Ohne Homeoffice keine Verkehrswende – Mythen und Meinungen statt Fakten #CoronaKrise #9vor9

Zusammen mit Lutz Becker bereite ich gerade einen Utopie-Band vor. Darauf ausgerichtet war ja unser #KönigvonDeutschland-Podcast. Als Einstieg wollen wir einen fiktiven Dialog wählen. Ungefähr so:

„Wir müssen Euch auf eine Welt vorbereiten, die weder Ihr kennt noch die wir kennen“

Ein Gespräch, das so nie stattgefunden hat.

Der Volkswirt, ehemalige Journalist und Blogger Gunnar Sohn und Professor Dr. Lutz Becker, früher Studiendekan des Masterstudiengangs Sustainable Marketing & Leadership sowie Leiter der Business School an der Hochschule Fresenius in Köln saßen 2040 auf der Terrasse eines der letzten Kölner Cafés. Während die Stadt wegen der sich in den Sommermonaten anstauenden Hitze praktisch unbewohnbar geworden ist, laden die sturmfreien Tage im Winter zum Aufenthalt im Freien ein. Das Gespräch drehte sich um Experimente und damals neue Formate in Lehre und Forschung, die die beiden im ersten Viertel des Jahrhunderts herumgetrieben hat.

Warum so utopisch?

Lutz: Gunnar, warum hast Du Dich damals eigentlich mit Utopien beschäftigt?

Gunnar: Da war ja vor allem unser Podcast-Projekt #KönigVonDeutschland. Es drehte sich um Rio Reisers Textzeile „Das alles, und noch viel mehr | würd’ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär’”. Es ging sozusagen darum, die subversive oder im Sinne Rio Reisers auch anarchistische Perspektive bei unseren Gesprächen herauszulocken und darüber alternative Zukunftsentwürfe zu entdecken…Was wir bei vielen Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erlebten, war eher eine Geisteshaltung, wie wir den Status quo bewahren können. Der übergreifende Sinn von Reformen wurde weder gesehen noch verstanden. Reform-Politik erschien entweder als überkomplex oder man hatte den Eindruck, dass die verschiedenen Reformstränge nicht zusammenlaufen. Oft wurde die Notwendigkeit einer übergreifenden Reform-Idee oder gesellschaftlichen Vision verneint oder ad absurdum geführt: ‚Vision – Illusion – Desillusion!’ Die Visions-Negierung erschwerte es damals, sich für politische Reformen zu begeistern und sie zu eigenen Anliegen zu machen. Für diese kümmerliche Visionsverweigerung standen Figuren wie der ehemalige FDP-Chef Christian Lindner. Im Management sah es aber nicht besser aus. 

Dann folgt ein kleiner Ausflug zu Themen wie Homeoffice und Verkehrswende:

Gunnar: Scheingefechte erschwerten ja auch die nötige Energie- und Verkehrswende. Knapp 70 Prozent der Berufspendler fuhren damals mit dem Auto zur Arbeit, versauerten im Stau, belasteten die Umwelt und ärgerten sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr lag nach Analysen des Umweltbundesamtes bei rund 1,2 Personen pro PKW und war damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. Rund zehn Millionen waren täglich länger als eine Stunde unterwegs. Über sechs Millionen fuhren mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. Wir hätten viel schneller die Arbeit zu den Mitarbeitern bringen sollen, wie beim Ausbruch der Corona-Krise. Also ein Lob der Immobilität. Jeder nicht gefahrene Kilometer entlastet den Verkehr, senkt die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen um 141 Gramm pro Personenkilometer und macht Menschen stressfreier.

3000 Kilometer durch Europa

Ich selbst hatte bereits 2019 mein Auto abgeschafft und kaufte mir auch kein eAuto, das im gleichen Stau wie die Verbrenner stehen würde. Im Schnitt legten wir in Deutschland 16 Kilometer zum Arbeitsplatz zurück. 20 bis 32 Kilometer pro Tag können wir auch mit dem eBike bewältigen – ohne ins Schwitzen zu kommen. Wenn wir von eMobilität reden, sollten wir stärker auf Fahrräder schauen und nicht auf Autos. Viele Anbieter hatten sich da positioniert, bei denen man zu günstigen Konditionen Jobräder bekommen konnte und kann. Das einzige, was wir damals brauchten, waren mehr Steckdosen – ganz einfach.

