Eine Koalition der Elche gegen Amazon

Scheitern gehört zur Disruption

Cashys Überschrift machte mich neugierig: „Gemeinsam gegen Amazon: deutsche Buchhändler und die Telekom mit E-Book-Reader tolino Shine“.

Deutsche Buchhändler? Nee. Es sind jene Konzerne, die in den vergangenen Jahren schon eine Spur der Verwüstung im Buchhandel hinterlassen haben mit ihren Buch-Supermärkten, die immer mehr zu Tschibo-Filialen mutieren und den Verkauf von Büchern zur Nebensache machen.

Zu dieser illustren Runde zählen also Thalia, Weltbild, Hugendubel sowie Club Bertelsmann.

„Die Partner setzen dabei auf die neue Marke tolino. Der eReader tolino Shine ist ab dem 7. März 2013 bei allen Partnern erhältlich. Der tolino Shine ist 6 Zoll groß und verfügt über ein HD E-Ink Display mit integrierter Beleuchtung, 1024 × 758 Pixeln nebst 16 Graustufen. 183 Gramm wiegt das Gerät, welches bis zu sieben Wochen Akkulaufzeit bieten soll“, schreibt Cashy.

Nun gut. Da reagiere ich mit der Plattitüde: Die Kritiker der Elche sind selber welche. Eine unheilige Allianz, die sich da zusammen getan hat. Denn selbst die Rasenmäher-Politik dieser Gemischt-Warenläden reicht nicht mehr aus, um Amazon ernsthaft Konkurrenz zu machen. Es ist also eine Koalition der Verlierer.

Wer etwas für gut Büchern übrig hat, sollte in gut sortierte Buchhandlungen gehen mit Inhabern, die sich für Literatur begeistern können.

Bertelsmann, hm. Da steht doch bei Richard Gutjahr folgender Beitrag: Bertelsmann: “Kindergärten angetestet”.

Dann hätten wir noch das im Angebot: Die dubiosen Geschäftsmethoden der Buchhandelskette Thalia.

Interessant auch: Hugendubel, Thalia & Co. – Abschied vom Buch. Kaum einer kauft mehr Bücher bei Hugendubel, Thalia & Co. In ihrer Not verhökern die Großbuchhändler allerlei Krimskrams. Amazon triumphiert.

Siehe auch:

Bekenntnisse eines Bibliophilen zum Dämon Amazon.

Amazon nach dem Shitstorm: Fans bleiben treu, trotz herber Kritik.

Bekenntnisse eines Bibliophilen zum Dämon Amazon

Das Wehklagen der Buchbranche

Gerade schwebte ein Werbebriefchen von Printfinder in meinen Briefkasten. Überschrift des Schreibens: „Günstiger Bücher drucken im Baltikum“.

„Guten Tag und schöne Grüße aus Lettland!

Seit 2002 druckt Printfinder Bücher und andere Druckprodukte für Kunden in Deutschland und Skandinavien. In den letzten zehn Jahren ist Lettland beim Buchdruck zu einem führenden Exportland in Europa aufgestiegen, und wir sind stolz darauf, dazu beigetragen zu haben.

Viele Drucksachen können mit wesentlichen Preisvorteilen bei uns produziert werden. Nicht selten sparen unsere Kunden bis zu 40 Prozent (!) des deutschen Druckpreises. Dies betrifft vor allem Hardcover- und Softcover-Bücher in Auflagen von 300 bis 5.000 Exemplaren sowie Kataloge und Prospekte in unterschiedlichen Auflagen. Zudem sind wir auch im Siebdruckbereich (Freunde der Schreibkunst, hört auf, ständig „Bereich“ zu schreiben. Siebdruck hätte es auch getan, gs) tätig, wo die Kostenvorteile oftmals noch höher sind. Gewöhnlich betragen unsere Lieferzeiten nicht mehr als drei Wochen.“

Soweit ein kleiner Auszug des Briefes aus dem schönen Riga. Da sind wir dann mitten im Thema Billiglöhne, Leiharbeiter, Arbeitsbedingungen, Dumpingpreise und sonstigen Ärgernissen, die derzeitig im Netzdiskurs hochschwappen. Und Printfinder ist nur einer von vielen Anbietern aus Osteuropa, die sich einen gnadenlosen Preiskampf liefern. Und die Verlage in Deutschland zählen zu den beliebtesten Kunden. Der Mindestlohn in Lettland liegt übrigens deutlich unter 300 Euro. Wer also aus der Verlagsbranche und Literaturszene mit dem Finger auf Amazon zeigt, sollte sich fragen, welche Rolle er selbst spielt beim Wettlauf um niedrige Preise, die wiederum zu erbärmlich schlechten Löhnen führen.

