
Der Soziologe Dirk Baecker hat auf LinkedIn die richtige Frage verschärft: Lässt sich die Debatte über Organisationskultur vom Kitsch befreien, der sie durchzieht? Seine Formulierung trifft den Kern: Es müsste möglich sein, sich mit experimentellem Vergnügen in kluger Kooperation mit Notwendigkeiten auseinanderzusetzen, die sich jederzeit als kontingent erweisen.
Das ist eine anspruchsvolle Definition von Organisationskultur. Sie räumt mit der Vorstellung auf, Kultur sei ein Wärmestrom aus Sinn, Vertrauen, Werten und Zugehörigkeit. Kultur beginnt dort, wo Menschen mit Regeln, Weisungen, Abhängigkeiten, Erwartungen und knappen Entscheidungsspielräumen arbeiten müssen. Sie beginnt beim Arbeitsvertrag.
Der Arbeitsvertrag erzeugt keine Unternehmerrepublik
Der Angestelltenvertrag macht Menschen zu Beschäftigten, zu Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, zu Personen mit Rechten, Pflichten, Schutzansprüchen und Weisungsgebundenheit. Er erzeugt keine kleine Republik selbständiger Unternehmer im Betrieb.
Das Management spricht gern vom „Unternehmer im Unternehmen“. Die Formel verschiebt Verantwortung nach unten und hält Eigentum, Letztentscheidung und Haftung oben. Wer echte unternehmerische Verantwortung verlangt, muss Entscheidungsmacht, Kapitalrisiko, Verfügungsrechte und Exit-Optionen mitdenken. Fehlt das, bleibt die Formel ein pharisäerhafter Appell.
Der Beschäftigte stellt Arbeitskraft zur Verfügung. Er akzeptiert Loyalitätspflichten. Er erfüllt Aufträge. Er bewegt sich in einem Bereich, den der Vertrag nie vollständig ausbuchstabieren kann. Genau dort beginnt die Organisationsfrage.
Pauschalunterwerfung ist keine Totalunterwerfung
Dirk Baeckers Begriff der Pauschalunterwerfung trifft die betriebliche Realität, weil er den Arbeitsvertrag weder romantisiert noch dämonisiert. Der Arbeitnehmer unterwirft sich nicht total. Er akzeptiert eine unbestimmte Zone von Erwartungen, Weisungen und Anpassungen.
Chester I. Barnard nannte diese Zone „Indifferenzzone“. In ihr nimmt der Beschäftigte Anweisungen an, obwohl Arbeitsvertrag und Stellenbeschreibung die konkrete Arbeit nur grob erfassen. Diese Zone wächst in wissensintensiven Organisationen. Beschäftigte sollen kommunizieren, improvisieren, lernen, Konflikte lösen, Kunden beruhigen, Technologie verstehen, Teams stabilisieren, Widersprüche aushalten, Flurfunk aushalten und Machtspielchen überleben.
Die neue Organisation verlangt viel Persönlichkeit. Sie will Aufmerksamkeit, Kreativität, Anpassung, Emotion, Selbststeuerung, Lernbereitschaft und kommunikative Geschmeidigkeit. Der Vertrag bleibt formal begrenzt. Die Erwartung wird grenzenloser.
Argyris erklärt die Infantilisierung der Organisation
Der Organisationsforscher Chris Argyris beschreibt den Konflikt zwischen reifer Persönlichkeit und formaler Organisation. Erwachsene Menschen entwickeln sich zu mehr Aktivität, Unabhängigkeit, längerer Zeitorientierung, vielfältigerem Verhalten und Selbstkontrolle. Viele Organisationen behandeln sie wie Abhängige.
Daraus entsteht Infantilisierung. Der Beschäftigte soll erwachsen handeln, bleibt aber in Verfahren eingebaut, die ihn auf Erlaubnis, Zustimmung, Kontrolle und Unterordnung verweisen. Er soll Initiative zeigen, wartet auf Freigaben. Er soll Verantwortung übernehmen, bekommt keine Entscheidungsmacht. Er soll mutig handeln, lernt aber, dass Abweichung Karriere kostet. In der Powerpoint-Schwafler-Typologie – nachzulesen auf ichsagmal.com – erscheint diese Ordnung als Befehler: ein Vorgesetzter, der Folienproduktion und Laptop-Bedienung kommandiert, den Inhalt kaum kennt und Unsicherheit mit Regieanweisungen überspielt – „Nein, noch mal kurz zurück“, „Jetzt nächste Folie“. Neben ihm stehen der Folienbeamte, der Denken in Kästchen sperrt, der Strategienebler, der Entscheidungen mit Großwörtern vertagt, und der Kulturprediger, der Vertrauen sagt und Kontrolle organisiert.
Der Angestelltenvertrag infantilisiert damit nicht allein juristisch. Er infantilisiert organisatorisch, falls er Menschen in eine dauerhafte Abhängigkeit von Weisung, Bewertung und symbolischer Elternmacht versetzt. Die Führungskraft erscheint dann als Erlaubnisinstanz. Das Reporting wird zum Schulheft. Die Zielvereinbarung wird zum Zeugnis. Der Mitarbeiterdialog wird zur pädagogischen Szene.
