Warum Call Center, Buchhandlungen, Rechenzentren oder Universitätsvorlesungen verschwinden werden – IBM-Cheftechnologe Dueck über das Ende der Dienstleistungsgesellschaft

Die Dienstleistungsgesellschaft, wie wir sie heute noch kennen, wird bald der Vergangenheit angehören. So jedenfalls sieht es Gunter Dueck, IBM-Cheftechnologe und Autor des Buches „Aufbrechen – Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“. „Viele Dienstleistungsberufe werden in den nächsten Jahren automatisiert. Ein Beispiel: Fast das gesamte Wissen über die Angebote einer Bank oder Versicherung steht irgendwo im Internet. Wenn ich eine Riester-Rente abschließen will oder einen Investmentfonds kaufen will, kann man im Web alle nötigen Informationen beziehen. Der Kunde recherchiert das nötige Wissen über diese Produkte bei allen Banken, kommt mit diesem Wissen zu seiner Hausbank und stellt fest, dass das Personal in diesem speziellen Punkt weniger weiß als er und bei Konkurrenzprodukten meist keine Ahnung hat. Gleiches spielt sich auch in Bau- oder Elektronikmärkten ab. Für diese Trivialverkäufer gibt es keine Verwendung mehr. Gebraucht werden vielleicht High-End-Berater, der Rest steht herum und verärgert eher Kunden, die mehr erwarten“, so Dueck im Interview, das ich für den Düsseldorfer Fachdienst Business Insiders geführt habe.

Hier könne man erkennen, wie viele Serviceberufe überflüssig werden. Man brauche nur noch die echten Koryphäen und die anderen eben nicht mehr. Ähnliches spiele sich bei telefonischen Diensten ab. „Wenn die Kunden daran gewöhnt sind, die meisten Probleme direkt mit einem Anruf in einem Call Center zu lösen, dann ist der Weg von der Standardisierung der Arbeit im Call Center zur direkten Erledigung durch den Kunden selbst nicht mehr weit“, so Dueck. Das liege an der Industrialisierung der Dienstleistungen, einhergehend mit Effizienz-Trimmung des Personals, das immer schlechter bezahlt wird. Das liege aber auch an der Schlauheit der Konsumenten: „Wenn ich einen Fonds kaufen will, weiß ich schon einiges über Hausinvest der Commerzbank und Deka Immobilienfonds der Sparkasse. Der Agent im Call Center kennt den Markt in der Breite und über die Institute hinweg nicht. Wer bei einer Hotline anruft, möchte aber eine umfassende Beratung, die über den Tellerrand des angerufenen Unternehmens hinausgeht und die wird ihm nicht geboten. Das Internet führt zu einem Strukturbruch. Der Kunde kennt sich besser aus als ein Verkäufer, Berater oder Agent.“.

Die Leistungen der Call Center würden so langsam Jahr über Jahr als Self-Services ins Internet verlagert. Die entstehenden Dienstleistungsfabriken werden diesen Prozess beschleunigen. „Man sieht es bei den Transaktionsbanken, die immer mehr zentriert werden. Man gibt so langsam die Idee der Autarkie auf. Die Volks- und Raiffeisenbanken zum Beispiel hatten früher eine Vielzahl von Rechenzentren. Heute schaffen das zwei, die GAD in Münster und die Fiducia in Karlsruhe, die wiederum über eine Fusion nachdenken. Die Sparkassen, die früher auch viele, viele Rechenzentren hatten, haben inzwischen alle Arbeit auf die Finanz Informatik übertragen. Einen ähnlichen Trend gibt es bei den Abrechnungen der Krankenkassen. Da vollzieht sich etwas, was in der Öffentlichkeit gar nicht so stark beachtet wird: Gleichartige Dienstleistungen werden nur noch von einer einzigen Fabrik erbracht. Dadurch verschwinden sehr viele Arbeitsplätze. Diese Bewegungen hat man noch vor zehn Jahren für undenkbar gehalten. Jeder wollte etwas Eigenes haben. Die nächste Welle kommt als Cloud Computung. Organisationen verzichten auf eine eigene IT-Infrastruktur – das Netz wird in der Computerwolke abgebildet. Da gibt es genau die gleichen Diskussionen, die wir bei Banken und Krankenversicherungen mit der eigenen IT hatten. Mittelständler haben bereits begriffen, dass sie keine eigene IT benötigen und verlagern alles ins Netz – bei Konzernen sieht das noch etwas anders aus“, erläutert Dueck.

Selbst an Hochschulen werde sich einiges ändern: „Bill Gates hat kürzlich gesagt, dass die universitären Vorlesungen in fünf Jahren im Netz als superedle Konserve von Superprofessoren allgemein verfügbar sind und dass Professoren für die Lehre nicht wirklich mehr gebraucht werden. Das war schon lange absehbar. Ein paar Starprofessoren übernehmen die gesamte Ausbildung.“ Die Gesellschaft als Ganzes sei gefordert, um diesem Niedergang vieler Dienstleistungsberufe etwas entgegen zu setzen und den Weg zur Wissensgesellschaft zu ebnen. „Wir gehen vom Servicezeitalter in ein anderes. Dabei gibt es zwei verschiedene Denkrichtungen. Wir gehen in ein neues Gleichgewicht und erleben in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren einen Wandel. Und in dieser Zeit gibt es einen Konflikt zwischen Modernisierern und Predigern der Nachhaltigkeit. Es gibt eine natürliche Polarität zwischen Fortschritt und Beharren. Das war schon immer so. Das ist keine Vernunftdebatte, sondern eine Charakterdebatte. Wir erleben einen Kampf, wie schnell der Wandel vollzogen werden kann“, sagt Dueck. Am Beispiel der Call Center kann man diesen Überlebenskampf übrigens sehr gut nachvollziehen. Siehe den Beitrag: Totgesagte leben länger.

Hier geht es zur kompletten Service Insiders-Story: Ende der Servicegesellschaft: Warum wir ein Exportland der Dichter, Denker und Ingenieure werden sollen.

Das Grüne Punkt-Müllsystem wird 20: Gehet hin und verkündet die frohe Botschaft der ewigen Wiederkehr des Joghurtbechers

Lasset uns jubeln, jauchzen und frohlocken, das Christkind der Grüne Punkt kommt seit 20 Jahren in unsere guten Stuben und beglückt uns mit der frohen Botschaft von der ewigen Wiederkehr des Joghurtbechers. Gehet hin und erzählt der Welt von dem wundersamen Ablasshandel, der uns von allen Umweltsünden befreit und uns zu einem demütigen Volk der Sammler und Sortierer gemacht hat. Leset auch die frohe Kunde in der heutigen Ausgabe von Welt kompakt von Bruder Steffen Fründt, der am Horizont des Recyclingparadieses eine soziokulturelle Zeitenwende verortet: Er bereitet uns auf eine festliche Zusammenkunft zum 20. Geburtstag des Öko-Heiligenscheins mit den ineinander verschränkten Pfeilen vor. Morgen erwartet Berlin die Geistesgrößen aus Politik und Wirtschaft, die der Gründung des Dualen Systems Deutschland (DSD) gedenken – jener Organisation, die den Grünen Punkt erfunden und zu einem heiligen Zeichen, ja zu einem weltweit einmaligen Symbol für Gelbe Säcke und Tonnen gemacht hat.

