Alternativer Wirtschaftsbuchpreis: Die Nominierten – bis Donnerstag abstimmen #AWB16 #fbm16


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Gestern der Aufruf für den alternativen Wirtschaftsbuchpreis, hier nun die Nominierten:

Martin Gaedt, Rock your idea – Mit Ideen die Welt verändern, Murmann Verlag, Juli 2016.

Zum Inhalt: Ein leidenschaftliches & authentisches Buch über Innovation. Martin Gaedt sprudelt förmlich über vor Begeisterung über seine Themen, Innovation, Unternehmertum & Arbeitsmarkt, denen er sich verschrieben hat. Ideen sind subversiv. Ideen sind clever… Gibt es Neues ohne das Bekannte zu verlassen? (S. 76) Innovation ist Regelbruch! Gaedt provoziert mit einer Mischung an Humor und Entertainment, denn harmonische Systeme sind dumme Systeme. Wenn man das Buch in einem Satz zusammenfassen sollte, dann wäre das: Gleich und Gleich gesellt sich gern (S. 100, 166) Das gilt in besonderer Weise für den sog. Arbeitsmarkt, ein Thema, das er bereits in seinem ersten Buch mutig und detailreich vollkommen neu aufgerollt hat. Auch in diesem Buch ist ihm eine echte Überraschung gelungen. Gaedt schreibt, dass die Personalunion zwischen kreativem Chaos (O, Offenheit) und strukturierter Vorgehensweise (A, Analyse) so gut wie nie in Personalunion vorkommt.
Trotzdem werden in nahezu jeder Stellenanzeige sog. ‚Strukturierte Kreative‘ gesucht und alle, wirklich alle Lebensläufe, die nur ein wenig vom Mainstream abweichen, gnadenlos aussortiert (S. 101).
Analytisch hinterfragt, sind sandstrahl-polierte gebügelte CVs nachgefragt, die noch nie eine außergewöhnliche Entscheidung in ihrem Leben getroffen haben. Innovation durch dressierte Äffchen? Der Gipfel an Absurdität.

Axel Gloger, Betriebswirtschaftsleere. Wem nützt BWL noch? Frankfurter Allgemeine Buch, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Frankfurt, Zürich 2016.

Zum Inhalt: Der Autor zerlegt in einer guten Recherche-Arbeit die Management-Ausbildung an deutschen Hochschulen. Hauptkritik von Gloger an den Ausbildungsinhalten: Die alleinige Gewinnorientierung wirke in der Realität wie ein Brandbeschleuniger der menschlichen Gier, die BWL-isierung des gesamten Managements führe zu unmenschlichen Zuständen. Es werde nur noch Erfolgskennziffern hinterhergelaufen. Die BWL orientiere sich an einigen börsennotierten Großunternehmen, selbständige Unternehmer kämen in der BWL gar nicht vor – im Gegensatz zur Praxis. Die heute an den Hochschulen gelehrte BWL sei eine von Menschen losgelöste Wissenschaft, deren Studium sich vor allem im Auswendiglernen von Strichaufzählungen ergehe. Klingt provokativ, ist auch so gemeint und mit Fakten belegt.

Ulrike Guérot, Warum Europa eine Republik werden muss – Eine politische Utopie, Dietz-Verlag, 2016.