Das soll Amazon nicht frei sprechen. Die Beschwichtigungstöne des amerikanischen Konzerns nach der Ausstrahlung der ARD-Reportage „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ haben den Shitstorm im Social Web erst so richtig beflügelt. So kann man mit dem Thema nicht umgehen. t3n hat das sehr gut zusammengefasst.

Dämon Amazon

Der Bericht und die Aufregungswelle wird wohl auch dem Fundamentalkritiker Roland Reuß neue Nahrung geben. Der Heidelberger Germanist ist laut buchreport.de kein Freund von Open Access, warnte vor der Bücher-Digitalisierung durch Google und befürchtet jetzt, dass Amazon erst die Buchhandlungen und dann die Verlage „abmetzelt“. Sein Ratschlag an Sortimenter: Finger weg vom E-Book-Geschäft. Im Interview mit buchreport.de führt Reuß die Kritik an Amazon und am digitalen Gseschäft von Buchhandlungen weiter aus, die er in in einem Gastbeitrag für die FAZ zu Papier brachte.

Er ist wirklich der Ansicht, dass die Krise des Buchhandels nicht hausgemacht sei – „sieht man einmal davon ab, dass es flächendeckend immer wieder Läden gibt, die etwa keine Lust haben, bei Verlagen direkt zu bestellen und behaupten, es gebe bestimmte Bücher nicht, bloß weil sie ihr Grossist nicht auf Lager hat.“

Die Krise sei durch die Investitionen des amerikanischen IT-Kapitals hervorgerufen und da speziell durch die Infrastruktur, die Amazon, von weiten Teilen der Öffentlichkeit in ihrer Problematik unbemerkt, in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut hat.

„Die beuten systematisch die Faulheit der Leute aus (Bequemlichkeit) und schaden nicht nur der Buchbranche, sondern dem Einzelhandel insgesamt – und zwar massiv. Das wird bald auch ein wirtschaftliches Problem in jeder Region Deutschlands werden. Mich wundert, warum die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort nicht stärker in die Pflicht genommen werden.“

Es gehe auch um einen bedeutenden Rückgang von Umsatz- und Gewerbesteuer und natürlich auch um drohende Arbeitslosigkeit.

„Dass die Firma mit Sitz in Luxemburg, die das planierraupenmäßig auf der ganzen Welt durchzieht, von einem korrupten EU-Recht steuerlich profitiert und durch Steuerersparnis Gewinne macht, ist nicht hinnehmbar. Die Franzosen haben es immerhin soweit gebracht, dass sie das Unterlaufen der Buchpreisbindung durch die Portofreistellung unterbunden haben. Das ist schon einmal ein erster Schritt“, so Reuß.

Zudem habe Amazon gezielt die Antiquariatsportale ZVAB und Abebooks aufgekauft.

„Außerdem werden Privatanbieter ermuntert, auf der Amazon-Website antiquarisch Bücher angeboten. An sich wäre das noch nicht schlimm. Man kann aber die Beobachtung machen, dass bereits bei Erscheinen nagelneue Bücher zu günstigeren Preisen als dem gesetzlichen Ladenpreis angeboten wird, manchmal wird sogar geworben dafür, dass diese Bücher noch eingeschweißt sind. Das kann gar nicht sein.“

Es folgt noch der Hinweis auf eine Strafanzeige von Reuß gegen Amazon wegen Hehlerei. Ein angriffslustiges Kerlchen. Dahinter verbirgt sich allerdings auch eine große Portion Blendwerk.

Die Kunst der Buchillustration

Wenn er beispielsweise Amazon als Luxemburger Steuerumgehungskonzern tituliert und die braven lokalen Buchhandlungen als ehrliche Steuerzahler in den Himmel hebt. Glaubt er wirklich, dass die großen Verlage und Buchhandelsketten keine Strategien zur Steuerminderung entwickeln? Und hat sich Reuß überhaupt mal die Mühe gemacht, sich mit der Bilanz von Amazon auseinanderzusetzen? Beispielsweise über die Höhe der Zahlungen an den deutschen Fiskus, über die Höhe der Gewerbesteuer, die Amazon an den eigenen Standorten abführt? Der amerikanische Konzern ist mitnichten ein Säulenheiliger. Aber die Dämonisierung von eBook, Vernetzung, Boom des Onlinehandels und Amazon führt die Buchbranche genauso ins abseits wie die Musikkonzerne und den stationären Handel.