Und so spricht Bruder Steffen Fründt: „Viele Nationen auf der Welt stehen für große Errungenschaften. Die Amerikaner brachten uns den Hamburger, die Holländer das Gewächshaus, die Franzosen Weißbrot in Stangenform. Die Deutschen erfanden den Grünen Punkt. Ein geschütztes Markenzeichen für Müll.“ Altpapier und Altglas wurde ja schon vor der Grünen Punkt-Erscheinung gesammelt. „Doch erst mit dem Dualen System und der ein Jahr später folgenden Verpackungsverordnung (über den zeitlichen Ablauf sollte der Autor noch einmal nachdenken, gs) wurde das Thema bis zu Ende gedacht. Das Prinzip war einfach, aber genial: Lebensmittelkonzerne (nicht nur die, lieber Bruder Steffen, gs) entrichteten für jede Umverpackung einen Entsorgungs-Obulus (so ein Quatsch: Abfüller und Hersteller von Verkaufsverpackungen und am Ende natürlich wir Verbraucher zahlen die Gebühren für den Grünen Punkt, lieber Bruder Steffen, gs). Was folgte, war ein Triumph des Gehorsams. Wir entfesselt begannen die Deutschen Plastikbecher zu spülen, Safttüten zu falten und jeden noch so kleinen Plastikfitzel (der dann in der Sortieranlage durch den Rost fällt und in der Müllverbrennungsanlage landet, gs) zu studieren, um auch ja keinen Wertstoff (rabulistische Ausdrucksweise für stinknormalen Einweg-Verpackungsmüll, gs) zu verschwenden“, so die Müllprosa des Redakteurs von Welt kompakt. Trotz irgendwelcher Zweifel an den milliardenschweren Kosten des religiösen Trennvorgangs entwickelte sich das Ganze zum Exportschlager. „Es gibt den Grünen Punkt mittlerweile in 24 Staaten. Von der Gront Punkt Norge AS in Norwegen bis zur Green Dot Cyprus leben überall Tausende Arbeitnehmer von der deutschen Idee“, so das sakrale Resümee von Bruder Steffen.

Vor zehn Jahren kam ich zu ähnlich ökoreligiösen Erkenntnissen und verkündete die langersehnte Erfindung des Perpetuum mobile. Was ich damals zu Papier brachte, kann Bruder Steffen, das Christkind und alle Gläubigen noch einmal nachlesen. Hier meine damaligen Glückwünsche an das deutscheste aller deutschen Symbole für das Gute in dieser so unfriedlichen Welt:

Der Grüne Punkt und das Perpetuum mobile: Der Müllsammler feiert sein 10jähriges Jubiläum

Seit dem Start des Müllsystems mit dem Grünen Punkt vor zehn Jahren sollen rund 36 Millionen Tonnen Abfall verwertet worden sein. Der Abfallsammler preist sich als Recyclingweltmeister. Kritiker hingegen verbinden mit der Duales System Deutschland AG vor allem Verschwendung, Skandale und minderwertige Verwertungsverfahren: Das größte Problem bleibt die technische Bewältigung des Kunststoffrecyclings. Ökonomisch ist die Verwertung von Plastikverpackungen über die Getrenntsammlung des Dualen Systems immer noch ein teurer Luxus. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des Müllmonopolisten rund 610.165 Tonnen für die Verwertung bereitgestellt worden. Verbraucher, Handel und Konsumgüterindustrie mussten dafür rund 1.6 Milliarden Mark aufbringen. Das sind zwei Fünftel des gesamten Umsatzes der Aktiengesellschaft mit dem Grünen Punkt. Der Anteil von Plastikflaschen, Joghurtbechern und Folien, die über Gelbe Tonnen und Säcke erfasst werden, liegt aber nur bei 10 Prozent. Insgesamt verwertete das Duale System 1999 5,6 Millionen Tonnen – in erster Linie Glas, Papier, Getränkekartons und Metallverpackungen. Im Unterschied zu diesen Materialien, müssen Industrie und Verbraucher die Subventionierung des Kunststoffrecyclings mitbezahlen.

Alle anderen Packmittelbranchen nehmen die Verwertung selbst in die Hand. Bei den Kunststoffen bekommt die beauftragte Deutsche Gesellschaft für Kunststoffrecycling (DKR) ihre Verwertungsaktivitäten komplett über den Grünen Punkt bezahlt. Die Kosten für die Verwertung der Altkunststoffe liegen bei über 3000 Mark pro Tonne und damit rund 2000 Mark über dem Preis für Neuware. Endprodukte wie Rasengittersteine, Parkbänke, Rohre und Poller sind ohne eine Alimentierung nicht vermarktungsfähig. Auch die Sammlung und Sortierung ist aufwendig und verursacht negative ökologische Effekte: Wenn im Landkreis Verden bei Bremen die Gelben Säcke abgeholt werden, beginnt ein gigantischer Mülltourismus durch die Republik. Die zu Hause ordentlich abgewaschenen Joghurtbecher landen auf einer Umladestation und werden in LKW-Container geschaufelt. Dann geht es auf die Reise. Fast jeden Tag fährt ein LKW rund 230 Kilometer bis nach Nordhausen im Harz. Hier wird der Müll aus Verden aufwendig sortiert – danach geht die Odyssee über lange Strecken weiter zu Verwertungsbetrieben in Deutschland, Europa, Japan oder anderen außereuropäischen Ländern. Der Frankfurter Umweltexperte Heinz Hug hält das Recycling für unsinnig. Es würde der Glaube an die Wiedergeburt und das ewige Leben des Kunststoffs suggeriert. Naturwissenschaftliche Gesetze ließen sich nicht außer Kraft setzen, das Perputuum mobile bleibe eine Illusion: „Wenn wir eine heiße Teekanne haben, dann kühlt sie sich selber ab. Das ist ein natürlicher, spontaner und irreversibler Prozess. Gesteuert wird dieser Prozess von der Entropie. Die Entropie nimmt die Wärme und transportiert sie in die Umgebung. Wenn ich das rückgängig machen will, muss ich einen stärker irreversiblen Prozeß benutzen. Das heißt, ich muß unter die Teekanne eine Kerze stellen. Der Abbrand der Kerze ist stärker irreversibel als das Abkühlen der Teekanne. Die Entropie treibt den Zerfall der Wärme oder den Abtransport der Wärme in die Umgebung und auch den stofflichen Zerfall“, so Hug. Man muss beim Recycling einen wesentlich höheren Energie und Stoffeinsatz bringen als hinterher an Material und Wertstoff gewonnen wird. Ökologisch ist die Bilanz beim Kunststoffrecycling negativ. Umweltschonender ist es, wenn Parkbänke oder Blumenkübel aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz bestehen. Gegen die vom Grünen Punkt subventionierten Produkte aus Altkunststoffen kommt die Holzindustrie bislang nicht an.