Soweit ein kleiner Auszug aus dem Utopie-Buch, das so langsam Formen annimmt.

Was dazu kommen müsste, wären die abstrusen Vorurteile und aberwitzigen Kommentare, die gegen Homeoffice oder dezentrale Arbeit in die Welt gesetzt werden. Etwa die vermeintliche Stressfalle. Nachzulesen in der FAS. Deutsch­land er­lebe ge­ra­de nicht nur die wahr­schein­lich schwers­te Ge­sund­heits- und Wirt­schafts­kri­se seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik, son­dern auch das grö­ß­te Ho­me­of­fice-Ex­pe­ri­ment aller Zei­ten.

„Wer sich im Freun­des- und Kol­le­gen­kreis um­hört, dem drängt sich die­ser Tage al­ler­dings fol­gen­der Ein­druck auf: Das Ar­bei­ten im Ho­me­of­fice ist schlech­ter als sein Ruf. Die Ver­hei­ßung, dass der selbst­be­stimm­te Ar­beits­all­tag in der ei­ge­nen Woh­nung glück­li­cher macht, scheint für viele neue Heim­ar­bei­ter nicht in Er­fül­lung zu gehen“, schreibt Johannes Pennekamp. Wenn mein Arbeitgeber scheiße ist oder Vorgesetzte sich als Fehlbesetzung erweisen, würde wohl selbst ein Arbeitsplatz auf Hawaii nicht für Besserung sorgen. Dem FAS-Autor sei die jährliche Studie des Gallup-Instituts zur Arbeitszufriedenheit in Deutschland empfohlen.

Die Vor­stel­lung, dass ein Heer von Heim­ar­bei­tern die Volks­wirt­schaft am Lau­fen hal­ten kann, führe in die Irre, mein Pennekamp und es folgt die Endlosschleife mit Aufzählungen von Berufen, die sich nicht ortsunabhängig organisieren lassen: Land­wir­te, Kell­ner und et­li­che an­de­re Dienst­leis­tungs­be­ru­fe müs­sten vor Ort er­le­digt wer­den. In Deutsch­land sei das Po­ten­ti­al für das Ho­me­of­fice jüngs­ten Er­he­bun­gen zu­fol­ge etwas höher als in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten: „Es liegt nach Be­rech­nun­gen des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung den­noch nur bei etwa 40 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten“, so der Sonntagsökonom Pennekamp. Die DIW-Zahl ist doch prächtig. Fast jeder zweite Arbeitsplatz in Deutschland könnte dezentral organisiert werden. Wir könnten in Deutschland auf zirka 9 Millionen PKWs pro Tag verzichten, die sich morgens und abends durch den Berufsverkehr quälen. Die andere Berufstätigen könnten ja mal auf die obige Rechnung schauen und die Anschaffung eines flotten eBikes überlegen.

Eine Auflistung des Homeoffice-Bashings hat mein Kollege Stefan Pfeiffer veröffentlicht – dat muss ich nicht wiederholen.

Den Vogel abgeschossen hat jedoch die Handelsblatt-Redakteurin Carina Kontio „Im Homeoffice zum Alkoholiker? Warum die Corona-Krise so gefährlich ist .“

Dramatischer geht es wohl nicht. Die Behauptungen beruhen auf einem Interview mit Andreas Jähne, Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura in Bad Säckingen. Und was sagt der nach der ersten Frage: „Es ist schwer einzuschätzen, was jetzt passiert. Wir haben derzeit noch keine belastbaren Zahlen zum Alkoholverkauf oder andere Erhebungen über den Konsum…..“

Meine Fresse. Das ist wirklich ein Überschuss an Vermutungen und Meinungen auf einem ganz dürftigen Niveau.

Siehe auch:

Laptops verteilen und schon funktioniert #RemoteWork #Homeoffice? 

