Wumpe-Seminar für Fortgeschrittene: Kleine Schule der souveränen Kränkung

Ein Debattenteilnehmer schrieb mir: „Ihre subjektiven Bewertungen („schwach“) sind mir vollkommen wumpe. Sie finden hier aber sicher eine Selbsthilfegruppe von Männern im besten Alter, dessen Ego durch simple Kritik von mir gekränkt wurde. Viel Erfolg und alles Gute.“ Man muss diesen Satz langsam lesen. Aus sportlicher Fairness. Hier tritt ein rhetorischer Mehrkämpfer an, der gleich mehrere Disziplinen in einem Lauf absolviert: Herablassung, Psychoanalyse, Altersdiagnostik, Gruppenpathologisierung, Abschiedsgruß. Alles in zwei Sätzen. Ökonomisch. Kompakt. Fast schon klimaneutral. Die Klammernoten folgen der alten Eiskunstlaufskala: 0,0 für Ausrutschen beim ersten Nebensatz, 6,0 für eine perfekte Pirouette der Überlegenheit. (Tonlage: 5,8).

„Wumpe“ trägt die ganze Konstruktion. Es soll sagen: Ich bin unberührt. Ich schwebe darüber. Ich registriere das kaum. Dann hat der Satz allerdings noch genug Energie, um eine kleine Reha-Klinik für verletzte Egos in den Nachsatz zu bauen. Wer etwas vollkommen wumpe findet, richtet gewöhnlich keine Selbsthilfegruppe für die Betroffenen ein. (Souveränität: 3,2)

Besonders fein gearbeitet ist die „Selbsthilfegruppe von Männern im besten Alter“. Das ist keine Antwort mehr, das ist betreutes Framing. Man nimmt einen Einwand, sortiert ihn nach Geschlecht, Alter und vermuteter Kränkung, klebt noch „Ego“ darauf und schiebt das Ganze in den Seminarraum für emotionale Restbestände. Fertig ist die Kritikabwehr im Wochenendformat. (Diagnostische Trefferquote: wird nachgereicht)

Auch das Wort „subjektiv“ arbeitet fleißig. Bewertungen sind bei Kritik meistens subjektiv, sonst wären sie Messwerte. „Schwach“ ist kein Laborbefund, kein Blutdruckwert, keine TÜV-Plakette. Es ist ein Urteil. Man kann es annehmen, zurückweisen, begründen, kontern. Oder man baut daraus eine kleine Sozialstudie über Männer in mittlerer Reife. (Methodik: 2,1)

Der eigentliche Zauber liegt im Rollenwechsel. Erst ambitionierter Dozent, dann Therapeut, dann Türsteher, dann Glückwunschkartenautor. Das alles in einem Atemzug. Man möchte fast applaudieren, wäre da die Sorge, dass Applaus ebenfalls als subjektive Bewertung gedeutet wird und folglich wumpe wäre. (Darstellerische Vielseitigkeit: 6,0)

Inhaltlich bleibt der Satz übersichtlich. Er erklärt nicht, weshalb die Kritik falsch ist. Er zeigt keinen Denkfehler. Er klärt keinen Begriff. Er sagt: Der Kritiker ist gekränkt. Das ist praktisch. So muss man sich mit dem Satz des anderen gar nicht mehr befassen. Man befasst sich mit dessen vermutetem Innenleben. (Argumentationsökonomie: hoch, Erkenntnisgewinn: niedrig)

Vielleicht ist das die neue Schule öffentlicher Debatte. Man braucht keine Begründung mehr. Eine kleine Pathologisierung reicht. Dazu ein wenig Alterssoziologie und ein höflicher Rausschmeißer am Ende. „Viel Erfolg und alles Gute“ heißt dann: Ich habe Sie gerade rhetorisch aus dem Fenster geschoben, wünsche Ihnen auf dem Weg nach unten aber beste Gesundheit. (Abgang: 5,5)

Ich nehme also mit Dank zur Kenntnis: Meine Bewertung war subjektiv. Die Ferndiagnose des Gegenübers offenbar amtlich geprüft. Meine Kritik war gekränkt. Die Antwort stand auf dem Gipfel reiner Sachlichkeit. Ich suche nun pflichtbewusst die angekündigte Selbsthilfegruppe. Thema der ersten Sitzung: „Wie überlebe ich simple Kritik von Menschen, denen ich vollkommen wumpe bin?“ (Gruppendynamik: ausbaufähig)

Tagesordnungspunkt zwei: Grammatik. „Männer im besten Alter, deren Ego…“ Aber das nur am Rand. Man will ja niemanden zusätzlich belasten. (Sprachgefühl: 3,8)

Viel Erfolg und alles Gute.

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