Es findet eine Marktverdrängung zu Lasten der Umwelt statt. Weiterer Kritikpunkt: An einigen Fertigprodukten aus Kunststoffabfällen fand man im Rahmen von Qualitätskontrollen Fischtoxizität. Nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern mehren sich die Hinweise darauf, dass von Kunststoffrecyclaten Gefahren für die menschliche Gesundheit ausgehen. Hochpathogene Keime wie Botulinus, Clostridien und Tetanus finden im Gelben Sack hervorragende Brutbedingungen. Krebserregende Mykotoxine und auch Aflatoxine würden selbst bei sehr hohen Verarbeitungstemperaturen überleben. Das Umweltbundesamt hat in einer Untersuchung weitere Gefahrenquellen ausgemacht. Es zeigen sich bei der Aufbereitung von Kunststoffen erhebliche Unterschiede in den Schadstoffgehalten und im ökotoxischen Potential von Endprodukten aus gewaschenen und ungewaschenen Abfällen. Die Mehrzahl der Proben aus trockenaufbereiteten Proben waren toxisch wesentlich höher belastet als nassaufbereitete Proben. Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb „zukünftig vorsorglich auf die Verarbeitung trockenaufbereiteter Mischkunststoffabfälle zu Fertigerzeugnissen zu verzichten und stattdessen das Waschen von werkstofflich zu verwertenden Mischkunststoffabfällen zur Regel zu machen. Die Nassaufbereitung wird allerdings nach Ansicht von Uwe Lahl, Umweltberater in Oyten bei Bremen, von kaum einem Recyclingbetrieb angewendet. Das scheitert schon an den weitaus höheren Verarbeitungskosten, die den Alimentierungspreis für das Recycling nach oben treibt. Kritisch beurteilt auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem jüngsten Gutachten generell den Status quo in der Entsorgungsbranche. „Die Abfallwirtschaft kann gegenwärtig noch nicht als umweltgerecht bezeichnet werden.“

Die vollständige Behandlung des Restmülls in Müllverbrennungsanlagen oder hochwertigen mechanisch-biologischen Anlagen mit anschließender energetischer Verwertung sei nicht gewährleistet. Der Umweltrat erinnert die Bundesregierung noch einmal an sein Konzept für eine künftige Abfallpolitik, in dem er vorschlägt, innerhalb eines strikten ökologischen Rahmens Markt- und Wettbewerbsprozessen mehr Raum zu geben. Darüber hinaus werde ein weiterer Bedarf gesehen, die Verpackungsverordnung zu novellieren. Notwendig sei vor allem eine Verbesserung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses bei der Verwertung von Kunststoffverpackungen. „Kernpunkt sollte die Begrenzung der getrennten Erfassung und Verwertung von Kunststoffverpackungen auf die großvolumigen, gering verschmutzten und weitgehend sortenreinen Hohlkörper und Folien sein“, so der Umweltrat.

Um von der milliardenschweren Kostenlast des Grünen Punktes runterzukommen, setzt das Management des Dualen Systems auf die vollautomatische Sortierung: Nach Meinung von Branchenkennern sei dies der letzte Rettungsversuch für den Müllmonopolisten. Markenartikler wie Müller-Milch oder Haribo würden den hohen Sortieraufwand bei geringer ökologischer Leistung nicht mehr tolerieren. Schon jetzt feiert das Duale System in seinen Broschüren die Sortec, so der Name der neuen Sortieranlage, als technische Revolution und ökonomischen Durchbruch im Recycling. Eine großtechnische Bewährungsprobe hat die Sortec allerdings noch nicht bestanden. Es gab schon viele Versuche, aus Müll mit sortiertechnischer Geisterhand wieder Gold zu machen. Experten einer Tochtergesellschaft des Dualen Systems meldeten denn auch Hiobsbotschaften: „Die Anlage läuft nicht gut. Stillstandszeiten und Dauerreparaturen sind vorprogrammiert.“ Von der Müllbranche wird die „Wundertechnik“ mit Skepsis betrachtet: Verdreckten Abfall sollte man mit einfachen und robusten Verfahren behandeln. Verpackungsmüll eignet sich sehr schlecht zum vollautomatischen Sortieren. Das zeigen einige Fehlversuche in den letzten Jahren. So musste eine Pilotanlage in Köln wieder abgebaut werden, nachdem sie die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllte. Bei einem Durchsatz von 500 Kilogramm je Stunde sollte in der Anlage ein Multi-Sensor-System die charakteristischen Merkmale der Produkte wie Form, Farbe und Metallgehalt erfassen. Diese Daten wurden an einen lernfähigen Rechner übermittelt, in dem aufwendige Programme auf Basis neuronaler Netze die Erkennung jedes Verpackungsteils übernahmen. Der Betreiber der Anlage scheiterte an der komplexen Aufgabe. Eine mindestens so aufwendige Maschine hat das Aachener Ingenieurbüro Hoberg & Partner für den Grünen Punkt entwickelt. Die Sortec arbeitet mit Trommelsieben, Windsichtern, Magnetscheidern, opti-elektronischer Sortierung und naßmechanischer Aufbereitung: Besonders der Wasserverbrauch erweist im Praxistest als problematisch. Die ständige Inanspruchnahme von Frischwasser sei eine ökologische Schwachstelle der Sortec-Anlage, munkelt ein Insider: Das würde man in der Öffentlichkeit aber nicht kommunizieren. Für die optische Erkennung der verschiedenen Verpackungsabfälle kommt Infrarottechnik zum Einsatz.

Hier sehen Fachleute die größte Hürde wegen der Staubentwicklung und dem Verschmutzungsgrad des Mülls . Probleme machen auch die feuchten Reststoffe in den Verpackungen – besonders an den Bandübergabestationen. Einen ersten Warnschuss gab die Papierindustrie ab. Die aus einer solchen Sortierung stammenden Papierfaserstoffe „dürften nicht in die allgemeine Altpapier-Sammlung gelangen; sie können generell nicht als Rohstoff eingesetzt werden und sind insbesondere nicht zur Herstellung von Papieren, Kartons und Pappen für den Lebensmittelkontakt geeignet.“ Ein weiteres Problem geht von der den Kunststoffverpackungen aus: Eine Shampooflasche ist nicht unbedingt aus dem gleichen Material wie ein Joghurtbecher. Selbst wenn der Basiskunststoff identisch ist, variieren die Zusätze von einem Produkte zum nächsten. Beim Zusammenschmelzen entsteht ein Gemisch aus Farben, Additiven und Weichmachern, mit gänzlich neuen Eigenschaften. Ein wirklich sortenreines Trennen sei deshalb nach Auffassung des DKR-Mitarbeiters Jörg-Olaf Jansen auch mit der Sortec nicht möglich.

Für die Entsorgungswirtschaft wird die völlige Umstellung der Sortiertechnik nicht einfach werden. Um alle Leichtverpackungen aus der Gelben Tonne vollautomatisch zu trennen, müßten rund 100 neue Anlagen gebaut werden. Die zusätzlichen Investitionskosten liegen bei knapp zwei Milliarden Mark. Bei der ungewissen Zukunft des Grünen Punktes ein unkalkulierbares Risiko für die Betriebe. Bestellungen der Anlage wird es wohl nur spärlich geben. An dem volkswirtschaftlichen Sinn des Dualen Systems zweifelt der Bochumer Arbeitsökonom Erich Staudt. Was die Konsumgüterindustrie für die Sammlung, Sortierung und Verwertung zahlen muss, sei eine teure Subvention. Ohne diese Zuzahlung würden die aus Altmaterial hergestellten Produkte überhaupt nicht entstehen. Öko-Dumping sieht auch das Fraunhofer-Institut. Es mache keinen Sinn, Zaunpfosten oder Pflastersteine aus Recyclingkunststoffen zu fertigen. Das koste wesentlich mehr Energie als deren Produktion aus Beton oder Holz.

