
Peter Sloterdijk sprach in der ORF-Sendung Kulturmontag über Trump, Putin, Orbán, Macht, Amoralität und die Verführbarkeit der Demokratien. Aber in Wahrheit sprach er über etwas noch Unbequemeres: über den hartnäckigen Irrtum der Moderne, sie habe das Problem der personifizierten Macht hinter sich gelassen. Der König, so lautete die Selbstberuhigung der westlichen Verfassungsgeschichte, sei entthront, die Institution habe den Mann ersetzt, das Verfahren die Laune, die Republik die Geste. Sloterdijks Buch demoliert diese Beruhigungsarchitektur mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass politische Theologie nicht verschwindet, nur weil man sie umetikettiert. Im Buch heißt es, moderne Gesellschaften hätten geglaubt, „lernende Systeme“ zu sein; im Interview zeigt sich, wie unerquicklich diese Hoffnung geworden ist. Denn der Fürst trägt heute keine Krone mehr. Er trägt Medienmacht, Affektmacht, Aufmerksamkeitsmacht. Er ist der verkleidete Monarch der Massendemokratie.
Nicht das Böse erschreckt, sondern die Professionalität des Bösen
Der stärkste Gedanke dieses Buches ist nicht moralisch, sondern anthropologisch. Sloterdijk geht an Machiavelli nicht heran wie ein Archivphilologe, sondern wie ein Seismograph für Gegenwartsbeben. Das Lernziel des Fürsten, schreibt er, heiße „potere essere non buono“. Und noch schärfer: „Wer waffenlos gut sein möchte, geht zugrunde.“ In diesen Sätzen steckt der ganze Unterschied zwischen einer liberalen Kinderstube und der Schule der Macht. Es geht nicht um die Entdeckung, dass es Bosheit gibt. Das wusste schon der Katechismus. Es geht um die Einsicht, dass das Nichtgutsein eine Technik ist, eine trainierbare Fähigkeit, eine Form politischer Professionalität. Im ORF-Gespräch sagt Sloterdijk, der Machthaber müsse lernen, „an seinem eigenen Gewissen vorbeizuhandeln“; das Nichtgutsein werde „als eine Kunst“ praktiziert. Das ist der Punkt, an dem der bürgerliche Mensch erschrickt: nicht über die Existenz des Niederträchtigen, sondern über dessen methodische Überlegenheit.
Der große Irrtum der Anständigen
Der anständige Demokrat unterliegt fast immer derselben Täuschung. Er hält seine Selbstbindung für eine allgemeine Spielregel. Er glaubt, die andere Seite wolle im Grundsatz dasselbe Spiel spielen, nur lauter, gröber, schamloser. Aber genau darin liegt die Blindheit. Wer Macht nicht als Aushandlung, sondern als Besetzung von Räumen versteht, wer nicht überzeugen, sondern verengen will, wer Alternativen nicht widerlegen, sondern aus dem Vorstellungsraum tilgen möchte, der folgt einer anderen Grammatik. Sloterdijk formuliert das im Interview mit fast brutaler Klarheit: Autoritarismus beginne damit, dass man „Opposition tendenziell kriminalisiert“. Das ist kein Ausrutscher. Das ist Methode. Trump, Putin und ihre kleineren europäischen Epigonen eint weniger ein Programm als ein Instinkt: das Publikum so zu binden, dass der Gedanke an eine Alternative bereits als Illoyalität erscheint. Nicht die Lüge ist hier das Entscheidende, sondern die systematische Verengung des politischen Vorstellungsvermögens.
Freiheit der Wahl ist nicht die Lizenz zur Enthemmung
Die entscheidende Zuspitzung des ORF-Gesprächs liegt freilich an einer anderen Stelle. Sloterdijk rührt an die empfindlichste Stelle der Demokratie: an ihre Zweideutigkeit. Sie wurde erfunden, um Diktatur zu verhindern, und trägt zugleich die Möglichkeit ihrer plebiszitären Wiederkehr in sich. Denn mit dem allgemeinen Wahlrecht wird nicht nur Mündigkeit verteilt, sondern auch die Möglichkeit, auf Mündigkeit zu verzichten. Jeder darf wählen; also darf auch jeder auf die nuancierte Wahl verzichten und dem Mann applaudieren, der die Menge von der Last des Urteilens erlösen will. Das ist die innere Gefahr der Massendemokratie.