Organisationskultur kompensiert die Infantilisierung
Unter diesem Gesichtspunkt bekommt Organisationskultur eine andere Funktion. Sie kompensiert, belohnt und bemäntelt die Infantilität, die formale Organisation erzeugt. Sie kompensiert, indem sie Wärme spendet, wo Abhängigkeit herrscht. Sie belohnt, indem sie Anerkennung, Zugehörigkeit und Sinn verteilt, wo Autonomie begrenzt bleibt. Sie bemäntelt, indem sie Machtfragen in Wertefragen übersetzt.
Genau daraus entsteht der Kitsch. Die Organisation redet von Freiheit und produziert Freigabeprozesse. Sie redet von Vertrauen und installiert Kontrollsysteme. Sie redet von Selbstverantwortung und lässt Entscheidungen durch Hierarchien wandern. Sie redet von Sinn und spart Personal ein. Sie redet von Fehlerkultur und bestraft den sichtbaren Fehler. Der Kitsch liegt nicht im guten Willen. Er liegt in der Weigerung, die Asymmetrie zu benennen.
Zynismus ist die Gegenrede der Organisation
Niklas Luhmann und Dirk Baecker liefern den Begriff für diese Lage: Organisationen sprechen zwei Sprachen. Die erste Sprache ist offiziell. Sie besteht aus positiven, kaum ablehnungsfähigen Vokabeln: Ziel, Strategie, Innovation, Motivation, Kundenorientierung, Mitarbeiterbindung, Kollaboration, offene Kommunikation.
Die zweite Sprache ist zynisch. Sie entsteht dort, wo Beschäftigte die offizielle Rede an der Realität messen. Der zynische Kommentar sagt: Wir wissen, was gemeint ist. Wir kennen die Differenz zwischen Präsentation und Praxis.
Zynismus ist deshalb kein Defekt der Belegschaft. Er ist Organisationsintelligenz unter schlechten Kommunikationsbedingungen. Er zeigt, wo Kulturformeln ihre Deckung verloren haben. Wer Zynismus nur bekämpft, beseitigt den Sensor. Wer ihn liest, erkennt die Bruchstellen.
Kitsch entsteht aus verweigerter Kontingenz
Baeckers Hinweis auf kontingente Notwendigkeiten ist zentral. Organisationen behandeln ihre Regeln gern als Sachzwang. Es muss so sein. Der Markt verlangt es. Die Strategie verlangt es. Die Compliance verlangt es. Der Kunde verlangt es. Die Transformation verlangt es.
Viele dieser Notwendigkeiten sind kontingent. Sie könnten anders geregelt werden. Andere Ziele, andere Messgrößen, andere Zuständigkeiten, andere Fristen, andere Budgets, andere Entscheidungsrechte wären möglich. Das macht sie nicht beliebig. Es macht sie gestaltbar.
Kitsch entsteht, wenn Organisationen ihre eigenen Entscheidungen als Naturgesetze verkaufen und dazu Gefühlssprache liefern. Harte Kultur beginnt, sobald eine Organisation sagt: Wir haben so entschieden. Wir könnten auch anders entscheiden. Wir tragen die Folgen.
Experimentelles Vergnügen braucht harte Grenzen
Experimentelles Vergnügen klingt leicht. Es braucht Disziplin. Ein Experiment hat Annahmen, Laufzeit, Kriterien, Abbruchbedingungen, Verantwortliche und Lernlogik. Viele Kulturprogramme imitieren Experiment. Sie sammeln Post-its, erzeugen Energie, fotografieren Workshops und vermeiden die Entscheidung.
Experimentelles Vergnügen heißt: Wir testen eine andere Verteilung von Entscheidungsmacht. Wir entfernen eine Freigabestufe. Wir geben einem Team Budget. Wir stoppen ein Reporting. Wir prüfen nach sechs Wochen, was geschieht. Wir ändern die Regel, falls sie Unsinn erzeugt.
Vergnügen entsteht dabei nicht aus Harmonie. Es entsteht aus Spielraum, Neugier und riskanter Intelligenz. Erwachsene Menschen halten Ambivalenz aus, falls man sie nicht wie Kinder behandelt.
Klugen Kooperationen fehlt oft die Machtfrage
„Kooperation“ ist ein Lieblingswort der Kulturdebatte. Es bleibt harmlos, solange die Machtfrage fehlt. Wer kooperiert mit wem? Wer kann Nein sagen? Wer trägt die Kosten? Wer entscheidet bei Konflikt? Wer verliert Status, Budget oder Einfluss?
Eine kluge Kooperation akzeptiert unterschiedliche Interessen. Arbeitgeber wollen Leistung, Anpassungsfähigkeit, Kundenwert und Rendite. Beschäftigte wollen Einkommen, Anerkennung, Schutz, Entwicklung, Sinn und Zeit. Diese Interessen überschneiden sich. Sie fallen nie vollständig zusammen.
