Im Kreisverkehr der Deutschland AG gedeiht keine #Digitalkompetenz

Unternehmerisches Denken und Digitalkompetenz werden häufig als die zentralen Schlüsselfähigkeiten für die Meisterung der Herausforderungen im digitalen Zeitalter genannt. Grund genug für das Forscherteam von Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, einmal genauer hinzusehen, inwieweit deutsche Vorstände in DAX- und MDAX-Konzerne hierfür entsprechende Erfahrungen mitbringen. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

„Die Befunde haben uns in ihrer Radikalität erstaunt. Nur 25 Prozent der untersuchten 411 Lebensläufe kann unternehmerische Erfahrungen vorweisen und acht Prozent verfügen über Digitalerfahrungen“, so Kawohl im Netzpiloten-Interview.

Auch das Durchschnittsalter der Vorstände spricht nicht für frische Geister in den größeren Unternehmen. Es liegt bei knapp 53 Jahren. „Volkswagen hat den ältesten Vorstand. Der geht auf die 60 zu“, kommentiert der Wissenschaftler. Hier liegt vielleicht eine Ursache für das rückwärtsgewandte Dieselniveau der Wolfsburger Top-Manager. Interessant sind die Indikatoren für die relativ austauscharme Luft auf den obersten Etagen der Konzern-Führungsriegen in Deutschland.

Wer im Kamin hochfährt, bleibt im alten Trott

„Wer klassische Konzernkarrieren macht und den Kamin hochfährt, kann kaum Außenerfahrungen sammeln im digitalen Kontext oder im Umfeld von Startups. Auch die unternehmerische Expertise bleibt auf der Strecke“, so Kawohl.

Er selbst hat bei AXA erlebt, wie Vorstandsberufungen ablaufen. Da werden klassische Headhunter beauftragt, die dieses Geschäft schon seit Jahrzehnten erledigen. Es sind immer die üblichen Adressen. Die bekommen ein Profil und schauen in ihrem alten Netzwerk nach geeigneten Kandidaten. Manchmal sind es auch Seilschaften, die von ehemaligen Unternehmenschefs organisiert werden. Das Suchfeld sei so ausgeprägt, den alten Kreislauf der Deutschland AG in Betrieb zu halten, weiß Kawohl:

„Unter solchen Bedingungen kann wenig Neues von außen kommen.“

Zudem erschwert die Zusammensetzung der Aufsichtsräte die Findung von digitalen Talenten. In diesen Gremien sitzen ehemalige Vorstände, Juristen, Controller, institutionelle Anleger oder irgendwelche milliardenschweren Investoren. Sie sind Teil des alten Kreisverkehrs und eher an geschlossenen Formationen interessiert.

„Die kulturellen Unterschiede zwischen denjenigen Nachwuchskräften, die man dringend braucht und den alten Tankern, die transformiert werden müssen, sind doch sehr groß. Da hilft dann auch die Gründung von Labs oder der Kauf von Startups nicht weiter“, erläutert Kawohl gegenüber den Netzpiloten.

Wie sich das in der radikalen Form ändern lässt, belegt das Beispiel des Axel Springer Verlages:

„Die erwirtschaften mittlerweile deutlich mehr als die Hälfte des Umsatzes und des Gewinns über digitale Themen. Das Medienunternehmen ist durch einen extrem schmerzhaften Prozess gegangen. In zehn Jahren wurden 90 Prozent des Top-Managements ausgetauscht“, so Kawohl.

Für Daimler wäre das wohl etwas zu sportlich. Aber prinzipiell muss es eine Verjüngung des Vorstandsteams und eine Mischung der Struktur in der obersten Führungsetage geben.

Empfehlungen für Konzerne

Folgende Vorschläge macht die Studie der HTW-Berlin: Aufbau von Senior-Junior-Vorstandstandems zur gegenseitigen Befruchtung; Vermehrte Job-Rotation und Einsatz der Vorstandskandidaten in Digitalbereichen und 
internen Startups; Gezielte Übernahme von Startups inklusive deren Gründerteam und Einsatz in 
Topmanagement-Positionen im Mutterkonzern 
- gelingt nur bei einem Kulturwandel.