Das Recycling jedes Plastikfetzens ist eine Schnapsidee, die der Industrie und den Verbrauchern in den vergangenen zehn Jahren ungefähr 17 Milliarden Mark gekostet hat“, kritisierte Hug. Und das ohne Schadstoffprobleme, ohne Müllexporte ins Ausland, ohne Korruptionsskandale in der Entsorgungswirtschaft und ohne eine Verschandelung der Städte mit unansehnlichen Containern, aufgerissenen Gelben Säcken und verschmutzten Gelben Tonnen. „Der Grüne Punkt ist kein selbstloser Turnverein, sondern ein knallhartes Müllunternehmen, das konkurrenzlos an unseren spätpubertären Endzeitphantasien verdient und den Markt an sich gerissen hat“, führte Hug weiter aus. Ob die Recyclingbilanz des Grünen Punkes überhaupt stimmt, bezweifeln immer mehr Experten. Die genauen Hausmüllanalysen des Forscherteams von Professor Klaus Wiemer von der Universität in verschiedenen Kommunen ergaben, dass erhebliche Mengen an Verpackungen mit dem Grünen Punkt über die normale graue Tonne entsorgt werden. Stelle man diese Mengen den vom Grünen Punkt ausgewiesenen Verpackungsmengen gegenüber, ergäben sich erhebliche Widersprüche.

„Wir haben mittlerweile differenzierte Hausmüllanalysen durchgeführt für den Restmüll von mehr als drei Millionen Bürgern, haben bei dieser Analyse die verschiedenen Wertstoffgruppen untersucht und unter anderem sämtliche Materialien, die einen Grünen Punkt trugen. Bei dieser Untersuchung haben wir festgestellt, dass in den einzelnen Gebietskörperschaften ganz unterschiedliche Restmengen an Verpackungen im Abfall waren. In etlichen Gebietskörperschaften war mehr Verpackungsmaterial in der Restmülltonne, als vermutlich nach dem bundesdeutschen Schnitt überhaupt gesammelt wurde über den Gelben Sack, wobei man hier sagen muss, dieser Vergleich mit bundesdeutschen Zahlen ist sehr schwierig, weil nicht vorgesehen ist, gebietsspezifische Mindestmengen vorzuschreiben, sondern einen nationalen Mengenstromnachweis zu führen. Bei einem solchen nationalen Mengenstromnachweis kann man sich immer auf die Position beziehen, in den Regionen, die man gerade untersucht hat, sei ausgesprochen wenig angefallen, es sei anderer Stelle mehr. Bei dieser Betrachtung fällt auf, dass der nationale Ansatz zur Verpackungsverwertung an vielen Stellen nicht stimmt. Hier ist der Weg vorgeschrieben, und der Weg ist mit dem Ziel verwechselt worden. Wenn ich das mit dem universitären Ansatz vergleiche, könnte man fast sagen, wenn ein Student sich einschreibt in die Universität, dann hat er sein Ziel schon erreicht. Er muss die Prüfungen bestehen, und die Prüfung ist der Mengenstromnachweis. Hier stellen wir fest, dass Mehrleistungen, die auch ein Student bringen kann in seinen Arbeiten, was auch immer das sein mag, überhaupt nicht gefragt sind, denn hier sind Quoten vorgegeben. Wenn Sie heute mehr Verpackungsmaterial bringen würden, also ein Material, welches den Grünen Punkt trägt, und würden dieses dem Dualen System andienen wollen, würden Sie zurückgewiesen. Wenn allein die Möglichkeit eröffnet würde im Sinne des Verwertungsgebotes, was im nationalen Abfallgesetz gegeben ist, auch dieses Grüne-Punkt-Material dem Dualen System andienen zu dürfen, wäre der Markt schon durchbrochen. Dann wäre das Verwertungsgebot schon in Teilbereichen verbessert“, sagte Wiemer. Verbraucher und Industrie mussten in den vergangenen zehn Jahren rund 36 Milliarden Mark für den Grünen Punkt bezahlen, nicht eingerechnet der Aufwand für das Sammeln und Sortieren der Abfälle in den privaten Haushalten. Mit den Einnahmen hätte man gut und gerne 70 hoch moderne Müllverbrennungsanlagen in Deutschland bauen können. Mülldeponien wären überflüssig. Professor Wiemer zieht ein ernüchterndes Resümee:

„Es tut weh, wenn man im Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre die Summe von 36 Mrd. sieht. Das ist ein Mehrfaches des jährlichen Bildungseinsatzes der Bundesregierung, also für das Bundesbildungsministerium. Es ist ein Mehrfaches der Kosten, die ein Transrapid gekostet hätte, der hätte 6 bis 7 Mrd. DM gekostet. Und es ist nicht erkennbar, dass hier eine Technologie weiterentwickelt worden wäre. Tatsächlich sind nebenher Technologien entstanden, aber das Kapital wurde zum Teil vom DSD dafür eingesetzt, diese Technologien zu behindern. Das kann eigentlich nicht etwas sein, was von Seiten der Bundesrepublik und den Ländern unterstützt wird“, so Wiemer.

Es gäbe aber ein ungeschriebenes Gesetz, das man nach seiner Meinung auch beim Grünen Punkt beachten sollte: „Wenn du etwas so machst, wie du es vor zehn Jahren gemacht hast, dann sind die Chancen groß, dass du es falsch machst“ (Chales Kettering). Ende meines Öko-Opus. Ob der Ingenieur Kettering diesen Sinnspruch auch nach zwanzig Jahren für gültig erachtet, kann ich leider nicht mehr in Erfahrung bringen.

Etwas kompetenter als Welt kompakt berichtet der Schwarzwälder Bote über den Müll-Geburtstag.

Es stimmt allerdings nicht, dass die so genannten Fehlwürfe von durchschnittlich 60 auf 40 Prozent zurückgegangen sind. Der Anteil des normalen Restmülls in Gelben Tonnen und Säcke liegt eigentlich „recht stabil“ zwischen 40 und 50 Prozent. In Ballungsgebieten sind die Werte schlechter und in ländlichen Gegenden besser. Ein beliebter Sport bei der Mülltrennung ist bei Einfamilienhäuser die Umschichtung des Restmülls in Gelbe Tonnen – da spart man Müllgebühren 😉

Die Prognosen des iPad-Gurus Ringier und das Leistungsschutzrecht gegen die Gratiskultur der Kioske

Die Don Dahlmann-Glosse über die Berliner Tagung des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ) treibt den ganzen Mumpitz über das Leistungsschutzrecht höchst amüsant auf die Spitze. Auszug: „Zu dem beklagt der VDZ die ‚Gratis-Kultur‘ im Kiosk- und Zeitschriftenhandel. ‚Dort werden Zeitungen offen auslegt, so dass jeder Mensch, der zufällig vorbei kommt, einfach darin lesen kann, ohne zu bezahlen. Teilweise werden diese illegalen Angebote von den Kioskbesitzern nicht mal kontrolliert sondern sogar hingenommen.‘ Der Verband der Deutschen Kioskbesitzer reagierte auf die Vorwürfe mit Unverständnis. ‚Es steht jedem Verlag frei, seine Zeitungen und Magazine aus dem Sortiment zu nehmen. Wir liefern unseren Kunden auch nur die Schlagzeilen und die Titelblätter. Ein Missbrauch der offen angelieferten Druckexemplare durch einzelne Kunden liegt weder in unserer Verantwortung, noch wollen wir jeden Kunden ohne Verdacht überwachen.‘ Der Sprecher des Verbandes führte weiter aus, dass die kurzzeitige Betrachtung einzelner Zeitungen und Magazine auch ein Kaufanreiz darstellen kann. ‚Letztlich muss aber der VDZ wissen, wie er seine Kunden behandelt‘, sagte der Sprecher.

