seite, später der Kartause Buxheim gewidmet.

Das ist der Punkt, an dem die Sache abenteuerlich wird. Eine Inkunabel ist ohnehin ein Überlebender aus der Frühzeit des Buchdrucks. Aber dieses Exemplar ist nicht irgendein Überlebender. Es trägt die Spur des Mannes, der es in die Welt setzte. Der Drucker steht gleichsam im eigenen Buch. Wenn Tenschert sagt, das Kolorit besitze eine „einzigartig lässige Vollendung“, dann ist das keine Floskel, sondern eine Diagnose. Hier zeigt sich jene Verbindung von technischer Geburt, künstlerischer Hand und Provenienz, die ein Buch aus dem bloßen Bestand heraushebt. Es ist, als habe die Frühzeit des Drucks eine Visitenkarte hinterlassen.

Die literarische Tradition des Heilsspiegels reicht ins frühe 14. Jahrhundert zurück; das Werk gehört zur spätmittelalterlichen Heilsgeschichte, zur typologischen Deutung von Altem und Neuem Testament. Aber bei Tenschert wird daraus nicht bloß ein frommes Druckdenkmal. Es wird ein Tatort der europäischen Mediengeschichte. Der Mönch, der Leser, der Holzschneider, der Kolorist, der Drucker, der Sammler, der Händler, der künftige Besitzer: Alle stehen auf einmal im selben Raum. Ein Preis von 480.000 Euro ist dann nicht mehr bloß Markt. Er ist die Summe der Unwahrscheinlichkeiten, die nötig waren, damit dieses Buch noch existiert.

Der Händler als Romanfigur

Tenschert wäre eine Figur, die man erfinden müßte, wenn es ihn nicht gäbe. Er besitzt die Gelassenheit des Mannes, der fast alles gesehen hat, und zugleich die Unruhe des Knaben, der noch immer vor einem Regal stehenbleibt, weil dort etwas atmet. Er erzählt Saad, daß er nahezu alle bedeutenden Bücher in den Sprachen, die er beherrscht, einmal besessen habe, mit Ausnahme der Gutenberg-Bibel. Das klingt größenwahnsinnig, bis man merkt, daß es bei ihm nicht wie Prahlerei klingt, sondern wie eine Inventur.

Zu seinen großen Momenten gehört der Erwerb des Manuskripts von Kafkas Proceß im Jahr 1988. Damals war er erst elf Jahre im Geschäft, aber schon im Besitz von Hunderten mittelalterlicher Handschriften. Diese Zahlen wirken bei Tenschert nie wie Reichtumsziffern, sondern wie Koordinaten einer Expedition. Man muß sich diesen Antiquar weniger als Mann hinter einem Verkaufstisch vorstellen denn als Kartograph eines unterirdischen Kontinents. Die Bücher tauchen nicht einfach auf; sie werden durch Netzwerke, Vertrauen, Geschmack und Beharrlichkeit herangezogen.

Besonders aufschlußreich ist sein Verhältnis zu Kunden. Saad fragt, ob Tenschert je einem Käufer ein Buch verweigere, weil er ihn für unwürdig halte. Tenschert antwortet ohne Pathos: natürlich, oft. Wer nur Status suche, wer die nötige Liebe und Intelligenz vermissen lasse, bekomme bestimmte Bücher nicht. Das ist im Kapitalismus ein fast skandalöser Satz. Er behauptet, daß Besitz nicht genügt. Ein Buch kann einen Eigentümer haben und dennoch am falschen Ort sein.

Schönheit als Erkenntnismittel

Tenscherts Grundwort bleibt Schönheit. Nicht Schönheit als Dekor, nicht Schönheit als hübsches Beiwerk, sondern Schönheit als Erkenntnismittel. Darin liegt sein Unterschied zu vielen Händlern, die Seltenheit zählen, Provenienzen taxieren, Preise vergleichen. Natürlich tut Tenschert auch das. Aber sein Auge geht zuerst auf die Erscheinung. Er spricht von Papier, Pergament, Kolorit, Zustand, Bindung, Schutzumschlag, Goldauflage, Leuchtkraft. Der Zustand eines Buches ist bei ihm keine konservatorische Nebensache, sondern sein moralischer Ausdruck. Ein schlecht erhaltenes wichtiges Buch ist für ihn nicht automatisch begehrenswert. Ein schönes Exemplar hingegen kann eine Evidenz besitzen, die jeder Katalogsatz nur nachträglich erklären kann.

Das verbindet ihn mit den großen Sammlern der alten Schule. Sie wußten, daß Bibliophilie nicht in erster Linie Besitzanhäufung ist, sondern Verfeinerung der Aufmerksamkeit. Ein unerfahrener Käufer fragt nach dem Titel. Ein Sammler fragt nach dem Exemplar. Der Titel ist die Tür. Das Exemplar ist das Haus.

