NSA-Schnüffler und das Hans-Wurst-Prinzip – Symbolkraft für den Widerstand gesucht

Internet zurückerobern
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Der NSA-Totalüberwachungsstaat hat uns das Netz entrissen und wir tun uns schwer, den Widerstand gegen die verdachtsunabhängige und freiheitsfeindliche Datenspionage zu organisieren. Sascha Lobo und Felix Schwenzel brachten das in ihren Republica-Vorträgen deutlich zum Ausdruck. Der Funke des politischen Widerstands springt nicht über, obwohl wir im Westen gerade eine „Entkernung“ unseres Staatsmodell miterleben:

„Freier Bürger bedeutet heute gefährlicher Bürger – er könnte ja etwas aushecken“, so die Schriftstellerin Juli Zeh.

Die Überwachung und Sammlung von Daten sei nur der erste Schritt bei der Demontage von Freiheitsrechten. Durch Snowden ist klar geworden, dass Geheimdienste von der Hybris beseelt sind, menschliches Verhalten mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vorherzusagen. Profiling mit Algorithmen. Aber was passiert, so Zeh, wenn ein Algorithmus prognostiziert, dass ein bestimmter Bürger mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent straffällig werde – also das Szenario aus dem Kinofilm „Minority Report“ eintritt?

Was machen wir dann?

„Halten wir ihn von der Straftat ab, landen wir in einer Präventiv-Gesellschaft und unterwerfen uns den Rechenergebnissen von Maschinen“, warnt Zeh.

Trotz der Enthüllungen von Snowden ist es dennoch für die Zivilgesellschaft schwierig, das Bedrohungsszenario zu riechen, zu sehen und anzufassen.

„Wir wissen nicht, was wir dagegen tun können und vor allem gegen wen oder was wir kämpfen sollen. Wir wissen nicht, wie wir aus dem Schlamassel wieder rauskommen sollen“, sagt Felix Schwenzel.

Druck auf die politischen Führungskräfte zu machen und von Staaten eine Umkehr zu erhoffen, sei dabei wohl der falsche Weg. Felix bringt deshalb „Sog statt Druck“ ins Spiel. Und noch wichtiger, er hat Beispiele vorgetragen, in denen der Staat durch Proteste in die Knie gezwungen werden kann, auch wenn es eine weit verbreitete Mir-doch-egal-oder-ich-hab-nichts-zu-verbergen-Haltung gibt. Es geht um Symbolkraft und Personalisierung oder besser gesagt, persönliche Betroffenheit. Felix zeigte in Berlin eine Aufnahme vom 3. Mai 1963.

Symbolkraft
Symbolkraft

„Viele sind der Meinung, dass die Proteste in Birmingham und vor allem dieses Bild die entscheidende Wende im Kampf gegen die Rassentrennung brachte….Zuvor hatte Martin Luther King und seine Bewegung neun Monate vergeblich versucht, in Albany, Georgia gegen die Rassentrennung zu protestieren — ohne nennenswerte Erfolge. Vor allem, weil der Polizeichef es verstand, (fotogene) Gewalt beim Umgang mit den Protestierenden zu vermeiden….Das Bild vom 3. Mai 1963 rief so starke Reaktionen hervor, dass es nicht nur eine profunde Wirkung auf die Welt ausserhalb von Birmingham hatte, sondern auch die Reihen hinter Martin Luther King schloss. Dessen Art, die Proteste zu planen und zu führen, war zuvor in der schwarzen Community heftig umstritten.“

Uns fehlen genau diese Narrative und Symbole, die sich als Projektion für die Zivilgesellschaft eignen.

Um das zu erreichen, sollte man das Spiel des „Gegners“ kennen und ihn mit seinen eignen Waffen schlagen. Durch Provokation, Witz, Intelligenz und die Anwendung von List. Wie bei der Demontage von Senator McCarthy, der von dem TV-Journalisten Edward R. Murrow als kleinbürgerliches, reaktionäres, demagogisches und niederträchtiges Arschloch entlarvt wurde.

