
Der deutsche Arbeitsmarkt ist in eine merkwürdige Zwischenepoche eingetreten. Er lebt nicht mehr in der alten Welt der industriellen Selbstverständlichkeiten, aber er traut der neuen noch nicht. Darum entstehen jene eigentümlichen Mischformen, die man überall beobachten kann: hochgerüstete Technik bei archaischen Führungsreflexen, Künstliche Intelligenz in den Systemen und betuliche Kontrollphantasien in den Köpfen, Datenfülle in den Archiven und Urteilsschwäche in den Etagen. Wer hören wollte, wie sich diese Lage im Frühjahr 2026 ausspricht, brauchte nur die Gesprächsrunde von Zukunft Personal Nachgefragt zur Kenntnis zu nehmen. Dort diskutierten Heike Riebe, Torsten Biemann und Rolf Duda im Vorfeld der Zukunft Personal Süd über eine Arbeitsgesellschaft im Übergang.
Am 21. und 22. April 2026 wird die Zukunft Personal Süd in Stuttgart jene Bühne sein, auf der sich diese Diagnose in vielen Einzelsprachen fortsetzt: als People Analytics, als Gesundheitsmanagement, als Kamin-Lounge-Gespräch über Recruiting, Führung, Daten, Gleichberechtigung und Demokratiebildung. Schon in der Vorabsendung wurde deutlich, daß hier nicht bloß Messebetrieb organisiert wird, sondern ein Krisenbewußtsein Form annimmt. Die Messeleitung kündigt Deep Dives in kleiner Runde an, eine KI-gestützte Übersetzung auf der Keynote Stage, interaktive Formate zur Standortbestimmung im HR und eine Programmarchitektur mit 13 Flächen und rund 240 Programmpunkten. Das klingt zunächst nach Veranstaltungslogistik. In Wahrheit ist es ein Symptom. Denn wo man die Dinge komplexer macht, um sie verständlicher zu machen, reagiert man bereits auf eine Arbeitswelt, die sich nicht mehr mit der alten Befehlskette ordnen läßt.
Die Messe wird zum Seismographen einer nervösen Republik
Der Reiz dieser Vorschau lag nicht in ihrer Betriebsamkeit, sondern in ihrer ungewollten Ehrlichkeit. Heike Riebe sprach von den Deep Dives als Form des Wissenstransfers in sehr kleiner Runde, also beinahe als Gegenbewegung zum großen Hallengeräusch. Zugleich kündigte sie eine Übersetzungstechnologie an, die den Messebesucher gegen die Reizkulisse der Halle abschirmt. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen: Selbst die Fachmesse der Zukunft der Arbeit baut bereits technische Schutzräume gegen die Übersteuerung ihrer eigenen Kommunikationsumgebung. Das ist nicht lächerlich, sondern verräterisch. Es zeigt, daß die moderne Arbeitswelt längst nicht mehr nur mit dem Problem der Information ringt, sondern mit der Frage, wie ein Organismus im Dauerrauschen urteilsfähig bleibt.
Die Zukunft Personal Süd erscheint damit als eine Art Miniatur der Gegenwart: hochgradig vernetzt, programmatisch überreich, interaktiv, intelligent, aber auch überlastungsgefährdet. Ihr Format antwortet auf eine Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr nur unter Arbeitsdruck stehen, sondern unter einer neuen Form von Umgebungsdichte. Nichts ist still, alles ist anschlußfähig, jedes Thema verlangt sofortige Auswertung, jede Kennzahl will gedeutet, jede Erschöpfung erklärt, jede Schwankung im Recruiting, in der Führung oder in den Fehlzeiten semantisch versorgt werden. Der moderne Betrieb ist kein Ort mehr, an dem man einfach arbeitet. Er ist eine Deutungsmaschine geworden, die sich selbst pausenlos beobachtet.
Torsten Biemann und die Entthronung des Bauchgefühls
In dieser Lage gewinnt der Auftritt von Torsten Biemann seine eigentliche Bedeutung. Seine Session trägt den Titel: „Klare Entscheidungen statt Bauchgefühl: Wie People Analytics die HR-Arbeit revolutioniert“. Man könnte darin das übliche Fortschrittsversprechen einer datenhungrigen Zunft sehen. Doch das wäre zu oberflächlich. In Wahrheit geht es hier um eine politische Anthropologie des Unternehmens. Denn das sogenannte Bauchgefühl war über Jahrzehnte nichts anderes als die höfliche Tarnkappe für organisatorische Willkür. Es erlaubte, Entscheidungen zu treffen, ohne ihre Voraussetzungen offenlegen zu müssen. Es gab sich als Erfahrung aus, wo oft nur Gewohnheit herrschte, und als Intuition, wo in Wahrheit Hierarchie sprach. Biemann setzt nun an genau diesem Punkt an: Er will die Personalarbeit aus dem Stadium der plausiblen Vermutung in das der nachvollziehbaren Begründung überführen. People Analytics, so seine Argumentation, beginne dort, wo man nicht bei isolierten Kennzahlen stehenbleibt, sondern die Treiber hinter Fluktuation, Recruiting oder Führung sichtbar macht. Die Frage lautet also nicht mehr nur: Wie hoch ist die Zahl? Sondern: Was verursacht sie, und was folgt aus ihr?