Die Krise des Buchhandels ist nicht hausgemacht? Wie viele gute Buchhandlungen sind bereits durch die Buchkaufhäuser in den Abgrund gestürzt worden? Wie viele Druckereien mussten schon dichtmachen, weil große und kleine Verlage mittlerweile ihre Druckaufträge nach Osteuropa verlagern? Und wie sieht es mit den Buchhandelsketten aus, die in der Nachbarschaft noch ein modernes Antiquariat im Portfolio bieten mit schön eingeschweißten Büchern und der Aufschrift „Lagerschäden“? Das sind die gleichen Anbieter, die kurz via Amazon Marketplace kurz nach dem Erscheinen eines neuen Buches das Werk für einige Euros billiger verkaufen und damit die Buchpreisbindung unterlaufen – es sind deutsche Anbieter, Herr Reuß.

Georg Müller Verlag und die Kunst des Buchdruckes

Und wie steht es um die Buchdruck-Kultur in Deutschland? Es dominiert wohl eher auswechselbare Massenware. Auch die Kunst der Buchillustration, die in den 1920er Jahren eine Blütezeit hatte, befindet sich im Siechtum. Wer macht noch so tolle Bücher wie der Georg Müller Verlag – etwa die Halbleder-Ausgaben der Abtei Thelem? Auch die kann man mittlerweile mit der Lupe suchen.

Warum soll ich denn zu Hugendubel, Thalia und Co. gehen mit einer mittelmäßigen Beratungsleistung, die ich im Internet weitaus besser vorfinde? Es gibt immer noch sehr gute Literaturbuchhandlungen wie den Buchtempel von Klaus Bittner in Köln. In jeder größeren Stadt findet man davon vielleicht noch ein oder zwei Geschäfte. Mit sinkender Tendenz. Das wird die Buchbranche nicht retten. Auch das eBook-Bashing geht völlig am Thema vorbei. Reuß und Co. unterschätzen die Formatrevolution, die sich auch bei Büchern abspielt. Die Kipp-Geschwindigkeit nimmt zu. Aber immer noch sitzen beispielsweise die Verlage auf dem hohen Roß und lamentieren darüber, ob es gerecht sei, dass Amazon eBooks einführt, kritisiert Professor Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg im ichsagmal-Interview.

“Gleichzeitig brechen die Großflächen-Kaufhäuser für Bücher zusammen, weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr lohnt. Redaktionen werden abgebaut, weil das Vertriebssystem Papier nicht funktioniert. Hier gerät die analoge Industriewelt in den nächsten zehn bis 20 Jahren stärker unter Druck als es in den vergangenen 20 Jahren der Fall war.”

Buch-Titel Streaming Revolution

Bücher werden sämtliche physikalische Beschränkungen verlieren. Unser Projekt „Die Streaming-Revolution – Ein fließende Buch über und mit Hangout On Air“ kann da als Beispiel herangezogen werden. Mit oder ohne Amazon.

Siehe auch:

Amazon als Schwarzes Loch für den stationären Handel.

Amazon als Schwarzes Loch für den stationären Handel

Über den Niedergang des stationären Handels

Der heimliche Handelsriese Amazon, der in den Branchenstatistiken des Handels nicht so richtig auftaucht, weil er nicht nach den Gesetzmäßigkeiten der althergebrachten Anbieter funktioniert, pulverisiert nicht nur die Buchbranche.

„Der Online-Handel hat dem (stationären) Handel in nur zwei Jahren 9 Milliarden Euro (in Worten: neun Milliarden Euro) abgenommen, also in etwa soviel wie in allen rund 15 E-Commerce-Jahren zuvor“, berichtet Exciting Commerce.

Amazon alleine mache im Online-Handel umgerechnet 6,4 Milliarden Euro, also heute schon mehr als doppelt soviel wie der komplette stationäre Einzelhandel zusammen (der dem bvh zufolge online heute bei 3 Milliarden Euro liegt).