In die Sparte Realsatire fällt die Rede des Alternden-Verlegers Michael Ringier. Meedia hat das sehr schön zusammengefasst.

„Es gibt keine Schwarmintelligenz, dafür haben wir den digitalen Mob.“

„Wir brauchen die Gold-, Silber- und Bronze-Journalisten, die jeden Tag, jede Woche und jeden Monat hungrig danach sind, Medaillen zu gewinnen. Wir brauchen Edelmetall. Den Schrott finden Sie im Internet.“

„Mich erinnert das iPad weniger an einen Rettungsanker für Verlage als an meine Märklin-Eisenbahn, mit der ich vor 50 Jahren gespielt habe.“

An diese Sätze wird sich der digitale Mob erinnern, Herr Ringier. Wir werden diese Sätze einrahmen und Ihnen in ein paar Jahren an die Wand nageln neben den klugen Weissagungen von Kaiser Wilhelm II bis zum IBM-Chef Thomas Watson. Schon tausendfach zitiert worden, hier aber noch einmal komprimiert dargestellt: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung“ (Kaiser Wilhelm II).

Mit einer ebenso falschen Vorhersage lag der bekannte britische Wissenschaftler Lord Kelvin daneben: „Das Radio hat keine Zukunft.“ F. Zanuck, Chef von 20th Century-Fox: „Das Fernsehen wird nach den ersten sechs Monaten am Markt scheitern. Die Menschen werden es bald satthaben, abends in eine Sperrholzkiste zu starren.“

Thomas Watson, Chef von IBM, der 1943 vorhersagte: „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ Sie müssen sich also nicht schämen, Herr Ringier, sie stehen bald in einer prominenten Ahnengalerie.

Zum Wehklagen von Hubert Burda empfehle ich: Verlage wollen Aufmerksamkeit und satte Renditen: Nur die Google-Apple-Facebook-Konkurrenz stört ein wenig.

Heute ist Vermummungstag, Herr Axel E. Fischer

Ein „Vermummungsverbot im Internet“ müsse her, forderte der Herr Axel E. Fischer. Immerhin ist dieser Mann auch Vorsitzender der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestages. Da muss man wohl Strammstehen, wenn er so etwas sagt. Mit dem neuen Personalausweis besitze man eine „ideale Möglichkeit, sich im Internet zu identifizieren“, fabuliert der CDU-Bursche.

Was er sonst noch für Verbote fordern könnte, ist hier aufgelistet.

Meine Favoriten:

Axel E. Fischer, CDU, fordert Wärmeschutzverglasung für Windows.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Drogenspürhunde für Datenpakete.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Sicherheitsabstand auf Datenautobahnen.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Pflaster für Schnittstellen.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Fluchtwege in Chaträumen.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Helmpflicht für Internetsurfer.
Axel E. Fischer, CDU, fordert dass Datenmüll getrennt wird (aber nur, wenn er den Grünen Punkt trägt! gs)
Axel E. Fischer, CDU, fordert Rundfunkräte für Youtube.
Axel E. Fischer, CDU, fordert Handwerksordnung für WoW-Gilden.

Und dann, lieber Herr Fischer, hätte ich noch ein persönliches Anliegen, das von der politischen Klasse in Berlin bislang nicht ernst genommen wurde. Ich fordere Sie auf, sich endlich für ein Verbot der Topfschläger einzusetzen. Alle anderen Verbote sollten sich diesem ethisch und moralisch wichtigen Ziel unterordnen – außer vielleicht die Datenmüll-Trennpflicht, denn schließlich müssen wir ja auch an den Klimaschutz denken. Also zuerst die Trennpflicht und dann die Topfschläger.

Siehe auch meine Topfschläger-Petition (da war Schäuble noch Innenminister und hat in dieser Frage kläglich versagt. Die Nachwirkungen konnten wir auf der Offer-Pressekonferenz erleben – wahrscheinlich ist der Finanzminister Opfer eines Topfschlägers geworden!).

Warum „Frankenstein“ kein Bestseller wurde und die Printjünger ins Abseits marschieren

Das Handelsblatt versucht sich als Orakel von Delphi und verkündet „das Ende der Gratiskultur im Internet“. Zwanzig Jahre nach der Erfindung des Internets würde jetzt eine neue Epoche anbrechen: „Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst. Medienunternehmen führen weltweit immer mehr Bezahlangebote im Web und in der Mobiltelefonie ein und haben damit großen Erfolg“, so die frohe Botschaft der Printjünger, die fast schon sakrale Töne trägt. Man könnte es auch als Pfeifen im Walde bezeichnen oder als Durchhalteparolen im Grabenkampf wie bei der Schlacht von Verdun.

Der ehemalige Handelblatt-Redakteur Thomas Knüwer ordnet das Elaborat in die psychologische Kategorie der Autosuggestion ein. Sie wird bekanntlich durch Selbsthypnose oder wiederholte Selbst-Affirmationen erreicht, und kann als eine Form von selbstinduzierter „Gehirnwäsche“ angesehen werden. Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen des erwünschten Ziels erhöht werden. Der Erfolg der Autosuggestion wird umso wahrscheinlicher, je konsistenter und öfter sie angewendet wird. Doch dann ist Schluss mit dem esoterischen Schabernack und Knüwer kommt zur Sache: Die Rückkehr-zur-Normalität-Strecke des Handelsblattes sein eine Anhäufung von Halb- und Unwahrheiten, von unkritischem Widerkäuen falscher Floskeln und schließlich mündet all dies in einem Interview mit Matthias Döpfner, der anscheinend zur Lichtgestalt der Gedrucktbranche mutiert.

So behaupten die Handelsblatt-Autoren, dass der Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Buch „Free“ die Vision von der neuen, schönen Medienwelt mit dem „Umsonst-Journalismus“ vertreten würden. Das tue Anderson aber überhaupt nicht, so Knüwer. Er sage ganz klar, dass die Leser für gewisse Inhalte nicht mit Geld zahlen – dass aber eine Finanzierung möglich ist. Nur die alten Geschäftsmodelle der Verlage aus den alten Zeiten des Printmonopols sind eben nicht mehr tragfähig. Wer ist denn noch so dumm, Anzeigen in Printmedien zu schalten, wenn über Portale für Immobilien, Jobs oder Bekanntschaften bessere Trefferquoten erzielt werden und klassische Anzeigen über AdWords zu einer Form der personalisierten Werbung führen – weg von der unspezifischen Reklame-Berieselung.

Man muss halt mit neuen Modellen experimentieren. Und wenn die Handelsblatt-Printjünger mal in ihr Archiv schauen würden, könnten sie sogar Anregungen finden:

Godin äußert sich zum Niedergang des traditionelles Marketings. Einen Test für neue Wege hat er vor zehn Jahren mit seinem „Unleashing the I-dea-Virus“ gewagt. Zum Start hat er es einfach verschenkt und trotzdem Geld verdient. „Mein Buch handelt davon, wie sich Ideen verbreiten. Ideen sind ansteckend wie ein Virus. Und je mehr Leute einer Idee ausgesetzt sind, desto schneller verbreitet sie sich. Genau das wollte ich zeigen, als ich das Buch kostenlos ins Internet stellte. Und die Zahlen zeigen: Es funktioniert. Seit Mitte Juli haben sich 200 000 Leute den Text heruntergeladen. Für Wirtschaftsbücher gilt schon eine Auflage von 20 000 bis 30 000 als Riesenerfolg.“

In gebundener Form hat er das Buch für 40 Dollar verkauft. „Wer das Buch nur lesen will, kann das im Internet gratis tun. Wer aber eine gedruckte Ausgabe als Souvenir will, kann es kaufen. Das ist wie mit T-Shirts: Die gibt es im Kaufhaus für ein paar Dollar im Zehnerpack. Wer aber eins mit dem Aufdruck der Freiheitsstatue haben will, muss dafür 40 Dollar hinblättern. Inzwischen habe ich mit dem Buch innerhalb von fünf Wochen mehr Geld verdient als mit meinem ersten Buch in eineinhalb Jahren“, erklärte Godin.