Hans Würstchen der NSA
Hans Würstchen der NSA

Ähnliches ist Greenwald/Ohanian in der Debatte mit Hayden/Dershowitz gelungen, wo die NSA-Gichtlinge als kümmerliche Idioten rüberkommen.

Wie könnten neue Narrative aussehen? Welche Ideen habt Ihr? Was haltet Ihr von den Anregungen, die Lobo und Schwenzel auf der Republica lieferten?

Würde ich gerne in meiner The European-Kolumne am Mittwoch aufgreifen. Hangout-Interviews könnte ich morgen (also am Montag) machen. Meldet Euch.

Siehe auch:

re:publica 2014 – Deutschland sucht das Supernarrativ.

Die TV-Autonomen kommen: Die Streaming-Revolution frisst ihre Eltern – Unsere Session in Berlin @MediaCB14 #rp14

Livestreaming-Workshop in Berlin
Livestreaming-Workshop in Berlin

Im Partnerprogramm der republica, der Media Convention Berlin, sind wir am Dienstag von 15 bis 16 Uhr aktiv. Natürlich mit einem Livestreaming-Workshop und der findet, wie es sich gehört, im Workshop Raum der Station Berlin statt.

Um was geht es:

Selbst für bewegte Bilder steht mittlerweile das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau und ohne schweres technisches Gerät Fernsehen machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit. Streaming-Dienste wie Hangout on Air sind die technische Basis für Jedermann-TV. Selbst die massenmediale Bastion des klassischen Fernsehens ist vor der Eigendynamik der autonomen TV-Produzenten nicht mehr sicher. In einem Workshop wollen Gunnar Sohn und Hannes Schleeh in einem mobilen TV-Studio das nötige Praxiswissen für Livestreaming vermitteln.

Wie es sich gehört, übertragen wir die Session natürlich live via Hangout on Air – der externe Chat ist schon aktiviert, so dass Ihr Fragen stellen könnt.

Im Vorfeld wurde schon ein kleiner Gastbeitrag von mir veröffentlicht: „Kampf der TV-Kulturen“

Das gesamte Programm der Media Convention bietet einige Höhepunkte: Etwa die Session: „Die Digitale Agenda für Deutschland“, die in Kooperation mit der Medienanstalt Berlin-Brandenburg stattfindet. Mit Björn Böhning (Chef der Berliner Senatskanzlei), Dorothee Bär (Staatssekretärin, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur), Brigitte Zypries (Staatssekretärin, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie), Annette Mühlberg (Leiterin des Referats eGovernment, ver.di). Moderatorin: Katharina Borchert (Geschäftsführerin Spiegel Online).

Jens Best ist dabei mit „Writers Room Ultra: TV-Serien aus Deutschland reloaded – Ein Speed-Workshop“

Und dann gibt ja noch: MEET THE TEAM von Circus HalliGalli
Klaas Heufer-Umlauf, Moderator / Produzent
Katharina Karg, Head of Talents & Artist Relations, Florida TV GmbH
Thomas Schmitt, Creative Producer, Florida TV GmbH
Arno Schneppenheim, Head of Comedy and Light Entertainment Endemol Deutschland GmbH, Geschäftsführer Florida TV GmbH
Joko Winterscheidt, Moderator / Produzent

Vor und nach unserer eigenen Session könnten wir ja noch den einen oder anderen Redner der Media Convention zu einem Hangout-Interview überreden – mal schauen.

Am Mittwoch planen wir zwei Bloggercamp.tv-Sondersendungen von der republica mit Überraschungsgästen.

Die Überraschung ist so groß, dass wir selber gar nicht wissen, wer da in die Sendung kommt. Wir lassen uns einfach von dem Geschehen der Konferenz treiben. Wo wir unser mobiles Studio aufbauen, wissen wir auch noch nicht. Wird aber noch rechtzeitig mitgeteilt. Wer am Mittwoch Lust und Laune verspürt, kann mit uns zusammen ja eine Sendung auf die Beine stellen. Meine Handynummer 0177 620 44 74.