Ehrliche Kultur organisiert diese Differenz. Sie zwingt Menschen nicht zur Sprache totaler Identifikation. Sie erlaubt Loyalität ohne Selbstaufgabe. Sie erlaubt Kritik ohne Exil. Sie erlaubt Zugehörigkeit ohne Vereinnahmung.
Die harte Organisationskultur spricht in Verfahren
Eine harte Organisationskultur verzichtet auf Heilswörter. Sie spricht in Verfahren. Wer entscheidet? Welche Regel gilt? Welche Regel fällt weg? Welcher Konflikt darf ausgesprochen werden? Welche Kennzahl erzeugt falsches Verhalten? Welche Führungskraft blockiert Arbeit? Welche Aufgabe kann das Team ablehnen? Welche Zeit steht für Lernen bereit? Welche Daten dürfen für Bewertung genutzt werden? Welche Sanktion folgt auf Machtmissbrauch?
Das klingt unfeierlich. Es ist der Beginn von Glaubwürdigkeit. Kultur zeigt sich nicht in Wertelisten. Sie zeigt sich in der nächsten Entscheidung über Budget, Beförderung, Fehler, Einspruch, Arbeitslast und Risiko.
Es gibt keinen Ausweg aus Organisation
Baeckers Satz „Es gibt ja keinen Ausweg, keine Alternative“ sollte nicht fatalistisch gelesen werden. Moderne Gesellschaft lebt von Organisationen. Universitäten, Krankenhäuser, Unternehmen, Verwaltungen, Medienhäuser, Gerichte, Forschungseinrichtungen, Plattformen, Verbände: Sie alle arbeiten mit Mitgliedschaft, Rollen, Verfahren und Entscheidungen.
Der Ausweg aus Organisation führt selten in Freiheit. Er führt oft in Marktzwang, Vereinzelung oder Plattformabhängigkeit. Die Frage lautet daher nicht, wie man Organisation abschafft. Die Frage lautet, wie man Organisation erwachsener macht.
Erwachsen heißt: weniger Kitsch, mehr Verfahrenstreue. Weniger Sinninszenierung, mehr Entscheidungsklarheit. Weniger Motivationssprache, mehr Schutz von Widerspruch. Weniger pädagogische Führung, mehr geteilte Arbeit an kontingenten Regeln.
Eine erwachsene Organisation braucht keine permanente Begeisterung
Kulturprogramme verlangen oft Begeisterung. Erwachsene Organisationen brauchen keine Dauerbegeisterung. Sie brauchen Verlässlichkeit, Konfliktfähigkeit, Urteilskraft und die Fähigkeit, schlechte Nachrichten zu verarbeiten.
Der Beschäftigte muss nicht lieben, was er tut. Er muss es können, verantworten und in einem fairen Rahmen leisten. Das Unternehmen muss nicht Familie spielen. Es muss Arbeit so organisieren, dass Menschen wirksam handeln können, ohne sich selbst zu verleugnen.
Eine Organisation, die weniger verspricht, kann mehr halten. Sie muss keine Seele retten. Sie muss Regeln bauen, die Menschen nicht klein machen.
Organisationskultur ohne Kitsch ist Erwachsenenbildung im Betrieb
Der Weg aus der Infantilisierung führt über Lernfähigkeit. Argyris würde hier von Lernen zweiter Ordnung sprechen: Menschen korrigieren nicht nur Fehler innerhalb bestehender Regeln. Sie prüfen die Regeln selbst. Eine erwachsene Organisationskultur fragt daher: Welche Annahmen steuern unser Handeln? Welche Routinen schützen Macht? Welche Ziele erzeugen Zynismus? Welche Regel behandeln wir als notwendig, obwohl sie kontingent ist?
Das ist keine weiche Kulturarbeit. Es ist harte Organisationsarbeit. Sie verlangt Mut zur Beschreibung. Sie verlangt begrenzte Experimente. Sie verlangt Führungskräfte, die ihre pädagogische Pose ablegen. Sie verlangt Beschäftigte, die Kritik präzisieren. Sie verlangt Verfahren, die Widerspruch nicht bestrafen.
Arbeitsdefinition
Organisationskultur ohne Kitsch ist die Fähigkeit einer Organisation, ihre notwendigen Abhängigkeiten offen zu beschreiben, ihre kontingenten Regeln experimentell zu prüfen und erwachsene Menschen an Entscheidungen zu beteiligen, deren Folgen sie tragen sollen. Sie kompensiert nicht die Pauschalunterwerfung. Sie macht sie sichtbar. Sie belohnt nicht kindliche Folgsamkeit. Sie schützt erwachsene Urteilskraft. Sie bemäntelt nicht Macht. Sie zwingt Macht zur Begründung. Darin liegt die Aufgabe: Organisationen werden nicht frei von Abhängigkeit. Sie können lernen, Abhängigkeit weniger infantil zu gestalten.
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