Vereinsamung durch Homeoffice? Eine Debatte angestoßen durch @digitalnaiv

Soll es einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice geben? #BTW17

Kakerlaken im Homeoffice: Psychologischer Mumpitz für die Arbeitswelt

Die Arbeitsorganisation ist der Schlüssel für besseren Klimaschutz @G_Fehrenbach @UweSchneidewind @kkklawitter

Arbeiten in der Cloud – Mehr Mut für dezentrale Arbeitsplätze @olewin @foresight_lab @JochenLange1

Geht doch mal zu Fuß – Mach ich doch @Umweltbundesamt #fuß #fußverkehr #gehtdoch

Ausstieg aus der Berufspendler Republik Deutschland #EOA16 #rpTEN

Alternativer Wirtschaftsbuchpreis ging durch die Decke #awb16 #fbm16

Da ist er. Der Gewinner des #awb16
Da ist er. Der Gewinner des #awb16

Der spontan auf Facebook gestartete Alternative Wirtschaftsbuchpreis entfaltete bei seinem Kaltstart eine große Resonanz. Der ichsagmal.com-Blogbeitrag wurde 431 Mal auf Facebook geteilt, intensiv auf Twitter kommentiert und mit einigen Proklamationen begleitet. 8.345 Stimmen wurden abgegeben bei knapp 4.000 Seitenaufrufen am finalen Abstimmungstag.

ichsagmalexplodierte

Mehrfach-Votings waren möglich, was von zwei Buchfan-Fraktionen weidlich genutzt wurde. Man kennt das ja von TV-Abstimmungen beim Eurovision Song Contest. Die Zahl der Einzelaufrufe zeigt aber, dass sich sehr viele Buchbegeisterte für ihre Favoriten ins Zeug legten.

Autor mit Netzwerkstärke

Sieger des ersten alternativen Wirtschaftsbuchpreises #awb16 ist Martin Gaedt mit seinem Opus „Rock your idea – Mit Ideen die Welt verändern“, erschienen im Murmann-Verlag. Das kristallisierte sich erst in den letzten vier Stunden des Votings heraus. Am Donnerstagabend sah Claus Dierksmeier mit seinem Buch „Qualitative Freiheit: Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“ wie der sichere Sieger aus.

Das Netzwerk von Gaedt bewies wohl die größere Ausdauer oder hatte die schnelleren Finger. Gaedt setzte sich mit 58 Prozent durch. Dierksmeier verzeichnete 38 Prozent. Alle nominierten Autorinnen und Autoren vereint die Originalität ihrer Gedanken. So reibt sich Gaedt in seinem Buch an der Konformität des Wirtschaftslebens, wie der frühere Personalvorstand Thomas Sattelberger. Blind und unaufmerksam werde alles Unpassende bei der Rekrutierung aussortiert. Genau dieses Unpassende sei aber für Innovationen so wichtig.

Mit dem Sieger und dem Co-Sieger werde ich in den nächsten Wochen Autorengespräche via Hangout on Air führen und ausführlich auf die beiden Bücher eingehen. Ich freue mich schon auf den #AWB17 – der wird dann früher gestartet und mit Talkformaten auf der Frankfurter Buchmesse begleitet.

Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Männlich, Rentenalter und Ex-Top-Manager: Die Aufsichtsräte der Deutschland AG

Investoren kritisieren nach einem Handelsblatt-Bericht die Ämterhäufung mancher Aufsichtsräte. Das liegt vor allem an den verkrusteten Netzwerk-Strukturen der Deutschland AG.

„Zwar sind die Unternehmen nicht mehr aneinander beteiligt wie früher. Aber in den Aufsichtsräten der großen Konzerne hat das alte Bündnis durchaus Bestand: Die immer gleichen Köpfe tauchen in etlichen Kontrollgremien auf. Ihr Erkennungsmerkmal: Sie sind männlich, meist im Rentenalter und blicken auf eine lange Erfahrung als Topmanager zurück“, so das Handelsblatt.

Corporate Deutschland habe es versäumt, rechtzeitig für geeigneten Nachwuchs zu sorgen. Das werde allmählich zum Problem, denn Investoren kritisieren immer lauter die Mandatshäufung einzelner Aufsichtsräte.

„Ex-SAP-Finanzchef Brandt übernimmt bei RWE, Wolfgang Reitzle kehrt gerade zu Linde zurück. Beide sind Multi-Kontrolleure geworden. Die Deutschland AG bewegt sich – wenn auch nur im Kreis“, schreibt das Handelsblatt.