„Wenn man sich dann aber vor Augen führt, wie sehr sich speziell im Wachstumssegment die Onliner in den letzten Jahren extrem professionalisiert haben, und wenn man zugleich verfolgt, wie schwer sich alle großen Handelskonzerne (Metro, Otto, Douglas, etc.) tun, wie alteingesessene Unternehmen wie Thalia, Hugendubel, Görtz, etc. abbauen, wie andere darben und mit der Pleite ringen, dann bekommt man eine Ahnung davon, was gerade am Markt in Bewegung ist“, schreibt Exciting Commerce.

Und was hatte ich noch zum Weihnachtsgeschäft 2012 geschrieben?

Internet oder Profiberatung – der Rest stirbt. Diesen Spruch von Professor Gunter Dueck, den ich schon einige Male zitierte, kann man auf viele Branchen anwenden, nicht nur auf Hotline-Anbieter. Er gilt auch für den stationären Handel. Und der reagiert wie die Zeitungsverlage und Musiklabels auf das bedrohliche Szenario der vernetzten Ökonomie. So spricht ein Vertreter des NRW-Einzelhandelsverbandes im WDR2-Interview vom geistigen Diebstahl und Beratungsklau, wenn Kunden sich in den Geschäften eine erste Orientierung über Produkte verschaffen und sie dann im Internet einkaufen. Aber wie viel Premium-Beratung bietet denn der Einzelhandel, um besser zu sein als die Recherche-Möglichkeiten des Netzes?

Fast jedes private oder berufliche Problem lässt sich dort lösen. Etwa zur Vorbereitung von Trainingseinheiten im Tischtennis, Auskünfte über die Feinheiten des Startens von Modellautos mit RC-Verbrenner oder die Frage, wie ich meine digitale Heimvernetzung optimieren kann. Häufig kommen die Filme gar nicht von professionellen Anbietern, sondern von so genannten Super-Usern, die sich einfach in bestimmten Feldern besser auskennen als jeder Verkäufer oder Agent im Call Center. Auch wenn es viele in der Servicewelt und im Einzelhandel immer noch nicht kapiert haben, die Zeiten der „Flachbildschirm-Rückseitenberater“ und „Schema F- und Kästchendenker-Bürosklaven“ – wieder eine herrliche Formulierung des Publizisten Gunter Dueck – sind schon längst vorbei.

“Die Hoffnung der Handelsfürsten ist, dass der stationäre Handel die wirtschaftliche Basis bleibt. Doch das ist Illusion. Und wem wird die Schuld gegeben: Amazon & Co. ‘Amazon ist der Category-Killer in vielen Branchen.’ Amazon ist das Schwarze Loch. Es zieht Materie an! Und die Online-Marktplätze sind die schwarze Materie”, so Smart Service-Blogger Bernhard Steimel.

Karlheinz Land von Microstrategy bezeichnet das als „Zero Gravity Thinking”. Derzeit erlebe man, wie aus dem Handy-Display der „First Screen“ wird:

„Das Smartphone begleitet uns durch den Alltag. Es ist morgens das Erste und abends das Letzte, was wir uns anschauen: E-Mails checken, auf Facebook und Twitter kommunizieren und natürlich auch telefonieren. Aus herkömmlichen Anwendungen werden jetzt Apps, die wir mobil abrufen. Alles wird aus der analogen Welt in die digitale Welt gezogen.“

Auch die Kreditkarte, die heute noch ein Stück Plastik sei, wird zur App.

„Dadurch verliert sie ihre physischen Limitierungen. Wenn ich jemandem meine Plastik-Kreditkarte gebe, dann hat er sie, dann habe ich sie nicht mehr. Wenn ich aber jemandem meine Software-Kreditkarte oder den Zugriff auf meine Software-Kreditkarte übertrage, dann verfüge ich trotzdem noch darüber. Die physikalischen Limitierungen eines Objektes verschwinden. Damit können ganz andere Funktionen bereitgestellt werden, an die man bislang noch gar nichtdenkt“, sagt Land.

Das sei mit „Zero Gravity Thinking” gemeint: Ein Objekt verliere sämtliche physikalische Beschränkungen. Selbst die physische Präsenz sei nicht mehr entscheidend, wie man beim stationären Handel beobachten kann. Egal ob Walmart, Kmart oder Metro.

