In meinem Vortrag auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare griff ich einen Vorschlag von Ulf Pillkahn auf, der bei Siemens für Zukunftstechniken zuständig ist. Er plädiert dafür, den Zufall über Ideen für neue Produkte entscheiden zu lassen. Warum?
„Wirkliche Neuerungen sind nicht kalkulierbar: Eine Idee kann zu einem tollen Produkt führen oder aber spinnert sein. Letzteres ist viel wahrscheinlicher, die Floprate bei Innovationen ist hoch. Mit dieser Unsicherheit tun sich Manager schwer. Sie sind darauf getrimmt, möglichst effizient zu wirtschaften und werden an diesem Ziel gemessen. Deshalb neigen sie dazu, das, was ihre Firma kann, zu perfektionieren – wie in der Formel 1, wo aus den Rennautos das Allerletzte herausgekitzelt wird. Nur stehen in der Formel 1 der Kurs und die Spielregeln fest, während sie sich für Unternehmen in der Marktwirtschaft rasch ändern können. Deshalb ist Effizienz auf Dauer gefährlich: Sie führt zum Tunnelblick“, sagte Pillkahn in einem Interview mit brand eins.
Es müsse allerdings nicht unbedingt Innovations-Roulette sein, man könnte beispielsweise auch „Spielgeld“ verteilen, also Etats, über die Mitarbeiter frei verfügen können, um ihre Ideen zu verwirklichen. Grundsätzlich ist Pillkahn davon überzeugt, dass solche Methoden notwendig sind, um die Innovationsträgheit von großen Organisationen zu überwinden. In der anschließenden Diskussion mit dem Informare-Auditorium wurden meine Thesen kontrovers aufgenommen. Interessant war die Meinungsäußerung von Christoph Deeg vom Verein „Zukunftswerkstatt für Kultur und Wissensvermittlung“, der das ähnlich sieht wie Pillkahn. Die kontrollsüchtigen Innovationsbürokraten in Wissenschaft und Wirtschaft könnten von der Gamingszene einiges lernen. Das versucht er über so genannte Gaming-Roadshows zu vermitteln. Was die Zukunftswerkstatt dabei erreichen will, erläuterte Deeg in einem Youtube-Interview, das ich nach der Tagung mit ihm führte (siehe oben). Ein ausführlicher Bericht wird am Montag in meiner Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ erscheinen.
Bevor ich noch einen ausführlichen Bericht über die Berliner Wissenschaftskonferenz Informare schreibe (der wird am Freitag erscheinen), bei der ich ja noch einen Vortrag über Kopisten, Imitatoren und Kombinierer halte, hier schon einmal zwei kurze Videos der heutigen Expertendiskussion zum Thema „Guttenplag, Axolotl Roadkill & RapidShare. Was das Internet aus Autorenethik, Nutzerethik und Urheberrecht macht“. Mit dabei Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, MdB Ansgar Heveling, Dr. Torsten Casimir vom Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und der Journalist Dr. Hajo Schumacher.
In meiner Kolumne für „The European“ beschäftige ich mich mit der Kunst der Verstellung, die in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts eine große Rolle spielte. Dabei geht es nicht um eine unehrenhafte Maskerade oder Betrug, sondern um eine pragmatische Sichtweise über die Spielregeln des öffentlichen Diskurses. Wer sich in sozialen Netzwerken bewegt, sollte sich auch damit beschäftigen, wie viel er von seiner Persönlichkeit preisgibt – ohne Entblößung und Seelenstriptease.