Unverständlich sei der Aktivismus der Industrie gegen die Musiktauschbörse Napster gewesen: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Musik-Industrie so dagegen ist. Je mehr Leute einen Song hören, desto mehr werden später auch die Platte kaufen. Deshalb bemühen sich die Plattenfirmen ja auch so, die Songs ihrer Künstler ins Radio oder auf MTV zu bekommen. Da akzeptieren sie ein Prinzip, das sie bei Napster ablehen“, erläuterte Godin. Genau um diese Effekte geht es auch dem Wired-Chefredakteur. Free heißt eben nicht kostenlos. Wenn ein Dienst in einer Grundversion nichts kostet und bei den Kunden einschlägt wie eine Bombe, wollen die Anwender mehr davon haben und sind auch bereit, für die Upgrades zu zahlen. Das habe ich beispielsweise bei WordPress auch getan, um Audio-Dateien in meinem Blog zu präsentieren. Mit dem kostenlosen Content Management System bin ich seit Jahren sehr zufrieden und war daher auch bereit, in sinnvolle Erweiterungen zu investieren. Also muss das Pflichtprogramm die Nutzer überzeugen, um dann in der Kür entsprechend Geld zu verlangen, liebe Verleger. Ihr seid ja noch nicht mal in der Lage, vernünftige Micropayment-Dienste zu entwickeln. So kosten die zwei Autosuggestion-Artikelchen über die Weltrettung des Printimperiums schlappe 6.90 Euro – eine Frechheit. Siehe auch: Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind.

Die Verlage könnten doch etwas anderes ausprobieren. Lasst die Leser entscheiden, was ihnen die Online-Artikel wert sind. In der Masse würden die Zeitungen dann jedenfalls mehr einnehmen als mit den Genios-Apothekenpreisen.

Wenn jetzt noch weitere Bezahlschranken errichtet werden, werden die Printverlage endgültig in die Knie gehen. Mit merkantilistischen Schutzzöllen, Schutzgebühren, Abmahn-Gefechten und mit dem von Döpfner und seinen Printjüngern so sehr herbeigesehnten Leistungsschutzrecht werden sich die Verlage ihr eigenes Grab schaufeln. „Die Verlage zeigen ihr Unvermögen, auf die Abwanderung der Konsumenten und damit auch der Werbung ins Internet sinnvoll zu reagieren. Sie versuchen dieses mit einem Abgabengesetz zu kompensieren und ihre Kosten über Subventionen zu sozialisieren. Die Ausrede, wonach die Gratiskultur im Internet dies erfordere, ist doppelt falsch: Erstens machen die Verlage ihre Inhalte freiwillig im Internet zugänglich, und zweitens zeigen Firmen wie Amazon, Apple, Ebay, Google oder auch Facebook eindeutig, dass man im Internet Geld verdienen kann“, schreibt Cognita-Geschäftsführer Denis Nordmann in einem Gastbeitrag für die NZZ.

Eine Zwangsabgabe zugunsten der Verlage würde den Wettbewerb verzerren und Innovationen lähmen. Genau das hat der Wissenschaftler Eckhard Höffner akribisch in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft) nachgewiesen. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland – im Gegensatz zu England und Frankreich – eine Explosion des Wissens. Den Grund sieht Höffner im Urheberrecht. Das strenge Copyright im Vereinten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrecht. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei. „Kaum lief der Schutz aus, wurden hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte Faust unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache.“ Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb.

Wer neue Schutzwälle errichten will, strebt monopolistische Marktstrukturen an. Dieses Konzept geht im Internet aber nicht auf, liebes Handelsblatt. Eure Stellung kann mittlerweile von jedermann angegriffen werden. Ihr kapiert es einfach nicht. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“.

Und auch mit dem Google-Bashing kommt ihr nicht weiter: „Natürlich darf auch die meistverbreitete Lüge der deutschen Zeitungslandschaft im ‚Handelsblatt‘ nicht fehlen: ‚Viele Jahre haben Suchmaschinen wie Google und Yahoo, Social Communities wie Facebook oder unzählige Blogs viel Geld mit den Inhalten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern verdient'“, führt Knüwer aus und kontert:

„Viele Jahre haben Suchmaschinen den Verlagen Leser online herbeigespült, mit denen die Medienhäuser nichts anzufangen wissen. Und das mit Facebook und Blogs ist geistesgestörter Schwachsinn von unfassbar tiefem Niveau. Die Verlage könnten den angeblichen Diebstahl innerhalb von Minuten unterbinden – wollen sie aber nicht. Denn mit Suchmaschinen geht es ihnen besser als ohne. Eine Situation, die man gemeinhin nur vom Versicherungsbetrug kennt.“ Man könnte sich auch die Frage stellen, warum die Redakteure von ihren Heeresleitungen angehalten werden, “Google-optimiert” zu schreiben, also die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Denn auch Verlage wissen längst: Zugriffe auf Artikel, die auf Google News oben stehen, schnellen sofort hoch.

Wessen Artikel nur unter einer Sammeladresse wie “und 856 ähnliche Artikel” aufgeführt ist, hat es schwer, die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Und hat nicht Springer gerade eine Mehrheitsbeteiligung bei SOHOMINT erworben – einem Dienstleister für Suchmaschinen-Optimierung und Keyword-Management? Die Attacken gegen Google sind also nur ein Ablenkungsmanöver der Printjünger. Man könnte es auch Futter-Neid nennen.

Sehr lesenswert zum Thema ist auch „Verdi: Gewerkschaft an der Sperr-Spitze“.

Pyramidenklänge: Platon, Korff und die Universalbildung im alten Ägypten

Wer das Talent und die Bildung besitzt, in vielen Wissenschaftsgebieten wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen, wer sich in Philosophie, Musik, Mathematik, Geschichte und Technik auskennt, die Schriften des Altertums lesen kann, einen frischen und humorvollen Geist besitzt und sich nicht einseitig in einem Fachgebiet verrennt, kann zu unglaublichen Erkenntnissen gelangen. Zu ihnen zählt der emeritierte Professor der Philosophie, Friedrich Wilhelm Korff: Als er an einem Buch über Platons Musiktheorie arbeitete, fiel ihm eine Tabelle in den „Nomoi“ (Gesetze) auf – einem Spätwerk Platons. Es beschäftige sich eingehend mit ägyptischen Gesetzen, Mathematik und der Logistik staatlicher Einrichtungen. Platon ist in Ägypten gewesen und hat in Memphis bei den Tempelpriestern monatelang Arithmetik, Musik- und Zahlentheorie sowie Astronomie studiert. „Diese Einheit des Wissens ist heute leider verloren gegangen“, sagte Korff bei der Präsentation seiner Thesen zur Bauweise der alten Ägypter in der Buchhandlung Böttger.

