Der fehlende produktive Dienstleistungsmotor: Peter F. Druckers Wachstumsfrage, die Christofzik-Grimm-Zahlen und Deutschlands blinder Fleck bei Smart Services #WirMüssenReden

Peter F. Drucker sah die Jahrhundertaufgabe der entwickelten Volkswirtschaften früher als fast alle deutschen Standortredner. „Die erste wirtschaftliche Priorität der Industrieländer besteht darin, die Produktivität in den Wissens- und Dienstleistungsbereichen zu erhöhen.“ Der zweite Teil seines Gedankens war noch härter: Das Land, dem dies zuerst gelingt, prägt das 21. Jahrhundert.

Deutschland hat diesen Test bislang verfehlt.

Das Land redet über Industrie, als läge dort noch der ganze Wohlstandskern. Es diskutiert über Stahl, Chemie, Autos, Maschinen und Subventionen, als könne man eine alternde, datengetriebene Volkswirtschaft mit der Erinnerung an Werkstore und Exportrekorde in Bewegung halten. Beim Webmontag Frankfurt lag diese These schon 2015 auf dem Tisch.

Vor zwei Jahren ließ sie sich im Umfeld des Tags der Industrie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie erneut formulieren: Die deutsche Wirtschaft ist viel weiter in der Dienstleistungs- und Wissensökonomie angekommen, als ihre Verbände, Ministerien und Sonntagsreden einräumen.

Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe schrieb bereits 2009, die Bundesrepublik sei gemessen an den wichtigen Parametern kein klassisches Industrieland mehr. Wolfgang Münchau hielt der deutschen Debatte vor, sie klammere sich an die Vorstellung, industrielle Produktion sei die zentrale Quelle der Stärke. Hermann Simon ging noch weiter und erklärte Deindustrialisierung an vielen Stellen als Lösung. Die Textilindustrie verschwand weitgehend, der Bergbau ebenso. Der Wohlstand brach deswegen kaum ein. Der Strukturwandel kann Gewinn sein, falls neue produktive Felder entstehen. Das Wort „falls“ trägt hier die ganze Last. An dieser Stelle liegt Deutschlands Problem.

Der deutsche Strukturwandel erzeugt zu wenig neue Dynamik

Désirée I. Christofzik von der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer und Veronika Grimm von der Technischen Universität Nürnberg liefern mit ihrer Studie „Wachstumsgrundlagen erneuern, Sicherheit nachhaltig stärken“ die aktuelle Zahlenbasis für diese alte Debatte. Ihre Diagnose beginnt 2018. Seitdem befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer anhaltenden Wachstumsschwäche. Demografie, schwache private Investitionen und ein nachlassender technologischer Fortschritt greifen ineinander.

Die Zahlen auf Seite 20 der Studie zeigen die ganze Verschiebung. Der Anteil der industriellen Bruttowertschöpfung an der gesamten Bruttowertschöpfung sinkt in Deutschland seit 2018 merklich. Aus den Kurven lässt sich näherungsweise ablesen: Deutschland lag in den späten 2010er Jahren bei gut 24 Prozent, 2024 bei rund 22 Prozent. Das ist kein Absturz, aber ein klarer Bruch. Fahrzeugbau, Metall- und Elektroindustrie sowie Maschinenbau stehen unter Druck. Die Rüstungsproduktion dämpft den Rückgang etwas.

Der Rückgang der Industrie allein wäre noch kein ökonomisches Todesurteil. Moderne Volkswirtschaften können mit weniger Industrieanteil gut leben, falls produktive private Dienstleistungen wachsen. Informationstechnologie, Unternehmensdienste, Forschung, Logistik, Plattformen, Finanzdienste, Ingenieurleistungen und Smart Services können industrielle Wertschöpfung erweitern, ersetzen, ergänzen und in neue Geschäftsmodelle übersetzen. Die Vereinigten Staaten haben genau diesen Pfad deutlich entschlossener beschritten. Dort stieg die reale Bruttowertschöpfung von 2001 bis 2024 nach der Studiengrafik auf einen Indexwert von etwa 164. Deutschland kam auf rund 128. Frankreich lag bei etwa 132, Italien bei rund 110. Das ist der entscheidende Abstand: Deutschland verliert Industrieanteile und gewinnt zu wenig private Smart-Service-Dynamik.