Das Old-Boys-Network könnte man aber knacken. So brauchen 160 Dax-Aktiengesellschaften rund 800 Aufsichtsräte. Das so genannte „Overboarding“ steht in der Kritik. Aufsichtsräte werden deshalb aufgefordert, über ihr Zeitbudget Rechenschaft abzulegen. Richtig so. Auch die Kontrolleure in den Unternehmen sollte man verstärkt kontrollieren. Aufsichtsräte und Vorstände glänzen nicht mit einem durchlässigen System. Netzwerke sind ja prinzipiell eine gute Sache und Vitamin B für das berufliche Fortkommen zu nutzen, ist völlig in Ordnung.

Problematisch wird es, wenn es keine Auffrischungen mehr gibt und keiner neuer Geist nachrückt. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Boardreport mit dem Schwerpunkt „Die Kunst des Wechsels“.

Siehe auch: Guardiola-Systemrevolutionen für die Deutschland AG.

Nicht jedes Würstchen ist eine Wurst – Über die Silicon Valley-Albträume des Handelsblatts

Stadt des Bösen
Stadt des Bösen

Am Freitag kündigte ich auf Facebook an, einen Fakten-Check für die reißerische Handelsblatt-Titelgeschichte „Die dunkle Seite des Silicon Valley“ vorzunehmen. Schließlich lockte doch das Wirtschaftsblatt mit einer Schlüsselloch-Perspektive des Redakteurs Torsten Riecke, der achte Jahre lang Büroleiter des Handelsblatt in New York war und nach eigenen Angaben den Untergang der New Economy miterlebt hat. Was für eine Expertise. Riecke hat einen Untergang miterlebt – ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Was der Schlüsselloch-Essay aufbietet, hat allerdings wenig mit Fakten oder gar originären Recherchen zu tun. Es ist schlichtweg ein Abklatsch der Schreckensvisionen von Dave Egger, Jaron Lanier und Co. Was Eggers in seinem Roman „The Circle“ geschrieben hat, mag ja in Ansätzen mit den Übertreibungen der kalifornischen Tech-Szene zu tun haben. Nur muss man immer noch zwischen anmaßenden Lippen-Bekenntnissen und der Realität unterscheiden. Dazu zähle ich auch die Macho-Sprüche des Venture-Kapitalisten Peter Thiel, der private Monopole geil findet und die Notwendigkeit staatlicher Regulierung in Abrede stellt. Für einen Wirtschaftsjournalisten wäre es durchaus eine lohnenswerte Aufgabe, die visionären Allmachtsfantasien der amerikanischen Tech-Gurus etwas genauer zu untersuchen und zu demontieren. Thiel mag ja viel von Unternehmensbeteiligungen verstehen, politisch ist er eher ein Würstchen. Wäre es nicht besser, seinen beschränkten Polit-Horizont öffentlich zu machen, statt seinen semantischen Muskelspielchen zu folgen. Das leistet der Handelsblatt-Redakteur noch nicht einmal in Ansätzen. Wir lesen das Altbekannte:

Die Daten von Kunden und Nutzern seien das Gold des 21. Jahrhunderts, Privatsphäre ist ein Relikt der Vergangenheit und die Technologiegiganten wie Google, Apple oder Facebook wollen die Welt erobern und sich alle Marktteilnehmer zu Untertanen machen. Google habe diesen Ganzheitsanspruch gerade mit seinem Konzernumbau unterstrichen.

„Unternehmerischer Erfolg ist den Morgen-Machern aus dem Tal der Zukunft nicht genug, sie wollen mehr, sie wollen die Welt verändern: unsterblich werden, zum Mars reisen, den Staat abschaffen. Kurzum: Sie wollen das Monopol auf die Zukunft. Ihr Zauberwort dafür heißt „smart“: smart home, smart car, smart city, smart world – vor allem aber smart technologies“, schreibt Riecke.

Was für eine Enthüllung. Mit dem Überbau “Alphabet” will man sicherlich den Glauben an das große Wachstum stärken und in wilde Projekte investieren. Es sind allerdings Laborexperimente, mit denen Google-Alphabet bislang kaum keinen Cent verdient. Das Brot- und-Butter-Geschäft ist mit über 90 Prozent Umsatzanteil immer noch die Werbung via Adwords und Adsense. Und was ist an einer Geisteshaltung so schlecht, wenn die Gründer und Macher in Mountain-View an ihre Projekte glauben, statt Gründe zu suchen, warum etwas nicht gehen kann. Was dann wirklich rausspringt, steht auf einem anderen Blatt. Genau das hätte der Handelsblatt-Essayist aber beleuchten müssen.