An dieser Stelle fällt jener Satz, der weit über Österreich hinausreicht. Sloterdijk erinnert an die Waldheim-Zeit und an die Stimme einer alten Frau, die vor laufender Kamera sagte, Demokratie heiße doch, dass man wählen könne, „wenn wir wollen und wenn es ein Verbrecher ist“. In dieser bäuerlich-knappen Grobheit liegt die ganze Katastrophe bereits offen. Denn hier wird, wie Sloterdijk präzise sagt, „die Freiheit der Wahl mit der Enthemmung“ verwechselt. Das ist einer der stärksten Gedanken des Gesprächs. Die Demokratie gibt die Freiheit zur Entscheidung; sie entbindet nicht von der Pflicht zur Urteilskraft. Wo Freiheit nur noch als Freisetzung des Affekts verstanden wird, als Erlaubnis zur destruktiven Expressivität, kippt Wahl in Enthemmung um. Dann wird aus dem Bürger der Konsument seines eigenen Unmuts. Und dann ist Machiavellis Lehre vom Nichtgutsein nicht mehr nur eine Lehre für Fürsten. Sie sickert in die Wählerschaft selbst ein. Der Wähler entdeckt plötzlich die Lust, amoralisch zu handeln, weil er seine Stimme nicht als Verantwortung, sondern als Ausbruch erlebt.
Warum die Demokratien so oft zu spät verstehen
Die Schwäche des Liberalismus liegt nicht darin, dass er moralisch sei. Seine Schwäche liegt darin, dass er seine Moral mit einer Fehleinschätzung des Gegners verbindet. Er verwechselt Zivilisiertheit mit Lagekenntnis. Er hört das Wort Demokratie und denkt an Wettbewerb; der Gegner hört dasselbe Wort und denkt an Ermächtigung. Er setzt auf Öffentlichkeit; der Gegner nutzt Öffentlichkeit als Waffe. Er hofft auf Rationalität; der Gegner wirtschaftet mit Hypnose, Kränkung und Wiederholung. Sloterdijk spricht im Buch von „hypnotoiden Botschaften“ und von Rednern, die sich ans Volk wenden, als wollten sie die Menge nicht vertreten, sondern ersetzen. Genau dort beginnt die moderne Form des Fürsten: in der Behauptung, das Viele könne im Einen aufgehen, das Volk spreche endlich in einer Kehle, die Komplexität finde Erlösung in einer Stimme. Der Satz „Ich allein“ ist nicht der Skandal der Autokratie. Er ist der Traum jeder überforderten Öffentlichkeit.
Die Untiefen der Kommunalpolitik sind das Versuchslabor der Weltpolitik
Wer das für ein Problem der großen Bühne hält, hat die kleine nie gesehen. Nirgends lässt sich das Drama politischer Naivität deutlicher studieren als in der Kommunalpolitik. Dort tritt der Seiteneinsteiger an mit dem Glauben, man werde Sachverstand honorieren, Fleiß, Strategie, Ernst. Dann lernt er die erste Lektion der Macht: Sichtbarkeit ist keine Nebensache, sondern Währung. Uwe Schneidewind beschreibt in seinem Buch „Dienstschluss“ diesen Zusammenstoß mit einer Trockenheit, die schmerzt: Er habe geglaubt, das Amt verlange Konzentration auf „grundlegende und strategische Fragen“ statt auf „das nächste Pressefoto“. Dann folgt der Satz, der über unzähligen politischen Biographien stehen könnte: „Das war naiv.“ Die Öffentlichkeit verlangt keine gute Regierung im stillen Kämmerlein; sie verlangt das sichtbare Zeichen von Regierung. Wer das verachtet, verliert gegen jene, die es beherrschen.
Über Bande spielen oder verschwinden
Noch härter wird die Lektion dort, wo Schneidewind von den „professionellen Nein-Sagern“ spricht. Das ist eine Formulierung, die in ihrer lokalen Bescheidenheit mehr über die politische Gegenwart verrät als manche gelehrte Demokratietheorie. Diese Akteure bauen nichts auf. Sie perfektionieren Blockade. Sie leben von Verzögerung, Verdacht, Diffamierung, Verhandlungskapital. Sie erheben, wie Schneidewind schreibt, einen „Transformationszoll“. Man muss sich diesen Ausdruck auf der Zunge zergehen lassen: Politik nicht als Entscheidung über das Gemeinwesen, sondern als Mautstelle des Ressentiments. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu jener Technik, die er „Politik über Bande“ nennt: Wer keine faire Arena vorfindet, darf seine Sache nicht frontal einbringen, sondern muss sie über Dritte, Stellvertreter, Umwege und gedeckte Wege laufen lassen, damit sie nicht schon am Gesicht ihres Urhebers scheitert. So sieht Macht im Spätstadium der Demokratie aus: nicht als heroischer Konflikt, sondern als Geometrie der Umleitung.