Man hört und sieht sich spätestens am Dienstag in Berlin 🙂

Wie berechenbar ist die Unberechenbarkeit? #Kontrollverlust #rp14 #Bloggercamp.tv

Wie planbar ist der Mensch?
Wie planbar ist der Mensch?

Das Schwerpunktthema „INTO THE WILD“ der Berliner Blogger-Konferenz re:publica 2014 ist gut gewählt. Von unterschiedlicher Seite wird suggeriert, dass wir über Algorithmen „wieder“ zu berechenbaren Wesen degradiert werden können. Das würde vielen wohl in den Kram passen – nicht nur den Apologeten des starken Staates. Ähnliches versprechen auch die Big Data-Vielschwätzer, die sich in der Beraterszene tummeln und mit ihren Analyse-Tools die eierlegende Wollmichsau versprechen.

Bedeutungsschwer wird von goldenen Social Web-Regeln, Patentrezepten im Marketing und der perfekten personalisierten Werbung gesprochen. Schaut man hinter die Kulissen der Zahlenschieber, bleibt häufig nur Dünnbrettbohrertum übrig. Beweise für ihre Allwissenheit liefern die Neo-Controlling-Gichtlinge des Netzes nur ungern. Bislang sind die Big Data-Gurus, Social Web-Tool-Gläubihgen, Targeting- und Reichweiten-Strategen meinen Einladungen zu Live-Demonstrationen via Hangout on Air ausgewichen. Das wundert mich nicht, da sie in der Regel alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen.

Dabei wäre es doch so einfach für die Alchemisten der Neuzeit, einen Blick in ihre Zauberküchen zu gewähren und Fallbeispiele direkt mit der Crowd zu besprechen. Vielleicht fürchtet man die Erkenntnis, dass die Nacktheit des Kaisers mit seinen neuen Kleidern allzu deutlich wird. Überprüfbarkeit von Modellen zu verlangen, ist Gift für die metaphysischen Schaumschläger. Ein wenig erinnert diese Anmaßung von Wissen der Big Data-Jünger an den Positivismus-Streit, den der Philosoph Karl Popper auslöste. Eine wissenschaftliche Haltung müsse kritisch sein, so Popper. Eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte. Überprüfungen, die die Theorie oder These widerlegen konnten, die sie falsifizieren konnten, aber nicht verifizieren. Auch eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf ein Gesetz zu ziehen, das diese Verbindungen als kausal notwendig, ausnahmslos geltend und streng allgemein bestimmt.

Wer krampfhaft nur nach Bestätigungen von eigenen Modellen sucht, neigt zum Sektierertum und verdrängt die Fehlbarkeit seines Wissens. Es ist eine Welt des bloßen Scheins, die ausschließlich aus menschlichen Vermutungen besteht, die keinerlei Gewissheit bietet. Was Popper in seinem „Kritischen Rationalismus“ formulierte, war übrigens schon den vorsokratischen Philosophen wie Parmenides und Xenophanes vor rund 2.500 Jahren klar. Alles menschliche Wissen sei ein Raten: Es ist alles durchwebt von Vermutung.

Deshalb ist die „Forderung“ nach Unberechenbarkeit, die im Programmtext der re:publica auftaucht, recht eigentümlich, um es vorsichtig zu formulieren:

„Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss?“

Kann man Unberechenbarkeit und den Kontrollverlust strategisch planen? Das ist absurd und widersprüchlich. Am Mittwoch diskutieren wir ja in unserer 16 Uhr-Sendung von Bloggercamp.tv mit Michael Seemann über sein Startnext-Buchprojekt „Das Neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust“. Da werde ich das Motto der #rp14 auch zur Sprache bringen.

In der ersten Bloggercamp.tv-Session um 11 Uhr ist wieder Drohnen-Zeit:

Siehe auch:

Über die trügerischen Verheißungen der Big Data-Hohepriester:

Vielleicht erleben wir auch nur die letzte Schlacht des Controllings, um in den Zeiten des Kontrollverlustes die alte Logik des Industriezeitalters in die vernetzte Welt zu retten. Die Schaffung von neuer Übersichtlichkeit im chaotischen Universum des Cyberspace. Der Wunsch nach Rückgewinnung der Deutungshoheit und die Sehnsucht nach maschinengesteuerten Entscheidungen auf dem Fundament der Ratio.