„All diese großen Unternehmen haben in den vergangenen fünf Jahren Umsätze verloren – zwei, drei Prozent jährlich. Das ist noch nicht dramatisch. Gleichzeitig ist aber eine Firma wie Amazon entstanden, die jedes Jahr um 15, 20 oder 30 Prozent gewachsen ist und demnächst vor der 100 Milliarden Umsatzgrenze steht. Amazon hat Umsätze sozusagen ‚gehijackt‘. Der Online-Gigant überträgt die Umsätze seiner Kunden von der realen, der physikalischen Welt in den Cyberspace“, erläutert der Microstrategy-Manager.

Die wichtigste Aufgabe des Top-Managements bestehe heute darin, die Funktion eines Chief Destruction Officers zu übernehmen, um verkrustete Denk- und Handlungsstrukturen aufzubrechen, so das Plädoyer von Professor Kreutzer, der an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin lehrt.

„Allen Verantwortungsträgern des Unternehmens gilt es zuzurufen: Vermeiden wir eine Marketing-Myopia, also eine Marketing-Kurzsichtigkeit, die schon viele Unternehmen in den Ruin geschickt hat.“

Es wird übrigens nicht nur für den Einzelhandel ungemütlicher. Auch viele so genannten Markenartikler können nicht mehr an den alten Strategien festhalten und den Online-Handel gängeln. Der Kunde wird das abstrafen!

Interessant auch das Interview mit Professor Peter Wippermann vom Trendbüro in Hamburg:

Liebwerteste Gichtlinge der Internet-Konzerne, wo bleibt der ehrliche Datenpakt mit der Netzgesellschaft?

Deine Macht ist mit Dir

Da schreibe ich gerade an einem etwas längeren Big Data-Opus mit folgenden Sätzen: Wenn Big Data-Algorithmen ohne meine Zustimmung anfangen, mich zu klassifizieren und zu stigmatisieren, automatisch meine Bonität herabstufen, einen Wechsel der Krankenversicherung wegen meines vermeintlich exakt berechneten Gesundheitszustandes verhindern oder Personalberatern die Abweisung meiner Stellenbewerbung empfehlen, dürfte es zu heftigen Gegenreaktionen der Netzgesellschaft kommen.

„Das wird noch eine Weile beobachtet und irgendwann reagiert die Gesellschaft“, meint der Systemtheoretiker Dr. Gerhard Wohland im ichsagmal-Interview.

Es folgen Störungen des Systems, die bis zu Boykott und Ausstieg reichen können. Man merkt es an der sinkenden Akzeptanz von Facebook und Google. Der Machtwille der Netzgiganten werde immer sichtbarer – auch ihre Manipulation von Algorithmen und ihre Bereitschaft zur Überwachung, bemerkt die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff im Gespräch mit der FAZ.

Man fühle sich bloßgestellt. Jeder Nutzer von Internet-Diensten sei bereit, für Dinge zu zahlen oder Daten bereitzustellen, die sein Leben besser machen.

In jedem Augenblick, in dem die Web-Konzerne das Vertrauen des Individuums enttäuschen, geht ihnen hoffentlich irgendwann Geld verloren. Im Wettbewerb von personalisierten und vernetzten Angeboten werden nur jene überleben, die einen Vertrauenspakt mit ihren Kunden eingehen, ist sich der Düsseldorfer Unternehmensberater und Smart Service-Blogger Bernhard Steimel sicher.

Es wird Zeit, dass sich Unternehmen in dieser Form profilieren und sich von Facebook und Co. distanzieren.

Nicht alles, was technisch machbar sei, ist auch kulturell mehrheitsfähig.

„Das Maß aller Dinge ist meine Bereitschaft, Daten von mir preiszugeben. Hier liegt der Kern von Big Data-Anwendungen. Mein digitales Ich, meine digitale Repräsentanz und mein digitales Beziehungsnetzwerk müssen in meiner Hand liegen. Sozusagen ein Recht auf virtuelle Selbstbestimmung“, verkündet Steimel.

Soweit ein kleiner Auszug meiner Big Data-Story.

Schaut man sich die Lobby-Agitation gegen die EU-Datenschutzreform von Amazon, eBay und Co. an, wird es Zeit, die Störungen gegen die Machtanmaßung der Netz-Giganten endlich zu organisieren. Einen wichtigen Baustein bietet jetzt die von Marco Maas, Sebastian Vollnhals und Richard Gutjahr ins Leben gerufene Crowdsourcing-Plattform lobbyplag.eu ins Leben gerufen. Gute Arbeit!