Die Dienstleistungsgesellschaft bleibt in Deutschland halbiert

Der Begriff Dienstleistung führt in die Irre, sobald er nur nach Callcenter oder dergleichen klingt. Christofzik und Grimm fassen private Dienstleistungen breiter. Dazu zählen Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungswesen, Immobilien, unternehmensnahe Dienstleistungen, Kultur, Freizeitangebote und weitere private Dienste. In der Wachstumsdebatte zählen besonders die wissensintensiven und industrienahen Felder: Software, Cloud, Engineering, Datenanalyse, Cybersecurity, Wartungsplattformen, digitale Bauakte, Logistiksteuerung, Finanztechnologie, Forschung, Design, Beratung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz.

An dieser Stelle bleibt Deutschland zurück. Die Studiengrafik zu privaten Dienstleistungen zeigt: Deutschland lag 2024 nur bei rund 50,5 bis 51 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Frankreich kam auf etwa 57 bis 58 Prozent, Italien auf rund 56,5 bis 57 Prozent, die Vereinigten Staaten auf etwa 59 Prozent. Noch wichtiger ist der Verlauf. Deutschland steigt bis 2009 an, fällt danach zurück und verharrt am unteren Rand der Vergleichsgruppe. Andere Länder gewinnen Dienstleistungsanteile, Deutschland verliert dort Tempo.

Das erklärt die Wachstumsschwäche besser als jede Erzählung über Energiepreise allein. Die deutsche Volkswirtschaft hat ihre industrielle Sonderrolle noch lange gehalten. Als der Rückgang sichtbarer wurde, fehlte der zweite Motor. Aus Industriekompetenz entstanden zu wenige Plattformen, zu wenige skalierende Unternehmensdienste, zu wenige digitale Services, zu wenig datenbasierte Wertschöpfung.

Arbeit wandert in Bereiche mit begrenzter Produktivitätskraft

Der Arbeitsmarkt verschärft das Bild. Deutschland erreichte 2024 mit rund 46,1 Millionen Erwerbstätigen einen Rekordstand. Der Dienstleistungssektor stellte 75,5 Prozent der Beschäftigten. Zugleich sanken Beschäftigung im Produzierenden Gewerbe und im Bau. Diese Zahlen beruhigen nur auf den ersten Blick. Deutschland hat Arbeit. Die Frage lautet, welche Wertschöpfung diese Arbeit erzeugt.

Christofzik und Grimm zeigen, dass der Bereich „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ an Gewicht gewinnt. Zwischen 2017 und 2024 wuchs die Beschäftigung im öffentlichen Dienst um 14 Prozent, im Bereich politische Führung und zentrale Verwaltung um 24 Prozent. Das kann gesellschaftlich notwendig sein. Es ersetzt aber keine produktive Service-Ökonomie.

Öffentliche Dienste stabilisieren. Sie organisieren Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Sicherheit und soziale Sicherung. Ihre Produktivität lässt sich schwer messen. Viele staatliche Leistungen haben keinen Marktpreis. In den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen folgt der gemessene Output daher oft den eingesetzten Kosten. Mehr Personal und höhere Löhne können statistisch als mehr Leistung erscheinen, auch falls Verfahren für Bürger und Unternehmen langsamer bleiben.

Für die Wachstumspolitik heißt das: Der Staat wächst an vielen Stellen, die privaten produktiven Dienste wachsen zu langsam. Arbeitszeit wandert in Bereiche, die gesamtwirtschaftlich weniger Produktivitätsdynamik erzeugen. Genau das ist Druckers Prüfstein.

Totale Faktorproduktivität ist Druckers Kennzahl im neuen Gewand

Christofzik und Grimm nennen den entscheidenden Hebel: Totale Faktorproduktivität, kurz TFP. Sie misst jenen Teil des Wachstums, der aus besserer Technik, besseren Verfahren, Daten, Software, Organisation, Bildung, Management und Skalierung entsteht. Mehr Kapital hilft. Mehr Arbeitsstunden helfen. In einer alternden Gesellschaft reichen beide Quellen kaum aus. Die geburtenreichen Jahrgänge gehen in Rente. Private Investitionen schwächeln. Die Bruttoanlageinvestitionen sanken in Deutschland von 21,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2022 auf 20,3 Prozent im Jahr 2025. Der Staat investierte mehr, private Investitionen gingen stärker zurück.