Man kann das Ganze sehr schön abgrenzen von der vermeintlichen Authentizität, im Internet inflationär in Anspruch genommen wird. Egal ob es sich um Firmen, Marken oder Menschen handelt. Alle meinen, authentisch rüber zu kommen. Wer das von sich selbst behauptet, ist es wohl eher nicht. Wie könnte ich so anmaßend sein, um zu meinen, ich würde authentisch wirken. Da liegt Sascha Lobo wohl goldrichtig: „Wie kann etwas authentisch sein in der Netzöffentlichkeit, wenn jedes Medium Inszenierung sein muss. Ich halte Authentizität für eine dramatisch überschätzte Eigenschaft. Im medialen Kontext kann man sie gar nicht darstellen.“
Entsprechend wichtig in dieser Authentizitätsdebatte sind die barocken Werke der Klugheitslehre. In Deutschland ist in erster Linie das von Schopenhauer ins Deutsche übersetzte „Handorakel“ des Jesuiten Balthasar Gracián bekannt. Wer sich in kurzer Zeit einen Überblick verschaffen will, sollte das grandiose Opus „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“ von Adam Soboczynski lesen: Das Inhaltsverzeichnis wirkt schon programmatisch. „Niemals perfekt scheinen“, „Auszuteilen verstehen“, „Einzustecken wissen“, „Witz zeigen“, „Vertrauen erzeugen“, „Mit Bildung glänzen“, „Einen Kompromiss vortäuschen“, „Höflichkeiten austauschen“, „Peinlichkeiten verkraften“, „Sich selbst belügen“, „Dünn sein“, „Über Bande spielen“, „Seine Meinung ändern“. Soboczynski wandelt auf den Spuren von Gracián.
Weit weniger bekannt sind die Abhandlungen von Karl Heinricht Seibt – der erste Universitätsprofessor der deutschen Sprache in Prag. Seine Bemühungen um ein sauberes Deutsch führte dazu, dass man die Hochsprache im 18. Jahrhundert als „Seibtisch reden“ bezeichnete.
1799 veröffentlichte er ein zweibändiges Werk mit dem Titel „Klugheitslehre, praktisch abgehandelt in akademischen Vorlesungen – zu haben im Eisenwangerschen Verlagsgewölbe in der Eisengasse, Nro. 31“. Seibt richtete die Lebensweisheiten an seine Studenten: „Gegenwärtige Vorlesungen war gar nicht zum Druck bestimmt, vielleicht auch nicht geeignet. Meine Absicht dabey gieng lediglich dahin, meine Schüler für den Uebergang aus dem akademischen kontemplativen Leben in das praktische, geschäftige, überhaupt für den Eintrit in die Welt mit etwas Menschenkenntniß und Klugheit auszustatten.“ Seinen Empfehlungen zur Verstellung und Anstellung setzte er eine Ermahnung voran: „Wahre Klugheit – wie wir so eben angemerkt haben – bedient sich keiner unerlaubten Mittel zu erlaubten Endzwecken. In der 5. Regel empfiehlt er: „Alle Verstellung und Anstellung, die keinen andern Endzweck hat, als die eingeführten Gesetze der Wohlanständigkeit und guten Lebensart zu verfolgen, ist erlaubt“.
Die 3. Regel sollte man auch in sozialen Netzwerken befolgen: „Seine Glücks- und häuslichen Umstände darf man, wo es unser Vortheil erheischt, und wo es nicht auf unerlaubten Betrug abgesehen ist, allen Denen verbergen, die kein Recht haben, davon unterrichtet zu seyn.“
Die Klugheitslehrer, von denen ich nur zwei Meister erwähnt habe, vermitteln nicht ein Vademekum für Manipulation, Lug und Trug, sondern bieten einen reichen Erfahrungsschatz, um Manipulation, Betrug, Macht, Tricksereien, eitles Geschwätz und wichtigtuerisches Gehabe zu erkennen, zu entlarven und zu kontern.
Der Publizist Henning Ritter „ist vor allem Leser. Ein generöser Leser, der gern seine Funde vorzeigt und mit anderen Lesern teilt. Er sitzt eigentümlich entspannt auf den Schultern von Riesen und überblickt sein großes Reich: die Philosophie der Moderne, die Ideengeschichte; die Geschichte der Naturwissenschaft – und schließlich, immer gründlicher, die Kunstgeschichte“, so der Verleger Michael Krüger. Und die Rezeption erfolgt ganz ohne bildungsbürgerliche Attitüde.
