Warum die Zukunft der Arbeit mit Urteil, Fokus und Vertrauen beginnt – Man hört, sieht und streamt sich um 15 Uhr #ZPNachgefragt auf LinkedInLive, YouTube und Co.

Heute um 15 Uhr läuft als Ausblick auf die Zukunft Personal Süd in Stuttgart. Mit Torsten Biemann, Rolf Duda und Rebekka Ilgner sitzen drei Gäste im Gespräch, die aus sehr verschiedenen Richtungen auf dieselbe Schwäche der Gegenwart zeigen: Unternehmen sprechen unablässig über Zukunft, verlassen sich bei Entscheidungen aber noch immer auf Vermutungen, bei Überlastung auf Ersatzhandlungen und bei Kulturfragen auf wohlfeile Selbstbeschreibungen. Das Programm ihrer Sessions auf der ZP Süd liest sich daher nicht wie eine lose Reihung, sondern wie eine kleine Revision des Betriebs.

Torsten Biemann will das Bauchgefühl entthronen

Bei Torsten Biemann beginnt diese Revision mit einer Frage, die in vielen Personalabteilungen erstaunlich spät gestellt wurde: Woran erkennt man eigentlich, ob eine Entscheidung stimmt? Seine Session „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert“ setzt genau dort an. Sie verspricht den Sprung von der bloßen Datenverwaltung zur echten Entscheidungsgrundlage. Nicht das Dashboard als Zierde, sondern Kennzahlen, die einer Geschäftsführung tatsächlich nützen; nicht das nachträgliche Deuten von Personalbewegungen, sondern das frühzeitige Erkennen von Fluktuationsrisiken; nicht die übliche Eitelkeit des Erfahrungswissens, sondern eine Personalarbeit, die Recruiting-Kanäle misst, Daten in Handlungsempfehlungen übersetzt und sich ein belastbares Fakten-Fundament verschafft. Biemann, seit 2013 Professor für Personalmanagement und Führung an der Universität Mannheim, bringt dafür die passende Mischung aus Psychologie, Betriebswirtschaft, Methodenlehre und Personalstrategie mit. Er zählt zu den „Big Five“ des Personalwesens 2025.

Der Reiz dieses Themas liegt in seiner Sprödigkeit. Wer „People Analytics“ hört, denkt schnell an eine neue Schicht technischer Betriebsamkeit. Tatsächlich ist der Gegenstand viel grundsätzlicher. Solange Personalfragen überwiegend im Modus des geschulten Eindrucks behandelt werden, bleibt HR rhetorisch wichtig und praktisch nachgeordnet. Erst mit Daten, die mehr leisten als bloß zu sammeln, gewinnt die Personalarbeit jene Schärfe, die sie seit Jahren beansprucht. Biemanns Session ist deshalb weniger ein Hohelied auf Zahlen als eine Aufforderung, sich von den bequemen Unschärfen des Bauchgefühls zu verabschieden.

Rolf Duda erinnert an den Körper, den viele Programme nur verwalten

Der zweite Gast des heutigen Gesprächs setzt an einer anderen Stelle an, aber nicht an einer weicheren. Rolf Duda spricht auf der ZP Süd über „Artgerechte Bürohaltung – Wie Du Deinen Fokus behältst, wenn alle anderen ausbrennen“. Schon die Anlage seiner Keynote ist ein stiller Angriff auf die Gewohnheit vieler Unternehmen, Erschöpfung mit Zusatzprogrammen zu beantworten und Konzentrationsverlust mit gutgemeinten Initiativen zu überkleben. In den Unterlagen heißt es ausdrücklich, der Grund für Stress, Erschöpfung und nachlassenden Fokus liege oft darin, daß Symptome verwaltet würden, statt die biologischen Grundlagen von Energie, Belastbarkeit und Nervensystem zu verstehen. Dudas Gegenentwurf ist handfest: kleine, wissenschaftlich fundierte Anpassungen im Arbeitsalltag, mehr Fokus, stabilere Energie, höhere Widerstandskraft gegen Streß. Gesundheit erscheint hier nicht als Zutat zum guten Gefühl, sondern als „strategischer Performance-Hebel“.