TFP ist daher kein abstrakter Restposten der Volkswirtschaftslehre. TFP ist die Frage, ob ein Betrieb mit gleicher Mannschaft mehr Kunden bedienen kann, ob eine Verwaltung mit weniger Formularen schneller entscheidet, ob ein Handwerksbetrieb Angebote automatisch kalkuliert, ob eine Maschine Wartungsbedarf meldet, ob Kundendaten aus der Servicehistorie neue Leistungen erzeugen.

Ein SHK-Betrieb, der Materialdaten, Arbeitszeitwerte und Erfahrungswissen in automatische Angebotserstellung überführt, hebt TFP. Ein Elektroinstallateur, der Einsatzplanung, Lagerbestand und Kundentermine verbindet, hebt TFP. Eine Tischlerei, die digitales Aufmaß direkt in Planung und Fertigung schickt, hebt TFP. Ein Wartungsdienst, der Sensordaten aus Anlagen analysiert, hebt TFP. Ein Maschinenbauer, der sein Produkt über Fernwartung, Softwareupdates, Ersatzteillogistik und Ergebnisgarantien erweitert, hebt TFP.

Druckers Frage nach der Produktivität der Wissens- und Dienstleistungsarbeit wird hier messbar.

Der BDI redet zu lange über den alten Kern

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat gute Gründe, die industrielle Basis zu verteidigen. Maschinenbau, Fahrzeugbau, Chemie, Elektrotechnik, Medizintechnik und Zulieferer bleiben wichtig. Doch der Verband beschreibt Deutschland häufig aus der Perspektive seiner Mitglieder und ihrer bestehenden Anlagen. Das ist legitim. Es wird gefährlich, sobald daraus ein nationales Selbstbild entsteht.

Ein Land, das sich als Industrieland erzählt, lenkt Kapital, politische Aufmerksamkeit und Rettungsroutinen in industrielle Pfade. Nach Krisen werden Abwrackprämien, Energiepreisbremsen, Standortsicherungsversprechen und Subventionsarchitekturen entworfen. Digitale Infrastrukturen, Datenräume, private Dienste, Gründungsfinanzierung, Software-Exporte, berufliche Dienste und Plattformmärkte erhalten weniger politisches Theater. Die Statistik folgt dieser mentalen Ordnung. Über industrielle Produktion gibt es fein aufgelöste Monatsdaten. Private Dienstleistungen erscheinen oft als Restgröße, obwohl sie den Kern der künftigen Wertschöpfung tragen müssten.

Reuters hat diese Verzerrung in einer Analyse zur deutschen Dienstleistungsökonomie auf den Punkt gebracht: Der Dienstleistungssektor steht für rund 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, trifft aber auf Regulierungsbarrieren, fragmentierte Interessenvertretung und wenig politische Aufmerksamkeit. Die Industrie hat eine machtvolle Lobby. Der Service-Sektor besteht aus vielen kleinen und mittleren Anbietern, regulierten Berufen, Kammern, freien Berufen, Softwarefirmen, Beratungen, Logistikern, Ingenieurbüros, Plattformanbietern und Spezialdienstleistern. Er besitzt kaum eine gemeinsame Stimme. Damit fehlt Deutschland ein Service-BDI.

Europa verstärkt die Bremsen

Die Schwäche privater Dienstleistungen ist kein rein deutsches Problem. Der europäische Binnenmarkt funktioniert bei Dienstleistungen bis heute schlecht. Dienste machen etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union aus, grenzüberschreitend werden nur rund 20 Prozent erbracht. Der Europäische Rechnungshof kritisierte 2026, dass 60 Prozent der bereits 2002 identifizierten Hindernisse im Jahr 2023 weiter bestanden. Der Internationale Währungsfonds vergleicht die Wirkung rechtlicher und administrativer Hürden im Binnenmarkt mit Zöllen von 110 Prozent auf grenzüberschreitende Dienstleistungen. Die Europäische Kommission rechnet mit einem Wachstumsschub von 2,5 Prozent, falls diese Barrieren fallen.