Big Data evoziert utopische wie auch dystopische Rhetorik. Es weckt Hoffnungen und Ängste vor Überwachung. Das eine Lager erträumt sich ein Himmelreich der Planbarkeit, das andere warnt vor dem Niedergang des selbstbestimmten Lebens.

Beide Fraktionen sitzen mit ihren Mutmaßungen im selben Schützengraben und glauben an die vermeintlichen Zahlen-Zauberstücke, die ihnen Big Data-Analysten mit bedeutungsschweren Gesten vorführen. Häufig handelt es sich um Physiker oder Mathematiker, die zur Sozialwissenschaft konvertiert sind. Und dies wohl ist kein Zufall 😉

Lesenswert: Leben mit der Paranoia: Into the wild – re:publica 2014.

Internetmäander.

Wie belastbar sind derzeitig Umfragen zu Datenbrillen wie Google Glass? #bitkom

Aufreger Google Glass

Noch ist Google Glass nicht auf dem Markt, „aber fast 14 Millionen Deutsche können sich jetzt schon vorstellen, eine solche, neuartige Datenbrille künftig zu nutzen“, verkündet der BITKOM-Verband in einer Pressemitteilung. Grundlage für diesen Optimismus ist eine Umfrage, die von BITKOM in Auftrag gegeben wurde. Demnach bekundet jeder fünfte Bundesbürger sein Interesse an einem solchen Gerät, das aktuelle Informationen wie E-Mails oder Navigationshinweise direkt ins Sichtfeld einblendet und erlaubt, Fotos und Videos aus dem Blickwinkel des Trägers aufzunehmen. Dabei sind sich knapp 7 Prozent schon jetzt sicher, dass sie eine Datenbrille nutzen werden, rund jeder achte Befragte (13 Prozent) kann es sich vorstellen. Jeder Dritte (35 Prozent) ist hingegen skeptisch und will eher keine Datenbrille tragen, ein weiteres Drittel der Befragten will um die neuen Geräte einen großen Bogen machen (37 Prozent).

Zwei Drittel sind also eher kritisch, obwohl das intelligente Brillengestell noch gar nicht auf dem Markt ist. Insofern kann man die Umfrage auch ganz anders werten als es BITKOM getan hat.

Zweifel kommen bei mir auf, ob sich überhaupt schon quer durch die Bevölkerung ein klares Meinungsbild zu Datenbrillen manifestiert hat. Ein großer Teil wird zur Zeit mit dem Thema überhaupt nichts anfangen können. So war es zumindest beim Feldexperiment meines Bloggercamp-Kollegen auf der republica in Berlin. Am Veranstaltungsort war das Interesse groß und fast jeder konnte etwas mit dem Gloogle Glass-Replikat anfangen. Schon beim Gang zur Currywurst-Bude am U-Bahnhof Möckernbrücke war Schluss. Keine neugierigen Blicke, keine Reaktionen. Das könnte sich schnell ändern. Siehe meine heutige The European-Kolumne:

Führte das Street-View-Projekt von Google zu höchst bizarren Abwehrkämpfen von Hausfassaden, Gartenzwergen im Vorgarten und Verpixelungs-Initiativen zur Unkenntlichmachung von Jägerzäunen, wird die Brillenvariante zu einem noch größeren Sturm der Empörung beitragen: Schlagzeilen wie „Stasi-Brille belästigt Otto Normalverbraucher“ oder „Spionage-Spielzeug für Stalker und Spanner“ sind vorprogrammiert.

Damit der Nutzen von elektronischen Assistenten (ich wollte schon Agenten schreiben) nicht vollends vor die Hunde geht, sollten potenzielle Anwender von intelligenten Gadgets schon jetzt über neue Formen der Höflichkeit nachdenken, fordert der Blogger Gerhard Schröder im ichsagmal.com-Interview.

Wir können darauf warten, was der Gesetzgeber zu Google Glass sagt. Besser wäre es, als Zivilgesellschaft über freiwillige Regeln nachzudenken.