Sind wir nicht alle Ubuntu? Freundinnen und Freunde der digitalen Souveränität, bitte einmal die Hand vom Alarmknopf nehmen

Nicht jedes Zucken in Washington verlangt ein europäisches Ersatzinternet. Nicht jede Drohung aus Peking verlangt eine deutsche Cloud mit Bundesadler. Nicht jeder Exportstopp bei Seltenen Erden beweist, dass Autarkie der neue Verstand ist. Und nicht jedes Programmpaket, das unter die Sanktionslaune des Weißen Hauses gerät, rechtfertigt die nächste große Beschwörung einer digitalen Festung Europa.

Das Geräusch ist bekannt. Irgendwo klingelt eine geopolitische Glocke. Sofort läuft der Speichelfluss der Souveränitätsapparate. Strategiepapier. Sondervermögen. Datenraum. Plattforminitiative. Pilotprojekt. Kompetenzzentrum. Der Pawlow’sche Hund sitzt heute im Lenkungskreis.

Die Welt funktioniert anders. Sie läuft nicht nach Kontinenten. Sie läuft über Standards, Häfen, Container, Paketmanager, Substrathersteller, Glasfaserkabel, Halbleiter, Maschinenbauer, Maintainer, Zertifikate, Rechenzentren, Payment-Netze, Compiler, Logistikzentren, Chemievorprodukte und Leute, die nachts Fehler beheben, während Ministerien von Autonomie reden. Wir sind alle Ubuntu. Nur viele merken es erst, sobald ihr Kalender nicht synchronisiert.

Die Souveränen wollen nicht sehen, woran sie hängen

Europa hängt an Amerika. Amerika hängt an Asien. Asien hängt an Europa. Afrika hängt in Rohstoff-, Energie-, Daten- und Logistiknetzen, die wiederum an Maschinen, Software, Finanzströmen und Transportketten hängen. Australien hängt in Rohstoffströmen, Sicherheitsarchitekturen und Cloud-Regionen. Niemand steht außerhalb. Wer Autarkie verspricht, verkauft politische Tapete.

Man muss nur ein Smartphone auf den Tisch legen. Schon liegt dort Weltwirtschaft in der Größe einer Handfläche. Chips, Sensoren, Klebstoffe, Kameras, Speicher, Funkmodule, Patente, Spezialchemie, Maschinen, Software, Design, Montage, Logistik. Taiwan, Südkorea, Japan, China, Deutschland, Niederlande, USA, Indien, Vietnam, Malaysia, Irland, Singapur. Ein Gerät als kleiner Weltmarkt mit Glasfront.

Nun könnte Donald Trump morgen verkünden, die Vereinigten Staaten müssten endlich ihre gefährliche Abhängigkeit von den Teutonen reduzieren. Dann träfe es nicht Folklore, Kuckucksuhren und Schwarzbrot. Dann träfe es Infineon beim Powermanagement. Bosch bei MEMS-Sensoren. Henkel bei Spezialklebstoffen. ams OSRAM bei optischen Halbleitern. Und viele andere, die in keiner Talkshow auftauchen, weil ihre Arbeit im Gerät verschwindet. So sieht Abhängigkeit in der Wirklichkeit aus. Sie trägt keinen Cowboyhut. Sie trägt auch keine Pickelhaube. Sie steckt im Bauteil.

Die Kohlenstoffwelt und die Codewelt

In der Kohlenstoffwelt heißen die Reizwörter Seltene Erden, Lithium, Graphit, Kupfer, Gallium, Germanium, Gas, Öl, Ammoniak, Maschinen, Vorprodukte. Im Digitalen heißen sie Linux, OpenSSL, Git, DNS, BGP, Kubernetes, Python, JavaScript, Firmware, ARM, EDA-Tools, Cloud-APIs, Zertifikatsketten, Paketquellen, Repositories.

Beide Welten hängen zusammen. Kein KI-System läuft ohne Energie. Kein Rechenzentrum ohne Beton, Kupfer, Wasser, Transformatoren, Glasfaser, Sicherheitstechnik und Personal. Kein Chip ohne Chemikalien, Lithographie, Reinräume, Patente, Spezialmaschinen und jahrzehntelange Lernkurven. Kein Open-Source-Projekt ohne Maintainer, die Rechnungen bezahlen müssen. Keine souveräne Plattform ohne Leute, die verstehen, was sie da betreiben.

Digitale Souveränität wird lächerlich, sobald sie so tut, als könne man diese Welt mit einem neuen Etikett ordnen. Europa auf den Karton kleben, Vertrag übersetzen, Betreiber austauschen, Rechenzentrum umlackieren, fertig ist die Freiheit. Das ist keine Architektur. Das ist Verpackungsdesign.