Für den Atomausstieg sind Untergangspropheten und Dogmatiker schlechte Ratgeber. Auch sollten wir Menschen misstrauen, die uns definitive und universelle Lösungen vorgaukeln. „Jedes menschliche Problem hat viele Lösungen, und Humanität beweist sich in dem Mut, den eingeschlagenen Weg konsequent, aber in dem Bewusstsein zu gehen, dass es auch andere Wege gibt, die nicht weniger berechtigt sind“, so Ritter. Zurückhaltung, Bescheidenheit und weniger lärmende Besserwisserei führen zu Überlegenheit und Überzeugung. Das zeichnete die Bundesrepublik der Nachkriegszeit aus. Auf internationalem Parkett sollten wir wieder lernen, kleine Brötchen zu backen, das kann der Weg zu Einfluss sein, so der Ratschlag von Ritter. Auch in der Energiepolitik!
Ritter steht in der Denktradition eines David Hume oder Issiah Berlin. Die Notizhefte beinhalten so viele Querverweise zu interessanten Persönlichkeiten, dass man dort Lesestoff für mehrere Jahrzehnte ziehen kann.
Das Werk des langjährigen Leiters des FAZ-Ressorts Geisteswissenschaften ist in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren entstanden. Es steht in einer langen Tradition, von der französischen Moralistik bis zu Paul Valérys Cahiers. Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das Jahrhundert Rousseaus und Montesquieus. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen. So entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen – ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen. Die Notizen bewegen sich zwischen der lakonischen Knappheit des Aphorismus und dem Kurzessay.
So schreibt er: „Die Dinge auf sich zukommen lassen, das bedeutete für Benn: nicht mit der Zeit mitlaufen, denn da werde man von ihr überrannt, sondern stillstehen – dann kommen die Dinge auf einen zu.“
Oder folgende Notiz, die meinem Denken sehr nahe kommt: „Niedergangsprognosen sind schwache Prognosen, mit geringem Risiko, denn sie beschreiben nur die Abschwächung dessen, was ist. Sie sind nicht mehr als Umzeichnungen des Vorhandenen. Niedergang gehört zum Erwartbaren. Als Prognose wirkt die Voraussage eines Niedergangs nur, weil sie die Eitelkeit der Lebenden verletzt.“
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt Ritter in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Begründung heißt es: Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies – und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall – Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.
Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“.
Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt – es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.
Der Porsche-Pop-Pomade-Publizist Ulf Poschardt vertritt die steile These, dass Deutschland „nur“ zwei klassische Kulturzeitschriften besitzt: den „Merkur“ und die „AD“ (Architectural Digest). Beide Blättchen sind von München nach Berlin gezogen. Selber schuld. In der Buchhandlung Böttger, einem Tempel des Bonner Literaturgeschehens, wurden vier höchst ambitionierte Zeitschriften vorgestellt, die alle in der Bundesstadt herausgegeben werden und sich mit Verve der literarischen Muse hingeben, Herr Poschardt: Die „Kritische Ausgabe“, „500 Gramm“, „Dichtungsring“ und „Kalliope“.
Wer kann in der Berliner Kulturszene schon behaupten, göttliche Schützenhilfe zu erhalten wie die Zeitschrift Kalliope. Angetrieben von Platons Symposion: Geprägt vom Rausch, von der Ästhetik, vom Suchen, von der Identität und Differenz, wie es der Mitherausgeber Ahmad Milad Karimi ausdrückte. Kolliope sei eine Komposition von Text und Bild, Literatur, Film, Theater und Musik: „Sie beginnen erst zu leuchten, wenn sie miteinander in Dialog treten.“ Deshalb wählte man den Namen Kalliope. Die Muse der epischen Dichtkunst. Die schönstimmige Kalliope, Tochter von Zeus.