Korff untersuchte das ägyptische Mess- und Maßsystem, das durch den Architekten Imhotep unter Pharao Djoser um 2635 vor Christus eingeführt worden war, und stellte fest, das die Ellen- und Handbreitenmaße sich nur aus den Produkten der ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7) zusammensetzten, ebenso wie Platons 60 Teile der Zahl 5040 in der Tabelle der Nomoi, denn 5040 oder Siebenfakultät (7!) ist gleich dem Produkt der ersten natürlichen sieben Zahlen (1 × 2 × 3 × 4 × 5 × 6 × 7 = 5040). „Korff vermutete in Platons Tabelle eine Pyramidenbauhüttenregel und wurde bestätigt, als er sich in den Handbüchern zum Pyramidenbau die Abmessungen von 29 Großpyramiden vornahm und fast durchweg Ganzzahligkeit der Basen feststellte, gebildet aus den Produkten ebendieser Zahlen. Einzig die bisherige Basislänge der Cheopspyramide mit 440 Ellen enthielt eine 11 und war somit, verglichen mit den anderen Basislängen, nicht möglich. Die durchweg vorhandene Ganzzahligkeit der Pyramidenmaße klärte sich auf natürliche Weise durch die Kalibrierung des von Imhotep eingeführten Mess- und Maßsystems, aber sie gewährte auch antiken Baukörpern jenes Maß an Präzision, das zum Vermessen und zum Aufbau einer Pyramide nötig war, nämlich die Genauigkeit, die nicht bei Wiederholungen von Messungen zu Messfehlern führte. Ein Elftel zum Beispiel war von keinem Ellenstock abgreifbar, wohl aber eine Ellenhälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel, ein Sechstel. Nahm man zum Beispiel bei der Cheopspyramide eine Basis von 441 = 212 Ellen an, so lagen die Zahlen im Produkt innerhalb des verwendeten Mess- und Maßsystems (441 = 32 × 72) aus den ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7)“, schreibt die FAZ.

Für die Geschichte der Architektur werde eines dieser Verhältnisse noch bedeutsam, denn die Pyramidenneigung von 51,78 Grad entsteht als Diagonalenwinkel (tg 80/63 = 51,78 Grad) aus einem Rechteck an der Spitze der Cheopspyramide. Es habe das Format von 80 × 63 Ellen Seitenlänge und einen Flächeninhalt von 80 × 63 = 5040 = 7! Quadratellen. Hier tauche Platons berühmte, aber in ihrer ursprünglichen Funktion nie verstandene Fakultätszahl (7!) aus den „Gesetzen“ in den Abmessungen der Cheopspyramide auf, und zwar nur in diesen 60 Teilern.

Der Philosophieprofessor hatte die Schriften des Ptolemaios gelesen, und diese Zahlen hafteten noch in seinem Gedächtnis, als er den Böschungswinkel der Cheopspyramide fand. In dieser Tonart, die in ihrer Tonhöhe vom heutigen A-Dur kaum zu unterscheiden ist, wenn man die 441 Ellen der Cheopspyramidenbasis mit 441 Hz, nahezu dem Kammerton a1, ansetzt, stehen die verschiedenen Neigungen von zwanzig Großpyramiden in Ägypten. So schreibt Korff: „Nunmehr haben alle Pyramiden Ägyptens Namen nach ihren antiken Intervallen. Von Giza an steht am Nil ein Glockenspiel von Klängen. Die Pyramide des Mykerinus besitzt die reine, große Terz (5:4), Unas die Quinte (3:2). In den Neigungen der Pyramiden nilaufwärts folgen großer und kleiner Tritonus (10:7 und 7:5) von Neferirkare und Amenemhet I., die Naturtonterz (7:6) von Sesostris I. und III., der übergroße Ganzton (8:7) Amenemhet III., die kleine Septime (7:4) Djedefre und viele Wiederholungen und insgesamt zehn Pyramiden mit dem Quartrücksprung (4:3), den die Archäologen zwar schon lange kannten, seine musikalische Herkunft aber nicht identifizierten.“

Die Einheit der Wissensgebiete Arithmetik, Geometrie und Musiktheorie waren wohl entscheidend für die Bauwerke im alten Ägypten und nicht ein Versuch und Irrtum-Verfahren, wie es ein Kommentator auf Google Buzz darstellte.

Hier der gesamte Vortrag von Professor Korff als Audio-Aufzeichnung.

Hier noch zwei visuelle Eindrücke der Veranstaltung in der Buchhandlung Böttger, wobei der Teil 2 eigentlich Teil 1 ist:

Netz und Labyrinth: Professor Herbert W. Franke über die Metapher seines Lebens

Siehe auch:

Kakteen, Mathematik und die Entdeckung der Mars-Höhlen: Ausstellung zu Leben und Werk von Herbert W. Franke.

Sind wir nicht alle Idioten? Vom Niedergang der Experten-Deutungsmacht

Das Internet funktioniere wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt, schreibt der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler in einem lesenswerten Essay für Zeit Online: „‚Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!‘ Die Profis sind beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz. Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen.“

Der Laie sei – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. „Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten‘ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien‘ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit‘ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so Hasler.

Er stellt die richtigen Fragen: Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den »Idioten«? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Und er gibt die richtige Antwort: „Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.“

Die Warnungen der so genannten Profis und Experten halte ich für elitäres Gehabe: „Seriöse“ Bewertungen von politischen Ereignissen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die „Stunde der Stümper“ sieht Andrew Keen angebrochen, ein Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wittert er eine „kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt“. Entscheidend ist ja wohl, dass jeder (selbsternannte) Experte auf vielen Gebieten zugleich Idiot und Laie ist. Der eine kennt sich mit Naturwissenschaften aus und ist in der Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft ein blindes Huhn und umgekehrt. Was noch entscheidender ist, habe ich in einem anderen Zusammenhang mit Verweis auf Niklas Luhmann beschrieben. Es ist die sinkende Deutungsmacht der Experten.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen.

Ähnlich sieht es auch Hasler in seinem Zeit-Essay: „Eliten leben davon, dass sie etwas wissen oder können, das die Menge nicht weiß und nicht kann – noch besser etwas, das die Menge zum Staunen bringt, etwas Geheimes, Geheimnisumwobenes, Sakrales. Die Abwehr neuer Medientechniken entspringt der Sorge um Ruhe und Ordnung – und der Angst der Elite, die Gesellschaft aus der Kontrolle zu verlieren.“

Siehe auch:


https://ichsagmal.com/narren-chaotiker-ausenseiter-und-regelbrecher-strategen-fur-turbulente-zeiten-warum-unternehmen-ihre-controller-entlassen-sollten/

Konversationskunst statt Basta-Entscheidungen: Der Verlust des Sprecher-Monopols von Parlamenten und Massenmedien

Eine weitere höchst interessante Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) beschäftigt sich mit der Konversationskunst von Kurd Alsleben und Antje Eske (die Ausstellung zu Leben und Werk von Professor Herbert W. Franke habe ich ja schon vorgestellt). Die weltweite Vernetzung der Computer habe zu einem Austausch von Botschaften aller Art geführt, der in seiner Quantität alle Vorstellungen überschreitet. Social Software-Dienste wie Facebook oder Twitter würden neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs erzeugen.