Gerade diese Verschiebung ist für die Arbeitsmarktpolitik von Gewicht. Denn ein Land, das seit Jahren über Fachkräftemangel, über Bindung, Motivation und Produktivität klagt, kann sich auf Dauer kein Personalwesen leisten, das wie ein Stammtisch mit Dashboards funktioniert. Biemann weist zudem auf das entscheidende Problem hin: Die Datenqualität ist in vielen Unternehmen noch unerquicklich mittelmäßig. Manche Organisationen wissen nicht einmal genau, wie viele Mitarbeitende sie haben. Andere verfügen zwar über Zahlen, aber nicht über die Fähigkeit, sie in Beziehungen zu setzen. Wieder andere messen am Falschen. Darin liegt der eigentliche Witz der Lage: Der datengetriebene Kapitalismus scheitert im Inneren der Betriebe oft nicht am Datenmangel, sondern an der Kunst, aus Daten Urteil zu machen. Biemanns Plädoyer für Evidenz statt Bauchgefühl ist darum mehr als eine methodische Empfehlung. Es ist ein Aufruf zur Entfeudalisierung des Managements.
Seine Kritik an der Gallup-Umfrage paßt genau in dieses Bild. Wenn ein Messinstrument seit Jahrzehnten dieselben melancholischen Befunde über innere Kündigung liefert, ohne daß sich daraus neue Einsichten ergeben, dann liegt der Verdacht nahe, daß hier nicht das Leben abgebildet, sondern eine stabile Rhetorik der Unzufriedenheit reproduziert wird. Biemann formuliert das vorsichtiger, aber nicht weniger klar: Man müsse fragen, ob wirklich das gemessen werde, was zu messen vorgegeben wird. Damit trifft er eine der zentralen Fragen unserer Epoche: Sind wir noch fähig, zwischen Beschreibung und Beschwörung zu unterscheiden?
Rolf Duda und die Rückkehr des Körpers in die Organisation
Neben Biemanns Datenvernunft wirkt Rolf Duda zunächst wie der Gesandte eines anderen Kontinents. Er spricht über „Artgerechte Bürohaltung – Wie du deinen Fokus behältst, wenn alle anderen ausbrennen“ und bringt damit einen Begriff in den Betrieb zurück, den die moderne Arbeitswelt lange zugleich ausgenutzt und verdrängt hat: den Körper. Doch auch hier wäre es voreilig, das Thema ins Wellnessregal abzuschieben. Duda spricht nicht von gefälligen Gesundheitsritualen, sondern von Neuroregulation, von Nervensystem, Streßarchitektur, zirkadianem Rhythmus, verdeckten Stressoren und jenem Grundstressniveau, das in modernen Arbeitsverhältnissen so hoch geworden ist, daß jeder zusätzliche Impuls wie eine Notlage wirkt. Seine Pointe ist unbequem: Unternehmen investieren in Motivation, Resilienz, Yoga, Obstkörbe und Mental-Health-Dekorationen, ohne die biologischen Grundlagen von Fokus, Energie und Belastbarkeit ernst genug zu nehmen. Gesundheit, so formuliert er es im Programm, sei kein Kuschelthema, sondern ein strategischer Performance-Hebel.
Hier gewinnt der Hinweis auf den MOOVE-Fehlzeitenreport sein Gewicht. Das Whitepaper beschreibt für Deutschland historisch hohe Fehlzeiten. Für 2023 nennt es 21,0 Arbeitsunfähigkeitstage pro Beschäftigtem, 128 Milliarden Euro Produktionsausfall und 221 Milliarden Euro Verlust an Bruttowertschöpfung. Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Atemwegsdiagnosen dominieren weiterhin, aber psychische Erkrankungen wachsen besonders stark; die AU-Tage wegen psychischer Diagnosen seien seit 2014 um knapp 47 Prozent gestiegen.