Gleiches gilt für die Prognosen von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, die in ihrem Opus „The Second Machine Age“ abgegeben und von Riecke ausgiebig zitiert werden. Das Zukunftsszenario dieser Experten sei keineswegs beruhigen. So werde die digitale Revolution die Arbeitswelt genauso radikal verändern wie die industrielle Revolution vor 200 Jahren. Der technologische Fortschritt sei nach Jahren gradueller Verbesserungen an einem Punkt angelangt, von dem ab die technischen Möglichkeiten quasi explodieren würden.

„Für viele Berufe und Menschen werde es künftig keinen Platz mehr geben. Nicht nur Fließbandarbeiter würden von Robotern ersetzt. Die beiden Oxford-Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne schätzen, dass Roboter die Arbeit von fast der Hälfte aller Beschäftigten in den USA übernehmen könnten. Auch Kopfarbeiter wie Juristen, Ärzte und Banker seien von intelligenten Maschinen bedroht. Zwar würden neue Berufe entstehen und die alten Jobs ersetzen“, erläutert Riecke und erwähnt die Frage von Brynjolsson: „Was jedoch, wenn dieser Prozess ein Jahrzehnt dauert?“

Hinterher geschoben wird die Warnung von Aleksandar Kocic, Managing Director Research bei der Deutschen Bank in New York:

„Zum ersten Mal seit der industriellen Revolution zerstört neue Technologie mehr Arbeitsplätze, als sie neue mobilisieren kann.“

Das ist schlichtweg eine Behauptung. Wenn Wirtschaftsforscher selbst bei ihren Vorhersagen für das jährliche Wachstum versagen, wie kann es dann belastbare Rechenmodelle für die Arbeitsplatz-Entwicklung geben. Kann es nicht auch völlig anders kommen? Kann nicht auch das Szenario des Brightone-Analysten Stefan Holtel Wirklichkeit werden? Maschinen seien vor allem kognitive Höchstleister, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Wenn es um Empathie geht, sei der Mensch der Maschine klar überlegen. Ich würde noch Intuition, Erfahrungen und Spontanität hinzufügen.

„Schweißt man beides zusammen, profitiert vor allem der Mensch. Die kluge Kombination von Mensch und Maschine ist dem Fachexperten, der nicht auf intelligente Hilfsmittel zurückgreifen kann, statistisch immer überlegen“, erläutert Holtel.

Daraus lässt sich noch kein dramatischer Verlust an Arbeitsplätzen ableiten. Verlieren werden jene, die weiterhin dümmliche Dienste anbieten und auf Maschinen-Intelligenz verzichten. Und es gibt sogar Studien, die von einem Arbeitsplatz-Wachstum ausgehen. Im Handelsblatt hätte man zumindest die gegenteiligen Expertisen erwähnen können. Der Autor suchte aber wohl eher nach einer Bestätigung seiner New Economy-Albträume. In der Untergangsgeschichte dürfen natürlich auch nicht die Verlustängste fehlen, die man mit der „Sharing Economy“ in Verbindung setzt.

So habe jeder Angst, bei Uber zu arbeiten. Diese Plattformen machen aus festangestellten Beschäftigen „Freiberufler“, „wobei ‚frei‘ vor allem meint, dass die Internetfirmen frei von jeglichen sozialen Verpflichtungen gegenüber ihren Mitarbeitern sind: keine Altersversorgung, keine Krankenversicherung, keine Weiterbildung. Der ‚Plattformkapitalismus‘ verspricht uns ein freieres, flexibleres, selbstbestimmtes Leben und Arbeiten, vergisst aber, den Preis dafür zu nennen“, meint der Handelsblatt-Redakteur.

Verschwiegen werden dabei die Gründe für den Erfolg von digitalen Anwendungen, die nur möglich sind, weil die bestehenden Dienste mangelhaft sind. Wer beispielsweise Uber kritisiert, sollte über die negativen Auswüchse der Taxi-Gebietsmonopolisten in Deutschland nicht schweigen. So resultieren die Gewinne der Taxiunternehmen vor allem aus der relativ geringen Bezahlung der Taxifahrer.

„Taxifahren ist ein typischer Job für Studienabbrecher, Migranten und andere Quereinsteiger, da der Beruf keine Ausbildung und kaum Startkapital erfordert. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist daher intensiv und die Entlohnung gering, ganz unabhängig von der Digitalisierung“, schreibt der Wettbewerbsökonom und frühere Vorsitzende der Monopolkommission Justus Haucap.