Vielleicht erklärt dies auch, warum Tenschert den elektronischen Büchern mit erstaunlicher Gleichgültigkeit begegnet. Er muß sie nicht verdammen, weil sie seine Welt nicht berühren. Wer ein Stundenbuch des französischen Königs Louis XII. in der Hand hält, auf Pergament gedruckt und illuminiert, wer eine Bindung des 16. Jahrhunderts betrachtet, wer ein Exemplar der Fables La Fontaines als einzig illuminiertes kennt, der braucht gegen das Digitale nicht zu polemisieren. Der Bildschirm hat keine Patina. Er altert nicht richtig. Er kann nicht aus einem Kloster, einer königlichen Bibliothek, einer Auktion, einer Erbschaft, einer verschwiegenen Sammlung kommen. Er hat keinen Rücken, kein Vorsatzpapier, keine Narben.

Benjamin, Doderer und der Sog

Hier kehrt der Satz zurück: Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Adorno unterstreicht Doderer, Doderer unterstreicht Benjamin, Tenschert bewahrt das Exemplar, Reuss fragt nach dem Schweigen. Das ist keine hübsche Anekdote, sondern ein Modell der Überlieferung. Bücher tun selten das, was ihre Besitzer von ihnen erwarten. Sie wandern, ziehen neue Leser an, eröffnen geheime Beziehungen, stiften nachträgliche Gespräche zwischen Menschen, die einander kaum oder gar nicht verstanden haben.

Daß Adorno nie über Doderer schrieb, obwohl er ihn offenbar las und bewunderte, ist vielleicht gerade deshalb so reizvoll. Die Literaturgeschichte besteht nicht nur aus geschriebenen Aufsätzen, sondern auch aus unterlassenen. Aus Widmungen, die mehr sagen als Rezensionen. Aus Unterstreichungen, die wie lautlose Briefe an den Autor wirken. Aus Exemplaren, die Jahrzehnte später in einer Sammlung auftauchen und plötzlich eine Frage stellen, die niemand mehr erwartet hatte.

Tenscherts Sammlung ist der ideale Ort für solche Fragen. Denn sie behandelt Bücher nicht als erledigte Gegenstände. Sie bleiben dort gefährlich. Sie können noch immer Verbindungen herstellen, die in keiner Biographie stehen. Sie können Adorno und Doderer über Benjamin zusammenführen, Günther Zainer mit Buxheim, Kafka mit dem Weltmarkt, mittelalterliche Gebetspraxis mit moderner Ästhetik, einen kanadischen Evolutionspsychologen im Videogespräch mit einem deutschen Antiquar in der Schweiz.

Die Bibermühle als Gegenwart des Vergangenen

Wer Tenschert nur als Händler sieht, unterschätzt die Figur. Natürlich verkauft er Bücher. Aber seine eigentliche Leistung liegt darin, daß er dem alten Buch die Gegenwart zurückgibt. Bei ihm ist die Vergangenheit kein Museumssaal, sondern ein Strom, in den man geraten kann. Man schlägt ein Buch auf und steht plötzlich in Augsburg 1473, in Paris um 1500, in Wien 1957, in Prag bei Kafka, in der Werkstatt eines Buchbinders, in der Bibliothek eines Sammlers, der glaubte, nur ein schönes Objekt erworben zu haben und in Wahrheit ein Stück Weltordnung kaufte.

Darum ist seine Sorglosigkeit nicht Leichtsinn. Sie ist die Souveränität eines Liebenden. Wer ein Buch wirklich liebt, fürchtet es nicht zu Tode. Er zeigt es, berührt es, liest es, beschreibt es, läßt andere in seine Nähe. Die Bibermühle ist kein Mausoleum. Sie ist eher ein Hafen für Schiffe, die aus sehr alten Jahrhunderten kommen und noch immer Ladung an Bord haben.

Tenschert hat im Interview mit Saad jungen Sammlern im Grunde nur einen Rat gegeben: Man solle mit dem anfangen, was einen interessiert. Man könne ein wunderbares Buch für hundert Dollar kaufen oder eines für drei Millionen. Entscheidend sei die Liebe zu Büchern. Das klingt schlicht, aber es ist die ganze Wahrheit. Der Sammler beginnt nicht mit Kapital. Er beginnt mit Anziehung. Er läßt sich hineinziehen.

Am Ende steht also kein Besitz, sondern ein Sog. Der Doderer-Satz ist deshalb mehr als ein hübscher Aufhänger. Er ist Tenscherts heimliche Autobiographie. Ein Junge liest, was ihm in die Hände fällt. Ein Student sammelt frühe Ausgaben. Ein Antiquar jagt die schönsten Exemplare der Erde. Ein Händler weigert sich, an den Falschen zu verkaufen. Ein Sammler hält an der Schönheit fest, als sei sie eine Form von Wahrheit. Und irgendwo in der Bibermühle liegt ein Benjamin, den Adorno Doderer schenkte, voller Unterstreichungen, als hätte ein Buch beschlossen, seine Leser auch nach ihrem Tod nicht freizugeben.

Das Leben besteht darin, sich hineinziehen zu lassen. Das Antiquariat auch.

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