Alle vier Projekte widmen sich mit großem Engagement der Dichtkunst und Prosa. Ein Experimentierfeld für Nachwuchsautoren, arrivierten Meistern und anarchischen Geistern.
Die Videoaufnahmen und die komplette Audioaufzeichnung der Präsentation bei Böttger sind hoffentlich ein kleiner Appetitmacher für eine ausgiebige Lektüre der Bonner Literaturzeitschriften. Neue Abonnements könnten dabei ja auch herausspringen, um die Reichweite der Publikationen zu erhöhen und die steile These von Poschardt zu widerlegen.
„Alle haben sie plagiiert, spätestens seit Büchner mit 23 Jahren mitten in der Sünde des Abschreibens starb, der in seinen ‚Woyzeck‘ teilweise wörtlich zwei gerichtsmedizinische Gutachten einarbeitete und in seinem Stück ‚Dantons Tod‘ wörtlich Redeprotokolle der Französischen Revolution zitierte. Ohne Quellenangabe“, so Karasek.
Das ist die künstlerische Betrachtung. Aber auch wirtschaftlich gibt es Vorteile durch Nachahmung, Trittbrettfahrertum und Imitation. Wer ist schon ein genialer Erfinder. Manchmal reicht es aus, einen richtigen Riecher zu haben und aus den bestehenden Erfindungen etwas Neues zu machen – das hat Guttenzwerg ja gerade nicht getan. In einem lesenswerten Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind die volkswirtschaftlichen Vorteile des Kopistentums ausführlich dargestellt worden. Dort gibt es auch den Verweis auf einige interessante Veröffentlichungen: Zum Beispiel der Band von Marcus Boon „Lob des Kopierens“, erschienen bei Harvard University Press.
„Auch Ready-mades und objets trouvés sind gewissermaßen Grenzfälle. So ist Marcel Duchamps künstlerische Leistung bei dem Werk ‚Fountain‘ die Erhebung eines präexistenten Alltagsgegenstandes zur Kunst und nicht der Gegenstand selbst. Es wäre auch reichlich absurd, wenn Marcel Duchamp im Anschluss versucht hätte, die Verbreitung von Pissoirs, unter Berufung auf sein ‚geistiges Eigentum‘, zu unterbinden oder am Verkauf davon zu partizipieren. Dennoch werden Versuche dahingehend unternommen. „So waren Jeff Koons und seine Anwälte der Ansicht, Buchstützen in Ballonhund-Form würden gegen die Rechte von Koons verstoßen“, schreibt Presseschauer.
Über Kommentare, Hinweise, weitere Quellen zum Thema und natürlich Retweets würde ich mich freuen 🙂
Stefan Niggermeier hat wieder einmal einen medialen Goldschatz gehoben. Es geht um ein Projekt der bayerischen StaatsLandesregierung. Grundschüler der dritten und vierten Klasse sollen Medienkompetenz lernen. Über einen Medienkompetenzführerschein können die lieben Kleinen unter Beweis stellen, wie man sich in der bösen Medienwelt zurechtfindet. Als Unterrichtsmaterial steht eine Broschüre zur Verfügung mit dem Titel „Schau genau hin“. Niggemeier hat genau hingeschaut und Erstaunliches entdeckt: Da gibt es den blöden (sorry, steht so nicht in der Broschüre) Blogger Bernd, der bei einem Fallbeispiel praktisch alle Fakten verdreht und nichts auf die Reihe bekommt.
„Das ist kein Wunder, denn im Internet werden ja, anders als bei der Zeitung, die Informationen vor der Veröffentlichung nicht überprüft. Oder wie es im Begleitmaterial für die Lehrer heißt:
Die Kinder sortieren die einzelnen Schritte der vorgeschlagenen Nachrichtenwege. Danach vergleichen sie: Einmal sind es drei, einmal vier Schritte. Welcher Schritt fehlt bei dem Nachrichtenweg ins Internet im Vergleich zum Weg in die Zeitung? Antwort: Es ist die Überprüfung der Information. Der Journalist hat bei der Polizei nachgefragt, die Fakten gesammelt und erst dann veröffentlicht.