Uber ist eine Antwort auf die monopolistisch organisierten Taxizentralen, die zudem mit der Digitalisierung auf dem Kriegsfuß stehen.

Die konkurrierenden Plattformen ermöglichen es den Fahrgästen nicht nur, direkt das nächste verfügbare Taxi mit der jeweiligen App zu bestellen.

„Sie ermöglichen es den Kunden auch, die Fahrer zu bewerten. Dasselbe gilt umgekehrt für die Fahrgäste, die etwa bei Uber von den Fahrern bewertet werden. Die Registrierung von Fahrern und Fahrgästen erhöht für beide die Sicherheit“, so Haucap.

Statt über digitale Plattformen zu hadern, sollten die Empfehlungen der Monopolkommission für mehr Wettbewerb bei der Personenbeförderung umgesetzt werden.

„Eine Liberalisierung des Taximarktes bedeutet nicht, dass nicht ein Mindestmaß an Regulierung sinnvoll sein kann: Zu denken ist an Anforderungen sowohl an die eingesetzten Pkw als auch an die Fahrer, etwa hinsichtlich des gesundheitlichen Zustands, Vorstrafen und Punkten in der Verkehrssünderdatei. Auch über Versicherungspflichten sollte nachgedacht werden, sobald ein gewisses Ausmaß an Personenbeförderungen erreicht wird. Ein pauschales Verbot jedoch, das letztlich vor allem den Verbrauchern schadet und den Taxifahrern selbst kaum hilft, wohl aber den etablierten Taxiunternehmen, ist die denkbar schlechteste Antwort auf die Digitalisierung. Auch hier droht Deutschland den Anschluss zu verlieren“, resümiert Haucap.

Diese Seite der Medaille ignoriert der Handelsblatt-Redakteur. Wer nur die Schattenseiten sieht, darf sich nicht wundern, wenn Deutschland als netzökonomisches Gründerland schwach abschneidet.

„Nur rund acht Prozent unserer Unternehmensgründungen beschäftigen sich mit Technologien. Wir sind eher ein Gründerland für Tätowierstuben“, moniert Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom, im ichsagmal.com-Gespräch.

Innovationen können so nicht entstehen. Sie entstehen erst einmal unkeusch.

„Ich muss ein gewisses Maß an Schamlosigkeit bei Technologieprojekten akzeptieren, bevor es zur Regulierung kommt. Ich muss erst einmal Innovationen gedeihen lassen. Man kann Anbieter wie Uber kaputtregulieren. Dann fehlen uns aber die Regelbrecher, die Neues hervorbringen“, sagt Sattelberger.

Also erst einmal Freiräume schaffen und technologische Spontan-Vegetation tolerieren.

„Die Normierung kommt in unserem Land allemal“, bemerkt Sattelberger.

Gleiches gilt für den Datenschutz. Hier bringt der Handelsblatt-Mann Jaron Lanier in Stellung. „Der als Technikfeind unverdächtige amerikanische IT-Spezialist“ würde seit Jahren vor der Datensammelwut von Firmen wie Google, Amazon und Facebook warnen, die er als Teil einer Überwachungsindustrie brandmarkt.

Über Lanier, der angeblich nicht verdächtig als Technikfeind sei, werde ich mich nicht weiter auslassen. Er ist als Unternehmer gescheitert und sucht nun sein Heil als Keynote-Speaker für digitalen Kulturpessimismus. Kann er machen, ein glaubwürdiger Experte für die digitale Ökonomie ist er damit noch lange nicht. Siehe auch meinen Blogpost „Lanier und der digitale Angstschweiß“.

Und was die Datensammelwut anbelangt, empfehle ich dem Handelsblatt-Schreiber die Ausführungen des Publizisten Gunter Dueck: Er wird auch ständig mit Aussagen konfrontiert wie „Facebook und Google betreiben einen Ausverkauf unserer Daten“. Das tun sie nun gerade nicht. Was Google bei der personalisierten Werbung praktiziert, ist nichts anderes als ein Service. Der Konzern gibt seine Daten nicht weiter. Wo liegt nun eigentlich die Gefahr? Dueck fordert in solchen Debatten mehr Fachwissen. Wenn man Google oder Facebook Fehler oder gar Verbrechen beim Umgang mit Daten nachweisen würde, käme es direkt zum Zusammenbruch ihrer Aktienkurse. Das können Zuckerberg und Co. nicht riskieren.