Dazu kommen Rekrutierung des Topmanagements auch für klassische Business-Ressorts von außen in der 
Start-up-Szene; Schaffung eines Umfelds, das es Talenten aus der Digitalszene und ehemaligen Unternehmern 
ermöglicht, in das Topmanagement etablierter Unternehmen aufzusteigen; Besetzung des Aufsichtsrats und hier insbesondere des Nominierungsausschusses durch 
Personen mit Entrepreneurship- und Digitalerfahrung; Schaffung von externen Beiräten zum Coaching von Aufsichtsrat und Vorstand für die 
Vorstandsnachfolgeplanung.

„Insbesondere aus Sicht der Investoren ist es wichtig, dass Unternehmensvorstände nicht nur über das theoretische Wissen verfügen, den digitalen Wandel zu gestalten. Konkret bedeutet dies, dass Investoren bereit sind, einen höheren Preis zu zahlen für ein Unternehmen, das mit der digitalen Transformation konfrontiert wird, wenn es von einem Vorstand geleitet wird, der diese strategischen Herausforderungen auch durch seine Persönlichkeit verkörpert“, betont Kawohl.

Digitalisierung reicht nicht aus

Dabei darf die reine Digitalisierung nicht mit der digitalen Transformation verwechselt werden. Darauf verweist der CIO-Kurator Stefan Pfeiffer:

„Digitale Technologien haben wir auch schon zu Zeiten von SAP- und PeopleSoft-Einführungen und auch vorher genutzt, um Prozesse zu automatisieren.“

Es sei eben nicht damit getan, „nur“ in neue und bessere Technologien zu investieren, um die Organisation auf Effizienz zu trimmen. Dieser Denkansatz dominiert in vielen Unternehmen. Wahre digitale Transformation erfordere einen fundamentalen Wandel, wie Leute arbeiten und welche Angebote man Kunden mache. Bestehende IT Systeme – die viel zitierten Legacy-Systeme – seien oft eher eine Bürde denn eine Hilfe, schreibt Pfeiffer. Ausführlich nachzulesen bei den Netzpiloten.

Siehe auch:

Digitalisierung ohne Kulturwandel funktioniert nicht

Führungskräfte wollen den Kontrollverlust „organisieren“….wie süß

Lauern die Holtrops nicht überall?
Lauern die Holtrops nicht überall?

Unternehmensführer haben angeblich längst persönlich Verantwortung für das Gelingen der digitalen Transformation übernommen. Das behauptet zumindest eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Für die Untersuchung wurden ausschließlich CEOs und Aufsichtsratsvorsitzende von 78 der umsatzstärksten Unternehmen aus Deutschland ausgewählt – frei nach dem Motto „Frag den Bäckermeister, wie er seine Brötchen beurteilt“.

„In der Studie artikulieren die Manager deutlich, dass jetzt vor allem die richtige Führung und die richtige Kultur zum Ziel führen. Denn es ist nicht trivial, den Kontrollverlust zu organisieren. Es braucht einen Mentalitätswandel, lieber früh zu scheitern, um zielstrebig die Richtung zu ändern. Dazu gehören Offenheit und Flexibilität, um stärker als bisher auf Kooperationen mit Wettbewerbern zu setzen“, schreiben die Studienautoren.

Die größten Defizite beim digitalen Wandel ihrer Organisationen, sehen die Manager in den Chefetagen übrigens nicht bei sich selbst, sondern – welch eine Überraschung – bei ihren Mitarbeitern. Auch die Wettbewerber werden durchgehend schlechter beurteilt als das eigene Unternehmen.

„Keiner nennt in diesem Zusammenhang aber potenzielle Disruptoren aus der digitalen Welt, beispielsweise Startups, alle achten bisher nur auf klassische Konkurrenten.“

Für den eigenen Führungsstil wird zwar auch Nachholbedarf konstatiert, allerdings sehen hier die Umfrageteilnehmer die kleinste Transformationslücke.