An dieser Stelle lohnt der Blick in den MOOVE-Fehlzeitenreport. Das Whitepaper beschreibt eine Arbeitswelt mit historisch hohen Fehlzeiten: Für 2023 nennt es 21,0 Arbeitsunfähigkeitstage pro Beschäftigtem, dazu 128 Milliarden Euro Produktionsausfall und 221 Milliarden Euro Verlust an Bruttowertschöpfung. Zugleich verschiebt sich der Diagnosemix. Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Atemwege dominieren weiterhin, doch psychische Erkrankungen wachsen am schnellsten; seit 2014 stiegen die AU-Tage wegen psychischer Diagnosen demnach um knapp 47 Prozent, ein psychischer Fall dauerte 2023 im Schnitt 28,1 Kalendertage.

Dudas Thema bekommt durch diese Zahlen eine andere Schärfe. Sein Nervensystem ist kein exotisches Randgebiet für Atemkundige, sondern die biologische Unterseite eines betriebswirtschaftlichen Problems. Wer ständig krank weiterarbeitet, wer Streß als Tapferkeitsbeweis ausstellt, wer Fokusverlust mit noch mehr Reizen beantwortet, richtet im Betrieb einen Schaden an, der in den Fehlzeitenstatistiken nur unvollständig erscheint. Der MOOVE-Bericht nennt Führung und Fairness ausdrücklich als Hebel: Vertrauensbasierte Führungskultur korreliere mit weniger und kürzeren Fehlzeiten; krankes Arbeiten müsse sichtbar gemacht und reduziert werden; frühes Eingliederungsmanagement verbessere die Chancen einer raschen und nachhaltigen Rückkehr. Dudas Intervention paßt genau hier hinein. Sein Satz, der Atem sei „der direkteste Zugang zu unserem Nervensystem“, klingt darum weniger nach Lebenshilfe als nach einer ziemlich nüchternen Korrektur des modernen Bürobetriebs.

Rebekka Ilgner bringt die Konflikte dorthin zurück, wo sie wirklich entstehen

Die dritte im heutigen Gespräch, Rebekka Ilgner, steht auf der ZP Süd nicht für eine einzelne Session, sondern für einen ganzen Ausschnitt der Praxis. Sie moderiert die Kamin Lounge und damit jenen Teil des Programms, in dem die großen Begriffe wieder auf konkrete Situationen zusammenschrumpfen. Dort beginnt Vertrauen nicht im Leitbild, sondern schon im Recruiting: in Erwartungen, Kommunikation und den ersten Entscheidungen. Dort ist Führung im Zeitalter künstlicher Intelligenz keine Werkzeugfrage, sondern eine Kompetenzfrage. Dort wird weibliche Führung nicht als Nischenthema verhandelt, sondern als Frage von psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur und Organisationserfolg. Dort geht es um Datenstandards in der Personalarbeit, um frühe Signale bei Leistungsträgern, um Gleichberechtigung und um Demokratiebildung als strategischen Erfolgsfaktor. Ilgner selbst bringt dafür Führungserfahrung aus Konzern- und Start-up-Welt mit und arbeitet mit psychologisch fundierten Instrumenten aus Motivations-, Verhaltens- und Emotionspsychologie.

Der Wert dieser Perspektive liegt in ihrer Erdung. Während Biemann die Vermutung durch Evidenz ersetzt und Duda den Körper gegen die Symptomverwaltung verteidigt, zeigt Ilgner, wo sich beides im Alltag bewähren muß: in Interviews, Übergaben, Lernwegen, Datenqualität, Führungsfehlern, Überlastung und stillen Ungerechtigkeiten. Gerade darum paßt sie so gut in die heutige Sendung. Sie bringt die Stelle ins Bild, an der sich entscheidet, ob aus Theorie ein brauchbarer Betrieb wird oder wieder nur ein Stapel gutgemeinter Folien.

Die Sendung heute dürfte interessanter sein als manche Sonntagsrede über Zukunft

Man kann das Programm der drei Gäste auch als knappe Diagnose der Arbeitswelt lesen. Torsten Biemann korrigiert die Unschärfe des Bauchgefühls. Rolf Duda korrigiert die Blindheit gegenüber dem Körper und den Kosten eines Betriebs, der Erschöpfung zu spät bemerkt. Rebekka Ilgner korrigiert die Neigung, Kultur als Sprache zu behandeln und nicht als Verfahren, Gesprächsform und tägliche Organisation. Zusammen ergibt das eine erstaunlich präzise Vorschau auf die ZP Süd am 21. und 22. April in Stuttgart: weniger Phrase, mehr Betrieb; weniger Pose, mehr Urteil. Heute um 15 Uhr läßt sich also besichtigen, worüber dort wirklich gesprochen werden muß.

Man hört, sieht und streamt sich um 15 Uhr: https://www.linkedin.com/events/7447950516812144640/?viewAsMember=true

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