Alsleben, Eske und befreundete Künstler, Philosophen und Wissenschaftler – erkunden, welche künstlerischen Möglichkeiten mit diesen neuen Kommunikationsformen auftreten und entwickeln eine Kunst der Konversation, die auf eine lange Tradition verweisen kann: von der antiken „ars sermonis“, den Musenhöfen der italienischen Renaissance, der französische Salonkultur des 17. und 18. Jahrhunderts, bis zum Surrealismus und Dadaismus des 20. Jahrhunderts.

„Konversationskunst“ sei eine Kunst des Austauschs, die sich von der alltäglichen Kommunikation abhebt. Sie produziere kein Werk, sondern erlaubt das gemeinsame, spielerische Sammeln von Erfahrungen und das Entstehen von Ideen, die den aktuellen gesellschaftlichen Common Sense überschreiten. „Ich weiss allein nicht weiter“ ist das Leitmotiv dieses Konversierens.

In einem Pressegespräch erläuterte die ZKM-Kuratorin Margit Rosen, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Gesprächs sei. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Manifeste. Was wir jetzt erleben, sei eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon in den 1980er Jahren experimentierten Kurd Alsleben und Antje Eske vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten die Plattformen und die politische Dimension des Social Web abtesten. Basta-Entscheidungen und das reine Manifestieren von politischen Positionen würden nicht mehr funktionieren. „Es geht immer mehr um das mühsame Aushandeln von Positionen und um die Frage ‚Wie wäre es denn schön'“, sagte Rosen.

Es gehe um die Überwindung von verfestigten und verkrusteten Strukturen. Wie wäre es denn schön? Diese Frage hätte am Anfang des Stuttgart 21-Projektes stehen müssen, um im Dialog mit den Bürgern zu einer vernünftigen Entscheidung „Oben“ oder „Unten“ zu gelangen. Die Polit-Apparatschicks hätten sich eine Menge Ärger erspart und vielleicht sogar eine Zustimmung erlangt, wie es bei dem weitaus größeren Vorhaben des Gotthard-Tunnels der Fall ist. Die Schweizer haben der weltweit einzigartigen technischen Meisterleistung in mehreren Volksabstimmungen zugestimmt – allerdings vor dem Baubeginn. Bei Stuttgart 21 hat man es genau anders herum gemacht. Erst im Nachhinein wird publik, „auf welch fragwürdiger, der Öffentlichkeit vorenthaltener ‚Faktenbasis‘ Entscheidungen getroffen und schöngerechnet wurden“, schreibt Zeit Online in dem Beitrag „Wir haben die Nase voll“. Die Massenproteste in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind kein Menetekel für eine blockierte Republik bei technische anspruchsvollen Großprojekten, wie es Westerwelle und Co. mit Drohgebärde an die Wand malen.

Für den ZKM-Vorstand Professor Peter Weibel gibt es einen Bogen von der Salon-Konversation, über die Aufklärung bis zum Chat-Room: „Das Internet führt fort, was im Umkreis der Aufklärung begonnen wurde und man kann hoffen, dass es sich als eine erweiterte politische Macht etabliert. Wir erleben gerade in Stuttgart den von Habermas beschriebenen Strukturwandel der Öffentlichkeit.“

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel bei der Vorstellung der Ausstellung „Konversationskunst“. Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Hier die Audio-Aufzeichnung des Pressegespräches:

Während der gesamten Ausstellungszeit ist eine Konversation mit den Künstlern Kurd Alsleben und Antje Eske über Facebook, Twitter und Skype möglich.

Facebook-Präsenz.

Twitter.

flickr.

YouTube.

Termine:
Freitag, 29. Oktober 2010 — 15 Uhr
Spielen/Spielverderben. Konversieren. Deliberieren

Samstag, 30. Oktober 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web

Freitag, 12. November 2010 — 15 Uhr
„Felix aestheticus“. Interesselos. Ökonomische Abhängigkeiten

Samstag, 13. November 2010 — 11 Uhr
Hypertext und frühe Austausche

Freitag, 26. November 2010 — 15 Uhr
Formen. Auseinandersetzen. Zusammensetzen

Samstag, 27. November 2010 — 11 Uhr
Ansinnen. Bonusanerkennung. Taktgefühl. Ästhetischer „sensus communis“

Freitag, 10. Dezember 2010 — 15 Uhr
Kunst ohne Publikum. Common Sense. Emanzipation

Samstag, 11. Dezember 2010 — 11 Uhr
Social Web vor dem Social Web. Kunstgeschichte

Mittwoch, 29. Dezember 2010 — 15 Uhr
»Globophagia«, konversationelle Netzwerkmusik

Donnerstag, 30. Dezember 2010 — 11 Uhr
Erfahrungen im Social Web: Algorithmische Klangprogrammierung. „Terpsichore“ et al.

Donnerstag, 06. Januar 2011 — 15 Uhr
Erfahrungen im Social Web: SoundVision et al.

Freitag, 07. Januar 2011 — 15 Uhr
Gibt es einen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen?
(Human Computer Interaction | Mensch/Mensch-Kommunikation)

Samstag, 08. Januar 2011 — 11 Uhr
Kybernetik. Soziale Bewegungen. Social Web

Konversationen – Skype
Ort: ZKM | Medienmuseum, Projektraum

22. Oktober 2010 — 15 Uhr

05. November 2010 — 15 Uhr

19. November 2010 — 15 Uhr

03. Dezember 2010 — 15 Uhr

17. Dezember 2010 — 15 Uhr

Anmerkung: Das erste Foto zeigt den Ausschnitt einer Landkarte aus dem 17. Jahrhundert in deutscher Übersetzung. Die Carte de Tendre´ wurde als Konversationsspiel eingesetzt. Stolz, Niedertracht, Indiskretion oder üble Nachrede bringen den Spieler ins „Meer der Feindschaft“.

Wer bin ich und wenn ja, warum nicht Goethe oder Schiller? ichsagmal.com-Autor schwankt zwischen Goetz, Mayröcker und Freud

Die FAZ hatte mal ein hübsches Tool auf der eigenen Website, um herzufinden, welche Schriftsteller-Persönlichkeit in einem schlummert. Der Möglichermacher-Blogger Andreas Frank hatet mich darauf hingewiesen und einen Text von mir eingegeben. Danach bin ich Rainald Goetz, was mich sehr erfreut. Denn ich schätze sein Werk, vor allem die kritischen und ironischen Tagebuch-Passagen zum FAZ-Herausgeber Fränkieboy Schirrmacher.

Zur Wiederholung der Identitätsprüfung hatte ich zwei Texte ausgewählt, die sich mit dem Neuro-Feuilleton der FAZ beschäftigen.

Erster Text:
Zwischen Luftgitarren und Zauberberg: FAZ-Ostfriese Reents zerstückelt den Netzwerk-Experten Professor Kruse.

Ergebnis:

Rainald Goetz

Zweiter Text:

Netznavigator: Herder statt Schirrmacher.

Ergebnis:

Friederike Mayröcker

Und zur Kontrolle noch einen.

Pöppel pöbelt gegen Facebook: Die ewige Wiederkehr der Schirrmacher-Theoreme im FAZ-Feuilleton.

Ergebnis:

Sigmund Freud

Bin ich jetzt eine multiple Persönlichkeit? Muss ich mir sorgen machen? Eigentlich nicht. Wenn mein publizistisches Werk zwischen Goetz, Mayröcker und Freud schwankt, ist das für den Leser doch wohl immer mit Überraschungen verbunden. Hoffe ich jedenfalls.