
Dieser Exkurs gehört in meinen Beitrag über Friedrich Merz, politische Beratung und die verlorene Kunst des Rats. Nach dem Blick auf Helmut Kohls langjährige Vertraute, auf Teltschik, Bergsdorf, Biedenkopf, Geißler und die geistige Umgebung der alten Union, verschiebt sich der Akzent: Nicht nur die Berater fehlen, auch die ältere Lehre politischer Selbstbeherrschung. Genau hier führt der Weg zu Balthasar Gracián, dem spanischen Jesuiten des siebzehnten Jahrhunderts, dessen „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ im Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht eine zentrale Rolle spielt, das heute um 20 Uhr ausgestrahlt wird. Gumbrecht beschreibt Graciáns Buch als kompaktes Werk von Ratschlägen zum Verhalten im Alltag, aus dem kein geschlossenes Weltbild abzuleiten sei, wohl aber ein Stil der Gelassenheit.
Friedrich Merz könnte von Gracián lernen, dass politische Klugheit nicht mit Rechthaben beginnt. Sie beginnt mit der Kontrolle des eigenen Erscheinens. Der spanische Jesuit wusste, dass Macht nie nur aus Absicht besteht. Sie entsteht aus Takt, Verzögerung, Maskierung, rechtem Maß, Menschenkenntnis und der Fähigkeit, den eigenen Impuls nicht mit Entschlusskraft zu verwechseln.
Das ist die Lektion, die Merz am dringendsten bräuchte. Er besitzt Angriffslust, Begriffshärte, ökonomischen Ernst und einen Instinkt für die Schwächen des politischen Gegners. Was ihm oft fehlt, ist die zweite Bewegung: die Einhegung der eigenen Energie. Gracián hätte vermutlich nicht gefragt, ob Merz recht hat. Er hätte gefragt, was der Kanzler gewinnt, wenn er sichtbar recht behalten will.
Gerade im Kanzleramt wird der starke Satz gefährlich. In der Opposition kann er eine Lage klären. In der Regierung kann er den nächsten Konflikt erzeugen, bevor der vorige verstanden ist. Merz wirkt häufig, als sei er noch immer im Modus der Entlarvung. Gracián hätte ihm nahegelegt, dass Macht aus dosierter Sichtbarkeit entsteht. Nicht jeder Gedanke verlangt sofort nach öffentlicher Form. Nicht jede Provokation verdient Antwort. Nicht jede Empörung ist eine Einladung zur Selbstbehauptung.
Gumbrecht führt im Gespräch aus, Gracián habe als bedeutender jesuitischer Theologe die theologischen Großantworten im „Handorakel“ gerade ausgeblendet und stattdessen eine Sammlung präziser Verhaltensratschläge geschaffen. Diese Verschiebung ist politisch aufschlussreich. Ein Kanzler muss nicht bei jeder Gelegenheit eine Gesamtlehre vortragen. Er muss wissen, wann er spricht, wann er wartet, wann er anderen Raum gibt, wann er einen Koalitionspartner nicht demütigt, wann er die eigene Anhängerschaft enttäuschen muss, um regierungsfähig zu bleiben. Hier lohnt der Blick auf das Gespräch mit Professor Hans Ulrich Gumbrecht um 20 Uhr.
Thematisiert wird Gracián als Autor der Kälte. Er tröstet nicht. Er entzaubert. Der Mensch erscheint bei ihm als Wesen der Eitelkeit, der Gelegenheit, der Täuschbarkeit und der Selbstüberschätzung. Genau deshalb passt er in die Berliner Gegenwart. Merz’ Problem liegt nicht nur in mangelnder Kommunikation. Es liegt in einem Defizit an Weltklugheit. Er verwechselt zu oft Klartext mit Klarheit. Klartext sucht Wirkung. Klarheit ordnet Kräfte.
Darum wäre Gracián für Merz kein literarischer Schmuck, kein bildungsbürgerlicher Seitenblick, kein Aperçu für eine Sonntagsrede. Er wäre eine Zumutung. Er würde dem Kanzler die härteste Frage stellen: Beherrschst du die Lage, oder beherrscht dich dein Bedürfnis, in ihr glänzend zu erscheinen?
Aus Gumbrechts Hinweis auf Graciáns Wirkungsgeschichte ergibt sich noch ein zweiter Gedanke. Das „Handorakel“ faszinierte gerade Denker, die ein System suchten und zugleich an der Möglichkeit geschlossener Systeme zweifelten: Schopenhauer, Nietzsche, Brecht, Lethen. Auch Merz regiert in einer Zeit, in der die alten Systeme nicht mehr tragen. Der westliche Marktoptimismus, die alte industrielle Sicherheit, die transatlantische Gewissheit, die europäische Routine: alles unter Druck. In einer solchen Lage führt nicht, wer am lautesten Ordnung behauptet. Führung gewinnt, wer im Ungeordneten Maß findet.
Vielleicht lautet die Gracián-Lektion für Merz daher so: Werde nicht kleiner als dein Amt durch den Wunsch, größer zu erscheinen als deine Gegner. Genau daran entscheidet sich Kanzlerschaft. Nicht am nächsten rhetorischen Befreiungsschlag. Nicht an der nächsten scharfen Formel. Politische Autorität beginnt oft dort, wo der Satz, der Applaus verspräche, unausgesprochen bleibt.
Herr Kanzler, heute Abend dem Gumbrecht-Gespräch lauschen 🙂