Das trifft den deutschen Engpass direkt. Wer Smart Services skalieren will, braucht Märkte. Software, Engineering, Wartung, Cybersecurity, Datendienste und Plattformmodelle leben von Wiederholbarkeit. Nationale Sonderregeln, Zertifikate, Berufszugänge, Steuerlogiken und Datenschutzvarianten treiben Kosten hoch. Ein deutsches Unternehmen kann eine Maschine weltweit verkaufen. Ein digitaler Service rund um diese Maschine stößt in Europa oft auf einen Flickenteppich. So scheitert Skalierung dort, wo Drucker den zentralen Produktivitätstest sah: in Wissensarbeit, Serviceprozessen und Management.

KI zeigt den möglichen Ausweg

Die neue KI-Welle verschärft die Frage. Produktivitätssprünge entstehen in jenen Feldern, in denen Wissen, Daten und Routinen digital verarbeitet werden. Eine Analyse von PwC, über Reuters berichtet, fand in KI-intensiven Sektoren zwischen 2018 und 2022 ein Produktivitätswachstum von 4,3 Prozent. In weniger KI-intensiven Bereichen lag es bei 0,9 Prozent. Besonders betroffen sind berufliche Dienste, Finanzdienste und Informationstechnologie.

Das ist die Drucker-Welt. KI kann Verträge analysieren, Angebote vorbereiten, Supportfälle sortieren, Bauakten strukturieren, Wartungsberichte schreiben, Rechnungen prüfen, Produktionsdaten erklären, Compliance-Risiken melden und Wissen im Unternehmen auffindbar machen. Sie hebt Produktivität dort, wo viele Beschäftigte mit unstrukturierten Informationen arbeiten.

Deutschland könnte hier gewinnen. Das Land besitzt industrielle Daten, Ingenieurwissen, Qualitätsanspruch, Mittelstandsnähe und viele komplexe Kundenprozesse. Doch diese Vorteile werden erst wertvoll, sobald daraus Services entstehen: Predictive Maintenance, digitale Zwillinge, Energieoptimierung, Serviceverträge, sichere Datenräume, Branchen-KI, Cyberdienste, operative Plattformen, Engineering-as-a-Service.

Ohne diese Übersetzung bleibt die Industrie ein Lieferant hochwertiger Gegenstände. Mit dieser Übersetzung wird sie Teil einer wissensintensiven Service-Ökonomie.

Die falsche Angst vor Deindustrialisierung

Hermann Simon und Wolf Lotter haben den deutschen Reflex gegen Deindustrialisierung zu Recht angegriffen. Der Verlust alter Industriearbeitsplätze ist historisch oft Ergebnis höheren Wohlstands. Landwirtschaft beschäftigte einst die Mehrheit. Niemand fordert ernsthaft ihre Rückkehr als Massenarbeitgeber. Textilindustrie und Bergbau prägten Regionen, Familien, Identitäten. Ihr Rückzug war hart. Die Volkswirtschaft wurde dadurch beweglicher.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Tätigkeiten treten an die Stelle alter Produktion? Falls die Antwort Verwaltung, Transfers, Subventionen und Reparatur alter Strukturen lautet, droht Stagnation. Falls die Antwort Forschung, Software, unternehmensnahe Dienste, Plattformen, Logistik, Energie- und Gebäudedaten, Cybersecurity, Engineering und Smart Services lautet, entsteht ein neuer Wachstumspfad.

Das ist Schumpeters alte Lektion. Der Unternehmer erneuert die Wirtschaft durch neue Kombinationen. Er verbindet vorhandenes Wissen, Kapital, Technik, Organisation und Nachfrage neu. Nicht der nostalgische Schutz des Bestehenden erzeugt Wohlstand. Wohlstand entsteht aus der produktiven Umlenkung von Ressourcen.

Jochen Röpkes Satz passt daher in diese Debatte: Wissen ohne schöpferisches Unternehmertum bleibt wirtschaftlich totes Wissen. Deutschland hat Forschung. Deutschland hat Patente. Deutschland hat Ingenieure. Deutschland hat Mittelstand. Was zu oft fehlt, ist der Schritt in skalierbare Dienste.