Siehe auch:

Bye bye Datenschutz: EU-Parlament kopiert von Amazon, ebay & Co.

Die Streaming-Buch-Revolution startet: Fließendes Werk über Hangout On Air #hoa

Autoren des Buches "Streaming-Revolution"

Was der Buchreport über den Verkauf von E-Readern und über die Relevanz von E-Books im Buchhandel schreibt, klingt doch sehr ernüchternd – für die Buchbranche.

„Die Kunden betrachten uns nicht als Anlaufstelle für E-Reader, dafür gehen sie ins Netz oder zum Elektronikmarkt“, bringt es ein Buchhändler auf den Punkt. Es müsse deutlicher kommuniziert werden, dass E-Books und E-Reader in jeder gut geführten Buchhandlung erhältlich seien.

Zwar seien E-Reader fast täglich ein Gesprächsthema, doch der Beratungsaufwand sei zu hoch und münde eher selten im Kauf vor Ort.

„Die meisten Kunden wanderten ab zu Amazon oder zu Elektronikfachgeschäften mit günstigeren Preisen und einem breiteren Sortiment. Sollte der Kunde den E-Reader dennoch im Buchhandel kaufen, verdiene der Sortimenter aufgrund der unterdurchschnittlichen Margen zu wenig“, schreibt Buch.

Stammkunden würden verloren gehen, weil sie sich einen E-Reader gekauft haben und sich andernorts mit Lesestoff versorgen, aus Händlersicht vor allem bei Amazon. Möglicherweise sei man dem E-Book-Trend zu spät gefolgt und habe so Amazons Kindle das Feld überlassen. Gegen Amazons Übermacht könne der Handel nicht allein ankämpfen. Die Branche müsse die Nutzungsbedingungen vereinheitlichen, Hersteller bessere Lesegeräte frei von „Kinderkrankheiten“ anbieten. Auch mehr Unterstützung durch die Barsortimente werde gewünscht.

Ist das die Antwort auf die Krise des stationären Buchhandels? Klingt ein wenig nach reiner Abwehr. Vielleicht sollten auch die Buch-Geschäfte mal überlegen, wie sie die Bindung zwischen Autoren und Lesern auf eine neue Stufe bringen – etwa mit der Live-Übertraung von Lesungen via Hangout On Air. Oder die Unterstützung von Autoren der Region beim Schreiben von E-Books. Mehr experimentieren, weniger lamentieren.

Im zweiten Halbjahr möchte ich eine Biografie über eine Persönlichkeit schreiben, die in Literaturkreisen sehr bekannt ist. Verrate aber noch nicht, wer das ist 🙂 Der Entstehungsprozess läuft über Interviews und die möchte ich in der Buchhandlung der Remmel-Brüder in Siegburg via Hangout On Air führen – unter Einbeziehung der Gäste, die in die Buchhandlung kommen und natürlich unter Einbeziehung der Netzöffentlichkeit. Jeden Monat eine Interview-Session, bis genügend Stoff zum Schreiben der Biografie vorliegt. Wird wohl einige Monate in Anspruch nehmen, da ich das nicht jeden Tag bearbeiten kann. Andreas und Paul Remmel sind von der Idee begeistert!

Rein virtuell über Hangout on Air-Sessions läuft der Schaffensprozess des Streaming-Revolutions-Buches, das ich zusammen mit Hannes Schleeh schreibe – finanziert als Crowdfunding-Projekt über die Plattform Startnext. Jede Woche gibt es dann eine Blogger Camp-Schreibwerkstatt.

Offizieller Start ist in der nächsten Woche. Bis zur Republica im Mai wollen wir die erste Version des Werkes fertig haben. Hier schon mal unser Pitch-Video.

Vielleicht gibt es ja Buchhandlungen in der Region, die uns begleiten wollen, um auch eigene Ideen zu entwickeln. Denn unser Projekt möchte auch neue Hangout On Air-Projekte anregen, die natürlich dann wieder Bestandteil des Buches werden. Wir sind für alles offen. In der nächsten Woche folgen noch weitere Infos, wie man uns unterstützen kann. Wir hören und sehen uns.

Ansonsten gilt auch für die Buchbranche: Amazon – Der unterschätzte Handelsriese und die Rückständigkeit Deutschlands als Netzwerkökonomie.

Siehe auch:

Buchhandel klagt über abwandernde eBook-Kunden.