Erst Awareness, dann Applaus: Urlaub in Zeiten der Ich-AG

Es begann, wie es immer beginnt. Mit einer Anreise voller Hoffnung, im Gepäck eine neue Badehose, die vegan ist, atmungsaktiv und angeblich aus recycelten Fischerbooten besteht. Man wollte dieses Jahr bewusster reisen, also hatte man sich für das „Resonanz-Retreat“ entschieden – Yoga bei Sonnenaufgang, Waldbaden bei Sonnenhöchststand, und abends dann: Scampipfanne. Natürlich „nachhaltig“. Natürlich all-you-can-eat. Natürlich mit Safran, aber nur aus der Region.

Die Gruppe war bunt gemischt. Man verstand sich blendend. Zumindest bis man reden musste. Dann fingen alle an zu schweigen. Oder zu posten. Jeder Blick war ein Selfie-Filter, jede Regung ein vorsorglich geübter Skandal-Umkurver. Die Gespräche klangen wie LinkedIn-Profile mit WLAN-Störung.

Am zweiten Tag wurde ein Promi gesichtet. Ex-Fernsehgesicht, ehemals „Kult“ – wenn man sich darunter jemanden vorstellen kann, der in den 90ern beim Frühstücksfernsehen zwischen den Wetterkarten vergessen wurde. Signore Showdown, wie wir ihn insgeheim nannten, war von ein paar ambitionierten Jung-PRlern mitgeschleift worden, die glaubten, ein prominenter Name würde dem Retreat Tiefe verleihen. Stattdessen brachte er bloß ein orthopädisches Nackenkissen und eine Aura von Altbackenheit mit.

Showdown saß tagsüber schweigend am Pool, nachts schnarchte er wie ein abgelehnter Radiobeitrag über Männergesundheit. Er war das Fossil der alten Medienwelt, konserviert in Aftershave und Altersstarrsinn. Die Gruppe mochte ihn – aber nur in der Theorie. In der Praxis war er so beweglich wie ein ausrangierter Bürostuhl, sprach ausschließlich in Anekdoten, in denen er der Held war, und verbrauchte beim Duschen mehr Wasser als ein durchschnittlicher Brunnen in Marokko.

Dann kam der Zwischenfall. Jemand kollabierte. Einfach so, mitten im Gruppengespräch über ökologischen Fußabdruck und Mikroplastik im Himalaya. Ein dumpfer Aufschrei, ein Stuhl fiel um, eine Sonnenbrille flog in den Pool. Und was passierte?

„Scampipfanne?“ fragte jemand. Reflexartig. Instinktiv. Ohne Ironie.

Man war ja hungrig, es war fast 13 Uhr. Und der Mensch, der da zu Boden ging, war weder besonders bekannt noch glutenfrei. Keine Priorität also.

Die Gruppe formierte sich wie ein Rudel enttäuschter Publikumslieblinge: besorgt, aber nicht zuständig. Der Kollaps störte – vor allem den Tagesplan. Irgendjemand murmelte „Awareness-Raum, dritte Etage“, ein anderer suchte die Notfallnummer – im WLAN-geschützten Achtsamkeitsmodus.

Signore Showdown schlief weiter.

So endete der Retreat nicht mit Erkenntnis, sondern mit einem schiefen Gruppenbild, in dem alle etwas zu verspannt lächelten, weil niemand wusste, ob der oder die Zusammengebrochene wieder aufgestanden war oder gerade abtransportiert wurde. Es war auch egal. Das Licht war gut.

Und abends? Gab es wieder Scampipfanne. Natürlich mit Zitrone. Natürlich regional. Natürlich alles bewusst.

Aber irgendwas war weg. Vielleicht das letzte Quäntchen Würde. Vielleicht auch nur der Knoblauch.

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