Die Sanktionsmaschine frisst ihre Bediener

Agathe Demarais hat den Mechanismus beschrieben: Sanktionen treffen Gegner, sie treffen Dritte, sie treffen Unternehmen, sie verändern Märkte, sie erzeugen Umgehungen, sie treiben Staaten und Firmen in neue Zahlungssysteme, neue Lieferketten, neue Bündnisse. Die Waffe wirkt. Sie wirkt auch zurück.´ Unter Joe Biden listeten die USA in einem Jahr fast 2.500 neue Gruppen und Personen. Das übertraf sogar die Schlagzahl der ersten Trump-Amtszeit. Wer daraus nur moralische Entschlossenheit liest, versteht die Maschine nicht. Jede neue Listung sendet ein Signal an den Rest der Welt: Baut Ausweichwege. Reduziert Dollar-Risiken. Prüft US-Komponenten. Meidet amerikanische Software in sensiblen Bereichen. Entwickelt Parallelstrukturen.

So entsteht der Backfire-Effekt. Die Sanktionsmacht erzieht ihre Umwelt zur Umgehung der Sanktionsmacht. Das gilt unter Biden. Das gilt unter Trump. Das gilt unter jeder Regierung, die Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik und Exekutivlaune in ein Sanktionsregister kippt. Mal trifft es russische Banken. Mal chinesische Chips. Mal iranische Reedereien. Mal Software. Mal Universitäten. Mal Firmen, die gestern noch Partner waren und morgen als Risiko gelten. Wer darauf jedes Mal mit Souveränitätspathos reagiert, verhält sich nicht strategisch. Er reagiert konditioniert.

Ubuntu gegen die Festungsfantasie

Ubuntu steht für eine Zumutung, die vielen Souveränitätsfreunden unangenehm sein dürfte: Ich bin, weil wir sind. Der Satz passt besser zur digitalen Wirklichkeit als jede Autarkierede. Software entsteht aus fremder Arbeit. Betriebssysteme entstehen aus fremder Arbeit. Standards entstehen aus fremder Arbeit. Sicherheit entsteht aus fremder Kritik. Fehler werden gefunden, weil Leute hinschauen, die nicht im Organigramm stehen. Das Internet lebt davon, dass Fremde miteinander sprechen, Pakete weiterreichen, Protokolle einhalten, Zertifikate prüfen, Routen akzeptieren und Fehler melden.

Das ist keine Romantik. Das ist die Betriebsbedingung. Wer das offene Netz mit pauschalem Misstrauen behandelt, bekommt am Ende kein souveränes Internet. Er bekommt ein Intranet mit Sendungsbewusstsein. Dort ist jede Schnittstelle verdächtig. Jeder Dienst braucht Freigabe. Jeder Austausch bekommt einen Vorgang. Jede Ausnahme landet in einer Tabelle. Nach drei Jahren kennt niemand mehr die Tabelle. Nach fünf Jahren hängt der Staat an Integratoren, die seine eigene Souveränitätskulisse warten. Das ist der deutsche Traum vom freien System: Zugang nur nach Formularprüfung.

Der alte Bürgermeister verstand mehr von Netzen als manche Digitalstratege

Johann Joseph Eichhoff schrieb 1820 über Handel, Zölle und deutsche Kleinstaaterei. Seine Welt hatte keine Cloud, keinen Paketmanager, keine Firmware-Updates. Sie hatte Mautlinien, Zölle, Transitstreit, Gewerbevereine und Fabrikanten, die englische Konkurrenz für den Untergang des Vaterlands hielten. Der Streit klingt erschreckend vertraut.

Eichhoff sah, dass jede Zoll-Linie im Innern wie eine feindliche Veranstaltung gegen den Nachbarn wirkt. Er sah, dass Abschottung teuer wird, Schmuggel erzeugt und Handel lähmt. Hardenberg formulierte den Punkt noch kälter: Wer dem Fremden den Absatz versperrt, nimmt ihm auch die Mittel, eigene Waren zu kaufen. Das ist frühe Systemtheorie mit Zolltarif.

Einfuhr und Ausfuhr hängen zusammen. Abhängigkeit und Absatz hängen zusammen. Schutz und Verteuerung hängen zusammen. Souveränität und Verlust hängen zusammen. Wer eine Grenze zieht, verändert nicht nur das Außen. Er verändert auch das Innen. Heute heißt die Mautlinie API-Grenze. Exportkontrolle. Cloud-Region. Entity List. Zertifizierung. Datenlokalisierung. Lieferkettengesetz. Sicherheitsfreigabe. Die Form ändert sich. Die Logik bleibt.