Dudas spricht nicht über Selbstoptimierung im luftleeren Raum, sondern über die physiologische Unterseite eines volkswirtschaftlichen Problems. Seine Frage nach dem Licht im Schichtbetrieb, nach dem Atem, nach der Regulation, nach dem Nervensystem ist die mikrologische Ergänzung zu den makrologischen Fehlzeitenzahlen. Man könnte sagen: Biemann arbeitet an der epistemischen Hygiene des Unternehmens, Duda an seiner vegetativen. Der eine will wissen, was die Daten bedeuten. Der andere, warum der Körper im System überhaupt noch mitmacht. Beide betreiben in verschiedener Sprache ein ähnliches Geschäft: die Rettung des Urteils vor dem blinden Mechanismus.
Echtzeit, Prävention und die politische Dummheit der Pauschalforderung
Besonders aufschlußreich wurde die Runde dort, wo es um die arbeitsmarktpolitischen Aspekte ging. In einer Zeit, in der Politiker mit der Robustheit von Stammtischärzten über telefonische Krankschreibung, Arbeitsmoral und Mehrarbeit reden, geraten empirische Differenzen leicht unter die Räder. Die Frage, ob man nicht stärker mit Echtzeitdaten arbeiten müsse, um auf steigende Erkrankungen – etwa im Schichtbetrieb – schneller zu reagieren, war deshalb von größerer Tragweite, als der Gesprächston vermuten ließ. Denn sie führt auf den eigentlichen Gegensatz unserer Zeit: auf der einen Seite die hochdynamische, datenfähige, in Near-Realtime auswertbare Arbeitswelt; auf der anderen Seite eine politische Sprache, die auf Unsicherheit reflexhaft mit pauschalen Mehrarbeitsforderungen antwortet.
Duda und Biemann reagierten darauf mit bemerkenswerter Nüchternheit. Mehr Arbeit auf Zuruf, etwa aus dem Mund eines Politikers, ist keine evidenzbasierte Antwort auf eine komplexe Lage. Duda erläutert die wachsende psychische und körperliche Belastung, den diffusen Streß, die Zukunftsängste, die aus KI, Rentenfrage und Rollenunsicherheit entstehen. Biemann hält die politischen Forderungen nach pauschaler Mehrarbeit für wenig hilfreich und diagnostiziert darin eher Reaktanzproduktion als Problemlösung. Damit berühren beide, ohne es laut zu sagen, die Grundfigur des gegenwärtigen Neo-Taylorismus: Sobald die Welt komplizierter wird, ruft ein Teil der Führungsetagen nach den alten Mitteln – Präsenz, Kontrolle, Taktschraube, Steigerungsappell. Genau darin liegt die Gefahr. Man reagiert auf Komplexität mit Regression. Man beantwortet Unsicherheit mit Zwang. Man verwechselt Produktivität mit verschärfter Anwesenheit.
Der Neo-Taylorismus ist deshalb nicht nur ein Betriebsstil, sondern ein Symptom politischer Erschöpfung. Er zeigt, daß die Leitungskulturen des Landes technologisch moderner werden, ohne ihr Menschenbild entsprechend zu aktualisieren. Man will KI, aber weiterhin Leute, die wie in der Fabrikuhrzeit auf Präsenzsignale reagieren. Man will Daten, aber nur, solange sie die vorgefaßte Meinung bestätigen. Man redet von Transformation, antwortet auf Streß aber mit der Forderung nach noch mehr Druck. In dieser Hinsicht ist die deutsche Arbeitsmarktdebatte oft eine Art Aufklärungsprojekt gegen sich selbst.
Rebekka Ilgner und die Re-Personalisierung der Arbeitswelt
Die dritte Stimme in diesem Konzert gehört Rebekka Ilgner, der Moderatorin der Kamin-Lounge. Sie ist im engeren Sinne nicht die Expertin eines einzigen Gegenstands, sondern die Kuratorin eines sozialen Raums. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Denn die Kamin-Lounge ist nicht bloß eine weitere Bühne, sondern eine Antwort auf die Überformalisierung des Diskurses. Sie setzt auf Nähe, Sitzmöbel statt Podiumsdistanz, Fragebereitschaft statt Monolog, auf jene leibhaftige Gesprächsökonomie, in der Themen wieder auf menschliche Proportionen schrumpfen. Ilgner beschreibt das Format als den Ort, an dem Menschen ihre Antworten bekommen. Man könnte sagen: Hier wird die Messe kurzzeitig zu dem, was die Arbeitswelt oft zu sein vorgibt und nur selten ist – ein Raum strukturierter Verständigung.