Zum Inhalt: Res publica kann nicht von der Wirtschaft abgetrennt werden. Man könnte es auch als Plädoyer für die Wiederentdeckung der Wirtschaftspolitik als Staatskunst werten. In meiner Netzpiloten-Kolumne bin ich auf den Band eingegangen: Auszug: Was in der geheimen Kabinettspolitik der EU-Technokraten mit den USA und Kanada in den Abkommen TTIP und CETA verhandelt wird, ist von reinem Ökonomismus und Nützlichkeitsdenken geprägt – aber nicht vom Ziel des Gemeinwohls. Hier folgt man der Schimäre einer marktkonformen Demokratie, die ohne soziale Kontrolle zur Demokratur mutiert. Die These des ‚doux commerce‘, nämlich dass durch Handel, einem auf Eigeninteresse basierendem Austausch auf Märkten, ein Verflechtungszusammenhang und eine Entwicklungsdynamik entsteht, die quasi naturnotwendig zu Wohlstand, Freiheit und Friede in der internationalen Staatenwelt führen, war nach Ansicht von Guérot schon immer ein Märchen: „Weder das französische Ancien Régime noch das heutige Saudi Arabien waren durch Handel vor der Despotie gefeit.“ Besonders dort, wo der Waffen-Handel floriert, sei vom ewigen Frieden keine Spur. Von Tyrannei schon eher. Es sei erstaunlich, wie hartnäckig sich die Märchenerzählung vom friedensstiftenden Charakter des Handels seit dem frühneuzeitlichem Konzept des doux commerce bis zu heutigen Freihandelsabkommen im politischen Diskurs gegen jedes bessere Wissen halten konnte. Noch erstaunlicher ist es, wie sich heutige Polit-Technokraten mental so weit vom Gedankengut der Republik entfernen konnten. Wie kann man aggressive Handelsabkommen unterzeichnen, die unserer Mitbestimmungskultur schaden und sich einer öffentlichen Kontrolle des Treibens der Wirtschaftsakteure, ihrer Konglomerate, Lobbyisten, Einflüsterer und Spin-Doktoren entziehen. „Will die EU also etwas, das zwar einigen transnational organisierten Kapitalgruppen ökonomisch viel bringt, nicht aber der Mehrheit der europäischen citoyens“, fragt sich Guérot, Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems.

Claus Dierksmeier, Qualitative Freiheit: Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung (Edition Moderne Postmoderne), transcript Verlag, 2016.

Zum Inhalt: Gegen politische und religiöse Fundamentalisten verteidigt Claus Dierksmeier die Idee der Freiheit als Leitwert der Globalität. Individuelle Freiheit schließt aber Verantwortung für ihren sozial und ökologisch nachhaltigen Gebrauch ein. Dabei müssen wir abwägen, welche und wessen Freiheiten jeweils Vorrang erhalten sollen. Und hierbei, so zeigt Dierksmeier in historisch-systematischer Grundlegung, kommt es zuerst auf die Qualität – und nicht die Quantität – unserer Freiheiten an. Denn Freiheit heißt nicht, die Optionen einiger weniger zu maximieren, sondern die Chancen aller Weltbürger zu optimieren.

Felix Stalder, Kultur der Digitalität, Suhrkamp Verlag, 2016.

Zum Inhalt: Seit Jahrzehnten wird uns von Beratern sowie selbst ernannten Vordenkern aus Politik und Wirtschaft eingehämmert, dass wir in einer „nachindustriellen Gesellschaft“ leben. In den achtziger Jahren kam die „Informationsgesellschaft“ auf und seit den neunziger Jahren sprechen wir von der „Netzwerkgesellschaft“. So weit, so gut. Aber was steckt ideologisch dahinter? „Gerade in England und den USA wurde die ökonomische Transformation in den achtziger Jahren nachdrücklich und mit politischem Kalkül (Schwächung der Gewerkschaften) forciert„, schreibt Felix Stalder. Was dann als Kritik am Wertesystem der bürokratisch-bürgerlichen Gesellschaft in den späten siebziger Jahren über die Neuen Sozialen Bewegungen forciert wurde, reduzierten neoliberale Strömungen auf eine Demontage des Wohlfahrtsstaates. „Mit völlig verschiedenen Motiven priesen beide Autonomie und Spontanität und lehnten die Disziplin in der hierarchischen Organisation ab. Anstatt Anpassung an vorgegebene Rollen verlangten sie Individualität und Diversität. Experimente, Offenheit für Neues, Flexibilität und Veränderung wurden nun als positiv besetzte Grundwerte etabliert. Beide Bewegungen operierten mit dem attraktiven Begriff der persönlichen Freiheit, wobei die Neuen Sozialen Bewegungen diesen in einem sozialen Sinn als Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung und des Zusammenlebens verstanden, die neoliberale Politik ihn hingegen in einem ökonomischen Sinn als Freiheit des Marktes begriff“, so Stalder. Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. „Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, schreibt Stalder. Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen.

Andreas Syska und Philippe Lièvre, Illusion 4.0 – Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik, CETPM, 2016.