(…)
Beim Blog-Text werden die Informationen ungeprüft ins Netz gestellt. Vielleicht hat Bernd einiges missverstanden oder erinnert sich nicht mehr genau. Fakt aber ist, dass seine Informationen nicht geprüft sind. An dieser Stelle bietet sich auch der Vergleich zu dem Spiel ‚Stille Post‘ an. Auch da gehen Informationen auf dem Weg der Übermittlung verloren. Natürlich können auch Journalisten etwas falsch verstehen. Deshalb können in einer Zeitung ebenfalls fehlerhafte Informationen stehen. Sollte dies vorkommen, werden dort in der Regel aber Falschmeldungen korrigiert.“
Wer also zufällig seine Elaborate auf den Produkten der Holzindustrie veröffentlichen kann, ist ein seriös und gewissenhaft recherchierender Journalist. Wer im Netz publiziert, leidet unter Alzheimer und spielt „Stille Post“.
„Schau genau hin!” heißt die Lerneinheit. „Zu ihren ehrenwerten Zielen gehört es, dass die Kinder (jedenfalls im Internet) auf den Urheber einer Nachricht achten sollen, um die Glaubwürdigkeit von Informationen bewerten zu können. ‚Firmen verfolgen eigene Interessen‘, warnt das Begleitmaterial, ‚und werden vor allem sich selbst oder ihre Produkte ins rechte Licht rücken.‘
In der Tat. Herausgeber der Unterrichtseinheit ist übrigens zufällig der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV)„, schreibt Niggemeier.
Und dann noch abschließend: Wie hoch sind die Kosten und wer hat die Kosten getragen?
Nachtrag: Ein Ministeriumssprecher hat mich gerade angerufen und will mir im Laufe des Tages die Fragen beantworten.
Zweiter Nachtrag: Der Ministeriumssprecher hat noch einmal angerufen und mich an die Staatskanzlei verwiesen.
Dritter Nachtrag: Habe gerade die Staatskanzlei angerufen. Heute ist Kabinettssitzung. Werde wohl erst so gegen 15 Uhr zurückgerufen.
Vierter Nachtrag: Nun der Schlusspunkt meiner bayerischen Recherche-Reise. Einen Rückruf der Staatskanzlei habe ich nicht erhalten. Stattdessen wurde meine Anfrage wieder an den Verband Bayerischer Zeitungsverleger weitergeleitet. Um 17,30 Uhr rief mich der VBZV-Geschäftsführer Dr. Markus Rick an. Die Printlastigkeit der Broschüre könne nicht überraschen, da ja der VBZV der Herausgeber sei. Das ist nachvollziehbar. Da das Projekt aber modular aufgebaut sei, würden auch die anderen Medienformate nicht zu kurz kommen. Die Staatskanzlei hatte die Initiative für einen Medienführerschein wegen mehrerer Vorkommnisse gestartet. Dazu zählt auch der Amoklauf von Winnenden. Hier sah die Landesregierung politischen Handlungsbedarf. Mittlerweile lägen Erfahrungen mit dem Medienführerschein in 30 Pilotschulen vor und man werde das Projekt auf freiwilliger Basis ausweiten. Steuergelder wurden dafür nach Angaben von Rick nicht in Anspruch genommen. Das wird über die Zeitungsverlage finanziert. Das Printmodul sei dem Kultusministerium vorgelegt und geprüft worden. Es würde den Lehrplänen der dritten und vierten Klasse entsprechen. Die Darstellung der Bloggerwelt hält Rick für eine pointierte Verkürzung. Als zentrale Botschaft soll vermittelt werden, dass es sich bei der Zeitung um ein geprüftes Produkt handeln würde.
Ende der Durchsage. Ich werde das jetzt mal nicht weiter kommentieren.