Die neue Agenda für private Dienste

Druckers Produktivitätsfrage verlangt eine andere Standortagenda. Erstens braucht Deutschland bessere Messung privater Dienstleistungen. Was die Politik nicht misst, versteht sie kaum. Was sie kaum versteht, priorisiert sie selten. Monatliche Produktionsindizes der Industrie reichen für eine Dienstleistungsökonomie nicht aus. Wir brauchen bessere Daten zu Software, professionellen Diensten, Engineering, Wartung, digitalen Plattformen, KI-Einsatz, Datenräumen, Serviceexporten und Unternehmensproduktivität.

Zweitens braucht der Mittelstand digitale Prozessfähigkeit. Förderprogramme helfen wenig, falls sie Anträge, Nachweise und Beratungsroutinen erzeugen. Entscheidend sind Standards, Schnittstellen, digitale Identitäten, elektronische Rechnungen, Registermodernisierung, Cloudfähigkeit, sichere Datenräume und verwertbare Branchenlösungen. Ein Betrieb muss Daten vom Angebot bis zur Rechnung nutzen können.

Drittens braucht Europa einen echten Binnenmarkt für private Dienste. Der freie Warenverkehr half der deutschen Industrie. Ein freier Service- und Datenmarkt könnte die nächste Wachstumsbasis schaffen. Dafür müssen Zulassungen, Zertifikate, Berufsregeln, Steuerverfahren, Vergaberegeln und Haftungsregime einfacher zusammenpassen.

Viertens braucht Deutschland mehr Risikokapital für wissensintensive Dienste. Christofzik und Grimm zeigen eine tiefe Lücke. Die Venture-Capital-Investitionen lagen 2024 in Deutschland nur bei etwa 0,06 bis 0,07 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Vereinigten Staaten kamen auf rund 0,5 Prozent, Israel auf knapp 1,8 Prozent. Wer Dienste skalieren will, braucht Kapital für Software, Vertrieb, Internationalisierung und schnelle Produktentwicklung.

Fünftens muss die Industrie lernen, ihre Produkte als Serviceplattformen zu begreifen. Ein Auto ist Software, Wartung, Energie, Finanzierung, Flottenlogik und Datenprodukt. Eine Maschine ist Sensorik, Fernwartung, Ersatzteillogistik, Prozessberatung und Verfügbarkeitsgarantie. Ein Gebäude ist Energiefluss, Wartung, Sicherheit, Finanzierung, Dokumentation und Nutzerkomfort. In diesen Verbindungen liegt der neue Wert.

Die Antwort auf Drucker

Drucker hatte recht. Die Produktivität der Wissens- und Dienstleistungsarbeit entscheidet über das 21. Jahrhundert. Christofzik und Grimm liefern die aktuelle Diagnose für Deutschland: Industrieanteil sinkt, reale Bruttowertschöpfung wächst schwächer als in den Vereinigten Staaten, öffentliche Dienste gewinnen Gewicht, private Dienstleistungen bleiben zurück, private Investitionen schwächeln, der technologische Fortschritt reicht kaum aus.

Die alte deutsche Frage lautete: Wie halten wir Industrie im Land? Die neue Frage lautet: Wie machen wir aus Industriekompetenz, Daten, Software, Forschung, Kapital und Unternehmertum eine produktive private Service-Ökonomie? Der Unterschied ist groß. Die erste Frage führt zu Schutz, Subvention und Standortnostalgie. Die zweite führt zu Smart Services, Plattformen, Wissensarbeit, Forschungstransfer, Wagniskapital, digitalen Abläufen und internationaler Skalierung.

Der Tag der Industrie des Bundesverbandes der Deutschen Industrie müsste genau diese Frage annehmen. Ein Industrieland im alten Sinn ist Deutschland längst nicht mehr. Ein Dienstleistungsland mit hoher Produktivität ist es ebenfalls noch zu wenig. Zwischen beiden Selbstbildern liegt die deutsche Wachstumsschwäche. Druckers Jahrhundert hat schon lange begonnen. Deutschland behandelt es noch zu oft wie eine Randnotiz.

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