Digitale Kompetenz bei Vorständen zweitrangig

Bei Vorstandsbesetzungen spielen die Aspekte der digitalen Transformation keine dominante Rolle, obwohl das Thema von existenzieller Relevanz für Unternehmen ist. Bei Aufsichtsratsbesetzungen ist die Lücke noch größer. Das überrascht nicht wirklich, wo doch die wichtigsten Posten in Unternehmen eher im Verborgenen ablaufen. Da zählt eben Habitus mehr als die Qualifikation, wie der ehemalige Konzernvorstand Thomas Sattelberger im ichsagmal-Sommerinterview konstatierte.

Ausführlich in meiner heutigen Notiz-Amt-Kolumne nachzulesen: Mit einem Schatten in der Birne misslingt die digitale Transformation

Siehe auch: Digitale Transformation: Deutschlands Top-Manager sehen großen Nachholbedarf

Jetzt live: Video schlägt Telefon und E-Mail – Bloggercamp.tv-Diskussion mit dem Fraunhofer Institut

Heute senden wir die erste Session von Bloggercamp.tv ausnahmsweise mal nicht um 18:30 Uhr, sondern schon um 11 Uhr.

Gespräch mit Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut über eine neue Studie zum Einsatz von Videokommunikation in Unternehmen.

Zwischenrufe via Twitter erwünscht! Hashtag #bloggercamp

Langweilige Zukunftsstudie zeigt: Digitale Technologien erfüllen Nutzerwünsche nur teilweise – Wie überraschend…

Langeweile muss nicht sein

Zwischen Nutzerwünschen und digitalen Technologieangeboten klafft eine große Lücke. Das ist das Ergebnis einer Zukunftsstudie, die der Münchner Kreis heute in Berlin vorgestellt hat. So sollte die Kommunikation zwischen Bürgern und Staat einfacher, schneller und vertrauenswürdiger sein. Hauptsächlich mehr Kundenfreundlichkeit und eine einfachere Zugangsart zu den Diensten, beispielsweise zu virtuellen Rathäusern, sind dabei von Bedeutung. Allgemein erwarten die Bürger zunehmend, dass die aus dem Privat- und Berufsleben bekannten Gestaltungs- und Interaktionsmöglichkeiten auch in der Kommunikation mit den Behörden zur Verfügung stehen. Dafür sind neben strukturellen Veränderungen auch neue, innovative Serviceleistungen notwendig, die den Bürger von den Möglichkeiten der direkten Kommunikation mit dem Staat überzeugen, und ihn dazu einladen, diese Dienste häufiger zu nutzen.

Wer sich die Bund Online-Projekte anschaut, weiß, dass das noch nicht einmal in Ansätzen funktioniert. Bei Bundesländern und Kommunen sieht es nicht viel besser aus.

Generell werden bei den Anwendern Defizite in der Benutzerfreundlichkeit benannt. Das gilt nicht nur für intuitiv bedienbare, intelligente Arbeitsmittel und Medien, sondern äußert sich auch im Wunsch nach unkomplizierten Mobilitätslösungen sowie einfachen Verwaltungsprozessen.

„Die Zukunftsstudie zeigt, dass sich das Verständnis von Arbeit, Mobilität, Medien und Verwaltung weltweit teilweise drastisch wandelt. Der Nutzer hat neue Erwartungen an Angebote und Lösungen aus den Informations-, Telekommunikations- und Medienbranchen, die von den Anbietern aufgegriffen werden sollten“, so Robert A. Wieland, Geschäftsführer von TNS Infratest.

Unternehmensgrenzen und Wertschöpfungsketten würden sich auflösen und finden sich in neuen Kooperationsmustern sowie Partnerschaften wieder. Nutzer entwickeln sich zu aktiven Mitgestaltern von Problemlösungs- und Wertschöpfungsprozessen.

„Die Zukunftsstudie gibt wichtige Impulse für Politik und Wirtschaft. Ihre Ergebnisse werden, wie in den vorhergehenden Jahren, auch 2013 in den IT-Gipfel der Bundesregierung einfließen“, behaupten die Autoren.

TNS Infratest befragte dafür in einer internetbasierten Befragung insgesamt 7.278 regelmäßige Internetnutzer in den Ländern Deutschland, USA, Brasilien, China, Südkorea und Indien.

Mein Urteil: Ich habe nun wirklich nach Aussagen mit Substanz gesucht und wenig gefunden. Das Werk überschlägt sich mit langweiligen Allgemeinplätzen.