Zum Inhalt: „Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply Chains und Fabriken. Das ist aus unserer Sicht auch der richtige Ansatz.“ Deutsche Ingenieure denken in technischen Schnittstellen. Der Gedankenschritt reicht nur von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. „Wir sehen hierzulande größtenteils fabrikinterne Lösungen….Der eigentliche Sinn der digitalen Vernetzung und ihre enormes Potenzial liegt vielmehr in datenbasierten Geschäftsmodellen und damit außerhalb der Fabrik. Das hat man in Deutschland noch nicht verstanden, weshalb in Deutschland auch nichts Entsprechendes zu sehen ist. Industrie 4.0 kommt hierzulande gedanklich einfach nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus“, monieren Syska und Lièvre. In den USA werden Plattformen geschaffen und mit intelligenten Produkten sowie Services vernetzt. Die Deutschen hingegen tüfteln an Schnittstellen, faseln von höherer Produktivität, ergötzen sich an neuen Maschinen und vertrödeln ihre Zeit mit der Frage, wie man das Ganze technisch ans Laufen bringt. Die Amerikaner fragen, welches Geschäft damit gemacht werden kann. Die Rollenverteilung ist für uns nicht lukrativ. Jenseits des Atlantiks werden die digitalen Claims abgesteckt und das Gold geschürft, Deutschland liefert als verlängerte Werkbank die Spitzhacken und Spaten. Die deutsche Industrie hat sich widerstandslos in die zweite Reihe drängen lassen – zum austauschbaren Hardware-Lieferanten. „Die eigentliche Produktion findet außerhalb der Fabriken statt. Das erkennt man aber nicht, wenn der eigene Denkhorizont am Werkstor endet“, führen die Illusion 4.0-Autoren aus.

Marc Beise, Catherine Hoffmann, Ulrich Schäfer, Denk doch, wie du willst – Überraschende Einblicke von Deutschlands wichtigsten Ökonomen, SZ-Verlag, 2016.

Zum Inhalt: Die Welt der Ökonomik in Deutschland ist sehr viel bunter, als es in der Öffentlichkeit erscheint. Es gibt im Land der Sozialen Marktwirtschaft nicht den einen, großen Mainstream, in dem alle mehr oder weniger mitschwimmen. Sondern die mehr als 5000 Ökonomen vertreten ein sehr viel größeres Spektrum an Meinungen, als man gemeinhin denkt. Und sie beschäftigen sich mit weit mehr Themen, als es ein Großteil der Öffentlichkeit wahrnimmt: Sie befassen sich nicht bloß mit der Euro-Krise, der Konjunktur oder dem Arbeitsmarkt. Sondern sie forschen, denken und publizieren zu allem, was unser Leben ausmacht: Familie und Bildung, Empathie und Gefühle, Menschen und Mäuse.

Bis Donnerstagabend abstimmen 🙂

Update 24 Uhr. Die Umfrage ist zu Ende. In meiner Netzpiloten-Kolumne wird das Ergebnis präsentiert – war ein spannendes Rennen. Riesige Beteiligung. Beitrag wurde kräftig auf FB geteilt, auf Twitter kommentiert. 8.345 Stimmen wurden abgegeben. Der Blogbeitrag verzeichnete heute (also Donnerstag) knapp 4.000 Aufrufe. Es konnte mehrfach abgestimmt werden, was von zwei Fraktionen gut genutzt wurde. Aber die Zahl der Einzelaufrufe zeigt, dass sich sehr viele Buchbegeisterte für ihre Favoriten ins Zeug legten.

Am Freitag – parallel zur Buchmesse – wird der Sieger oder die Siegerin verkündet. Preis: Ein Autorengespräch via Hangout on Air mit ausführlicher Vorstellung des Werkes.

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Über gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.
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2 Antworten zu Alternativer Wirtschaftsbuchpreis: Die Nominierten – bis Donnerstag abstimmen #AWB16 #fbm16

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.me rebloggt.

    Gefällt mir

  2. Rüdiger Wittholz schreibt:

    Gut zum NACHDENKEN UND ANLASS FÜR DISKUSSIONEN

    Gefällt mir

Es lebe die Diskussion!

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