Der Angriff beginnt im Orbit, die Wirkungskette endet im Gefecht – Wie Traut, Endler, Schrader und Jankowski in Bonn die Multi-Domain-Operations-Debatte auf die harte Realität von Sensorik, Cloud und Führung zurückführen #AFCEA

Vom Lagebild zur Wirkungskette: Multi-Domain Operations als neue Verteidigungsfrage

Im ehemaligen Plenarsaal des Bonner Bundestagsgebäudes wurde in einer „Digital Defence Debate“ über ein Thema gesprochen, das sich nicht mehr in Teilstreitkräften, Ressorts oder Zuständigkeiten ordnen lässt: Multi-Domain Operations (MDO) – der Versuch, aus Sensoren, Daten und Entscheidungen eine Wirkungskette zu bauen, die schneller ist als der Gegner. Moderiert von Valerie Lünsmann und Yuliya Maltseva aus dem Kreis der AFCEA Emerging Leaders, trafen vier Perspektiven aufeinander: NATO-Planung, deutscher Weltraumauftrag, Industrie- und Innovationslogik sowie die Übersetzung in ministerielle Praxis.

Weltraum: Das Ende des bequemen Hintergrunds

Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, verschob in wenigen Sätzen die Koordinaten. Der Weltraum, so seine zentrale Setzung, sei Gefechtsfeld – nicht nur Unterstützungsraum. Das klingt nach Semantik, ist aber Operationsrealität: Wer Satelliten nur als „Enabler“ behandelt, rechnet falsch, weil der Gegner sie längst als Ziel behandelt. Traut verwies auf Szenarien, die nicht in der Zukunft liegen: Systeme werden beobachtet, gestört, manipuliert, im Extremfall zerstört; teils so, dass es politisch schwer zuzuordnen ist, wer gerade welche Grenze überschritten hat.

Die sicherheitspolitische Brisanz liegt in der Kaskade. Fällt der Satellit aus, fällt nicht nur militärische Aufklärung aus, sondern auch Navigation, Zeit- und Ortssynchronisation, Kommunikationswege – jene unsichtbaren Dienste, auf denen Logistik und kritische Abläufe hängen. Traut machte damit klar: Weltraumverteidigung ist kein Spezialthema. Sie ist ein Querprofil, das jede Wirkungskette berührt, vom ersten Hinweis bis zur letzten Lieferung.

KI und Cloud: Bündnisfähigkeit als Infrastrukturfrage

Brigadegeneral Frank Endler, Programme Director ACE bei der NATO, zog die Linie von der Weltraumabhängigkeit zur Datenabhängigkeit. KI und Cloud seien Grundpfeiler der Verteidigungsfähigkeit im Bündnis. Was auf Folien schnell wie Technikoptimismus aussieht, meint in der Praxis das Gegenteil: Ohne skalierbare Datenverfügbarkeit, ohne verlässliche Rechenleistung, ohne standardisierte Zugriffs- und Berechtigungsketten bleibt MDO ein Wort, das in PowerPoint funktioniert und im Einsatz versandet. Endler verwies auf NATO-Programme, die bis 2029 Cloud-Fähigkeiten bereitstellen sollen – nicht als Komfort, sondern als Voraussetzung, um Datenfusion und gemeinsame Lagebilder im Bündnis überhaupt in die Fläche zu bekommen.

In dieser Perspektive wird „Souveränität“ messbar: nicht als Abgrenzungsrhetorik, sondern als Frage, ob ein Bündnis die eigenen Datenwege, Modelle und Schnittstellen so beherrscht, dass es im Ernstfall nicht an der Integrationsarbeit scheitert.

Der Sensor entscheidet mit: Industrieperspektive ohne Verkaufsfolie

Dr. Stefanie Schrader, Chief Innovation Manager bei Hensoldt, brachte den Punkt auf einen Satz, der im Saal hängen blieb: MDO beginne nicht erst im Führungsstand, sondern am Sensor. Damit ist mehr gemeint als Sensorik-Aufrüstung. Schrader argumentierte entlang der Datenqualität: Mehr Sensoren helfen wenig, wenn die Daten ohne Kontext ankommen, wenn Metadaten fehlen, wenn Interoperabilität nur behauptet wird, wenn Systeme keine modularen Schnittstellen haben, die in Übungen, Nachrüstungen und wechselnden Lagen tragen.

Damit bekam die Debatte ihren nüchternen Kern: Die Wirkungskette beginnt dort, wo Wahrnehmung entsteht. Wer in der Wahrnehmung nicht sauber ist, wird in der Entscheidung hektisch – und in der Wirkung teuer.

Tempo ist eine Fähigkeit – Perfektion eine Ausrede

Fregattenkapitän Dirk-Oliver Jankowski aus dem Referat Operationalisierung MDO im BMVg (SKI 2) sprach über den Übergang vom Lagebild zur Entscheidung. Sein Beitrag war der Realitätscheck für jede technologische Hoffnung: MDO werde scheitern, wenn der Anspruch auf Vollständigkeit die Geschwindigkeit frisst. Jankowski plädierte für eine Kultur der „80-Prozent-Lösungen“, sobald sie verfügbar, nutzbar und einsatzpraktisch sind. Der Gegner wartet nicht, bis ein System „fertig“ ist; er nutzt, was funktioniert.

Das ist keine Kapitulation vor Qualität, sondern eine andere Definition von Qualität: Wirkung unter Zeitdruck, mit verantwortbarer Unsicherheit, in klaren Verfahren. Genau hier kippt MDO von Technik in Führung.

Anschluss an das gesamtstaatliche Sicherheitsökosystem

Die Paneldiskussion blieb militärisch präzise, doch ihr Subtext war gesamtstaatlich: Datenwege, Lagebilder, Entscheidungsrhythmen, Wiederanlauf – das sind dieselben Engpässe, an denen zivile Krisenlagen regelmäßig hängen. In dieser Logik liegt die Brücke zur laufenden AFCEA-Untersuchung zum „Gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem 2030“, deren finale Publikation für den Bonner IT-Dialog am 7. und 8. Oktober 2026 im Hotel Maritim auf der Agenda steht. Dort wird ausdrücklich beschrieben, dass Deutschlands Sicherheitsarchitektur auf Zuständigkeiten ausgelegt ist und bei dynamischen, zeitkritischen Krisen an fehlenden Verbindungen scheitert – mit Community-Befragung und vertiefenden Interviews als Datengrundlage.

Die MDO-Debatte im Plenarsaal zeigte damit etwas, das über Streitkräfte hinausweist: Wer Wirkungsketten bauen will, muss Abhängigkeiten sichtbar machen. Und wer Abhängigkeiten sichtbar macht, landet zwangsläufig bei der Systemfrage – nicht als Theorie, sondern als operative Anforderung.

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