Etwas konkreter dürfte es schon sein, auch wenn man empirisch arbeitet.

Um nach der Studienlektüre aus dem Koma aufzuwachen, lohnt sich vielleicht die Lektüre meiner Titelgeschichte, die ich vor gut zwei Jahren für die absatzwirtschaft geschrieben habe: Sag es einfach: Abkehr von der technischen Litanei der IT-Branche – Erotikfaktor von Betriebssystemen eher bescheiden.

Internet „kann“ Unternehmen erfolgreicher machen: Nicht als Megabit-Gesellschaft herumdümpeln

Maschinen fressen Daten

Unternehmen, die das Internet in ihre Geschäftsmodelle integrieren, seien erfolgreicher als der Rest der Wirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die BITKOM, das IW Köln und Google auf der Hannover Messe vorgestellt haben. Demnach erwarten rund 60 Prozent der internetaffinen Unternehmen im Geschäftsjahr 2013 ein deutliches Umsatzwachstum. Unter den Unternehmen, für die das Internet eine untergeordnete Rolle spielt, waren es nur 46 Prozent (Industrie) und 38 Prozent (Dienstleister).

Internetaffine Industrieunternehmen erwirtschaften zusammen bereits etwa 44 Prozent des Branchenumsatzes. Diese Unternehmen sind überdurchschnittlich innovativ, wollen in diesem Jahr verstärkt investieren und Arbeitsplätze aufbauen. Hier macht sich der Trend zu Industrie 4.0 bemerkbar. Unter dem Begriff versteht man die Steuerung von Entwicklung und Produktion über das Internet.

„Der industrielle Sektor steht vor einem massiven Umbruch, die kommende industrielle Revolution wird durch Vernetzung und das Internet angetrieben“, sagt Marco Junk von der BITKOM- Geschäftsleitung.

Über 80 Prozent der IT-Unternehmen sehen in der Industrie 4.0 ein wichtiges Geschäftsfeld für die Branche. Das bestätigt auch Udo Nadolski vom Düsseldorfer Beratungshaus Harvey Nash: Alles, was unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ derzeit auf der Hannover Messe vorgestellt werde, sei eindrucksvoll und zeigt, wie weit das Internet mittlerweile in die klassische Industrie eindringt.

„Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Derzeitig gibt es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zischen Maschinen und Produkten. Bis 2020 liegen wir nach Prognosen von Cisco bei 50 Milliarden Gegenständen. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir bereits jetzt konsequent in den Breitbandausbau investieren. Ansonsten können wir in Deutschland die Früchte unserer Grundlagenforschung und Innovationen der vierten industriellen Revolution nicht ernten. Fortschritt braucht die entsprechende Infrastruktur, damit er nicht abgewürgt wird“, resümiert Nadolski.

Auf dem nächsten IT-Gipfel der Bundesregierung sollte daher ein ehrlicher Kassensturz vorgenommen werden, damit wir international nicht weiter als Megabit-Gesellschaft herumdümpeln.

“Wir geben uns keine Mühe, um an der Spitze dabei zu sein. Die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hat in Deutschland keinen hohen Stellenwert. Bei der Politik erstaunt mich das nicht. Aber die Industrie müsste doch stärker auf den Putz hauen”, fordert bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk.

Und dann wollte ich nur sagen:

Das hier entscheidet.

Wir wollen im Bloggercamp einige netzökonomische Runden machen. Vielleicht sogar mal die generelle Frage, ob die Netzökonomie ein blinder Fleck der Netzgemeinde ist. Oder, oder, oder. Vorschläge willkommen. Fließen auch in unser Unbuch-Projekt zur Streaming-Revolution ein.

Wir unterstützen Euch, bitte unterstützt unser Startnext-Ding.

Siehe auch:

3 vor 6: 10 Thesen zur Zukunft von Social Media, der Erfolg internetaffiner Unternehmen, Posting-Strategie für Facebook.

Netzpräsente Firmen sind erfolgreicher.

Wächst beeindruckend: Fab: Entdecken statt suchen

Schädlich auch für die Netzökonomie: Netzpolitik mit Geschmäckle.