Meine erste Kolumne für „The European“ beschäftigt sich mit dem Internet-Provinzialismus in Deutschland. Die Hysterie um Facebook, Google Street View und Co. verdeutlicht nur, wie sehr unsere Politik in ihrer Unwissenheit auf eine Jägerzaunpolitik setzt. Anstatt ständig einen deutschen Sonderweg einzuschlagen, sollten die sich die Damen und Herren im Bundestag besser um die Entwicklung einer deutschen Web-Exzellenz kümmern. Woher kommen der deutsche Verpixelungs-Sonderweg, die Sehnsucht nach technologisch sinnlosen digitalen Radiergummis und die Angst vor einer harmlosen Tracking-Software wie Google Analytics? Vielleicht liegt es daran, dass es für die politischen Jägerzaunregulierer in Deutschland so schön risikolos ist, sich mit Technologiegiganten in den USA anzulegen, um der Internetwelt zu zeigen, dass man als Staat netzpolitisch handlungsfähig bleibt. In Wahrheit verdeckt die politische Klasse ihre technologische Ahnungslosigkeit.
Die mentale Befindlichkeit der selbsternannten Internethausmeister erinnert an das kulturpessimistische und elitäre Credo des früheren FAZ-Herausgebers Karl Korn aus den 50er-Jahren: Auto, Flugzeug und Film verwandelten das „Raum- und Zeitgefühl, die Erlebniswelten, die bildliche und geistige Vorstellungswelt des Menschen“. Die technischen Apparaturen bedingten die Passivität der Menschen, schränkten ihre Spontaneität ein. Das Tempo der Maschinen zwinge sich dem menschlichen Rhythmus auf, führe zu Hektik – ein konditionierter, passiver, gehetzter Mensch sei aber „unfähig zur Kultur“. Klingt ein wenig nach den Schirrmacher-Neurothesen über die Gehirnerweichung durch übermäßigen Internetkonsum.
Offenbar halten die politischen Meinungsführer die Bürger für Volltrottel, die ohne Anweisungen, Verbote und gesetzliche Regeln in ihr Verderben stolpern. Eure Meinung interessiert mich. Auch über Themenvorschläge für die wöchentliche Kolumne würde ich mich freuen! Hier geht es zur Kolumne.
Von den unendlichen Möglichkeiten der drahtlosen Kommunikation waren abendländische Geistesgrößen schon vor hundert Jahren beseelt. Nachzulesen im Opus „Die Welt in 100 Jahren“. In dem 1910 veröffentlichten Werk heißt es:
„Es wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, dem durch die Luft gleitenden Aeroplan oder dem in der Tiefe der See dahinfahrenden Unterseeboot.“
Auf seinem Wege ins Geschäft werde der Mensch seine Augen nicht mehr durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, „er wird sich in der Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad‘ fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der gesprochenen Zeitung in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren, nach denen er verlangt.“ Wenn schließlich auch der „gewöhnliche Sterbliche“ einen solchen Apparat nutzt, „dann werden dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephones geworden sind.“ Dem einflussreichen Journalisten und Schriftsteller Arthur Brehmer gelang es damals, einige interessante Experten zu gewinnen, ihre Gedanken über die Zukunft nieder zu schreiben.
Die spektakulärste Prognose über das Telephon in der Westentasche stammt aus der Feder von Robert Stoss.
Es ist im vergangenen Jahr wieder aufgelegt worden und prompt zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt worden. Stoss sprach vom Ende von Raum und Zeit.
„Überall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten und wäre der Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie während der Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag.“
Über hundert Jahre später spricht man nun vom Jahr der Smartphones: Die Minicomputer mausern sich immer mehr zum persönlichen digitalen Assistenten und kommen dem Zukunftsszenario des Grazer Informatik-Professors Hermann Maurer schon sehr nahe:
„Ich habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer prognostiziert: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragungsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit allen ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems (GPS), einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts- , Buchungs- und Kommunikationsgerät“, erläutert Maurer.