Die von ihr moderierten Sessions entfalten denn auch eine verblüffende Spannweite. Candidate Experience und Teamkultur verschieben den Blick auf den Anfang des Arbeitsverhältnisses: Vertrauen beginnt schon im Recruiting, in Erwartungen, Kommunikation und den ersten Entscheidungen. KI-Führung: Vom Use Case zur Lernkultur macht deutlich, daß künstliche Intelligenz eben nicht bloß eine Werkzeugfrage ist, sondern eine Kompetenzfrage. Es geht um Teamaufbau, Lernreisen, Begeisterung ohne Überforderung. Female Leadership wird als Frage von psychologischer Sicherheit, Fehlerkultur und Diversität verhandelt. HR-Analytics scheitert selten an Tools – sondern an Daten führt Biemanns Denken in eine global organisierte Praxis über. Hinzu kommen Sessions über früh erkannte Überlastung bei Leistungsträgern, über Gleichberechtigung, über Männer und D&I, schließlich über Demokratiebildung als strategischen Erfolgsfaktor, also über die Verbindung von Unternehmenskultur, gesellschaftlicher Verantwortung und Arbeitgeberattraktivität.
Damit wird die Kamin-Lounge zum Brennglas der Gegenwart. Ihre Themen sind weder weich noch randständig. Sie zeigen vielmehr, daß moderne Unternehmen längst an den Schnittstellen von Ökonomie, Psychologie, Technologie und politischer Kultur operieren. Wer heute über Recruiting spricht, spricht auch über Vertrauen. Wer über KI spricht, spricht über Lernarchitektur. Wer über Daten spricht, spricht über Standards und Deutungshoheit. Wer über Fehlzeiten spricht, spricht über Fairness, Präsentismus und Führung. Wer über Demokratie spricht, spricht nicht über Parteipropaganda, sondern über Resilienz unter Bedingungen wachsender gesellschaftlicher Gereiztheit. Die Arbeitswelt ist politischer geworden, nicht weil sie ideologischer wäre, sondern weil sie tiefer in das Gewebe der Gesellschaft hineinreicht.
Stuttgart als Labor einer verspäteten Vernunft
Genau hier liegt der eigentliche Ausblick auf die Zukunft Personal Süd am 21. und 22. April in Stuttgart Sie ist nicht nur ein Branchentreffen, sondern ein Labor der verspäteten Vernunft. Verspätet deshalb, weil viele Themen, die dort verhandelt werden, in den Unternehmen längst hätten angekommen sein müssen: der Abschied vom Bauchgefühl als Führungsinstrument, die Einsicht in die biologische Bedingtheit von Leistung, die Notwendigkeit von Echtzeitdiagnostik statt Quartalsblindheit, die Erkenntnis, daß Fehlzeiten nicht bloß Kostenfaktoren, sondern Ursache und Wirkung einer tieferen kulturellen Dysbalance sind. Fehlzeiten zeigen an, wo Arbeit krank macht; zugleich erzeugen sie neue Belastungen in Teams, verstärken Gerechtigkeitskonflikte und erzeugen jene Präsentismusspiralen, die im MOOVE-Whitepaper als versteckte Kostenmaschine beschrieben werden.
Was in Stuttgart also auf der Bühne steht, ist in Wahrheit eine neue Formel der Arbeitsfähigkeit. Sie lautet ungefähr so: Daten ohne Anthropologie werden tyrannisch, Gesundheitsmanagement ohne Struktur wird dekorativ, Technologie ohne Lernkultur bleibt bloß Anschaffung, Führung ohne Evidenz degeneriert zum Ressentiment, und Politik ohne Kenntnis der innerbetrieblichen Wirklichkeit endet in symbolischer Muskelzuckung. Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht dort, wo man das nächste Schlagwort erfindet, sondern dort, wo man aufhört, alte Kommandos in neue Software zu verpacken.
Darum könnte die Gesprächsrunde von Zukunft Personal Nachgefragt als eine kleine Vorrede zur Lage des Landes gelesen werden. Sie zeigte eine Republik, die viel von Transformation spricht, aber noch lernen muß, sie zu verkörpern. Sie zeigte Managerwelten, die mehr Daten brauchen und zugleich bessere Interpretationen. Sie zeigte Menschen, die unter Streß nicht nur zusammenbrechen, sondern falsch gemessen werden. Sie zeigte eine Messe, die mit Deep Dives, KI-Übersetzung und Gesprächsformaten nicht nur Programm anbietet, sondern unbewußt eingesteht, daß die moderne Arbeitswelt mehr Vermittlung, mehr Präzision und mehr Resonanzräume braucht. Und sie zeigte, vielleicht am deutlichsten, daß die eigentliche Zukunftsfrage am Arbeitsmarkt nicht lautet, wie man noch mehr aus Menschen herausholt, sondern wie man Bedingungen schafft, unter denen Menschen urteilsfähig, belastbar und kooperationsfähig bleiben.
Wer nach Stuttgart fährt, besucht also keine Leistungsschau der HR-Branche, sondern ein Feldexperiment über die Zivilisierung der Arbeit. Das ist mehr, als man von mancher politischen Debatte sagen kann.