Das iPhone lacht über Kontinente

Man stelle sich vor, Amerika beschließt die Entteutonisierung des Smartphones. Weg mit deutschen Chips. Weg mit deutschen Sensoren. Weg mit deutschen Spezialklebstoffen. Weg mit deutschen Optik-Komponenten. Weg mit Maschinen, Chemie, Vorprodukten, Lizenzen, Testtechnik, Ingenieurwissen. Das wäre ein schöner Wahlkampfsatz. Dann käme die Stückliste.

Die Stückliste ist der Feind des Populisten. Sie kennt keine Flaggenlyrik. Sie kennt Teile, Toleranzen, Spezifikationen, Lieferzeiten, Patente, Ausfallraten, Zertifikate, Testzyklen, Gewährleistung, Verfügbarkeit, Preis, Qualität. Sie zeigt, dass die Welt nicht in moralischen Blöcken produziert. Sie produziert in Abhängigkeiten, die politisch störend wirken, weil sie die einfache Erzählung ruinieren.

Das iPhone ist kein amerikanisches Gerät. Es ist ein globales Gerät mit amerikanischem Design, asiatischer Fertigung, europäischen Maschinen, deutschen Spezialteilen, taiwanischer Chipkompetenz, japanischer Präzision, koreanischen Displays, niederländischer Lithographiegeschichte und weltweiter Logistik.

Das gilt für Apple. Das gilt für Google. Das gilt für AWS. Das gilt für SAP, Telekom, Siemens, Bosch, Infineon, Aleph Alpha, Open-Source-Projekte und jeden deutschen Mittelständler, der glaubt, sein ERP-System sei bodenständig, weil die Rechnung aus Walldorf kommt.

Die Freiheit steckt im Ausgang

Die Gegenfrage lautet daher nicht: Wie werden wir unabhängig? Die Gegenfrage lautet: Welche Abhängigkeiten können wir lesen, prüfen, begrenzen und verlassen? Können wir Daten mitnehmen? Können wir Schlüssel selbst verwalten? Können wir Quellcode prüfen? Können wir Paketquellen spiegeln? Können wir Dienste ersetzen? Können wir Schnittstellen dokumentieren? Können wir Verträge kündigen, ohne den Betrieb zu verlieren? Können wir im Krisenfall weiterarbeiten? Können wir Fehler öffentlich machen, ohne juristisch zerlegt zu werden? Das ist Souveränität.

Nicht die Herkunft des Logos. Nicht die Fahne am Rechenzentrum. Nicht die europäische Broschüre. Nicht die feierliche Eröffnung eines Datenraums. Nicht der nächste Rat der Souveränen, der im Anschluss seine Protokolle in einem amerikanischen Collaboration-Tool schreibt.

Sneakers, Döner, Cola, Code

Die große Heuchelei beginnt im Alltag. Wir tragen Sneakers aus globalen Lieferketten, setzen Basecaps aus Baumwolle und Polyester auf, trinken Cola, essen Pizza und Döner, fahren Autos mit Teilen aus mehreren Kontinenten, schauen koreanische Serien auf amerikanischen Plattformen, kaufen chinesische Elektronik über europäische Händler, überweisen Geld über globale Netze, arbeiten mit amerikanischer Software auf Geräten aus asiatischer Fertigung und erklären dann, Europa müsse endlich digital rein werden.

Reinheit ist keine Kategorie der Technik. Reinheit ist meistens die Sprache derer, die Komplexität nicht aushalten. Ubuntu ist ehrlicher. Ich bin, weil wir sind. Mein System läuft, weil fremde Systeme laufen. Meine Sicherheit wächst, weil Fremde prüfen. Mein Wohlstand entsteht, weil andere kaufen. Meine Freiheit hängt daran, dass ich Abhängigkeiten kenne und Auswege baue.

Die Souveränitätsfreunde sollten also aufhören, bei jedem geopolitischen Glockenschlag zu sabbern.

Die Aufgabe ist härter.

Nicht abschotten. Verstehen.
Nicht etikettieren. Prüfen.
Nicht predigen. Bauen.
Nicht Reinheit suchen. Ausgänge schaffen.

Wir sind alle Ubuntu.

Auch die, die es mit einem europäischen Aufkleber überkleben wollen.Die Idee zu diesem Posting kam übrigens nicht vom alten Sohn. Es entstand im Kopf von Constantin.

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