Trump in Washington, der Gescheiterte im Rathaus
Darum verbindet mehr, als der erste Blick zulässt, den weltpolitischen Machtmenschen mit dem gescheiterten kommunalen Seiteneinsteiger. Gewiss nicht im Rang, nicht in der Schuld, nicht im historischen Gewicht. Wohl aber in der Struktur der Erfahrung. Der eine setzt die Regeln außer Kraft, weil er es kann. Der andere scheitert, weil er zu lange glaubt, die Regeln würden schon gelten. Der eine agitiert, kriminalisiert, hypnotisiert, arbeitet mit der Macht des Affekts. Der andere bringt Akten, Konzepte, Zuständigkeiten, Anträge. Der eine weiß, dass Politik ein Kampf um Wahrnehmungsordnung ist. Der andere hält sie für ein Seminar über die bessere Lösung. Zwischen beiden liegt nicht einfach Zynismus auf der einen und Anständigkeit auf der anderen Seite. Zwischen beiden liegt ein Defizit an Wirklichkeitssinn. Wer gegen listigere Akteure antritt, ohne die List mitzudenken, tritt bereits geschwächt an.
Anton Kuh im Café und die Komik des letzten Ratschlags
Wie tief Sloterdijks Skepsis reicht, zeigt die Anekdote, mit der das Gespräch beinahe beiläufig schließt. Er erzählt von Anton Kuh, der im Winter 1938 in einem Wiener Café bei Tisch einen Plan zur Rettung Österreichs entwickelt haben soll. Am nächsten Tag meldet sich ein Mitarbeiter des Außenministeriums, der das Gehörte aufgreifen will. Daraufhin, so die Pointe, habe Kuh seine Koffer gepackt und das Land verlassen – mit der Begründung, in einem Land, das sich für seine Ansichten interessiere, fühle er sich nicht mehr sicher. Das ist mehr als eine geistreiche Kaffeehausgeschichte. Es ist die satirische Endform politischen Wissens. Der Intellektuelle weiß, dass der Augenblick, in dem die Macht um Rat bittet, nicht notwendig der Augenblick der Vernunft ist. Es kann ebenso gut der Augenblick sein, in dem die Distanz endet und die Gefahr beginnt. Wer Macht beschreibt, lebt sicherer als der, der ihr nützlich wird.
In dieser Anekdote steckt die ganze Melancholie des politischen Denkens. Der Essayist, der Philosoph, der Journalist sitzen am Rand des Geschehens und reden, manchmal brillant, manchmal vergeblich. Aber sobald ihre Diagnose praktisch gefragt ist, tritt Misstrauen an die Stelle der Eitelkeit. Denn wer die Macht durchschaut, weiß auch, dass sie den Ratgeber selten aus Reinheit konsultiert. Sie will ihn benutzen, einbauen, vereinnahmen, im Zweifel neutralisieren. Anton Kuhs Flucht ist deshalb die klügste Fußnote zu Machiavelli: Der wahre Kenner der Macht erkennt den Moment, in dem selbst der Rat politisch kontaminiert wird.
Die eigentliche Zumutung dieses Buches
Sloterdijks Verdienst besteht darin, diese Zumutung ohne moralische Kosmetik auszusprechen. Er will den Despoten nicht beraten. Er will den Demokraten von ihrer Unschuld heilen. Das ist der aufklärerische Kern dieses düsteren Buches. Es sagt nicht: Werdet böse. Es sagt: Rechnet mit dem Bösen als Kompetenzform. Es sagt nicht: Gebt eure Maßstäbe auf. Es sagt: Hört auf, eure Maßstäbe mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Und es sagt vor allem: Die Moderne hat den Fürsten nicht überwunden, sie hat ihm neue Kanäle, neue Kulissen, neue Beschleuniger gebaut. Das ORF-Interview war darum mehr als ein Gespräch über Männer und Macht. Es war eine Lektion in politischer Nüchternheit. Wer sie nicht lernen will, wird weiter staunen, warum die Skrupellosen siegen, die über Bande spielen, während die Anständigen noch immer auf den direkten Weg setzen. Der Fürst triumphiert heute nicht, weil die Welt rückständig geworden wäre. Er triumphiert, weil seine Gegner zu oft noch immer glauben, Fairness sei eine Naturgewalt.