Wer dann noch den Staat ins Spiel bringt, um die Datensammlung dieser Konzerne einzuschränken, macht sich vollends lächerlich.

„Der Staat selber ist der große Sünder, weil er keinen Aktienwert am Markt hat. Die machen in den Geheimdiensten, was sie wollen“, betont Dueck.

Und wenn der Staat mit seinen Geheimdiensten so operiert, kann er wohl nicht sehr glaubwürdig die Oberaufsicht über Google und Facebook übernehmen. Viele dieser Datensünden müssen wir also eher beim Staat verorten.

„Überraschenderweise gibt es dagegen keine Montagsdemonstrationen“, beklagt der ehemalige IMB-Cheftechnologe.

Auch diese Seite der Medaille ignoriert der Handelsblatt-Essayist. Vielleicht sollte Thorsten Riecke erst einmal seine New Economy-Albträume therapieren und dann ein wenig mehr unter die Motorhaube des Silicon Valley schauen. Er könnte endlich Fakten und weniger Secondhand-Meinungen von Angstpropheten präsentieren, die mit ihren Verschwörungstheorien als Redner eine Menage Geld scheffeln.

Siehe auch:

Maschinen werden Kollegen sein – 25 Thesen zur Zukunft der digitalen Arbeit.

Die Kanal-Arbeiter des Social Web oder: Freiheit für die Markenkommunikation

Früher war alles anders

Social Media hat sich als Werbekanal etabliert. Meint zumindest das Handelsblatt in dem Beitrag „Die Vermessung der Welt 2.0“:

„Unzählige Tweets, Postings, Blogeinträge und Videos werden von deutschen Online-Shops täglich veröffentlicht. Laut einer aktuellen Studie des Social-Media-Dienstleisters Voycer nutzen drei Viertel der hiesigen E-Commerce-Anbieter soziale Medien für Marketing und Kommunikation.“

Es folgt das übliche Geblubber über Kennzahlen, Reichweitenmessungen und Monitoring-Systeme. Vor allem das Kanal-Gequatsche geht mir auf den Senkel. Soziale Netzwerke werden nur als weitere Spielwiese für Verkaufsplappereien gesehen.

“Lassen Sie es mich ketzerisch formulieren: Social Media ist keine welterschütternde Revolution, sondern ein neuer Kanal – Punkt. Der Kunde hat ein Anliegen und ob er diese nun per SMS oder als ‘Kunde 2.0′ über Social Media kommuniziert, ist nicht so entscheidend”, verkündet ein Silberlocken-Salesmanager in einer Werbeanzeige.

Irgendwie ist dieses Kanal-Gebrabbel symptomatisch für die Aktivitäten der Unternehmen im Social Web: Man mogelt sich wie eine Sekte an einer Erkenntnis vorbei, die der Soziologe Niklas Luhmann so herrlich einfach und logisch formuliert hat durch reines Nachdenken – einen Computer besaß der Zettelkasten-Wissenschaftler gar nicht:

„Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.“

Kein Kanal, kein Kanal, kein Kanal. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Und genau das macht das Ganze so unberechenbar. Da helfen die Fliegenbein-Zählereien nicht weiter. Da finde ich die Empfehlung von Patrick Breitenbach im ichsagmal-Interview viel sympathischer:

“Ich stelle als Marke meinen Mem-Pool der Öffentlichkeit zur Verfügung und sie kann ihn nach Belieben remixen.“

Der memetische Code wird nicht mehr bewacht, sondern freigegeben. Das sei ein radikaler Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Dogmen, die in der Werbeindustrie immer noch gehegt und gepflegt werden:

“Es muss die Freiheit eingeräumt werden, mit der Marke zu spielen, wie bei den Hope-Plakaten des Obama-Wahlkampfes, wo sich eine völlig neue Ästhetik entwickelt hat.”

Unternehmen sollten sich von der ganzen Kampagnen-Denke verabschieden, um irgendwelche Botschaften in den Markt zu drücken. Ihre Zahlenspielchen helfen dabei auch nicht weiter.

Siehe auch:

BuzzFeed und der heilige Gral der Online-News: Die Mem-Maschine für Aufmerksamkeit.