Die allgegenwärtigen Computer werden stärker mit dem Menschen selbst verbunden.
„Die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern wird so weit gehen, dass man sie in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können“, so Maurer weiter.
Entsprechende Konsequenzen ergeben sich für die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden:
„Smartphones können über Apps immer intelligenter eingesetzt werden und erweitern die Möglichkeiten für umfassende Web-Services, zu jederzeit und an jedem Ort“, sagt der Kommunikationsexperte Peter B. Záboji.
Über Apps könne man personalisierte Dienste etablieren, um dem Kunden sofort die gewünschten Informationen anzuzeigen:
„Die Programme bewähren sich besonders für Standardabfragen. Beispielsweise Sportergebnisse, Aktienkurse, Restaurantempfehlungen, Apotheken‐Notdienste oder Öffnungszeiten.“
Apple-App-Economy
Die von Apple geschaffene App-Economy wird als Hebel für die Durchsetzung des mobilen Internets gesehen:
„Jeder Nutzer kann sich sein Endgerät so zusammenstellen, wie er es sich wünscht. Für die Hersteller eröffnet sich eine große Chance, ihre Produkte attraktiver zu gestalten. Apple hat es genial vorgemacht. Der Konzern hat die Entwickler-Community auf das Endgerät zugreifen lassen in einem bestimmten Rahmen, um bei den Anwendungen eine größere Vielfalt zu gewährleisten. Spannend sind die Apps, wenn es um die Kundenkommunikation geht“, so die private Einschätzung von Johannes Nünning, Zentrum Mehrwertdienste bei der Deutschen Telekom, im Interview mit dem Online-Fachdienst Service Insiders.
Was bereits machbar sei, zeige die App von Immobilienscout 24. Hier könne man auf rund 1,2 Millionen Angebote von unterwegs zugreifen und geeignete Objekte in richtiger Lage, Größe oder Preiskategorie herausfiltern.
Per Klick auf das integrierte Google Maps könne sich der Suchende über Schulen, öffentliche Verkehrsmittel, Schwimmbäder und dergleichen in der Umgebung informieren.
„Passt alles, genügt ein weiterer Klick, um via E-Mail oder Telefon in Kontakt zum Immobilienanbieter zu treten; der vereinbarte Termin wird direkt in der Applikation vermerkt. Auch individuelle Fotos und Notizen zur Besichtigung lassen sich darin speichern. Ist der Vertrag für das neue Zuhause unterschrieben, bietet Immobilienscout24 weitere mobile Services“, so Gessenhardt.
In einer App für den Umzug sei eine Check- und Aufgabenliste enthalten, um zu ermitteln, wie viele Umzugskartons benötigt werden oder welche Ämter in der Nähe sind.
„Aus Nutzersicht ist es völlig egal, ob es sich um eine lokal installierte Applikation oder um einen browserbasierten Dienst handelt. Entscheidend wird sein, welche Gedanken sich die Entwickler von Apps und mobilen Internetseiten über die Kontaktstrategien mit den Kunden machen werden. In welcher Situation wird mein Kunde über mobile Services auf mich zukommen und wie kann ich ihm an dieser Stelle gerecht werden. Hier kommt auch wieder die Telefonfunktion des Smartphones auf die Bühne zurück. Es wird sicherlich einen Trend zu Self Services geben. Wenn aber beispielsweise ein starkes Kaufinteresse geweckt wurde, kann es auch ein Bedürfnis nach einer telefonischen Beratung geben“, sagt Nünning gegenüber Service Insiders (ist gestern erschienen).
Ein Call Center bekomme weniger Standardabfragen. Die Anfragen werden spezifischer. Entsprechend qualifizierter müsse das Personal im Call Center sein. Zudem benötigen die Dienstleister hochwertige Technologien.
Hier die Audioaufzeichnung des Interviews mit Johannes Nünning: